Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 51"

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Kapitel 51
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Die junge Schnee-Schwester verfasst neue Gedichte über historische Stätten — Ein Kurpfuscher verschreibt rohe Wolfsmedizin
 
Die junge Schnee-Schwester verfasst neue Gedichte über historische Stätten — Ein Kurpfuscher verschreibt rohe Wolfsmedizin
  
Als alle hörten, Schatzzither<ref>Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, „Schnee Schatzzither".</ref> habe über die historischen Stätten in den verschiedenen Provinzen, die sie auf ihren Reisen besucht hatte, zehn Vierzeiler verfasst, in denen je ein Alltagsgegenstand als Rätsel verborgen sei, sagten sie einhellig, das sei natürlich und neuartig zugleich. Alle drängten sich vor, um die Gedichte zu lesen, und dort stand geschrieben:
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Als alle hörten, Schatzzither<ref>Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, „Schatzzither Schnee".</ref> habe über die historischen Stätten in den verschiedenen Provinzen, die sie auf ihren Reisen besucht hatte, zehn Vierzeiler verfasst, in denen je ein Alltagsgegenstand als Rätsel verborgen sei, sagten sie einhellig, das sei natürlich und neuartig zugleich. Alle drängten sich vor, um die Gedichte zu lesen, und dort stand geschrieben:
  
Erinnerung an die Rote Wand (I)
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    Erinnerung an die Rote Wand (I)
An der Roten Wand versenkt, das Wasser stockt im Lauf,
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    An der Roten Wand versenkt, das Wasser stockt im Lauf,
vergeblich stehn noch Namen auf dem leeren Boot.
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    vergeblich stehn noch Namen auf dem leeren Boot.
Im Lärm der Flammen heult der kalte Wind,
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    Im Lärm der Flammen heult der kalte Wind,
zahllose Heldenseelen treiben still darin.
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    zahllose Heldenseelen treiben still darin.
  
Erinnerung an Jiaozhi (II)
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    Erinnerung an Jiaozhi (II)
Bronzene Glocken künden strenge Ordnung an,
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    Bronzene Glocken künden strenge Ordnung an,
ihr Hall erreicht barbarische Völker überm Meer.
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    ihr Hall erreicht barbarische Völker überm Meer.
Ma Yuans Verdienste waren wahrlich groß,
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    Ma Yuans Verdienste waren wahrlich groß,
die Eisenflöte braucht nicht Zhang Liang zu besingen.
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    die Eisenflöte braucht nicht Zhang Liang zu besingen.
  
Erinnerung an den Glocken-Berg (III)
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    Erinnerung an den Glocken-Berg (III)
Wann hätten Ruhm und Reichtum je zu dir gehört?
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    Wann hätten Ruhm und Reichtum je zu dir gehört?
Grundlos vom Edikt gerufen in den Staub der Welt.
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    Grundlos vom Edikt gerufen in den Staub der Welt.
Verwicklung und Verstrickung enden nie,
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    Verwicklung und Verstrickung enden nie,
so zürne nicht, wenn andere spotten über dich.
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    so zürne nicht, wenn andere spotten über dich.
  
Erinnerung an Huaiyin (IV)
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    Erinnerung an Huaiyin (IV)
Auch tapfre Krieger müssen vor gemeinen Hunden stehn,
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    Auch tapfre Krieger müssen vor gemeinen Hunden stehn,
erst auf dem Thron, da senkt sich schon der Sargdeckel.
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    erst auf dem Thron, da senkt sich schon der Sargdeckel.
Sagt diesem schnöden Volke, es soll nicht verachten,
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    Sagt diesem schnöden Volke, es soll nicht verachten,
selbst sterbend denkt er noch an jenen Bissen Reis.
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    selbst sterbend denkt er noch an jenen Bissen Reis.
  
Erinnerung an Guangling (V)
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    Erinnerung an Guangling (V)
Zikaden zirpen, Krähen nisten — im Nu ist es vorbei,
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    Zikaden zirpen, Krähen nisten — im Nu ist es vorbei,
der Damm der Sui-Dynastie — wie steht es heute dort?
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    der Damm der Sui-Dynastie — wie steht es heute dort?
Nur weil er sich den Ruf der Eleganz erwarb,
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    Nur weil er sich den Ruf der Eleganz erwarb,
gab es nicht wenig böser Zungen über ihn.
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    gab es nicht wenig böser Zungen über ihn.
  
Erinnerung an die Pfirsichblatt-Fähre (VI)
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    Erinnerung an die Pfirsichblatt-Fähre (VI)
Welkes Gras und müssige Blumen spiegeln sich im flachen Teich,
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    Welkes Gras und müssige Blumen spiegeln sich im flachen Teich,
der Pfirsichzweig, das Pfirsichblatt — getrennt für immer.
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    der Pfirsichzweig, das Pfirsichblatt — getrennt für immer.
Sechs Dynastien lang standen stolze Balken dort,
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    Sechs Dynastien lang standen stolze Balken dort,
ein kleines Bildnis hängt noch einsam an der Wand.
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    ein kleines Bildnis hängt noch einsam an der Wand.
  
Erinnerung an den Düsteren Hügel (VII)
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    Erinnerung an den Düsteren Hügel (VII)
Der Schwarze Strom, er wühlt und stockt in seinem Lauf,
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    Der Schwarze Strom, er wühlt und stockt in seinem Lauf,
die Eissaiten der Laute klagen bittre Trauer.
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    die Eissaiten der Laute klagen bittre Trauer.
Des Han-Reichs Ordnung ist wahrlich zu beklagen,
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    Des Han-Reichs Ordnung ist wahrlich zu beklagen,
ein Nichtsnutz sollte sich in Ewigkeit noch schämen.
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    ein Nichtsnutz sollte sich in Ewigkeit noch schämen.
  
Erinnerung an Mawei (VIII)
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    Erinnerung an Mawei (VIII)
Einsam die Rougespuren, schweißbedeckt und glänzend,
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    Einsam die Rougespuren, schweißbedeckt und glänzend,
und alle Zartheit ging dem Osten zu in einem Nu.
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    und alle Zartheit ging dem Osten zu in einem Nu.
Nur weil von jener Schönen Spuren blieben,
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    Nur weil von jener Schönen Spuren blieben,
duften noch heute ihre Kleider und ihr Tuch.
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    duften noch heute ihre Kleider und ihr Tuch.
  
Erinnerung an den Pudong-Tempel (IX)
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    Erinnerung an den Pudong-Tempel (IX)
Die kleine Rote, von geringer Herkunft, leichten Sinns,
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    Die kleine Rote, von geringer Herkunft, leichten Sinns,
half heimlich stehlen und das Liebespaar zusammenzwingen.
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    half heimlich stehlen und das Liebespaar zusammenzwingen.
Obwohl die Herrin sie zuweilen an den Balken hing,
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    Obwohl die Herrin sie zuweilen an den Balken hing,
hatt' sie die beiden längst zusammengebracht.
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    hatt' sie die beiden längst zusammengebracht.
  
Erinnerung an den Pflaumenblütenkloster (X)
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    Erinnerung an den Pflaumenblütenkloster (X)
Nicht beim Pflaumenbaum, beim Weidenbaum statt dessen,
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    Nicht beim Pflaumenbaum, beim Weidenbaum statt dessen,
wer findet dort das Bildnis jener Schönen?
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    wer findet dort das Bildnis jener Schönen?
An Wiedersehn denk nicht — erst wenn der Frühling naht,
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    An Wiedersehn denk nicht — erst wenn der Frühling naht,
nach einem Abschied weht der Herbstwind, und ein Jahr vergeht.
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    nach einem Abschied weht der Herbstwind, und ein Jahr vergeht.
  
Alle lasen die Gedichte und priesen sie als außergewöhnlich und kunstvoll. Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schnee Schatz-Spange".</ref> äußerte sich zuerst: „Die ersten acht Gedichte beruhen sämtlich auf historisch belegten Tatsachen, aber für die letzten beiden gibt es keine Beweise. Wir verstehen sie auch nicht recht. Es wäre besser, du schriebest zwei neue an ihrer Stelle."
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Alle lasen die Gedichte und priesen sie als außergewöhnlich und kunstvoll. Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz Schnee-Spange".</ref> äußerte sich zuerst: „Die ersten acht Gedichte beruhen sämtlich auf historisch belegten Tatsachen, aber für die letzten beiden gibt es keine Beweise. Wir verstehen sie auch nicht recht. Es wäre besser, du schriebest zwei neue an ihrer Stelle."
  
Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Wald Kajal-Jade".</ref> fiel ihr hastig ins Wort: „Schwester Schatzspange ist wirklich zu sehr eine, die den Leim auf den Steg klebt und dann die Laute spielen will [Anm.: Sprichwort für übertriebene Pedanterie] — zu gekünstelt und geziert! Für diese beiden Gedichte mag es zwar keine Belege in den Geschichtswerken geben, und wir mögen die inoffiziellen Überlieferungen nicht gelesen haben und die Hintergründe nicht kennen, aber haben wir denn nicht einmal zwei Theaterstücke gesehen? Das weiß schon ein dreijähriges Kind, geschweige denn wir!"
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Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal Wald-Jade".</ref> fiel ihr hastig ins Wort: „Schwester Schatzspange ist wirklich zu sehr eine, die den Leim auf den Steg klebt und dann die Laute spielen will [Anm.: Sprichwort für übertriebene Pedanterie] — zu gekünstelt und geziert! Für diese beiden Gedichte mag es zwar keine Belege in den Geschichtswerken geben, und wir mögen die inoffiziellen Überlieferungen nicht gelesen haben und die Hintergründe nicht kennen, aber haben wir denn nicht einmal zwei Theaterstücke gesehen? Das weiß schon ein dreijähriges Kind, geschweige denn wir!"
  
Tanchun<ref>Chin. 探春 Tànchūn, „Spürfrühling".</ref> sagte: „Das ist völlig richtig."
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Erkundefrühling<ref>Chin. 探春 Tànchūn, „Erkundefrühling".</ref> sagte: „Das ist völlig richtig."
  
 
Frau Li<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, „Frau Li, die verwitwete Schwiegertochter".</ref> fuhr fort: „Zumal sie ja selbst an diesen Orten gewesen ist. Obwohl es für die beiden Geschichten keine Belege gibt — seit alters her wurde von Mund zu Mund weitererzählt, und begeisterte Liebhaber solcher Geschichten haben absichtlich pseudohistorische Stätten erfunden, um die Leute hinters Licht zu führen. Als wir damals zum Beispiel auf dem Weg in die Hauptstadt waren, haben wir allein vom Grab des Meisters Guan [Anm.: Guan Yu, berühmter General der Drei Reiche] drei oder vier vorgefunden. Meister Guans Lebenswerk ist historisch verbürgt, aber wie kann er mehrere Gräber haben? Natürlich liegt es daran, dass spätere Menschen seine Taten so bewunderten, dass sie aus dieser Verehrung heraus solche Orte erdachten. Auch möglich. Schaut man in die 'Aufzeichnungen über das Weite Land', so gibt es nicht nur von Meister Guan viele Gräber — seit alters her haben berühmte Menschen nicht wenige Gräber, und unbelegte historische Stätten gibt es noch viel mehr. Bei diesen beiden Gedichten mag es keinen Beweis geben, aber bei allen Geschichtenerzählern und Theaterspielern, ja selbst auf Orakellosen finden sich Anmerkungen dazu. Jeder kennt sie, Alt und Jung, Mann und Frau, sie sind in aller Munde. Zudem ist es ja nicht so, als hätte man die Texte des 'Westzimmers' oder der 'Pfingstrose' gelesen und müsste böse Bücher fürchten. Es ist also völlig in Ordnung, die Gedichte können bleiben."
 
Frau Li<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, „Frau Li, die verwitwete Schwiegertochter".</ref> fuhr fort: „Zumal sie ja selbst an diesen Orten gewesen ist. Obwohl es für die beiden Geschichten keine Belege gibt — seit alters her wurde von Mund zu Mund weitererzählt, und begeisterte Liebhaber solcher Geschichten haben absichtlich pseudohistorische Stätten erfunden, um die Leute hinters Licht zu führen. Als wir damals zum Beispiel auf dem Weg in die Hauptstadt waren, haben wir allein vom Grab des Meisters Guan [Anm.: Guan Yu, berühmter General der Drei Reiche] drei oder vier vorgefunden. Meister Guans Lebenswerk ist historisch verbürgt, aber wie kann er mehrere Gräber haben? Natürlich liegt es daran, dass spätere Menschen seine Taten so bewunderten, dass sie aus dieser Verehrung heraus solche Orte erdachten. Auch möglich. Schaut man in die 'Aufzeichnungen über das Weite Land', so gibt es nicht nur von Meister Guan viele Gräber — seit alters her haben berühmte Menschen nicht wenige Gräber, und unbelegte historische Stätten gibt es noch viel mehr. Bei diesen beiden Gedichten mag es keinen Beweis geben, aber bei allen Geschichtenerzählern und Theaterspielern, ja selbst auf Orakellosen finden sich Anmerkungen dazu. Jeder kennt sie, Alt und Jung, Mann und Frau, sie sind in aller Munde. Zudem ist es ja nicht so, als hätte man die Texte des 'Westzimmers' oder der 'Pfingstrose' gelesen und müsste böse Bücher fürchten. Es ist also völlig in Ordnung, die Gedichte können bleiben."
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Schatzspange gab sich nach diesen Worten geschlagen. Alle rätselten eine Weile, aber niemand fand die Lösungen.
 
Schatzspange gab sich nach diesen Worten geschlagen. Alle rätselten eine Weile, aber niemand fand die Lösungen.
  
Da die Wintertage kurz sind, war es unversehens schon wieder Zeit für das Abendessen, und alle gingen gemeinsam hinüber, um zu speisen. Da meldete jemand Dame Wang<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Frau/Dame Wang".</ref>: „Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xírén, "die Angreifende/der Dufthauch".</ref>s Bruder Hua Zifang ist gekommen und berichtet, ihre Mutter sei schwer krank und sehne sich nach ihrer Tochter. Er bittet um die Gnade, Dufthauch nach Hause holen zu dürfen."
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Da die Wintertage kurz sind, war es unversehens schon wieder Zeit für das Abendessen, und alle gingen gemeinsam hinüber, um zu speisen. Da meldete jemand Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Frau/Dame König".</ref>: „Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xírén, "die Angreifende/der Dufthauch".</ref>s Bruder Hua Zifang ist gekommen und berichtet, ihre Mutter sei schwer krank und sehne sich nach ihrer Tochter. Er bittet um die Gnade, Dufthauch nach Hause holen zu dürfen."
  
Dame Wang hörte dies und sprach: „Mutter und Tochter — wie könnte ich es ihr verwehren!" Sogleich liess sie Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „König Phönixglanz".</ref> rufen, teilte ihr die Angelegenheit mit und befahl ihr, alles Nötige zu veranlassen.
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Dame König hörte dies und sprach: „Mutter und Tochter — wie könnte ich es ihr verwehren!" Sogleich ließ sie Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Phönixglanz König".</ref> rufen, teilte ihr die Angelegenheit mit und befahl ihr, alles Nötige zu veranlassen.
  
Phönixglanz sagte „Jawohl", kehrte in ihre Gemächer zurück und liess Frau Zhou Rui kommen, damit diese Dufthauch die Nachricht überbringe. Dann wies sie Frau Zhou Rui an: „Nimm noch eine der älteren Frauen mit, die für Außenbegleitungen zuständig sind, dazu zwei kleine Mädchen als Begleitung für Dufthauch. Draußen lass vier ältere Männer den Wagen begleiten. Einen großen Wagen für euch und einen kleinen für die Mädchen."
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Phönixglanz sagte „Jawohl", kehrte in ihre Gemächer zurück und ließ Frau Zhou Rui kommen, damit diese Dufthauch die Nachricht überbringe. Dann wies sie Frau Zhou Rui an: „Nimm noch eine der älteren Frauen mit, die für Außenbegleitungen zuständig sind, dazu zwei kleine Mädchen als Begleitung für Dufthauch. Draußen lass vier ältere Männer den Wagen begleiten. Einen großen Wagen für euch und einen kleinen für die Mädchen."
  
 
Frau Zhou Rui sagte „Jawohl" und wollte gerade gehen, als Phönixglanz noch hinzufügte: „Dufthauch ist eine, die nicht gern Umstände macht. Richte ihr von mir aus: Sie soll sich hübsch anziehen, ein ordentliches Bündel Kleider einpacken — auch der Kleiderbeutel muss ansehnlich sein —, und ein gutes Handöfchen mitnehmen. Bevor sie abfährt, soll sie erst zu mir kommen, damit ich sie ansehe."
 
Frau Zhou Rui sagte „Jawohl" und wollte gerade gehen, als Phönixglanz noch hinzufügte: „Dufthauch ist eine, die nicht gern Umstände macht. Richte ihr von mir aus: Sie soll sich hübsch anziehen, ein ordentliches Bündel Kleider einpacken — auch der Kleiderbeutel muss ansehnlich sein —, und ein gutes Handöfchen mitnehmen. Bevor sie abfährt, soll sie erst zu mir kommen, damit ich sie ansehe."
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Phönixglanz lächelte: „Man sieht, dass sie die Einzige ist, die mein Herz wenigstens zu einem Drittel kennt." Dann wandte sie sich an Dufthauch: „Wenn es deiner Mutter besser geht, ist alles in Ordnung. Wenn sie es aber nicht schafft, bleib ruhig dort. Schick jemanden zu mir, und ich lasse dir das Bettzeug nachbringen. Benutze auf keinen Fall fremdes Bettzeug oder fremde Toilettensachen." Dann wies sie Frau Zhou Rui an: „Ihr kennt die Regeln hier, ich brauche euch nichts einzuschärfen."
 
Phönixglanz lächelte: „Man sieht, dass sie die Einzige ist, die mein Herz wenigstens zu einem Drittel kennt." Dann wandte sie sich an Dufthauch: „Wenn es deiner Mutter besser geht, ist alles in Ordnung. Wenn sie es aber nicht schafft, bleib ruhig dort. Schick jemanden zu mir, und ich lasse dir das Bettzeug nachbringen. Benutze auf keinen Fall fremdes Bettzeug oder fremde Toilettensachen." Dann wies sie Frau Zhou Rui an: „Ihr kennt die Regeln hier, ich brauche euch nichts einzuschärfen."
  
Frau Zhou Rui sagte: „Wir wissen Bescheid. Wenn wir dort ankommen, sorgen wir natürlich dafür, dass deren Leute Abstand halten. Sollte sie bleiben müssen, lassen wir uns auf jeden Fall ein oder zwei separate Innenzimmer geben." Nach diesen Worten folgte sie Dufthauch hinaus. Man liess Laternen vorbereiten, bestieg den Wagen und fuhr zum Haus des Hua Zifang. Davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Frau Zhou Rui sagte: „Wir wissen Bescheid. Wenn wir dort ankommen, sorgen wir natürlich dafür, dass deren Leute Abstand halten. Sollte sie bleiben müssen, lassen wir uns auf jeden Fall ein oder zwei separate Innenzimmer geben." Nach diesen Worten folgte sie Dufthauch hinaus. Man ließ Laternen vorbereiten, bestieg den Wagen und fuhr zum Haus des Hua Zifang. Davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
  
Hier liess Phönixglanz nun zwei alte Ammen aus dem Hof der Freude am Roten zu sich kommen und befahl: „Dufthauch kommt wohl heute nicht zurück. Ihr kennt die älteren Mädchen dort — sucht zwei Verständige aus und schickt sie in Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, "Kaufmann Schatz-Jade".</ref>s Zimmer zur Nachtwache. Gebt auch ihr gut acht und lasst ihn keinen Unfug treiben."
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Hier ließ Phönixglanz nun zwei alte Ammen aus dem Hof der Roten Freude zu sich kommen und befahl: „Dufthauch kommt wohl heute nicht zurück. Ihr kennt die älteren Mädchen dort — sucht zwei Verständige aus und schickt sie in Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, "Schatz Kaufmann-Jade".</ref>s Zimmer zur Nachtwache. Gebt auch ihr gut acht und lasst ihn keinen Unfug treiben."
  
 
Die beiden alten Ammen gingen, kamen aber bald zurück und meldeten: „Wir haben Heitermuster<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén, "Heiteres Wolkenmuster".</ref> und Moschusmond<ref>Chin. 麝月 Shèyuè, „Moschusmond".</ref> für das Zimmer bestimmt. Wir vier wechseln uns ohnehin bei der Nachtwache ab."
 
Die beiden alten Ammen gingen, kamen aber bald zurück und meldeten: „Wir haben Heitermuster<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén, "Heiteres Wolkenmuster".</ref> und Moschusmond<ref>Chin. 麝月 Shèyuè, „Moschusmond".</ref> für das Zimmer bestimmt. Wir vier wechseln uns ohnehin bei der Nachtwache ab."
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Phönixglanz nickte: „Abends sorgt dafür, dass er früh schläft, morgens, dass er früh aufsteht."
 
Phönixglanz nickte: „Abends sorgt dafür, dass er früh schläft, morgens, dass er früh aufsteht."
  
Die alten Ammen sagten zu und kehrten in den Garten zurück. Bald darauf kam Frau Zhou Rui mit der Nachricht zurück: „Dufthauchs Mutter ist bereits verstorben. Sie kann nicht zurückkommen." Phönixglanz meldete es Dame Wang und schickte jemanden in den Garten der Großen Anschauung, um Dufthauchs Bettzeug und Toilettenkiste zu holen.
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Die alten Ammen sagten zu und kehrten in den Garten zurück. Bald darauf kam Frau Zhou Rui mit der Nachricht zurück: „Dufthauchs Mutter ist bereits verstorben. Sie kann nicht zurückkommen." Phönixglanz meldete es Dame König und schickte jemanden in den Garten der Großen Anschauung, um Dufthauchs Bettzeug und Toilettenkiste zu holen.
  
 
Schatzjade sah zu, wie Heitermuster und Moschusmond alles zusammenpackten und fortschickten. Danach legten beide ihren restlichen Schmuck ab und wechselten Rock und Jacke. Heitermuster setzte sich einfach auf den Räucherofen [Anm.: ein Kohlenbecken mit Wärmegestell]. Moschusmond lächelte: „Spiel dich heute nicht als Fräulein auf, ich rate dir, dich auch ein wenig zu bewegen."
 
Schatzjade sah zu, wie Heitermuster und Moschusmond alles zusammenpackten und fortschickten. Danach legten beide ihren restlichen Schmuck ab und wechselten Rock und Jacke. Heitermuster setzte sich einfach auf den Räucherofen [Anm.: ein Kohlenbecken mit Wärmegestell]. Moschusmond lächelte: „Spiel dich heute nicht als Fräulein auf, ich rate dir, dich auch ein wenig zu bewegen."
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Schatzjade drückte sie eilig nieder und redete ihr lächelnd zu: „Reg dich nicht auf. Sie tut nur ihre Pflicht und fürchtet, die gnädige Frau könnte ihr Vorwürfe machen, falls sie davon erfährt. Sie hat das nur so gesagt. Doch du musst dich immer gleich ereifern, und jetzt ist deine Leber ohnehin schon erhitzt."
 
Schatzjade drückte sie eilig nieder und redete ihr lächelnd zu: „Reg dich nicht auf. Sie tut nur ihre Pflicht und fürchtet, die gnädige Frau könnte ihr Vorwürfe machen, falls sie davon erfährt. Sie hat das nur so gesagt. Doch du musst dich immer gleich ereifern, und jetzt ist deine Leber ohnehin schon erhitzt."
  
Während er noch sprach, wurde gemeldet, der Arzt sei da. Schatzjade ging hinüber und verbarg sich hinter dem Bücherregal. Er sah, wie zwei, drei alte Ammen vom Hintertor einen Arzt hereinführten. Die Mädchen hatten sich alle zurückgezogen. Drei, vier alte Ammen liessen die großen roten bestickten Vorhänge des warmen Alkovens herab, und Heitermuster streckte nur ihren Arm darunter hervor.
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Während er noch sprach, wurde gemeldet, der Arzt sei da. Schatzjade ging hinüber und verbarg sich hinter dem Bücherregal. Er sah, wie zwei, drei alte Ammen vom Hintertor einen Arzt hereinführten. Die Mädchen hatten sich alle zurückgezogen. Drei, vier alte Ammen ließen die großen roten bestickten Vorhänge des warmen Alkovens herab, und Heitermuster streckte nur ihren Arm darunter hervor.
  
 
Als der Arzt diese Hand sah — an der zwei Fingernägel, gut drei Zoll lang, noch rote Spuren von Balsaminen-Färbung trugen —, wandte er sofort den Blick ab. Eine der alten Ammen legte rasch ein Tuch über die Hand. Erst dann fühlte der Arzt eine Weile den Puls, stand auf und ging in den Vorraum. Dort erklärte er den Ammen: „Das Fräulein leidet an einer äußerlichen Infektion mit innerlicher Stauung. In letzter Zeit war das Wetter schlecht — es handelt sich im Grunde um eine leichte Erkältung. Glücklicherweise isst und trinkt das Fräulein von Natur aus mäßig, und die Erkältung ist nicht schwer. Nur weil die Konstitution etwas zart ist, hat sie sich etwas zugezogen. Nach ein, zwei Dosen auflösender Medizin wird sie wieder gesund sein." Nach diesen Worten folgte er den Ammen nach draußen.
 
Als der Arzt diese Hand sah — an der zwei Fingernägel, gut drei Zoll lang, noch rote Spuren von Balsaminen-Färbung trugen —, wandte er sofort den Blick ab. Eine der alten Ammen legte rasch ein Tuch über die Hand. Erst dann fühlte der Arzt eine Weile den Puls, stand auf und ging in den Vorraum. Dort erklärte er den Ammen: „Das Fräulein leidet an einer äußerlichen Infektion mit innerlicher Stauung. In letzter Zeit war das Wetter schlecht — es handelt sich im Grunde um eine leichte Erkältung. Glücklicherweise isst und trinkt das Fräulein von Natur aus mäßig, und die Erkältung ist nicht schwer. Nur weil die Konstitution etwas zart ist, hat sie sich etwas zugezogen. Nach ein, zwei Dosen auflösender Medizin wird sie wieder gesund sein." Nach diesen Worten folgte er den Ammen nach draußen.
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Schatzjade rief: „Der Teufel soll ihn holen! Er behandelt ein Mädchen genauso wie unsereins — wie kann das angehen! Ganz gleich, was für eine innerliche Stauung sie hat — Bitterorange und Ephedra, wie soll sie die vertragen? Wer hat ihn herbeigerufen? Schickt ihn sofort weg! Wir lassen einen erfahrenen Arzt kommen."
 
Schatzjade rief: „Der Teufel soll ihn holen! Er behandelt ein Mädchen genauso wie unsereins — wie kann das angehen! Ganz gleich, was für eine innerliche Stauung sie hat — Bitterorange und Ephedra, wie soll sie die vertragen? Wer hat ihn herbeigerufen? Schickt ihn sofort weg! Wir lassen einen erfahrenen Arzt kommen."
  
Eine alte Amme sagte: „Ob die Medizin taugt oder nicht, davon verstehen wir nichts. Es ist auch nicht schwer, einen der Burschen zu schicken und Hofarzt Wang herzubitten. Nur — dieser Arzt hier wurde nicht über die Hauptverwaltung bestellt, darum müssen wir ihm das Geld für Sänfte und Pferd bezahlen."
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Eine alte Amme sagte: „Ob die Medizin taugt oder nicht, davon verstehen wir nichts. Es ist auch nicht schwer, einen der Burschen zu schicken und Hofarzt König herzubitten. Nur — dieser Arzt hier wurde nicht über die Hauptverwaltung bestellt, darum müssen wir ihm das Geld für Sänfte und Pferd bezahlen."
  
 
Schatzjade fragte: „Wieviel muss man ihm geben?"
 
Schatzjade fragte: „Wieviel muss man ihm geben?"
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Die Alte sagte: „Weniger als ein Liang Silber geht nicht — das wäre nicht standesgemäß für ein Haus wie unseres."
 
Die Alte sagte: „Weniger als ein Liang Silber geht nicht — das wäre nicht standesgemäß für ein Haus wie unseres."
  
Schatzjade fragte weiter: „Und Hofarzt Wang — wieviel bekommt der?"
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Schatzjade fragte weiter: „Und Hofarzt König — wieviel bekommt der?"
  
Die Alte lächelte: „Hofarzt Wang und Hofarzt Zhang kommen ständig zu uns, aber sie werden nicht einzeln bezahlt. Viermal im Jahr, zu den großen Feiertagen, schicken wir reichlich Geschenke — das ist das feste Jahressalahr. Dieser Arzt hier aber war zum ersten Mal da, da muss ihm ein Liang Silber gezahlt werden."
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Die Alte lächelte: „Hofarzt König und Hofarzt Zhang kommen ständig zu uns, aber sie werden nicht einzeln bezahlt. Viermal im Jahr, zu den großen Feiertagen, schicken wir reichlich Geschenke — das ist das feste Jahressalahr. Dieser Arzt hier aber war zum ersten Mal da, da muss ihm ein Liang Silber gezahlt werden."
  
 
Schatzjade befahl Moschusmond, Silber zu holen. Moschusmond sagte: „Ich weiß nicht einmal, wo Schwester Dufthauch es aufbewahrt."
 
Schatzjade befahl Moschusmond, Silber zu holen. Moschusmond sagte: „Ich weiß nicht einmal, wo Schwester Dufthauch es aufbewahrt."
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Die alte Amme stand draußen auf der Stufe und lächelte: „Das ist ein halber Fünf-Liang-Barren — dieses Stück wiegt mindestens zwei Liang! Wir haben gerade keine Silberschere zur Hand, also legt dieses Stück zurück und sucht ein kleineres."
 
Die alte Amme stand draußen auf der Stufe und lächelte: „Das ist ein halber Fünf-Liang-Barren — dieses Stück wiegt mindestens zwei Liang! Wir haben gerade keine Silberschere zur Hand, also legt dieses Stück zurück und sucht ein kleineres."
  
Aber Moschusmond hatte das Schränkchen längst zugemacht und kam lächelnd heraus: „Wer sucht denn noch weiter! Wenn es etwas mehr ist, nehmt Ihr es eben mit." Schatzjade sagte: „Beeile dich lieber und lass Mingyan Hofarzt Wang herbeirufen."
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Aber Moschusmond hatte das Schränkchen längst zugemacht und kam lächelnd heraus: „Wer sucht denn noch weiter! Wenn es etwas mehr ist, nehmt Ihr es eben mit." Schatzjade sagte: „Beeile dich lieber und lass Mingyan Hofarzt König herbeirufen."
  
 
Die Alte nahm das Silber und ging, alles zu regeln.
 
Die Alte nahm das Silber und ging, alles zu regeln.
  
Bald darauf kam tatsächlich Hofarzt Wang, von Mingyan herbeigeführt. Er fühlte den Puls und kam zu einem ähnlichen Befund wie sein Vorgänger, nur enthielt sein Rezept statt Bitterorange und Ephedra solche Bestandteile wie Angelikawurzel, getrocknete Mandarinenschale und weiße Päonien-Wurzel, und auch die Dosierungen waren geringer.
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Bald darauf kam tatsächlich Hofarzt König, von Mingyan herbeigeführt. Er fühlte den Puls und kam zu einem ähnlichen Befund wie sein Vorgänger, nur enthielt sein Rezept statt Bitterorange und Ephedra solche Bestandteile wie Angelikawurzel, getrocknete Mandarinenschale und weiße Päonien-Wurzel, und auch die Dosierungen waren geringer.
  
 
Schatzjade freute sich: „Das ist endlich Medizin für Mädchen! Eine auflösende Wirkung muss sein, aber sie darf nicht zu stark sein. Als ich letztes Jahr krank war — es war ebenfalls eine Erkältung mit Verdauungsbeschwerden —, meinte er nach der Untersuchung, selbst ich vertrüge keine Wolfs-und-Tiger-Arzneien wie Ephedra, Gips und Bitterorange. Verglichen mit euch bin ich wie eine jahrzehntealte Espe auf einem verwilderten Grabhügel, und ihr seid wie die eben erst aufgeblühten weißen Begonien, die Yun mir letzten Herbst schenkte. Wenn nicht einmal ich solche Medizin vertrage — wie dann erst ihr?"
 
Schatzjade freute sich: „Das ist endlich Medizin für Mädchen! Eine auflösende Wirkung muss sein, aber sie darf nicht zu stark sein. Als ich letztes Jahr krank war — es war ebenfalls eine Erkältung mit Verdauungsbeschwerden —, meinte er nach der Untersuchung, selbst ich vertrüge keine Wolfs-und-Tiger-Arzneien wie Ephedra, Gips und Bitterorange. Verglichen mit euch bin ich wie eine jahrzehntealte Espe auf einem verwilderten Grabhügel, und ihr seid wie die eben erst aufgeblühten weißen Begonien, die Yun mir letzten Herbst schenkte. Wenn nicht einmal ich solche Medizin vertrage — wie dann erst ihr?"
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Schatzjade sagte: „Der Duft von Arznei ist edler als aller Blumen- und Früchteduft. Wenn unsterbliche Götter Kräuter sammeln und Medizin brauen, wenn erhabene Einsiedler Heilmittel zubereiten — das ist die feinste Sache der Welt. Ich hatte schon gedacht, dass in diesem Raum alles Mögliche vorhanden ist, nur der Arzneiduft fehlte noch. Jetzt ist endlich alles vollständig." Und er befahl erneut, den Tiegel aufzusetzen. Dann wies er Moschusmond an, ein paar Dinge zusammenzupacken und eine alte Amme zu Dufthauch zu schicken, um ihr zuzureden, nicht so viel zu weinen.
 
Schatzjade sagte: „Der Duft von Arznei ist edler als aller Blumen- und Früchteduft. Wenn unsterbliche Götter Kräuter sammeln und Medizin brauen, wenn erhabene Einsiedler Heilmittel zubereiten — das ist die feinste Sache der Welt. Ich hatte schon gedacht, dass in diesem Raum alles Mögliche vorhanden ist, nur der Arzneiduft fehlte noch. Jetzt ist endlich alles vollständig." Und er befahl erneut, den Tiegel aufzusetzen. Dann wies er Moschusmond an, ein paar Dinge zusammenzupacken und eine alte Amme zu Dufthauch zu schicken, um ihr zuzureden, nicht so viel zu weinen.
  
Nachdem alles geregelt war, ging er hinüber zu Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, „die Herzoginmutter der Kaufmann-Familie".</ref> und Dame Wang, um seinen Gruß zu entbieten und zu essen.
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Nachdem alles geregelt war, ging er hinüber zu Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, „die Herzoginmutter der Kaufmann-Familie".</ref> und Dame König, um seinen Gruß zu entbieten und zu essen.
  
Dort sprach Phönixglanz gerade mit der Herzoginmutter und Dame Wang: „Die Tage sind kurz und es ist kalt. Am besten essen die ältere Schwäglerin und die Fräulein künftig im Garten. Wenn die Tage länger und wärmer werden, können sie ja wieder herüber- und hinüberlaufen."
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Dort sprach Phönixglanz gerade mit der Herzoginmutter und Dame König: „Die Tage sind kurz und es ist kalt. Am besten essen die ältere Schwäglerin und die Fräulein künftig im Garten. Wenn die Tage länger und wärmer werden, können sie ja wieder herüber- und hinüberlaufen."
  
Dame Wang lächelte: „Das ist eine gute Idee. Bei Wind und Schnee ist das wirklich angebrachter. Nach dem Essen die Kälte abzubekommen ist nicht gut; mit leerem Magen in der kalten Luft herzukommen und dann etwas auf den kalten Magen zu drücken ist auch nicht gut. In dem großen Fünf-Joch-Gebäude hinter dem Gartentor halten ohnehin Frauen Nachtwache. Wir wählen zwei Köchinnen aus, die dort eigens für die Mädchen kochen. Frisches Gemüse gibt es nach dem üblichen Satz — die Hauptverwaltung gibt ihnen Geld oder Waren. Was Wildbret angeht — Fasane, Moschushirsche, Rehe und dergleichen —, teilen wir ihnen etwas zu, dann ist alles geregelt."
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Dame König lächelte: „Das ist eine gute Idee. Bei Wind und Schnee ist das wirklich angebrachter. Nach dem Essen die Kälte abzubekommen ist nicht gut; mit leerem Magen in der kalten Luft herzukommen und dann etwas auf den kalten Magen zu drücken ist auch nicht gut. In dem großen Fünf-Joch-Gebäude hinter dem Gartentor halten ohnehin Frauen Nachtwache. Wir wählen zwei Köchinnen aus, die dort eigens für die Mädchen kochen. Frisches Gemüse gibt es nach dem üblichen Satz — die Hauptverwaltung gibt ihnen Geld oder Waren. Was Wildbret angeht — Fasane, Moschushirsche, Rehe und dergleichen —, teilen wir ihnen etwas zu, dann ist alles geregelt."
  
 
Die Herzoginmutter sagte: „Genau daran habe ich auch schon gedacht. Nur fürchtete ich, eine zusätzliche Küche einzurichten sei zu umständlich."
 
Die Herzoginmutter sagte: „Genau daran habe ich auch schon gedacht. Nur fürchtete ich, eine zusätzliche Küche einzurichten sei zu umständlich."

Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 51

Die junge Schnee-Schwester verfasst neue Gedichte über historische Stätten — Ein Kurpfuscher verschreibt rohe Wolfsmedizin

Als alle hörten, Schatzzither[1] habe über die historischen Stätten in den verschiedenen Provinzen, die sie auf ihren Reisen besucht hatte, zehn Vierzeiler verfasst, in denen je ein Alltagsgegenstand als Rätsel verborgen sei, sagten sie einhellig, das sei natürlich und neuartig zugleich. Alle drängten sich vor, um die Gedichte zu lesen, und dort stand geschrieben:

   Erinnerung an die Rote Wand (I)
   An der Roten Wand versenkt, das Wasser stockt im Lauf,
   vergeblich stehn noch Namen auf dem leeren Boot.
   Im Lärm der Flammen heult der kalte Wind,
   zahllose Heldenseelen treiben still darin.
   Erinnerung an Jiaozhi (II)
   Bronzene Glocken künden strenge Ordnung an,
   ihr Hall erreicht barbarische Völker überm Meer.
   Ma Yuans Verdienste waren wahrlich groß,
   die Eisenflöte braucht nicht Zhang Liang zu besingen.
   Erinnerung an den Glocken-Berg (III)
   Wann hätten Ruhm und Reichtum je zu dir gehört?
   Grundlos vom Edikt gerufen in den Staub der Welt.
   Verwicklung und Verstrickung enden nie,
   so zürne nicht, wenn andere spotten über dich.
   Erinnerung an Huaiyin (IV)
   Auch tapfre Krieger müssen vor gemeinen Hunden stehn,
   erst auf dem Thron, da senkt sich schon der Sargdeckel.
   Sagt diesem schnöden Volke, es soll nicht verachten,
   selbst sterbend denkt er noch an jenen Bissen Reis.
   Erinnerung an Guangling (V)
   Zikaden zirpen, Krähen nisten — im Nu ist es vorbei,
   der Damm der Sui-Dynastie — wie steht es heute dort?
   Nur weil er sich den Ruf der Eleganz erwarb,
   gab es nicht wenig böser Zungen über ihn.
   Erinnerung an die Pfirsichblatt-Fähre (VI)
   Welkes Gras und müssige Blumen spiegeln sich im flachen Teich,
   der Pfirsichzweig, das Pfirsichblatt — getrennt für immer.
   Sechs Dynastien lang standen stolze Balken dort,
   ein kleines Bildnis hängt noch einsam an der Wand.
   Erinnerung an den Düsteren Hügel (VII)
   Der Schwarze Strom, er wühlt und stockt in seinem Lauf,
   die Eissaiten der Laute klagen bittre Trauer.
   Des Han-Reichs Ordnung ist wahrlich zu beklagen,
   ein Nichtsnutz sollte sich in Ewigkeit noch schämen.
   Erinnerung an Mawei (VIII)
   Einsam die Rougespuren, schweißbedeckt und glänzend,
   und alle Zartheit ging dem Osten zu in einem Nu.
   Nur weil von jener Schönen Spuren blieben,
   duften noch heute ihre Kleider und ihr Tuch.
   Erinnerung an den Pudong-Tempel (IX)
   Die kleine Rote, von geringer Herkunft, leichten Sinns,
   half heimlich stehlen und das Liebespaar zusammenzwingen.
   Obwohl die Herrin sie zuweilen an den Balken hing,
   hatt' sie die beiden längst zusammengebracht.
   Erinnerung an den Pflaumenblütenkloster (X)
   Nicht beim Pflaumenbaum, beim Weidenbaum statt dessen,
   wer findet dort das Bildnis jener Schönen?
   An Wiedersehn denk nicht — erst wenn der Frühling naht,
   nach einem Abschied weht der Herbstwind, und ein Jahr vergeht.

Alle lasen die Gedichte und priesen sie als außergewöhnlich und kunstvoll. Schatzspange[2] äußerte sich zuerst: „Die ersten acht Gedichte beruhen sämtlich auf historisch belegten Tatsachen, aber für die letzten beiden gibt es keine Beweise. Wir verstehen sie auch nicht recht. Es wäre besser, du schriebest zwei neue an ihrer Stelle."

Kajaljade[3] fiel ihr hastig ins Wort: „Schwester Schatzspange ist wirklich zu sehr eine, die den Leim auf den Steg klebt und dann die Laute spielen will [Anm.: Sprichwort für übertriebene Pedanterie] — zu gekünstelt und geziert! Für diese beiden Gedichte mag es zwar keine Belege in den Geschichtswerken geben, und wir mögen die inoffiziellen Überlieferungen nicht gelesen haben und die Hintergründe nicht kennen, aber haben wir denn nicht einmal zwei Theaterstücke gesehen? Das weiß schon ein dreijähriges Kind, geschweige denn wir!"

Erkundefrühling[4] sagte: „Das ist völlig richtig."

Frau Li[5] fuhr fort: „Zumal sie ja selbst an diesen Orten gewesen ist. Obwohl es für die beiden Geschichten keine Belege gibt — seit alters her wurde von Mund zu Mund weitererzählt, und begeisterte Liebhaber solcher Geschichten haben absichtlich pseudohistorische Stätten erfunden, um die Leute hinters Licht zu führen. Als wir damals zum Beispiel auf dem Weg in die Hauptstadt waren, haben wir allein vom Grab des Meisters Guan [Anm.: Guan Yu, berühmter General der Drei Reiche] drei oder vier vorgefunden. Meister Guans Lebenswerk ist historisch verbürgt, aber wie kann er mehrere Gräber haben? Natürlich liegt es daran, dass spätere Menschen seine Taten so bewunderten, dass sie aus dieser Verehrung heraus solche Orte erdachten. Auch möglich. Schaut man in die 'Aufzeichnungen über das Weite Land', so gibt es nicht nur von Meister Guan viele Gräber — seit alters her haben berühmte Menschen nicht wenige Gräber, und unbelegte historische Stätten gibt es noch viel mehr. Bei diesen beiden Gedichten mag es keinen Beweis geben, aber bei allen Geschichtenerzählern und Theaterspielern, ja selbst auf Orakellosen finden sich Anmerkungen dazu. Jeder kennt sie, Alt und Jung, Mann und Frau, sie sind in aller Munde. Zudem ist es ja nicht so, als hätte man die Texte des 'Westzimmers' oder der 'Pfingstrose' gelesen und müsste böse Bücher fürchten. Es ist also völlig in Ordnung, die Gedichte können bleiben."

Schatzspange gab sich nach diesen Worten geschlagen. Alle rätselten eine Weile, aber niemand fand die Lösungen.

Da die Wintertage kurz sind, war es unversehens schon wieder Zeit für das Abendessen, und alle gingen gemeinsam hinüber, um zu speisen. Da meldete jemand Dame König[6]: „Dufthauch[7]s Bruder Hua Zifang ist gekommen und berichtet, ihre Mutter sei schwer krank und sehne sich nach ihrer Tochter. Er bittet um die Gnade, Dufthauch nach Hause holen zu dürfen."

Dame König hörte dies und sprach: „Mutter und Tochter — wie könnte ich es ihr verwehren!" Sogleich ließ sie Phönixglanz[8] rufen, teilte ihr die Angelegenheit mit und befahl ihr, alles Nötige zu veranlassen.

Phönixglanz sagte „Jawohl", kehrte in ihre Gemächer zurück und ließ Frau Zhou Rui kommen, damit diese Dufthauch die Nachricht überbringe. Dann wies sie Frau Zhou Rui an: „Nimm noch eine der älteren Frauen mit, die für Außenbegleitungen zuständig sind, dazu zwei kleine Mädchen als Begleitung für Dufthauch. Draußen lass vier ältere Männer den Wagen begleiten. Einen großen Wagen für euch und einen kleinen für die Mädchen."

Frau Zhou Rui sagte „Jawohl" und wollte gerade gehen, als Phönixglanz noch hinzufügte: „Dufthauch ist eine, die nicht gern Umstände macht. Richte ihr von mir aus: Sie soll sich hübsch anziehen, ein ordentliches Bündel Kleider einpacken — auch der Kleiderbeutel muss ansehnlich sein —, und ein gutes Handöfchen mitnehmen. Bevor sie abfährt, soll sie erst zu mir kommen, damit ich sie ansehe."

Frau Zhou Rui sagte alles zu und ging.

Erst nach längerer Zeit erschien Dufthauch in verändertem Aufzug. Zwei Mädchen und Frau Zhou Rui trugen Handöfchen und Kleiderbündel. Phönixglanz musterte Dufthauch: Im Haar trug sie mehrere goldene Nadeln und Perlenspangen — recht prachtvoll. Am Körper trug sie eine pfirsichrosa Jacke mit dem Hundert-Kinder-Motiv in Kesi-Seidenweberei [Anm.: eine spezielle chinesische Textiltechnik], gefüttert mit silbergrauem Eichhörnchenfell, dazu einen lauchgrünen Rock aus goldbesetzter Buntstickerei mit Baumwollfütterung und darüber ein Obergewand aus dunkelblauem Atlas, gefüttert mit grauem Eichhörnchenfell.

Phönixglanz sagte lächelnd: „Diese drei Kleidungsstücke stammen alle von der gnädigen Frau, und die Schenkung war gut und richtig. Nur das Obergewand ist etwas zu schlicht, und bei dieser Kälte solltest du eines mit dickerem Pelz tragen."

Dufthauch erwiderte lächelnd: „Die gnädige Frau hat mir nur dieses mit dem grauen Eichhörnchenfell gegeben und noch eines mit silbergrauem Eichhörnchenfell. Sie sagte, zum Jahreswechsel bekäme ich eines mit dickerem Pelz, aber bisher habe ich es noch nicht erhalten."

Phönixglanz lächelte: „Ich hätte da eines mit dickem Pelz, aber mir gefällt nicht, wie die Pelzkanten hervorstehen, und ich wollte es gerade umarbeiten lassen. Nun gut, zieh du es erst einmal an. Wenn die gnädige Frau zum Jahreswechsel neue anfertigen lässt, bekomme ich ein neues, und du gibst mir das dann quasi zurück."

Alle lachten: „Die junge gnädige Frau redet immer so! Das ganze Jahr über legt Ihr großzügig für die gnädige Frau aus, ohne dass sie es weiß — die Beträge sind wirklich nicht zu beziffern. Und wann hättet Ihr je daran gedacht, ihr das vorzurechnen? Und jetzt führt Ihr solche kleinlichen Reden, nur um uns zum Lachen zu bringen."

Phönixglanz lächelte: „Wie könnte die gnädige Frau an solche Dinge denken? Außerdem sind es keine wichtigen Angelegenheiten, aber wenn sich niemand darum kümmert, geht es um unser aller Ansehen. Da muss ich wohl oder übel ein wenig Verlust hinnehmen und dafür sorgen, dass alle anständig gekleidet sind — so ernte ich wenigstens einen guten Ruf. Wenn alle wie 'verbrannte Kuchen' aussähen, würde man zuallererst über mich lachen, dass ich als Haushaltsführerin die Leute wie Bettler herumlaufen lasse."

Alle seufzten: „Wer kommt der jungen gnädigen Frau gleich an Weisheit? Nach oben denkt Ihr Euch in die Lage der gnädigen Frau, nach unten kümmert Ihr Euch liebevoll um die Untergebenen."

Währenddessen befahl Phönixglanz Friedchen[9], das steinblaue Kesi-Seidengewand mit den acht Kreisen und Flügelrossen, gefüttert mit Himmelspferd-Pelz [Anm.: ein edler Pelz], herbeizubringen und Dufthauch zu geben. Als sie dann den Kleiderbeutel ansah, fand sie nur einen mit spritztintengemusterter Seide und rotem Seidenfutter, der lediglich zwei halbgetragene wattierte Jacken und ein Pelzobergewand enthielt. Phönixglanz befahl Friedchen, auch einen jadegrün gefütterten Wollstoff-Kleiderbeutel zu bringen und einen Umhang einzupacken.

Friedchen ging und brachte zwei Stücke: einen halbgetragenen Umhang aus leuchtend rotem Orang-Utan-Filz [Anm.: kostbarer scharlachroter Filzstoff] und einen aus dunkelrotem Federkrepp. Dufthauch sagte: „Schon einen einzigen kann ich kaum annehmen."

Friedchen lächelte: „Nimm den aus dem Orang-Utan-Filz. Den anderen habe ich gleich mitgebracht, damit er Fräulein Xing geschickt wird. Gestern bei dem starken Schneefall trugen alle ihre Umhänge — aus Filz, Federsatin oder Federkrepp. Ein Dutzend in leuchtendem Rot, wie hübsch sie sich gegen den Schnee abhoben! Nur sie allein trug ihren alten Filzumhang und sah mit hochgezogenen Schultern und gekrümmtem Rücken wirklich erbärmlich aus. Also schicken wir ihr diesen hier."

Phönixglanz lächelte: „Meine Sachen verschenkt sie einfach von sich aus! Ich allein gebe nicht schon genug aus, jetzt muss auch du noch dein Teil dazutun — das wird ja immer besser!"

Alle lachten: „Das liegt nur daran, dass die junge gnädige Frau stets so pflichttreu gegenüber der gnädigen Frau und so fürsorglich gegenüber den Untergebenen ist. Wäret Ihr kleinlich und nur auf Euren Besitz bedacht, würde sie es nicht wagen, so zu handeln."

Phönixglanz lächelte: „Man sieht, dass sie die Einzige ist, die mein Herz wenigstens zu einem Drittel kennt." Dann wandte sie sich an Dufthauch: „Wenn es deiner Mutter besser geht, ist alles in Ordnung. Wenn sie es aber nicht schafft, bleib ruhig dort. Schick jemanden zu mir, und ich lasse dir das Bettzeug nachbringen. Benutze auf keinen Fall fremdes Bettzeug oder fremde Toilettensachen." Dann wies sie Frau Zhou Rui an: „Ihr kennt die Regeln hier, ich brauche euch nichts einzuschärfen."

Frau Zhou Rui sagte: „Wir wissen Bescheid. Wenn wir dort ankommen, sorgen wir natürlich dafür, dass deren Leute Abstand halten. Sollte sie bleiben müssen, lassen wir uns auf jeden Fall ein oder zwei separate Innenzimmer geben." Nach diesen Worten folgte sie Dufthauch hinaus. Man ließ Laternen vorbereiten, bestieg den Wagen und fuhr zum Haus des Hua Zifang. Davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Hier ließ Phönixglanz nun zwei alte Ammen aus dem Hof der Roten Freude zu sich kommen und befahl: „Dufthauch kommt wohl heute nicht zurück. Ihr kennt die älteren Mädchen dort — sucht zwei Verständige aus und schickt sie in Schatzjade[10]s Zimmer zur Nachtwache. Gebt auch ihr gut acht und lasst ihn keinen Unfug treiben."

Die beiden alten Ammen gingen, kamen aber bald zurück und meldeten: „Wir haben Heitermuster[11] und Moschusmond[12] für das Zimmer bestimmt. Wir vier wechseln uns ohnehin bei der Nachtwache ab."

Phönixglanz nickte: „Abends sorgt dafür, dass er früh schläft, morgens, dass er früh aufsteht."

Die alten Ammen sagten zu und kehrten in den Garten zurück. Bald darauf kam Frau Zhou Rui mit der Nachricht zurück: „Dufthauchs Mutter ist bereits verstorben. Sie kann nicht zurückkommen." Phönixglanz meldete es Dame König und schickte jemanden in den Garten der Großen Anschauung, um Dufthauchs Bettzeug und Toilettenkiste zu holen.

Schatzjade sah zu, wie Heitermuster und Moschusmond alles zusammenpackten und fortschickten. Danach legten beide ihren restlichen Schmuck ab und wechselten Rock und Jacke. Heitermuster setzte sich einfach auf den Räucherofen [Anm.: ein Kohlenbecken mit Wärmegestell]. Moschusmond lächelte: „Spiel dich heute nicht als Fräulein auf, ich rate dir, dich auch ein wenig zu bewegen."

Heitermuster sagte: „Wartet nur, bis ihr alle fort seid, dann rühr ich mich schon noch früh genug. Solange ihr noch da seid, lass ich es mir gutgehen."

Moschusmond lächelte: „Liebe Schwester, ich mache das Bett, und du ziehst die Hülle über den Ankleidespiegel und schiebst oben den Riegel zu — du bist größer als ich." Damit ging sie zu Schatzjade, um das Bett zu richten.

Heitermuster seufzte und beklagte sich lächelnd: „Kaum hat man sich aufgewärmt, kommst du schon und störst!"

Schatzjade sass unterdessen untätig da und grübelte, ob Dufthauchs Mutter nun gestorben oder doch noch am Leben sei. Als er Heitermusters Worte hörte, stand er selbst auf, ging hinaus, zog die Spiegelhülle herab, schob den Riegel fest und kam lächelnd zurück: „Wärmt euch nur, es ist alles erledigt."

Heitermuster sagte: „Auf Dauer kann man sich gar nicht wärmen. Mir ist gerade eingefallen, dass die Wärmflasche noch nicht gebracht worden ist."

Moschusmond sagte: „Da denkst du aber auch an alles! Er nimmt doch sonst nie eine Wärmflasche. Wir haben hier den Räucherofen, der ist viel wärmer als das kalte Ofenbett drüben — heute braucht er keine."

Schatzjade lächelte: „Das heißt also, ihr wollt beide hier auf dem Räucherofen schlafen? Dann liegt draußen niemand bei mir, und ich bekomme die ganze Nacht vor Angst kein Auge zu."

Heitermuster sagte: „Ich schlafe hier. Moschusmond geht nach draußen zum warmen Alkoven und schläft dort."

Währenddessen war es schon die zweite Nachtwache geworden. Moschusmond hatte längst die Vorhänge herabgelassen, die Lampe umgestellt und Räucherwerk nachgelegt. Sie half Schatzjade ins Bett, dann erst legten sich die beiden Mädchen schlafen.

Heitermuster lag am Räucherofen, Moschusmond draußen im warmen Alkoven [Anm.: ein beheizter Nebenraum]. Nach der dritten Nachtwache rief Schatzjade im Halbschlaf nach Dufthauch. Er rief zweimal, niemand antwortete. Er erwachte, erinnerte sich, dass Dufthauch nicht da war, und musste über sich selbst lachen.

Heitermuster war ebenfalls wach geworden und rief lächelnd nach Moschusmond: „Sogar ich bin aufgewacht, und sie, die direkt neben ihm liegt, merkt nichts — die reinste Leiche!"

Moschusmond drehte sich um, gähnte und sagte lächelnd: „Er hat nach Dufthauch gerufen — was geht das mich an?" Dann fragte sie, was zu tun sei. Schatzjade wollte Tee. Moschusmond stand eilig auf und zog sich lediglich ein kleines rotes Seidenjäckchen über.

Schatzjade sagte: „Wirf dir meine Jacke über, bevor du gehst — pass auf, dass du dich nicht erkältest!"

Moschusmond hörte das, griff hinter sich und legte sich Schatzjades pelzgefütterte Zobeljacke um, die er zum nächtlichen Aufstehen trug. Sie ging zum Waschbecken, wusch sich die Hände und goss zuerst eine Schale laues Wasser ein. Sie nahm den großen Spucknapf, und Schatzjade spülte sich den Mund. Dann nahm sie eine Teeschale vom Teeregal, spülte sie mit warmem Wasser aus, goss eine halbe Schale Tee aus der Warmhaltekanne und reichte sie Schatzjade. Auch sie selbst spülte sich den Mund und trank eine halbe Schale.

Heitermuster lächelte: „Liebe Schwester, gib auch mir einen Schluck!"

Moschusmond lächelte: „Du wirst ja immer dreister!"

Heitermuster sagte: „Liebe Schwester, morgen Abend brauchst du keinen Finger zu rühren, ich bediene dich die ganze Nacht — wie wäre das?"

So musste Moschusmond auch ihr den Mund spülen lassen und eine halbe Schale Tee eingießen. Dann lächelte Moschusmond: „Schlaft ihr zwei noch nicht ein, unterhaltet euch noch. Ich muss kurz hinausgehen."

Heitermuster lächelte: „Draußen wartet ein Geist auf dich!"

Schatzjade sagte: „Draußen scheint bestimmt der helle Mond. Wir unterhalten uns hier, geh nur." Dabei hüstelte er zweimal.

Moschusmond öffnete die Hintertür, hob den Filzvorhang und blickte hinaus — tatsächlich, prächtiger Mondschein. Heitermuster wartete, bis Moschusmond draußen war, dann wollte sie ihr einen Streich spielen und sie erschrecken. Da sie von jeher kräftiger war als die anderen und die Kälte nicht scheute, zog sie sich nichts über, sondern schlich in ihrem dünnen Jäckchen leise vom Räucherofen herab und folgte ihr nach draußen.

Schatzjade rief ihr lächelnd nach: „Pass auf, dass du dir keine Erkältung holst — damit ist nicht zu spaßen!"

Aber Heitermuster winkte nur ab und ging hinaus. Der Mondschein lag wie Wasser auf allem. Plötzlich kam ein leichter Windstoß, der ihr durch Mark und Bein drang, und sie erschauerte unwillkürlich. Sie dachte bei sich: „Kein Wunder sagt man, ein erwärmter Körper darf nicht dem Wind ausgesetzt werden. Diese Kälte ist wirklich schneidend." Gerade wollte sie Moschusmond erschrecken, als Schatzjade drinnen laut rief: „Heitermuster ist draußen!"

Heitermuster eilte zurück, kam herein und sagte lächelnd: „Es hätte sie schon nicht umgebracht! Immer musst du so zaghaft sein wie ein altes Weib!"

Schatzjade lächelte: „Ich wollte nicht, dass du sie zu Tode erschreckst. Erstens erkältest du dich, und zweitens hätte sie sich bestimmt nicht beherrschen können und aufgeschrien. Wenn davon jemand aufgewacht wäre, würden sie nicht sagen, wir hätten Spaß gemacht, sondern dass wir, kaum dass Dufthauch eine Nacht fort ist, Gespenster sehen. Komm her und stopf mir die Decke fest."

Heitermuster kam zum Bett, stopfte die Decke zurecht und steckte dann die Hand hinein, um sie aufzuwärmen. Schatzjade lächelte: „Was für kalte Hände! Ich hab's ja gesagt, pass auf, dass du dir nichts holst." Er sah, dass ihre Wangen rot wie Rouge waren, und als er sie mit der Hand berührte, waren sie eiskalt.

Schatzjade sagte: „Schnell, schlupf unter die Decke und wärm dich auf!"

Kaum hatte er das gesagt, klappte die Tür — Moschusmond kam lachend und atemlos hereingestürzt: „Was für ein Schreck! Im Schatten hinter dem Zierfelsen hockte etwas. Ich wollte schon schreien, als es sich als der große Goldfasan herausstellte, der aufgeschreckt ins Helle flatterte. Da erst sah ich's deutlich. Hätte ich unbesonnen losgeschrien, wäre das ganze Haus wach geworden." Während sie das sagte, wusch sie sich die Hände und lächelte dann: „Heitermuster war draußen, warum habe ich sie nicht gesehen? Bestimmt wollte sie mich erschrecken."

Schatzjade lächelte: „Sie ist hier und wärmt sich bei mir. Hätte ich nicht schnell gerufen, hättest du einen gehörigen Schreck bekommen."

Heitermuster lächelte: „Ich brauchte sie gar nicht zu erschrecken — das kleine Biest hat sich ganz allein gefürchtet." Damit war sie aufgestanden und zu ihrer eigenen Decke zurückgekehrt.

Moschusmond sagte: „Bist du etwa in diesem Kunstreiter-Kostüm nach draußen gelaufen?"

Schatzjade lächelte: „Aber ja, genau so."

Moschusmond sagte: „Du suchst dir aber auch keinen guten Tag zum Sterben aus! Wenn du draußen herumstehst, springt dir ja die Haut vor Kälte!"

Damit nahm sie den durchbrochenen Kupferaufsatz vom Kohlenbecken, schob mit der Feuerschaufel die glühenden Kohlen zurecht und legte zwei Stücke Räucherholz auf. Dann setzte sie den Aufsatz wieder drauf, ging hinter den Wandschirm, putzte den Lampendocht zurecht und legte sich erst dann schlafen.

Heitermuster, die sich erst abgekühlt und dann wieder aufgewärmt hatte, nieste unwillkürlich zweimal.

Schatzjade seufzte: „Was habe ich gesagt? Du hast dir doch eine Erkältung geholt."

Moschusmond lächelte: „Schon heute Morgen klagte sie, sie fühle sich nicht wohl, und hat den ganzen Tag nichts gegessen. Und statt sich jetzt zu schonen, muss sie noch anderen Streiche spielen. Wenn sie morgen krank ist, hat sie es sich selbst zuzuschreiben."

Schatzjade fragte: „Hast du eine heiße Stirn?"

Heitermuster hüstelte zweimal und sagte: „Es ist nichts. Seit wann wäre ich so zart besaitet?"

Kaum hatte sie das gesagt, schlug die Spieluhr im Zierregal draußen zweimal. Die alte Amme, die im Vorraum Nachtwache hielt, rausperte sich und sagte: „Mädchen, schlaft jetzt! Unterhaltet euch morgen weiter."

Schatzjade flüsterte lächelnd: „Wir sollten still sein, sonst hat sie wieder etwas an uns auszusetzen." Damit legten sich alle schlafen.

Am nächsten Morgen hatte Heitermuster tatsächlich eine verstopfte Nase und eine belegte Stimme und mochte sich nicht rühren.

Schatzjade sagte: „Sag schnell keinen Ton! Wenn die gnädige Frau es erfährt, lässt sie dich nach Hause bringen, bis du gesund bist. Zu Hause ist es zwar auch schön, aber kälter als hier. Bleib lieber hier und leg dich im Innenzimmer hin. Ich lasse einen Arzt holen, der heimlich durch die Hintertür kommt und dich untersucht."

Heitermuster sagte: „Schon recht, aber du musst es der älteren jungen Herrin [Anm.: Frau Li] mitteilen. Wenn plötzlich ein Arzt kommt und man fragt, was los ist, was sagst du dann?"

Schatzjade sah ein, dass sie recht hatte, und befahl einer alten Amme: „Geh zur älteren jungen Herrin und melde ihr, Heitermuster habe sich ein wenig verkältet, es sei nichts Ernstes. Da Dufthauch nicht da ist und Heitermuster nach Hause ginge, hätte ich hier gar niemanden mehr. Ich habe bereits einen Arzt rufen lassen, der still und leise durch die Hintertür kommt, um sie zu untersuchen. Man möge es bitte nicht der gnädigen Frau melden."

Die Alte ging und kam nach einiger Zeit zurück: „Die ältere junge gnädige Frau weiß Bescheid. Sie sagt, wenn ein, zwei Dosen Medizin genügen, sei alles gut. Wenn nicht, müsse sie das Anwesen verlassen. Bei diesem Wetter sei es zwar nicht so schlimm, wenn sich jemand anstecke, aber man müsse auf die Gesundheit der Fräulein achten."

Heitermuster lag im warmen Alkoven und hustete unablässig. Als sie diese Worte hörte, rief sie wütend: „Habe ich etwa die Pest, dass man fürchten muss, ich stecke jemanden an? Ich gehe! Aber dann möchte ich nicht erleben, dass hier je wieder jemand Kopfschmerzen bekommt!" Und tatsächlich wollte sie aufstehen.

Schatzjade drückte sie eilig nieder und redete ihr lächelnd zu: „Reg dich nicht auf. Sie tut nur ihre Pflicht und fürchtet, die gnädige Frau könnte ihr Vorwürfe machen, falls sie davon erfährt. Sie hat das nur so gesagt. Doch du musst dich immer gleich ereifern, und jetzt ist deine Leber ohnehin schon erhitzt."

Während er noch sprach, wurde gemeldet, der Arzt sei da. Schatzjade ging hinüber und verbarg sich hinter dem Bücherregal. Er sah, wie zwei, drei alte Ammen vom Hintertor einen Arzt hereinführten. Die Mädchen hatten sich alle zurückgezogen. Drei, vier alte Ammen ließen die großen roten bestickten Vorhänge des warmen Alkovens herab, und Heitermuster streckte nur ihren Arm darunter hervor.

Als der Arzt diese Hand sah — an der zwei Fingernägel, gut drei Zoll lang, noch rote Spuren von Balsaminen-Färbung trugen —, wandte er sofort den Blick ab. Eine der alten Ammen legte rasch ein Tuch über die Hand. Erst dann fühlte der Arzt eine Weile den Puls, stand auf und ging in den Vorraum. Dort erklärte er den Ammen: „Das Fräulein leidet an einer äußerlichen Infektion mit innerlicher Stauung. In letzter Zeit war das Wetter schlecht — es handelt sich im Grunde um eine leichte Erkältung. Glücklicherweise isst und trinkt das Fräulein von Natur aus mäßig, und die Erkältung ist nicht schwer. Nur weil die Konstitution etwas zart ist, hat sie sich etwas zugezogen. Nach ein, zwei Dosen auflösender Medizin wird sie wieder gesund sein." Nach diesen Worten folgte er den Ammen nach draußen.

Inzwischen hatte Frau Li bereits allen am Hintertor und den Mädchen in sämtlichen Gartenhäusern Bescheid geben lassen, sich zurückzuziehen, sodass der Arzt nur die Gartenlandschaft zu sehen bekam und kein einziges Mädchen erblickte. Draußen am Gartentor setzte er sich in der Wachstube der Burschen hin und schrieb das Rezept.

Die alte Amme sagte: „Geht noch nicht, Herr Doktor. Unser junger Herr ist etwas umständlich und hat vielleicht noch Fragen."

Der Arzt fragte verdutzt: „War das eben kein Fräulein, sondern ein junger Herr? Das Zimmer sah aus wie ein Frauengemach, und die Vorhänge waren herabgelassen — wie kann das ein junger Herr sein?"

Die alte Amme flüstere leise und lächelte: „Mein guter Herr Doktor, kein Wunder, dass die Burschen vorhin sagten, es sei ein neuer Arzt gekommen — Ihr kennt unsere Verhältnisse wirklich nicht. Das Zimmer gehört unserem jungen Herrn, und die Kranke ist ein Mädchen aus seinem Haushalt — ein älteres Dienstmädchen, kein Fräulein. Wäre es ein Frauengemach gewesen und die Kranke ein Fräulein, hättet Ihr so leicht nicht hineinkommen dürfen."

Damit nahm sie das Rezept und brachte es hinein.

Schatzjade las es: Schwarznessel, Ballonblumenwurzel, Siler, Katzenminze und anderes, und am Ende sogar noch Bitterorange und Ephedra.

Schatzjade rief: „Der Teufel soll ihn holen! Er behandelt ein Mädchen genauso wie unsereins — wie kann das angehen! Ganz gleich, was für eine innerliche Stauung sie hat — Bitterorange und Ephedra, wie soll sie die vertragen? Wer hat ihn herbeigerufen? Schickt ihn sofort weg! Wir lassen einen erfahrenen Arzt kommen."

Eine alte Amme sagte: „Ob die Medizin taugt oder nicht, davon verstehen wir nichts. Es ist auch nicht schwer, einen der Burschen zu schicken und Hofarzt König herzubitten. Nur — dieser Arzt hier wurde nicht über die Hauptverwaltung bestellt, darum müssen wir ihm das Geld für Sänfte und Pferd bezahlen."

Schatzjade fragte: „Wieviel muss man ihm geben?"

Die Alte sagte: „Weniger als ein Liang Silber geht nicht — das wäre nicht standesgemäß für ein Haus wie unseres."

Schatzjade fragte weiter: „Und Hofarzt König — wieviel bekommt der?"

Die Alte lächelte: „Hofarzt König und Hofarzt Zhang kommen ständig zu uns, aber sie werden nicht einzeln bezahlt. Viermal im Jahr, zu den großen Feiertagen, schicken wir reichlich Geschenke — das ist das feste Jahressalahr. Dieser Arzt hier aber war zum ersten Mal da, da muss ihm ein Liang Silber gezahlt werden."

Schatzjade befahl Moschusmond, Silber zu holen. Moschusmond sagte: „Ich weiß nicht einmal, wo Schwester Dufthauch es aufbewahrt."

Schatzjade sagte: „Ich habe öfter gesehen, wie sie aus dem kleinen Perlmuttschränkchen Geld nahm. Komm, wir suchen zusammen." Also gingen beide in den Raum, wo Schatzjades Habseligkeiten aufbewahrt wurden, und öffneten das Perlmuttschränkchen. Im oberen Fach lagen Pinsel, Tusche, Fächer, Räuchertabletten, allerlei Täschchen und Schweißtücher. Im unteren Fach lagen ein paar Münzschnüre. Erst als sie die Schublade öffneten, fanden sie in einem kleinen Körbchen einige Silberstücke und auch eine Balkenwaage.

Moschusmond nahm ein Silberstück und hielt die Waage hoch: „Welche Markierung ist denn ein Liang?"

Schatzjade lachte: „Das fragst du mich? Interessant — du tust ja, als wärst du gerade erst hergekommen."

Moschusmond lachte ebenfalls und wollte jemand anderen fragen gehen. Schatzjade sagte: „Nimm einfach das größere Stück und gib es ihm — das reicht. Wir betreiben doch keinen Handel, wozu das ganze Rechnen!"

Moschusmond legte die Waage zurück, nahm das größere Silberstück und wog es in der Hand: „Dieses Stück dürfte wohl ein Liang sein. Lieber ein wenig mehr als zu wenig — sonst lacht uns dieser arme Schlucker aus. Er würde nicht denken, wir könnten nicht mit der Waage umgehen, sondern meinen, wir wären absichtlich geizig."

Die alte Amme stand draußen auf der Stufe und lächelte: „Das ist ein halber Fünf-Liang-Barren — dieses Stück wiegt mindestens zwei Liang! Wir haben gerade keine Silberschere zur Hand, also legt dieses Stück zurück und sucht ein kleineres."

Aber Moschusmond hatte das Schränkchen längst zugemacht und kam lächelnd heraus: „Wer sucht denn noch weiter! Wenn es etwas mehr ist, nehmt Ihr es eben mit." Schatzjade sagte: „Beeile dich lieber und lass Mingyan Hofarzt König herbeirufen."

Die Alte nahm das Silber und ging, alles zu regeln.

Bald darauf kam tatsächlich Hofarzt König, von Mingyan herbeigeführt. Er fühlte den Puls und kam zu einem ähnlichen Befund wie sein Vorgänger, nur enthielt sein Rezept statt Bitterorange und Ephedra solche Bestandteile wie Angelikawurzel, getrocknete Mandarinenschale und weiße Päonien-Wurzel, und auch die Dosierungen waren geringer.

Schatzjade freute sich: „Das ist endlich Medizin für Mädchen! Eine auflösende Wirkung muss sein, aber sie darf nicht zu stark sein. Als ich letztes Jahr krank war — es war ebenfalls eine Erkältung mit Verdauungsbeschwerden —, meinte er nach der Untersuchung, selbst ich vertrüge keine Wolfs-und-Tiger-Arzneien wie Ephedra, Gips und Bitterorange. Verglichen mit euch bin ich wie eine jahrzehntealte Espe auf einem verwilderten Grabhügel, und ihr seid wie die eben erst aufgeblühten weißen Begonien, die Yun mir letzten Herbst schenkte. Wenn nicht einmal ich solche Medizin vertrage — wie dann erst ihr?"

Moschusmond und die anderen lachten: „Auf verwilderten Grabhügeln wachsen nicht nur Espen! Gibt es dort nicht auch Kiefern und Zypressen? Espen mag ich am wenigsten — so ein großer plumper Baum mit winzigen Blättern, selbst wenn kein Lüftchen weht, raschelt er wie wild. Dich damit zu vergleichen ist wirklich zu abwertend."

Schatzjade lächelte: „Mit Kiefern und Zypressen wage ich mich nicht zu vergleichen. Hat nicht schon Konfuzius gesagt: 'Erst wenn es kalt wird, erkennt man, dass Kiefer und Zypresse zuletzt ihre Nadeln verlieren.' [Anm.: Lunyu 9.28] Das zeigt, wie edel und erhaben diese Bäume sind. Nur wer sich nicht schämt, vergleicht sich frech mit ihnen."

Während er sprach, brachte eine alte Amme die Arzneizutaten. Schatzjade befahl, den silbernen Arzneitiegel hervorzusuchen und die Medizin auf dem Kohlenbecken zu kochen.

Heitermuster wandte ein: „Lass die Arznei in der Teeküche kochen, wie es sich gehört. Wenn hier alles nach Medizin riecht, geht das nicht an."

Schatzjade sagte: „Der Duft von Arznei ist edler als aller Blumen- und Früchteduft. Wenn unsterbliche Götter Kräuter sammeln und Medizin brauen, wenn erhabene Einsiedler Heilmittel zubereiten — das ist die feinste Sache der Welt. Ich hatte schon gedacht, dass in diesem Raum alles Mögliche vorhanden ist, nur der Arzneiduft fehlte noch. Jetzt ist endlich alles vollständig." Und er befahl erneut, den Tiegel aufzusetzen. Dann wies er Moschusmond an, ein paar Dinge zusammenzupacken und eine alte Amme zu Dufthauch zu schicken, um ihr zuzureden, nicht so viel zu weinen.

Nachdem alles geregelt war, ging er hinüber zu Herzoginmutter[13] und Dame König, um seinen Gruß zu entbieten und zu essen.

Dort sprach Phönixglanz gerade mit der Herzoginmutter und Dame König: „Die Tage sind kurz und es ist kalt. Am besten essen die ältere Schwäglerin und die Fräulein künftig im Garten. Wenn die Tage länger und wärmer werden, können sie ja wieder herüber- und hinüberlaufen."

Dame König lächelte: „Das ist eine gute Idee. Bei Wind und Schnee ist das wirklich angebrachter. Nach dem Essen die Kälte abzubekommen ist nicht gut; mit leerem Magen in der kalten Luft herzukommen und dann etwas auf den kalten Magen zu drücken ist auch nicht gut. In dem großen Fünf-Joch-Gebäude hinter dem Gartentor halten ohnehin Frauen Nachtwache. Wir wählen zwei Köchinnen aus, die dort eigens für die Mädchen kochen. Frisches Gemüse gibt es nach dem üblichen Satz — die Hauptverwaltung gibt ihnen Geld oder Waren. Was Wildbret angeht — Fasane, Moschushirsche, Rehe und dergleichen —, teilen wir ihnen etwas zu, dann ist alles geregelt."

Die Herzoginmutter sagte: „Genau daran habe ich auch schon gedacht. Nur fürchtete ich, eine zusätzliche Küche einzurichten sei zu umständlich."

Phönixglanz sagte: „Das ist gar nicht umständlich. Die Zuteilungen bleiben gleich — was hier hinzukommt, wird dort abgezogen. Selbst wenn es etwas mehr Mühe macht — die jungen Mädchen in Wind und Kälte! Von den anderen einmal abgesehen, aber gerade Schwester Lin [Anm.: Kajaljade] — wie soll sie das aushalten? Und selbst Bruder Schatzjade erträgt es kaum, geschweige denn die übrigen Fräulein."

Die Herzoginmutter sagte: „Das ist genau der springende Punkt. Schon neulich wollte ich es ansprechen, aber ich sah, dass ihr mit wichtigeren Dingen mehr als genug zu tun hattet. Wenn jetzt auch das noch hinzukäme ..." — Doch was daraus wurde, erzählt das nächste Kapitel.

  1. Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, „Schatzzither Schnee".
  2. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz Schnee-Spange".
  3. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal Wald-Jade".
  4. Chin. 探春 Tànchūn, „Erkundefrühling".
  5. Chin. 李纨 Lǐ Wán, „Frau Li, die verwitwete Schwiegertochter".
  6. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Frau/Dame König".
  7. Chin. 袭人 Xírén, "die Angreifende/der Dufthauch".
  8. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Phönixglanz König".
  9. Chin. 平儿 Píng'ér, „die Friedfertige".
  10. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, "Schatz Kaufmann-Jade".
  11. Chin. 晴雯 Qíngwén, "Heiteres Wolkenmuster".
  12. Chin. 麝月 Shèyuè, „Moschusmond".
  13. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, „die Herzoginmutter der Kaufmann-Familie".