Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 91"
(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 91 mit Navigation und Fussnoten) |
(DE4 Korrektur-Update Kap. 91) |
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| − | + | Einundneunzigstes Kapitel | |
| − | + | Die lüsterne Schatzkröte <ref>Chinesisch: 宝蟾</ref> spinnt geschickt ihre Intrige; Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> schwatzt töricht über Chan | |
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| − | + | Es wird erzählt, dass Xue Ke gerade noch voller Zweifel war, als er draußen am Fenster ein Lachen hörte und zusammenschrak. Er dachte bei sich: „Das ist entweder Schatzkröte oder Goldosmanthus <ref>Chinesisch: 金桂</ref>. Ich werde sie einfach ignorieren — mal sehen, was sie dann tun." Er lauschte eine Weile, doch es blieb totenstill. | |
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| − | + | Er wagte nicht, das Obst und den Wein anzurühren, und schloss die Tür. Gerade als er sich entkleiden wollte, hörte er das Fensterpapier leise knistern. Nachdem Schatzkröte ihn so verwirrt hatte, war er ganz durcheinander und wusste nicht, wie ihm geschah. Als er genauer hinsah, rührte sich nichts mehr. Misstrauisch setzte er sich im Lampenlicht hin und überlegte. Er nahm ein Stück Obst und drehte es hin und her. Da bemerkte er, dass das Fensterpapier an einer Stelle feucht war. Er ging näher und kniff die Augen zusammen — da blies plötzlich jemand von draußen hinein, und er erschrak fürchterlich. Er hörte ein unterdrücktes Kichern. | |
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| − | Es | + | Eilig blies er die Lampe aus und legte sich reglos hin. Von draußen sagte eine Stimme: „Warum hat der Zweite Herr weder getrunken noch gegessen und sich gleich schlafen gelegt?" Es war Schatzkrötes Stimme. Xue Ke rührte sich nicht und stellte sich schlafend. |
| − | + | Nach einer Weile hörte er draußen jemanden verärgert sagen: „Wo gibt es nur so einen glücklosen Menschen?" Es klang wie Schatzkröte, aber auch wie Goldosmanthus. Jetzt erst verstand er, worauf die beiden es abgesehen hatten. Er wälzte sich hin und her und schlief erst nach der fünften Nachtwache ein. | |
| − | + | Kaum war es hell, klopfte jemand an die Tür. Xue Ke fragte: „Wer ist da?" Keine Antwort. Er musste aufstehen und öffnen — es war Schatzkröte, das Haar nur lose zusammengesteckt, den Mantel nur übergeworfen. Sie trug ein eng anliegendes Jäckchen mit goldenem Saum und Pipa-Kragen, darüber ein kiefernblütengrünes, halbneues Schweißtuch; unten keinen Rock, so dass die granatapfelrote geblümte Hose und die frisch gestickten roten Schuhe zu sehen waren. Offenbar war Schatzkröte noch ungeschminkt und ungekämmt und war in der Frühe gekommen, bevor jemand sie sehen konnte, um die Sachen von gestern Abend abzuholen. | |
| − | + | Xue Ke sah sie so hereinkommen, und sein Herz zuckte unwillkürlich. Doch er fasste sich und fragte lächelnd: „Wie kommt es, dass du so früh aufstehst?" | |
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| + | Schatzkröte wurde rot und antwortete nichts. Sie schüttete wortlos das Obst auf einen Teller und ging damit hinaus. Xue Ke erkannte: Das war die Verärgerung von gestern Abend. Er dachte: „Umso besser. Wenn sie beleidigt sind, lassen sie mich vielleicht endlich in Ruhe." Er beruhigte sich, ließ sich Waschwasser bringen und beschloss, ein paar Tage still zu Hause zu bleiben: erstens um sich auszuruhen, zweitens weil er fürchtete, dass man ihn draußen belästigen würde. | ||
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| + | Denn die Leute, die mit Becken Schnee <ref>Chinesisch: 薛蟠</ref> befreundet gewesen waren, hatten bemerkt, dass die Familie Schnee nun ohne Mann dastand und nur der junge Xue Ke die Geschäfte führte. Da kamen allerlei habgierige Gedanken auf: Einige wollten sich als Laufburschen einschleichen; andere prahlten, sie könnten Klageschriften verfassen und kennten ein, zwei Amtsschreiber, mit denen man die Sache „regeln" könne; wieder andere drängten ihn, Geld herauszurücken; manche versuchten es mit einschüchternden Gerüchten. Xue Ke wich ihnen aus und wagte nicht, ihnen offen abzusagen, aus Furcht vor unberechenbaren Folgen. Also blieb er zu Hause und wartete auf Nachrichten von der Behörde. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein. | ||
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| + | Nun zu Goldosmanthus: Am vergangenen Abend hatte sie Schatzkröte mit Obst und Wein zu Xue Ke geschickt, um ihn auszukundschaften. Schatzkröte hatte ihr alles berichtet. Goldosmanthus sah, dass die Sache nicht gut anlief, und fürchtete, sich lächerlich zu machen und von Schatzkröte verachtet zu werden. Sie hätte die Sache gern mit ein paar Worten abgetan und vertuscht, konnte aber andererseits den Mann nicht vergessen. So saß sie ratlos und starrte vor sich hin. | ||
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| + | Schatzkröte ihrerseits rechnete damit, dass Becken Schnee schwerlich nach Hause zurückkehren würde, und suchte selbst nach einem Ausweg. Sie fürchtete zwar Goldosmanthus, wagte aber nicht, ihre eigenen Absichten zu verraten. Da Goldosmanthus nun den Anfang gemacht hatte, dachte sie sich: Umso besser — ich nutze den Wind und treibe das Boot voran! Wenn ich Xue Ke erst in der Hand habe, muss Goldosmanthus sich fügen. Also stachelte sie Goldosmanthus mit Worten an. Zwar schien Xue Ke nicht ganz abgeneigt, aber er nahm den Köder auch nicht recht an. Nachdem er die Lampe ausgeblasen und sich schlafen gelegt hatte, war Schatzkröte höchst enttäuscht. Sie berichtete Goldosmanthus und wartete ab, ob jene vielleicht einen besseren Plan hätte. Da Goldosmanthus aber ebenfalls ratlos dasaß, gingen die beiden schließlich schlafen. | ||
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| + | Die ganze Nacht lag Schatzkröte wach und ersann einen Plan: „Morgen früh stehe ich zeitig auf, hole die Sachen ab und ziehe mir ein, zwei Kleidungsstücke in zarten Farben an. Ohne Schminke und Frisur, in schläfriger Anmut — das wird seine Aufmerksamkeit erregen. Dann spiele ich die Beleidigte und ignoriere ihn. Wenn er Reue zeigt, kommt er von selbst zu mir." | ||
| − | + | Doch als sie am Morgen Xue Ke gegenüberstand, war er genau wie am Abend — ohne die geringste unlautere Regung. So tat sie, als wäre sie wirklich beleidigt, nahm den Obstteller und ging — ließ aber absichtlich den Weinkrug da, um einen Vorwand für einen weiteren Besuch zu haben. | |
| − | + | Goldosmanthus fragte: „Hat dich jemand gesehen, als du die Sachen geholt hast?" | |
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| + | Schatzkröte sagte: „Nein." | ||
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| + | Goldosmanthus: „Hat der Zweite Herr dich etwas gefragt?" | ||
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| + | Schatzkröte: „Nein." | ||
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| + | Goldosmanthus hatte die ganze Nacht wach gelegen, ohne eine Idee zu finden. Schließlich dachte sie: „Wenn ich diese Sache anstelle, kann ich es vor allen verbergen — nur nicht vor Schatzkröte. Am besten schneide ich sie ein Stück vom Kuchen ab, dann hat sie nichts zu sagen. Außerdem kann ich ja nicht selbst hingehen — ich brauche sie als Botin. Also bespreche ich die Sache offen mit ihr." | ||
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| + | Lächelnd fragte sie: „Was meinst du, was für ein Mensch ist der Zweite Herr eigentlich?" | ||
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| + | Schatzkröte sagte: „Er wirkt wie ein Dummkopf." | ||
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| + | Goldosmanthus lachte: „Wieso beleidigst du die Herren?" | ||
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| + | Schatzkröte lachte ebenfalls: „Er verschmäht die Güte der Herrin — da darf ich ihn doch wohl so nennen." | ||
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| + | Goldosmanthus sagte: „Worin verschmäht er meine Güte? Erkläre das mal." | ||
| − | + | Schatzkröte sagte: „Die Herrin gibt ihm gute Sachen zu essen, und er rührt sie nicht an — ist das kein Verschmähen der Güte?" Dabei warf sie Goldosmanthus einen vielsagenden Blick zu und lachte. | |
| − | + | Goldosmanthus sagte: „Denk dir nichts Falsches! Ich schicke ihm nur etwas, weil er sich wegen des Ersten Herrn so viel Mühe macht. Ich wollte mich nur bedanken und fürchtete, die Leute könnten Unsinn reden. Deshalb frage ich dich. Was du da sagst, verstehe ich nicht." | |
| − | + | Schatzkröte lachte: „Herrin, seid nicht empfindlich! Ich bin doch Eure Dienerin — hätte ich zwei Herzen? Nur muss die Sache geheim bleiben. Wenn es herauskommt, ist nicht zu spaßen." | |
| − | + | Goldosmanthus wurde rot und sagte: „Du unverschämtes Ding! Ich glaube, du hast selbst ein Auge auf ihn geworfen und benutzt mich als Vorwand, stimmt's?" | |
| − | + | Schatzkröte sagte: „Das denkt sich die Herrin so! Ich leide ja für die Herrin mit. Wenn die Herrin den Zweiten Herrn wirklich mag, hätte ich eine Idee. Welche Maus stiehlt nicht Öl? Er hat nur Angst, dass die Sache auffliegt und ein Skandal entsteht. Meiner Meinung nach sollte die Herrin sich nicht übereilen. Tut ihm hier und da eine kleine Aufmerksamkeit, kümmert Euch ein wenig um ihn. Er ist der jüngere Schwager und unverheiratet — wenn die Herrin sich etwas mehr um ihn kümmert und sich bei ihm beliebt macht, kann kein Mensch etwas dabei finden. Nach ein paar Tagen wird er der Herrin dankbar sein und sich revanchieren wollen. Dann bereite die Herrin ein paar Sachen in unseren Räumen vor. Ich helfe der Herrin, ihn betrunken zu machen — dann kann er nicht mehr entkommen! Und wenn er sich trotzdem weigert, machen wir Lärm und behaupten, er habe die Herrin belästigt. Aus Angst wird er sich fügen. Und wenn er dann immer noch nicht will, ist er kein Mensch — und wir haben wenigstens nicht umsonst unser Gesicht verloren. Was meint die Herrin?" | |
| − | + | Goldosmanthus war bei diesen Worten schon über beide Wangen gerötet und schimpfte lachend: „Du kleines Luder! Du tust ja, als hättest du schon unzählige Männer verführt. Kein Wunder, dass der Erste Herr nicht von dir loskam, als er noch zu Hause war." Schatzkröte verzog die Lippen und sagte lachend: „Ach was! Ich ziehe für die Herrin die Fäden, und die Herrin redet so mit mir!" Von da an konzentrierte sich Goldosmanthus ganz darauf, Xue Ke für sich zu gewinnen, und hatte keine Lust mehr, Streit zu suchen. Im Haus wurde es merklich ruhiger. | |
| − | + | Am selben Tag holte Schatzkröte den Weinkrug ab, ganz gefasst und mit würdevoller Miene. Xue Ke beobachtete sie verstohlen und bereute plötzlich: „Vielleicht habe ich ihnen Unrecht getan. Wenn dem so ist, habe ich ihre guten Absichten verschmäht, und womöglich werden sie mir in Zukunft Schwierigkeiten machen — wäre das nicht selbst verschuldet?" Zwei Tage vergingen in aller Ruhe. Wenn Xue Ke auf Schatzkröte traf, senkte sie den Kopf und ging vorbei, ohne auch nur den Blick zu heben; traf er auf Goldosmanthus, überschüttete sie ihn mit feuriger Herzlichkeit. Bei diesem Anblick bekam Xue Ke ein schlechtes Gewissen. Doch davon soll hier vorerst nicht weiter die Rede sein. | |
| − | + | Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref> und ihre Mutter bemerkten, dass Goldosmanthus seit einigen Tagen ruhig war und plötzlich freundlich zu allen. Die ganze Familie hielt dies für ein Wunder. Tante Schnee <ref>Chinesisch: 薛姨妈</ref> war hocherfreut und dachte: „Als Becken Schnee diese Frau heiratete, muss irgendetwas Unheilvolles aufgestört worden sein, das all die Jahre Ärger gebracht hat. Nun ist diese schlimme Sache passiert — doch dank unseres Geldes und der Hilfe der Kaufmanns besteht noch Hoffnung. Dass die Schwiegertochter plötzlich friedlich geworden ist, deutet vielleicht darauf hin, dass sich Beckens Schicksal zum Guten wendet." So hielt sie es für ein äußerst seltenes Wunder. | |
| − | + | Eines Tages nach dem Essen kam Tante Schnee, gestützt auf ihre Dienerin Tonggui, um Goldosmanthus in ihrem Zimmer zu besuchen. Schon im Hof hörte sie eine Männerstimme mit Goldosmanthus sprechen. Tonggui, geistesgegenwärtig, rief laut: „Erste Herrin, die alte Gnädige kommt!" Sie waren schon an der Tür, als ein Schatten sich hinter der Zimmertür verbarg. Tante Schnee erschrak und wich zurück. Goldosmanthus sagte: „Bitte tretet ein, Schwiegermutter, es ist kein Fremder. Das ist mein Adoptivbruder; er lebt auf dem Lande und ist nicht an Gesellschaft gewöhnt. Er hat Euch noch nie gesehen und ist heute zum ersten Mal gekommen, wollte Euch aber noch seinen Gruß darbringen." Tante Schnee sagte: „Wenn es der Herr Schwager ist, kann man ihn ja begrüßen." | |
| − | + | Goldosmanthus rief ihren Bruder heraus. Er machte vor Tante Schnee eine Verbeugung und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Tante Schnee erwiderte den Gruß, und sie setzten sich zum Plaudern. Tante Schnee fragte: „Wann ist der Herr Schwager in die Hauptstadt gekommen?" Jener Xia San antwortete: „Letzten Monat hat meine Mutter mich in die Familie aufnehmen lassen, weil niemand den Haushalt führte. Vorgestern erst bin ich in der Hauptstadt eingetroffen und besuche heute meine Schwester." Tante Schnee fand den Mann nicht unsympathisch und blieb noch ein Weilchen sitzen, dann erhob sie sich: „Der Herr Schwager möge sich nicht stören lassen." Dann wandte sie sich an Goldosmanthus: „Der Herr Schwager ist eben erst angereist — behaltet ihn doch zum Essen hier." Goldosmanthus stimmte zu, und Tante Schnee ging. | |
| − | + | Als die Schwiegermutter gegangen war, sagte Goldosmanthus zu Xia San: „Bleib ruhig sitzen. Heute bist du offiziell eingeführt — nun braucht unser Zweiter Herr nicht mehr nachzuforschen. Ich möchte, dass du mir einige Dinge besorgst, aber lass dich dabei von niemandem sehen." Xia San sagte: „Überlass das mir. Was immer du willst — solange Geld da ist, kann ich es beschaffen." Goldosmanthus sagte: „Prahle nicht zu früh — wenn du Schund kaufst, nehme ich es nicht an." Die beiden scherzten noch eine Weile, dann aß Goldosmanthus mit Xia San zu Abend, trug ihm auf, was er besorgen solle, und ermahnte ihn nochmals. Dann ging Xia San. | |
| − | + | Von da an kam und ging Xia San ohne Unterlass. Der alte Pförtner wusste, dass er der Schwager war, und meldete ihn nicht jedes Mal. Dies sollte in der Folge zu endlosen Verwicklungen führen — doch davon später. | |
| − | + | Eines Tages traf ein Brief von Becken Schnee ein. Tante Schnee öffnete ihn und ließ Schatzspange lesen. Es stand geschrieben: | |
| − | + | „Euer Sohn leidet im Kreis keine Not — Mutter möge unbesorgt sein. Doch gestern teilte der Amtsschreiber des Kreises mir mit, dass die Präfektur den Bericht bereits gebilligt hat — gewiss hat unsere Fürsprache gewirkt. Doch die Dao-Behörde hat den Bericht zurückgewiesen! Zum Glück war der Kreisschreiber uns wohlgesinnt und reichte sogleich eine Gegendarstellung ein, woraufhin die Dao-Behörde den Kreisrichter rügte. Nun will der Dao-Beamte mich persönlich vorladen. Komme ich erst einmal dorthin, droht mir neues Leid. Es muss sein, dass bei der Dao-Behörde noch niemand vorgesprochen hat. Mutter, bitte bestelle sofort jemanden, der beim Dao-Beamten vorspricht! Und schickt meinen Bruder umgehend her — sonst werde ich an die Dao-Behörde überstellt! An Silber darf es nicht fehlen. Eilt! Eilt!" | |
| − | + | Tante Schnee weinte bitterlich. Schatzspange und Xue Ke trösteten sie und drängten: „Es duldet keinen Aufschub." Tante Schnee sah keinen anderen Weg und schickte Xue Ke dorthin. Man packte eilig das Gepäck, wechselte Silber ein, und Xue Ke brach noch in der Nacht zusammen mit einem Gehilfen aus dem Pfandhaus auf. | |
| − | + | In dem Durcheinander halfen zwar die Diener beim Packen, doch Schatzspange traute ihnen nicht zu, an alles zu denken, und half selbst, bis in die vierte Nachtwache hinein. Ein reiches Mädchen, das verwöhnt aufgewachsen war — die Aufregung und die nächtliche Plackerei machten sie krank. Am nächsten Morgen bekam sie hohes Fieber und konnte weder Suppe noch Wasser zu sich nehmen. Ying'er meldete es eilig Tante Schnee. Als diese herbeistürzte, sah sie Schatzspange mit hochrotem Gesicht und einem Leib wie in Glut — sie konnte kein Wort mehr sprechen. Tante Schnee geriet außer sich und weinte haltlos. Kostbarzither Schnee <ref>Chinesisch: 薛宝琴</ref> stützte sie und versuchte sie zu beruhigen. Duftkastanie <ref>Chinesisch: 香菱</ref> brach ebenfalls in Tränen aus und schluchzte an ihrer Seite. Schatzspange konnte weder sprechen noch die Hände bewegen; Augen und Nase waren verstopft. Man holte den Arzt, und nach und nach kam sie wieder zu sich. Tante Schnee und die anderen atmeten ein wenig auf. | |
| − | + | Bald war die Nachricht im Prunkwille-Anwesen und im Stillfriede-Anwesen bekannt. Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref> schickte als Erste jemanden mit „Zehnduft-Seelenwiederkehr-Pillen"; darauf ließ Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref> „Höchst-kostbare Pillen" bringen. Die Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref>, Frau Strafe <ref>Chinesisch: 邢夫人</ref>, Frau König und Frau Sonders <ref>Chinesisch: 尤氏</ref> schickten alle ihre Mägde, um sich zu erkundigen. Doch vor Schatzjade hielt man es geheim. Sieben, acht Tage lang behandelte man sie, ohne Besserung. Schließlich erinnerte sich Schatzspange selbst an ihre „Kaltduftpillen", nahm drei davon, und erst dann wurde sie gesund. Später erfuhr auch Schatzjade davon, aber da sie schon genesen war, besuchte er sie nicht mehr. | |
| − | + | Inzwischen war wieder ein Brief von Xue Ke eingetroffen. Tante Schnee las ihn, verschwieg ihn aber vor Schatzspange, um sie nicht zu beunruhigen. Sie ging zu Frau König, bat um Hilfe und erzählte auch von Schatzspanges Krankheit. Nach Tante Schnees Besuch wandte sich Frau König an Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref>. Der sagte: „Bei den oberen Stellen lässt sich Fürsprache einlegen, bei den unteren ist es schwieriger — da muss man schmieren." Frau König brachte dann die Rede auf Schatzspange und sagte: „Das Kind hat es auch schwer. Da sie nun einmal zu unserer Familie gehören soll, sollten wir sie bald heimholen, ehe sie sich ganz zugrunde richtet." Aufrecht Kaufmann sagte: „Das denke ich auch. Doch bei denen herrscht gerade Durcheinander, und es ist bald Jahresende — jeder hat seinen eigenen Haushalt zu besorgen. Diesen Winter tauschen wir die Verlobungsgeschenke aus, im Frühjahr folgen die Brautgaben. Nach dem Geburtstag der Alten Ahnin legen wir den Hochzeitstag fest. Teile das zunächst der Frau Tante Schnee mit." Frau König stimmte zu. | |
| − | + | Am nächsten Tag richtete Frau König Tante Schnee die Worte Aufrecht Kaufmanns aus. Tante Schnee fand es einleuchtend. Nach dem Mittagessen begleitete Frau König sie in die Gemächer der Herzoginmutter. Man bot einander Plätze an. Die Herzoginmutter fragte: „Ist die Frau Tante gerade erst gekommen?" Tante Schnee antwortete: „Ich bin schon gestern gekommen, doch es war zu spät, um der Alten Ahnin noch meine Aufwartung zu machen." Frau König trug nun vor, was Aufrecht Kaufmann am Vorabend gesagt hatte. Die Herzoginmutter war hocherfreut. | |
| − | + | Eben sprachen sie noch, als Schatzjade hereinkam. Die Herzoginmutter fragte: „Hast du schon gegessen?" Schatzjade sagte: „Ich bin gerade von der Schule zurück und habe gegessen. Ich wollte nochmals zur Schule, doch erst die Alte Ahnin sehen. Als ich hörte, dass die Tante da ist, wollte ich ihr meinen Gruß darbringen." Dann fragte er: „Geht es Schwester Schatzspange viel besser?" Tante Schnee lächelte: „Es geht ihr gut." Alle hatten gerade noch geplaudert, doch als Schatzjade eintrat, verstummten sie plötzlich. Schatzjade blieb ein Weilchen sitzen und bemerkte, dass Tante Schnee nicht so herzlich war wie sonst. „Auch wenn sie gerade keine gute Stimmung hat — warum schweigen denn gleich alle?" Voller Argwohn ging er zur Schule zurück. | |
| − | + | Am Abend kehrte er heim, machte bei allen seine Aufwartung und begab sich dann zum Xiaoxiang-Pavillon. Er hob den Vorhang und trat ein. Purpurkuckuck <ref>Chinesisch: 紫鹃</ref> empfing ihn. Das innere Zimmer war leer. Schatzjade fragte: „Wo ist das Fräulein hin?" Purpurkuckuck sagte: „Sie ist nach oben gegangen. Sie hat gehört, dass die Frau Tante da ist, und wollte ihren Gruß darbringen. Ist der Zweite Herr nicht oben gewesen?" Schatzjade sagte: „Doch, ich war dort, aber euer Fräulein habe ich nicht gesehen." Purpurkuckuck sagte: „Nicht dort?" Schatzjade sagte: „Nein. Wo ist sie denn nur hin?" Purpurkuckuck sagte: „Das kann ich dann auch nicht sagen." | |
| − | + | Schatzjade wollte gerade hinausgehen, als Kajaljade <ref>Chinesisch: 黛玉</ref> mit Schneegans <ref>Chinesisch: 雪雁</ref> gemächlich daherkam. Schatzjade rief: „Schwester, du bist zurück?" Und trat zurück ins Innere. Kajaljade kam herein, ging ins innere Zimmer und bat Schatzjade, sich drinnen zu setzen. Purpurkuckuck brachte ihr einen Überwurf zum Wechseln. Dann setzte Kajaljade sich und fragte: „Warst du oben? Hast du die Tante gesehen?" Schatzjade sagte: „Ja." Kajaljade fragte: „Hat die Tante mich erwähnt?" Schatzjade sagte: „Nicht nur, dass sie dich nicht erwähnt hat — auch mir gegenüber war sie nicht so herzlich wie früher. Als ich nach Schwester Schatzspanges Krankheit fragte, lächelte sie nur und antwortete nicht. Ist sie vielleicht böse, weil ich sie die letzten Tage nicht besucht habe?" | |
| − | + | Kajaljade lachte leise: „Hast du sie denn besucht?" Schatzjade sagte: „Die ersten Tage wusste ich nichts davon, und die letzten Tage, als ich es wusste, bin ich auch nicht gegangen." Kajaljade sagte: „Na also!" Schatzjade sagte: „Aber ehrlich: Die Alte Ahnin hat es mir nicht erlaubt, die Gnädige Frau hat es mir nicht erlaubt, der Gnädige Herr hat es mir nicht erlaubt — wie hätte ich es da wagen sollen? Früher, als die kleine Pforte noch offen war, hätte ich sie zehnmal am Tag besuchen können. Jetzt, wo die Pforte zugemauert ist und man den weiten Weg außen herum nehmen muss, ist es natürlich schwierig." Kajaljade sagte: „Das weiß sie doch nicht." Schatzjade sagte: „Schwester Schatzspange versteht mich so gut wie niemand sonst." Kajaljade sagte: „Da irrst du dich vielleicht. Gerade Schwester Schatzspange dürfte da wenig Verständnis haben — es ist ja nicht die Tante, die krank war, sondern sie selbst! Früher im Garten: Gedichte schreiben, Blumen bewundern, Wein trinken — welch fröhliches Beisammensein! Jetzt seid ihr getrennt; du siehst, dass ihre Familie in Schwierigkeiten steckt; sie war todkrank — und du tust, als ginge dich das nichts an. Wie soll sie da nicht gekränkt sein?" Schatzjade sagte: „Soll das heißen, Schwester Schatzspange will nicht mehr mit mir befreundet sein?" Kajaljade sagte: „Ob sie es will oder nicht, weiß ich nicht. Ich spreche nur so, wie es der Vernunft entspricht." | |
| − | + | Schatzjade starrte sie mit großen Augen an und blieb lange stumm. Kajaljade beachtete ihn nicht weiter, ließ Räucherwerk nachlegen und holte ein Buch hervor, in dem sie las. Da runzelte Schatzjade die Stirn, stampfte mit dem Fuß auf und rief: „Wozu ist dieser Mensch überhaupt geboren? Wäre ich nicht auf der Welt, wäre alles sauberer!" | |
| − | Kajaljade sagte | + | Kajaljade sagte: „So ist es: Wo ein Ich ist, da sind auch die anderen; wo andere sind, entstehen unzählige Sorgen — Angst, Verwirrung, Träume und tausend Verstrickungen. Was ich eben sagte, war doch nur ein Scherz. Du hast bloß gesehen, dass die Tante niedergeschlagen war — wie kommst du gleich darauf, dies auf Schwester Schatzspange zu beziehen? Die Tante ist wegen des Prozesses hier; ihr Herz ist voll Unruhe — da hat sie keine Muße, mit dir zu plaudern. Das ist alles nur dein eigenes wirres Grübeln — du hast dich in einen Irrweg verrannt." |
| − | Schatzjade | + | Schatzjade ward plötzlich erleuchtet und lachte: „Ganz recht, ganz recht! Dein Geist ist dem meinen weit überlegen. Kein Wunder, dass du mir vor zwei Jahren, als ich so aufgebracht war, ein paar Chan-Worte sagtest, auf die ich nichts zu erwidern wusste. Obwohl ich einen ‚anderthalbklafter großen goldenen Buddhaleib' besitze, bedarf ich doch deiner Lotosblüte zur Erleuchtung." |
| − | Kajaljade | + | Kajaljade nutzte die Gelegenheit und sagte: „Dann stelle ich dir eine Frage — was wirst du antworten?" Schatzjade setzte sich im Schneidersitz hin, legte die Hände zusammen, schloss die Augen, spitzte die Lippen und sagte: „Nur zu." |
| − | + | Kajaljade sprach: „Schwester Schatzspange hat dich gern — was tust du? Schwester Schatzspange hat dich nicht gern — was tust du? Früher hatte sie dich gern, jetzt nicht mehr — was tust du? Heute hat sie dich gern, morgen nicht mehr — was tust du? Du hast sie gern, doch sie hat dich partout nicht gern — was tust du? Du hast sie nicht gern, doch sie hat dich partout gern — was tust du?" | |
| − | + | Schatzjade starrte eine halbe Ewigkeit vor sich hin, dann brach er plötzlich in Lachen aus: „Mag das Schwache Wasser auch dreitausend Li lang sein — ich trinke nur einen einzigen Schöpfer daraus." | |
| − | Kajaljade sagte: | + | Kajaljade sagte: „Der Schöpfer treibt auf dem Wasser davon — was dann?" |
| − | Schatzjade sagte: „Nicht der Schöpfer treibt mit dem Wasser | + | Schatzjade sagte: „Nicht der Schöpfer treibt mit dem Wasser — das Wasser fließt für sich, und der Schöpfer treibt für sich." |
| − | Kajaljade sagte: „Das Wasser steht still | + | Kajaljade sagte: „Das Wasser steht still und die Perle sinkt — was dann?" |
| − | Schatzjade sagte: „Mein | + | Schatzjade sagte: „Mein Chan-Herz ist längst wie nasse Weidenwolle am Lehm — lass den Rebhuhnruf nicht im Frühlingswind ertönen." |
| − | Kajaljade sagte: | + | Kajaljade sagte: „Im Chan-Buddhismus ist das erste Gebot, nicht zu lügen." |
| − | Schatzjade sagte: „Bei den Drei Juwelen | + | Schatzjade sagte: „Bei den Drei Juwelen!" |
| − | Kajaljade senkte den Kopf und schwieg. Draußen unter der Dachtraufe krächzte eine Krähe ein paarmal und flog | + | Kajaljade senkte den Kopf und schwieg. Draußen unter der Dachtraufe krächzte eine Krähe ein paarmal und flog nach Südosten davon. |
| − | Schatzjade fragte: „Was mag das | + | Schatzjade fragte: „Was mag das wohl bedeuten — Glück oder Unglück?" |
| − | Kajaljade sagte: „Ob Glück, ob Unglück | + | Kajaljade sagte: „Ob Glück, ob Unglück eines Menschen — im Ruf der Vögel liegt es nicht." |
| − | Da kam | + | Da kam Herbstmuster <ref>Chinesisch: 秋纹</ref> herbeigelaufen und sagte: „Der Zweite junge Herr wird gebeten heimzukommen. Der Gnädige Herr hat jemanden in den Garten geschickt, um zu fragen, ob der Zweite junge Herr von der Schule zurück sei. Schwester Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref> hat gesagt, Ihr seid schon da. Beeilt Euch!" |
Schatzjade erschrak, sprang auf und eilte hinaus. Auch Kajaljade wagte nicht, ihn aufzuhalten. | Schatzjade erschrak, sprang auf und eilte hinaus. Auch Kajaljade wagte nicht, ihn aufzuhalten. | ||
Was dann geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | Was dann geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | ||
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Einundneunzigstes Kapitel Die lüsterne Schatzkröte [1] spinnt geschickt ihre Intrige; Schatzjade [2] schwatzt töricht über Chan
Es wird erzählt, dass Xue Ke gerade noch voller Zweifel war, als er draußen am Fenster ein Lachen hörte und zusammenschrak. Er dachte bei sich: „Das ist entweder Schatzkröte oder Goldosmanthus [3]. Ich werde sie einfach ignorieren — mal sehen, was sie dann tun." Er lauschte eine Weile, doch es blieb totenstill.
Er wagte nicht, das Obst und den Wein anzurühren, und schloss die Tür. Gerade als er sich entkleiden wollte, hörte er das Fensterpapier leise knistern. Nachdem Schatzkröte ihn so verwirrt hatte, war er ganz durcheinander und wusste nicht, wie ihm geschah. Als er genauer hinsah, rührte sich nichts mehr. Misstrauisch setzte er sich im Lampenlicht hin und überlegte. Er nahm ein Stück Obst und drehte es hin und her. Da bemerkte er, dass das Fensterpapier an einer Stelle feucht war. Er ging näher und kniff die Augen zusammen — da blies plötzlich jemand von draußen hinein, und er erschrak fürchterlich. Er hörte ein unterdrücktes Kichern.
Eilig blies er die Lampe aus und legte sich reglos hin. Von draußen sagte eine Stimme: „Warum hat der Zweite Herr weder getrunken noch gegessen und sich gleich schlafen gelegt?" Es war Schatzkrötes Stimme. Xue Ke rührte sich nicht und stellte sich schlafend.
Nach einer Weile hörte er draußen jemanden verärgert sagen: „Wo gibt es nur so einen glücklosen Menschen?" Es klang wie Schatzkröte, aber auch wie Goldosmanthus. Jetzt erst verstand er, worauf die beiden es abgesehen hatten. Er wälzte sich hin und her und schlief erst nach der fünften Nachtwache ein.
Kaum war es hell, klopfte jemand an die Tür. Xue Ke fragte: „Wer ist da?" Keine Antwort. Er musste aufstehen und öffnen — es war Schatzkröte, das Haar nur lose zusammengesteckt, den Mantel nur übergeworfen. Sie trug ein eng anliegendes Jäckchen mit goldenem Saum und Pipa-Kragen, darüber ein kiefernblütengrünes, halbneues Schweißtuch; unten keinen Rock, so dass die granatapfelrote geblümte Hose und die frisch gestickten roten Schuhe zu sehen waren. Offenbar war Schatzkröte noch ungeschminkt und ungekämmt und war in der Frühe gekommen, bevor jemand sie sehen konnte, um die Sachen von gestern Abend abzuholen.
Xue Ke sah sie so hereinkommen, und sein Herz zuckte unwillkürlich. Doch er fasste sich und fragte lächelnd: „Wie kommt es, dass du so früh aufstehst?"
Schatzkröte wurde rot und antwortete nichts. Sie schüttete wortlos das Obst auf einen Teller und ging damit hinaus. Xue Ke erkannte: Das war die Verärgerung von gestern Abend. Er dachte: „Umso besser. Wenn sie beleidigt sind, lassen sie mich vielleicht endlich in Ruhe." Er beruhigte sich, ließ sich Waschwasser bringen und beschloss, ein paar Tage still zu Hause zu bleiben: erstens um sich auszuruhen, zweitens weil er fürchtete, dass man ihn draußen belästigen würde.
Denn die Leute, die mit Becken Schnee [4] befreundet gewesen waren, hatten bemerkt, dass die Familie Schnee nun ohne Mann dastand und nur der junge Xue Ke die Geschäfte führte. Da kamen allerlei habgierige Gedanken auf: Einige wollten sich als Laufburschen einschleichen; andere prahlten, sie könnten Klageschriften verfassen und kennten ein, zwei Amtsschreiber, mit denen man die Sache „regeln" könne; wieder andere drängten ihn, Geld herauszurücken; manche versuchten es mit einschüchternden Gerüchten. Xue Ke wich ihnen aus und wagte nicht, ihnen offen abzusagen, aus Furcht vor unberechenbaren Folgen. Also blieb er zu Hause und wartete auf Nachrichten von der Behörde. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Nun zu Goldosmanthus: Am vergangenen Abend hatte sie Schatzkröte mit Obst und Wein zu Xue Ke geschickt, um ihn auszukundschaften. Schatzkröte hatte ihr alles berichtet. Goldosmanthus sah, dass die Sache nicht gut anlief, und fürchtete, sich lächerlich zu machen und von Schatzkröte verachtet zu werden. Sie hätte die Sache gern mit ein paar Worten abgetan und vertuscht, konnte aber andererseits den Mann nicht vergessen. So saß sie ratlos und starrte vor sich hin.
Schatzkröte ihrerseits rechnete damit, dass Becken Schnee schwerlich nach Hause zurückkehren würde, und suchte selbst nach einem Ausweg. Sie fürchtete zwar Goldosmanthus, wagte aber nicht, ihre eigenen Absichten zu verraten. Da Goldosmanthus nun den Anfang gemacht hatte, dachte sie sich: Umso besser — ich nutze den Wind und treibe das Boot voran! Wenn ich Xue Ke erst in der Hand habe, muss Goldosmanthus sich fügen. Also stachelte sie Goldosmanthus mit Worten an. Zwar schien Xue Ke nicht ganz abgeneigt, aber er nahm den Köder auch nicht recht an. Nachdem er die Lampe ausgeblasen und sich schlafen gelegt hatte, war Schatzkröte höchst enttäuscht. Sie berichtete Goldosmanthus und wartete ab, ob jene vielleicht einen besseren Plan hätte. Da Goldosmanthus aber ebenfalls ratlos dasaß, gingen die beiden schließlich schlafen.
Die ganze Nacht lag Schatzkröte wach und ersann einen Plan: „Morgen früh stehe ich zeitig auf, hole die Sachen ab und ziehe mir ein, zwei Kleidungsstücke in zarten Farben an. Ohne Schminke und Frisur, in schläfriger Anmut — das wird seine Aufmerksamkeit erregen. Dann spiele ich die Beleidigte und ignoriere ihn. Wenn er Reue zeigt, kommt er von selbst zu mir."
Doch als sie am Morgen Xue Ke gegenüberstand, war er genau wie am Abend — ohne die geringste unlautere Regung. So tat sie, als wäre sie wirklich beleidigt, nahm den Obstteller und ging — ließ aber absichtlich den Weinkrug da, um einen Vorwand für einen weiteren Besuch zu haben.
Goldosmanthus fragte: „Hat dich jemand gesehen, als du die Sachen geholt hast?"
Schatzkröte sagte: „Nein."
Goldosmanthus: „Hat der Zweite Herr dich etwas gefragt?"
Schatzkröte: „Nein."
Goldosmanthus hatte die ganze Nacht wach gelegen, ohne eine Idee zu finden. Schließlich dachte sie: „Wenn ich diese Sache anstelle, kann ich es vor allen verbergen — nur nicht vor Schatzkröte. Am besten schneide ich sie ein Stück vom Kuchen ab, dann hat sie nichts zu sagen. Außerdem kann ich ja nicht selbst hingehen — ich brauche sie als Botin. Also bespreche ich die Sache offen mit ihr."
Lächelnd fragte sie: „Was meinst du, was für ein Mensch ist der Zweite Herr eigentlich?"
Schatzkröte sagte: „Er wirkt wie ein Dummkopf."
Goldosmanthus lachte: „Wieso beleidigst du die Herren?"
Schatzkröte lachte ebenfalls: „Er verschmäht die Güte der Herrin — da darf ich ihn doch wohl so nennen."
Goldosmanthus sagte: „Worin verschmäht er meine Güte? Erkläre das mal."
Schatzkröte sagte: „Die Herrin gibt ihm gute Sachen zu essen, und er rührt sie nicht an — ist das kein Verschmähen der Güte?" Dabei warf sie Goldosmanthus einen vielsagenden Blick zu und lachte.
Goldosmanthus sagte: „Denk dir nichts Falsches! Ich schicke ihm nur etwas, weil er sich wegen des Ersten Herrn so viel Mühe macht. Ich wollte mich nur bedanken und fürchtete, die Leute könnten Unsinn reden. Deshalb frage ich dich. Was du da sagst, verstehe ich nicht."
Schatzkröte lachte: „Herrin, seid nicht empfindlich! Ich bin doch Eure Dienerin — hätte ich zwei Herzen? Nur muss die Sache geheim bleiben. Wenn es herauskommt, ist nicht zu spaßen."
Goldosmanthus wurde rot und sagte: „Du unverschämtes Ding! Ich glaube, du hast selbst ein Auge auf ihn geworfen und benutzt mich als Vorwand, stimmt's?"
Schatzkröte sagte: „Das denkt sich die Herrin so! Ich leide ja für die Herrin mit. Wenn die Herrin den Zweiten Herrn wirklich mag, hätte ich eine Idee. Welche Maus stiehlt nicht Öl? Er hat nur Angst, dass die Sache auffliegt und ein Skandal entsteht. Meiner Meinung nach sollte die Herrin sich nicht übereilen. Tut ihm hier und da eine kleine Aufmerksamkeit, kümmert Euch ein wenig um ihn. Er ist der jüngere Schwager und unverheiratet — wenn die Herrin sich etwas mehr um ihn kümmert und sich bei ihm beliebt macht, kann kein Mensch etwas dabei finden. Nach ein paar Tagen wird er der Herrin dankbar sein und sich revanchieren wollen. Dann bereite die Herrin ein paar Sachen in unseren Räumen vor. Ich helfe der Herrin, ihn betrunken zu machen — dann kann er nicht mehr entkommen! Und wenn er sich trotzdem weigert, machen wir Lärm und behaupten, er habe die Herrin belästigt. Aus Angst wird er sich fügen. Und wenn er dann immer noch nicht will, ist er kein Mensch — und wir haben wenigstens nicht umsonst unser Gesicht verloren. Was meint die Herrin?"
Goldosmanthus war bei diesen Worten schon über beide Wangen gerötet und schimpfte lachend: „Du kleines Luder! Du tust ja, als hättest du schon unzählige Männer verführt. Kein Wunder, dass der Erste Herr nicht von dir loskam, als er noch zu Hause war." Schatzkröte verzog die Lippen und sagte lachend: „Ach was! Ich ziehe für die Herrin die Fäden, und die Herrin redet so mit mir!" Von da an konzentrierte sich Goldosmanthus ganz darauf, Xue Ke für sich zu gewinnen, und hatte keine Lust mehr, Streit zu suchen. Im Haus wurde es merklich ruhiger.
Am selben Tag holte Schatzkröte den Weinkrug ab, ganz gefasst und mit würdevoller Miene. Xue Ke beobachtete sie verstohlen und bereute plötzlich: „Vielleicht habe ich ihnen Unrecht getan. Wenn dem so ist, habe ich ihre guten Absichten verschmäht, und womöglich werden sie mir in Zukunft Schwierigkeiten machen — wäre das nicht selbst verschuldet?" Zwei Tage vergingen in aller Ruhe. Wenn Xue Ke auf Schatzkröte traf, senkte sie den Kopf und ging vorbei, ohne auch nur den Blick zu heben; traf er auf Goldosmanthus, überschüttete sie ihn mit feuriger Herzlichkeit. Bei diesem Anblick bekam Xue Ke ein schlechtes Gewissen. Doch davon soll hier vorerst nicht weiter die Rede sein.
Schatzspange [5] und ihre Mutter bemerkten, dass Goldosmanthus seit einigen Tagen ruhig war und plötzlich freundlich zu allen. Die ganze Familie hielt dies für ein Wunder. Tante Schnee [6] war hocherfreut und dachte: „Als Becken Schnee diese Frau heiratete, muss irgendetwas Unheilvolles aufgestört worden sein, das all die Jahre Ärger gebracht hat. Nun ist diese schlimme Sache passiert — doch dank unseres Geldes und der Hilfe der Kaufmanns besteht noch Hoffnung. Dass die Schwiegertochter plötzlich friedlich geworden ist, deutet vielleicht darauf hin, dass sich Beckens Schicksal zum Guten wendet." So hielt sie es für ein äußerst seltenes Wunder.
Eines Tages nach dem Essen kam Tante Schnee, gestützt auf ihre Dienerin Tonggui, um Goldosmanthus in ihrem Zimmer zu besuchen. Schon im Hof hörte sie eine Männerstimme mit Goldosmanthus sprechen. Tonggui, geistesgegenwärtig, rief laut: „Erste Herrin, die alte Gnädige kommt!" Sie waren schon an der Tür, als ein Schatten sich hinter der Zimmertür verbarg. Tante Schnee erschrak und wich zurück. Goldosmanthus sagte: „Bitte tretet ein, Schwiegermutter, es ist kein Fremder. Das ist mein Adoptivbruder; er lebt auf dem Lande und ist nicht an Gesellschaft gewöhnt. Er hat Euch noch nie gesehen und ist heute zum ersten Mal gekommen, wollte Euch aber noch seinen Gruß darbringen." Tante Schnee sagte: „Wenn es der Herr Schwager ist, kann man ihn ja begrüßen."
Goldosmanthus rief ihren Bruder heraus. Er machte vor Tante Schnee eine Verbeugung und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Tante Schnee erwiderte den Gruß, und sie setzten sich zum Plaudern. Tante Schnee fragte: „Wann ist der Herr Schwager in die Hauptstadt gekommen?" Jener Xia San antwortete: „Letzten Monat hat meine Mutter mich in die Familie aufnehmen lassen, weil niemand den Haushalt führte. Vorgestern erst bin ich in der Hauptstadt eingetroffen und besuche heute meine Schwester." Tante Schnee fand den Mann nicht unsympathisch und blieb noch ein Weilchen sitzen, dann erhob sie sich: „Der Herr Schwager möge sich nicht stören lassen." Dann wandte sie sich an Goldosmanthus: „Der Herr Schwager ist eben erst angereist — behaltet ihn doch zum Essen hier." Goldosmanthus stimmte zu, und Tante Schnee ging.
Als die Schwiegermutter gegangen war, sagte Goldosmanthus zu Xia San: „Bleib ruhig sitzen. Heute bist du offiziell eingeführt — nun braucht unser Zweiter Herr nicht mehr nachzuforschen. Ich möchte, dass du mir einige Dinge besorgst, aber lass dich dabei von niemandem sehen." Xia San sagte: „Überlass das mir. Was immer du willst — solange Geld da ist, kann ich es beschaffen." Goldosmanthus sagte: „Prahle nicht zu früh — wenn du Schund kaufst, nehme ich es nicht an." Die beiden scherzten noch eine Weile, dann aß Goldosmanthus mit Xia San zu Abend, trug ihm auf, was er besorgen solle, und ermahnte ihn nochmals. Dann ging Xia San.
Von da an kam und ging Xia San ohne Unterlass. Der alte Pförtner wusste, dass er der Schwager war, und meldete ihn nicht jedes Mal. Dies sollte in der Folge zu endlosen Verwicklungen führen — doch davon später.
Eines Tages traf ein Brief von Becken Schnee ein. Tante Schnee öffnete ihn und ließ Schatzspange lesen. Es stand geschrieben:
„Euer Sohn leidet im Kreis keine Not — Mutter möge unbesorgt sein. Doch gestern teilte der Amtsschreiber des Kreises mir mit, dass die Präfektur den Bericht bereits gebilligt hat — gewiss hat unsere Fürsprache gewirkt. Doch die Dao-Behörde hat den Bericht zurückgewiesen! Zum Glück war der Kreisschreiber uns wohlgesinnt und reichte sogleich eine Gegendarstellung ein, woraufhin die Dao-Behörde den Kreisrichter rügte. Nun will der Dao-Beamte mich persönlich vorladen. Komme ich erst einmal dorthin, droht mir neues Leid. Es muss sein, dass bei der Dao-Behörde noch niemand vorgesprochen hat. Mutter, bitte bestelle sofort jemanden, der beim Dao-Beamten vorspricht! Und schickt meinen Bruder umgehend her — sonst werde ich an die Dao-Behörde überstellt! An Silber darf es nicht fehlen. Eilt! Eilt!"
Tante Schnee weinte bitterlich. Schatzspange und Xue Ke trösteten sie und drängten: „Es duldet keinen Aufschub." Tante Schnee sah keinen anderen Weg und schickte Xue Ke dorthin. Man packte eilig das Gepäck, wechselte Silber ein, und Xue Ke brach noch in der Nacht zusammen mit einem Gehilfen aus dem Pfandhaus auf.
In dem Durcheinander halfen zwar die Diener beim Packen, doch Schatzspange traute ihnen nicht zu, an alles zu denken, und half selbst, bis in die vierte Nachtwache hinein. Ein reiches Mädchen, das verwöhnt aufgewachsen war — die Aufregung und die nächtliche Plackerei machten sie krank. Am nächsten Morgen bekam sie hohes Fieber und konnte weder Suppe noch Wasser zu sich nehmen. Ying'er meldete es eilig Tante Schnee. Als diese herbeistürzte, sah sie Schatzspange mit hochrotem Gesicht und einem Leib wie in Glut — sie konnte kein Wort mehr sprechen. Tante Schnee geriet außer sich und weinte haltlos. Kostbarzither Schnee [7] stützte sie und versuchte sie zu beruhigen. Duftkastanie [8] brach ebenfalls in Tränen aus und schluchzte an ihrer Seite. Schatzspange konnte weder sprechen noch die Hände bewegen; Augen und Nase waren verstopft. Man holte den Arzt, und nach und nach kam sie wieder zu sich. Tante Schnee und die anderen atmeten ein wenig auf.
Bald war die Nachricht im Prunkwille-Anwesen und im Stillfriede-Anwesen bekannt. Phönixglanz [9] schickte als Erste jemanden mit „Zehnduft-Seelenwiederkehr-Pillen"; darauf ließ Frau König [10] „Höchst-kostbare Pillen" bringen. Die Herzoginmutter [11], Frau Strafe [12], Frau König und Frau Sonders [13] schickten alle ihre Mägde, um sich zu erkundigen. Doch vor Schatzjade hielt man es geheim. Sieben, acht Tage lang behandelte man sie, ohne Besserung. Schließlich erinnerte sich Schatzspange selbst an ihre „Kaltduftpillen", nahm drei davon, und erst dann wurde sie gesund. Später erfuhr auch Schatzjade davon, aber da sie schon genesen war, besuchte er sie nicht mehr.
Inzwischen war wieder ein Brief von Xue Ke eingetroffen. Tante Schnee las ihn, verschwieg ihn aber vor Schatzspange, um sie nicht zu beunruhigen. Sie ging zu Frau König, bat um Hilfe und erzählte auch von Schatzspanges Krankheit. Nach Tante Schnees Besuch wandte sich Frau König an Aufrecht Kaufmann [14]. Der sagte: „Bei den oberen Stellen lässt sich Fürsprache einlegen, bei den unteren ist es schwieriger — da muss man schmieren." Frau König brachte dann die Rede auf Schatzspange und sagte: „Das Kind hat es auch schwer. Da sie nun einmal zu unserer Familie gehören soll, sollten wir sie bald heimholen, ehe sie sich ganz zugrunde richtet." Aufrecht Kaufmann sagte: „Das denke ich auch. Doch bei denen herrscht gerade Durcheinander, und es ist bald Jahresende — jeder hat seinen eigenen Haushalt zu besorgen. Diesen Winter tauschen wir die Verlobungsgeschenke aus, im Frühjahr folgen die Brautgaben. Nach dem Geburtstag der Alten Ahnin legen wir den Hochzeitstag fest. Teile das zunächst der Frau Tante Schnee mit." Frau König stimmte zu.
Am nächsten Tag richtete Frau König Tante Schnee die Worte Aufrecht Kaufmanns aus. Tante Schnee fand es einleuchtend. Nach dem Mittagessen begleitete Frau König sie in die Gemächer der Herzoginmutter. Man bot einander Plätze an. Die Herzoginmutter fragte: „Ist die Frau Tante gerade erst gekommen?" Tante Schnee antwortete: „Ich bin schon gestern gekommen, doch es war zu spät, um der Alten Ahnin noch meine Aufwartung zu machen." Frau König trug nun vor, was Aufrecht Kaufmann am Vorabend gesagt hatte. Die Herzoginmutter war hocherfreut.
Eben sprachen sie noch, als Schatzjade hereinkam. Die Herzoginmutter fragte: „Hast du schon gegessen?" Schatzjade sagte: „Ich bin gerade von der Schule zurück und habe gegessen. Ich wollte nochmals zur Schule, doch erst die Alte Ahnin sehen. Als ich hörte, dass die Tante da ist, wollte ich ihr meinen Gruß darbringen." Dann fragte er: „Geht es Schwester Schatzspange viel besser?" Tante Schnee lächelte: „Es geht ihr gut." Alle hatten gerade noch geplaudert, doch als Schatzjade eintrat, verstummten sie plötzlich. Schatzjade blieb ein Weilchen sitzen und bemerkte, dass Tante Schnee nicht so herzlich war wie sonst. „Auch wenn sie gerade keine gute Stimmung hat — warum schweigen denn gleich alle?" Voller Argwohn ging er zur Schule zurück.
Am Abend kehrte er heim, machte bei allen seine Aufwartung und begab sich dann zum Xiaoxiang-Pavillon. Er hob den Vorhang und trat ein. Purpurkuckuck [15] empfing ihn. Das innere Zimmer war leer. Schatzjade fragte: „Wo ist das Fräulein hin?" Purpurkuckuck sagte: „Sie ist nach oben gegangen. Sie hat gehört, dass die Frau Tante da ist, und wollte ihren Gruß darbringen. Ist der Zweite Herr nicht oben gewesen?" Schatzjade sagte: „Doch, ich war dort, aber euer Fräulein habe ich nicht gesehen." Purpurkuckuck sagte: „Nicht dort?" Schatzjade sagte: „Nein. Wo ist sie denn nur hin?" Purpurkuckuck sagte: „Das kann ich dann auch nicht sagen."
Schatzjade wollte gerade hinausgehen, als Kajaljade [16] mit Schneegans [17] gemächlich daherkam. Schatzjade rief: „Schwester, du bist zurück?" Und trat zurück ins Innere. Kajaljade kam herein, ging ins innere Zimmer und bat Schatzjade, sich drinnen zu setzen. Purpurkuckuck brachte ihr einen Überwurf zum Wechseln. Dann setzte Kajaljade sich und fragte: „Warst du oben? Hast du die Tante gesehen?" Schatzjade sagte: „Ja." Kajaljade fragte: „Hat die Tante mich erwähnt?" Schatzjade sagte: „Nicht nur, dass sie dich nicht erwähnt hat — auch mir gegenüber war sie nicht so herzlich wie früher. Als ich nach Schwester Schatzspanges Krankheit fragte, lächelte sie nur und antwortete nicht. Ist sie vielleicht böse, weil ich sie die letzten Tage nicht besucht habe?"
Kajaljade lachte leise: „Hast du sie denn besucht?" Schatzjade sagte: „Die ersten Tage wusste ich nichts davon, und die letzten Tage, als ich es wusste, bin ich auch nicht gegangen." Kajaljade sagte: „Na also!" Schatzjade sagte: „Aber ehrlich: Die Alte Ahnin hat es mir nicht erlaubt, die Gnädige Frau hat es mir nicht erlaubt, der Gnädige Herr hat es mir nicht erlaubt — wie hätte ich es da wagen sollen? Früher, als die kleine Pforte noch offen war, hätte ich sie zehnmal am Tag besuchen können. Jetzt, wo die Pforte zugemauert ist und man den weiten Weg außen herum nehmen muss, ist es natürlich schwierig." Kajaljade sagte: „Das weiß sie doch nicht." Schatzjade sagte: „Schwester Schatzspange versteht mich so gut wie niemand sonst." Kajaljade sagte: „Da irrst du dich vielleicht. Gerade Schwester Schatzspange dürfte da wenig Verständnis haben — es ist ja nicht die Tante, die krank war, sondern sie selbst! Früher im Garten: Gedichte schreiben, Blumen bewundern, Wein trinken — welch fröhliches Beisammensein! Jetzt seid ihr getrennt; du siehst, dass ihre Familie in Schwierigkeiten steckt; sie war todkrank — und du tust, als ginge dich das nichts an. Wie soll sie da nicht gekränkt sein?" Schatzjade sagte: „Soll das heißen, Schwester Schatzspange will nicht mehr mit mir befreundet sein?" Kajaljade sagte: „Ob sie es will oder nicht, weiß ich nicht. Ich spreche nur so, wie es der Vernunft entspricht."
Schatzjade starrte sie mit großen Augen an und blieb lange stumm. Kajaljade beachtete ihn nicht weiter, ließ Räucherwerk nachlegen und holte ein Buch hervor, in dem sie las. Da runzelte Schatzjade die Stirn, stampfte mit dem Fuß auf und rief: „Wozu ist dieser Mensch überhaupt geboren? Wäre ich nicht auf der Welt, wäre alles sauberer!"
Kajaljade sagte: „So ist es: Wo ein Ich ist, da sind auch die anderen; wo andere sind, entstehen unzählige Sorgen — Angst, Verwirrung, Träume und tausend Verstrickungen. Was ich eben sagte, war doch nur ein Scherz. Du hast bloß gesehen, dass die Tante niedergeschlagen war — wie kommst du gleich darauf, dies auf Schwester Schatzspange zu beziehen? Die Tante ist wegen des Prozesses hier; ihr Herz ist voll Unruhe — da hat sie keine Muße, mit dir zu plaudern. Das ist alles nur dein eigenes wirres Grübeln — du hast dich in einen Irrweg verrannt."
Schatzjade ward plötzlich erleuchtet und lachte: „Ganz recht, ganz recht! Dein Geist ist dem meinen weit überlegen. Kein Wunder, dass du mir vor zwei Jahren, als ich so aufgebracht war, ein paar Chan-Worte sagtest, auf die ich nichts zu erwidern wusste. Obwohl ich einen ‚anderthalbklafter großen goldenen Buddhaleib' besitze, bedarf ich doch deiner Lotosblüte zur Erleuchtung."
Kajaljade nutzte die Gelegenheit und sagte: „Dann stelle ich dir eine Frage — was wirst du antworten?" Schatzjade setzte sich im Schneidersitz hin, legte die Hände zusammen, schloss die Augen, spitzte die Lippen und sagte: „Nur zu."
Kajaljade sprach: „Schwester Schatzspange hat dich gern — was tust du? Schwester Schatzspange hat dich nicht gern — was tust du? Früher hatte sie dich gern, jetzt nicht mehr — was tust du? Heute hat sie dich gern, morgen nicht mehr — was tust du? Du hast sie gern, doch sie hat dich partout nicht gern — was tust du? Du hast sie nicht gern, doch sie hat dich partout gern — was tust du?"
Schatzjade starrte eine halbe Ewigkeit vor sich hin, dann brach er plötzlich in Lachen aus: „Mag das Schwache Wasser auch dreitausend Li lang sein — ich trinke nur einen einzigen Schöpfer daraus."
Kajaljade sagte: „Der Schöpfer treibt auf dem Wasser davon — was dann?"
Schatzjade sagte: „Nicht der Schöpfer treibt mit dem Wasser — das Wasser fließt für sich, und der Schöpfer treibt für sich."
Kajaljade sagte: „Das Wasser steht still und die Perle sinkt — was dann?"
Schatzjade sagte: „Mein Chan-Herz ist längst wie nasse Weidenwolle am Lehm — lass den Rebhuhnruf nicht im Frühlingswind ertönen."
Kajaljade sagte: „Im Chan-Buddhismus ist das erste Gebot, nicht zu lügen."
Schatzjade sagte: „Bei den Drei Juwelen!"
Kajaljade senkte den Kopf und schwieg. Draußen unter der Dachtraufe krächzte eine Krähe ein paarmal und flog nach Südosten davon.
Schatzjade fragte: „Was mag das wohl bedeuten — Glück oder Unglück?"
Kajaljade sagte: „Ob Glück, ob Unglück eines Menschen — im Ruf der Vögel liegt es nicht."
Da kam Herbstmuster [18] herbeigelaufen und sagte: „Der Zweite junge Herr wird gebeten heimzukommen. Der Gnädige Herr hat jemanden in den Garten geschickt, um zu fragen, ob der Zweite junge Herr von der Schule zurück sei. Schwester Dufthauch [19] hat gesagt, Ihr seid schon da. Beeilt Euch!"
Schatzjade erschrak, sprang auf und eilte hinaus. Auch Kajaljade wagte nicht, ihn aufzuhalten.
Was dann geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
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