Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 86"
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In müßiger Stimmung entziffert eine gebildete junge Dame ein Qin-Notenbuch<ref>Qin (琴): Die siebensaitige Griffbrettzither, eines der vier Künste des chinesischen Gelehrten (Qin, Schach, Kalligraphie, Malerei).</ref> | In müßiger Stimmung entziffert eine gebildete junge Dame ein Qin-Notenbuch<ref>Qin (琴): Die siebensaitige Griffbrettzither, eines der vier Künste des chinesischen Gelehrten (Qin, Schach, Kalligraphie, Malerei).</ref> | ||
| − | Wie berichtet, hatte Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref> | + | Wie berichtet, hatte Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref> Xue Kes Brief erhalten und den Diener hereinrufen lassen. Sie fragte: „Hast du gehört, was dein Erster Herr erzählt hat — wie es dazu kam, dass jemand totgeschlagen wurde?" Der Diener sagte: „Ich habe es nicht genau gehört. An dem Tag erzählte der Erste Herr dem Zweiten Herrn …" Er blickte sich um, und als er sah, dass niemand zuhörte, fuhr er fort: „Der Erste Herr sagte: Seit es zu Hause so furchtbar zuging, habe er die Lust verloren und wolle in den Süden fahren, um Waren einzukaufen. An dem Tag wollte er jemanden als Reisebegleiter treffen, der über zweihundert Li südlich der Stadt wohnt. Auf dem Weg dorthin traf er zufällig den früheren Bekannten Jiang Yuhan, der mit einer Gruppe junger Schauspieler in die Stadt kam. Der Erste Herr aß und trank mit ihm in einer Wirtschaft. Da der Schankbursche ständig zu Jiang Yuhan hinüberschielte, wurde der Erste Herr ärgerlich. Danach ging Jiang Yuhan. Am nächsten Tag lud der Erste Herr den Reisebegleiter zum Trinken ein. Nach dem Wein erinnerte er sich an den Vorfall vom Vortag und rief den Schanken, um anderen Wein zu bringen. Der Bursche kam zu spät, und der Erste Herr fing an zu schimpfen. Der Mann war nicht einverstanden, und der Erste Herr warf die Weinschale nach ihm. Doch der Kerl war ein Raufbold und streckte den Kopf vor, damit der Erste Herr zuschlagen möge. Der Erste Herr schlug ihm die Schale auf den Kopf — sofort schoss das Blut hervor, und er fiel zu Boden. Erst schimpfte er noch, dann sagte er nichts mehr." Tante Schnee fragte: „Hat denn niemand vermittelt?" Der Diener sagte: „Davon hat der Erste Herr nichts erzählt; ich wage nicht, etwas zu erfinden." Tante Schnee sagte: „Geh dich erst einmal ausruhen." Der Diener ging hinaus. |
| − | Tante Schnee suchte | + | Tante Schnee suchte Frau König auf und bat sie, bei Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref> ein gutes Wort einzulegen. Aufrecht Kaufmann erkundigte sich nach den Umständen und konnte nur vage zusagen; er sagte, man müsse erst abwarten, bis Xue Ke seine Eingabe eingereicht habe und wie der Kreisrichter darüber befinde, ehe man weitersehen könne. |
| − | Tante Schnee ließ beim Pfandhaus Silber wechseln und schickte den Diener damit los. Drei Tage später kam tatsächlich Antwort. Tante Schnee empfing den Brief und ließ sofort durch ein kleines Mädchen Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> | + | Tante Schnee ließ beim Pfandhaus Silber wechseln und schickte den Diener damit los. Drei Tage später kam tatsächlich Antwort. Tante Schnee empfing den Brief und ließ sofort durch ein kleines Mädchen Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> benachrichtigen, die eilig herüberkam. Der Brief lautete: |
„Das mitgebrachte Silber wurde für Bestechungsgelder an Hoch und Niedrig der Behörde verwendet. Bruder sitzt im Gefängnis, leidet aber nicht allzu sehr — Gnädige Frau sei beruhigt. Nur sind die Leute hier sehr gerissen: Die Angehörigen des Toten, die Zeugen — keiner ist nachgiebig, und sogar der Freund, den Bruder zum Trinken eingeladen hatte, hält zu ihnen. Li Xiang und ich sind hier völlig Fremde. Zum Glück fanden wir einen guten Advokaten, dem wir Silber versprachen. Er riet: Man müsse den Wu Liang, der mit Bruder zusammen getrunken hat, auf seine Seite ziehen, ihn gegen Kaution freipressen und bestechen, damit er die Sache bereinigt. Wenn er nicht will, droht man ihm: Zhang San sei in Wahrheit von ihm getötet worden und nur einem Auswärtigen in die Schuhe geschoben worden — das hält er nicht aus, und dann wird es einfach. Ich folgte seinem Rat, und tatsächlich kam Wu Liang heraus. Inzwischen hat er die Angehörigen und Zeugen bestochen und eine neue Eingabe verfasst. Vorgestern wurde sie eingereicht, heute kam die Antwort. Siehe die Abschrift der Eingabe." | „Das mitgebrachte Silber wurde für Bestechungsgelder an Hoch und Niedrig der Behörde verwendet. Bruder sitzt im Gefängnis, leidet aber nicht allzu sehr — Gnädige Frau sei beruhigt. Nur sind die Leute hier sehr gerissen: Die Angehörigen des Toten, die Zeugen — keiner ist nachgiebig, und sogar der Freund, den Bruder zum Trinken eingeladen hatte, hält zu ihnen. Li Xiang und ich sind hier völlig Fremde. Zum Glück fanden wir einen guten Advokaten, dem wir Silber versprachen. Er riet: Man müsse den Wu Liang, der mit Bruder zusammen getrunken hat, auf seine Seite ziehen, ihn gegen Kaution freipressen und bestechen, damit er die Sache bereinigt. Wenn er nicht will, droht man ihm: Zhang San sei in Wahrheit von ihm getötet worden und nur einem Auswärtigen in die Schuhe geschoben worden — das hält er nicht aus, und dann wird es einfach. Ich folgte seinem Rat, und tatsächlich kam Wu Liang heraus. Inzwischen hat er die Angehörigen und Zeugen bestochen und eine neue Eingabe verfasst. Vorgestern wurde sie eingereicht, heute kam die Antwort. Siehe die Abschrift der Eingabe." | ||
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Dann las Schatzspange die Abschrift der Eingabe vor: | Dann las Schatzspange die Abschrift der Eingabe vor: | ||
| − | „Der Unterzeichnete, Soundso, reicht diese Klage ein im Namen seines Bruders, der von einem unverschuldeten Unglück betroffen wurde: Mein leiblicher Bruder Schnee | + | „Der Unterzeichnete, Soundso, reicht diese Klage ein im Namen seines Bruders, der von einem unverschuldeten Unglück betroffen wurde: Mein leiblicher Bruder Becken Schnee, gebürtig aus Nanjing, wohnhaft in der Westlichen Hauptstadt, reiste an dem betreffenden Tag mit Kapital in den Süden zum Handel. Wenige Tage nach seiner Abreise sandte ein Diener Nachricht nach Hause, dass er in einen Totschlag verwickelt sei. Ich eilte sofort zur ehrenwerten Behörde und erfuhr, dass mein Bruder unbeabsichtigt einen Mann namens Zhang verletzt habe. Im Gefängnis erzählte mein Bruder unter Tränen: Er kenne den besagten Zhang überhaupt nicht, es bestehe keinerlei Feindschaft. Bei einem Wortwechsel wegen des Weinwechselns habe er den Wein zu Boden geschüttet. Unglücklicherweise bückte sich Zhang San gerade, um etwas aufzuheben, und die Weinschale traf versehentlich seine Fontanelle, woran er starb. Bei der früheren Vernehmung habe mein Bruder aus Angst vor der Folter zugegeben, er habe ihn im Streit totgeschlagen. Euer erhabene Güte hat bereits erkannt, dass hier Unrecht vorliegt, und den Fall noch nicht abgeschlossen. Mein Bruder als Häftling darf keine Eingabe machen; ich wage es als sein Bruder, unter Einsatz meines Lebens, stellvertretend um Wiederaufnahme und Anhörung der Zeugen zu bitten. Falls dies gnädig gewährt wird, werden wir die grenzenlose Gnade unserer Lebetage preisen." |
Der Bescheid lautete: | Der Bescheid lautete: | ||
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Tante Schnee fragte den Boten, und dieser erklärte: „Der Kreisrichter weiß sehr wohl, dass unsere Familie vermögend ist. Man muss in der Hauptstadt jemanden finden, der beim hohen Gericht vorspricht, und außerdem ein stattliches Geschenk schicken. Dann kann eine Neuverhandlung stattfinden und die Strafe gemildert werden. Die Gnädige Frau muss sofort handeln — jede Verzögerung bedeutet, dass der Erste Herr im Gefängnis zu leiden hat." | Tante Schnee fragte den Boten, und dieser erklärte: „Der Kreisrichter weiß sehr wohl, dass unsere Familie vermögend ist. Man muss in der Hauptstadt jemanden finden, der beim hohen Gericht vorspricht, und außerdem ein stattliches Geschenk schicken. Dann kann eine Neuverhandlung stattfinden und die Strafe gemildert werden. Die Gnädige Frau muss sofort handeln — jede Verzögerung bedeutet, dass der Erste Herr im Gefängnis zu leiden hat." | ||
| − | Tante Schnee schickte den Diener weg und eilte sofort in die Jia-Residenz, um | + | Tante Schnee schickte den Diener weg und eilte sofort in die Jia-Residenz, um Frau König alles zu erklären und Aufrecht Kaufmann um Hilfe zu bitten. Aufrecht Kaufmann war bereit, jemanden zu beauftragen, ein gutes Wort beim Kreisrichter einzulegen, wollte aber kein Geld ins Spiel bringen. Tante Schnee fürchtete, das reiche nicht aus, und bat Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref>, mit Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".</ref> zu sprechen. Mit einigen tausend Tael Silber wurde der Kreisrichter bestochen, und auch Xue Ke konnte an seinem Ende alles regeln. |
| − | Daraufhin eröffnete der Kreisrichter die Sitzung, ließ alle Nachbarn, Zeugen und Angehörigen des Toten laden, führte Schnee | + | Daraufhin eröffnete der Kreisrichter die Sitzung, ließ alle Nachbarn, Zeugen und Angehörigen des Toten laden, führte Becken Schnee aus dem Gefängnis vor und rief die Gerichtsschreiber auf, alle Namen zu verlesen. Der Richter ließ den Dorfvorsteher das Originalgeständnis vortragen und rief dann die Witwe des Toten, Zhang König Shi, sowie den Onkel Zhang Er auf. Zhang König Shi heulte: „Mein Mann Zhang Da ist vor achtzehn Jahren gestorben. Der erste und der zweite Sohn sind auch gestorben. Nur dieser Jüngste blieb mir übrig, Zhang San, dreiundzwanzig Jahre alt, noch unverheiratet. Weil wir so arm waren und es nichts zu essen gab, hat er als Schankbursche bei der Wirtschaft Li gearbeitet. An dem Tag kam mittags jemand aus der Wirtschaft und sagte: ‚Dein Sohn ist totgeschlagen worden!' Ach, gnädiger Herr, ich wäre vor Schreck fast gestorben! Ich rannte hin und sah meinen Jungen mit blutigem Kopf auf dem Boden liegen und keuchen; auf meine Fragen konnte er nicht mehr antworten, und kurz darauf war er tot. Ich wollte mich auf diesen Lump stürzen und mit meinem Leben bezahlen!" Die Gerichtsdiener riefen sie zur Ordnung. Zhang König Shi warf sich auf die Knie: „Gnädiger Herr, verschafft mir Gerechtigkeit! Er war mein einziger Sohn!" |
| − | Der Richter rief: „Zurücktreten!" Dann wandte er sich an den Wirt Li Er: „War dieser Zhang San als Schankbursche bei dir angestellt?" Li Er antwortete: „Er war nicht fest angestellt, er half als Laufbursche aus." Der Richter fragte: „Bei der ersten Leichenschau hast du ausgesagt, du habest mit eigenen Augen gesehen, wie Schnee | + | Der Richter rief: „Zurücktreten!" Dann wandte er sich an den Wirt Li Er: „War dieser Zhang San als Schankbursche bei dir angestellt?" Li Er antwortete: „Er war nicht fest angestellt, er half als Laufbursche aus." Der Richter fragte: „Bei der ersten Leichenschau hast du ausgesagt, du habest mit eigenen Augen gesehen, wie Becken Schnee Zhang San mit der Schale totschlug. Hast du es wirklich gesehen?" Li Er sagte: „Ich stand am Tresen und hörte, dass im Gastzimmer Wein verlangt wurde. Kurz darauf hieß es: ‚Es ist etwas Schlimmes passiert — es ist einer verletzt!' Ich rannte hin und sah Zhang San auf dem Boden liegen; er konnte nicht mehr sprechen. Ich benachrichtigte den Dorfvorsteher und seine Mutter. Wie genau geschlagen wurde, weiß ich wirklich nicht. Fragen Sie doch den Zechgenossen." Der Richter herrschte ihn an: „Bei der ersten Vernehmung hast du behauptet, du habest es mit eigenen Augen gesehen — und heute sagst du, du habest nichts gesehen?" Li Er stammelte: „An dem Tag war ich so verwirrt vor Schreck, dass ich alles durcheinanderbrachte." Die Gerichtsdiener brüllten ihn an. |
| − | Der Richter rief Wu Liang auf: „Du hast mit ihm zusammen getrunken. Wie hat Schnee | + | Der Richter rief Wu Liang auf: „Du hast mit ihm zusammen getrunken. Wie hat Becken Schnee zugeschlagen? Sag die Wahrheit!" Wu Liang sagte: „Ich war an dem Tag zu Hause. Dieser Herr Xue lud mich zum Trinken ein. Er fand den Wein schlecht und wollte tauschen, aber Zhang San weigerte sich. Herr Xue wurde wütend und schüttete ihm den Wein ins Gesicht — ich weiß nicht, wie, aber die Schale traf seinen Kopf. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen." Der Richter schrie: „Unsinn! Bei der Leichenschau hat Becken Schnee selbst zugegeben, er habe ihn mit der Schale totgeschlagen, und du hast bestätigt, es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Warum stimmt deine heutige Aussage nicht überein? Maulschellen!" Die Diener wollten zuschlagen. Wu Liang flehte: „Becken Schnee hat sich wirklich nicht mit Zhang San geprügelt. Die Weinschale ist ihm aus der Hand gerutscht und gegen den Kopf gestoßen. Fragen Sie doch Becken Schnee selbst — das wäre eine Gnade!" |
| − | Der Richter rief Schnee | + | Der Richter rief Becken Schnee vor und fragte: „Was für eine Feindschaft hattest du mit Zhang San? Wie genau ist er gestorben? Sag die Wahrheit!" Becken Schnee flehte: „Euer Gnaden, Erbarmen! Ich habe ihn wirklich nicht geschlagen. Weil er den Wein nicht wechseln wollte, schüttete ich den Wein auf den Boden. Dabei rutschte mir die Schale aus der Hand und traf seinen Kopf. Sofort versuchte ich, das Blut zu stillen, aber es war nicht zu stoppen; es blutete immer mehr, und bald darauf war er tot. Bei der Leichenschau hatte ich Angst vor der Folter und sagte deshalb, ich hätte ihn mit der Schale geschlagen. Ich flehe um Gnade!" Der Richter herrschte ihn an: „Du dummer Kerl! Als ich dich fragte, wie du ihn geschlagen hast, gestehst du, du habest ihn aus Wut über den Wein geschlagen — und heute sagst du, die Schale sei dir ausgerutscht!" Der Richter tat, als wolle er foltern und pressen lassen. Becken Schnee beharrte unerschütterlich auf seiner Aussage. |
Der Richter rief den Gerichtsmediziner: „Berichte wahrheitsgemäß die Verletzungen, die du bei der Leichenschau am Tatort festgestellt hast." Der Gerichtsmediziner meldete: „Am Leichnam des Zhang San fanden sich keine Verletzungen. Nur an der Fontanelle befand sich eine Wunde von einer Porzellanscherbe, ein Zoll und sieben Fen lang, fünf Fen tief, die Haut aufgerissen. Der Fontanellenknochen war brüchig und auf drei Fen gerissen — es handelt sich eindeutig um eine Stoß- oder Aufprallverletzung." Der Richter verglich es mit dem Leichenschauprotokoll — es stimmte überein. Er wusste natürlich, dass der Gerichtsschreiber die Schwere der Verletzung abgemildert hatte, ließ es aber durchgehen und ordnete die Unterzeichnung der Protokolle an. | Der Richter rief den Gerichtsmediziner: „Berichte wahrheitsgemäß die Verletzungen, die du bei der Leichenschau am Tatort festgestellt hast." Der Gerichtsmediziner meldete: „Am Leichnam des Zhang San fanden sich keine Verletzungen. Nur an der Fontanelle befand sich eine Wunde von einer Porzellanscherbe, ein Zoll und sieben Fen lang, fünf Fen tief, die Haut aufgerissen. Der Fontanellenknochen war brüchig und auf drei Fen gerissen — es handelt sich eindeutig um eine Stoß- oder Aufprallverletzung." Der Richter verglich es mit dem Leichenschauprotokoll — es stimmte überein. Er wusste natürlich, dass der Gerichtsschreiber die Schwere der Verletzung abgemildert hatte, ließ es aber durchgehen und ordnete die Unterzeichnung der Protokolle an. | ||
| − | Zhang | + | Zhang König Shi schrie weinend: „Gnädiger Herr! Letztes Mal hieß es noch, es gäbe viele Verletzungen — warum sind die heute alle verschwunden?" Der Richter schrie: „Was redet die Frau da! Hier ist das offizielle Protokoll — kannst du nicht lesen?" Er rief den Onkel Zhang Er und fragte: „Dein Neffe ist tot — wie viele Verletzungen hatte er?" Zhang Er beeilte sich zu sagen: „Eine Wunde am Kopf." Der Richter nickte: „Na also!" Er ließ den Gerichtsschreiber der Witwe das Protokoll vorzeigen und den Dorfvorsteher und den Onkel es ihr erklären: Alle Zeugen hätten übereinstimmend ausgesagt, es habe keine Schlägerei stattgefunden — also liege kein Totschlag im Streit vor. Es werde als versehentliche Tötung gewertet. Er ordnete die Unterzeichnung an und ließ Becken Schnee in Haft auf die Bestätigung durch die höhere Instanz warten; alle übrigen wurden dem Dorfvorsteher zur Freilassung übergeben, und die Sitzung wurde geschlossen. Zhang König Shi schrie und tobte; der Richter ließ sie von den Dienern hinaustreiben. Zhang Er redete auf sie ein: „Es war wirklich ein Versehen — wie willst du dem die Schuld geben? Der Richter hat klar geurteilt. Hör auf mit dem Unsinn." |
| − | Xue Ke erfuhr draußen die Details und war erleichtert. Er schickte einen Boten mit der Nachricht nach Hause. Man musste nun die Bestätigung der höheren Instanz abwarten, um die Freikaufung zu regeln. Da hörte man unterwegs Gerüchte: Eine Kaiserliche Gemahlin sei gestorben, der Kaiser halte drei Tage Staatstrauer. Xue Ke vermutete, dass der Kreisrichter, da die Grabstätte nicht weit entfernt war, nun mit den Trauervorbereitungen beschäftigt sein und den Fall nicht so schnell abschließen würde. Da es keinen Sinn hatte, hier zu warten, ging er ins Gefängnis, sagte Schnee | + | Xue Ke erfuhr draußen die Details und war erleichtert. Er schickte einen Boten mit der Nachricht nach Hause. Man musste nun die Bestätigung der höheren Instanz abwarten, um die Freikaufung zu regeln. Da hörte man unterwegs Gerüchte: Eine Kaiserliche Gemahlin sei gestorben, der Kaiser halte drei Tage Staatstrauer. Xue Ke vermutete, dass der Kreisrichter, da die Grabstätte nicht weit entfernt war, nun mit den Trauervorbereitungen beschäftigt sein und den Fall nicht so schnell abschließen würde. Da es keinen Sinn hatte, hier zu warten, ging er ins Gefängnis, sagte Becken Schnee, er solle geduldig ausharren, und fuhr nach Hause; in ein paar Tagen komme er wieder. Becken Schnee fürchtete um seine Mutter und ließ ausrichten: „Mir geht es gut. Man muss noch einige Male bei der Behörde Geld aufwenden, dann kann ich nach Hause. Nur spart nicht am Silber." |
Xue Ke ließ Li Xiang dort zur Aufsicht und fuhr direkt nach Hause. Bei Tante Schnee angekommen, berichtete er, wie der Kreisrichter den Fall nach Gefallen gedreht und schließlich auf versehentliche Tötung entschieden hatte. Wenn man den Angehörigen des Toten noch etwas Geld gebe, könne man einen Freikauf bewirken, und alles wäre erledigt. Tante Schnee atmete vorerst auf und sagte: „Gut, dass du nach Hause kommst, um nach dem Rechten zu sehen. Bei den Jias müssten wir uns eigentlich bedanken, doch jetzt, wo die Zhou-Kaisergemahlin gestorben ist, sind sie ständig im Palast, und zu Hause ist es leer. Ich dachte daran, hinüberzugehen und der Tante ein wenig Gesellschaft zu leisten und zu helfen, nur fehlte es bei uns an jemandem. Jetzt, wo du da bist, passt es gut." | Xue Ke ließ Li Xiang dort zur Aufsicht und fuhr direkt nach Hause. Bei Tante Schnee angekommen, berichtete er, wie der Kreisrichter den Fall nach Gefallen gedreht und schließlich auf versehentliche Tötung entschieden hatte. Wenn man den Angehörigen des Toten noch etwas Geld gebe, könne man einen Freikauf bewirken, und alles wäre erledigt. Tante Schnee atmete vorerst auf und sagte: „Gut, dass du nach Hause kommst, um nach dem Rechten zu sehen. Bei den Jias müssten wir uns eigentlich bedanken, doch jetzt, wo die Zhou-Kaisergemahlin gestorben ist, sind sie ständig im Palast, und zu Hause ist es leer. Ich dachte daran, hinüberzugehen und der Tante ein wenig Gesellschaft zu leisten und zu helfen, nur fehlte es bei uns an jemandem. Jetzt, wo du da bist, passt es gut." | ||
| − | Xue Ke sagte: „Unterwegs habe ich gehört, es sei die Jia-Kaisergemahlin gestorben; deshalb bin ich so schnell zurückgekommen. Ich wunderte mich: Unserer Kaisergemahlin ging es doch gut — wieso ist sie plötzlich gestorben?" Tante Schnee erzählte: „Letztes Jahr war sie einmal krank, aber sie erholte sich. Diesmal hörte man auch nichts von einer Krankheit der Gemahlin. Nur dass drüben die Alte Ahnin seit einigen Tagen nicht recht wohl war — sobald sie die Augen schloss, sah sie die Kaisergemahlin Urfrühling | + | Xue Ke sagte: „Unterwegs habe ich gehört, es sei die Jia-Kaisergemahlin gestorben; deshalb bin ich so schnell zurückgekommen. Ich wunderte mich: Unserer Kaisergemahlin ging es doch gut — wieso ist sie plötzlich gestorben?" Tante Schnee erzählte: „Letztes Jahr war sie einmal krank, aber sie erholte sich. Diesmal hörte man auch nichts von einer Krankheit der Gemahlin. Nur dass drüben die Alte Ahnin seit einigen Tagen nicht recht wohl war — sobald sie die Augen schloss, sah sie die Kaisergemahlin Urfrühling vor sich, und alle machten sich Sorgen. Als man aber nachforschte, war im Palast alles in Ordnung. Dann, vorgestern Abend, sagte die Alte Ahnin selbst: ‚Warum kommt Urfrühling ganz allein zu mir?' Alle dachten, eine alte Dame phantasiere in der Krankheit, und glaubten es nicht. Die Alte Ahnin sagte weiter: ‚Ihr glaubt mir nicht? Urfrühling hat sogar zu mir gesagt: Aller Glanz geht rasch zu Ende — man muss sich rechtzeitig zurückziehen.' Jeder dachte, das seien die Grübeleien einer alten Frau, und nahm es nicht ernst. Am nächsten Morgen kam aufgeregt die Nachricht aus dem Palast: Die Gemahlin sei schwer erkrankt, und alle Ehrentitelträgerinnen sollten sich melden. Da erschraken alle zutiefst und eilten in den Palast. Ehe sie zurückkehrten, hörten wir zu Hause schon, dass die Zhou-Kaisergemahlin gestorben sei. Stell dir vor: Das Gerücht von draußen und die Angst zu Hause fielen genau zusammen — ist das nicht seltsam?" |
Schatzspange sagte: „Nicht nur die Gerüchte draußen waren falsch — auch zu Hause hat man, kaum das Wort ‚Kaisergemahlin' gehört, sofort panisch reagiert, und erst hinterher wurde alles klar. In den letzten Tagen kamen die Mädchen und Dienerinnen von drüben und sagten, sie hätten schon vorher gewusst, dass es nicht unsere Kaisergemahlin war. Ich fragte: ‚Woher wusstet ihr das so sicher?' Sie erzählten: ‚Vor ein paar Jahren, im ersten Monat, wurde aus der Provinz ein Wahrsager empfohlen, der angeblich sehr treffsicher sei. Die Alte Ahnin ließ die Geburtsdaten der Kaisergemahlin unter die der Dienstmädchen mischen und zum Wahrsagen schicken. Er sagte über das eine Mädchen, das am ersten Tag des ersten Monats geboren war: Die Geburtsstunde stimme wohl nicht; sonst wäre sie wirklich eine Person von höchstem Rang und könnte nicht in diesem Haus leben. Der gnädige Herr und alle sagten: Ob richtig oder nicht — rechne einfach nach den Daten. Der Wahrsager sprach: Im Jiashen-Jahr, erster Monat, Bingyin — diese Zeichen enthielten zwar Zeichen für Verlust; doch das Shen-Zeichen berge Amt und Glückspferd, und das bedeute, sie könne nicht im Hause gehalten werden, aber besonders gut sei es auch nicht. Der Tagesstamm Yimao, Frühholz in voller Kraft — zwar gleichartig, doch je mehr gleichartig, desto besser; wie ein gutes Holz, das erst durch kunstvolles Schnitzen zum Meisterwerk wird. Besonders erfreulich sei die Stunde mit dem Xinjin-Metall als Edelzeichen und dem Si-Zeichen mit Amt und Glückspferd, was ‚Fliegendes-Glück-Pferd-Format' heiße. Er sagte noch: Der Tag treffe auf reines Glück von höchstem Gewicht; Himmels- und Mondtugend stünden im eigenen Schicksal — begünstigt mit der Huld des Pfeffer-Palastes. Wenn die Geburtsstunde stimme, sei dieses Mädchen bestimmt eine Kaisergemahlin. Und das stimmte doch! Aber er sagte auch: Nur schade, dass der Glanz nicht von Dauer sei — er fürchte, im Yin-Jahr und Mao-Monat, da sei Gleichartiges auf Gleichartigem und Raub auf Raub; wie ein gutes Holz, das man zu fein schnitze, bis die Substanz nicht mehr halte. Das haben alle vergessen und nur blindlings Panik gemacht. Als ich mich daran erinnerte, erzählte ich es unserer Ersten Schwägerin — dieses Jahr ist doch gar kein Yin-Jahr und Mao-Monat!'" | Schatzspange sagte: „Nicht nur die Gerüchte draußen waren falsch — auch zu Hause hat man, kaum das Wort ‚Kaisergemahlin' gehört, sofort panisch reagiert, und erst hinterher wurde alles klar. In den letzten Tagen kamen die Mädchen und Dienerinnen von drüben und sagten, sie hätten schon vorher gewusst, dass es nicht unsere Kaisergemahlin war. Ich fragte: ‚Woher wusstet ihr das so sicher?' Sie erzählten: ‚Vor ein paar Jahren, im ersten Monat, wurde aus der Provinz ein Wahrsager empfohlen, der angeblich sehr treffsicher sei. Die Alte Ahnin ließ die Geburtsdaten der Kaisergemahlin unter die der Dienstmädchen mischen und zum Wahrsagen schicken. Er sagte über das eine Mädchen, das am ersten Tag des ersten Monats geboren war: Die Geburtsstunde stimme wohl nicht; sonst wäre sie wirklich eine Person von höchstem Rang und könnte nicht in diesem Haus leben. Der gnädige Herr und alle sagten: Ob richtig oder nicht — rechne einfach nach den Daten. Der Wahrsager sprach: Im Jiashen-Jahr, erster Monat, Bingyin — diese Zeichen enthielten zwar Zeichen für Verlust; doch das Shen-Zeichen berge Amt und Glückspferd, und das bedeute, sie könne nicht im Hause gehalten werden, aber besonders gut sei es auch nicht. Der Tagesstamm Yimao, Frühholz in voller Kraft — zwar gleichartig, doch je mehr gleichartig, desto besser; wie ein gutes Holz, das erst durch kunstvolles Schnitzen zum Meisterwerk wird. Besonders erfreulich sei die Stunde mit dem Xinjin-Metall als Edelzeichen und dem Si-Zeichen mit Amt und Glückspferd, was ‚Fliegendes-Glück-Pferd-Format' heiße. Er sagte noch: Der Tag treffe auf reines Glück von höchstem Gewicht; Himmels- und Mondtugend stünden im eigenen Schicksal — begünstigt mit der Huld des Pfeffer-Palastes. Wenn die Geburtsstunde stimme, sei dieses Mädchen bestimmt eine Kaisergemahlin. Und das stimmte doch! Aber er sagte auch: Nur schade, dass der Glanz nicht von Dauer sei — er fürchte, im Yin-Jahr und Mao-Monat, da sei Gleichartiges auf Gleichartigem und Raub auf Raub; wie ein gutes Holz, das man zu fein schnitze, bis die Substanz nicht mehr halte. Das haben alle vergessen und nur blindlings Panik gemacht. Als ich mich daran erinnerte, erzählte ich es unserer Ersten Schwägerin — dieses Jahr ist doch gar kein Yin-Jahr und Mao-Monat!'" | ||
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Ehe Schatzspange den Bericht beendet hatte, unterbrach Xue Ke ungeduldig: „Lasst jetzt die Angelegenheiten anderer Leute! Wenn es so einen göttlichen Wahrsager gibt, will ich wissen, welcher böse Stern dieses Jahr meinem Bruder dieses Unglück beschert hat. Schreibt schnell seine Geburtsdaten auf — ich lasse ihn wahrsagen! Droht Gefahr?" Schatzspange sagte: „Er kam aus der Provinz — wer weiß, ob er dieses Jahr noch in der Hauptstadt ist." | Ehe Schatzspange den Bericht beendet hatte, unterbrach Xue Ke ungeduldig: „Lasst jetzt die Angelegenheiten anderer Leute! Wenn es so einen göttlichen Wahrsager gibt, will ich wissen, welcher böse Stern dieses Jahr meinem Bruder dieses Unglück beschert hat. Schreibt schnell seine Geburtsdaten auf — ich lasse ihn wahrsagen! Droht Gefahr?" Schatzspange sagte: „Er kam aus der Provinz — wer weiß, ob er dieses Jahr noch in der Hauptstadt ist." | ||
| − | Damit machte man Tante Schnee für den Besuch bei den Jias zurecht. Dort waren nur | + | Damit machte man Tante Schnee für den Besuch bei den Jias zurecht. Dort waren nur Seidenweiß Pflaume<ref>Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Frau im Schleiertuch".</ref> und Erkundefrühling<ref>Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref> zu Hause und empfingen sie. Erkundefrühling fragte: „Wie steht es mit dem Fall des Großen Bruders?" Tante Schnee sagte: „Man wartet noch auf die Bestätigung der höheren Instanz, aber es sieht so aus, als werde es nicht die Todesstrafe." Da waren alle erleichtert. Erkundefrühling erzählte: „Gestern Abend sagte die Tante: ‚Als wir damals in Schwierigkeiten waren, hat die Tante uns geholfen; jetzt, wo wir selbst Sorgen haben, können wir schlecht darum bitten.' Es lässt ihr keine Ruhe." Tante Schnee sagte: „Auch mir fällt es zu Hause schwer. Nur hat mein älterer Sohn diesen Ärger, und der jüngere ist in Geschäften unterwegs. Zu Hause ist Schatzspange allein — was kann die schon ausrichten? Dazu ist unsere Schwiegertochter eine, die nichts versteht; deshalb konnte ich mich nicht losreißen. Jetzt, wo der Kreisrichter mit den Vorbereitungen für die Zhou-Kaisergemahlin beschäftigt ist und den Fall nicht weiterverfolgen kann, ist der Zweite zurückgekehrt, und ich konnte endlich herüberkommen." Seidenweiß Pflaume sagte: „Wenn die Tante ein paar Tage hierbleiben möchte, wäre das noch besser." Tante Schnee nickte: „Ich möchte euch Mädchen ein wenig Gesellschaft leisten; nur ist eure Schwester Bao dann einsamer." Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".</ref> fragte: „Wenn die Tante sich sorgt — warum holt man Schwester Schatzspange nicht auch her?" Tante Schnee lachte: „Das geht nicht." Bedauerfrühling fragte: „Warum nicht? Früher hat sie doch auch hier gewohnt!" Seidenweiß Pflaume sagte: „Du verstehst das nicht. Bei ihnen zu Hause ist gerade etwas vorgefallen — wie soll sie da kommen?" Bedauerfrühling nahm das für bare Münze und fragte nicht weiter. |
| − | Da kamen die Herzoginmutter | + | Da kamen die Herzoginmutter und die anderen zurück. Beim Anblick von Tante Schnee vergaßen sie fast die Begrüßung und fragten sofort nach Becken Schnees Angelegenheit. Tante Schnee erzählte alles ausführlich. Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref>, der daneben stand und den Namen Jiang Yuhan hörte, wagte vor den anderen nicht zu fragen, dachte aber bei sich: „Wenn er nach Peking zurückgekommen ist, warum besucht er mich nicht?" Und dass Schatzspange nicht erschien, wusste er nicht zu deuten. Grübelnd stand er da, als Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> ebenfalls zur Begrüßung kam. Schatzjade fühlte sich sogleich ein wenig froher, ließ den Gedanken an Schatzspange fahren und aß mit den Schwestern bei der Großmutter zu Abend. Danach ging man auseinander; Tante Schnee übernachtete im Nebengemach der Herzoginmutter. |
| − | Schatzjade kam in sein Zimmer, wechselte die Kleider, und plötzlich fiel ihm das Schweißtuch ein, das Jiang Yuhan ihm einst geschenkt hatte. Er fragte Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref> | + | Schatzjade kam in sein Zimmer, wechselte die Kleider, und plötzlich fiel ihm das Schweißtuch ein, das Jiang Yuhan ihm einst geschenkt hatte. Er fragte Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref>: „Das rote Schweißtuch, das du vor Jahren nicht mehr getragen hast — hast du das noch?" Dufthauch sagte: „Ich habe es aufgehoben. Warum fragst du?" Schatzjade: „Nur so." Dufthauch: „Du hast gehört, mit was für Gesindel Herr Xue verkehrt und wie das zu diesem Mordfall geführt hat — und da bringst du solche Sachen zur Sprache? Statt dir unnötig den Kopf zu zerbrechen, könntest du lieber in Ruhe lernen und diese belanglosen Dinge beiseitelassen." Schatzjade: „Ich mache doch gar nichts — es fiel mir nur zufällig ein. Ob es da ist oder nicht, ich frage ja nur, und schon hältst du mir eine Predigt!" Dufthauch lachte: „Ich rede nicht zu viel. Wenn ein Mensch gebildet und gesittet ist, sollte er nach oben streben. Selbst wenn jemand, den man liebt, käme — man möchte doch, dass er Freude und Achtung empfindet!" |
Dufthauchs Worte erinnerten Schatzjade, und er rief: „Ach herrje! Vorhin bei der Großmutter habe ich bei den vielen Menschen gar nicht mit Schwester Lin gesprochen, und sie hat mich auch keines Blickes gewürdigt. Beim Aufbrechen ging sie als Erste. Bestimmt ist sie jetzt in ihrem Zimmer — ich gehe kurz hin und komme gleich zurück." Damit lief er los. Dufthauch rief: „Komm bald zurück! Ich habe das Thema angeschnitten und nun erst recht deine Begeisterung geweckt." | Dufthauchs Worte erinnerten Schatzjade, und er rief: „Ach herrje! Vorhin bei der Großmutter habe ich bei den vielen Menschen gar nicht mit Schwester Lin gesprochen, und sie hat mich auch keines Blickes gewürdigt. Beim Aufbrechen ging sie als Erste. Bestimmt ist sie jetzt in ihrem Zimmer — ich gehe kurz hin und komme gleich zurück." Damit lief er los. Dufthauch rief: „Komm bald zurück! Ich habe das Thema angeschnitten und nun erst recht deine Begeisterung geweckt." | ||
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Kajaljade lachte auf: „Ein feiner Gelehrter! Noch nie eine Qin-Partitur gesehen!" Schatzjade erwiderte: „Natürlich kenne ich Qin-Partituren — aber warum kann ich kein einziges Zeichen lesen? Kannst du das denn?" Kajaljade sagte: „Wenn ich es nicht könnte, warum sollte ich es mir ansehen?" Schatzjade: „Das glaube ich nicht — ich habe noch nie gehört, dass du die Zither spielst. In unserer Bibliothek hängen mehrere Zithern; vor zwei Jahren kam ein literarischer Berater namens Ji Haogu, und der Vater bat ihn um ein Stück. Er nahm eine Zither herunter und sagte, keine davon tauge etwas. Er sagte: ‚Wenn der gnädige Herr einmal Lust hat, bringe ich ein andermal mein eigenes Instrument mit.' Aber der Vater versteht wohl auch nichts davon, und so kam er nicht wieder. Und du hast dieses Talent die ganze Zeit verborgen?" | Kajaljade lachte auf: „Ein feiner Gelehrter! Noch nie eine Qin-Partitur gesehen!" Schatzjade erwiderte: „Natürlich kenne ich Qin-Partituren — aber warum kann ich kein einziges Zeichen lesen? Kannst du das denn?" Kajaljade sagte: „Wenn ich es nicht könnte, warum sollte ich es mir ansehen?" Schatzjade: „Das glaube ich nicht — ich habe noch nie gehört, dass du die Zither spielst. In unserer Bibliothek hängen mehrere Zithern; vor zwei Jahren kam ein literarischer Berater namens Ji Haogu, und der Vater bat ihn um ein Stück. Er nahm eine Zither herunter und sagte, keine davon tauge etwas. Er sagte: ‚Wenn der gnädige Herr einmal Lust hat, bringe ich ein andermal mein eigenes Instrument mit.' Aber der Vater versteht wohl auch nichts davon, und so kam er nicht wieder. Und du hast dieses Talent die ganze Zeit verborgen?" | ||
| − | Kajaljade sagte: „Ich kann doch gar nicht wirklich spielen! Neulich, als es mir etwas besserging, fand ich beim Stöbern im großen Bücherschrank ein Qin-Notenbuch. Es war von feinstem Geschmack; die darin dargelegte Theorie der Zither war sehr stimmig, und die Spieltechnik wurde klar erklärt — wahrhaftig die Kunst der Alten zur Beruhigung des Geistes und Pflege des Gemüts. In Yangzhou habe ich auch Vorträge darüber gehört und sogar geübt; nur weil ich aufhörte, ging alles verloren. Wie man so sagt: ‚Drei Tage nicht gespielt, und Dornen wachsen an den Händen.' Neulich fand ich in diesem Buch nur Stücknamen ohne Text; da suchte ich anderswo ein Buch mit Texten und fand es viel interessanter. Freilich ist es sehr schwer, wirklich gut zu spielen. Im Buch heißt es: Als der Meister Shi Kuang die Zither spielte, kamen Wind, Donner, Drachen und Phönixe herbei. Und der heilige Konfuzius lernte die Zither beim Meister Xiang — schon nach einem Stück erkannte er, dass es von König | + | Kajaljade sagte: „Ich kann doch gar nicht wirklich spielen! Neulich, als es mir etwas besserging, fand ich beim Stöbern im großen Bücherschrank ein Qin-Notenbuch. Es war von feinstem Geschmack; die darin dargelegte Theorie der Zither war sehr stimmig, und die Spieltechnik wurde klar erklärt — wahrhaftig die Kunst der Alten zur Beruhigung des Geistes und Pflege des Gemüts. In Yangzhou habe ich auch Vorträge darüber gehört und sogar geübt; nur weil ich aufhörte, ging alles verloren. Wie man so sagt: ‚Drei Tage nicht gespielt, und Dornen wachsen an den Händen.' Neulich fand ich in diesem Buch nur Stücknamen ohne Text; da suchte ich anderswo ein Buch mit Texten und fand es viel interessanter. Freilich ist es sehr schwer, wirklich gut zu spielen. Im Buch heißt es: Als der Meister Shi Kuang die Zither spielte, kamen Wind, Donner, Drachen und Phönixe herbei. Und der heilige Konfuzius lernte die Zither beim Meister Xiang — schon nach einem Stück erkannte er, dass es von Wen König stammte. ‚Hohe Berge und fließendes Wasser' — so fand man den wahren Geistesverwandten." Bei diesen Worten zuckten ihre Augenlider leicht, und langsam senkte sie den Kopf. |
Schatzjade hörte begeistert zu und rief: „Liebe Schwester, was du gerade erzählt hast, ist wirklich faszinierend! Nur die Zeichen von vorhin — das ‚Da' mit dem Haken und der ‚Fünf' in der Mitte — das musst du mir erklären." Kajaljade lachte: „Das braucht man nicht zu lehren — ein Wort genügt. Das ‚Da' und die ‚Neun' bedeuten: Mit dem Daumen der linken Hand drückt man auf den neunten Bund der Zither. Der Haken mit der ‚Fünf' heißt: Mit der rechten Hand zupft man die fünfte Saite an. Das sind keine einzelnen Schriftzeichen, sondern zusammengesetzte Zeichen für einen Ton — ganz einfach. Dazu gibt es noch Techniken wie Yin, Rou, Chuo, Zhu, Zhuang, Zou, Fei und Tui — das sind alles Anweisungen für die Spieltechnik." | Schatzjade hörte begeistert zu und rief: „Liebe Schwester, was du gerade erzählt hast, ist wirklich faszinierend! Nur die Zeichen von vorhin — das ‚Da' mit dem Haken und der ‚Fünf' in der Mitte — das musst du mir erklären." Kajaljade lachte: „Das braucht man nicht zu lehren — ein Wort genügt. Das ‚Da' und die ‚Neun' bedeuten: Mit dem Daumen der linken Hand drückt man auf den neunten Bund der Zither. Der Haken mit der ‚Fünf' heißt: Mit der rechten Hand zupft man die fünfte Saite an. Das sind keine einzelnen Schriftzeichen, sondern zusammengesetzte Zeichen für einen Ton — ganz einfach. Dazu gibt es noch Techniken wie Yin, Rou, Chuo, Zhu, Zhuang, Zou, Fei und Tui — das sind alles Anweisungen für die Spieltechnik." | ||
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Schatzjade war so begeistert, dass er vor Freude hüpfte: „Liebe Schwester, da du die Zitherkunst verstehst — warum fangen wir nicht an zu lernen?" Kajaljade antwortete: „Qin heißt ‚Einhalt' — die Alten schufen sie zur Selbstdisziplin, zur Pflege des Gemüts und zur Unterdrückung von Ausschweifung und Verschwendung. Wenn man spielen will, braucht man ein stilles Gemach oder einen hohen Saal, oder man sitzt hoch oben in einem Turm, zwischen Felsen und Bäumen, auf einem Berggipfel oder am Ufer eines Flusses. Man wartet auf einen Augenblick, da Himmel und Erde im Einklang sind, der Wind klar und der Mond hell. Man entzündet Weihrauch und sitzt still; das Herz schweift nicht nach außen, Qi und Blut sind in Harmonie — erst dann kann der Geist sich mit dem Göttlichen verbinden und der Weg mit dem Wunderbaren verschmelzen. Darum sagten die Alten: ‚Einen wahren Geistesverwandten zu finden, ist schwer.' Findet man keinen, so ist es besser, allein vor dem klaren Wind und dem hellen Mond, zwischen alten Kiefern und bizarren Felsen, wilden Affen und ehrwürdigen Kranichen zu spielen, um seine Empfindungen auszudrücken — das erst wird dem Instrument gerecht. Und es gibt noch eine Ebene: Man braucht eine gute Fingertechnik und einen schönen Anschlag. Will man wirklich spielen, muss man zuerst ordentlich gekleidet sein — in einem Kranichmantel oder einem tiefen Gewand nach Art der Alten –, dann erst ist man des heiligen Instruments würdig. Man wäscht sich die Hände, entzündet Weihrauch, nimmt Platz auf einer Liege, legt die Zither auf den Tisch und sitzt am fünften Bund, die Mitte der Zither genau gegenüber der Brust. Dann hebt man langsam und gelassen beide Hände — erst dann sind Leib und Seele aufrecht. Man muss auch das Wechselspiel von Leicht und Schwer, Schnell und Langsam, Spannung und Lösung kennen, sich natürlich bewegen und eine würdevolle Haltung wahren." Schatzjade sagte: „Wir wollen doch nur zum Vergnügen lernen — wenn man es so genau nimmt, wird es wirklich schwer." | Schatzjade war so begeistert, dass er vor Freude hüpfte: „Liebe Schwester, da du die Zitherkunst verstehst — warum fangen wir nicht an zu lernen?" Kajaljade antwortete: „Qin heißt ‚Einhalt' — die Alten schufen sie zur Selbstdisziplin, zur Pflege des Gemüts und zur Unterdrückung von Ausschweifung und Verschwendung. Wenn man spielen will, braucht man ein stilles Gemach oder einen hohen Saal, oder man sitzt hoch oben in einem Turm, zwischen Felsen und Bäumen, auf einem Berggipfel oder am Ufer eines Flusses. Man wartet auf einen Augenblick, da Himmel und Erde im Einklang sind, der Wind klar und der Mond hell. Man entzündet Weihrauch und sitzt still; das Herz schweift nicht nach außen, Qi und Blut sind in Harmonie — erst dann kann der Geist sich mit dem Göttlichen verbinden und der Weg mit dem Wunderbaren verschmelzen. Darum sagten die Alten: ‚Einen wahren Geistesverwandten zu finden, ist schwer.' Findet man keinen, so ist es besser, allein vor dem klaren Wind und dem hellen Mond, zwischen alten Kiefern und bizarren Felsen, wilden Affen und ehrwürdigen Kranichen zu spielen, um seine Empfindungen auszudrücken — das erst wird dem Instrument gerecht. Und es gibt noch eine Ebene: Man braucht eine gute Fingertechnik und einen schönen Anschlag. Will man wirklich spielen, muss man zuerst ordentlich gekleidet sein — in einem Kranichmantel oder einem tiefen Gewand nach Art der Alten –, dann erst ist man des heiligen Instruments würdig. Man wäscht sich die Hände, entzündet Weihrauch, nimmt Platz auf einer Liege, legt die Zither auf den Tisch und sitzt am fünften Bund, die Mitte der Zither genau gegenüber der Brust. Dann hebt man langsam und gelassen beide Hände — erst dann sind Leib und Seele aufrecht. Man muss auch das Wechselspiel von Leicht und Schwer, Schnell und Langsam, Spannung und Lösung kennen, sich natürlich bewegen und eine würdevolle Haltung wahren." Schatzjade sagte: „Wir wollen doch nur zum Vergnügen lernen — wenn man es so genau nimmt, wird es wirklich schwer." | ||
| − | Während sie noch sprachen, kam Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> | + | Während sie noch sprachen, kam Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> herein und sah Schatzjade. Lachend sagte sie: „Der Zweite Herr Bao ist heute aber bester Laune!" Schatzjade lachte: „Was die Schwester eben auseinandergesetzt hat, war mir eine wahre Erleuchtung — je mehr ich höre, desto lieber höre ich zu." Purpurkuckuck sagte: „Das meine ich nicht — ich meine, dass Ihr zu uns herübergekommen seid." Schatzjade erwiderte: „In letzter Zeit war die Schwester krank, und ich fürchtete, sie zu stören; außerdem ging ich in die Schule — so entstand der Eindruck, als hätten wir uns entfremdet." Purpurkuckuck unterbrach ihn: „Das Fräulein hat sich gerade erst erholt. Wenn der Zweite Herr schon so sagt — sitzen kann er ja ein Weilchen, aber dann sollte er das Fräulein auch ausruhen lassen, statt sie mit solchen Vorträgen zu ermüden." Schatzjade lachte: „Natürlich — ich habe nur so gern zugehört, dass ich ganz vergessen habe, wie anstrengend es für die Schwester ist." |
| − | Kajaljade lächelte: „So zu reden macht mir auch Freude — anstrengend ist es nicht. Nur fürchte ich, dass ich immerzu rede und du immerzu nichts verstehst." Schatzjade sagte: „Nach und nach werde ich es schon begreifen." Er stand auf: „Ruh dich wirklich aus, Schwester. Morgen sage ich es der Dritten und der Vierten Schwester — die sollen auch lernen, und ich werde zuhören." Kajaljade lachte: „Du bist wirklich verwöhnt! Selbst wenn alle es lernten und spielten, und du verstündest nichts davon — dann wärst du doch gegen …" An dieser Stelle dachte sie an etwas, das sie im Herzen trug, und brach ab. Schatzjade lachte: „Solange ihr spielen könnt, höre ich gern zu — ob Perlen vor die Ochsen geworfen oder nicht." Kajaljade errötete und lächelte; auch Purpurkuckuck und | + | Kajaljade lächelte: „So zu reden macht mir auch Freude — anstrengend ist es nicht. Nur fürchte ich, dass ich immerzu rede und du immerzu nichts verstehst." Schatzjade sagte: „Nach und nach werde ich es schon begreifen." Er stand auf: „Ruh dich wirklich aus, Schwester. Morgen sage ich es der Dritten und der Vierten Schwester — die sollen auch lernen, und ich werde zuhören." Kajaljade lachte: „Du bist wirklich verwöhnt! Selbst wenn alle es lernten und spielten, und du verstündest nichts davon — dann wärst du doch gegen …" An dieser Stelle dachte sie an etwas, das sie im Herzen trug, und brach ab. Schatzjade lachte: „Solange ihr spielen könnt, höre ich gern zu — ob Perlen vor die Ochsen geworfen oder nicht." Kajaljade errötete und lächelte; auch Purpurkuckuck und Schneegans lachten. |
| − | Schatzjade ging zur Tür hinaus. Da kam | + | Schatzjade ging zur Tür hinaus. Da kam Herbstmuster mit einem kleinen Mädchen, das ein Töpfchen mit Orchideen trug, und sagte: „Drüben bei der Gnädigen Frau hat jemand vier Töpfe Orchideen gebracht; weil drinnen gerade viel los ist und niemand Zeit hat, sich darum zu kümmern, schickt man dem Zweiten Herrn einen und dem Fräulein Lin einen." Kajaljade betrachtete die Pflanze — einige Stiele trugen Doppelblüten — und ein plötzliches Gefühl durchzuckte sie, sie wusste nicht, ob Freude oder Trauer, und starrte nur stumm auf die Blüten. Schatzjade aber hatte im Augenblick nur die Zither im Sinn und sagte: „Jetzt, wo die Schwester Orchideen hat, kann sie die ‚Elegie auf die Orchidee' spielen." |
Als Kajaljade dies hörte, wurde ihr seltsam unbehaglich zumute. Zurück in ihrem Zimmer, betrachtete sie die Blüte und dachte: „Gräser und Bäume blühen im Frühling, Blüten leuchten und Blätter gedeihen. Aber ich, noch so jung, bin schon wie eine Herbstweide im September. Wenn sich mein Herzenswunsch erfüllt, mag es allmählich bergauf gehen; wenn nicht, fürchte ich, bin ich wie Blumen und Weiden am Ende des Frühlings — wie sollte ich dem treibenden Wind und peitschenden Regen standhalten?" Bei diesem Gedanken liefen ihr die Tränen über die Wangen. | Als Kajaljade dies hörte, wurde ihr seltsam unbehaglich zumute. Zurück in ihrem Zimmer, betrachtete sie die Blüte und dachte: „Gräser und Bäume blühen im Frühling, Blüten leuchten und Blätter gedeihen. Aber ich, noch so jung, bin schon wie eine Herbstweide im September. Wenn sich mein Herzenswunsch erfüllt, mag es allmählich bergauf gehen; wenn nicht, fürchte ich, bin ich wie Blumen und Weiden am Ende des Frühlings — wie sollte ich dem treibenden Wind und peitschenden Regen standhalten?" Bei diesem Gedanken liefen ihr die Tränen über die Wangen. | ||
Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
Sechsundachtzigstes Kapitel
Durch private Bestechung dreht ein Beamter die Akten um, In müßiger Stimmung entziffert eine gebildete junge Dame ein Qin-Notenbuch[1]
Wie berichtet, hatte Tante Schnee[2] Xue Kes Brief erhalten und den Diener hereinrufen lassen. Sie fragte: „Hast du gehört, was dein Erster Herr erzählt hat — wie es dazu kam, dass jemand totgeschlagen wurde?" Der Diener sagte: „Ich habe es nicht genau gehört. An dem Tag erzählte der Erste Herr dem Zweiten Herrn …" Er blickte sich um, und als er sah, dass niemand zuhörte, fuhr er fort: „Der Erste Herr sagte: Seit es zu Hause so furchtbar zuging, habe er die Lust verloren und wolle in den Süden fahren, um Waren einzukaufen. An dem Tag wollte er jemanden als Reisebegleiter treffen, der über zweihundert Li südlich der Stadt wohnt. Auf dem Weg dorthin traf er zufällig den früheren Bekannten Jiang Yuhan, der mit einer Gruppe junger Schauspieler in die Stadt kam. Der Erste Herr aß und trank mit ihm in einer Wirtschaft. Da der Schankbursche ständig zu Jiang Yuhan hinüberschielte, wurde der Erste Herr ärgerlich. Danach ging Jiang Yuhan. Am nächsten Tag lud der Erste Herr den Reisebegleiter zum Trinken ein. Nach dem Wein erinnerte er sich an den Vorfall vom Vortag und rief den Schanken, um anderen Wein zu bringen. Der Bursche kam zu spät, und der Erste Herr fing an zu schimpfen. Der Mann war nicht einverstanden, und der Erste Herr warf die Weinschale nach ihm. Doch der Kerl war ein Raufbold und streckte den Kopf vor, damit der Erste Herr zuschlagen möge. Der Erste Herr schlug ihm die Schale auf den Kopf — sofort schoss das Blut hervor, und er fiel zu Boden. Erst schimpfte er noch, dann sagte er nichts mehr." Tante Schnee fragte: „Hat denn niemand vermittelt?" Der Diener sagte: „Davon hat der Erste Herr nichts erzählt; ich wage nicht, etwas zu erfinden." Tante Schnee sagte: „Geh dich erst einmal ausruhen." Der Diener ging hinaus.
Tante Schnee suchte Frau König auf und bat sie, bei Aufrecht Kaufmann[3] ein gutes Wort einzulegen. Aufrecht Kaufmann erkundigte sich nach den Umständen und konnte nur vage zusagen; er sagte, man müsse erst abwarten, bis Xue Ke seine Eingabe eingereicht habe und wie der Kreisrichter darüber befinde, ehe man weitersehen könne.
Tante Schnee ließ beim Pfandhaus Silber wechseln und schickte den Diener damit los. Drei Tage später kam tatsächlich Antwort. Tante Schnee empfing den Brief und ließ sofort durch ein kleines Mädchen Schatzspange[4] benachrichtigen, die eilig herüberkam. Der Brief lautete:
„Das mitgebrachte Silber wurde für Bestechungsgelder an Hoch und Niedrig der Behörde verwendet. Bruder sitzt im Gefängnis, leidet aber nicht allzu sehr — Gnädige Frau sei beruhigt. Nur sind die Leute hier sehr gerissen: Die Angehörigen des Toten, die Zeugen — keiner ist nachgiebig, und sogar der Freund, den Bruder zum Trinken eingeladen hatte, hält zu ihnen. Li Xiang und ich sind hier völlig Fremde. Zum Glück fanden wir einen guten Advokaten, dem wir Silber versprachen. Er riet: Man müsse den Wu Liang, der mit Bruder zusammen getrunken hat, auf seine Seite ziehen, ihn gegen Kaution freipressen und bestechen, damit er die Sache bereinigt. Wenn er nicht will, droht man ihm: Zhang San sei in Wahrheit von ihm getötet worden und nur einem Auswärtigen in die Schuhe geschoben worden — das hält er nicht aus, und dann wird es einfach. Ich folgte seinem Rat, und tatsächlich kam Wu Liang heraus. Inzwischen hat er die Angehörigen und Zeugen bestochen und eine neue Eingabe verfasst. Vorgestern wurde sie eingereicht, heute kam die Antwort. Siehe die Abschrift der Eingabe."
Dann las Schatzspange die Abschrift der Eingabe vor:
„Der Unterzeichnete, Soundso, reicht diese Klage ein im Namen seines Bruders, der von einem unverschuldeten Unglück betroffen wurde: Mein leiblicher Bruder Becken Schnee, gebürtig aus Nanjing, wohnhaft in der Westlichen Hauptstadt, reiste an dem betreffenden Tag mit Kapital in den Süden zum Handel. Wenige Tage nach seiner Abreise sandte ein Diener Nachricht nach Hause, dass er in einen Totschlag verwickelt sei. Ich eilte sofort zur ehrenwerten Behörde und erfuhr, dass mein Bruder unbeabsichtigt einen Mann namens Zhang verletzt habe. Im Gefängnis erzählte mein Bruder unter Tränen: Er kenne den besagten Zhang überhaupt nicht, es bestehe keinerlei Feindschaft. Bei einem Wortwechsel wegen des Weinwechselns habe er den Wein zu Boden geschüttet. Unglücklicherweise bückte sich Zhang San gerade, um etwas aufzuheben, und die Weinschale traf versehentlich seine Fontanelle, woran er starb. Bei der früheren Vernehmung habe mein Bruder aus Angst vor der Folter zugegeben, er habe ihn im Streit totgeschlagen. Euer erhabene Güte hat bereits erkannt, dass hier Unrecht vorliegt, und den Fall noch nicht abgeschlossen. Mein Bruder als Häftling darf keine Eingabe machen; ich wage es als sein Bruder, unter Einsatz meines Lebens, stellvertretend um Wiederaufnahme und Anhörung der Zeugen zu bitten. Falls dies gnädig gewährt wird, werden wir die grenzenlose Gnade unserer Lebetage preisen."
Der Bescheid lautete:
„Die Leichenschau am Tatort hat eindeutige Beweise erbracht. Zudem hat dein Bruder ohne Anwendung von Folter aus freien Stücken den Totschlag im Streit gestanden, und das Geständnis liegt aktenkundig vor. Du bist von weit hergekommen und warst kein Augenzeuge — wie darfst du da erdichtete Behauptungen aufstellen und eine unbegründete Gegenklage einreichen? Eigentlich wärest du zu bestrafen; in Anbetracht deiner brüderlichen Sorge sei dir vorerst verziehen. Abgelehnt."
Tante Schnee sagte bestürzt: „Dann ist er also nicht mehr zu retten? Was sollen wir tun?" Schatzspange antwortete: „Der Brief des Zweiten Bruders ist noch nicht zu Ende — es kommt noch etwas." Sie las weiter: „Das Wichtigste erfährt man vom Boten."
Tante Schnee fragte den Boten, und dieser erklärte: „Der Kreisrichter weiß sehr wohl, dass unsere Familie vermögend ist. Man muss in der Hauptstadt jemanden finden, der beim hohen Gericht vorspricht, und außerdem ein stattliches Geschenk schicken. Dann kann eine Neuverhandlung stattfinden und die Strafe gemildert werden. Die Gnädige Frau muss sofort handeln — jede Verzögerung bedeutet, dass der Erste Herr im Gefängnis zu leiden hat."
Tante Schnee schickte den Diener weg und eilte sofort in die Jia-Residenz, um Frau König alles zu erklären und Aufrecht Kaufmann um Hilfe zu bitten. Aufrecht Kaufmann war bereit, jemanden zu beauftragen, ein gutes Wort beim Kreisrichter einzulegen, wollte aber kein Geld ins Spiel bringen. Tante Schnee fürchtete, das reiche nicht aus, und bat Phönixglanz[5], mit Kette Kaufmann[6] zu sprechen. Mit einigen tausend Tael Silber wurde der Kreisrichter bestochen, und auch Xue Ke konnte an seinem Ende alles regeln.
Daraufhin eröffnete der Kreisrichter die Sitzung, ließ alle Nachbarn, Zeugen und Angehörigen des Toten laden, führte Becken Schnee aus dem Gefängnis vor und rief die Gerichtsschreiber auf, alle Namen zu verlesen. Der Richter ließ den Dorfvorsteher das Originalgeständnis vortragen und rief dann die Witwe des Toten, Zhang König Shi, sowie den Onkel Zhang Er auf. Zhang König Shi heulte: „Mein Mann Zhang Da ist vor achtzehn Jahren gestorben. Der erste und der zweite Sohn sind auch gestorben. Nur dieser Jüngste blieb mir übrig, Zhang San, dreiundzwanzig Jahre alt, noch unverheiratet. Weil wir so arm waren und es nichts zu essen gab, hat er als Schankbursche bei der Wirtschaft Li gearbeitet. An dem Tag kam mittags jemand aus der Wirtschaft und sagte: ‚Dein Sohn ist totgeschlagen worden!' Ach, gnädiger Herr, ich wäre vor Schreck fast gestorben! Ich rannte hin und sah meinen Jungen mit blutigem Kopf auf dem Boden liegen und keuchen; auf meine Fragen konnte er nicht mehr antworten, und kurz darauf war er tot. Ich wollte mich auf diesen Lump stürzen und mit meinem Leben bezahlen!" Die Gerichtsdiener riefen sie zur Ordnung. Zhang König Shi warf sich auf die Knie: „Gnädiger Herr, verschafft mir Gerechtigkeit! Er war mein einziger Sohn!"
Der Richter rief: „Zurücktreten!" Dann wandte er sich an den Wirt Li Er: „War dieser Zhang San als Schankbursche bei dir angestellt?" Li Er antwortete: „Er war nicht fest angestellt, er half als Laufbursche aus." Der Richter fragte: „Bei der ersten Leichenschau hast du ausgesagt, du habest mit eigenen Augen gesehen, wie Becken Schnee Zhang San mit der Schale totschlug. Hast du es wirklich gesehen?" Li Er sagte: „Ich stand am Tresen und hörte, dass im Gastzimmer Wein verlangt wurde. Kurz darauf hieß es: ‚Es ist etwas Schlimmes passiert — es ist einer verletzt!' Ich rannte hin und sah Zhang San auf dem Boden liegen; er konnte nicht mehr sprechen. Ich benachrichtigte den Dorfvorsteher und seine Mutter. Wie genau geschlagen wurde, weiß ich wirklich nicht. Fragen Sie doch den Zechgenossen." Der Richter herrschte ihn an: „Bei der ersten Vernehmung hast du behauptet, du habest es mit eigenen Augen gesehen — und heute sagst du, du habest nichts gesehen?" Li Er stammelte: „An dem Tag war ich so verwirrt vor Schreck, dass ich alles durcheinanderbrachte." Die Gerichtsdiener brüllten ihn an.
Der Richter rief Wu Liang auf: „Du hast mit ihm zusammen getrunken. Wie hat Becken Schnee zugeschlagen? Sag die Wahrheit!" Wu Liang sagte: „Ich war an dem Tag zu Hause. Dieser Herr Xue lud mich zum Trinken ein. Er fand den Wein schlecht und wollte tauschen, aber Zhang San weigerte sich. Herr Xue wurde wütend und schüttete ihm den Wein ins Gesicht — ich weiß nicht, wie, aber die Schale traf seinen Kopf. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen." Der Richter schrie: „Unsinn! Bei der Leichenschau hat Becken Schnee selbst zugegeben, er habe ihn mit der Schale totgeschlagen, und du hast bestätigt, es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Warum stimmt deine heutige Aussage nicht überein? Maulschellen!" Die Diener wollten zuschlagen. Wu Liang flehte: „Becken Schnee hat sich wirklich nicht mit Zhang San geprügelt. Die Weinschale ist ihm aus der Hand gerutscht und gegen den Kopf gestoßen. Fragen Sie doch Becken Schnee selbst — das wäre eine Gnade!"
Der Richter rief Becken Schnee vor und fragte: „Was für eine Feindschaft hattest du mit Zhang San? Wie genau ist er gestorben? Sag die Wahrheit!" Becken Schnee flehte: „Euer Gnaden, Erbarmen! Ich habe ihn wirklich nicht geschlagen. Weil er den Wein nicht wechseln wollte, schüttete ich den Wein auf den Boden. Dabei rutschte mir die Schale aus der Hand und traf seinen Kopf. Sofort versuchte ich, das Blut zu stillen, aber es war nicht zu stoppen; es blutete immer mehr, und bald darauf war er tot. Bei der Leichenschau hatte ich Angst vor der Folter und sagte deshalb, ich hätte ihn mit der Schale geschlagen. Ich flehe um Gnade!" Der Richter herrschte ihn an: „Du dummer Kerl! Als ich dich fragte, wie du ihn geschlagen hast, gestehst du, du habest ihn aus Wut über den Wein geschlagen — und heute sagst du, die Schale sei dir ausgerutscht!" Der Richter tat, als wolle er foltern und pressen lassen. Becken Schnee beharrte unerschütterlich auf seiner Aussage.
Der Richter rief den Gerichtsmediziner: „Berichte wahrheitsgemäß die Verletzungen, die du bei der Leichenschau am Tatort festgestellt hast." Der Gerichtsmediziner meldete: „Am Leichnam des Zhang San fanden sich keine Verletzungen. Nur an der Fontanelle befand sich eine Wunde von einer Porzellanscherbe, ein Zoll und sieben Fen lang, fünf Fen tief, die Haut aufgerissen. Der Fontanellenknochen war brüchig und auf drei Fen gerissen — es handelt sich eindeutig um eine Stoß- oder Aufprallverletzung." Der Richter verglich es mit dem Leichenschauprotokoll — es stimmte überein. Er wusste natürlich, dass der Gerichtsschreiber die Schwere der Verletzung abgemildert hatte, ließ es aber durchgehen und ordnete die Unterzeichnung der Protokolle an.
Zhang König Shi schrie weinend: „Gnädiger Herr! Letztes Mal hieß es noch, es gäbe viele Verletzungen — warum sind die heute alle verschwunden?" Der Richter schrie: „Was redet die Frau da! Hier ist das offizielle Protokoll — kannst du nicht lesen?" Er rief den Onkel Zhang Er und fragte: „Dein Neffe ist tot — wie viele Verletzungen hatte er?" Zhang Er beeilte sich zu sagen: „Eine Wunde am Kopf." Der Richter nickte: „Na also!" Er ließ den Gerichtsschreiber der Witwe das Protokoll vorzeigen und den Dorfvorsteher und den Onkel es ihr erklären: Alle Zeugen hätten übereinstimmend ausgesagt, es habe keine Schlägerei stattgefunden — also liege kein Totschlag im Streit vor. Es werde als versehentliche Tötung gewertet. Er ordnete die Unterzeichnung an und ließ Becken Schnee in Haft auf die Bestätigung durch die höhere Instanz warten; alle übrigen wurden dem Dorfvorsteher zur Freilassung übergeben, und die Sitzung wurde geschlossen. Zhang König Shi schrie und tobte; der Richter ließ sie von den Dienern hinaustreiben. Zhang Er redete auf sie ein: „Es war wirklich ein Versehen — wie willst du dem die Schuld geben? Der Richter hat klar geurteilt. Hör auf mit dem Unsinn."
Xue Ke erfuhr draußen die Details und war erleichtert. Er schickte einen Boten mit der Nachricht nach Hause. Man musste nun die Bestätigung der höheren Instanz abwarten, um die Freikaufung zu regeln. Da hörte man unterwegs Gerüchte: Eine Kaiserliche Gemahlin sei gestorben, der Kaiser halte drei Tage Staatstrauer. Xue Ke vermutete, dass der Kreisrichter, da die Grabstätte nicht weit entfernt war, nun mit den Trauervorbereitungen beschäftigt sein und den Fall nicht so schnell abschließen würde. Da es keinen Sinn hatte, hier zu warten, ging er ins Gefängnis, sagte Becken Schnee, er solle geduldig ausharren, und fuhr nach Hause; in ein paar Tagen komme er wieder. Becken Schnee fürchtete um seine Mutter und ließ ausrichten: „Mir geht es gut. Man muss noch einige Male bei der Behörde Geld aufwenden, dann kann ich nach Hause. Nur spart nicht am Silber."
Xue Ke ließ Li Xiang dort zur Aufsicht und fuhr direkt nach Hause. Bei Tante Schnee angekommen, berichtete er, wie der Kreisrichter den Fall nach Gefallen gedreht und schließlich auf versehentliche Tötung entschieden hatte. Wenn man den Angehörigen des Toten noch etwas Geld gebe, könne man einen Freikauf bewirken, und alles wäre erledigt. Tante Schnee atmete vorerst auf und sagte: „Gut, dass du nach Hause kommst, um nach dem Rechten zu sehen. Bei den Jias müssten wir uns eigentlich bedanken, doch jetzt, wo die Zhou-Kaisergemahlin gestorben ist, sind sie ständig im Palast, und zu Hause ist es leer. Ich dachte daran, hinüberzugehen und der Tante ein wenig Gesellschaft zu leisten und zu helfen, nur fehlte es bei uns an jemandem. Jetzt, wo du da bist, passt es gut."
Xue Ke sagte: „Unterwegs habe ich gehört, es sei die Jia-Kaisergemahlin gestorben; deshalb bin ich so schnell zurückgekommen. Ich wunderte mich: Unserer Kaisergemahlin ging es doch gut — wieso ist sie plötzlich gestorben?" Tante Schnee erzählte: „Letztes Jahr war sie einmal krank, aber sie erholte sich. Diesmal hörte man auch nichts von einer Krankheit der Gemahlin. Nur dass drüben die Alte Ahnin seit einigen Tagen nicht recht wohl war — sobald sie die Augen schloss, sah sie die Kaisergemahlin Urfrühling vor sich, und alle machten sich Sorgen. Als man aber nachforschte, war im Palast alles in Ordnung. Dann, vorgestern Abend, sagte die Alte Ahnin selbst: ‚Warum kommt Urfrühling ganz allein zu mir?' Alle dachten, eine alte Dame phantasiere in der Krankheit, und glaubten es nicht. Die Alte Ahnin sagte weiter: ‚Ihr glaubt mir nicht? Urfrühling hat sogar zu mir gesagt: Aller Glanz geht rasch zu Ende — man muss sich rechtzeitig zurückziehen.' Jeder dachte, das seien die Grübeleien einer alten Frau, und nahm es nicht ernst. Am nächsten Morgen kam aufgeregt die Nachricht aus dem Palast: Die Gemahlin sei schwer erkrankt, und alle Ehrentitelträgerinnen sollten sich melden. Da erschraken alle zutiefst und eilten in den Palast. Ehe sie zurückkehrten, hörten wir zu Hause schon, dass die Zhou-Kaisergemahlin gestorben sei. Stell dir vor: Das Gerücht von draußen und die Angst zu Hause fielen genau zusammen — ist das nicht seltsam?"
Schatzspange sagte: „Nicht nur die Gerüchte draußen waren falsch — auch zu Hause hat man, kaum das Wort ‚Kaisergemahlin' gehört, sofort panisch reagiert, und erst hinterher wurde alles klar. In den letzten Tagen kamen die Mädchen und Dienerinnen von drüben und sagten, sie hätten schon vorher gewusst, dass es nicht unsere Kaisergemahlin war. Ich fragte: ‚Woher wusstet ihr das so sicher?' Sie erzählten: ‚Vor ein paar Jahren, im ersten Monat, wurde aus der Provinz ein Wahrsager empfohlen, der angeblich sehr treffsicher sei. Die Alte Ahnin ließ die Geburtsdaten der Kaisergemahlin unter die der Dienstmädchen mischen und zum Wahrsagen schicken. Er sagte über das eine Mädchen, das am ersten Tag des ersten Monats geboren war: Die Geburtsstunde stimme wohl nicht; sonst wäre sie wirklich eine Person von höchstem Rang und könnte nicht in diesem Haus leben. Der gnädige Herr und alle sagten: Ob richtig oder nicht — rechne einfach nach den Daten. Der Wahrsager sprach: Im Jiashen-Jahr, erster Monat, Bingyin — diese Zeichen enthielten zwar Zeichen für Verlust; doch das Shen-Zeichen berge Amt und Glückspferd, und das bedeute, sie könne nicht im Hause gehalten werden, aber besonders gut sei es auch nicht. Der Tagesstamm Yimao, Frühholz in voller Kraft — zwar gleichartig, doch je mehr gleichartig, desto besser; wie ein gutes Holz, das erst durch kunstvolles Schnitzen zum Meisterwerk wird. Besonders erfreulich sei die Stunde mit dem Xinjin-Metall als Edelzeichen und dem Si-Zeichen mit Amt und Glückspferd, was ‚Fliegendes-Glück-Pferd-Format' heiße. Er sagte noch: Der Tag treffe auf reines Glück von höchstem Gewicht; Himmels- und Mondtugend stünden im eigenen Schicksal — begünstigt mit der Huld des Pfeffer-Palastes. Wenn die Geburtsstunde stimme, sei dieses Mädchen bestimmt eine Kaisergemahlin. Und das stimmte doch! Aber er sagte auch: Nur schade, dass der Glanz nicht von Dauer sei — er fürchte, im Yin-Jahr und Mao-Monat, da sei Gleichartiges auf Gleichartigem und Raub auf Raub; wie ein gutes Holz, das man zu fein schnitze, bis die Substanz nicht mehr halte. Das haben alle vergessen und nur blindlings Panik gemacht. Als ich mich daran erinnerte, erzählte ich es unserer Ersten Schwägerin — dieses Jahr ist doch gar kein Yin-Jahr und Mao-Monat!'"
Ehe Schatzspange den Bericht beendet hatte, unterbrach Xue Ke ungeduldig: „Lasst jetzt die Angelegenheiten anderer Leute! Wenn es so einen göttlichen Wahrsager gibt, will ich wissen, welcher böse Stern dieses Jahr meinem Bruder dieses Unglück beschert hat. Schreibt schnell seine Geburtsdaten auf — ich lasse ihn wahrsagen! Droht Gefahr?" Schatzspange sagte: „Er kam aus der Provinz — wer weiß, ob er dieses Jahr noch in der Hauptstadt ist."
Damit machte man Tante Schnee für den Besuch bei den Jias zurecht. Dort waren nur Seidenweiß Pflaume[7] und Erkundefrühling[8] zu Hause und empfingen sie. Erkundefrühling fragte: „Wie steht es mit dem Fall des Großen Bruders?" Tante Schnee sagte: „Man wartet noch auf die Bestätigung der höheren Instanz, aber es sieht so aus, als werde es nicht die Todesstrafe." Da waren alle erleichtert. Erkundefrühling erzählte: „Gestern Abend sagte die Tante: ‚Als wir damals in Schwierigkeiten waren, hat die Tante uns geholfen; jetzt, wo wir selbst Sorgen haben, können wir schlecht darum bitten.' Es lässt ihr keine Ruhe." Tante Schnee sagte: „Auch mir fällt es zu Hause schwer. Nur hat mein älterer Sohn diesen Ärger, und der jüngere ist in Geschäften unterwegs. Zu Hause ist Schatzspange allein — was kann die schon ausrichten? Dazu ist unsere Schwiegertochter eine, die nichts versteht; deshalb konnte ich mich nicht losreißen. Jetzt, wo der Kreisrichter mit den Vorbereitungen für die Zhou-Kaisergemahlin beschäftigt ist und den Fall nicht weiterverfolgen kann, ist der Zweite zurückgekehrt, und ich konnte endlich herüberkommen." Seidenweiß Pflaume sagte: „Wenn die Tante ein paar Tage hierbleiben möchte, wäre das noch besser." Tante Schnee nickte: „Ich möchte euch Mädchen ein wenig Gesellschaft leisten; nur ist eure Schwester Bao dann einsamer." Bedauerfrühling[9] fragte: „Wenn die Tante sich sorgt — warum holt man Schwester Schatzspange nicht auch her?" Tante Schnee lachte: „Das geht nicht." Bedauerfrühling fragte: „Warum nicht? Früher hat sie doch auch hier gewohnt!" Seidenweiß Pflaume sagte: „Du verstehst das nicht. Bei ihnen zu Hause ist gerade etwas vorgefallen — wie soll sie da kommen?" Bedauerfrühling nahm das für bare Münze und fragte nicht weiter.
Da kamen die Herzoginmutter und die anderen zurück. Beim Anblick von Tante Schnee vergaßen sie fast die Begrüßung und fragten sofort nach Becken Schnees Angelegenheit. Tante Schnee erzählte alles ausführlich. Schatzjade[10], der daneben stand und den Namen Jiang Yuhan hörte, wagte vor den anderen nicht zu fragen, dachte aber bei sich: „Wenn er nach Peking zurückgekommen ist, warum besucht er mich nicht?" Und dass Schatzspange nicht erschien, wusste er nicht zu deuten. Grübelnd stand er da, als Kajaljade[11] ebenfalls zur Begrüßung kam. Schatzjade fühlte sich sogleich ein wenig froher, ließ den Gedanken an Schatzspange fahren und aß mit den Schwestern bei der Großmutter zu Abend. Danach ging man auseinander; Tante Schnee übernachtete im Nebengemach der Herzoginmutter.
Schatzjade kam in sein Zimmer, wechselte die Kleider, und plötzlich fiel ihm das Schweißtuch ein, das Jiang Yuhan ihm einst geschenkt hatte. Er fragte Dufthauch[12]: „Das rote Schweißtuch, das du vor Jahren nicht mehr getragen hast — hast du das noch?" Dufthauch sagte: „Ich habe es aufgehoben. Warum fragst du?" Schatzjade: „Nur so." Dufthauch: „Du hast gehört, mit was für Gesindel Herr Xue verkehrt und wie das zu diesem Mordfall geführt hat — und da bringst du solche Sachen zur Sprache? Statt dir unnötig den Kopf zu zerbrechen, könntest du lieber in Ruhe lernen und diese belanglosen Dinge beiseitelassen." Schatzjade: „Ich mache doch gar nichts — es fiel mir nur zufällig ein. Ob es da ist oder nicht, ich frage ja nur, und schon hältst du mir eine Predigt!" Dufthauch lachte: „Ich rede nicht zu viel. Wenn ein Mensch gebildet und gesittet ist, sollte er nach oben streben. Selbst wenn jemand, den man liebt, käme — man möchte doch, dass er Freude und Achtung empfindet!"
Dufthauchs Worte erinnerten Schatzjade, und er rief: „Ach herrje! Vorhin bei der Großmutter habe ich bei den vielen Menschen gar nicht mit Schwester Lin gesprochen, und sie hat mich auch keines Blickes gewürdigt. Beim Aufbrechen ging sie als Erste. Bestimmt ist sie jetzt in ihrem Zimmer — ich gehe kurz hin und komme gleich zurück." Damit lief er los. Dufthauch rief: „Komm bald zurück! Ich habe das Thema angeschnitten und nun erst recht deine Begeisterung geweckt."
Schatzjade antwortete nicht, ging mit gesenktem Kopf geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon. Kajaljade saß am Tisch und las. Schatzjade trat heran und sagte lächelnd: „Schwester, du bist schon früh zurück?" Kajaljade lachte: „Wenn du mich nicht beachtest, was soll ich dort noch?" Schatzjade entschuldigte sich lachend: „Es waren so viele Leute, ich kam nicht zu Wort, deshalb habe ich nicht mit dir gesprochen." Dabei blickte er auf Kajaljades Buch — kein einziges Zeichen konnte er lesen. Manche sahen aus wie „Shao", andere wie „Mang"; dann gab es ein „Da"-Zeichen mit einem Haken daneben, einer „Neun" darüber und einer „Fünf" in der Mitte; andere hatten oben eine „Fünf" und eine „Sechs", dann ein „Mu"-Zeichen, und unten wieder eine „Fünf". Es sah sonderbar und rätselhaft aus. Schatzjade sagte: „Schwester, du machst wirklich Fortschritte — schon liest du Himmelsschrift!"
Kajaljade lachte auf: „Ein feiner Gelehrter! Noch nie eine Qin-Partitur gesehen!" Schatzjade erwiderte: „Natürlich kenne ich Qin-Partituren — aber warum kann ich kein einziges Zeichen lesen? Kannst du das denn?" Kajaljade sagte: „Wenn ich es nicht könnte, warum sollte ich es mir ansehen?" Schatzjade: „Das glaube ich nicht — ich habe noch nie gehört, dass du die Zither spielst. In unserer Bibliothek hängen mehrere Zithern; vor zwei Jahren kam ein literarischer Berater namens Ji Haogu, und der Vater bat ihn um ein Stück. Er nahm eine Zither herunter und sagte, keine davon tauge etwas. Er sagte: ‚Wenn der gnädige Herr einmal Lust hat, bringe ich ein andermal mein eigenes Instrument mit.' Aber der Vater versteht wohl auch nichts davon, und so kam er nicht wieder. Und du hast dieses Talent die ganze Zeit verborgen?"
Kajaljade sagte: „Ich kann doch gar nicht wirklich spielen! Neulich, als es mir etwas besserging, fand ich beim Stöbern im großen Bücherschrank ein Qin-Notenbuch. Es war von feinstem Geschmack; die darin dargelegte Theorie der Zither war sehr stimmig, und die Spieltechnik wurde klar erklärt — wahrhaftig die Kunst der Alten zur Beruhigung des Geistes und Pflege des Gemüts. In Yangzhou habe ich auch Vorträge darüber gehört und sogar geübt; nur weil ich aufhörte, ging alles verloren. Wie man so sagt: ‚Drei Tage nicht gespielt, und Dornen wachsen an den Händen.' Neulich fand ich in diesem Buch nur Stücknamen ohne Text; da suchte ich anderswo ein Buch mit Texten und fand es viel interessanter. Freilich ist es sehr schwer, wirklich gut zu spielen. Im Buch heißt es: Als der Meister Shi Kuang die Zither spielte, kamen Wind, Donner, Drachen und Phönixe herbei. Und der heilige Konfuzius lernte die Zither beim Meister Xiang — schon nach einem Stück erkannte er, dass es von Wen König stammte. ‚Hohe Berge und fließendes Wasser' — so fand man den wahren Geistesverwandten." Bei diesen Worten zuckten ihre Augenlider leicht, und langsam senkte sie den Kopf.
Schatzjade hörte begeistert zu und rief: „Liebe Schwester, was du gerade erzählt hast, ist wirklich faszinierend! Nur die Zeichen von vorhin — das ‚Da' mit dem Haken und der ‚Fünf' in der Mitte — das musst du mir erklären." Kajaljade lachte: „Das braucht man nicht zu lehren — ein Wort genügt. Das ‚Da' und die ‚Neun' bedeuten: Mit dem Daumen der linken Hand drückt man auf den neunten Bund der Zither. Der Haken mit der ‚Fünf' heißt: Mit der rechten Hand zupft man die fünfte Saite an. Das sind keine einzelnen Schriftzeichen, sondern zusammengesetzte Zeichen für einen Ton — ganz einfach. Dazu gibt es noch Techniken wie Yin, Rou, Chuo, Zhu, Zhuang, Zou, Fei und Tui — das sind alles Anweisungen für die Spieltechnik."
Schatzjade war so begeistert, dass er vor Freude hüpfte: „Liebe Schwester, da du die Zitherkunst verstehst — warum fangen wir nicht an zu lernen?" Kajaljade antwortete: „Qin heißt ‚Einhalt' — die Alten schufen sie zur Selbstdisziplin, zur Pflege des Gemüts und zur Unterdrückung von Ausschweifung und Verschwendung. Wenn man spielen will, braucht man ein stilles Gemach oder einen hohen Saal, oder man sitzt hoch oben in einem Turm, zwischen Felsen und Bäumen, auf einem Berggipfel oder am Ufer eines Flusses. Man wartet auf einen Augenblick, da Himmel und Erde im Einklang sind, der Wind klar und der Mond hell. Man entzündet Weihrauch und sitzt still; das Herz schweift nicht nach außen, Qi und Blut sind in Harmonie — erst dann kann der Geist sich mit dem Göttlichen verbinden und der Weg mit dem Wunderbaren verschmelzen. Darum sagten die Alten: ‚Einen wahren Geistesverwandten zu finden, ist schwer.' Findet man keinen, so ist es besser, allein vor dem klaren Wind und dem hellen Mond, zwischen alten Kiefern und bizarren Felsen, wilden Affen und ehrwürdigen Kranichen zu spielen, um seine Empfindungen auszudrücken — das erst wird dem Instrument gerecht. Und es gibt noch eine Ebene: Man braucht eine gute Fingertechnik und einen schönen Anschlag. Will man wirklich spielen, muss man zuerst ordentlich gekleidet sein — in einem Kranichmantel oder einem tiefen Gewand nach Art der Alten –, dann erst ist man des heiligen Instruments würdig. Man wäscht sich die Hände, entzündet Weihrauch, nimmt Platz auf einer Liege, legt die Zither auf den Tisch und sitzt am fünften Bund, die Mitte der Zither genau gegenüber der Brust. Dann hebt man langsam und gelassen beide Hände — erst dann sind Leib und Seele aufrecht. Man muss auch das Wechselspiel von Leicht und Schwer, Schnell und Langsam, Spannung und Lösung kennen, sich natürlich bewegen und eine würdevolle Haltung wahren." Schatzjade sagte: „Wir wollen doch nur zum Vergnügen lernen — wenn man es so genau nimmt, wird es wirklich schwer."
Während sie noch sprachen, kam Purpurkuckuck[13] herein und sah Schatzjade. Lachend sagte sie: „Der Zweite Herr Bao ist heute aber bester Laune!" Schatzjade lachte: „Was die Schwester eben auseinandergesetzt hat, war mir eine wahre Erleuchtung — je mehr ich höre, desto lieber höre ich zu." Purpurkuckuck sagte: „Das meine ich nicht — ich meine, dass Ihr zu uns herübergekommen seid." Schatzjade erwiderte: „In letzter Zeit war die Schwester krank, und ich fürchtete, sie zu stören; außerdem ging ich in die Schule — so entstand der Eindruck, als hätten wir uns entfremdet." Purpurkuckuck unterbrach ihn: „Das Fräulein hat sich gerade erst erholt. Wenn der Zweite Herr schon so sagt — sitzen kann er ja ein Weilchen, aber dann sollte er das Fräulein auch ausruhen lassen, statt sie mit solchen Vorträgen zu ermüden." Schatzjade lachte: „Natürlich — ich habe nur so gern zugehört, dass ich ganz vergessen habe, wie anstrengend es für die Schwester ist."
Kajaljade lächelte: „So zu reden macht mir auch Freude — anstrengend ist es nicht. Nur fürchte ich, dass ich immerzu rede und du immerzu nichts verstehst." Schatzjade sagte: „Nach und nach werde ich es schon begreifen." Er stand auf: „Ruh dich wirklich aus, Schwester. Morgen sage ich es der Dritten und der Vierten Schwester — die sollen auch lernen, und ich werde zuhören." Kajaljade lachte: „Du bist wirklich verwöhnt! Selbst wenn alle es lernten und spielten, und du verstündest nichts davon — dann wärst du doch gegen …" An dieser Stelle dachte sie an etwas, das sie im Herzen trug, und brach ab. Schatzjade lachte: „Solange ihr spielen könnt, höre ich gern zu — ob Perlen vor die Ochsen geworfen oder nicht." Kajaljade errötete und lächelte; auch Purpurkuckuck und Schneegans lachten.
Schatzjade ging zur Tür hinaus. Da kam Herbstmuster mit einem kleinen Mädchen, das ein Töpfchen mit Orchideen trug, und sagte: „Drüben bei der Gnädigen Frau hat jemand vier Töpfe Orchideen gebracht; weil drinnen gerade viel los ist und niemand Zeit hat, sich darum zu kümmern, schickt man dem Zweiten Herrn einen und dem Fräulein Lin einen." Kajaljade betrachtete die Pflanze — einige Stiele trugen Doppelblüten — und ein plötzliches Gefühl durchzuckte sie, sie wusste nicht, ob Freude oder Trauer, und starrte nur stumm auf die Blüten. Schatzjade aber hatte im Augenblick nur die Zither im Sinn und sagte: „Jetzt, wo die Schwester Orchideen hat, kann sie die ‚Elegie auf die Orchidee' spielen."
Als Kajaljade dies hörte, wurde ihr seltsam unbehaglich zumute. Zurück in ihrem Zimmer, betrachtete sie die Blüte und dachte: „Gräser und Bäume blühen im Frühling, Blüten leuchten und Blätter gedeihen. Aber ich, noch so jung, bin schon wie eine Herbstweide im September. Wenn sich mein Herzenswunsch erfüllt, mag es allmählich bergauf gehen; wenn nicht, fürchte ich, bin ich wie Blumen und Weiden am Ende des Frühlings — wie sollte ich dem treibenden Wind und peitschenden Regen standhalten?" Bei diesem Gedanken liefen ihr die Tränen über die Wangen.
Purpurkuckuck sah es und konnte sich den Grund nicht erklären: „Eben, als Schatzjade hier war, war sie so fröhlich; und jetzt schaut sie sich Blumen an und wird plötzlich traurig?" Gerade grübelte sie, wie sie trösten sollte, als ein Bote von Schatzspange erschien.
Was es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
- ↑ Qin (琴): Die siebensaitige Griffbrettzither, eines der vier Künste des chinesischen Gelehrten (Qin, Schach, Kalligraphie, Malerei).
- ↑ Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
- ↑ Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
- ↑ Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
- ↑ Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".
- ↑ Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Frau im Schleiertuch".
- ↑ Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
- ↑ Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
- ↑ Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
- ↑ Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).