Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 110"
(DE4 Korrektur-Update Kap. 110) |
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| − | + | == Die alte Fürstin stirbt und kehrt ins Totenreich zurück; == | |
| − | < | + | == Phönixglanz verliert ihre Kraft und das Vertrauen der Menschen == |
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| + | Es wird erzählt, daß die Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 (Jiǎ Mǔ), auch „Alte Fürstin". Oberhaupt der Familie Kaufmann.</ref> sich aufsetzte und sprach: „Ich bin nun schon über sechzig Jahre in eurer Familie. Von meiner Jugend bis ins hohe Alter habe ich das Glück bis zur Neige genossen. Seit eurem Vater angefangen, waren Söhne und Enkel allesamt tüchtig. Nur Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 (Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Protagonist des Romans.</ref> — den habe ich umsonst geliebt …" Bei diesen Worten ließ sie ihren Blick über alle im Raum schweifen. Frau König<ref>Frau König: Chin. 王夫人 (Wáng Fūrén). Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.</ref> schob Schatzjade zum Bett. Die Herzoginmutter streckte die Hand unter der Decke hervor und ergriff Schatzjades Hand: „Mein Kind, du mußt dich zusammennehmen!" Schatzjade antwortete, doch ihm wurde das Herz schwer, und die Tränen wollten fließen. Er wagte aber nicht zu weinen und stand nur da, während die Herzoginmutter weitersprach: „Ich möchte noch einen Urenkel sehen, dann bin ich beruhigt. Wo ist mein Lan'er?" | ||
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| + | Frau Li<ref>Frau Li: Chin. 李纨 (Lǐ Wán). Witwe von Zhu Kaufmann, Mutter von Lan Kaufmann.</ref> schob Lan Kaufmann<ref>Lan Kaufmann: Chin. 贾兰 (Jiǎ Lán), wörtl. „Orchidee". Sohn von Zhu Kaufmann und Frau Li, Enkel von Aufrecht Kaufmann.</ref> nach vorn. Die Herzoginmutter ließ Schatzjades Hand los und ergriff die von Lan Kaufmann: „Deine Mutter ist eine pflichtbewußte Frau. Wenn du einmal etwas geworden bist, laß auch deine Mutter in Ehren erstrahlen! — Wo ist mein Phönixmädchen?" | ||
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| + | Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.</ref> hatte die ganze Zeit neben der Herzoginmutter gestanden und trat nun eilig vor: „Hier bin ich." Die Herzoginmutter sagte: „Mein Kind, du warst nur allzu klug. Von nun an solltest du Gutes tun und dir Verdienste sammeln. Auch ich habe nicht viel Gutes getan — nur ein aufrichtiges Herz gehabt, das mir Verluste einbrachte. Was das Fasten und Beten angeht, habe ich auch nicht viel davon gehalten. Nur voriges Jahr habe ich einige Abschriften des Diamant-Sutra herstellen und verteilen lassen — sind die alle verteilt?" Phönixglanz sagte: „Noch nicht." Die Herzoginmutter sagte: „Man hätte sie längst verteilen sollen. — Unser ältester Herr und Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 (Jiǎ Zhēn). Herr des Ning-Palastes.</ref> sind wohl draußen? Am ärgerlichsten ist, daß die Xiang-Schwester kein Herz hat — warum kommt sie mich gar nicht besuchen?" Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 (Yuānyāng), wörtl. „Mandarinenten-Paar". Engste Dienerin der Herzoginmutter.</ref> und die anderen, die den wahren Grund wohl kannten, sagten kein Wort. | ||
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| + | Die Herzoginmutter blickte noch einmal zu Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 (Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Ehefrau von Schatzjade.</ref> hinüber und seufzte. Da sah man, daß ihr Gesicht sich rötete. Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 (Jiǎ Zhèng), wörtl. „Aufrecht/Rechtschaffen". Vater von Schatzjade.</ref> erkannte sofort, daß es das Aufleuchten vor dem Ende war, und flößte ihr eilig Ginsengbrühe ein — doch die Herzoginmutter hatte die Zähne bereits fest zusammengebissen. Sie schloß die Augen für einen Augenblick, öffnete sie wieder und blickte im ganzen Zimmer umher. Frau König und Schatzspange stützten sie sanft von oben, während Frau Strafe<ref>Frau Strafe: Chin. 邢夫人 (Xíng Fūrén). Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.</ref> und Phönixglanz ihr eilig die Sterbekleider anlegten. Unten hatten die alten Frauen bereits das Totenbett aufgestellt und mit Decken belegt. Da hörte man im Hals der Herzoginmutter ein leises Rasseln, und über ihr Gesicht glitt ein letztes Lächeln — sie war dahin. Sie wurde dreiundachtzig Jahre alt. Die alten Frauen legten sie eilig auf das Totenbett. | ||
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| + | Daraufhin knieten Aufrecht Kaufmann und die anderen Herren auf der einen Seite, Frau Strafe und die anderen Frauen auf der anderen, und alle brachen gemeinsam in lautes Wehklagen aus. Draußen hatten die Diener alles vorbereitet; als die Nachricht aus dem Inneren kam, wurden vom großen Tor des Rong-Palastes bis zu den Innentüren sämtliche Türflügel weit aufgerissen und mit weißem Papier bezogen. Die Trauerzelte ragten empor, und vor dem großen Tor wurde der Trauerbogen sogleich errichtet. Das gesamte Personal legte unverzüglich Trauerkleidung an. Aufrecht Kaufmann meldete seine Trauerzeit beim Amt <ref>„Ding You" — nach konfuzianischem Ritus mußte ein Beamter bei Tod der Eltern sein Amt für eine bestimmte Zeit niederlegen</ref>. Das Ritenministerium erstattete dem Thron Bericht. Der gnädige Kaiser, eingedenk der Verdienste der Familie über Generationen und da die Herzoginmutter zudem die Großmutter der kaiserlichen Gemahlin Frühlingsbeginn war, schenkte tausend Tael Silber und befahl dem Ritenministerium, die Haupttrauerfeier auszurichten. Die Diener verbreiteten die Todesnachricht an alle Verwandten und Bekannten. Obwohl alle wußten, daß die Kaufmann-Familie in Ungnade gefallen war, kamen sie angesichts der kaiserlichen Ehren in großer Zahl zum Trauerbesuch. Zu einem günstigen Zeitpunkt wurde der Leichnam in den Sarg gelegt und im Hauptsaal aufgebahrt. | ||
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| + | Da Begnadigung Kaufmann<ref>Begnadigung Kaufmann: Chin. 贾赦 (Jiǎ Shè), wörtl. „Begnadigung". Älterer Bruder von Aufrecht Kaufmann.</ref> nicht daheim war, war Aufrecht Kaufmann der älteste Anwesende. Schatzjade, Unheil Kaufmann<ref>Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 (Jiǎ Huán). Jüngerer Halbbruder von Schatzjade.</ref> und Lan Kaufmann waren leibliche Enkel und noch jung — sie mußten am Sarg wachen. Kette Kaufmann war zwar auch ein leiblicher Enkel, konnte aber zusammen mit Hibiskus Kaufmann<ref>Hibiskus Kaufmann: Chin. 贾蓉 (Jiǎ Róng). Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.</ref> die Diener einteilen und die Geschäfte führen. Obwohl man einige Verwandte beiderlei Geschlechts zur Hilfe herangezogen hatte, mußten im Inneren Frau Strafe, Frau König, Frau Li, Phönixglanz und Schatzspange am Sarg klagen. Dame Sonders hätte zwar helfen können, doch seit Herrlichkeit Kaufmanns Abwesenheit lebte sie im Rong-Palast und hatte sich stets zurückgehalten; zudem war sie mit den Angelegenheiten des Prunkwille-Anwesenes nicht sonderlich vertraut. Von Hibiskus Kaufmann' junger Frau ganz zu schweigen. Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 (Xīchūn), wörtl. „Den Frühling bewahren". Vierte Tochter der Familie Kaufmann, aus dem Ning-Palast.</ref> war noch jung; zwar war sie hier aufgewachsen, doch von den Haushaltsangelegenheiten verstand sie gar nichts. So war im Inneren wahrhaftig niemand, der alles zusammenhielt. Nur Phönixglanz konnte die inneren Angelegenheiten leiten, zumal Kette Kaufmann draußen die Fäden in der Hand hielt — die beiden zusammen ergänzten sich ganz gut. | ||
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| + | Phönixglanz hatte anfangs im Vertrauen auf ihr Talent erwartet, daß sie nach dem Tod der Herzoginmutter groß auftrumpfen könnte. Frau Strafe und Frau König wußten, daß sie schon die Trauerfeierlichkeiten für Frau Qin des Ning-Palastes organisiert hatte und gewiß alles tadellos erledigen würde. So übertrugen sie Phönixglanz abermals die Gesamtleitung der inneren Angelegenheiten. Phönixglanz konnte natürlich nicht ablehnen und nahm an. Sie dachte bei sich: „Die Angelegenheiten hier habe ich ohnehin immer geführt; die Dienstboten sind meine Leute. Die Leute der Herrschaften und der Schwägerin aus dem Ning-Palast, die schwer zu handhaben waren, sind alle fort. Zwar gibt es keine Kontrollplaketten mehr für das Geld, doch das Geld selbst ist vorhanden. Und draußen hat unser Mann alles in der Hand. Auch wenn es mir gesundheitlich nicht gut geht — ich denke, es wird keine Kritik geben; es muß besser werden als damals im Ning-Palast." | ||
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| + | Innerlich gefaßt, wollte sie zunächst den dritten Tag abwarten <ref>„jie san" — die Zeremonie am dritten Tag nach dem Tod</ref>, um am übernächsten Morgen die Aufgaben zu verteilen. Sie ließ der Frau von Zhou Rui ausrichten, das Personalverzeichnis heraufzubringen. Phönixglanz sah es sorgfältig durch: Insgesamt gab es nur einundzwanzig männliche und neunzehn weibliche Dienstboten. Die übrigen waren nur Mägde, zusammen mit den Mägden aus allen Gemächern nicht mehr als dreißig Personen — viel zu wenig, um alle Dienste zu besetzen. Sie dachte: „Bei dieser Trauerfeier haben wir weniger Personal als damals beim Ning-Palast." Sie ließ noch einige vom Landgut kommen, doch auch das reichte nicht. | ||
| − | + | Gerade als sie nachrechnete, kam ein kleines Mädchen und sagte: „Schwester Mandarinenente läßt die Zweite Herrin bitten." Phönixglanz ging hinüber. Da sah sie Mandarinenente, die wie ein Tränenmeer aussah, und Mandarinenente ergriff Phönixglanz' Hand und sagte: „Zweite Herrin, bitte setzt Euch, ich will Euch einen Kotau machen. Zwar verneigt man sich in der Trauerzeit nicht, aber diesen Kotau muß ich machen." Damit kniete Mandarinenente nieder. Phönixglanz erschrak und hielt sie fest: „Was soll das? Sag, was du zu sagen hast." Mandarinenente kniete noch, und Phönixglanz zog sie hoch. Mandarinenente sagte: „Die Angelegenheiten der Herzoginmutter, innen wie außen, liegen bei dem Zweiten Herrn und der Zweiten Herrin. Das Geld dafür hat die Herzoginmutter hinterlassen. Die Herzoginmutter hat ihr ganzes Leben lang nie Geld verschwendet, und nun, bei dieser letzten großen Angelegenheit, bitte ich die Zweite Herrin, es würdig und angemessen zu erledigen. Vorhin habe ich den Herrn etwas von ‚so sagt der Meister, so stehen die Lieder' sagen hören — ich habe nichts davon verstanden. Dann sagte er etwas von ‚Trauerriten sollen eher schlicht als aufwendig, eher von echter Trauer als von äußerem Prunk sein' <ref>Zitat aus den „Gesprächen des Konfuzius" (Lunyu)</ref> — das habe ich noch weniger begriffen. Ich habe die Zweite Herrin Schatzspange gefragt, und sie sagte, der Herr meine: Die Trauerfeier solle aufrichtig traurig sein, das sei wahre Pietät; man brauche nicht verschwenderisch und auf äußeren Schein bedacht zu sein. Ich denke aber — wie sollte eine solche Person wie die Herzoginmutter es nicht verdienen, würdig bestattet zu werden? Ich bin nur eine Sklavin und Magd; was wage ich schon zu sagen? Nur hat die Herzoginmutter die Zweite Herrin und mich so sehr geliebt — soll man sie im Tod nicht in Glanz und Ehren entlassen? Ich weiß, daß die Zweite Herrin große Dinge bewerkstelligen kann, deshalb habe ich Euch hergebeten, damit Ihr entscheidet. Im Leben gehörte ich der Herzoginmutter, und im Tode gehöre ich auch ihr. Wenn ich nicht sehe, daß ihre Angelegenheit gut erledigt wird — wie soll ich der Herzoginmutter in der anderen Welt gegenübertreten?" | |
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| − | + | Phönixglanz hörte diese seltsamen Worte und sagte: „Sei unbesorgt. Die Würde zu wahren ist nicht schwer. Auch wenn der Herr von Sparsamkeit spricht — die Form muß stimmen. Selbst wenn wir das ganze Geld für die Herzoginmutter ausgeben, ist das nur recht und billig." Mandarinenente sagte: „Die Herzoginmutter hat in ihrem letzten Willen gesagt, alles, was übrig ist, solle uns gehören. Wenn die Zweite Herrin das Geld nicht reichen sollte, nehmt ruhig davon und setzt es ein. Selbst wenn der Herr etwas dagegen sagt — man kann doch den letzten Willen der Herzoginmutter nicht mißachten. Zudem hat der Herr die Verteilung doch selbst mit angehört." | |
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| + | Phönixglanz sagte: „Du bist doch sonst die Klügste — warum diese Aufregung?" Mandarinenente sagte: „Ich bin nicht aufgeregt, sondern besorgt. Die Erste Herrin [Frau Strafe] kümmert sich um nichts. Der Herr fürchtet Aufsehen. Wenn nun auch die Zweite Herrin so denkt wie der Herr — wenn sie sagt: ‚Eine Familie, die schon durchsucht wurde, wie kann die noch eine prunkvolle Trauerfeier abhalten, sonst wird man abermals durchsucht' — und man deshalb die Herzoginmutter vernachlässigt, was dann? Ich als Magd habe nichts zu verlieren, aber es geht um den Ruf der Familie." Phönixglanz sagte: „Ich verstehe. Sei ganz beruhigt — ich bin ja da!" Mandarinenente bedankte sich tausendmal und vertraute alles Phönixglanz an. | ||
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| + | Phönixglanz ging hinaus und dachte: „Mandarinenente ist ein merkwürdiges Geschöpf — was hat sie sich nur in den Kopf gesetzt? Vernünftig betrachtet, sollte die Trauerfeier natürlich würdig sein. Ach! Lassen wir das, ich erledige es einfach so, wie es unserer Familie früher entsprach." So ließ sie die Frau von Wang'er kommen und sagte, man solle den Zweiten Herrn hereinbitten. | ||
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| + | Bald darauf kam Kette Kaufmann und sagte: „Warum suchst du mich? Du brauchst nur innen auf alles zu achten. Letztlich entscheiden der Herr und die Herrschaften; was die sagen, das tun wir." Phönixglanz sagte: „Jetzt redest du auch schon so — da hat Mandarinenente also recht behalten." Kette Kaufmann fragte: „Was hat Mandarinenente gesagt?" Phönixglanz erzählte ihm alles. Kette Kaufmann sagte: „Was schert mich deren Gerede? Vorhin hat mich der Zweite Herr gerufen und gesagt: ‚Die Trauerfeier für die Herzoginmutter soll zwar ordentlich sein, aber wer Bescheid weiß, wird sagen, die Herzoginmutter hat sich selbst versorgt. Wer es nicht weiß, wird sagen, wir hätten Vermögen versteckt und lebten in Wahrheit im Überfluß. Das übriggebliebene Geld der Herzoginmutter — wer will es denn? Es soll für die Herzoginmutter verwendet werden: Die Herzoginmutter stammt aus dem Süden; zwar gibt es dort eine Grabstätte, doch noch keine Grabanlage. Ihr Sarg soll in den Süden überführt werden, und mit dem Geld sollen auf dem Ahnenfriedhof Gebäude errichtet werden. Was übrig bleibt, soll als Opferland angelegt werden. Wenn wir zurückkehren, ist es gut; und wenn nicht, können die armen Verwandten dort wohnen und zu den rechten Zeiten Weihrauch brennen und die Gräber pflegen.' Findest du das nicht vernünftig? Willst du etwa alles auf einmal ausgeben?" | ||
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| + | Phönixglanz fragte: „Ist das Geld denn schon ausgegeben worden?" Kette Kaufmann sagte: „Wer hat je Geld gesehen? Ich habe gehört, daß unsere Herrin [Frau Strafe], als sie die Worte des Zweiten Herrn hörte, eifrig Frau König und den Zweiten Herrn bestärkt hat: ‚Das ist eine gute Idee!' Was soll ich da machen? Draußen braucht man für die Trauerzelte und Sargträger einige hundert Tael, und noch immer ist nichts ausgezahlt worden. Wenn ich hingehe, sagen alle, es sei vorhanden, man solle erst draußen anfangen, die Abrechnung komme später. Denk doch nur: Von den Dienern sind die, die Geld haben, längst verschwunden. Wenn man sie nach dem Verzeichnis rufen läßt, sagen die einen, sie seien krank, die anderen, sie seien aufs Landgut gefahren. Die wenigen, die nicht mehr laufen können, verstehen sich aufs Geldverdienen, aber nicht aufs Drauflegen!" Phönixglanz hörte das und war eine Weile wie versteinert: „Wie soll man da noch etwas ausrichten?" | ||
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| + | Gerade als sie das sagte, kam ein Mädchen und richtete aus: „Die Erste Herrin läßt fragen: Es ist der dritte Tag; drinnen herrscht noch das Chaos. Die Speisen sind aufgetragen, aber sollen die Verwandten noch warten? Man hat eine halbe Ewigkeit gerufen, endlich kamen die Speisen — aber der Reis fehlt. Was ist das für eine Art, Dinge zu erledigen?" Phönixglanz eilte hinein und trieb die Leute an, das Frühstück notdürftig abzuwickeln. Doch an diesem Tag kamen besonders viele Gäste. Die Dienerinnen standen mit toten Augen da. Phönixglanz mußte persönlich eine Weile alles überwachen. Zugleich mußte sie an die Diensteinteilung denken. Sie kam eilig heraus, ließ die Frau von Wang'er alle Dienerinnen zusammenrufen und verteilte die Aufgaben einzeln. Die Leute sagten alle ja, rührten sich aber nicht. Phönixglanz fragte: „Was ist das für eine Zeit — warum werden die Speisen nicht aufgetragen?" Die Leute sagten: „Speisen auftragen ist leicht — aber erst müssen die Sachen von drinnen herausgegeben werden, dann können wir aufpassen." Phönixglanz rief: „Ihr dummen Dinger! Wenn ihr eingeteilt seid, bekommt ihr auch alles." Die Leute fügten sich widerwillig. | ||
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| + | Phönixglanz ging sogleich in die oberen Gemächer, um die benötigten Gegenstände zu holen. Sie wollte Frau Strafe und Frau König um Erlaubnis bitten, doch es waren zu viele Leute da, um frei zu reden. Die Sonne neigte sich schon gen Westen. Schließlich fand sie Mandarinenente und bat um das Tafelgeschirr, das die Herzoginmutter aufbewahrt hatte. Mandarinenente sagte: „Das fragst du mich? In dem Jahr, als der Zweite Herr es versetzt hat — ist es denn je ausgelöst worden?" Phönixglanz sagte: „Nicht die silbernen oder goldenen — nur das gewöhnliche Geschirr." Mandarinenente sagte: „Was meint Ihr, woher das Geschirr kommt, das die Erste Herrin und die Schwägerin aus dem Ning-Palast gerade benutzen?" Phönixglanz sah ein, daß sie recht hatte, drehte sich um und ging. Sie mußte schließlich zu Frau König gehen, wo sie mit Hilfe von Yuchuan und Farbwölkchen ein Garnitur auftrieb, ließ Caiming alles in eine Liste eintragen und verteilte es an die Leute. | ||
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| + | Mandarinenente sah, wie aufgelöst Phönixglanz war, und konnte sie auch nicht zurückrufen. Sie dachte bei sich: „Früher erledigte sie alles so forsch und umsichtig — wie kommt es, daß man ihr jetzt so die Hände bindet? Seit zwei, drei Tagen kommt sie zu gar nichts — da hat die Herzoginmutter sie wohl umsonst geliebt!" Doch sie wußte nicht, daß Frau Strafe, als sie Aufrecht Kaufmanns Worte hörte, damit ganz auf ihrer Linie lag, die für die Zukunft sparen wollte, und es ihr nur recht war, wenn man etwas zurückhielt. Zudem war die Trauerfeier eigentlich Sache des ältesten Sohnes; da Begnadigung Kaufmann nicht da war, sagte Aufrecht Kaufmann bei allem: „Man frage die Erste Herrin." Frau Strafe aber kannte Phönixglanz' verschwenderische Art und Kette Kaufmanns Hang zum Leichtsinn, und so hielt sie die Zügel straff und gab nichts frei. Mandarinenente aber glaubte, das Geld sei bereits ausgegeben worden, und als sie sah, wie Phönixglanz behindert wurde, argwöhnte sie, Phönixglanz gebe sich nicht genug Mühe. So jammerte und klagte sie unablässig vor dem Sarg der Herzoginmutter. Frau Strafe und die anderen hörten, daß ihre Worte Anspielungen enthielten, dachten aber nicht daran, daß sie selbst es waren, die Phönixglanz nicht frei handeln ließen, sondern sagten: „Phönixglanz gibt sich wirklich keine rechte Mühe." | ||
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| + | Am Abend rief Frau König Phönixglanz zu sich und sagte: „Unsere Familie mag zwar nicht mehr so wohlhabend sein, aber den äußeren Anstand muß man wahren. Diese zwei, drei Tage, mit all dem Kommen und Gehen — die Leute werden nicht richtig versorgt; vermutlich hast du keine Anweisungen gegeben. Du mußt dir schon etwas mehr Mühe geben." Phönixglanz hörte das und erstarrte. Sie wollte das Problem mit dem fehlenden Geld ansprechen, doch das Geld lag in der Hand der Männer, und Frau König sprach von mangelhafter Versorgung — da wagte Phönixglanz nicht zu widersprechen und schwieg. Frau Strafe, die daneben stand, sagte: „Eigentlich sollten wir Schwiegertöchter uns kümmern, nicht die Enkelschwiegertochter. Aber da wir uns nicht rühren können, haben wir dich beauftragt — du darfst die Hände nicht in den Schoß legen." Phönixglanz lief purpurrot an und wollte gerade erwidern, als draußen die Trauermusik einsetzte — es war die Zeit des abendlichen Papierverbrennens. Alle brachen in Wehklagen aus, und Phönixglanz kam nicht mehr zu Wort. Sie hatte vorgehabt, später darauf zurückzukommen, doch Frau König schickte sie hinaus: „Hier sind wir. Geh schnell und kümmere dich um die Vorbereitungen für morgen." | ||
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| + | Phönixglanz wagte nicht mehr zu widersprechen. Mit verhaltenen Tränen und unterdrücktem Schluchzen ging sie hinaus, ließ alle zusammenrufen und gab abermals Anweisungen: „Liebe Frauen und Tanten, habt Erbarmen mit mir! Ich bin oben tüchtig gescholten worden, weil ihr nicht ordentlich arbeitet und man sich blamiert. Morgen strengt euch bitte an!" Die Leute antworteten: „Die Zweite Herrin hat schon öfter Dinge erledigt, das ist ja nichts Neues — würden wir es wagen, uns zu widersetzen? Nur ist es diesmal oben besonders umständlich. Allein das Essen: Manche essen hier, manche wollen zu Hause essen; man lädt diese Dame ein, aber jene kommt nicht — wie soll man es allen recht machen? Wir bitten nur die Zweite Herrin, den Mädchen zu sagen, sie sollen weniger mäkeln." Phönixglanz sagte: „Das Schwierigste sind die Mägde der Herzoginmutter — die sind schwer zu handhaben. Und die Mägde der Herrschaften sind auch nicht einfach. Wen soll ich denn zur Ordnung rufen?" | ||
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| + | Die Leute sagten: „Als die Zweite Herrin damals die Trauerfeier im Ning-Palast leitete — da war sie doch nur die Stellvertreterin, und trotzdem: prügeln und schimpfen, wie entschlossen war sie da! Wer hätte es gewagt, ihr zu widersprechen? Und jetzt kann sie die Mädchen nicht mehr bändigen?" Phönixglanz seufzte: „Im Ning-Palast wurde mir die Aufgabe zwar übertragen, aber die Herrschaften waren dort nur Gäste und mischten sich nicht ein. Jetzt ist es unsere eigene Angelegenheit, und es geht um gemeinsames Geld — da kann jeder mitreden. Außerdem kommt von draußen das Geld nicht. Wenn man für das Trauerzelt etwas braucht und es bestellt — es kommt einfach nicht. Was soll ich da machen?" | ||
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| + | Die Leute sagten: „Der Zweite Herr ist doch draußen zuständig — sollte er nicht liefern?" Phönixglanz sagte: „Fragt mich nicht. Er hat es auch schwer. Erstens hat er das Geld nicht in der Hand; für jede Kleinigkeit muß er erst bitten, und das dauert." Die Leute sagten: „Ist das Geld der Herzoginmutter denn nicht in den Händen des Zweiten Herrn?" Phönixglanz sagte: „Fragt die Verwalter — die werden es euch sagen." Die Leute sagten: „Kein Wunder! Draußen beschweren sich die Männer: ‚Bei einem so großen Anlaß kriegen wir keinen Pfennig — nur die Drecksarbeit.' Da soll man sich wundern, daß niemand mit dem Herzen dabei ist?" | ||
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| + | Phönixglanz sagte: „Jetzt reicht es. Was vor Augen liegt, darauf achtet bitte. Wenn es oben Ärger gibt, lasse ich euch nicht davonkommen!" Die Leute sagten: „Die Zweite Herrin kann befehlen, was sie will — wir wagen nicht zu maulen. Nur daß oben jeder eine andere Meinung hat — das macht es uns wirklich schwer." Phönixglanz sah ein, daß nichts zu machen war, und bat: „Gute Frauen, morgen helft mir wenigstens einen Tag. Wenn ich mit den Mädchen alles geklärt habe, reden wir weiter." Die Leute gehorchten und gingen. | ||
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| + | Phönixglanz hatte den Bauch voller Kummer. Je mehr sie nachdachte, desto zorniger wurde sie. Erst bei Tagesanbruch mußte sie wieder hinauf. Sie wollte die Leute aller Gemächer in Ordnung bringen, fürchtete aber den Zorn von Frau Strafe. Sie wollte mit Frau König reden, doch Frau Strafe hetzte dagegen. Die Mägde, die sahen, daß Frau Strafe und die anderen Phönixglanz nicht den Rücken stärkten, benahmen sich erst recht unverschämt. Zum Glück vermittelte Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.</ref> und sagte: „Die Zweite Herrin würde es ja gern gut machen, aber der Herr und die Herrschaften haben draußen angeordnet, daß nicht verschwendet werden darf. Deshalb kann unsere Zweite Herrin nicht alles befriedigen." Erst nach mehrmaligem Erklären kehrte etwas Ruhe ein. | ||
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| + | Obwohl Mönche Sutren rezitierten und Priester Bußzeremonien hielten, Trauerbesuche und Opfermähler einander ablösten, wurde wegen der Knauserei mit dem Geld niemand zum Eifer angetrieben, und alles geschah nur notdürftig. An den folgenden Tagen kamen nicht wenige kaiserliche Gemahlinnen und hohe Damen, doch Phönixglanz konnte nicht hinaufgehen und sie empfangen; sie mußte unten improvisieren. Hatte sie die eine gerufen, lief die andere weg; bald wurde sie unwirsch, bald mußte sie flehen; kaum hatte sie eine Sache hinter sich gebracht, kam die nächste. Nicht nur Mandarinenente und die anderen fanden es unwürdig — selbst Phönixglanz konnte es in ihrem Herzen nicht verantworten. | ||
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| + | Frau Strafe, obwohl sie als Erste Herrin die Hauptverantwortung trug, berief sich auf die vier Worte „Aufrichtige Trauer ist wahre Pietät" und kümmerte sich um nichts. Frau König konnte nur Frau Strafe folgen; die übrigen taten noch weniger. Nur Frau Li durchschaute Phönixglanz' Not, wagte aber nicht, für sie zu sprechen. Sie seufzte nur bei sich: „Wie das Sprichwort sagt: ‚Die Pfingstrose mag noch so schön sein — sie braucht grüne Blätter, die sie stützen.' Wenn die Herrschaften Phönixglanz im Stich lassen, wer hilft ihr dann? Wenn die Dritte Schwester noch da wäre, ginge es. Jetzt hat Phönixglanz nur ihre eigenen wenigen Leute, die kopflos herumrennen und sich hinter ihrem Rücken beschweren, daß sie keinen Pfennig zu sehen bekommen und auch keine Ehre einlegen können. Der Herr denkt nur an die Pietät und versteht von praktischen Dingen nichts. Bei einem so großen Anlaß — wie soll man das ohne Geld bewerkstelligen? Die arme Phönixglanz — jahrelang hat sie sich abgemüht, und ausgerechnet bei der Sache der Herzoginmutter wird sie wohl ihr Gesicht verlieren." Dann rief sie bei Gelegenheit ihre eigenen Leute zusammen und wies sie an: „Schaut nicht auf die anderen und behandelt die Zweite Herrin Kette schlecht. Denkt nicht, daß Trauerkleider tragen und am Sarg wachen schon alles sei — man muß nur ein paar Tage durchstehen. Wenn ihr seht, daß die Leute nicht zurechtkommen, helft ein wenig — es ist ja das Gemeinwohl, und alle sollten sich einsetzen." Ihre Leute, die Frau Li von jeher gehorchten, stimmten zu und sagten: „Die Erste Herrin hat ganz recht; wir würden so etwas nicht wagen. Nur hören wir aus dem Ton der Schwester Mandarinenente heraus, als ob man der Zweiten Herrin Kette die Schuld gäbe." | ||
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| + | Frau Li sagte: „Auch Mandarinenente habe ich es gesagt. Ich sagte: Die Zweite Herrin Kette gibt sich bei der Sache der Herzoginmutter durchaus Mühe. Nur hat sie kein Geld in der Hand — soll sie als kluge Frau auch noch Brei aus Nichts kochen? Jetzt versteht Mandarinenente es auch und gibt ihr nicht mehr die Schuld. Nur ihr Benehmen ist seltsam — nicht mehr wie früher. Damals, als die Herzoginmutter sie noch liebte, hat sie nie ihre Macht ausgespielt; jetzt, da die Herzoginmutter tot ist und niemand mehr hinter ihr steht — da scheint mir ihr Wesen verändert. Vorher habe ich mir Sorgen um sie gemacht — zum Glück ist der Erste Herr nicht zu Hause, so ist sie davongekommen; sonst — was hätte sie tun können?" | ||
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| + | Während sie sprach, kam Lan Kaufmann herein und sagte: „Mutter, geh schlafen. Den ganzen Tag Gäste empfangen — du bist erschöpft, ruh dich aus. Ich habe seit Tagen kein Buch angerührt. Heute hat der Großvater gesagt, ich könne zu Hause schlafen. Ich bin ganz froh und möchte ein, zwei Bücher durchgehen, sonst habe ich nach der Trauerzeit alles vergessen." Frau Li sagte: „Braves Kind, Bücher lesen ist natürlich gut. Aber heute ruh dich erst aus — lies, wenn die Herzoginmutter bestattet ist." Lan Kaufmann sagte: „Wenn Mutter schlafen will, schlafe ich auch, und denke im Bett über den Stoff nach." | ||
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| + | Alle lobten: „Was für ein braver junger Herr! In seinem Alter und denkt sofort an die Bücher! Ganz anders als der Zweite Herr Schatzjade: ein verheirateter Mann und noch immer so kindisch. Diese Tage kniet er neben dem Herrn, und man sieht ihm an, wie unwohl es ihm ist. Kaum bewegt sich der Herr, läuft er zur Zweiten Herrin und tuschelt mit ihr. Wenn die ihn nicht mehr beachtet, sucht er Fräulein Kostbarzither Schnee auf. Kostbarzither Schnee weicht ihm aus, und die Xing-Schwester redet auch nicht viel mit ihm. Dagegen unsere eigene Cousine Xi und die Vierte Schwester — die nennen ihn ‚großer Bruder' hier und ‚großer Bruder' da und halten sich gern bei ihm auf. Wir meinen: Der Zweite Herr Schatzjade tut außer dem Umgang mit Damen und Fräulein wohl gar nichts. Die arme Herzoginmutter hat ihn umsonst geliebt. Wo reicht er auch nur an ein Zehntel des jungen Herrn Lan heran? Die Erste Herrin wird sich eines Tages nicht zu sorgen brauchen." Frau Li sagte: „Selbst wenn er tüchtig wird — er ist noch klein. Und bis er groß ist, wer weiß, wie es dann um unsere Familie steht. Und wie findet ihr den jungen Herrn Huan?" | ||
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| + | Die Leute sagten: „Der ist noch schlimmer! Seine Augen sind wie die eines lebhaften Affen — sie schweifen hierhin und dorthin. Zwar heult er mit den anderen, aber sobald eine Dame oder ein Fräulein kommt, lugt er hinter dem Trauervorhang hervor und glotzt sie an." Frau Li sagte: „Er ist eigentlich auch nicht mehr so jung; neulich hieß es, man wolle ihm eine Braut suchen. Jetzt muß man damit wieder warten. Ach! Noch etwas: Die Leute in unserer Familie — das läßt sich auch nicht so leicht klären. Aber lassen wir das Gerede. Übermorgen wird die Beisetzung gefeiert — wie steht es mit den Wagen für die einzelnen Gemächer?" | ||
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| + | Die Leute sagten: „Die Zweite Herrin Kette ist in den letzten Tagen ganz von Sinnen; sie hat noch nichts nach draußen bestellt. Gestern haben wir die Männer draußen sagen hören: Der Zweite Herr hat den Zweiten Herrn Qiang mit den Vorbereitungen beauftragt. Unsere eigenen Wagen reichen nicht, und Kutscher sind auch zu wenig — man muß bei Verwandten borgen." Frau Li lachte: „Man kann auch Wagen borgen?" Die Leute sagten: „Die Herrin scherzt. Warum sollte man keine Wagen borgen können? Nur ist an dem Tag bei allen Verwandten auch Bedarf an Wagen — da wird es schwer, welche zu borgen. Man wird wohl auch mieten müssen." Frau Li sagte: „Für die niederen Dienstboten mag man mieten — aber auch die weißen Trauerwagen für die Herrschaften?" Die Leute sagten: „Nehmt nur die Erste Herrin, die Schwägerin aus dem Ning-Palast und die junge Frau Hibiskus — die haben alle keine Wagen mehr. Wenn man nicht mietet, wo sollen sie herkommen?" Frau Li seufzte: „Früher, wenn Verwandte unserer Familie in gemieteten Wagen kamen, haben wir sie ausgelacht. Jetzt trifft es uns selbst. Sagt morgen euren Männern: Unsere Wagen und Pferde sollen rechtzeitig bereitstehen — damit es kein Gedränge gibt." Die Leute bejahten und gingen. | ||
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| + | Nun wird berichtet, daß Xiangfluss-Wolke<ref>Xiangfluss-Wolke: Chin. 史湘云 (Shǐ Xiāngyún), wörtl. „Wolken über dem Xiang-Fluss". Cousine von Schatzjade.</ref>, weil ihr Mann krank lag, nach dem Tod der Herzoginmutter nur einmal gekommen war. Da übermorgen die Beisetzung stattfand, konnte sie nicht fernbleiben. Zudem hatte sich die Krankheit ihres Mannes als Schwindsucht erwiesen, die vorläufig nicht lebensbedrohlich war. So kam sie am Abend vor der Totenwache. Sie dachte an die Liebe, die ihr die Herzoginmutter immer erwiesen hatte, und an ihr eigenes bitteres Schicksal — kaum hatte sie einen Mann geheiratet, der schön und begabt war und einen guten Charakter hatte, da mußte er ausgerechnet an dieser Krankheit leiden, und es war nur noch ein Dahinschleppen von Tag zu Tag. So wurde ihr Schmerz nur noch größer, und sie weinte eine halbe Nacht, ohne daß Mandarinenente und die anderen sie trösten konnten. | ||
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| + | Schatzjade blickte sie an und war von Trauer überwältigt, doch wagte er nicht vorzutreten und sie zu trösten. Er sah, wie sie leicht geschminkt und in schlichtem Gewand — ohne Rouge und Puder — noch schöner war als vor ihrer Heirat. Dann blickte er zu Kostbarzither Schnee und den anderen, die ebenfalls schlicht gekleidet waren und doch von strahlender Anmut. Und als er Schatzspange ansah, in voller Trauer, war diese besondere Eleganz noch eindrucksvoller als in farbiger Kleidung. Er dachte: „Die Alten sagten: ‚Unter Tausend von Rot und Purpur gebührt der Pflaumenblüte der erste Rang.' Nun sehe ich: Das liegt nicht nur daran, daß die Pflaume früh blüht — nein, die vier Worte ‚Rein, weiß, klar, duftend' sind wahrhaft unerreicht. Nur — wenn jetzt auch Schwester Lin so gekleidet wäre, wie unvergleichlich wäre ihre Anmut erst!" Bei diesem Gedanken wurde ihm schwer ums Herz, die Tränen rollten herab, und er nutzte den Anlaß der Trauerfeier, um hemmungslos zu weinen. | ||
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| + | Die Leute trösteten gerade Xiangfluss-Wolke, als draußen plötzlich ein weiteres Schluchzen ertönte. Alle dachten, er trauere um die Herzoginmutter, die ihn so geliebt hatte. Doch in Wahrheit hatte jeder von beiden seine eigenen Tränen. Dieses gemeinsame große Weinen rührte alle Anwesenden zu Tränen. Erst Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 (Xuē Yímā). Mutter von Schatzspange und Becken Schnee.</ref> und Frau Li, die Tante, konnten sie beruhigen. | ||
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| + | Am nächsten Tag, der Nacht der Totenwache, ging es noch lebhafter zu. Phönixglanz konnte sich an diesem Tag kaum noch auf den Beinen halten und hatte kein Mittel mehr. Sie gab ihr Letztes und schrie sich die Kehle heiser, um den halben Tag zu überstehen. Am Nachmittag kamen noch mehr Verwandte und Bekannte, die Geschäfte häuften sich, und sie konnte vorn nicht aufpassen und gleichzeitig hinten alles regeln. | ||
| − | + | Gerade in ihrer größten Not kam ein kleines Mädchen gelaufen und sagte: „Hier ist die Zweite Herrin also! Kein Wunder, daß die Erste Herrin sagt, es seien drinnen zu viele Leute und man komme nicht zurecht — die Zweite Herrin hat sich verkrochen, um es sich bequem zu machen!" Als Phönixglanz diese Worte hörte, stieg ihr eine Woge der Wut hoch, würgte sie im Hals, die Tränen schossen ihr in die Augen; es wurde ihr schwarz vor Augen, der Hals wurde süß — und sie spie leuchtend rotes Blut. Ihre Beine gaben nach, und sie sackte zu Boden. Zum Glück eilte Friedchen herbei und stützte sie. Phönixglanz spuckte einen Schwall Blut nach dem anderen und hörte nicht auf. | |
| − | + | Ob sie leben wird oder sterben — das wird im nächsten Kapitel erzählt. | |
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| − | + | <small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small> | |
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Kapitel 110
Die alte Fürstin stirbt und kehrt ins Totenreich zurück;
Phönixglanz verliert ihre Kraft und das Vertrauen der Menschen
Es wird erzählt, daß die Herzoginmutter[1] sich aufsetzte und sprach: „Ich bin nun schon über sechzig Jahre in eurer Familie. Von meiner Jugend bis ins hohe Alter habe ich das Glück bis zur Neige genossen. Seit eurem Vater angefangen, waren Söhne und Enkel allesamt tüchtig. Nur Schatzjade[2] — den habe ich umsonst geliebt …" Bei diesen Worten ließ sie ihren Blick über alle im Raum schweifen. Frau König[3] schob Schatzjade zum Bett. Die Herzoginmutter streckte die Hand unter der Decke hervor und ergriff Schatzjades Hand: „Mein Kind, du mußt dich zusammennehmen!" Schatzjade antwortete, doch ihm wurde das Herz schwer, und die Tränen wollten fließen. Er wagte aber nicht zu weinen und stand nur da, während die Herzoginmutter weitersprach: „Ich möchte noch einen Urenkel sehen, dann bin ich beruhigt. Wo ist mein Lan'er?"
Frau Li[4] schob Lan Kaufmann[5] nach vorn. Die Herzoginmutter ließ Schatzjades Hand los und ergriff die von Lan Kaufmann: „Deine Mutter ist eine pflichtbewußte Frau. Wenn du einmal etwas geworden bist, laß auch deine Mutter in Ehren erstrahlen! — Wo ist mein Phönixmädchen?"
Phönixglanz[6] hatte die ganze Zeit neben der Herzoginmutter gestanden und trat nun eilig vor: „Hier bin ich." Die Herzoginmutter sagte: „Mein Kind, du warst nur allzu klug. Von nun an solltest du Gutes tun und dir Verdienste sammeln. Auch ich habe nicht viel Gutes getan — nur ein aufrichtiges Herz gehabt, das mir Verluste einbrachte. Was das Fasten und Beten angeht, habe ich auch nicht viel davon gehalten. Nur voriges Jahr habe ich einige Abschriften des Diamant-Sutra herstellen und verteilen lassen — sind die alle verteilt?" Phönixglanz sagte: „Noch nicht." Die Herzoginmutter sagte: „Man hätte sie längst verteilen sollen. — Unser ältester Herr und Herrlichkeit Kaufmann[7] sind wohl draußen? Am ärgerlichsten ist, daß die Xiang-Schwester kein Herz hat — warum kommt sie mich gar nicht besuchen?" Mandarinenente[8] und die anderen, die den wahren Grund wohl kannten, sagten kein Wort.
Die Herzoginmutter blickte noch einmal zu Schatzspange[9] hinüber und seufzte. Da sah man, daß ihr Gesicht sich rötete. Aufrecht Kaufmann[10] erkannte sofort, daß es das Aufleuchten vor dem Ende war, und flößte ihr eilig Ginsengbrühe ein — doch die Herzoginmutter hatte die Zähne bereits fest zusammengebissen. Sie schloß die Augen für einen Augenblick, öffnete sie wieder und blickte im ganzen Zimmer umher. Frau König und Schatzspange stützten sie sanft von oben, während Frau Strafe[11] und Phönixglanz ihr eilig die Sterbekleider anlegten. Unten hatten die alten Frauen bereits das Totenbett aufgestellt und mit Decken belegt. Da hörte man im Hals der Herzoginmutter ein leises Rasseln, und über ihr Gesicht glitt ein letztes Lächeln — sie war dahin. Sie wurde dreiundachtzig Jahre alt. Die alten Frauen legten sie eilig auf das Totenbett.
Daraufhin knieten Aufrecht Kaufmann und die anderen Herren auf der einen Seite, Frau Strafe und die anderen Frauen auf der anderen, und alle brachen gemeinsam in lautes Wehklagen aus. Draußen hatten die Diener alles vorbereitet; als die Nachricht aus dem Inneren kam, wurden vom großen Tor des Rong-Palastes bis zu den Innentüren sämtliche Türflügel weit aufgerissen und mit weißem Papier bezogen. Die Trauerzelte ragten empor, und vor dem großen Tor wurde der Trauerbogen sogleich errichtet. Das gesamte Personal legte unverzüglich Trauerkleidung an. Aufrecht Kaufmann meldete seine Trauerzeit beim Amt [12]. Das Ritenministerium erstattete dem Thron Bericht. Der gnädige Kaiser, eingedenk der Verdienste der Familie über Generationen und da die Herzoginmutter zudem die Großmutter der kaiserlichen Gemahlin Frühlingsbeginn war, schenkte tausend Tael Silber und befahl dem Ritenministerium, die Haupttrauerfeier auszurichten. Die Diener verbreiteten die Todesnachricht an alle Verwandten und Bekannten. Obwohl alle wußten, daß die Kaufmann-Familie in Ungnade gefallen war, kamen sie angesichts der kaiserlichen Ehren in großer Zahl zum Trauerbesuch. Zu einem günstigen Zeitpunkt wurde der Leichnam in den Sarg gelegt und im Hauptsaal aufgebahrt.
Da Begnadigung Kaufmann[13] nicht daheim war, war Aufrecht Kaufmann der älteste Anwesende. Schatzjade, Unheil Kaufmann[14] und Lan Kaufmann waren leibliche Enkel und noch jung — sie mußten am Sarg wachen. Kette Kaufmann war zwar auch ein leiblicher Enkel, konnte aber zusammen mit Hibiskus Kaufmann[15] die Diener einteilen und die Geschäfte führen. Obwohl man einige Verwandte beiderlei Geschlechts zur Hilfe herangezogen hatte, mußten im Inneren Frau Strafe, Frau König, Frau Li, Phönixglanz und Schatzspange am Sarg klagen. Dame Sonders hätte zwar helfen können, doch seit Herrlichkeit Kaufmanns Abwesenheit lebte sie im Rong-Palast und hatte sich stets zurückgehalten; zudem war sie mit den Angelegenheiten des Prunkwille-Anwesenes nicht sonderlich vertraut. Von Hibiskus Kaufmann' junger Frau ganz zu schweigen. Bedauerfrühling[16] war noch jung; zwar war sie hier aufgewachsen, doch von den Haushaltsangelegenheiten verstand sie gar nichts. So war im Inneren wahrhaftig niemand, der alles zusammenhielt. Nur Phönixglanz konnte die inneren Angelegenheiten leiten, zumal Kette Kaufmann draußen die Fäden in der Hand hielt — die beiden zusammen ergänzten sich ganz gut.
Phönixglanz hatte anfangs im Vertrauen auf ihr Talent erwartet, daß sie nach dem Tod der Herzoginmutter groß auftrumpfen könnte. Frau Strafe und Frau König wußten, daß sie schon die Trauerfeierlichkeiten für Frau Qin des Ning-Palastes organisiert hatte und gewiß alles tadellos erledigen würde. So übertrugen sie Phönixglanz abermals die Gesamtleitung der inneren Angelegenheiten. Phönixglanz konnte natürlich nicht ablehnen und nahm an. Sie dachte bei sich: „Die Angelegenheiten hier habe ich ohnehin immer geführt; die Dienstboten sind meine Leute. Die Leute der Herrschaften und der Schwägerin aus dem Ning-Palast, die schwer zu handhaben waren, sind alle fort. Zwar gibt es keine Kontrollplaketten mehr für das Geld, doch das Geld selbst ist vorhanden. Und draußen hat unser Mann alles in der Hand. Auch wenn es mir gesundheitlich nicht gut geht — ich denke, es wird keine Kritik geben; es muß besser werden als damals im Ning-Palast."
Innerlich gefaßt, wollte sie zunächst den dritten Tag abwarten [17], um am übernächsten Morgen die Aufgaben zu verteilen. Sie ließ der Frau von Zhou Rui ausrichten, das Personalverzeichnis heraufzubringen. Phönixglanz sah es sorgfältig durch: Insgesamt gab es nur einundzwanzig männliche und neunzehn weibliche Dienstboten. Die übrigen waren nur Mägde, zusammen mit den Mägden aus allen Gemächern nicht mehr als dreißig Personen — viel zu wenig, um alle Dienste zu besetzen. Sie dachte: „Bei dieser Trauerfeier haben wir weniger Personal als damals beim Ning-Palast." Sie ließ noch einige vom Landgut kommen, doch auch das reichte nicht.
Gerade als sie nachrechnete, kam ein kleines Mädchen und sagte: „Schwester Mandarinenente läßt die Zweite Herrin bitten." Phönixglanz ging hinüber. Da sah sie Mandarinenente, die wie ein Tränenmeer aussah, und Mandarinenente ergriff Phönixglanz' Hand und sagte: „Zweite Herrin, bitte setzt Euch, ich will Euch einen Kotau machen. Zwar verneigt man sich in der Trauerzeit nicht, aber diesen Kotau muß ich machen." Damit kniete Mandarinenente nieder. Phönixglanz erschrak und hielt sie fest: „Was soll das? Sag, was du zu sagen hast." Mandarinenente kniete noch, und Phönixglanz zog sie hoch. Mandarinenente sagte: „Die Angelegenheiten der Herzoginmutter, innen wie außen, liegen bei dem Zweiten Herrn und der Zweiten Herrin. Das Geld dafür hat die Herzoginmutter hinterlassen. Die Herzoginmutter hat ihr ganzes Leben lang nie Geld verschwendet, und nun, bei dieser letzten großen Angelegenheit, bitte ich die Zweite Herrin, es würdig und angemessen zu erledigen. Vorhin habe ich den Herrn etwas von ‚so sagt der Meister, so stehen die Lieder' sagen hören — ich habe nichts davon verstanden. Dann sagte er etwas von ‚Trauerriten sollen eher schlicht als aufwendig, eher von echter Trauer als von äußerem Prunk sein' [18] — das habe ich noch weniger begriffen. Ich habe die Zweite Herrin Schatzspange gefragt, und sie sagte, der Herr meine: Die Trauerfeier solle aufrichtig traurig sein, das sei wahre Pietät; man brauche nicht verschwenderisch und auf äußeren Schein bedacht zu sein. Ich denke aber — wie sollte eine solche Person wie die Herzoginmutter es nicht verdienen, würdig bestattet zu werden? Ich bin nur eine Sklavin und Magd; was wage ich schon zu sagen? Nur hat die Herzoginmutter die Zweite Herrin und mich so sehr geliebt — soll man sie im Tod nicht in Glanz und Ehren entlassen? Ich weiß, daß die Zweite Herrin große Dinge bewerkstelligen kann, deshalb habe ich Euch hergebeten, damit Ihr entscheidet. Im Leben gehörte ich der Herzoginmutter, und im Tode gehöre ich auch ihr. Wenn ich nicht sehe, daß ihre Angelegenheit gut erledigt wird — wie soll ich der Herzoginmutter in der anderen Welt gegenübertreten?"
Phönixglanz hörte diese seltsamen Worte und sagte: „Sei unbesorgt. Die Würde zu wahren ist nicht schwer. Auch wenn der Herr von Sparsamkeit spricht — die Form muß stimmen. Selbst wenn wir das ganze Geld für die Herzoginmutter ausgeben, ist das nur recht und billig." Mandarinenente sagte: „Die Herzoginmutter hat in ihrem letzten Willen gesagt, alles, was übrig ist, solle uns gehören. Wenn die Zweite Herrin das Geld nicht reichen sollte, nehmt ruhig davon und setzt es ein. Selbst wenn der Herr etwas dagegen sagt — man kann doch den letzten Willen der Herzoginmutter nicht mißachten. Zudem hat der Herr die Verteilung doch selbst mit angehört."
Phönixglanz sagte: „Du bist doch sonst die Klügste — warum diese Aufregung?" Mandarinenente sagte: „Ich bin nicht aufgeregt, sondern besorgt. Die Erste Herrin [Frau Strafe] kümmert sich um nichts. Der Herr fürchtet Aufsehen. Wenn nun auch die Zweite Herrin so denkt wie der Herr — wenn sie sagt: ‚Eine Familie, die schon durchsucht wurde, wie kann die noch eine prunkvolle Trauerfeier abhalten, sonst wird man abermals durchsucht' — und man deshalb die Herzoginmutter vernachlässigt, was dann? Ich als Magd habe nichts zu verlieren, aber es geht um den Ruf der Familie." Phönixglanz sagte: „Ich verstehe. Sei ganz beruhigt — ich bin ja da!" Mandarinenente bedankte sich tausendmal und vertraute alles Phönixglanz an.
Phönixglanz ging hinaus und dachte: „Mandarinenente ist ein merkwürdiges Geschöpf — was hat sie sich nur in den Kopf gesetzt? Vernünftig betrachtet, sollte die Trauerfeier natürlich würdig sein. Ach! Lassen wir das, ich erledige es einfach so, wie es unserer Familie früher entsprach." So ließ sie die Frau von Wang'er kommen und sagte, man solle den Zweiten Herrn hereinbitten.
Bald darauf kam Kette Kaufmann und sagte: „Warum suchst du mich? Du brauchst nur innen auf alles zu achten. Letztlich entscheiden der Herr und die Herrschaften; was die sagen, das tun wir." Phönixglanz sagte: „Jetzt redest du auch schon so — da hat Mandarinenente also recht behalten." Kette Kaufmann fragte: „Was hat Mandarinenente gesagt?" Phönixglanz erzählte ihm alles. Kette Kaufmann sagte: „Was schert mich deren Gerede? Vorhin hat mich der Zweite Herr gerufen und gesagt: ‚Die Trauerfeier für die Herzoginmutter soll zwar ordentlich sein, aber wer Bescheid weiß, wird sagen, die Herzoginmutter hat sich selbst versorgt. Wer es nicht weiß, wird sagen, wir hätten Vermögen versteckt und lebten in Wahrheit im Überfluß. Das übriggebliebene Geld der Herzoginmutter — wer will es denn? Es soll für die Herzoginmutter verwendet werden: Die Herzoginmutter stammt aus dem Süden; zwar gibt es dort eine Grabstätte, doch noch keine Grabanlage. Ihr Sarg soll in den Süden überführt werden, und mit dem Geld sollen auf dem Ahnenfriedhof Gebäude errichtet werden. Was übrig bleibt, soll als Opferland angelegt werden. Wenn wir zurückkehren, ist es gut; und wenn nicht, können die armen Verwandten dort wohnen und zu den rechten Zeiten Weihrauch brennen und die Gräber pflegen.' Findest du das nicht vernünftig? Willst du etwa alles auf einmal ausgeben?"
Phönixglanz fragte: „Ist das Geld denn schon ausgegeben worden?" Kette Kaufmann sagte: „Wer hat je Geld gesehen? Ich habe gehört, daß unsere Herrin [Frau Strafe], als sie die Worte des Zweiten Herrn hörte, eifrig Frau König und den Zweiten Herrn bestärkt hat: ‚Das ist eine gute Idee!' Was soll ich da machen? Draußen braucht man für die Trauerzelte und Sargträger einige hundert Tael, und noch immer ist nichts ausgezahlt worden. Wenn ich hingehe, sagen alle, es sei vorhanden, man solle erst draußen anfangen, die Abrechnung komme später. Denk doch nur: Von den Dienern sind die, die Geld haben, längst verschwunden. Wenn man sie nach dem Verzeichnis rufen läßt, sagen die einen, sie seien krank, die anderen, sie seien aufs Landgut gefahren. Die wenigen, die nicht mehr laufen können, verstehen sich aufs Geldverdienen, aber nicht aufs Drauflegen!" Phönixglanz hörte das und war eine Weile wie versteinert: „Wie soll man da noch etwas ausrichten?"
Gerade als sie das sagte, kam ein Mädchen und richtete aus: „Die Erste Herrin läßt fragen: Es ist der dritte Tag; drinnen herrscht noch das Chaos. Die Speisen sind aufgetragen, aber sollen die Verwandten noch warten? Man hat eine halbe Ewigkeit gerufen, endlich kamen die Speisen — aber der Reis fehlt. Was ist das für eine Art, Dinge zu erledigen?" Phönixglanz eilte hinein und trieb die Leute an, das Frühstück notdürftig abzuwickeln. Doch an diesem Tag kamen besonders viele Gäste. Die Dienerinnen standen mit toten Augen da. Phönixglanz mußte persönlich eine Weile alles überwachen. Zugleich mußte sie an die Diensteinteilung denken. Sie kam eilig heraus, ließ die Frau von Wang'er alle Dienerinnen zusammenrufen und verteilte die Aufgaben einzeln. Die Leute sagten alle ja, rührten sich aber nicht. Phönixglanz fragte: „Was ist das für eine Zeit — warum werden die Speisen nicht aufgetragen?" Die Leute sagten: „Speisen auftragen ist leicht — aber erst müssen die Sachen von drinnen herausgegeben werden, dann können wir aufpassen." Phönixglanz rief: „Ihr dummen Dinger! Wenn ihr eingeteilt seid, bekommt ihr auch alles." Die Leute fügten sich widerwillig.
Phönixglanz ging sogleich in die oberen Gemächer, um die benötigten Gegenstände zu holen. Sie wollte Frau Strafe und Frau König um Erlaubnis bitten, doch es waren zu viele Leute da, um frei zu reden. Die Sonne neigte sich schon gen Westen. Schließlich fand sie Mandarinenente und bat um das Tafelgeschirr, das die Herzoginmutter aufbewahrt hatte. Mandarinenente sagte: „Das fragst du mich? In dem Jahr, als der Zweite Herr es versetzt hat — ist es denn je ausgelöst worden?" Phönixglanz sagte: „Nicht die silbernen oder goldenen — nur das gewöhnliche Geschirr." Mandarinenente sagte: „Was meint Ihr, woher das Geschirr kommt, das die Erste Herrin und die Schwägerin aus dem Ning-Palast gerade benutzen?" Phönixglanz sah ein, daß sie recht hatte, drehte sich um und ging. Sie mußte schließlich zu Frau König gehen, wo sie mit Hilfe von Yuchuan und Farbwölkchen ein Garnitur auftrieb, ließ Caiming alles in eine Liste eintragen und verteilte es an die Leute.
Mandarinenente sah, wie aufgelöst Phönixglanz war, und konnte sie auch nicht zurückrufen. Sie dachte bei sich: „Früher erledigte sie alles so forsch und umsichtig — wie kommt es, daß man ihr jetzt so die Hände bindet? Seit zwei, drei Tagen kommt sie zu gar nichts — da hat die Herzoginmutter sie wohl umsonst geliebt!" Doch sie wußte nicht, daß Frau Strafe, als sie Aufrecht Kaufmanns Worte hörte, damit ganz auf ihrer Linie lag, die für die Zukunft sparen wollte, und es ihr nur recht war, wenn man etwas zurückhielt. Zudem war die Trauerfeier eigentlich Sache des ältesten Sohnes; da Begnadigung Kaufmann nicht da war, sagte Aufrecht Kaufmann bei allem: „Man frage die Erste Herrin." Frau Strafe aber kannte Phönixglanz' verschwenderische Art und Kette Kaufmanns Hang zum Leichtsinn, und so hielt sie die Zügel straff und gab nichts frei. Mandarinenente aber glaubte, das Geld sei bereits ausgegeben worden, und als sie sah, wie Phönixglanz behindert wurde, argwöhnte sie, Phönixglanz gebe sich nicht genug Mühe. So jammerte und klagte sie unablässig vor dem Sarg der Herzoginmutter. Frau Strafe und die anderen hörten, daß ihre Worte Anspielungen enthielten, dachten aber nicht daran, daß sie selbst es waren, die Phönixglanz nicht frei handeln ließen, sondern sagten: „Phönixglanz gibt sich wirklich keine rechte Mühe."
Am Abend rief Frau König Phönixglanz zu sich und sagte: „Unsere Familie mag zwar nicht mehr so wohlhabend sein, aber den äußeren Anstand muß man wahren. Diese zwei, drei Tage, mit all dem Kommen und Gehen — die Leute werden nicht richtig versorgt; vermutlich hast du keine Anweisungen gegeben. Du mußt dir schon etwas mehr Mühe geben." Phönixglanz hörte das und erstarrte. Sie wollte das Problem mit dem fehlenden Geld ansprechen, doch das Geld lag in der Hand der Männer, und Frau König sprach von mangelhafter Versorgung — da wagte Phönixglanz nicht zu widersprechen und schwieg. Frau Strafe, die daneben stand, sagte: „Eigentlich sollten wir Schwiegertöchter uns kümmern, nicht die Enkelschwiegertochter. Aber da wir uns nicht rühren können, haben wir dich beauftragt — du darfst die Hände nicht in den Schoß legen." Phönixglanz lief purpurrot an und wollte gerade erwidern, als draußen die Trauermusik einsetzte — es war die Zeit des abendlichen Papierverbrennens. Alle brachen in Wehklagen aus, und Phönixglanz kam nicht mehr zu Wort. Sie hatte vorgehabt, später darauf zurückzukommen, doch Frau König schickte sie hinaus: „Hier sind wir. Geh schnell und kümmere dich um die Vorbereitungen für morgen."
Phönixglanz wagte nicht mehr zu widersprechen. Mit verhaltenen Tränen und unterdrücktem Schluchzen ging sie hinaus, ließ alle zusammenrufen und gab abermals Anweisungen: „Liebe Frauen und Tanten, habt Erbarmen mit mir! Ich bin oben tüchtig gescholten worden, weil ihr nicht ordentlich arbeitet und man sich blamiert. Morgen strengt euch bitte an!" Die Leute antworteten: „Die Zweite Herrin hat schon öfter Dinge erledigt, das ist ja nichts Neues — würden wir es wagen, uns zu widersetzen? Nur ist es diesmal oben besonders umständlich. Allein das Essen: Manche essen hier, manche wollen zu Hause essen; man lädt diese Dame ein, aber jene kommt nicht — wie soll man es allen recht machen? Wir bitten nur die Zweite Herrin, den Mädchen zu sagen, sie sollen weniger mäkeln." Phönixglanz sagte: „Das Schwierigste sind die Mägde der Herzoginmutter — die sind schwer zu handhaben. Und die Mägde der Herrschaften sind auch nicht einfach. Wen soll ich denn zur Ordnung rufen?"
Die Leute sagten: „Als die Zweite Herrin damals die Trauerfeier im Ning-Palast leitete — da war sie doch nur die Stellvertreterin, und trotzdem: prügeln und schimpfen, wie entschlossen war sie da! Wer hätte es gewagt, ihr zu widersprechen? Und jetzt kann sie die Mädchen nicht mehr bändigen?" Phönixglanz seufzte: „Im Ning-Palast wurde mir die Aufgabe zwar übertragen, aber die Herrschaften waren dort nur Gäste und mischten sich nicht ein. Jetzt ist es unsere eigene Angelegenheit, und es geht um gemeinsames Geld — da kann jeder mitreden. Außerdem kommt von draußen das Geld nicht. Wenn man für das Trauerzelt etwas braucht und es bestellt — es kommt einfach nicht. Was soll ich da machen?"
Die Leute sagten: „Der Zweite Herr ist doch draußen zuständig — sollte er nicht liefern?" Phönixglanz sagte: „Fragt mich nicht. Er hat es auch schwer. Erstens hat er das Geld nicht in der Hand; für jede Kleinigkeit muß er erst bitten, und das dauert." Die Leute sagten: „Ist das Geld der Herzoginmutter denn nicht in den Händen des Zweiten Herrn?" Phönixglanz sagte: „Fragt die Verwalter — die werden es euch sagen." Die Leute sagten: „Kein Wunder! Draußen beschweren sich die Männer: ‚Bei einem so großen Anlaß kriegen wir keinen Pfennig — nur die Drecksarbeit.' Da soll man sich wundern, daß niemand mit dem Herzen dabei ist?"
Phönixglanz sagte: „Jetzt reicht es. Was vor Augen liegt, darauf achtet bitte. Wenn es oben Ärger gibt, lasse ich euch nicht davonkommen!" Die Leute sagten: „Die Zweite Herrin kann befehlen, was sie will — wir wagen nicht zu maulen. Nur daß oben jeder eine andere Meinung hat — das macht es uns wirklich schwer." Phönixglanz sah ein, daß nichts zu machen war, und bat: „Gute Frauen, morgen helft mir wenigstens einen Tag. Wenn ich mit den Mädchen alles geklärt habe, reden wir weiter." Die Leute gehorchten und gingen.
Phönixglanz hatte den Bauch voller Kummer. Je mehr sie nachdachte, desto zorniger wurde sie. Erst bei Tagesanbruch mußte sie wieder hinauf. Sie wollte die Leute aller Gemächer in Ordnung bringen, fürchtete aber den Zorn von Frau Strafe. Sie wollte mit Frau König reden, doch Frau Strafe hetzte dagegen. Die Mägde, die sahen, daß Frau Strafe und die anderen Phönixglanz nicht den Rücken stärkten, benahmen sich erst recht unverschämt. Zum Glück vermittelte Friedchen[19] und sagte: „Die Zweite Herrin würde es ja gern gut machen, aber der Herr und die Herrschaften haben draußen angeordnet, daß nicht verschwendet werden darf. Deshalb kann unsere Zweite Herrin nicht alles befriedigen." Erst nach mehrmaligem Erklären kehrte etwas Ruhe ein.
Obwohl Mönche Sutren rezitierten und Priester Bußzeremonien hielten, Trauerbesuche und Opfermähler einander ablösten, wurde wegen der Knauserei mit dem Geld niemand zum Eifer angetrieben, und alles geschah nur notdürftig. An den folgenden Tagen kamen nicht wenige kaiserliche Gemahlinnen und hohe Damen, doch Phönixglanz konnte nicht hinaufgehen und sie empfangen; sie mußte unten improvisieren. Hatte sie die eine gerufen, lief die andere weg; bald wurde sie unwirsch, bald mußte sie flehen; kaum hatte sie eine Sache hinter sich gebracht, kam die nächste. Nicht nur Mandarinenente und die anderen fanden es unwürdig — selbst Phönixglanz konnte es in ihrem Herzen nicht verantworten.
Frau Strafe, obwohl sie als Erste Herrin die Hauptverantwortung trug, berief sich auf die vier Worte „Aufrichtige Trauer ist wahre Pietät" und kümmerte sich um nichts. Frau König konnte nur Frau Strafe folgen; die übrigen taten noch weniger. Nur Frau Li durchschaute Phönixglanz' Not, wagte aber nicht, für sie zu sprechen. Sie seufzte nur bei sich: „Wie das Sprichwort sagt: ‚Die Pfingstrose mag noch so schön sein — sie braucht grüne Blätter, die sie stützen.' Wenn die Herrschaften Phönixglanz im Stich lassen, wer hilft ihr dann? Wenn die Dritte Schwester noch da wäre, ginge es. Jetzt hat Phönixglanz nur ihre eigenen wenigen Leute, die kopflos herumrennen und sich hinter ihrem Rücken beschweren, daß sie keinen Pfennig zu sehen bekommen und auch keine Ehre einlegen können. Der Herr denkt nur an die Pietät und versteht von praktischen Dingen nichts. Bei einem so großen Anlaß — wie soll man das ohne Geld bewerkstelligen? Die arme Phönixglanz — jahrelang hat sie sich abgemüht, und ausgerechnet bei der Sache der Herzoginmutter wird sie wohl ihr Gesicht verlieren." Dann rief sie bei Gelegenheit ihre eigenen Leute zusammen und wies sie an: „Schaut nicht auf die anderen und behandelt die Zweite Herrin Kette schlecht. Denkt nicht, daß Trauerkleider tragen und am Sarg wachen schon alles sei — man muß nur ein paar Tage durchstehen. Wenn ihr seht, daß die Leute nicht zurechtkommen, helft ein wenig — es ist ja das Gemeinwohl, und alle sollten sich einsetzen." Ihre Leute, die Frau Li von jeher gehorchten, stimmten zu und sagten: „Die Erste Herrin hat ganz recht; wir würden so etwas nicht wagen. Nur hören wir aus dem Ton der Schwester Mandarinenente heraus, als ob man der Zweiten Herrin Kette die Schuld gäbe."
Frau Li sagte: „Auch Mandarinenente habe ich es gesagt. Ich sagte: Die Zweite Herrin Kette gibt sich bei der Sache der Herzoginmutter durchaus Mühe. Nur hat sie kein Geld in der Hand — soll sie als kluge Frau auch noch Brei aus Nichts kochen? Jetzt versteht Mandarinenente es auch und gibt ihr nicht mehr die Schuld. Nur ihr Benehmen ist seltsam — nicht mehr wie früher. Damals, als die Herzoginmutter sie noch liebte, hat sie nie ihre Macht ausgespielt; jetzt, da die Herzoginmutter tot ist und niemand mehr hinter ihr steht — da scheint mir ihr Wesen verändert. Vorher habe ich mir Sorgen um sie gemacht — zum Glück ist der Erste Herr nicht zu Hause, so ist sie davongekommen; sonst — was hätte sie tun können?"
Während sie sprach, kam Lan Kaufmann herein und sagte: „Mutter, geh schlafen. Den ganzen Tag Gäste empfangen — du bist erschöpft, ruh dich aus. Ich habe seit Tagen kein Buch angerührt. Heute hat der Großvater gesagt, ich könne zu Hause schlafen. Ich bin ganz froh und möchte ein, zwei Bücher durchgehen, sonst habe ich nach der Trauerzeit alles vergessen." Frau Li sagte: „Braves Kind, Bücher lesen ist natürlich gut. Aber heute ruh dich erst aus — lies, wenn die Herzoginmutter bestattet ist." Lan Kaufmann sagte: „Wenn Mutter schlafen will, schlafe ich auch, und denke im Bett über den Stoff nach."
Alle lobten: „Was für ein braver junger Herr! In seinem Alter und denkt sofort an die Bücher! Ganz anders als der Zweite Herr Schatzjade: ein verheirateter Mann und noch immer so kindisch. Diese Tage kniet er neben dem Herrn, und man sieht ihm an, wie unwohl es ihm ist. Kaum bewegt sich der Herr, läuft er zur Zweiten Herrin und tuschelt mit ihr. Wenn die ihn nicht mehr beachtet, sucht er Fräulein Kostbarzither Schnee auf. Kostbarzither Schnee weicht ihm aus, und die Xing-Schwester redet auch nicht viel mit ihm. Dagegen unsere eigene Cousine Xi und die Vierte Schwester — die nennen ihn ‚großer Bruder' hier und ‚großer Bruder' da und halten sich gern bei ihm auf. Wir meinen: Der Zweite Herr Schatzjade tut außer dem Umgang mit Damen und Fräulein wohl gar nichts. Die arme Herzoginmutter hat ihn umsonst geliebt. Wo reicht er auch nur an ein Zehntel des jungen Herrn Lan heran? Die Erste Herrin wird sich eines Tages nicht zu sorgen brauchen." Frau Li sagte: „Selbst wenn er tüchtig wird — er ist noch klein. Und bis er groß ist, wer weiß, wie es dann um unsere Familie steht. Und wie findet ihr den jungen Herrn Huan?"
Die Leute sagten: „Der ist noch schlimmer! Seine Augen sind wie die eines lebhaften Affen — sie schweifen hierhin und dorthin. Zwar heult er mit den anderen, aber sobald eine Dame oder ein Fräulein kommt, lugt er hinter dem Trauervorhang hervor und glotzt sie an." Frau Li sagte: „Er ist eigentlich auch nicht mehr so jung; neulich hieß es, man wolle ihm eine Braut suchen. Jetzt muß man damit wieder warten. Ach! Noch etwas: Die Leute in unserer Familie — das läßt sich auch nicht so leicht klären. Aber lassen wir das Gerede. Übermorgen wird die Beisetzung gefeiert — wie steht es mit den Wagen für die einzelnen Gemächer?"
Die Leute sagten: „Die Zweite Herrin Kette ist in den letzten Tagen ganz von Sinnen; sie hat noch nichts nach draußen bestellt. Gestern haben wir die Männer draußen sagen hören: Der Zweite Herr hat den Zweiten Herrn Qiang mit den Vorbereitungen beauftragt. Unsere eigenen Wagen reichen nicht, und Kutscher sind auch zu wenig — man muß bei Verwandten borgen." Frau Li lachte: „Man kann auch Wagen borgen?" Die Leute sagten: „Die Herrin scherzt. Warum sollte man keine Wagen borgen können? Nur ist an dem Tag bei allen Verwandten auch Bedarf an Wagen — da wird es schwer, welche zu borgen. Man wird wohl auch mieten müssen." Frau Li sagte: „Für die niederen Dienstboten mag man mieten — aber auch die weißen Trauerwagen für die Herrschaften?" Die Leute sagten: „Nehmt nur die Erste Herrin, die Schwägerin aus dem Ning-Palast und die junge Frau Hibiskus — die haben alle keine Wagen mehr. Wenn man nicht mietet, wo sollen sie herkommen?" Frau Li seufzte: „Früher, wenn Verwandte unserer Familie in gemieteten Wagen kamen, haben wir sie ausgelacht. Jetzt trifft es uns selbst. Sagt morgen euren Männern: Unsere Wagen und Pferde sollen rechtzeitig bereitstehen — damit es kein Gedränge gibt." Die Leute bejahten und gingen.
Nun wird berichtet, daß Xiangfluss-Wolke[20], weil ihr Mann krank lag, nach dem Tod der Herzoginmutter nur einmal gekommen war. Da übermorgen die Beisetzung stattfand, konnte sie nicht fernbleiben. Zudem hatte sich die Krankheit ihres Mannes als Schwindsucht erwiesen, die vorläufig nicht lebensbedrohlich war. So kam sie am Abend vor der Totenwache. Sie dachte an die Liebe, die ihr die Herzoginmutter immer erwiesen hatte, und an ihr eigenes bitteres Schicksal — kaum hatte sie einen Mann geheiratet, der schön und begabt war und einen guten Charakter hatte, da mußte er ausgerechnet an dieser Krankheit leiden, und es war nur noch ein Dahinschleppen von Tag zu Tag. So wurde ihr Schmerz nur noch größer, und sie weinte eine halbe Nacht, ohne daß Mandarinenente und die anderen sie trösten konnten.
Schatzjade blickte sie an und war von Trauer überwältigt, doch wagte er nicht vorzutreten und sie zu trösten. Er sah, wie sie leicht geschminkt und in schlichtem Gewand — ohne Rouge und Puder — noch schöner war als vor ihrer Heirat. Dann blickte er zu Kostbarzither Schnee und den anderen, die ebenfalls schlicht gekleidet waren und doch von strahlender Anmut. Und als er Schatzspange ansah, in voller Trauer, war diese besondere Eleganz noch eindrucksvoller als in farbiger Kleidung. Er dachte: „Die Alten sagten: ‚Unter Tausend von Rot und Purpur gebührt der Pflaumenblüte der erste Rang.' Nun sehe ich: Das liegt nicht nur daran, daß die Pflaume früh blüht — nein, die vier Worte ‚Rein, weiß, klar, duftend' sind wahrhaft unerreicht. Nur — wenn jetzt auch Schwester Lin so gekleidet wäre, wie unvergleichlich wäre ihre Anmut erst!" Bei diesem Gedanken wurde ihm schwer ums Herz, die Tränen rollten herab, und er nutzte den Anlaß der Trauerfeier, um hemmungslos zu weinen.
Die Leute trösteten gerade Xiangfluss-Wolke, als draußen plötzlich ein weiteres Schluchzen ertönte. Alle dachten, er trauere um die Herzoginmutter, die ihn so geliebt hatte. Doch in Wahrheit hatte jeder von beiden seine eigenen Tränen. Dieses gemeinsame große Weinen rührte alle Anwesenden zu Tränen. Erst Tante Schnee[21] und Frau Li, die Tante, konnten sie beruhigen.
Am nächsten Tag, der Nacht der Totenwache, ging es noch lebhafter zu. Phönixglanz konnte sich an diesem Tag kaum noch auf den Beinen halten und hatte kein Mittel mehr. Sie gab ihr Letztes und schrie sich die Kehle heiser, um den halben Tag zu überstehen. Am Nachmittag kamen noch mehr Verwandte und Bekannte, die Geschäfte häuften sich, und sie konnte vorn nicht aufpassen und gleichzeitig hinten alles regeln.
Gerade in ihrer größten Not kam ein kleines Mädchen gelaufen und sagte: „Hier ist die Zweite Herrin also! Kein Wunder, daß die Erste Herrin sagt, es seien drinnen zu viele Leute und man komme nicht zurecht — die Zweite Herrin hat sich verkrochen, um es sich bequem zu machen!" Als Phönixglanz diese Worte hörte, stieg ihr eine Woge der Wut hoch, würgte sie im Hals, die Tränen schossen ihr in die Augen; es wurde ihr schwarz vor Augen, der Hals wurde süß — und sie spie leuchtend rotes Blut. Ihre Beine gaben nach, und sie sackte zu Boden. Zum Glück eilte Friedchen herbei und stützte sie. Phönixglanz spuckte einen Schwall Blut nach dem anderen und hörte nicht auf.
Ob sie leben wird oder sterben — das wird im nächsten Kapitel erzählt.
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
- ↑ Herzoginmutter: Chin. 贾母 (Jiǎ Mǔ), auch „Alte Fürstin". Oberhaupt der Familie Kaufmann.
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 (Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Protagonist des Romans.
- ↑ Frau König: Chin. 王夫人 (Wáng Fūrén). Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
- ↑ Frau Li: Chin. 李纨 (Lǐ Wán). Witwe von Zhu Kaufmann, Mutter von Lan Kaufmann.
- ↑ Lan Kaufmann: Chin. 贾兰 (Jiǎ Lán), wörtl. „Orchidee". Sohn von Zhu Kaufmann und Frau Li, Enkel von Aufrecht Kaufmann.
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.
- ↑ Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 (Jiǎ Zhēn). Herr des Ning-Palastes.
- ↑ Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 (Yuānyāng), wörtl. „Mandarinenten-Paar". Engste Dienerin der Herzoginmutter.
- ↑ Schatzspange: Chin. 薛宝钗 (Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Ehefrau von Schatzjade.
- ↑ Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 (Jiǎ Zhèng), wörtl. „Aufrecht/Rechtschaffen". Vater von Schatzjade.
- ↑ Frau Strafe: Chin. 邢夫人 (Xíng Fūrén). Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.
- ↑ „Ding You" — nach konfuzianischem Ritus mußte ein Beamter bei Tod der Eltern sein Amt für eine bestimmte Zeit niederlegen
- ↑ Begnadigung Kaufmann: Chin. 贾赦 (Jiǎ Shè), wörtl. „Begnadigung". Älterer Bruder von Aufrecht Kaufmann.
- ↑ Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 (Jiǎ Huán). Jüngerer Halbbruder von Schatzjade.
- ↑ Hibiskus Kaufmann: Chin. 贾蓉 (Jiǎ Róng). Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.
- ↑ Bedauerfrühling: Chin. 惜春 (Xīchūn), wörtl. „Den Frühling bewahren". Vierte Tochter der Familie Kaufmann, aus dem Ning-Palast.
- ↑ „jie san" — die Zeremonie am dritten Tag nach dem Tod
- ↑ Zitat aus den „Gesprächen des Konfuzius" (Lunyu)
- ↑ Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.
- ↑ Xiangfluss-Wolke: Chin. 史湘云 (Shǐ Xiāngyún), wörtl. „Wolken über dem Xiang-Fluss". Cousine von Schatzjade.
- ↑ Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 (Xuē Yímā). Mutter von Schatzspange und Becken Schnee.