Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 56"
(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 56 mit Navigation und Fussnoten) |
(DE4 Korrektur-Update Kap. 56) |
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| − | < | + | Erkundefrühling<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „die den Frühling Erforschende" — dritte Tochter Aufrecht Kaufmanns, Nebenfrau Zhaos leibliches Kind, klug und entschlossen.</ref> ersinnt weise Reformen und setzt Verwalterinnen für den Garten ein. Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange aus dem Hause Schnee" — Tante Schnees Tochter, gebildet, besonnen und gesellschaftlich gewandt.</ref> hält eine kluge Rede und gewinnt die Herzen der alten Dienerinnen. |
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| − | < | + | Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedenskind" — Phönixglanz' treue Kammerzofe und Kette Kaufmanns Nebenfrau.</ref> hatte Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix" — die temperamentvolle Haushaltsverwalterin des Prunkwille-Anwesens.</ref> beim Essen Gesellschaft geleistet und ihr beim Mundspülen und Händewaschen geholfen, dann machte sie sich auf den Weg zu Erkundefrühling. Im Hof war es still; nur die Zofen und alten Frauen des inneren Haushalts warteten draußen vor den Fenstern. |
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| − | + | Friedchen trat in die Halle ein. Die drei Damen berieten gerade über Haushaltsangelegenheiten und sprachen eben von dem Fest, das die Familie Lai<ref>Chin. 赖大 Lài Dà — der Oberverwalter des Prunkwille-Anwesens. Sein Sohn Lai Shangrong hatte kürzlich ein Gartenfest gegeben.</ref> gegen Jahresende gegeben hatte, und von den Dingen, die ihnen in deren Garten aufgefallen waren. Als Friedchen kam, wies ihr Erkundefrühling einen Platz auf dem Fußschemel an und sagte: „Was ich vorhabe, hat keinen besonderen Anlass. Mir ist aufgefallen, dass wir jeden Monat zwei Liang<ref>Liang (两) — eine traditionelle chinesische Gewichtseinheit, ca. 37 g. Ein Liang Silber entsprach einer beträchtlichen Summe.</ref> Silber erhalten und die Zofen darüber hinaus auch noch ein eigenes Monatsgeld bekommen. Neulich hat nun jemand beantragt, dass uns für den monatlichen Bedarf an Haaröl, Schminke und Puder pro Person noch einmal zwei Liang ausgezahlt werden. Das ist genau dasselbe wie vorhin mit den acht Liang für die Schule — alles wird doppelt berechnet. Das sind zwar nur Kleinigkeiten und die Beträge sind gering, aber angemessen erscheint es mir nicht. Warum ist das deiner Herrin nicht aufgefallen?“ | |
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| − | Friedchen | + | Friedchen erwiderte lächelnd: „Die Sache hat ihren Grund. Für die Bedürfnisse der Fräulein müssen selbstverständlich Mittel bereitstehen. Jeden Monat kaufen die Einkäufer die Sachen ein und lassen sie durch die Dienerinnen auf die einzelnen Häuser verteilen, wo wir sie in Verwahrung nehmen, damit die Fräulein sie gebrauchen können. Es gibt doch keinen Grund, warum jede von uns täglich selbst Geld nehmen und jemanden suchen sollte, der mal Haaröl und dann wieder Schminke und Puder kaufen geht. Darum kaufen die Einkäufer draußen alles zusammen ein und lassen es monatsweise an uns verteilen. |
| − | + | Die zwei Liang Silber, die die Fräulein monatlich bekommen, sind nicht dafür bestimmt, solche Dinge zu kaufen. Sie sind eigentlich dafür gedacht, dass die Fräulein nicht erst jemanden losschicken müssen, wenn sie plötzlich etwas Geld brauchen, während die Haushaltsführerin oder die gnädige Frau vielleicht nicht da oder nicht frei sind. Es soll den Fräulein peinliche Situationen ersparen. Also hat die Zahlung dieser Gelder nichts damit zu tun, dass dafür solche Sachen gekauft werden sollen. | |
| − | + | Bei nüchterner Betrachtung habe ich jedoch bemerkt, dass die Zofen in den einzelnen Häusern tatsächlich zur Hälfte ihre eigenen Sachen für Geld kaufen lassen. Darum vermute ich, dass uns die Einkäufer entweder an der Nase herumführen und die Sachen deshalb immer ein paar Tage zu spät bringen, oder aber sie kaufen keine einwandfreie Ware und bringen uns nur zum Schein irgendwelchen Schund, der nicht zu verwenden ist.“ | |
| − | + | Erkundefrühling und Frau Li sagten lächelnd: „Also hast auch du die Augen offengehalten und es bemerkt! An der Nase herumführen würden sie uns nicht, das würden sie nicht wagen. Aber sie schieben alles auf die lange Bank, und wenn man sie mahnt, es sei dringend, dann besorgen sie die Sachen wer weiß woher — nur dem Namen nach, gebrauchen kann man das Zeug nicht. Also muss man die Sachen doch gegen Barzahlung kaufen lassen, von diesen zwei Liang Silber dafür nehmen und jemandes Amme oder den Sohn eines Verwandten beauftragen, sie zu kaufen — dann erst sind sie zu verwenden. Beauftragt man nämlich jemand von der Verwaltung damit, sind die Sachen auch wieder von derselben schlechten Sorte. Wer weiß, wie sie das machen! Es müssen wohl alles Dinge sein, die schon im Laden verdorben und unbrauchbar geworden sind — das schleppen sie an und halten es eigens für uns bereit.“ | |
| − | + | Friedchen erwiderte lächelnd: „Wenn das, was die Einkäufer bringen, von der schlechten Sorte ist, und nun bringt jemand aus der Verwaltung etwas Gutes, dann finden sich die Einkäufer natürlich nicht ohne weiteres damit ab. Sie sagen, der habe böse Absichten und wolle ihnen den Posten wegschnappen. Darum bleibt denen aus der Verwaltung gar keine Wahl: Lieber vergehen sie sich gegen Euch hier drinnen als gegen die Verantwortlichen draußen. Ihr könnt also niemand anders beauftragen als die Ammen — dann wagt keiner, seine Unzufriedenheit zu äußern.“ | |
| − | + | Erkundefrühling sagte: „Es beunruhigt mich, dass das Geld doppelt ausgegeben und die Hälfte der Sachen weggeworfen wird. Wenn man das zusammenrechnet, ist es ein zweifacher Verlust. Darum ist es am besten, die monatlichen Zahlungen an die Einkäufer ganz einzustellen. Das ist das erste. Und nun zum zweiten! Als wir gegen Jahresende im Hause von Lai Da gewesen sind, warst du doch auch mit. Wie fandest du seinen kleinen Garten im Vergleich zu unserem?“ | |
| − | Friedchen | + | Friedchen antwortete lächelnd: „Er war nicht einmal halb so groß wie unserer, und Bäume und Blumen wuchsen dort auch viel weniger als bei uns.“ |
| − | + | Erkundefrühling fuhr fort: „Ich habe mich mit einer Tochter des Hauses darüber unterhalten. Zu meinem Erstaunen liefert ihnen dieser Garten nicht nur Blumen zum Schmuck sowie Bambussprossen, Gemüse, Fische und Krebse zum Essen — sie überlassen ihn vielmehr jemand zur Bewirtschaftung und erzielen zum Jahresende einen Überschuss von vollen zweihundert Liang Silber. Seitdem erst weiß ich, dass auch ein zerrissenes Lotosblatt und ein trockener Grashalm noch ihren Wert haben.“ | |
| − | + | Schatzspange lachte: „Wahrhaftig das Gerede verwöhnter Seidenröckchen, die nur vom Feinsten essen und sich in Brokat kleiden! Auch wenn Ihr als Töchter aus reichem Hause eigentlich nichts von diesen Dingen wisst — Ihr habt doch alle Bücher gelesen und könnt schreiben. Habt Ihr dabei nicht den Aufsatz ›Man wirft sich nicht weg‹ von Meister Zhu gelesen?“ | |
| − | + | Erkundefrühling sagte lächelnd: „Gelesen habe ich ihn schon, aber das sind doch nur Ermutigungen zur Selbststärkung, schöne Worte und leere Vergleiche. Wo gäbe es das in der Wirklichkeit?“ | |
| − | Schatzspange | + | Schatzspange erwiderte: „Schöne Worte und leere Vergleiche bei Meister Zhu? Da ist jeder Satz Wirklichkeit! Kaum führst du ein paar Tage den Haushalt, schon vernebelt dir die Gewinnsucht das Herz, und du hältst Meister Zhus Worte für leeres Gerede. Wenn du erst einmal hinausgehst und die großen Dinge kennenlernst, bei denen es um wirklichen Gewinn und wirklichen Verlust geht, wirst du wohl sogar Konfuzius für einen Schwätzer halten!“ |
| − | + | Erkundefrühling gab lächelnd zurück: „Und du als so gebildete Person hast wohl die Werke der Meister nicht gelesen? Bei Meister Ji heißt es: ›Wer zu den Stätten von Reichtum und Ruhm aufsteigt und im Bereich von Planung und Leitung verharrt, der stiehlt seine Worte bei Yao und Shun, von der Lehre des Konfuzius und des Meister Meng aber kehrt er sich ab.‹“ | |
| − | Schatzspange | + | Schatzspange fragte lächelnd: „Und wie geht der nächste Satz?“ |
| − | + | Erkundefrühling lachte: „Ich greife nur den einen heraus, um den es mir hier geht. Soll ich mit dem nächsten Satz vielleicht mich selbst beschimpfen?“ | |
| − | Schatzspange | + | Schatzspange sagte: „Es gibt nichts auf der Welt, wofür es keine Verwendung gäbe; und was man verwenden kann, das ist Geldes wert. Wie schade, dass ein so kluger Mensch wie du diese wahren und bedeutsamen Tatsachen noch nicht erfahren hat! Es ist wirklich bedauerlich, dass du erst so spät darauf kommst.“ |
| − | + | Frau Li warf lächelnd ein: „Erst bestellt Ihr Euch jemand her, und dann breitet Ihr Eure Gelehrsamkeit voreinander aus, anstatt vom Eigentlichen zu reden!“ | |
| − | + | Schatzspange belehrte sie: „Gerade in dieser Gelehrsamkeit liegt das Eigentliche. Wenn wir diese Kleinigkeiten mit Hilfe unserer Kenntnisse anpacken, heben wir sie auf eine höhere Stufe. Tun wir das aber nicht, dann werden sie zum profanen Marktklatsch.“ | |
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| − | Schatzspange belehrte sie: „Gerade in dieser Gelehrsamkeit liegt das Eigentliche. Wenn wir diese Kleinigkeiten mit Hilfe unserer Kenntnisse anpacken, heben wir sie auf eine | ||
So neckten die drei einander mit Worten, und als sie eine Zeitlang gescherzt und geplaudert hatten, sprachen sie wieder vom Wesentlichen. | So neckten die drei einander mit Worten, und als sie eine Zeitlang gescherzt und geplaudert hatten, sprachen sie wieder vom Wesentlichen. | ||
| − | + | Erkundefrühling nahm den Faden wieder auf: „Unser Garten ist nur doppelt so groß wie der dort. Rechnen wir also das Doppelte, dann macht das einen Gewinn von vierhundert Liang Silber im Jahr. Wenn wir ebenfalls die Produkte verkaufen wollten, um Silber zu erlösen, wäre das natürlich sehr kleinlich und nicht das Richtige für eine Familie wie die unsere. Aber wenn wir nicht ein paar Verantwortliche dafür bestimmen, wird so vieles, was Geldeswert hat, einfach der Willkür der Leute überlassen, und das ist wohl auch ›Vernichtung von himmlischen Gaben‹. | |
| − | Darum ist es am besten, unter all den alten | + | Darum ist es am besten, unter all den alten Müttern im Garten einige auszusuchen, die einen erprobten Charakter haben und sich im Gartenbau auskennen, und sie einzusetzen, um alles in Ordnung zu halten und zu pflegen. Wir müssen ja nicht von ihnen verlangen, dass sie Pacht oder Abgaben zahlen — wir können es ihnen überlassen, was sie uns von den Produkten im Laufe des Jahres darbringen. Auf diese Weise wäre zum einen jemand fest verantwortlich für die Pflege der Blumen und Bäume, sodass sie von Jahr zu Jahr schöner werden und keine Notwendigkeit besteht, sie im Notfall Hals über Kopf in Ordnung zu bringen. |
| − | Zweitens | + | Zweitens würde nichts verdorben oder sinnlos zerstört. Drittens würden die alten Mütter dadurch einen kleinen Ausgleich für die viele Mühe erhalten, die sie Jahr für Jahr im Garten haben. Und viertens könnten wir auch die Arbeitslöhne für Blumengärtner, Gartengestalter und Reiniger einsparen und die Überschüsse benutzen, um anderswo Fehlendes zu ersetzen. Nichts spricht dagegen.“ |
| − | Schatzspange, die eben aufgestanden war, um die Kalligraphien und Bilder an den | + | Schatzspange, die eben aufgestanden war, um die Kalligraphien und Bilder an den Wänden zu betrachten, nickte bei jeder dieser Überlegungen, und als Erkundefrühling fertig war, sagte sie lächelnd: „Bestens! Drei Jahre, und es wird keine Hungersnot mehr geben!“ |
| − | Frau Li | + | Frau Li bestätigte ebenfalls lächelnd: „Das ist ein guter Gedanke! Wenn das tatsächlich verwirklicht wird, wird sich die gnädige Frau bestimmt freuen. Dass Geld gespart wird, ist noch das wenigste. In erster Linie geht es darum, dass für Sauberkeit gesorgt wird, dass jeder seine feste Verantwortung hat und dass den Leuten außerdem erlaubt wird, durch den Verkauf der Produkte Geld zu verdienen. Befehligt man die Menschen mittels Autorität und bewegt man sie mittels Gewinn, so wird es niemanden mehr geben, der nicht seine Pflicht erfüllt.“ |
| − | Friedchen sagte: „Vorbringen | + | Friedchen sagte: „Vorbringen müsst Ihr das aber, Fräulein! Unsere junge Herrin denkt zwar genauso, aber sie kann es schlecht aussprechen. Die Fräulein wohnen jetzt im Garten. Wenn man, anstatt zusätzliche Anschaffungen zu machen, eine Aufsicht einführt und Ordnung schafft, um Geld zu sparen — das kann unmöglich die junge Herrin vorschlagen.“ |
| − | Schatzspange ging rasch zu Friedchen | + | Schatzspange ging rasch zu Friedchen hinüber, berührte mit der Hand ihre Wange und sagte lächelnd: „Mach mal den Mund auf, ich will sehen, woraus deine Zähne und deine Zunge gemacht sind! Von heute morgen bis jetzt hattest du zu jeder Sache auf deine Weise etwas zu sagen, aber weder schmeichelst du dem dritten Fräulein, noch gibst du zu, dass deine Herrin nicht so begabt ist, an alles zu denken. Was das dritte Fräulein auch vorbrachte, nie hast du einfach ja dazu gesagt. Auf jeden Vorschlag von ihr hattest du eine Antwort parat. Alles, was ihr einfiel, war auch deiner Herrin schon eingefallen, nur gab es stets einen Grund, warum es nicht zu verwirklichen war. |
| − | Jetzt ist es wieder so: Weil die | + | Jetzt ist es wieder so: Weil die Fräulein im Garten wohnen, kann man nicht um des Sparens willen eine Aufsicht einführen. Überlegt Euch das einmal! Wenn man den Leuten wirklich den Garten überlasst, damit sie Gewinn daraus schöpfen, werden sie natürlich nicht erlauben, dass auch nur eine Blume gepflückt oder eine Frucht angerührt wird. Euch gegenüber werden sie das freilich nicht wagen, aber mit den Zofen wird es täglich endlosen Streit geben. So bedenkt Friedchen alles Nah- und Fernliegende sorgsam, widerspricht weder dem dritten Fräulein noch setzt sie ihre Herrin herab. Wenn ihre Herrin das hören könnte, müsste sie sich schämen und zu unserer guten Freundin werden, wenn sie es nicht schon wäre!“ |
| − | + | Erkundefrühling sagte lächelnd: „Heute morgen hatte ich den Bauch voll Wut, und als ich hörte, dass Friedchen kommt, fielen mir sofort ihre Herrin und all die Leute ein, die sie durch ihre Haushaltsführung zur Schamlosigkeit erzogen hat. Ich wurde nur umso wütender, als ich Friedchen sah. Doch sie stand die ganze Zeit da wie eine Maus, die sich vor der Katze versteckt — ein wahres Bild des Jammers. Und dann hat sie diese Worte gesagt. | |
| − | Nicht dass ihre Herrin gut zu mir sei, hat sie betont, sondern von meiner Freundschaft | + | Nicht dass ihre Herrin gut zu mir sei, hat sie betont, sondern von meiner Freundschaft gegenüber ihrer Herrin hat sie gesprochen. Nach diesen Worten war nicht nur meine Wut verraucht — ich schämte mich vielmehr und war auch betrübt. Denn wenn ich es recht bedenke: Ich bin ein Mädchen, das es soweit gebracht hat, dass es von niemandem gemocht und von niemandem beachtet wird — wo sollte ich da Vorzüge besitzen, die mich befähigen, gut mit anderen umzugehen?“ Während sie sprach, liefen ihr unwillkürlich Tränen über das Gesicht. |
| − | Frau Li und die anderen hatten bemerkt, wie ernst es | + | Frau Li und die anderen hatten bemerkt, wie ernst es Erkundefrühling war. Sie dachten auch daran, wie Erkundefrühling ständig von Nebenfrau Zhao herabgesetzt und selbst von Dame König ihretwegen in Schwierigkeiten gebracht wurde. Da brachen auch sie unwillkürlich in Tränen aus, mahnten aber zugleich: „Wir sollten es ausnutzen, dass jetzt Ruhe herrscht, und ein paar Maßnahmen beraten, die Nutzen bringen und Schäden beseitigen können, damit die gnädige Frau sieht, sie hat uns nicht umsonst eingesetzt! Wozu also wieder diese Nebensächlichkeiten aufrühren?“ |
| − | Friedchen fiel rasch ein: „Ich habe alles verstanden. Also sagt nur, wer die geeigneten Leute sind, | + | Friedchen fiel rasch ein: „Ich habe alles verstanden. Also sagt nur, wer die geeigneten Leute sind, Fräulein! Diese werden dann eingesetzt, und damit basta!“ |
| − | + | Erkundefrühling erwiderte: „Das sagst du so leicht! Erst musst du deiner Herrin Bescheid sagen. Schon dass wir hier nach jeder kleinsten Reserve fahnden, ist eigentlich nicht recht. Das kann ich mir nur erlauben, weil deine Herrin ein verständiger Mensch ist. Wäre sie dumm, neidisch und ungerecht, dann hätte ich es nicht getan — es könnte so aussehen, als wollte ich sie ausstechen. Wie ginge es also ohne Absprache mit ihr?“ | |
| − | Friedchen willigte ein: „Dann sage ich ihr Bescheid.“ Schon ging sie los. Als sie nach einiger Zeit wiederkam, | + | Friedchen willigte ein: „Dann sage ich ihr Bescheid.“ Schon ging sie los. Als sie nach einiger Zeit wiederkam, verkündete sie lächelnd: „Ich habe es doch gesagt, dass ich den Weg umsonst machen würde! Wie sollte die junge Herrin einem so guten Plan nicht zustimmen!“ |
| − | Als | + | Als Erkundefrühling dies gehört hatte, befahl sie mit Frau Li zusammen, man solle die Namensliste aller alten Dienerinnen bringen, die zum Garten gehörten. Gemeinsam gingen sie die Namen prüfend durch und legten einige vorläufig fest. Anschließend wurden die Frauen alle zusammen hereingeholt, und Frau Li erklärte ihnen in groben Zügen, worum es ging. |
| − | Keine der Frauen hatte etwas einzuwenden. Die eine sagte: | + | Keine der Frauen hatte etwas einzuwenden. Die eine sagte: „Überlässt mir den Bambushain! In einem Jahr wird er doppelt so dicht sein. Abgesehen von den Bambussprossen, die das Haus zum Essen braucht, kann ich noch einiges an Geld abliefern.“ Eine andere versprach: „Wenn Ihr mir das Reisfeld überlässt, braucht für das Futter sämtlicher Ziervögel kein Geld mehr aus der Kasse genommen zu werden, und ich kann sogar noch Geld abliefern.“ |
| − | Gerade wollte | + | Gerade wollte Erkundefrühling etwas sagen, da wurde gemeldet, der Arzt sei gekommen, um im Garten nach den Fräulein zu sehen. Die alten Dienerinnen mussten also aufbrechen, um ihn abzuholen. |
| − | Friedchen mischte sich rasch ein: „Selbst wenn hundert von euch gehen, ist das kein ordentliches Auftreten. Sind denn nicht ein paar Verantwortliche da, die den Arzt hereinbegleiten | + | Friedchen mischte sich rasch ein: „Selbst wenn hundert von euch gehen, ist das kein ordentliches Auftreten. Sind denn nicht ein paar Verantwortliche da, die den Arzt hereinbegleiten können?“ |
| − | Die Frau, die die Meldung gebracht hatte, sagte: „Ja, Frau Wu und Frau Shan sind da. Sie warten in der | + | Die Frau, die die Meldung gebracht hatte, sagte: „Ja, Frau Wu und Frau Shan sind da. Sie warten in der Südwestecke am Tor des Geschichteten Brokats.“ |
Nun erst gab sich Friedchen zufrieden. | Nun erst gab sich Friedchen zufrieden. | ||
| − | Nachdem die alten Frauen gegangen waren, fragte | + | Nachdem die alten Frauen gegangen waren, fragte Erkundefrühling Schatzspange: „Was meinst du?“ |
| − | Schatzspange antwortete | + | Schatzspange antwortete lächelnd: „Wer am Anfang glücklich ist, wird am Ende träge; wer schöne Worte macht, giert nach Gewinn.“ |
| − | + | Erkundefrühling nickte zustimmend, dann wies sie auf einige Namen in dem Heft und zeigte sie den drei anderen. Friedchen holte eilig Schreibpinsel und Tusche. Die drei sagten: „Diese Mutter Zhu hier wäre zuverlässig, zumal auch ihr Alter und ihr Sohn seit Generationen den Bambus pflegen. Darum sollten wir ihr alle Bambuspflanzungen im Garten überlassen. Und die Mutter Tian hier stammt ursprünglich vom Lande. Die Gemüseäcker und Reisfelder rund um das Reisduftdorf sind zwar nur Spielerei und brauchen nicht grossartig bestellt und gepflügt zu werden, aber wäre es nicht besser, wenn sie sich darum kümmerte und sie den Jahreszeiten gemäß bestellte?“ | |
| − | + | Erkundefrühling bemerkte mit bedauerndem Lächeln: „Schade, dass an zwei so ausgedehnten Orten wie dem Haselwurzpark und dem Hof der Roten Freude nichts wächst, was einen Gewinn abwirft.“ | |
| − | Aber sofort | + | Aber sofort erklärte Frau Li, ebenfalls lächelnd: „Der Haselwurzpark wird sogar besonders einträglich sein! Die Duftstoffe und Duftkräuter, die heutzutage in den Spezereihandlungen und auf den großen Märkten und Tempelmessen gehandelt werden — das sind doch genau diese Pflanzen! Rechnet man das zusammen, ist der Gewinn größer als anderswo. |
| − | Und was den Hof der Freude | + | Und was den Hof der Roten Freude betrifft — ganz abgesehen von anderem: Allein die Zimtrosen bringen im Frühling und Sommer unzählige Blüten hervor! Dazu kommen noch die Wildrosen, die Monatsrosen und all die anderen Sorten am Flechtzaun. Wenn schon diese einfachen Blumen getrocknet und an Tee- und Arzneimittelhandlungen verkauft werden, bringt das allein schon einiges Geld.“ |
| − | + | Erkundefrühling lächelte: „So ist das also! Nur schade, dass wir niemanden haben, der sich auf diese Kräuterpflanzen versteht.“ | |
| − | Friedchen warf eilig und | + | Friedchen warf eilig und lächelnd ein: „Die Mutter von Fräulein Schatzspanges Oriole versteht etwas davon! Einmal hatte sie Blüten gepflückt und getrocknet und mir dann Blütenkörbe und -kürbisse daraus geflochten. Habt Ihr das schon vergessen?“ |
| − | Schatzspange sagte | + | Schatzspange sagte lächelnd: „Eben habe ich dich gelobt, und jetzt kommst du mir so!“ |
Die drei fragten verwundert: „Wie meinst du das?“ | Die drei fragten verwundert: „Wie meinst du das?“ | ||
| − | Schatzspange | + | Schatzspange erklärte: „Orioles Mutter darf auf gar keinen Fall damit betraut werden! Ihr habt hier so viele taugliche Leute, für die es nichts zu tun gibt, und dann soll ich vielleicht noch jemand von uns herschicken? Da würden diese Frauen auch von mir gering denken. Ich weiß jemand anders für euch. Im Hof der Roten Freude gibt es eine alte Mutter Ye — das ist die Mutter von Mingyan, dem Diener Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" — der Protagonist, Aufrecht Kaufmanns Sohn.</ref>s. Sie ist eine ehrliche alte Haut, und sie versteht sich ausgezeichnet mit der Mutter von unserer Oriole. Darum wäre es am besten, diese Aufgabe Mutter Ye zu übertragen. |
| − | Wenn sie etwas nicht | + | Wenn sie etwas nicht weiß, wird sie sich auch ohne unser Zutun an Orioles Mutter um Rat wenden. Und selbst wenn sich Mutter Ye überhaupt nicht darum kümmert und alles Orioles Mutter überlässt, so ist das ihre Privatangelegenheit. Sollten die Leute darüber reden, trifft ihr Groll nicht uns. Wenn Ihr es so macht, handelt Ihr gerecht, und die Sache ist in besten Händen.“ |
| − | „Vortreffllich!“ | + | „Vortreffllich!“ erklärten Frau Li und Friedchen. |
| − | „Ich | + | „Ich fürchte nur, angesichts des Nutzens könnte sie die Pflichten der Freundschaft vergessen“, wandte Erkundefrühling lächelnd ein. |
| − | Friedchen versicherte ebenfalls | + | Friedchen versicherte ebenfalls lächelnd: „Bestimmt nicht! Neulich erst ist Mutter Ye die Ehrenmutter von Oriole geworden, und sie waren zum Essen und Wein eingeladen. Die beiden Familien sind engstens miteinander befreundet.“ |
| − | + | Erkundefrühling gab sich zufrieden. Dann einigten sie sich noch auf mehrere andere Frauen, an denen sie alle vier durch nüchterne Betrachtung schon lange Gefallen gefunden hatten, und setzten mit dem Schreibpinsel Kringel an ihre Namen. | |
| − | Bald darauf kamen die alten Dienerinnen | + | Bald darauf kamen die alten Dienerinnen zurück und meldeten, dass der Arzt gehen wolle, und überreichten das Rezept. Die drei sahen es sich an und gaben Auftrag, den Arzt hinauszugeleiten, die Zutaten für die Arznei zu holen und darauf achtzugeben, dass sie richtig zubereitet und eingenommen würde. |
| − | Dann | + | Dann verkündete Erkundefrühling zusammen mit Frau Li allen Anwesenden genau, wer von nun an für welchen Bereich zuständig sein sollte: „Abzüglich der festgelegten Mengen, die in jeder Jahreszeit für den Haushalt gebraucht werden, könnt ihr den Rest zu eurem eigenen Vorteil verwenden. Zum Jahresende wird Abrechnung gehalten.“ |
| − | + | Erkundefrühling warf lächelnd ein: „Mir ist noch etwas eingefallen. Wenn zum Jahresende abgerechnet wird und ein Gewinn abzuführen ist, wird er natürlich in die Haushaltskasse gezahlt. Auf diese Weise wird dann wieder eine höhere Verwaltung eingeschaltet, in deren Händen die Sache liegt und die ihren Anteil dabei abschöpft. Schon dadurch, dass wir jetzt diese Regelung einführen und euch für diese Dinge einsetzen, handeln wir über die Köpfe der Verwalter hinweg. Die werden wütend darüber sein, auch wenn sie kein Wort dazu sagen. Worauf sollten sie also anders warten als auf eure Gewinnabführung zum Jahresende, um ihr Spiel mit euch zu treiben! | |
| − | + | Außerdem ist es ja so, dass im Laufe des Jahres von allen Dingen, die der Verwaltung unterliegen, die Herrschaften einen ganzen Anteil erhalten und die Verwalter einen halben. Das ist der herkömmliche Brauch des Hauses, und jedermann weiß es — von dem, was sie sonst noch unterschlagen, ganz abgesehen. Aber diese Neuregelung für den Garten ist mein eigenes Werk. Sie soll nicht in die Hände der Verwalter geraten, und was zum Jahresende an Geldern abgeführt wird, muss in unsere eigene Kasse fließen!“ | |
| − | Schatzspange sagte | + | Schatzspange sagte lächelnd: „Meiner Meinung nach brauchen wir auch keine interne Gewinnabführung. Wenn an einer Stelle viel Geld einkommt und an der anderen wenig, macht das nur Umstände. Besser ist es, jede, die eine Zuständigkeit übernimmt, übernimmt auch die Beschaffung eines bestimmten Bedarfsartikels. Es geht ja nur um die Dinge, die von den Gartenbewohnern gebraucht werden. |
| − | Ich habe es einmal | + | Ich habe es einmal für euch überschlagen — es ist nur eine beschränkte Anzahl von Dingen: nämlich Haaröl, Rouge, Puder, Räucherwerk und Papier, und für jedes Fräulein mit seinen Zofen gibt es feste Zuweisungen. Das andere sind Besen, Kehrschaufeln und Flederwische für die einzelnen Gartenhäuser sowie das Futter für Ziergeflügel, Singvögel, Hirsche und Kaninchen. Das ist schon alles. Überlegt einmal, wie viel gespart wird, wenn das die Frauen übernehmen und aus der Haushaltskasse kein Geld mehr dafür in Anspruch genommen werden muss!“ |
| − | Friedchen sagte | + | Friedchen sagte lächelnd: „Diese Posten sind zwar klein, aber für ein ganzes Jahr zusammengerechnet können gut vierhundert Liang Silber gespart werden.“ |
| − | Schatzspange fuhr | + | Schatzspange fuhr lächelnd fort: „So ist es! Vierhundert im Jahr, in zwei Jahren achthundert. Davon kann man ein paar Häuser kaufen, für die man Miete kassiert, und auch einige Morgen Land hinzürwerben. Dann bleibt zwar immer noch ein Überschuss, aber den sollten die Frauen behalten dürfen, wenn sie das ganze Jahr über so hart arbeiten. Das Hauptanliegen ist es zwar, den Nutzen zu erhöhen und die Ausgaben zu verringern, aber man darf auch nicht zu geizig sein. Vielleicht noch einmal zwei- bis dreihundert Liang Silber zu gewinnen, dafür aber das Ansehen der Familie zu verlieren, ist auch nicht der Sinn der Sache. |
| − | Wenn es also auf diese Weise gehandhabt wird und die Haushaltskasse vier- oder | + | Wenn es also auf diese Weise gehandhabt wird und die Haushaltskasse vier- oder fünfhundert Liang Silber pro Jahr weniger zu zahlen hat, bedeutet das den Verwaltern gegenüber noch keinen Geiz, die Frauen im Garten jedoch gewinnen einen kleinen Zuschuss. So wird es diesen alten Müttern ein wenig besser gehen, die sonst keine Einnahmeqülle haben, und auch die Blumen und Bäume im Garten werden von Jahr zu Jahr üppiger wachsen, und auch ihr bekommt, was ihr braucht. Bei alledem aber bleibt die Reputation erhalten. |
| − | Wenn man einzig und allein darauf aus | + | Wenn man einzig und allein darauf aus wäre zu sparen, könnte man freilich überall noch eine Kleinigkeit herauswirtschaften. Aber wenn man jedes bisschen Gewinn für die Haushaltskasse beschlagnahmt, dann wird im inneren wie im äußeren Bereich des Hauses des Murrens kein Ende mehr sein. Und wäre damit für eine Familie wie die Eure die Reputation nicht verscherzt? |
| − | Nun sind aber ein paar Dutzend alte | + | Nun sind aber ein paar Dutzend alte Mütter hier im Garten. Wenn man nur den einen etwas zukommen lässt, werden die übrigen mit Sicherheit murren, das sei ungerecht. Darum war mein Vorschlag wohl ein wenig zu grosszügig: Die Frauen brauchen nur für diese Bedarfsartikel zu sorgen. Darüber hinaus aber sollte jede von ihnen, gleichgültig ob ihr ein Überschuss bleibt oder nicht, auch noch eine bestimmte Anzahl von Münzschnüren pro Jahr abliefern, die alle in einen Topf kommen und an die übrigen Frauen im Garten verteilt werden. |
| − | Diese bewirtschaften zwar nichts, aber sie sind doch Tag und Nacht hier im Einsatz: Sie halten Wache, machen | + | Diese bewirtschaften zwar nichts, aber sie sind doch Tag und Nacht hier im Einsatz: Sie halten Wache, machen Botengänge, öffnen und schließen Türen und Tore, stehen früh auf und gehen spät schlafen. Im stärksten Regen und im tiefsten Schnee tragen sie die Fräulein in Sänften, staken sie in Booten, ziehen sie in Eisschlitten. Für alle groben Arbeiten werden sie eingesetzt. Das ganze Jahr über mühen sie sich hier im Garten bis zum letzten — darum gehört es einfach dazu, dass auch sie etwas abbekommen, wenn hier im Garten ein Gewinn erzielt wird. |
| − | Und noch ein Wort will ich Euch offen sagen, ganz ohne Umschweife: Wenn Ihr Euch nur um Euren eigenen Wohlstand | + | Und noch ein Wort will ich Euch offen sagen, ganz ohne Umschweife: Wenn Ihr Euch nur um Euren eigenen Wohlstand kümmert und ihnen nicht auch eine Kleinigkeit abgebt, werden sie es zwar nicht wagen, offen zu grollen, innerlich aber werden sie unzufrieden sein. Unter dem Vorwand pflichtgemässer Arbeit werden sie nur auf das eigene Wohl bedacht sein. Dann pflücken sie auf Eure Kosten mehr Obst und mehr Blumen, und ihr könnt euch nirgends darüber beklagen. Wenn Ihr sie aber ein wenig am Gewinn beteiligt, werden sie für Euch auch auf Dinge achten, die Euch selbst entgehen.“ |
| − | Als die alten Dienerinnen diese | + | Als die alten Dienerinnen diese Erläuterungen hörten und so erfuhren, dass sie sowohl der Beaufsichtigung durch die Buchhaltung entgehen als auch von der Abrechnung mit Phönixglanz befreit sein würden und lediglich einmal im Jahr ein paar Münzschnüre abzuführen hätten, war jede von ihnen außerordentlich froh, und sie erklärten einstimmig: „Wir sind einverstanden! Das ist besser, als uns draußen von denen piesacken zu lassen und ihnen dann noch Geld geben zu müssen.“ |
| − | Und diejenigen, die keine Verantwortung | + | Und diejenigen, die keine Verantwortung übernehmen sollten, freuten sich ebenfalls, als sie hörten, sie würden an jedem Jahresende einen Geldanteil empfangen: „Die anderen haben die Mühe, alles in Ordnung zu halten, da müssen sie schon ein wenig als Zuschuss bekommen“, sagten sie. „Aber wir können doch nicht gut einen vollen Gewinn einstreichen, ohne einen Handschlag zu tun.“ |
| − | Schatzspange sagte | + | Schatzspange sagte lächelnd: „Schlagt es nicht ab, Mütterchen! Das muss schon sein. Wenn ihr euch nur bei Tag und bei Nacht ein wenig mehr anstrengt, euch nicht vor der Arbeit drückt und auch nicht zulässt, dass andere Wein trinken und Glücksspiele spielen, dann ist schon alles in Ordnung. |
| − | Gewiss, ich | + | Gewiss, ich hätte mich eigentlich um diese Dinge nicht zu kümmern. Aber ihr habt ja genau wie ich gehört, wie mich die Tante immer wieder persönlich darum gebeten hat. Die ältere junge Herrin habe jetzt keine Zeit dafür, und die anderen jungen Fräulein seien noch zu jung, hat sie gesagt, darum gebe sie mir den Auftrag, auf alles achtzugeben. Hätte ich abgelehnt, dann hätte es so ausgesehen, als wollte ich, dass die Tante sich Sorgen machen muss. Eure junge Herrin ist viel krank und hat mit den Hausangelegenheiten genug zu tun. Ich dagegen bin ein Müssiggänger. Allein schon als Nachbarin wäre man verpflichtet zu helfen — um wie viel mehr erst, wenn einen die eigene Tante beauftragt! Also musste ich mein kleines Ich vergessen und an das Große und Ganze denken, auch wenn die Leute mit mir unzufrieden sind. Wenn ich nur um meiner selbst willen auf guten Ruf bedacht wäre — wie könnte ich dann der Tante ins Gesicht sehen, falls hier durch Trunk- oder Spielsucht etwas geschieht? |
| − | + | Für euch aber käme die Reue zu spät, und euer guter Name wäre verloren. Die jungen Fräulein und der ganze große Garten sind eurer Aufsicht überlassen, und das nur, weil ihr alte Frauen aus Familien seid, die schon seit drei oder vier Generationen im Hause dienen, und weil ihr in höchstem Masse auf Sitte und Anstand haltet. Da müsst ihr nun aber auch einmütig auf euer Ansehen bedacht sein. Stattdessen lässt ihr es zu, dass andere nach Belieben trinken und spielen. Wenn die Tante davon erfährt und euch dafür eine Belehrung erteilt, mag das noch angehen. Aber was, wenn es die Verwalterfrauen erfahren? Sie brauchen es ja nicht der Tante zu melden und können euch selbst zur Rede stellen. Dann würdet ihr, die Älteren, von Jüngeren eine Belehrung erfahren. | |
| − | Auch wenn sie nun einmal die Verwalterinnen sind und dadurch das Recht haben, euch zu kontrollieren — ist es nicht besser, ihr achtet ein wenig auf euer Ansehen, sodass sie erst gar nicht die | + | Auch wenn sie nun einmal die Verwalterinnen sind und dadurch das Recht haben, euch zu kontrollieren — ist es nicht besser, ihr achtet ein wenig auf euer Ansehen, sodass sie erst gar nicht die Möglichkeit haben, euch in den Schmutz zu ziehen? Darum habe ich mir jetzt diese außerplanmäßige Verdienstmöglichkeit für euch ausgedacht, damit ihr einmütig zusammenhaltet und die Verhältnisse hier im Garten in jeder Hinsicht in beste Ordnung bringt. |
| − | Wenn dann diejenigen, die die Macht haben und die Verantwortung tragen, diese strenge Ordnung und diese | + | Wenn dann diejenigen, die die Macht haben und die Verantwortung tragen, diese strenge Ordnung und diese große Sorgfalt sehen, werden sie wissen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, und werden euch dafür achten. Außerdem ist es dann auch nicht umsonst gewesen, dass man eine Verdienstmöglichkeit für euch geschaffen hat. So könntet ihr ein wenig von ihrer Macht erringen und zugleich einen Vorteil haben. Könnte dadurch nicht sinnlose Verschwendung vermieden und den Verantwortlichen ein Teil ihrer Sorgen abgenommen werden? Überlegt es euch gut!“ |
| − | Sofort brodelten die Stimmen der alten Dienerinnen froh durcheinander: „Ihr habt vollkommen recht, | + | Sofort brodelten die Stimmen der alten Dienerinnen froh durcheinander: „Ihr habt vollkommen recht, Fräulein! Ihr und die junge gnädige Frau könnt von nun an ganz unbesorgt sein. Wenn wir uns jetzt, nachdem Ihr so große Güte gegen uns bewiesen habt, nicht von der besten Seite zeigen, sollen Himmel und Erde uns nicht länger dulden!“ |
| − | Kaum hatten sie das gesagt, kam Lin Zhixiaos Frau herein und meldete: „Gestern sind | + | Kaum hatten sie das gesagt, kam Lin Zhixiaos Frau herein und meldete: „Gestern sind Angehörige des Hauses Zhen aus Jiangnan in der Hauptstadt eingetroffen. Heute sind sie im Kaiserpalast, um ihre Glückwünsche darzubringen, und haben vorab Boten mit Geschenken und Grüßen geschickt.“ Damit übergab sie die Geschenkliste. |
| − | + | Erkundefrühling nahm sie entgegen und las vor: „Geblümter Brokat und Drachenbrokat für Kaiserlichen Gebrauch — zwölf Stück; verschiedenfarbiger Brokat für Kaiserlichen Gebrauch — zwölf Stück; verschiedenfarbige Seidengaze für Kaiserlichen Gebrauch — zwölf Stück; Seidentaft für Kaiserlichen Gebrauch — zwölf Stück; Brokat, Seidengaze, Seidentaft und Seidensatin für amtlichen Gebrauch — vierundzwanzig Stück.“ | |
| − | Frau Li, die mitgelesen hatte, ordnete an: „Belohnt die Boten mit dem | + | Frau Li, die mitgelesen hatte, ordnete an: „Belohnt die Boten mit dem höchsten Geldgeschenk!“ Dann befahl sie jemandem, der Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ — die betagte Matriarchin der Familie, geborene Shi.</ref> Meldung zu machen. Die Herzoginmutter ließ Frau Li, Erkundefrühling, Schatzspange und die anderen zu sich rufen und sah sich die Geschenke gemeinsam mit ihnen an. Frau Li legte die Stoffe beiseite und befahl den Frauen aus dem inneren Speicher: „Nehmt sie erst in Verwahrung, wenn die gnädige Frau sie gesehen hat!“ |
| − | „Die Zhens sind nicht mit anderen Familien zu vergleichen“, sagte die Herzoginmutter. „Die | + | „Die Zhens sind nicht mit anderen Familien zu vergleichen“, sagte die Herzoginmutter. „Die männlichen Boten hast du mit dem höchsten Geldgeschenk belohnt, aber ehe wir uns versehen, werden wohl auch Botenfrauen kommen, um uns Grüße zu überbringen. Lass also Seidenstücke für sie bereitlegen!“ |
| − | Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da wurde | + | Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da wurde tatsächlich gemeldet: „Es sind vier Frauen aus dem Hause Zhen da, um ihren Gruß zu entbieten.“ |
| − | Sofort befahl die Herzoginmutter, sie | + | Sofort befahl die Herzoginmutter, sie hereinzuführen. |
| − | Die vier Frauen waren alle | + | Die vier Frauen waren alle über vierzig Jahre alt, und ihre Kleidung unterschied sich nicht groß von der, wie Herrschaften sie tragen. Als sie gegrüst und nach dem Befinden gefragt hatten, befahl die Herzoginmutter, vier Fussbänke zu bringen. Die vier Frauen bedankten sich und warteten, bis Schatzspange und die anderen Platz genommen hatten, ehe auch sie sich setzten. |
„Wann seid ihr in der Hauptstadt angekommen?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. | „Wann seid ihr in der Hauptstadt angekommen?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. | ||
| − | Sofort erhoben sich die vier Frauen wieder und antworteten: „Gestern sind wir angekommen. Heute hat sich die | + | Sofort erhoben sich die vier Frauen wieder und antworteten: „Gestern sind wir angekommen. Heute hat sich die gnädige Frau mit dem gnädigen Fräulein in den Palast begeben, um ihren Gruß zu entbieten, darum hat sie uns hergeschickt, um nach Eurem Befinden zu fragen und den jungen Fräulein Grüße zu senden.“ |
| − | Die Herzoginmutter fragte | + | Die Herzoginmutter fragte lächelnd: „All die Jahre wart ihr nicht in der Hauptstadt. Wir dachten nicht, dass ihr dieses Jahr kommen würdet.“ |
| − | Die vier Frauen erwiderten ebenfalls | + | Die vier Frauen erwiderten ebenfalls lächelnd: „Ganz recht. Dieses Jahr sind wir auf allerhöchsten Befehl hier.“ |
„Ist die ganze Familie mitgekommen?“ wollte die Herzoginmutter weiter wissen. | „Ist die ganze Familie mitgekommen?“ wollte die Herzoginmutter weiter wissen. | ||
| − | „Die alte | + | „Die alte gnädige Frau und der junge Herr, die beiden Fräulein und die zweite gnädige Frau sind nicht mitgekommen“, gaben die vier Frauen Auskunft. „Nur die gnädige Frau selbst und das dritte gnädige Fräulein sind hier.“ |
| − | „Hat das | + | „Hat das Fräulein schon einen Verlobten?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. |
„Nein, noch nicht“, erwiderten die vier Frauen. | „Nein, noch nicht“, erwiderten die vier Frauen. | ||
| − | Die Herzoginmutter sagte | + | Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Euer ältestes und euer zweites Fräulein — die beiden Familien, in die sie eingeheiratet haben, verstehen sich sehr gut mit unserer Familie.“ |
| − | Die vier Frauen | + | Die vier Frauen lächelten und sagten: „So ist es. Jedes Jahr schreiben die Fräulein nach Hause und betonen, dass sie alles nur Eurer liebevollen Fürsorge verdanken.“ |
| − | Die Herzoginmutter wehrte | + | Die Herzoginmutter wehrte lächelnd ab: „Von Fürsorge kann keine Rede sein. Seit Generationen sind unsere Familien miteinander befreundet und verschwägert, da muss das so sein. Besonders euer zweites Fräulein ist sehr lieb und weder selbstgefällig noch überheblich, darum verkehren wir gerade mit ihr besonders herzlich.“ |
| − | „Ihr seid zu bescheiden, alte | + | „Ihr seid zu bescheiden, alte gnädige Frau“, erklärten die vier Frauen lächelnd. |
| − | „Euer junger Herr lebt auch bei eurer alten | + | „Euer junger Herr lebt auch bei eurer alten gnädigen Frau?“ wollte die Herzoginmutter nun wissen. |
| − | „Ja, bei der alten | + | „Ja, bei der alten gnädigen Frau“, bestätigten die vier Frauen. |
„Wie alt ist er jetzt?“ fragte die Herzoginmutter und fuhr fort: „Geht er schon zur Schule?“ | „Wie alt ist er jetzt?“ fragte die Herzoginmutter und fuhr fort: „Geht er schon zur Schule?“ | ||
| − | Die vier Frauen sagten | + | Die vier Frauen sagten lächelnd: „Dreizehn ist er in diesem Jahr. Weil er gut gewachsen ist, hat ihn die alte gnädige Frau sehr gern. Aber von klein auf ist er über alle Maßen ungezogen. Tag für Tag schwänzt er die Schule, doch der gnädige Herr und die gnädige Frau können nicht gut streng zu ihm sein.“ |
| − | Die Herzoginmutter sagte | + | Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Das ist ja ganz wie bei uns! Aber wie heißt euer junger Herr?“ |
| − | „Weil die alte | + | „Weil die alte gnädige Frau ihn als ein rechtes Kleinod ansieht und er auch eine ganz helle Haut hat, hat die alte gnädige Frau ihn Schatzjade — ›wertvolle Jade‹ — genannt“, antworteten die vier Frauen. |
| − | Die Herzoginmutter wandte sich an Frau Li und die anderen: „Ausgerechnet auch | + | Die Herzoginmutter wandte sich an Frau Li und die anderen: „Ausgerechnet auch Schatzjade!“ |
| − | Frau Li deutete sofort ein Aufstehen an und erwiderte | + | Frau Li deutete sofort ein Aufstehen an und erwiderte lächelnd: „Von alters her gibt es viele Fälle von Namensgleichheit, ob zur selben oder zu verschiedener Zeit.“ |
| − | Die vier Botenfrauen sagten | + | Die vier Botenfrauen sagten lächelnd: „Schon als er diesen Kindheitsnamen bekam, hegte man bei uns hohen und niederen Standes den Verdacht, in irgendeiner Familie von Freunden oder Verwandten müsse es den gleichen Namen geben. Aber da wir mehr als zehn Jahre nicht in der Hauptstadt waren, konnte sich niemand genau erinnern.“ |
| − | „Wie | + | „Wie könnten wir es nur wagen!“ sagte die Herzoginmutter. „Mein Enkel heißt so.“ Dann befahl sie: „Kommt her!“ |
| − | Die Dienerinnen und Zofen antworteten „Jawohl“ und traten einige Schritte | + | Die Dienerinnen und Zofen antworteten „Jawohl“ und traten einige Schritte näher. |
| − | Die Herzoginmutter sagte | + | Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Geht in den Garten und holt unseren Schatzjade, damit diese vier Verwalterinnen ihn sich ansehen und mit ihrem Schatzjade vergleichen können!“ |
| − | Die Dienerinnen gingen sogleich los, und als sie bald darauf | + | Die Dienerinnen gingen sogleich los, und als sie bald darauf zurückkamen, führten sie Schatzjade in ihrer Mitte. |
| − | Kaum hatten die Botenfrauen ihn erblickt, sprangen sie auf und | + | Kaum hatten die Botenfrauen ihn erblickt, sprangen sie auf und erklärten lächelnd: „Also, das ist ein Schreck! Wenn wir nicht bei Euch wären und ihn stattdessen woanders getroffen hätten, würden wir jetzt meinen, unser Schatzjade sei uns in die Hauptstadt nachgereist!“ |
| − | Bei diesen Worten traten sie an Schatzjade heran, fassten ihn bei den | + | Bei diesen Worten traten sie an Schatzjade heran, fassten ihn bei den Händen und wollten tausend Dinge von ihm wissen. Auch Schatzjade grüsste lächelnd zurück. |
| − | „Wie sieht er im Vergleich zu eurem aus?“ fragte die Herzoginmutter | + | „Wie sieht er im Vergleich zu eurem aus?“ fragte die Herzoginmutter lächelnd. |
| − | Frau Li und die anderen sagten | + | Frau Li und die anderen sagten lächelnd: „Was die vier Mütterchen eben sagten, zeigt deutlich genug, dass er ihm gleicht wie ein Ei dem anderen.“ |
| − | Die Herzoginmutter wehrte | + | Die Herzoginmutter wehrte lächelnd ab: „Wie könnte es so einen Zufall geben! Kinder aus vornehmen Familien, noch dazu, wenn sie zart aufgezogen werden — wenn ihr Gesicht nicht gerade durch Krankheit entstellt oder schwarz und hässlich ist, sehen sie wahrscheinlich alle genauso gut aus. Das ist überhaupt nichts Seltsames.“ |
| − | Die vier Botenfrauen sagten | + | Die vier Botenfrauen sagten lächelnd: „Wie sich zeigt, ist das Aussehen der beiden gleich, und wenn man Euch glauben darf, alte gnädige Frau, müssten sie auch genauso ungezogen sein. Uns scheint aber, dieser junge Herr hier ist von besserer Wesensart als der unsere.“ |
„Woran zeigt sich das?“ wollte die Herzoginmutter sofort wissen. | „Woran zeigt sich das?“ wollte die Herzoginmutter sofort wissen. | ||
| − | Die vier Frauen | + | Die vier Frauen erklärten lächelnd: „Es war zu merken, als wir ihn eben bei den Händen fassten und mit ihm sprachen. Unser Schatzjade nennt uns einfach dumm. Wir dürfen keinen seiner Gegenstände auch nur ein wenig verrücken, geschweige denn berühren. Bedienen lässt er sich nur von Mädchen und ...“ |
| − | Noch ehe die vier Frauen ausgeredet hatten, konnten Frau Li und die Schwestern nicht mehr an sich halten und brachen in Lachen aus. Auch die Herzoginmutter lachte und sagte: „Wenn wir jetzt jemanden hinschicken | + | Noch ehe die vier Frauen ausgeredet hatten, konnten Frau Li und die Schwestern nicht mehr an sich halten und brachen in Lachen aus. Auch die Herzoginmutter lachte und sagte: „Wenn wir jetzt jemanden hinschicken würden, um euren Schatzjade zu sehen, und man ihn bei der Hand fasste, würde er es sich auch eine Zeitlang gefallen lassen. Kinder aus Familien wie den unseren zeigen, wie verschroben sie im Inneren auch sein mögen, Fremden gegenüber stets ordentliche Umgangsformen. Wäre das nicht der Fall, würde man ihnen auch keine Marotten durchgehen lassen. |
| − | Warum die Erwachsenen eine | + | Warum die Erwachsenen eine Schwäche für sie haben, ist zum einen, dass ihre äußere Erscheinung Wohlgefallen erregt, und zum andern, dass ihr Benehmen Fremden gegenüber besser ist als das manches Erwachsenen, sodass die Leute Liebe und Zuneigung für sie verspüren. Nur deshalb sieht man ihnen insgeheim einiges nach. Würden sie sich draußen genauso benehmen wie drinnen und den Erwachsenen keine Ehre machen, müsste man sie totschlagen, egal wie hübsch sie auch gewachsen sind.“ |
| − | „Ihr habt vollkommen recht, alte | + | „Ihr habt vollkommen recht, alte gnädige Frau“, bestätigten die vier Botenfrauen lächelnd. „Wenn unser Schatzjade auch frech und sonderbar ist, so ist doch sein Benehmen in Gegenwart von Gästen manchmal korrekter als das der Erwachsenen. Deshalb gibt es niemand, der ihn nicht liebte, wenn er ihn sieht, und alle fragen, wofür er eigentlich Schläge bekommt. Sie haben ja nicht die geringste Vorstellung davon, dass zu Hause kein Gesetz und keine Autorität für ihn gelten. Was einem Erwachsenen nie einfallen würde, das spricht er nicht nur aus, das tut er auch. Dadurch ist er dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau so verhasst, dass sie sich nicht zu helfen wissen. |
| − | Unbeherrschtheit ist etwas ganz | + | Unbeherrschtheit ist etwas ganz Gewöhnliches für ein Kind, Leichtfertigkeit und Verschwendungssucht sind etwas ganz Gewöhnliches für einen Sohn aus reicher Familie, und Unlust beim Lernen ist ebenfalls etwas ganz Gewöhnliches für ein Kind — all das lässt sich beheben. Aber wie soll man damit fertig werden, wenn jemand vom ersten Lebenstag an derart verschroben ist und ...“ |
| − | Sie hatten noch nicht zu Ende gesprochen, als gemeldet wurde: „Die | + | Sie hatten noch nicht zu Ende gesprochen, als gemeldet wurde: „Die gnädige Frau ist zurück.“ |
| − | + | Dame König trat ein, entbot der Herzoginmutter ihren Gruß und empfing die Grüße der vier Botenfrauen. Man wechselte einige belanglose Sätze. Dann befahl die Herzoginmutter: „Geh dich ausruhen!“ Erst nachdem Dame König der Herzoginmutter noch eigenhändig Tee gereicht hatte, zog sie sich zurück. Die vier Botenfrauen verabschiedeten sich ebenfalls von der Herzoginmutter und gingen mit Dame König in deren Räume, wo sie ein Weilchen über Familienangelegenheiten plauderten, ehe Dame König sie fortschickte. Aber das muss nicht in allen Einzelheiten berichtet werden. | |
| − | Inzwischen | + | Inzwischen erzählte die Herzoginmutter in ihrer Freude jedem, den sie sah, es gebe noch einen Schatzjade, und es sei mit ihm genau dasselbe wie mit ihrem eigenen. Alle fanden jedoch, dass dies — groß, wie die Welt sei, zahlreich, wie die Familien von Erbbeamten wären, unzählig, wie Fälle von Namensgleichheit vorkämen, und häufig, wie Großmütter eine Schwäche für ihre Enkel hätten — eine ganz normale Sache sei und durchaus keine Seltenheit. Darum achtete niemand weiter darauf. |
| − | Einzig Schatzjade, der den auschweifenden Sinn eines | + | Einzig Schatzjade, der den auschweifenden Sinn eines törichten Herrensöhnchens hatte, war der Meinung, die vier Frauen hätten sich die Sache nur ausgedacht, um die Herzoginmutter zu erheitern. Er begab sich dann in den Haselwurzpark, um Xiangji einen Krankenbesuch abzustatten. |
| − | Xiangji sagte zu ihm: „Mach nur ruhig weiter so! Bisher hiess es: ›Eine Faser macht noch keinen Faden, ein Baum ergibt noch keinen Wald.‹ Jetzt aber hast du ein zweites Ich gefunden, und wenn du es zu toll treibst und wieder einmal | + | Xiangji sagte zu ihm: „Mach nur ruhig weiter so! Bisher hiess es: ›Eine Faser macht noch keinen Faden, ein Baum ergibt noch keinen Wald.‹ Jetzt aber hast du ein zweites Ich gefunden, und wenn du es zu toll treibst und wieder einmal fürchterliche Prügel bekommst, kannst du nach Nanjing ausreißen und nach dem anderen suchen.“ |
| − | Schatzjade entgegnete: „Das sind doch alles | + | Schatzjade entgegnete: „Das sind doch alles Lügen, und du glaubst sie auch noch! Es wird gerade noch einen Schatzjade geben!“ |
Xiangji wandte ein: „Warum gab es dann zur Zeit der Streitenden Reiche einen Lin Xiangru und unter der Han-Dynastie einen Sima Xiangru?“ | Xiangji wandte ein: „Warum gab es dann zur Zeit der Streitenden Reiche einen Lin Xiangru und unter der Han-Dynastie einen Sima Xiangru?“ | ||
| − | Schatzjade sagte | + | Schatzjade sagte lächelnd: „Zugegeben. Aber genauso ausgesehen haben sie nicht.“ |
„Und warum haben die Leute in Kuang, als sie Konfuzius sahen, geglaubt, es sei Yang Huo?“ fragte Xiangji. | „Und warum haben die Leute in Kuang, als sie Konfuzius sahen, geglaubt, es sei Yang Huo?“ fragte Xiangji. | ||
| − | Schatzjade erwiderte | + | Schatzjade erwiderte lächelnd: „Konfuzius und Yang Huo sahen zwar gleich aus, hiessen aber nicht gleich. Lin Xiangru und Sima Xiangru hiessen zwar gleich, sahen aber nicht gleich aus. Ausgerechnet bei mir aber soll beides übereinstimmen?“ |
| − | Xiangji wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte, und sagte | + | Xiangji wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte, und sagte lächelnd: „Du kannst nichts als Unsinn reden. Was soll ich mich mit dir auf ein Streitgespräch einlassen! Gibt es ihn oder gibt es ihn nicht — mich geht es nichts an.“ Damit schloss sie die Augen, um zu schlafen. |
| − | Schatzjade aber wurde wieder von Zweifeln befallen. Sagte er sich, es gebe ihn bestimmt nicht, so sprach doch einiges | + | Schatzjade aber wurde wieder von Zweifeln befallen. Sagte er sich, es gebe ihn bestimmt nicht, so sprach doch einiges dafür, dass es ihn gab; sagte er sich, es gebe ihn bestimmt, so hatte er ihn doch nicht mit eigenen Augen gesehen. Verdriesslich ging er in seine Räume zurück, legte sich auf die Ruhebank und grüblte schweigend darüber nach. Unversehens schlummerte er ein und fand sich plötzlich in einem Garten wieder. |
| − | „Nanu“, fragte er sich verwundert, „gibt es denn | + | „Nanu“, fragte er sich verwundert, „gibt es denn außer unserem Garten der Großen Anschauung noch einen zweiten solchen Garten?“ |
| − | + | Während er sich noch staunend umsah, kamen einige Mädchen auf ihn zu, offensichtlich Zofen. Wieder fragte er sich verwundert: „Gibt es denn auch Mandarinenente<ref>Chin. 鸳鸯 Yuānyāng — die treue Kammerzofe der Herzoginmutter.</ref>, Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén — Schatzjades Hauptzofe.</ref> und Friedchen noch ein zweites Mal?“ | |
| − | Da | + | Da hörte er, wie die Mädchen lachend riefen: „Schatzjade! Wie kommt denn unser Schatzjade hierher?“ |
| − | Schatzjade glaubte, von ihm sei die Rede, und trat rasch | + | Schatzjade glaubte, von ihm sei die Rede, und trat rasch näher. Lächelnd sagte er: „Ich bin zufällig auf einem Spaziergang hierher geraten und weiß gar nicht, welcher befreundeten Familie der Garten gehört. Führt mich ein wenig herum, liebste Schwestern!“ |
| − | Die | + | Die Mädchen riefen: „Das ist ja gar nicht unser Schatzjade! Aber er sieht ganz ordentlich aus, und ein flottes Mundwerk hat er auch.“ |
| − | Als Schatzjade das | + | Als Schatzjade das hörte, erkundigte er sich rasch: „Habt ihr hier denn auch einen Schatzjade, liebste Schwestern?“ |
| − | Sofort erwiderten die | + | Sofort erwiderten die Mädchen: „Wir gebrauchen den Namen Schatzjade auf Befehl der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau, um ihm Langlebigkeit und Schutz vor Unheil zu sichern. Wenn wir ihn so nennen, freut er sich. Aber wenn du hergelaufener kleiner Stinker einfach diesen Namen gebrauchst, dann nimm nur dein dreckiges Fleisch in acht, damit es dir nicht weichgeklopft wird!“ |
| − | Ein anderes | + | Ein anderes Mädchen fugte hinzu: „Kommt, wir gehen schnell, damit uns Schatzjade nicht mit dem hier zusammen sieht! Sonst sagt er noch, weil wir mit diesem kleinen Stinkkerl gesprochen haben, seien auch wir stinkig geworden.“ |
Damit gingen sie davon. Schatzjade sagte sich verwundert: „So hat mich ja noch nie jemand behandelt! Warum sind sie nur so zu mir? Aber wie es aussieht, gibt es hier wirklich jemanden wie mich.“ | Damit gingen sie davon. Schatzjade sagte sich verwundert: „So hat mich ja noch nie jemand behandelt! Warum sind sie nur so zu mir? Aber wie es aussieht, gibt es hier wirklich jemanden wie mich.“ | ||
| − | In diese Gedanken vertieft, war er aufs Geratewohl weitergegangen und dabei in ein | + | In diese Gedanken vertieft, war er aufs Geratewohl weitergegangen und dabei in ein Gehöft geraten. Wieder fragte er sich: „Gibt es also auch einen zweiten Hof der Roten Freude?“ |
| − | Verwirrt stieg er die Stufen hinauf und trat ins Haus. Dort erblickte er einen | + | Verwirrt stieg er die Stufen hinauf und trat ins Haus. Dort erblickte er einen Jüngling, der auf einer Ruhebank lag, und mehrere Mädchen, die mit Nadelarbeiten beschäftigt waren, während ein paar andere scherzten und lachten. Der Jüngling seufzte, und eines der Dienstmädchen fragte ihn lächelnd: „Warum schläfst du nicht, Schatzjade? Und worüber seufzt du? Bestimmt machst du dir wieder unnütze Sorgen, weil dein Schwesterlein krank ist!“ |
| − | Als Schatzjade das | + | Als Schatzjade das hörte, bekam er einen Schreck. Dann sagte der Jüngling auf der Bank: „Ich hatte gehört, wie die alte gnädige Frau erzählte, in der Hauptstadt gebe es ebenfalls einen Schatzjade, dessen Charakter mit meinem übereinstimme, und hatte das nicht geglaubt. Eben geriet ich im Traum in der Hauptstadt in einen Garten und traf dort einige Mädchen, die mich einen kleinen Stinker nannten und sich dann nicht weiter um mich kümmerten. Als ich endlich mit viel Mühe die Räume von Schatzjade fand, schlief er gerade. Nur seine leere fleischliche Hülle lag da, sein eigentliches Ich aber war irgendwohin verschwunden.“ |
| − | Kaum hatte Schatzjade dies vernommen, sagte er sogleich: „Ich bin hierher gekommen, weil ich | + | Kaum hatte Schatzjade dies vernommen, sagte er sogleich: „Ich bin hierher gekommen, weil ich Schatzjade suche. Da bist du das also!“ |
| − | Sofort stand der | + | Sofort stand der Jüngling von der Ruhebank auf, fasste Schatzjade bei den Händen und fragte: „Du bist Schatzjade? So war das kein Traum?“ |
„Wieso denn ein Traum?“ fragte Schatzjade. „Es ist wahr und nochmals wahr!“ | „Wieso denn ein Traum?“ fragte Schatzjade. „Es ist wahr und nochmals wahr!“ | ||
| − | Kaum hatte er das ausgesprochen, kam jemand mit der Meldung: „Der | + | Kaum hatte er das ausgesprochen, kam jemand mit der Meldung: „Der gnädige Herr verlangt nach Schatzjade.“ |
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| + | Beide bekamen einen panischen Schreck. Der eine Schatzjade ging fort, und der andere rief ihm hinterher: „Komm schnell zurück, Schatzjade! Komm schnell zurück!“ | ||
| − | + | Dufthauch, die nahe bei ihm saß, hatte gehört, wie Schatzjade im Traum seinen eigenen Namen rief. Sie rüttelte ihn wach und fragte lachend: „Wo ist denn Schatzjade?“ | |
| − | + | Schatzjade war zwar wach, doch sein Geist war noch benommen. Er wies zur Tür und sagte: „Eben ist er hinausgegangen.“ | |
| − | + | „Das hast du geträumt“, sagte Dufthauch lachend. „Reib dir den Schlaf aus den Augen und schau genau hin — das ist dein eigenes Spiegelbild.“ | |
| − | + | Schatzjade blickte auf und sah, dass der große Spiegel mit dem Intarsienrahmen, der seiner Ruhebank gegenüber hing, sein Bild zurückwarf. Nun musste er ebenfalls lachen. | |
| − | Schatzjade | + | Inzwischen hatten die Mädchen eine Mundspülschale und starken Tee gebracht, und Schatzjade spülte sich den Mund. Moschusmond<ref>Chin. 麝月 Shèyuè — eine von Schatzjades Zofen.</ref> bemerkte: „Kein Wunder, dass die alte gnädige Frau immer wieder sagt, in den Räumen von jungen Leuten dürfe es nicht zu viele Spiegel geben. Bei jungen Leuten ist die Seele noch unvollkommen; wenn sie sich zu viel spiegeln, schlafen sie schlecht und haben Alpträume. Nachdem wir die Ruhebank hierher geräumt haben, wo auch der Spiegel steht, müssten wir nur die Spiegelhülle darüberziehen, dann wäre alles in Ordnung. Aber wer denkt schon daran, wenn es erst wieder wärmer wird und alle müde und träge sind! |
| − | + | Vorhin zum Beispiel haben wir es auch vergessen. Da hat er natürlich nach dem Hinlegen erst mit seinem Spiegelbild gespielt, und als er dann die Augen schloss, ist ihm im Traum alles durcheinandergeraten. Wie hätte er sich sonst selbst sehen und dabei seinen eigenen Namen rufen können? Am besten schaffen wir morgen die Ruhebank in den Innenraum ...“ | |
| − | + | Noch ehe sie den letzten Satz beenden konnte, kam eine Botin von Dame König, die Schatzjade zu sich befahl. Was sie ihm zu sagen hatte — wer es wissen will, ... | |
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
Kapitel 56 Erkundefrühling[1] ersinnt weise Reformen und setzt Verwalterinnen für den Garten ein. Schatzspange[2] hält eine kluge Rede und gewinnt die Herzen der alten Dienerinnen.
Friedchen[3] hatte Phönixglanz[4] beim Essen Gesellschaft geleistet und ihr beim Mundspülen und Händewaschen geholfen, dann machte sie sich auf den Weg zu Erkundefrühling. Im Hof war es still; nur die Zofen und alten Frauen des inneren Haushalts warteten draußen vor den Fenstern.
Friedchen trat in die Halle ein. Die drei Damen berieten gerade über Haushaltsangelegenheiten und sprachen eben von dem Fest, das die Familie Lai[5] gegen Jahresende gegeben hatte, und von den Dingen, die ihnen in deren Garten aufgefallen waren. Als Friedchen kam, wies ihr Erkundefrühling einen Platz auf dem Fußschemel an und sagte: „Was ich vorhabe, hat keinen besonderen Anlass. Mir ist aufgefallen, dass wir jeden Monat zwei Liang[6] Silber erhalten und die Zofen darüber hinaus auch noch ein eigenes Monatsgeld bekommen. Neulich hat nun jemand beantragt, dass uns für den monatlichen Bedarf an Haaröl, Schminke und Puder pro Person noch einmal zwei Liang ausgezahlt werden. Das ist genau dasselbe wie vorhin mit den acht Liang für die Schule — alles wird doppelt berechnet. Das sind zwar nur Kleinigkeiten und die Beträge sind gering, aber angemessen erscheint es mir nicht. Warum ist das deiner Herrin nicht aufgefallen?“
Friedchen erwiderte lächelnd: „Die Sache hat ihren Grund. Für die Bedürfnisse der Fräulein müssen selbstverständlich Mittel bereitstehen. Jeden Monat kaufen die Einkäufer die Sachen ein und lassen sie durch die Dienerinnen auf die einzelnen Häuser verteilen, wo wir sie in Verwahrung nehmen, damit die Fräulein sie gebrauchen können. Es gibt doch keinen Grund, warum jede von uns täglich selbst Geld nehmen und jemanden suchen sollte, der mal Haaröl und dann wieder Schminke und Puder kaufen geht. Darum kaufen die Einkäufer draußen alles zusammen ein und lassen es monatsweise an uns verteilen.
Die zwei Liang Silber, die die Fräulein monatlich bekommen, sind nicht dafür bestimmt, solche Dinge zu kaufen. Sie sind eigentlich dafür gedacht, dass die Fräulein nicht erst jemanden losschicken müssen, wenn sie plötzlich etwas Geld brauchen, während die Haushaltsführerin oder die gnädige Frau vielleicht nicht da oder nicht frei sind. Es soll den Fräulein peinliche Situationen ersparen. Also hat die Zahlung dieser Gelder nichts damit zu tun, dass dafür solche Sachen gekauft werden sollen.
Bei nüchterner Betrachtung habe ich jedoch bemerkt, dass die Zofen in den einzelnen Häusern tatsächlich zur Hälfte ihre eigenen Sachen für Geld kaufen lassen. Darum vermute ich, dass uns die Einkäufer entweder an der Nase herumführen und die Sachen deshalb immer ein paar Tage zu spät bringen, oder aber sie kaufen keine einwandfreie Ware und bringen uns nur zum Schein irgendwelchen Schund, der nicht zu verwenden ist.“
Erkundefrühling und Frau Li sagten lächelnd: „Also hast auch du die Augen offengehalten und es bemerkt! An der Nase herumführen würden sie uns nicht, das würden sie nicht wagen. Aber sie schieben alles auf die lange Bank, und wenn man sie mahnt, es sei dringend, dann besorgen sie die Sachen wer weiß woher — nur dem Namen nach, gebrauchen kann man das Zeug nicht. Also muss man die Sachen doch gegen Barzahlung kaufen lassen, von diesen zwei Liang Silber dafür nehmen und jemandes Amme oder den Sohn eines Verwandten beauftragen, sie zu kaufen — dann erst sind sie zu verwenden. Beauftragt man nämlich jemand von der Verwaltung damit, sind die Sachen auch wieder von derselben schlechten Sorte. Wer weiß, wie sie das machen! Es müssen wohl alles Dinge sein, die schon im Laden verdorben und unbrauchbar geworden sind — das schleppen sie an und halten es eigens für uns bereit.“
Friedchen erwiderte lächelnd: „Wenn das, was die Einkäufer bringen, von der schlechten Sorte ist, und nun bringt jemand aus der Verwaltung etwas Gutes, dann finden sich die Einkäufer natürlich nicht ohne weiteres damit ab. Sie sagen, der habe böse Absichten und wolle ihnen den Posten wegschnappen. Darum bleibt denen aus der Verwaltung gar keine Wahl: Lieber vergehen sie sich gegen Euch hier drinnen als gegen die Verantwortlichen draußen. Ihr könnt also niemand anders beauftragen als die Ammen — dann wagt keiner, seine Unzufriedenheit zu äußern.“
Erkundefrühling sagte: „Es beunruhigt mich, dass das Geld doppelt ausgegeben und die Hälfte der Sachen weggeworfen wird. Wenn man das zusammenrechnet, ist es ein zweifacher Verlust. Darum ist es am besten, die monatlichen Zahlungen an die Einkäufer ganz einzustellen. Das ist das erste. Und nun zum zweiten! Als wir gegen Jahresende im Hause von Lai Da gewesen sind, warst du doch auch mit. Wie fandest du seinen kleinen Garten im Vergleich zu unserem?“
Friedchen antwortete lächelnd: „Er war nicht einmal halb so groß wie unserer, und Bäume und Blumen wuchsen dort auch viel weniger als bei uns.“
Erkundefrühling fuhr fort: „Ich habe mich mit einer Tochter des Hauses darüber unterhalten. Zu meinem Erstaunen liefert ihnen dieser Garten nicht nur Blumen zum Schmuck sowie Bambussprossen, Gemüse, Fische und Krebse zum Essen — sie überlassen ihn vielmehr jemand zur Bewirtschaftung und erzielen zum Jahresende einen Überschuss von vollen zweihundert Liang Silber. Seitdem erst weiß ich, dass auch ein zerrissenes Lotosblatt und ein trockener Grashalm noch ihren Wert haben.“
Schatzspange lachte: „Wahrhaftig das Gerede verwöhnter Seidenröckchen, die nur vom Feinsten essen und sich in Brokat kleiden! Auch wenn Ihr als Töchter aus reichem Hause eigentlich nichts von diesen Dingen wisst — Ihr habt doch alle Bücher gelesen und könnt schreiben. Habt Ihr dabei nicht den Aufsatz ›Man wirft sich nicht weg‹ von Meister Zhu gelesen?“
Erkundefrühling sagte lächelnd: „Gelesen habe ich ihn schon, aber das sind doch nur Ermutigungen zur Selbststärkung, schöne Worte und leere Vergleiche. Wo gäbe es das in der Wirklichkeit?“
Schatzspange erwiderte: „Schöne Worte und leere Vergleiche bei Meister Zhu? Da ist jeder Satz Wirklichkeit! Kaum führst du ein paar Tage den Haushalt, schon vernebelt dir die Gewinnsucht das Herz, und du hältst Meister Zhus Worte für leeres Gerede. Wenn du erst einmal hinausgehst und die großen Dinge kennenlernst, bei denen es um wirklichen Gewinn und wirklichen Verlust geht, wirst du wohl sogar Konfuzius für einen Schwätzer halten!“
Erkundefrühling gab lächelnd zurück: „Und du als so gebildete Person hast wohl die Werke der Meister nicht gelesen? Bei Meister Ji heißt es: ›Wer zu den Stätten von Reichtum und Ruhm aufsteigt und im Bereich von Planung und Leitung verharrt, der stiehlt seine Worte bei Yao und Shun, von der Lehre des Konfuzius und des Meister Meng aber kehrt er sich ab.‹“
Schatzspange fragte lächelnd: „Und wie geht der nächste Satz?“
Erkundefrühling lachte: „Ich greife nur den einen heraus, um den es mir hier geht. Soll ich mit dem nächsten Satz vielleicht mich selbst beschimpfen?“
Schatzspange sagte: „Es gibt nichts auf der Welt, wofür es keine Verwendung gäbe; und was man verwenden kann, das ist Geldes wert. Wie schade, dass ein so kluger Mensch wie du diese wahren und bedeutsamen Tatsachen noch nicht erfahren hat! Es ist wirklich bedauerlich, dass du erst so spät darauf kommst.“
Frau Li warf lächelnd ein: „Erst bestellt Ihr Euch jemand her, und dann breitet Ihr Eure Gelehrsamkeit voreinander aus, anstatt vom Eigentlichen zu reden!“
Schatzspange belehrte sie: „Gerade in dieser Gelehrsamkeit liegt das Eigentliche. Wenn wir diese Kleinigkeiten mit Hilfe unserer Kenntnisse anpacken, heben wir sie auf eine höhere Stufe. Tun wir das aber nicht, dann werden sie zum profanen Marktklatsch.“
So neckten die drei einander mit Worten, und als sie eine Zeitlang gescherzt und geplaudert hatten, sprachen sie wieder vom Wesentlichen.
Erkundefrühling nahm den Faden wieder auf: „Unser Garten ist nur doppelt so groß wie der dort. Rechnen wir also das Doppelte, dann macht das einen Gewinn von vierhundert Liang Silber im Jahr. Wenn wir ebenfalls die Produkte verkaufen wollten, um Silber zu erlösen, wäre das natürlich sehr kleinlich und nicht das Richtige für eine Familie wie die unsere. Aber wenn wir nicht ein paar Verantwortliche dafür bestimmen, wird so vieles, was Geldeswert hat, einfach der Willkür der Leute überlassen, und das ist wohl auch ›Vernichtung von himmlischen Gaben‹.
Darum ist es am besten, unter all den alten Müttern im Garten einige auszusuchen, die einen erprobten Charakter haben und sich im Gartenbau auskennen, und sie einzusetzen, um alles in Ordnung zu halten und zu pflegen. Wir müssen ja nicht von ihnen verlangen, dass sie Pacht oder Abgaben zahlen — wir können es ihnen überlassen, was sie uns von den Produkten im Laufe des Jahres darbringen. Auf diese Weise wäre zum einen jemand fest verantwortlich für die Pflege der Blumen und Bäume, sodass sie von Jahr zu Jahr schöner werden und keine Notwendigkeit besteht, sie im Notfall Hals über Kopf in Ordnung zu bringen.
Zweitens würde nichts verdorben oder sinnlos zerstört. Drittens würden die alten Mütter dadurch einen kleinen Ausgleich für die viele Mühe erhalten, die sie Jahr für Jahr im Garten haben. Und viertens könnten wir auch die Arbeitslöhne für Blumengärtner, Gartengestalter und Reiniger einsparen und die Überschüsse benutzen, um anderswo Fehlendes zu ersetzen. Nichts spricht dagegen.“
Schatzspange, die eben aufgestanden war, um die Kalligraphien und Bilder an den Wänden zu betrachten, nickte bei jeder dieser Überlegungen, und als Erkundefrühling fertig war, sagte sie lächelnd: „Bestens! Drei Jahre, und es wird keine Hungersnot mehr geben!“
Frau Li bestätigte ebenfalls lächelnd: „Das ist ein guter Gedanke! Wenn das tatsächlich verwirklicht wird, wird sich die gnädige Frau bestimmt freuen. Dass Geld gespart wird, ist noch das wenigste. In erster Linie geht es darum, dass für Sauberkeit gesorgt wird, dass jeder seine feste Verantwortung hat und dass den Leuten außerdem erlaubt wird, durch den Verkauf der Produkte Geld zu verdienen. Befehligt man die Menschen mittels Autorität und bewegt man sie mittels Gewinn, so wird es niemanden mehr geben, der nicht seine Pflicht erfüllt.“
Friedchen sagte: „Vorbringen müsst Ihr das aber, Fräulein! Unsere junge Herrin denkt zwar genauso, aber sie kann es schlecht aussprechen. Die Fräulein wohnen jetzt im Garten. Wenn man, anstatt zusätzliche Anschaffungen zu machen, eine Aufsicht einführt und Ordnung schafft, um Geld zu sparen — das kann unmöglich die junge Herrin vorschlagen.“
Schatzspange ging rasch zu Friedchen hinüber, berührte mit der Hand ihre Wange und sagte lächelnd: „Mach mal den Mund auf, ich will sehen, woraus deine Zähne und deine Zunge gemacht sind! Von heute morgen bis jetzt hattest du zu jeder Sache auf deine Weise etwas zu sagen, aber weder schmeichelst du dem dritten Fräulein, noch gibst du zu, dass deine Herrin nicht so begabt ist, an alles zu denken. Was das dritte Fräulein auch vorbrachte, nie hast du einfach ja dazu gesagt. Auf jeden Vorschlag von ihr hattest du eine Antwort parat. Alles, was ihr einfiel, war auch deiner Herrin schon eingefallen, nur gab es stets einen Grund, warum es nicht zu verwirklichen war.
Jetzt ist es wieder so: Weil die Fräulein im Garten wohnen, kann man nicht um des Sparens willen eine Aufsicht einführen. Überlegt Euch das einmal! Wenn man den Leuten wirklich den Garten überlasst, damit sie Gewinn daraus schöpfen, werden sie natürlich nicht erlauben, dass auch nur eine Blume gepflückt oder eine Frucht angerührt wird. Euch gegenüber werden sie das freilich nicht wagen, aber mit den Zofen wird es täglich endlosen Streit geben. So bedenkt Friedchen alles Nah- und Fernliegende sorgsam, widerspricht weder dem dritten Fräulein noch setzt sie ihre Herrin herab. Wenn ihre Herrin das hören könnte, müsste sie sich schämen und zu unserer guten Freundin werden, wenn sie es nicht schon wäre!“
Erkundefrühling sagte lächelnd: „Heute morgen hatte ich den Bauch voll Wut, und als ich hörte, dass Friedchen kommt, fielen mir sofort ihre Herrin und all die Leute ein, die sie durch ihre Haushaltsführung zur Schamlosigkeit erzogen hat. Ich wurde nur umso wütender, als ich Friedchen sah. Doch sie stand die ganze Zeit da wie eine Maus, die sich vor der Katze versteckt — ein wahres Bild des Jammers. Und dann hat sie diese Worte gesagt.
Nicht dass ihre Herrin gut zu mir sei, hat sie betont, sondern von meiner Freundschaft gegenüber ihrer Herrin hat sie gesprochen. Nach diesen Worten war nicht nur meine Wut verraucht — ich schämte mich vielmehr und war auch betrübt. Denn wenn ich es recht bedenke: Ich bin ein Mädchen, das es soweit gebracht hat, dass es von niemandem gemocht und von niemandem beachtet wird — wo sollte ich da Vorzüge besitzen, die mich befähigen, gut mit anderen umzugehen?“ Während sie sprach, liefen ihr unwillkürlich Tränen über das Gesicht.
Frau Li und die anderen hatten bemerkt, wie ernst es Erkundefrühling war. Sie dachten auch daran, wie Erkundefrühling ständig von Nebenfrau Zhao herabgesetzt und selbst von Dame König ihretwegen in Schwierigkeiten gebracht wurde. Da brachen auch sie unwillkürlich in Tränen aus, mahnten aber zugleich: „Wir sollten es ausnutzen, dass jetzt Ruhe herrscht, und ein paar Maßnahmen beraten, die Nutzen bringen und Schäden beseitigen können, damit die gnädige Frau sieht, sie hat uns nicht umsonst eingesetzt! Wozu also wieder diese Nebensächlichkeiten aufrühren?“
Friedchen fiel rasch ein: „Ich habe alles verstanden. Also sagt nur, wer die geeigneten Leute sind, Fräulein! Diese werden dann eingesetzt, und damit basta!“
Erkundefrühling erwiderte: „Das sagst du so leicht! Erst musst du deiner Herrin Bescheid sagen. Schon dass wir hier nach jeder kleinsten Reserve fahnden, ist eigentlich nicht recht. Das kann ich mir nur erlauben, weil deine Herrin ein verständiger Mensch ist. Wäre sie dumm, neidisch und ungerecht, dann hätte ich es nicht getan — es könnte so aussehen, als wollte ich sie ausstechen. Wie ginge es also ohne Absprache mit ihr?“
Friedchen willigte ein: „Dann sage ich ihr Bescheid.“ Schon ging sie los. Als sie nach einiger Zeit wiederkam, verkündete sie lächelnd: „Ich habe es doch gesagt, dass ich den Weg umsonst machen würde! Wie sollte die junge Herrin einem so guten Plan nicht zustimmen!“
Als Erkundefrühling dies gehört hatte, befahl sie mit Frau Li zusammen, man solle die Namensliste aller alten Dienerinnen bringen, die zum Garten gehörten. Gemeinsam gingen sie die Namen prüfend durch und legten einige vorläufig fest. Anschließend wurden die Frauen alle zusammen hereingeholt, und Frau Li erklärte ihnen in groben Zügen, worum es ging.
Keine der Frauen hatte etwas einzuwenden. Die eine sagte: „Überlässt mir den Bambushain! In einem Jahr wird er doppelt so dicht sein. Abgesehen von den Bambussprossen, die das Haus zum Essen braucht, kann ich noch einiges an Geld abliefern.“ Eine andere versprach: „Wenn Ihr mir das Reisfeld überlässt, braucht für das Futter sämtlicher Ziervögel kein Geld mehr aus der Kasse genommen zu werden, und ich kann sogar noch Geld abliefern.“
Gerade wollte Erkundefrühling etwas sagen, da wurde gemeldet, der Arzt sei gekommen, um im Garten nach den Fräulein zu sehen. Die alten Dienerinnen mussten also aufbrechen, um ihn abzuholen.
Friedchen mischte sich rasch ein: „Selbst wenn hundert von euch gehen, ist das kein ordentliches Auftreten. Sind denn nicht ein paar Verantwortliche da, die den Arzt hereinbegleiten können?“
Die Frau, die die Meldung gebracht hatte, sagte: „Ja, Frau Wu und Frau Shan sind da. Sie warten in der Südwestecke am Tor des Geschichteten Brokats.“
Nun erst gab sich Friedchen zufrieden.
Nachdem die alten Frauen gegangen waren, fragte Erkundefrühling Schatzspange: „Was meinst du?“
Schatzspange antwortete lächelnd: „Wer am Anfang glücklich ist, wird am Ende träge; wer schöne Worte macht, giert nach Gewinn.“
Erkundefrühling nickte zustimmend, dann wies sie auf einige Namen in dem Heft und zeigte sie den drei anderen. Friedchen holte eilig Schreibpinsel und Tusche. Die drei sagten: „Diese Mutter Zhu hier wäre zuverlässig, zumal auch ihr Alter und ihr Sohn seit Generationen den Bambus pflegen. Darum sollten wir ihr alle Bambuspflanzungen im Garten überlassen. Und die Mutter Tian hier stammt ursprünglich vom Lande. Die Gemüseäcker und Reisfelder rund um das Reisduftdorf sind zwar nur Spielerei und brauchen nicht grossartig bestellt und gepflügt zu werden, aber wäre es nicht besser, wenn sie sich darum kümmerte und sie den Jahreszeiten gemäß bestellte?“
Erkundefrühling bemerkte mit bedauerndem Lächeln: „Schade, dass an zwei so ausgedehnten Orten wie dem Haselwurzpark und dem Hof der Roten Freude nichts wächst, was einen Gewinn abwirft.“
Aber sofort erklärte Frau Li, ebenfalls lächelnd: „Der Haselwurzpark wird sogar besonders einträglich sein! Die Duftstoffe und Duftkräuter, die heutzutage in den Spezereihandlungen und auf den großen Märkten und Tempelmessen gehandelt werden — das sind doch genau diese Pflanzen! Rechnet man das zusammen, ist der Gewinn größer als anderswo.
Und was den Hof der Roten Freude betrifft — ganz abgesehen von anderem: Allein die Zimtrosen bringen im Frühling und Sommer unzählige Blüten hervor! Dazu kommen noch die Wildrosen, die Monatsrosen und all die anderen Sorten am Flechtzaun. Wenn schon diese einfachen Blumen getrocknet und an Tee- und Arzneimittelhandlungen verkauft werden, bringt das allein schon einiges Geld.“
Erkundefrühling lächelte: „So ist das also! Nur schade, dass wir niemanden haben, der sich auf diese Kräuterpflanzen versteht.“
Friedchen warf eilig und lächelnd ein: „Die Mutter von Fräulein Schatzspanges Oriole versteht etwas davon! Einmal hatte sie Blüten gepflückt und getrocknet und mir dann Blütenkörbe und -kürbisse daraus geflochten. Habt Ihr das schon vergessen?“
Schatzspange sagte lächelnd: „Eben habe ich dich gelobt, und jetzt kommst du mir so!“
Die drei fragten verwundert: „Wie meinst du das?“
Schatzspange erklärte: „Orioles Mutter darf auf gar keinen Fall damit betraut werden! Ihr habt hier so viele taugliche Leute, für die es nichts zu tun gibt, und dann soll ich vielleicht noch jemand von uns herschicken? Da würden diese Frauen auch von mir gering denken. Ich weiß jemand anders für euch. Im Hof der Roten Freude gibt es eine alte Mutter Ye — das ist die Mutter von Mingyan, dem Diener Schatzjade[7]s. Sie ist eine ehrliche alte Haut, und sie versteht sich ausgezeichnet mit der Mutter von unserer Oriole. Darum wäre es am besten, diese Aufgabe Mutter Ye zu übertragen.
Wenn sie etwas nicht weiß, wird sie sich auch ohne unser Zutun an Orioles Mutter um Rat wenden. Und selbst wenn sich Mutter Ye überhaupt nicht darum kümmert und alles Orioles Mutter überlässt, so ist das ihre Privatangelegenheit. Sollten die Leute darüber reden, trifft ihr Groll nicht uns. Wenn Ihr es so macht, handelt Ihr gerecht, und die Sache ist in besten Händen.“
„Vortreffllich!“ erklärten Frau Li und Friedchen.
„Ich fürchte nur, angesichts des Nutzens könnte sie die Pflichten der Freundschaft vergessen“, wandte Erkundefrühling lächelnd ein.
Friedchen versicherte ebenfalls lächelnd: „Bestimmt nicht! Neulich erst ist Mutter Ye die Ehrenmutter von Oriole geworden, und sie waren zum Essen und Wein eingeladen. Die beiden Familien sind engstens miteinander befreundet.“
Erkundefrühling gab sich zufrieden. Dann einigten sie sich noch auf mehrere andere Frauen, an denen sie alle vier durch nüchterne Betrachtung schon lange Gefallen gefunden hatten, und setzten mit dem Schreibpinsel Kringel an ihre Namen.
Bald darauf kamen die alten Dienerinnen zurück und meldeten, dass der Arzt gehen wolle, und überreichten das Rezept. Die drei sahen es sich an und gaben Auftrag, den Arzt hinauszugeleiten, die Zutaten für die Arznei zu holen und darauf achtzugeben, dass sie richtig zubereitet und eingenommen würde.
Dann verkündete Erkundefrühling zusammen mit Frau Li allen Anwesenden genau, wer von nun an für welchen Bereich zuständig sein sollte: „Abzüglich der festgelegten Mengen, die in jeder Jahreszeit für den Haushalt gebraucht werden, könnt ihr den Rest zu eurem eigenen Vorteil verwenden. Zum Jahresende wird Abrechnung gehalten.“
Erkundefrühling warf lächelnd ein: „Mir ist noch etwas eingefallen. Wenn zum Jahresende abgerechnet wird und ein Gewinn abzuführen ist, wird er natürlich in die Haushaltskasse gezahlt. Auf diese Weise wird dann wieder eine höhere Verwaltung eingeschaltet, in deren Händen die Sache liegt und die ihren Anteil dabei abschöpft. Schon dadurch, dass wir jetzt diese Regelung einführen und euch für diese Dinge einsetzen, handeln wir über die Köpfe der Verwalter hinweg. Die werden wütend darüber sein, auch wenn sie kein Wort dazu sagen. Worauf sollten sie also anders warten als auf eure Gewinnabführung zum Jahresende, um ihr Spiel mit euch zu treiben!
Außerdem ist es ja so, dass im Laufe des Jahres von allen Dingen, die der Verwaltung unterliegen, die Herrschaften einen ganzen Anteil erhalten und die Verwalter einen halben. Das ist der herkömmliche Brauch des Hauses, und jedermann weiß es — von dem, was sie sonst noch unterschlagen, ganz abgesehen. Aber diese Neuregelung für den Garten ist mein eigenes Werk. Sie soll nicht in die Hände der Verwalter geraten, und was zum Jahresende an Geldern abgeführt wird, muss in unsere eigene Kasse fließen!“
Schatzspange sagte lächelnd: „Meiner Meinung nach brauchen wir auch keine interne Gewinnabführung. Wenn an einer Stelle viel Geld einkommt und an der anderen wenig, macht das nur Umstände. Besser ist es, jede, die eine Zuständigkeit übernimmt, übernimmt auch die Beschaffung eines bestimmten Bedarfsartikels. Es geht ja nur um die Dinge, die von den Gartenbewohnern gebraucht werden.
Ich habe es einmal für euch überschlagen — es ist nur eine beschränkte Anzahl von Dingen: nämlich Haaröl, Rouge, Puder, Räucherwerk und Papier, und für jedes Fräulein mit seinen Zofen gibt es feste Zuweisungen. Das andere sind Besen, Kehrschaufeln und Flederwische für die einzelnen Gartenhäuser sowie das Futter für Ziergeflügel, Singvögel, Hirsche und Kaninchen. Das ist schon alles. Überlegt einmal, wie viel gespart wird, wenn das die Frauen übernehmen und aus der Haushaltskasse kein Geld mehr dafür in Anspruch genommen werden muss!“
Friedchen sagte lächelnd: „Diese Posten sind zwar klein, aber für ein ganzes Jahr zusammengerechnet können gut vierhundert Liang Silber gespart werden.“
Schatzspange fuhr lächelnd fort: „So ist es! Vierhundert im Jahr, in zwei Jahren achthundert. Davon kann man ein paar Häuser kaufen, für die man Miete kassiert, und auch einige Morgen Land hinzürwerben. Dann bleibt zwar immer noch ein Überschuss, aber den sollten die Frauen behalten dürfen, wenn sie das ganze Jahr über so hart arbeiten. Das Hauptanliegen ist es zwar, den Nutzen zu erhöhen und die Ausgaben zu verringern, aber man darf auch nicht zu geizig sein. Vielleicht noch einmal zwei- bis dreihundert Liang Silber zu gewinnen, dafür aber das Ansehen der Familie zu verlieren, ist auch nicht der Sinn der Sache.
Wenn es also auf diese Weise gehandhabt wird und die Haushaltskasse vier- oder fünfhundert Liang Silber pro Jahr weniger zu zahlen hat, bedeutet das den Verwaltern gegenüber noch keinen Geiz, die Frauen im Garten jedoch gewinnen einen kleinen Zuschuss. So wird es diesen alten Müttern ein wenig besser gehen, die sonst keine Einnahmeqülle haben, und auch die Blumen und Bäume im Garten werden von Jahr zu Jahr üppiger wachsen, und auch ihr bekommt, was ihr braucht. Bei alledem aber bleibt die Reputation erhalten.
Wenn man einzig und allein darauf aus wäre zu sparen, könnte man freilich überall noch eine Kleinigkeit herauswirtschaften. Aber wenn man jedes bisschen Gewinn für die Haushaltskasse beschlagnahmt, dann wird im inneren wie im äußeren Bereich des Hauses des Murrens kein Ende mehr sein. Und wäre damit für eine Familie wie die Eure die Reputation nicht verscherzt?
Nun sind aber ein paar Dutzend alte Mütter hier im Garten. Wenn man nur den einen etwas zukommen lässt, werden die übrigen mit Sicherheit murren, das sei ungerecht. Darum war mein Vorschlag wohl ein wenig zu grosszügig: Die Frauen brauchen nur für diese Bedarfsartikel zu sorgen. Darüber hinaus aber sollte jede von ihnen, gleichgültig ob ihr ein Überschuss bleibt oder nicht, auch noch eine bestimmte Anzahl von Münzschnüren pro Jahr abliefern, die alle in einen Topf kommen und an die übrigen Frauen im Garten verteilt werden.
Diese bewirtschaften zwar nichts, aber sie sind doch Tag und Nacht hier im Einsatz: Sie halten Wache, machen Botengänge, öffnen und schließen Türen und Tore, stehen früh auf und gehen spät schlafen. Im stärksten Regen und im tiefsten Schnee tragen sie die Fräulein in Sänften, staken sie in Booten, ziehen sie in Eisschlitten. Für alle groben Arbeiten werden sie eingesetzt. Das ganze Jahr über mühen sie sich hier im Garten bis zum letzten — darum gehört es einfach dazu, dass auch sie etwas abbekommen, wenn hier im Garten ein Gewinn erzielt wird.
Und noch ein Wort will ich Euch offen sagen, ganz ohne Umschweife: Wenn Ihr Euch nur um Euren eigenen Wohlstand kümmert und ihnen nicht auch eine Kleinigkeit abgebt, werden sie es zwar nicht wagen, offen zu grollen, innerlich aber werden sie unzufrieden sein. Unter dem Vorwand pflichtgemässer Arbeit werden sie nur auf das eigene Wohl bedacht sein. Dann pflücken sie auf Eure Kosten mehr Obst und mehr Blumen, und ihr könnt euch nirgends darüber beklagen. Wenn Ihr sie aber ein wenig am Gewinn beteiligt, werden sie für Euch auch auf Dinge achten, die Euch selbst entgehen.“
Als die alten Dienerinnen diese Erläuterungen hörten und so erfuhren, dass sie sowohl der Beaufsichtigung durch die Buchhaltung entgehen als auch von der Abrechnung mit Phönixglanz befreit sein würden und lediglich einmal im Jahr ein paar Münzschnüre abzuführen hätten, war jede von ihnen außerordentlich froh, und sie erklärten einstimmig: „Wir sind einverstanden! Das ist besser, als uns draußen von denen piesacken zu lassen und ihnen dann noch Geld geben zu müssen.“
Und diejenigen, die keine Verantwortung übernehmen sollten, freuten sich ebenfalls, als sie hörten, sie würden an jedem Jahresende einen Geldanteil empfangen: „Die anderen haben die Mühe, alles in Ordnung zu halten, da müssen sie schon ein wenig als Zuschuss bekommen“, sagten sie. „Aber wir können doch nicht gut einen vollen Gewinn einstreichen, ohne einen Handschlag zu tun.“
Schatzspange sagte lächelnd: „Schlagt es nicht ab, Mütterchen! Das muss schon sein. Wenn ihr euch nur bei Tag und bei Nacht ein wenig mehr anstrengt, euch nicht vor der Arbeit drückt und auch nicht zulässt, dass andere Wein trinken und Glücksspiele spielen, dann ist schon alles in Ordnung.
Gewiss, ich hätte mich eigentlich um diese Dinge nicht zu kümmern. Aber ihr habt ja genau wie ich gehört, wie mich die Tante immer wieder persönlich darum gebeten hat. Die ältere junge Herrin habe jetzt keine Zeit dafür, und die anderen jungen Fräulein seien noch zu jung, hat sie gesagt, darum gebe sie mir den Auftrag, auf alles achtzugeben. Hätte ich abgelehnt, dann hätte es so ausgesehen, als wollte ich, dass die Tante sich Sorgen machen muss. Eure junge Herrin ist viel krank und hat mit den Hausangelegenheiten genug zu tun. Ich dagegen bin ein Müssiggänger. Allein schon als Nachbarin wäre man verpflichtet zu helfen — um wie viel mehr erst, wenn einen die eigene Tante beauftragt! Also musste ich mein kleines Ich vergessen und an das Große und Ganze denken, auch wenn die Leute mit mir unzufrieden sind. Wenn ich nur um meiner selbst willen auf guten Ruf bedacht wäre — wie könnte ich dann der Tante ins Gesicht sehen, falls hier durch Trunk- oder Spielsucht etwas geschieht?
Für euch aber käme die Reue zu spät, und euer guter Name wäre verloren. Die jungen Fräulein und der ganze große Garten sind eurer Aufsicht überlassen, und das nur, weil ihr alte Frauen aus Familien seid, die schon seit drei oder vier Generationen im Hause dienen, und weil ihr in höchstem Masse auf Sitte und Anstand haltet. Da müsst ihr nun aber auch einmütig auf euer Ansehen bedacht sein. Stattdessen lässt ihr es zu, dass andere nach Belieben trinken und spielen. Wenn die Tante davon erfährt und euch dafür eine Belehrung erteilt, mag das noch angehen. Aber was, wenn es die Verwalterfrauen erfahren? Sie brauchen es ja nicht der Tante zu melden und können euch selbst zur Rede stellen. Dann würdet ihr, die Älteren, von Jüngeren eine Belehrung erfahren.
Auch wenn sie nun einmal die Verwalterinnen sind und dadurch das Recht haben, euch zu kontrollieren — ist es nicht besser, ihr achtet ein wenig auf euer Ansehen, sodass sie erst gar nicht die Möglichkeit haben, euch in den Schmutz zu ziehen? Darum habe ich mir jetzt diese außerplanmäßige Verdienstmöglichkeit für euch ausgedacht, damit ihr einmütig zusammenhaltet und die Verhältnisse hier im Garten in jeder Hinsicht in beste Ordnung bringt.
Wenn dann diejenigen, die die Macht haben und die Verantwortung tragen, diese strenge Ordnung und diese große Sorgfalt sehen, werden sie wissen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, und werden euch dafür achten. Außerdem ist es dann auch nicht umsonst gewesen, dass man eine Verdienstmöglichkeit für euch geschaffen hat. So könntet ihr ein wenig von ihrer Macht erringen und zugleich einen Vorteil haben. Könnte dadurch nicht sinnlose Verschwendung vermieden und den Verantwortlichen ein Teil ihrer Sorgen abgenommen werden? Überlegt es euch gut!“
Sofort brodelten die Stimmen der alten Dienerinnen froh durcheinander: „Ihr habt vollkommen recht, Fräulein! Ihr und die junge gnädige Frau könnt von nun an ganz unbesorgt sein. Wenn wir uns jetzt, nachdem Ihr so große Güte gegen uns bewiesen habt, nicht von der besten Seite zeigen, sollen Himmel und Erde uns nicht länger dulden!“
Kaum hatten sie das gesagt, kam Lin Zhixiaos Frau herein und meldete: „Gestern sind Angehörige des Hauses Zhen aus Jiangnan in der Hauptstadt eingetroffen. Heute sind sie im Kaiserpalast, um ihre Glückwünsche darzubringen, und haben vorab Boten mit Geschenken und Grüßen geschickt.“ Damit übergab sie die Geschenkliste.
Erkundefrühling nahm sie entgegen und las vor: „Geblümter Brokat und Drachenbrokat für Kaiserlichen Gebrauch — zwölf Stück; verschiedenfarbiger Brokat für Kaiserlichen Gebrauch — zwölf Stück; verschiedenfarbige Seidengaze für Kaiserlichen Gebrauch — zwölf Stück; Seidentaft für Kaiserlichen Gebrauch — zwölf Stück; Brokat, Seidengaze, Seidentaft und Seidensatin für amtlichen Gebrauch — vierundzwanzig Stück.“
Frau Li, die mitgelesen hatte, ordnete an: „Belohnt die Boten mit dem höchsten Geldgeschenk!“ Dann befahl sie jemandem, der Herzoginmutter[8] Meldung zu machen. Die Herzoginmutter ließ Frau Li, Erkundefrühling, Schatzspange und die anderen zu sich rufen und sah sich die Geschenke gemeinsam mit ihnen an. Frau Li legte die Stoffe beiseite und befahl den Frauen aus dem inneren Speicher: „Nehmt sie erst in Verwahrung, wenn die gnädige Frau sie gesehen hat!“
„Die Zhens sind nicht mit anderen Familien zu vergleichen“, sagte die Herzoginmutter. „Die männlichen Boten hast du mit dem höchsten Geldgeschenk belohnt, aber ehe wir uns versehen, werden wohl auch Botenfrauen kommen, um uns Grüße zu überbringen. Lass also Seidenstücke für sie bereitlegen!“
Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da wurde tatsächlich gemeldet: „Es sind vier Frauen aus dem Hause Zhen da, um ihren Gruß zu entbieten.“
Sofort befahl die Herzoginmutter, sie hereinzuführen.
Die vier Frauen waren alle über vierzig Jahre alt, und ihre Kleidung unterschied sich nicht groß von der, wie Herrschaften sie tragen. Als sie gegrüst und nach dem Befinden gefragt hatten, befahl die Herzoginmutter, vier Fussbänke zu bringen. Die vier Frauen bedankten sich und warteten, bis Schatzspange und die anderen Platz genommen hatten, ehe auch sie sich setzten.
„Wann seid ihr in der Hauptstadt angekommen?“ erkundigte sich die Herzoginmutter.
Sofort erhoben sich die vier Frauen wieder und antworteten: „Gestern sind wir angekommen. Heute hat sich die gnädige Frau mit dem gnädigen Fräulein in den Palast begeben, um ihren Gruß zu entbieten, darum hat sie uns hergeschickt, um nach Eurem Befinden zu fragen und den jungen Fräulein Grüße zu senden.“
Die Herzoginmutter fragte lächelnd: „All die Jahre wart ihr nicht in der Hauptstadt. Wir dachten nicht, dass ihr dieses Jahr kommen würdet.“
Die vier Frauen erwiderten ebenfalls lächelnd: „Ganz recht. Dieses Jahr sind wir auf allerhöchsten Befehl hier.“
„Ist die ganze Familie mitgekommen?“ wollte die Herzoginmutter weiter wissen.
„Die alte gnädige Frau und der junge Herr, die beiden Fräulein und die zweite gnädige Frau sind nicht mitgekommen“, gaben die vier Frauen Auskunft. „Nur die gnädige Frau selbst und das dritte gnädige Fräulein sind hier.“
„Hat das Fräulein schon einen Verlobten?“ erkundigte sich die Herzoginmutter.
„Nein, noch nicht“, erwiderten die vier Frauen.
Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Euer ältestes und euer zweites Fräulein — die beiden Familien, in die sie eingeheiratet haben, verstehen sich sehr gut mit unserer Familie.“
Die vier Frauen lächelten und sagten: „So ist es. Jedes Jahr schreiben die Fräulein nach Hause und betonen, dass sie alles nur Eurer liebevollen Fürsorge verdanken.“
Die Herzoginmutter wehrte lächelnd ab: „Von Fürsorge kann keine Rede sein. Seit Generationen sind unsere Familien miteinander befreundet und verschwägert, da muss das so sein. Besonders euer zweites Fräulein ist sehr lieb und weder selbstgefällig noch überheblich, darum verkehren wir gerade mit ihr besonders herzlich.“
„Ihr seid zu bescheiden, alte gnädige Frau“, erklärten die vier Frauen lächelnd.
„Euer junger Herr lebt auch bei eurer alten gnädigen Frau?“ wollte die Herzoginmutter nun wissen.
„Ja, bei der alten gnädigen Frau“, bestätigten die vier Frauen.
„Wie alt ist er jetzt?“ fragte die Herzoginmutter und fuhr fort: „Geht er schon zur Schule?“
Die vier Frauen sagten lächelnd: „Dreizehn ist er in diesem Jahr. Weil er gut gewachsen ist, hat ihn die alte gnädige Frau sehr gern. Aber von klein auf ist er über alle Maßen ungezogen. Tag für Tag schwänzt er die Schule, doch der gnädige Herr und die gnädige Frau können nicht gut streng zu ihm sein.“
Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Das ist ja ganz wie bei uns! Aber wie heißt euer junger Herr?“
„Weil die alte gnädige Frau ihn als ein rechtes Kleinod ansieht und er auch eine ganz helle Haut hat, hat die alte gnädige Frau ihn Schatzjade — ›wertvolle Jade‹ — genannt“, antworteten die vier Frauen.
Die Herzoginmutter wandte sich an Frau Li und die anderen: „Ausgerechnet auch Schatzjade!“
Frau Li deutete sofort ein Aufstehen an und erwiderte lächelnd: „Von alters her gibt es viele Fälle von Namensgleichheit, ob zur selben oder zu verschiedener Zeit.“
Die vier Botenfrauen sagten lächelnd: „Schon als er diesen Kindheitsnamen bekam, hegte man bei uns hohen und niederen Standes den Verdacht, in irgendeiner Familie von Freunden oder Verwandten müsse es den gleichen Namen geben. Aber da wir mehr als zehn Jahre nicht in der Hauptstadt waren, konnte sich niemand genau erinnern.“
„Wie könnten wir es nur wagen!“ sagte die Herzoginmutter. „Mein Enkel heißt so.“ Dann befahl sie: „Kommt her!“
Die Dienerinnen und Zofen antworteten „Jawohl“ und traten einige Schritte näher.
Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Geht in den Garten und holt unseren Schatzjade, damit diese vier Verwalterinnen ihn sich ansehen und mit ihrem Schatzjade vergleichen können!“
Die Dienerinnen gingen sogleich los, und als sie bald darauf zurückkamen, führten sie Schatzjade in ihrer Mitte.
Kaum hatten die Botenfrauen ihn erblickt, sprangen sie auf und erklärten lächelnd: „Also, das ist ein Schreck! Wenn wir nicht bei Euch wären und ihn stattdessen woanders getroffen hätten, würden wir jetzt meinen, unser Schatzjade sei uns in die Hauptstadt nachgereist!“
Bei diesen Worten traten sie an Schatzjade heran, fassten ihn bei den Händen und wollten tausend Dinge von ihm wissen. Auch Schatzjade grüsste lächelnd zurück.
„Wie sieht er im Vergleich zu eurem aus?“ fragte die Herzoginmutter lächelnd.
Frau Li und die anderen sagten lächelnd: „Was die vier Mütterchen eben sagten, zeigt deutlich genug, dass er ihm gleicht wie ein Ei dem anderen.“
Die Herzoginmutter wehrte lächelnd ab: „Wie könnte es so einen Zufall geben! Kinder aus vornehmen Familien, noch dazu, wenn sie zart aufgezogen werden — wenn ihr Gesicht nicht gerade durch Krankheit entstellt oder schwarz und hässlich ist, sehen sie wahrscheinlich alle genauso gut aus. Das ist überhaupt nichts Seltsames.“
Die vier Botenfrauen sagten lächelnd: „Wie sich zeigt, ist das Aussehen der beiden gleich, und wenn man Euch glauben darf, alte gnädige Frau, müssten sie auch genauso ungezogen sein. Uns scheint aber, dieser junge Herr hier ist von besserer Wesensart als der unsere.“
„Woran zeigt sich das?“ wollte die Herzoginmutter sofort wissen.
Die vier Frauen erklärten lächelnd: „Es war zu merken, als wir ihn eben bei den Händen fassten und mit ihm sprachen. Unser Schatzjade nennt uns einfach dumm. Wir dürfen keinen seiner Gegenstände auch nur ein wenig verrücken, geschweige denn berühren. Bedienen lässt er sich nur von Mädchen und ...“
Noch ehe die vier Frauen ausgeredet hatten, konnten Frau Li und die Schwestern nicht mehr an sich halten und brachen in Lachen aus. Auch die Herzoginmutter lachte und sagte: „Wenn wir jetzt jemanden hinschicken würden, um euren Schatzjade zu sehen, und man ihn bei der Hand fasste, würde er es sich auch eine Zeitlang gefallen lassen. Kinder aus Familien wie den unseren zeigen, wie verschroben sie im Inneren auch sein mögen, Fremden gegenüber stets ordentliche Umgangsformen. Wäre das nicht der Fall, würde man ihnen auch keine Marotten durchgehen lassen.
Warum die Erwachsenen eine Schwäche für sie haben, ist zum einen, dass ihre äußere Erscheinung Wohlgefallen erregt, und zum andern, dass ihr Benehmen Fremden gegenüber besser ist als das manches Erwachsenen, sodass die Leute Liebe und Zuneigung für sie verspüren. Nur deshalb sieht man ihnen insgeheim einiges nach. Würden sie sich draußen genauso benehmen wie drinnen und den Erwachsenen keine Ehre machen, müsste man sie totschlagen, egal wie hübsch sie auch gewachsen sind.“
„Ihr habt vollkommen recht, alte gnädige Frau“, bestätigten die vier Botenfrauen lächelnd. „Wenn unser Schatzjade auch frech und sonderbar ist, so ist doch sein Benehmen in Gegenwart von Gästen manchmal korrekter als das der Erwachsenen. Deshalb gibt es niemand, der ihn nicht liebte, wenn er ihn sieht, und alle fragen, wofür er eigentlich Schläge bekommt. Sie haben ja nicht die geringste Vorstellung davon, dass zu Hause kein Gesetz und keine Autorität für ihn gelten. Was einem Erwachsenen nie einfallen würde, das spricht er nicht nur aus, das tut er auch. Dadurch ist er dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau so verhasst, dass sie sich nicht zu helfen wissen.
Unbeherrschtheit ist etwas ganz Gewöhnliches für ein Kind, Leichtfertigkeit und Verschwendungssucht sind etwas ganz Gewöhnliches für einen Sohn aus reicher Familie, und Unlust beim Lernen ist ebenfalls etwas ganz Gewöhnliches für ein Kind — all das lässt sich beheben. Aber wie soll man damit fertig werden, wenn jemand vom ersten Lebenstag an derart verschroben ist und ...“
Sie hatten noch nicht zu Ende gesprochen, als gemeldet wurde: „Die gnädige Frau ist zurück.“
Dame König trat ein, entbot der Herzoginmutter ihren Gruß und empfing die Grüße der vier Botenfrauen. Man wechselte einige belanglose Sätze. Dann befahl die Herzoginmutter: „Geh dich ausruhen!“ Erst nachdem Dame König der Herzoginmutter noch eigenhändig Tee gereicht hatte, zog sie sich zurück. Die vier Botenfrauen verabschiedeten sich ebenfalls von der Herzoginmutter und gingen mit Dame König in deren Räume, wo sie ein Weilchen über Familienangelegenheiten plauderten, ehe Dame König sie fortschickte. Aber das muss nicht in allen Einzelheiten berichtet werden.
Inzwischen erzählte die Herzoginmutter in ihrer Freude jedem, den sie sah, es gebe noch einen Schatzjade, und es sei mit ihm genau dasselbe wie mit ihrem eigenen. Alle fanden jedoch, dass dies — groß, wie die Welt sei, zahlreich, wie die Familien von Erbbeamten wären, unzählig, wie Fälle von Namensgleichheit vorkämen, und häufig, wie Großmütter eine Schwäche für ihre Enkel hätten — eine ganz normale Sache sei und durchaus keine Seltenheit. Darum achtete niemand weiter darauf.
Einzig Schatzjade, der den auschweifenden Sinn eines törichten Herrensöhnchens hatte, war der Meinung, die vier Frauen hätten sich die Sache nur ausgedacht, um die Herzoginmutter zu erheitern. Er begab sich dann in den Haselwurzpark, um Xiangji einen Krankenbesuch abzustatten.
Xiangji sagte zu ihm: „Mach nur ruhig weiter so! Bisher hiess es: ›Eine Faser macht noch keinen Faden, ein Baum ergibt noch keinen Wald.‹ Jetzt aber hast du ein zweites Ich gefunden, und wenn du es zu toll treibst und wieder einmal fürchterliche Prügel bekommst, kannst du nach Nanjing ausreißen und nach dem anderen suchen.“
Schatzjade entgegnete: „Das sind doch alles Lügen, und du glaubst sie auch noch! Es wird gerade noch einen Schatzjade geben!“
Xiangji wandte ein: „Warum gab es dann zur Zeit der Streitenden Reiche einen Lin Xiangru und unter der Han-Dynastie einen Sima Xiangru?“
Schatzjade sagte lächelnd: „Zugegeben. Aber genauso ausgesehen haben sie nicht.“
„Und warum haben die Leute in Kuang, als sie Konfuzius sahen, geglaubt, es sei Yang Huo?“ fragte Xiangji.
Schatzjade erwiderte lächelnd: „Konfuzius und Yang Huo sahen zwar gleich aus, hiessen aber nicht gleich. Lin Xiangru und Sima Xiangru hiessen zwar gleich, sahen aber nicht gleich aus. Ausgerechnet bei mir aber soll beides übereinstimmen?“
Xiangji wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte, und sagte lächelnd: „Du kannst nichts als Unsinn reden. Was soll ich mich mit dir auf ein Streitgespräch einlassen! Gibt es ihn oder gibt es ihn nicht — mich geht es nichts an.“ Damit schloss sie die Augen, um zu schlafen.
Schatzjade aber wurde wieder von Zweifeln befallen. Sagte er sich, es gebe ihn bestimmt nicht, so sprach doch einiges dafür, dass es ihn gab; sagte er sich, es gebe ihn bestimmt, so hatte er ihn doch nicht mit eigenen Augen gesehen. Verdriesslich ging er in seine Räume zurück, legte sich auf die Ruhebank und grüblte schweigend darüber nach. Unversehens schlummerte er ein und fand sich plötzlich in einem Garten wieder.
„Nanu“, fragte er sich verwundert, „gibt es denn außer unserem Garten der Großen Anschauung noch einen zweiten solchen Garten?“
Während er sich noch staunend umsah, kamen einige Mädchen auf ihn zu, offensichtlich Zofen. Wieder fragte er sich verwundert: „Gibt es denn auch Mandarinenente[9], Dufthauch[10] und Friedchen noch ein zweites Mal?“
Da hörte er, wie die Mädchen lachend riefen: „Schatzjade! Wie kommt denn unser Schatzjade hierher?“
Schatzjade glaubte, von ihm sei die Rede, und trat rasch näher. Lächelnd sagte er: „Ich bin zufällig auf einem Spaziergang hierher geraten und weiß gar nicht, welcher befreundeten Familie der Garten gehört. Führt mich ein wenig herum, liebste Schwestern!“
Die Mädchen riefen: „Das ist ja gar nicht unser Schatzjade! Aber er sieht ganz ordentlich aus, und ein flottes Mundwerk hat er auch.“
Als Schatzjade das hörte, erkundigte er sich rasch: „Habt ihr hier denn auch einen Schatzjade, liebste Schwestern?“
Sofort erwiderten die Mädchen: „Wir gebrauchen den Namen Schatzjade auf Befehl der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau, um ihm Langlebigkeit und Schutz vor Unheil zu sichern. Wenn wir ihn so nennen, freut er sich. Aber wenn du hergelaufener kleiner Stinker einfach diesen Namen gebrauchst, dann nimm nur dein dreckiges Fleisch in acht, damit es dir nicht weichgeklopft wird!“
Ein anderes Mädchen fugte hinzu: „Kommt, wir gehen schnell, damit uns Schatzjade nicht mit dem hier zusammen sieht! Sonst sagt er noch, weil wir mit diesem kleinen Stinkkerl gesprochen haben, seien auch wir stinkig geworden.“
Damit gingen sie davon. Schatzjade sagte sich verwundert: „So hat mich ja noch nie jemand behandelt! Warum sind sie nur so zu mir? Aber wie es aussieht, gibt es hier wirklich jemanden wie mich.“
In diese Gedanken vertieft, war er aufs Geratewohl weitergegangen und dabei in ein Gehöft geraten. Wieder fragte er sich: „Gibt es also auch einen zweiten Hof der Roten Freude?“
Verwirrt stieg er die Stufen hinauf und trat ins Haus. Dort erblickte er einen Jüngling, der auf einer Ruhebank lag, und mehrere Mädchen, die mit Nadelarbeiten beschäftigt waren, während ein paar andere scherzten und lachten. Der Jüngling seufzte, und eines der Dienstmädchen fragte ihn lächelnd: „Warum schläfst du nicht, Schatzjade? Und worüber seufzt du? Bestimmt machst du dir wieder unnütze Sorgen, weil dein Schwesterlein krank ist!“
Als Schatzjade das hörte, bekam er einen Schreck. Dann sagte der Jüngling auf der Bank: „Ich hatte gehört, wie die alte gnädige Frau erzählte, in der Hauptstadt gebe es ebenfalls einen Schatzjade, dessen Charakter mit meinem übereinstimme, und hatte das nicht geglaubt. Eben geriet ich im Traum in der Hauptstadt in einen Garten und traf dort einige Mädchen, die mich einen kleinen Stinker nannten und sich dann nicht weiter um mich kümmerten. Als ich endlich mit viel Mühe die Räume von Schatzjade fand, schlief er gerade. Nur seine leere fleischliche Hülle lag da, sein eigentliches Ich aber war irgendwohin verschwunden.“
Kaum hatte Schatzjade dies vernommen, sagte er sogleich: „Ich bin hierher gekommen, weil ich Schatzjade suche. Da bist du das also!“
Sofort stand der Jüngling von der Ruhebank auf, fasste Schatzjade bei den Händen und fragte: „Du bist Schatzjade? So war das kein Traum?“
„Wieso denn ein Traum?“ fragte Schatzjade. „Es ist wahr und nochmals wahr!“
Kaum hatte er das ausgesprochen, kam jemand mit der Meldung: „Der gnädige Herr verlangt nach Schatzjade.“
Beide bekamen einen panischen Schreck. Der eine Schatzjade ging fort, und der andere rief ihm hinterher: „Komm schnell zurück, Schatzjade! Komm schnell zurück!“
Dufthauch, die nahe bei ihm saß, hatte gehört, wie Schatzjade im Traum seinen eigenen Namen rief. Sie rüttelte ihn wach und fragte lachend: „Wo ist denn Schatzjade?“
Schatzjade war zwar wach, doch sein Geist war noch benommen. Er wies zur Tür und sagte: „Eben ist er hinausgegangen.“
„Das hast du geträumt“, sagte Dufthauch lachend. „Reib dir den Schlaf aus den Augen und schau genau hin — das ist dein eigenes Spiegelbild.“
Schatzjade blickte auf und sah, dass der große Spiegel mit dem Intarsienrahmen, der seiner Ruhebank gegenüber hing, sein Bild zurückwarf. Nun musste er ebenfalls lachen.
Inzwischen hatten die Mädchen eine Mundspülschale und starken Tee gebracht, und Schatzjade spülte sich den Mund. Moschusmond[11] bemerkte: „Kein Wunder, dass die alte gnädige Frau immer wieder sagt, in den Räumen von jungen Leuten dürfe es nicht zu viele Spiegel geben. Bei jungen Leuten ist die Seele noch unvollkommen; wenn sie sich zu viel spiegeln, schlafen sie schlecht und haben Alpträume. Nachdem wir die Ruhebank hierher geräumt haben, wo auch der Spiegel steht, müssten wir nur die Spiegelhülle darüberziehen, dann wäre alles in Ordnung. Aber wer denkt schon daran, wenn es erst wieder wärmer wird und alle müde und träge sind!
Vorhin zum Beispiel haben wir es auch vergessen. Da hat er natürlich nach dem Hinlegen erst mit seinem Spiegelbild gespielt, und als er dann die Augen schloss, ist ihm im Traum alles durcheinandergeraten. Wie hätte er sich sonst selbst sehen und dabei seinen eigenen Namen rufen können? Am besten schaffen wir morgen die Ruhebank in den Innenraum ...“
Noch ehe sie den letzten Satz beenden konnte, kam eine Botin von Dame König, die Schatzjade zu sich befahl. Was sie ihm zu sagen hatte — wer es wissen will, ...
- ↑ Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „die den Frühling Erforschende" — dritte Tochter Aufrecht Kaufmanns, Nebenfrau Zhaos leibliches Kind, klug und entschlossen.
- ↑ Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange aus dem Hause Schnee" — Tante Schnees Tochter, gebildet, besonnen und gesellschaftlich gewandt.
- ↑ Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedenskind" — Phönixglanz' treue Kammerzofe und Kette Kaufmanns Nebenfrau.
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix" — die temperamentvolle Haushaltsverwalterin des Prunkwille-Anwesens.
- ↑ Chin. 赖大 Lài Dà — der Oberverwalter des Prunkwille-Anwesens. Sein Sohn Lai Shangrong hatte kürzlich ein Gartenfest gegeben.
- ↑ Liang (两) — eine traditionelle chinesische Gewichtseinheit, ca. 37 g. Ein Liang Silber entsprach einer beträchtlichen Summe.
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" — der Protagonist, Aufrecht Kaufmanns Sohn.
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ — die betagte Matriarchin der Familie, geborene Shi.
- ↑ Chin. 鸳鸯 Yuānyāng — die treue Kammerzofe der Herzoginmutter.
- ↑ Chin. 袭人 Xīrén — Schatzjades Hauptzofe.
- ↑ Chin. 麝月 Shèyuè — eine von Schatzjades Zofen.