Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 99"

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(DE4 Korrektur-Update Kap. 99)
 
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Neunundneunzigstes Kapitel
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Pflichtgetreu im Amt — die üblen Diener umgehen die Regeln,
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_99|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_99|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Im Amtsblatt lesend — der alte Onkel gerät in Schrecken
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= Kapitel 99 =
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Wie berichtet, sah Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref>, dass die Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref> und Tante Schnee <ref>Chinesisch: 薛姨妈</ref> wegen Kajaljade <ref>Chinesisch: 黛玉</ref> traurig waren, und versuchte sie aufzumuntern: „Ich habe einen Witz für die Herzoginmutter und die Tante." Noch bevor sie den Mund aufmachte, lachte sie selbst schon los und sagte dann:
== 守官箴恶奴同破例 / 阅邸报老舅自担惊 ==
 
  
'''Gewissenlose Günstlinge nutzen die Tugend ihres Herren aus, um eine Vielzahl von Regeln zu brechenDjia Dschëng ist beunruhigt, als er den Namen seines Neffen Hsüä Pan in einer Bekanntmachung liest.'''
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„Die Herzoginmutter und die Tante werden sich fragen, woher der Witz stammt? Es geht um unser frisch vermähltes Paar hier im Haus!"
  
Wir haben in unserem vorhergehenden Kapitel erzählt, wie Hsi-fëng, die Herzoginmutter und Frau Hsüä, die wegen der Erwähnung von Dai-yüs Tod traurig waren, sich bemüht hatten, ihre Laune mit einem Witz zu bessern.
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Die Herzoginmutter fragte: „Was ist denn mit ihnen?"
Die Herzoginmutter und Frau Hsüä überlegten, über wen der Witz gehen könnte.
 
Hsi-fëng lachte und konnte kaum sprechen. „Wer sonst könnte es sein, als unser frisch verheiratetes Paar!“ –
 
„Nun, was ist mit ihnen?“, fragte die Herzoginmutter.
 
Hsi-fëng begann, mit der Hand zu gestikulieren. „Hier sitzt der eine, hier steht der andere... Einer dreht sich so, einer dreht sich so. Einer...“
 
Die Herzoginmutter unterbrach sie durch ein lautes Lachen.
 
„Um Himmels willen, mach’ mit der Geschichte weiter! Wenn wir dich weiter ansehen müssen, wäre es der Tod für uns alle!“ –
 
„Ja, bitte hör’ auf mit all dem Herumäffen“, sagte Frau Hsüä, und lachte trotzdem selbst, „und erzähl’ deine Geschichte weiter.“
 
Hsi-fëng begann wieder:
 
„Gerade eben ging ich durch die Gemächer Vetter Bau-yüs, als ich das Geräusch von Lachen hörte, welches von drinnen kam; und ich wunderte mich, wer es sein könnte, also lugte ich durch ein kleines Loch im Papierrahmen. Da saß Kusine Bau-tschai auf der Ecke des Ofenbetts, und Vetter Bau-yü stand vor ihr, ihren Ärmel haltend und flehte Kusine Bau an: „Oh, Kusinchen! Warum willst du nicht mit mir reden? Ein Wort von dir, und ich weiß, daß ich total geheilt wäre!“ Aber Kusine Bau drehte sich weg und schien keine Notiz von ihm zu nehmen, komme was wolle. Vetter Bau verbeugte sich vor ihr und kam dann noch näher und hielt ihr Kleid, welches Kusine Bau sofort von ihm wegzog. Wenn man weiß, wie wackelig Vetter Bau auf den Beinen ist, seit seiner letzten Krankheit – so kann man sich vorstellen, daß Vetter Bau, mit diesem Wegziehen, einfach genau auf Kusine Bau drauf stolperte! Kusine Bau wurde rot und schrie: „Du bist schlimmer denn je! Du hast keinen Rest Anstand!“
 
Darauf brachen beide, die Herzoginmutter und Frau Hsüä, wieder in Gelächter aus. Hsi-fëng fuhr fort: „Dann stand Vetter Bau auf und grinste. ‚Wenigtens habe ich dich dazu bekommen, mit mir zu reden!‘, sagte er.“ –
 
„Meine Tochter hat sicherlich ihre Marotten“, sagte Frau Hsüä, mit einem gut gelaunten Lächeln. „Nun, da sie verheiratet sind, spricht wirklich nichts gegen etwas harmlosen Spaß. Wenn sie ihren zweiten Vetter Liän sehen könnte und dich, meine Liebe, wenn ihr zwei loslegt.“
 
Hsi-fëng errötete.
 
„Also so was!“ protestierte sie lachend, „ich erzähle eine Geschichte, um euren Geist zu erheitern und ihr macht Witze auf meine Kosten.“ –
 
„Bau-tschai hat recht mit der Art, wie sie sich benimmt“, warf die Herzoginmutter mit einem Kichern ein. „Ich leugne nicht, daß eine Ehe auf Liebe zueinander gründen soll; aber es sollte immer in Maßen sein. Ich bin froh, daß Bau-tschai so einen Wert auf Anstand legt, und es macht mich traurig, daß Bau-yü noch immer so ein dummer Junge sein soll. Obwohl – aufgrund der Geschichten, die du mir erzählst, scheint es, daß er sich bessert. Nun – noch mehr Geschichten?“ –
 
„Bald wird es daran keinen Mangel mehr geben“, antwortete Hsi-fëng. „Wenn beide in einem Zimmer schlafen, könnte die Großmutter ein Enkelkind im Arm halten. Bis dahin haben wir noch viel zu lachen.“ –
 
„Du Affe!“, rief die Herzoginmutter, „der Gedanke an den Tod deiner Kusine Lin hat uns beide traurig gestimmt, und es war sehr wohl bedacht von dir, daß du uns aufheitern wolltest. Aber nun gehst du zu weit. Du fängst jetzt an, eine alte Wunde aufzukratzen. Du läßt uns deine Kusine Lin vergessen, solltest aber selbst nicht zuviel lachen. Deine Kusine hat dich gehaßt, wenn du später alleine im Garten spazieren gehst, hält sie dich fest und läßt dich nicht mehr gehen.“ –
 
„Unsinn! Sie haßt mich nicht. Bevor sie starb, hat sie die Zähne zusammengebissen und ihren Haß auf Bau-yü gerichtet“, konterte Hsi-fëng mit einem Lächeln.
 
Die Herzoginmutter und Frau Hsüä nahmen dies als einen weiteren Spaß von ihr, und ignorierten es: „Rede nicht so einen Unsinn! Geh nun und find jemanden, der einen glücklichen Tag für die Feier deines Vetters Bau-yü heraussucht.“ –
 
„Ja, Großmutter!“ Nach einer weiteren kleinen Unterhaltung ging Hsi-fëng ihres Weges. Sie suchte einen guten Tag heraus; am gewählten Tag feierte die Familie den ‚Vollzug‘ der Hochzeit von Bau-yü und Bau-tschai, unterhielten ihre Gäste mit einem Bankett und Theaterspielen. Aber in unserer Erzählung lassen wir weitere Einzelheiten aus.
 
Sie wendet sich stattdessen der Genesung Bau-yüs zu. Bau-tschai nahm sich von Zeit zu Zeit eines seiner Bücher und fing eine Unterhaltung mit ihm darüber an, bei diesen Gelegenheiten war Bau-yü genug bei der Sache, um einen planlosen Dialog darüber zu führen. Aber seine Gedanken waren ohne Frage stumpfer, als sie früher waren, eine Schädigung, für die er selbst keine Erklärung geben konnte. Bau-tschai wußte aber, daß es daran lag, daß seine Intelligenz verlorengegangen war. Hsi-jën tadelte ihn öfter: „Warum hast du deine frühere Intelligenz verloren? Wenn es nur deine Schwäche wäre, die dich verlassen hat! Aber du scheinst die noch zu haben und stattdessen nur deinen Geist verloren zu haben!“
 
Bau-yü ließ Bemerkungen wie diese nicht an sich heran und entgegnete mit einem dummen Grinsen. Immer wenn er Anzeichen dafür zeigte, daß seine wilden Züge gegenüber seiner besseren Seite die Oberhand gewännen, ließ er es zu, sich von Bau-tschais guter Art zügeln zu lassen. Während die Zeit verging, rügte Hsi-jën ihn immer weniger und beschränkte sich stattdessen darauf, seine praktischen Bedürfnisse zu betreuen. Seine anderen Mägde hatten immer Bau-tschais ruhige, ernste Art respektiert, und nun, da sie ihre Herrin war, gewann ihre sanfte und freundliche Natur ihren willigen Gehorsam.
 
Neben der scheinbaren Ruhe empfand Bau-yü weiterhin ein tiefes Gefühl von Rastlosigkeit, und besonders den wiederkehrenden Wunsch, den Garten aufzusuchen. Die Herzoginmutter und die anderen Damen befürchteten, daß solch ein Ausflug ihn vielleicht erkälten oder ein Fieber verursachen könnte und daß die Umgebung des Gartens einen zu traurigen Effekt auf seinen Geist hätte. Dai-yüs Sarg war in einem Tempel außerhalb der Stadtmauern begraben, aber die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß war immer noch da, auch wenn die Bewohnerin gestorben war. Die Erinnerungen, die er damit verband, könnten ihn erneut in Streß versetzen und einen Anfall verursachen. Also verbot man ihm, dorthin zu gehen. Der Großteil des Gartens war verlassen. Von Bau-yüs Kusinen war Bau-tjin bereits zu Frau Hsüä gezogen, während Schï Hsiang-yün nach Hause gegangen war, weil ihr Vater, der hohe Beamte, aus der Hauptstadt zurückgekehrt war. Außerdem hatte sie einen Tag für ihre eigene Hochzeit festgelegt und besuchte selten die Djias. Sie trank auf Bau-yüs Hochzeit den Wein und kürzlich an dem Tag der Feier der Vollendung der Hochzeit; bei beiden Gelegenheiten war sie bei der Herzoginmutter geblieben; und ihr Bewußtsein, daß Bau-yü nun ein verheirateter Mann war, und sie selbst verlobt, hemmte sie, sich ihren alten hochgeistigen Neckereien hinzugeben. Als sie das neuverheiratete Paar sah, redete sie nur mit Bau-tschai und sagte nicht mehr als ein höfliches Hallo zu Bau-yü. Hsing Hsiu-yän war nach Ying-tschuns Hochzeit zu [ihrer Tante], der Dame Hsing gezogen, während die beiden Li-Schwestern den Garten nur mit ihrer Mutter besuchten, ein paar Tage bei Li Wan blieben, bevor sie zurückkehrten. Die einzigen richtigen Bewohner des Gartens waren nun Li Wan, Tan-tschun und Hsi-tschun. Die Herzoginmutter hatte gewollt, daß die drei mit ihr zusammenzögen, aber durch die Aufregung des Tods der kaiserlichen Nebenfrau Yüän und all den nachfolgenden Unglücksfällen in der Familie, hatte sie nicht die Zeit gefunden, die nötigen Anstalten zu machen; und nun wurde das Wetter täglich wärmer, und der Garten schien anzufangen weniger eintönig zu sein; also entschied sie sich, die Dinge bis zum Herbst so zu lassen, wie sie waren. Aber wir wenden uns hier ab.
 
Djia Dschëng hatte noch in der Hauptstadt viele Privatsekretäre eingestellt, die ihn nun auf dem Weg zu seinem neuen Posten in der Provinz begleiteten. Er reiste am Tag und ruhte bei Nacht. Bei seiner Ankunft in der Provinzhauptstadt meldete er sich bei seinem Vorgesetzten und ging sofort weiter zu seinem neuen Yamen, um das offizielle Siegel zeremoniell in Besitz zu nehmen und seine Arbeit aufzunehmen. Seine erste abminstrative Tat war die Bestandsaufnahme des Korns, welches in allen Kornkammern der Unterpräfekturen und Kreisbehörden in seinem Verwaltungsbezirk lagerte.
 
Djia Dschëngs vorhergehende Erfahrung als ein öffentlicher Beamter war hauptsächlich in der Hauptstadt gewesen und war darüberhinaus von den theoretischen Aspekten der Hauptstadtbürokratie eingeschränkt. Sein einziger Einsatz in der Provinz war als Prüfer gewesen, und seine Verantwortung war rein akademischer Natur. Er hatte daher kein Wissen aus erster Hand, was die Vorgehensweise als Entsandter in der provinziellen Verwaltung angeht, gar nicht zu erwähnen die Formen der Korruption, die offen toleriert wurden – Kürzungen, die bei den Mittelsmännern gemacht wurden oder der Wucher gegenüber dem unwissenden Landvolk, um nur zwei zu nennen. Er wußte nur vom Hörensagen von diesen Dingen als von etwas Bösem, das es zu meiden galt. Er wollte sich immer persönlich um alles kümmern und ein guter Beamter sein. Bei seiner Ankunft befragte er seine Privatsekretäre und Angestellten, verkündete das Verbot von Amtsmißbrauch jeglicher Art und daß jeder Vorfall davon untersucht und den Vorgesetzten mitgeteilt würde.
 
Zuerst waren die ortsansässigen Beamten eingeschüchtert und versuchten ihr Bestes, sich selbst beim neuen Amtsinhaber einzuschmeicheln, nur um herauszufinden, daß der Mann, mit dem sie es zu tun hatten, unbestechlich war. Djia Dschëngs Familiendiener hatten sich nach Jahren der unprofitablen Arbeit in der Hauptstadt ihre Hände mit Freude gerieben, als ihr Herr den neuen Posten bekam. Mit der Sicherheit des winkenden Profits hatten sie sich Geld geliehen, um sich Kleidung schneidern zu lassen und sich selbst in einer Art auszustatten, die ihrem neuen Amt angemessen war. Sie dachten, daß das Geld von alleine in den Schoß des Personals vom Getreideintendanten fiele. Aber nun wurden ihre Pläne von der blinden Beharrlichkeit ihres Herren durchkreuzt, die Regulierungen bis zum letzten Buchstaben durchzuführen und seiner eigensinnigen Ablehnung, eine einzige der von Unterpräfekten und Magistraten angebotenen Bestechungen anzunehmen.
 
Die Türwächter und die anderen Angestellten im Yamen stellten ein paar Rechungen an:
 
„Wenn dies für vierzehn Tage anhält, werden wir all unsere Kleider verpfändet haben und unsere Geldgeber werden anfangen, Rückzahlungen zu fordern; was werden wir dann tun? Da draußen starrt uns gutes Geld ins Gesicht, wenn wir nur etwas davon kriegen könnten!“
 
Wenn dieses ortsansäßige Personal seine Besorgnis dem neuankommenden Personal aussprach, welches Djia Dschëng persönlich in der Hauptstadt rekrutiert hatte, trafen sie auf eine entrüstete Antwort:
 
Dieses ortsansäßige Personal sagte auch: „Ihr habt nicht eure letzte Münze in diese Reise gesteckt, wir sind diejenigen, die sich beklagen sollten, nicht ihr! Wir haben Geld bezahlt, um unsere Arbeit hier zu bekommen, und hier sind wir, nach mehr als einem Monat, ohne etwas zum Vorzeigen. Auf diese Art werden wir keinen Gewinn machen. Wir können genausogut morgen unsere Kündigungen einreichen.“
 
Das war genau das, was sie taten. Am folgenden Tag kamen sie geschlossen, und reichten ihre Kündigungen einem aufgebrachten Djia Dschëng ein, der etwas naiv kommentierte:
 
„Sehr gut. Es lag an euch zu kommen. Ihr seid frei, zurückzugehen. Wenn ihr es hier unangenehm findet, fühlt euch bitte nicht gezwungen zu bleiben.“
 
Diese Gruppe machte sich murrend auf den Weg. Die Familiendiener hielten selbst den nächsten Kriegsrat:
 
„Das ist alles sehr gut für sie. Sie sind frei zu gehen. Aber was ist mit uns? Wir können nicht gehen, selbst wenn wir wollten.“
 
Unter diesen Dienern war ein Torwächter namens Li Schï-örl, der bald eine wichtige Rolle in dieser Debatte spielte.
 
„Ihr Hühner!“ spottete er, „seid nicht so hilflos! Während dieses Vertragsgesindel hier war, wollte ich nichts sagen; aber nun, da sie weggeschoben wurden, habe ich nichts dagegen, euch ein oder zwei Spielchen zu zeigen! Bald werden wir unseren Herrn soweit haben, daß er uns aus der Hand frißt! Aber ihr müsst solidarisch sein, haltet zusammen, und wir können alle mit vollen Taschen nach Hause gehen. Natürlich, wenn ihr euch da lieber heraushalten wollt, ist das für mich in Ordnung. Ich kann das ertragen. Ich kann jeden Tag bessere als euch kriegen!“ –
 
„Komm schon, Schï-örl, alter Freund! Wir sind von dir abhängig!“, stöhnten die anderen, „du bist derjenige, dem der Herr vertraut. Wenn du uns nicht hilfst, sind wir erledigt!“ –
 
„Na gut. Aber ihr müßt auch mir vertrauen. Überlaßt mir nicht die ganze Drecksarbeit, das Geld heranzuschaffen und wendet euch dann gegen mich und sagt, ich hätte den größten Anteil genommen. Wenn wir den ganzen Topf umschmeißen, ist alles umsonst.“ –
 
„Mach’ dir keine Sorgen. Selbst wenn wir nicht viel bekommen, ist es noch besser, als selbst Geld zu verlieren.“
 
Als sie sprachen, kam der Getreidebeamte herein und fragte nach dem zweiten Herrn Dschou. Li Schï-örl, der auf einem Stuhl saß, die Beine übereinandergeschlagen und seine Brust herausgestreckt, fragte ihn: „Was suchen Sie hier?“ Der Beamte stand da, seine Hände in die Seiten gestemmt, und lächelte gezwungen.
 
„Der neue Intendant ist nun mehr als einen Monat im Amt“, antwortete er, „aber nicht ein einziger Getreidespeicher wurde geöffnet, um die Getreidesteuer einzutreiben. Die ortsansäßigen Magistrate fühlten sich durch die strikten Ankündigungen sehr unwohl. Sie wurden stark davon abgeschreckt, in die üblichen – wie soll ich sagen – Verhandlungen einzutreten. Nun, wenn das Getreide nicht eingeholt und pünktlich geliefert wird, was ist der Grund dafür, daß ihr überhaupt alle hier seid?“
 
„Was für eine unsinnige Frage!“, sagte Li Schï-örl, „der Herr, der Intendant ist ein Mann des Wortes. Natürlich wird er seinen Verpflichtungen nachkommen. In der Tat war er seit ein paar Tagen dabei, die Mahnungen auszustellen, aber auf meinen Rat wurden sie aufgeschoben, weil Herr Dschëng sich ausruhen soll. Nun, sagen Sie mir, wieso Sie Herrn Dschou sehen wollten?“
 
Beamter: „Oh, das war alles ... die Mahnungen. Nichts weiter.“
 
Schï-örl: „Versuchen Sie nicht, mich für dumm zu verkaufen, mein Freund! Und kommen Sie nicht hereingeschlichen mit raffinierten kleinen Plänen, oder ich sag’ dem Intendanten, er solle Sie schlagen und Ihnen Ihren Job wegnehmen.“ –
 
Der Beamte sagte: „Meine Familie dient in diesem Yamen seit drei Generationen. Ich habe hier eine anständige Position, ich schaffe es, ein ehrliches Leben zu führen. Ich habe nichts dagegen, genau Buch zu führen, bis der Intendant befördert wird und woanders hin zieht. Ich bin nicht wie die, die immer nur auf den Reis in ihrem Topf warten, um kochen zu können.“
 
Er verabschiedete sich formal von Li Schï-örl: „Ich gehe jetzt besser, zweiter gnädiger Herr.“
 
Li Schï-örl stand auf und lächelte breit: „Kommen Sie schon, verstehen Sie keinen Spaß? Es gibt keinen Grund, von meinen Worten aufgebracht zu sein.“
 
„Ich bin nicht eingeschüchtert. Ich will nur nichts sagen, was den Ruf des zweiten gnädigen Herrn beschmutzen könnte, Herr.“
 
Schï-örl ging zum Beamten hinüber und nahm ihn im Vertrauen an die Hand: „Sage mir, wie heißt du?“
 
„Seien Sie nicht höflich. Dschan Huee, Herr“, antwortete der Beamte nervös, „ich habe selbst einige Jahre oben in der Hauptstadt verbracht, als ich ein Junge war.“ –
 
„Herr Dschan! Natürlich! Ich habe von Ihnen gehört. Kommen Sie schon, wir sitzen alle im selben Boot. Wenn es da etwas gibt, worüber Sie mit mir reden wollen, warum kommen Sie dann nicht heute Abend vorbei, und wir können ein wenig plaudern.“
 
„Wir wüsste nicht, wie fähig der gnädige Herr Li Schï ist“, antwortete der Beamte laut, mit einem Seufzer der Erleichterung. „Nun, Sie haben mich für einen Moment erschreckt!“
 
Alle gingen lachend auseinander.
 
An diesem Abend kehrte Dschan zurück, und er und Li hockten bis tief in die Nacht zusammen. Am nächsten Tag, als Li einen Vorwand fand, sich bei Djia Dschëng einzufinden, gab er Hinweise auf die ‚Maßnahmen‘, die ihm vorschwebten. Wie vorherzusehen war, erhielt er eine Rüge.
 
Am folgenden Tag war es Djia Dschëngs Pflicht, die Stadt zu besuchen, und er erließ Anweisungen für sein Gefolge, sich fertig zu machen. Eine beachtliche Zeit verging, und der Gong im inneren Yamen schlug drei Mal, aber es gab immer noch kein Anzeichen davon, daß jemand die Trommel in der Haupthalle schlug. Endlich wurde jemand gefunden, um diese Pflicht zu erfüllen, und Djia Dschëng kam mit gemessenem Schritt aus seinen privaten Gemächern heraus, um nur einen Diener auf ihn wartend vorzufinden, statt der üblichen Gruppe von Läufern und Schreiern. Er beschloß, dieses Pflichtversäumnis vorerst nicht zu verfolgen. Djia Dschëng stieg in die Sänfte am Fuße seiner Terrasse und wartete auf die Sänftenträger. Wieder verging eine geraume Zeit, bevor diese zusammengekommen waren und bereit waren, ihn aus dem Yamen zu tragen. Die wichtige Abreise des Intendanten wurde nur von einem einmaligen Kanonendonner angekündigt, während nur zwei Mitglieder des Orchesters, ein Trommler und ein Hornist, eine armselige Erscheinung auf der Tribühne machten. Djia Dschëng war nun sehr verärgert.
 
„Die Dinge waren bis heute in bester Ordnung. Was bedeutet all dieses Chaos?“
 
Seine Abzeichenträger mußten auf dem Weg alles improvisieren, da nichts vorbereitet war. Djia Dschëng beendete seinen Besuch, so gut er konnte, und berief sofort bei seiner Rückkehr die Säumigen ein und drohte ihnen mit Auspeitschen. Einige wendeten ein, daß sie nicht kommen konnten, weil sie keine entsprechende Kopfbedeckung hatten, andere, daß sie gezwungen waren, ihre Uniformen zu verpfänden, während andere behaupteten, daß sie für drei Tage nicht gegessen hätten und daher zu schwach seien, um schwere Dinge zu tragen. Djia Dschëng ließ seinen Ärger an ihnen verbal aus, befahl, daß ein paar von ihnen ausgepeitscht würden und beließ es dabei.
 
Am nächsten Tag kam der Chefkoch und fragte nach mehr Geld, und Djia Dschëng mußte ihn mit etwas von der persönlichen Reserve ausstatten, die er von zu Hause mitgebracht hatte. Von nun an folgte ein solcher Vorfall dem anderen, und es war bald deutlich, daß die meisten Abteilungen seines Yamen in vollkommener Unordnung waren. Am Ende wurde er dazu gebracht, nach dem Torwächter Li zu schicken, und fragte ihn geradeheraus:
 
„Mein Personal, das mich hierher begleitet hat, hat sich verändert. Du mußt sie disziplinieren. Und noch etwas: Meine Bargeld-Reserve ist aufgebraucht, und es wird etwas dauern, bevor mein Gehalt vom Büro des Provinzschatzmeisters kommen wird, also werden wir nach Hause schreiben müssen, um einige Extrazahlungen zu bekommen.“
 
„Ich muß fast jeden Tag mit dem Personal reden, Herr“, antwortete Li Schï-örl, „aber ich kann da nichts machen. Sie scheinen ihr Interesse an der Arbeit verloren zu haben. Das ist in die Brüche gegangen, Herr. Was das Geld angeht, darf ich fragen, um wieviel Sie bitten werden? Ich weiß, das der Vizekönig in ein paar Tagen Geburtstag hat, und die Präfekte und Bezirksverwalter meistens eine vierstellige Spende geben. Wieviel werdet ihr schicken, Herr?“
 
Djia Dschëng: „Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“
 
Li Schï-örl: „Bei allem Respekt, Herr, das ist der Fehler der örtlichen Mandarine. Die haben Sie nicht informiert. Das ist, weil wir hier neu sind und keine Anstrengungen unternommen haben, sie kennenzulernen. Es würde mich nicht überraschen, wenn Sie ein Auge auf Ihre Arbeit geworfen hätten und sogar hoffen würden, Sie könnten dem Geburtstag des Vizekönigs überhaupt nicht beiwohnen, Herr.“
 
Djia Dschëng: „Das ist absurd! Ihre Majestät hat mich direkt auf diesen Posten berufen. Werde ich das Amt etwa nicht mehr ausüben können, wenn ich meinem Vorgesetzten nicht zum Geburtstag gratuliere?“
 
Li Schï-örl sagte mit einem Lächeln: „Das ist alles sehr gut, Herr. Der Ärger ist, daß, da die Hauptstadt so weit weg ist, seine Majestät von dem Vizekönig abhängig ist, was die Informationen angeht. Wenn der Vizekönig schlecht von einer Person spricht, gibt es keine Hoffnung, daß diese Person sich selbst verteidigen kann, was immer die Wahrheit sein mag.  Nun, ich bin sicher, daß es keinen unter der Herzoginmutter und den Damen gibt, die nicht sehen wollten, daß Sie hier draußen eine sehr gute Arbeit als Beamter leisten.“
 
Djia Dschëng begann zu sehen, auf was er hinaus wollte: „Na, dann lass mich dich jetzt einmal fragen, warum du mir das alles erzählst?“
 
Li: „Zuerst habe ich mich nicht getraut, Herr. Da Sie mich nun fragen, sagen Sie bitte nicht, ich wäre kein anständiger Mensch. Wenn ich es nun sage, müssen Sie ja ärgerlich über mich werden.“
 
Djia Dschëng: „Du musst nur aufrichtig sprechen!“
 
Li Schï-örl: „Nun, Herr: die Wahrheit ist, daß das Personal im Yamen eines Getreideintendanten erwartet, ein bißchen nebenher zu verdienen. Ihre Beamten und Läufer haben alle Geld für ihre Arbeit ausgegeben. Sie müssen für ihre Familien sorgen und für ihr Leben Geld verdienen. Und soweit Sie es angeht, Herr, seit Sie hier sind, hat noch niemand gesehen, was Sie geleistet haben, haben aber schon die Ortsansässigen mürrisch gemacht.“
 
Djia Dschëng: „Was sagen sie im Volk?“
 
Li Schï-örl: „Die Art, wie es die Ortsansässigen sehen, ist sehr einfach. Immer wenn ein neuer Intendant herkommt, benehmen sie sich so. Je strenger sie sind, desto sicherer ist es, daß sie Geld haben wollen. Und die Mandarine, die in diesem Distrikt arbeiten, sind dann eingeschüchtert und versuchen, mehr Silbergeld zu schenken. Wenn die Zeit für die Getreidesteuer gekommen ist, wiederholt das Yamen-Personal die neuen Regeln des neuen Intendanten. Sie schwören, daß es ihnen nicht erlaubt sei, auch nur eine Münze für sich selbst herauszunehmen; und es bedeutet nur viel unnötigen Ärger und Verzögerungen für das Landvolk, das die Dinge lieber auf die alte Art erledigen will – es bezahlt ein bißchen mehr und will das Ganze schnell hinter sich bringen. Also, kurz, statt gut von Ihnen zu reden, jammern sie nur, daß Sie Ihre Situation nicht verstanden hätten.
 
Schauen sie sich Ihren netten entfernten Verwandten an, [Herrn Djia Yü-tsun], zu dem sie immer so freundlich waren. In ein paar Jahren wird er sich sehr gut gemacht haben, und alles nur, weil er korrupt ist. Er hat einen guten Sinn dafür, wie die Welt sich dreht, und weiß, wie er seine Vorgesetzten und sein Personal behandeln muß und wie er alles glatt laufen läßt.“
 
Djia Dschëng: „Das ist lächerlich! Behauptest du, ich hätte kein Gespür dafür? Harmonie ist eine Sache, aber wenn du mich mit jenen Katzen und Mäusen in einen Topf wirfst, mache ich nicht mit!“
 
Li Schï-örl: „Es ist nur meine Sorge um Sie, weswegen ich so ehrlich spreche, Herr. Wenn ich nur dastehe, und Sie so weitermachen lasse, wenn ich Sie nicht einmal warne und als Ergebnis Ihre Karriere ruiniert ist, werden Sie sehr schlecht von mir denken.“
 
Djia Dschëng: „Nun: was genau schlägst du vor?“
 
Li Schï-örl: „Mein Rat ist, schnell zu handeln; fühlen Sie sich ein, sichern Sie ihre eigenen Interessen, während Sie in den besten Jahren stehen, noch eine gute Stellung am Hof haben, und während die alte gnädige Frau noch immer in guter Gesundheit lebt. Andererseits, bevor das Jahr zu Ende ist, werden Sie herausfinden, daß Sie all ihre eigenen Finanzmittel aufgebraucht haben, um offizielle Ausgaben abzugleichen. Niemand im Staatsdienst wird dann auch nur die geringste Sympathie für Sie haben. Niemand wird glauben, daß Sie arm sind. Sie werden alle denken, daß Sie auf einem geheimen Berg Geld sitzen; und wenn etwas falsch läuft, wird keiner bei Ihnen vorbeikommen, um Ihnen zu helfen. Sie werden es umöglich finden, sich zu erklären, und dann wird es zu spät sein, und Sie wünschen sich, sie hätten meinen Rat befolgt.“
 
Djia Dschëng: „Kurz, was du sagst, ist, daß ich es mir selbst erlauben muß, korrupt zu sein! Die Konsequenzen für mich selbst für eine solche Amtsverletzung, sogar den Tod selbst, erachte ich als nichts, im Vergleich zu der Schande, die die Verdienste meiner Ahnen beflecken würde!“
 
Li Schï-örl: „Sie sind ein weiser Mann, Herr. Wenn es Ihnen um Familienehre geht, die Sie bedrückt, dann denken Sie einen Moment zurück an die Gruppe von Beamten, die sich selbst vor ein paar Jahren in so eine Schande gebracht haben; sie waren gute Freunde von Ihnen, gute Männer, Männer, von denen sie gesagt haben, sie stehen ‚über der Korruption’. Wo ist deren Familienehre nun? Auch andere Verwandte von ihnen, Männer, die Sie ‚absolute Schurken‘ genannt haben, haben sich sehr gut gemacht, sind von Erfolg zu Erfolg gegangen. Was war ihr Geheimnis? Sie wußten genau, wie sie sich anpassen mußten. Sie müssen auf die einfachen Leute aufpassen, aber Sie müssen auch auf die örtlichen Mandarine schauen. Wenn Ihre Ideen grundsätzlich beherzigt werden und es den Kreis- oder Bezirksmandarinen streng verboten wäre, selbst das kleinste bißchen zu nehmen, nun, dann würde nichts in den Provinzen getan werden!
 
Ihr laßt die Dinge nach außen hin weiterhin respektabel erscheinen, und überlaßt all die Arbeit im Inneren mir. Ich werde die Dinge erledigen, so daß Sie nicht persönlich verwickelt sind. Ich versuche nur zu helfen, Herr. Das ist das Wenigste, was ich für Sie tun kann, nach all den Jahren.“
 
Li Schï-örl hatte Djia Dschëng so lange zugeredet, dass Djia Dschëng keinen klaren Gedanken fassen konnte. „Ich glaube, auch ich muß sehen, wie ich überlebe“, sagte er am Ende, „tue, was immer du musst. Aber ich will damit nichts zu tun haben.“
 
Er ging steif zurück in seine privaten Gemächer.
 
Li Schï-örl ging nun in sein eigenes Gemach und begann sein großes Glück zu ergattern. Er hatte bald, hinter Djia Dschëngs Rücken, eine ausgeklügelte Korruption organisiert, das das Personal des Yamen und örtliche Mandarine einband. Oberflächlich begann das Tagesgeschäft im Yamen wieder glatt zu laufen, so glatt, daß Djia Dschëng es sich erlaubte, seine Gedanken ruhen zu lassen und, weit weg von der Verdächtigung, daß etwas schief ging, vertraute er Li absolut. Jede Unregelmäßigkeit, die den Vorgesetzten berichtet wurde, wurde im Sinne von Djia Dschëngs Verlangen nach gewissenhafter Ehrlichkeit abgerechnet. Seine Privatsekretäre hatten eine gewitztere Idee von dem, was vor sich ging, und versuchten ihn zu warnen. Als er sich weigerte, darauf zu hören, gaben manche von ihnen auf, andere entschieden sich, um der Freundschaft willen, dran zu bleiben. Daher kam es, daß die Getreidesteuer für dieses Jahr bald eingesammelt und – ohne daß irgend einem Beamten gekündigt wurde – zur Hauptstadt geschickt wurde.
 
Eines Tages, an einem seiner freien Momente, saß Djia Dschëng in seinem Büro und las, als der Hauptbeamte einen Brief hineinschickte. Es hatte ein offizielles Siegel und trug die Beschriftung:
 
„Vom Kommandanten von Haimen und der umgebenden Küstenregion zum Yamen des Getreideintendanten von Djianghsi.
 
Per Express“
 
Djia Dschëng öffnete den Umschlag und untersuchte seinen Inhalt:
 
„Als ich im letzten Jahr wegen meiner Pflichten in die Hauptstadt gerufen wurde, hatte ich das Glück, weil wir beide aus Nanking stammen, mich bei mehreren Gelegenheiten Ihrer Gastfreundschaft zu erfreuen. Zu dieser Zeit haben Sie meinen Vorschlag, daß eine Verbindung zwischen unseren beiden Familien durch eine Ehe noch verstärkt werden könnte, sehr befürwortet. Dies hatte ich seitdem stets im Hinterkopf, aber war abgeneigt, diese Sache voranzutreiben, nachdem ich zur Verteidigung der See in diese abgelegene Region mußte. Diese Umstände haben ein solches Hindernis in den Weg unseres Planes gestellt, daß ich dies sehr bedaure. Nun, jedoch, da das Licht Ihrer noblen Anwesenheit die südlichen Himmel erleuchtet, wurde das Hindernis weggeräumt. Ich hatte daran gedacht, Ihnen zu schreiben und meine Glückwünsche zu schicken, als ich Ihren Brief erhielt.
 
Von diesem Nachtlager hebt ein Soldat seine Hand zu einem bescheidenen Salut! Sogar an diesen fernen Küsten spüre ich, wie ich in der angenehmen Wärme ihrer Gutmütigkeit schwelge.
 
Darf ich auf Ihre Einwilligung hoffen, wenn ich diese Verbindung noch einmal vorschlage? Mein Sohn war favorisiert, wenn ich richtig erinnere, mit gnädiger Anerkennung, und wir haben lange die große Freude erwartet, die die reizvolle Anwesenheit ihrer Tochter in unseren Haushalt bringen würde.
 
Wenn sie so freundlich wären, Ihre Zustimmung zu bestätigen, werde ich ohne weitere Verzögerung einen Boten losschicken. Obwohl die Reise für Ihre Tochter lang sein wird, kann sie mit dem Boot zurückgelegt werden. Und obwohl ich nicht viel bieten kann, was die Feier betrifft, kann ich wenigstens ein möbliertes Schiff schicken, um sie zu empfangen.
 
Dieses kurze Sendschreiben trägt meine ehrliche Gratulation für Ihren neuen Posten. In ungeduldiger Erwartung ihrer positiven Antwort, verbleibe ich als ihr demütigster und respektvollster Diener,
 
Dschou Tjiung.“
 
Nachdem er den Brief durchgesehen hatte, dachte Djia Dschëng: ‚Ich erinnere mich, daß ich diese Verlobung letztes Jahr vorschlug. Da schienen mehrere Vorzüge gewesen zu sein: Dschou sollte eine Stelle in der Hauptstadt annehmen, er und ich waren alte Freunde und beide aus Nankinger Familien; sein Sohn war ein gutaussehender junger Mann. Es war nur ein belangloser Vorschlag, und ich habe es nie zu Hause erwähnt. Nachdem er zur Verteidigung der See abberufen worden war, haben wir das Thema fallengelassen. Und doch hat nun ein unvorhersehbarer Schicksalsschlag mich hier in die Provinz verschlagen, und Dschou hat das Thema angesprochen. Dies scheint eine angemessene Familie zu sein, und ich denke, es wäre eine gute Partie für Tan-tschun. Aber ich bin alleine hier, und ich muß nach Hause schreiben und dort zuerst um Rat bitten.’
 
Er war noch immer am Nachdenken, als einer der Pförtner hereinkam, mit einem amtlichen Bericht, die ihn zu einer Konferenz mit dem Vizekönig berief, und er sollte sich sofort auf den Weg zum Sitz des Vizekönigs machen. Nach seiner Ankunft dort wartete er auf weitere Anweisungen und saß in der Wartehalle, blätterte untätig durch einen Stapel beschriebenes Papier,<ref>In der Ausgabe Cheng B wird dies als Stapel des Amtsblattes (邸报Dibao) konkretisiert.</ref> die auf dem Tisch lagen, als seine Augen auf einen Bericht des Justizministerium fielen:
 
„Untersuchungsbericht im Fall Hsüä Pan, der auf Geschäftsreisen war, registriertes Domizil in Nanking.“
 
„Oje!“, rief Djia Dschëng aufgeregt, „haben sie sich bereits geeinigt?“
 
Er las vorsichtig weiter. Der Hauptinhalt des Berichts war, daß Hsüä Pan, der Dschang San „bei einer Schlägerei“ getötet haben soll, mit den Verwandten des Getöteten und den anderen Augenzeugen gemeinsame Sache gemacht, und den Leichenbefund gefälscht haben soll, um die Anklage auf „Tod durch Unfall“ zu reduzieren. Djia Dschëng knallte mit der Hand auf den Tisch. „Er ist geliefert!“
 
Er las den Bericht zu Ende:
 
„Der hauptstädtische Gouverneur hat folgenden Auszug das Falles verschickt:
 
Hsüä Pan von Nanking übernachtete, als er durch die Stadt Tai-ping reiste, in Lis Hotel. Einer seiner Kellner, eingestellt beim Besitzer Li, war ein gewisser Dschang San, mit dem Hsüä vorher nicht bekannt war. Am soundsovielten des Monats sowieso im Jahre sowieso, bestellte Hsüä Pan bei dem Besitzer etwas Wein, da er Wu Liang (ursprünglich aus Tai-ping) eingeladen hatte, mit ihm zu trinken. Als sein Gast kam, schickte er den Kellner Dschang San, ihm den Wein zu bringen. Der Wein war nicht lecker genug, und Hsüä Pan bat ihn, ihn durch etwas Besseres zu ersetzen. Dschang San verwies darauf, daß dieser bestimmte Wein bestellt worden war, und es unmöglich wäre, ihn zu ersetzen. Hsüä Pan fand Dschangs Benehmen anmaßend und hob die Schale, um ihm den Wein ins Gesicht zu schütten. Unglücklicherweise warf er die Weinschale zu fest und sie rutschte ihm aus der Hand, gerade als Dschang seinen Kopf beugte, um ein Stäbchen vom Boden aufzuheben. Die Schale traf Dschang auf dem Kopf, es gab einen großen Blutverlust, und er starb kurz darauf. Der Besitzer Li eilte zum Schauplatz, aber es war zu spät, um zu helfen. Er informierte Frau Dschang, geborene Wang, die Mutter des Toten, die zum Hotel kam, nur um ihren Sohn bereits tot vorzufinden. Sie rief den Wachtmeister und reichte eine Klage beim örtlichen Yamen ein. Der daraufhin handelnde Magistrat machte eine Befragung, und der Gerichtsmediziner fertigte das übliche Gutachten an. Zwei wichtige Fakten wurden jedoch ausgelassen: erstens, daß die Scheitelbein-Fraktur drei Fingerbreit lang war; und zweitens, daß Dschang auch Verletzungen am Kreuz in Höhe der Taille hatte. Der Fall wurde hoch zum Präfektur-Yamen geschickt, wo bestätigt wurde, daß Hsüä Pan nur vorhatte, den Wein zu werfen, daß die Weinschale aus seiner Hand gerutscht war und daß er daher den Tod von Dschang San durch einen Unfall verursacht hatte. Er wurde in der Kategorie ‚Tod durch Unfall‘ dem Gesetz gemäß behandelt, und es wurde ihm erlaubt, ein Bußgeld im Austausch zu zahlen.
 
Der Richter hat die Beweise, die vom Angeklagten, von den verschiedenen Zeugen und von den Verwandten des Toten vorgelegt wurden, untersucht und fand, daß sie nicht widerspruchsfrei waren. Er hat auch die detaillierten Anhaltspunkte, die zu einem Totschlag führen könnten, herausgearbeitet, worin ein Kampf als ein ‚Ringen zwischen zwei Menschen‘ definiert ist, und eine Rauferei als ein ‚Kampf, in welchem die Beteiligten sich gegenseitig schlagen’. Es muß keinen Beweis eines solchen Kampfes oder Ringens geben, wenn die Verteidigung ‚Unfall-Todschlag‘ lautet. Der Fall wurde daher zum Büro des hauptstädtischen Gouverneurs zurückgegeben, um die genauen Fakten zu erheben, auf dessen Basis eine Empfehlung der Verurteilung erreicht werden konnte.
 
Dies ist die Grundlage der endgültigen Beurteilung des Gouverneurs: Hsüä Pan war bereits betrunken, als Dschang San sich weigerte, den Wein zurückzunehmen. Er faßte Dschang an der Hand, und schlug ihm auf den Rücken in Höhe der Taille. Daraufhin begann Dschang Hsüä Pan zu beschimpfen, der dann seinen Becher auf ihn warf, der eine schwere Wunde an seinem Schädel hinterließ. Der Knochen hatte einen Riß, was schwere Verletzungen am Gehirn verursachte und zum sofortigen Tod führte. Mit anderen Worten wurde Dschangs Tod direkt durch die Wucht verursacht, mit der Hsüä Pan den Becher warf. Hsüä Pan sollte daher diese Straftat mit dem Leben bezahlen. Gemäß dem Gesetzbuch im Fall des Totschlags, soll er im Gefängnis bis zur Schwurgerichtssitzung bleiben, und dann gehängt werden. Wu Liang sollte ausgepeitscht werden und zu einer Zuchthausstrafe verurteilt werden.
 
Der Präfekt, der Kreisbeamte und die Bezirksbehörden, die die unwahre Berufung durchgeführt waren, werden gebeten...
 
Der Bericht brach an diesem Punkt ab, mit der Bemerkung „Fortsetzung folgt“.
 
Djia Dschëng dachte darüber nach, daß er es gewesen war, der auf Frau Hsüäs Bitte, Druck auf die örtlichen Behörden ausgeübt hatte, um die Anklage in Hsüä Pans Fall zu drehen. Wenn dieser Magistrat nun geschnappt worden war und Ermittlungen angestellt wurden, wäre er selbst mit hineingezogen worden. Es war sehr beunruhigend. Er las die nächste Bekanntmachung, aber es handelte sich leider nicht um die Fortsetzung. Er durchsuchte all die übriggebliebenen Artikel, ohne den Schluß des Berichts zu finden. Er war immer beunruhigter und war in Gedanken, als Li Schï-örl hereinkam und sagte:
 
„Werden Sie, bitte, zum Yamen vortreten, um den Vizekönig zu erwarten, Herr? Seine Angestellten haben bereits zwei Mal die Trommel geschlagen.“
 
Djia Dschëng in Gedanken weit weg und hörte nichts davon. Li mußte sich wiederholen.
 
„Was kann ich tun?“ murmelte Djia Dschëng zu sich selbst.
 
„Ist irgendetwas, Herr?“, fragte Li.
 
Djia Dschëng vertraute Li seine Angst über die Bekanntmachung an.
 
„Sorgen Sie sich nicht zuviel darum, Herr“, sagte Li. „In der Tat, wenn Sie mich fragen, hat Herr Hsüä viel Glück gehabt. In der Hauptstadt hörte ich, daß er viele Frauen eingeladen hatte, genau zu diesem Hotel und daß sie alle zusammen trinken wollten und einen ziemlichen Krawall genau an dem Abend veranstalten wollten, als er den Kellner totgeschlagen hat. Und ich hörte, daß der lokale Mandarin nicht der einzige war, der der Familie einen Gefallen tun sollte. Anscheinend hat der zweite Herr Liän ein kleines Vermögen für den Fall gezahlt, und Bestechungsgelder an alle Yamen bezahlt, die darin verwickelt waren, um Herrn Pan freizubekommen. Es ist witzig, daß das Gericht dies nicht im Bericht erwähnt. Ich glaube, auf eine Weise wird so etwas einfach erwartet. Nun, diese Affäre ist ans Licht gekommen, die Leute, die darin verwickelt sind, müssen alle damit beschäftigt sein, sich gegenseitig zu decken. Sie versuchen, alles unter den Teppich zu kehren. Sie wollen es wie einen kleineren Fall der Fahrlässigkeit aussehen lassen. Dann ist das Schlimmste, was ihnen passieren kann, daß sie ihre Stellen verlieren. Sie würden niemals zugeben, daß sie Bestechungsgeld angenommen haben. Das ist viel zu ernst. Kümmert Euch nicht darum, ergattert besser die wahre Geschichte! Wir lassen den Vizekönig besser nicht länger warten.
 
„Wie könntest du das verstehen“, sagte Djia Dschëng, „jene örtliche Behörde fühlt sich schuldig. Um uns diesen Gefallen zu tun, hat er seine Stelle eingebüßt. Und das mag nicht einmal das Ende für ihn sein.“ –
 
„Es ist nicht gut, sich um ihn zu sorgen, Herr“, sagte Li. „Ihre Diener warten nun eine lange Zeit. Sie gehen jetzt besser hinein, um den Vizekönig zu sehen, Herr.“
 
Um zu wissen, was der Vizekönig von Djia Dschëng wollte, lese man bitte das nächste Kapitel.
 
  
== Anmerkungen ==
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Phönixglanz fuchtelte mit den Händen: „Der eine sitzt so — der andere steht so; einer dreht sich so weg — der andere dreht sich so herum; einer macht dann wieder..."
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An dieser Stelle brach die Herzoginmutter bereits in schallendes Gelächter aus: „Erzähl schon ordentlich! Es geht doch gar nicht um die beiden — du bringst uns ja ganz durcheinander!"
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Tante Schnee lachte ebenfalls: „Erzähl einfach weiter, ohne diese Pantomime!"
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Da erst begann Phönixglanz: „Gerade eben war ich bei Bruder Schatzjades <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> Gemach, und ich hörte mehrere Leute darin lachen. Ich dachte mir, wer das wohl sein könnte, und lugte durch ein Löchlein im Fenster. Da sah ich Schwester Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref> auf dem Ofenbettrand sitzen und Bruder Schatzjade vor ihr auf dem Boden stehen. Bruder Schatzjade hielt Schwester Schatzspange am Ärmel fest und bat flehentlich: ‚Schwester Schatzspange, warum redest du nicht mit mir? Sag doch nur ein einziges Wort, und meine Krankheit ist ganz bestimmt geheilt!' Schwester Schatzspange drehte den Kopf weg und wich ständig aus. Bruder Schatzjade machte eine tiefe Verbeugung vor ihr, kam heran und griff nach ihrem Kleid. Schwester Schatzspange riss sich ärgerlich los. Bruder Schatzjade ist ja nach seiner Krankheit noch wackelig auf den Beinen — und so fiel er mir nichts, dir nichts direkt auf Schwester Schatzspange drauf. Schwester Schatzspange wurde puterrot und sagte: ‚Du bist ja noch rücksichtsloser geworden als früher!'"
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Bei diesen Worten brachen die Herzoginmutter und Tante Schnee in Lachen aus. Phönixglanz fuhr fort: „Dann stand Bruder Schatzjade auf und sagte lachend: ‚Dabei musste ich erst hinfallen, damit du endlich den Mund aufmachst!'"
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Tante Schnee lachte: „Meine Schatzspange hat wirklich Eigenarten. Was ist denn dabei? Wenn man schon Eheleute ist, kann man doch scherzen und lachen! Hat sie nicht gesehen, wie ihr Vetter Kette und du miteinander umgeht?"
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Phönixglanz wurde rot und lachte: „Was soll das denn heißen? Da erzähle ich schon Witze, um die Tante aufzuheitern, und die Tante liest mir stattdessen die Zukunft!"
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Die Herzoginmutter lachte ebenfalls: „So muss es sein. Eheleute sollen zwar freundlich zueinander sein, aber es braucht auch Anstand und Maß. Ich schätze an Schatzspange gerade diese Würde. Nur macht mir Schatzjade Sorgen, der immer noch so ein dummer Junge ist. Aber nach dem, was du erzählst, scheint er doch schon viel vernünftiger geworden zu sein als früher. Hast du noch mehr Geschichten?"
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Phönixglanz sagte: „Wenn Schatzjade erst seine Hochzeitsnacht hinter sich hat und die Tante eines Tages ihr Enkelchen im Arm hält — das wird dann erst recht zum Lachen sein!"
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Die Herzoginmutter lachte: „Du Äffin! Wir sitzen hier und denken an deine Schwester Kajaljade, und du machst uns erst zum Lachen und dann schämst du uns noch dazu! Du willst doch nicht, dass wir an Kajaljade denken? Freu dich aber nicht zu früh! Deine Schwester Kajaljade grollt dir, und wenn du eines Tages allein in den Garten gehst, passt auf, dass sie dich nicht packt und festhält!"
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Phönixglanz lachte: „Mir grollt sie gar nicht. Kurz vor ihrem Tod hat sie die Zähne zusammengebissen — ihr Groll galt Schatzjade!"
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Die Herzoginmutter und Tante Schnee hielten dies noch für Spaß und gingen nicht weiter darauf ein: „Hör auf, solchen Unsinn zu reden! Geh und lass draußen einen besonders günstigen Tag aussuchen, damit Bruder Schatzjade seine Hochzeitsnacht feiern kann."
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Phönixglanz stimmte zu, plauderte noch ein wenig und ging dann hinaus. Sie ließ einen Glückstag wählen und bereitete aufs Neue ein Bankett mit Theaterspiel und Einladungen vor. Darüber braucht man nicht weiter zu berichten.
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Was nun Schatzjade betrifft: Obwohl er von seiner Krankheit genesen war und Schatzspange in heiteren Stunden zuweilen ein Buch aufschlug und mit ihm darüber sprach — konnte sich Schatzjade zwar an die Dinge erinnern, die ihm täglich vor Augen kamen, doch was seinen früheren Scharfsinn betraf, war er bei Weitem nicht mehr derselbe. Er selbst konnte sich das nicht erklären. Schatzspange wusste genau, dass es am Verlust des magischen Jade lag. Es war jedoch Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref>, die ihn zuweilen fragte: „Warum habt Ihr Euren früheren Scharfsinn verloren? Wenn Ihr wenigstens die alten Unarten abgelegt hättet, wäre es gut. Aber Euer Temperament ist wie eh und je — nur im Verstand seid Ihr noch verwirrter als zuvor."
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Schatzjade hörte das und wurde keineswegs böse, sondern grinste nur albern. Wenn Schatzjade zuweilen seiner Natur freien Lauf ließ und Unfug trieb, war es Schatzspange, die ihn ermahnte und etwas zur Besinnung brachte. So konnte sich Dufthauch manche Predigt ersparen und widmete sich ganz der hingebungsvollen Pflege. Die anderen Mägde hatten Schatzspanges tugendhafte, ruhige und gütige Art schon immer bewundert, und alle fügten sich bereitwillig. Überall herrschte Frieden.
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Nur Schatzjade war eben einer, der die Bewegung mehr liebte als die Stille, und ständig wollte er in den Garten spazieren. Die Herzoginmutter und die anderen fürchteten erstens, er könnte sich Kälte oder Hitze zuziehen, und zweitens, dass der Anblick der alten Stätten ihn in Trauer versetzen würde. Zwar war Kajaljades Sarg bereits in einem Tempel außerhalb der Stadt aufgebahrt worden, doch der Xiaoxiang-Pavillon <ref>Chinesisch: 潇湘馆</ref> stand noch immer leer da — die Bewohnerin tot, die Räume unverändert. Man fürchtete, das könnte die alte Krankheit wieder aufwühlen, und ließ ihn deshalb nicht hin.
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Zudem hatten sich die verwandten jungen Damen alle zerstreut: Kostbarzither Schnee <ref>Chinesisch: 薛宝琴</ref> war bereits zu Tante Schnee zurückgekehrt. Xiang-Flusswolke Geschichte <ref>Chinesisch: 史湘云</ref> war, weil Marquis Geschichte in die Hauptstadt zurückgekehrt war, ebenfalls nach Hause geholt worden. Ihr Hochzeitstag war bereits bestimmt, und so kam sie nur noch selten. Zur Hochzeit Schatzjades und zum Festbankett war sie zwei Mal dagewesen und hatte bei der Herzoginmutter gewohnt. Da Schatzjade nun verheiratet war und sie selbst bald heiraten würde, gab sie sich nicht mehr den ungezwungenen Neckereien von früher hin. Wenn sie ab und zu vorbeikam, sprach sie nur mit Schatzspange, und bei Schatzjade beschränkte sie sich auf eine höfliche Begrüßung. Höhlennebel Strafe <ref>Chinesisch: 邢岫烟</ref> war nach Willkommensfrühlings <ref>Chinesisch: 迎春</ref> Heirat zu ihrer Tante, Frau Strafe <ref>Chinesisch: 邢夫人</ref>, gezogen. Die Li-Schwestern wohnten auswärts; kamen sie mit ihrer Mutter zu Besuch, begrüßten sie die Damen und die Schwestern, gingen dann zu Seidenweiß Pflaume <ref>Chinesisch: 李纨</ref>, blieben ein, zwei Tage und kehrten heim. So wohnten im Garten nur noch Seidenweiß Pflaume, Erkundefrühling <ref>Chinesisch: 探春</ref> und Bedauerfrühling <ref>Chinesisch: 惜春</ref>. Die Herzoginmutter hatte eigentlich gewollt, dass auch Seidenweiß Pflaume und die anderen ins Haupthaus umzögen, doch seit dem Tod der Edlen Gemahlin <ref>Chinesisch: 元妃</ref> hatten sich die Unglücksfälle im Hause überschlagen, und man war nicht dazu gekommen. Da es nun mit jedem Tag heißer wurde und man den Garten noch bewohnen konnte, wollte man den Umzug auf den Herbst verschieben. Doch davon mehr zu gegebener Zeit.
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Es wird nun erzählt, dass Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref> in Begleitung einiger in der Hauptstadt angeworbener Privatsekretäre tags reiste und nachts rastete, bis er eines Tages in seiner Provinz eintraf. Er meldete sich bei seinen Vorgesetzten, begab sich zu seinem neuen Yamen, nahm zeremoniell das Amtssiegel in Empfang und trat sein Amt an. Sogleich begann er mit der Überprüfung der Getreide- und Reisvorräte in den Kornspeichern aller ihm unterstellten Unterpräfekturen und Kreise.
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Aufrecht Kaufmann hatte stets als Beamter in der Hauptstadt gedient und kannte nur die einförmigen Routinegeschäfte eines Ministerialbeamten. Seine einzige Provinztätigkeit war die des Prüfungsaufsehers gewesen, die nichts mit der eigentlichen Verwaltung zu tun hatte. Die Missbräuche der Provinzbeamten — das Umrechnen der Getreidesteuer zum eigenen Vorteil, die Erpressung der unwissenden Landbevölkerung — hatte er zwar vom Hörensagen gekannt, aber nie mit eigenen Augen erlebt. Er hatte nur den einen Vorsatz: ein guter, aufrechter Beamter zu sein. So beriet er sich mit seinen Sekretären, veröffentlichte strenge Erlasse und ließ verlauten, dass jeder ertappte Missbrauch an die Vorgesetzten gemeldet und zur Bestrafung gebracht würde. Anfangs fürchteten sich die Kanzleibeamten tatsächlich und versuchten auf tausenderlei Weise, sich einzuschmeicheln — doch Aufrecht Kaufmann war unbestechlich.
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Seine Familiendiener hatten all die Jahre in der Hauptstadt unter diesem Herrn kein Geld verdient. Endlich, als der Herr einen Provinzposten erhielt, hatten sie sich in der Hauptstadt auf den Namen eines lukrativen Außenpostens hin Geld geliehen, sich neue Kleidung schneidern lassen und einen standesgemäßen Auftritt geschaffen. In ihrem Herzen rechneten sie fest damit, dass das Silber im Amt wie von selbst fließen würde. Doch nun brach dieser eigensinnige Herr in seinen sturen Eifer aus und wollte tatsächlich alles untersuchen. Die Geschenke der Unterpräfekturen und Kreise — er nahm nicht ein einziges an. Die Türwächter und Kanzleiangestellten rechneten nach:
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„Wenn wir noch vierzehn Tage warten, müssen wir unsere Kleider verpfänden, und die Gläubiger klopfen an die Tür. Was sollen wir dann tun? Vor unseren Augen liegt glänzend weißes Silber — und wir kommen nicht heran!"
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Jenes neuangeworbene Personal sagte ebenfalls: „Ihr seid noch gut dran, ihr habt wenigstens kein Kapital hineinstecken müssen. Wir sind die wahren Opfer! Wir haben uns die Anstellung teuer erkauft — und nach über einem Monat haben wir noch keinen halben Heller gesehen. Unter diesem Herrn ist kein Gewinn zu machen. Morgen kündigen wir alle miteinander."
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Am nächsten Tag kamen sie tatsächlich geschlossen und reichten ihre Kündigung ein. Aufrecht Kaufmann, der die Hintergründe nicht kannte, sagte: „Ob ihr kommt oder geht, ist eure Sache. Wenn es euch hier nicht gefällt, steht es euch frei zu gehen." Das Personal zog murrend ab.
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Nur die Familiendiener blieben zurück und berieten sich: „Die anderen konnten gehen. Wir können nicht weg — wir müssen uns etwas einfallen lassen." Unter ihnen war ein Torwächter namens Li Zehnter <ref>Chinesisch: 李十儿</ref>, der das Wort ergriff:
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„Ihr Taugenichtse! Was regt ihr euch auf? Solange diese Vertragsmenschen noch hier waren, wollte ich ihnen nicht vors Schienbein treten. Jetzt, wo sie alle vor Hunger davongelaufen sind, sollt ihr mal sehen, was der Zehnte draufhat! Unser Herr wird mir schon gehorchen. Nur müsst ihr alle an einem Strang ziehen. Wenn wir zusammenhalten, bringt jeder ein paar Tael mit nach Hause. Wenn ihr nicht auf mich hört, kümmere ich mich auch nicht drum — ich komme auch ohne euch zurecht."
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Alle sagten: „Bravo, Zehnter! Du bist der, dem der Herr vertraut. Wenn du uns nicht hilfst, sind wir verloren!"
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Li Zehnter sagte: „Eines sage ich euch gleich: Wenn ich erst einmal die Sache in die Hand nehme und das Silber hereinkommt, dann heißt es nicht, ich hätte den größten Anteil genommen. Wenn ihr euch untereinander zerfleischt, haben wir alle das Nachsehen."
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Alle sagten: „Keine Sorge! Das kommt nicht vor. Alles ist besser, als selbst draufzuzahlen."
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Gerade als sie redeten, kam der Kanzleibeamte der Getreideabteilung herein und fragte nach Herrn Zhou dem Zweiten. Li Zehnter saß breitbeinig auf einem Stuhl, ein Bein übergeschlagen, die Brust herausgestreckt:
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„Was willst du von ihm?"
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Der Beamte stand ehrerbietig da, die Hände herabgesenkt, und lächelte unterwürfig:
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„Unser Herr Intendant ist nun über einen Monat im Amt, und diese Unterpräfekten und Kreisverwalter, die seine scharfen Erlasse kennen und wissen, dass mit ihm nicht gut reden ist — bis jetzt hat keiner von ihnen seinen Kornspeicher geöffnet. Wenn die Frist für den Getreidetransport verstreicht, wozu seid ihr Herren dann eigentlich hier?"
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Li Zehnter sagte: „Red keinen Unsinn! Unser Herr hat Hintergrund. Was er sagt, das führt er auch durch. In den letzten Tagen wollte er bereits Mahnbescheide erlassen. Nur weil ich ihm geraten habe, noch ein paar Tage zu warten, hat er innegehalten. Was willst du eigentlich von unserem Herrn Zhou Zweiten?"
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Der Beamte sagte: „Es ging nur um die Mahnbescheide, nichts weiter."
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Li Zehnter sagte: „Na also! Kaum erwähne ich die Mahnbescheide, und du fabulierst frei drauflos. Komm mir bloß nicht heimlich mit irgendwelchen Abrechnungen, sonst lass ich den Intendanten dich auspeitschen und entlassen!"
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Der Beamte sagte: „Ich diene in diesem Yamen bereits in dritter Generation. Draußen hat man einen gewissen Respekt vor mir, und zu Hause komme ich einigermaßen zurecht. Wenn ich ordentlich arbeite und der Herr Intendant befördert wird, reicht mir das. Ich bin nicht wie die, die auf Reis warten, um kochen zu können."
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Damit verabschiedete er sich: „Herr Zhou, ich gehe dann."
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Li Zehnter stand auf und lächelte strahlend: „Na, verstehst du keinen Spaß? Ein paar Worte, und schon regst du dich auf!"
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Der Beamte sagte: „Ich rege mich nicht auf. Aber wenn ich noch mehr sage, bringe ich am Ende noch den guten Ruf des Herrn Zhou in Verruf."
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Li Zehnter ging hinüber, nahm den Beamten vertraulich bei der Hand und fragte: „Wie ist dein werter Name?"
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Der Beamte sagte: „Ich heiße Zhan, Vorname Hui. Als junger Bursche habe ich auch ein paar Jahre in der Hauptstadt gelebt."
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Li Zehnter sagte: „Herr Zhan! Ich habe schon lange von Ihnen gehört. Wir sind hier alle Brüder. Wenn es etwas zu besprechen gibt — kommen Sie heute Abend her, und wir unterhalten uns."
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Der Beamte sagte: „Wer kennt nicht den großen Herrn Li Zehnten und sein Geschick! Einen Moment lang haben Sie mich ganz schön erschreckt."
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Alle lachten und gingen auseinander. An diesem Abend flüsterten Li Zehnter und der Beamte die halbe Nacht zusammen.
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Am nächsten Tag versuchte Li Zehnter mit einigen geschickten Worten, Aufrecht Kaufmann zu sondieren. Doch der schalt ihn gehörig zusammen. Einen Tag darauf standen Antrittsbesuche an. Im Inneren wurde der Befehl zum Aufbruch gegeben, draußen antwortete man mit „Jawohl". Dann verging eine ganze Weile, die Glocke schlug bereits dreimal, doch in der großen Halle fand sich niemand, der die Trommel schlug. Endlich wurde mit Müh und Not jemand aufgetrieben, um die Trommel zu schlagen. Aufrecht Kaufmann trat gemessenen Schrittes aus dem warmen Nebengemach, doch auf dem Paradeplatz stand nur ein einziger Zeremoniendiener. Aufrecht Kaufmann prüfte das nicht weiter, stieg am Fuße der Terrasse in seine Sänfte und wartete auf die Sänftenträger — auch die ließen wieder lange auf sich warten. Endlich waren sie beisammen und trugen ihn aus dem Yamen. Der Salutschuss ging nur ein einziges Mal los; auf der Musikempore spielten nur ein Trommler und ein Hornist. Aufrecht Kaufmann wurde ärgerlich:
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„Sonst war doch alles in Ordnung — warum ist heute alles so schlampig?"
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Er blickte auf seinen Ehrentross — der war lückenhaft und unvollständig. Er absolvierte mühsam seine Besuche, und kaum zurück, ließ er die Säumigen vorführen und drohte mit Prügeln. Der eine sagte, er sei nicht gekommen, weil ihm die Kopfbedeckung fehlte; der andere, er habe seine Dienstuniform verpfänden müssen; wieder ein anderer behauptete, er habe drei Tage lang nichts gegessen und sei zu schwach zum Tragen gewesen. Aufrecht Kaufmann wurde zornig, ließ ein, zwei auspeitschen und beließ es dabei.
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Tags darauf kam der Küchenvorsteher und verlangte Geld. Aufrecht Kaufmann zahlte aus dem Silber, das er von zu Hause mitgebracht hatte. Danach ging eine Sache nach der anderen schief, und alles war um Vieles unbequemer als noch in der Hauptstadt. In seiner Not rief er Li Zehnten und fragte:
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„Alle, die mit mir hergekommen sind — was ist los mit denen? Kümmere dich darum! Und noch etwas: Das mitgebrachte Silber ist verbraucht. Mein Gehalt von der Provinzkasse ist noch lange nicht fällig; wir müssen nach Hause schreiben lassen, um Geld zu holen."
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Li Zehnter antwortete unterwürfig: „Ich rede doch jeden Tag auf sie ein! Aber ich weiß auch nicht, was mit diesen Leuten los ist. Sie sind alle so lustlos — da bin ich auch machtlos. Was das Geld von zu Hause betrifft — wie viel soll denn geholt werden? Übrigens habe ich erfahren, dass der Vizekönig in ein paar Tagen Geburtstag hat. Die anderen Präfekten und Intendanten schicken alle tausende, ja zehntausende Tael. Wie viel werden wir schicken?"
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Aufrecht Kaufmann sagte: „Warum hast du mir das nicht früher gesagt?"
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Li Zehnter sagte: „Der Herr ist doch der Klügste. Wir sind hier neu angekommen und pflegen keinerlei Umgang mit den anderen Beamten. Wer wird uns da schon informieren? Die warten doch nur darauf, dass der Herr den Geburtstag verpasst, damit sie auf den Posten des Herrn schielen können!"
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Aufrecht Kaufmann sagte: „Unsinn! Mein Amt hat der Kaiser persönlich verliehen. Soll ich etwa meinen Posten verlieren, nur weil ich dem Vizekönig nicht zum Geburtstag gratuliere?"
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Li Zehnter entgegnete lächelnd: „Der Herr hat nicht unrecht. Aber die Hauptstadt ist weit weg. In allen Angelegenheiten ist es der Vizekönig, der dem Thron berichtet. Sagt er Gutes, ist es gut; sagt er Schlechtes, kann man das nicht auf sich sitzen lassen. Bis die Wahrheit ans Licht kommt, ist es zu spät. Und die Herzoginmutter und die Damen daheim — die wollen doch alle, dass der Herr draußen Karriere macht und Ansehen genießt!"
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Aufrecht Kaufmann verstand im Herzen die Tragweite und sagte: „Ich wollte dich gerade fragen — warum hast du nichts gesagt?"
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Li Zehnter antwortete: „Ich habe mich nicht zu sprechen getraut. Da der Herr nun aber selbst fragt — wenn ich nicht rede, habe ich kein Gewissen. Und wenn ich rede, wird der Herr wieder böse."
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Aufrecht Kaufmann sagte: „Sprich, wenn es vernünftig ist."
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Li Zehnter sagte: „All diese Kanzlisten und Amtsdiener haben Geld bezahlt, um in den Getreidedienst zu kommen. Jeder will Geld verdienen und seine Familie ernähren. Seit der Herr hier ist, hat niemand etwas für das Land geleistet, aber den Ruf eines ‚Saubermanns' hat der Herr schon weg."
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Aufrecht Kaufmann fragte: „Was sagen die Leute denn?"
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Li Zehnter sagte: „Die einfachen Leute sagen: ‚Immer wenn ein neuer Herr kommt und die Erlasse besonders streng klingen, dann will er in Wahrheit nur umso mehr Geld haben. Die Kreisbeamten bekommen Angst und schicken umso mehr Silber.' Und wenn die Getreidesteuer eingezogen wird, erzählen die Yamen-Leute den Bauern, der neue Intendant erlaube kein Bestechen — und dann schikanieren sie die Leute so lange, bis die Bauern lieber ein paar Münzen drauflegen, nur damit es schnell vorbei ist. Deshalb loben die Leute den Herrn nicht, sondern sagen, er verstehe nichts von den Verhältnissen.
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Nehmen wir Ihren guten Bekannten — diesen Herrn Regendorf Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾雨村</ref>. Er hat es in wenigen Jahren an die Spitze gebracht, und das nur, weil er sich anzupassen weiß, oben wie unten Harmonie pflegt und alles reibungslos läuft."
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Aufrecht Kaufmann hörte dies und sagte: „Unsinn! Soll ich etwa kein Gespür für die Zeit haben? Harmonie ist das eine, aber soll ich mit ihnen eine Katze und Maus spielen und gemeinsame Sache machen?"
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Li Zehnter antwortete: „Gerade weil mir das Herz blutet, spreche ich so offen. Wenn der Herr einfach so weitermacht und am Ende weder Verdienst noch Ruhm erlangt, dann wird der Herr sagen, ich hätte kein Gewissen gehabt und ihm nichts gesagt."
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Aufrecht Kaufmann sagte: „Wie soll ich es deiner Meinung nach denn machen?"
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Li Zehnter sagte: „Es gibt keine andere Lösung: Nutzen Sie Ihre besten Jahre und Ihre Kraft, Ihre Beziehungen bei Hofe und die gute Gesundheit der Herzoginmutter — und sichern Sie Ihre eigene Position. Sonst werden Sie vor Ablauf des Jahres feststellen, dass Sie Ihr gesamtes Privatvermögen für dienstliche Ausgaben aufgebraucht haben. Und von oben bis unten werden alle nur klagen und sagen: ‚Der Herr hat einen Provinzposten, natürlich hat er sich die Taschen gefüllt und genießt es im Stillen.' Wenn dann einmal eine schwierige Sache eintritt — wer wird dem Herrn beistehen? Dann ist es zu spät für Erklärungen und zu spät für Reue."
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Aufrecht Kaufmann sagte: „Nach dem, was du sagst, soll ich also ein bestechlicher Beamter werden? Selbst wenn ich mein Leben verlöre, wäre das noch zu ertragen — aber die Verdienste der Vorfahren beschmutzen, das kann ich nicht!"
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Li Zehnter erwiderte: „Der Herr ist der Weiseste. Haben Sie nicht die Beamten gesehen, die vor ein paar Jahren in Ungnade gefallen sind? Das waren lauter gute Bekannte des Herrn, und der Herr hat immer gesagt, sie seien untadelige Beamte. Wo steht jetzt ihre Ehre? Und dann gibt es ein paar Verwandte, die der Herr stets für fragwürdig gehalten hat — die machen eine glänzende Karriere! Es kommt eben darauf an, wie man es macht. Der Herr muss zwar auf die einfachen Leute schauen, aber auch auf die Beamten achten. Wenn der Herr den Kreis- und Bezirksmandarinen verbietet, auch nur einen einzigen Heller zu nehmen — wer wird dann draußen die Geschäfte führen?
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Lassen Sie den Herrn nach außen hin seinen sauberen Ruf wahren — und die Angelegenheiten im Inneren überlassen Sie mir. Da wird der Herr nicht persönlich verwickelt sein. Ich diene dem Herrn schon so lange — ich will doch auch einmal mein Gewissen zeigen."
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Aufrecht Kaufmann war von Li Zehnters Rede so verunsichert, dass er nicht mehr wusste, was er denken sollte: „Ich will mein Leben behalten. Wenn ihr Ärger macht — das hat nichts mit mir zu tun."
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Er wandte sich um und schritt steif in seine Privatgemächer.
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Li Zehnter machte sich nun breit und errichtete sein eigenes kleines Reich. Er verband sich heimlich mit Leuten von drinnen und draußen und führte Aufrecht Kaufmann mit vereinten Kräften hinters Licht. Die Geschäfte liefen nun plötzlich wie geschmiert, und alles ging nach Wunsch. Aufrecht Kaufmann hegte nicht nur keinen Argwohn, sondern vertraute ihm vollends. Wenn da und dort eine Beschwerde kam, rechneten die Vorgesetzten Aufrecht Kaufmann seine altmodische Ehrlichkeit hoch an und gingen der Sache nicht nach. Nur die Privatsekretäre hatten die schärfsten Ohren; als sie die Machenschaften durchschauten, suchten sie die Gelegenheit, Aufrecht Kaufmann zu warnen. Doch der wollte nicht hören. Einige von ihnen kündigten, andere blieben aus Freundschaft und versuchten, im Hintergrund das Schlimmste zu verhüten. So wurde der Getreidetransport für dieses Jahr ohne größere Katastrophe abgewickelt.
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Eines Tages saß Aufrecht Kaufmann untätig in seinem Arbeitszimmer und las. Der Kanzleileiter brachte einen versiegelten Brief herein. Auf dem offiziellen Umschlag stand:
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„Vom Oberbefehlshaber zur Verteidigung von Haimen und Umgebung an das Amt des Getreideintendanten von Jiangxi. Per Eilkurier."
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Aufrecht Kaufmann öffnete das Siegel und las:
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„Verbunden durch die Freundschaft unserer Heimatstadt Nanking: Als ich im vergangenen Jahr dienstlich in die Hauptstadt berufen wurde, erfreute ich mich des Glücks, oft an Ihrer Seite weilen zu dürfen. Ihre gnädige Zuneigung berechtigte mich, eine Verbindung unserer Familien vorzuschlagen, und ich trage Ihre Güte dankbar im Herzen. Nachdem ich jedoch an die Küstenverteidigung versetzt wurde, wagte ich nicht, die Sache übereilt voranzutreiben, und empfand tiefes Bedauern.
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Nun, da das Licht Ihrer edlen Standarte den Süden erleuchtet, ist die Freude meines Lebens erfüllt. Ich wollte soeben meine Glückwünsche senden, als mich Ihr wertes Schreiben bereits erreichte. In meinem bescheidenen Lager erstrahlt alles in Ihrem Glanz, und ich hebe dankbar die Hände zum Gruß. Selbst über das weite Meer hinweg fühle ich mich in Ihrem gütigen Schatten geborgen.
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Darf ich hoffen, dass Sie die vorgeschlagene Verbindung nicht verschmähen werden? Mein Sohn hatte bereits das Glück, Ihr gnädiges Wohlwollen zu genießen, und Ihre tugendhafte Tochter bewundern wir seit Langem. Sollten Sie Ihr Versprechen einlösen, werde ich unverzüglich einen Heiratsvermittler entsenden. Der Weg ist zwar weit, doch kann man ihn bequem auf dem Wasser zurücklegen. Ich wage nicht, von hundert Wagen zu sprechen, aber ein wohlausgestattetes Schiff wird zur Begrüßung bereitstehen.
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Mit diesen wenigen Zeilen gratuliere ich Ihnen ehrfurchtsvoll zu Ihrer Ernennung und bitte um gnädige Zustimmung. In dringlicher Erwartung verbleibe ich, Ihr ergebener jüngerer Bruder Zhou Qiong, mit einer tiefen Verbeugung."
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Aufrecht Kaufmann las den Brief und dachte bei sich: „Die Eheanbahnungen zwischen Kindern haben wirklich ihre Bestimmung. Letztes Jahr, als ich sah, dass er eine Hauptstadtstellung angetreten hatte, und weil wir Landsleute und seit jeher befreundet waren, und weil sein Sohn ein hübscher junger Mann war, habe ich bei einem Bankett die Sache angedeutet. Da aber nichts Festes vereinbart war, habe ich es zu Hause nicht erwähnt. Nachdem er dann an die Küste versetzt wurde, sprach niemand mehr davon. Und nun, durch meine Beförderung hierher, schreibt er mir deshalb. Die Familie scheint standesgemäß zu sein — für Erkundefrühling <ref>Chinesisch: 探春</ref> wäre das eine gute Partie. Nur bin ich ohne meine Familie hier und muss erst nach Hause schreiben und dort um Rat bitten."
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Gerade grübelte er noch, als der Pförtner ein amtliches Schriftstück brachte: Er solle in die Provinzhauptstadt zur Konferenz kommen. Aufrecht Kaufmann machte sich reisefertig und begab sich zur Residenz des Vizekönigs.
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Eines Tages saß er untätig in seinem Quartier und sah auf dem Tisch einen Stapel Amtsblätter liegen. Aufrecht Kaufmann blätterte sie eins nach dem anderen durch. Da stieß er auf einen Bericht des Justizministeriums:
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„Zur Kenntnisnahme: Verhandlungsergebnis im Fall des Kaufmanns Becken Schnee <ref>Chinesisch: 薛蟠</ref> aus Nanking..."
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Aufrecht Kaufmann erschrak: „Um Himmels willen! Da ist der Fall bereits beim Ministerium!"
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Gespannt las er weiter. Es handelte sich um den Fall „Becken Schnee hat Zhang San bei einer Schlägerei erschlagen, mit Zeugen und Angehörigen gemeinsame Sache gemacht und den Tod als Unfall hingestellt".
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Aufrecht Kaufmann schlug mit der Hand auf den Tisch: „Es ist aus!"
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Dann las er weiter:
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„Gemäß der Akte des Hauptstädtischen Gouverneurs: Becken Schnee, aus Nanking gebürtig, reiste durch die Kreisstadt Taiping und übernachtete in Lis Herberge. Der Kellner Zhang San, beim Wirt Li angestellt, war ihm bis dahin unbekannt. Am soundsovielten Tag bestellte Becken Schnee beim Wirt Wein und lud den Bürger Wu Liang aus Taiping zum gemeinsamen Trinken ein. Er befahl dem Kellner Zhang San, Wein zu bringen. Da der Wein nicht schmeckte, verlangte Becken Schnee, ihn durch besseren zu ersetzen. Zhang San erwiderte, der Wein sei bereits bestellt und könne nicht umgetauscht werden. Becken Schnee war über dessen Widerspenstigkeit erbost, hob den Weinbecher und schüttete ihm den Wein ins Gesicht. Unerwartet geschah dies mit solcher Wucht, und da Zhang San sich gerade bückte, um seine Essstäbchen aufzuheben, rutschte ihm der Becher aus der Hand und traf Zhang San an der Fontanelle. Die Haut platzte, Blut quoll hervor, und in kurzer Zeit war er tot.
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Der Wirt Li eilte zu Hilfe, kam aber zu spät und benachrichtigte Zhang Sans Mutter. Dessen Mutter, Zhang geb. Wang, kam herbei, fand ihren Sohn tot vor und erstattete beim Dorfvorsteher Anzeige, worauf der Fall bei der Kreisbehörde gemeldet wurde. Der amtierende Kreisrichter führte die Leichenschau durch. Der Totenbeschauer stellte einen Bruch der Schädeldecke von einem Zoll und drei Fen fest sowie eine Verletzung am Lendenwirbel und trug dies in das Protokoll ein. Der Fall wurde dem Präfekten zur Überprüfung weitergeleitet.
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Der Befund lautet: Becken Schnee hat tatsächlich beim Weinausschütten versehentlich den Becher geworfen und so Zhang San unbeabsichtigt getötet. Becken Schnee solle daher nach dem Tatbestand der fahrlässigen Tötung bestraft werden, gemäß den Richtlinien für Totschlag im Streit mit der Möglichkeit der Ablösung durch Geldstrafe."
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Dann folgte die Stellungnahme des Ministeriums:
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„Wir haben die Aussagen aller Beteiligten, Zeugen und Hinterbliebenen sorgfältig verglichen und Unstimmigkeiten festgestellt. Ferner besagt der Kommentar zum Gesetz über Totschlag im Streit: ‚Wortwechsel gilt als Streit, Handgreiflichkeit als Schlag. Nur wenn tatsächlich kein Streit und keine Schlägerei vorlag und der Tod rein zufällig eintrat, darf auf fahrlässige Tötung erkannt werden.' Der Fall ist zur erneuten Verhandlung und ordnungsgemäßen Urteilsfindung an den Gouverneur zurückzuverweisen.
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Laut dem erneuten Bericht des Gouverneurs: Becken Schnee griff, weil Zhang San sich weigerte, den Wein umzutauschen, im Rausch dessen rechte Hand, schlug ihm zuerst mit der Faust in die Lendengegend. Zhang San beschimpfte ihn nach dem Schlag, worauf Becken Schnee den Becher warf, der Zhang Sans Fontanelle schwer verletzte — der Knochen zerbrach, das Gehirn wurde freigelegt, und Zhang San starb auf der Stelle. Zhang Sans Tod ist demnach von Becken Schnee durch einen geworfenen Weinbecher mit schwerer Verletzung verursacht worden. Becken Schnee ist daher mit dem Tode zu bestrafen: Strangulation mit Aufschub der Vollstreckung <ref>Chinesisch: 绞监候</ref>. Wu Liang ist mit Stockhieben und Zwangsarbeit zu bestrafen. Die für die mangelhafte Erstverhandlung verantwortlichen Beamten von Präfektur und Kreis sollen..."
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Hier stand vermerkt: „Dieser Entwurf ist unvollständig."
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Aufrecht Kaufmann war in großer Sorge: Auf Bitten von Tante Schnee hatte er einst beim Kreisrichter ein gutes Wort eingelegt. Wenn nun eine kaiserliche Anordnung zur Neuverhandlung käme und Zusammenhänge aufgedeckt würden, könnte er selbst hineingezogen werden. Hastig griff er nach dem nächsten Blatt — doch es war ein anderer Fall. Er blätterte den ganzen Stapel durch, fand aber nirgends die Fortsetzung dieses Falles. Sein Herz war voller Unruhe, und die Angst wuchs.
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Gerade saß er ratlos da, als Li Zehnter hereinkam: „Der Herr möge sich bitte in den Empfangssaal begeben. Beim Vizekönig wurde bereits die zweite Nachttrommel geschlagen."
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Aufrecht Kaufmann saß wie erstarrt da und hatte nicht gehört. Li Zehnter bat ein zweites Mal. Aufrecht Kaufmann sagte:
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„Was soll ich bloß tun?"
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Li Zehnter fragte: „Was bedrückt den Herrn?"
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Aufrecht Kaufmann erzählte von dem Amtsblatt. Li Zehnter sagte:
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„Der Herr möge sich beruhigen. Wenn das Ministerium so entschieden hat, kommt Herr Becken Schnee sogar noch glimpflich davon. Ich habe in der Hauptstadt gehört, dass Herr Becken Schnee in der Herberge Dirnen bestellt hatte, sich betrunken hatte und Ärger machte, bis er den Kellner regelrecht totschlug. Ich habe gehört, dass nicht nur der Kreisrichter bestochen wurde, sondern dass auch Kette Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾琏</ref> viel Geld aufgewendet hat, um bei allen Behörden die Wege zu ebnen, bevor der Fall überhaupt vorgelegt wurde. Ich weiß nicht, warum das Ministerium die Sache nicht besser durchschaut hat. Selbst wenn der ganze Fall aufgerollt wird — unter Beamten hält man zusammen. Höchstens wird es heißen, die Erstverhandlung war mangelhaft, und die Verantwortlichen werden abgesetzt. Aber niemand wird zugeben, Bestechungsgelder angenommen und nach Gunst geurteilt zu haben. Der Herr braucht sich keine Sorgen zu machen. Lassen Sie mich weitere Erkundigungen einziehen. Versäumen Sie lieber nicht die Angelegenheiten des Vizekönigs."
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Aufrecht Kaufmann sagte: „Was wisst ihr schon! Nur der arme Kreisrichter — wegen eines einzigen Gefallens verliert er sein Amt, und man weiß nicht einmal, ob ihm noch eine Strafe droht."
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Li Zehnter sagte: „Jetzt über ihn nachzudenken bringt auch nichts. Draußen wartet man schon seit einer guten Weile. Der Herr möge bitte aufbrechen."
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Aufrecht Kaufmann wusste nicht, was der Vizekönig zu besprechen hatte. Davon wird im nächsten Kapitel berichtet.
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Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Neunundneunzigstes Kapitel

Pflichtgetreu im Amt — die üblen Diener umgehen die Regeln, Im Amtsblatt lesend — der alte Onkel gerät in Schrecken

Wie berichtet, sah Phönixglanz [1], dass die Herzoginmutter [2] und Tante Schnee [3] wegen Kajaljade [4] traurig waren, und versuchte sie aufzumuntern: „Ich habe einen Witz für die Herzoginmutter und die Tante." Noch bevor sie den Mund aufmachte, lachte sie selbst schon los und sagte dann:

„Die Herzoginmutter und die Tante werden sich fragen, woher der Witz stammt? Es geht um unser frisch vermähltes Paar hier im Haus!"

Die Herzoginmutter fragte: „Was ist denn mit ihnen?"

Phönixglanz fuchtelte mit den Händen: „Der eine sitzt so — der andere steht so; einer dreht sich so weg — der andere dreht sich so herum; einer macht dann wieder..."

An dieser Stelle brach die Herzoginmutter bereits in schallendes Gelächter aus: „Erzähl schon ordentlich! Es geht doch gar nicht um die beiden — du bringst uns ja ganz durcheinander!"

Tante Schnee lachte ebenfalls: „Erzähl einfach weiter, ohne diese Pantomime!"

Da erst begann Phönixglanz: „Gerade eben war ich bei Bruder Schatzjades [5] Gemach, und ich hörte mehrere Leute darin lachen. Ich dachte mir, wer das wohl sein könnte, und lugte durch ein Löchlein im Fenster. Da sah ich Schwester Schatzspange [6] auf dem Ofenbettrand sitzen und Bruder Schatzjade vor ihr auf dem Boden stehen. Bruder Schatzjade hielt Schwester Schatzspange am Ärmel fest und bat flehentlich: ‚Schwester Schatzspange, warum redest du nicht mit mir? Sag doch nur ein einziges Wort, und meine Krankheit ist ganz bestimmt geheilt!' Schwester Schatzspange drehte den Kopf weg und wich ständig aus. Bruder Schatzjade machte eine tiefe Verbeugung vor ihr, kam heran und griff nach ihrem Kleid. Schwester Schatzspange riss sich ärgerlich los. Bruder Schatzjade ist ja nach seiner Krankheit noch wackelig auf den Beinen — und so fiel er mir nichts, dir nichts direkt auf Schwester Schatzspange drauf. Schwester Schatzspange wurde puterrot und sagte: ‚Du bist ja noch rücksichtsloser geworden als früher!'"

Bei diesen Worten brachen die Herzoginmutter und Tante Schnee in Lachen aus. Phönixglanz fuhr fort: „Dann stand Bruder Schatzjade auf und sagte lachend: ‚Dabei musste ich erst hinfallen, damit du endlich den Mund aufmachst!'"

Tante Schnee lachte: „Meine Schatzspange hat wirklich Eigenarten. Was ist denn dabei? Wenn man schon Eheleute ist, kann man doch scherzen und lachen! Hat sie nicht gesehen, wie ihr Vetter Kette und du miteinander umgeht?"

Phönixglanz wurde rot und lachte: „Was soll das denn heißen? Da erzähle ich schon Witze, um die Tante aufzuheitern, und die Tante liest mir stattdessen die Zukunft!"

Die Herzoginmutter lachte ebenfalls: „So muss es sein. Eheleute sollen zwar freundlich zueinander sein, aber es braucht auch Anstand und Maß. Ich schätze an Schatzspange gerade diese Würde. Nur macht mir Schatzjade Sorgen, der immer noch so ein dummer Junge ist. Aber nach dem, was du erzählst, scheint er doch schon viel vernünftiger geworden zu sein als früher. Hast du noch mehr Geschichten?"

Phönixglanz sagte: „Wenn Schatzjade erst seine Hochzeitsnacht hinter sich hat und die Tante eines Tages ihr Enkelchen im Arm hält — das wird dann erst recht zum Lachen sein!"

Die Herzoginmutter lachte: „Du Äffin! Wir sitzen hier und denken an deine Schwester Kajaljade, und du machst uns erst zum Lachen und dann schämst du uns noch dazu! Du willst doch nicht, dass wir an Kajaljade denken? Freu dich aber nicht zu früh! Deine Schwester Kajaljade grollt dir, und wenn du eines Tages allein in den Garten gehst, passt auf, dass sie dich nicht packt und festhält!"

Phönixglanz lachte: „Mir grollt sie gar nicht. Kurz vor ihrem Tod hat sie die Zähne zusammengebissen — ihr Groll galt Schatzjade!"

Die Herzoginmutter und Tante Schnee hielten dies noch für Spaß und gingen nicht weiter darauf ein: „Hör auf, solchen Unsinn zu reden! Geh und lass draußen einen besonders günstigen Tag aussuchen, damit Bruder Schatzjade seine Hochzeitsnacht feiern kann."

Phönixglanz stimmte zu, plauderte noch ein wenig und ging dann hinaus. Sie ließ einen Glückstag wählen und bereitete aufs Neue ein Bankett mit Theaterspiel und Einladungen vor. Darüber braucht man nicht weiter zu berichten.

Was nun Schatzjade betrifft: Obwohl er von seiner Krankheit genesen war und Schatzspange in heiteren Stunden zuweilen ein Buch aufschlug und mit ihm darüber sprach — konnte sich Schatzjade zwar an die Dinge erinnern, die ihm täglich vor Augen kamen, doch was seinen früheren Scharfsinn betraf, war er bei Weitem nicht mehr derselbe. Er selbst konnte sich das nicht erklären. Schatzspange wusste genau, dass es am Verlust des magischen Jade lag. Es war jedoch Dufthauch [7], die ihn zuweilen fragte: „Warum habt Ihr Euren früheren Scharfsinn verloren? Wenn Ihr wenigstens die alten Unarten abgelegt hättet, wäre es gut. Aber Euer Temperament ist wie eh und je — nur im Verstand seid Ihr noch verwirrter als zuvor."

Schatzjade hörte das und wurde keineswegs böse, sondern grinste nur albern. Wenn Schatzjade zuweilen seiner Natur freien Lauf ließ und Unfug trieb, war es Schatzspange, die ihn ermahnte und etwas zur Besinnung brachte. So konnte sich Dufthauch manche Predigt ersparen und widmete sich ganz der hingebungsvollen Pflege. Die anderen Mägde hatten Schatzspanges tugendhafte, ruhige und gütige Art schon immer bewundert, und alle fügten sich bereitwillig. Überall herrschte Frieden.

Nur Schatzjade war eben einer, der die Bewegung mehr liebte als die Stille, und ständig wollte er in den Garten spazieren. Die Herzoginmutter und die anderen fürchteten erstens, er könnte sich Kälte oder Hitze zuziehen, und zweitens, dass der Anblick der alten Stätten ihn in Trauer versetzen würde. Zwar war Kajaljades Sarg bereits in einem Tempel außerhalb der Stadt aufgebahrt worden, doch der Xiaoxiang-Pavillon [8] stand noch immer leer da — die Bewohnerin tot, die Räume unverändert. Man fürchtete, das könnte die alte Krankheit wieder aufwühlen, und ließ ihn deshalb nicht hin.

Zudem hatten sich die verwandten jungen Damen alle zerstreut: Kostbarzither Schnee [9] war bereits zu Tante Schnee zurückgekehrt. Xiang-Flusswolke Geschichte [10] war, weil Marquis Geschichte in die Hauptstadt zurückgekehrt war, ebenfalls nach Hause geholt worden. Ihr Hochzeitstag war bereits bestimmt, und so kam sie nur noch selten. Zur Hochzeit Schatzjades und zum Festbankett war sie zwei Mal dagewesen und hatte bei der Herzoginmutter gewohnt. Da Schatzjade nun verheiratet war und sie selbst bald heiraten würde, gab sie sich nicht mehr den ungezwungenen Neckereien von früher hin. Wenn sie ab und zu vorbeikam, sprach sie nur mit Schatzspange, und bei Schatzjade beschränkte sie sich auf eine höfliche Begrüßung. Höhlennebel Strafe [11] war nach Willkommensfrühlings [12] Heirat zu ihrer Tante, Frau Strafe [13], gezogen. Die Li-Schwestern wohnten auswärts; kamen sie mit ihrer Mutter zu Besuch, begrüßten sie die Damen und die Schwestern, gingen dann zu Seidenweiß Pflaume [14], blieben ein, zwei Tage und kehrten heim. So wohnten im Garten nur noch Seidenweiß Pflaume, Erkundefrühling [15] und Bedauerfrühling [16]. Die Herzoginmutter hatte eigentlich gewollt, dass auch Seidenweiß Pflaume und die anderen ins Haupthaus umzögen, doch seit dem Tod der Edlen Gemahlin [17] hatten sich die Unglücksfälle im Hause überschlagen, und man war nicht dazu gekommen. Da es nun mit jedem Tag heißer wurde und man den Garten noch bewohnen konnte, wollte man den Umzug auf den Herbst verschieben. Doch davon mehr zu gegebener Zeit.

Es wird nun erzählt, dass Aufrecht Kaufmann [18] in Begleitung einiger in der Hauptstadt angeworbener Privatsekretäre tags reiste und nachts rastete, bis er eines Tages in seiner Provinz eintraf. Er meldete sich bei seinen Vorgesetzten, begab sich zu seinem neuen Yamen, nahm zeremoniell das Amtssiegel in Empfang und trat sein Amt an. Sogleich begann er mit der Überprüfung der Getreide- und Reisvorräte in den Kornspeichern aller ihm unterstellten Unterpräfekturen und Kreise.

Aufrecht Kaufmann hatte stets als Beamter in der Hauptstadt gedient und kannte nur die einförmigen Routinegeschäfte eines Ministerialbeamten. Seine einzige Provinztätigkeit war die des Prüfungsaufsehers gewesen, die nichts mit der eigentlichen Verwaltung zu tun hatte. Die Missbräuche der Provinzbeamten — das Umrechnen der Getreidesteuer zum eigenen Vorteil, die Erpressung der unwissenden Landbevölkerung — hatte er zwar vom Hörensagen gekannt, aber nie mit eigenen Augen erlebt. Er hatte nur den einen Vorsatz: ein guter, aufrechter Beamter zu sein. So beriet er sich mit seinen Sekretären, veröffentlichte strenge Erlasse und ließ verlauten, dass jeder ertappte Missbrauch an die Vorgesetzten gemeldet und zur Bestrafung gebracht würde. Anfangs fürchteten sich die Kanzleibeamten tatsächlich und versuchten auf tausenderlei Weise, sich einzuschmeicheln — doch Aufrecht Kaufmann war unbestechlich.

Seine Familiendiener hatten all die Jahre in der Hauptstadt unter diesem Herrn kein Geld verdient. Endlich, als der Herr einen Provinzposten erhielt, hatten sie sich in der Hauptstadt auf den Namen eines lukrativen Außenpostens hin Geld geliehen, sich neue Kleidung schneidern lassen und einen standesgemäßen Auftritt geschaffen. In ihrem Herzen rechneten sie fest damit, dass das Silber im Amt wie von selbst fließen würde. Doch nun brach dieser eigensinnige Herr in seinen sturen Eifer aus und wollte tatsächlich alles untersuchen. Die Geschenke der Unterpräfekturen und Kreise — er nahm nicht ein einziges an. Die Türwächter und Kanzleiangestellten rechneten nach:

„Wenn wir noch vierzehn Tage warten, müssen wir unsere Kleider verpfänden, und die Gläubiger klopfen an die Tür. Was sollen wir dann tun? Vor unseren Augen liegt glänzend weißes Silber — und wir kommen nicht heran!"

Jenes neuangeworbene Personal sagte ebenfalls: „Ihr seid noch gut dran, ihr habt wenigstens kein Kapital hineinstecken müssen. Wir sind die wahren Opfer! Wir haben uns die Anstellung teuer erkauft — und nach über einem Monat haben wir noch keinen halben Heller gesehen. Unter diesem Herrn ist kein Gewinn zu machen. Morgen kündigen wir alle miteinander."

Am nächsten Tag kamen sie tatsächlich geschlossen und reichten ihre Kündigung ein. Aufrecht Kaufmann, der die Hintergründe nicht kannte, sagte: „Ob ihr kommt oder geht, ist eure Sache. Wenn es euch hier nicht gefällt, steht es euch frei zu gehen." Das Personal zog murrend ab.

Nur die Familiendiener blieben zurück und berieten sich: „Die anderen konnten gehen. Wir können nicht weg — wir müssen uns etwas einfallen lassen." Unter ihnen war ein Torwächter namens Li Zehnter [19], der das Wort ergriff:

„Ihr Taugenichtse! Was regt ihr euch auf? Solange diese Vertragsmenschen noch hier waren, wollte ich ihnen nicht vors Schienbein treten. Jetzt, wo sie alle vor Hunger davongelaufen sind, sollt ihr mal sehen, was der Zehnte draufhat! Unser Herr wird mir schon gehorchen. Nur müsst ihr alle an einem Strang ziehen. Wenn wir zusammenhalten, bringt jeder ein paar Tael mit nach Hause. Wenn ihr nicht auf mich hört, kümmere ich mich auch nicht drum — ich komme auch ohne euch zurecht."

Alle sagten: „Bravo, Zehnter! Du bist der, dem der Herr vertraut. Wenn du uns nicht hilfst, sind wir verloren!"

Li Zehnter sagte: „Eines sage ich euch gleich: Wenn ich erst einmal die Sache in die Hand nehme und das Silber hereinkommt, dann heißt es nicht, ich hätte den größten Anteil genommen. Wenn ihr euch untereinander zerfleischt, haben wir alle das Nachsehen."

Alle sagten: „Keine Sorge! Das kommt nicht vor. Alles ist besser, als selbst draufzuzahlen."

Gerade als sie redeten, kam der Kanzleibeamte der Getreideabteilung herein und fragte nach Herrn Zhou dem Zweiten. Li Zehnter saß breitbeinig auf einem Stuhl, ein Bein übergeschlagen, die Brust herausgestreckt:

„Was willst du von ihm?"

Der Beamte stand ehrerbietig da, die Hände herabgesenkt, und lächelte unterwürfig:

„Unser Herr Intendant ist nun über einen Monat im Amt, und diese Unterpräfekten und Kreisverwalter, die seine scharfen Erlasse kennen und wissen, dass mit ihm nicht gut reden ist — bis jetzt hat keiner von ihnen seinen Kornspeicher geöffnet. Wenn die Frist für den Getreidetransport verstreicht, wozu seid ihr Herren dann eigentlich hier?"

Li Zehnter sagte: „Red keinen Unsinn! Unser Herr hat Hintergrund. Was er sagt, das führt er auch durch. In den letzten Tagen wollte er bereits Mahnbescheide erlassen. Nur weil ich ihm geraten habe, noch ein paar Tage zu warten, hat er innegehalten. Was willst du eigentlich von unserem Herrn Zhou Zweiten?"

Der Beamte sagte: „Es ging nur um die Mahnbescheide, nichts weiter."

Li Zehnter sagte: „Na also! Kaum erwähne ich die Mahnbescheide, und du fabulierst frei drauflos. Komm mir bloß nicht heimlich mit irgendwelchen Abrechnungen, sonst lass ich den Intendanten dich auspeitschen und entlassen!"

Der Beamte sagte: „Ich diene in diesem Yamen bereits in dritter Generation. Draußen hat man einen gewissen Respekt vor mir, und zu Hause komme ich einigermaßen zurecht. Wenn ich ordentlich arbeite und der Herr Intendant befördert wird, reicht mir das. Ich bin nicht wie die, die auf Reis warten, um kochen zu können."

Damit verabschiedete er sich: „Herr Zhou, ich gehe dann."

Li Zehnter stand auf und lächelte strahlend: „Na, verstehst du keinen Spaß? Ein paar Worte, und schon regst du dich auf!"

Der Beamte sagte: „Ich rege mich nicht auf. Aber wenn ich noch mehr sage, bringe ich am Ende noch den guten Ruf des Herrn Zhou in Verruf."

Li Zehnter ging hinüber, nahm den Beamten vertraulich bei der Hand und fragte: „Wie ist dein werter Name?"

Der Beamte sagte: „Ich heiße Zhan, Vorname Hui. Als junger Bursche habe ich auch ein paar Jahre in der Hauptstadt gelebt."

Li Zehnter sagte: „Herr Zhan! Ich habe schon lange von Ihnen gehört. Wir sind hier alle Brüder. Wenn es etwas zu besprechen gibt — kommen Sie heute Abend her, und wir unterhalten uns."

Der Beamte sagte: „Wer kennt nicht den großen Herrn Li Zehnten und sein Geschick! Einen Moment lang haben Sie mich ganz schön erschreckt."

Alle lachten und gingen auseinander. An diesem Abend flüsterten Li Zehnter und der Beamte die halbe Nacht zusammen.

Am nächsten Tag versuchte Li Zehnter mit einigen geschickten Worten, Aufrecht Kaufmann zu sondieren. Doch der schalt ihn gehörig zusammen. Einen Tag darauf standen Antrittsbesuche an. Im Inneren wurde der Befehl zum Aufbruch gegeben, draußen antwortete man mit „Jawohl". Dann verging eine ganze Weile, die Glocke schlug bereits dreimal, doch in der großen Halle fand sich niemand, der die Trommel schlug. Endlich wurde mit Müh und Not jemand aufgetrieben, um die Trommel zu schlagen. Aufrecht Kaufmann trat gemessenen Schrittes aus dem warmen Nebengemach, doch auf dem Paradeplatz stand nur ein einziger Zeremoniendiener. Aufrecht Kaufmann prüfte das nicht weiter, stieg am Fuße der Terrasse in seine Sänfte und wartete auf die Sänftenträger — auch die ließen wieder lange auf sich warten. Endlich waren sie beisammen und trugen ihn aus dem Yamen. Der Salutschuss ging nur ein einziges Mal los; auf der Musikempore spielten nur ein Trommler und ein Hornist. Aufrecht Kaufmann wurde ärgerlich:

„Sonst war doch alles in Ordnung — warum ist heute alles so schlampig?"

Er blickte auf seinen Ehrentross — der war lückenhaft und unvollständig. Er absolvierte mühsam seine Besuche, und kaum zurück, ließ er die Säumigen vorführen und drohte mit Prügeln. Der eine sagte, er sei nicht gekommen, weil ihm die Kopfbedeckung fehlte; der andere, er habe seine Dienstuniform verpfänden müssen; wieder ein anderer behauptete, er habe drei Tage lang nichts gegessen und sei zu schwach zum Tragen gewesen. Aufrecht Kaufmann wurde zornig, ließ ein, zwei auspeitschen und beließ es dabei.

Tags darauf kam der Küchenvorsteher und verlangte Geld. Aufrecht Kaufmann zahlte aus dem Silber, das er von zu Hause mitgebracht hatte. Danach ging eine Sache nach der anderen schief, und alles war um Vieles unbequemer als noch in der Hauptstadt. In seiner Not rief er Li Zehnten und fragte:

„Alle, die mit mir hergekommen sind — was ist los mit denen? Kümmere dich darum! Und noch etwas: Das mitgebrachte Silber ist verbraucht. Mein Gehalt von der Provinzkasse ist noch lange nicht fällig; wir müssen nach Hause schreiben lassen, um Geld zu holen."

Li Zehnter antwortete unterwürfig: „Ich rede doch jeden Tag auf sie ein! Aber ich weiß auch nicht, was mit diesen Leuten los ist. Sie sind alle so lustlos — da bin ich auch machtlos. Was das Geld von zu Hause betrifft — wie viel soll denn geholt werden? Übrigens habe ich erfahren, dass der Vizekönig in ein paar Tagen Geburtstag hat. Die anderen Präfekten und Intendanten schicken alle tausende, ja zehntausende Tael. Wie viel werden wir schicken?"

Aufrecht Kaufmann sagte: „Warum hast du mir das nicht früher gesagt?"

Li Zehnter sagte: „Der Herr ist doch der Klügste. Wir sind hier neu angekommen und pflegen keinerlei Umgang mit den anderen Beamten. Wer wird uns da schon informieren? Die warten doch nur darauf, dass der Herr den Geburtstag verpasst, damit sie auf den Posten des Herrn schielen können!"

Aufrecht Kaufmann sagte: „Unsinn! Mein Amt hat der Kaiser persönlich verliehen. Soll ich etwa meinen Posten verlieren, nur weil ich dem Vizekönig nicht zum Geburtstag gratuliere?"

Li Zehnter entgegnete lächelnd: „Der Herr hat nicht unrecht. Aber die Hauptstadt ist weit weg. In allen Angelegenheiten ist es der Vizekönig, der dem Thron berichtet. Sagt er Gutes, ist es gut; sagt er Schlechtes, kann man das nicht auf sich sitzen lassen. Bis die Wahrheit ans Licht kommt, ist es zu spät. Und die Herzoginmutter und die Damen daheim — die wollen doch alle, dass der Herr draußen Karriere macht und Ansehen genießt!"

Aufrecht Kaufmann verstand im Herzen die Tragweite und sagte: „Ich wollte dich gerade fragen — warum hast du nichts gesagt?"

Li Zehnter antwortete: „Ich habe mich nicht zu sprechen getraut. Da der Herr nun aber selbst fragt — wenn ich nicht rede, habe ich kein Gewissen. Und wenn ich rede, wird der Herr wieder böse."

Aufrecht Kaufmann sagte: „Sprich, wenn es vernünftig ist."

Li Zehnter sagte: „All diese Kanzlisten und Amtsdiener haben Geld bezahlt, um in den Getreidedienst zu kommen. Jeder will Geld verdienen und seine Familie ernähren. Seit der Herr hier ist, hat niemand etwas für das Land geleistet, aber den Ruf eines ‚Saubermanns' hat der Herr schon weg."

Aufrecht Kaufmann fragte: „Was sagen die Leute denn?"

Li Zehnter sagte: „Die einfachen Leute sagen: ‚Immer wenn ein neuer Herr kommt und die Erlasse besonders streng klingen, dann will er in Wahrheit nur umso mehr Geld haben. Die Kreisbeamten bekommen Angst und schicken umso mehr Silber.' Und wenn die Getreidesteuer eingezogen wird, erzählen die Yamen-Leute den Bauern, der neue Intendant erlaube kein Bestechen — und dann schikanieren sie die Leute so lange, bis die Bauern lieber ein paar Münzen drauflegen, nur damit es schnell vorbei ist. Deshalb loben die Leute den Herrn nicht, sondern sagen, er verstehe nichts von den Verhältnissen.

Nehmen wir Ihren guten Bekannten — diesen Herrn Regendorf Kaufmann [20]. Er hat es in wenigen Jahren an die Spitze gebracht, und das nur, weil er sich anzupassen weiß, oben wie unten Harmonie pflegt und alles reibungslos läuft."

Aufrecht Kaufmann hörte dies und sagte: „Unsinn! Soll ich etwa kein Gespür für die Zeit haben? Harmonie ist das eine, aber soll ich mit ihnen eine Katze und Maus spielen und gemeinsame Sache machen?"

Li Zehnter antwortete: „Gerade weil mir das Herz blutet, spreche ich so offen. Wenn der Herr einfach so weitermacht und am Ende weder Verdienst noch Ruhm erlangt, dann wird der Herr sagen, ich hätte kein Gewissen gehabt und ihm nichts gesagt."

Aufrecht Kaufmann sagte: „Wie soll ich es deiner Meinung nach denn machen?"

Li Zehnter sagte: „Es gibt keine andere Lösung: Nutzen Sie Ihre besten Jahre und Ihre Kraft, Ihre Beziehungen bei Hofe und die gute Gesundheit der Herzoginmutter — und sichern Sie Ihre eigene Position. Sonst werden Sie vor Ablauf des Jahres feststellen, dass Sie Ihr gesamtes Privatvermögen für dienstliche Ausgaben aufgebraucht haben. Und von oben bis unten werden alle nur klagen und sagen: ‚Der Herr hat einen Provinzposten, natürlich hat er sich die Taschen gefüllt und genießt es im Stillen.' Wenn dann einmal eine schwierige Sache eintritt — wer wird dem Herrn beistehen? Dann ist es zu spät für Erklärungen und zu spät für Reue."

Aufrecht Kaufmann sagte: „Nach dem, was du sagst, soll ich also ein bestechlicher Beamter werden? Selbst wenn ich mein Leben verlöre, wäre das noch zu ertragen — aber die Verdienste der Vorfahren beschmutzen, das kann ich nicht!"

Li Zehnter erwiderte: „Der Herr ist der Weiseste. Haben Sie nicht die Beamten gesehen, die vor ein paar Jahren in Ungnade gefallen sind? Das waren lauter gute Bekannte des Herrn, und der Herr hat immer gesagt, sie seien untadelige Beamte. Wo steht jetzt ihre Ehre? Und dann gibt es ein paar Verwandte, die der Herr stets für fragwürdig gehalten hat — die machen eine glänzende Karriere! Es kommt eben darauf an, wie man es macht. Der Herr muss zwar auf die einfachen Leute schauen, aber auch auf die Beamten achten. Wenn der Herr den Kreis- und Bezirksmandarinen verbietet, auch nur einen einzigen Heller zu nehmen — wer wird dann draußen die Geschäfte führen?

Lassen Sie den Herrn nach außen hin seinen sauberen Ruf wahren — und die Angelegenheiten im Inneren überlassen Sie mir. Da wird der Herr nicht persönlich verwickelt sein. Ich diene dem Herrn schon so lange — ich will doch auch einmal mein Gewissen zeigen."

Aufrecht Kaufmann war von Li Zehnters Rede so verunsichert, dass er nicht mehr wusste, was er denken sollte: „Ich will mein Leben behalten. Wenn ihr Ärger macht — das hat nichts mit mir zu tun."

Er wandte sich um und schritt steif in seine Privatgemächer.

Li Zehnter machte sich nun breit und errichtete sein eigenes kleines Reich. Er verband sich heimlich mit Leuten von drinnen und draußen und führte Aufrecht Kaufmann mit vereinten Kräften hinters Licht. Die Geschäfte liefen nun plötzlich wie geschmiert, und alles ging nach Wunsch. Aufrecht Kaufmann hegte nicht nur keinen Argwohn, sondern vertraute ihm vollends. Wenn da und dort eine Beschwerde kam, rechneten die Vorgesetzten Aufrecht Kaufmann seine altmodische Ehrlichkeit hoch an und gingen der Sache nicht nach. Nur die Privatsekretäre hatten die schärfsten Ohren; als sie die Machenschaften durchschauten, suchten sie die Gelegenheit, Aufrecht Kaufmann zu warnen. Doch der wollte nicht hören. Einige von ihnen kündigten, andere blieben aus Freundschaft und versuchten, im Hintergrund das Schlimmste zu verhüten. So wurde der Getreidetransport für dieses Jahr ohne größere Katastrophe abgewickelt.

Eines Tages saß Aufrecht Kaufmann untätig in seinem Arbeitszimmer und las. Der Kanzleileiter brachte einen versiegelten Brief herein. Auf dem offiziellen Umschlag stand:

„Vom Oberbefehlshaber zur Verteidigung von Haimen und Umgebung an das Amt des Getreideintendanten von Jiangxi. Per Eilkurier."

Aufrecht Kaufmann öffnete das Siegel und las:

„Verbunden durch die Freundschaft unserer Heimatstadt Nanking: Als ich im vergangenen Jahr dienstlich in die Hauptstadt berufen wurde, erfreute ich mich des Glücks, oft an Ihrer Seite weilen zu dürfen. Ihre gnädige Zuneigung berechtigte mich, eine Verbindung unserer Familien vorzuschlagen, und ich trage Ihre Güte dankbar im Herzen. Nachdem ich jedoch an die Küstenverteidigung versetzt wurde, wagte ich nicht, die Sache übereilt voranzutreiben, und empfand tiefes Bedauern.

Nun, da das Licht Ihrer edlen Standarte den Süden erleuchtet, ist die Freude meines Lebens erfüllt. Ich wollte soeben meine Glückwünsche senden, als mich Ihr wertes Schreiben bereits erreichte. In meinem bescheidenen Lager erstrahlt alles in Ihrem Glanz, und ich hebe dankbar die Hände zum Gruß. Selbst über das weite Meer hinweg fühle ich mich in Ihrem gütigen Schatten geborgen.

Darf ich hoffen, dass Sie die vorgeschlagene Verbindung nicht verschmähen werden? Mein Sohn hatte bereits das Glück, Ihr gnädiges Wohlwollen zu genießen, und Ihre tugendhafte Tochter bewundern wir seit Langem. Sollten Sie Ihr Versprechen einlösen, werde ich unverzüglich einen Heiratsvermittler entsenden. Der Weg ist zwar weit, doch kann man ihn bequem auf dem Wasser zurücklegen. Ich wage nicht, von hundert Wagen zu sprechen, aber ein wohlausgestattetes Schiff wird zur Begrüßung bereitstehen.

Mit diesen wenigen Zeilen gratuliere ich Ihnen ehrfurchtsvoll zu Ihrer Ernennung und bitte um gnädige Zustimmung. In dringlicher Erwartung verbleibe ich, Ihr ergebener jüngerer Bruder Zhou Qiong, mit einer tiefen Verbeugung."

Aufrecht Kaufmann las den Brief und dachte bei sich: „Die Eheanbahnungen zwischen Kindern haben wirklich ihre Bestimmung. Letztes Jahr, als ich sah, dass er eine Hauptstadtstellung angetreten hatte, und weil wir Landsleute und seit jeher befreundet waren, und weil sein Sohn ein hübscher junger Mann war, habe ich bei einem Bankett die Sache angedeutet. Da aber nichts Festes vereinbart war, habe ich es zu Hause nicht erwähnt. Nachdem er dann an die Küste versetzt wurde, sprach niemand mehr davon. Und nun, durch meine Beförderung hierher, schreibt er mir deshalb. Die Familie scheint standesgemäß zu sein — für Erkundefrühling [21] wäre das eine gute Partie. Nur bin ich ohne meine Familie hier und muss erst nach Hause schreiben und dort um Rat bitten."

Gerade grübelte er noch, als der Pförtner ein amtliches Schriftstück brachte: Er solle in die Provinzhauptstadt zur Konferenz kommen. Aufrecht Kaufmann machte sich reisefertig und begab sich zur Residenz des Vizekönigs.

Eines Tages saß er untätig in seinem Quartier und sah auf dem Tisch einen Stapel Amtsblätter liegen. Aufrecht Kaufmann blätterte sie eins nach dem anderen durch. Da stieß er auf einen Bericht des Justizministeriums:

„Zur Kenntnisnahme: Verhandlungsergebnis im Fall des Kaufmanns Becken Schnee [22] aus Nanking..."

Aufrecht Kaufmann erschrak: „Um Himmels willen! Da ist der Fall bereits beim Ministerium!"

Gespannt las er weiter. Es handelte sich um den Fall „Becken Schnee hat Zhang San bei einer Schlägerei erschlagen, mit Zeugen und Angehörigen gemeinsame Sache gemacht und den Tod als Unfall hingestellt".

Aufrecht Kaufmann schlug mit der Hand auf den Tisch: „Es ist aus!"

Dann las er weiter:

„Gemäß der Akte des Hauptstädtischen Gouverneurs: Becken Schnee, aus Nanking gebürtig, reiste durch die Kreisstadt Taiping und übernachtete in Lis Herberge. Der Kellner Zhang San, beim Wirt Li angestellt, war ihm bis dahin unbekannt. Am soundsovielten Tag bestellte Becken Schnee beim Wirt Wein und lud den Bürger Wu Liang aus Taiping zum gemeinsamen Trinken ein. Er befahl dem Kellner Zhang San, Wein zu bringen. Da der Wein nicht schmeckte, verlangte Becken Schnee, ihn durch besseren zu ersetzen. Zhang San erwiderte, der Wein sei bereits bestellt und könne nicht umgetauscht werden. Becken Schnee war über dessen Widerspenstigkeit erbost, hob den Weinbecher und schüttete ihm den Wein ins Gesicht. Unerwartet geschah dies mit solcher Wucht, und da Zhang San sich gerade bückte, um seine Essstäbchen aufzuheben, rutschte ihm der Becher aus der Hand und traf Zhang San an der Fontanelle. Die Haut platzte, Blut quoll hervor, und in kurzer Zeit war er tot.

Der Wirt Li eilte zu Hilfe, kam aber zu spät und benachrichtigte Zhang Sans Mutter. Dessen Mutter, Zhang geb. Wang, kam herbei, fand ihren Sohn tot vor und erstattete beim Dorfvorsteher Anzeige, worauf der Fall bei der Kreisbehörde gemeldet wurde. Der amtierende Kreisrichter führte die Leichenschau durch. Der Totenbeschauer stellte einen Bruch der Schädeldecke von einem Zoll und drei Fen fest sowie eine Verletzung am Lendenwirbel und trug dies in das Protokoll ein. Der Fall wurde dem Präfekten zur Überprüfung weitergeleitet.

Der Befund lautet: Becken Schnee hat tatsächlich beim Weinausschütten versehentlich den Becher geworfen und so Zhang San unbeabsichtigt getötet. Becken Schnee solle daher nach dem Tatbestand der fahrlässigen Tötung bestraft werden, gemäß den Richtlinien für Totschlag im Streit mit der Möglichkeit der Ablösung durch Geldstrafe."

Dann folgte die Stellungnahme des Ministeriums:

„Wir haben die Aussagen aller Beteiligten, Zeugen und Hinterbliebenen sorgfältig verglichen und Unstimmigkeiten festgestellt. Ferner besagt der Kommentar zum Gesetz über Totschlag im Streit: ‚Wortwechsel gilt als Streit, Handgreiflichkeit als Schlag. Nur wenn tatsächlich kein Streit und keine Schlägerei vorlag und der Tod rein zufällig eintrat, darf auf fahrlässige Tötung erkannt werden.' Der Fall ist zur erneuten Verhandlung und ordnungsgemäßen Urteilsfindung an den Gouverneur zurückzuverweisen.

Laut dem erneuten Bericht des Gouverneurs: Becken Schnee griff, weil Zhang San sich weigerte, den Wein umzutauschen, im Rausch dessen rechte Hand, schlug ihm zuerst mit der Faust in die Lendengegend. Zhang San beschimpfte ihn nach dem Schlag, worauf Becken Schnee den Becher warf, der Zhang Sans Fontanelle schwer verletzte — der Knochen zerbrach, das Gehirn wurde freigelegt, und Zhang San starb auf der Stelle. Zhang Sans Tod ist demnach von Becken Schnee durch einen geworfenen Weinbecher mit schwerer Verletzung verursacht worden. Becken Schnee ist daher mit dem Tode zu bestrafen: Strangulation mit Aufschub der Vollstreckung [23]. Wu Liang ist mit Stockhieben und Zwangsarbeit zu bestrafen. Die für die mangelhafte Erstverhandlung verantwortlichen Beamten von Präfektur und Kreis sollen..."

Hier stand vermerkt: „Dieser Entwurf ist unvollständig."

Aufrecht Kaufmann war in großer Sorge: Auf Bitten von Tante Schnee hatte er einst beim Kreisrichter ein gutes Wort eingelegt. Wenn nun eine kaiserliche Anordnung zur Neuverhandlung käme und Zusammenhänge aufgedeckt würden, könnte er selbst hineingezogen werden. Hastig griff er nach dem nächsten Blatt — doch es war ein anderer Fall. Er blätterte den ganzen Stapel durch, fand aber nirgends die Fortsetzung dieses Falles. Sein Herz war voller Unruhe, und die Angst wuchs.

Gerade saß er ratlos da, als Li Zehnter hereinkam: „Der Herr möge sich bitte in den Empfangssaal begeben. Beim Vizekönig wurde bereits die zweite Nachttrommel geschlagen."

Aufrecht Kaufmann saß wie erstarrt da und hatte nicht gehört. Li Zehnter bat ein zweites Mal. Aufrecht Kaufmann sagte:

„Was soll ich bloß tun?"

Li Zehnter fragte: „Was bedrückt den Herrn?"

Aufrecht Kaufmann erzählte von dem Amtsblatt. Li Zehnter sagte:

„Der Herr möge sich beruhigen. Wenn das Ministerium so entschieden hat, kommt Herr Becken Schnee sogar noch glimpflich davon. Ich habe in der Hauptstadt gehört, dass Herr Becken Schnee in der Herberge Dirnen bestellt hatte, sich betrunken hatte und Ärger machte, bis er den Kellner regelrecht totschlug. Ich habe gehört, dass nicht nur der Kreisrichter bestochen wurde, sondern dass auch Kette Kaufmann [24] viel Geld aufgewendet hat, um bei allen Behörden die Wege zu ebnen, bevor der Fall überhaupt vorgelegt wurde. Ich weiß nicht, warum das Ministerium die Sache nicht besser durchschaut hat. Selbst wenn der ganze Fall aufgerollt wird — unter Beamten hält man zusammen. Höchstens wird es heißen, die Erstverhandlung war mangelhaft, und die Verantwortlichen werden abgesetzt. Aber niemand wird zugeben, Bestechungsgelder angenommen und nach Gunst geurteilt zu haben. Der Herr braucht sich keine Sorgen zu machen. Lassen Sie mich weitere Erkundigungen einziehen. Versäumen Sie lieber nicht die Angelegenheiten des Vizekönigs."

Aufrecht Kaufmann sagte: „Was wisst ihr schon! Nur der arme Kreisrichter — wegen eines einzigen Gefallens verliert er sein Amt, und man weiß nicht einmal, ob ihm noch eine Strafe droht."

Li Zehnter sagte: „Jetzt über ihn nachzudenken bringt auch nichts. Draußen wartet man schon seit einer guten Weile. Der Herr möge bitte aufbrechen."

Aufrecht Kaufmann wusste nicht, was der Vizekönig zu besprechen hatte. Davon wird im nächsten Kapitel berichtet.

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

  1. Chinesisch: 王熙凤
  2. Chinesisch: 贾母
  3. Chinesisch: 薛姨妈
  4. Chinesisch: 黛玉
  5. Chinesisch: 宝玉
  6. Chinesisch: 宝钗
  7. Chinesisch: 袭人
  8. Chinesisch: 潇湘馆
  9. Chinesisch: 薛宝琴
  10. Chinesisch: 史湘云
  11. Chinesisch: 邢岫烟
  12. Chinesisch: 迎春
  13. Chinesisch: 邢夫人
  14. Chinesisch: 李纨
  15. Chinesisch: 探春
  16. Chinesisch: 惜春
  17. Chinesisch: 元妃
  18. Chinesisch: 贾政
  19. Chinesisch: 李十儿
  20. Chinesisch: 贾雨村
  21. Chinesisch: 探春
  22. Chinesisch: 薛蟠
  23. Chinesisch: 绞监候
  24. Chinesisch: 贾琏