Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 27"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 27 mit Navigation und Fussnoten)
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Kapitel 27
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Am Pavillon des Tropfenden Grüns jagt Schatzspange [Anm.: hier mit dem Spitznamen „Yang Guifei“ wegen ihrer Fülle] nach bunten Schmetterlingen
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_2|<span style="color: #FFD700;">2</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_3|<span style="color: #FFD700;">3</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_4|<span style="color: #FFD700;">4</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_5|<span style="color: #FFD700;">5</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_6|<span style="color: #FFD700;">6</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_7|<span style="color: #FFD700;">7</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_8|<span style="color: #FFD700;">8</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_9|<span style="color: #FFD700;">9</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_10|<span style="color: #FFD700;">10</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">[11-20]</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">'''[21-30]'''</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">[31-40]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">[41-50]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">[51-60]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">[61-70]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">[71-80]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">[81-90]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">[91-100]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">[101-110]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">[111-120]</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Am duftenden Grabhügel beweint Kajaljade [Anm.: hier als „Fliegende Schwalbe“, weil sie schlank ist wie die berühmte Han-Schönheit Zhao Feiyan] die welkenden Blüten
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Wie erzählt wird, weinte Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade Wald". Kajal (黛 dài) bezeichnet das schwarze Augenbrauenpuder.</ref> noch vor sich hin, als sie plötzlich das Hoftor knarren hörte und Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatzspange Schnee". Eine 钗 chāi ist eine kostbare Haarnadel.</ref> herauskommen sah. Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann".</ref>, Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — „den Menschen einhüllend (wie Duft)".</ref> und ein ganzer Schwarm von Mädchen gaben ihr das Geleit. Kajaljade wollte schon auf sie zutreten und Schatzjade zur Rede stellen, doch dann fürchtete sie, ihn vor all den anderen in Verlegenheit zu bringen. Darum wich sie zur Seite und ließ Schatzspange vorübergehen. Erst als Schatzjade und sein Gefolge wieder hineingegangen und das Tor geschlossen war, trat sie hervor und blickte noch einmal zum Tor hinüber, wobei sie ein paar Tränen vergoss. Als sie schließlich das Sinnlose ihres Tuns empfand, kehrte sie um und ging in ihre Räume zurück, wo sie niedergeschlagen den Rest ihres Schmucks ablegte.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_27|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE (Woesler)</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_27|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 27 =
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Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck".</ref> und Schneegans<ref>Chin. 雪雁 Xuěyàn, wörtl. „Schneegans" — „Schneegans".</ref> kannten Kajaljades Wesen seit langem: Grundlos saß sie da und grübelte, die Brauen entweder vor Kummer gerunzelt oder lange Seufzer ausstoßend, und aus heiterem Himmel, ohne jeden erkennbaren Anlass, vergoss sie nicht enden wollende Tränenströme. Anfangs hatten die anderen noch versucht, sie zu trösten – im Glauben, sie trauere um ihre verstorbenen Eltern, sehne sich nach der Heimat oder sei von jemandem gekränkt worden –, und hatten ihr gut zugeredet. Doch als es Monat für Monat, Jahr für Jahr so weiterging, hatte man sich an dieses Bild gewöhnt und kümmerte sich nicht mehr darum.
== 滴翠亭杨妃戏彩蝶 ==
 
=== 埋香冢飞燕泣残红 ===
 
 
 
Am Pavillon des Tropfenden Grüns jagt die kaiserliche Gemahlin nach bunten Schmetterlingen
 
Am duftenden Grabhügel beweint die fliegende Schwalbe die welkenden Blüten
 
 
 
Wie erzählt wird, weinte Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald Kajaljade". Kajal (黛 dài) bezeichnet das schwarze Augenbrauenpuder.</ref> noch vor sich hin, als sie plötzlich das Hoftor knarren hörte und Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schnee Schatzspange". Eine 钗 chāi ist eine kostbare Haarnadel.</ref> herauskommen sah. Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kaufmann Schatzjade".</ref>, Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — „den Menschen einhüllend (wie Duft)".</ref> und ein ganzer Schwarm von Mädchen gaben ihr das Geleit. Kajaljade wollte schon auf sie zutreten und Schatzjade zur Rede stellen, doch dann fürchtete sie, ihn vor all den anderen in Verlegenheit zu bringen. Darum wich sie zur Seite und ließ Schatzspange vorübergehen. Erst als Schatzjade und sein Gefolge wieder hineingegangen und das Tor geschlossen war, trat sie hervor und blickte noch einmal zum Tor hinüber, wobei sie ein paar Tränen vergoss. Als sie schließlich das Sinnlose ihres Tuns empfand, kehrte sie um und ging in ihre Räume zurück, wo sie niedergeschlagen den Rest ihres Schmucks ablegte.
 
 
 
Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck".</ref> und Schneegeißlein<ref>Chin. 雪雁 Xuěyàn, wörtl. „Schneegeißlein" — „Schneegans".</ref> kannten Kajaljades Wesen seit langem: Grundlos saß sie da und grübelte, die Brauen entweder vor Kummer gerunzelt oder lange Seufzer ausstoßend, und aus heiterem Himmel, ohne jeden erkennbaren Anlass, vergoss sie nicht enden wollende Tränenströme. Anfangs hatten die anderen noch versucht, sie zu trösten – im Glauben, sie trauere um ihre verstorbenen Eltern, sehne sich nach der Heimat oder sei von jemandem gekränkt worden –, und hatten ihr gut zugeredet. Doch als es Monat für Monat, Jahr für Jahr so weiterging, hatte man sich an dieses Bild gewöhnt und kümmerte sich nicht mehr darum.
 
  
 
So schenkte ihr auch diesmal niemand Beachtung, und alle gingen schlafen, während Kajaljade am Bettgeländer lehnte, die Knie mit den Armen umschlungen, Tränen in den Augen, reglos wie aus Holz geschnitzt oder aus Ton geformt, bis weit nach der zweiten Nachtwache. Dann erst legte auch sie sich hin. Über den Rest der Nacht ist nichts zu berichten.
 
So schenkte ihr auch diesmal niemand Beachtung, und alle gingen schlafen, während Kajaljade am Bettgeländer lehnte, die Knie mit den Armen umschlungen, Tränen in den Augen, reglos wie aus Holz geschnitzt oder aus Ton geformt, bis weit nach der zweiten Nachtwache. Dann erst legte auch sie sich hin. Über den Rest der Nacht ist nichts zu berichten.
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Im Frauengemach wurde dieser Brauch besonders eifrig gepflegt, und so waren an jenem Morgen alle Bewohnerinnen des Gartens der Großen Aussicht früh auf den Beinen. Die Mädchen flochten aus Blütenblättern und Weidenzweigen kleine Sänften und Pferde, falteten aus Seide und Gaze Fähnchen und Standarten, und banden alles mit bunten Seidenfäden fest. An jedem Baum, an jeder Blüte hingen solche Gaben. Der ganze Garten war ein Meer aus flatternden Bändern und wogenden Blütenzweigen; und die festlich geschmückten Mädchen hätten Pfirsich- und Aprikosenblüten vor Neid erblassen und Schwalben und Goldamseln vor Beschämung verstummen lassen. Doch das alles hier zu beschreiben, würde zu weit führen.
 
Im Frauengemach wurde dieser Brauch besonders eifrig gepflegt, und so waren an jenem Morgen alle Bewohnerinnen des Gartens der Großen Aussicht früh auf den Beinen. Die Mädchen flochten aus Blütenblättern und Weidenzweigen kleine Sänften und Pferde, falteten aus Seide und Gaze Fähnchen und Standarten, und banden alles mit bunten Seidenfäden fest. An jedem Baum, an jeder Blüte hingen solche Gaben. Der ganze Garten war ein Meer aus flatternden Bändern und wogenden Blütenzweigen; und die festlich geschmückten Mädchen hätten Pfirsich- und Aprikosenblüten vor Neid erblassen und Schwalben und Goldamseln vor Beschämung verstummen lassen. Doch das alles hier zu beschreiben, würde zu weit führen.
  
Schatzspange, Kaufmann Willkommensfrühling<ref>Chin. 贾迎春 Jiǎ Yíngchūn, wörtl. „Kaufmann Willkommensfrühling".</ref>, Kaufmann Erkundefrühling<ref>Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Kaufmann Erkundefrühling".</ref>, Kaufmann Kostbarfrühling<ref>Chin. 贾惜春 Jiǎ Xīchūn, wörtl. „Kaufmann Kostbarfrühling".</ref>, Li Wan<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, die verwitwete Schwiegertochter, auch „Frau Li" oder „Li Schleierfrau".</ref>, Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „König Phönixglanz".</ref> sowie Qiaojie [巧姐], Dajie [大姐] und Xiangling<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse" — ein zartes, duftiges Wassergewächs.</ref> vergnügten sich zusammen mit den Mädchen im Garten – nur Kajaljade war nirgends zu sehen.
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Schatzspange, Willkommensfrühling Kaufmann<ref>Chin. 贾迎春 Jiǎ Yíngchūn, wörtl. „Willkommensfrühling Kaufmann".</ref>, Erkundefrühling Kaufmann<ref>Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Erkundefrühling Kaufmann".</ref>, Kostbarfrühling Kaufmann<ref>Chin. 贾惜春 Jiǎ Xīchūn, wörtl. „Kostbarfrühling Kaufmann".</ref>, Seidenweiß Pflaume<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, die verwitwete Schwiegertochter, auch „Frau Li" oder „Seidenweiß Pflaume".</ref>, Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönixglanz König".</ref> sowie Pfiffigmädchen [巧姐], Dajie [大姐] und Duftkastanie<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftkastanie" — ein zartes, duftiges Wassergewächs.</ref> vergnügten sich zusammen mit den Mädchen im Garten – nur Kajaljade war nirgends zu sehen.
  
Kaufmann Willkommensfrühling bemerkte: „Wo bleibt denn Schwester Kajaljade? So ein Faulpelz! Sie wird doch nicht etwa noch schlafen?"
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Willkommensfrühling Kaufmann bemerkte: „Wo bleibt denn Schwester Kajaljade? So ein Faulpelz! Sie wird doch nicht etwa noch schlafen?"
  
 
Schatzspange sagte: „Wartet nur, ich gehe sie aufscheuchen!" Damit verließ sie die anderen und machte sich schnurstracks auf den Weg zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss [潇湘馆].
 
Schatzspange sagte: „Wartet nur, ich gehe sie aufscheuchen!" Damit verließ sie die anderen und machte sich schnurstracks auf den Weg zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss [潇湘馆].
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Anhänger sagte: „Selbst wenn sie es gehört hat – wen juckt das? Jede kümmert sich um ihren eigenen Kram, und damit basta."
 
Anhänger sagte: „Selbst wenn sie es gehört hat – wen juckt das? Jede kümmert sich um ihren eigenen Kram, und damit basta."
  
Rotjade erwiderte: „Wenn es Fräulein Xue [薛] gehört hätte, wäre es nicht so schlimm. Aber Fräulein Lin hat eine scharfe Zunge und ein feines Gespür. Wenn sie es gehört hat und die Sache nach draußen dringt, was dann?" Während die beiden noch redeten, kamen Wenguan, Xiangling, Siqi [司棋] und Daishu [侍书] zum Pavillon herauf. Die beiden mussten ihr Gespräch abbrechen und sich stattdessen mit den anderen fröhlich unterhalten.
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Rotjade erwiderte: „Wenn es Fräulein Xue [薛] gehört hätte, wäre es nicht so schlimm. Aber Fräulein Lin hat eine scharfe Zunge und ein feines Gespür. Wenn sie es gehört hat und die Sache nach draußen dringt, was dann?" Während die beiden noch redeten, kamen Wenguan, Duftkastanie, Siqi [司棋] und Daishu [侍书] zum Pavillon herauf. Die beiden mussten ihr Gespräch abbrechen und sich stattdessen mit den anderen fröhlich unterhalten.
  
 
Da erblickten sie Phönixglanz [凤姐], die oben auf dem Berghang stand und winkte. Rotjade ließ sofort die anderen stehen, lief zu Phönixglanz und fragte lächelnd: „Was habt Ihr zu befehlen, junge gnädige Frau?"
 
Da erblickten sie Phönixglanz [凤姐], die oben auf dem Berghang stand und winkte. Rotjade ließ sofort die anderen stehen, lief zu Phönixglanz und fragte lächelnd: „Was habt Ihr zu befehlen, junge gnädige Frau?"
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Siqi sagte: „Keine Ahnung."
 
Siqi sagte: „Keine Ahnung."
  
Rotjade sah sich nach allen Seiten um und erblickte Kaufmann Erkundefrühling und Schatzspange, die am Teich standen und die Fische betrachteten. Sie trat lächelnd auf sie zu und fragte: „Wissen die Fräulein, wohin die zweite junge gnädige Frau gegangen ist?"
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Rotjade sah sich nach allen Seiten um und erblickte Erkundefrühling Kaufmann und Schatzspange, die am Teich standen und die Fische betrachteten. Sie trat lächelnd auf sie zu und fragte: „Wissen die Fräulein, wohin die zweite junge gnädige Frau gegangen ist?"
  
Kaufmann Erkundefrühling sagte: „Schau im Hof der ersten jungen gnädigen Frau nach!"
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Erkundefrühling Kaufmann sagte: „Schau im Hof der ersten jungen gnädigen Frau nach!"
  
 
Rotjade machte sich auf den Weg zum Reisduftdorf [稻香村], da kamen ihr Heitermuster<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heitermuster" — „klares Wolkenmuster bei heiterem Himmel".</ref>, Qixia [绮霰], Bihen [碧痕], Zixiao [紫绡], Moschusmond<ref>Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".</ref>, Daishu, Ruhua [入画] und Yinger [莺儿] in einer ganzen Schar entgegen.
 
Rotjade machte sich auf den Weg zum Reisduftdorf [稻香村], da kamen ihr Heitermuster<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heitermuster" — „klares Wolkenmuster bei heiterem Himmel".</ref>, Qixia [绮霰], Bihen [碧痕], Zixiao [紫绡], Moschusmond<ref>Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".</ref>, Daishu, Ruhua [入画] und Yinger [莺儿] in einer ganzen Schar entgegen.
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Heitermuster aber sagte mit kaltem Spott: „Kein Wunder! Da hat sich eine auf den hohen Ast geschwungen und schaut auf uns herab. Ob man auch nur einen halben Satz mit ihr gewechselt und ob man ihren Namen überhaupt zur Kenntnis genommen hat, das wissen wir nicht – aber sie ist schon ganz aus dem Häuschen! Dieses eine Mal zählt noch gar nichts. Warten wir ab, was danach kommt! Wenn sie wirklich so tüchtig ist, soll sie den Garten hier für immer verlassen und auf ihrem hohen Ast bleiben – das wäre wirklich etwas!" Mit diesen Worten ging auch sie davon.
 
Heitermuster aber sagte mit kaltem Spott: „Kein Wunder! Da hat sich eine auf den hohen Ast geschwungen und schaut auf uns herab. Ob man auch nur einen halben Satz mit ihr gewechselt und ob man ihren Namen überhaupt zur Kenntnis genommen hat, das wissen wir nicht – aber sie ist schon ganz aus dem Häuschen! Dieses eine Mal zählt noch gar nichts. Warten wir ab, was danach kommt! Wenn sie wirklich so tüchtig ist, soll sie den Garten hier für immer verlassen und auf ihrem hohen Ast bleiben – das wäre wirklich etwas!" Mit diesen Worten ging auch sie davon.
  
Rotjade hatte alles gehört, konnte sich aber schlecht auf einen Streit einlassen. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und suchte weiter nach Phönixglanz. In Li Wans Gemächern fand sie sie schließlich, wo die beiden miteinander plauderten.
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Rotjade hatte alles gehört, konnte sich aber schlecht auf einen Streit einlassen. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und suchte weiter nach Phönixglanz. In Seidenweiß Pflaumes Gemächern fand sie sie schließlich, wo die beiden miteinander plauderten.
  
 
Rotjade trat vor und berichtete: „Schwester Friedchen lässt ausrichten: Gleich nachdem Ihr gegangen wart, gnädige Frau, hat sie das Silber an sich genommen. Inzwischen ist Frau Zhang Cai gekommen, und Schwester Friedchen hat es in ihrer Gegenwart abgewogen und ihr dann ausgehändigt." Sie reichte Phönixglanz das Täschchen und fuhr fort: „Schwester Friedchen bittet mich, Euch zu melden: Laiwang [旺儿] war da und wollte Eure Anweisungen einholen, damit er zu jener Familie gehen kann. Schwester Friedchen hat ihn nach Eurem Wunsch abgefertigt."
 
Rotjade trat vor und berichtete: „Schwester Friedchen lässt ausrichten: Gleich nachdem Ihr gegangen wart, gnädige Frau, hat sie das Silber an sich genommen. Inzwischen ist Frau Zhang Cai gekommen, und Schwester Friedchen hat es in ihrer Gegenwart abgewogen und ihr dann ausgehändigt." Sie reichte Phönixglanz das Täschchen und fuhr fort: „Schwester Friedchen bittet mich, Euch zu melden: Laiwang [旺儿] war da und wollte Eure Anweisungen einholen, damit er zu jener Familie gehen kann. Schwester Friedchen hat ihn nach Eurem Wunsch abgefertigt."
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Rotjade antwortete: „Schwester Friedchen sagte: Unsere junge gnädige Frau lässt die gnädige Frau dort drüben grüßen. Es stimmt, dass unser zweiter junger Herr nicht zu Hause ist, und auch wenn sich die Sache um ein paar Tage verzögert, möge die gnädige Frau unbesorgt sein. Sobald es der fünften jungen gnädigen Frau etwas besser geht, wird unsere junge gnädige Frau zusammen mit der fünften jungen gnädigen Frau kommen, um die gnädige Frau zu besuchen. Die fünfte junge gnädige Frau hatte neulich jemanden geschickt und ausrichten lassen, die gnädige Frau Tante habe geschrieben und lasse die gnädige Frau grüßen. Außerdem bitte sie, bei der hiesigen gnädigen Frau Kusine nachzufragen, ob sie zwei Stück von den lebensverlängernden Wunderpillen erübrigen könne. Wenn die gnädige Frau welche hat, möge sie sie zu unserer jungen gnädigen Frau bringen lassen, denn demnächst fährt jemand zur gnädigen Frau Tante, der sie mitnehmen könnte."
 
Rotjade antwortete: „Schwester Friedchen sagte: Unsere junge gnädige Frau lässt die gnädige Frau dort drüben grüßen. Es stimmt, dass unser zweiter junger Herr nicht zu Hause ist, und auch wenn sich die Sache um ein paar Tage verzögert, möge die gnädige Frau unbesorgt sein. Sobald es der fünften jungen gnädigen Frau etwas besser geht, wird unsere junge gnädige Frau zusammen mit der fünften jungen gnädigen Frau kommen, um die gnädige Frau zu besuchen. Die fünfte junge gnädige Frau hatte neulich jemanden geschickt und ausrichten lassen, die gnädige Frau Tante habe geschrieben und lasse die gnädige Frau grüßen. Außerdem bitte sie, bei der hiesigen gnädigen Frau Kusine nachzufragen, ob sie zwei Stück von den lebensverlängernden Wunderpillen erübrigen könne. Wenn die gnädige Frau welche hat, möge sie sie zu unserer jungen gnädigen Frau bringen lassen, denn demnächst fährt jemand zur gnädigen Frau Tante, der sie mitnehmen könnte."
  
Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, unterbrach Li Wan sie: „Herrje! Das verstehe ich kein Wort! Was für ein Haufen gnädiger Frauen und gnädiger Herren!"
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Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, unterbrach Seidenweiß Pflaume sie: „Herrje! Das verstehe ich kein Wort! Was für ein Haufen gnädiger Frauen und gnädiger Herren!"
  
Phönixglanz lachte: „Kein Wunder, dass du das nicht verstehst – hier geht es um vier oder fünf verschiedene Familien auf einmal." Dann wandte sie sich lächelnd an Rotjade: „Braves Kind, wie ordentlich und vollständig du das alles vorgetragen hast! Nicht so gezwungen und mit so einem Mückengesumme wie die anderen. – Du weißt ja nicht, Schwägerin", sagte sie zu Li Wan, „dass ich außer meinen engsten Leuten richtiggehend Angst habe, mit den Mädchen und Frauen zu reden. Jeden Satz ziehen sie so in die Länge, dass er in zwei, drei Bruchstücke zerfällt. Sie suchen nach Worten, setzen ein affektiertes Gesicht auf, drücken und quetschen und summen nur so vor sich hin – und ich könnte vor Ungeduld platzen, ohne dass sie es merken! Anfangs war unsere Friedchen genauso. Da habe ich sie gefragt: 'Glaubst du vielleicht, es wirkt besonders schön, wenn du summst wie eine Mücke?' Erst nachdem ich ihr das ein paarmal gesagt hatte, wurde sie etwas besser."
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Phönixglanz lachte: „Kein Wunder, dass du das nicht verstehst – hier geht es um vier oder fünf verschiedene Familien auf einmal." Dann wandte sie sich lächelnd an Rotjade: „Braves Kind, wie ordentlich und vollständig du das alles vorgetragen hast! Nicht so gezwungen und mit so einem Mückengesumme wie die anderen. – Du weißt ja nicht, Schwägerin", sagte sie zu Seidenweiß Pflaume, „dass ich außer meinen engsten Leuten richtiggehend Angst habe, mit den Mädchen und Frauen zu reden. Jeden Satz ziehen sie so in die Länge, dass er in zwei, drei Bruchstücke zerfällt. Sie suchen nach Worten, setzen ein affektiertes Gesicht auf, drücken und quetschen und summen nur so vor sich hin – und ich könnte vor Ungeduld platzen, ohne dass sie es merken! Anfangs war unsere Friedchen genauso. Da habe ich sie gefragt: 'Glaubst du vielleicht, es wirkt besonders schön, wenn du summst wie eine Mücke?' Erst nachdem ich ihr das ein paarmal gesagt hatte, wurde sie etwas besser."
  
Li Wan lachte: „Du bist erst zufrieden, wenn alle so sind wie du selbst, du heruntergekommener Tunichtgut!"
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Seidenweiß Pflaume lachte: „Du bist erst zufrieden, wenn alle so sind wie du selbst, du heruntergekommener Tunichtgut!"
  
 
Phönixglanz fuhr fort: „Dieses Mädchen hier ist gut. Die beiden Male vorhin – was sie zu sagen hatte, war nicht viel, aber es klang knapp und klar." Dann wandte sie sich lächelnd an Rotjade: „Komm morgen zu mir und diene bei mir! Ich nehme dich als Tochter an. Wenn ich mich um deine Erziehung kümmere, wird etwas Rechtes aus dir."
 
Phönixglanz fuhr fort: „Dieses Mädchen hier ist gut. Die beiden Male vorhin – was sie zu sagen hatte, war nicht viel, aber es klang knapp und klar." Dann wandte sie sich lächelnd an Rotjade: „Komm morgen zu mir und diene bei mir! Ich nehme dich als Tochter an. Wenn ich mich um deine Erziehung kümmere, wird etwas Rechtes aus dir."
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Phönixglanz fragte: „Wer ist denn deine Mutter?"
 
Phönixglanz fragte: „Wer ist denn deine Mutter?"
  
Li Wan lachte: „Du kennst sie tatsächlich nicht? Sie ist die Tochter von Lin Zhixiao [林之孝]."
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Seidenweiß Pflaume lachte: „Du kennst sie tatsächlich nicht? Sie ist die Tochter von Lin Zhixiao [林之孝]."
  
 
Phönixglanz war höchst erstaunt: „Ach was! Seine Tochter also!" Dann lachte sie: „Aus Lin Zhixiao und seiner Frau würde man keinen Ton herausbekommen, selbst wenn man sie mit einer Ahle stäche. Ich sage immer, die beiden sind ein ebenbürtiges Paar – tauber Himmel und stumme Erde. Wer hätte gedacht, dass sie so eine aufgeweckte Tochter haben! Wie alt bist du?"
 
Phönixglanz war höchst erstaunt: „Ach was! Seine Tochter also!" Dann lachte sie: „Aus Lin Zhixiao und seiner Frau würde man keinen Ton herausbekommen, selbst wenn man sie mit einer Ahle stäche. Ich sage immer, die beiden sind ein ebenbürtiges Paar – tauber Himmel und stumme Erde. Wer hätte gedacht, dass sie so eine aufgeweckte Tochter haben! Wie alt bist du?"
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Dann fuhr sie fort: „Also abgemacht, du kommst zu mir! Dabei hatte ich noch zu deiner Mutter gesagt: 'Frau Lai Da hat zuviel zu tun und weiß nicht einmal, wer hier wer ist – such du mir ein paar gute Mädchen aus, die ich bei mir anstellen kann.' Genau so hat sie es mir versprochen, und dann schickt sie ihre eigene Tochter anderswohin. Als ob es bei mir nicht gut wäre!"
 
Dann fuhr sie fort: „Also abgemacht, du kommst zu mir! Dabei hatte ich noch zu deiner Mutter gesagt: 'Frau Lai Da hat zuviel zu tun und weiß nicht einmal, wer hier wer ist – such du mir ein paar gute Mädchen aus, die ich bei mir anstellen kann.' Genau so hat sie es mir versprochen, und dann schickt sie ihre eigene Tochter anderswohin. Als ob es bei mir nicht gut wäre!"
  
Li Wan lachte: „Da bist du wieder einmal zu misstrauisch. Das Mädchen war doch schon hier angestellt, ehe du das gesagt hast. Also kannst du ihrer Mutter keinen Vorwurf machen."
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Seidenweiß Pflaume lachte: „Da bist du wieder einmal zu misstrauisch. Das Mädchen war doch schon hier angestellt, ehe du das gesagt hast. Also kannst du ihrer Mutter keinen Vorwurf machen."
  
 
Phönixglanz sagte: „Dann werde ich morgen mit Schatzjade sprechen und ihn bitten, sich jemand anderen geben zu lassen. Dieses Mädchen kommt zu mir. Nur weiß ich nicht, ob sie selbst es möchte."
 
Phönixglanz sagte: „Dann werde ich morgen mit Schatzjade sprechen und ihn bitten, sich jemand anderen geben zu lassen. Dieses Mädchen kommt zu mir. Nur weiß ich nicht, ob sie selbst es möchte."
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Rotjade lächelte: „Wer von uns wagt schon zu sagen, ob sie möchte oder nicht? Aber wenn man bei Euch dient, gnädige Frau, kann man lernen, worauf es ankommt – nach oben und unten, nach innen und außen, im Großen wie im Kleinen, überall sammelt man Erfahrung."
 
Rotjade lächelte: „Wer von uns wagt schon zu sagen, ob sie möchte oder nicht? Aber wenn man bei Euch dient, gnädige Frau, kann man lernen, worauf es ankommt – nach oben und unten, nach innen und außen, im Großen wie im Kleinen, überall sammelt man Erfahrung."
  
Gerade als sie das sagte, kam ein Mädchen der Herrin Wang<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Herrin Wang", Schatzjades Mutter.</ref>, um Phönixglanz zu sich bitten zu lassen. Phönixglanz verabschiedete sich also von Li Wan und ging. Rotjade kehrte in den Hof der Freude am Roten zurück. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Gerade als sie das sagte, kam ein Mädchen der Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Dame König", Schatzjades Mutter.</ref>, um Phönixglanz zu sich bitten zu lassen. Phönixglanz verabschiedete sich also von Seidenweiß Pflaume und ging. Rotjade kehrte in den Hof der Roten Freude zurück. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
  
 
Kajaljade nun war nach der schlaflos verbrachten Nacht am nächsten Morgen spät aufgestanden. Als sie hörte, dass alle Schwestern im Garten versammelt waren, um die Blütengöttin zu verabschieden, wusch und kämmte sie sich rasch, um nicht als faul und stumpfsinnig zu gelten, und ging hinaus. Gerade war sie in den Hof getreten, als Schatzjade zum Tor hereinkam und lächelnd fragte: „Liebste Schwester, hast du mich gestern nun verraten oder nicht? Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht."
 
Kajaljade nun war nach der schlaflos verbrachten Nacht am nächsten Morgen spät aufgestanden. Als sie hörte, dass alle Schwestern im Garten versammelt waren, um die Blütengöttin zu verabschieden, wusch und kämmte sie sich rasch, um nicht als faul und stumpfsinnig zu gelten, und ging hinaus. Gerade war sie in den Hof getreten, als Schatzjade zum Tor hereinkam und lächelnd fragte: „Liebste Schwester, hast du mich gestern nun verraten oder nicht? Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht."
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Schatzjade glaubte, es ginge immer noch um den Vorfall vom gestrigen Mittag, denn von der Szene am Abend wusste er ja nichts. So verbeugte er sich mit zusammengelegten Händen vor ihr, doch Kajaljade würdigte ihn keines Blickes, trat hinaus und ging, die anderen Schwestern zu suchen. Schatzjade blieb ratlos zurück und grübelte: „Dem Anschein nach geht es nicht um die Sache von gestern Mittag. Aber danach bin ich spät zurückgekommen und habe sie nicht mehr gesehen – ich kann sie also unmöglich gekränkt haben." Während er darüber nachdachte, trugen ihn seine Füße unwillkürlich hinter ihr her.
 
Schatzjade glaubte, es ginge immer noch um den Vorfall vom gestrigen Mittag, denn von der Szene am Abend wusste er ja nichts. So verbeugte er sich mit zusammengelegten Händen vor ihr, doch Kajaljade würdigte ihn keines Blickes, trat hinaus und ging, die anderen Schwestern zu suchen. Schatzjade blieb ratlos zurück und grübelte: „Dem Anschein nach geht es nicht um die Sache von gestern Mittag. Aber danach bin ich spät zurückgekommen und habe sie nicht mehr gesehen – ich kann sie also unmöglich gekränkt haben." Während er darüber nachdachte, trugen ihn seine Füße unwillkürlich hinter ihr her.
  
Da erblickte er Schatzspange und Kaufmann Erkundefrühling<ref>Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Kaufmann Erkundefrühling".</ref>, die dort drüben den Mandschurenkranichen zusahen. Kajaljade trat zu ihnen, und alle drei standen beisammen und plauderten. Als Schatzjade näher kam, begrüßte ihn Kaufmann Erkundefrühling lächelnd: „Wie geht es dir, Bruder Schatzjade? Volle drei Tage habe ich dich nicht gesehen!"
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Da erblickte er Schatzspange und Erkundefrühling Kaufmann<ref>Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Erkundefrühling Kaufmann".</ref>, die dort drüben den Mandschurenkranichen zusahen. Kajaljade trat zu ihnen, und alle drei standen beisammen und plauderten. Als Schatzjade näher kam, begrüßte ihn Erkundefrühling Kaufmann lächelnd: „Wie geht es dir, Bruder Schatzjade? Volle drei Tage habe ich dich nicht gesehen!"
  
 
Schatzjade erwiderte lächelnd: „Wie geht es dir, Schwester? Neulich habe ich mich bei der Schwägerin nach dir erkundigt."
 
Schatzjade erwiderte lächelnd: „Wie geht es dir, Schwester? Neulich habe ich mich bei der Schwägerin nach dir erkundigt."
  
Kaufmann Erkundefrühling bat: „Komm bitte hierher, ich muss mit dir sprechen."
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Erkundefrühling Kaufmann bat: „Komm bitte hierher, ich muss mit dir sprechen."
  
 
Schatzjade folgte ihr zu einem Granatapfelbaum. Dort fragte sie: „Hat Vater dich in letzter Zeit rufen lassen?"
 
Schatzjade folgte ihr zu einem Granatapfelbaum. Dort fragte sie: „Hat Vater dich in letzter Zeit rufen lassen?"
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Schatzjade antwortete lächelnd: „Nein."
 
Schatzjade antwortete lächelnd: „Nein."
  
Kaufmann Erkundefrühling sagte: „Mir war gestern so, als hätte ich gehört, Vater habe dich zu sich bestellt."
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Erkundefrühling Kaufmann sagte: „Mir war gestern so, als hätte ich gehört, Vater habe dich zu sich bestellt."
  
 
Schatzjade lachte: „Da muss sich jemand verhört haben. Er hat mich wirklich nicht rufen lassen."
 
Schatzjade lachte: „Da muss sich jemand verhört haben. Er hat mich wirklich nicht rufen lassen."
  
Kaufmann Erkundefrühling fuhr fort: „In den letzten Monaten habe ich wieder gut zehn Schnüre Kupfermünzen zusammengespart. Nimm sie an dich, und wenn du demnächst einmal ausreitest, bring mir schöne Kalligraphien und Bilder mit, oder ein paar hübsche Kleinigkeiten."
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Erkundefrühling Kaufmann fuhr fort: „In den letzten Monaten habe ich wieder gut zehn Schnüre Kupfermünzen zusammengespart. Nimm sie an dich, und wenn du demnächst einmal ausreitest, bring mir schöne Kalligraphien und Bilder mit, oder ein paar hübsche Kleinigkeiten."
  
 
Schatzjade erwiderte: „Ich war in den großen Tempeln und kleinen Klöstern innerhalb und außerhalb der Stadtmauern, habe aber nirgends etwas Neues und Feines entdeckt. Überall gibt es nur Gold und Jade, Bronze und Porzellan, Antiquitäten, die man nirgends hinstellen kann, und sonst Seide, Esswaren und Kleider."
 
Schatzjade erwiderte: „Ich war in den großen Tempeln und kleinen Klöstern innerhalb und außerhalb der Stadtmauern, habe aber nirgends etwas Neues und Feines entdeckt. Überall gibt es nur Gold und Jade, Bronze und Porzellan, Antiquitäten, die man nirgends hinstellen kann, und sonst Seide, Esswaren und Kleider."
  
Kaufmann Erkundefrühling sagte: „Wer möchte denn so etwas? Ich meine Sachen wie die, die du letztens gekauft hast – kleine Körbchen aus geflochtenen Weidenruten, Weihrauchdöschen aus ganzen Bambuswurzeln geschnitzt, Kochöfchen aus Ton geformt – das ist das Richtige! Wie sehr ich mich darüber gefreut habe! Aber dann fanden alle anderen auch Gefallen daran und haben alles weggeschnappt, als wären es Kostbarkeiten."
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Erkundefrühling Kaufmann sagte: „Wer möchte denn so etwas? Ich meine Sachen wie die, die du letztens gekauft hast – kleine Körbchen aus geflochtenen Weidenruten, Weihrauchdöschen aus ganzen Bambuswurzeln geschnitzt, Kochöfchen aus Ton geformt – das ist das Richtige! Wie sehr ich mich darüber gefreut habe! Aber dann fanden alle anderen auch Gefallen daran und haben alles weggeschnappt, als wären es Kostbarkeiten."
  
 
Schatzjade lachte: „Ach, so etwas willst du haben! Das kostet doch fast nichts. Gib den Burschen fünfhundert Münzen, und sie bringen dir einen ganzen Wagen voll."
 
Schatzjade lachte: „Ach, so etwas willst du haben! Das kostet doch fast nichts. Gib den Burschen fünfhundert Münzen, und sie bringen dir einen ganzen Wagen voll."
  
Kaufmann Erkundefrühling widersprach: „Was verstehen die Burschen schon davon? Du musst die Sachen selbst aussuchen – schlicht, aber nicht vulgär, ungekünstelt, aber nicht plump. Davon bring mir nur recht viel mit! Dafür mache ich dir wieder ein Paar Schuhe wie letztes Mal, nur dass ich mir diesmal noch mehr Mühe geben werde. Was meinst du?"
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Erkundefrühling Kaufmann widersprach: „Was verstehen die Burschen schon davon? Du musst die Sachen selbst aussuchen – schlicht, aber nicht vulgär, ungekünstelt, aber nicht plump. Davon bring mir nur recht viel mit! Dafür mache ich dir wieder ein Paar Schuhe wie letztes Mal, nur dass ich mir diesmal noch mehr Mühe geben werde. Was meinst du?"
  
Schatzjade lachte: „Da du gerade die Schuhe erwähnst, fällt mir etwas ein. Als ich sie neulich trug, begegnete ich ausgerechnet dem Vater, und sie gefielen ihm gar nicht. Er fragte, wer sie gemacht habe. Wie hätte ich es wagen können, den Namen ‚dritte Schwester' auszusprechen? Also sagte ich, ich hätte sie zum Geburtstag von der Tante bekommen. Da konnte er schlecht etwas sagen, aber nach langem Schweigen meinte er doch: ‚Was für eine Verschwendung von Arbeitskraft! Guten Seidenstoff zu verderben für solche Dinge!' Als ich zurückkam und Dufthauch davon erzählte, sagte sie: ‚Das ist noch gar nichts! Tante Zhao<ref>Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng, „Tante Zhao", die Nebenfrau Kaufmann Aufrechts.</ref> hat sich schrecklich darüber aufgeregt: Ihr leiblicher Bruder geht in schlabbernden Schuhen und Strümpfen, und das sieht sie nicht, aber für den da näht sie solche feinen Schuhe!'"
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Schatzjade lachte: „Da du gerade die Schuhe erwähnst, fällt mir etwas ein. Als ich sie neulich trug, begegnete ich ausgerechnet dem Vater, und sie gefielen ihm gar nicht. Er fragte, wer sie gemacht habe. Wie hätte ich es wagen können, den Namen ‚dritte Schwester' auszusprechen? Also sagte ich, ich hätte sie zum Geburtstag von der Tante bekommen. Da konnte er schlecht etwas sagen, aber nach langem Schweigen meinte er doch: ‚Was für eine Verschwendung von Arbeitskraft! Guten Seidenstoff zu verderben für solche Dinge!' Als ich zurückkam und Dufthauch davon erzählte, sagte sie: ‚Das ist noch gar nichts! Tante Zhao<ref>Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng, „Tante Zhao", die Nebenfrau Aufrecht Kaufmanns.</ref> hat sich schrecklich darüber aufgeregt: Ihr leiblicher Bruder geht in schlabbernden Schuhen und Strümpfen, und das sieht sie nicht, aber für den da näht sie solche feinen Schuhe!'"
  
Sofort verdüsterte sich Kaufmann Erkundefrühlings Miene. „Was für ein unsinniges Gerede!" sagte sie. „Bin ich etwa zum Schuhnähen verpflichtet? Hat Kaufmann Ring<ref>Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Kaufmann Ring", Halbbruder Schatzjades von einer Nebenfrau.</ref> etwa keine Zulagen? Hat er etwa keine Leute? Hat er nicht ebenso seine Kleider, Schuhe und Strümpfe? Sein ganzes Zimmer wimmelt von Mägden und Frauen – wie kann sie sich so beklagen! Und vor wem hat sie das gesagt! Ich nähe nur dann mal ein Paar Schuhe, wenn ich Muße habe und gerade nichts anderes zu tun ist. Wem ich sie schenke, entscheide ich ganz allein. Ich möchte den sehen, der mir da Vorschriften zu machen wagt! Sie regt sich völlig grundlos auf."
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Sofort verdüsterte sich Erkundefrühling Kaufmanns Miene. „Was für ein unsinniges Gerede!" sagte sie. „Bin ich etwa zum Schuhnähen verpflichtet? Hat Unheil Kaufmann<ref>Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann", Halbbruder Schatzjades von einer Nebenfrau.</ref> etwa keine Zulagen? Hat er etwa keine Leute? Hat er nicht ebenso seine Kleider, Schuhe und Strümpfe? Sein ganzes Zimmer wimmelt von Mägden und Frauen – wie kann sie sich so beklagen! Und vor wem hat sie das gesagt! Ich nähe nur dann mal ein Paar Schuhe, wenn ich Muße habe und gerade nichts anderes zu tun ist. Wem ich sie schenke, entscheide ich ganz allein. Ich möchte den sehen, der mir da Vorschriften zu machen wagt! Sie regt sich völlig grundlos auf."
  
 
Schatzjade nickte lächelnd: „Du weißt wohl nicht, dass sie dabei ihre eigenen Gedanken hat."
 
Schatzjade nickte lächelnd: „Du weißt wohl nicht, dass sie dabei ihre eigenen Gedanken hat."
  
Jetzt ärgerte sich Kaufmann Erkundefrühling erst recht. Sie wandte sich ab und sagte: „Du bist mir ein schöner Wirrkopf! Natürlich hat sie ihre eigenen Gedanken, aber die entsprechen ihrer niedrigen, kleinlichen Gesinnung. Soll sie nur immer so denken! Für mich zählen einzig und allein Vater und die gnädige Frau, und sonst niemand! Unter den Geschwistern aber bin ich nett zu jedem, der nett zu mir ist – was „Erstfrau" und „Nebenfrau" bedeuten soll, davon weiß ich nichts. Eigentlich dürfte ich so nicht über sie sprechen, aber sie ist einfach unfassbar töricht!
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Jetzt ärgerte sich Erkundefrühling Kaufmann erst recht. Sie wandte sich ab und sagte: „Du bist mir ein schöner Wirrkopf! Natürlich hat sie ihre eigenen Gedanken, aber die entsprechen ihrer niedrigen, kleinlichen Gesinnung. Soll sie nur immer so denken! Für mich zählen einzig und allein Vater und die gnädige Frau, und sonst niemand! Unter den Geschwistern aber bin ich nett zu jedem, der nett zu mir ist – was „Erstfrau" und „Nebenfrau" bedeuten soll, davon weiß ich nichts. Eigentlich dürfte ich so nicht über sie sprechen, aber sie ist einfach unfassbar töricht!
  
Und da gibt es noch eine lächerliche Geschichte. Als ich dir letztens das Geld gab, damit du für mich einkaufst – zwei Tage später traf ich sie, und da jammerte sie, wie schwer sie es ohne Geld habe. Ich sagte nichts dazu. Aber als dann meine Mädchen draußen waren, beklagte sie sich, ich hätte mein Erspartes dir statt Kaufmann Ring ausgeben lassen. Als ich das hörte, wusste ich nicht, ob ich lachen oder wütend sein sollte. Also ging ich gleich zur gnädigen Frau hinüber und ..."
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Und da gibt es noch eine lächerliche Geschichte. Als ich dir letztens das Geld gab, damit du für mich einkaufst – zwei Tage später traf ich sie, und da jammerte sie, wie schwer sie es ohne Geld habe. Ich sagte nichts dazu. Aber als dann meine Mädchen draußen waren, beklagte sie sich, ich hätte mein Erspartes dir statt Unheil Kaufmann ausgeben lassen. Als ich das hörte, wusste ich nicht, ob ich lachen oder wütend sein sollte. Also ging ich gleich zur gnädigen Frau hinüber und ..."
  
 
Noch ehe sie ausgesprochen hatte, rief Schatzspange von drüben herüber und lachte: „Seid ihr endlich fertig? Dann kommt her! Man sieht, dass ihr Bruder und Schwester seid – ihr lasst die anderen einfach stehen und tauscht Geheimnisse aus. Wir dürfen wohl nicht einmal einen einzigen Satz davon hören!"
 
Noch ehe sie ausgesprochen hatte, rief Schatzspange von drüben herüber und lachte: „Seid ihr endlich fertig? Dann kommt her! Man sieht, dass ihr Bruder und Schwester seid – ihr lasst die anderen einfach stehen und tauscht Geheimnisse aus. Wir dürfen wohl nicht einmal einen einzigen Satz davon hören!"
  
Darauf kamen Kaufmann Erkundefrühling und Schatzjade lachend herüber.
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Darauf kamen Erkundefrühling Kaufmann und Schatzjade lachend herüber.
  
 
Als Schatzjade bemerkte, dass Kajaljade verschwunden war, wusste er, dass sie ihm aus dem Weg gegangen sein musste. Er überlegte kurz und entschied, es sei am besten, ein paar Tage zu warten, bis ihr Zorn verraucht war, ehe er sie wieder aufsuchte. Als er den Blick senkte, sah er, dass der Boden dicht mit Balsaminenblüten, Granatapfelblüten und allerlei anderen herabgefallenen Blüten bedeckt war, und seufzte: „In ihrer Betrübnis hat sie nicht einmal die Blüten aufgesammelt. Ich werde sie hinaustragen, und morgen frage ich sie danach."
 
Als Schatzjade bemerkte, dass Kajaljade verschwunden war, wusste er, dass sie ihm aus dem Weg gegangen sein musste. Er überlegte kurz und entschied, es sei am besten, ein paar Tage zu warten, bis ihr Zorn verraucht war, ehe er sie wieder aufsuchte. Als er den Blick senkte, sah er, dass der Boden dicht mit Balsaminenblüten, Granatapfelblüten und allerlei anderen herabgefallenen Blüten bedeckt war, und seufzte: „In ihrer Betrübnis hat sie nicht einmal die Blüten aufgesammelt. Ich werde sie hinaustragen, und morgen frage ich sie danach."
  
Gerade rief Schatzspange ihn und Kaufmann Erkundefrühling auf, den Garten zu verlassen. Schatzjade sagte: „Ich komme gleich nach." Und als die beiden fort waren, raffte er die Blüten zusammen, überquerte Hügel und Bäche, drang zwischen Bäumen und Blumenstauden hindurch und steuerte geradewegs jene Stelle an, wo er einst mit Kajaljade zusammen die Pfirsichblüten begraben hatte. Schon war er fast am Blütengrab angelangt und musste nur noch um einen Felsvorsprung biegen, da hörte er von der anderen Seite ein Schluchzen, das bald verstummte und bald von neuem aufstieg, durchsetzt von klagenden Worten – ein herzzerreißendes Weinen.
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Gerade rief Schatzspange ihn und Erkundefrühling Kaufmann auf, den Garten zu verlassen. Schatzjade sagte: „Ich komme gleich nach." Und als die beiden fort waren, raffte er die Blüten zusammen, überquerte Hügel und Bäche, drang zwischen Bäumen und Blumenstauden hindurch und steuerte geradewegs jene Stelle an, wo er einst mit Kajaljade zusammen die Pfirsichblüten begraben hatte. Schon war er fast am Blütengrab angelangt und musste nur noch um einen Felsvorsprung biegen, da hörte er von der anderen Seite ein Schluchzen, das bald verstummte und bald von neuem aufstieg, durchsetzt von klagenden Worten – ein herzzerreißendes Weinen.
  
 
Schatzjade dachte: „Welches Mädchen mag das sein, das von jemandem gekränkt wurde und sich hierher zum Weinen zurückgezogen hat?" Er blieb stehen und lauschte. Da vernahm er, wie jene Stimme unter Tränen sprach:
 
Schatzjade dachte: „Welches Mädchen mag das sein, das von jemandem gekränkt wurde und sich hierher zum Weinen zurückgezogen hat?" Er blieb stehen und lauschte. Da vernahm er, wie jene Stimme unter Tränen sprach:
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== Anmerkungen ==
 
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).''
 
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Latest revision as of 19:35, 28 April 2026

Kapitel 27 Am Pavillon des Tropfenden Grüns jagt Schatzspange [Anm.: hier mit dem Spitznamen „Yang Guifei“ wegen ihrer Fülle] nach bunten Schmetterlingen Am duftenden Grabhügel beweint Kajaljade [Anm.: hier als „Fliegende Schwalbe“, weil sie schlank ist wie die berühmte Han-Schönheit Zhao Feiyan] die welkenden Blüten

Wie erzählt wird, weinte Kajaljade[1] noch vor sich hin, als sie plötzlich das Hoftor knarren hörte und Schatzspange[2] herauskommen sah. Schatzjade[3], Dufthauch[4] und ein ganzer Schwarm von Mädchen gaben ihr das Geleit. Kajaljade wollte schon auf sie zutreten und Schatzjade zur Rede stellen, doch dann fürchtete sie, ihn vor all den anderen in Verlegenheit zu bringen. Darum wich sie zur Seite und ließ Schatzspange vorübergehen. Erst als Schatzjade und sein Gefolge wieder hineingegangen und das Tor geschlossen war, trat sie hervor und blickte noch einmal zum Tor hinüber, wobei sie ein paar Tränen vergoss. Als sie schließlich das Sinnlose ihres Tuns empfand, kehrte sie um und ging in ihre Räume zurück, wo sie niedergeschlagen den Rest ihres Schmucks ablegte.

Purpurkuckuck[5] und Schneegans[6] kannten Kajaljades Wesen seit langem: Grundlos saß sie da und grübelte, die Brauen entweder vor Kummer gerunzelt oder lange Seufzer ausstoßend, und aus heiterem Himmel, ohne jeden erkennbaren Anlass, vergoss sie nicht enden wollende Tränenströme. Anfangs hatten die anderen noch versucht, sie zu trösten – im Glauben, sie trauere um ihre verstorbenen Eltern, sehne sich nach der Heimat oder sei von jemandem gekränkt worden –, und hatten ihr gut zugeredet. Doch als es Monat für Monat, Jahr für Jahr so weiterging, hatte man sich an dieses Bild gewöhnt und kümmerte sich nicht mehr darum.

So schenkte ihr auch diesmal niemand Beachtung, und alle gingen schlafen, während Kajaljade am Bettgeländer lehnte, die Knie mit den Armen umschlungen, Tränen in den Augen, reglos wie aus Holz geschnitzt oder aus Ton geformt, bis weit nach der zweiten Nachtwache. Dann erst legte auch sie sich hin. Über den Rest der Nacht ist nichts zu berichten.

Am folgenden Tag, dem sechsundzwanzigsten des vierten Monats, fiel zur Stunde des Schafes [Anm.: 13–15 Uhr] der Beginn des Solarterms „Ähren in Grannen" [芒种]. Nach uraltem Brauch pflegte man an diesem Tag allerlei Gaben aufzustellen und der Blütengöttin ein Abschiedsopfer darzubringen, denn sobald die Ährenzeit vorüber ist, beginnt der Sommer, alle Blüten welken dahin, und die Blütengöttin muss ihren Thron räumen – darum wird sie feierlich verabschiedet.

Im Frauengemach wurde dieser Brauch besonders eifrig gepflegt, und so waren an jenem Morgen alle Bewohnerinnen des Gartens der Großen Aussicht früh auf den Beinen. Die Mädchen flochten aus Blütenblättern und Weidenzweigen kleine Sänften und Pferde, falteten aus Seide und Gaze Fähnchen und Standarten, und banden alles mit bunten Seidenfäden fest. An jedem Baum, an jeder Blüte hingen solche Gaben. Der ganze Garten war ein Meer aus flatternden Bändern und wogenden Blütenzweigen; und die festlich geschmückten Mädchen hätten Pfirsich- und Aprikosenblüten vor Neid erblassen und Schwalben und Goldamseln vor Beschämung verstummen lassen. Doch das alles hier zu beschreiben, würde zu weit führen.

Schatzspange, Willkommensfrühling Kaufmann[7], Erkundefrühling Kaufmann[8], Kostbarfrühling Kaufmann[9], Seidenweiß Pflaume[10], Phönixglanz[11] sowie Pfiffigmädchen [巧姐], Dajie [大姐] und Duftkastanie[12] vergnügten sich zusammen mit den Mädchen im Garten – nur Kajaljade war nirgends zu sehen.

Willkommensfrühling Kaufmann bemerkte: „Wo bleibt denn Schwester Kajaljade? So ein Faulpelz! Sie wird doch nicht etwa noch schlafen?"

Schatzspange sagte: „Wartet nur, ich gehe sie aufscheuchen!" Damit verließ sie die anderen und machte sich schnurstracks auf den Weg zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss [潇湘馆].

Unterwegs begegnete ihr die Schar der zwölf jungen Schauspielerinnen um Wenguan [文官]. Sie traten heran, begrüßten Schatzspange, und man plauderte eine Weile. Dann drehte Schatzspange sich um, wies in die Richtung zurück und sagte: „Die anderen sind alle dort drüben. Geht nur zu ihnen! Ich hole Fräulein Lin und komme dann nach." Damit schlenderte sie weiter zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss.

Doch als sie plötzlich aufblickte, sah sie, wie Schatzjade eben dort hineinging. Schatzspange blieb stehen und senkte nachdenklich den Kopf. „Schatzjade und Kajaljade sind von klein auf zusammen aufgewachsen", überlegte sie. „Als Bruder und Schwester kennen sie zwischen sich vieles nicht, was andere als unschicklich empfänden, und sie necken und zanken sich unberechenbar. Außerdem ist Kajaljade von Natur aus argwöhnisch und nimmt schnell Anstoß. Wenn ich jetzt ebenfalls hineinginge, wäre das erstens für Schatzjade unangenehm, und zweitens könnte Kajaljade Verdacht schöpfen. Am besten kehre ich um." Nachdem sie zu diesem Schluss gekommen war, wandte sie sich ab.

Gerade wollte sie die anderen Schwestern suchen, als sie vor sich ein Paar jadegrüner Schmetterlinge erblickte, groß wie runde Fächer, die im Windhauch auf und ab gaukelten – ein entzückender Anblick. Schatzspange wollte sie fangen, um sich an ihnen zu erfreuen, zog ihren Fächer aus dem Ärmel und trat aufs Gras, um ihnen nachzujagen. Doch die Schmetterlinge stiegen bald empor, bald senkten sie sich, kamen und gingen, flatterten zwischen Blumen hindurch und durch die Weidenzweige und drohten schließlich über den Bach zu entkommen. So lockten sie Schatzspange auf leisen Sohlen hinter sich her, bis zum Pavillon des Tropfenden Grüns [滴翠亭] mitten im Teich. Der duftende Schweiß rann ihr in Strömen herab, und ihr Atem ging in zarten, kurzen Stößen. Nun hatte Schatzspange keine Lust mehr, ihnen weiter nachzujagen, und wollte eben umkehren, als sie aus dem Pavillon Stimmengeflüster vernahm.

Dieser Pavillon war ringsum von einem Wandelgang umgeben und auf gewundenen Brücken über dem Wasser des Teiches errichtet. Seine geschnitzten Gitterfenster waren auf allen vier Seiten mit Papier bespannt.

Schatzspange hörte draußen die Stimmen und hielt den Schritt an, um aufmerksam zu lauschen. Da hörte sie jemanden sagen: „Sieh dir dieses Taschentuch an! Wenn es wirklich das ist, das du verloren hast, dann nimm es. Wenn nicht, gebe ich es dem zweiten jungen Herrn Duft [芸二爷] zurück."

Eine andere Stimme antwortete: „Natürlich ist es meines! Gib es mir!"

Die erste fuhr fort: „Und womit dankst du mir? Meinst du, ich hätte es umsonst herbeigeschafft?"

Die andere erwiderte: „Ich habe dir doch eine Belohnung versprochen – natürlich werde ich dich nicht hintergehen."

Die erste sagte: „Mir steht natürlich ein Dank zu, weil ich es dir gebracht habe. Aber willst du nicht auch den belohnen, der es gefunden hat?"

Die andere widersprach: „Red keinen Unsinn! Er gehört zu den Herrschaften. Wenn er etwas von mir findet, muss er es selbstverständlich zurückgeben. Womit sollte ich ihn denn belohnen?"

Die erste hielt ihr vor: „Wenn du ihn nicht belohnst, was soll ich ihm dann sagen? Er hat mir eindringlich eingeschärft: Wenn sie sich nicht erkenntlich zeigt, darfst du es ihr nicht geben!"

Nach langem Schweigen hörte man die andere schließlich sagen: „Nun gut, dann gib ihm dies hier als Dank. Aber du darfst es niemandem erzählen! Du musst mir schwören!"

Die erste beteuerte: „Wenn ich es auch nur einer einzigen Seele erzähle, soll mir ein Furunkel wachsen und ich eines schlimmen Todes sterben!"

Dann sagte die andere: „Au weh! Wir reden und reden – wenn nun jemand draußen steht und heimlich zuhört! Am besten schieben wir die Gitterfenster auf. Wenn uns dann jemand hier sieht, wird er denken, wir plaudern nur. Und kommt er näher, können wir ihn rechtzeitig bemerken und aufhören."

Als Schatzspange draußen diese Worte vernahm, erschrak sie und dachte: „Nicht umsonst heißt es seit alters, dass Diebe und Ehebrecherinnen stets einen scharfen Verstand besitzen. Wenn die beiden jetzt die Fenster aufmachen und mich hier sehen, werden sie vor Scham vergehen. Außerdem klang eine der Stimmen ganz nach Rotjade [红儿] aus Schatzjades Gemächern. Dieses hochnäsige, verschlagene Ding! Wenn sie nun erfährt, dass ich ihr Geheimnis kenne, ist sie imstande, wie ein in die Enge getriebener Hund über die Mauer zu springen – sie würde nicht nur einen Skandal verursachen, sondern ich selbst stünde auch noch dumm da. Am besten versuche ich, mich davonzuschleichen, aber dazu ist es wohl schon zu spät. Da muss ich wohl zum Trick der ‚Goldenen Zikade, die ihre Hülle abstreift' greifen." [Anm.: Strategem Nr. 21 der „36 Strategeme" – eine Ablenkungstaktik, bei der man die Aufmerksamkeit des Gegners auf ein falsches Ziel lenkt.]

Noch ehe sie ihren Gedanken zu Ende geführt hatte, hörte sie es schon klappern. Da trat Schatzspange absichtlich laut auf und rief lachend: „Kajaljade, ich habe dich gesehen! Wo willst du dich verstecken?" Zugleich eilte sie mit Bedacht auf den Pavillon zu.

Drinnen hatten Rotjade und Anhänger [坠儿] gerade das Fenster aufgeschoben, als sie Schatzspange so rufen und herankommen hörten. Beide erstarrten vor Schreck. Doch Schatzspange lächelte die zwei an und fragte: „Wo habt ihr Fräulein Lin versteckt?"

Anhänger stammelte: „Fräulein Lin haben wir gar nicht gesehen."

Schatzspange sagte: „Ich habe doch eben von drüben am Bach gesehen, wie Fräulein Lin hier kauerte und im Wasser plätscherte. Ich wollte mich anschleichen und sie erschrecken, aber ehe ich nah genug war, hat sie mich entdeckt und ist nach Osten verschwunden. Vielleicht hat sie sich hier drinnen versteckt!" Damit trat sie absichtlich in den Pavillon und tat, als suche sie überall, dann wandte sie sich schon wieder zum Gehen und sagte: „Sie muss wieder in eine Felsgrotte geschlüpft sein. Wenn eine Schlange sie beißt – geschieht ihr ganz recht!" So redend ging sie davon und amüsierte sich im Stillen darüber, wie geschickt sie die Sache überspielt hatte, und fragte sich, wie wohl den beiden jetzt zumute sein mochte.

Nun hatte Rotjade Schatzspanges Darbietung tatsächlich für bare Münze genommen. Als Schatzspange außer Hörweite war, packte sie Anhänger am Ärmel und rief: „Das ist ja schrecklich! Fräulein Lin hat hier gehockt – die hat bestimmt alles gehört!"

Anhänger verstummte und schwieg lange. Dann fragte Rotjade: „Was machen wir jetzt nur?"

Anhänger sagte: „Selbst wenn sie es gehört hat – wen juckt das? Jede kümmert sich um ihren eigenen Kram, und damit basta."

Rotjade erwiderte: „Wenn es Fräulein Xue [薛] gehört hätte, wäre es nicht so schlimm. Aber Fräulein Lin hat eine scharfe Zunge und ein feines Gespür. Wenn sie es gehört hat und die Sache nach draußen dringt, was dann?" Während die beiden noch redeten, kamen Wenguan, Duftkastanie, Siqi [司棋] und Daishu [侍书] zum Pavillon herauf. Die beiden mussten ihr Gespräch abbrechen und sich stattdessen mit den anderen fröhlich unterhalten.

Da erblickten sie Phönixglanz [凤姐], die oben auf dem Berghang stand und winkte. Rotjade ließ sofort die anderen stehen, lief zu Phönixglanz und fragte lächelnd: „Was habt Ihr zu befehlen, junge gnädige Frau?"

Phönixglanz musterte sie aufmerksam und befand sie für hübsch und adrett; auch ihre Art zu sprechen gefiel ihr. So sagte sie lächelnd: „Meine Mädchen sind heute nicht mitgekommen. Mir ist gerade etwas eingefallen, und ich möchte jemanden hinüberschicken. Aber ich weiß nicht, ob du das schaffst und ob du alles richtig und vollständig bestellen kannst."

Rotjade lächelte: „Gebt mir nur Eure Anweisungen, junge gnädige Frau! Wenn ich etwas vergesse und dadurch Schaden anrichte, könnt Ihr mich nach Belieben bestrafen."

Phönixglanz fragte lächelnd: „Zu welchem Fräulein gehörst du? Wenn ich dich wegschicke und sie zurückkommt und dich vermisst, will ich ihr Bescheid sagen können."

Rotjade antwortete: „Ich bin aus den Gemächern des zweiten jungen Herrn Schatzjade."

Phönixglanz hörte es und sagte lächelnd: „Ach, du gehörst zu Schatzjade! Kein Wunder! Nun, macht nichts. Geh hinüber zu mir und sage Schwester Friedchen[13]: Im äußeren Raum auf dem Tisch, unter dem Ständer mit dem Teller aus Ru-Keramik [汝窑], liegt ein Päckchen Silber – einhundertsechzig Liang, bestimmt als Lohn für den Sticker. Wenn Frau Zhang Cai danach kommt, soll Friedchen es ihr vorwiegen und dann aushändigen. Außerdem liegt auf dem Bett im Innenraum ein kleines besticktes Täschchen – das bringst du mir."

Als Rotjade den Auftrag vernommen hatte, machte sie sich sogleich auf den Weg. Bei ihrer Rückkehr war Phönixglanz nicht mehr auf dem Berghang. Da bemerkte sie Siqi, die aus einer Felsgrotte schlüpfte und stehenblieb, um sich den Rock zu richten. Rotjade trat auf sie zu und fragte: „Schwester, weißt du, wohin die zweite junge gnädige Frau gegangen ist?"

Siqi sagte: „Keine Ahnung."

Rotjade sah sich nach allen Seiten um und erblickte Erkundefrühling Kaufmann und Schatzspange, die am Teich standen und die Fische betrachteten. Sie trat lächelnd auf sie zu und fragte: „Wissen die Fräulein, wohin die zweite junge gnädige Frau gegangen ist?"

Erkundefrühling Kaufmann sagte: „Schau im Hof der ersten jungen gnädigen Frau nach!"

Rotjade machte sich auf den Weg zum Reisduftdorf [稻香村], da kamen ihr Heitermuster[14], Qixia [绮霰], Bihen [碧痕], Zixiao [紫绡], Moschusmond[15], Daishu, Ruhua [入画] und Yinger [莺儿] in einer ganzen Schar entgegen.

Kaum hatte Heitermuster Rotjade erblickt, fuhr sie sie an: „Du bist wohl verrückt geworden! Die Blumen im Hof sind nicht gegossen, die Vögel nicht gefüttert, der Teeofen nicht angeheizt – und du treibst dich draußen herum!"

Rotjade entgegnete: „Gestern hat der zweite junge Herr gesagt, heute brauche man nicht zu gießen, es reiche, jeden zweiten Tag zu wässern. Die Vögel habe ich gefüttert, als du noch geschlafen hast, Schwester."

Bihen fragte: „Und was ist mit dem Teeofen?"

Rotjade erwiderte: „Heute bin ich nicht an der Reihe mit dem Anheizen. Ob es Tee gibt oder nicht – fragt nicht mich."

Qixia sagte: „Hört euch nur ihr Mundwerk an! Lasst sie in Ruhe, soll sie doch spazieren gehen!"

Rotjade hielt dagegen: „Fragt mich doch erst, ob ich spazieren gehe! Die zweite junge gnädige Frau hat mich mit einer Botschaft und einem Auftrag losgeschickt." Bei diesen Worten hob sie das kleine Täschchen hoch, damit alle es sehen konnten. Darauf schwiegen sie endlich, und man ging getrennt auseinander.

Heitermuster aber sagte mit kaltem Spott: „Kein Wunder! Da hat sich eine auf den hohen Ast geschwungen und schaut auf uns herab. Ob man auch nur einen halben Satz mit ihr gewechselt und ob man ihren Namen überhaupt zur Kenntnis genommen hat, das wissen wir nicht – aber sie ist schon ganz aus dem Häuschen! Dieses eine Mal zählt noch gar nichts. Warten wir ab, was danach kommt! Wenn sie wirklich so tüchtig ist, soll sie den Garten hier für immer verlassen und auf ihrem hohen Ast bleiben – das wäre wirklich etwas!" Mit diesen Worten ging auch sie davon.

Rotjade hatte alles gehört, konnte sich aber schlecht auf einen Streit einlassen. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und suchte weiter nach Phönixglanz. In Seidenweiß Pflaumes Gemächern fand sie sie schließlich, wo die beiden miteinander plauderten.

Rotjade trat vor und berichtete: „Schwester Friedchen lässt ausrichten: Gleich nachdem Ihr gegangen wart, gnädige Frau, hat sie das Silber an sich genommen. Inzwischen ist Frau Zhang Cai gekommen, und Schwester Friedchen hat es in ihrer Gegenwart abgewogen und ihr dann ausgehändigt." Sie reichte Phönixglanz das Täschchen und fuhr fort: „Schwester Friedchen bittet mich, Euch zu melden: Laiwang [旺儿] war da und wollte Eure Anweisungen einholen, damit er zu jener Familie gehen kann. Schwester Friedchen hat ihn nach Eurem Wunsch abgefertigt."

Phönixglanz fragte lächelnd: „Und wie hat sie ihn nach meinem Wunsch abgefertigt?"

Rotjade antwortete: „Schwester Friedchen sagte: Unsere junge gnädige Frau lässt die gnädige Frau dort drüben grüßen. Es stimmt, dass unser zweiter junger Herr nicht zu Hause ist, und auch wenn sich die Sache um ein paar Tage verzögert, möge die gnädige Frau unbesorgt sein. Sobald es der fünften jungen gnädigen Frau etwas besser geht, wird unsere junge gnädige Frau zusammen mit der fünften jungen gnädigen Frau kommen, um die gnädige Frau zu besuchen. Die fünfte junge gnädige Frau hatte neulich jemanden geschickt und ausrichten lassen, die gnädige Frau Tante habe geschrieben und lasse die gnädige Frau grüßen. Außerdem bitte sie, bei der hiesigen gnädigen Frau Kusine nachzufragen, ob sie zwei Stück von den lebensverlängernden Wunderpillen erübrigen könne. Wenn die gnädige Frau welche hat, möge sie sie zu unserer jungen gnädigen Frau bringen lassen, denn demnächst fährt jemand zur gnädigen Frau Tante, der sie mitnehmen könnte."

Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, unterbrach Seidenweiß Pflaume sie: „Herrje! Das verstehe ich kein Wort! Was für ein Haufen gnädiger Frauen und gnädiger Herren!"

Phönixglanz lachte: „Kein Wunder, dass du das nicht verstehst – hier geht es um vier oder fünf verschiedene Familien auf einmal." Dann wandte sie sich lächelnd an Rotjade: „Braves Kind, wie ordentlich und vollständig du das alles vorgetragen hast! Nicht so gezwungen und mit so einem Mückengesumme wie die anderen. – Du weißt ja nicht, Schwägerin", sagte sie zu Seidenweiß Pflaume, „dass ich außer meinen engsten Leuten richtiggehend Angst habe, mit den Mädchen und Frauen zu reden. Jeden Satz ziehen sie so in die Länge, dass er in zwei, drei Bruchstücke zerfällt. Sie suchen nach Worten, setzen ein affektiertes Gesicht auf, drücken und quetschen und summen nur so vor sich hin – und ich könnte vor Ungeduld platzen, ohne dass sie es merken! Anfangs war unsere Friedchen genauso. Da habe ich sie gefragt: 'Glaubst du vielleicht, es wirkt besonders schön, wenn du summst wie eine Mücke?' Erst nachdem ich ihr das ein paarmal gesagt hatte, wurde sie etwas besser."

Seidenweiß Pflaume lachte: „Du bist erst zufrieden, wenn alle so sind wie du selbst, du heruntergekommener Tunichtgut!"

Phönixglanz fuhr fort: „Dieses Mädchen hier ist gut. Die beiden Male vorhin – was sie zu sagen hatte, war nicht viel, aber es klang knapp und klar." Dann wandte sie sich lächelnd an Rotjade: „Komm morgen zu mir und diene bei mir! Ich nehme dich als Tochter an. Wenn ich mich um deine Erziehung kümmere, wird etwas Rechtes aus dir."

Rotjade platzte heraus und lachte. Phönixglanz fragte: „Warum lachst du? Meinst du, ich bin zu jung, um deine Mutter zu sein? Bilde dir nur ja nichts ein! Erkundige dich mal – es gibt genug Leute, die viel älter sind als du und froh wären, wenn ich sie als Patenkinder annähme, aber ich lehne ab. Heute habe ich dir eine Ehre erwiesen!"

Rotjade sagte lächelnd: „Ich habe nicht deswegen gelacht. Ich lachte, weil Ihr die Generationen durcheinanderbringt, gnädige Frau. Meine Mutter ist doch schon Eure Patentochter, und nun wollt Ihr auch mich als Tochter annehmen!"

Phönixglanz fragte: „Wer ist denn deine Mutter?"

Seidenweiß Pflaume lachte: „Du kennst sie tatsächlich nicht? Sie ist die Tochter von Lin Zhixiao [林之孝]."

Phönixglanz war höchst erstaunt: „Ach was! Seine Tochter also!" Dann lachte sie: „Aus Lin Zhixiao und seiner Frau würde man keinen Ton herausbekommen, selbst wenn man sie mit einer Ahle stäche. Ich sage immer, die beiden sind ein ebenbürtiges Paar – tauber Himmel und stumme Erde. Wer hätte gedacht, dass sie so eine aufgeweckte Tochter haben! Wie alt bist du?"

Rotjade antwortete: „Siebzehn."

Nach ihrem Namen gefragt, erklärte sie: „Eigentlich heiße ich Rotjade[16], aber weil mein Name den des zweiten jungen Herrn Schatzjade berührt, werde ich jetzt nur noch Kleine Rote genannt."

Phönixglanz runzelte die Brauen, wandte sich ab und sagte: „Das ist ja nicht auszuhalten! Als ob einem der Bestandteil 'Jade' irgendwelche Vorteile brächte! Jeder hier heißt Jade."

Dann fuhr sie fort: „Also abgemacht, du kommst zu mir! Dabei hatte ich noch zu deiner Mutter gesagt: 'Frau Lai Da hat zuviel zu tun und weiß nicht einmal, wer hier wer ist – such du mir ein paar gute Mädchen aus, die ich bei mir anstellen kann.' Genau so hat sie es mir versprochen, und dann schickt sie ihre eigene Tochter anderswohin. Als ob es bei mir nicht gut wäre!"

Seidenweiß Pflaume lachte: „Da bist du wieder einmal zu misstrauisch. Das Mädchen war doch schon hier angestellt, ehe du das gesagt hast. Also kannst du ihrer Mutter keinen Vorwurf machen."

Phönixglanz sagte: „Dann werde ich morgen mit Schatzjade sprechen und ihn bitten, sich jemand anderen geben zu lassen. Dieses Mädchen kommt zu mir. Nur weiß ich nicht, ob sie selbst es möchte."

Rotjade lächelte: „Wer von uns wagt schon zu sagen, ob sie möchte oder nicht? Aber wenn man bei Euch dient, gnädige Frau, kann man lernen, worauf es ankommt – nach oben und unten, nach innen und außen, im Großen wie im Kleinen, überall sammelt man Erfahrung."

Gerade als sie das sagte, kam ein Mädchen der Dame König[17], um Phönixglanz zu sich bitten zu lassen. Phönixglanz verabschiedete sich also von Seidenweiß Pflaume und ging. Rotjade kehrte in den Hof der Roten Freude zurück. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Kajaljade nun war nach der schlaflos verbrachten Nacht am nächsten Morgen spät aufgestanden. Als sie hörte, dass alle Schwestern im Garten versammelt waren, um die Blütengöttin zu verabschieden, wusch und kämmte sie sich rasch, um nicht als faul und stumpfsinnig zu gelten, und ging hinaus. Gerade war sie in den Hof getreten, als Schatzjade zum Tor hereinkam und lächelnd fragte: „Liebste Schwester, hast du mich gestern nun verraten oder nicht? Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht."

Kajaljade aber wandte sich um und rief Purpurkuckuck zu: „Räum die Zimmer auf, lass ein Gazefenster herunter! Wenn die großen Schwalben zurückkommen, lass den Vorhang herab und beschwer ihn mit dem Steinlöwen! Und wenn du geräuchert hast, tu den Deckel auf den Räucherofen!" Während sie noch sprach, ging sie schon zum Tor hinaus.

Schatzjade glaubte, es ginge immer noch um den Vorfall vom gestrigen Mittag, denn von der Szene am Abend wusste er ja nichts. So verbeugte er sich mit zusammengelegten Händen vor ihr, doch Kajaljade würdigte ihn keines Blickes, trat hinaus und ging, die anderen Schwestern zu suchen. Schatzjade blieb ratlos zurück und grübelte: „Dem Anschein nach geht es nicht um die Sache von gestern Mittag. Aber danach bin ich spät zurückgekommen und habe sie nicht mehr gesehen – ich kann sie also unmöglich gekränkt haben." Während er darüber nachdachte, trugen ihn seine Füße unwillkürlich hinter ihr her.

Da erblickte er Schatzspange und Erkundefrühling Kaufmann[18], die dort drüben den Mandschurenkranichen zusahen. Kajaljade trat zu ihnen, und alle drei standen beisammen und plauderten. Als Schatzjade näher kam, begrüßte ihn Erkundefrühling Kaufmann lächelnd: „Wie geht es dir, Bruder Schatzjade? Volle drei Tage habe ich dich nicht gesehen!"

Schatzjade erwiderte lächelnd: „Wie geht es dir, Schwester? Neulich habe ich mich bei der Schwägerin nach dir erkundigt."

Erkundefrühling Kaufmann bat: „Komm bitte hierher, ich muss mit dir sprechen."

Schatzjade folgte ihr zu einem Granatapfelbaum. Dort fragte sie: „Hat Vater dich in letzter Zeit rufen lassen?"

Schatzjade antwortete lächelnd: „Nein."

Erkundefrühling Kaufmann sagte: „Mir war gestern so, als hätte ich gehört, Vater habe dich zu sich bestellt."

Schatzjade lachte: „Da muss sich jemand verhört haben. Er hat mich wirklich nicht rufen lassen."

Erkundefrühling Kaufmann fuhr fort: „In den letzten Monaten habe ich wieder gut zehn Schnüre Kupfermünzen zusammengespart. Nimm sie an dich, und wenn du demnächst einmal ausreitest, bring mir schöne Kalligraphien und Bilder mit, oder ein paar hübsche Kleinigkeiten."

Schatzjade erwiderte: „Ich war in den großen Tempeln und kleinen Klöstern innerhalb und außerhalb der Stadtmauern, habe aber nirgends etwas Neues und Feines entdeckt. Überall gibt es nur Gold und Jade, Bronze und Porzellan, Antiquitäten, die man nirgends hinstellen kann, und sonst Seide, Esswaren und Kleider."

Erkundefrühling Kaufmann sagte: „Wer möchte denn so etwas? Ich meine Sachen wie die, die du letztens gekauft hast – kleine Körbchen aus geflochtenen Weidenruten, Weihrauchdöschen aus ganzen Bambuswurzeln geschnitzt, Kochöfchen aus Ton geformt – das ist das Richtige! Wie sehr ich mich darüber gefreut habe! Aber dann fanden alle anderen auch Gefallen daran und haben alles weggeschnappt, als wären es Kostbarkeiten."

Schatzjade lachte: „Ach, so etwas willst du haben! Das kostet doch fast nichts. Gib den Burschen fünfhundert Münzen, und sie bringen dir einen ganzen Wagen voll."

Erkundefrühling Kaufmann widersprach: „Was verstehen die Burschen schon davon? Du musst die Sachen selbst aussuchen – schlicht, aber nicht vulgär, ungekünstelt, aber nicht plump. Davon bring mir nur recht viel mit! Dafür mache ich dir wieder ein Paar Schuhe wie letztes Mal, nur dass ich mir diesmal noch mehr Mühe geben werde. Was meinst du?"

Schatzjade lachte: „Da du gerade die Schuhe erwähnst, fällt mir etwas ein. Als ich sie neulich trug, begegnete ich ausgerechnet dem Vater, und sie gefielen ihm gar nicht. Er fragte, wer sie gemacht habe. Wie hätte ich es wagen können, den Namen ‚dritte Schwester' auszusprechen? Also sagte ich, ich hätte sie zum Geburtstag von der Tante bekommen. Da konnte er schlecht etwas sagen, aber nach langem Schweigen meinte er doch: ‚Was für eine Verschwendung von Arbeitskraft! Guten Seidenstoff zu verderben für solche Dinge!' Als ich zurückkam und Dufthauch davon erzählte, sagte sie: ‚Das ist noch gar nichts! Tante Zhao[19] hat sich schrecklich darüber aufgeregt: Ihr leiblicher Bruder geht in schlabbernden Schuhen und Strümpfen, und das sieht sie nicht, aber für den da näht sie solche feinen Schuhe!'"

Sofort verdüsterte sich Erkundefrühling Kaufmanns Miene. „Was für ein unsinniges Gerede!" sagte sie. „Bin ich etwa zum Schuhnähen verpflichtet? Hat Unheil Kaufmann[20] etwa keine Zulagen? Hat er etwa keine Leute? Hat er nicht ebenso seine Kleider, Schuhe und Strümpfe? Sein ganzes Zimmer wimmelt von Mägden und Frauen – wie kann sie sich so beklagen! Und vor wem hat sie das gesagt! Ich nähe nur dann mal ein Paar Schuhe, wenn ich Muße habe und gerade nichts anderes zu tun ist. Wem ich sie schenke, entscheide ich ganz allein. Ich möchte den sehen, der mir da Vorschriften zu machen wagt! Sie regt sich völlig grundlos auf."

Schatzjade nickte lächelnd: „Du weißt wohl nicht, dass sie dabei ihre eigenen Gedanken hat."

Jetzt ärgerte sich Erkundefrühling Kaufmann erst recht. Sie wandte sich ab und sagte: „Du bist mir ein schöner Wirrkopf! Natürlich hat sie ihre eigenen Gedanken, aber die entsprechen ihrer niedrigen, kleinlichen Gesinnung. Soll sie nur immer so denken! Für mich zählen einzig und allein Vater und die gnädige Frau, und sonst niemand! Unter den Geschwistern aber bin ich nett zu jedem, der nett zu mir ist – was „Erstfrau" und „Nebenfrau" bedeuten soll, davon weiß ich nichts. Eigentlich dürfte ich so nicht über sie sprechen, aber sie ist einfach unfassbar töricht!

Und da gibt es noch eine lächerliche Geschichte. Als ich dir letztens das Geld gab, damit du für mich einkaufst – zwei Tage später traf ich sie, und da jammerte sie, wie schwer sie es ohne Geld habe. Ich sagte nichts dazu. Aber als dann meine Mädchen draußen waren, beklagte sie sich, ich hätte mein Erspartes dir statt Unheil Kaufmann ausgeben lassen. Als ich das hörte, wusste ich nicht, ob ich lachen oder wütend sein sollte. Also ging ich gleich zur gnädigen Frau hinüber und ..."

Noch ehe sie ausgesprochen hatte, rief Schatzspange von drüben herüber und lachte: „Seid ihr endlich fertig? Dann kommt her! Man sieht, dass ihr Bruder und Schwester seid – ihr lasst die anderen einfach stehen und tauscht Geheimnisse aus. Wir dürfen wohl nicht einmal einen einzigen Satz davon hören!"

Darauf kamen Erkundefrühling Kaufmann und Schatzjade lachend herüber.

Als Schatzjade bemerkte, dass Kajaljade verschwunden war, wusste er, dass sie ihm aus dem Weg gegangen sein musste. Er überlegte kurz und entschied, es sei am besten, ein paar Tage zu warten, bis ihr Zorn verraucht war, ehe er sie wieder aufsuchte. Als er den Blick senkte, sah er, dass der Boden dicht mit Balsaminenblüten, Granatapfelblüten und allerlei anderen herabgefallenen Blüten bedeckt war, und seufzte: „In ihrer Betrübnis hat sie nicht einmal die Blüten aufgesammelt. Ich werde sie hinaustragen, und morgen frage ich sie danach."

Gerade rief Schatzspange ihn und Erkundefrühling Kaufmann auf, den Garten zu verlassen. Schatzjade sagte: „Ich komme gleich nach." Und als die beiden fort waren, raffte er die Blüten zusammen, überquerte Hügel und Bäche, drang zwischen Bäumen und Blumenstauden hindurch und steuerte geradewegs jene Stelle an, wo er einst mit Kajaljade zusammen die Pfirsichblüten begraben hatte. Schon war er fast am Blütengrab angelangt und musste nur noch um einen Felsvorsprung biegen, da hörte er von der anderen Seite ein Schluchzen, das bald verstummte und bald von neuem aufstieg, durchsetzt von klagenden Worten – ein herzzerreißendes Weinen.

Schatzjade dachte: „Welches Mädchen mag das sein, das von jemandem gekränkt wurde und sich hierher zum Weinen zurückgezogen hat?" Er blieb stehen und lauschte. Da vernahm er, wie jene Stimme unter Tränen sprach:

Blüten welken, Blüten wirbeln zahllos durch die Luft – Rot verbleicht, Duft erlischt, doch niemand trauert ihnen nach. Weiche Sommerfäden legen sich ums Gartenhaus, leichte Weidenflocken sinken auf den Bettvorhang.

Einsam trauert dort ein Mädchen dem vergehenden Frühling nach, doch ihr Herz voll Kummer findet nirgends ein Gehör. Die Blumenhacke in den Händen, tritt sie aus ihrem Haus, den Teppich welker Blüten zu betreten scheut ihr Fuß.

Weiden und Ulmen stehen üppig in ihrem grünen Kleid, die Leiden von Pfirsich und Pflaume kümmern sie nicht. Pfirsich und Pflaume erblühen wohl aufs Neue im nächsten Jahr, doch wer wird dann noch hier sein in dem stillen Haus?

Im dritten Monat war das duftende Nest aus Blüten schon vollendet, herzlos sind die Schwalben droben im Gebälk! Im nächsten Frühling finden sie zwar neue Blüten zum Bau, doch fort sind die Menschen, leer das Haus, zerfallen das Nest.

Dreihundertsechzig Tage zählt das Jahr, und Wind wie Messer, Frost wie Schwerter drängen unerbittlich. Wie lange nur kann frische Pracht und helle Schönheit dauern? Ein einziger Morgen des Verwehens, und sie sind unwiederbringlich fort.

Die Blüte, leicht zu sehen, ist im Fallen schwer zu finden, bekümmert steht das Mädchen trauernd an der Treppenstufe. Als es verstohlen sich die Augen trockenwischt, sieht es: Blut befleckt die Tränenspur auf den Blütenzweigen.

Der Kuckuck schweigt, die Abenddämmerung bricht herein, das Mädchen schultert seine Hacke, geht heim und schließt die Tür. Im bleichen Lampenschein an der Wand sucht es den ersten Schlaf, der kalte Regen klopft ans Fenster, doch die Decke wärmt nicht.

Du fragst, was mich so sehr betrübt, was meine Seele quält? Teils dauert mich der Frühling, und teils bin ich ihm gram. Bedauern kommt so plötzlich, Zorn vergeht so schnell, schweigend überkommt es mich, und schweigend schwindet es.

Gestern Nacht erklang im Hof ein qualvolles Klagelied – war es der Vögel Seele? War es der Blüten Geist? Doch Blütengeist und Vogelseele halten sich nicht auf, den Vögeln fehlt die Sprache, und die Blüten – sie sind scheu.

O hätt ich unter meinen Armen ein kräftiges Flügelpaar, den Blüten wollt ich folgen bis ans Ende aller Welt! Ans Ende aller Welt – wo gibt es dort ein duftiges Grab?

Besser, man hüllt in seidene Tücher die lieblichen Gebeine und deckt mit reiner Erde zu die welke, einstige Pracht. Sauber, wie einst sie kamen, kehren sie sauber heim und werden nicht besudelt mit dem Schlamm der Rinnsteingruben.

Euch, meine toten Blüten, bette ich heute ins Grab – doch wann wird man mich selber betten? Wer weiß es schon! Dass ich die Blüten begrabe, nennen die Leute Torheit – doch wer wird mich begraben, wenn ich dereinst gestorben bin?

Seht hin: Wenn der Frühling vergeht und die Blüten fallen, ist auch für rote Mädchenwangen die Schicksalsstunde nah. Unversehens vergehen die Tage des Frühlings, verblüht die Jugend – die Blüten welken, und ich sterbe, und keiner weiß davon!

Als Schatzjade dies vernahm, stürzte er, von törichtem Schmerz überwältigt, zu Boden.

Wer erfahren will, was weiter geschah, der lese das nächste Kapitel.

  1. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade Wald". Kajal (黛 dài) bezeichnet das schwarze Augenbrauenpuder.
  2. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatzspange Schnee". Eine 钗 chāi ist eine kostbare Haarnadel.
  3. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann".
  4. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — „den Menschen einhüllend (wie Duft)".
  5. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck".
  6. Chin. 雪雁 Xuěyàn, wörtl. „Schneegans" — „Schneegans".
  7. Chin. 贾迎春 Jiǎ Yíngchūn, wörtl. „Willkommensfrühling Kaufmann".
  8. Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Erkundefrühling Kaufmann".
  9. Chin. 贾惜春 Jiǎ Xīchūn, wörtl. „Kostbarfrühling Kaufmann".
  10. Chin. 李纨 Lǐ Wán, die verwitwete Schwiegertochter, auch „Frau Li" oder „Seidenweiß Pflaume".
  11. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönixglanz König".
  12. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftkastanie" — ein zartes, duftiges Wassergewächs.
  13. Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen".
  14. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heitermuster" — „klares Wolkenmuster bei heiterem Himmel".
  15. Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".
  16. Chin. 红玉 Hóngyù, wörtl. „Rotjade". Wegen des Tabuzeichens 玉 yù (Jade) im Namen Schatzjades wird sie meist 红儿 Hóng’ér, „Kleine Rote", genannt.
  17. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Dame König", Schatzjades Mutter.
  18. Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Erkundefrühling Kaufmann".
  19. Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng, „Tante Zhao", die Nebenfrau Aufrecht Kaufmanns.
  20. Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann", Halbbruder Schatzjades von einer Nebenfrau.