Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 65"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 65 mit Navigation und Fussnoten)
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Kapitel 65
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Kette Kaufmann [贾琏] heiratet heimlich die Zweitschwester Sonders
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_2|<span style="color: #FFD700;">2</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_3|<span style="color: #FFD700;">3</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_4|<span style="color: #FFD700;">4</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_5|<span style="color: #FFD700;">5</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_6|<span style="color: #FFD700;">6</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_7|<span style="color: #FFD700;">7</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_8|<span style="color: #FFD700;">8</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_9|<span style="color: #FFD700;">9</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_10|<span style="color: #FFD700;">10</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">[11-20]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">[21-30]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">[31-40]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">[41-50]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">[51-60]</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">'''[61-70]'''</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">[71-80]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">[81-90]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">[91-100]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">[101-110]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">[111-120]</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Drittschwester Sonders bringt die Kaufmann-Brüder mit scharfer Zunge zum Schweigen
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Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] und Hibiskus Kaufmann [贾蓉] alles im Einzelnen besprochen hatten und jede Vorkehrung getroffen war. Am zweiten des Monats brachte man zunächst die alte Dame Sonders und die Dritte Schwester ins neue Haus. Als die Alte es sah, war es zwar nicht so prächtig, wie Herrlichkeit Kaufmann es ihr versprochen hatte, doch es war durchaus angemessen ausgestattet, und Mutter und Tochter waren zufrieden. Bao Er und seine Frau empfingen sie voller Eifer wie ein loderndes Feuer: Er nannte die alte Dame Sonders unaufhörlich „Mama" oder „Alte Dame" und die Dritte Schwester „Dritte Tante" oder „Frau Tante". Am nächsten Tag, in der fünften Nachtwache, brachte man die Zweite Schwester in einer schlichten Sänfte herbei. Räucherstäbchen, Kerzen, Papierpferde, Bettzeug, Wein und Speisen — alles war aufs Sorgfältigste vorbereitet worden. Kurz darauf kam Kette Kaufmann in schlichter Kleidung in einer kleinen Sänfte, verbeugte sich vor Himmel und Erde und verbrannte die Papierpferde. Die alte Dame Sonders sah die Zweite Schwester von Kopf bis Fuß strahlend neu gekleidet, ganz anders als zu Hause, und war hochzufrieden. Man führte die Braut ins Hochzeitsgemach. In jener Nacht genossen Kette Kaufmann und sie die Freuden der Ehe in vollkommenem Glück — was nicht im Einzelnen beschrieben werden muss.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_65|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE (Woesler)</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_65|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 65 =
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Kette Kaufmann fand die Zweite Schwester, je länger er sie ansah, umso schöner und entzückender. Er wusste gar nicht, wie er sie genug verwöhnen sollte. Er wies Bao Er und die anderen an, niemals von einer „Ersten" oder „Zweiten" zu sprechen, sondern sie stets als „Herrin" zu bezeichnen — und er selbst nannte sie ebenfalls so und tat, als existiere Phönixglanz [熙凤] gar nicht mehr. Wenn er nach Hause ging, sagte er nur, im Östlichen Palais gebe es Geschäfte zu regeln. Phönixglanz und ihre Leute wussten, dass er mit Herrlichkeit Kaufmann eng vertraut war, und hielten es für selbstverständlich, dass es Dinge zu besprechen gab — sie schöpften keinen Verdacht. Obwohl die Dienerschaft zahlreich war, kümmerte sich niemand um solche Dinge. Selbst jene Müßiggänger, die sich auf das Ausspionieren von Klatsch spezialisierten, schmeichelten sich lieber bei Kette Kaufmann ein und nutzten die Gelegenheit, sich ein paar Vorteile zu verschaffen — keiner wollte etwas verraten. Kette Kaufmann war Herrlichkeit Kaufmann daher unsäglich dankbar. Er gab monatlich fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt aus. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt; wenn er kam, aßen er und seine Frau zusammen, während Mutter und Schwestern sich in ihre Zimmer zurückzogen. Kette Kaufmann brachte auch alle seine über die Jahre angesammelten privaten Ersparnisse und übergab sie der Zweiten Schwester zur Aufbewahrung. Er erzählte ihr auch am Bett ausführlich von Phönixglanzs Charakter und Gebaren und sagte, sobald jene tot sei, werde er sie ins Haus holen. Die Zweite Schwester hörte das und war natürlich einverstanden. So führten die etwa zehn Personen ein recht behagliches und wohlhabendes Leben.
== Kaufmann Jadeschale [贾琏] heiratet heimlich die Zweite Schwester You ==
 
=== You Sanjie bringt die Brüder Jia mit scharfer Zunge zum Schweigen ===
 
  
Es wird erzählt, dass Kaufmann Jadeschale, Kaufmann Schein-Echt<ref>Kaufmann Schein-Echt: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. 珍 zhēn bedeutet „kostbar/echt".</ref> [贾珍] und Kaufmann Herrlichkeit [贾蓉] alles im Einzelnen besprochen hatten und jede Vorkehrung getroffen war. Am zweiten des Monats brachte man zunächst die alte Frau You und die Dritte Schwester ins neue Haus. Als die Alte es sah, war es zwar nicht so prächtig, wie Kaufmann Herrlichkeit es ihr versprochen hatte, doch es war durchaus angemessen ausgestattet, und Mutter und Tochter waren zufrieden. Bao Er und seine Frau empfingen sie voller Eifer wie ein loderndes Feuer: Er nannte die alte Frau You unaufhörlich „Mama" oder „Alte Dame" und die Dritte Schwester „Dritte Tante" oder „Frau Tante". Am nächsten Tag, in der fünften Nachtwache, brachte man die Zweite Schwester in einer schlichten Sänfte herbei. Räucherstäbchen, Kerzen, Papierpferde, Bettzeug, Wein und Speisen — alles war aufs Sorgfältigste vorbereitet worden. Kurz darauf kam Kaufmann Jadeschale in schlichter Kleidung in einer kleinen Sänfte, verbeugte sich vor Himmel und Erde und verbrannte die Papierpferde. Die alte Frau You sah die Zweite Schwester von Kopf bis Fuß strahlend neu gekleidet, ganz anders als zu Hause, und war hochzufrieden. Man führte die Braut ins Hochzeitsgemach. In jener Nacht genossen Kaufmann Jadeschale und sie die Freuden der Ehe in vollkommenem Glück — was nicht im Einzelnen beschrieben werden muss.
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Im Nu waren zwei Monate vergangen. An diesem Tag hatte Herrlichkeit Kaufmann im Eiserne-Schwelle-Kloster eine buddhistische Zeremonie abgeschlossen und wollte am Abend auf dem Heimweg, weil er seine Schwägerinnen schon so lange nicht gesehen hatte, ihnen einen Besuch abstatten. Er schickte zunächst einen Burschen los, um zu erkunden, ob Kette Kaufmann da sei. Der Bursche kam zurück und sagte nein. Herrlichkeit Kaufmann freute sich, schickte alle Begleiter voraus und behielt nur zwei vertraute Burschen bei sich, die die Pferde führten. Zur Zeit des Lampenanzündens kam er leise ans neue Haus. Die beiden Burschen banden die Pferde im Stall an und gingen in die Dienstbotenräume, um zu warten.
  
Kaufmann Jadeschale fand die Zweite Schwester, je länger er sie ansah, umso schöner und entzückender. Er wusste gar nicht, wie er sie genug verwöhnen sollte. Er wies Bao Er und die anderen an, niemals von einer „Ersten" oder „Zweiten" zu sprechen, sondern sie stets als „Herrin" zu bezeichnen — und er selbst nannte sie ebenfalls so und tat, als existiere Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref> [熙凤] gar nicht mehr. Wenn er nach Hause ging, sagte er nur, im Östlichen Palais gebe es Geschäfte zu regeln. Phönixglanz und ihre Leute wussten, dass er mit Kaufmann Schein-Echt eng vertraut war, und hielten es für selbstverständlich, dass es Dinge zu besprechen gab sie schöpften keinen Verdacht. Obwohl die Dienerschaft zahlreich war, kümmerte sich niemand um solche Dinge. Selbst jene Müßiggänger, die sich auf das Ausspionieren von Klatsch spezialisierten, schmeichelten sich lieber bei Kaufmann Jadeschale ein und nutzten die Gelegenheit, sich ein paar Vorteile zu verschaffen keiner wollte etwas verraten. Kaufmann Jadeschale war Kaufmann Schein-Echt daher unsäglich dankbar. Er gab monatlich fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt aus. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt; wenn er kam, aßen er und seine Frau zusammen, während Mutter und Schwestern sich in ihre Zimmer zurückzogen. Kaufmann Jadeschale brachte auch alle seine über die Jahre angesammelten privaten Ersparnisse und übergab sie der Zweiten Schwester zur Aufbewahrung. Er erzählte ihr auch am Bett ausführlich von Phönixglanzs Charakter und Gebaren und sagte, sobald jene tot sei, werde er sie ins Haus holen. Die Zweite Schwester hörte das und war natürlich einverstanden. So führten die etwa zehn Personen ein recht behagliches und wohlhabendes Leben.
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Herrlichkeit Kaufmann trat ein. Drinnen waren gerade die Lampen angezündet worden. Er begrüßte die alte Dame Sonders und die Töchter; dann kam die Zweite Schwester heraus, und Herrlichkeit Kaufmann nannte sie wie zuvor „Zweite Schwägerin". Man trank Tee und plauderte eine Weile. Herrlichkeit Kaufmann sagte lachend: „Wie ist der Heiratsvermittler, den ich euch besorgt habe? Wenn ihr die Gelegenheit verpasst hättet, hättet ihr selbst mit einer Laterne keinen Besseren gefunden! In ein paar Tagen wird eure Schwester Geschenke vorbereiten und euch besuchen kommen." Während sie sprachen, hatte die Zweite Schwester bereits Wein und Speisen vorbereiten lassen. Die Tür wurde geschlossen; da man unter sich war, gab es keine Förmlichkeiten. Bao Er kam, um seine Aufwartung zu machen. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Du bist ein Kerl mit Gewissen, deshalb habe ich dich hierher beordert. Künftig habe ich noch wichtige Verwendung für dich treib dich nur nicht draußen herum und mach keinen Ärger. Ich werde dich belohnen. Wenn hier etwas fehlt — dein Zweiter Herr Lian hat viel zu tun, und dort drüben sind zu viele Leute komm ruhig direkt zu mir. Wir Brüder sind nicht wie andere." Bao Er antwortete: „Jawohl, ich weiß Bescheid. Wenn ich nicht mit ganzem Herzen diene, lasse ich mich köpfen." Herrlichkeit Kaufmann nickte: „So will ich es hören." Man trank zu viert. Die Zweite Schwester, die die Lage verstand, lud ihre Mutter ein: „Mir ist unheimlich — Mama, komm, wir gehen drüben ein bisschen spazieren." Die alte Dame Sonders verstand ebenfalls und ging tatsächlich mit ihr hinaus. Nur die kleinen Mädchen blieben. Herrlichkeit Kaufmann rückte sofort an die Dritte Schwester heran, Schulter an Schulter, Wange an Wange, und begann sie auf jede erdenkliche Weise zu bedrängen. Die Mädchen konnten es nicht mit ansehen und schlichen sich alle hinaus, überließen die beiden sich selbst — was sie miteinander trieben, sei hier nicht beschrieben.
  
Im Nu waren zwei Monate vergangen. An diesem Tag hatte Kaufmann Schein-Echt im Eiserne-Schwelle-Kloster eine buddhistische Zeremonie abgeschlossen und wollte am Abend auf dem Heimweg, weil er seine Schwägerinnen schon so lange nicht gesehen hatte, ihnen einen Besuch abstatten. Er schickte zunächst einen Burschen los, um zu erkunden, ob Kaufmann Jadeschale da sei. Der Bursche kam zurück und sagte nein. Kaufmann Schein-Echt freute sich, schickte alle Begleiter voraus und behielt nur zwei vertraute Burschen bei sich, die die Pferde führten. Zur Zeit des Lampenanzündens kam er leise ans neue Haus. Die beiden Burschen banden die Pferde im Stall an und gingen in die Dienstbotenräume, um zu warten.
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Die beiden Burschen tranken unten in der Küche mit Bao Er; Bao Ers Frau stand am Herd. Plötzlich kamen zwei Mädchen lachend herunter und wollten auch Wein trinken. Bao Er sagte: „Warum seid ihr nicht oben beim Dienen? Wenn man euch ruft und niemand da ist, gibt es Ärger." Seine Frau schimpfte: „Du verblödeter Tölpel! Sauf nur deinen Fusel! Sauf dich voll und leg dich mit deinen Knochen hin und streck alle viere von dir! Ob gerufen wird oder nicht, geht dich einen Dreck an! Ich stehe für alles gerade — dich trifft kein Regen und kein Wind." Bao Er verdankte seinen Aufstieg im Grunde seiner Frau; in letzter Zeit war er ihr noch mehr verpflichtet. Er kümmerte sich um nichts außer Geldverdienen und Weintrinken, und Kette Kaufmann und die anderen tadelten ihn nicht dafür. So behandelte er seine Frau wie eine Mutter, gehorchte ihr in allem, trank sich voll und ging schlafen. Bao Ers Frau blieb mit den Mädchen und Burschen beim Wein, um sich deren Gunst zu sichern — denn sie wollte vor Herrlichkeit Kaufmann gut dastehen.
  
Kaufmann Schein-Echt trat ein. Drinnen waren gerade die Lampen angezündet worden. Er begrüßte die alte Frau You und die Töchter; dann kam die Zweite Schwester heraus, und Kaufmann Schein-Echt nannte sie wie zuvor „Zweite Schwägerin". Man trank Tee und plauderte eine Weile. Kaufmann Schein-Echt sagte lachend: „Wie ist der Heiratsvermittler, den ich euch besorgt habe? Wenn ihr die Gelegenheit verpasst hättet, hättet ihr selbst mit einer Laterne keinen Besseren gefunden! In ein paar Tagen wird eure Schwester Geschenke vorbereiten und euch besuchen kommen." Während sie sprachen, hatte die Zweite Schwester bereits Wein und Speisen vorbereiten lassen. Die Tür wurde geschlossen; da man unter sich war, gab es keine Förmlichkeiten. Bao Er kam, um seine Aufwartung zu machen. Kaufmann Schein-Echt sagte: „Du bist ein Kerl mit Gewissen, deshalb habe ich dich hierher beordert. Künftig habe ich noch wichtige Verwendung für dich — treib dich nur nicht draußen herum und mach keinen Ärger. Ich werde dich belohnen. Wenn hier etwas fehlt — dein Zweiter Herr Lian hat viel zu tun, und dort drüben sind zu viele Leute — komm ruhig direkt zu mir. Wir Brüder sind nicht wie andere." Bao Er antwortete: „Jawohl, ich weiß Bescheid. Wenn ich nicht mit ganzem Herzen diene, lasse ich mich köpfen." Kaufmann Schein-Echt nickte: „So will ich es hören." Man trank zu viert. Die Zweite Schwester, die die Lage verstand, lud ihre Mutter ein: „Mir ist unheimlich — Mama, komm, wir gehen drüben ein bisschen spazieren." Die alte Frau You verstand ebenfalls und ging tatsächlich mit ihr hinaus. Nur die kleinen Mädchen blieben. Kaufmann Schein-Echt rückte sofort an die Dritte Schwester heran, Schulter an Schulter, Wange an Wange, und begann sie auf jede erdenkliche Weise zu bedrängen. Die Mädchen konnten es nicht mit ansehen und schlichen sich alle hinaus, überließen die beiden sich selbst — was sie miteinander trieben, sei hier nicht beschrieben.
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Gerade als die vier sich amüsierten, klopfte es an der Tür. Bao Ers Frau eilte zum Öffnen — es war Kette Kaufmann, der vom Pferd stieg und fragte, ob alles in Ordnung sei. Bao Ers Frau flüsterte ihm zu: „Der Erste Herr ist hier — im westlichen Hof." Kette Kaufmann hörte das und ging in sein Schlafzimmer. Dort fand er die Zweite Schwester und ihre Mutter; als sie ihn sahen, lag ein verlegener Ausdruck auf ihren Gesichtern. Kette Kaufmann tat, als bemerke er nichts, und sagte nur: „Bringt schnell Wein — ich will noch ein paar Gläser trinken und dann schlafen. Ich bin heute sehr müde." Die Zweite Schwester eilte herbei, lächelnd, nahm ihm die Oberkleider ab und brachte Tee, fragte dies und jenes. Kette Kaufmann war entzückt vor Freude. Bald brachte Bao Ers Frau den Wein, und die beiden tranken zusammen. Die Schwiegermutter trank nicht mit und ging in ihr Zimmer schlafen. Eins der Mädchen kam herüber zum Bedienen.
  
Die beiden Burschen tranken unten in der Küche mit Bao Er; Bao Ers Frau stand am Herd. Plötzlich kamen zwei Mädchen lachend herunter und wollten auch Wein trinken. Bao Er sagte: „Warum seid ihr nicht oben beim Dienen? Wenn man euch ruft und niemand da ist, gibt es Ärger." Seine Frau schimpfte: „Du verblödeter Tölpel! Sauf nur deinen Fusel! Sauf dich voll und leg dich mit deinen Knochen hin und streck alle viere von dir! Ob gerufen wird oder nicht, geht dich einen Dreck an! Ich stehe für alles gerade — dich trifft kein Regen und kein Wind." Bao Er verdankte seinen Aufstieg im Grunde seiner Frau; in letzter Zeit war er ihr noch mehr verpflichtet. Er kümmerte sich um nichts außer Geldverdienen und Weintrinken, und Kaufmann Jadeschale und die anderen tadelten ihn nicht dafür. So behandelte er seine Frau wie eine Mutter, gehorchte ihr in allem, trank sich voll und ging schlafen. Bao Ers Frau blieb mit den Mädchen und Burschen beim Wein, um sich deren Gunst zu sichern — denn sie wollte vor Kaufmann Schein-Echt gut dastehen.
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Kette Kaufmanns Vertrauensknabe Drachenkind hatte sein Pferd angebunden und bemerkt, dass dort bereits ein anderes Pferd stand. Er sah genauer hin und erkannte, dass es Herrlichkeit Kaufmanns war. Er verstand und ging ebenfalls in die Küche. Dort saßen Xi'er und Shou'er <ref>Herrlichkeit Kaufmanns Burschen</ref> und tranken. Als sie ihn kommen sahen, verstanden auch sie und sagten lachend: „Du kommst gerade zur rechten Zeit! Wir konnten mit dem Pferd des Herrn nicht mithalten und fürchteten, die Nachtwache zu stören — deshalb haben wir hier Quartier genommen." Drachenkind lachte: „Es gibt Platz genug — schlaft nur! Ich bin vom Zweiten Herrn geschickt worden, um das Monatssilber abzuliefern. Nachdem ich es der Herrin gegeben habe, gehe ich auch nicht mehr zurück." Xi'er sagte: „Wir haben genug getrunken — trink du eine Runde." Drachenkind setzte sich gerade und hob den Becher, als aus dem Pferdestall Lärm ertönte: Die beiden Pferde im selben Stall vertrugen sich nicht und traten und schlugen aufeinander ein. Drachenkind und die anderen sprangen auf, rannten hinaus und beruhigten die Pferde mit Müh und Not, banden sie getrennt an und kamen zurück. Bao Ers Frau sagte lachend: „Bleibt alle drei hier; Tee ist fertig — ich gehe jetzt." Damit schloss sie die Tür hinter sich. Xi'er hatte einige Becher getrunken und war schon glasig. Drachenkind und Shou'er schlossen die Tür und sahen Xi'er steif wie ein Brett auf dem Rücken auf dem Kang liegen. Sie stießen ihn an: „Guter Bruder, steh auf und schlaf ordentlich — wenn du den ganzen Platz einnimmst, haben wir es schwer." Xi'er brummte: „Heute Nacht spielen wir schön fair und ehrlich — wer den Anständigen spielt, den prügele ich windelweich!" Drachenkind und Shou'er sahen, dass er betrunken war, und sagten nichts weiter; sie löschten das Licht und legten sich hin, so gut es ging.
  
Gerade als die vier sich amüsierten, klopfte es an der Tür. Bao Ers Frau eilte zum Öffnen — es war Kaufmann Jadeschale, der vom Pferd stieg und fragte, ob alles in Ordnung sei. Bao Ers Frau flüsterte ihm zu: „Der Erste Herr ist hier — im westlichen Hof." Kaufmann Jadeschale hörte das und ging in sein Schlafzimmer. Dort fand er die Zweite Schwester und ihre Mutter; als sie ihn sahen, lag ein verlegener Ausdruck auf ihren Gesichtern. Kaufmann Jadeschale tat, als bemerke er nichts, und sagte nur: „Bringt schnell Wein ich will noch ein paar Gläser trinken und dann schlafen. Ich bin heute sehr müde." Die Zweite Schwester eilte herbei, lächelnd, nahm ihm die Oberkleider ab und brachte Tee, fragte dies und jenes. Kaufmann Jadeschale war entzückt vor Freude. Bald brachte Bao Ers Frau den Wein, und die beiden tranken zusammen. Die Schwiegermutter trank nicht mit und ging in ihr Zimmer schlafen. Eins der Mädchen kam herüber zum Bedienen.
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Die Zweite Schwester hörte den Pferdelärm und wurde unruhig; sie versuchte Kette Kaufmann mit Gerede abzulenken. Kette Kaufmann aber, nach einigen Bechern in Frühlingsstimmung, befahl, Wein und Früchte abzuräumen, die Tür zu schließen und sich auszukleiden. Die Zweite Schwester trug nur ein kleines, hochrotes Jäckchen, das rabenschwarze Haar lose herabfallend, das Gesicht voller Frühlingsglut, noch schöner als am Tage. Kette Kaufmann umarmte sie und lachte: „Alle Welt sagt, unser Nachtgespenst zu Hause <ref>Phönixglanz</ref> sei eine Schönheit — aber wie ich jetzt sehe, wäre sie nicht einmal würdig, dir die Schuhe zu halten." Die Zweite Schwester sagte: „Ich mag hübsch sein, aber ich habe keinen guten Charakter. So betrachtet ist es doch besser, nicht hübsch zu sein." Kette Kaufmann fragte eilig: „Wie meinst du das? Das verstehe ich nicht." Die Zweite Schwester sagte unter Tränen: „Ihr haltet mich für dumm — aber es gibt nichts, das ich nicht weiß. Seit zwei Monaten bin ich nun deine Frau; die Zeit ist kurz, aber ich weiß, dass du kein Dummkopf bist. Lebend bin ich dein Mensch, tot dein Geist; da wir nun verheiratet sind, verlasse ich mich ein Leben lang auf dich — wie könnte ich auch nur ein Wort verschweigen? Für mich selbst habe ich jetzt einen Halt, aber was wird aus meiner Schwester? So wie die Dinge liegen, fürchte ich, das ist keine Dauerlösung es muss ein langfristiger Plan her." Kette Kaufmann hörte das und lachte: „Sei unbesorgt! Ich bin keiner, der eifersüchtig wird. Die Vergangenheit kenne ich genau; du brauchst nicht erschrocken zu sein. Da es der Schwager <ref>Herrlichkeit Kaufmann</ref> ist, der sich wie ein Bruder verhält, ist dir das natürlich peinlich — besser, ich breche das Eis." Er stand auf und ging in den westlichen Hof. Durch das Fenster sah er helles Kerzenlicht; die beiden tranken und amüsierten sich.
  
Kaufmann Jadeschales Vertrauensknabe Long'er hatte sein Pferd angebunden und bemerkt, dass dort bereits ein anderes Pferd stand. Er sah genauer hin und erkannte, dass es Kaufmann Schein-Echts war. Er verstand und ging ebenfalls in die Küche. Dort saßen Xi'er und Shou'er [Anm.: Kaufmann Schein-Echts Burschen] und tranken. Als sie ihn kommen sahen, verstanden auch sie und sagten lachend: „Du kommst gerade zur rechten Zeit! Wir konnten mit dem Pferd des Herrn nicht mithalten und fürchteten, die Nachtwache zu stören deshalb haben wir hier Quartier genommen." Long'er lachte: „Es gibt Platz genug — schlaft nur! Ich bin vom Zweiten Herrn geschickt worden, um das Monatssilber abzuliefern. Nachdem ich es der Herrin gegeben habe, gehe ich auch nicht mehr zurück." Xi'er sagte: „Wir haben genug getrunken trink du eine Runde." Long'er setzte sich gerade und hob den Becher, als aus dem Pferdestall Lärm ertönte: Die beiden Pferde im selben Stall vertrugen sich nicht und traten und schlugen aufeinander ein. Long'er und die anderen sprangen auf, rannten hinaus und beruhigten die Pferde mit Müh und Not, banden sie getrennt an und kamen zurück. Bao Ers Frau sagte lachend: „Bleibt alle drei hier; Tee ist fertig — ich gehe jetzt." Damit schloss sie die Tür hinter sich. Xi'er hatte einige Becher getrunken und war schon glasig. Long'er und Shou'er schlossen die Tür und sahen Xi'er steif wie ein Brett auf dem Rücken auf dem Kang liegen. Sie stießen ihn an: „Guter Bruder, steh auf und schlaf ordentlich — wenn du den ganzen Platz einnimmst, haben wir es schwer." Xi'er brummte: „Heute Nacht spielen wir schön fair und ehrlich wer den Anständigen spielt, den prügele ich windelweich!" Long'er und Shou'er sahen, dass er betrunken war, und sagten nichts weiter; sie löschten das Licht und legten sich hin, so gut es ging.
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Kette Kaufmann drückte die Tür auf und sagte lachend: „So ist der Älteste Bruder also hier! Der jüngere Bruder kommt, um seine Aufwartung zu machen." Herrlichkeit Kaufmann war vor Scham sprachlos; er konnte nur aufstehen und ihm einen Platz anbieten. Kette Kaufmann sagte eilig lachend: „Warum so förmlich! Wie war es denn früher unter uns Brüdern? Der Älteste Bruder hat sich meinetwegen so viel Mühe gemacht selbst wenn ich mich in Stücke risse, könnte ich meine Dankbarkeit nicht ausdrücken. Wenn der Älteste Bruder sich Bedenken macht, wie soll ich mich dann fühlen? Von nun an bitte ich den Ältesten Bruder, alles wie früher zu halten — andernfalls bleibt mir der jüngere Bruder lieber ohne Nachkommen und wagt nicht mehr, hierher zu kommen." Damit wollte er niederknien. Herrlichkeit Kaufmann hielt ihn erschrocken zurück und sagte nur: „Bruder, was du auch sagst ich folge in allem." Kette Kaufmann rief: „Bringt Wein! Ich will mit dem Ältesten Bruder noch ein paar Gläser trinken!" Dann zog er die Dritte Schwester herbei: „Komm her und schenk dem Schwager ein!" Herrlichkeit Kaufmann lachte: „Alter Zweiter, du bist wirklich du selbst — Bruder muss diesen Becher leer trinken!" Er kippte den Becher in einem Zug. Die Dritte Schwester aber stand auf dem Kang, zeigte auf Kette Kaufmann und lachte scharf: „Spar dir dein glattes Geschwätz! Klares Wasser, grobe Nudeln — du isst, und ich schaue zu! Ihr spielt Schattentheater mit Puppen — aber besser, ihr reißt das Papier nicht durch! Bildet euch nur nicht ein, wir wüssten nicht, was in eurem Palais los ist! Jetzt habt ihr ein paar stinkende Taler hingeworfen, und ihr zwei Brüder behandelt uns zwei Schwestern wie Freudenmädchen zum Vergnügen — da habt ihr euch aber verrechnet! Ich weiß auch, dass deine Frau eine schwierige Furie ist. Nun hast du meine Schwester hierhergelockt als Zweitfrau — eine gestohlene Glocke, die man nicht läuten darf<ref>Anspielung auf das Sprichwort „sich die Ohren zuhalten und die Glocke stehlen“ (掩耳盗铃 yǎn ěr dào líng): sich selbst etwas vormachen, indem man so tut, als wüsste niemand von der verborgenen Ehe.</ref>! Ich will diese Frau Feng einmal kennenlernen — mal sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände die hat! Wenn alle zufrieden und freundlich sind, gut und schön; aber wenn mir auch nur das Geringste nicht passt, dann habe ich die Kraft, euch dreien erst die Innereien herauszureißen und mich dann mit dieser Furie auf Leben und Tod zu schlagen sonst bin ich nicht die Dritte Tante You! Trinken? Was soll die Angst — wir trinken!" Damit griff sie selbst zur Kanne, schenkte sich einen Becher ein, trank die Hälfte, schlang dann den Arm um Kette Kaufmanns Hals und goss ihm den Rest ein: „Dein Bruder und ich haben schon getrunken — komm, wir wollen ein wenig kuscheln!" Kette Kaufmann war so erschrocken, dass ihm der Wein aus dem Kopf fuhr. Auch Herrlichkeit Kaufmann hatte nicht erwartet, dass die Dritte Schwester so schamlos und durchsetzungsfähig sein könnte. Die beiden Brüder waren beide abgebrühte Wüstlinge — und doch wurde ihnen heute von diesem Mädchen mit einer einzigen Rede der Mund gestopft. Die Dritte Schwester rief immerfort: „Holt die Schwester her — wenn schon vergnügen, dann alle vier zusammen! Das Sprichwort sagt: ‚Am billigsten kommt man im eigenen Haus davon!' Die sind Brüder, wir sind Schwestern, keine Fremden nur herein!" Die Zweite Schwester wurde ganz verlegen. Herrlichkeit Kaufmann wollte sich bei der ersten Gelegenheit davonstehlen, doch die Dritte Schwester ließ ihn nicht gehen. Herrlichkeit Kaufmann bereute nun seine Leichtfertigkeit — er hatte nicht damit gerechnet, dass sie so war, und wagte es zusammen mit Kette Kaufmann nicht mehr, sich ihr gegenüber frivol zu benehmen.
  
Die Zweite Schwester hörte den Pferdelärm und wurde unruhig; sie versuchte Kaufmann Jadeschale mit Gerede abzulenken. Kaufmann Jadeschale aber, nach einigen Bechern in Frühlingsstimmung, befahl, Wein und Früchte abzuräumen, die Tür zu schließen und sich auszukleiden. Die Zweite Schwester trug nur ein kleines, hochrotes Jäckchen, das rabenschwarze Haar lose herabfallend, das Gesicht voller Frühlingsglut, noch schöner als am Tage. Kaufmann Jadeschale umarmte sie und lachte: „Alle Welt sagt, unser Nachtgespenst zu Hause [Anm.: Phönixglanz] sei eine Schönheit aber wie ich jetzt sehe, wäre sie nicht einmal würdig, dir die Schuhe zu halten." Die Zweite Schwester sagte: „Ich mag hübsch sein, aber ich habe keinen guten Charakter. So betrachtet ist es doch besser, nicht hübsch zu sein." Kaufmann Jadeschale fragte eilig: „Wie meinst du das? Das verstehe ich nicht." Die Zweite Schwester sagte unter Tränen: „Ihr haltet mich für dumm — aber es gibt nichts, das ich nicht weiß. Seit zwei Monaten bin ich nun deine Frau; die Zeit ist kurz, aber ich weiß, dass du kein Dummkopf bist. Lebend bin ich dein Mensch, tot dein Geist; da wir nun verheiratet sind, verlasse ich mich ein Leben lang auf dich — wie könnte ich auch nur ein Wort verschweigen? Für mich selbst habe ich jetzt einen Halt, aber was wird aus meiner Schwester? So wie die Dinge liegen, fürchte ich, das ist keine Dauerlösung — es muss ein langfristiger Plan her." Kaufmann Jadeschale hörte das und lachte: „Sei unbesorgt! Ich bin keiner, der eifersüchtig wird. Die Vergangenheit kenne ich genau; du brauchst nicht erschrocken zu sein. Da es der Schwager [Anm.: Kaufmann Schein-Echt] ist, der sich wie ein Bruder verhält, ist dir das natürlich peinlich — besser, ich breche das Eis." Er stand auf und ging in den westlichen Hof. Durch das Fenster sah er helles Kerzenlicht; die beiden tranken und amüsierten sich.
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Die Dritte Schwester hatte ihr Haar locker aufgesteckt, das hochrote Jäckchen halb offen, halb geschlossen, sodass das zwiebelgrüne Mieder und ein Streifen schneeweißen Busens zum Vorschein kamen. Darunter grüne Hosen, rote Schuhe; die beiden goldenen Lotusfüße, bald übereinandergeschlagen, bald nebeneinander, keine Sekunde sittsam. Die beiden Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln. Im Lampenlicht wirkten die Weidenbrauen noch grüner, der Sandelholzmund noch röter. Ihre Augen waren von Natur klare Herbstwasser; nach dem Wein kam noch ein Hauch trunken-lasziver Schwüle hinzu. Nicht nur stellte sie ihre ältere Schwester in den Schatten — nach dem Urteil von Herrlichkeit Kaufmann und Kette Kaufmann hatten sie unter allen Frauen, die sie je gesehen hatten, ob hoch oder niedrig, vornehm oder gering, keine von solcher Anmut und Verführungskraft gefunden. Die beiden waren schon willenlos vor Begierde und konnten nicht umhin, einen Annäherungsversuch zu machen doch sie kehrte ihre verführerischen Künste nur hervor, um die beiden in Schach zu halten. Die Dritte Schwester gab ihnen eine Kostprobe ihrer Augen und Hände, und die beiden Brüder hatten keinerlei Urteilskraft mehr, brachten kein einziges vernünftiges Wort mehr heraus — alles drehte sich nur noch um Wein und Frauen. Sie aber führte das große Wort, schwadronierte und amüsierte sich auf ihre Kosten; im Grunde war sie es, die die Männer „besuchte", nicht umgekehrt. Als ihr Wein und Vergnügen genug waren, ließ sie die Brüder nicht länger sitzen, sondern jagte sie hinaus und schloss die Tür, um schlafen zu gehen.
  
Kaufmann Jadeschale drückte die Tür auf und sagte lachend: „So ist der Älteste Bruder also hier! Der jüngere Bruder kommt, um seine Aufwartung zu machen." Kaufmann Schein-Echt war vor Scham sprachlos; er konnte nur aufstehen und ihm einen Platz anbieten. Kaufmann Jadeschale sagte eilig lachend: „Warum so förmlich! Wie war es denn früher unter uns Brüdern? Der Älteste Bruder hat sich meinetwegen so viel Mühe gemacht — selbst wenn ich mich in Stücke risse, könnte ich meine Dankbarkeit nicht ausdrücken. Wenn der Älteste Bruder sich Bedenken macht, wie soll ich mich dann fühlen? Von nun an bitte ich den Ältesten Bruder, alles wie früher zu halten — andernfalls bleibt mir der jüngere Bruder lieber ohne Nachkommen und wagt nicht mehr, hierher zu kommen." Damit wollte er niederknien. Kaufmann Schein-Echt hielt ihn erschrocken zurück und sagte nur: „Bruder, was du auch sagst ich folge in allem." Kaufmann Jadeschale rief: „Bringt Wein! Ich will mit dem Ältesten Bruder noch ein paar Gläser trinken!" Dann zog er die Dritte Schwester herbei: „Komm her und schenk dem Schwager ein!" Kaufmann Schein-Echt lachte: „Alter Zweiter, du bist wirklich du selbst Bruder muss diesen Becher leer trinken!" Er kippte den Becher in einem Zug. Die Dritte Schwester aber stand auf dem Kang, zeigte auf Kaufmann Jadeschale und lachte scharf: „Spar dir dein glattes Geschwätz! Klares Wasser, grobe Nudeln — du isst, und ich schaue zu! Ihr spielt Schattentheater mit Puppen aber besser, ihr reißt das Papier nicht durch! Bildet euch nur nicht ein, wir wüssten nicht, was in eurem Palais los ist! Jetzt habt ihr ein paar stinkende Taler hingeworfen, und ihr zwei Brüder behandelt uns zwei Schwestern wie Freudenmädchen zum Vergnügen — da habt ihr euch aber verrechnet! Ich weiß auch, dass deine Frau eine schwierige Furie ist. Nun hast du meine Schwester hierhergelockt als Zweitfrau — eine gestohlene Glocke, die man nicht läuten darf! Ich will diese Frau Feng einmal kennenlernen — mal sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände die hat! Wenn alle zufrieden und freundlich sind, gut und schön; aber wenn mir auch nur das Geringste nicht passt, dann habe ich die Kraft, euch dreien erst die Innereien herauszureißen und mich dann mit dieser Furie auf Leben und Tod zu schlagen sonst bin ich nicht die Dritte Tante You! Trinken? Was soll die Angst — wir trinken!" Damit griff sie selbst zur Kanne, schenkte sich einen Becher ein, trank die Hälfte, schlang dann den Arm um Kaufmann Jadeschales Hals und goss ihm den Rest ein: „Dein Bruder und ich haben schon getrunken komm, wir wollen ein wenig kuscheln!" Kaufmann Jadeschale war so erschrocken, dass ihm der Wein aus dem Kopf fuhr. Auch Kaufmann Schein-Echt hatte nicht erwartet, dass die Dritte Schwester so schamlos und durchsetzungsfähig sein könnte. Die beiden Brüder waren beide abgebrühte Wüstlinge — und doch wurde ihnen heute von diesem Mädchen mit einer einzigen Rede der Mund gestopft. Die Dritte Schwester rief immerfort: „Holt die Schwester her — wenn schon vergnügen, dann alle vier zusammen! Das Sprichwort sagt: ‚Am billigsten kommt man im eigenen Haus davon!' Die sind Brüder, wir sind Schwestern, keine Fremden — nur herein!" Die Zweite Schwester wurde ganz verlegen. Kaufmann Schein-Echt wollte sich bei der ersten Gelegenheit davonstehlen, doch die Dritte Schwester ließ ihn nicht gehen. Kaufmann Schein-Echt bereute nun seine Leichtfertigkeit — er hatte nicht damit gerechnet, dass sie so war, und wagte es zusammen mit Kaufmann Jadeschale nicht mehr, sich ihr gegenüber frivol zu benehmen.
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Von da an schimpfte sie, wenn je ein Mädchen oder eine Dienerin nicht in der Nähe war, mit schrillen Worten auf Kette Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann, alle drei sie hätten drei Witwen und Waisen betrogen. Herrlichkeit Kaufmann wagte nach seiner Rückkehr nicht mehr so leichtfertig wiederzukommen. Nur wenn die Dritte Schwester guter Laune war und heimlich einen Burschen schickte, um ihn einzuladen, wagte er, kurz zu erscheinen und dann musste er sich fügen, wie es ihr beliebte. Doch wer hätte gedacht, dass die Dritte Schwester einen unbändigen Charakter hatte? Im Bewusstsein ihrer eigenen Schönheit putzte sie sich absichtlich noch auffälliger heraus und entfaltete unzählige verführerische Gesten, die kein anderer erreichen konnte, nur um die Männer sabbern und verzweifeln zu lassen nahe konnte man ihr nicht kommen, doch entfernen wollte man sich auch nicht. Dieses Hin und Her war ihr Vergnügen. Mutter und Schwester redeten ihr gut zu, doch sie erwiderte: „Schwester, du bist verblendet! Wir, die wir Gold und Jade sind, sollen uns von diesen zwei Schande-über-die-Ahnen-Burschen beschmutzen lassen das wäre doch eine Schande! Zudem gibt es in deren Haus eine äußerst gefährliche Frau. Solange sie nichts weiß, sind wir sicher. Aber eines Tages wird sie es erfahren — und dann gibt es kein Halten mehr; ein großer Kampf steht bevor, wer weiß, wer lebt und wer stirbt. Solange ich sie noch demütigen und bestrafen kann, will ich es tun sonst fällt am Ende doch nur ein übler Ruf auf mich, und die Reue kommt zu spät." Da Mutter und Schwester sahen, dass sie nicht auf Ermahnungen hörte, ließen sie es sein. Die Dritte Schwester wählte täglich mit äußerster Anspruchsvolle ihr Essen und ihre Kleidung: Hatte sie Silberschmuck, wollte sie Gold; hatte sie Perlen, wollte sie Edelsteine; gab es fette Gans, musste auch fette Ente geschlachtet werden. War sie unzufrieden, stieß sie den ganzen Tisch um. Gefiel ein Kleid nicht, zerschnitt sie es, ob Seide oder Brokat, ob neu oder alt — ein Fetzen gerissen, ein Schimpfwort gesagt. Letztlich hatte Herrlichkeit Kaufmann keinen einzigen Tag lang seine Freude, sondern gab nur eine Menge Geld mit schlechtem Gewissen aus.
  
Die Dritte Schwester hatte ihr Haar locker aufgesteckt, das hochrote Jäckchen halb offen, halb geschlossen, sodass das zwiebelgrüne Mieder und ein Streifen schneeweißen Busens zum Vorschein kamen. Darunter grüne Hosen, rote Schuhe; die beiden goldenen Lotusfüße, bald übereinandergeschlagen, bald nebeneinander, keine Sekunde sittsam. Die beiden Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln. Im Lampenlicht wirkten die Weidenbrauen noch grüner, der Sandelholzmund noch röter. Ihre Augen waren von Natur klare Herbstwasser; nach dem Wein kam noch ein Hauch trunken-lasziver Schwüle hinzu. Nicht nur stellte sie ihre ältere Schwester in den Schatten — nach dem Urteil von Kaufmann Schein-Echt und Kaufmann Jadeschale hatten sie unter allen Frauen, die sie je gesehen hatten, ob hoch oder niedrig, vornehm oder gering, keine von solcher Anmut und Verführungskraft gefunden. Die beiden waren schon willenlos vor Begierde und konnten nicht umhin, einen Annäherungsversuch zu machen — doch sie kehrte ihre verführerischen Künste nur hervor, um die beiden in Schach zu halten. Die Dritte Schwester gab ihnen eine Kostprobe ihrer Augen und Hände, und die beiden Brüder hatten keinerlei Urteilskraft mehr, brachten kein einziges vernünftiges Wort mehr heraus alles drehte sich nur noch um Wein und Frauen. Sie aber führte das große Wort, schwadronierte und amüsierte sich auf ihre Kosten; im Grunde war sie es, die die Männer „besuchte", nicht umgekehrt. Als ihr Wein und Vergnügen genug waren, ließ sie die Brüder nicht länger sitzen, sondern jagte sie hinaus und schloss die Tür, um schlafen zu gehen.
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Wenn Kette Kaufmann kam, blieb er nur im Zimmer der Zweiten Schwester, und auch ihn begann die Reue zu beschleichen. Aber die Zweite Schwester war eine warmherzige Frau. Da sie Kette Kaufmann als ihren Lebensgefährten betrachtete, war sie in allem fürsorglich und aufmerksam. Was Sanftmut und Folgsamkeit anging, so besprach sie stets alles gemeinsam und wagte nie, eigenmächtig zu handeln — in dieser Hinsicht überragte sie Phönixglanz um das Zehnfache. Auch an Schönheit, Beredsamkeit und Benehmen war sie ihr um fünf Grade überlegen. Obwohl sie sich nun gebessert hatte, war der Fehltritt doch geschehen, und das Wort „Unkeuschheit" hing an ihr — all ihre Tugenden zählten nicht mehr. Doch Kette Kaufmann sagte: „Wer ist ohne Fehler? Wer seinen Irrtum erkennt und sich bessert, ist gut genug." So sprach er nicht mehr von der vergangenen Ausschweifung, schätzte nur ihr gegenwärtiges Wesen und war mit ihr unzertrennlich wie Leim und Lack, wie Wasser und Fisch — ein Herz und eine Seele, zum Leben und Sterben verbunden. An Feng und Friedchen [平儿] dachte er kaum noch. Am Bett riet die Zweite Schwester Kette Kaufmann auch oft: „Besprich es mit dem Ältesten Bruder Zhen wählt einen zuverlässigen Mann aus und verheiratet die Dritte Schwester. Es ist kein Dauerzustand, sie hier zu behalten; früher oder später gibt es Ärger — was dann?" Kette Kaufmann sagte: „Neulich habe ich es dem Ältesten Bruder vorgeschlagen, aber er kann nicht loslassen. Ich sagte: ‚Sie ist ein fettes Stück Hammelfleisch, nur verbrennt man sich die Zunge daran; eine Rosenblüte ist liebreizend, aber der Dorn sticht in die Hand. Wir werden sie kaum bändigen — besser, wir suchen ihr jemanden.' Er hat nur genickt und es dann fallen lassen. Was soll ich tun?" Die Zweite Schwester sagte: „Sei unbesorgt. Morgen reden wir erst mit der Dritten Schwester; wenn sie einverstanden ist, soll sie selbst Druck machen. Wenn sie genug Aufruhr macht, wird man sie schon verheiraten müssen." Kette Kaufmann hörte das und sagte: „Das ist ein ausgezeichneter Plan."
  
Von da an schimpfte sie, wenn je ein Mädchen oder eine Dienerin nicht in der Nähe war, mit schrillen Worten auf Kaufmann Jadeschale, Kaufmann Schein-Echt und Kaufmann Herrlichkeit, alle drei — sie hätten drei Witwen und Waisen betrogen. Kaufmann Schein-Echt wagte nach seiner Rückkehr nicht mehr so leichtfertig wiederzukommen. Nur wenn die Dritte Schwester guter Laune war und heimlich einen Burschen schickte, um ihn einzuladen, wagte er, kurz zu erscheinen — und dann musste er sich fügen, wie es ihr beliebte. Doch wer hätte gedacht, dass die Dritte Schwester einen unbändigen Charakter hatte? Im Bewusstsein ihrer eigenen Schönheit putzte sie sich absichtlich noch auffälliger heraus und entfaltete unzählige verführerische Gesten, die kein anderer erreichen konnte, nur um die Männer sabbern und verzweifeln zu lassen — nahe konnte man ihr nicht kommen, doch entfernen wollte man sich auch nicht. Dieses Hin und Her war ihr Vergnügen. Mutter und Schwester redeten ihr gut zu, doch sie erwiderte: „Schwester, du bist verblendet! Wir, die wir Gold und Jade sind, sollen uns von diesen zwei Schande-über-die-Ahnen-Burschen beschmutzen lassen — das wäre doch eine Schande! Zudem gibt es in deren Haus eine äußerst gefährliche Frau. Solange sie nichts weiß, sind wir sicher. Aber eines Tages wird sie es erfahren — und dann gibt es kein Halten mehr; ein großer Kampf steht bevor, wer weiß, wer lebt und wer stirbt. Solange ich sie noch demütigen und bestrafen kann, will ich es tun sonst fällt am Ende doch nur ein übler Ruf auf mich, und die Reue kommt zu spät." Da Mutter und Schwester sahen, dass sie nicht auf Ermahnungen hörte, ließen sie es sein. Die Dritte Schwester wählte täglich mit äußerster Anspruchsvolle ihr Essen und ihre Kleidung: Hatte sie Silberschmuck, wollte sie Gold; hatte sie Perlen, wollte sie Edelsteine; gab es fette Gans, musste auch fette Ente geschlachtet werden. War sie unzufrieden, stieß sie den ganzen Tisch um. Gefiel ein Kleid nicht, zerschnitt sie es, ob Seide oder Brokat, ob neu oder alt — ein Fetzen gerissen, ein Schimpfwort gesagt. Letztlich hatte Kaufmann Schein-Echt keinen einzigen Tag lang seine Freude, sondern gab nur eine Menge Geld mit schlechtem Gewissen aus.
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Am nächsten Tag bereitete die Zweite Schwester extra Wein vor. Kette Kaufmann ging nicht aus dem Haus und lud eigens um die Mittagszeit die jüngere Schwester herüber; die Mutter saß oben. Die Dritte Schwester verstand sofort, worum es ging. Nach der dritten Runde Wein, ohne dass die Schwester den Mund aufmachen musste, begann sie selbst unter Tränen: „Schwester, du hast mich heute eingeladen, weil du mir etwas Wichtiges sagen willst. Aber deine Schwester ist nicht dumm — du brauchst mir nicht weitschweifig die alten Schändlichkeiten aufzuzählen; ich weiß alles, und es ist zwecklos, darüber zu reden. Da nun die Schwester einen guten Hafen gefunden hat und auch die Mama versorgt ist, muss auch ich mein eigenes Schicksal suchen — das ist nur recht und billig. Aber eine lebenslange Entscheidung, von der Geburt bis zum Tod, ist kein Kinderspiel. Ich habe mich nun gebessert und halte mich an die Anstandsregeln. Nur wenn ich selbst einen Mann nach meinem Herzen wählen darf, gehe ich mit ihm. Wenn ihr für mich wählt — und wäre er reicher als Shi Chong, begabter als Cao Zijian und schöner als Pan An <ref>berühmte historische Vorbilder für Reichtum, Talent und Schönheit</ref> —, wenn er mir nicht ins Herz passt, habe ich mein Leben umsonst gelebt." Kette Kaufmann lachte: „Das ist nicht schwer. Sag, wer es sein soll die ganze Mitgift richten wir aus, und die Mama braucht sich um nichts zu kümmern." Die Dritte Schwester schluchzte: „Die Schwester weiß es — ich brauche es nicht zu sagen." Kette Kaufmann fragte die Zweite Schwester lachend, wer es sei; die konnte auf die Schnelle nicht darauf kommen. Alle überlegten. Dann rief Kette Kaufmann: „Es kann nur dieser eine sein!" Er klatschte lachend in die Hände: „Ich weiß! Der Mann ist wirklich nicht schlecht — sie hat einen guten Blick!" Die Zweite Schwester fragte lachend, wer es sei. Kette Kaufmann lachte: „Wer sonst könnte in ihr Herz dringen? Es muss Schatzjade sein!" Die Zweite Schwester und die alte Dame Sonders hörten es und fanden es einleuchtend. Die Dritte Schwester aber spuckte aus und sagte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müssten wir dann eure zehn Brüder heiraten? Gibt es auf der Welt etwa nur in eurem Haus gute Männer?" Alle waren verdutzt: „Wer sonst, wenn nicht er?" Die Dritte Schwester lachte: „Denkt nicht nur an die Gegenwart — die Schwester soll fünf Jahre zurückdenken, dann weiß sie es."
  
Wenn Kaufmann Jadeschale kam, blieb er nur im Zimmer der Zweiten Schwester, und auch ihn begann die Reue zu beschleichen. Aber die Zweite Schwester war eine warmherzige Frau. Da sie Kaufmann Jadeschale als ihren Lebensgefährten betrachtete, war sie in allem fürsorglich und aufmerksam. Was Sanftmut und Folgsamkeit anging, so besprach sie stets alles gemeinsam und wagte nie, eigenmächtig zu handeln — in dieser Hinsicht überragte sie Phönixglanz um das Zehnfache. Auch an Schönheit, Beredsamkeit und Benehmen war sie ihr um fünf Grade überlegen. Obwohl sie sich nun gebessert hatte, war der Fehltritt doch geschehen, und das Wort „Unkeuschheit" hing an ihr — all ihre Tugenden zählten nicht mehr. Doch Kaufmann Jadeschale sagte: „Wer ist ohne Fehler? Wer seinen Irrtum erkennt und sich bessert, ist gut genug." So sprach er nicht mehr von der vergangenen Ausschweifung, schätzte nur ihr gegenwärtiges Wesen und war mit ihr unzertrennlich wie Leim und Lack, wie Wasser und Fisch — ein Herz und eine Seele, zum Leben und Sterben verbunden. An Feng und Friedchen [平儿] dachte er kaum noch. Am Bett riet die Zweite Schwester Kaufmann Jadeschale auch oft: „Besprich es mit dem Ältesten Bruder Zhen — wählt einen zuverlässigen Mann aus und verheiratet die Dritte Schwester. Es ist kein Dauerzustand, sie hier zu behalten; früher oder später gibt es Ärger — was dann?" Kaufmann Jadeschale sagte: „Neulich habe ich es dem Ältesten Bruder vorgeschlagen, aber er kann nicht loslassen. Ich sagte: ‚Sie ist ein fettes Stück Hammelfleisch, nur verbrennt man sich die Zunge daran; eine Rosenblüte ist liebreizend, aber der Dorn sticht in die Hand. Wir werden sie kaum bändigen — besser, wir suchen ihr jemanden.' Er hat nur genickt und es dann fallen lassen. Was soll ich tun?" Die Zweite Schwester sagte: „Sei unbesorgt. Morgen reden wir erst mit der Dritten Schwester; wenn sie einverstanden ist, soll sie selbst Druck machen. Wenn sie genug Aufruhr macht, wird man sie schon verheiraten müssen." Kaufmann Jadeschale hörte das und sagte: „Das ist ein ausgezeichneter Plan."
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Gerade als sie darüber sprachen, kam Xing'er <ref>einer von Kette Kaufmanns vertrauten Burschen</ref> herein und bat Kette Kaufmann heraus: „Der Herr Vater wartet dringend! Der Kleine hat gesagt, der Herr sei beim Herrn Onkel, und ist sofort hergekommen." Kette Kaufmann fragte hastig: „Hat gestern zu Hause jemand nach mir gefragt?" Xing'er sagte: „Der Kleine hat der Herrin gemeldet, der Herr bespreche im Familientempel mit dem Ersten Herrn Zhen die Hundert-Tage-Zeremonie und könne wohl nicht nach Hause kommen." Kette Kaufmann befahl eilig, sein Pferd zu satteln; Drachenkind begleitete ihn. Xing'er blieb zurück, um eventuelle Besucher zu empfangen.
  
Am nächsten Tag bereitete die Zweite Schwester extra Wein vor. Kaufmann Jadeschale ging nicht aus dem Haus und lud eigens um die Mittagszeit die jüngere Schwester herüber; die Mutter saß oben. Die Dritte Schwester verstand sofort, worum es ging. Nach der dritten Runde Wein, ohne dass die Schwester den Mund aufmachen musste, begann sie selbst unter Tränen: „Schwester, du hast mich heute eingeladen, weil du mir etwas Wichtiges sagen willst. Aber deine Schwester ist nicht dumm — du brauchst mir nicht weitschweifig die alten Schändlichkeiten aufzuzählen; ich weiß alles, und es ist zwecklos, darüber zu reden. Da nun die Schwester einen guten Hafen gefunden hat und auch die Mama versorgt ist, muss auch ich mein eigenes Schicksal suchen — das ist nur recht und billig. Aber eine lebenslange Entscheidung, von der Geburt bis zum Tod, ist kein Kinderspiel. Ich habe mich nun gebessert und halte mich an die Anstandsregeln. Nur wenn ich selbst einen Mann nach meinem Herzen wählen darf, gehe ich mit ihm. Wenn ihr für mich wählt — und wäre er reicher als Shi Chong, begabter als Cao Zijian und schöner als Pan An [Anm.: berühmte historische Vorbilder für Reichtum, Talent und Schönheit] , wenn er mir nicht ins Herz passt, habe ich mein Leben umsonst gelebt." Kaufmann Jadeschale lachte: „Das ist nicht schwer. Sag, wer es sein soll — die ganze Mitgift richten wir aus, und die Mama braucht sich um nichts zu kümmern." Die Dritte Schwester schluchzte: „Die Schwester weiß es ich brauche es nicht zu sagen." Kaufmann Jadeschale fragte die Zweite Schwester lachend, wer es sei; die konnte auf die Schnelle nicht darauf kommen. Alle überlegten. Dann rief Kaufmann Jadeschale: „Es kann nur dieser eine sein!" Er klatschte lachend in die Hände: „Ich weiß! Der Mann ist wirklich nicht schlecht — sie hat einen guten Blick!" Die Zweite Schwester fragte lachend, wer es sei. Kaufmann Jadeschale lachte: „Wer sonst könnte in ihr Herz dringen? Es muss Schatzjade sein!" Die Zweite Schwester und die alte Frau You hörten es und fanden es einleuchtend. Die Dritte Schwester aber spuckte aus und sagte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müssten wir dann eure zehn Brüder heiraten? Gibt es auf der Welt etwa nur in eurem Haus gute Männer?" Alle waren verdutzt: „Wer sonst, wenn nicht er?" Die Dritte Schwester lachte: „Denkt nicht nur an die Gegenwart — die Schwester soll fünf Jahre zurückdenken, dann weiß sie es."
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Die Zweite Schwester stellte zwei Schalen Speisen auf, ließ einen großen Becher mit Wein einschenken und befahl Xing'er, am Kangrand auf dem Boden sitzend zu essen. Dabei befragte sie ihn lang und breit: Wie alt die Herrin zu Hause sei, wie sie aussehe und wie gefährlich, wie alt die Alte Herrin, die Gnädige Frau, wie viele Fräulein es gebe und allerlei häusliche Dinge. Xing'er aß grinsend am Kangrand, während er Mutter und Tochter ausführlich über die Angelegenheiten des Rongfu informierte. Dann sagte er: „Ich gehöre zur Torwache am Zweiten Tor. Wir sind zwei Schichten, je vier Mann, zusammen acht. Unter diesen acht sind einige Vertraute der Herrin und einige Vertraute des Herrn. Die Vertrauten der Herrin wagen wir nicht zu reizen; aber die Vertrauten des Herrn, die reizt die Herrin ohne Weiteres. Was unsere Herrin betrifft: Im Herzen ist sie bösartig, im Mundwerk messerscharf. Unser Zweiter Herr ist eigentlich ganz anständig, aber wo käme er gegen sie an! Fräulein Ping dagegen, die vor ihr dient, ist ein wirklich guter Mensch. Obwohl sie zur Clique der Herrin gehört, tut sie hinter deren Rücken oft Gutes. Wenn wir uns etwas zuschulden kommen lassen und die Herrin uns nicht verzeiht, brauchen wir nur sie zu bitten, und es ist erledigt. Inzwischen gibt es im ganzen Haus — die Alte Herrin und die Gnädige Frau ausgenommen — keinen Menschen, der sie nicht hasst; nur wagt niemand es zu zeigen. Das liegt nur daran, dass sie es versteht, die Alte Herrin und die Gnädige Frau zufrieden zu stellen. Was sie sagt, ist Gesetz; was sie befiehlt, wird getan niemand wagt zu widersprechen. Und sie kann es gar nicht abwarten, das Silber zusammenzuschaben und aufzutürmen, damit die Alte Herrin und die Gnädige Frau sagen, sie sei eine tüchtige Hauswirtin — ohne zu bedenken, wie die Untergebenen darunter leiden, während sie sich einschmeichelt. Gibt es etwas Gutes, stürzt sie sich darauf, bevor andere den Mund aufmachen; gibt es Ärger oder hat sie selbst einen Fehler gemacht, zieht sie den Kopf ein und schiebt alles auf andere, während sie daneben noch das Feuer schürt. Inzwischen beschwert sich sogar ihre rechtmäßige Schwiegermutter, die Erste Gnädige Frau, und sagt: ‚Der Spatz fliegt dahin, wo es am besten ist, eine Henne und lauter schwarze Küken um den eigenen Haushalt kümmert sie sich nicht, aber bei fremden Leuten mischt sie sich überall ein.' Wenn nicht die Alte Herrin wäre, hätte man sie schon längst zur Ordnung gerufen." Die Zweite Schwester lachte: „Du redest hinter ihrem Rücken so über sie — wer weiß, wie du eines Tages über mich redest! Ich stehe sogar noch unter ihr da gibt es erst recht viel zu reden." Xing'er kniete eilig nieder und sagte: „Wenn die Herrin so spricht, fürchte ich den Blitz nicht! Wenn wir kleinen Leute das Glück gehabt hätten, eine Herrin wie Euch zu bekommen, wären wir weniger geschlagen und beschimpft worden und hätten weniger Angst ausstehen müssen. Alle, die dem Herrn dienen, loben hinter dem Rücken die Güte und das Erbarmen der Herrin. Wir haben uns schon besprochen — am liebsten würden wir den Zweiten Herrn bitten, uns hierherzuversetzen; wir wollen lieber der Herrin hier dienen!" Die Zweite Schwester lachte: „Du Affenbalg! Steh auf! Es war nur ein Scherz — warum so erschrocken? Was wollt ihr hier? Ich will eure Herrin besuchen gehen!" Xing'er winkte heftig ab: „Herrin, geht auf gar keinen Fall! Ich rate der Herrin: Am besten trefft ihr sie nie in eurem Leben! Süß im Mund, bitter im Herzen; zwei Gesichter, drei Messer<ref>Chin. 口蜜腹剑 kǒu mì fù jiàn („Honig im Mund, Schwert im Bauch“) und 两面三刀 liǎng miàn sān dāo („zwei Gesichter, drei Messer“) — bekannte Redewendungen für Falschheit und Hinterlist.</ref>. Oben ein lachendes Gesicht, unten stellt sie ein Bein; nach außen eine Feuerschüssel, im Verborgenen ein scharfes Messer — alles trifft auf sie zu! Ich fürchte, selbst mit dem Mundwerk der Dritten Tante wäre sie ihr nicht gewachsen. Unsere Herrin ist ein so sanfter, wohlerzogener Mensch — sie wäre ihr keineswegs gewachsen!" Die Zweite Schwester sagte: „Ich werde sie nur höflich behandeln — was kann sie mir schon tun?" Xing'er sagte: „Der Kleine redet nicht im Rausch daher. Selbst wenn die Herrin die Höflichkeit selbst ist — wenn sie sieht, dass die Herrin hübscher ist und beliebter, wie sollte sie das auf sich beruhen lassen? Andere sind Essigkrüge — sie ist ein ganzes Essigfass, eine Essigtonne<ref>Chin. 醉缸 cù gāng, 醉瓮 cù wèng — „Essigkrug“ und „Essigtonne“ sind Steigerungsformen des chinesischen Ausdrucks für krankhafte Eifersucht (吃醋 chī cù, wörtl. „Essig essen“).</ref>! Schaut der Herr auch nur ein Mädchen etwas länger an, ist sie imstande, es vor seinen Augen windelweich zu schlagen. Obwohl Fräulein Ping mit im Haus wohnt — ungefähr ein- oder zweimal im Jahr oder in zwei Jahren kommen die beiden zusammen —, sie muss noch zehn Pflaumen im Mund zählen! Einmal wurde Fräulein Ping so wütend, dass sie weinte und schrie: ‚Ich bin nicht von selbst gekommen! Du hast mich überredet, und als ich nicht wollte, hast du gesagt, ich rebelliere — und jetzt das!' Da gibt sie dann nach und bittet Fräulein Ping um Verzeihung." Die Zweite Schwester lachte: „Ist das auch wahr? Ein solches Nachtgespenst — und dann fürchtet sie die eigene Kammerfrau?" Xing'er sagte: „Das ist genau das Sprichwort: ‚Unter dem Himmel kommt man an der Vernunft nicht vorbei.' Diese Friedchen ist seit Kindesbeinen ihre Zofe und kam mit in die Ehe — von den ursprünglich vier blieben nach Heiraten und Todesfällen nur sie allein übrig, die engste Vertraute. Sie hat sie offiziell dem Herrn als Nebenfrau gegeben erstens, um ihren Ruf der Großmut zu wahren; zweitens, um den Herrn ans Haus zu binden, damit er sich draußen nicht verirrt. Da gibt es noch einen Zusammenhang: In unserem Haus ist es Brauch, dass die jungen Herren, wenn sie erwachsen werden, vor der Hochzeit zwei Mädchen zur Bedienung bekommen. Der Zweite Herr hatte ursprünglich zwei — doch kaum war sie ein halbes Jahr da, hat sie bei beiden einen Fehler gefunden und beide hinausgeworfen. Vor anderen war es ihr peinlich, also zwang sie Fräulein Ping, die Nebenfrau des Herrn zu werden. Fräulein Ping ist ein aufrichtiger Mensch, der die Sache nie auf die Goldwaage legt und niemals zwischen Mann und Frau Zwietracht sät, sondern nur treu und ergeben dient — deshalb wird sie geduldet."
  
Gerade als sie darüber sprachen, kam Xing'er [Anm.: einer von Kaufmann Jadeschales vertrauten Burschen] herein und bat Kaufmann Jadeschale heraus: „Der Herr Vater wartet dringend! Der Kleine hat gesagt, der Herr sei beim Herrn Onkel, und ist sofort hergekommen." Kaufmann Jadeschale fragte hastig: „Hat gestern zu Hause jemand nach mir gefragt?" Xing'er sagte: „Der Kleine hat der Herrin gemeldet, der Herr bespreche im Familientempel mit dem Ersten Herrn Zhen die Hundert-Tage-Zeremonie und könne wohl nicht nach Hause kommen." Kaufmann Jadeschale befahl eilig, sein Pferd zu satteln; Long'er begleitete ihn. Xing'er blieb zurück, um eventuelle Besucher zu empfangen.
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Die Zweite Schwester lachte: „So ist das also! Aber ich habe gehört, in eurem Haus gebe es auch eine verwitwete Schwägerin und mehrere Fräulein. Wenn sie so streng ist, wie können die sich alle fügen?" Xing'er klatschte lachend in die Hände: „Die Herrin weiß das also noch nicht! Unsere verwitwete Schwägerin hat den Spitznamen ‚Große Bodhisattva' — die tugendhafteste Person überhaupt. Bei uns im Haus ist es so: Witwen kümmern sich nicht um die Verwaltung, sondern sollen in Ruhe und Keuschheit leben. Praktischerweise gibt es viele Fräulein — man hat sie ihr anvertraut, damit sie lesen, schreiben, nähen und Moral lernen. Das ist ihre Aufgabe. Um alles andere kümmert sie sich nicht. Nur weil jene [Phönixglanz] in letzter Zeit krank war und es viel zu tun gibt, führt die Erste Schwägerin vorübergehend die Geschäfte — allerdings tut sie nichts weiter, als die Regeln zu befolgen, ohne sich wie jene wichtigzumachen. Unser Erstes Fräulein <ref>Urfrühling</ref> — über sie braucht man gar nicht zu reden; wäre sie nicht gut, hätte sie nicht dieses große Glück erfahren. Das Zweite Fräulein hat den Spitznamen ‚Holzkopf Nummer Zwei' — selbst wenn man sie mit einer Nadel sticht, sagt sie nicht ‚Au!' Das Dritte Fräulein hat den Spitznamen ‚Rosenblüte'." Die Sonders-Schwestern fragten eilig lachend, warum. Xing'er lachte: „Die Rosenblüte ist rot und duftend — jeder liebt sie; nur stechen die Dornen. Sie ist auch eine Göttin — schade nur, dass sie nicht von der Gnädigen Frau geboren wurde. ‚Aus dem Krähennest kommt ein Phönix.' Das Vierte Fräulein ist noch klein; sie ist eigentlich die leibliche Schwester des Ersten Herrn Zhen. Da sie seit klein auf keine Mutter hatte, hat die Alte Herrin sie der Gnädigen Frau zum Aufziehen gegeben — auch sie kümmert sich um nichts. Was die Herrin nicht weiß: Unsere eigenen Fräulein nicht mitgerechnet, gibt es noch zwei andere Fräulein, die wahrhaftig im Himmel selten und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter unserer verstorbenen Tante väterlicherseits, eine Fräulein Lin, mit dem Rufnamen Kajaljade. Gesicht und Gestalt gleichen der Dritten Tante hier; sie ist voller Gelehrsamkeit, nur leider stets kränklich. Bei diesem Wetter trägt sie noch gefütterte Kleider — geht sie hinaus, ein Windhauch und sie fällt um. Wir unverschämte Bande nennen sie heimlich ‚die kränkliche Xi Shi'. Und dann gibt es noch die Tochter der Frau Tante, eine Fräulein Xue, mit dem Rufnamen Schatzspange — als wäre sie aus Schnee geformt. Wenn sie einmal zur Tür herauskommt oder in die Kutsche steigt, oder wenn man sie zufällig im Hof erblickt, dann sind wir wie vom Donner gerührt — vor diesen beiden wagen wir nicht einmal zu atmen." Die Zweite Schwester lachte: „In einem großen Haus wie eurem — auch wenn ihr Jungen hineingehen dürft, solltet ihr euch doch von den Fräulein fernhalten." Xing'er winkte ab: „Nein, nein! Bei den großen offiziellen Zeremonien versteckt man sich natürlich weit weg, das versteht sich von selbst. Aber selbst wenn man sich versteckt hat, traut man sich nicht zu atmen — aus Angst, ein zu tiefer Atemzug könnte die Lin umwerfen, und ein zu warmer Atem könnte die Xue zum Schmelzen bringen!" Darüber lachte das ganze Zimmer.
 
 
Die Zweite Schwester stellte zwei Schalen Speisen auf, ließ einen großen Becher mit Wein einschenken und befahl Xing'er, am Kangrand auf dem Boden sitzend zu essen. Dabei befragte sie ihn lang und breit: Wie alt die Herrin zu Hause sei, wie sie aussehe und wie gefährlich, wie alt die Alte Herrin, die Gnädige Frau, wie viele Fräulein es gebe und allerlei häusliche Dinge. Xing'er aß grinsend am Kangrand, während er Mutter und Tochter ausführlich über die Angelegenheiten des Rongfu informierte. Dann sagte er: „Ich gehöre zur Torwache am Zweiten Tor. Wir sind zwei Schichten, je vier Mann, zusammen acht. Unter diesen acht sind einige Vertraute der Herrin und einige Vertraute des Herrn. Die Vertrauten der Herrin wagen wir nicht zu reizen; aber die Vertrauten des Herrn, die reizt die Herrin ohne Weiteres. Was unsere Herrin betrifft: Im Herzen ist sie bösartig, im Mundwerk messerscharf. Unser Zweiter Herr ist eigentlich ganz anständig, aber wo käme er gegen sie an! Fräulein Ping dagegen, die vor ihr dient, ist ein wirklich guter Mensch. Obwohl sie zur Clique der Herrin gehört, tut sie hinter deren Rücken oft Gutes. Wenn wir uns etwas zuschulden kommen lassen und die Herrin uns nicht verzeiht, brauchen wir nur sie zu bitten, und es ist erledigt. Inzwischen gibt es im ganzen Haus — die Alte Herrin und die Gnädige Frau ausgenommen — keinen Menschen, der sie nicht hasst; nur wagt niemand es zu zeigen. Das liegt nur daran, dass sie es versteht, die Alte Herrin und die Gnädige Frau zufrieden zu stellen. Was sie sagt, ist Gesetz; was sie befiehlt, wird getan — niemand wagt zu widersprechen. Und sie kann es gar nicht abwarten, das Silber zusammenzuschaben und aufzutürmen, damit die Alte Herrin und die Gnädige Frau sagen, sie sei eine tüchtige Hauswirtin — ohne zu bedenken, wie die Untergebenen darunter leiden, während sie sich einschmeichelt. Gibt es etwas Gutes, stürzt sie sich darauf, bevor andere den Mund aufmachen; gibt es Ärger oder hat sie selbst einen Fehler gemacht, zieht sie den Kopf ein und schiebt alles auf andere, während sie daneben noch das Feuer schürt. Inzwischen beschwert sich sogar ihre rechtmäßige Schwiegermutter, die Erste Gnädige Frau, und sagt: ‚Der Spatz fliegt dahin, wo es am besten ist, eine Henne und lauter schwarze Küken — um den eigenen Haushalt kümmert sie sich nicht, aber bei fremden Leuten mischt sie sich überall ein.' Wenn nicht die Alte Herrin wäre, hätte man sie schon längst zur Ordnung gerufen." Die Zweite Schwester lachte: „Du redest hinter ihrem Rücken so über sie — wer weiß, wie du eines Tages über mich redest! Ich stehe sogar noch unter ihr — da gibt es erst recht viel zu reden." Xing'er kniete eilig nieder und sagte: „Wenn die Herrin so spricht, fürchte ich den Blitz nicht! Wenn wir kleinen Leute das Glück gehabt hätten, eine Herrin wie Euch zu bekommen, wären wir weniger geschlagen und beschimpft worden und hätten weniger Angst ausstehen müssen. Alle, die dem Herrn dienen, loben hinter dem Rücken die Güte und das Erbarmen der Herrin. Wir haben uns schon besprochen — am liebsten würden wir den Zweiten Herrn bitten, uns hierherzuversetzen; wir wollen lieber der Herrin hier dienen!" Die Zweite Schwester lachte: „Du Affenbalg! Steh auf! Es war nur ein Scherz — warum so erschrocken? Was wollt ihr hier? Ich will eure Herrin besuchen gehen!" Xing'er winkte heftig ab: „Herrin, geht auf gar keinen Fall! Ich rate der Herrin: Am besten trefft ihr sie nie in eurem Leben! Süß im Mund, bitter im Herzen; zwei Gesichter, drei Messer. Oben ein lachendes Gesicht, unten stellt sie ein Bein; nach außen eine Feuerschüssel, im Verborgenen ein scharfes Messer — alles trifft auf sie zu! Ich fürchte, selbst mit dem Mundwerk der Dritten Tante wäre sie ihr nicht gewachsen. Unsere Herrin ist ein so sanfter, wohlerzogener Mensch — sie wäre ihr keineswegs gewachsen!" Die Zweite Schwester sagte: „Ich werde sie nur höflich behandeln — was kann sie mir schon tun?" Xing'er sagte: „Der Kleine redet nicht im Rausch daher. Selbst wenn die Herrin die Höflichkeit selbst ist — wenn sie sieht, dass die Herrin hübscher ist und beliebter, wie sollte sie das auf sich beruhen lassen? Andere sind Essigkrüge — sie ist ein ganzes Essigfass, eine Essigtonne! Schaut der Herr auch nur ein Mädchen etwas länger an, ist sie imstande, es vor seinen Augen windelweich zu schlagen. Obwohl Fräulein Ping mit im Haus wohnt — ungefähr ein- oder zweimal im Jahr oder in zwei Jahren kommen die beiden zusammen —, sie muss noch zehn Pflaumen im Mund zählen! Einmal wurde Fräulein Ping so wütend, dass sie weinte und schrie: ‚Ich bin nicht von selbst gekommen! Du hast mich überredet, und als ich nicht wollte, hast du gesagt, ich rebelliere — und jetzt das!' Da gibt sie dann nach und bittet Fräulein Ping um Verzeihung." Die Zweite Schwester lachte: „Ist das auch wahr? Ein solches Nachtgespenst — und dann fürchtet sie die eigene Kammerfrau?" Xing'er sagte: „Das ist genau das Sprichwort: ‚Unter dem Himmel kommt man an der Vernunft nicht vorbei.' Diese Friedchen ist seit Kindesbeinen ihre Zofe und kam mit in die Ehe — von den ursprünglich vier blieben nach Heiraten und Todesfällen nur sie allein übrig, die engste Vertraute. Sie hat sie offiziell dem Herrn als Nebenfrau gegeben — erstens, um ihren Ruf der Großmut zu wahren; zweitens, um den Herrn ans Haus zu binden, damit er sich draußen nicht verirrt. Da gibt es noch einen Zusammenhang: In unserem Haus ist es Brauch, dass die jungen Herren, wenn sie erwachsen werden, vor der Hochzeit zwei Mädchen zur Bedienung bekommen. Der Zweite Herr hatte ursprünglich zwei — doch kaum war sie ein halbes Jahr da, hat sie bei beiden einen Fehler gefunden und beide hinausgeworfen. Vor anderen war es ihr peinlich, also zwang sie Fräulein Ping, die Nebenfrau des Herrn zu werden. Fräulein Ping ist ein aufrichtiger Mensch, der die Sache nie auf die Goldwaage legt und niemals zwischen Mann und Frau Zwietracht sät, sondern nur treu und ergeben dient — deshalb wird sie geduldet."
 
 
 
Die Zweite Schwester lachte: „So ist das also! Aber ich habe gehört, in eurem Haus gebe es auch eine verwitwete Schwägerin und mehrere Fräulein. Wenn sie so streng ist, wie können die sich alle fügen?" Xing'er klatschte lachend in die Hände: „Die Herrin weiß das also noch nicht! Unsere verwitwete Schwägerin hat den Spitznamen ‚Große Bodhisattva' — die tugendhafteste Person überhaupt. Bei uns im Haus ist es so: Witwen kümmern sich nicht um die Verwaltung, sondern sollen in Ruhe und Keuschheit leben. Praktischerweise gibt es viele Fräulein — man hat sie ihr anvertraut, damit sie lesen, schreiben, nähen und Moral lernen. Das ist ihre Aufgabe. Um alles andere kümmert sie sich nicht. Nur weil jene [Phönixglanz] in letzter Zeit krank war und es viel zu tun gibt, führt die Erste Schwägerin vorübergehend die Geschäfte — allerdings tut sie nichts weiter, als die Regeln zu befolgen, ohne sich wie jene wichtigzumachen. Unser Erstes Fräulein [Anm.: Urfrühling] — über sie braucht man gar nicht zu reden; wäre sie nicht gut, hätte sie nicht dieses große Glück erfahren. Das Zweite Fräulein hat den Spitznamen ‚Holzkopf Nummer Zwei' — selbst wenn man sie mit einer Nadel sticht, sagt sie nicht ‚Au!' Das Dritte Fräulein hat den Spitznamen ‚Rosenblüte'." Die You-Schwestern fragten eilig lachend, warum. Xing'er lachte: „Die Rosenblüte ist rot und duftend — jeder liebt sie; nur stechen die Dornen. Sie ist auch eine Göttin — schade nur, dass sie nicht von der Gnädigen Frau geboren wurde. ‚Aus dem Krähennest kommt ein Phönix.' Das Vierte Fräulein ist noch klein; sie ist eigentlich die leibliche Schwester des Ersten Herrn Zhen. Da sie seit klein auf keine Mutter hatte, hat die Alte Herrin sie der Gnädigen Frau zum Aufziehen gegeben — auch sie kümmert sich um nichts. Was die Herrin nicht weiß: Unsere eigenen Fräulein nicht mitgerechnet, gibt es noch zwei andere Fräulein, die wahrhaftig im Himmel selten und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter unserer verstorbenen Tante väterlicherseits, eine Fräulein Lin, mit dem Rufnamen Kajaljade. Gesicht und Gestalt gleichen der Dritten Tante hier; sie ist voller Gelehrsamkeit, nur leider stets kränklich. Bei diesem Wetter trägt sie noch gefütterte Kleider — geht sie hinaus, ein Windhauch und sie fällt um. Wir unverschämte Bande nennen sie heimlich ‚die kränkliche Xi Shi'. Und dann gibt es noch die Tochter der Frau Tante, eine Fräulein Xue, mit dem Rufnamen Schatzspange — als wäre sie aus Schnee geformt. Wenn sie einmal zur Tür herauskommt oder in die Kutsche steigt, oder wenn man sie zufällig im Hof erblickt, dann sind wir wie vom Donner gerührt — vor diesen beiden wagen wir nicht einmal zu atmen." Die Zweite Schwester lachte: „In einem großen Haus wie eurem — auch wenn ihr Jungen hineingehen dürft, solltet ihr euch doch von den Fräulein fernhalten." Xing'er winkte ab: „Nein, nein! Bei den großen offiziellen Zeremonien versteckt man sich natürlich weit weg, das versteht sich von selbst. Aber selbst wenn man sich versteckt hat, traut man sich nicht zu atmen — aus Angst, ein zu tiefer Atemzug könnte die Lin umwerfen, und ein zu warmer Atem könnte die Xue zum Schmelzen bringen!" Darüber lachte das ganze Zimmer.
 
  
 
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
== Anmerkungen ==
 
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).''
 
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Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 65 Kette Kaufmann [贾琏] heiratet heimlich die Zweitschwester Sonders Drittschwester Sonders bringt die Kaufmann-Brüder mit scharfer Zunge zum Schweigen

Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] und Hibiskus Kaufmann [贾蓉] alles im Einzelnen besprochen hatten und jede Vorkehrung getroffen war. Am zweiten des Monats brachte man zunächst die alte Dame Sonders und die Dritte Schwester ins neue Haus. Als die Alte es sah, war es zwar nicht so prächtig, wie Herrlichkeit Kaufmann es ihr versprochen hatte, doch es war durchaus angemessen ausgestattet, und Mutter und Tochter waren zufrieden. Bao Er und seine Frau empfingen sie voller Eifer wie ein loderndes Feuer: Er nannte die alte Dame Sonders unaufhörlich „Mama" oder „Alte Dame" und die Dritte Schwester „Dritte Tante" oder „Frau Tante". Am nächsten Tag, in der fünften Nachtwache, brachte man die Zweite Schwester in einer schlichten Sänfte herbei. Räucherstäbchen, Kerzen, Papierpferde, Bettzeug, Wein und Speisen — alles war aufs Sorgfältigste vorbereitet worden. Kurz darauf kam Kette Kaufmann in schlichter Kleidung in einer kleinen Sänfte, verbeugte sich vor Himmel und Erde und verbrannte die Papierpferde. Die alte Dame Sonders sah die Zweite Schwester von Kopf bis Fuß strahlend neu gekleidet, ganz anders als zu Hause, und war hochzufrieden. Man führte die Braut ins Hochzeitsgemach. In jener Nacht genossen Kette Kaufmann und sie die Freuden der Ehe in vollkommenem Glück — was nicht im Einzelnen beschrieben werden muss.

Kette Kaufmann fand die Zweite Schwester, je länger er sie ansah, umso schöner und entzückender. Er wusste gar nicht, wie er sie genug verwöhnen sollte. Er wies Bao Er und die anderen an, niemals von einer „Ersten" oder „Zweiten" zu sprechen, sondern sie stets als „Herrin" zu bezeichnen — und er selbst nannte sie ebenfalls so und tat, als existiere Phönixglanz [熙凤] gar nicht mehr. Wenn er nach Hause ging, sagte er nur, im Östlichen Palais gebe es Geschäfte zu regeln. Phönixglanz und ihre Leute wussten, dass er mit Herrlichkeit Kaufmann eng vertraut war, und hielten es für selbstverständlich, dass es Dinge zu besprechen gab — sie schöpften keinen Verdacht. Obwohl die Dienerschaft zahlreich war, kümmerte sich niemand um solche Dinge. Selbst jene Müßiggänger, die sich auf das Ausspionieren von Klatsch spezialisierten, schmeichelten sich lieber bei Kette Kaufmann ein und nutzten die Gelegenheit, sich ein paar Vorteile zu verschaffen — keiner wollte etwas verraten. Kette Kaufmann war Herrlichkeit Kaufmann daher unsäglich dankbar. Er gab monatlich fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt aus. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt; wenn er kam, aßen er und seine Frau zusammen, während Mutter und Schwestern sich in ihre Zimmer zurückzogen. Kette Kaufmann brachte auch alle seine über die Jahre angesammelten privaten Ersparnisse und übergab sie der Zweiten Schwester zur Aufbewahrung. Er erzählte ihr auch am Bett ausführlich von Phönixglanzs Charakter und Gebaren und sagte, sobald jene tot sei, werde er sie ins Haus holen. Die Zweite Schwester hörte das und war natürlich einverstanden. So führten die etwa zehn Personen ein recht behagliches und wohlhabendes Leben.

Im Nu waren zwei Monate vergangen. An diesem Tag hatte Herrlichkeit Kaufmann im Eiserne-Schwelle-Kloster eine buddhistische Zeremonie abgeschlossen und wollte am Abend auf dem Heimweg, weil er seine Schwägerinnen schon so lange nicht gesehen hatte, ihnen einen Besuch abstatten. Er schickte zunächst einen Burschen los, um zu erkunden, ob Kette Kaufmann da sei. Der Bursche kam zurück und sagte nein. Herrlichkeit Kaufmann freute sich, schickte alle Begleiter voraus und behielt nur zwei vertraute Burschen bei sich, die die Pferde führten. Zur Zeit des Lampenanzündens kam er leise ans neue Haus. Die beiden Burschen banden die Pferde im Stall an und gingen in die Dienstbotenräume, um zu warten.

Herrlichkeit Kaufmann trat ein. Drinnen waren gerade die Lampen angezündet worden. Er begrüßte die alte Dame Sonders und die Töchter; dann kam die Zweite Schwester heraus, und Herrlichkeit Kaufmann nannte sie wie zuvor „Zweite Schwägerin". Man trank Tee und plauderte eine Weile. Herrlichkeit Kaufmann sagte lachend: „Wie ist der Heiratsvermittler, den ich euch besorgt habe? Wenn ihr die Gelegenheit verpasst hättet, hättet ihr selbst mit einer Laterne keinen Besseren gefunden! In ein paar Tagen wird eure Schwester Geschenke vorbereiten und euch besuchen kommen." Während sie sprachen, hatte die Zweite Schwester bereits Wein und Speisen vorbereiten lassen. Die Tür wurde geschlossen; da man unter sich war, gab es keine Förmlichkeiten. Bao Er kam, um seine Aufwartung zu machen. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Du bist ein Kerl mit Gewissen, deshalb habe ich dich hierher beordert. Künftig habe ich noch wichtige Verwendung für dich — treib dich nur nicht draußen herum und mach keinen Ärger. Ich werde dich belohnen. Wenn hier etwas fehlt — dein Zweiter Herr Lian hat viel zu tun, und dort drüben sind zu viele Leute — komm ruhig direkt zu mir. Wir Brüder sind nicht wie andere." Bao Er antwortete: „Jawohl, ich weiß Bescheid. Wenn ich nicht mit ganzem Herzen diene, lasse ich mich köpfen." Herrlichkeit Kaufmann nickte: „So will ich es hören." Man trank zu viert. Die Zweite Schwester, die die Lage verstand, lud ihre Mutter ein: „Mir ist unheimlich — Mama, komm, wir gehen drüben ein bisschen spazieren." Die alte Dame Sonders verstand ebenfalls und ging tatsächlich mit ihr hinaus. Nur die kleinen Mädchen blieben. Herrlichkeit Kaufmann rückte sofort an die Dritte Schwester heran, Schulter an Schulter, Wange an Wange, und begann sie auf jede erdenkliche Weise zu bedrängen. Die Mädchen konnten es nicht mit ansehen und schlichen sich alle hinaus, überließen die beiden sich selbst — was sie miteinander trieben, sei hier nicht beschrieben.

Die beiden Burschen tranken unten in der Küche mit Bao Er; Bao Ers Frau stand am Herd. Plötzlich kamen zwei Mädchen lachend herunter und wollten auch Wein trinken. Bao Er sagte: „Warum seid ihr nicht oben beim Dienen? Wenn man euch ruft und niemand da ist, gibt es Ärger." Seine Frau schimpfte: „Du verblödeter Tölpel! Sauf nur deinen Fusel! Sauf dich voll und leg dich mit deinen Knochen hin und streck alle viere von dir! Ob gerufen wird oder nicht, geht dich einen Dreck an! Ich stehe für alles gerade — dich trifft kein Regen und kein Wind." Bao Er verdankte seinen Aufstieg im Grunde seiner Frau; in letzter Zeit war er ihr noch mehr verpflichtet. Er kümmerte sich um nichts außer Geldverdienen und Weintrinken, und Kette Kaufmann und die anderen tadelten ihn nicht dafür. So behandelte er seine Frau wie eine Mutter, gehorchte ihr in allem, trank sich voll und ging schlafen. Bao Ers Frau blieb mit den Mädchen und Burschen beim Wein, um sich deren Gunst zu sichern — denn sie wollte vor Herrlichkeit Kaufmann gut dastehen.

Gerade als die vier sich amüsierten, klopfte es an der Tür. Bao Ers Frau eilte zum Öffnen — es war Kette Kaufmann, der vom Pferd stieg und fragte, ob alles in Ordnung sei. Bao Ers Frau flüsterte ihm zu: „Der Erste Herr ist hier — im westlichen Hof." Kette Kaufmann hörte das und ging in sein Schlafzimmer. Dort fand er die Zweite Schwester und ihre Mutter; als sie ihn sahen, lag ein verlegener Ausdruck auf ihren Gesichtern. Kette Kaufmann tat, als bemerke er nichts, und sagte nur: „Bringt schnell Wein — ich will noch ein paar Gläser trinken und dann schlafen. Ich bin heute sehr müde." Die Zweite Schwester eilte herbei, lächelnd, nahm ihm die Oberkleider ab und brachte Tee, fragte dies und jenes. Kette Kaufmann war entzückt vor Freude. Bald brachte Bao Ers Frau den Wein, und die beiden tranken zusammen. Die Schwiegermutter trank nicht mit und ging in ihr Zimmer schlafen. Eins der Mädchen kam herüber zum Bedienen.

Kette Kaufmanns Vertrauensknabe Drachenkind hatte sein Pferd angebunden und bemerkt, dass dort bereits ein anderes Pferd stand. Er sah genauer hin und erkannte, dass es Herrlichkeit Kaufmanns war. Er verstand und ging ebenfalls in die Küche. Dort saßen Xi'er und Shou'er [1] und tranken. Als sie ihn kommen sahen, verstanden auch sie und sagten lachend: „Du kommst gerade zur rechten Zeit! Wir konnten mit dem Pferd des Herrn nicht mithalten und fürchteten, die Nachtwache zu stören — deshalb haben wir hier Quartier genommen." Drachenkind lachte: „Es gibt Platz genug — schlaft nur! Ich bin vom Zweiten Herrn geschickt worden, um das Monatssilber abzuliefern. Nachdem ich es der Herrin gegeben habe, gehe ich auch nicht mehr zurück." Xi'er sagte: „Wir haben genug getrunken — trink du eine Runde." Drachenkind setzte sich gerade und hob den Becher, als aus dem Pferdestall Lärm ertönte: Die beiden Pferde im selben Stall vertrugen sich nicht und traten und schlugen aufeinander ein. Drachenkind und die anderen sprangen auf, rannten hinaus und beruhigten die Pferde mit Müh und Not, banden sie getrennt an und kamen zurück. Bao Ers Frau sagte lachend: „Bleibt alle drei hier; Tee ist fertig — ich gehe jetzt." Damit schloss sie die Tür hinter sich. Xi'er hatte einige Becher getrunken und war schon glasig. Drachenkind und Shou'er schlossen die Tür und sahen Xi'er steif wie ein Brett auf dem Rücken auf dem Kang liegen. Sie stießen ihn an: „Guter Bruder, steh auf und schlaf ordentlich — wenn du den ganzen Platz einnimmst, haben wir es schwer." Xi'er brummte: „Heute Nacht spielen wir schön fair und ehrlich — wer den Anständigen spielt, den prügele ich windelweich!" Drachenkind und Shou'er sahen, dass er betrunken war, und sagten nichts weiter; sie löschten das Licht und legten sich hin, so gut es ging.

Die Zweite Schwester hörte den Pferdelärm und wurde unruhig; sie versuchte Kette Kaufmann mit Gerede abzulenken. Kette Kaufmann aber, nach einigen Bechern in Frühlingsstimmung, befahl, Wein und Früchte abzuräumen, die Tür zu schließen und sich auszukleiden. Die Zweite Schwester trug nur ein kleines, hochrotes Jäckchen, das rabenschwarze Haar lose herabfallend, das Gesicht voller Frühlingsglut, noch schöner als am Tage. Kette Kaufmann umarmte sie und lachte: „Alle Welt sagt, unser Nachtgespenst zu Hause [2] sei eine Schönheit — aber wie ich jetzt sehe, wäre sie nicht einmal würdig, dir die Schuhe zu halten." Die Zweite Schwester sagte: „Ich mag hübsch sein, aber ich habe keinen guten Charakter. So betrachtet ist es doch besser, nicht hübsch zu sein." Kette Kaufmann fragte eilig: „Wie meinst du das? Das verstehe ich nicht." Die Zweite Schwester sagte unter Tränen: „Ihr haltet mich für dumm — aber es gibt nichts, das ich nicht weiß. Seit zwei Monaten bin ich nun deine Frau; die Zeit ist kurz, aber ich weiß, dass du kein Dummkopf bist. Lebend bin ich dein Mensch, tot dein Geist; da wir nun verheiratet sind, verlasse ich mich ein Leben lang auf dich — wie könnte ich auch nur ein Wort verschweigen? Für mich selbst habe ich jetzt einen Halt, aber was wird aus meiner Schwester? So wie die Dinge liegen, fürchte ich, das ist keine Dauerlösung — es muss ein langfristiger Plan her." Kette Kaufmann hörte das und lachte: „Sei unbesorgt! Ich bin keiner, der eifersüchtig wird. Die Vergangenheit kenne ich genau; du brauchst nicht erschrocken zu sein. Da es der Schwager [3] ist, der sich wie ein Bruder verhält, ist dir das natürlich peinlich — besser, ich breche das Eis." Er stand auf und ging in den westlichen Hof. Durch das Fenster sah er helles Kerzenlicht; die beiden tranken und amüsierten sich.

Kette Kaufmann drückte die Tür auf und sagte lachend: „So ist der Älteste Bruder also hier! Der jüngere Bruder kommt, um seine Aufwartung zu machen." Herrlichkeit Kaufmann war vor Scham sprachlos; er konnte nur aufstehen und ihm einen Platz anbieten. Kette Kaufmann sagte eilig lachend: „Warum so förmlich! Wie war es denn früher unter uns Brüdern? Der Älteste Bruder hat sich meinetwegen so viel Mühe gemacht — selbst wenn ich mich in Stücke risse, könnte ich meine Dankbarkeit nicht ausdrücken. Wenn der Älteste Bruder sich Bedenken macht, wie soll ich mich dann fühlen? Von nun an bitte ich den Ältesten Bruder, alles wie früher zu halten — andernfalls bleibt mir der jüngere Bruder lieber ohne Nachkommen und wagt nicht mehr, hierher zu kommen." Damit wollte er niederknien. Herrlichkeit Kaufmann hielt ihn erschrocken zurück und sagte nur: „Bruder, was du auch sagst — ich folge in allem." Kette Kaufmann rief: „Bringt Wein! Ich will mit dem Ältesten Bruder noch ein paar Gläser trinken!" Dann zog er die Dritte Schwester herbei: „Komm her und schenk dem Schwager ein!" Herrlichkeit Kaufmann lachte: „Alter Zweiter, du bist wirklich du selbst — Bruder muss diesen Becher leer trinken!" Er kippte den Becher in einem Zug. Die Dritte Schwester aber stand auf dem Kang, zeigte auf Kette Kaufmann und lachte scharf: „Spar dir dein glattes Geschwätz! Klares Wasser, grobe Nudeln — du isst, und ich schaue zu! Ihr spielt Schattentheater mit Puppen — aber besser, ihr reißt das Papier nicht durch! Bildet euch nur nicht ein, wir wüssten nicht, was in eurem Palais los ist! Jetzt habt ihr ein paar stinkende Taler hingeworfen, und ihr zwei Brüder behandelt uns zwei Schwestern wie Freudenmädchen zum Vergnügen — da habt ihr euch aber verrechnet! Ich weiß auch, dass deine Frau eine schwierige Furie ist. Nun hast du meine Schwester hierhergelockt als Zweitfrau — eine gestohlene Glocke, die man nicht läuten darf[4]! Ich will diese Frau Feng einmal kennenlernen — mal sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände die hat! Wenn alle zufrieden und freundlich sind, gut und schön; aber wenn mir auch nur das Geringste nicht passt, dann habe ich die Kraft, euch dreien erst die Innereien herauszureißen und mich dann mit dieser Furie auf Leben und Tod zu schlagen — sonst bin ich nicht die Dritte Tante You! Trinken? Was soll die Angst — wir trinken!" Damit griff sie selbst zur Kanne, schenkte sich einen Becher ein, trank die Hälfte, schlang dann den Arm um Kette Kaufmanns Hals und goss ihm den Rest ein: „Dein Bruder und ich haben schon getrunken — komm, wir wollen ein wenig kuscheln!" Kette Kaufmann war so erschrocken, dass ihm der Wein aus dem Kopf fuhr. Auch Herrlichkeit Kaufmann hatte nicht erwartet, dass die Dritte Schwester so schamlos und durchsetzungsfähig sein könnte. Die beiden Brüder waren beide abgebrühte Wüstlinge — und doch wurde ihnen heute von diesem Mädchen mit einer einzigen Rede der Mund gestopft. Die Dritte Schwester rief immerfort: „Holt die Schwester her — wenn schon vergnügen, dann alle vier zusammen! Das Sprichwort sagt: ‚Am billigsten kommt man im eigenen Haus davon!' Die sind Brüder, wir sind Schwestern, keine Fremden — nur herein!" Die Zweite Schwester wurde ganz verlegen. Herrlichkeit Kaufmann wollte sich bei der ersten Gelegenheit davonstehlen, doch die Dritte Schwester ließ ihn nicht gehen. Herrlichkeit Kaufmann bereute nun seine Leichtfertigkeit — er hatte nicht damit gerechnet, dass sie so war, und wagte es zusammen mit Kette Kaufmann nicht mehr, sich ihr gegenüber frivol zu benehmen.

Die Dritte Schwester hatte ihr Haar locker aufgesteckt, das hochrote Jäckchen halb offen, halb geschlossen, sodass das zwiebelgrüne Mieder und ein Streifen schneeweißen Busens zum Vorschein kamen. Darunter grüne Hosen, rote Schuhe; die beiden goldenen Lotusfüße, bald übereinandergeschlagen, bald nebeneinander, keine Sekunde sittsam. Die beiden Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln. Im Lampenlicht wirkten die Weidenbrauen noch grüner, der Sandelholzmund noch röter. Ihre Augen waren von Natur klare Herbstwasser; nach dem Wein kam noch ein Hauch trunken-lasziver Schwüle hinzu. Nicht nur stellte sie ihre ältere Schwester in den Schatten — nach dem Urteil von Herrlichkeit Kaufmann und Kette Kaufmann hatten sie unter allen Frauen, die sie je gesehen hatten, ob hoch oder niedrig, vornehm oder gering, keine von solcher Anmut und Verführungskraft gefunden. Die beiden waren schon willenlos vor Begierde und konnten nicht umhin, einen Annäherungsversuch zu machen — doch sie kehrte ihre verführerischen Künste nur hervor, um die beiden in Schach zu halten. Die Dritte Schwester gab ihnen eine Kostprobe ihrer Augen und Hände, und die beiden Brüder hatten keinerlei Urteilskraft mehr, brachten kein einziges vernünftiges Wort mehr heraus — alles drehte sich nur noch um Wein und Frauen. Sie aber führte das große Wort, schwadronierte und amüsierte sich auf ihre Kosten; im Grunde war sie es, die die Männer „besuchte", nicht umgekehrt. Als ihr Wein und Vergnügen genug waren, ließ sie die Brüder nicht länger sitzen, sondern jagte sie hinaus und schloss die Tür, um schlafen zu gehen.

Von da an schimpfte sie, wenn je ein Mädchen oder eine Dienerin nicht in der Nähe war, mit schrillen Worten auf Kette Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann, alle drei — sie hätten drei Witwen und Waisen betrogen. Herrlichkeit Kaufmann wagte nach seiner Rückkehr nicht mehr so leichtfertig wiederzukommen. Nur wenn die Dritte Schwester guter Laune war und heimlich einen Burschen schickte, um ihn einzuladen, wagte er, kurz zu erscheinen — und dann musste er sich fügen, wie es ihr beliebte. Doch wer hätte gedacht, dass die Dritte Schwester einen unbändigen Charakter hatte? Im Bewusstsein ihrer eigenen Schönheit putzte sie sich absichtlich noch auffälliger heraus und entfaltete unzählige verführerische Gesten, die kein anderer erreichen konnte, nur um die Männer sabbern und verzweifeln zu lassen — nahe konnte man ihr nicht kommen, doch entfernen wollte man sich auch nicht. Dieses Hin und Her war ihr Vergnügen. Mutter und Schwester redeten ihr gut zu, doch sie erwiderte: „Schwester, du bist verblendet! Wir, die wir Gold und Jade sind, sollen uns von diesen zwei Schande-über-die-Ahnen-Burschen beschmutzen lassen — das wäre doch eine Schande! Zudem gibt es in deren Haus eine äußerst gefährliche Frau. Solange sie nichts weiß, sind wir sicher. Aber eines Tages wird sie es erfahren — und dann gibt es kein Halten mehr; ein großer Kampf steht bevor, wer weiß, wer lebt und wer stirbt. Solange ich sie noch demütigen und bestrafen kann, will ich es tun — sonst fällt am Ende doch nur ein übler Ruf auf mich, und die Reue kommt zu spät." Da Mutter und Schwester sahen, dass sie nicht auf Ermahnungen hörte, ließen sie es sein. Die Dritte Schwester wählte täglich mit äußerster Anspruchsvolle ihr Essen und ihre Kleidung: Hatte sie Silberschmuck, wollte sie Gold; hatte sie Perlen, wollte sie Edelsteine; gab es fette Gans, musste auch fette Ente geschlachtet werden. War sie unzufrieden, stieß sie den ganzen Tisch um. Gefiel ein Kleid nicht, zerschnitt sie es, ob Seide oder Brokat, ob neu oder alt — ein Fetzen gerissen, ein Schimpfwort gesagt. Letztlich hatte Herrlichkeit Kaufmann keinen einzigen Tag lang seine Freude, sondern gab nur eine Menge Geld mit schlechtem Gewissen aus.

Wenn Kette Kaufmann kam, blieb er nur im Zimmer der Zweiten Schwester, und auch ihn begann die Reue zu beschleichen. Aber die Zweite Schwester war eine warmherzige Frau. Da sie Kette Kaufmann als ihren Lebensgefährten betrachtete, war sie in allem fürsorglich und aufmerksam. Was Sanftmut und Folgsamkeit anging, so besprach sie stets alles gemeinsam und wagte nie, eigenmächtig zu handeln — in dieser Hinsicht überragte sie Phönixglanz um das Zehnfache. Auch an Schönheit, Beredsamkeit und Benehmen war sie ihr um fünf Grade überlegen. Obwohl sie sich nun gebessert hatte, war der Fehltritt doch geschehen, und das Wort „Unkeuschheit" hing an ihr — all ihre Tugenden zählten nicht mehr. Doch Kette Kaufmann sagte: „Wer ist ohne Fehler? Wer seinen Irrtum erkennt und sich bessert, ist gut genug." So sprach er nicht mehr von der vergangenen Ausschweifung, schätzte nur ihr gegenwärtiges Wesen und war mit ihr unzertrennlich wie Leim und Lack, wie Wasser und Fisch — ein Herz und eine Seele, zum Leben und Sterben verbunden. An Feng und Friedchen [平儿] dachte er kaum noch. Am Bett riet die Zweite Schwester Kette Kaufmann auch oft: „Besprich es mit dem Ältesten Bruder Zhen — wählt einen zuverlässigen Mann aus und verheiratet die Dritte Schwester. Es ist kein Dauerzustand, sie hier zu behalten; früher oder später gibt es Ärger — was dann?" Kette Kaufmann sagte: „Neulich habe ich es dem Ältesten Bruder vorgeschlagen, aber er kann nicht loslassen. Ich sagte: ‚Sie ist ein fettes Stück Hammelfleisch, nur verbrennt man sich die Zunge daran; eine Rosenblüte ist liebreizend, aber der Dorn sticht in die Hand. Wir werden sie kaum bändigen — besser, wir suchen ihr jemanden.' Er hat nur genickt und es dann fallen lassen. Was soll ich tun?" Die Zweite Schwester sagte: „Sei unbesorgt. Morgen reden wir erst mit der Dritten Schwester; wenn sie einverstanden ist, soll sie selbst Druck machen. Wenn sie genug Aufruhr macht, wird man sie schon verheiraten müssen." Kette Kaufmann hörte das und sagte: „Das ist ein ausgezeichneter Plan."

Am nächsten Tag bereitete die Zweite Schwester extra Wein vor. Kette Kaufmann ging nicht aus dem Haus und lud eigens um die Mittagszeit die jüngere Schwester herüber; die Mutter saß oben. Die Dritte Schwester verstand sofort, worum es ging. Nach der dritten Runde Wein, ohne dass die Schwester den Mund aufmachen musste, begann sie selbst unter Tränen: „Schwester, du hast mich heute eingeladen, weil du mir etwas Wichtiges sagen willst. Aber deine Schwester ist nicht dumm — du brauchst mir nicht weitschweifig die alten Schändlichkeiten aufzuzählen; ich weiß alles, und es ist zwecklos, darüber zu reden. Da nun die Schwester einen guten Hafen gefunden hat und auch die Mama versorgt ist, muss auch ich mein eigenes Schicksal suchen — das ist nur recht und billig. Aber eine lebenslange Entscheidung, von der Geburt bis zum Tod, ist kein Kinderspiel. Ich habe mich nun gebessert und halte mich an die Anstandsregeln. Nur wenn ich selbst einen Mann nach meinem Herzen wählen darf, gehe ich mit ihm. Wenn ihr für mich wählt — und wäre er reicher als Shi Chong, begabter als Cao Zijian und schöner als Pan An [5] —, wenn er mir nicht ins Herz passt, habe ich mein Leben umsonst gelebt." Kette Kaufmann lachte: „Das ist nicht schwer. Sag, wer es sein soll — die ganze Mitgift richten wir aus, und die Mama braucht sich um nichts zu kümmern." Die Dritte Schwester schluchzte: „Die Schwester weiß es — ich brauche es nicht zu sagen." Kette Kaufmann fragte die Zweite Schwester lachend, wer es sei; die konnte auf die Schnelle nicht darauf kommen. Alle überlegten. Dann rief Kette Kaufmann: „Es kann nur dieser eine sein!" Er klatschte lachend in die Hände: „Ich weiß! Der Mann ist wirklich nicht schlecht — sie hat einen guten Blick!" Die Zweite Schwester fragte lachend, wer es sei. Kette Kaufmann lachte: „Wer sonst könnte in ihr Herz dringen? Es muss Schatzjade sein!" Die Zweite Schwester und die alte Dame Sonders hörten es und fanden es einleuchtend. Die Dritte Schwester aber spuckte aus und sagte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müssten wir dann eure zehn Brüder heiraten? Gibt es auf der Welt etwa nur in eurem Haus gute Männer?" Alle waren verdutzt: „Wer sonst, wenn nicht er?" Die Dritte Schwester lachte: „Denkt nicht nur an die Gegenwart — die Schwester soll fünf Jahre zurückdenken, dann weiß sie es."

Gerade als sie darüber sprachen, kam Xing'er [6] herein und bat Kette Kaufmann heraus: „Der Herr Vater wartet dringend! Der Kleine hat gesagt, der Herr sei beim Herrn Onkel, und ist sofort hergekommen." Kette Kaufmann fragte hastig: „Hat gestern zu Hause jemand nach mir gefragt?" Xing'er sagte: „Der Kleine hat der Herrin gemeldet, der Herr bespreche im Familientempel mit dem Ersten Herrn Zhen die Hundert-Tage-Zeremonie und könne wohl nicht nach Hause kommen." Kette Kaufmann befahl eilig, sein Pferd zu satteln; Drachenkind begleitete ihn. Xing'er blieb zurück, um eventuelle Besucher zu empfangen.

Die Zweite Schwester stellte zwei Schalen Speisen auf, ließ einen großen Becher mit Wein einschenken und befahl Xing'er, am Kangrand auf dem Boden sitzend zu essen. Dabei befragte sie ihn lang und breit: Wie alt die Herrin zu Hause sei, wie sie aussehe und wie gefährlich, wie alt die Alte Herrin, die Gnädige Frau, wie viele Fräulein es gebe und allerlei häusliche Dinge. Xing'er aß grinsend am Kangrand, während er Mutter und Tochter ausführlich über die Angelegenheiten des Rongfu informierte. Dann sagte er: „Ich gehöre zur Torwache am Zweiten Tor. Wir sind zwei Schichten, je vier Mann, zusammen acht. Unter diesen acht sind einige Vertraute der Herrin und einige Vertraute des Herrn. Die Vertrauten der Herrin wagen wir nicht zu reizen; aber die Vertrauten des Herrn, die reizt die Herrin ohne Weiteres. Was unsere Herrin betrifft: Im Herzen ist sie bösartig, im Mundwerk messerscharf. Unser Zweiter Herr ist eigentlich ganz anständig, aber wo käme er gegen sie an! Fräulein Ping dagegen, die vor ihr dient, ist ein wirklich guter Mensch. Obwohl sie zur Clique der Herrin gehört, tut sie hinter deren Rücken oft Gutes. Wenn wir uns etwas zuschulden kommen lassen und die Herrin uns nicht verzeiht, brauchen wir nur sie zu bitten, und es ist erledigt. Inzwischen gibt es im ganzen Haus — die Alte Herrin und die Gnädige Frau ausgenommen — keinen Menschen, der sie nicht hasst; nur wagt niemand es zu zeigen. Das liegt nur daran, dass sie es versteht, die Alte Herrin und die Gnädige Frau zufrieden zu stellen. Was sie sagt, ist Gesetz; was sie befiehlt, wird getan — niemand wagt zu widersprechen. Und sie kann es gar nicht abwarten, das Silber zusammenzuschaben und aufzutürmen, damit die Alte Herrin und die Gnädige Frau sagen, sie sei eine tüchtige Hauswirtin — ohne zu bedenken, wie die Untergebenen darunter leiden, während sie sich einschmeichelt. Gibt es etwas Gutes, stürzt sie sich darauf, bevor andere den Mund aufmachen; gibt es Ärger oder hat sie selbst einen Fehler gemacht, zieht sie den Kopf ein und schiebt alles auf andere, während sie daneben noch das Feuer schürt. Inzwischen beschwert sich sogar ihre rechtmäßige Schwiegermutter, die Erste Gnädige Frau, und sagt: ‚Der Spatz fliegt dahin, wo es am besten ist, eine Henne und lauter schwarze Küken — um den eigenen Haushalt kümmert sie sich nicht, aber bei fremden Leuten mischt sie sich überall ein.' Wenn nicht die Alte Herrin wäre, hätte man sie schon längst zur Ordnung gerufen." Die Zweite Schwester lachte: „Du redest hinter ihrem Rücken so über sie — wer weiß, wie du eines Tages über mich redest! Ich stehe sogar noch unter ihr — da gibt es erst recht viel zu reden." Xing'er kniete eilig nieder und sagte: „Wenn die Herrin so spricht, fürchte ich den Blitz nicht! Wenn wir kleinen Leute das Glück gehabt hätten, eine Herrin wie Euch zu bekommen, wären wir weniger geschlagen und beschimpft worden und hätten weniger Angst ausstehen müssen. Alle, die dem Herrn dienen, loben hinter dem Rücken die Güte und das Erbarmen der Herrin. Wir haben uns schon besprochen — am liebsten würden wir den Zweiten Herrn bitten, uns hierherzuversetzen; wir wollen lieber der Herrin hier dienen!" Die Zweite Schwester lachte: „Du Affenbalg! Steh auf! Es war nur ein Scherz — warum so erschrocken? Was wollt ihr hier? Ich will eure Herrin besuchen gehen!" Xing'er winkte heftig ab: „Herrin, geht auf gar keinen Fall! Ich rate der Herrin: Am besten trefft ihr sie nie in eurem Leben! Süß im Mund, bitter im Herzen; zwei Gesichter, drei Messer[7]. Oben ein lachendes Gesicht, unten stellt sie ein Bein; nach außen eine Feuerschüssel, im Verborgenen ein scharfes Messer — alles trifft auf sie zu! Ich fürchte, selbst mit dem Mundwerk der Dritten Tante wäre sie ihr nicht gewachsen. Unsere Herrin ist ein so sanfter, wohlerzogener Mensch — sie wäre ihr keineswegs gewachsen!" Die Zweite Schwester sagte: „Ich werde sie nur höflich behandeln — was kann sie mir schon tun?" Xing'er sagte: „Der Kleine redet nicht im Rausch daher. Selbst wenn die Herrin die Höflichkeit selbst ist — wenn sie sieht, dass die Herrin hübscher ist und beliebter, wie sollte sie das auf sich beruhen lassen? Andere sind Essigkrüge — sie ist ein ganzes Essigfass, eine Essigtonne[8]! Schaut der Herr auch nur ein Mädchen etwas länger an, ist sie imstande, es vor seinen Augen windelweich zu schlagen. Obwohl Fräulein Ping mit im Haus wohnt — ungefähr ein- oder zweimal im Jahr oder in zwei Jahren kommen die beiden zusammen —, sie muss noch zehn Pflaumen im Mund zählen! Einmal wurde Fräulein Ping so wütend, dass sie weinte und schrie: ‚Ich bin nicht von selbst gekommen! Du hast mich überredet, und als ich nicht wollte, hast du gesagt, ich rebelliere — und jetzt das!' Da gibt sie dann nach und bittet Fräulein Ping um Verzeihung." Die Zweite Schwester lachte: „Ist das auch wahr? Ein solches Nachtgespenst — und dann fürchtet sie die eigene Kammerfrau?" Xing'er sagte: „Das ist genau das Sprichwort: ‚Unter dem Himmel kommt man an der Vernunft nicht vorbei.' Diese Friedchen ist seit Kindesbeinen ihre Zofe und kam mit in die Ehe — von den ursprünglich vier blieben nach Heiraten und Todesfällen nur sie allein übrig, die engste Vertraute. Sie hat sie offiziell dem Herrn als Nebenfrau gegeben — erstens, um ihren Ruf der Großmut zu wahren; zweitens, um den Herrn ans Haus zu binden, damit er sich draußen nicht verirrt. Da gibt es noch einen Zusammenhang: In unserem Haus ist es Brauch, dass die jungen Herren, wenn sie erwachsen werden, vor der Hochzeit zwei Mädchen zur Bedienung bekommen. Der Zweite Herr hatte ursprünglich zwei — doch kaum war sie ein halbes Jahr da, hat sie bei beiden einen Fehler gefunden und beide hinausgeworfen. Vor anderen war es ihr peinlich, also zwang sie Fräulein Ping, die Nebenfrau des Herrn zu werden. Fräulein Ping ist ein aufrichtiger Mensch, der die Sache nie auf die Goldwaage legt und niemals zwischen Mann und Frau Zwietracht sät, sondern nur treu und ergeben dient — deshalb wird sie geduldet."

Die Zweite Schwester lachte: „So ist das also! Aber ich habe gehört, in eurem Haus gebe es auch eine verwitwete Schwägerin und mehrere Fräulein. Wenn sie so streng ist, wie können die sich alle fügen?" Xing'er klatschte lachend in die Hände: „Die Herrin weiß das also noch nicht! Unsere verwitwete Schwägerin hat den Spitznamen ‚Große Bodhisattva' — die tugendhafteste Person überhaupt. Bei uns im Haus ist es so: Witwen kümmern sich nicht um die Verwaltung, sondern sollen in Ruhe und Keuschheit leben. Praktischerweise gibt es viele Fräulein — man hat sie ihr anvertraut, damit sie lesen, schreiben, nähen und Moral lernen. Das ist ihre Aufgabe. Um alles andere kümmert sie sich nicht. Nur weil jene [Phönixglanz] in letzter Zeit krank war und es viel zu tun gibt, führt die Erste Schwägerin vorübergehend die Geschäfte — allerdings tut sie nichts weiter, als die Regeln zu befolgen, ohne sich wie jene wichtigzumachen. Unser Erstes Fräulein [9] — über sie braucht man gar nicht zu reden; wäre sie nicht gut, hätte sie nicht dieses große Glück erfahren. Das Zweite Fräulein hat den Spitznamen ‚Holzkopf Nummer Zwei' — selbst wenn man sie mit einer Nadel sticht, sagt sie nicht ‚Au!' Das Dritte Fräulein hat den Spitznamen ‚Rosenblüte'." Die Sonders-Schwestern fragten eilig lachend, warum. Xing'er lachte: „Die Rosenblüte ist rot und duftend — jeder liebt sie; nur stechen die Dornen. Sie ist auch eine Göttin — schade nur, dass sie nicht von der Gnädigen Frau geboren wurde. ‚Aus dem Krähennest kommt ein Phönix.' Das Vierte Fräulein ist noch klein; sie ist eigentlich die leibliche Schwester des Ersten Herrn Zhen. Da sie seit klein auf keine Mutter hatte, hat die Alte Herrin sie der Gnädigen Frau zum Aufziehen gegeben — auch sie kümmert sich um nichts. Was die Herrin nicht weiß: Unsere eigenen Fräulein nicht mitgerechnet, gibt es noch zwei andere Fräulein, die wahrhaftig im Himmel selten und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter unserer verstorbenen Tante väterlicherseits, eine Fräulein Lin, mit dem Rufnamen Kajaljade. Gesicht und Gestalt gleichen der Dritten Tante hier; sie ist voller Gelehrsamkeit, nur leider stets kränklich. Bei diesem Wetter trägt sie noch gefütterte Kleider — geht sie hinaus, ein Windhauch und sie fällt um. Wir unverschämte Bande nennen sie heimlich ‚die kränkliche Xi Shi'. Und dann gibt es noch die Tochter der Frau Tante, eine Fräulein Xue, mit dem Rufnamen Schatzspange — als wäre sie aus Schnee geformt. Wenn sie einmal zur Tür herauskommt oder in die Kutsche steigt, oder wenn man sie zufällig im Hof erblickt, dann sind wir wie vom Donner gerührt — vor diesen beiden wagen wir nicht einmal zu atmen." Die Zweite Schwester lachte: „In einem großen Haus wie eurem — auch wenn ihr Jungen hineingehen dürft, solltet ihr euch doch von den Fräulein fernhalten." Xing'er winkte ab: „Nein, nein! Bei den großen offiziellen Zeremonien versteckt man sich natürlich weit weg, das versteht sich von selbst. Aber selbst wenn man sich versteckt hat, traut man sich nicht zu atmen — aus Angst, ein zu tiefer Atemzug könnte die Lin umwerfen, und ein zu warmer Atem könnte die Xue zum Schmelzen bringen!" Darüber lachte das ganze Zimmer.

Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

  1. Herrlichkeit Kaufmanns Burschen
  2. Phönixglanz
  3. Herrlichkeit Kaufmann
  4. Anspielung auf das Sprichwort „sich die Ohren zuhalten und die Glocke stehlen“ (掩耳盗铃 yǎn ěr dào líng): sich selbst etwas vormachen, indem man so tut, als wüsste niemand von der verborgenen Ehe.
  5. berühmte historische Vorbilder für Reichtum, Talent und Schönheit
  6. einer von Kette Kaufmanns vertrauten Burschen
  7. Chin. 口蜜腹剑 kǒu mì fù jiàn („Honig im Mund, Schwert im Bauch“) und 两面三刀 liǎng miàn sān dāo („zwei Gesichter, drei Messer“) — bekannte Redewendungen für Falschheit und Hinterlist.
  8. Chin. 醉缸 cù gāng, 醉瓮 cù wèng — „Essigkrug“ und „Essigtonne“ sind Steigerungsformen des chinesischen Ausdrucks für krankhafte Eifersucht (吃醋 chī cù, wörtl. „Essig essen“).
  9. Urfrühling