Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 76"

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search
(DE4 Korrektur-Update Kap. 76)
 
(3 intermediate revisions by the same user not shown)
Line 1: Line 1:
__NOTOC__
+
Sechsundsiebzigstes Kapitel
<div style="background-color: #8b1a1a; color: white; padding: 12px 15px; margin: 0 0 20px 0; border-radius: 4px; font-size: 1.1em;">
 
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_72|<span style="color: #FFD700;">72</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_73|<span style="color: #FFD700;">73</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_74|<span style="color: #FFD700;">74</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_75|<span style="color: #FFD700;">75</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">76</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_77|<span style="color: #FFD700;">77</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_78|<span style="color: #FFD700;">78</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_79|<span style="color: #FFD700;">79</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_80|<span style="color: #FFD700;">80</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
 
</div>
 
  
<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
+
An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung<ref>凸碧山庄 (Tūbì Shānzhuāng), wörtlich „Bergvilla der hervorragenden Jade-Erhebung“. Bildet ein Gegensatzpaar mit der Herberge Kristallklare Vertiefung (凹/凸, eingesenkt/erhaben).</ref> lauschen sie der Flöte und empfinden Wehmut — Bei der Herberge Kristallklare Vertiefung dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_76|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_76|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
</div>
 
  
= Kapitel 76 =
+
Jiǎ Shè [贾赦] und Jiǎ Zhèng [贾政] gingen also mit Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
== 凸碧堂品笛感淒清 / 凹晶館聯詩悲寂寞 ==
 
=== In der Halle des erhabenen Gruen lauschen sie der Floete und empfinden Wehmut; Im Pavillon des eingesunkenen Kristalls dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit ===
 
  
'''An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung wird durch Flötenklänge Traurigkeit erweckt,bei der Herberge Kristallklare Vertiefung wird in Verszeilen die Einsamkeit beklagt.'''
+
Derweil befahl die Herzoginmutter [贾母], den Stellschirm wegzuräumen und die beiden Tafeln zu einer einzigen zusammenzuschieben. Die Frauen wischten die Tische ab, füllten die Obstschalen auf, tauschten die Becher aus, wuschen die Essstäbchen und richteten alles frisch her. Die Herzoginmutter [贾母] und ihre Gesellschaft zogen sich etwas Warmes über, wuschen sich die Hände, spülten den Mund und tranken Tee, ehe sie sich wieder rund um die Tafel setzten.
  
Djia Schë und Djia Dschëng gingen also mit Djia Dschën und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort, und mehr soll von ihnen hier nicht die Rede sein.
+
Als die Herzoginmutter [贾母] bemerkte, dass die Schwestern Schatzspange [宝钗] und Bǎoqín [宝琴] nicht dabei waren — denn sie feierten, wie sie sich dachte, das Mondfest daheim im Kreise ihrer Familie , und da auch Lǐ Wán [李纨] und Phönixglanz [凤姐] krankheitshalber fehlten, so dass gleich vier Personen weniger da waren, kam ihr die Runde recht vereinsamt vor. Lächelnd sagte sie: „In den vergangenen Jahren, als der gnädige Herr nicht da war, haben wir einfach die Frau Tante herübergebeten, und wir alle haben gemeinsam den Mond bewundert — das war stets höchst vergnüglich. Nur wenn uns dann plötzlich der Herr einfiel und wir daran denken mussten, dass Mutter und Sohn, Mann und Frau, Eltern und Kinder nicht beisammen sein konnten, war uns die Stimmung verdorben. Heute nun ist der Herr wieder da, und eigentlich sollten wir alle miteinander fröhlich sein — doch jetzt ist es nicht mehr angebracht, die Frau Tante mit ihren Kindern einzuladen, damit wir gemeinsam scherzen und lachen. Zumal sie in diesem Jahr zwei weitere Personen im Haus hat, die sie nicht so einfach im Stich lassen kann, um zu uns herüberzukommen. Und obendrein ist Phönixglanz [凤姐] krank geworden — hätten wir sie allein, wöge sie mit ihrem Scherzen und Lachen zehn andere auf! Da sieht man: Nichts auf der Welt ist vollkommen."
Derweil befahl die Herzoginmutter, der Setzschirm solle weggeräumt werden und beide Festrunden sollten sich zu einer zusammenschließen. Außerdem wischten die Sklavenfrauen die Tische ab, füllten die Obstschalen auf, tauschten die Becher aus, wuschen die Eßstäbchen ab und richteten alles wieder frisch her. Die Herzoginmutter und ihre Gäste zogen sich etwas über, wuschen sich die Hände, spülten sich den Mund und tranken Tee, ehe sie sich wieder rund um die Tische setzten.
+
Nach diesen Worten seufzte sie unwillkürlich auf und befahl dann, man solle ihr einen großen Becher bringen und mit heißem Wein füllen.
Als die Herzoginmutter sah, daß Bau-tschai und Bau-tjin nicht mit dabei waren, weil sie, wie sie sich sagte, den Herbstvollmond in der eigenen Familie feiern wollten, während Li Wan und Hsi-fëng durch Krankheit verhindert waren, so daß nicht weniger als vier Personen fehlten, kam ihr die Festrunde sehr vereinsamt vor, und lächelnd bemerkte sie: „In den vergangenen Jahren, als der Herr nicht da war und wir einfach die Frau Tante mit eingeladen haben, um alle gemeinsam den Mond zu bewundern, waren wir stets höchst vergnügt. Nur wenn uns dann plötzlich der Herr einfiel und wir daran denken mußten, daß Mutter und Sohn, Gatte und Gattin, Vater und Kinder nicht zusammen sein konnten, war uns die Stimmung verdorben.  
+
Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Heute seid Ihr wieder mit Eurem Sohn vereint, und das ist doch schöner als in den vergangenen Jahren. Damals mochten wir Frauen zwar zahlreicher sein, aber das ist doch nicht dasselbe, als wenn die engste Familie vollzählig beisammen ist."
Heute nun ist der Herr wieder da, und wir müßten alle miteinander fröhlich sein, aber nun ist es wieder nicht angebracht, die Frau Tante mit ihrer Tochter einzuladen, damit wir gemeinsam scherzen und lachen. Außerdem hat sie in diesem Jahr zwei Gäste im Haus, die sie nicht einfach verlassen kann, um hierher zu uns zu kommen. Und zu allem Überfluß ist auch noch Hsi-fëng krank geworden, die mit ihren Scherzen zehn andere aufwiegen würde. Da sieht man, daß nichts auf der Welt vollkommen ist!“ Nach diesen Worten seufzte sie einmal lang auf, dann befahl sie, man solle ihr einen großen Becher reichen und mit heißem Wein füllen.
+
Die Herzoginmutter [贾母] erwiderte lächelnd: „Eben darum bin ich ja so vergnügt und will aus einem großen Becher trinken! Ihr solltet es ebenso machen."
Lächelnd sagte inzwischen Dame Wang: „Heute seid Ihr wieder mit Eurem Sohn vereint, und dadurch ist es doch schöner als in den vergangenen Jahren. Da waren wir wohl mehr, aber das ist schließlich nicht dasselbe, als wenn die engste Verwandtschaft wieder vollzählig beisammen ist.
+
So ließen sich auch Frau Xíng [邢夫人] und die anderen größere Becher reichen. Doch da die Nacht schon weit fortgeschritten war und die Körper müde, vertrugen sie kaum noch etwas und waren unvermeidlich schläfrig geworden. Weil aber die Herzoginmutter [贾母] noch in bester Stimmung war, mussten sie wohl oder übel mittrinken.
„Eben darum bin ich ja so froh, daß ich aus einem großen Becher trinken will“, erwiderte die Herzoginmutter, auch ihrerseits lächelnd. „Ihr solltet es genauso machen!“
 
Also ließen sich auch Dame Hsing und die anderen größere Becher reichen, aber da die Nacht bereits vorgeschritten und die Leiber müde waren, konnten sie schon nichts mehr vertragen und waren unvermeidlich schläfrig geworden. Doch weil die Herzoginmutter noch in Stimmung war, mußten sie wohl oder übel mithalten.
 
Nun ließ die Herzoginmutter auch noch Filzmatten über die Treppenstufen breiten und befahl, Mondkekse, Melonen und Obst dorthinunter zu bringen, und dann mußten sich die Sklavenfrauen und -mädchen ringsherum setzen, um ebenfalls den Anblick des Mondes zu genießen. Da die Herzoginmutter sah, daß der Mond jetzt mitten am Himmel stand und noch bezaubernder und lieblicher anzusehen war als zuvor, sagte sie: „Zu so schönem Mondschein muß man unbedingt Flötenmusik hören!“ Und sie ließ die Mädchen vom Zehnerorchester<ref>Ein Orchester aus zehn Musikern, die zehn verschiedene Instrumente spielten, wie es zu Tsau Hsüä-tjins Lebzeiten gebräuchlich war.</ref> holen. Aber dann sagte sie: „Wenn es zuviel Instrumente sind, geht der Zauber verloren. Wir brauchen nur die Flötenspielerin, damit sie von ferne die Querflöte bläst.“
 
Als sie das gesagt hatte und die Flötenspielerin eben losging, erschien eine Sklavin aus Dame Hsings Gefolge und machte ihrer Herrin eine kurze Meldung.
 
„Was hat sie gesagt?“ erkundigte sich die Herzoginmutter, und die Sklavin wiederholte: „Der ältere gnädige Herr ist beim Hinausgehen über einen Stein gestolpert und hat sich den Fuß verstaucht.“
 
Sofort befahl die Herzoginmutter zwei alten Sklavenfrauen, sie sollten schnell nach dem Kranken sehen, und auch Dame Hsing forderte sie auf, rasch nach Hause zu fahren. Also verabschiedete sich Dame Hsing, stand vom Tisch auf und ging.
 
„Auch Dschëns Frau kann bequemerweise nach Hause fahren, ich lege mich ohnehin bald schlafen“, sagte die Herzoginmutter.
 
„Heute fahre ich nicht nach Hause“, wehrte Frau You lächelnd ab. „Diese Nacht will ich mit Euch durchzechen, alte Ahne!“
 
„Das geht nicht, das geht nicht“, widersprach die Herzoginmutter eifrig und lächelte dabei. „Ein junges Ehepaar wie ihr muß in dieser Nacht zusammensein. Wie könntest du das um meinetwegen versäumen?!“
 
Frau You wurde rot, dann erwiderte sie lächelnd: „Es ist nicht zum Aushalten, was Ihr da sagt, alte Ahne! Wir sind zwar noch jung, aber wir sind schon mehr als zehn Jahre miteinander verheiratet und gehen bereits auf die vierzig zu. Außerdem ist unsere Trauerzeit noch nicht vorüber, so daß es zwar angehen mag, wenn ich mich mit Euch zusammen die Nacht durch vergnüge, aber doch nicht, wenn ich mich mit meinem Mann zusammentue.“
 
„Du hast ganz recht“, sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Ich hatte vollkommen vergessen, daß eure Trauerzeit noch nicht um ist. Bedauerlicherweise ist ja dein Schwiegervater vor mehr als zwei Jahren gestorben, daran hatte ich nicht gedacht. Zur Strafe muß ich gleich einen großen Becher Wein trinken. Wenn das so ist, mußt du sie wirklich nicht hinausbegleiten und kannst mir weiter Gesellschaft leisten. Aber sag Jungs Frau, sie solle sie hinausbringen und bei der Gelegenheit gleich nach Hause fahren!“
 
Frau You kam dieser Aufforderung nach, und Djia Jungs Frau sagte: „Jawohl!“ und begleitete Dame Hsing bis zum Tor, wo sie in ihren Wagen stieg und nach Hause fuhr. Aber damit einstweilen genug von ihnen.
 
Inzwischen führte die Herzoginmutter alle zu den Duftblütensträuchern, an denen sie sich ein Weilchen erfreuten. Dann kehrten sie an die Tafel zurück und ließen sich frisch gewärmten Wein reichen. Anschließend plauderten sie noch miteinander, als plötzlich und unvermutet drüben von den Duftblütensträuchern her die Querflöte erklang – mal traurig und schluchzend, mal schwellend und stolz.
 
Mit dem hellen Mond und der reinen Luft, dem klaren Himmel und der stillen Erde zusammen machte diese Musik mit einem Mal alle Herzen von ihren Kümmernissen frei und ließ alle zehntausend Sorgen vergehen. Jeder saß andächtig und regungslos auf seinem Platz und genoß es in Schweigen. Erst als die Musik nach einer Zeit, wie man sie braucht, um zwei Schalen Tee zu trinken, wieder aufhörte, spendeten alle nicht enden wollendes Lob.
 
Daraufhin wurde wieder frisch gewärmter Wein eingegossen, und die Herzoginmutter fragte lächelnd: „Klang das nicht wahrhaftig gut?“
 
„Es war in der Tat ein Genuß“, bestätigten die anderen, wobei sie ebenfalls lächelten. „Das hätten wir nicht gedacht. Wir brauchten wirklich Eure Anleitung, alte gnädige Frau, damit uns einmal ein bißchen das Herz aufging.“
 
„Dabei war es noch nicht einmal allzu gut“, sagte die Herzoginmutter. „Noch besser klingt es, wenn wir ein Stück aussuchen, das möglichst langsam ist.“ Damit befahl sie, der Flötenspielerin einen von den mit Melonenkernen bestreuten und mit Zirbelnüssen gefüllten Mondkeksen aus dem Kaiserpalast hinzutragen, wie sie selber sie aß, sowie einen großen Becher heißen Wein. Dazu ließ sie ihr bestellen, sie solle in Ruhe essen und trinken und dann noch eine leise Melodie blasen.
 
Als die Sklavinnen jawohl gesagt hatten und eben gegangen waren, kamen die beiden Alten wieder, die von der Herzoginmutter zu Djia Schë geschickt worden waren, und sagten: „Am rechten Fußrücken hat der gnädige Herr eine weiße Schwellung. Durch die Medizin, die er bekommen hat, tut es schon nicht mehr so weh. Und es ist auch nicht weiter von Belang.“
 
Die Herzoginmutter nickte und bemerkte dann seufzend: „Ich bin wirklich unvernünftig! Er hat nicht mehr und nicht weniger behauptet, als daß ich einseitig in meinen Gefühlen sei, ich aber mache mir solche Sorgen um ihn!“ Und sie erzählte für Dame Wang, Frau You und die anderen den Schwank nach, den Djia Schë vorhin zum besten gegeben hatte.
 
Lächelnd redete Dame Wang auf sie ein: „Das hat er doch nur aus Unachtsamkeit erzählt, als schon alle Wein getrunken hatten und scherzten. So etwas kommt vor. Wie würde er sich erdreisten, dabei Euch im Auge zu haben?! Das müßt Ihr Euch richtig klar machen, alte gnädige Frau!“
 
Indessen brachte Yüan-yang eine weiche Kapuze und einen großen Umhang und sagte: „Es ist schon tiefe Nacht, und wahrscheinlich wird bald Tau fallen. Außerdem bläst Euch der Wind um den Kopf. Darum müßt Ihr das hier umnehmen. Und wenn Ihr noch ein Weilchen gesessen habt, solltet Ihr schlafen gehen.“
 
„Kaum daß ich mich einmal freue, mußt du kommen, um mich zu mahnen“, schmollte die Herzoginmutter. „Bin ich vielleicht betrunken? Jetzt bleibe ich gerade hier, bis es hell wird!“ Und sie befahl, man solle ihr frischen Wein eingießen. Aber gleichzeitig zog sie sich auch die Kapuze über den Kopf und hüllte sich in den Umhang.
 
Alle tranken zur Gesellschaft mit und trugen einige Scherze vor, dann hörten sie, wie im Schatten der Duftblütensträucher wieder die Querflöte erklang, klagend und zart, wirklich noch einsamer als zuvor.
 
Jeder saß auf seinem Platz, ohne sich zu rühren. Die Nacht war still, der Mond schien klar, und dazu schluchzte leise die Flöte, da war es kein Wunder, daß die alte Herzoginmutter, zumal sie Wein getrunken hatte, Rührung empfand und zu weinen begann. Weil sich aber jeder verlassen und einsam vorkam, dauerte es geraume Zeit, bis sie merkten, daß die Herzoginmutter sich grämte. Da wandten sie sich rasch zu ihr um und sprachen auf sie ein, um ihre trübe Stimmung zu zerstreuen. Außerdem verlangten sie nach warmem Wein und ließen der Flötenspielerin sagen, daß sie aufhören solle.
 
„Ich weiß auch einen Schwank, den ich Euch zur Aufheiterung erzählen will, alte gnädige Frau“, kündigte Frau You an.
 
„Um so besser“, sagte die Herzoginmutter und zwang sich ein Lächeln ab, „erzähl ihn nur schnell!“
 
„Es war einmal eine Familie, die hatte vier Söhne“, begann Frau You. „Der älteste hatte nur ein Auge, der zweitälteste nur ein Ohr und der drittälteste nur ein Nasenloch. Der jüngste war zwar nicht mißgestaltet, aber er war stumm...“ Als sie eben so weit gekommen war, bemerkte sie, daß der Herzoginmutter die Augen zufielen, und es sah so aus, als ob sie einschlafen wollte. Darum hielt Frau You rasch inne, um sie gemeinsam mit Dame Wang leise anzusprechen, damit sie wieder zu sich kam.
 
„Ich bin nicht müde“, versicherte die Herzoginmutter lächelnd, als sie die Augen öffnete. „Ich hatte die Augen einfach nur zugemacht, um sie ein wenig auszuruhen. Erzähl nur weiter, ich höre zu!“
 
Aber Dame Wang und die anderen redeten lächelnd auf sie ein: „Die vierte Nachtwache ist schon angebrochen, der Wind weht stark, und der Tau fällt reichlich. Geht bitte zur Ruhe, alte gnädige Frau! Morgen am sechzehnten ist der Mond noch genauso schön.“
 
„Wie könnte schon die vierte Nachtwache angebrochen sein?“ sage die Herzoginmutter ungläubig.
 
„Es ist wirklich schon so spät“, bekräftigte Dame Wang, immer noch lächelnd. „Die Mädchen konnten es nicht länger aushalten und sind schlafen gegangen.“
 
Nun sah sich die Herzoginmutter aufmerksam um, und tatsächlich, bis auf Tan-tschun waren die Mädchen alle schon fort. „Macht nichts!“ sagte die Herzoginmutter, „ihr seid das Durchhalten nicht gewöhnt, zumal die einen schwächlich sind und die anderen krank. Nur die arme Tan-tschun harrt noch immer aus. – Geh du auch, wir bleiben nicht mehr länger!“
 
Mit diesen Worten stand sie auf, trank noch einen Schluck frischen Tee und nahm dann in dem bereitstehenden Bambustragstuhl Platz, wobei sie sich in ihren Umhang wickelte. Dann hoben zwei alte Sklavenfrauen den Tragstuhl auf, und die Herzoginmutter wurde, von allen anderen umringt und gefolgt, zum Garten hinausgetragen. Damit einstweilen genug von ihr.
 
Inzwischen räumten die verbliebenen Sklavenfrauen Teller und Schüsseln, Becher und Schalen zusammen und bemerkten dabei, daß ein Teeschälchen aus feinstem Porzellan fehlte. Nachdem sie überall erfolglos danach gesucht hatten, wandte sich die Verantwortliche für das Geschirr an die übrigen mit den Worten: „Bestimmt ist es jemandem aus der Hand gefallen und zerbrochen! Aber wohin habt ihr die Scherben getan? Sagt es mir, damit ich sie aufsammeln und vorweisen kann. Sonst heißt es wieder, ich hätte das Schälchen unterschlagen.“
 
„Uns ist nichts entzweigegangen“, verteidigten sich die anderen Sklavenfrauen. „Vielleicht hat es jemand aus dem Gefolge der gnädigen Fräulein zerschlagen. Das kann man nicht wissen. Versuch dich noch einmal genau zu erinnern oder geh sie fragen!“
 
Das brachte die Verantwortliche auf die richtige Spur, und lächelnd sagte sie: „Tatsächlich, jetzt entsinne ich mich, daß Tsuee-lü das Schälchen genommen hat. Ich werde sie fragen gehen!“ Mit diesen Worten machte sie sich auf die Suche nach ihr, und als sie unten auf dem eingefriedeten Weg war, kamen ihr dort Dsï-djüan und Tsuee-lü entgegen.
 
„Die alte gnädige Frau ist schon fort, weißt du nicht, wo unsere Fräulein geblieben sind?“ erkundigte sich Tsuee-lü.
 
„Ich habe dich gesucht, um zu erfahren, wo das Teeschälchen geblieben ist, und du fragst mich, wo eure Fräulein sind“, entgegnete die Sklavin.
 
„Ich hatte dem Fräulein Tee eingegossen, dann drehte ich mich um. Und als ich wieder hinsah, war das Fräulein mitsamt der Teeschale verschwunden“, berichtete Tsuee-lü lächelnd.
 
„Eben erst hat die gnädige Frau gesagt, die Fräulein seien alle schlafen gegangen“, erwiderte die Sklavin, „aber du hast dich irgendwo vergnügt, darum weißt du nichts davon.“
 
Daraufhin sagte Tsuee-lü, an Dsï-djüan gewandt: „Es ist völlig ausgeschlossen, daß sie sich einfach schlafen gelegt haben. Wahrscheinlich waren sie irgendwo spazieren. Und wer weiß, ob sie nicht, als die alte gnädige Frau aufbrach, rasch nach vorne geeilt sind und sie begleitet haben! – Wenn das Fräulein sich einfindet, findet sich natürlich auch dein Teeschälchen wieder an. Frag also morgen früh noch einmal danach! Wozu die Ungeduld?“ –
 
„Da ich jetzt weiß, wo es abgeblieben ist, ist Ungeduld nicht mehr vonnöten“, bestätigte die Sklavin. „Morgen werde ich mir das Schälchen von dir geben lassen.“ Nach diesen Worten kehrte sie zur Bergvilla Jadegrüne Erhebung zurück, um weiter das Geschirr einzusammeln. Dsï-djüan und Tsuee-lü aber machten sich auf den Weg zu den Räumen der Herzoginmutter. Mehr soll einstweilen von ihnen nicht die Rede sein.
 
Wirklich waren Dai-yü und Hsiang-yün keineswegs schlafen gegangen. Nur weil so viele Angehörige des Hauses Djia gemeinsam den Vollmond bewunderten und die Herzoginmutter dennoch klagte, es seien zu wenig und es ginge nicht so lebhaft zu wie früher, und weil sie auch noch die beiden Kusinen Hsüä erwähnt hatte, die sich zu Hause mit ihren Verwandten am Anblick des Mondes erfreuten, hatte Dai-yü unversehens der Kummer gepackt, so daß sie fortgegangen war, bis zu einem Geländer, wo sie mit gesenktem Kopf stand und weinte.
 
Bau-yü hatte in der letzten Zeit, weil Tjing-wën so schwer krank war, für nichts mehr Interesse, und als Dame Wang ihm wieder und wieder gesagt hatte, er solle schlafen gehen, war er wirklich gegangen. Genausowenig stand Tan-tschun der Sinn nach Vergnügungen, weil sie sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten hatte ärgern müssen. Zwar waren noch Ying-tschun und Hsi-tschun da, aber mit ihnen hatte Dai-yü sich niemals sehr gut verstanden.
 
So war Hsiang-yün die einzige, die ihr gut zuredete, und sie sagte nun: „Du bist doch ein verständiger Mensch, warum mußt du dich so quälen? Mir geht es auch nicht anders als dir, und dennoch bin ich nicht so kopfhängerisch wie du. Außerdem bist du viel krank, denkst aber nicht daran, dich zu schonen. Es ist schon ärgerlich, daß Kusine Bau-tschai und Kusine Bau-tjin erst nur so überflossen vor Freundlichkeit und seit langem davon sprachen, wie wir in diesem Jahr zum Mittelherbstfest alle zusammen den Vollmond bewundern und unsern Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam ein Gedicht zu verfassen, und jetzt, wo es soweit ist, lassen sie uns allein und genießen die Mondnacht anderswo.
 
So ist unser Bund nicht zusammengetreten, und das Gedicht haben wir nicht geschrieben, statt dessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen gemacht, was ihnen beliebte. Da siehst du, wie recht der Kaiser Tai-dsu der Sung-Dynastie<ref>Der Begründer des Herrscherhauses Sung, regierte von 960 bis 976. Der Ausspruch findet sich in der offiziellen Geschichte der Dynastie.</ref> hatte, als er sagte: ‚Wie kann man neben dem eigenen Bett einen fremden Schnarcher dulden?‘ Und wenn die andern heute nichts dichten, sollten wir beide zusammen ein Gedicht verfassen, mit dem wir sie morgen beschämen können!“
 
Als Dai-yü sah, welche Mühe Hsiang-yün sich gab, um sie aufzuheitern, wollte sie diesen Enthusiasmus nicht enttäuschen, und so entgegnete sie lächelnd: „Aber wie soll man hier in Dichterlaune kommen, wenn alles durcheinanderschreit?“
 
„Hier auf dem Berg kann man den Mond zwar auch genießen, aber doch lange nicht so gut wie am Wasser“, sagte Hsiang-yün. „Du weißt doch, daß wir uns hier oberhalb des Teiches befinden. Dicht am Wasser steht in einer Einbuchtung des Berges die Herberge Kristallklare Vertiefung. An diesem Namen ist abzulesen, wieviel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens aufgewendet wurde. Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung, und die Senke am Wasser zu seinen Füßen heißt Kristallklare Vertiefung. Die beiden Wörter tu – ,Erhebung‘ – und au – ,Vertiefung‘ – haben von jeher in der Literatur nur ganz selten Verwendung gefunden. Deshalb wirken sie hier in den Namen für zwei Gebäude um so neuartiger und nicht etwa klischeehaft.
 
Man erkennt sofort, daß von den beiden Stätten eine oben und die andere unten liegt, daß eine hell ist und die andere dunkel, eine hoch und die andere niedrig, daß eine ein Berg ist und die andere ein Gewässer, und schließlich auch, daß sie extra angelegt sind, um sich hier am Mond zu erfreuen. Wer die Höhe der Berge mag und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher. Und wer gern den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin.
 
Selten verwendet worden sind die beiden Schriftzeichen nur deshalb, weil ihre volkstümliche Aussprache wa und gu ist, wodurch sie als vulgär gelten. Das Schriftzeichen au hat nur Lu You<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 839.</ref> gebraucht, als er sagte:
 
,In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.‘ Selbst das hat man ihm noch als vulgär angekreidet. Ist das nicht zum Lachen?“
 
„Nicht nur Lu You hat eins von den Schriftzeichen gebraucht“, erwiderte Dai-yü. „Sie kommen bei den Alten überaus häufig vor, so in Djiang Yäns<ref>444 – 505, Beamter und Literat.</ref> ‚Ode vom dunklen Moos‘, in Dung-fang Schuos<ref>154 – 93 v. u. Z., Beamter und Literat. Das ‚Buch von den Geistern und Wundern‘ (Schën-i djing ) ist eine spätere Fälschung, die ihm nur zugeschrieben wurde.</ref> ‚Buch von den Geistern und Wundern‘ und sogar in der Geschichte, wie Dschang Sëng-you<ref>Berühmter Maler des 6. Jahrhunderts.</ref> das Kloster des Einen Fahrzeugs ausmalte, die in den ‚Aufzeichnungen über Malereien‘<ref>Abkürzung für den Titel von Dschang Yän-yüans Buch ‚Aufzeichnungen über berühmte Malereien aller Zeiten‘ (Li-dai ming-hua dji). Dschang Yän-yüan lebte im 9. Jahrhundert.</ref> steht. Man kann die Beispiele gar nicht alle anführen. Aber die Menschen von heute wissen das nicht und behandeln diese Schriftzeichen als vulgär.
 
Um dir die Wahrheit zu sagen, die beiden Namen habe ich mir ausgedacht. Als damals Bau-yü eine Talentprobe ablegen mußte, hat er für einige Stätten die Namen gebildet. Zum Teil sind sie beibehalten, zum Teil geändert worden, und einen weiteren Teil hatte er noch nicht benannt. Für diese namenlosen Orte haben nachher wir andern alle zusammen Namen erdacht, den Ursprung dieser Namen angemerkt und die Lage der Gebäude beschrieben.
 
Dann wurde das Ganze zu unserer kaiserlichen Kusine in den Palast getragen, damit sie es begutachten konnte, und sie hat es zurückgeschickt und dem Onkel vorlegen lassen. Zur allgemeinen Verwunderung hat sich der Onkel darüber gefreut und gesagt: ‚Hätte ich das nur eher gewußt! Dann hätte ich seinerzeit alle Namen von den Mädchen bilden lassen. Hätte das nicht auch seinen Reiz gehabt?‘ So sind alle Namen, die ich vorschlug, ohne jede Änderung angenommen worden.
 
Aber jetzt wollen wir wirklich zur Herberge Kristallklare Vertiefung gehen, um von dortaus zu schauen!“
 
Mit diesen Worten stiegen sie beide bergab. Unten brauchten sie nur noch um einen Vorsprung zu biegen, um an den Rand des Teiches zu gelangen. Dort verzweigte sich das Bambusgeländer, und es bestand eine direkte Verbindung mit dem Weg, der zum Kiosk des Lotoswurzelduftes führte. Weil das kleine Gebäude, das hier stand, um von den Besuchern der Bergvilla Jadegrüne Erhebung zwischendurch aufgesucht zu werden, von dem Berg umschlossen wurde und tiefer dicht neben dem Wasser gelegen war, war seine Namenstafel mit den Worten „Wasserherberge Kristallklare Vertiefung“ beschriftet.
 
Da es hier nur wenige, enge Räume gab, hielten darin nicht mehr als zwei alte Sklavinnen Nachtwache. Heute war ihnen, als sie sich erkundigten, gesagt worden, das Personal der Bergvilla Jadegrüne Erhebung habe sich dienstbereit zu halten, aber sie hätten damit nichts zu tun. Darum hatten sie Mondkekse und Früchte, Wein und Speisen in Empfang genommen, die sie als Anerkennung für ihren mühevollen Dienst bekamen, und hatten sich daran satt gegessen und vollgetrunken. Inzwischen hatten sie längst die Lampe gelöscht und schliefen.
 
Als Dai-yü und Hsiang-yün sahen, daß alles dunkel war, sagte Hsiang-yün lächelnd: „Gut, daß sie schon schlafen! Wie wäre es, wenn wir uns in die offene Halle mit dem gewölbten Dach setzten, um den Mond dicht am Wasser genießen zu können?“ Und sie nahmen auf zwei runden Hockern aus geflecktem Bambus Platz.
 
Am Himmel stand kreisrund der helle Mond, und auf dem Teich schwamm ebenfalls ein kreisrunder Mond. Einer oben, einer unten, wetteiferten sie miteinander im Glanz, und die beiden Mädchen kamen sich vor wie im Kristallpalast des Drachenkönigs<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 75 (Drachenkönig).</ref> oder wie in der Wohnung der Wassermenschen<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 557.</ref>. Als ein leichter Windhauch vorüberstrich, bedeckte sich die helle Wasserfläche mit einem grünlichen Wellengekräusel, und in die Seelen der Betrachter zogen Reinheit und Frische ein.
 
„Jetzt wäre es schön, im Boot zu sitzen und Wein zu trinken“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Wenn ich bei uns zu Hause wäre, würde ich mir sofort ein Boot nehmen!“
 
„Wie recht hatten doch die Alten, als sie sagten ‚Wenn man in allen Dingen Vollkommenheit verlangt, worüber kann man sich dann noch freuen?‘“ erwiderte Dai-yü, ebenfalls lächelnd. „Meiner Meinung nach ist es auch so schon genug. Warum sollten wir unbedingt im Boot sitzen?“
 
„Es ist nur normal, daß der Mensch ‚auf Schu schaut, kaum daß er Lung erobert hat‘<ref>Vgl. o., Anm. zu  S. 835.</ref>“, sagte nun wieder Hsiang-yün lächelnd. „Da sieht man, daß die alten Leute ganz recht haben. Sie sagen nämlich, die Armen glauben immer, die Reichen könnten in jeder Hinsicht tun und treiben, was ihnen gefällt, und wenn man ihnen sagt, das stimmt nicht, wollen sie es nicht glauben. Erst wenn sie es selbst einmal miterlebt haben, sehen sie es ein. Wir beide zum Beispiel dürfen mit in den Gefilden des Reichtums und der Vornehmheit leben, obwohl wir keine Eltern mehr haben, und trotzdem gibt es vieles, was nicht unsern Wünschen entspricht.“
 
„Das gilt aber nicht nur für uns“, wandte Dai-yü, immer noch lächelnd, ein. „Selbst die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sowie Bau-yü und Tan-tschun können in großen wie in kleinen Dingen nicht einfach ihren Wünschen folgen, ob diese nun berechtigt sind oder nicht. Für sie gilt gleichermaßen dasselbe Prinzip, erst recht also für uns, die wir als Gäste hier aufgenommen wurden.“
 
Als Hsiang-yün das hörte, bekam sie Angst, Dai-yü könnte gleich noch einmal in Trübsal verfallen, darum sagte sie rasch: „Schluß mit dem müßigen Geplauder, wir wollen gemeinsam dichten!“
 
Gerade als sie das sagte, hörten sie auf einmal die Klänge der Flöte, und Dai-yü bemerkte lächelnd: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind heute in guter Laune. Es war ein glücklicher Einfall, jetzt die Flöte blasen zu lassen. Dadurch wird auch unsere Stimmung noch erhöht. Wir mögen beide gern fünfsilbige Verse, also wollen wir ein langes fünfsilbiges Regelgedicht machen!“
 
„Und welchen Reim legen wir fest?“ fragte Hsiang-yün.
 
„Wir zählen von hier bis dort die Geländerstäbe ab“, sagte Dai-yü lächelnd. „Ihre Anzahl nehmen wir als die Nummer der Reimgruppe. Wenn es zum Beispiel sechzehn Stäbe sind, ergibt das die erste Reimgruppe der zweiten Abteilung<ref>Die erste Abteilung (‚oberer flacher Ton‘) hat nur 15 Reimgruppen, daher ist 16 die erste Gruppe der zweiten Abteilung (‚unterer flacher Ton‘).</ref>, also hsiän. Wäre das nicht etwas Neuartiges?“
 
„Das ist wirklich einmal etwas anderes!“ bestätigte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd.
 
Daraufhin standen sie beide auf und zählten die Geländerstäbe von einem bis zum anderen Ende, und es waren ganze dreizehn Stück.
 
„Wieder einmal die Reimgruppe dreizehn – yüan“, sagte Hsiang-yün. „Sie umfaßt nur wenige Schriftzeichen, und so werden wir für ein langes Gedicht wohl zu Notbehelfen greifen müssen, die sich nicht reimen. Du mußt die erste Zeile vorgeben!“
 
„Erproben wir also, wer von uns beiden die Stärkere ist!“ erwiderte Dai-yü. „Nur fehlen uns Papier und Pinsel zum Schreiben.“
 
„Das macht nichts“, gab Hsiang-yün zurück, „wir können es morgen aufschreiben. So weit wird unser Gedächtnis wohl noch reichen!“
 
„Ich fange mit einem plumpen Allerweltsausdruck an“, erklärte Dai-yü und sprach:
 
„In der Mondnacht am fünfzehnten achten...“
 
Hsiang-yün überlegte und setzte fort:
 
„Schlendern wir wie zum Laternenfest.
 
Hoch am Himmel die Sternbilder glänzen, ...“
 
Lächelnd schloß Dai-yü an:
 
„Weithin auf Erden tönt frohe Musik.
 
Überall fliegen heute die Becher, ...“
 
„Die Zeile ist gut, ‚Überall fliegen die Becher‘“, lobte Hsiang-yün. „Dem muß ich etwas Gleichwertiges an die Seite stellen!“ Und nach einigem Nachdenken sprach sie lächelnd:
 
„Jedermanns Fenster stehn heute weit auf.
 
Frischer Wind macht uns schaudern und frösteln, ...“
 
„Deine Ergänzung ist sogar noch besser als meine Vorgabe“, sagte Dai-yü, „aber die nächste Zeile ist ein Allgemeinplatz. Dabei müßte eine Steigerung kommen.“
 
„Ein langes Gedicht mit begrenzter Reimzahl muß man schon ein bißchen auspolstern“, widersprach Hsiang-yün. „Die beseren Sachen lasse ich mir für später.“
 
„Ich bin gespannt, ob du das wirklich tust. Wenn nicht, bist du blamiert“, sagte Dai-yü. Dann fuhr sie fort:
 
„Doch es entschädigt der Anblick der Nacht.
 
Hohn erntet ein Greis, voll Gier nach Gebäck, ...“
 
„Die Zeile taugt nichts“, protestierte Hsiang-yün, „die hast du dir einfach ausgedacht, um mich mit einer profanen Sache in Schwierigkeiten zu bringen.“
 
„Ich sage ja, du kennst nicht genug Bücher!“ entgegnete Dai-yü lächelnd. „Die Gier nach Gebäck ist ein klassischer Ausdruck. Lies erst die Annalen der Tang-Dynastie, ehe du mit mir streitest!“
 
„Noch bin ich nicht geschlagen“, sagte Hsiang-yün fröhlich. „Ich habe schon eine Parallele dazu.“ Und sie sprach:
 
„Lachend die Mädchen Melonen zerteiln.
 
Balsamisch weht Luft vom Jadestrauch her, ...“
 
„Also, die Sache mit den Melonen ist eindeutig eine Fälschung von dir“, machte Dai-yü lächelnd jetzt ihrerseits geltend.
 
„Morgen werden wir das klären, so daß sich jeder davon überzeugen kann!“ schlug Hsiang-yün lächelnd vor. „Jetzt wollen wir deswegen keine Zeit vergeuden!“
 
„Schon gut“, stimmte ihr Dai-yü, ebenfalls lächelnd, zu. „Aber deine nächste Zeile war auch nichts Rechtes. Wozu müssen wir wieder auf ‚Jadestrauch‘, und ‚Goldblume‘ kommen, um die Lücken zu füllen?“ Dann setzte sie fort:
 
„Üppig in Blüten stehn Goldlilien da.
 
Wachskerzen leuchten dem festlichen Mahl, ...“
 
„Mit den Goldlilien hattest du es leicht und brauchtest dir nicht viel Mühe zu geben. Der Ausdruck bot sich von selbst an“, krittelte Hsiang-yün lächelnd. „Außerdem wäre auch diese Huldigung nicht nötig gewesen. Und deine zweite Zeile ist auch nur ein Lückenfüller.“
 
„Wäre ich vielleicht auf Goldlilien gekommen, wenn du nicht Jadestrauch gesagt hättest?“ verteidigte sich Dai-yü. „Schließlich muß ja die Schönheit der Szene ein bißchen breiter ausgemalt werden. Das war nichts anderes als ein Lob dessen, was wirklich da ist.“
 
Notgedrungen mußte Hsiang-yün fortfahren und sprach:
 
„Trinkspiele mehren den nächtlichen Spaß.
 
Ein Leiter befiehlt, was jeglicher tut, ...“
 
„Die zweite Zeile ist gut“, lobte Dai-yü lächelnd. „Nur ist es nicht so einfach, daran anzuknüpfen.“ Und sie überlegte eine Zeitlang, ehe sie sprach:
 
„Dreimal genannt, wird das Rätselwort klar.
 
Rot ist beim Würfeln die Farbe des Siegs<ref>Bei chinesischen Würfeln sind die Eins und die Vier durch rote Punkte gekennzeichnet, die übrigen Augen durch schwarze. Bei manchen Spielen entscheidet nicht die geworfene Augenzahl, sondern die Farbe über Sieg und Niederlage.</ref>, ...“
 
„Dieses ‚dreimal genannt‘ hat etwas für sich, dadurch wird etwas Profanes gleichsam veredelt“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Aber dann hast du in der nächsten Zeile die Würfel hineingebracht.“ Und sie fuhr fort:
 
„Ein Zweig macht die Runde zum Trommelschlag.
 
Lichter und Schatten durchflattern den Hof, ...“
 
„Angeknüpft hast du es gut“, bestätigte Dai-yü lächelnd, „doch die zweite Zeile ist einfach so dahingesagt. Wieder müssen der Mond und der Wind herhalten.“
 
„Aber schließlich habe ich den Mond nicht direkt erwähnt“, widersprach Hsiang-yün. „Und ein bißchen angedeutet muß er schon werden, damit wir nicht vom Thema abkommen.“
 
„Dann mag es einstweilen so bleiben, und morgen entscheiden wir endgültig darüber“, bestimmte Dai-yü und fuhr dann fort:
 
„Himmel und Erde erstrahlen im Glanz.
 
Hausherrn und Gästen wird Strafe zuteil, ...“
 
„Warum fängst du wieder von denen an?“ fragte Hsiang-yün. „Sprich lieber von uns!“ Und sie setzte fort:
 
„Gewinnen kann nur das beste Gedicht.
 
Beim Grübeln man stützt sich aufs Fensterbrett, ...“
 
„Da sind wir ja schon bei uns!“ sagte Dai-yü und schloß an:
 
„Tief in Gedanken man lehnt sich ans Tor.
 
Der Wein ist verbraucht, die Stimmung noch froh, ...“
 
„Das wurde Zeit!“ quittierte Hsiang-yün und sprach weiter:
 
„Auf die Stunde hat niemand geachtet.
 
Langsam verstummen Gelächter und Scherz, ...“
 
„Jetzt wird es mit jedem Schritt immer schwieriger“, kommentierte Dai-yü und setzte dann fort:
 
„Schneeiger Mondschein bleibt einzig zurück.
 
Die Hibiskusblüten netzt schon der Tau, ...“
 
Lächelnd sagte Hsiang-yün: „Was soll ich dem nur entgegensetzen? Laß mich überlegen!“ Sie stand auf und legte die Hände auf den Rücken, aber nach einigem Nachdenken erklärte sie lächelnd: „Genug! Glücklicherweise ist mir etwas eingefallen. Beinahe hätte ich aufgeben müssen.“ Und sie sprach:
 
„Den Albizzienbaum verhüllt der Dunst.
 
Herbstliches Wasser quillt aus den Felsen, ...“
 
Unwillkürlich war auch Dai-yü aufgestanden und hatte vor Begeisterung aufgeschrien. „Du raffiniertes Biest!“ sagte sie dann, „du hast dir die besseren Sachen wirklich aufgespart, daß du erst jetzt mit dem Albizzienbaum kommst. Ein Glück, daß er dir eingefallen ist!“
 
„Ganz zufällig bin ich gestern auf das Wort gestoßen, als ich in den ‚Ausgewählten Schriften aus allen Zeiten‘ las“, berichtete Hsiang-yün. „Ich wußte nicht, was für ein Baum das ist, und wollte deswegen nachschlagen. Aber Kusine Bau-tschai hat gesagt, das brauchte ich nicht zu tun, die Albizzie<ref>Die Albizzie (Albizzia julibrissin) schließt zur Nacht ihre paarig gefiederten Blätter.</ref> sei der Baum, der heute im Volksmund ‚Tags auf, nachts zu‘ genannt wird. Ich wollte es nicht glauben und habe doch nachgeschlagen, und es stimmte tatsächlich. Wie es aussieht, weiß Kusine Bau-tschai sehr viel.“
 
„Die Albizzie paßt natürlich bestens hierher“, sagte Dai-yü lächelnd, „aber die Zeile mit dem ‚herbstlichen Wasser‘ war noch ein viel besserer Einfall. Angesichts dieser Zeile möchte ich alle andern durchstreichen. Ich muß mir große Mühe geben, um ein passendes Gegenstück zu finden, aber so gut wie diese Zeile kann nichts anderes sein.“ Also dachte sie nach und sprach dann:
 
„Fallende Blätter sich lagern am Hang.
 
Stolz blinken droben prächtige Sterne, ...“
 
„Diese Parallele ist doch nicht schlecht“, meinte Hsiang-yün, „aber die zweite Zeile fällt deutlich dagegen ab. Ein Glück, daß es nicht nur um das Bild geht, sondern auch um ein Gefühl, das darin liegt, und die Sterne dadurch nicht einfach als Lückenfüller dienen.“ Dann schloß sie an:
 
„Die Kröte verschluckt den silbernen Mond.<ref>Der chinesischen Mythologie zufolge ist der Mond von einer Kröte bewohnt, die ihn von Zeit zu Zeit verschluckt (wodurch Mondfinsternis eintritt).</ref>
 
Der weiße Hase stampft Feenmedizin<ref>Einer anderen Mythe nach lebt auf dem Mond ein weißer Hase, der in einem Mörser Medizin zubereitet.</ref>, ...“
 
Dai-yü nickte nur stumm und sprach endlich nach längerer Pause:
 
„Zum Kalten Palast die Schöne entflieht<ref>Eine weitere Mythe erzählt, daß auf dem Mond ein Palast steht, der von unsterblichen Feen bewohnt ist und den Namen ‚Palast der Breiten Kälte‘ trägt. Hier kombiniert mit der Mythe von Tschang-ë, der Frau des Helden I, die ihm die Medizin der Unsterblichkeit stiehlt und in den Mondpalast entflieht.</ref>.
 
Am Himmel grüßt Hirte die Weberin<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 705 (Am siebenten siebenten...).</ref>, ...“
 
Nach dem Mond blickend, nickte auch Hsiang-yün, ehe sie fortfuhr:
 
„Zur Milchstraße fahren wir mit dem Floß<ref>Nach einer Darstellung im Buch ‚Bo-wu dschï‘ des Dschang Hua gelangte ein Küstenbewohner mit einem Floß vom Meer auf die Milchstraße, wo er den Hirten und die Weberin besuchte.</ref>.
 
Neumond und Vollmond stets lösen sich ab, ...“
 
„Wieder einmal muß dieses Bild herhalten!“ bemerkte Dai-yü, ehe sie anschloß:
 
„Fehlt sein Licht, bleibt nur die Seele zurück.
 
Fast schon entleert, die Wasseruhr tropft, ...“
 
Schon wollte Hsiang-yün fortsetzen, als Dai-yü sie auf einen schwarzen Schatten im Teich aufmerksam machte und dann sagte: „Schau mal! Sieht das nicht aus, als ob sich da im Dunkeln jemand bewegt? Ist das vielleicht ein Totengeist?“
 
„Jetzt fängst du auch noch an, Gespenster zu sehen!“ erwiderte Hsiang-yün mit lächelnder Miene. „Ich habe davor keine Angst. Warte, der bekommt etwas ab!“ Und sie bückte sich, hob einen flachen kleinen Stein auf und warf ihn ins Wasser.
 
Platsch! machte es, und eine ringförmige Welle zerriß das Spiegelbild des Mondes, das sich dann wieder zusammenfügte, um von der nächsten Welle erneut zerrissen zu werden. Im Schatten aber flatterte mit schwerem Flügelschlag ein weißer Kranich auf und flog in Richtung des Lotoswurzelkiosks davon.
 
„Er war das also!“ sagte Dai-yü lächelnd. „An ihn hatte ich gar nicht gedacht, und vor Schreck bin ich richtig zusammengezuckt.“
 
„Er kam gerade richtig, er hat mir geholfen“, sagte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd, und sprach:
 
„Dicht am Verlöschen der Lampenschein glimmt.
 
Ein Kranich entflieht durchs frostige Schilf, ...“
 
Wieder schrie Dai-yü vor Begeisterung auf, als sie die Verszeile gehört hatte, und stampfte diesmal sogar mit dem Fuß auf. Dann sagte sie: „Herrlich! Der Kranich hat dir wirklich geholfen. Dabei ist diese Zeile auch wieder ganz anders als die mit dem ‚herbstlichen Wasser‘. Aber was soll ich nur darauf erwidern, so natürlich und bildhaft, so vorgefügt und doch so neuartig, wie das ist? Ich werde wohl doch aufgeben müssen.“
 
„Wenn wir beide sorgfältig nachdenken, finden wir bestimmt etwas“, bot Hsiang-yün ihr lächelnd an. „Sonst aber können wir auch morgen weiterdichten.“
 
Ohne sie zu beachten, starrte Dai-yü in den Himmel. Dann lachte sie nach einer langen Pause plötzlich auf und sagte: „Du brauchst dich nicht großzutun. Ich habe es, hör zu!“ Und sie sprach:
 
„Aufs Dichtergrab scheint der eiskalte Mond.“
 
„Ausgezeichnet!“ lobte Hsiang-yün und klatschte dabei in die Hände. „Das war das einzige, was du darauf erwidern konntest.“ Dann aber fuhr sie seufzend fort: „Unser Gedicht ist zwar dadurch neuartig und ungewöhnlich geworden, aber auch wieder ein bißchen zu traurig. Krank, wie du bist, solltest du solche ausgefallenen und abwegigen Sachen nicht sagen.“
 
„Aber wie hätte ich dich anders schlagen können!“ widersprach Dai-yü. „Mir fehlt bloß noch die nächste Zeile. Meine ganze Kraft habe ich auf die eine wenden müssen.“
 
Das hatte sie kaum gesagt, als hinter dem Geländer eine Gestalt um den Felsen gebogen kam und lachend sagte: „Ein schönes Gedicht, aber wirklich zu melancholisch! Ihr dürft es nicht weiterdichten, denn wenn ihr so fortfahrt, kommen diese beiden Zeilen nicht mehr zur Geltung, und man hat nur den Eindruck, das Gedicht sei willkürlich in die Länge gezogen worden.“
 
Auf so etwas nicht gefaßt, waren die beiden im ersten Augenblick vor Schreck zusammengefahren, doch als sie aufmerksam hinschauten, erkannten sie, daß es niemand anders war als Miau-yü. Und so fragten sie verwundert: „Wie kommst du denn hierher?“
 
„Ich hatte erfahren, daß alle zusammen den Mond bewundern, und als ich das schöne Flötenspiel hörte, bin ich herübergekommen, um mich hier ebenfalls am klaren Wasser und am hellen Mond zu erfreuen. Als ich dabei durch Zufall hier in die Nähe kam, habe ich plötzlich gehört, wie ihr gemeinsam gedichtet habt, und fand das so rein und erhaben, daß ich wie gebannt zugehört habe. In dem Stück, das ich hören konnte, waren ein paar gute Zeilen enthalten, aber sie waren zu traurig und pessimistisch. Und schließlich ist ja so etwas vom Schicksal des Menschen nicht zu trennen.
 
Darum bin ich vorgetreten, um euch zu unterbrechen. Die alte gnädige Frau und die andern sind inzwischen längst auseinandergegangen, und alles im Garten schläft wohl schon fest. Ihr werdet bestimmt von euren Mägden sonstwo gesucht. Und habt ihr gar keine Angst vor der Kälte? Kommt schnell mit zu mir eine Tasse Tee trinken, und dann wird es wohl schon bald hell werden.“
 
„Wer hätte gedacht, daß es schon so spät ist!“ sagte Dai-yü und lächelte.
 
Zu dritt gingen sie ins Kloster Gefangenes Grün, und hier sahen sie, daß die Flamme vor der Buddhanische noch bläulich brannte, und auch der Weihrauch im Kessel glimmte noch. Die alten Ammen schliefen schon längst,
 
und nur die kleineren Sklavenmädchen saßen noch auf den runden Binsenmatten und dämmerten mit baumelnden Köpfen vor sich hin.
 
Miau-yü befahl ihnen aufzustehen, und kaum hatten sie den Tee gebrüht, klopfte es ans Tor. Als die Sklavenmädchen rasch aufmachen gingen, stellte sich heraus, daß Dsï-djüan und Tsuee-lü mit einigen alten Ammen da waren, weil sie noch immer auf der Suche nach ihren beiden Fräulein waren.
 
Als sie hereinkamen und die beiden beim Teetrinken fanden, erklärten sie lächelnd:  „Da konnten wir freilich lange suchen!  Den ganzen Garten sind wir abgelaufen, und sogar bei der gnädigen Frau Tante sind wir gewesen. Erst als wir zu dem kleinen Pavillon am Fuße des Berges kamen und die Nachtwächterfrauen dort zufällig wach fanden, sagte man uns, eben hätten noch zwei Personen draußen in der offenen Halle miteinander gesprochen, dann sei jemand dazugekommen und es sei die Rede davon gewesen, zum Kloster hinüberzugehen. Da wußten wir endlich, wohin wir uns wenden mußten.“
 
Rasch befahl Miau-yü ihren kleinen Sklavenmädchen, sie sollten die Ankömmlinge in ein anderes Zimmer führen, wo sie sich ausruhen und Tee trinken konnten. Sie selbst aber holte Papier, Pinsel, Tusche und Reibstein hervor, ließ sich von den beiden das Gedicht vorsprechen und schrieb es nieder.
 
Dai-yü, die sah, daß Miau-yü einen äußerst vergnügten Eindruck machte, sagte lächelnd: „Noch nie habe ich dich in so froher Stimmung gesehen. Ich will mich nicht erdreisten, in plumper Manier um eine Belehrung zu bitten, aber hat es einen Sinn, an diesem Gedicht noch zu feilen? Wenn es nicht zu ertragen ist, dann wollen wir es verbrennen, aber wenn man noch etwas daraus machen kann, möchte ich um Korrektur bitten.“
 
„Auch ich will nicht wagen, leichtfertig Lob oder Tadel zu äußern“, entgegnete Miau-yü. „Ihr habt erst zweiundzwanzig Reime verbraucht, aber wie mir scheint, habt ihr die besten Zeilen, die ihr leisten konntet, bereits geschaffen. Wenn ihr noch weitermachen würdet, wäre zu befürchten, daß ihr zu einer Steigerung nicht mehr fähig seid. Darum würde ich gern das Begonnene fortführen, wenn ich nicht Angst hätte, es zu verderben.“
 
Dai-yü, die Miau-yü noch nie beim Dichten erlebt hatte, sagte angesichts dieser Begeisterung sofort: „Wenn du das tatsächlich tun wolltest, könnten unsere Verse, obwohl sie an sich nichts taugen, vielleicht zum Träger von etwas Gutem werden.“
 
„Das Gedicht muß aber jetzt am Schluß wieder zu seiner ursprünglichen Form zurückgeführt werden“, erklärte Miau-yü. „Wenn wir auf echtes Gefühl und wahre Sachverhalte verzichten, um statt dessen nach Merkwürdigkeiten zu streben, gehen wir zum einen von der Form ab, die uns als Mädchen zukommt, und zum anderen verfehlen wir auch das Thema.“
 
Dai-yü und Hsiang-yün gaben ihr vollkommen recht, also griff Miau-yü zum Schreibpinsel, und im Nu hatte sie das Gedicht vollendet und hielt es den beiden mit den Worten hin: „Ihr dürft mich aber nicht auslachen! So müßte es meiner Meinung nach sein, damit eine Wendung hineinkommt, durch die die traurigen Zeilen im ersten Teil nicht allzu störend wirken.“
 
Die beiden nahmen das Blatt entgegen und lasen, was Miau-yü als Fortsetzung geschrieben hatte:
 
„Weihrauch verbrennt im goldenen Kessel,
 
  Kerzenwachs rinnt auf das Jadegeschirr.
 
  Flötenklang rührt die Witwe zu Tränen,
 
  die kalten Decken erwärmt ihr die Magd.
 
  Öd hängt der Vorhang mit Phönixmustern,
 
  sinnlos der Setzschirm zeigt bunten Dekor.
 
  Der reichliche Tau macht glitschig das Moos;
 
  dick bereift, schreckt der Bambus die Finger.
 
  Noch einmal den Schritt um den Teich gelenkt,
 
  noch einmal die steilen Höhen erklommen!
 
  Die Felsen bizarr wie ein Geisterspuk,
 
  Baum und Büsche gleich Tigern und Wölfen.
 
  Auf Inschriftensteinen glänzt Morgenlicht,
 
  auf hölzernen Blenden schimmert der Tau.
 
  Von tausend Bäumen schallt Vogelsang,
 
  tief aus der Schlucht klingt der Affen Geschrei.
 
  Vertraut mit dem Pfad, geht man nicht irre;
 
  wer die Quelle kennt, weiß, wo Wasser entspringt.
 
  Die Frühglocke läutet im Klosterhof,
 
  der Hahnenschrei tönt aus dem Reisduftdorf.
 
  Was soll der Kummer, wenn frisch die Stimmung?
 
  Warum noch jammern, wenn nichts uns bedrückt?
 
  Sich selbst nur zeigt man seine Gefühle,
 
  Kein Fremder erfährt, wonach steht mein Sinn.
 
  Schluß mit dem Geschwätz, wie müde wir sind,
 
  wir plaudern von Versen bei frischem Tee!“
 
Darunter stand noch: „Fünfunddreißig Reimpaare, gemeinschaftlich verfaßt aus Anlaß des Mittelherbstfestes im Garten des Großen Anblicks.“
 
Dai-yü und Hsiang-yün fanden kein Ende mit ihrem Lob und versicherten: „Wie man sieht, sind wir immer völlig umsonst in die Ferne geschweift, anstatt in der Nähe zu suchen. Da haben wir so eine göttliche Dichterin zur Hand und geben uns immer mit fruchtlosen Debatten zufrieden!“
 
„Morgen wollen wir dem Gedicht noch den letzten Schliff geben!“ sagte Miau-yü lächelnd. „Aber jetzt muß es wirklich bald hell werden, darum sollten wir endlich schlafen gehen!“
 
Also erhoben sich Dai-yü und Hsiang-yün, um sich zu verabschieden, und machten sich mit ihren Sklavenmädchen zusammen auf den Weg. Miau-yü begleitete sie bis ans Tor und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwanden, ehe sie das Tor zumachte und ins Haus zurückging. Aber damit genug von ihr.
 
Inzwischen wandte sich Tsuee-lü mit den Worten an Hsiang-yün: „Wir werden bei der älteren jungen Herrin erwartet, weil wir dort übernachten sollten. Wohin gehen wir also?“
 
„Lauf im Vorbeigehen hinein und sag Bescheid, sie könnten sich schlafen legen!“ befahl Hsiang-yün. „Wenn wir jetzt dorthin gingen, würden wir unvermeidlich der Kranken Unruhe bereiten, darum ist es besser, wenn wir für den Rest der Nacht Fräulein Lin zur Last fallen.“
 
Also begaben sie sich in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, wo die Hälfte des Personals schon im Schlaf lag. Die beiden Kusinen gingen in den Innenraum und legten sich erst zu Bett, nachdem sie Schmuck und Kleider abgelegt und sich gewaschen und auch den Mund gespült hatten. Dann ließ Dsï-djüan die rohseidenen Bettvorhänge herab, stellte die Lampe um, ging hinaus und schloß die Tür.
 
Aber Hsiang-yün litt an der Eigenheit, wählerisch in bezug auf ihr Nachtlager zu sein. So lag sie zwar auf dem Kissen, konnte jedoch nicht einschlafen. Dai-yü aber krankte auf Grund ihrer Blutarmut ständig an Schlaflosigkeit, und da sie heute auch noch die Zeit verpaßt hatte, zu der sie üblicherweise ins Bett ging, fand sie natürlich ebenfalls keinen Schlaf. Beide wälzten sich hin und her, bis Dai-yü schließlich fragte: „Warum schläfst du noch nicht?“
 
„Mein Fehler ist es, daß ich mein gewohntes Bett brauche“, erwiderte Hsiang-yün lächelnd. „Außerdem ist die richtige Zeit zum Einschlafen längst vorüber, also liege ich notgedrungen nur einfach da. Aber warum schläfst du noch nicht?“
 
„Mir geht es durchaus nicht nur heute so, daß ich keinen Schlaf finde“, antwortete Dai-yü seufzend. „Das ganze Jahr über kann ich vielleicht nur zehn Nächte ausreichend schlafen.“
 
„Daran ist deine Krankheit schuld...“, sagte Hsiang-yün.
 
Wer wissen will, was weiter geschah, ...
 
  
== Anmerkungen ==
+
Nun ließ die Herzoginmutter [贾母] auch noch Filzmatten auf den Treppenstufen ausbreiten und befahl, die Mondkuchen, Melonen und Obstteller alle dort unten aufzustellen, damit sich auch die Dienerinnen und Mägde ringsherum setzen und den Mond bewundern konnten. Da die Herzoginmutter [贾母] sah, dass der Mond nun mitten am Himmel stand und noch lieblicher und bezaubernder strahlte als zuvor, sagte sie: „Bei so einem herrlichen Mond muss man Flötenklänge hören!" Und sie ließ die Mädchen des Zehnerorchesters rufen. Dann aber sagte sie: „Wenn es zu viele Instrumente sind, geht das Erlesene verloren. Wir brauchen nur die Flötenspielerin — sie soll von ferne die Querflöte blasen, das genügt."
<references/>
+
Kaum hatte sie das gesagt und die Flötenspielerin sich aufgemacht, erschien eine Dienerin aus dem Gefolge der Frau Xíng [邢夫人] und flüsterte ihrer Herrin etwas zu.
 +
Die Herzoginmutter [贾母] fragte: „Was ist denn los?"
 +
Die Dienerin berichtete: „Der ältere gnädige Herr [贾赦] ist beim Hinausgehen über einen Stein gestolpert und hat sich den Fuß verstaucht."
 +
Sogleich schickte die Herzoginmutter [贾母] zwei alte Dienerinnen, um nach ihm zu sehen, und forderte auch Frau Xíng [邢夫人] auf, rasch nach Hause zu fahren. Frau Xíng [邢夫人] verabschiedete sich und ging.
 +
Die Herzoginmutter [贾母] sagte noch: „Auch Juwels [贾珍] Frau kann bei der Gelegenheit gleich nach Hause fahren — ich lege mich ohnehin bald schlafen."
 +
Frau Yóu [尤氏] wehrte lächelnd ab: „Heute fahre ich nicht nach Hause! Ich will unbedingt mit der alten Ahnin die ganze Nacht durchzechen."
 +
Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Das geht nicht, das geht nicht! Als junges Ehepaar müsst ihr in dieser Nacht zusammen sein — wie könntest du das meinetwegen versäumen?"
 +
Frau Yóu errötete und erwiderte lächelnd: „Was die alte Ahnin da sagt, ist kaum auszuhalten! Wir sind zwar noch jung, aber schon über zehn Jahre verheiratet und gehen auf die Vierzig zu. Zudem ist unsere Trauerzeit noch nicht abgelaufen. Euch eine Nacht lang Gesellschaft zu leisten, das geht wohl an — aber mich zum Vergnügen mit meinem Mann zusammenzutun, das schickt sich nicht."
 +
Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Du hast ganz recht! Ich hatte völlig vergessen, dass eure Trauerzeit noch nicht vorüber ist. Es sind ja schon mehr als zwei Jahre, seit dein Schwiegervater verstorben ist — das hatte ich nicht bedacht. Zur Strafe trinke ich einen großen Becher! Wenn das so ist, brauchst du sie nicht hinauszubegleiten, bleib nur bei mir. Aber sag Jungs [贾蓉] Frau, sie soll sie hinausbringen und dann gleich selbst nach Hause fahren."
 +
Frau Yóu gab das weiter, und Jung Kaufmanns [贾蓉] Frau sagte „Jawohl", begleitete Frau Xíng [邢夫人] hinaus bis zum Haupttor, wo jede in ihren Wagen stieg und nach Hause fuhr. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
 +
 
 +
Nun führte die Herzoginmutter [贾母] die Verbliebenen noch einmal zu den Osmanthus-Sträuchern, an denen sie sich ein Weilchen erfreuten. Dann kehrten sie an die Tafel zurück und ließen frisch gewärmten Wein auftragen. Gerade als sie so plauderten, erklang plötzlich und unvermutet von drüben, im Schatten der Osmanthus-Bäume, die Querflöte — bald schluchzend und klagend, bald schwellend und getragen. Im Zusammenspiel mit dem hellen Mond und der klaren Luft, dem weiten Himmel und der stillen Erde löste diese Musik mit einem Mal alle Kümmernisse der Herzen und ließ zehntausend Sorgen verschwinden. Jeder saß andächtig und regungslos auf seinem Platz und genoss es in Schweigen. Erst als die Musik nach einer Weile — die man brauchte, um zwei Schalen Tee zu trinken — wieder verstummte, spendeten alle nicht enden wollendes Lob.
 +
 
 +
Daraufhin wurde erneut warmer Wein eingeschenkt, und die Herzoginmutter [贾母] fragte lächelnd: „Hat das nicht wahrhaftig gut geklungen?"
 +
Alle antworteten lächelnd: „Es war in der Tat ein wahrer Genuss! Wir hätten nicht gedacht, dass es so schön sein könnte. Es bedurfte wirklich Eurer Anregung, alte gnädige Frau, damit auch uns ein wenig das Herz aufging."
 +
Die Herzoginmutter [贾母] sagte: „Es war noch gar nicht das Beste. Wenn wir ein Stück wählen, das möglichst langsam ist, klingt es noch schöner." Dann befahl sie, der Flötenspielerin einen von den mit Melonenkernen bestreuten und mit Zirbelkernen gefüllten Mondkuchen aus der Kaiserlichen Hofbäckerei zu bringen, wie sie selbst sie aß, dazu einen großen Becher heißen Wein. Die Flötenspielerin solle in aller Ruhe essen und trinken und dann noch eine ganze Melodie fein und leise blasen.
 +
Die Frauen sagten „Jawohl" und waren eben dabei, das Geschenk hinauszutragen, als die beiden alten Dienerinnen zurückkehrten, die zu Jiǎ Shè [贾赦] geschickt worden waren. Sie meldeten: „Am rechten Fußrücken hat der gnädige Herr eine weiße Schwellung. Er hat Medizin eingenommen, der Schmerz hat nachgelassen, und es ist nicht weiter von Belang."
 +
Die Herzoginmutter [贾母] nickte und sagte dann seufzend: „Ich mache mir wirklich zu viele Sorgen! Dabei behauptet er nicht mehr und nicht weniger, als dass ich in meinen Gefühlen einseitig sei — und ich kümmere mich trotzdem so um ihn." Dann erzählte sie Frau Wáng [王夫人], Frau Yóu und den anderen den Schwank nach, den Jiǎ Shè [贾赦] vorhin zum Besten gegeben hatte.
 +
Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd beschwichtigend auf sie ein: „Das hat er doch nur aus Versehen erzählt, als alle schon Wein getrunken hatten und scherzten. So etwas kommt vor. Er würde doch nicht wagen, dabei Euch im Sinn zu haben! Ihr solltet das nicht so ernst nehmen, alte gnädige Frau."
 +
Da kam Mandarinenente [鸳鸯] mit einer weichen Kapuze und einem großen Umhang und sagte: „Es ist schon spät in der Nacht, bald fällt der Tau, und der Wind bläst Euch um den Kopf. Ihr müsst das hier umnehmen. Und wenn Ihr noch ein Weilchen sitzt, solltet Ihr schlafen gehen."
 +
Die Herzoginmutter [贾母] schmollte: „Kaum dass ich mich einmal freue, kommst du, um mich zu mahnen! Bin ich vielleicht betrunken? Jetzt bleibe ich erst recht, bis es hell wird!" Und sie befahl, man solle frischen Wein einschenken. Zugleich aber zog sie sich auch die Kapuze über und hüllte sich in den Umhang. Alle tranken zur Gesellschaft mit und erzählten einige Scherze. Da erklangen aus dem Schatten der Osmanthus-Bäume erneut Flötenklänge — schluchzend und zart, schwebend und fein —, wirklich noch einsamer und wehklagender als zuvor.
 +
 
 +
Alle saßen reglos. In der stillen Nacht, beim klaren Mondschein, und dazu die klagenden Flötenklänge — da war es kein Wunder, dass die alte Herzoginmutter [贾母], zumal sie Wein getrunken hatte, im Innersten gerührt wurde und unwillkürlich zu weinen begann. Auch allen anderen wurde bei dieser Stimmung bang und einsam ums Herz. Erst nach einer geraumen Weile bemerkten sie, dass die Herzoginmutter [贾母] in Kummer versunken war. Hastig wandten sie sich ihr zu, sprachen lächelnd auf sie ein und versuchten, ihre Trauer zu zerstreuen. Zugleich verlangten sie nach warmem Wein und ließen die Flötenspielerin aufhören.
 +
Frau Yóu sagte lächelnd: „Ich weiß auch einen Schwank — den will ich der alten gnädigen Frau zur Aufheiterung erzählen."
 +
Die Herzoginmutter [贾母] zwang sich ein Lächeln ab: „Um so besser — erzähl ihn schnell!"
 +
Frau Yóu begann: „Es war einmal eine Familie, die hatte vier Söhne. Der älteste hatte nur ein Auge, der zweite nur ein Ohr, der dritte nur ein Nasenloch. Der jüngste war zwar körperlich nicht missgestaltet — aber er war stumm."
 +
Doch gerade als sie so weit gekommen war, bemerkte sie, dass der Herzoginmutter [贾母] die Augen zufielen und sie wie einzuschlafen schien. Frau Yóu hielt sofort inne, und gemeinsam mit Frau Wáng [王夫人] sprach sie die Herzoginmutter [贾母] leise an, um sie zu wecken.
 +
Die Herzoginmutter [贾母] öffnete die Augen und sagte lächelnd: „Ich bin gar nicht müde — ich hatte die Augen nur zugemacht, um sie ein wenig auszuruhen. Erzählt nur weiter, ich höre zu."
 +
Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd auf sie ein: „Die vierte Nachtwache ist schon angebrochen, der Wind weht stark, und der Tau fällt reichlich. Geht doch bitte zur Ruhe, alte gnädige Frau! Morgen, am Sechzehnten, ist der Mond genauso schön — dann können wir ihn noch einmal genießen."
 +
Die Herzoginmutter [贾母] fragte: „Wie kann denn schon die vierte Nachtwache angebrochen sein?"
 +
Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Es ist wirklich schon so weit. Die Mädchen konnten es nicht mehr aushalten und sind alle schlafen gegangen."
 +
Die Herzoginmutter [贾母] sah sich nun aufmerksam um, und tatsächlich — alle waren schon fort, nur Tànchūn [探春] war noch da. Sie sagte lächelnd: „Nun gut. Ihr seid das Durchhalten nicht gewohnt, zumal die einen schwächlich und die anderen krank sind — es ist besser so, dann mache ich mir nicht noch Sorgen um euch. Nur die arme Tànchūn [探春] harrt noch immer aus. Geh du auch — wir brechen auf."
 +
Mit diesen Worten stand sie auf, trank einen Schluck klaren Tee und setzte sich dann in den bereitstehenden Bambustragstuhl, in den Umhang gehüllt. Zwei alte Dienerinnen hoben den Tragstuhl auf, und die Herzoginmutter [贾母] wurde, von allen umringt, aus dem Garten getragen. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
 +
 
 +
Die verbliebenen Frauen räumten nun Becher, Teller und Schüsseln zusammen und bemerkten dabei, dass ein feines Teeschälchen fehlte. Sie suchten es überall vergeblich, dann wandte sich die für das Geschirr Zuständige an die anderen: „Bestimmt hat es jemand fallen lassen und zerbrochen! Sagt mir, wohin ihr die Scherben getan habt, damit ich sie vorzeigen kann — sonst heißt es wieder, ich hätte das Schälchen gestohlen."
 +
Die anderen sagten: „Bei uns ist nichts zu Bruch gegangen. Vielleicht hat jemand aus dem Gefolge der gnädigen Fräulein es zerbrochen — das kann man nicht wissen. Überleg noch einmal genau, oder geh und frag sie."
 +
Das brachte die Zuständige auf die richtige Spur, und lächelnd sagte sie: „Tatsächlich — jetzt erinnere ich mich! Cuìlǚ [翠缕] hatte das Schälchen in der Hand. Ich werde sie fragen." Damit machte sie sich auf den Weg, und als sie den befestigten Pfad hinunterkam, begegneten ihr dort Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕].
 +
Cuìlǚ [翠缕] fragte: „Die alte gnädige Frau ist schon aufgebrochen — wisst Ihr, wohin unser Fräulein gegangen ist?"
 +
Die Dienerin erwiderte: „Ich bin hergekommen, um nach einem Teeschälchen zu fragen — und ihr fragt mich nach eurem Fräulein!"
 +
Cuìlǚ [翠缕] sagte lächelnd: „Ich hatte dem Fräulein gerade Tee eingeschenkt — und als ich mich einen Augenblick umdrehte, war das Fräulein samt Teeschale verschwunden."
 +
Die Dienerin sagte: „Eben hat die gnädige Frau gesagt, die Fräulein seien alle schlafen gegangen. Du hast dich wohl irgendwo herumgetrieben und es nicht mitbekommen."
 +
Cuìlǚ [翠缕] wandte sich an Purpurkuckuck [紫鹃]: „Es ist völlig ausgeschlossen, dass sie sich klammheimlich schlafen gelegt hat — wahrscheinlich ist sie irgendwo spazieren gegangen. Vielleicht ist sie, als die alte gnädige Frau aufbrach, rasch nach vorne geeilt, um sie hinauszubegleiten. Lasst uns dort suchen! Wenn wir das Fräulein finden, findet sich natürlich auch dein Teeschälchen wieder an. Morgen früh ist immer noch Zeit genug — wozu die Eile?"
 +
Die Dienerin sagte lächelnd: „Wenn ich jetzt weiß, wo es geblieben ist, brauche ich mich nicht mehr zu beeilen. Morgen werde ich mir das Schälchen von dir geben lassen." Damit ging sie zurück, um weiter das Geschirr zusammenzusammeln. Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] aber machten sich auf den Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter [贾母]. Doch davon soll hier zunächst nicht die Rede sein.
 +
 
 +
In Wirklichkeit waren Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] keineswegs schlafen gegangen. Da so viele Angehörige des Hauses den Vollmond bewunderten und die Herzoginmutter [贾母] dennoch klagte, es seien zu wenige und es ginge nicht mehr so lebhaft zu wie einst — und weil sie auch die Schwestern Xuē [薛] erwähnt hatte, die daheim im Kreis ihrer Angehörigen den Mond genossen —, hatte Kajaljade [黛玉] der Kummer überrascht. Sie war fortgegangen, hatte sich auf eine Balustrade gestützt und leise geweint.
 +
Schatzjade [宝玉] hatte in letzter Zeit wegen Qíngwéns [晴雯] schwerer Krankheit für nichts mehr Interesse aufbringen können, und als Frau Wáng [王夫人] ihn wieder und wieder zum Schlafengehen ermahnt hatte, war er wirklich gegangen. Ebenso wenig stand Tànchūn [探春] der Sinn nach Vergnügungen — sie hatte sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten ärgern müssen. Zwar waren noch Yíngchūn [迎春] und Xīchūn [惜春] da, doch mit ihnen hatte sich Kajaljade [黛玉] nie sonderlich gut verstanden.
 +
 
 +
So war Xiangfluss-Wolke [湘云] die Einzige, die ihr gut zuredete. Sie sagte: „Du bist doch ein verständiger Mensch — warum quälst du dich selbst auf diese Weise? Mir ergeht es genauso wie dir, und trotzdem bin ich nicht so kopfhängerisch. Außerdem bist du so oft krank — du solltest dich schonen! Es ist schon ärgerlich genug, dass die Schwester Schatzspange [宝钗] tagelang von nichts anderem geredet hat als davon, wie wir alle zusammen zum Mittherbstfest den Mond bewundern und unseren Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam Verse zu verfassen — und jetzt, wo es soweit ist, lässt sie uns allein und genießt den Mond anderswo! Der Bund ist zerfallen, und kein Gedicht wird geschrieben. Stattdessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen nach Belieben das Feld beherrscht. Weißt du nicht, was Kaiser Tàizǔ der Sòng [宋太祖] gesagt hat: ‚Wie kann man neben dem eigenen Lager einen Fremden schnarchen lassen?' Wenn die anderen nicht dichten, dichten wir beiden eben allein und beschämen sie morgen damit!"
 +
 
 +
Da Kajaljade [黛玉] sah, wie Xiangfluss-Wolke [湘云] sich bemühte, sie aufzuheitern, wollte sie deren Eifer nicht enttäuschen, und sagte lächelnd: „Hier, wo alles so laut durcheinanderschreit — wie soll man da in Dichterlaune kommen?"
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Den Mond hier oben auf dem Berg zu genießen ist zwar schön, aber am Wasser ist es noch viel schöner! Du weißt doch, dass unten am Fuß dieses Hügels das Teichufer liegt. In der Einbuchtung des Berges, nahe am Wasser, steht die Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]. Schon daran kann man erkennen, wie viel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens eingeflossen ist: Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung [凸碧], und die Senke am Fuß, nahe dem Wasser, heißt Kristallklare Vertiefung [凹晶]. Diese beiden Schriftzeichen tū [凸] und āo [凹] sind seit jeher äußerst selten verwendet worden. Wenn man sie hier geradewegs als Namen für Gebäude nimmt, wirken sie umso neuartiger und keineswegs abgegriffen.
 +
Man erkennt sofort, dass die beiden Stätten einander gegenüberliegen — eine oben, die andere unten; eine hell, die andere dunkel; eine hoch, die andere niedrig; eine ein Berg, die andere ein Gewässer. Offensichtlich wurden sie eigens zum Genuss des Mondes angelegt. Wer die Berghöhe liebt und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher; und wer den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin.
 +
Dass diese beiden Zeichen so selten verwendet werden, liegt allein daran, dass sie im Volkmund als wā und gǒng ausgesprochen werden — was als vulgär gilt. Das Zeichen āo hat nur Lù Yóu [陆放翁] gebraucht, als er schrieb:
 +
‚In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.'
 +
Und selbst dafür hat man ihm Vulgarität vorgeworfen — ist das nicht zum Lachen?"
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] erwiderte: „Nicht nur Lù Yóu hat dieses Zeichen gebraucht — unter den Alten gibt es zahllose Beispiele. Da sind etwa Jiāng Yāns [江淹] ‚Rhapsodie über das grüne Moos', Dōngfāng Shuòs [东方朔] ‚Schrift der göttlichen Seltsam keiten' oder die Geschichte von Zhāng Sēngyáo [张僧繇], der das Kloster Yìchéng malte, wie sie in den ‚Aufzeichnungen über die Malkunst' erzählt wird — sie lassen sich gar nicht alle aufzählen! Nur weil die Leute von heute nichts davon wissen, halten sie die Zeichen für vulgär. Um es dir offen zu sagen: Diese beiden Namen habe ich selbst erdacht! Weißt du noch, als man damals Schatzjade [宝玉] auf die Probe stellte? Er entwarf die Namen für einige Gebäude — manche wurden übernommen, manche abgeändert, und für manche fehlten noch die Bezeichnungen. Später haben wir alle zusammen auch die noch namenlosen Stellen benannt, haben die Quellen vermerkt, die Lage der Gebäude beschrieben und alles der ältesten Schwester [元春] zur Ansicht gebracht. Sie ließ es wieder heraustragen und dem Onkel [贾政] zeigen. Und der war so angetan, dass er sagte: ‚Hätte ich das gewusst, hätte ich damals gleich die Schwestern alle zusammen die Namen ersinnen lassen — das wäre noch viel hübscher gewesen!' Darum sind alle Namen, die ich erdacht habe, ohne ein einziges Wort zu ändern übernommen worden. Gehen wir jetzt also hinunter zur Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]."
 +
 
 +
So stiegen die beiden gemeinsam den Hang hinab. Gleich nach der ersten Biegung waren sie schon am Teichufer. Dort lief ein Bambusgeländer am Ufer entlang bis hinüber zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭]. Die wenigen Gebäude hier lagen im Schutz der Bergflanke — es war der Rückzugsort der Bergvilla Jadegrüne Erhebung [凸碧山庄]. Weil die Stelle niedrig lag und nahe am Wasser, trug sie über dem Eingang die Aufschrift „Herberge Kristallklare Vertiefung am Bach" [凹晶溪馆]. Da hier nur wenige und zudem kleine, niedrige Räume standen, waren lediglich zwei alte Frauen zur Nachtwache abgestellt. Heute hatte man ihnen gesagt, dass oben an der Bergvilla Dienst war und es sie nichts angehe — also hatten die beiden ihre zugeteilten Mondkuchen, Früchte und den Festschmaus aufgeteilt, sich satt und trunken gegessen, die Lampen gelöscht und sich schlafen gelegt.
 +
 
 +
Als Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] sahen, dass die Lichter erloschen waren, sagte Xiangfluss-Wolke [湘云] lächelnd: „Dass die beiden schon schlafen, passt uns gut! Setzen wir uns hier unter das Wellblechdach, nahe am Wasser, und genießen den Mond — wie wäre das?"
 +
Die beiden ließen sich auf zwei runden Hockern aus geflecktem Xiāngfēi-Bambus nieder. Am Himmel strahlte ein einziger heller Mond, und im Teich spiegelte sich ein zweiter — oben und unten um die Wette leuchtend, als befänden sie sich in einem Kristallpalast der Wassergöttinnen. Ein leiser Windhauch kräuselte die Teichoberfläche zu jadegrünen Wellen — wahrlich, Geist und Sinne wurden davon vollkommen klar und rein.
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] seufzte lächelnd: „Wie schön wäre es, jetzt in einem Boot auf dem Wasser zu sitzen und Wein zu trinken! Wäre ich daheim bei uns, würde ich sofort ein Boot besteigen."
 +
Kajaljade [黛玉] lächelte: „Wie es die Alten so treffend gesagt haben: ‚Wer alles vollkommen haben will, dem bleibt keine Freude.' Sag ich doch — das hier ist schon gut genug! Warum musst du auch noch Boot fahren wollen?"
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Sehnsüchte haben, obwohl man schon viel besitzt — das liegt in der Natur des Menschen! Die alten Leute haben schon recht: Wer arm ist, bildet sich ein, bei den Reichen sei alles nach Wunsch, und wenn man ihm sagt, dass dem keineswegs so ist, will er es nicht glauben. Erst wenn er es selbst erlebt, begreift er es. Nimm nur uns beide: Unsere Eltern sind zwar nicht mehr am Leben, doch immerhin leben wir im Wohlstand — und dennoch haben wir so manches, das nicht nach unserem Herzen ist."
 +
Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Nicht nur wir beide können nicht alles nach Herzenslust haben. Selbst die Herzoginmutter [贾母], die gnädige Frau [王夫人], ja selbst Schatzjade [宝玉] und Tànchūn [探春] — ob es um Großes oder Kleines geht, ob mit Recht oder ohne Recht: Dass keiner alles nach seinem Willen haben kann, das liegt an ein und demselben Gesetz. Wie viel mehr noch gilt das für uns beide, die wir nur Gäste und Besucher sind!"
 +
Als Xiangfluss-Wolke [湘云] das hörte, befürchtete sie, Kajaljade [黛玉] könnte wieder in Schwermut verfallen, und sagte rasch: „Lass uns nicht länger müßig reden — lieber dichten wir zusammen!"
 +
 
 +
Gerade als sie das sagte, erhob sich wieder der Klang der Flöte, getragen und fern. Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Heute sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau offenbar bester Laune gewesen — die Flöte klingt wirklich bezaubernd und regt auch uns an. Wir mögen beide die fünfsilbigen Verse — bleiben wir also beim fünfsilbigen Kettengedicht<ref>联句 (liánjù), eine in China seit der Han-Dynastie beliebte Dichtform, bei der mehrere Dichter abwechselnd Verse zu einem gemeinsamen Gedicht beitragen.</ref>."
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] fragte: „Welcher Reim?"
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Lass uns die senkrechten Stäbe dieses Geländers zählen — von diesem Ende bis zu jenem. Auf welche Zahl es fällt, den entsprechenden Reim nehmen wir. Wenn es sechzehn Stäbe wären, dann der Reim ‚yī xiān'. Ist das nicht originell?"
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist wirklich ausgefallen!" Sie standen beide auf und zählten vom einen Ende zum anderen — es waren dreizehn Stäbe.
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Ausgerechnet ‚shí sān yuán'! Das ist ein Reim mit wenigen Wörtern — bei einem Kettengedicht ist es schwer, sie alle unterzubringen. Du fängst wohl besser an."
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Versuchen wir einmal, wer von uns stärker ist — nur haben wir kein Papier und keinen Pinsel, um alles aufzuschreiben."
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das macht nichts — morgen können wir es niederschreiben. Soviel Gedächtnis werden wir wohl noch haben!"
 +
Kajaljade [黛玉] sagte: „Dann fange ich mit einer fertigen Redensart an." Und sie rezitierte:
 +
 
 +
Die Nacht des fünfzehnten im achten Monat — (三五中秋夕)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] dachte einen Moment nach und fuhr fort:
 +
Heiter lustmandeln, als wär es Laternenfest. / Sterne funkeln, über den Himmel verstreut — (清游拟上元 / 撒天箕斗灿)
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] lachte und setzte fort:
 +
Überall klingen Saiten und Flöten. / Mancherorts fliegen die Becher wild — (匝地管弦繁 / 几处狂飞盏)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „‚Mancherorts fliegen die Becher wild' — das hat etwas! Da muss die Gegenzeile gut werden." Sie dachte nach und fuhr lächelnd fort:
 +
Bei wem stünde das Fenster nicht offen? / Ein leichter, schneidender Wind — (谁家不启轩 / 轻寒风剪剪)
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] lobte: „Deine Gegenzeile ist besser als meine Vorlage. Aber im unteren Vers fällst du in Gemeinplätze zurück — jetzt müsstest du eigentlich aufdrehen."
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] entgegnete: „Ein Gedicht mit vielen Versen und schwierigen Reimen braucht auch breite Ausschmückung. Die guten Einfälle hebe ich mir für später auf."
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn dann später nichts Gutes kommt, will ich doch sehen, ob du dich nicht schämst!" Und sie fuhr fort:
 +
Die milde Nacht strahlt in warmem Glanz. / Um Mondkuchen zanken sich die Grauköpfe — (良夜景暄暄 / 争饼嘲黄发)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Diese Zeile taugt nichts — das ist dein eigenes Machwerk! Du nimmst Alltagsdinge, um es mir schwer zu machen."
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Da zeigt sich, dass du nicht genug gelesen hast! Mondkuchen essen ist ein alter Brauch — schau erst im Buch der Táng nach, dann rede!"
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist nicht zu schwer für mich — ich habe schon etwas!" Und sie fuhr fort:
 +
Beim Meloneteilen lachen die jungen Schönen. / Frisch duftet der herrliche Zimtbaum — (分瓜笑绿媛 / 香新荣玉桂)
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Melone teilen' — das ist nun wirklich dein eigenes Machwerk!"
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Morgen schlagen wir alles nach und legen es allen vor — jetzt verschwenden wir keine Zeit damit." Kajaljade [黛玉] lachte: „Mag sein. Aber die untere Zeile ist auch nicht besser — du brauchst doch nicht gleich ‚Jadezimtbaum' und ‚Goldorchidee' als Lückenfüller zu nehmen." Und sie fuhr fort:
 +
In satten Farben gedeiht der goldene Himmelsblumenkohl. / Kerzenschein erhellt das prächtige Festmahl — (色健茂金萱 / 蜡烛辉琼宴)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Goldener Himmelsblumenkohl' — damit hast du es billig gehabt, da brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen! So einen mundgerechten Reim zu erwischen! Außerdem hast du in der unteren Zeile auch nur Lücken gefüllt."
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn du nicht ‚Jadezimtbaum' gesagt hättest, hätte ich doch nicht ‚Goldener Himmelsblumenkohl' dagegenstellen müssen! Ein wenig prachtvolle Ausschmückung muss schon sein — schließlich malen wir das, was wir tatsächlich sehen."
 +
So fügte sich Xiangfluss-Wolke [湘云] und dichtete weiter:
 +
Becher und Trinkgeschirr durcheinander im geschmückten Garten. / Die Trinkrunde ehrt ein einziges Gebot — (觥筹乱绮园 / 分曹尊一令)
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Die untere Zeile ist gut — nur schwer dagegenzuhalten." Sie dachte nach und fuhr fort:
 +
Im Ratespiel lauscht man dem dreifachen Ausruf. / Die Würfel glühen in roten Punkten — (射覆听三宣 / 骰彩红成点)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Dreifacher Ausruf' — das hat Witz! Aus dem Gewöhnlichen etwas Feines zu machen! Nur fängst du unten wieder mit Würfeln an." Sie dichtete rasch weiter:
 +
Die Blume wird weitergereicht zu wildem Trommelschlag. / Helles Licht wiegt die Hofgebäude — (传花鼓滥喧 / 晴光摇院宇)
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Das Gegenstück ist gut. Aber unten bist du wieder abgeglitten — immer nur Wind und Mond als Lückenbüßer."
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] verteidigte sich: „Wir haben den Mond noch gar nicht richtig besungen — man muss ihn doch irgendwo erwähnen, sonst verfehlen wir das Thema."
 +
Kajaljade [黛玉] sagte: „Lassen wir es vorläufig stehen — morgen feilen wir daran." Und sie fuhr fort:
 +
Schlichter Glanz verbindet Himmel und Erde. / Belohnung und Strafe kennen keinen Gastgeber — (素彩接乾坤 / 赏罚无宾主)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Warum wieder die anderen? Lieber sollten wir von uns sprechen." Und sie dichtete:
 +
Verse dichten in der Reihe der Geschwister. / In Gedanken versunken, lehnt man am Geländer — (吟诗序仲昆 / 构思时倚槛)
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] sagte: „Jetzt können wir uns selbst hineinbringen." Und sie fuhr fort:
 +
Den Anblick erwägend, stützt man sich ans Tor. / Der Wein ist leer, doch das Gefühl währt fort — (拟景或依门 / 酒尽情犹在)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Es ist soweit." Und sie dichtete:
 +
Die Nachtwache schwindet, die Freude ist vergessen. / Allmählich verstummen Stimmen und Lachen — (更残乐已谖 / 渐闻语笑寂)
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] sagte: „Jetzt wird es mit jedem Schritt schwieriger." Und sie fuhr fort:
 +
Leer bleiben nur die Spuren von Schnee und Reif. / Tau sammelt sich um Morgenpilze auf den Stufen — (空剩雪霜痕 / 阶露团朝菌)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Wie soll ich da den Reim unterbringen? Lass mich nachdenken." Sie stand auf, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und überlegte einen Moment. Dann lachte sie: „Geschafft! Beinahe hätte ich aufgeben müssen — aber gerade noch ein Wort gefunden!" Und sie dichtete:
 +
Abenddunst hüllt die Schlafbäume im Hof ein. / Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei — (庭烟敛夕棔 / 秋湍泻石髓)
 +
 
 +
Als Kajaljade [黛玉] das hörte, sprang sie unwillkürlich auf, rief „Großartig!" und sagte: „Du durchtriebener kleiner Geist! Tatsächlich hast du dir das Beste aufgespart! Erst jetzt sagst du ‚Schlafbaum' — man muss erst einmal darauf kommen!"
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] erklärte: „Glücklicherweise habe ich gestern in einer Anthologie der Literaturen aller Dynastien dieses Zeichen gesehen und wusste nicht, was für ein Baum das ist — also wollte ich es nachschlagen. Da sagte die Schwester Schatzspange [宝钗], ich brauche nicht nachzuschlagen: Das sei der Baum, den man heute im Volksmund ‚Öffne dich am Tag, schließe dich bei Nacht' nenne. Ich glaubte es ihr nicht und schlug trotzdem nach — und tatsächlich hatte sie recht! Die Schwester Schatzspange [宝钗] weiß wirklich erstaunlich viel."
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Schlafbaum' passt hier ausgezeichnet — das mag noch hingehen. Aber ‚Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei' — wie bist du nur darauf gekommen! Diese eine Zeile allein übertrifft alles andere. Jetzt muss ich mich zusammenreißen und etwas dagegenstellen — doch so gut wie diese Zeile wird es nicht mehr werden." Sie dachte einen Moment nach und sagte:
 +
Windblätter sammeln sich an den Wolkenwurzeln. / Stern der Muttergöttin — einsam und rein in seinem Gefühl — (风叶聚云根 / 宝婺情孤洁)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das Gegenstück ist auch nicht schlecht. Nur bist du unten wieder abgedriftet — zum Glück ist es ein Gefühl inmitten der Szenerie und nicht nur plumpes Lückenstopfen mit ‚Stern der Muttergöttin'." Und sie fuhr fort:
 +
Silberkröte atmet ein und aus. / Elixier gestampft vom geisterhaften Hasen — (银蟾气吐吞 / 药经灵兔捣)
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] schwieg, nickte nur und rezitierte nach langem Nachdenken:
 +
Die Menschen eilen zum Eisigen Palast. / Die Sterne Niú und Nǚ frevelnd herausfordern — (人向广寒奔 / 犯斗邀牛女)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] blickte zum Mond auf, nickte ebenfalls und fuhr fort:
 +
Auf dem Floß den Enkel des Kaisers erwarten. / Der Kreis des Mondes mag nicht stillstehen — (乘槎待帝孙 / 虚盈轮莫定)
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Schon wieder eine Allegorie!" Und sie fuhr fort:
 +
In dunklen und hellen Phasen besteht der Geistleib fort. / Der Tropfen der Wasseruhr versiegt bald — (晦朔魄空存 / 壶漏声将涸)
 +
 
 +
Gerade als Xiangfluss-Wolke [湘云] den nächsten Vers dichten wollte, zeigte Kajaljade [黛玉] auf einen dunklen Schatten im Teich und sagte: „Sieh nur — was ist dort im Wasser? Ein dunkler Schatten bewegt sich — ist das etwa ein Geist?"
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Da siehst du schon wieder Gespenster! Ich fürchte mich nicht vor Geistern — warte, ich werfe etwas nach ihm!" Sie bückte sich, hob einen flachen Stein auf und warf ihn in den Teich. Es platschte, und ein großer Kreis breitete sich auf dem Wasser aus, der das Mondspiegelbild zerteilte — mehrmals zerfloss es und sammelte sich wieder. Da erhob sich aus dem schwarzen Schatten mit lautem Krächzen ein großer weißer Kranich und flog geradewegs zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭] hinüber.
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Es war also der Kranich! So plötzlich hätte ich nicht daran gedacht — ich habe mich wirklich erschreckt."
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Dieser Kranich ist mir höchst willkommen — er hat mir geholfen!" Und sie dichtete:
 +
Der Lampenschein am Fenster ist schon trübe. / Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich — (窗灯焰已昏 / 寒塘渡鹤影)
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] hörte das, rief wieder bewundernd aus und stampfte mit dem Fuß auf: „Das ist nicht zu überbieten! Der Kranich hat ihr wirklich geholfen! Diese Zeile ist noch besser als die ‚herbstlichen Stromschnellen' von vorhin. Was soll ich nur dagegen setzen? Auf ‚Schatten' [影] reimt sich nur ‚Seele' [魂]. ‚Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich' — so natürlich, so mühelos, so bildhaft und dabei so frisch! Am liebsten würde ich den Pinsel niederlegen."
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Denk in Ruhe nach, dann fällt dir schon etwas ein. Wenn nicht, können wir morgen weitermachen."
 +
Kajaljade [黛玉] blickte zum Himmel auf und schwieg, ohne auf sie einzugehen. Nach einer geraumen Weile lachte sie plötzlich: „Du brauchst nicht so großspurig zu reden — ich habe auch etwas! Hör zu!" Und sie setzte dagegen:
 +
 
 +
Ein kalter Mond begräbt die Seele einer Blume. (冷月葬花魂)
 +
 
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] klatschte in die Hände und rief: „Wirklich vollkommen! Nichts anderes hätte das aufwiegen können! ‚Die Seele einer Blume begraben' — großartig!" Dann aber seufzte sie: „Das Gedicht ist zwar originell, aber doch allzu niedergeschlagen. Du bist ohnehin krank — solch über die Maßen düstere und unheimliche Verse solltest du nicht schreiben."
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Ohne solche Verse hätte ich dich nicht übertreffen können! Die nächste Zeile fehlt mir noch — ich habe meine ganze Kraft in diesen einen Vers gelegt."
 +
 
 +
Kaum hatte sie ausgesprochen, trat hinter den Felssteinen am Geländer jemand hervor und rief lächelnd: „Herrliche Verse! Wirklich herrliche Verse — aber in der Tat zu traurig! Hört lieber auf mit dem Weiterdichten. Wenn es so weitergeht, verblasst gerade dieses Verspaar, und es wirkt im Vergleich nur noch gesucht und aufgesetzt."
 +
Die beiden hatten das nicht erwartet und erschraken. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie niemand anderen als die Nonne Miàoyù<ref>妙玉 (Miàoyù), buddhistische Nonne aus vornehmer Familie, eine der zwölf Hauptfiguren (金陵十二钗) des Romans. Sie lebt in der Klause der Smaragdgrünen Frische (栏翠庵) im Garten der Großen Anschauung.</ref>. Beide waren verblüfft und fragten: „Wie kommst du hierher?"
 +
Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich hörte, wie ihr alle den Mond bewundert und die Flöte so schön gespielt wird, und kam ebenfalls heraus, um den klaren Teich im hellen Mondschein zu genießen. Ohne es zu beabsichtigen, bin ich bis hierher gewandert. Als ich dann plötzlich euch beide dichten hörte, war es so erlesen und fein, dass ich stehenblieb und lauschte. Nur habe ich in eurem Gedicht einige Zeilen gehört, die zwar schön sind, aber doch allzu niedergeschlagen und trübsinnig klingen. Das steht in Zusammenhang mit dem Schicksal eines Menschen — deshalb bin ich herausgetreten, um euch Einhalt zu gebieten. Inzwischen hat sich die alte gnädige Frau längst zur Ruhe begeben, im ganzen Garten schlafen wohl alle tief und fest, und eure Zofen suchen euch bestimmt schon überall. Friert ihr denn nicht? Kommt schnell mit mir — in meine Klause, auf eine Tasse Tee! Es dürfte ohnehin bald dämmern."
 +
Kajaljade [黛玉] lachte: „Wer hätte gedacht, dass es schon so spät ist!"
 +
 
 +
So gingen die drei zusammen zur Klause der Smaragdgrünen Frische [栊翠庵]. Die Opferlichter in der Nische glühten noch bläulich, und der Weihrauch in der Räucherschale war noch nicht ganz verglommen. Die alten Dienerinnen schliefen bereits allesamt; nur ein kleines Mädchen nickte auf einem Meditationskissen sitzend mit hängendem Kopf vor sich hin. Miàoyù [妙玉] weckte es und schickte es los, frischen Tee aufzubrühen.
 +
Da klopfte es an der Tür. Das kleine Mädchen eilte hin und öffnete — draußen standen Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] mit mehreren alten Dienerinnen, die die beiden Fräulein suchten. Als sie hereinkamen und sie beim Teetrinken antrafen, sagten alle lachend: „Da haben wir aber lange suchen müssen! Den ganzen Garten haben wir durchwandert, sogar bei der Frau Tante [薛姨妈] haben wir nachgefragt. Zuletzt kamen wir zum kleinen Pavillon unten am Abhang, und dort waren gerade die Nachtwächterinnen aufgewacht. Wir fragten sie, und sie erzählten, draußen vor dem Pavillon unter dem Wellblechdach hätten vorhin zwei Personen gesprochen, dann sei eine dritte dazugekommen, und sie hätten gehört, wie die drei sagten, sie gingen zur Klause. Da wussten wir, dass ihr hier seid."
 +
Miàoyù [妙玉] wies das kleine Mädchen an, die Zofen und Dienerinnen in ein anderes Zimmer zu führen, wo sie sich bei Tee ausruhen konnten. Dann holte sie selbst Pinsel, Tusche, Papier und Reibstein hervor und bat die beiden, ihr die Verse vorzutragen, die sie soeben gedichtet hatten, und schrieb sie von Anfang an nieder.
 +
Kajaljade [黛玉], die Miàoyù [妙玉] heute in ungewöhnlich heiterer Stimmung sah, sagte lächelnd: „Noch nie habe ich dich so aufgeräumt erlebt. Ich wage es kaum, dich dreist um Belehrung zu bitten — aber könnte man dir wohl raten, etwas hinzuzufügen? Wenn es nichts taugt, verbrennen wir es einfach; wenn es einigermaßen brauchbar ist, bitte ich dich, es zu verbessern."
 +
Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich maße mir kein Urteil an. Nur so viel: Es sind jetzt zweiundzwanzig Reimpaare. Mein Eindruck ist, dass eure schlagenden Verse bereits gefunden sind — wenn ihr jetzt weiterdichtetet, fürchte ich, die Kraft reicht nicht mehr. Eigentlich möchte ich euch folgen und weiterdichten — doch ich scheue davor zurück, etwas Geringeres anzufügen."
 +
Kajaljade [黛玉] hatte noch nie gesehen, dass Miàoyù [妙玉] dichtete. Da sie sie heute so in Begeisterung sah, sagte sie rasch: „Wenn du wirklich etwas hinzufügst, wird selbst unser schwächerer Teil durch dich geadelt."
 +
Miàoyù [妙玉] sagte: „Zum Abschluss sollte man wieder zum eigentlichen Thema zurückkehren. Wenn wir nur immer weiter dem Seltsamen und Absonderlichen nachjagen und die wahren Gefühle und die Wirklichkeit beiseitelassen, dann verlieren wir erstens unsere weibliche Anmut und zweitens den Bezug zum Thema."
 +
Beide stimmten zu. Miàoyù [妙玉] ergriff den Pinsel und schrieb in einem einzigen Zug dreizehn Reimpaare nieder, die sie den beiden reichte: „Lacht mich nur nicht aus! Meiner Meinung nach muss es so sein, damit das Gedicht eine Wendung erfährt. Auch wenn im vorderen Teil niedergeschlagene und trübsinnige Zeilen stehen, tut das dann keinen Schaden mehr." Die beiden nahmen das Blatt und lasen ihre Fortsetzung:
 +
 
 +
Weihrauchzeichen verglühen im goldenen Dreifuß, / Schminke erstarrt wie Eis in der Jadeschale.
 +
Der Ton der Flöte steigert das Klagen der Witwe, / die Decke wärmt, von Dienerinnen umsorgt.
 +
Leere Vorhänge hängen, Phönixe gestickt, / müßige Schirme verhüllen bunte Mandarinenten.
 +
Der Tau dicht — das Moos noch glatter, / der Reif schwer — den Bambus kaum zu ertasten.
 +
Noch wandelt man am gewundenen Teich, / und steigt wieder die stille, weitläufige Ebene hinauf.
 +
Steine, seltsam — wie von Geistern und Göttern geformt, / Bäume, knorrig — wie lauernde Tiger und Wölfe.
 +
Durch lasttragende Schildkröten dringt das Morgenlicht, / in Gitterfenstern sammelt sich der Frühtau.
 +
Eintausend Vögel erschüttern den Wald, / ein einziger Affenruf hallt durch das Tal.
 +
Vertraute Pfade — wie könnte man den Weg vergessen? / Wer die Quelle kennt, braucht nicht nach dem Ursprung zu fragen.
 +
Die Glocke läutet an der Klause der Smaragdgrünen Frische, / der Hahn kräht im Dorf des Reisdufts.
 +
Wer wahre Freude empfindet, klagt über nichts, / wer ohne Sorgen ist, lässt sich durch nichts betrüben.
 +
Zarte Empfindungen zerstreut man nur selbst, / feinsinnige Freuden — wem könnte man sie mitteilen?
 +
Wacht durch bis zum Morgen, sprecht nicht von Müdigkeit — / brüht frischen Tee und redet noch ein Weilchen.
 +
 
 +
Darunter schrieb sie: „Kettengedicht am Mittelherbstabend, verfasst im Dàguānyuán, fünfunddreißig Reimpaare."
 +
 
 +
Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] lobten es in höchsten Tönen und sagten: „So sieht man, dass wir tagtäglich das Nahe übersehen und das Ferne suchen! Da haben wir eine solche Dichtergöttin direkt in unserer Mitte — und betreiben tagein, tagaus nur Papierstrategie."
 +
Miàoyù [妙玉] lachte: „Morgen feilen wir noch daran. Es dürfte bald dämmern — ihr solltet euch unbedingt ein wenig ausruhen."
 +
Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] hörten das, standen auf und verabschiedeten sich. Mit ihren Zofen gingen sie hinaus. Miàoyù [妙玉] begleitete sie bis vor die Tür und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwunden waren. Dann schloss sie die Tür und ging hinein. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
 +
 
 +
Draußen sagte Cuìlǚ [翠缕] zu Xiangfluss-Wolke [湘云]: „Bei der älteren Schwägerin warten noch Leute, um uns zum Schlafen zu bringen. Wohin gehen wir jetzt?"
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Geh und sag ihnen, sie sollen schon schlafen. Wenn ich jetzt dorthin gehe, wecke ich nur die Kranke auf. Da störe ich lieber die Schwester Kajaljade [黛玉] und übernachte bei ihr."
 +
So gingen sie alle zusammen zum Xiāoxiāng-Pavillon [潇湘馆]. Die Hälfte der Dienerinnen war bereits eingeschlafen. Die beiden gingen hinein, legten ihren Schmuck und ihre Kleider ab, wuschen sich und gingen zu Bett. Purpurkuckuck [紫鹃] ließ den seidenen Vorhang herab, stellte die Lampe beiseite und schloss die Tür hinter sich.
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] hatte jedoch die Eigenart, nur in ihrem eigenen Bett schlafen zu können — so lag sie zwar auf dem Kissen, konnte aber nicht einschlafen. Und Kajaljade [黛玉], die ohnehin zu wenig Herzblut hatte und häufig an Schlaflosigkeit litt, war über den Punkt der Müdigkeit hinweggekommen und konnte nun natürlich auch nicht schlafen. Die beiden wälzten sich hin und her.
 +
Kajaljade [黛玉] fragte: „Bist du immer noch nicht eingeschlafen?"
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte leise lächelnd: „Ich bin wählerisch mit Betten — und außerdem bin ich über die Müdigkeit hinaus. Ich kann nur noch still daliegen. Und du — warum schläfst du auch nicht?"
 +
Kajaljade [黛玉] seufzte: „Dass ich nicht schlafen kann, ist keine Sache von heute. Im ganzen Jahr schlafe ich kaum zehn Nächte wirklich tief und satt."
 +
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das liegt alles an deiner Krankheit, deshalb ..." Was sie weiter sagte — das bleibt an dieser Stelle unerzählt.
 +
 
 +
----
 +
<small>Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
 +
 
 +
<references />

Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Sechsundsiebzigstes Kapitel

An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung[1] lauschen sie der Flöte und empfinden Wehmut — Bei der Herberge Kristallklare Vertiefung dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit

Jiǎ Shè [贾赦] und Jiǎ Zhèng [贾政] gingen also mit Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Derweil befahl die Herzoginmutter [贾母], den Stellschirm wegzuräumen und die beiden Tafeln zu einer einzigen zusammenzuschieben. Die Frauen wischten die Tische ab, füllten die Obstschalen auf, tauschten die Becher aus, wuschen die Essstäbchen und richteten alles frisch her. Die Herzoginmutter [贾母] und ihre Gesellschaft zogen sich etwas Warmes über, wuschen sich die Hände, spülten den Mund und tranken Tee, ehe sie sich wieder rund um die Tafel setzten.

Als die Herzoginmutter [贾母] bemerkte, dass die Schwestern Schatzspange [宝钗] und Bǎoqín [宝琴] nicht dabei waren — denn sie feierten, wie sie sich dachte, das Mondfest daheim im Kreise ihrer Familie —, und da auch Lǐ Wán [李纨] und Phönixglanz [凤姐] krankheitshalber fehlten, so dass gleich vier Personen weniger da waren, kam ihr die Runde recht vereinsamt vor. Lächelnd sagte sie: „In den vergangenen Jahren, als der gnädige Herr nicht da war, haben wir einfach die Frau Tante herübergebeten, und wir alle haben gemeinsam den Mond bewundert — das war stets höchst vergnüglich. Nur wenn uns dann plötzlich der Herr einfiel und wir daran denken mussten, dass Mutter und Sohn, Mann und Frau, Eltern und Kinder nicht beisammen sein konnten, war uns die Stimmung verdorben. Heute nun ist der Herr wieder da, und eigentlich sollten wir alle miteinander fröhlich sein — doch jetzt ist es nicht mehr angebracht, die Frau Tante mit ihren Kindern einzuladen, damit wir gemeinsam scherzen und lachen. Zumal sie in diesem Jahr zwei weitere Personen im Haus hat, die sie nicht so einfach im Stich lassen kann, um zu uns herüberzukommen. Und obendrein ist Phönixglanz [凤姐] krank geworden — hätten wir sie allein, wöge sie mit ihrem Scherzen und Lachen zehn andere auf! Da sieht man: Nichts auf der Welt ist vollkommen." Nach diesen Worten seufzte sie unwillkürlich auf und befahl dann, man solle ihr einen großen Becher bringen und mit heißem Wein füllen. Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Heute seid Ihr wieder mit Eurem Sohn vereint, und das ist doch schöner als in den vergangenen Jahren. Damals mochten wir Frauen zwar zahlreicher sein, aber das ist doch nicht dasselbe, als wenn die engste Familie vollzählig beisammen ist." Die Herzoginmutter [贾母] erwiderte lächelnd: „Eben darum bin ich ja so vergnügt und will aus einem großen Becher trinken! Ihr solltet es ebenso machen." So ließen sich auch Frau Xíng [邢夫人] und die anderen größere Becher reichen. Doch da die Nacht schon weit fortgeschritten war und die Körper müde, vertrugen sie kaum noch etwas und waren unvermeidlich schläfrig geworden. Weil aber die Herzoginmutter [贾母] noch in bester Stimmung war, mussten sie wohl oder übel mittrinken.

Nun ließ die Herzoginmutter [贾母] auch noch Filzmatten auf den Treppenstufen ausbreiten und befahl, die Mondkuchen, Melonen und Obstteller alle dort unten aufzustellen, damit sich auch die Dienerinnen und Mägde ringsherum setzen und den Mond bewundern konnten. Da die Herzoginmutter [贾母] sah, dass der Mond nun mitten am Himmel stand und noch lieblicher und bezaubernder strahlte als zuvor, sagte sie: „Bei so einem herrlichen Mond muss man Flötenklänge hören!" Und sie ließ die Mädchen des Zehnerorchesters rufen. Dann aber sagte sie: „Wenn es zu viele Instrumente sind, geht das Erlesene verloren. Wir brauchen nur die Flötenspielerin — sie soll von ferne die Querflöte blasen, das genügt." Kaum hatte sie das gesagt und die Flötenspielerin sich aufgemacht, erschien eine Dienerin aus dem Gefolge der Frau Xíng [邢夫人] und flüsterte ihrer Herrin etwas zu. Die Herzoginmutter [贾母] fragte: „Was ist denn los?" Die Dienerin berichtete: „Der ältere gnädige Herr [贾赦] ist beim Hinausgehen über einen Stein gestolpert und hat sich den Fuß verstaucht." Sogleich schickte die Herzoginmutter [贾母] zwei alte Dienerinnen, um nach ihm zu sehen, und forderte auch Frau Xíng [邢夫人] auf, rasch nach Hause zu fahren. Frau Xíng [邢夫人] verabschiedete sich und ging. Die Herzoginmutter [贾母] sagte noch: „Auch Juwels [贾珍] Frau kann bei der Gelegenheit gleich nach Hause fahren — ich lege mich ohnehin bald schlafen." Frau Yóu [尤氏] wehrte lächelnd ab: „Heute fahre ich nicht nach Hause! Ich will unbedingt mit der alten Ahnin die ganze Nacht durchzechen." Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Das geht nicht, das geht nicht! Als junges Ehepaar müsst ihr in dieser Nacht zusammen sein — wie könntest du das meinetwegen versäumen?" Frau Yóu errötete und erwiderte lächelnd: „Was die alte Ahnin da sagt, ist kaum auszuhalten! Wir sind zwar noch jung, aber schon über zehn Jahre verheiratet und gehen auf die Vierzig zu. Zudem ist unsere Trauerzeit noch nicht abgelaufen. Euch eine Nacht lang Gesellschaft zu leisten, das geht wohl an — aber mich zum Vergnügen mit meinem Mann zusammenzutun, das schickt sich nicht." Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Du hast ganz recht! Ich hatte völlig vergessen, dass eure Trauerzeit noch nicht vorüber ist. Es sind ja schon mehr als zwei Jahre, seit dein Schwiegervater verstorben ist — das hatte ich nicht bedacht. Zur Strafe trinke ich einen großen Becher! Wenn das so ist, brauchst du sie nicht hinauszubegleiten, bleib nur bei mir. Aber sag Jungs [贾蓉] Frau, sie soll sie hinausbringen und dann gleich selbst nach Hause fahren." Frau Yóu gab das weiter, und Jung Kaufmanns [贾蓉] Frau sagte „Jawohl", begleitete Frau Xíng [邢夫人] hinaus bis zum Haupttor, wo jede in ihren Wagen stieg und nach Hause fuhr. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Nun führte die Herzoginmutter [贾母] die Verbliebenen noch einmal zu den Osmanthus-Sträuchern, an denen sie sich ein Weilchen erfreuten. Dann kehrten sie an die Tafel zurück und ließen frisch gewärmten Wein auftragen. Gerade als sie so plauderten, erklang plötzlich und unvermutet von drüben, im Schatten der Osmanthus-Bäume, die Querflöte — bald schluchzend und klagend, bald schwellend und getragen. Im Zusammenspiel mit dem hellen Mond und der klaren Luft, dem weiten Himmel und der stillen Erde löste diese Musik mit einem Mal alle Kümmernisse der Herzen und ließ zehntausend Sorgen verschwinden. Jeder saß andächtig und regungslos auf seinem Platz und genoss es in Schweigen. Erst als die Musik nach einer Weile — die man brauchte, um zwei Schalen Tee zu trinken — wieder verstummte, spendeten alle nicht enden wollendes Lob.

Daraufhin wurde erneut warmer Wein eingeschenkt, und die Herzoginmutter [贾母] fragte lächelnd: „Hat das nicht wahrhaftig gut geklungen?" Alle antworteten lächelnd: „Es war in der Tat ein wahrer Genuss! Wir hätten nicht gedacht, dass es so schön sein könnte. Es bedurfte wirklich Eurer Anregung, alte gnädige Frau, damit auch uns ein wenig das Herz aufging." Die Herzoginmutter [贾母] sagte: „Es war noch gar nicht das Beste. Wenn wir ein Stück wählen, das möglichst langsam ist, klingt es noch schöner." Dann befahl sie, der Flötenspielerin einen von den mit Melonenkernen bestreuten und mit Zirbelkernen gefüllten Mondkuchen aus der Kaiserlichen Hofbäckerei zu bringen, wie sie selbst sie aß, dazu einen großen Becher heißen Wein. Die Flötenspielerin solle in aller Ruhe essen und trinken und dann noch eine ganze Melodie fein und leise blasen. Die Frauen sagten „Jawohl" und waren eben dabei, das Geschenk hinauszutragen, als die beiden alten Dienerinnen zurückkehrten, die zu Jiǎ Shè [贾赦] geschickt worden waren. Sie meldeten: „Am rechten Fußrücken hat der gnädige Herr eine weiße Schwellung. Er hat Medizin eingenommen, der Schmerz hat nachgelassen, und es ist nicht weiter von Belang." Die Herzoginmutter [贾母] nickte und sagte dann seufzend: „Ich mache mir wirklich zu viele Sorgen! Dabei behauptet er nicht mehr und nicht weniger, als dass ich in meinen Gefühlen einseitig sei — und ich kümmere mich trotzdem so um ihn." Dann erzählte sie Frau Wáng [王夫人], Frau Yóu und den anderen den Schwank nach, den Jiǎ Shè [贾赦] vorhin zum Besten gegeben hatte. Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd beschwichtigend auf sie ein: „Das hat er doch nur aus Versehen erzählt, als alle schon Wein getrunken hatten und scherzten. So etwas kommt vor. Er würde doch nicht wagen, dabei Euch im Sinn zu haben! Ihr solltet das nicht so ernst nehmen, alte gnädige Frau." Da kam Mandarinenente [鸳鸯] mit einer weichen Kapuze und einem großen Umhang und sagte: „Es ist schon spät in der Nacht, bald fällt der Tau, und der Wind bläst Euch um den Kopf. Ihr müsst das hier umnehmen. Und wenn Ihr noch ein Weilchen sitzt, solltet Ihr schlafen gehen." Die Herzoginmutter [贾母] schmollte: „Kaum dass ich mich einmal freue, kommst du, um mich zu mahnen! Bin ich vielleicht betrunken? Jetzt bleibe ich erst recht, bis es hell wird!" Und sie befahl, man solle frischen Wein einschenken. Zugleich aber zog sie sich auch die Kapuze über und hüllte sich in den Umhang. Alle tranken zur Gesellschaft mit und erzählten einige Scherze. Da erklangen aus dem Schatten der Osmanthus-Bäume erneut Flötenklänge — schluchzend und zart, schwebend und fein —, wirklich noch einsamer und wehklagender als zuvor.

Alle saßen reglos. In der stillen Nacht, beim klaren Mondschein, und dazu die klagenden Flötenklänge — da war es kein Wunder, dass die alte Herzoginmutter [贾母], zumal sie Wein getrunken hatte, im Innersten gerührt wurde und unwillkürlich zu weinen begann. Auch allen anderen wurde bei dieser Stimmung bang und einsam ums Herz. Erst nach einer geraumen Weile bemerkten sie, dass die Herzoginmutter [贾母] in Kummer versunken war. Hastig wandten sie sich ihr zu, sprachen lächelnd auf sie ein und versuchten, ihre Trauer zu zerstreuen. Zugleich verlangten sie nach warmem Wein und ließen die Flötenspielerin aufhören. Frau Yóu sagte lächelnd: „Ich weiß auch einen Schwank — den will ich der alten gnädigen Frau zur Aufheiterung erzählen." Die Herzoginmutter [贾母] zwang sich ein Lächeln ab: „Um so besser — erzähl ihn schnell!" Frau Yóu begann: „Es war einmal eine Familie, die hatte vier Söhne. Der älteste hatte nur ein Auge, der zweite nur ein Ohr, der dritte nur ein Nasenloch. Der jüngste war zwar körperlich nicht missgestaltet — aber er war stumm." Doch gerade als sie so weit gekommen war, bemerkte sie, dass der Herzoginmutter [贾母] die Augen zufielen und sie wie einzuschlafen schien. Frau Yóu hielt sofort inne, und gemeinsam mit Frau Wáng [王夫人] sprach sie die Herzoginmutter [贾母] leise an, um sie zu wecken. Die Herzoginmutter [贾母] öffnete die Augen und sagte lächelnd: „Ich bin gar nicht müde — ich hatte die Augen nur zugemacht, um sie ein wenig auszuruhen. Erzählt nur weiter, ich höre zu." Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd auf sie ein: „Die vierte Nachtwache ist schon angebrochen, der Wind weht stark, und der Tau fällt reichlich. Geht doch bitte zur Ruhe, alte gnädige Frau! Morgen, am Sechzehnten, ist der Mond genauso schön — dann können wir ihn noch einmal genießen." Die Herzoginmutter [贾母] fragte: „Wie kann denn schon die vierte Nachtwache angebrochen sein?" Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Es ist wirklich schon so weit. Die Mädchen konnten es nicht mehr aushalten und sind alle schlafen gegangen." Die Herzoginmutter [贾母] sah sich nun aufmerksam um, und tatsächlich — alle waren schon fort, nur Tànchūn [探春] war noch da. Sie sagte lächelnd: „Nun gut. Ihr seid das Durchhalten nicht gewohnt, zumal die einen schwächlich und die anderen krank sind — es ist besser so, dann mache ich mir nicht noch Sorgen um euch. Nur die arme Tànchūn [探春] harrt noch immer aus. Geh du auch — wir brechen auf." Mit diesen Worten stand sie auf, trank einen Schluck klaren Tee und setzte sich dann in den bereitstehenden Bambustragstuhl, in den Umhang gehüllt. Zwei alte Dienerinnen hoben den Tragstuhl auf, und die Herzoginmutter [贾母] wurde, von allen umringt, aus dem Garten getragen. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Die verbliebenen Frauen räumten nun Becher, Teller und Schüsseln zusammen und bemerkten dabei, dass ein feines Teeschälchen fehlte. Sie suchten es überall vergeblich, dann wandte sich die für das Geschirr Zuständige an die anderen: „Bestimmt hat es jemand fallen lassen und zerbrochen! Sagt mir, wohin ihr die Scherben getan habt, damit ich sie vorzeigen kann — sonst heißt es wieder, ich hätte das Schälchen gestohlen." Die anderen sagten: „Bei uns ist nichts zu Bruch gegangen. Vielleicht hat jemand aus dem Gefolge der gnädigen Fräulein es zerbrochen — das kann man nicht wissen. Überleg noch einmal genau, oder geh und frag sie." Das brachte die Zuständige auf die richtige Spur, und lächelnd sagte sie: „Tatsächlich — jetzt erinnere ich mich! Cuìlǚ [翠缕] hatte das Schälchen in der Hand. Ich werde sie fragen." Damit machte sie sich auf den Weg, und als sie den befestigten Pfad hinunterkam, begegneten ihr dort Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕]. Cuìlǚ [翠缕] fragte: „Die alte gnädige Frau ist schon aufgebrochen — wisst Ihr, wohin unser Fräulein gegangen ist?" Die Dienerin erwiderte: „Ich bin hergekommen, um nach einem Teeschälchen zu fragen — und ihr fragt mich nach eurem Fräulein!" Cuìlǚ [翠缕] sagte lächelnd: „Ich hatte dem Fräulein gerade Tee eingeschenkt — und als ich mich einen Augenblick umdrehte, war das Fräulein samt Teeschale verschwunden." Die Dienerin sagte: „Eben hat die gnädige Frau gesagt, die Fräulein seien alle schlafen gegangen. Du hast dich wohl irgendwo herumgetrieben und es nicht mitbekommen." Cuìlǚ [翠缕] wandte sich an Purpurkuckuck [紫鹃]: „Es ist völlig ausgeschlossen, dass sie sich klammheimlich schlafen gelegt hat — wahrscheinlich ist sie irgendwo spazieren gegangen. Vielleicht ist sie, als die alte gnädige Frau aufbrach, rasch nach vorne geeilt, um sie hinauszubegleiten. Lasst uns dort suchen! Wenn wir das Fräulein finden, findet sich natürlich auch dein Teeschälchen wieder an. Morgen früh ist immer noch Zeit genug — wozu die Eile?" Die Dienerin sagte lächelnd: „Wenn ich jetzt weiß, wo es geblieben ist, brauche ich mich nicht mehr zu beeilen. Morgen werde ich mir das Schälchen von dir geben lassen." Damit ging sie zurück, um weiter das Geschirr zusammenzusammeln. Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] aber machten sich auf den Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter [贾母]. Doch davon soll hier zunächst nicht die Rede sein.

In Wirklichkeit waren Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] keineswegs schlafen gegangen. Da so viele Angehörige des Hauses den Vollmond bewunderten und die Herzoginmutter [贾母] dennoch klagte, es seien zu wenige und es ginge nicht mehr so lebhaft zu wie einst — und weil sie auch die Schwestern Xuē [薛] erwähnt hatte, die daheim im Kreis ihrer Angehörigen den Mond genossen —, hatte Kajaljade [黛玉] der Kummer überrascht. Sie war fortgegangen, hatte sich auf eine Balustrade gestützt und leise geweint. Schatzjade [宝玉] hatte in letzter Zeit wegen Qíngwéns [晴雯] schwerer Krankheit für nichts mehr Interesse aufbringen können, und als Frau Wáng [王夫人] ihn wieder und wieder zum Schlafengehen ermahnt hatte, war er wirklich gegangen. Ebenso wenig stand Tànchūn [探春] der Sinn nach Vergnügungen — sie hatte sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten ärgern müssen. Zwar waren noch Yíngchūn [迎春] und Xīchūn [惜春] da, doch mit ihnen hatte sich Kajaljade [黛玉] nie sonderlich gut verstanden.

So war Xiangfluss-Wolke [湘云] die Einzige, die ihr gut zuredete. Sie sagte: „Du bist doch ein verständiger Mensch — warum quälst du dich selbst auf diese Weise? Mir ergeht es genauso wie dir, und trotzdem bin ich nicht so kopfhängerisch. Außerdem bist du so oft krank — du solltest dich schonen! Es ist schon ärgerlich genug, dass die Schwester Schatzspange [宝钗] tagelang von nichts anderem geredet hat als davon, wie wir alle zusammen zum Mittherbstfest den Mond bewundern und unseren Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam Verse zu verfassen — und jetzt, wo es soweit ist, lässt sie uns allein und genießt den Mond anderswo! Der Bund ist zerfallen, und kein Gedicht wird geschrieben. Stattdessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen nach Belieben das Feld beherrscht. Weißt du nicht, was Kaiser Tàizǔ der Sòng [宋太祖] gesagt hat: ‚Wie kann man neben dem eigenen Lager einen Fremden schnarchen lassen?' Wenn die anderen nicht dichten, dichten wir beiden eben allein und beschämen sie morgen damit!"

Da Kajaljade [黛玉] sah, wie Xiangfluss-Wolke [湘云] sich bemühte, sie aufzuheitern, wollte sie deren Eifer nicht enttäuschen, und sagte lächelnd: „Hier, wo alles so laut durcheinanderschreit — wie soll man da in Dichterlaune kommen?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Den Mond hier oben auf dem Berg zu genießen ist zwar schön, aber am Wasser ist es noch viel schöner! Du weißt doch, dass unten am Fuß dieses Hügels das Teichufer liegt. In der Einbuchtung des Berges, nahe am Wasser, steht die Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]. Schon daran kann man erkennen, wie viel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens eingeflossen ist: Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung [凸碧], und die Senke am Fuß, nahe dem Wasser, heißt Kristallklare Vertiefung [凹晶]. Diese beiden Schriftzeichen tū [凸] und āo [凹] sind seit jeher äußerst selten verwendet worden. Wenn man sie hier geradewegs als Namen für Gebäude nimmt, wirken sie umso neuartiger und keineswegs abgegriffen. Man erkennt sofort, dass die beiden Stätten einander gegenüberliegen — eine oben, die andere unten; eine hell, die andere dunkel; eine hoch, die andere niedrig; eine ein Berg, die andere ein Gewässer. Offensichtlich wurden sie eigens zum Genuss des Mondes angelegt. Wer die Berghöhe liebt und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher; und wer den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin. Dass diese beiden Zeichen so selten verwendet werden, liegt allein daran, dass sie im Volkmund als wā und gǒng ausgesprochen werden — was als vulgär gilt. Das Zeichen āo hat nur Lù Yóu [陆放翁] gebraucht, als er schrieb: ‚In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.' Und selbst dafür hat man ihm Vulgarität vorgeworfen — ist das nicht zum Lachen?"

Kajaljade [黛玉] erwiderte: „Nicht nur Lù Yóu hat dieses Zeichen gebraucht — unter den Alten gibt es zahllose Beispiele. Da sind etwa Jiāng Yāns [江淹] ‚Rhapsodie über das grüne Moos', Dōngfāng Shuòs [东方朔] ‚Schrift der göttlichen Seltsam keiten' oder die Geschichte von Zhāng Sēngyáo [张僧繇], der das Kloster Yìchéng malte, wie sie in den ‚Aufzeichnungen über die Malkunst' erzählt wird — sie lassen sich gar nicht alle aufzählen! Nur weil die Leute von heute nichts davon wissen, halten sie die Zeichen für vulgär. Um es dir offen zu sagen: Diese beiden Namen habe ich selbst erdacht! Weißt du noch, als man damals Schatzjade [宝玉] auf die Probe stellte? Er entwarf die Namen für einige Gebäude — manche wurden übernommen, manche abgeändert, und für manche fehlten noch die Bezeichnungen. Später haben wir alle zusammen auch die noch namenlosen Stellen benannt, haben die Quellen vermerkt, die Lage der Gebäude beschrieben und alles der ältesten Schwester [元春] zur Ansicht gebracht. Sie ließ es wieder heraustragen und dem Onkel [贾政] zeigen. Und der war so angetan, dass er sagte: ‚Hätte ich das gewusst, hätte ich damals gleich die Schwestern alle zusammen die Namen ersinnen lassen — das wäre noch viel hübscher gewesen!' Darum sind alle Namen, die ich erdacht habe, ohne ein einziges Wort zu ändern übernommen worden. Gehen wir jetzt also hinunter zur Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]."

So stiegen die beiden gemeinsam den Hang hinab. Gleich nach der ersten Biegung waren sie schon am Teichufer. Dort lief ein Bambusgeländer am Ufer entlang bis hinüber zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭]. Die wenigen Gebäude hier lagen im Schutz der Bergflanke — es war der Rückzugsort der Bergvilla Jadegrüne Erhebung [凸碧山庄]. Weil die Stelle niedrig lag und nahe am Wasser, trug sie über dem Eingang die Aufschrift „Herberge Kristallklare Vertiefung am Bach" [凹晶溪馆]. Da hier nur wenige und zudem kleine, niedrige Räume standen, waren lediglich zwei alte Frauen zur Nachtwache abgestellt. Heute hatte man ihnen gesagt, dass oben an der Bergvilla Dienst war und es sie nichts angehe — also hatten die beiden ihre zugeteilten Mondkuchen, Früchte und den Festschmaus aufgeteilt, sich satt und trunken gegessen, die Lampen gelöscht und sich schlafen gelegt.

Als Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] sahen, dass die Lichter erloschen waren, sagte Xiangfluss-Wolke [湘云] lächelnd: „Dass die beiden schon schlafen, passt uns gut! Setzen wir uns hier unter das Wellblechdach, nahe am Wasser, und genießen den Mond — wie wäre das?" Die beiden ließen sich auf zwei runden Hockern aus geflecktem Xiāngfēi-Bambus nieder. Am Himmel strahlte ein einziger heller Mond, und im Teich spiegelte sich ein zweiter — oben und unten um die Wette leuchtend, als befänden sie sich in einem Kristallpalast der Wassergöttinnen. Ein leiser Windhauch kräuselte die Teichoberfläche zu jadegrünen Wellen — wahrlich, Geist und Sinne wurden davon vollkommen klar und rein. Xiangfluss-Wolke [湘云] seufzte lächelnd: „Wie schön wäre es, jetzt in einem Boot auf dem Wasser zu sitzen und Wein zu trinken! Wäre ich daheim bei uns, würde ich sofort ein Boot besteigen." Kajaljade [黛玉] lächelte: „Wie es die Alten so treffend gesagt haben: ‚Wer alles vollkommen haben will, dem bleibt keine Freude.' Sag ich doch — das hier ist schon gut genug! Warum musst du auch noch Boot fahren wollen?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Sehnsüchte haben, obwohl man schon viel besitzt — das liegt in der Natur des Menschen! Die alten Leute haben schon recht: Wer arm ist, bildet sich ein, bei den Reichen sei alles nach Wunsch, und wenn man ihm sagt, dass dem keineswegs so ist, will er es nicht glauben. Erst wenn er es selbst erlebt, begreift er es. Nimm nur uns beide: Unsere Eltern sind zwar nicht mehr am Leben, doch immerhin leben wir im Wohlstand — und dennoch haben wir so manches, das nicht nach unserem Herzen ist." Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Nicht nur wir beide können nicht alles nach Herzenslust haben. Selbst die Herzoginmutter [贾母], die gnädige Frau [王夫人], ja selbst Schatzjade [宝玉] und Tànchūn [探春] — ob es um Großes oder Kleines geht, ob mit Recht oder ohne Recht: Dass keiner alles nach seinem Willen haben kann, das liegt an ein und demselben Gesetz. Wie viel mehr noch gilt das für uns beide, die wir nur Gäste und Besucher sind!" Als Xiangfluss-Wolke [湘云] das hörte, befürchtete sie, Kajaljade [黛玉] könnte wieder in Schwermut verfallen, und sagte rasch: „Lass uns nicht länger müßig reden — lieber dichten wir zusammen!"

Gerade als sie das sagte, erhob sich wieder der Klang der Flöte, getragen und fern. Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Heute sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau offenbar bester Laune gewesen — die Flöte klingt wirklich bezaubernd und regt auch uns an. Wir mögen beide die fünfsilbigen Verse — bleiben wir also beim fünfsilbigen Kettengedicht[2]." Xiangfluss-Wolke [湘云] fragte: „Welcher Reim?" Kajaljade [黛玉] lachte: „Lass uns die senkrechten Stäbe dieses Geländers zählen — von diesem Ende bis zu jenem. Auf welche Zahl es fällt, den entsprechenden Reim nehmen wir. Wenn es sechzehn Stäbe wären, dann der Reim ‚yī xiān'. Ist das nicht originell?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist wirklich ausgefallen!" Sie standen beide auf und zählten vom einen Ende zum anderen — es waren dreizehn Stäbe. Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Ausgerechnet ‚shí sān yuán'! Das ist ein Reim mit wenigen Wörtern — bei einem Kettengedicht ist es schwer, sie alle unterzubringen. Du fängst wohl besser an." Kajaljade [黛玉] lachte: „Versuchen wir einmal, wer von uns stärker ist — nur haben wir kein Papier und keinen Pinsel, um alles aufzuschreiben." Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das macht nichts — morgen können wir es niederschreiben. Soviel Gedächtnis werden wir wohl noch haben!" Kajaljade [黛玉] sagte: „Dann fange ich mit einer fertigen Redensart an." Und sie rezitierte:

Die Nacht des fünfzehnten im achten Monat — (三五中秋夕)

Xiangfluss-Wolke [湘云] dachte einen Moment nach und fuhr fort: Heiter lustmandeln, als wär es Laternenfest. / Sterne funkeln, über den Himmel verstreut — (清游拟上元 / 撒天箕斗灿)

Kajaljade [黛玉] lachte und setzte fort: Überall klingen Saiten und Flöten. / Mancherorts fliegen die Becher wild — (匝地管弦繁 / 几处狂飞盏)

Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „‚Mancherorts fliegen die Becher wild' — das hat etwas! Da muss die Gegenzeile gut werden." Sie dachte nach und fuhr lächelnd fort: Bei wem stünde das Fenster nicht offen? / Ein leichter, schneidender Wind — (谁家不启轩 / 轻寒风剪剪)

Kajaljade [黛玉] lobte: „Deine Gegenzeile ist besser als meine Vorlage. Aber im unteren Vers fällst du in Gemeinplätze zurück — jetzt müsstest du eigentlich aufdrehen." Xiangfluss-Wolke [湘云] entgegnete: „Ein Gedicht mit vielen Versen und schwierigen Reimen braucht auch breite Ausschmückung. Die guten Einfälle hebe ich mir für später auf." Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn dann später nichts Gutes kommt, will ich doch sehen, ob du dich nicht schämst!" Und sie fuhr fort: Die milde Nacht strahlt in warmem Glanz. / Um Mondkuchen zanken sich die Grauköpfe — (良夜景暄暄 / 争饼嘲黄发)

Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Diese Zeile taugt nichts — das ist dein eigenes Machwerk! Du nimmst Alltagsdinge, um es mir schwer zu machen." Kajaljade [黛玉] lachte: „Da zeigt sich, dass du nicht genug gelesen hast! Mondkuchen essen ist ein alter Brauch — schau erst im Buch der Táng nach, dann rede!" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist nicht zu schwer für mich — ich habe schon etwas!" Und sie fuhr fort: Beim Meloneteilen lachen die jungen Schönen. / Frisch duftet der herrliche Zimtbaum — (分瓜笑绿媛 / 香新荣玉桂)

Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Melone teilen' — das ist nun wirklich dein eigenes Machwerk!" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Morgen schlagen wir alles nach und legen es allen vor — jetzt verschwenden wir keine Zeit damit." Kajaljade [黛玉] lachte: „Mag sein. Aber die untere Zeile ist auch nicht besser — du brauchst doch nicht gleich ‚Jadezimtbaum' und ‚Goldorchidee' als Lückenfüller zu nehmen." Und sie fuhr fort: In satten Farben gedeiht der goldene Himmelsblumenkohl. / Kerzenschein erhellt das prächtige Festmahl — (色健茂金萱 / 蜡烛辉琼宴)

Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Goldener Himmelsblumenkohl' — damit hast du es billig gehabt, da brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen! So einen mundgerechten Reim zu erwischen! Außerdem hast du in der unteren Zeile auch nur Lücken gefüllt." Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn du nicht ‚Jadezimtbaum' gesagt hättest, hätte ich doch nicht ‚Goldener Himmelsblumenkohl' dagegenstellen müssen! Ein wenig prachtvolle Ausschmückung muss schon sein — schließlich malen wir das, was wir tatsächlich sehen." So fügte sich Xiangfluss-Wolke [湘云] und dichtete weiter: Becher und Trinkgeschirr durcheinander im geschmückten Garten. / Die Trinkrunde ehrt ein einziges Gebot — (觥筹乱绮园 / 分曹尊一令)

Kajaljade [黛玉] lachte: „Die untere Zeile ist gut — nur schwer dagegenzuhalten." Sie dachte nach und fuhr fort: Im Ratespiel lauscht man dem dreifachen Ausruf. / Die Würfel glühen in roten Punkten — (射覆听三宣 / 骰彩红成点)

Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Dreifacher Ausruf' — das hat Witz! Aus dem Gewöhnlichen etwas Feines zu machen! Nur fängst du unten wieder mit Würfeln an." Sie dichtete rasch weiter: Die Blume wird weitergereicht zu wildem Trommelschlag. / Helles Licht wiegt die Hofgebäude — (传花鼓滥喧 / 晴光摇院宇)

Kajaljade [黛玉] lachte: „Das Gegenstück ist gut. Aber unten bist du wieder abgeglitten — immer nur Wind und Mond als Lückenbüßer." Xiangfluss-Wolke [湘云] verteidigte sich: „Wir haben den Mond noch gar nicht richtig besungen — man muss ihn doch irgendwo erwähnen, sonst verfehlen wir das Thema." Kajaljade [黛玉] sagte: „Lassen wir es vorläufig stehen — morgen feilen wir daran." Und sie fuhr fort: Schlichter Glanz verbindet Himmel und Erde. / Belohnung und Strafe kennen keinen Gastgeber — (素彩接乾坤 / 赏罚无宾主)

Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Warum wieder die anderen? Lieber sollten wir von uns sprechen." Und sie dichtete: Verse dichten in der Reihe der Geschwister. / In Gedanken versunken, lehnt man am Geländer — (吟诗序仲昆 / 构思时倚槛)

Kajaljade [黛玉] sagte: „Jetzt können wir uns selbst hineinbringen." Und sie fuhr fort: Den Anblick erwägend, stützt man sich ans Tor. / Der Wein ist leer, doch das Gefühl währt fort — (拟景或依门 / 酒尽情犹在)

Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Es ist soweit." Und sie dichtete: Die Nachtwache schwindet, die Freude ist vergessen. / Allmählich verstummen Stimmen und Lachen — (更残乐已谖 / 渐闻语笑寂)

Kajaljade [黛玉] sagte: „Jetzt wird es mit jedem Schritt schwieriger." Und sie fuhr fort: Leer bleiben nur die Spuren von Schnee und Reif. / Tau sammelt sich um Morgenpilze auf den Stufen — (空剩雪霜痕 / 阶露团朝菌)

Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Wie soll ich da den Reim unterbringen? Lass mich nachdenken." Sie stand auf, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und überlegte einen Moment. Dann lachte sie: „Geschafft! Beinahe hätte ich aufgeben müssen — aber gerade noch ein Wort gefunden!" Und sie dichtete: Abenddunst hüllt die Schlafbäume im Hof ein. / Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei — (庭烟敛夕棔 / 秋湍泻石髓)

Als Kajaljade [黛玉] das hörte, sprang sie unwillkürlich auf, rief „Großartig!" und sagte: „Du durchtriebener kleiner Geist! Tatsächlich hast du dir das Beste aufgespart! Erst jetzt sagst du ‚Schlafbaum' — man muss erst einmal darauf kommen!" Xiangfluss-Wolke [湘云] erklärte: „Glücklicherweise habe ich gestern in einer Anthologie der Literaturen aller Dynastien dieses Zeichen gesehen und wusste nicht, was für ein Baum das ist — also wollte ich es nachschlagen. Da sagte die Schwester Schatzspange [宝钗], ich brauche nicht nachzuschlagen: Das sei der Baum, den man heute im Volksmund ‚Öffne dich am Tag, schließe dich bei Nacht' nenne. Ich glaubte es ihr nicht und schlug trotzdem nach — und tatsächlich hatte sie recht! Die Schwester Schatzspange [宝钗] weiß wirklich erstaunlich viel." Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Schlafbaum' passt hier ausgezeichnet — das mag noch hingehen. Aber ‚Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei' — wie bist du nur darauf gekommen! Diese eine Zeile allein übertrifft alles andere. Jetzt muss ich mich zusammenreißen und etwas dagegenstellen — doch so gut wie diese Zeile wird es nicht mehr werden." Sie dachte einen Moment nach und sagte: Windblätter sammeln sich an den Wolkenwurzeln. / Stern der Muttergöttin — einsam und rein in seinem Gefühl — (风叶聚云根 / 宝婺情孤洁)

Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das Gegenstück ist auch nicht schlecht. Nur bist du unten wieder abgedriftet — zum Glück ist es ein Gefühl inmitten der Szenerie und nicht nur plumpes Lückenstopfen mit ‚Stern der Muttergöttin'." Und sie fuhr fort: Silberkröte atmet ein und aus. / Elixier gestampft vom geisterhaften Hasen — (银蟾气吐吞 / 药经灵兔捣)

Kajaljade [黛玉] schwieg, nickte nur und rezitierte nach langem Nachdenken: Die Menschen eilen zum Eisigen Palast. / Die Sterne Niú und Nǚ frevelnd herausfordern — (人向广寒奔 / 犯斗邀牛女)

Xiangfluss-Wolke [湘云] blickte zum Mond auf, nickte ebenfalls und fuhr fort: Auf dem Floß den Enkel des Kaisers erwarten. / Der Kreis des Mondes mag nicht stillstehen — (乘槎待帝孙 / 虚盈轮莫定)

Kajaljade [黛玉] lachte: „Schon wieder eine Allegorie!" Und sie fuhr fort: In dunklen und hellen Phasen besteht der Geistleib fort. / Der Tropfen der Wasseruhr versiegt bald — (晦朔魄空存 / 壶漏声将涸)

Gerade als Xiangfluss-Wolke [湘云] den nächsten Vers dichten wollte, zeigte Kajaljade [黛玉] auf einen dunklen Schatten im Teich und sagte: „Sieh nur — was ist dort im Wasser? Ein dunkler Schatten bewegt sich — ist das etwa ein Geist?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Da siehst du schon wieder Gespenster! Ich fürchte mich nicht vor Geistern — warte, ich werfe etwas nach ihm!" Sie bückte sich, hob einen flachen Stein auf und warf ihn in den Teich. Es platschte, und ein großer Kreis breitete sich auf dem Wasser aus, der das Mondspiegelbild zerteilte — mehrmals zerfloss es und sammelte sich wieder. Da erhob sich aus dem schwarzen Schatten mit lautem Krächzen ein großer weißer Kranich und flog geradewegs zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭] hinüber. Kajaljade [黛玉] lachte: „Es war also der Kranich! So plötzlich hätte ich nicht daran gedacht — ich habe mich wirklich erschreckt." Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Dieser Kranich ist mir höchst willkommen — er hat mir geholfen!" Und sie dichtete: Der Lampenschein am Fenster ist schon trübe. / Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich — (窗灯焰已昏 / 寒塘渡鹤影)

Kajaljade [黛玉] hörte das, rief wieder bewundernd aus und stampfte mit dem Fuß auf: „Das ist nicht zu überbieten! Der Kranich hat ihr wirklich geholfen! Diese Zeile ist noch besser als die ‚herbstlichen Stromschnellen' von vorhin. Was soll ich nur dagegen setzen? Auf ‚Schatten' [影] reimt sich nur ‚Seele' [魂]. ‚Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich' — so natürlich, so mühelos, so bildhaft und dabei so frisch! Am liebsten würde ich den Pinsel niederlegen." Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Denk in Ruhe nach, dann fällt dir schon etwas ein. Wenn nicht, können wir morgen weitermachen." Kajaljade [黛玉] blickte zum Himmel auf und schwieg, ohne auf sie einzugehen. Nach einer geraumen Weile lachte sie plötzlich: „Du brauchst nicht so großspurig zu reden — ich habe auch etwas! Hör zu!" Und sie setzte dagegen:

Ein kalter Mond begräbt die Seele einer Blume. (冷月葬花魂)

Xiangfluss-Wolke [湘云] klatschte in die Hände und rief: „Wirklich vollkommen! Nichts anderes hätte das aufwiegen können! ‚Die Seele einer Blume begraben' — großartig!" Dann aber seufzte sie: „Das Gedicht ist zwar originell, aber doch allzu niedergeschlagen. Du bist ohnehin krank — solch über die Maßen düstere und unheimliche Verse solltest du nicht schreiben." Kajaljade [黛玉] lachte: „Ohne solche Verse hätte ich dich nicht übertreffen können! Die nächste Zeile fehlt mir noch — ich habe meine ganze Kraft in diesen einen Vers gelegt."

Kaum hatte sie ausgesprochen, trat hinter den Felssteinen am Geländer jemand hervor und rief lächelnd: „Herrliche Verse! Wirklich herrliche Verse — aber in der Tat zu traurig! Hört lieber auf mit dem Weiterdichten. Wenn es so weitergeht, verblasst gerade dieses Verspaar, und es wirkt im Vergleich nur noch gesucht und aufgesetzt." Die beiden hatten das nicht erwartet und erschraken. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie niemand anderen als die Nonne Miàoyù[3]. Beide waren verblüfft und fragten: „Wie kommst du hierher?" Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich hörte, wie ihr alle den Mond bewundert und die Flöte so schön gespielt wird, und kam ebenfalls heraus, um den klaren Teich im hellen Mondschein zu genießen. Ohne es zu beabsichtigen, bin ich bis hierher gewandert. Als ich dann plötzlich euch beide dichten hörte, war es so erlesen und fein, dass ich stehenblieb und lauschte. Nur habe ich in eurem Gedicht einige Zeilen gehört, die zwar schön sind, aber doch allzu niedergeschlagen und trübsinnig klingen. Das steht in Zusammenhang mit dem Schicksal eines Menschen — deshalb bin ich herausgetreten, um euch Einhalt zu gebieten. Inzwischen hat sich die alte gnädige Frau längst zur Ruhe begeben, im ganzen Garten schlafen wohl alle tief und fest, und eure Zofen suchen euch bestimmt schon überall. Friert ihr denn nicht? Kommt schnell mit mir — in meine Klause, auf eine Tasse Tee! Es dürfte ohnehin bald dämmern." Kajaljade [黛玉] lachte: „Wer hätte gedacht, dass es schon so spät ist!"

So gingen die drei zusammen zur Klause der Smaragdgrünen Frische [栊翠庵]. Die Opferlichter in der Nische glühten noch bläulich, und der Weihrauch in der Räucherschale war noch nicht ganz verglommen. Die alten Dienerinnen schliefen bereits allesamt; nur ein kleines Mädchen nickte auf einem Meditationskissen sitzend mit hängendem Kopf vor sich hin. Miàoyù [妙玉] weckte es und schickte es los, frischen Tee aufzubrühen. Da klopfte es an der Tür. Das kleine Mädchen eilte hin und öffnete — draußen standen Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] mit mehreren alten Dienerinnen, die die beiden Fräulein suchten. Als sie hereinkamen und sie beim Teetrinken antrafen, sagten alle lachend: „Da haben wir aber lange suchen müssen! Den ganzen Garten haben wir durchwandert, sogar bei der Frau Tante [薛姨妈] haben wir nachgefragt. Zuletzt kamen wir zum kleinen Pavillon unten am Abhang, und dort waren gerade die Nachtwächterinnen aufgewacht. Wir fragten sie, und sie erzählten, draußen vor dem Pavillon unter dem Wellblechdach hätten vorhin zwei Personen gesprochen, dann sei eine dritte dazugekommen, und sie hätten gehört, wie die drei sagten, sie gingen zur Klause. Da wussten wir, dass ihr hier seid." Miàoyù [妙玉] wies das kleine Mädchen an, die Zofen und Dienerinnen in ein anderes Zimmer zu führen, wo sie sich bei Tee ausruhen konnten. Dann holte sie selbst Pinsel, Tusche, Papier und Reibstein hervor und bat die beiden, ihr die Verse vorzutragen, die sie soeben gedichtet hatten, und schrieb sie von Anfang an nieder. Kajaljade [黛玉], die Miàoyù [妙玉] heute in ungewöhnlich heiterer Stimmung sah, sagte lächelnd: „Noch nie habe ich dich so aufgeräumt erlebt. Ich wage es kaum, dich dreist um Belehrung zu bitten — aber könnte man dir wohl raten, etwas hinzuzufügen? Wenn es nichts taugt, verbrennen wir es einfach; wenn es einigermaßen brauchbar ist, bitte ich dich, es zu verbessern." Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich maße mir kein Urteil an. Nur so viel: Es sind jetzt zweiundzwanzig Reimpaare. Mein Eindruck ist, dass eure schlagenden Verse bereits gefunden sind — wenn ihr jetzt weiterdichtetet, fürchte ich, die Kraft reicht nicht mehr. Eigentlich möchte ich euch folgen und weiterdichten — doch ich scheue davor zurück, etwas Geringeres anzufügen." Kajaljade [黛玉] hatte noch nie gesehen, dass Miàoyù [妙玉] dichtete. Da sie sie heute so in Begeisterung sah, sagte sie rasch: „Wenn du wirklich etwas hinzufügst, wird selbst unser schwächerer Teil durch dich geadelt." Miàoyù [妙玉] sagte: „Zum Abschluss sollte man wieder zum eigentlichen Thema zurückkehren. Wenn wir nur immer weiter dem Seltsamen und Absonderlichen nachjagen und die wahren Gefühle und die Wirklichkeit beiseitelassen, dann verlieren wir erstens unsere weibliche Anmut und zweitens den Bezug zum Thema." Beide stimmten zu. Miàoyù [妙玉] ergriff den Pinsel und schrieb in einem einzigen Zug dreizehn Reimpaare nieder, die sie den beiden reichte: „Lacht mich nur nicht aus! Meiner Meinung nach muss es so sein, damit das Gedicht eine Wendung erfährt. Auch wenn im vorderen Teil niedergeschlagene und trübsinnige Zeilen stehen, tut das dann keinen Schaden mehr." Die beiden nahmen das Blatt und lasen ihre Fortsetzung:

Weihrauchzeichen verglühen im goldenen Dreifuß, / Schminke erstarrt wie Eis in der Jadeschale. Der Ton der Flöte steigert das Klagen der Witwe, / die Decke wärmt, von Dienerinnen umsorgt. Leere Vorhänge hängen, Phönixe gestickt, / müßige Schirme verhüllen bunte Mandarinenten. Der Tau dicht — das Moos noch glatter, / der Reif schwer — den Bambus kaum zu ertasten. Noch wandelt man am gewundenen Teich, / und steigt wieder die stille, weitläufige Ebene hinauf. Steine, seltsam — wie von Geistern und Göttern geformt, / Bäume, knorrig — wie lauernde Tiger und Wölfe. Durch lasttragende Schildkröten dringt das Morgenlicht, / in Gitterfenstern sammelt sich der Frühtau. Eintausend Vögel erschüttern den Wald, / ein einziger Affenruf hallt durch das Tal. Vertraute Pfade — wie könnte man den Weg vergessen? / Wer die Quelle kennt, braucht nicht nach dem Ursprung zu fragen. Die Glocke läutet an der Klause der Smaragdgrünen Frische, / der Hahn kräht im Dorf des Reisdufts. Wer wahre Freude empfindet, klagt über nichts, / wer ohne Sorgen ist, lässt sich durch nichts betrüben. Zarte Empfindungen zerstreut man nur selbst, / feinsinnige Freuden — wem könnte man sie mitteilen? Wacht durch bis zum Morgen, sprecht nicht von Müdigkeit — / brüht frischen Tee und redet noch ein Weilchen.

Darunter schrieb sie: „Kettengedicht am Mittelherbstabend, verfasst im Dàguānyuán, fünfunddreißig Reimpaare."

Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] lobten es in höchsten Tönen und sagten: „So sieht man, dass wir tagtäglich das Nahe übersehen und das Ferne suchen! Da haben wir eine solche Dichtergöttin direkt in unserer Mitte — und betreiben tagein, tagaus nur Papierstrategie." Miàoyù [妙玉] lachte: „Morgen feilen wir noch daran. Es dürfte bald dämmern — ihr solltet euch unbedingt ein wenig ausruhen." Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] hörten das, standen auf und verabschiedeten sich. Mit ihren Zofen gingen sie hinaus. Miàoyù [妙玉] begleitete sie bis vor die Tür und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwunden waren. Dann schloss sie die Tür und ging hinein. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Draußen sagte Cuìlǚ [翠缕] zu Xiangfluss-Wolke [湘云]: „Bei der älteren Schwägerin warten noch Leute, um uns zum Schlafen zu bringen. Wohin gehen wir jetzt?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Geh und sag ihnen, sie sollen schon schlafen. Wenn ich jetzt dorthin gehe, wecke ich nur die Kranke auf. Da störe ich lieber die Schwester Kajaljade [黛玉] und übernachte bei ihr." So gingen sie alle zusammen zum Xiāoxiāng-Pavillon [潇湘馆]. Die Hälfte der Dienerinnen war bereits eingeschlafen. Die beiden gingen hinein, legten ihren Schmuck und ihre Kleider ab, wuschen sich und gingen zu Bett. Purpurkuckuck [紫鹃] ließ den seidenen Vorhang herab, stellte die Lampe beiseite und schloss die Tür hinter sich. Xiangfluss-Wolke [湘云] hatte jedoch die Eigenart, nur in ihrem eigenen Bett schlafen zu können — so lag sie zwar auf dem Kissen, konnte aber nicht einschlafen. Und Kajaljade [黛玉], die ohnehin zu wenig Herzblut hatte und häufig an Schlaflosigkeit litt, war über den Punkt der Müdigkeit hinweggekommen und konnte nun natürlich auch nicht schlafen. Die beiden wälzten sich hin und her. Kajaljade [黛玉] fragte: „Bist du immer noch nicht eingeschlafen?" Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte leise lächelnd: „Ich bin wählerisch mit Betten — und außerdem bin ich über die Müdigkeit hinaus. Ich kann nur noch still daliegen. Und du — warum schläfst du auch nicht?" Kajaljade [黛玉] seufzte: „Dass ich nicht schlafen kann, ist keine Sache von heute. Im ganzen Jahr schlafe ich kaum zehn Nächte wirklich tief und satt." Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das liegt alles an deiner Krankheit, deshalb ..." Was sie weiter sagte — das bleibt an dieser Stelle unerzählt.


Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. 凸碧山庄 (Tūbì Shānzhuāng), wörtlich „Bergvilla der hervorragenden Jade-Erhebung“. Bildet ein Gegensatzpaar mit der Herberge Kristallklare Vertiefung (凹/凸, eingesenkt/erhaben).
  2. 联句 (liánjù), eine in China seit der Han-Dynastie beliebte Dichtform, bei der mehrere Dichter abwechselnd Verse zu einem gemeinsamen Gedicht beitragen.
  3. 妙玉 (Miàoyù), buddhistische Nonne aus vornehmer Familie, eine der zwölf Hauptfiguren (金陵十二钗) des Romans. Sie lebt in der Klause der Smaragdgrünen Frische (栏翠庵) im Garten der Großen Anschauung.