Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 76"
(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 76 mit Navigation und Fussnoten) |
(DE4 Korrektur-Update Kap. 76) |
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Sechsundsiebzigstes Kapitel | Sechsundsiebzigstes Kapitel | ||
| − | An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung lauschen sie der Flöte und empfinden Wehmut — Bei der Herberge Kristallklare Vertiefung dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit | + | An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung<ref>凸碧山庄 (Tūbì Shānzhuāng), wörtlich „Bergvilla der hervorragenden Jade-Erhebung“. Bildet ein Gegensatzpaar mit der Herberge Kristallklare Vertiefung (凹/凸, eingesenkt/erhaben).</ref> lauschen sie der Flöte und empfinden Wehmut — Bei der Herberge Kristallklare Vertiefung dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit |
| − | Jiǎ Shè [贾赦] und Jiǎ Zhèng [贾政] gingen also mit Kaufmann | + | Jiǎ Shè [贾赦] und Jiǎ Zhèng [贾政] gingen also mit Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein. |
Derweil befahl die Herzoginmutter [贾母], den Stellschirm wegzuräumen und die beiden Tafeln zu einer einzigen zusammenzuschieben. Die Frauen wischten die Tische ab, füllten die Obstschalen auf, tauschten die Becher aus, wuschen die Essstäbchen und richteten alles frisch her. Die Herzoginmutter [贾母] und ihre Gesellschaft zogen sich etwas Warmes über, wuschen sich die Hände, spülten den Mund und tranken Tee, ehe sie sich wieder rund um die Tafel setzten. | Derweil befahl die Herzoginmutter [贾母], den Stellschirm wegzuräumen und die beiden Tafeln zu einer einzigen zusammenzuschieben. Die Frauen wischten die Tische ab, füllten die Obstschalen auf, tauschten die Becher aus, wuschen die Essstäbchen und richteten alles frisch her. Die Herzoginmutter [贾母] und ihre Gesellschaft zogen sich etwas Warmes über, wuschen sich die Hände, spülten den Mund und tranken Tee, ehe sie sich wieder rund um die Tafel setzten. | ||
| − | Als die Herzoginmutter [贾母] bemerkte, dass die Schwestern Schatzspange | + | Als die Herzoginmutter [贾母] bemerkte, dass die Schwestern Schatzspange [宝钗] und Bǎoqín [宝琴] nicht dabei waren — denn sie feierten, wie sie sich dachte, das Mondfest daheim im Kreise ihrer Familie —, und da auch Lǐ Wán [李纨] und Phönixglanz [凤姐] krankheitshalber fehlten, so dass gleich vier Personen weniger da waren, kam ihr die Runde recht vereinsamt vor. Lächelnd sagte sie: „In den vergangenen Jahren, als der gnädige Herr nicht da war, haben wir einfach die Frau Tante herübergebeten, und wir alle haben gemeinsam den Mond bewundert — das war stets höchst vergnüglich. Nur wenn uns dann plötzlich der Herr einfiel und wir daran denken mussten, dass Mutter und Sohn, Mann und Frau, Eltern und Kinder nicht beisammen sein konnten, war uns die Stimmung verdorben. Heute nun ist der Herr wieder da, und eigentlich sollten wir alle miteinander fröhlich sein — doch jetzt ist es nicht mehr angebracht, die Frau Tante mit ihren Kindern einzuladen, damit wir gemeinsam scherzen und lachen. Zumal sie in diesem Jahr zwei weitere Personen im Haus hat, die sie nicht so einfach im Stich lassen kann, um zu uns herüberzukommen. Und obendrein ist Phönixglanz [凤姐] krank geworden — hätten wir sie allein, wöge sie mit ihrem Scherzen und Lachen zehn andere auf! Da sieht man: Nichts auf der Welt ist vollkommen." |
Nach diesen Worten seufzte sie unwillkürlich auf und befahl dann, man solle ihr einen großen Becher bringen und mit heißem Wein füllen. | Nach diesen Worten seufzte sie unwillkürlich auf und befahl dann, man solle ihr einen großen Becher bringen und mit heißem Wein füllen. | ||
Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Heute seid Ihr wieder mit Eurem Sohn vereint, und das ist doch schöner als in den vergangenen Jahren. Damals mochten wir Frauen zwar zahlreicher sein, aber das ist doch nicht dasselbe, als wenn die engste Familie vollzählig beisammen ist." | Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Heute seid Ihr wieder mit Eurem Sohn vereint, und das ist doch schöner als in den vergangenen Jahren. Damals mochten wir Frauen zwar zahlreicher sein, aber das ist doch nicht dasselbe, als wenn die engste Familie vollzählig beisammen ist." | ||
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Frau Yóu errötete und erwiderte lächelnd: „Was die alte Ahnin da sagt, ist kaum auszuhalten! Wir sind zwar noch jung, aber schon über zehn Jahre verheiratet und gehen auf die Vierzig zu. Zudem ist unsere Trauerzeit noch nicht abgelaufen. Euch eine Nacht lang Gesellschaft zu leisten, das geht wohl an — aber mich zum Vergnügen mit meinem Mann zusammenzutun, das schickt sich nicht." | Frau Yóu errötete und erwiderte lächelnd: „Was die alte Ahnin da sagt, ist kaum auszuhalten! Wir sind zwar noch jung, aber schon über zehn Jahre verheiratet und gehen auf die Vierzig zu. Zudem ist unsere Trauerzeit noch nicht abgelaufen. Euch eine Nacht lang Gesellschaft zu leisten, das geht wohl an — aber mich zum Vergnügen mit meinem Mann zusammenzutun, das schickt sich nicht." | ||
Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Du hast ganz recht! Ich hatte völlig vergessen, dass eure Trauerzeit noch nicht vorüber ist. Es sind ja schon mehr als zwei Jahre, seit dein Schwiegervater verstorben ist — das hatte ich nicht bedacht. Zur Strafe trinke ich einen großen Becher! Wenn das so ist, brauchst du sie nicht hinauszubegleiten, bleib nur bei mir. Aber sag Jungs [贾蓉] Frau, sie soll sie hinausbringen und dann gleich selbst nach Hause fahren." | Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Du hast ganz recht! Ich hatte völlig vergessen, dass eure Trauerzeit noch nicht vorüber ist. Es sind ja schon mehr als zwei Jahre, seit dein Schwiegervater verstorben ist — das hatte ich nicht bedacht. Zur Strafe trinke ich einen großen Becher! Wenn das so ist, brauchst du sie nicht hinauszubegleiten, bleib nur bei mir. Aber sag Jungs [贾蓉] Frau, sie soll sie hinausbringen und dann gleich selbst nach Hause fahren." | ||
| − | Frau Yóu gab das weiter, und | + | Frau Yóu gab das weiter, und Jung Kaufmanns [贾蓉] Frau sagte „Jawohl", begleitete Frau Xíng [邢夫人] hinaus bis zum Haupttor, wo jede in ihren Wagen stieg und nach Hause fuhr. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein. |
Nun führte die Herzoginmutter [贾母] die Verbliebenen noch einmal zu den Osmanthus-Sträuchern, an denen sie sich ein Weilchen erfreuten. Dann kehrten sie an die Tafel zurück und ließen frisch gewärmten Wein auftragen. Gerade als sie so plauderten, erklang plötzlich und unvermutet von drüben, im Schatten der Osmanthus-Bäume, die Querflöte — bald schluchzend und klagend, bald schwellend und getragen. Im Zusammenspiel mit dem hellen Mond und der klaren Luft, dem weiten Himmel und der stillen Erde löste diese Musik mit einem Mal alle Kümmernisse der Herzen und ließ zehntausend Sorgen verschwinden. Jeder saß andächtig und regungslos auf seinem Platz und genoss es in Schweigen. Erst als die Musik nach einer Weile — die man brauchte, um zwei Schalen Tee zu trinken — wieder verstummte, spendeten alle nicht enden wollendes Lob. | Nun führte die Herzoginmutter [贾母] die Verbliebenen noch einmal zu den Osmanthus-Sträuchern, an denen sie sich ein Weilchen erfreuten. Dann kehrten sie an die Tafel zurück und ließen frisch gewärmten Wein auftragen. Gerade als sie so plauderten, erklang plötzlich und unvermutet von drüben, im Schatten der Osmanthus-Bäume, die Querflöte — bald schluchzend und klagend, bald schwellend und getragen. Im Zusammenspiel mit dem hellen Mond und der klaren Luft, dem weiten Himmel und der stillen Erde löste diese Musik mit einem Mal alle Kümmernisse der Herzen und ließ zehntausend Sorgen verschwinden. Jeder saß andächtig und regungslos auf seinem Platz und genoss es in Schweigen. Erst als die Musik nach einer Weile — die man brauchte, um zwei Schalen Tee zu trinken — wieder verstummte, spendeten alle nicht enden wollendes Lob. | ||
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Die Herzoginmutter [贾母] nickte und sagte dann seufzend: „Ich mache mir wirklich zu viele Sorgen! Dabei behauptet er nicht mehr und nicht weniger, als dass ich in meinen Gefühlen einseitig sei — und ich kümmere mich trotzdem so um ihn." Dann erzählte sie Frau Wáng [王夫人], Frau Yóu und den anderen den Schwank nach, den Jiǎ Shè [贾赦] vorhin zum Besten gegeben hatte. | Die Herzoginmutter [贾母] nickte und sagte dann seufzend: „Ich mache mir wirklich zu viele Sorgen! Dabei behauptet er nicht mehr und nicht weniger, als dass ich in meinen Gefühlen einseitig sei — und ich kümmere mich trotzdem so um ihn." Dann erzählte sie Frau Wáng [王夫人], Frau Yóu und den anderen den Schwank nach, den Jiǎ Shè [贾赦] vorhin zum Besten gegeben hatte. | ||
Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd beschwichtigend auf sie ein: „Das hat er doch nur aus Versehen erzählt, als alle schon Wein getrunken hatten und scherzten. So etwas kommt vor. Er würde doch nicht wagen, dabei Euch im Sinn zu haben! Ihr solltet das nicht so ernst nehmen, alte gnädige Frau." | Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd beschwichtigend auf sie ein: „Das hat er doch nur aus Versehen erzählt, als alle schon Wein getrunken hatten und scherzten. So etwas kommt vor. Er würde doch nicht wagen, dabei Euch im Sinn zu haben! Ihr solltet das nicht so ernst nehmen, alte gnädige Frau." | ||
| − | Da kam Mandarinenente | + | Da kam Mandarinenente [鸳鸯] mit einer weichen Kapuze und einem großen Umhang und sagte: „Es ist schon spät in der Nacht, bald fällt der Tau, und der Wind bläst Euch um den Kopf. Ihr müsst das hier umnehmen. Und wenn Ihr noch ein Weilchen sitzt, solltet Ihr schlafen gehen." |
Die Herzoginmutter [贾母] schmollte: „Kaum dass ich mich einmal freue, kommst du, um mich zu mahnen! Bin ich vielleicht betrunken? Jetzt bleibe ich erst recht, bis es hell wird!" Und sie befahl, man solle frischen Wein einschenken. Zugleich aber zog sie sich auch die Kapuze über und hüllte sich in den Umhang. Alle tranken zur Gesellschaft mit und erzählten einige Scherze. Da erklangen aus dem Schatten der Osmanthus-Bäume erneut Flötenklänge — schluchzend und zart, schwebend und fein —, wirklich noch einsamer und wehklagender als zuvor. | Die Herzoginmutter [贾母] schmollte: „Kaum dass ich mich einmal freue, kommst du, um mich zu mahnen! Bin ich vielleicht betrunken? Jetzt bleibe ich erst recht, bis es hell wird!" Und sie befahl, man solle frischen Wein einschenken. Zugleich aber zog sie sich auch die Kapuze über und hüllte sich in den Umhang. Alle tranken zur Gesellschaft mit und erzählten einige Scherze. Da erklangen aus dem Schatten der Osmanthus-Bäume erneut Flötenklänge — schluchzend und zart, schwebend und fein —, wirklich noch einsamer und wehklagender als zuvor. | ||
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Die verbliebenen Frauen räumten nun Becher, Teller und Schüsseln zusammen und bemerkten dabei, dass ein feines Teeschälchen fehlte. Sie suchten es überall vergeblich, dann wandte sich die für das Geschirr Zuständige an die anderen: „Bestimmt hat es jemand fallen lassen und zerbrochen! Sagt mir, wohin ihr die Scherben getan habt, damit ich sie vorzeigen kann — sonst heißt es wieder, ich hätte das Schälchen gestohlen." | Die verbliebenen Frauen räumten nun Becher, Teller und Schüsseln zusammen und bemerkten dabei, dass ein feines Teeschälchen fehlte. Sie suchten es überall vergeblich, dann wandte sich die für das Geschirr Zuständige an die anderen: „Bestimmt hat es jemand fallen lassen und zerbrochen! Sagt mir, wohin ihr die Scherben getan habt, damit ich sie vorzeigen kann — sonst heißt es wieder, ich hätte das Schälchen gestohlen." | ||
Die anderen sagten: „Bei uns ist nichts zu Bruch gegangen. Vielleicht hat jemand aus dem Gefolge der gnädigen Fräulein es zerbrochen — das kann man nicht wissen. Überleg noch einmal genau, oder geh und frag sie." | Die anderen sagten: „Bei uns ist nichts zu Bruch gegangen. Vielleicht hat jemand aus dem Gefolge der gnädigen Fräulein es zerbrochen — das kann man nicht wissen. Überleg noch einmal genau, oder geh und frag sie." | ||
| − | Das brachte die Zuständige auf die richtige Spur, und lächelnd sagte sie: „Tatsächlich — jetzt erinnere ich mich! Cuìlǚ [翠缕] hatte das Schälchen in der Hand. Ich werde sie fragen." Damit machte sie sich auf den Weg, und als sie den befestigten Pfad hinunterkam, begegneten ihr dort Purpurkuckuck | + | Das brachte die Zuständige auf die richtige Spur, und lächelnd sagte sie: „Tatsächlich — jetzt erinnere ich mich! Cuìlǚ [翠缕] hatte das Schälchen in der Hand. Ich werde sie fragen." Damit machte sie sich auf den Weg, und als sie den befestigten Pfad hinunterkam, begegneten ihr dort Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕]. |
Cuìlǚ [翠缕] fragte: „Die alte gnädige Frau ist schon aufgebrochen — wisst Ihr, wohin unser Fräulein gegangen ist?" | Cuìlǚ [翠缕] fragte: „Die alte gnädige Frau ist schon aufgebrochen — wisst Ihr, wohin unser Fräulein gegangen ist?" | ||
Die Dienerin erwiderte: „Ich bin hergekommen, um nach einem Teeschälchen zu fragen — und ihr fragt mich nach eurem Fräulein!" | Die Dienerin erwiderte: „Ich bin hergekommen, um nach einem Teeschälchen zu fragen — und ihr fragt mich nach eurem Fräulein!" | ||
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Die Dienerin sagte lächelnd: „Wenn ich jetzt weiß, wo es geblieben ist, brauche ich mich nicht mehr zu beeilen. Morgen werde ich mir das Schälchen von dir geben lassen." Damit ging sie zurück, um weiter das Geschirr zusammenzusammeln. Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] aber machten sich auf den Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter [贾母]. Doch davon soll hier zunächst nicht die Rede sein. | Die Dienerin sagte lächelnd: „Wenn ich jetzt weiß, wo es geblieben ist, brauche ich mich nicht mehr zu beeilen. Morgen werde ich mir das Schälchen von dir geben lassen." Damit ging sie zurück, um weiter das Geschirr zusammenzusammeln. Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] aber machten sich auf den Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter [贾母]. Doch davon soll hier zunächst nicht die Rede sein. | ||
| − | In Wirklichkeit waren Kajaljade | + | In Wirklichkeit waren Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] keineswegs schlafen gegangen. Da so viele Angehörige des Hauses den Vollmond bewunderten und die Herzoginmutter [贾母] dennoch klagte, es seien zu wenige und es ginge nicht mehr so lebhaft zu wie einst — und weil sie auch die Schwestern Xuē [薛] erwähnt hatte, die daheim im Kreis ihrer Angehörigen den Mond genossen —, hatte Kajaljade [黛玉] der Kummer überrascht. Sie war fortgegangen, hatte sich auf eine Balustrade gestützt und leise geweint. |
| − | Schatzjade | + | Schatzjade [宝玉] hatte in letzter Zeit wegen Qíngwéns [晴雯] schwerer Krankheit für nichts mehr Interesse aufbringen können, und als Frau Wáng [王夫人] ihn wieder und wieder zum Schlafengehen ermahnt hatte, war er wirklich gegangen. Ebenso wenig stand Tànchūn [探春] der Sinn nach Vergnügungen — sie hatte sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten ärgern müssen. Zwar waren noch Yíngchūn [迎春] und Xīchūn [惜春] da, doch mit ihnen hatte sich Kajaljade [黛玉] nie sonderlich gut verstanden. |
| − | So war | + | So war Xiangfluss-Wolke [湘云] die Einzige, die ihr gut zuredete. Sie sagte: „Du bist doch ein verständiger Mensch — warum quälst du dich selbst auf diese Weise? Mir ergeht es genauso wie dir, und trotzdem bin ich nicht so kopfhängerisch. Außerdem bist du so oft krank — du solltest dich schonen! Es ist schon ärgerlich genug, dass die Schwester Schatzspange [宝钗] tagelang von nichts anderem geredet hat als davon, wie wir alle zusammen zum Mittherbstfest den Mond bewundern und unseren Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam Verse zu verfassen — und jetzt, wo es soweit ist, lässt sie uns allein und genießt den Mond anderswo! Der Bund ist zerfallen, und kein Gedicht wird geschrieben. Stattdessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen nach Belieben das Feld beherrscht. Weißt du nicht, was Kaiser Tàizǔ der Sòng [宋太祖] gesagt hat: ‚Wie kann man neben dem eigenen Lager einen Fremden schnarchen lassen?' Wenn die anderen nicht dichten, dichten wir beiden eben allein und beschämen sie morgen damit!" |
| − | Da Kajaljade [黛玉] sah, wie | + | Da Kajaljade [黛玉] sah, wie Xiangfluss-Wolke [湘云] sich bemühte, sie aufzuheitern, wollte sie deren Eifer nicht enttäuschen, und sagte lächelnd: „Hier, wo alles so laut durcheinanderschreit — wie soll man da in Dichterlaune kommen?" |
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Den Mond hier oben auf dem Berg zu genießen ist zwar schön, aber am Wasser ist es noch viel schöner! Du weißt doch, dass unten am Fuß dieses Hügels das Teichufer liegt. In der Einbuchtung des Berges, nahe am Wasser, steht die Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]. Schon daran kann man erkennen, wie viel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens eingeflossen ist: Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung [凸碧], und die Senke am Fuß, nahe dem Wasser, heißt Kristallklare Vertiefung [凹晶]. Diese beiden Schriftzeichen tū [凸] und āo [凹] sind seit jeher äußerst selten verwendet worden. Wenn man sie hier geradewegs als Namen für Gebäude nimmt, wirken sie umso neuartiger und keineswegs abgegriffen. | |
Man erkennt sofort, dass die beiden Stätten einander gegenüberliegen — eine oben, die andere unten; eine hell, die andere dunkel; eine hoch, die andere niedrig; eine ein Berg, die andere ein Gewässer. Offensichtlich wurden sie eigens zum Genuss des Mondes angelegt. Wer die Berghöhe liebt und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher; und wer den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin. | Man erkennt sofort, dass die beiden Stätten einander gegenüberliegen — eine oben, die andere unten; eine hell, die andere dunkel; eine hoch, die andere niedrig; eine ein Berg, die andere ein Gewässer. Offensichtlich wurden sie eigens zum Genuss des Mondes angelegt. Wer die Berghöhe liebt und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher; und wer den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin. | ||
Dass diese beiden Zeichen so selten verwendet werden, liegt allein daran, dass sie im Volkmund als wā und gǒng ausgesprochen werden — was als vulgär gilt. Das Zeichen āo hat nur Lù Yóu [陆放翁] gebraucht, als er schrieb: | Dass diese beiden Zeichen so selten verwendet werden, liegt allein daran, dass sie im Volkmund als wā und gǒng ausgesprochen werden — was als vulgär gilt. Das Zeichen āo hat nur Lù Yóu [陆放翁] gebraucht, als er schrieb: | ||
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So stiegen die beiden gemeinsam den Hang hinab. Gleich nach der ersten Biegung waren sie schon am Teichufer. Dort lief ein Bambusgeländer am Ufer entlang bis hinüber zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭]. Die wenigen Gebäude hier lagen im Schutz der Bergflanke — es war der Rückzugsort der Bergvilla Jadegrüne Erhebung [凸碧山庄]. Weil die Stelle niedrig lag und nahe am Wasser, trug sie über dem Eingang die Aufschrift „Herberge Kristallklare Vertiefung am Bach" [凹晶溪馆]. Da hier nur wenige und zudem kleine, niedrige Räume standen, waren lediglich zwei alte Frauen zur Nachtwache abgestellt. Heute hatte man ihnen gesagt, dass oben an der Bergvilla Dienst war und es sie nichts angehe — also hatten die beiden ihre zugeteilten Mondkuchen, Früchte und den Festschmaus aufgeteilt, sich satt und trunken gegessen, die Lampen gelöscht und sich schlafen gelegt. | So stiegen die beiden gemeinsam den Hang hinab. Gleich nach der ersten Biegung waren sie schon am Teichufer. Dort lief ein Bambusgeländer am Ufer entlang bis hinüber zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭]. Die wenigen Gebäude hier lagen im Schutz der Bergflanke — es war der Rückzugsort der Bergvilla Jadegrüne Erhebung [凸碧山庄]. Weil die Stelle niedrig lag und nahe am Wasser, trug sie über dem Eingang die Aufschrift „Herberge Kristallklare Vertiefung am Bach" [凹晶溪馆]. Da hier nur wenige und zudem kleine, niedrige Räume standen, waren lediglich zwei alte Frauen zur Nachtwache abgestellt. Heute hatte man ihnen gesagt, dass oben an der Bergvilla Dienst war und es sie nichts angehe — also hatten die beiden ihre zugeteilten Mondkuchen, Früchte und den Festschmaus aufgeteilt, sich satt und trunken gegessen, die Lampen gelöscht und sich schlafen gelegt. | ||
| − | Als Kajaljade [黛玉] und | + | Als Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] sahen, dass die Lichter erloschen waren, sagte Xiangfluss-Wolke [湘云] lächelnd: „Dass die beiden schon schlafen, passt uns gut! Setzen wir uns hier unter das Wellblechdach, nahe am Wasser, und genießen den Mond — wie wäre das?" |
Die beiden ließen sich auf zwei runden Hockern aus geflecktem Xiāngfēi-Bambus nieder. Am Himmel strahlte ein einziger heller Mond, und im Teich spiegelte sich ein zweiter — oben und unten um die Wette leuchtend, als befänden sie sich in einem Kristallpalast der Wassergöttinnen. Ein leiser Windhauch kräuselte die Teichoberfläche zu jadegrünen Wellen — wahrlich, Geist und Sinne wurden davon vollkommen klar und rein. | Die beiden ließen sich auf zwei runden Hockern aus geflecktem Xiāngfēi-Bambus nieder. Am Himmel strahlte ein einziger heller Mond, und im Teich spiegelte sich ein zweiter — oben und unten um die Wette leuchtend, als befänden sie sich in einem Kristallpalast der Wassergöttinnen. Ein leiser Windhauch kräuselte die Teichoberfläche zu jadegrünen Wellen — wahrlich, Geist und Sinne wurden davon vollkommen klar und rein. | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] seufzte lächelnd: „Wie schön wäre es, jetzt in einem Boot auf dem Wasser zu sitzen und Wein zu trinken! Wäre ich daheim bei uns, würde ich sofort ein Boot besteigen." | |
Kajaljade [黛玉] lächelte: „Wie es die Alten so treffend gesagt haben: ‚Wer alles vollkommen haben will, dem bleibt keine Freude.' Sag ich doch — das hier ist schon gut genug! Warum musst du auch noch Boot fahren wollen?" | Kajaljade [黛玉] lächelte: „Wie es die Alten so treffend gesagt haben: ‚Wer alles vollkommen haben will, dem bleibt keine Freude.' Sag ich doch — das hier ist schon gut genug! Warum musst du auch noch Boot fahren wollen?" | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Sehnsüchte haben, obwohl man schon viel besitzt — das liegt in der Natur des Menschen! Die alten Leute haben schon recht: Wer arm ist, bildet sich ein, bei den Reichen sei alles nach Wunsch, und wenn man ihm sagt, dass dem keineswegs so ist, will er es nicht glauben. Erst wenn er es selbst erlebt, begreift er es. Nimm nur uns beide: Unsere Eltern sind zwar nicht mehr am Leben, doch immerhin leben wir im Wohlstand — und dennoch haben wir so manches, das nicht nach unserem Herzen ist." | |
Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Nicht nur wir beide können nicht alles nach Herzenslust haben. Selbst die Herzoginmutter [贾母], die gnädige Frau [王夫人], ja selbst Schatzjade [宝玉] und Tànchūn [探春] — ob es um Großes oder Kleines geht, ob mit Recht oder ohne Recht: Dass keiner alles nach seinem Willen haben kann, das liegt an ein und demselben Gesetz. Wie viel mehr noch gilt das für uns beide, die wir nur Gäste und Besucher sind!" | Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Nicht nur wir beide können nicht alles nach Herzenslust haben. Selbst die Herzoginmutter [贾母], die gnädige Frau [王夫人], ja selbst Schatzjade [宝玉] und Tànchūn [探春] — ob es um Großes oder Kleines geht, ob mit Recht oder ohne Recht: Dass keiner alles nach seinem Willen haben kann, das liegt an ein und demselben Gesetz. Wie viel mehr noch gilt das für uns beide, die wir nur Gäste und Besucher sind!" | ||
| − | Als | + | Als Xiangfluss-Wolke [湘云] das hörte, befürchtete sie, Kajaljade [黛玉] könnte wieder in Schwermut verfallen, und sagte rasch: „Lass uns nicht länger müßig reden — lieber dichten wir zusammen!" |
| − | Gerade als sie das sagte, erhob sich wieder der Klang der Flöte, getragen und fern. Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Heute sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau offenbar bester Laune gewesen — die Flöte klingt wirklich bezaubernd und regt auch uns an. Wir mögen beide die fünfsilbigen Verse — bleiben wir also beim fünfsilbigen Kettengedicht." | + | Gerade als sie das sagte, erhob sich wieder der Klang der Flöte, getragen und fern. Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Heute sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau offenbar bester Laune gewesen — die Flöte klingt wirklich bezaubernd und regt auch uns an. Wir mögen beide die fünfsilbigen Verse — bleiben wir also beim fünfsilbigen Kettengedicht<ref>联句 (liánjù), eine in China seit der Han-Dynastie beliebte Dichtform, bei der mehrere Dichter abwechselnd Verse zu einem gemeinsamen Gedicht beitragen.</ref>." |
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] fragte: „Welcher Reim?" | |
Kajaljade [黛玉] lachte: „Lass uns die senkrechten Stäbe dieses Geländers zählen — von diesem Ende bis zu jenem. Auf welche Zahl es fällt, den entsprechenden Reim nehmen wir. Wenn es sechzehn Stäbe wären, dann der Reim ‚yī xiān'. Ist das nicht originell?" | Kajaljade [黛玉] lachte: „Lass uns die senkrechten Stäbe dieses Geländers zählen — von diesem Ende bis zu jenem. Auf welche Zahl es fällt, den entsprechenden Reim nehmen wir. Wenn es sechzehn Stäbe wären, dann der Reim ‚yī xiān'. Ist das nicht originell?" | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist wirklich ausgefallen!" Sie standen beide auf und zählten vom einen Ende zum anderen — es waren dreizehn Stäbe. | |
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Ausgerechnet ‚shí sān yuán'! Das ist ein Reim mit wenigen Wörtern — bei einem Kettengedicht ist es schwer, sie alle unterzubringen. Du fängst wohl besser an." | |
Kajaljade [黛玉] lachte: „Versuchen wir einmal, wer von uns stärker ist — nur haben wir kein Papier und keinen Pinsel, um alles aufzuschreiben." | Kajaljade [黛玉] lachte: „Versuchen wir einmal, wer von uns stärker ist — nur haben wir kein Papier und keinen Pinsel, um alles aufzuschreiben." | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das macht nichts — morgen können wir es niederschreiben. Soviel Gedächtnis werden wir wohl noch haben!" | |
Kajaljade [黛玉] sagte: „Dann fange ich mit einer fertigen Redensart an." Und sie rezitierte: | Kajaljade [黛玉] sagte: „Dann fange ich mit einer fertigen Redensart an." Und sie rezitierte: | ||
Die Nacht des fünfzehnten im achten Monat — (三五中秋夕) | Die Nacht des fünfzehnten im achten Monat — (三五中秋夕) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] dachte einen Moment nach und fuhr fort: | |
Heiter lustmandeln, als wär es Laternenfest. / Sterne funkeln, über den Himmel verstreut — (清游拟上元 / 撒天箕斗灿) | Heiter lustmandeln, als wär es Laternenfest. / Sterne funkeln, über den Himmel verstreut — (清游拟上元 / 撒天箕斗灿) | ||
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Überall klingen Saiten und Flöten. / Mancherorts fliegen die Becher wild — (匝地管弦繁 / 几处狂飞盏) | Überall klingen Saiten und Flöten. / Mancherorts fliegen die Becher wild — (匝地管弦繁 / 几处狂飞盏) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „‚Mancherorts fliegen die Becher wild' — das hat etwas! Da muss die Gegenzeile gut werden." Sie dachte nach und fuhr lächelnd fort: | |
Bei wem stünde das Fenster nicht offen? / Ein leichter, schneidender Wind — (谁家不启轩 / 轻寒风剪剪) | Bei wem stünde das Fenster nicht offen? / Ein leichter, schneidender Wind — (谁家不启轩 / 轻寒风剪剪) | ||
Kajaljade [黛玉] lobte: „Deine Gegenzeile ist besser als meine Vorlage. Aber im unteren Vers fällst du in Gemeinplätze zurück — jetzt müsstest du eigentlich aufdrehen." | Kajaljade [黛玉] lobte: „Deine Gegenzeile ist besser als meine Vorlage. Aber im unteren Vers fällst du in Gemeinplätze zurück — jetzt müsstest du eigentlich aufdrehen." | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] entgegnete: „Ein Gedicht mit vielen Versen und schwierigen Reimen braucht auch breite Ausschmückung. Die guten Einfälle hebe ich mir für später auf." | |
Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn dann später nichts Gutes kommt, will ich doch sehen, ob du dich nicht schämst!" Und sie fuhr fort: | Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn dann später nichts Gutes kommt, will ich doch sehen, ob du dich nicht schämst!" Und sie fuhr fort: | ||
Die milde Nacht strahlt in warmem Glanz. / Um Mondkuchen zanken sich die Grauköpfe — (良夜景暄暄 / 争饼嘲黄发) | Die milde Nacht strahlt in warmem Glanz. / Um Mondkuchen zanken sich die Grauköpfe — (良夜景暄暄 / 争饼嘲黄发) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Diese Zeile taugt nichts — das ist dein eigenes Machwerk! Du nimmst Alltagsdinge, um es mir schwer zu machen." | |
Kajaljade [黛玉] lachte: „Da zeigt sich, dass du nicht genug gelesen hast! Mondkuchen essen ist ein alter Brauch — schau erst im Buch der Táng nach, dann rede!" | Kajaljade [黛玉] lachte: „Da zeigt sich, dass du nicht genug gelesen hast! Mondkuchen essen ist ein alter Brauch — schau erst im Buch der Táng nach, dann rede!" | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist nicht zu schwer für mich — ich habe schon etwas!" Und sie fuhr fort: | |
Beim Meloneteilen lachen die jungen Schönen. / Frisch duftet der herrliche Zimtbaum — (分瓜笑绿媛 / 香新荣玉桂) | Beim Meloneteilen lachen die jungen Schönen. / Frisch duftet der herrliche Zimtbaum — (分瓜笑绿媛 / 香新荣玉桂) | ||
Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Melone teilen' — das ist nun wirklich dein eigenes Machwerk!" | Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Melone teilen' — das ist nun wirklich dein eigenes Machwerk!" | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Morgen schlagen wir alles nach und legen es allen vor — jetzt verschwenden wir keine Zeit damit." Kajaljade [黛玉] lachte: „Mag sein. Aber die untere Zeile ist auch nicht besser — du brauchst doch nicht gleich ‚Jadezimtbaum' und ‚Goldorchidee' als Lückenfüller zu nehmen." Und sie fuhr fort: | |
In satten Farben gedeiht der goldene Himmelsblumenkohl. / Kerzenschein erhellt das prächtige Festmahl — (色健茂金萱 / 蜡烛辉琼宴) | In satten Farben gedeiht der goldene Himmelsblumenkohl. / Kerzenschein erhellt das prächtige Festmahl — (色健茂金萱 / 蜡烛辉琼宴) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Goldener Himmelsblumenkohl' — damit hast du es billig gehabt, da brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen! So einen mundgerechten Reim zu erwischen! Außerdem hast du in der unteren Zeile auch nur Lücken gefüllt." | |
Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn du nicht ‚Jadezimtbaum' gesagt hättest, hätte ich doch nicht ‚Goldener Himmelsblumenkohl' dagegenstellen müssen! Ein wenig prachtvolle Ausschmückung muss schon sein — schließlich malen wir das, was wir tatsächlich sehen." | Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn du nicht ‚Jadezimtbaum' gesagt hättest, hätte ich doch nicht ‚Goldener Himmelsblumenkohl' dagegenstellen müssen! Ein wenig prachtvolle Ausschmückung muss schon sein — schließlich malen wir das, was wir tatsächlich sehen." | ||
| − | So fügte sich | + | So fügte sich Xiangfluss-Wolke [湘云] und dichtete weiter: |
Becher und Trinkgeschirr durcheinander im geschmückten Garten. / Die Trinkrunde ehrt ein einziges Gebot — (觥筹乱绮园 / 分曹尊一令) | Becher und Trinkgeschirr durcheinander im geschmückten Garten. / Die Trinkrunde ehrt ein einziges Gebot — (觥筹乱绮园 / 分曹尊一令) | ||
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Im Ratespiel lauscht man dem dreifachen Ausruf. / Die Würfel glühen in roten Punkten — (射覆听三宣 / 骰彩红成点) | Im Ratespiel lauscht man dem dreifachen Ausruf. / Die Würfel glühen in roten Punkten — (射覆听三宣 / 骰彩红成点) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Dreifacher Ausruf' — das hat Witz! Aus dem Gewöhnlichen etwas Feines zu machen! Nur fängst du unten wieder mit Würfeln an." Sie dichtete rasch weiter: | |
Die Blume wird weitergereicht zu wildem Trommelschlag. / Helles Licht wiegt die Hofgebäude — (传花鼓滥喧 / 晴光摇院宇) | Die Blume wird weitergereicht zu wildem Trommelschlag. / Helles Licht wiegt die Hofgebäude — (传花鼓滥喧 / 晴光摇院宇) | ||
Kajaljade [黛玉] lachte: „Das Gegenstück ist gut. Aber unten bist du wieder abgeglitten — immer nur Wind und Mond als Lückenbüßer." | Kajaljade [黛玉] lachte: „Das Gegenstück ist gut. Aber unten bist du wieder abgeglitten — immer nur Wind und Mond als Lückenbüßer." | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] verteidigte sich: „Wir haben den Mond noch gar nicht richtig besungen — man muss ihn doch irgendwo erwähnen, sonst verfehlen wir das Thema." | |
Kajaljade [黛玉] sagte: „Lassen wir es vorläufig stehen — morgen feilen wir daran." Und sie fuhr fort: | Kajaljade [黛玉] sagte: „Lassen wir es vorläufig stehen — morgen feilen wir daran." Und sie fuhr fort: | ||
Schlichter Glanz verbindet Himmel und Erde. / Belohnung und Strafe kennen keinen Gastgeber — (素彩接乾坤 / 赏罚无宾主) | Schlichter Glanz verbindet Himmel und Erde. / Belohnung und Strafe kennen keinen Gastgeber — (素彩接乾坤 / 赏罚无宾主) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Warum wieder die anderen? Lieber sollten wir von uns sprechen." Und sie dichtete: | |
Verse dichten in der Reihe der Geschwister. / In Gedanken versunken, lehnt man am Geländer — (吟诗序仲昆 / 构思时倚槛) | Verse dichten in der Reihe der Geschwister. / In Gedanken versunken, lehnt man am Geländer — (吟诗序仲昆 / 构思时倚槛) | ||
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Den Anblick erwägend, stützt man sich ans Tor. / Der Wein ist leer, doch das Gefühl währt fort — (拟景或依门 / 酒尽情犹在) | Den Anblick erwägend, stützt man sich ans Tor. / Der Wein ist leer, doch das Gefühl währt fort — (拟景或依门 / 酒尽情犹在) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Es ist soweit." Und sie dichtete: | |
Die Nachtwache schwindet, die Freude ist vergessen. / Allmählich verstummen Stimmen und Lachen — (更残乐已谖 / 渐闻语笑寂) | Die Nachtwache schwindet, die Freude ist vergessen. / Allmählich verstummen Stimmen und Lachen — (更残乐已谖 / 渐闻语笑寂) | ||
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Leer bleiben nur die Spuren von Schnee und Reif. / Tau sammelt sich um Morgenpilze auf den Stufen — (空剩雪霜痕 / 阶露团朝菌) | Leer bleiben nur die Spuren von Schnee und Reif. / Tau sammelt sich um Morgenpilze auf den Stufen — (空剩雪霜痕 / 阶露团朝菌) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Wie soll ich da den Reim unterbringen? Lass mich nachdenken." Sie stand auf, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und überlegte einen Moment. Dann lachte sie: „Geschafft! Beinahe hätte ich aufgeben müssen — aber gerade noch ein Wort gefunden!" Und sie dichtete: | |
Abenddunst hüllt die Schlafbäume im Hof ein. / Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei — (庭烟敛夕棔 / 秋湍泻石髓) | Abenddunst hüllt die Schlafbäume im Hof ein. / Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei — (庭烟敛夕棔 / 秋湍泻石髓) | ||
Als Kajaljade [黛玉] das hörte, sprang sie unwillkürlich auf, rief „Großartig!" und sagte: „Du durchtriebener kleiner Geist! Tatsächlich hast du dir das Beste aufgespart! Erst jetzt sagst du ‚Schlafbaum' — man muss erst einmal darauf kommen!" | Als Kajaljade [黛玉] das hörte, sprang sie unwillkürlich auf, rief „Großartig!" und sagte: „Du durchtriebener kleiner Geist! Tatsächlich hast du dir das Beste aufgespart! Erst jetzt sagst du ‚Schlafbaum' — man muss erst einmal darauf kommen!" | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] erklärte: „Glücklicherweise habe ich gestern in einer Anthologie der Literaturen aller Dynastien dieses Zeichen gesehen und wusste nicht, was für ein Baum das ist — also wollte ich es nachschlagen. Da sagte die Schwester Schatzspange [宝钗], ich brauche nicht nachzuschlagen: Das sei der Baum, den man heute im Volksmund ‚Öffne dich am Tag, schließe dich bei Nacht' nenne. Ich glaubte es ihr nicht und schlug trotzdem nach — und tatsächlich hatte sie recht! Die Schwester Schatzspange [宝钗] weiß wirklich erstaunlich viel." | |
Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Schlafbaum' passt hier ausgezeichnet — das mag noch hingehen. Aber ‚Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei' — wie bist du nur darauf gekommen! Diese eine Zeile allein übertrifft alles andere. Jetzt muss ich mich zusammenreißen und etwas dagegenstellen — doch so gut wie diese Zeile wird es nicht mehr werden." Sie dachte einen Moment nach und sagte: | Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Schlafbaum' passt hier ausgezeichnet — das mag noch hingehen. Aber ‚Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei' — wie bist du nur darauf gekommen! Diese eine Zeile allein übertrifft alles andere. Jetzt muss ich mich zusammenreißen und etwas dagegenstellen — doch so gut wie diese Zeile wird es nicht mehr werden." Sie dachte einen Moment nach und sagte: | ||
Windblätter sammeln sich an den Wolkenwurzeln. / Stern der Muttergöttin — einsam und rein in seinem Gefühl — (风叶聚云根 / 宝婺情孤洁) | Windblätter sammeln sich an den Wolkenwurzeln. / Stern der Muttergöttin — einsam und rein in seinem Gefühl — (风叶聚云根 / 宝婺情孤洁) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das Gegenstück ist auch nicht schlecht. Nur bist du unten wieder abgedriftet — zum Glück ist es ein Gefühl inmitten der Szenerie und nicht nur plumpes Lückenstopfen mit ‚Stern der Muttergöttin'." Und sie fuhr fort: | |
Silberkröte atmet ein und aus. / Elixier gestampft vom geisterhaften Hasen — (银蟾气吐吞 / 药经灵兔捣) | Silberkröte atmet ein und aus. / Elixier gestampft vom geisterhaften Hasen — (银蟾气吐吞 / 药经灵兔捣) | ||
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Die Menschen eilen zum Eisigen Palast. / Die Sterne Niú und Nǚ frevelnd herausfordern — (人向广寒奔 / 犯斗邀牛女) | Die Menschen eilen zum Eisigen Palast. / Die Sterne Niú und Nǚ frevelnd herausfordern — (人向广寒奔 / 犯斗邀牛女) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] blickte zum Mond auf, nickte ebenfalls und fuhr fort: | |
Auf dem Floß den Enkel des Kaisers erwarten. / Der Kreis des Mondes mag nicht stillstehen — (乘槎待帝孙 / 虚盈轮莫定) | Auf dem Floß den Enkel des Kaisers erwarten. / Der Kreis des Mondes mag nicht stillstehen — (乘槎待帝孙 / 虚盈轮莫定) | ||
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In dunklen und hellen Phasen besteht der Geistleib fort. / Der Tropfen der Wasseruhr versiegt bald — (晦朔魄空存 / 壶漏声将涸) | In dunklen und hellen Phasen besteht der Geistleib fort. / Der Tropfen der Wasseruhr versiegt bald — (晦朔魄空存 / 壶漏声将涸) | ||
| − | Gerade als | + | Gerade als Xiangfluss-Wolke [湘云] den nächsten Vers dichten wollte, zeigte Kajaljade [黛玉] auf einen dunklen Schatten im Teich und sagte: „Sieh nur — was ist dort im Wasser? Ein dunkler Schatten bewegt sich — ist das etwa ein Geist?" |
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Da siehst du schon wieder Gespenster! Ich fürchte mich nicht vor Geistern — warte, ich werfe etwas nach ihm!" Sie bückte sich, hob einen flachen Stein auf und warf ihn in den Teich. Es platschte, und ein großer Kreis breitete sich auf dem Wasser aus, der das Mondspiegelbild zerteilte — mehrmals zerfloss es und sammelte sich wieder. Da erhob sich aus dem schwarzen Schatten mit lautem Krächzen ein großer weißer Kranich und flog geradewegs zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭] hinüber. | |
Kajaljade [黛玉] lachte: „Es war also der Kranich! So plötzlich hätte ich nicht daran gedacht — ich habe mich wirklich erschreckt." | Kajaljade [黛玉] lachte: „Es war also der Kranich! So plötzlich hätte ich nicht daran gedacht — ich habe mich wirklich erschreckt." | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Dieser Kranich ist mir höchst willkommen — er hat mir geholfen!" Und sie dichtete: | |
Der Lampenschein am Fenster ist schon trübe. / Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich — (窗灯焰已昏 / 寒塘渡鹤影) | Der Lampenschein am Fenster ist schon trübe. / Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich — (窗灯焰已昏 / 寒塘渡鹤影) | ||
Kajaljade [黛玉] hörte das, rief wieder bewundernd aus und stampfte mit dem Fuß auf: „Das ist nicht zu überbieten! Der Kranich hat ihr wirklich geholfen! Diese Zeile ist noch besser als die ‚herbstlichen Stromschnellen' von vorhin. Was soll ich nur dagegen setzen? Auf ‚Schatten' [影] reimt sich nur ‚Seele' [魂]. ‚Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich' — so natürlich, so mühelos, so bildhaft und dabei so frisch! Am liebsten würde ich den Pinsel niederlegen." | Kajaljade [黛玉] hörte das, rief wieder bewundernd aus und stampfte mit dem Fuß auf: „Das ist nicht zu überbieten! Der Kranich hat ihr wirklich geholfen! Diese Zeile ist noch besser als die ‚herbstlichen Stromschnellen' von vorhin. Was soll ich nur dagegen setzen? Auf ‚Schatten' [影] reimt sich nur ‚Seele' [魂]. ‚Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich' — so natürlich, so mühelos, so bildhaft und dabei so frisch! Am liebsten würde ich den Pinsel niederlegen." | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Denk in Ruhe nach, dann fällt dir schon etwas ein. Wenn nicht, können wir morgen weitermachen." | |
Kajaljade [黛玉] blickte zum Himmel auf und schwieg, ohne auf sie einzugehen. Nach einer geraumen Weile lachte sie plötzlich: „Du brauchst nicht so großspurig zu reden — ich habe auch etwas! Hör zu!" Und sie setzte dagegen: | Kajaljade [黛玉] blickte zum Himmel auf und schwieg, ohne auf sie einzugehen. Nach einer geraumen Weile lachte sie plötzlich: „Du brauchst nicht so großspurig zu reden — ich habe auch etwas! Hör zu!" Und sie setzte dagegen: | ||
Ein kalter Mond begräbt die Seele einer Blume. (冷月葬花魂) | Ein kalter Mond begräbt die Seele einer Blume. (冷月葬花魂) | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] klatschte in die Hände und rief: „Wirklich vollkommen! Nichts anderes hätte das aufwiegen können! ‚Die Seele einer Blume begraben' — großartig!" Dann aber seufzte sie: „Das Gedicht ist zwar originell, aber doch allzu niedergeschlagen. Du bist ohnehin krank — solch über die Maßen düstere und unheimliche Verse solltest du nicht schreiben." | |
Kajaljade [黛玉] lachte: „Ohne solche Verse hätte ich dich nicht übertreffen können! Die nächste Zeile fehlt mir noch — ich habe meine ganze Kraft in diesen einen Vers gelegt." | Kajaljade [黛玉] lachte: „Ohne solche Verse hätte ich dich nicht übertreffen können! Die nächste Zeile fehlt mir noch — ich habe meine ganze Kraft in diesen einen Vers gelegt." | ||
Kaum hatte sie ausgesprochen, trat hinter den Felssteinen am Geländer jemand hervor und rief lächelnd: „Herrliche Verse! Wirklich herrliche Verse — aber in der Tat zu traurig! Hört lieber auf mit dem Weiterdichten. Wenn es so weitergeht, verblasst gerade dieses Verspaar, und es wirkt im Vergleich nur noch gesucht und aufgesetzt." | Kaum hatte sie ausgesprochen, trat hinter den Felssteinen am Geländer jemand hervor und rief lächelnd: „Herrliche Verse! Wirklich herrliche Verse — aber in der Tat zu traurig! Hört lieber auf mit dem Weiterdichten. Wenn es so weitergeht, verblasst gerade dieses Verspaar, und es wirkt im Vergleich nur noch gesucht und aufgesetzt." | ||
| − | Die beiden hatten das nicht erwartet und erschraken. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie niemand anderen als die Nonne Miàoyù | + | Die beiden hatten das nicht erwartet und erschraken. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie niemand anderen als die Nonne Miàoyù<ref>妙玉 (Miàoyù), buddhistische Nonne aus vornehmer Familie, eine der zwölf Hauptfiguren (金陵十二钗) des Romans. Sie lebt in der Klause der Smaragdgrünen Frische (栏翠庵) im Garten der Großen Anschauung.</ref>. Beide waren verblüfft und fragten: „Wie kommst du hierher?" |
Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich hörte, wie ihr alle den Mond bewundert und die Flöte so schön gespielt wird, und kam ebenfalls heraus, um den klaren Teich im hellen Mondschein zu genießen. Ohne es zu beabsichtigen, bin ich bis hierher gewandert. Als ich dann plötzlich euch beide dichten hörte, war es so erlesen und fein, dass ich stehenblieb und lauschte. Nur habe ich in eurem Gedicht einige Zeilen gehört, die zwar schön sind, aber doch allzu niedergeschlagen und trübsinnig klingen. Das steht in Zusammenhang mit dem Schicksal eines Menschen — deshalb bin ich herausgetreten, um euch Einhalt zu gebieten. Inzwischen hat sich die alte gnädige Frau längst zur Ruhe begeben, im ganzen Garten schlafen wohl alle tief und fest, und eure Zofen suchen euch bestimmt schon überall. Friert ihr denn nicht? Kommt schnell mit mir — in meine Klause, auf eine Tasse Tee! Es dürfte ohnehin bald dämmern." | Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich hörte, wie ihr alle den Mond bewundert und die Flöte so schön gespielt wird, und kam ebenfalls heraus, um den klaren Teich im hellen Mondschein zu genießen. Ohne es zu beabsichtigen, bin ich bis hierher gewandert. Als ich dann plötzlich euch beide dichten hörte, war es so erlesen und fein, dass ich stehenblieb und lauschte. Nur habe ich in eurem Gedicht einige Zeilen gehört, die zwar schön sind, aber doch allzu niedergeschlagen und trübsinnig klingen. Das steht in Zusammenhang mit dem Schicksal eines Menschen — deshalb bin ich herausgetreten, um euch Einhalt zu gebieten. Inzwischen hat sich die alte gnädige Frau längst zur Ruhe begeben, im ganzen Garten schlafen wohl alle tief und fest, und eure Zofen suchen euch bestimmt schon überall. Friert ihr denn nicht? Kommt schnell mit mir — in meine Klause, auf eine Tasse Tee! Es dürfte ohnehin bald dämmern." | ||
Kajaljade [黛玉] lachte: „Wer hätte gedacht, dass es schon so spät ist!" | Kajaljade [黛玉] lachte: „Wer hätte gedacht, dass es schon so spät ist!" | ||
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Darunter schrieb sie: „Kettengedicht am Mittelherbstabend, verfasst im Dàguānyuán, fünfunddreißig Reimpaare." | Darunter schrieb sie: „Kettengedicht am Mittelherbstabend, verfasst im Dàguānyuán, fünfunddreißig Reimpaare." | ||
| − | Kajaljade [黛玉] und | + | Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] lobten es in höchsten Tönen und sagten: „So sieht man, dass wir tagtäglich das Nahe übersehen und das Ferne suchen! Da haben wir eine solche Dichtergöttin direkt in unserer Mitte — und betreiben tagein, tagaus nur Papierstrategie." |
Miàoyù [妙玉] lachte: „Morgen feilen wir noch daran. Es dürfte bald dämmern — ihr solltet euch unbedingt ein wenig ausruhen." | Miàoyù [妙玉] lachte: „Morgen feilen wir noch daran. Es dürfte bald dämmern — ihr solltet euch unbedingt ein wenig ausruhen." | ||
| − | Kajaljade [黛玉] und | + | Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] hörten das, standen auf und verabschiedeten sich. Mit ihren Zofen gingen sie hinaus. Miàoyù [妙玉] begleitete sie bis vor die Tür und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwunden waren. Dann schloss sie die Tür und ging hinein. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein. |
| − | Draußen sagte Cuìlǚ [翠缕] zu | + | Draußen sagte Cuìlǚ [翠缕] zu Xiangfluss-Wolke [湘云]: „Bei der älteren Schwägerin warten noch Leute, um uns zum Schlafen zu bringen. Wohin gehen wir jetzt?" |
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Geh und sag ihnen, sie sollen schon schlafen. Wenn ich jetzt dorthin gehe, wecke ich nur die Kranke auf. Da störe ich lieber die Schwester Kajaljade [黛玉] und übernachte bei ihr." | |
So gingen sie alle zusammen zum Xiāoxiāng-Pavillon [潇湘馆]. Die Hälfte der Dienerinnen war bereits eingeschlafen. Die beiden gingen hinein, legten ihren Schmuck und ihre Kleider ab, wuschen sich und gingen zu Bett. Purpurkuckuck [紫鹃] ließ den seidenen Vorhang herab, stellte die Lampe beiseite und schloss die Tür hinter sich. | So gingen sie alle zusammen zum Xiāoxiāng-Pavillon [潇湘馆]. Die Hälfte der Dienerinnen war bereits eingeschlafen. Die beiden gingen hinein, legten ihren Schmuck und ihre Kleider ab, wuschen sich und gingen zu Bett. Purpurkuckuck [紫鹃] ließ den seidenen Vorhang herab, stellte die Lampe beiseite und schloss die Tür hinter sich. | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] hatte jedoch die Eigenart, nur in ihrem eigenen Bett schlafen zu können — so lag sie zwar auf dem Kissen, konnte aber nicht einschlafen. Und Kajaljade [黛玉], die ohnehin zu wenig Herzblut hatte und häufig an Schlaflosigkeit litt, war über den Punkt der Müdigkeit hinweggekommen und konnte nun natürlich auch nicht schlafen. Die beiden wälzten sich hin und her. | |
Kajaljade [黛玉] fragte: „Bist du immer noch nicht eingeschlafen?" | Kajaljade [黛玉] fragte: „Bist du immer noch nicht eingeschlafen?" | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte leise lächelnd: „Ich bin wählerisch mit Betten — und außerdem bin ich über die Müdigkeit hinaus. Ich kann nur noch still daliegen. Und du — warum schläfst du auch nicht?" | |
Kajaljade [黛玉] seufzte: „Dass ich nicht schlafen kann, ist keine Sache von heute. Im ganzen Jahr schlafe ich kaum zehn Nächte wirklich tief und satt." | Kajaljade [黛玉] seufzte: „Dass ich nicht schlafen kann, ist keine Sache von heute. Im ganzen Jahr schlafe ich kaum zehn Nächte wirklich tief und satt." | ||
| − | + | Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das liegt alles an deiner Krankheit, deshalb ..." Was sie weiter sagte — das bleibt an dieser Stelle unerzählt. | |
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| − | < | + | <small>Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small> |
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| − | </ | + | <references /> |
Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Sechsundsiebzigstes Kapitel
An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung[1] lauschen sie der Flöte und empfinden Wehmut — Bei der Herberge Kristallklare Vertiefung dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit
Jiǎ Shè [贾赦] und Jiǎ Zhèng [贾政] gingen also mit Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Derweil befahl die Herzoginmutter [贾母], den Stellschirm wegzuräumen und die beiden Tafeln zu einer einzigen zusammenzuschieben. Die Frauen wischten die Tische ab, füllten die Obstschalen auf, tauschten die Becher aus, wuschen die Essstäbchen und richteten alles frisch her. Die Herzoginmutter [贾母] und ihre Gesellschaft zogen sich etwas Warmes über, wuschen sich die Hände, spülten den Mund und tranken Tee, ehe sie sich wieder rund um die Tafel setzten.
Als die Herzoginmutter [贾母] bemerkte, dass die Schwestern Schatzspange [宝钗] und Bǎoqín [宝琴] nicht dabei waren — denn sie feierten, wie sie sich dachte, das Mondfest daheim im Kreise ihrer Familie —, und da auch Lǐ Wán [李纨] und Phönixglanz [凤姐] krankheitshalber fehlten, so dass gleich vier Personen weniger da waren, kam ihr die Runde recht vereinsamt vor. Lächelnd sagte sie: „In den vergangenen Jahren, als der gnädige Herr nicht da war, haben wir einfach die Frau Tante herübergebeten, und wir alle haben gemeinsam den Mond bewundert — das war stets höchst vergnüglich. Nur wenn uns dann plötzlich der Herr einfiel und wir daran denken mussten, dass Mutter und Sohn, Mann und Frau, Eltern und Kinder nicht beisammen sein konnten, war uns die Stimmung verdorben. Heute nun ist der Herr wieder da, und eigentlich sollten wir alle miteinander fröhlich sein — doch jetzt ist es nicht mehr angebracht, die Frau Tante mit ihren Kindern einzuladen, damit wir gemeinsam scherzen und lachen. Zumal sie in diesem Jahr zwei weitere Personen im Haus hat, die sie nicht so einfach im Stich lassen kann, um zu uns herüberzukommen. Und obendrein ist Phönixglanz [凤姐] krank geworden — hätten wir sie allein, wöge sie mit ihrem Scherzen und Lachen zehn andere auf! Da sieht man: Nichts auf der Welt ist vollkommen." Nach diesen Worten seufzte sie unwillkürlich auf und befahl dann, man solle ihr einen großen Becher bringen und mit heißem Wein füllen. Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Heute seid Ihr wieder mit Eurem Sohn vereint, und das ist doch schöner als in den vergangenen Jahren. Damals mochten wir Frauen zwar zahlreicher sein, aber das ist doch nicht dasselbe, als wenn die engste Familie vollzählig beisammen ist." Die Herzoginmutter [贾母] erwiderte lächelnd: „Eben darum bin ich ja so vergnügt und will aus einem großen Becher trinken! Ihr solltet es ebenso machen." So ließen sich auch Frau Xíng [邢夫人] und die anderen größere Becher reichen. Doch da die Nacht schon weit fortgeschritten war und die Körper müde, vertrugen sie kaum noch etwas und waren unvermeidlich schläfrig geworden. Weil aber die Herzoginmutter [贾母] noch in bester Stimmung war, mussten sie wohl oder übel mittrinken.
Nun ließ die Herzoginmutter [贾母] auch noch Filzmatten auf den Treppenstufen ausbreiten und befahl, die Mondkuchen, Melonen und Obstteller alle dort unten aufzustellen, damit sich auch die Dienerinnen und Mägde ringsherum setzen und den Mond bewundern konnten. Da die Herzoginmutter [贾母] sah, dass der Mond nun mitten am Himmel stand und noch lieblicher und bezaubernder strahlte als zuvor, sagte sie: „Bei so einem herrlichen Mond muss man Flötenklänge hören!" Und sie ließ die Mädchen des Zehnerorchesters rufen. Dann aber sagte sie: „Wenn es zu viele Instrumente sind, geht das Erlesene verloren. Wir brauchen nur die Flötenspielerin — sie soll von ferne die Querflöte blasen, das genügt." Kaum hatte sie das gesagt und die Flötenspielerin sich aufgemacht, erschien eine Dienerin aus dem Gefolge der Frau Xíng [邢夫人] und flüsterte ihrer Herrin etwas zu. Die Herzoginmutter [贾母] fragte: „Was ist denn los?" Die Dienerin berichtete: „Der ältere gnädige Herr [贾赦] ist beim Hinausgehen über einen Stein gestolpert und hat sich den Fuß verstaucht." Sogleich schickte die Herzoginmutter [贾母] zwei alte Dienerinnen, um nach ihm zu sehen, und forderte auch Frau Xíng [邢夫人] auf, rasch nach Hause zu fahren. Frau Xíng [邢夫人] verabschiedete sich und ging. Die Herzoginmutter [贾母] sagte noch: „Auch Juwels [贾珍] Frau kann bei der Gelegenheit gleich nach Hause fahren — ich lege mich ohnehin bald schlafen." Frau Yóu [尤氏] wehrte lächelnd ab: „Heute fahre ich nicht nach Hause! Ich will unbedingt mit der alten Ahnin die ganze Nacht durchzechen." Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Das geht nicht, das geht nicht! Als junges Ehepaar müsst ihr in dieser Nacht zusammen sein — wie könntest du das meinetwegen versäumen?" Frau Yóu errötete und erwiderte lächelnd: „Was die alte Ahnin da sagt, ist kaum auszuhalten! Wir sind zwar noch jung, aber schon über zehn Jahre verheiratet und gehen auf die Vierzig zu. Zudem ist unsere Trauerzeit noch nicht abgelaufen. Euch eine Nacht lang Gesellschaft zu leisten, das geht wohl an — aber mich zum Vergnügen mit meinem Mann zusammenzutun, das schickt sich nicht." Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Du hast ganz recht! Ich hatte völlig vergessen, dass eure Trauerzeit noch nicht vorüber ist. Es sind ja schon mehr als zwei Jahre, seit dein Schwiegervater verstorben ist — das hatte ich nicht bedacht. Zur Strafe trinke ich einen großen Becher! Wenn das so ist, brauchst du sie nicht hinauszubegleiten, bleib nur bei mir. Aber sag Jungs [贾蓉] Frau, sie soll sie hinausbringen und dann gleich selbst nach Hause fahren." Frau Yóu gab das weiter, und Jung Kaufmanns [贾蓉] Frau sagte „Jawohl", begleitete Frau Xíng [邢夫人] hinaus bis zum Haupttor, wo jede in ihren Wagen stieg und nach Hause fuhr. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Nun führte die Herzoginmutter [贾母] die Verbliebenen noch einmal zu den Osmanthus-Sträuchern, an denen sie sich ein Weilchen erfreuten. Dann kehrten sie an die Tafel zurück und ließen frisch gewärmten Wein auftragen. Gerade als sie so plauderten, erklang plötzlich und unvermutet von drüben, im Schatten der Osmanthus-Bäume, die Querflöte — bald schluchzend und klagend, bald schwellend und getragen. Im Zusammenspiel mit dem hellen Mond und der klaren Luft, dem weiten Himmel und der stillen Erde löste diese Musik mit einem Mal alle Kümmernisse der Herzen und ließ zehntausend Sorgen verschwinden. Jeder saß andächtig und regungslos auf seinem Platz und genoss es in Schweigen. Erst als die Musik nach einer Weile — die man brauchte, um zwei Schalen Tee zu trinken — wieder verstummte, spendeten alle nicht enden wollendes Lob.
Daraufhin wurde erneut warmer Wein eingeschenkt, und die Herzoginmutter [贾母] fragte lächelnd: „Hat das nicht wahrhaftig gut geklungen?" Alle antworteten lächelnd: „Es war in der Tat ein wahrer Genuss! Wir hätten nicht gedacht, dass es so schön sein könnte. Es bedurfte wirklich Eurer Anregung, alte gnädige Frau, damit auch uns ein wenig das Herz aufging." Die Herzoginmutter [贾母] sagte: „Es war noch gar nicht das Beste. Wenn wir ein Stück wählen, das möglichst langsam ist, klingt es noch schöner." Dann befahl sie, der Flötenspielerin einen von den mit Melonenkernen bestreuten und mit Zirbelkernen gefüllten Mondkuchen aus der Kaiserlichen Hofbäckerei zu bringen, wie sie selbst sie aß, dazu einen großen Becher heißen Wein. Die Flötenspielerin solle in aller Ruhe essen und trinken und dann noch eine ganze Melodie fein und leise blasen. Die Frauen sagten „Jawohl" und waren eben dabei, das Geschenk hinauszutragen, als die beiden alten Dienerinnen zurückkehrten, die zu Jiǎ Shè [贾赦] geschickt worden waren. Sie meldeten: „Am rechten Fußrücken hat der gnädige Herr eine weiße Schwellung. Er hat Medizin eingenommen, der Schmerz hat nachgelassen, und es ist nicht weiter von Belang." Die Herzoginmutter [贾母] nickte und sagte dann seufzend: „Ich mache mir wirklich zu viele Sorgen! Dabei behauptet er nicht mehr und nicht weniger, als dass ich in meinen Gefühlen einseitig sei — und ich kümmere mich trotzdem so um ihn." Dann erzählte sie Frau Wáng [王夫人], Frau Yóu und den anderen den Schwank nach, den Jiǎ Shè [贾赦] vorhin zum Besten gegeben hatte. Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd beschwichtigend auf sie ein: „Das hat er doch nur aus Versehen erzählt, als alle schon Wein getrunken hatten und scherzten. So etwas kommt vor. Er würde doch nicht wagen, dabei Euch im Sinn zu haben! Ihr solltet das nicht so ernst nehmen, alte gnädige Frau." Da kam Mandarinenente [鸳鸯] mit einer weichen Kapuze und einem großen Umhang und sagte: „Es ist schon spät in der Nacht, bald fällt der Tau, und der Wind bläst Euch um den Kopf. Ihr müsst das hier umnehmen. Und wenn Ihr noch ein Weilchen sitzt, solltet Ihr schlafen gehen." Die Herzoginmutter [贾母] schmollte: „Kaum dass ich mich einmal freue, kommst du, um mich zu mahnen! Bin ich vielleicht betrunken? Jetzt bleibe ich erst recht, bis es hell wird!" Und sie befahl, man solle frischen Wein einschenken. Zugleich aber zog sie sich auch die Kapuze über und hüllte sich in den Umhang. Alle tranken zur Gesellschaft mit und erzählten einige Scherze. Da erklangen aus dem Schatten der Osmanthus-Bäume erneut Flötenklänge — schluchzend und zart, schwebend und fein —, wirklich noch einsamer und wehklagender als zuvor.
Alle saßen reglos. In der stillen Nacht, beim klaren Mondschein, und dazu die klagenden Flötenklänge — da war es kein Wunder, dass die alte Herzoginmutter [贾母], zumal sie Wein getrunken hatte, im Innersten gerührt wurde und unwillkürlich zu weinen begann. Auch allen anderen wurde bei dieser Stimmung bang und einsam ums Herz. Erst nach einer geraumen Weile bemerkten sie, dass die Herzoginmutter [贾母] in Kummer versunken war. Hastig wandten sie sich ihr zu, sprachen lächelnd auf sie ein und versuchten, ihre Trauer zu zerstreuen. Zugleich verlangten sie nach warmem Wein und ließen die Flötenspielerin aufhören. Frau Yóu sagte lächelnd: „Ich weiß auch einen Schwank — den will ich der alten gnädigen Frau zur Aufheiterung erzählen." Die Herzoginmutter [贾母] zwang sich ein Lächeln ab: „Um so besser — erzähl ihn schnell!" Frau Yóu begann: „Es war einmal eine Familie, die hatte vier Söhne. Der älteste hatte nur ein Auge, der zweite nur ein Ohr, der dritte nur ein Nasenloch. Der jüngste war zwar körperlich nicht missgestaltet — aber er war stumm." Doch gerade als sie so weit gekommen war, bemerkte sie, dass der Herzoginmutter [贾母] die Augen zufielen und sie wie einzuschlafen schien. Frau Yóu hielt sofort inne, und gemeinsam mit Frau Wáng [王夫人] sprach sie die Herzoginmutter [贾母] leise an, um sie zu wecken. Die Herzoginmutter [贾母] öffnete die Augen und sagte lächelnd: „Ich bin gar nicht müde — ich hatte die Augen nur zugemacht, um sie ein wenig auszuruhen. Erzählt nur weiter, ich höre zu." Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd auf sie ein: „Die vierte Nachtwache ist schon angebrochen, der Wind weht stark, und der Tau fällt reichlich. Geht doch bitte zur Ruhe, alte gnädige Frau! Morgen, am Sechzehnten, ist der Mond genauso schön — dann können wir ihn noch einmal genießen." Die Herzoginmutter [贾母] fragte: „Wie kann denn schon die vierte Nachtwache angebrochen sein?" Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Es ist wirklich schon so weit. Die Mädchen konnten es nicht mehr aushalten und sind alle schlafen gegangen." Die Herzoginmutter [贾母] sah sich nun aufmerksam um, und tatsächlich — alle waren schon fort, nur Tànchūn [探春] war noch da. Sie sagte lächelnd: „Nun gut. Ihr seid das Durchhalten nicht gewohnt, zumal die einen schwächlich und die anderen krank sind — es ist besser so, dann mache ich mir nicht noch Sorgen um euch. Nur die arme Tànchūn [探春] harrt noch immer aus. Geh du auch — wir brechen auf." Mit diesen Worten stand sie auf, trank einen Schluck klaren Tee und setzte sich dann in den bereitstehenden Bambustragstuhl, in den Umhang gehüllt. Zwei alte Dienerinnen hoben den Tragstuhl auf, und die Herzoginmutter [贾母] wurde, von allen umringt, aus dem Garten getragen. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Die verbliebenen Frauen räumten nun Becher, Teller und Schüsseln zusammen und bemerkten dabei, dass ein feines Teeschälchen fehlte. Sie suchten es überall vergeblich, dann wandte sich die für das Geschirr Zuständige an die anderen: „Bestimmt hat es jemand fallen lassen und zerbrochen! Sagt mir, wohin ihr die Scherben getan habt, damit ich sie vorzeigen kann — sonst heißt es wieder, ich hätte das Schälchen gestohlen." Die anderen sagten: „Bei uns ist nichts zu Bruch gegangen. Vielleicht hat jemand aus dem Gefolge der gnädigen Fräulein es zerbrochen — das kann man nicht wissen. Überleg noch einmal genau, oder geh und frag sie." Das brachte die Zuständige auf die richtige Spur, und lächelnd sagte sie: „Tatsächlich — jetzt erinnere ich mich! Cuìlǚ [翠缕] hatte das Schälchen in der Hand. Ich werde sie fragen." Damit machte sie sich auf den Weg, und als sie den befestigten Pfad hinunterkam, begegneten ihr dort Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕]. Cuìlǚ [翠缕] fragte: „Die alte gnädige Frau ist schon aufgebrochen — wisst Ihr, wohin unser Fräulein gegangen ist?" Die Dienerin erwiderte: „Ich bin hergekommen, um nach einem Teeschälchen zu fragen — und ihr fragt mich nach eurem Fräulein!" Cuìlǚ [翠缕] sagte lächelnd: „Ich hatte dem Fräulein gerade Tee eingeschenkt — und als ich mich einen Augenblick umdrehte, war das Fräulein samt Teeschale verschwunden." Die Dienerin sagte: „Eben hat die gnädige Frau gesagt, die Fräulein seien alle schlafen gegangen. Du hast dich wohl irgendwo herumgetrieben und es nicht mitbekommen." Cuìlǚ [翠缕] wandte sich an Purpurkuckuck [紫鹃]: „Es ist völlig ausgeschlossen, dass sie sich klammheimlich schlafen gelegt hat — wahrscheinlich ist sie irgendwo spazieren gegangen. Vielleicht ist sie, als die alte gnädige Frau aufbrach, rasch nach vorne geeilt, um sie hinauszubegleiten. Lasst uns dort suchen! Wenn wir das Fräulein finden, findet sich natürlich auch dein Teeschälchen wieder an. Morgen früh ist immer noch Zeit genug — wozu die Eile?" Die Dienerin sagte lächelnd: „Wenn ich jetzt weiß, wo es geblieben ist, brauche ich mich nicht mehr zu beeilen. Morgen werde ich mir das Schälchen von dir geben lassen." Damit ging sie zurück, um weiter das Geschirr zusammenzusammeln. Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] aber machten sich auf den Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter [贾母]. Doch davon soll hier zunächst nicht die Rede sein.
In Wirklichkeit waren Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] keineswegs schlafen gegangen. Da so viele Angehörige des Hauses den Vollmond bewunderten und die Herzoginmutter [贾母] dennoch klagte, es seien zu wenige und es ginge nicht mehr so lebhaft zu wie einst — und weil sie auch die Schwestern Xuē [薛] erwähnt hatte, die daheim im Kreis ihrer Angehörigen den Mond genossen —, hatte Kajaljade [黛玉] der Kummer überrascht. Sie war fortgegangen, hatte sich auf eine Balustrade gestützt und leise geweint. Schatzjade [宝玉] hatte in letzter Zeit wegen Qíngwéns [晴雯] schwerer Krankheit für nichts mehr Interesse aufbringen können, und als Frau Wáng [王夫人] ihn wieder und wieder zum Schlafengehen ermahnt hatte, war er wirklich gegangen. Ebenso wenig stand Tànchūn [探春] der Sinn nach Vergnügungen — sie hatte sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten ärgern müssen. Zwar waren noch Yíngchūn [迎春] und Xīchūn [惜春] da, doch mit ihnen hatte sich Kajaljade [黛玉] nie sonderlich gut verstanden.
So war Xiangfluss-Wolke [湘云] die Einzige, die ihr gut zuredete. Sie sagte: „Du bist doch ein verständiger Mensch — warum quälst du dich selbst auf diese Weise? Mir ergeht es genauso wie dir, und trotzdem bin ich nicht so kopfhängerisch. Außerdem bist du so oft krank — du solltest dich schonen! Es ist schon ärgerlich genug, dass die Schwester Schatzspange [宝钗] tagelang von nichts anderem geredet hat als davon, wie wir alle zusammen zum Mittherbstfest den Mond bewundern und unseren Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam Verse zu verfassen — und jetzt, wo es soweit ist, lässt sie uns allein und genießt den Mond anderswo! Der Bund ist zerfallen, und kein Gedicht wird geschrieben. Stattdessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen nach Belieben das Feld beherrscht. Weißt du nicht, was Kaiser Tàizǔ der Sòng [宋太祖] gesagt hat: ‚Wie kann man neben dem eigenen Lager einen Fremden schnarchen lassen?' Wenn die anderen nicht dichten, dichten wir beiden eben allein und beschämen sie morgen damit!"
Da Kajaljade [黛玉] sah, wie Xiangfluss-Wolke [湘云] sich bemühte, sie aufzuheitern, wollte sie deren Eifer nicht enttäuschen, und sagte lächelnd: „Hier, wo alles so laut durcheinanderschreit — wie soll man da in Dichterlaune kommen?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Den Mond hier oben auf dem Berg zu genießen ist zwar schön, aber am Wasser ist es noch viel schöner! Du weißt doch, dass unten am Fuß dieses Hügels das Teichufer liegt. In der Einbuchtung des Berges, nahe am Wasser, steht die Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]. Schon daran kann man erkennen, wie viel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens eingeflossen ist: Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung [凸碧], und die Senke am Fuß, nahe dem Wasser, heißt Kristallklare Vertiefung [凹晶]. Diese beiden Schriftzeichen tū [凸] und āo [凹] sind seit jeher äußerst selten verwendet worden. Wenn man sie hier geradewegs als Namen für Gebäude nimmt, wirken sie umso neuartiger und keineswegs abgegriffen. Man erkennt sofort, dass die beiden Stätten einander gegenüberliegen — eine oben, die andere unten; eine hell, die andere dunkel; eine hoch, die andere niedrig; eine ein Berg, die andere ein Gewässer. Offensichtlich wurden sie eigens zum Genuss des Mondes angelegt. Wer die Berghöhe liebt und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher; und wer den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin. Dass diese beiden Zeichen so selten verwendet werden, liegt allein daran, dass sie im Volkmund als wā und gǒng ausgesprochen werden — was als vulgär gilt. Das Zeichen āo hat nur Lù Yóu [陆放翁] gebraucht, als er schrieb: ‚In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.' Und selbst dafür hat man ihm Vulgarität vorgeworfen — ist das nicht zum Lachen?"
Kajaljade [黛玉] erwiderte: „Nicht nur Lù Yóu hat dieses Zeichen gebraucht — unter den Alten gibt es zahllose Beispiele. Da sind etwa Jiāng Yāns [江淹] ‚Rhapsodie über das grüne Moos', Dōngfāng Shuòs [东方朔] ‚Schrift der göttlichen Seltsam keiten' oder die Geschichte von Zhāng Sēngyáo [张僧繇], der das Kloster Yìchéng malte, wie sie in den ‚Aufzeichnungen über die Malkunst' erzählt wird — sie lassen sich gar nicht alle aufzählen! Nur weil die Leute von heute nichts davon wissen, halten sie die Zeichen für vulgär. Um es dir offen zu sagen: Diese beiden Namen habe ich selbst erdacht! Weißt du noch, als man damals Schatzjade [宝玉] auf die Probe stellte? Er entwarf die Namen für einige Gebäude — manche wurden übernommen, manche abgeändert, und für manche fehlten noch die Bezeichnungen. Später haben wir alle zusammen auch die noch namenlosen Stellen benannt, haben die Quellen vermerkt, die Lage der Gebäude beschrieben und alles der ältesten Schwester [元春] zur Ansicht gebracht. Sie ließ es wieder heraustragen und dem Onkel [贾政] zeigen. Und der war so angetan, dass er sagte: ‚Hätte ich das gewusst, hätte ich damals gleich die Schwestern alle zusammen die Namen ersinnen lassen — das wäre noch viel hübscher gewesen!' Darum sind alle Namen, die ich erdacht habe, ohne ein einziges Wort zu ändern übernommen worden. Gehen wir jetzt also hinunter zur Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]."
So stiegen die beiden gemeinsam den Hang hinab. Gleich nach der ersten Biegung waren sie schon am Teichufer. Dort lief ein Bambusgeländer am Ufer entlang bis hinüber zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭]. Die wenigen Gebäude hier lagen im Schutz der Bergflanke — es war der Rückzugsort der Bergvilla Jadegrüne Erhebung [凸碧山庄]. Weil die Stelle niedrig lag und nahe am Wasser, trug sie über dem Eingang die Aufschrift „Herberge Kristallklare Vertiefung am Bach" [凹晶溪馆]. Da hier nur wenige und zudem kleine, niedrige Räume standen, waren lediglich zwei alte Frauen zur Nachtwache abgestellt. Heute hatte man ihnen gesagt, dass oben an der Bergvilla Dienst war und es sie nichts angehe — also hatten die beiden ihre zugeteilten Mondkuchen, Früchte und den Festschmaus aufgeteilt, sich satt und trunken gegessen, die Lampen gelöscht und sich schlafen gelegt.
Als Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] sahen, dass die Lichter erloschen waren, sagte Xiangfluss-Wolke [湘云] lächelnd: „Dass die beiden schon schlafen, passt uns gut! Setzen wir uns hier unter das Wellblechdach, nahe am Wasser, und genießen den Mond — wie wäre das?" Die beiden ließen sich auf zwei runden Hockern aus geflecktem Xiāngfēi-Bambus nieder. Am Himmel strahlte ein einziger heller Mond, und im Teich spiegelte sich ein zweiter — oben und unten um die Wette leuchtend, als befänden sie sich in einem Kristallpalast der Wassergöttinnen. Ein leiser Windhauch kräuselte die Teichoberfläche zu jadegrünen Wellen — wahrlich, Geist und Sinne wurden davon vollkommen klar und rein. Xiangfluss-Wolke [湘云] seufzte lächelnd: „Wie schön wäre es, jetzt in einem Boot auf dem Wasser zu sitzen und Wein zu trinken! Wäre ich daheim bei uns, würde ich sofort ein Boot besteigen." Kajaljade [黛玉] lächelte: „Wie es die Alten so treffend gesagt haben: ‚Wer alles vollkommen haben will, dem bleibt keine Freude.' Sag ich doch — das hier ist schon gut genug! Warum musst du auch noch Boot fahren wollen?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Sehnsüchte haben, obwohl man schon viel besitzt — das liegt in der Natur des Menschen! Die alten Leute haben schon recht: Wer arm ist, bildet sich ein, bei den Reichen sei alles nach Wunsch, und wenn man ihm sagt, dass dem keineswegs so ist, will er es nicht glauben. Erst wenn er es selbst erlebt, begreift er es. Nimm nur uns beide: Unsere Eltern sind zwar nicht mehr am Leben, doch immerhin leben wir im Wohlstand — und dennoch haben wir so manches, das nicht nach unserem Herzen ist." Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Nicht nur wir beide können nicht alles nach Herzenslust haben. Selbst die Herzoginmutter [贾母], die gnädige Frau [王夫人], ja selbst Schatzjade [宝玉] und Tànchūn [探春] — ob es um Großes oder Kleines geht, ob mit Recht oder ohne Recht: Dass keiner alles nach seinem Willen haben kann, das liegt an ein und demselben Gesetz. Wie viel mehr noch gilt das für uns beide, die wir nur Gäste und Besucher sind!" Als Xiangfluss-Wolke [湘云] das hörte, befürchtete sie, Kajaljade [黛玉] könnte wieder in Schwermut verfallen, und sagte rasch: „Lass uns nicht länger müßig reden — lieber dichten wir zusammen!"
Gerade als sie das sagte, erhob sich wieder der Klang der Flöte, getragen und fern. Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Heute sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau offenbar bester Laune gewesen — die Flöte klingt wirklich bezaubernd und regt auch uns an. Wir mögen beide die fünfsilbigen Verse — bleiben wir also beim fünfsilbigen Kettengedicht[2]." Xiangfluss-Wolke [湘云] fragte: „Welcher Reim?" Kajaljade [黛玉] lachte: „Lass uns die senkrechten Stäbe dieses Geländers zählen — von diesem Ende bis zu jenem. Auf welche Zahl es fällt, den entsprechenden Reim nehmen wir. Wenn es sechzehn Stäbe wären, dann der Reim ‚yī xiān'. Ist das nicht originell?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist wirklich ausgefallen!" Sie standen beide auf und zählten vom einen Ende zum anderen — es waren dreizehn Stäbe. Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Ausgerechnet ‚shí sān yuán'! Das ist ein Reim mit wenigen Wörtern — bei einem Kettengedicht ist es schwer, sie alle unterzubringen. Du fängst wohl besser an." Kajaljade [黛玉] lachte: „Versuchen wir einmal, wer von uns stärker ist — nur haben wir kein Papier und keinen Pinsel, um alles aufzuschreiben." Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das macht nichts — morgen können wir es niederschreiben. Soviel Gedächtnis werden wir wohl noch haben!" Kajaljade [黛玉] sagte: „Dann fange ich mit einer fertigen Redensart an." Und sie rezitierte:
Die Nacht des fünfzehnten im achten Monat — (三五中秋夕)
Xiangfluss-Wolke [湘云] dachte einen Moment nach und fuhr fort: Heiter lustmandeln, als wär es Laternenfest. / Sterne funkeln, über den Himmel verstreut — (清游拟上元 / 撒天箕斗灿)
Kajaljade [黛玉] lachte und setzte fort: Überall klingen Saiten und Flöten. / Mancherorts fliegen die Becher wild — (匝地管弦繁 / 几处狂飞盏)
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „‚Mancherorts fliegen die Becher wild' — das hat etwas! Da muss die Gegenzeile gut werden." Sie dachte nach und fuhr lächelnd fort: Bei wem stünde das Fenster nicht offen? / Ein leichter, schneidender Wind — (谁家不启轩 / 轻寒风剪剪)
Kajaljade [黛玉] lobte: „Deine Gegenzeile ist besser als meine Vorlage. Aber im unteren Vers fällst du in Gemeinplätze zurück — jetzt müsstest du eigentlich aufdrehen." Xiangfluss-Wolke [湘云] entgegnete: „Ein Gedicht mit vielen Versen und schwierigen Reimen braucht auch breite Ausschmückung. Die guten Einfälle hebe ich mir für später auf." Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn dann später nichts Gutes kommt, will ich doch sehen, ob du dich nicht schämst!" Und sie fuhr fort: Die milde Nacht strahlt in warmem Glanz. / Um Mondkuchen zanken sich die Grauköpfe — (良夜景暄暄 / 争饼嘲黄发)
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Diese Zeile taugt nichts — das ist dein eigenes Machwerk! Du nimmst Alltagsdinge, um es mir schwer zu machen." Kajaljade [黛玉] lachte: „Da zeigt sich, dass du nicht genug gelesen hast! Mondkuchen essen ist ein alter Brauch — schau erst im Buch der Táng nach, dann rede!" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist nicht zu schwer für mich — ich habe schon etwas!" Und sie fuhr fort: Beim Meloneteilen lachen die jungen Schönen. / Frisch duftet der herrliche Zimtbaum — (分瓜笑绿媛 / 香新荣玉桂)
Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Melone teilen' — das ist nun wirklich dein eigenes Machwerk!" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Morgen schlagen wir alles nach und legen es allen vor — jetzt verschwenden wir keine Zeit damit." Kajaljade [黛玉] lachte: „Mag sein. Aber die untere Zeile ist auch nicht besser — du brauchst doch nicht gleich ‚Jadezimtbaum' und ‚Goldorchidee' als Lückenfüller zu nehmen." Und sie fuhr fort: In satten Farben gedeiht der goldene Himmelsblumenkohl. / Kerzenschein erhellt das prächtige Festmahl — (色健茂金萱 / 蜡烛辉琼宴)
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Goldener Himmelsblumenkohl' — damit hast du es billig gehabt, da brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen! So einen mundgerechten Reim zu erwischen! Außerdem hast du in der unteren Zeile auch nur Lücken gefüllt." Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn du nicht ‚Jadezimtbaum' gesagt hättest, hätte ich doch nicht ‚Goldener Himmelsblumenkohl' dagegenstellen müssen! Ein wenig prachtvolle Ausschmückung muss schon sein — schließlich malen wir das, was wir tatsächlich sehen." So fügte sich Xiangfluss-Wolke [湘云] und dichtete weiter: Becher und Trinkgeschirr durcheinander im geschmückten Garten. / Die Trinkrunde ehrt ein einziges Gebot — (觥筹乱绮园 / 分曹尊一令)
Kajaljade [黛玉] lachte: „Die untere Zeile ist gut — nur schwer dagegenzuhalten." Sie dachte nach und fuhr fort: Im Ratespiel lauscht man dem dreifachen Ausruf. / Die Würfel glühen in roten Punkten — (射覆听三宣 / 骰彩红成点)
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Dreifacher Ausruf' — das hat Witz! Aus dem Gewöhnlichen etwas Feines zu machen! Nur fängst du unten wieder mit Würfeln an." Sie dichtete rasch weiter: Die Blume wird weitergereicht zu wildem Trommelschlag. / Helles Licht wiegt die Hofgebäude — (传花鼓滥喧 / 晴光摇院宇)
Kajaljade [黛玉] lachte: „Das Gegenstück ist gut. Aber unten bist du wieder abgeglitten — immer nur Wind und Mond als Lückenbüßer." Xiangfluss-Wolke [湘云] verteidigte sich: „Wir haben den Mond noch gar nicht richtig besungen — man muss ihn doch irgendwo erwähnen, sonst verfehlen wir das Thema." Kajaljade [黛玉] sagte: „Lassen wir es vorläufig stehen — morgen feilen wir daran." Und sie fuhr fort: Schlichter Glanz verbindet Himmel und Erde. / Belohnung und Strafe kennen keinen Gastgeber — (素彩接乾坤 / 赏罚无宾主)
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Warum wieder die anderen? Lieber sollten wir von uns sprechen." Und sie dichtete: Verse dichten in der Reihe der Geschwister. / In Gedanken versunken, lehnt man am Geländer — (吟诗序仲昆 / 构思时倚槛)
Kajaljade [黛玉] sagte: „Jetzt können wir uns selbst hineinbringen." Und sie fuhr fort: Den Anblick erwägend, stützt man sich ans Tor. / Der Wein ist leer, doch das Gefühl währt fort — (拟景或依门 / 酒尽情犹在)
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Es ist soweit." Und sie dichtete: Die Nachtwache schwindet, die Freude ist vergessen. / Allmählich verstummen Stimmen und Lachen — (更残乐已谖 / 渐闻语笑寂)
Kajaljade [黛玉] sagte: „Jetzt wird es mit jedem Schritt schwieriger." Und sie fuhr fort: Leer bleiben nur die Spuren von Schnee und Reif. / Tau sammelt sich um Morgenpilze auf den Stufen — (空剩雪霜痕 / 阶露团朝菌)
Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Wie soll ich da den Reim unterbringen? Lass mich nachdenken." Sie stand auf, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und überlegte einen Moment. Dann lachte sie: „Geschafft! Beinahe hätte ich aufgeben müssen — aber gerade noch ein Wort gefunden!" Und sie dichtete: Abenddunst hüllt die Schlafbäume im Hof ein. / Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei — (庭烟敛夕棔 / 秋湍泻石髓)
Als Kajaljade [黛玉] das hörte, sprang sie unwillkürlich auf, rief „Großartig!" und sagte: „Du durchtriebener kleiner Geist! Tatsächlich hast du dir das Beste aufgespart! Erst jetzt sagst du ‚Schlafbaum' — man muss erst einmal darauf kommen!" Xiangfluss-Wolke [湘云] erklärte: „Glücklicherweise habe ich gestern in einer Anthologie der Literaturen aller Dynastien dieses Zeichen gesehen und wusste nicht, was für ein Baum das ist — also wollte ich es nachschlagen. Da sagte die Schwester Schatzspange [宝钗], ich brauche nicht nachzuschlagen: Das sei der Baum, den man heute im Volksmund ‚Öffne dich am Tag, schließe dich bei Nacht' nenne. Ich glaubte es ihr nicht und schlug trotzdem nach — und tatsächlich hatte sie recht! Die Schwester Schatzspange [宝钗] weiß wirklich erstaunlich viel." Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Schlafbaum' passt hier ausgezeichnet — das mag noch hingehen. Aber ‚Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei' — wie bist du nur darauf gekommen! Diese eine Zeile allein übertrifft alles andere. Jetzt muss ich mich zusammenreißen und etwas dagegenstellen — doch so gut wie diese Zeile wird es nicht mehr werden." Sie dachte einen Moment nach und sagte: Windblätter sammeln sich an den Wolkenwurzeln. / Stern der Muttergöttin — einsam und rein in seinem Gefühl — (风叶聚云根 / 宝婺情孤洁)
Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das Gegenstück ist auch nicht schlecht. Nur bist du unten wieder abgedriftet — zum Glück ist es ein Gefühl inmitten der Szenerie und nicht nur plumpes Lückenstopfen mit ‚Stern der Muttergöttin'." Und sie fuhr fort: Silberkröte atmet ein und aus. / Elixier gestampft vom geisterhaften Hasen — (银蟾气吐吞 / 药经灵兔捣)
Kajaljade [黛玉] schwieg, nickte nur und rezitierte nach langem Nachdenken: Die Menschen eilen zum Eisigen Palast. / Die Sterne Niú und Nǚ frevelnd herausfordern — (人向广寒奔 / 犯斗邀牛女)
Xiangfluss-Wolke [湘云] blickte zum Mond auf, nickte ebenfalls und fuhr fort: Auf dem Floß den Enkel des Kaisers erwarten. / Der Kreis des Mondes mag nicht stillstehen — (乘槎待帝孙 / 虚盈轮莫定)
Kajaljade [黛玉] lachte: „Schon wieder eine Allegorie!" Und sie fuhr fort: In dunklen und hellen Phasen besteht der Geistleib fort. / Der Tropfen der Wasseruhr versiegt bald — (晦朔魄空存 / 壶漏声将涸)
Gerade als Xiangfluss-Wolke [湘云] den nächsten Vers dichten wollte, zeigte Kajaljade [黛玉] auf einen dunklen Schatten im Teich und sagte: „Sieh nur — was ist dort im Wasser? Ein dunkler Schatten bewegt sich — ist das etwa ein Geist?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Da siehst du schon wieder Gespenster! Ich fürchte mich nicht vor Geistern — warte, ich werfe etwas nach ihm!" Sie bückte sich, hob einen flachen Stein auf und warf ihn in den Teich. Es platschte, und ein großer Kreis breitete sich auf dem Wasser aus, der das Mondspiegelbild zerteilte — mehrmals zerfloss es und sammelte sich wieder. Da erhob sich aus dem schwarzen Schatten mit lautem Krächzen ein großer weißer Kranich und flog geradewegs zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭] hinüber. Kajaljade [黛玉] lachte: „Es war also der Kranich! So plötzlich hätte ich nicht daran gedacht — ich habe mich wirklich erschreckt." Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Dieser Kranich ist mir höchst willkommen — er hat mir geholfen!" Und sie dichtete: Der Lampenschein am Fenster ist schon trübe. / Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich — (窗灯焰已昏 / 寒塘渡鹤影)
Kajaljade [黛玉] hörte das, rief wieder bewundernd aus und stampfte mit dem Fuß auf: „Das ist nicht zu überbieten! Der Kranich hat ihr wirklich geholfen! Diese Zeile ist noch besser als die ‚herbstlichen Stromschnellen' von vorhin. Was soll ich nur dagegen setzen? Auf ‚Schatten' [影] reimt sich nur ‚Seele' [魂]. ‚Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich' — so natürlich, so mühelos, so bildhaft und dabei so frisch! Am liebsten würde ich den Pinsel niederlegen." Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Denk in Ruhe nach, dann fällt dir schon etwas ein. Wenn nicht, können wir morgen weitermachen." Kajaljade [黛玉] blickte zum Himmel auf und schwieg, ohne auf sie einzugehen. Nach einer geraumen Weile lachte sie plötzlich: „Du brauchst nicht so großspurig zu reden — ich habe auch etwas! Hör zu!" Und sie setzte dagegen:
Ein kalter Mond begräbt die Seele einer Blume. (冷月葬花魂)
Xiangfluss-Wolke [湘云] klatschte in die Hände und rief: „Wirklich vollkommen! Nichts anderes hätte das aufwiegen können! ‚Die Seele einer Blume begraben' — großartig!" Dann aber seufzte sie: „Das Gedicht ist zwar originell, aber doch allzu niedergeschlagen. Du bist ohnehin krank — solch über die Maßen düstere und unheimliche Verse solltest du nicht schreiben." Kajaljade [黛玉] lachte: „Ohne solche Verse hätte ich dich nicht übertreffen können! Die nächste Zeile fehlt mir noch — ich habe meine ganze Kraft in diesen einen Vers gelegt."
Kaum hatte sie ausgesprochen, trat hinter den Felssteinen am Geländer jemand hervor und rief lächelnd: „Herrliche Verse! Wirklich herrliche Verse — aber in der Tat zu traurig! Hört lieber auf mit dem Weiterdichten. Wenn es so weitergeht, verblasst gerade dieses Verspaar, und es wirkt im Vergleich nur noch gesucht und aufgesetzt." Die beiden hatten das nicht erwartet und erschraken. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie niemand anderen als die Nonne Miàoyù[3]. Beide waren verblüfft und fragten: „Wie kommst du hierher?" Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich hörte, wie ihr alle den Mond bewundert und die Flöte so schön gespielt wird, und kam ebenfalls heraus, um den klaren Teich im hellen Mondschein zu genießen. Ohne es zu beabsichtigen, bin ich bis hierher gewandert. Als ich dann plötzlich euch beide dichten hörte, war es so erlesen und fein, dass ich stehenblieb und lauschte. Nur habe ich in eurem Gedicht einige Zeilen gehört, die zwar schön sind, aber doch allzu niedergeschlagen und trübsinnig klingen. Das steht in Zusammenhang mit dem Schicksal eines Menschen — deshalb bin ich herausgetreten, um euch Einhalt zu gebieten. Inzwischen hat sich die alte gnädige Frau längst zur Ruhe begeben, im ganzen Garten schlafen wohl alle tief und fest, und eure Zofen suchen euch bestimmt schon überall. Friert ihr denn nicht? Kommt schnell mit mir — in meine Klause, auf eine Tasse Tee! Es dürfte ohnehin bald dämmern." Kajaljade [黛玉] lachte: „Wer hätte gedacht, dass es schon so spät ist!"
So gingen die drei zusammen zur Klause der Smaragdgrünen Frische [栊翠庵]. Die Opferlichter in der Nische glühten noch bläulich, und der Weihrauch in der Räucherschale war noch nicht ganz verglommen. Die alten Dienerinnen schliefen bereits allesamt; nur ein kleines Mädchen nickte auf einem Meditationskissen sitzend mit hängendem Kopf vor sich hin. Miàoyù [妙玉] weckte es und schickte es los, frischen Tee aufzubrühen. Da klopfte es an der Tür. Das kleine Mädchen eilte hin und öffnete — draußen standen Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] mit mehreren alten Dienerinnen, die die beiden Fräulein suchten. Als sie hereinkamen und sie beim Teetrinken antrafen, sagten alle lachend: „Da haben wir aber lange suchen müssen! Den ganzen Garten haben wir durchwandert, sogar bei der Frau Tante [薛姨妈] haben wir nachgefragt. Zuletzt kamen wir zum kleinen Pavillon unten am Abhang, und dort waren gerade die Nachtwächterinnen aufgewacht. Wir fragten sie, und sie erzählten, draußen vor dem Pavillon unter dem Wellblechdach hätten vorhin zwei Personen gesprochen, dann sei eine dritte dazugekommen, und sie hätten gehört, wie die drei sagten, sie gingen zur Klause. Da wussten wir, dass ihr hier seid." Miàoyù [妙玉] wies das kleine Mädchen an, die Zofen und Dienerinnen in ein anderes Zimmer zu führen, wo sie sich bei Tee ausruhen konnten. Dann holte sie selbst Pinsel, Tusche, Papier und Reibstein hervor und bat die beiden, ihr die Verse vorzutragen, die sie soeben gedichtet hatten, und schrieb sie von Anfang an nieder. Kajaljade [黛玉], die Miàoyù [妙玉] heute in ungewöhnlich heiterer Stimmung sah, sagte lächelnd: „Noch nie habe ich dich so aufgeräumt erlebt. Ich wage es kaum, dich dreist um Belehrung zu bitten — aber könnte man dir wohl raten, etwas hinzuzufügen? Wenn es nichts taugt, verbrennen wir es einfach; wenn es einigermaßen brauchbar ist, bitte ich dich, es zu verbessern." Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich maße mir kein Urteil an. Nur so viel: Es sind jetzt zweiundzwanzig Reimpaare. Mein Eindruck ist, dass eure schlagenden Verse bereits gefunden sind — wenn ihr jetzt weiterdichtetet, fürchte ich, die Kraft reicht nicht mehr. Eigentlich möchte ich euch folgen und weiterdichten — doch ich scheue davor zurück, etwas Geringeres anzufügen." Kajaljade [黛玉] hatte noch nie gesehen, dass Miàoyù [妙玉] dichtete. Da sie sie heute so in Begeisterung sah, sagte sie rasch: „Wenn du wirklich etwas hinzufügst, wird selbst unser schwächerer Teil durch dich geadelt." Miàoyù [妙玉] sagte: „Zum Abschluss sollte man wieder zum eigentlichen Thema zurückkehren. Wenn wir nur immer weiter dem Seltsamen und Absonderlichen nachjagen und die wahren Gefühle und die Wirklichkeit beiseitelassen, dann verlieren wir erstens unsere weibliche Anmut und zweitens den Bezug zum Thema." Beide stimmten zu. Miàoyù [妙玉] ergriff den Pinsel und schrieb in einem einzigen Zug dreizehn Reimpaare nieder, die sie den beiden reichte: „Lacht mich nur nicht aus! Meiner Meinung nach muss es so sein, damit das Gedicht eine Wendung erfährt. Auch wenn im vorderen Teil niedergeschlagene und trübsinnige Zeilen stehen, tut das dann keinen Schaden mehr." Die beiden nahmen das Blatt und lasen ihre Fortsetzung:
Weihrauchzeichen verglühen im goldenen Dreifuß, / Schminke erstarrt wie Eis in der Jadeschale. Der Ton der Flöte steigert das Klagen der Witwe, / die Decke wärmt, von Dienerinnen umsorgt. Leere Vorhänge hängen, Phönixe gestickt, / müßige Schirme verhüllen bunte Mandarinenten. Der Tau dicht — das Moos noch glatter, / der Reif schwer — den Bambus kaum zu ertasten. Noch wandelt man am gewundenen Teich, / und steigt wieder die stille, weitläufige Ebene hinauf. Steine, seltsam — wie von Geistern und Göttern geformt, / Bäume, knorrig — wie lauernde Tiger und Wölfe. Durch lasttragende Schildkröten dringt das Morgenlicht, / in Gitterfenstern sammelt sich der Frühtau. Eintausend Vögel erschüttern den Wald, / ein einziger Affenruf hallt durch das Tal. Vertraute Pfade — wie könnte man den Weg vergessen? / Wer die Quelle kennt, braucht nicht nach dem Ursprung zu fragen. Die Glocke läutet an der Klause der Smaragdgrünen Frische, / der Hahn kräht im Dorf des Reisdufts. Wer wahre Freude empfindet, klagt über nichts, / wer ohne Sorgen ist, lässt sich durch nichts betrüben. Zarte Empfindungen zerstreut man nur selbst, / feinsinnige Freuden — wem könnte man sie mitteilen? Wacht durch bis zum Morgen, sprecht nicht von Müdigkeit — / brüht frischen Tee und redet noch ein Weilchen.
Darunter schrieb sie: „Kettengedicht am Mittelherbstabend, verfasst im Dàguānyuán, fünfunddreißig Reimpaare."
Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] lobten es in höchsten Tönen und sagten: „So sieht man, dass wir tagtäglich das Nahe übersehen und das Ferne suchen! Da haben wir eine solche Dichtergöttin direkt in unserer Mitte — und betreiben tagein, tagaus nur Papierstrategie." Miàoyù [妙玉] lachte: „Morgen feilen wir noch daran. Es dürfte bald dämmern — ihr solltet euch unbedingt ein wenig ausruhen." Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] hörten das, standen auf und verabschiedeten sich. Mit ihren Zofen gingen sie hinaus. Miàoyù [妙玉] begleitete sie bis vor die Tür und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwunden waren. Dann schloss sie die Tür und ging hinein. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Draußen sagte Cuìlǚ [翠缕] zu Xiangfluss-Wolke [湘云]: „Bei der älteren Schwägerin warten noch Leute, um uns zum Schlafen zu bringen. Wohin gehen wir jetzt?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Geh und sag ihnen, sie sollen schon schlafen. Wenn ich jetzt dorthin gehe, wecke ich nur die Kranke auf. Da störe ich lieber die Schwester Kajaljade [黛玉] und übernachte bei ihr." So gingen sie alle zusammen zum Xiāoxiāng-Pavillon [潇湘馆]. Die Hälfte der Dienerinnen war bereits eingeschlafen. Die beiden gingen hinein, legten ihren Schmuck und ihre Kleider ab, wuschen sich und gingen zu Bett. Purpurkuckuck [紫鹃] ließ den seidenen Vorhang herab, stellte die Lampe beiseite und schloss die Tür hinter sich. Xiangfluss-Wolke [湘云] hatte jedoch die Eigenart, nur in ihrem eigenen Bett schlafen zu können — so lag sie zwar auf dem Kissen, konnte aber nicht einschlafen. Und Kajaljade [黛玉], die ohnehin zu wenig Herzblut hatte und häufig an Schlaflosigkeit litt, war über den Punkt der Müdigkeit hinweggekommen und konnte nun natürlich auch nicht schlafen. Die beiden wälzten sich hin und her. Kajaljade [黛玉] fragte: „Bist du immer noch nicht eingeschlafen?" Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte leise lächelnd: „Ich bin wählerisch mit Betten — und außerdem bin ich über die Müdigkeit hinaus. Ich kann nur noch still daliegen. Und du — warum schläfst du auch nicht?" Kajaljade [黛玉] seufzte: „Dass ich nicht schlafen kann, ist keine Sache von heute. Im ganzen Jahr schlafe ich kaum zehn Nächte wirklich tief und satt." Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das liegt alles an deiner Krankheit, deshalb ..." Was sie weiter sagte — das bleibt an dieser Stelle unerzählt.
Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
- ↑ 凸碧山庄 (Tūbì Shānzhuāng), wörtlich „Bergvilla der hervorragenden Jade-Erhebung“. Bildet ein Gegensatzpaar mit der Herberge Kristallklare Vertiefung (凹/凸, eingesenkt/erhaben).
- ↑ 联句 (liánjù), eine in China seit der Han-Dynastie beliebte Dichtform, bei der mehrere Dichter abwechselnd Verse zu einem gemeinsamen Gedicht beitragen.
- ↑ 妙玉 (Miàoyù), buddhistische Nonne aus vornehmer Familie, eine der zwölf Hauptfiguren (金陵十二钗) des Romans. Sie lebt in der Klause der Smaragdgrünen Frische (栏翠庵) im Garten der Großen Anschauung.