Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 97"
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Kajaljade hatte an diesem Tag erfahren, dass Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> und Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref> verheiratet werden sollten. Dies war seit Jahren ihr Herzenskummer, und in einem Anfall von Zorn und Aufregung hatte sie den Verstand verloren. Doch nachdem sie nun Blut gespuckt hatte, wurde ihr Geist allmählich wieder klarer, und von den Geschehnissen zuvor wusste sie kein einziges Wort mehr. Als sie nun Purpurkuckuck weinen sah, kamen ihr die Worte des Dummerchens vage wieder in den Sinn. Diesmal aber empfand sie keinen Schmerz mehr — sie wünschte sich nur noch einen schnellen Tod, um diese Schuld zu begleichen. | Kajaljade hatte an diesem Tag erfahren, dass Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> und Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref> verheiratet werden sollten. Dies war seit Jahren ihr Herzenskummer, und in einem Anfall von Zorn und Aufregung hatte sie den Verstand verloren. Doch nachdem sie nun Blut gespuckt hatte, wurde ihr Geist allmählich wieder klarer, und von den Geschehnissen zuvor wusste sie kein einziges Wort mehr. Als sie nun Purpurkuckuck weinen sah, kamen ihr die Worte des Dummerchens vage wieder in den Sinn. Diesmal aber empfand sie keinen Schmerz mehr — sie wünschte sich nur noch einen schnellen Tod, um diese Schuld zu begleichen. | ||
| − | Purpurkuckuck und Schneegans konnten nur bei ihr wachen. Sie hätten gern jemanden benachrichtigt, fürchteten aber, es könnte ihnen wie beim letzten Mal ergehen, als Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref> sie getadelt hatte, weil sie übertrieben und falschen Alarm geschlagen hätten. Doch Herbstmuster war mit einem Ausdruck des Entsetzens auf dem Gesicht in die Gemächer der Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref> zurückgekehrt. Die Herzoginmutter hatte gerade ihren Mittagsschlaf beendet, und als sie Herbstmusters verstörte Miene sah, fragte sie: „Was ist geschehen?" Herbstmuster erzählte vor Schreck hastig alles, was passiert war. Die Herzoginmutter erschrak zutiefst: „Wie fürchterlich!" Sofort ließ sie Frau | + | Purpurkuckuck und Schneegans konnten nur bei ihr wachen. Sie hätten gern jemanden benachrichtigt, fürchteten aber, es könnte ihnen wie beim letzten Mal ergehen, als Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref> sie getadelt hatte, weil sie übertrieben und falschen Alarm geschlagen hätten. Doch Herbstmuster war mit einem Ausdruck des Entsetzens auf dem Gesicht in die Gemächer der Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref> zurückgekehrt. Die Herzoginmutter hatte gerade ihren Mittagsschlaf beendet, und als sie Herbstmusters verstörte Miene sah, fragte sie: „Was ist geschehen?" Herbstmuster erzählte vor Schreck hastig alles, was passiert war. Die Herzoginmutter erschrak zutiefst: „Wie fürchterlich!" Sofort ließ sie Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref> und Phönixglanz holen und berichtete dem Schwiegertochter-Schwiegermutter-Paar alles. Phönixglanz sagte: „Ich hatte doch allen strikte Anweisungen gegeben! Wer hat das Geheimnis verraten? Nun haben wir ein noch größeres Problem!" Die Herzoginmutter sagte: „Kümmern wir uns jetzt nicht darum, sondern sehen wir erst einmal nach, wie es ihr geht." |
| − | Damit stand sie auf und ging mit Frau | + | Damit stand sie auf und ging mit Frau König, Phönixglanz und den anderen hinüber, um nach Kajaljade zu sehen. Sie fanden ihr Gesicht schneeweiß, ohne jede Spur von Farbe, den Blick trübe und die Atemzüge kaum wahrnehmbar. Nach einer Weile hustete sie wieder; ein Mädchen reichte den Spucknapf, und was sie ausspie, war durchweg mit Blut durchsetzter Schleim. Alle erschraken. Da öffnete Kajaljade schwach die Augen, sah die Herzoginmutter neben sich und keuchte: „Großmutter, Eure Liebe für mich war vergebens." Als die Herzoginmutter diese Worte hörte, ergriff sie tiefste Trauer. Sie sagte: „Gutes Kind, schone dich. Du wirst wieder gesund." Kajaljade lächelte schwach und schloss die Augen wieder. |
| − | Von draußen meldete ein Dienstmädchen Phönixglanz: „Der Arzt ist da." Darauf zogen sich die Damen ein wenig zurück. Der Arzt | + | Von draußen meldete ein Dienstmädchen Phönixglanz: „Der Arzt ist da." Darauf zogen sich die Damen ein wenig zurück. Der Arzt König trat zusammen mit Kette Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾琏</ref> ein, fühlte den Puls und sagte: „Noch besteht kein Grund zur Beunruhigung. Es ist eine Blockierung krankhafter Trübsal, die die Leber angegriffen hat. Die Leber kann das Blut nicht halten, deshalb ist der Geist unruhig. Man muss jetzt Mittel einsetzen, die das Yin zusammenziehen und die Blutung stillen, dann darf man auf Besserung hoffen." Nachdem Arzt König gesprochen hatte, ging er zusammen mit Kette Kaufmann hinaus, um das Rezept zu schreiben und die Medizin zu besorgen. |
Die Herzoginmutter sah, dass es Kajaljade schlecht ging, kam heraus und sagte zu Phönixglanz und den anderen: „So wie ich die Krankheit dieses Kindes sehe — und ich will nichts Böses heraufbeschwören —, fürchte ich, sie hat wenig Aussicht auf Genesung. Ihr solltet Vorbereitungen für sie treffen; vielleicht wendet ein günstiges Zeichen noch alles zum Guten, und dann wären wir alle erleichtert. Aber selbst im schlimmsten Fall geraten wir dann nicht in Hast und Durcheinander. In diesen Tagen haben wir im Haus ohnehin noch anderes zu erledigen!" Phönixglanz stimmte zu. | Die Herzoginmutter sah, dass es Kajaljade schlecht ging, kam heraus und sagte zu Phönixglanz und den anderen: „So wie ich die Krankheit dieses Kindes sehe — und ich will nichts Böses heraufbeschwören —, fürchte ich, sie hat wenig Aussicht auf Genesung. Ihr solltet Vorbereitungen für sie treffen; vielleicht wendet ein günstiges Zeichen noch alles zum Guten, und dann wären wir alle erleichtert. Aber selbst im schlimmsten Fall geraten wir dann nicht in Hast und Durcheinander. In diesen Tagen haben wir im Haus ohnehin noch anderes zu erledigen!" Phönixglanz stimmte zu. | ||
| − | Die Herzoginmutter befragte dann Purpurkuckuck ein weiteres Mal, konnte aber nicht herausfinden, wer das Geheimnis verraten hatte. Im Inneren grübelnd, sagte die Herzoginmutter: „Die Kinder haben von klein auf zusammen gespielt, und eine gewisse Zuneigung ist natürlich. Aber jetzt, wo sie erwachsen sind und die Dinge des Lebens verstehen, müssen sie den gebührenden Abstand wahren — das ist die Pflicht eines wohlerzogenen Mädchens, und nur dann hat es meine Liebe verdient. Wenn sie im Herzen andere Gedanken hegt, was wäre sie dann für ein Mensch geworden! Dann hätte ich sie wirklich umsonst geliebt. Was ihr mir berichtet, beunruhigt mich." Damit kehrte sie in ihre Gemächer zurück und ließ Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref> zu sich rufen. Dufthauch wiederholte alles, was sie zuvor Frau | + | Die Herzoginmutter befragte dann Purpurkuckuck ein weiteres Mal, konnte aber nicht herausfinden, wer das Geheimnis verraten hatte. Im Inneren grübelnd, sagte die Herzoginmutter: „Die Kinder haben von klein auf zusammen gespielt, und eine gewisse Zuneigung ist natürlich. Aber jetzt, wo sie erwachsen sind und die Dinge des Lebens verstehen, müssen sie den gebührenden Abstand wahren — das ist die Pflicht eines wohlerzogenen Mädchens, und nur dann hat es meine Liebe verdient. Wenn sie im Herzen andere Gedanken hegt, was wäre sie dann für ein Mensch geworden! Dann hätte ich sie wirklich umsonst geliebt. Was ihr mir berichtet, beunruhigt mich." Damit kehrte sie in ihre Gemächer zurück und ließ Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref> zu sich rufen. Dufthauch wiederholte alles, was sie zuvor Frau König erzählt hatte, und beschrieb außerdem die Szene zwischen Kajaljade und Schatzjade, die sich gerade ereignet hatte. Die Herzoginmutter sagte: „Als ich sie vorhin sah, schien sie mir noch nicht völlig verwirrt. Das verstehe ich nicht. In einer Familie wie der unseren gibt es gewisse Dinge einfach nicht — und eine Herzenskrankheit kann es schlechterdings nicht geben. Wenn das Fräulein Lin nicht an dieser Krankheit litte, würde ich jeden Preis für ihre Behandlung zahlen. Aber bei dieser Krankheit ist nicht nur keine Heilung möglich — ich habe auch selbst nicht mehr das Herz dazu." |
| − | Phönixglanz sagte: „Was die Schwester Lin betrifft, braucht sich die gnädige Frau nicht den Kopf zu zerbrechen. Ihr Stiefbruder geht ohnehin jeden Tag mit einem Arzt zu ihr. Die Angelegenheiten bei der Tante | + | Phönixglanz sagte: „Was die Schwester Lin betrifft, braucht sich die gnädige Frau nicht den Kopf zu zerbrechen. Ihr Stiefbruder geht ohnehin jeden Tag mit einem Arzt zu ihr. Die Angelegenheiten bei der Tante Schnee sind viel dringender. Heute Morgen habe ich gehört, dass die Zimmer fast fertig sind. Am besten gehen die gnädige Frau und die Herrin zu Tante Schnee hinüber, ich komme auch mit, und wir besprechen alles. Nur eines: Zu Hause bei Tante Schnee ist das Fräulein Schnee, und dort können wir schlecht reden. Am besten bitten wir Tante Schnee, heute Abend herüberzukommen, dann können wir die ganze Nacht alles durchbesprechen und auf einmal erledigen." Die Herzoginmutter und Frau König sagten beide: „Du hast recht. Heute ist es zu spät. Morgen nach dem Essen gehen wir Frauen hinüber." Die Herzoginmutter nahm dann das Abendessen ein, Phönixglanz und Frau König gingen in ihre jeweiligen Gemächer — davon soll nicht weiter die Rede sein. |
Am nächsten Morgen kam Phönixglanz nach dem Frühstück herüber, um Schatzjades Zustand auszutesten. Sie ging in sein Zimmer und sagte: „Ich gratuliere, Bruder Schatzjade! Der Herr hat bereits einen Glückstag gewählt, um dich zu verheiraten. Freust du dich?" Schatzjade hörte das, starrte Phönixglanz nur lächelnd an und nickte leicht. Phönixglanz lachte: „Wir holen die Schwester Kajaljade als Braut für dich her — ist dir das recht?" Schatzjade brach in schallendes Gelächter aus. Phönixglanz beobachtete ihn und konnte nicht ergründen, ob er bei Verstand oder im Wahn war. Deshalb fragte sie weiter: „Der Herr sagt, wenn du wieder gesund bist, darfst du die Schwester Kajaljade heiraten. Wenn du aber weiter so verrückt bist, lässt er dich nicht heiraten." Schatzjades Ausdruck wurde plötzlich ernst, und er sagte: „Ich bin nicht verrückt. Du bist verrückt!" Er stand auf und sagte: „Ich gehe die Schwester Kajaljade besuchen und sage ihr, sie soll sich keine Sorgen machen." Phönixglanz hielt ihn hastig fest und sagte: „Die Schwester Kajaljade weiß längst Bescheid. Sie soll ja bald eine Braut werden und schämt sich natürlich — sie will dich jetzt nicht sehen." Schatzjade fragte: „Wenn sie erst einmal zu mir herübergekommen ist, wird sie mich dann sehen oder nicht?" | Am nächsten Morgen kam Phönixglanz nach dem Frühstück herüber, um Schatzjades Zustand auszutesten. Sie ging in sein Zimmer und sagte: „Ich gratuliere, Bruder Schatzjade! Der Herr hat bereits einen Glückstag gewählt, um dich zu verheiraten. Freust du dich?" Schatzjade hörte das, starrte Phönixglanz nur lächelnd an und nickte leicht. Phönixglanz lachte: „Wir holen die Schwester Kajaljade als Braut für dich her — ist dir das recht?" Schatzjade brach in schallendes Gelächter aus. Phönixglanz beobachtete ihn und konnte nicht ergründen, ob er bei Verstand oder im Wahn war. Deshalb fragte sie weiter: „Der Herr sagt, wenn du wieder gesund bist, darfst du die Schwester Kajaljade heiraten. Wenn du aber weiter so verrückt bist, lässt er dich nicht heiraten." Schatzjades Ausdruck wurde plötzlich ernst, und er sagte: „Ich bin nicht verrückt. Du bist verrückt!" Er stand auf und sagte: „Ich gehe die Schwester Kajaljade besuchen und sage ihr, sie soll sich keine Sorgen machen." Phönixglanz hielt ihn hastig fest und sagte: „Die Schwester Kajaljade weiß längst Bescheid. Sie soll ja bald eine Braut werden und schämt sich natürlich — sie will dich jetzt nicht sehen." Schatzjade fragte: „Wenn sie erst einmal zu mir herübergekommen ist, wird sie mich dann sehen oder nicht?" | ||
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Phönixglanz fand das zugleich komisch und beunruhigend. Sie dachte bei sich: „Dufthauch hatte recht. Sobald man die Schwester Kajaljade erwähnt, redet er zwar immer noch wirr, aber er scheint etwas klarer. Wenn er wirklich wieder zu Verstand kommt und dann erfährt, dass es nicht das Fräulein Lin ist — wenn dieses Rätsel gelüftet wird, dann haben wir wahrhaft großen Ärger!" Sie unterdrückte ein Lächeln und sagte: „Wenn du dich vernünftig verhältst, wird sie dich sehen. Wenn du weiter wie ein Verrückter bist, sieht sie dich nicht." Schatzjade sagte: „Ich habe ein Herz, und das habe ich vor einiger Zeit der Schwester Kajaljade übergeben. Wenn sie herüberkommt, soll sie es mitbringen und mir wieder in den Bauch zurücklegen." | Phönixglanz fand das zugleich komisch und beunruhigend. Sie dachte bei sich: „Dufthauch hatte recht. Sobald man die Schwester Kajaljade erwähnt, redet er zwar immer noch wirr, aber er scheint etwas klarer. Wenn er wirklich wieder zu Verstand kommt und dann erfährt, dass es nicht das Fräulein Lin ist — wenn dieses Rätsel gelüftet wird, dann haben wir wahrhaft großen Ärger!" Sie unterdrückte ein Lächeln und sagte: „Wenn du dich vernünftig verhältst, wird sie dich sehen. Wenn du weiter wie ein Verrückter bist, sieht sie dich nicht." Schatzjade sagte: „Ich habe ein Herz, und das habe ich vor einiger Zeit der Schwester Kajaljade übergeben. Wenn sie herüberkommt, soll sie es mitbringen und mir wieder in den Bauch zurücklegen." | ||
| − | Phönixglanz hörte, dass das nur Wahnsinnsgerede war, und ging hinaus. Sie blickte die Herzoginmutter lächelnd an. Die Herzoginmutter hatte alles gehört und schwankte zwischen Belustigung und Mitgefühl. Sie sagte: „Ich habe alles gehört. Lasst ihn fürs Erste in Ruhe, sagt Dufthauch, sie soll sich gut um ihn kümmern. Gehen wir!" Frau | + | Phönixglanz hörte, dass das nur Wahnsinnsgerede war, und ging hinaus. Sie blickte die Herzoginmutter lächelnd an. Die Herzoginmutter hatte alles gehört und schwankte zwischen Belustigung und Mitgefühl. Sie sagte: „Ich habe alles gehört. Lasst ihn fürs Erste in Ruhe, sagt Dufthauch, sie soll sich gut um ihn kümmern. Gehen wir!" Frau König war inzwischen auch gekommen. |
| − | Alle begaben sich zu Tante | + | Alle begaben sich zu Tante Schnee <ref>Chinesisch: 薛姨妈</ref> und sagten nur: „Wir machen uns Sorgen wegen der Sache hier und wollten nach dir sehen." Tante Schnee war sehr dankbar und sprach über Becken Schnee <ref>Chinesisch: 薛蟠</ref>. Nachdem man Tee getrunken hatte, wollte Tante Schnee jemanden schicken, um Schatzspange Bescheid zu sagen, doch Phönixglanz hielt sie hastig zurück: „Tante braucht dem Fräulein Schnee nichts zu sagen." Dann wandte sie sich mit einem verbindlichen Lächeln an Tante Schnee: „Die gnädige Frau kommt erstens, um nach Tante zu sehen, und zweitens hat sie etwas Wichtiges zu besprechen und möchte Tante bitten, drüben zu uns zu kommen, damit wir alles beraten können." Tante Schnee nickte und sagte: „Verstehe." Man tauschte noch einige Höflichkeiten aus und kehrte dann zurück. |
| − | Am Abend kam Tante | + | Am Abend kam Tante Schnee wie versprochen herüber. Nachdem sie der Herzoginmutter ihre Aufwartung gemacht hatte, ging sie zu Frau Königs Gemächern. Dort sprach man unweigerlich über König Ziteng und vergoss gemeinsam eine Weile Tränen. Dann fragte Tante Schnee: „Als ich vorhin bei der gnädigen Frau war, kam der junge Herr Schatzjade heraus, um mich zu begrüßen. Er sah recht gut aus, nur etwas dünn. Ihr habt es doch viel schlimmer dargestellt!" Phönixglanz sagte: „Eigentlich ist es auch gar nicht so ernst. Es ist nur die gnädige Frau, die sich solche Sorgen macht. Jetzt muss der Herr seinen Posten in der Provinz antreten, und wer weiß, wie viele Jahre er fort sein wird. Die Idee der gnädigen Frau ist: Erstens soll der Herr den jungen Schatzjade verheiratet sehen und beruhigt abreisen können. Zweitens soll man Schatzjade durch die Hochzeit Glück bringen, und mit dem goldenen Schloss des Fräulein Schnee die bösen Einflüsse bannen — dann wird er bestimmt genesen." Tante Schnee war im Herzen einverstanden, sorgte sich aber um Schatzspanges Wohlergehen: „Das lässt sich schon machen, aber wir sollten das Ganze noch gründlich beraten." Frau König sprach ganz nach Phönixglanz' Vorgabe mit Tante Schnee und sagte: „Tante hat jetzt niemanden im Haus, also lassen wir die Aussteuer ganz weg. Morgen schickst du den jungen Xue Ke <ref>Chinesisch: 薛蝌</ref> los, um Becken Schnee Bescheid zu sagen. Auf der einen Seite wird hier geheiratet, auf der anderen setzen wir alles daran, den Prozess zu lösen." Von Schatzjades Herzensangelegenheit erwähnte sie kein Wort. Sie fuhr fort: „Tante, da wir jetzt verwandtschaftlich verbunden sind — je früher sie herüberkommt, desto eher wird alles gut, und wir können alle einen Tag eher beruhigt sein." |
| − | Gerade als sie so sprachen, schickte die Herzoginmutter Mandarinenente <ref>Chinesisch: 鸳鸯</ref> herüber, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Tante | + | Gerade als sie so sprachen, schickte die Herzoginmutter Mandarinenente <ref>Chinesisch: 鸳鸯</ref> herüber, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Tante Schnee fürchtete zwar, Schatzspange könnte zu kurz kommen, sah aber, dass sie unter diesen Umständen keine Wahl hatte, und gab ihre volle Zustimmung. Mandarinenente ging zurück und berichtete der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter war sehr erfreut und schickte Mandarinenente noch einmal, um Tante Schnee zu bitten, Schatzspange die Gründe für diese Regelung zu erklären, damit sie sich nicht ungerecht behandelt fühle. Tante Schnee stimmte auch dem zu. Man vereinbarte, dass Phönixglanz und Kette Kaufmann als Vermittlerehepaar fungieren würden. Alle trennten sich, und Frau König und ihre Schwester unterhielten sich noch bis tief in die Nacht. |
| − | Am nächsten Tag kehrte Tante | + | Am nächsten Tag kehrte Tante Schnee nach Hause zurück und erzählte Schatzspange ausführlich alles, was besprochen worden war. Dann fügte sie hinzu: „Ich habe bereits zugestimmt." Schatzspange senkte zunächst schweigend den Kopf, dann begann sie zu weinen. Tante Schnee tröstete sie mit guten Worten und erklärte ihr alles lange und geduldig. Schatzspange zog sich in ihr Zimmer zurück, und Kostbarzither Schnee <ref>Chinesisch: 宝琴</ref> ging mit, um ihr Gesellschaft zu leisten. Tante Schnee sprach auch mit Xue Ke und wies ihn an: „Morgen brich auf. Erstens höre dich nach dem Stand des Prozesses um, zweitens gib deinem Bruder Bescheid über die Hochzeit. Komm so schnell wie möglich zurück." |
| − | Xue Ke war vier Tage unterwegs, dann kehrte er zurück und berichtete Tante | + | Xue Ke war vier Tage unterwegs, dann kehrte er zurück und berichtete Tante Schnee: „Was Bruders Sache betrifft — der Vorgesetzte hat das Urteil auf unbeabsichtigte Tötung bestätigt. Nach der nächsten Verhandlung wird der Bericht an den obersten Gerichtshof geschickt. Wir sollen das Lösegeld bereitstellen. Was Schwesterns Angelegenheit angeht, sagte er: ‚Mutters Entscheidung ist sehr gut. Wenn man es eilig erledigt, spart man auch viel Geld. Mutter braucht nicht auf mich zu warten — macht es, wie ihr es für richtig haltet.'" |
| − | Tante | + | Tante Schnee war erleichtert: Einerseits konnte Becken Schnee bald nach Hause kommen, andererseits war Schatzspanges Sache geregelt, und ihr Herz beruhigte sich. Nur sah sie, dass Schatzspange im Herzen nicht willig schien: „Aber sie ist ein Mädchen und von jeher gehorsam und anständig. Da sie weiß, dass ich zugestimmt habe, wird sie sich nicht widersetzen." Also wies sie Xue Ke an: „Bereite die goldüberzogenen Verlobungskarten vor, trage die acht Zeichen des Geburtsdatums ein und schicke jemanden damit zum Zweiten Herrn Jadeschale hinüber. Frage auch nach dem Tag für den Geschenketausch, damit du alles vorbereiten kannst. Wir laden keine Verwandten und Freunde ein. Die Freunde deines Bruders sind, wie du selbst gesagt hast, ein wertloses Pack. Was die Verwandtschaft betrifft: Die Kaufmann-Familie ist die Familie des Bräutigams, und von den Wangs ist niemand in der Hauptstadt. Als die Nichte Xiangfluss-Wolke verlobt wurde, hat die Familie Shi uns nicht eingeladen, also brauchen wir sie auch nicht zu benachrichtigen. Nur den alten Zhang Dehui sollten wir dazubitten, damit er nach dem Rechten sieht — er ist ein älterer Herr und versteht sich auf solche Dinge." Xue Ke führte die Anweisungen aus und ließ die Verlobungskarten hinüberbringen. |
| − | Am nächsten Tag kam Kaufmann | + | Am nächsten Tag kam Kette Kaufmann zu Tante Schnee, erwies ihr seinen Respekt und sagte: „Morgen ist ein besonders glückverheißender Tag. Ich komme heute, um der Tante mitzuteilen, dass wir morgen die Geschenke austauschen. Ich bitte nur, dass Tante nicht zu streng mit dem Arrangement ist." Dabei überreichte er den Kalender. Tante Schnee sagte einige bescheidene Worte und gab nickend ihre Zustimmung. |
| − | Kaufmann | + | Kette Kaufmann eilte zurück und berichtete Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref>. Aufrecht Kaufmann sagte: „Geh zur Herzoginmutter und sage ihr: Da wir keine Verwandten einladen, soll alles möglichst schlicht gehalten werden. Was die Geschenke betrifft, soll die Herzoginmutter sie sich ansehen — mir braucht man nichts zu sagen." Kette Kaufmann stimmte zu und ging nach innen, um der Herzoginmutter Bericht zu erstatten. |
| − | Frau | + | Frau König rief Phönixglanz und ließ die Geschenke für die Beschauung zur Herzoginmutter bringen. Sie wies auch Dufthauch an, Schatzjade davon zu erzählen. Schatzjade lachte kichernd und sagte: „Hier schickt man Sachen in den Garten, und dann schickt der Garten die Sachen hierher — die eigenen Leute schicken, die eigenen Leute empfangen. Was für eine Mühe, und wozu das alles!" Die Herzoginmutter und Frau König hörten das und freuten sich beide: „Man sagt, er sei verwirrt, aber heute ist er doch so klar!" Mandarinenente und die anderen konnten sich das Lachen nicht verkneifen. Sie traten vor und zeigten der Herzoginmutter ein Stück nach dem anderen: „Dies ist eine goldene Halskette. Dies sind Gold- und Edelsteinschmuckstücke, zusammen achtzig Stück. Dies sind vierzig Ballen Drachenseide für Festtagskleidung. Dies sind einhundertzwanzig Ballen Seidenstoffe in verschiedenen Farben. Dies sind einhundertzwanzig Kleidungsstücke für die vier Jahreszeiten. Draußen hat man keine Zeit gehabt, Hammel und Wein vorzubereiten — hier ist das Geld dafür als Ersatz." Die Herzoginmutter besah alles und fand es gut. Leise sagte sie zu Phönixglanz: „Sag der Tante Schnee, das ist nicht nur Höflichkeit. Wenn Becken Schnee erst zurückkommt, kann sie in Ruhe alles für ihre Tochter anfertigen lassen. Was die Bettdecken für den Hochzeitstag betrifft — die besorgen wir." |
| − | Phönixglanz stimmte zu und ging hinaus. Sie schickte Kaufmann | + | Phönixglanz stimmte zu und ging hinaus. Sie schickte Kette Kaufmann voraus und rief dann Zhou Rui und Wanger herbei, um ihnen Anweisungen zu geben: „Die Geschenke dürft ihr nicht durch das Haupttor bringen. Nehmt die kleine Seitenpforte im Garten, die früher immer offen stand. Ich komme auch gleich nach. Diese Pforte liegt weit vom Xiaoxiang-Pavillon. Falls jemand von den anderen Bereichen euch sieht, sagt ihm, er soll im Xiaoxiang-Pavillon kein Wort davon erwähnen." Die Diener stimmten zu und trugen die Geschenke los. |
Schatzjade hielt alles für bare Münze und war überglücklich. Seine Lebensgeister kehrten spürbar zurück, nur redete er manchmal noch etwas wirr. Als die Geschenküberbringer zurückkamen, nannten sie weder Namen noch Familiennamen, und obwohl im ganzen Haus alle Bescheid wussten, wagte wegen Phönixglanz' Anweisungen niemand, das Geheimnis preiszugeben. | Schatzjade hielt alles für bare Münze und war überglücklich. Seine Lebensgeister kehrten spürbar zurück, nur redete er manchmal noch etwas wirr. Als die Geschenküberbringer zurückkamen, nannten sie weder Namen noch Familiennamen, und obwohl im ganzen Haus alle Bescheid wussten, wagte wegen Phönixglanz' Anweisungen niemand, das Geheimnis preiszugeben. | ||
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Purpurkuckuck ahnte nun bereits, was los war: „Aber wie können diese Leute nur so herzlos und kalt sein!" Dann dachte sie daran, dass in den letzten Tagen nicht eine einzige Person nach Kajaljade gefragt hatte. Je mehr sie grübelte, desto schmerzlicher wurde es, und schließlich stieg eine Woge der Empörung in ihr auf. Sie wandte sich abrupt um und ging. Im Stillen dachte sie: „Heute will ich mir einmal ansehen, in was für einem Zustand Schatzjade ist — wie er mir wohl in die Augen sehen will! Letztes Jahr habe ich nur eine einzige Lügengeschichte erzählt, da wurde er sofort todkrank. Und heute tut er ganz offen so etwas! Wahrhaftig, die Herzen der Männer auf dieser Welt sind kalt wie Eis und Schnee — zum Zähneknirschen!" | Purpurkuckuck ahnte nun bereits, was los war: „Aber wie können diese Leute nur so herzlos und kalt sein!" Dann dachte sie daran, dass in den letzten Tagen nicht eine einzige Person nach Kajaljade gefragt hatte. Je mehr sie grübelte, desto schmerzlicher wurde es, und schließlich stieg eine Woge der Empörung in ihr auf. Sie wandte sich abrupt um und ging. Im Stillen dachte sie: „Heute will ich mir einmal ansehen, in was für einem Zustand Schatzjade ist — wie er mir wohl in die Augen sehen will! Letztes Jahr habe ich nur eine einzige Lügengeschichte erzählt, da wurde er sofort todkrank. Und heute tut er ganz offen so etwas! Wahrhaftig, die Herzen der Männer auf dieser Welt sind kalt wie Eis und Schnee — zum Zähneknirschen!" | ||
| − | Grübelnd und gehend hatte sie bereits den Hof der Freude | + | Grübelnd und gehend hatte sie bereits den Hof der Roten Freude <ref>Chinesisch: 怡红院</ref> erreicht. Das Hoftor war nur angelehnt, und drinnen herrschte Stille. Plötzlich wurde Purpurkuckuck klar: „Wenn er heiraten soll, muss es neue Gemächer geben. Aber wo sind die?" |
Während sie sich unsicher umsah, sah sie den Pagen Moyu vorbeiflitzen. Purpurkuckuck rief ihn an. Moyu kam herüber und fragte mit breitem Grinsen: „Was machst du denn hier, Schwester?" Purpurkuckuck sagte: „Ich habe gehört, der Zweite Herr heiratet, und wollte mal den Trubel sehen — aber er ist ja gar nicht hier. Und wann die Hochzeit ist, weiß ich auch nicht." Moyu flüsterte: „Das sage ich nur dir, aber du darfst es Schneegans nicht verraten. Von oben haben sie befohlen, dass nicht einmal ihr etwas erfahren dürft. Die Hochzeit ist heute Nacht. Natürlich nicht hier — der Herr hat den Zweiten Herrn Jadeschale beauftragt, andere Räume herrichten zu lassen." Dann fragte er: „Hast du noch etwas zu erledigen, Schwester?" Purpurkuckuck sagte: „Nein, geh nur." Moyu rannte weiter. | Während sie sich unsicher umsah, sah sie den Pagen Moyu vorbeiflitzen. Purpurkuckuck rief ihn an. Moyu kam herüber und fragte mit breitem Grinsen: „Was machst du denn hier, Schwester?" Purpurkuckuck sagte: „Ich habe gehört, der Zweite Herr heiratet, und wollte mal den Trubel sehen — aber er ist ja gar nicht hier. Und wann die Hochzeit ist, weiß ich auch nicht." Moyu flüsterte: „Das sage ich nur dir, aber du darfst es Schneegans nicht verraten. Von oben haben sie befohlen, dass nicht einmal ihr etwas erfahren dürft. Die Hochzeit ist heute Nacht. Natürlich nicht hier — der Herr hat den Zweiten Herrn Jadeschale beauftragt, andere Räume herrichten zu lassen." Dann fragte er: „Hast du noch etwas zu erledigen, Schwester?" Purpurkuckuck sagte: „Nein, geh nur." Moyu rannte weiter. | ||
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Kurz vor dem Xiaoxiang-Pavillon sah sie zwei kleine Mädchen am Tor stehen, die ängstlich Ausschau hielten. Als sie Purpurkuckuck erblickten, rief eine: „Ist das nicht Schwester Purpurkuckuck!" Purpurkuckuck wusste, dass etwas nicht stimmte. Hastig winkte sie ab, sie sollten nicht schreien. Eilig trat sie ein und sah: Kajaljades Leberfeuer war nach oben geschlagen, und beide Wangenknochen waren feuerrot. Purpurkuckuck ahnte Schlimmes und ließ Kajaljades Amme Wang hereinrufen. Die alte Amme sah Kajaljade, und sofort brach sie in lautes Weinen aus. | Kurz vor dem Xiaoxiang-Pavillon sah sie zwei kleine Mädchen am Tor stehen, die ängstlich Ausschau hielten. Als sie Purpurkuckuck erblickten, rief eine: „Ist das nicht Schwester Purpurkuckuck!" Purpurkuckuck wusste, dass etwas nicht stimmte. Hastig winkte sie ab, sie sollten nicht schreien. Eilig trat sie ein und sah: Kajaljades Leberfeuer war nach oben geschlagen, und beide Wangenknochen waren feuerrot. Purpurkuckuck ahnte Schlimmes und ließ Kajaljades Amme Wang hereinrufen. Die alte Amme sah Kajaljade, und sofort brach sie in lautes Weinen aus. | ||
| − | Purpurkuckuck hatte sich an Amme Wang als älterer Person gewandt, weil sie sich etwas Halt von ihr erhoffte. Doch die alte Frau war selbst völlig hilflos, und Purpurkuckuck wurde nur noch aufgewühlter. Plötzlich fiel ihr eine andere Person ein, und sie schickte ein kleines Mädchen eilig los, sie zu holen. Wen meinte sie? Purpurkuckuck hatte sich daran erinnert, dass | + | Purpurkuckuck hatte sich an Amme Wang als älterer Person gewandt, weil sie sich etwas Halt von ihr erhoffte. Doch die alte Frau war selbst völlig hilflos, und Purpurkuckuck wurde nur noch aufgewühlter. Plötzlich fiel ihr eine andere Person ein, und sie schickte ein kleines Mädchen eilig los, sie zu holen. Wen meinte sie? Purpurkuckuck hatte sich daran erinnert, dass Seidenweiß Pflaume <ref>Chinesisch: 李纨</ref> als Witwe lebte und sich heute, am Tag von Schatzjades Hochzeit, gewiss fernhalten würde. Außerdem hatte sie die allgemeine Verantwortung für die Angelegenheiten im Garten — deshalb schickte sie nach ihr. Seidenweiß Pflaume war gerade dabei, Orchidee Kaufmanns <ref>Chinesisch: 贾兰</ref> Gedichte zu korrigieren, als ein Mädchen überstürzt hereinplatzte und rief: „Gnädige Frau! Es sieht schlimm aus mit dem Fräulein Lin! Drüben weinen alle!" |
| − | + | Seidenweiß Pflaume erschrak, stellte keine weiteren Fragen, stand sofort auf und lief los. Suyu und Biyue folgten ihr. Während sie ging, liefen ihr die Tränen, und sie dachte: „So viele Jahre haben wir als Schwestern zusammengelebt. Mit ihrem Aussehen und ihrer Begabung — wahrhaftig einzigartig auf der Welt, vergleichbar nur mit der Frostgöttin und der Mondgöttin. So jung und schon dem Grab geweiht! Und dann hat Phönixglanz diese List des ‚Balken stehlen und Stütze tauschen' ersonnen, sodass ich mich am Xiaoxiang-Pavillon nicht einmal blicken lassen konnte und nicht den geringsten Beistand als Schwester leisten durfte. Wie beklagenswert, wie schmerzlich!" So dachte sie und hatte bereits das Tor des Xiaoxiang-Pavillons erreicht. Drinnen war es totenstill. Nun begann Seidenweiß Pflaume sich erst recht Sorgen zu machen: „Bestimmt ist sie schon gestorben, und alle haben schon aufgehört zu weinen. Ob Grabkleidung und Leintuch schon bereiten?" In aller Eile eilte sie mit zwei, drei großen Schritten ins Zimmer. | |
| − | Am Eingang des inneren Zimmers hatte ein kleines Mädchen sie bereits erspäht und rief: „Die gnädige Frau Li ist da!" Purpurkuckuck eilte ihr entgegen, und sie trafen sich fast an der Tür. | + | Am Eingang des inneren Zimmers hatte ein kleines Mädchen sie bereits erspäht und rief: „Die gnädige Frau Li ist da!" Purpurkuckuck eilte ihr entgegen, und sie trafen sich fast an der Tür. Seidenweiß Pflaume fragte sofort: „Wie steht es?" Purpurkuckuck wollte antworten, aber alles, was sie hervorbrachte, war ein ersticktes Schluchzen. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen, und die Tränen strömten wie Perlen von einer gerissenen Kette. Wortlos wies sie nur mit einer Hand auf Kajaljade. Seidenweiß Pflaume sah Purpurkuckuck in diesem Zustand, und der Schmerz in ihrem eigenen Herzen wurde noch größer. Sie fragte nicht weiter und ging sofort hinüber. Kajaljade konnte schon nicht mehr sprechen. Als Seidenweiß Pflaume sie leise zwei Mal beim Namen rief, öffnete sie noch einmal schwach die Augen und schien bei Bewusstsein. Doch nur die Augenlider und Lippen zuckten kaum merklich; aus dem Mund kam nur noch ein feines Fädchen Atem, aber kein Wort und keine Träne mehr. |
| − | + | Seidenweiß Pflaume drehte sich um und sah, dass Purpurkuckuck nicht mehr im Zimmer war. Sie fragte Schneegans. Schneegans sagte: „Sie ist im äußeren Zimmer." Seidenweiß Pflaume eilte hinaus und fand Purpurkuckuck auf einem leeren Bett liegend, das Gesicht grünlichgelb, die Augen geschlossen, unaufhörlich weinend. Die Tränen und der Rotz hatten auf dem gestickten Brokatkissen einen tellergroßen nassen Fleck hinterlassen. Seidenweiß Pflaume rief sie. Purpurkuckuck öffnete langsam die Augen und richtete sich etwas auf. Seidenweiß Pflaume sagte: „Dummes Mädchen, was ist jetzt die Zeit zum Weinen! Hole das Grabgewand des Fräulein Lin und zieh es ihr an! Worauf willst du noch warten? Willst du, dass sie, ein Mädchen, nackt kommt und nackt geht?" Als Purpurkuckuck diese Worte hörte, brach sie erst recht in hemmungsloses Schluchzen aus. Seidenweiß Pflaume weinte selbst, war zugleich in Eile, wischte sich die Tränen ab und klopfte Purpurkuckuck auf die Schulter: „Gutes Kind, dein Weinen bringt mich ganz durcheinander. Mach schnell und richte ihre Sachen her! Wenn wir noch länger warten, ist es zu spät!" | |
| − | Gerade in diesem Aufruhr stürzte von draußen jemand aufgeregt herein und erschreckte | + | Gerade in diesem Aufruhr stürzte von draußen jemand aufgeregt herein und erschreckte Seidenweiß Pflaume. Es war Friedchen <ref>Chinesisch: 平儿</ref>. Als sie das Bild sah, erstarrte sie und stand nur wie versteinert da. Seidenweiß Pflaume fragte: „Warum bist du nicht drüben? Was machst du hier?" Da kam auch die Frau des Lin Zhixiao herein. Friedchen antwortete: „Die Herrin macht sich Sorgen und hat mich geschickt, nachzusehen. Da die gnädige Frau Li hier ist, kann sich unsere Herrin ganz auf die andere Seite konzentrieren." Seidenweiß Pflaume nickte. Friedchen sagte: „Ich möchte auch das Fräulein Lin sehen." Damit ging sie hinein, und schon auf dem Weg flossen ihr die Tränen. Seidenweiß Pflaume wandte sich an die Frau des Lin Zhixiao: „Du kommst gerade recht. Geh hinaus und sag dem Hausverwalter, er soll alles für die Bestattung des Fräulein Lin vorbereiten. Wenn alles bereit ist, soll er mir Bescheid geben — nicht drüben." Die Frau des Lin Zhixiao stimmte zu, blieb aber stehen. Seidenweiß Pflaume fragte: „Gibt es noch etwas?" Die Frau des Lin Zhixiao sagte: „Die Zweite Herrin hat eben mit der Herzoginmutter beraten — drüben werden die Dienste des Fräulein Purpurkuckuck benötigt." |
| − | Bevor | + | Bevor Seidenweiß Pflaume antworten konnte, sagte Purpurkuckuck: „Frau Lin, geht bitte schon voraus! Wenn die Person hier tot ist, gehen wir natürlich alle hinaus — da braucht man doch nicht so ..." Sie brach ab, korrigierte sich und sagte: „Außerdem wachen wir hier bei einer Kranken, und wir sind unrein. Solange das Fräulein Lin noch atmet, ruft sie jederzeit nach mir." Seidenweiß Pflaume versuchte zu vermitteln: „Wirklich, das Fräulein Lin und dieses Mädchen haben eine Schicksalsverbindung aus einem früheren Leben. Schneegans ist zwar die Magd, die sie aus dem Süden mitgebracht hat, doch seltsamerweise kümmert sie sich weniger um sie. Nur Purpurkuckuck — die beiden kann man nicht voneinander trennen." |
| − | Die Frau des Lin Zhixiao war von Purpurkuckucks Worten verstimmt gewesen, doch nach | + | Die Frau des Lin Zhixiao war von Purpurkuckucks Worten verstimmt gewesen, doch nach Seidenweiß Pflaumes Vermittlung hatte sie nichts mehr zu sagen. Als sie sah, wie Purpurkuckuck weinte, als wäre sie eine Figur aus Tränen, lächelte sie gezwungen und sagte: „Was das Fräulein Purpurkuckuck da sagt, ist ja nicht so wichtig. Nur — was soll ich der Herzoginmutter antworten? Und kann man so etwas der Zweiten Herrin sagen?" |
| − | Gerade als sie sprach, kam Friedchen mit verweinten Augen heraus und fragte: „Der Zweiten Herrin was sagen?" Die Frau des Lin Zhixiao wiederholte alles. Friedchen senkte den Kopf und überlegte einen Moment. Dann sagte sie: „Dann schicken wir eben Schneegans." | + | Gerade als sie sprach, kam Friedchen mit verweinten Augen heraus und fragte: „Der Zweiten Herrin was sagen?" Die Frau des Lin Zhixiao wiederholte alles. Friedchen senkte den Kopf und überlegte einen Moment. Dann sagte sie: „Dann schicken wir eben Schneegans." Seidenweiß Pflaume fragte: „Geht das?" Friedchen trat an Seidenweiß Pflaumes Ohr und flüsterte einige Worte. Seidenweiß Pflaume nickte: „Wenn es so steht, kann Schneegans ebenso gut gehen." Die Frau des Lin Zhixiao fragte Friedchen: „Geht das Fräulein Schneegans?" Friedchen sagte: „Ja, das ist ganz gleich." Die Frau des Lin sagte: „Dann sagt ihr bitte schnell, sie soll mit mir kommen. Ich berichte der Herzoginmutter und der Zweiten Herrin vorab — das sei die Entscheidung der gnädigen Frau Li und des Fräuleins. Später kann das Fräulein es der Zweiten Herrin selbst berichten." Seidenweiß Pflaume sagte: „Ist gut. In deinem Alter kannst du eine so kleine Sache doch wohl verantworten?" Die Frau des Lin lächelte: „Es ist nicht, dass ich es nicht verantworten könnte. Aber erstens ist diese Angelegenheit von der Herzoginmutter und der Zweiten Herrin angeordnet, und wir kleinen Leute verstehen die Zusammenhänge nicht ganz. Zweitens sind ja die gnädige Frau Li und das Fräulein Friedchen da." |
Friedchen hatte Schneegans bereits herausgerufen. Schneegans hatte in den letzten Tagen bei Kajaljade wenig Gunst genossen, die sie ein „dummes, unwissendes Kind" schalt, und so hatte sich auch Schneegans innerlich etwas abgekühlt. Außerdem wagte sie es nicht, dem Ruf der Herzoginmutter und der Zweiten Herrin nicht zu folgen. Eilig richtete sie sich die Haare, Friedchen ließ sie frische Kleider anziehen, und sie folgte der Frau des Lin. | Friedchen hatte Schneegans bereits herausgerufen. Schneegans hatte in den letzten Tagen bei Kajaljade wenig Gunst genossen, die sie ein „dummes, unwissendes Kind" schalt, und so hatte sich auch Schneegans innerlich etwas abgekühlt. Außerdem wagte sie es nicht, dem Ruf der Herzoginmutter und der Zweiten Herrin nicht zu folgen. Eilig richtete sie sich die Haare, Friedchen ließ sie frische Kleider anziehen, und sie folgte der Frau des Lin. | ||
| − | Danach sprach Friedchen noch einige Worte mit | + | Danach sprach Friedchen noch einige Worte mit Seidenweiß Pflaume. Seidenweiß Pflaume wies Friedchen an: „Dräng die Frau des Lin, ihr Mann soll alles so schnell wie möglich bereitstellen!" Friedchen stimmte zu und ging hinaus. Als sie um eine Ecke bog, sah sie die Frau des Lin mit Schneegans vor sich hergehen. Hastig rief sie sie an und sagte: „Ich nehme Schneegans mit. Du geh zu Herrn Lin und sag ihm, er soll die Sachen für das Fräulein Lin vorbereiten. Bei der Herrin melde ich es für dich." Die Frau des Lin stimmte zu und ging. Friedchen nahm Schneegans mit zu den neuen Gemächern, meldete alles und ging dann ihre eigenen Angelegenheiten erledigen. |
| − | Schneegans sah die Hochzeitsvorbereitungen und dachte an ihre Herrin. Das Herz tat ihr weh, doch vor der Herzoginmutter und Phönixglanz wagte sie ihre Gefühle nicht zu zeigen. Sie dachte: „Wofür braucht man mich eigentlich? Ich will mir das mal ansehen. Schatzjade und unser Fräulein waren doch unzertrennlich wie Honig in Öl — und jetzt lässt er sich gar nicht blicken. Ob er nun wirklich krank ist oder nur so tut? Bestimmt fürchtet er nur, unser Fräulein könnte zürnen, und deshalb behauptet er, seine Jade verloren zu haben, und spielt den Narren — damit jene den Mut verliert und er in Ruhe das Fräulein | + | Schneegans sah die Hochzeitsvorbereitungen und dachte an ihre Herrin. Das Herz tat ihr weh, doch vor der Herzoginmutter und Phönixglanz wagte sie ihre Gefühle nicht zu zeigen. Sie dachte: „Wofür braucht man mich eigentlich? Ich will mir das mal ansehen. Schatzjade und unser Fräulein waren doch unzertrennlich wie Honig in Öl — und jetzt lässt er sich gar nicht blicken. Ob er nun wirklich krank ist oder nur so tut? Bestimmt fürchtet er nur, unser Fräulein könnte zürnen, und deshalb behauptet er, seine Jade verloren zu haben, und spielt den Narren — damit jene den Mut verliert und er in Ruhe das Fräulein Schnee heiraten kann. Ich gehe mal hin und schaue mir an, ob er angesichts meiner noch den Narren spielt. Oder will er auch heute noch weiterspielen?" So denkend, war sie bereits zum Eingang des inneren Zimmers geschlichen und spähte heimlich hinein. |
In diesem Moment war Schatzjade zwar wegen des Verlusts der Jade geistig umnachtet, doch als er hörte, dass er Kajaljade heiraten solle, war das für ihn wahrhaftig das wunderbarste Ereignis seit Anbeginn der Welt. Sein Körper schien plötzlich gesund und kräftig (nur dass er nicht mehr so scharfsinnig war wie früher, weshalb Phönixglanz' Listen hundertmal ins Schwarze trafen). Er konnte es kaum erwarten, Kajaljade zu sehen, und hatte auf den heutigen Hochzeitstag sehnsüchtig gewartet. Er war so glücklich, dass er vor Freude tanzte. Obwohl er manchmal wirre Dinge sagte, war sein Zustand grundverschieden von dem eines Schwerkranken. Als Schneegans das sah, war sie zugleich wütend und traurig. Sie ahnte nichts von Schatzjades wahren Gefühlen und ging beiseite. | In diesem Moment war Schatzjade zwar wegen des Verlusts der Jade geistig umnachtet, doch als er hörte, dass er Kajaljade heiraten solle, war das für ihn wahrhaftig das wunderbarste Ereignis seit Anbeginn der Welt. Sein Körper schien plötzlich gesund und kräftig (nur dass er nicht mehr so scharfsinnig war wie früher, weshalb Phönixglanz' Listen hundertmal ins Schwarze trafen). Er konnte es kaum erwarten, Kajaljade zu sehen, und hatte auf den heutigen Hochzeitstag sehnsüchtig gewartet. Er war so glücklich, dass er vor Freude tanzte. Obwohl er manchmal wirre Dinge sagte, war sein Zustand grundverschieden von dem eines Schwerkranken. Als Schneegans das sah, war sie zugleich wütend und traurig. Sie ahnte nichts von Schatzjades wahren Gefühlen und ging beiseite. | ||
| − | Hier nun ließ Schatzjade Dufthauch eilen, ihn in die Festkleider zu kleiden, und saß dann in Frau | + | Hier nun ließ Schatzjade Dufthauch eilen, ihn in die Festkleider zu kleiden, und saß dann in Frau Königs Gemächern. Er sah, wie Phönixglanz und Frau Sonders geschäftig hin und her liefen, und konnte es nicht abwarten, bis die Glücksstunde kam. Wieder und wieder fragte er Dufthauch: „Die Schwester Kajaljade kommt aus dem Garten — warum dauert das so lange, und sie ist immer noch nicht da?" Dufthauch unterdrückte ein Lachen und sagte: „Man muss die günstige Stunde abwarten." Dann hörte er Phönixglanz zu Frau König sagen: „Obwohl wir in der Trauerzeit sind und draußen keine Musik spielen, gehört es sich nach unserer Familientradition, dass die Verbeugungszeremonie stattfindet. Ganz ohne Musik wäre es zu trostlos. Ich habe die Frauen unseres Hauses, die Musik gelernt und im Theater gedient haben, zusammengerufen — sie sollen etwas aufspielen, damit es festlicher wird." Frau König nickte: „So sei es." |
| − | Schließlich kam die große Sänfte durch das Haupttor herein. Die hauseigene Musik ging ihr entgegen, und zwölf Paar Hofleuchten zogen in einer Reihe ein — das Ganze wirkte zugleich elegant und festlich. Der Zeremonienmeister bat die Braut aus der Sänfte. Schatzjade sah, wie die Brautführerin in Rot die Braut stützte, die mit einem Schleier verhüllt war. Wer die Braut an der anderen Seite stützte, war — Schneegans. Schatzjade sah Schneegans und dachte: „Warum ist Purpurkuckuck nicht gekommen, sondern sie?" Dann überlegte er: „Natürlich! Schneegans hat sie aus dem Süden mitgebracht; Purpurkuckuck gehört zu unserem Haushalt und musste deshalb nicht mitkommen." Beim Anblick Schneegans' freute er sich, als hätte er Kajaljade selbst gesehen. Der Zeremonienmeister rief die Riten aus: Verbeugung vor Himmel und Erde. Die Herzoginmutter wurde hereingebeten und empfing vier Verbeugungen. Danach traten Kaufmann | + | Schließlich kam die große Sänfte durch das Haupttor herein. Die hauseigene Musik ging ihr entgegen, und zwölf Paar Hofleuchten zogen in einer Reihe ein — das Ganze wirkte zugleich elegant und festlich. Der Zeremonienmeister bat die Braut aus der Sänfte. Schatzjade sah, wie die Brautführerin in Rot die Braut stützte, die mit einem Schleier verhüllt war. Wer die Braut an der anderen Seite stützte, war — Schneegans. Schatzjade sah Schneegans und dachte: „Warum ist Purpurkuckuck nicht gekommen, sondern sie?" Dann überlegte er: „Natürlich! Schneegans hat sie aus dem Süden mitgebracht; Purpurkuckuck gehört zu unserem Haushalt und musste deshalb nicht mitkommen." Beim Anblick Schneegans' freute er sich, als hätte er Kajaljade selbst gesehen. Der Zeremonienmeister rief die Riten aus: Verbeugung vor Himmel und Erde. Die Herzoginmutter wurde hereingebeten und empfing vier Verbeugungen. Danach traten Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref> und seine Gemahlin in die Halle, die Riten wurden vollzogen, und man geleitete das Paar ins Brautgemach. Es folgten das Sitzen auf dem Brautbett, das Werfen der Trockenfrüchte und andere Bräuche, alles nach der alten Sitte des Hauses — Einzelheiten bedürfen keiner Erwähnung. Aufrecht Kaufmann hatte sich dem Beschluss der Herzoginmutter gefügt, obwohl er nicht an das Glückwenden durch Hochzeit glaubte. Doch als er sah, wie gut sich Schatzjade heute benahm und wie er beinahe wie ein gesunder Mensch wirkte, freute er sich doch. |
| − | Nachdem die Braut auf dem Brautbett Platz genommen hatte, wollte Schatzjade sogleich den Schleier heben. Phönixglanz hatte dies vorausgesehen und bat die Herzoginmutter, Frau | + | Nachdem die Braut auf dem Brautbett Platz genommen hatte, wollte Schatzjade sogleich den Schleier heben. Phönixglanz hatte dies vorausgesehen und bat die Herzoginmutter, Frau König und die anderen herein, um aufzupassen. Schatzjade war in diesem Moment doch etwas töricht und trat auf die Braut zu: „Schwesterchen, bist du wieder gesund? So viele Tage haben wir uns nicht gesehen. Was soll dieses dumme Ding hier?" Er wollte den Schleier herunterreißen, worüber die Herzoginmutter in Angstschweiß ausbrach. Schatzjade besann sich: „Die Schwester Kajaljade wird schnell böse — ich darf nichts überstürzen." Er wartete noch einen Moment, konnte sich aber nicht länger beherrschen und trat vor, um den Schleier zu heben. Die Brautführerin nahm ihn entgegen, Schneegans trat beiseite, und Yinger kam, um aufzuwarten. Schatzjade riss die Augen auf und sah — es schien Schatzspange zu sein. Er traute seinen Augen nicht, hielt in der einen Hand die Lampe, rieb sich mit der anderen die Augen und sah noch einmal hin: War es nicht wirklich Schatzspange? Er sah sie in prächtigem Festgewand, die vollen Schultern und den zarten Körper, das tiefhängende Haar mit den herabhängenden Strähnen, die Augen halb geschlossen, den Atem kaum merklich. In ihrer schlichten Anmut glich sie Lotosblüten im Tau; in ihrer zarten Scheu wirkte sie wie Aprikosenblüten im Nebelregen. |
| − | Schatzjade stand eine Weile wie erstarrt da. Er sah Yinger neben sich stehen, aber von Schneegans keine Spur. Sein Geist hatte keinen Halt mehr, und er glaubte, in einem Traum zu sein. Regungslos stand er da. Man nahm ihm die Lampe ab, führte ihn zum Sitzen, doch seine Augen starrten ins Leere, und er sprach kein Wort. Die Herzoginmutter fürchtete einen Rückfall und eilte persönlich herbei, um ihn zu beruhigen. Phönixglanz und | + | Schatzjade stand eine Weile wie erstarrt da. Er sah Yinger neben sich stehen, aber von Schneegans keine Spur. Sein Geist hatte keinen Halt mehr, und er glaubte, in einem Traum zu sein. Regungslos stand er da. Man nahm ihm die Lampe ab, führte ihn zum Sitzen, doch seine Augen starrten ins Leere, und er sprach kein Wort. Die Herzoginmutter fürchtete einen Rückfall und eilte persönlich herbei, um ihn zu beruhigen. Phönixglanz und Frau Sonders baten Schatzspange, ins innere Zimmer zu treten und sich zu setzen. Schatzspange war in diesem Moment natürlich schweigend, den Kopf gesenkt. |
| − | Als Schatzjade sich etwas gesammelt hatte und die Herzoginmutter und Frau | + | Als Schatzjade sich etwas gesammelt hatte und die Herzoginmutter und Frau König dort sitzen sah, flüsterte er Dufthauch zu: „Wo bin ich? Ist das nicht ein Traum?" Dufthauch antwortete: „Heute ist dein Glückstag! Was redest du von Träumen! Der Herr ist draußen." Schatzjade deutete heimlich mit dem Finger und flüsterte: „Wer ist diese Schönheit, die dort sitzt?" Dufthauch hielt sich den Mund zu und konnte vor Lachen nicht sprechen. Endlich brachte sie hervor: „Das ist die neuangetraute Zweite Herrin." Alle drehten sich um und konnten ihr Lachen nicht verbergen. Schatzjade sagte: „Wie verwirrend! Wer ist diese Zweite Herrin?" Dufthauch sagte: „Das Fräulein Schnee." Schatzjade fragte: „Und wo ist das Fräulein Lin?" Dufthauch sagte: „Der Herr hat angeordnet, das Fräulein Schnee zu heiraten. Wie kommst du auf das Fräulein Lin?" Schatzjade sagte: „Aber ich habe doch gerade das Fräulein Lin gesehen! Und auch Schneegans war da — wie kannst du sagen, sie sei nicht da? Was soll das alles?" |
| − | Phönixglanz trat heran und sagte leise: „Das Fräulein | + | Phönixglanz trat heran und sagte leise: „Das Fräulein Schnee sitzt drinnen. Rede keinen Unsinn! Wenn du sie beleidigst, wird die Herzoginmutter es nicht dulden." Schatzjade hörte das, und seine Verwirrung wurde nur noch größer. Schon von seiner Krankheit her war sein Geist umnachtet, und die unheimlichen Geschehnisse dieser Nacht verwirrten ihn vollends. Ohne auf irgendetwas Rücksicht zu nehmen, rief er unablässig, er wolle die Schwester Kajaljade suchen gehen. Die Herzoginmutter und die anderen versuchten ihn zu beruhigen, doch er verstand nichts. Da außerdem Schatzspange im Zimmer war, konnte man nicht offen reden. In dem Wissen, dass Schatzjades alte Krankheit wieder ausgebrochen war, versuchte man nicht, ihn aufzuklären, sondern zündete im ganzen Raum Benzoeharz an, um seinen Geist zu beruhigen, und legte ihn schlafen. Alle verstummten. Nach einer Weile fiel Schatzjade in tiefen Schlaf. Nun erst wagte die Herzoginmutter ein wenig aufzuatmen. Man harrte sitzend bis zum Morgengrauen aus. Phönixglanz wurde gebeten, Schatzspange zur Ruhe zu bringen. Schatzspange stellte sich taub, legte sich angezogen im inneren Zimmer nieder. |
| − | Kaufmann | + | Aufrecht Kaufmann, der draußen wartete, wusste nichts von den Vorgängen im Inneren. Nach dem, was er mit eigenen Augen gesehen hatte, fühlte er sich etwas beruhigter. Es traf sich, dass der nächste Tag genau sein Abreisetag war. Er ruhte sich kurz aus, dann gratulierte man ihm und gab ihm das Geleit. Die Herzoginmutter, die sah, dass Schatzjade schlief, ging in ihre eigenen Gemächer, um sich ebenfalls etwas auszuruhen. |
| − | Am nächsten Morgen verabschiedete sich Kaufmann | + | Am nächsten Morgen verabschiedete sich Aufrecht Kaufmann am Ahnenschrein, kam dann zur Herzoginmutter und sagte: „Der unwürdige Sohn geht in die Ferne. Ich wünsche nur, dass die gnädige Frau sich pflegt und wohl befindet. Sobald ich meinen Amtssitz erreicht habe, werde ich sofort einen Brief mit meinen respektvollen Grüßen senden. Bitte macht Euch keine Sorgen. Was Schatzjades Angelegenheit betrifft — ich habe alles nach dem Willen der gnädigen Frau erledigt. Ich bitte nur, dass die gnädige Frau ihn ermahnt und erzieht." Die Herzoginmutter wollte nicht, dass sich Aufrecht Kaufmann unterwegs Sorgen machte, und erwähnte nichts von Schatzjades erneutem Rückfall. Sie sagte nur: „Ich habe dir eines zu sagen: Schatzjade hat gestern Nacht die Ehe geschlossen, aber es war keine Brautnacht. Eigentlich sollte er dich heute zum Abschied begleiten. Aber da er wegen seiner Krankheit durch die Hochzeit Glück wenden sollte und es ihm erst ein wenig besser geht, und er gestern einen langen, anstrengenden Tag hatte, könnte er sich draußen erkälten. Deshalb frage ich dich: Soll er dich geleiten? Dann lasse ich ihn sofort rufen. Oder schonst du ihn lieber und lässt ihn nur herbringen, damit du ihn siehst und er dir einen Kotau macht?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Wozu soll er mich geleiten? Wenn er von nun an ernsthaft lernt, würde mich das mehr freuen als sein Geleit." Die Herzoginmutter war erleichtert. Sie ließ Aufrecht Kaufmann sich setzen und schickte Mandarinenente los, mit dem und dem Auftrag, Schatzjade zu holen, wobei Dufthauch ihn begleiten solle. Mandarinenente ging, und nach kurzer Zeit kam Schatzjade tatsächlich. Wenn man ihm sagte, er solle die Verbeugung machen, machte er sie. Erfreulicherweise war Schatzjade in Gegenwart seines Vaters etwas gesammelter, für einen Moment klar, und es gab keine größeren Auffälligkeiten. Aufrecht Kaufmann sprach einige Ermahnungen aus, und Schatzjade bejahte alles. Aufrecht Kaufmann ließ ihn zurückführen. Er selbst ging in Frau Königs Gemächer und wies sie nachdrücklich an, den Sohn streng zu erziehen: „Er darf auf keinen Fall mehr so verwöhnt werden wie bisher! Nächstes Jahr bei der Provinzprüfung muss er unbedingt antreten." Frau König hörte alles an und erwähnte nichts anderes. Sofort ließ sie Schatzspange herbeiführen, damit sie die Abschiedsverbeugung der Neuvermählten vollziehe; anschließend blieb Schatzspange in ihrem Zimmer. Die übrigen weiblichen Verwandten geleiteten ihn bis zum zweiten Tor. Auch Herrlichkeit Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾珍</ref> und die anderen erhielten Ermahnungen. Alle erhoben das Glas zum Abschied, und die jüngere Generation samt den Verwandten begleiteten ihn bis zum Zehn-Meilen-Pavillon, wo man sich trennte. |
| − | Dass Kaufmann | + | Dass Aufrecht Kaufmann seine Reise antrat und sein Amt übernahm, sei dahingestellt. Es wird erzählt, dass Schatzjade, sobald er zurückkehrte, sofort einen schweren Rückfall erlitt. Er wurde noch wirrer als zuvor und konnte nicht einmal mehr essen oder trinken. |
Ob er überlebte, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel. | Ob er überlebte, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel. | ||
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). | Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). | ||
Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Siebenundneunzigstes Kapitel Kajaljade verbrennt ihre Manuskripte und bricht mit der törichten Liebe; Schatzspange verlässt das Mädchengemach zur feierlichen Hochzeitszeremonie
Es wird erzählt, dass Kajaljade [1] den Eingang des Xiaoxiang-Pavillons erreicht hatte. Purpurkuckuck [2] hatte ein Wort gesagt, das sie noch tiefer erschütterte, und plötzlich spuckte sie Blut und wäre beinahe ohnmächtig geworden. Zum Glück waren Purpurkuckuck und Herbstmuster [3] noch bei ihr und stützten sie zu zweit ins Haus. Nachdem Herbstmuster gegangen war, wachten Purpurkuckuck und Schneegans [4] über Kajaljade. Als sie langsam wieder zu sich kam, fragte sie Purpurkuckuck: „Warum steht ihr hier und weint?" Purpurkuckuck war erleichtert, dass sie wieder klar sprach, und sagte: „Als das Fräulein vorhin von der Herzoginmutter zurückkam, war ihr nicht wohl. Das hat uns so erschreckt, dass wir nicht wussten, was wir tun sollten, und deshalb haben wir geweint." Kajaljade lächelte: „So schnell sterbe ich nicht!" Doch noch bevor sie den Satz zu Ende gebracht hatte, rang sie wieder keuchend nach Atem.
Kajaljade hatte an diesem Tag erfahren, dass Schatzjade [5] und Schatzspange [6] verheiratet werden sollten. Dies war seit Jahren ihr Herzenskummer, und in einem Anfall von Zorn und Aufregung hatte sie den Verstand verloren. Doch nachdem sie nun Blut gespuckt hatte, wurde ihr Geist allmählich wieder klarer, und von den Geschehnissen zuvor wusste sie kein einziges Wort mehr. Als sie nun Purpurkuckuck weinen sah, kamen ihr die Worte des Dummerchens vage wieder in den Sinn. Diesmal aber empfand sie keinen Schmerz mehr — sie wünschte sich nur noch einen schnellen Tod, um diese Schuld zu begleichen.
Purpurkuckuck und Schneegans konnten nur bei ihr wachen. Sie hätten gern jemanden benachrichtigt, fürchteten aber, es könnte ihnen wie beim letzten Mal ergehen, als Phönixglanz [7] sie getadelt hatte, weil sie übertrieben und falschen Alarm geschlagen hätten. Doch Herbstmuster war mit einem Ausdruck des Entsetzens auf dem Gesicht in die Gemächer der Herzoginmutter [8] zurückgekehrt. Die Herzoginmutter hatte gerade ihren Mittagsschlaf beendet, und als sie Herbstmusters verstörte Miene sah, fragte sie: „Was ist geschehen?" Herbstmuster erzählte vor Schreck hastig alles, was passiert war. Die Herzoginmutter erschrak zutiefst: „Wie fürchterlich!" Sofort ließ sie Frau König [9] und Phönixglanz holen und berichtete dem Schwiegertochter-Schwiegermutter-Paar alles. Phönixglanz sagte: „Ich hatte doch allen strikte Anweisungen gegeben! Wer hat das Geheimnis verraten? Nun haben wir ein noch größeres Problem!" Die Herzoginmutter sagte: „Kümmern wir uns jetzt nicht darum, sondern sehen wir erst einmal nach, wie es ihr geht."
Damit stand sie auf und ging mit Frau König, Phönixglanz und den anderen hinüber, um nach Kajaljade zu sehen. Sie fanden ihr Gesicht schneeweiß, ohne jede Spur von Farbe, den Blick trübe und die Atemzüge kaum wahrnehmbar. Nach einer Weile hustete sie wieder; ein Mädchen reichte den Spucknapf, und was sie ausspie, war durchweg mit Blut durchsetzter Schleim. Alle erschraken. Da öffnete Kajaljade schwach die Augen, sah die Herzoginmutter neben sich und keuchte: „Großmutter, Eure Liebe für mich war vergebens." Als die Herzoginmutter diese Worte hörte, ergriff sie tiefste Trauer. Sie sagte: „Gutes Kind, schone dich. Du wirst wieder gesund." Kajaljade lächelte schwach und schloss die Augen wieder.
Von draußen meldete ein Dienstmädchen Phönixglanz: „Der Arzt ist da." Darauf zogen sich die Damen ein wenig zurück. Der Arzt König trat zusammen mit Kette Kaufmann [10] ein, fühlte den Puls und sagte: „Noch besteht kein Grund zur Beunruhigung. Es ist eine Blockierung krankhafter Trübsal, die die Leber angegriffen hat. Die Leber kann das Blut nicht halten, deshalb ist der Geist unruhig. Man muss jetzt Mittel einsetzen, die das Yin zusammenziehen und die Blutung stillen, dann darf man auf Besserung hoffen." Nachdem Arzt König gesprochen hatte, ging er zusammen mit Kette Kaufmann hinaus, um das Rezept zu schreiben und die Medizin zu besorgen.
Die Herzoginmutter sah, dass es Kajaljade schlecht ging, kam heraus und sagte zu Phönixglanz und den anderen: „So wie ich die Krankheit dieses Kindes sehe — und ich will nichts Böses heraufbeschwören —, fürchte ich, sie hat wenig Aussicht auf Genesung. Ihr solltet Vorbereitungen für sie treffen; vielleicht wendet ein günstiges Zeichen noch alles zum Guten, und dann wären wir alle erleichtert. Aber selbst im schlimmsten Fall geraten wir dann nicht in Hast und Durcheinander. In diesen Tagen haben wir im Haus ohnehin noch anderes zu erledigen!" Phönixglanz stimmte zu.
Die Herzoginmutter befragte dann Purpurkuckuck ein weiteres Mal, konnte aber nicht herausfinden, wer das Geheimnis verraten hatte. Im Inneren grübelnd, sagte die Herzoginmutter: „Die Kinder haben von klein auf zusammen gespielt, und eine gewisse Zuneigung ist natürlich. Aber jetzt, wo sie erwachsen sind und die Dinge des Lebens verstehen, müssen sie den gebührenden Abstand wahren — das ist die Pflicht eines wohlerzogenen Mädchens, und nur dann hat es meine Liebe verdient. Wenn sie im Herzen andere Gedanken hegt, was wäre sie dann für ein Mensch geworden! Dann hätte ich sie wirklich umsonst geliebt. Was ihr mir berichtet, beunruhigt mich." Damit kehrte sie in ihre Gemächer zurück und ließ Dufthauch [11] zu sich rufen. Dufthauch wiederholte alles, was sie zuvor Frau König erzählt hatte, und beschrieb außerdem die Szene zwischen Kajaljade und Schatzjade, die sich gerade ereignet hatte. Die Herzoginmutter sagte: „Als ich sie vorhin sah, schien sie mir noch nicht völlig verwirrt. Das verstehe ich nicht. In einer Familie wie der unseren gibt es gewisse Dinge einfach nicht — und eine Herzenskrankheit kann es schlechterdings nicht geben. Wenn das Fräulein Lin nicht an dieser Krankheit litte, würde ich jeden Preis für ihre Behandlung zahlen. Aber bei dieser Krankheit ist nicht nur keine Heilung möglich — ich habe auch selbst nicht mehr das Herz dazu."
Phönixglanz sagte: „Was die Schwester Lin betrifft, braucht sich die gnädige Frau nicht den Kopf zu zerbrechen. Ihr Stiefbruder geht ohnehin jeden Tag mit einem Arzt zu ihr. Die Angelegenheiten bei der Tante Schnee sind viel dringender. Heute Morgen habe ich gehört, dass die Zimmer fast fertig sind. Am besten gehen die gnädige Frau und die Herrin zu Tante Schnee hinüber, ich komme auch mit, und wir besprechen alles. Nur eines: Zu Hause bei Tante Schnee ist das Fräulein Schnee, und dort können wir schlecht reden. Am besten bitten wir Tante Schnee, heute Abend herüberzukommen, dann können wir die ganze Nacht alles durchbesprechen und auf einmal erledigen." Die Herzoginmutter und Frau König sagten beide: „Du hast recht. Heute ist es zu spät. Morgen nach dem Essen gehen wir Frauen hinüber." Die Herzoginmutter nahm dann das Abendessen ein, Phönixglanz und Frau König gingen in ihre jeweiligen Gemächer — davon soll nicht weiter die Rede sein.
Am nächsten Morgen kam Phönixglanz nach dem Frühstück herüber, um Schatzjades Zustand auszutesten. Sie ging in sein Zimmer und sagte: „Ich gratuliere, Bruder Schatzjade! Der Herr hat bereits einen Glückstag gewählt, um dich zu verheiraten. Freust du dich?" Schatzjade hörte das, starrte Phönixglanz nur lächelnd an und nickte leicht. Phönixglanz lachte: „Wir holen die Schwester Kajaljade als Braut für dich her — ist dir das recht?" Schatzjade brach in schallendes Gelächter aus. Phönixglanz beobachtete ihn und konnte nicht ergründen, ob er bei Verstand oder im Wahn war. Deshalb fragte sie weiter: „Der Herr sagt, wenn du wieder gesund bist, darfst du die Schwester Kajaljade heiraten. Wenn du aber weiter so verrückt bist, lässt er dich nicht heiraten." Schatzjades Ausdruck wurde plötzlich ernst, und er sagte: „Ich bin nicht verrückt. Du bist verrückt!" Er stand auf und sagte: „Ich gehe die Schwester Kajaljade besuchen und sage ihr, sie soll sich keine Sorgen machen." Phönixglanz hielt ihn hastig fest und sagte: „Die Schwester Kajaljade weiß längst Bescheid. Sie soll ja bald eine Braut werden und schämt sich natürlich — sie will dich jetzt nicht sehen." Schatzjade fragte: „Wenn sie erst einmal zu mir herübergekommen ist, wird sie mich dann sehen oder nicht?"
Phönixglanz fand das zugleich komisch und beunruhigend. Sie dachte bei sich: „Dufthauch hatte recht. Sobald man die Schwester Kajaljade erwähnt, redet er zwar immer noch wirr, aber er scheint etwas klarer. Wenn er wirklich wieder zu Verstand kommt und dann erfährt, dass es nicht das Fräulein Lin ist — wenn dieses Rätsel gelüftet wird, dann haben wir wahrhaft großen Ärger!" Sie unterdrückte ein Lächeln und sagte: „Wenn du dich vernünftig verhältst, wird sie dich sehen. Wenn du weiter wie ein Verrückter bist, sieht sie dich nicht." Schatzjade sagte: „Ich habe ein Herz, und das habe ich vor einiger Zeit der Schwester Kajaljade übergeben. Wenn sie herüberkommt, soll sie es mitbringen und mir wieder in den Bauch zurücklegen."
Phönixglanz hörte, dass das nur Wahnsinnsgerede war, und ging hinaus. Sie blickte die Herzoginmutter lächelnd an. Die Herzoginmutter hatte alles gehört und schwankte zwischen Belustigung und Mitgefühl. Sie sagte: „Ich habe alles gehört. Lasst ihn fürs Erste in Ruhe, sagt Dufthauch, sie soll sich gut um ihn kümmern. Gehen wir!" Frau König war inzwischen auch gekommen.
Alle begaben sich zu Tante Schnee [12] und sagten nur: „Wir machen uns Sorgen wegen der Sache hier und wollten nach dir sehen." Tante Schnee war sehr dankbar und sprach über Becken Schnee [13]. Nachdem man Tee getrunken hatte, wollte Tante Schnee jemanden schicken, um Schatzspange Bescheid zu sagen, doch Phönixglanz hielt sie hastig zurück: „Tante braucht dem Fräulein Schnee nichts zu sagen." Dann wandte sie sich mit einem verbindlichen Lächeln an Tante Schnee: „Die gnädige Frau kommt erstens, um nach Tante zu sehen, und zweitens hat sie etwas Wichtiges zu besprechen und möchte Tante bitten, drüben zu uns zu kommen, damit wir alles beraten können." Tante Schnee nickte und sagte: „Verstehe." Man tauschte noch einige Höflichkeiten aus und kehrte dann zurück.
Am Abend kam Tante Schnee wie versprochen herüber. Nachdem sie der Herzoginmutter ihre Aufwartung gemacht hatte, ging sie zu Frau Königs Gemächern. Dort sprach man unweigerlich über König Ziteng und vergoss gemeinsam eine Weile Tränen. Dann fragte Tante Schnee: „Als ich vorhin bei der gnädigen Frau war, kam der junge Herr Schatzjade heraus, um mich zu begrüßen. Er sah recht gut aus, nur etwas dünn. Ihr habt es doch viel schlimmer dargestellt!" Phönixglanz sagte: „Eigentlich ist es auch gar nicht so ernst. Es ist nur die gnädige Frau, die sich solche Sorgen macht. Jetzt muss der Herr seinen Posten in der Provinz antreten, und wer weiß, wie viele Jahre er fort sein wird. Die Idee der gnädigen Frau ist: Erstens soll der Herr den jungen Schatzjade verheiratet sehen und beruhigt abreisen können. Zweitens soll man Schatzjade durch die Hochzeit Glück bringen, und mit dem goldenen Schloss des Fräulein Schnee die bösen Einflüsse bannen — dann wird er bestimmt genesen." Tante Schnee war im Herzen einverstanden, sorgte sich aber um Schatzspanges Wohlergehen: „Das lässt sich schon machen, aber wir sollten das Ganze noch gründlich beraten." Frau König sprach ganz nach Phönixglanz' Vorgabe mit Tante Schnee und sagte: „Tante hat jetzt niemanden im Haus, also lassen wir die Aussteuer ganz weg. Morgen schickst du den jungen Xue Ke [14] los, um Becken Schnee Bescheid zu sagen. Auf der einen Seite wird hier geheiratet, auf der anderen setzen wir alles daran, den Prozess zu lösen." Von Schatzjades Herzensangelegenheit erwähnte sie kein Wort. Sie fuhr fort: „Tante, da wir jetzt verwandtschaftlich verbunden sind — je früher sie herüberkommt, desto eher wird alles gut, und wir können alle einen Tag eher beruhigt sein."
Gerade als sie so sprachen, schickte die Herzoginmutter Mandarinenente [15] herüber, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Tante Schnee fürchtete zwar, Schatzspange könnte zu kurz kommen, sah aber, dass sie unter diesen Umständen keine Wahl hatte, und gab ihre volle Zustimmung. Mandarinenente ging zurück und berichtete der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter war sehr erfreut und schickte Mandarinenente noch einmal, um Tante Schnee zu bitten, Schatzspange die Gründe für diese Regelung zu erklären, damit sie sich nicht ungerecht behandelt fühle. Tante Schnee stimmte auch dem zu. Man vereinbarte, dass Phönixglanz und Kette Kaufmann als Vermittlerehepaar fungieren würden. Alle trennten sich, und Frau König und ihre Schwester unterhielten sich noch bis tief in die Nacht.
Am nächsten Tag kehrte Tante Schnee nach Hause zurück und erzählte Schatzspange ausführlich alles, was besprochen worden war. Dann fügte sie hinzu: „Ich habe bereits zugestimmt." Schatzspange senkte zunächst schweigend den Kopf, dann begann sie zu weinen. Tante Schnee tröstete sie mit guten Worten und erklärte ihr alles lange und geduldig. Schatzspange zog sich in ihr Zimmer zurück, und Kostbarzither Schnee [16] ging mit, um ihr Gesellschaft zu leisten. Tante Schnee sprach auch mit Xue Ke und wies ihn an: „Morgen brich auf. Erstens höre dich nach dem Stand des Prozesses um, zweitens gib deinem Bruder Bescheid über die Hochzeit. Komm so schnell wie möglich zurück."
Xue Ke war vier Tage unterwegs, dann kehrte er zurück und berichtete Tante Schnee: „Was Bruders Sache betrifft — der Vorgesetzte hat das Urteil auf unbeabsichtigte Tötung bestätigt. Nach der nächsten Verhandlung wird der Bericht an den obersten Gerichtshof geschickt. Wir sollen das Lösegeld bereitstellen. Was Schwesterns Angelegenheit angeht, sagte er: ‚Mutters Entscheidung ist sehr gut. Wenn man es eilig erledigt, spart man auch viel Geld. Mutter braucht nicht auf mich zu warten — macht es, wie ihr es für richtig haltet.'"
Tante Schnee war erleichtert: Einerseits konnte Becken Schnee bald nach Hause kommen, andererseits war Schatzspanges Sache geregelt, und ihr Herz beruhigte sich. Nur sah sie, dass Schatzspange im Herzen nicht willig schien: „Aber sie ist ein Mädchen und von jeher gehorsam und anständig. Da sie weiß, dass ich zugestimmt habe, wird sie sich nicht widersetzen." Also wies sie Xue Ke an: „Bereite die goldüberzogenen Verlobungskarten vor, trage die acht Zeichen des Geburtsdatums ein und schicke jemanden damit zum Zweiten Herrn Jadeschale hinüber. Frage auch nach dem Tag für den Geschenketausch, damit du alles vorbereiten kannst. Wir laden keine Verwandten und Freunde ein. Die Freunde deines Bruders sind, wie du selbst gesagt hast, ein wertloses Pack. Was die Verwandtschaft betrifft: Die Kaufmann-Familie ist die Familie des Bräutigams, und von den Wangs ist niemand in der Hauptstadt. Als die Nichte Xiangfluss-Wolke verlobt wurde, hat die Familie Shi uns nicht eingeladen, also brauchen wir sie auch nicht zu benachrichtigen. Nur den alten Zhang Dehui sollten wir dazubitten, damit er nach dem Rechten sieht — er ist ein älterer Herr und versteht sich auf solche Dinge." Xue Ke führte die Anweisungen aus und ließ die Verlobungskarten hinüberbringen.
Am nächsten Tag kam Kette Kaufmann zu Tante Schnee, erwies ihr seinen Respekt und sagte: „Morgen ist ein besonders glückverheißender Tag. Ich komme heute, um der Tante mitzuteilen, dass wir morgen die Geschenke austauschen. Ich bitte nur, dass Tante nicht zu streng mit dem Arrangement ist." Dabei überreichte er den Kalender. Tante Schnee sagte einige bescheidene Worte und gab nickend ihre Zustimmung.
Kette Kaufmann eilte zurück und berichtete Aufrecht Kaufmann [17]. Aufrecht Kaufmann sagte: „Geh zur Herzoginmutter und sage ihr: Da wir keine Verwandten einladen, soll alles möglichst schlicht gehalten werden. Was die Geschenke betrifft, soll die Herzoginmutter sie sich ansehen — mir braucht man nichts zu sagen." Kette Kaufmann stimmte zu und ging nach innen, um der Herzoginmutter Bericht zu erstatten.
Frau König rief Phönixglanz und ließ die Geschenke für die Beschauung zur Herzoginmutter bringen. Sie wies auch Dufthauch an, Schatzjade davon zu erzählen. Schatzjade lachte kichernd und sagte: „Hier schickt man Sachen in den Garten, und dann schickt der Garten die Sachen hierher — die eigenen Leute schicken, die eigenen Leute empfangen. Was für eine Mühe, und wozu das alles!" Die Herzoginmutter und Frau König hörten das und freuten sich beide: „Man sagt, er sei verwirrt, aber heute ist er doch so klar!" Mandarinenente und die anderen konnten sich das Lachen nicht verkneifen. Sie traten vor und zeigten der Herzoginmutter ein Stück nach dem anderen: „Dies ist eine goldene Halskette. Dies sind Gold- und Edelsteinschmuckstücke, zusammen achtzig Stück. Dies sind vierzig Ballen Drachenseide für Festtagskleidung. Dies sind einhundertzwanzig Ballen Seidenstoffe in verschiedenen Farben. Dies sind einhundertzwanzig Kleidungsstücke für die vier Jahreszeiten. Draußen hat man keine Zeit gehabt, Hammel und Wein vorzubereiten — hier ist das Geld dafür als Ersatz." Die Herzoginmutter besah alles und fand es gut. Leise sagte sie zu Phönixglanz: „Sag der Tante Schnee, das ist nicht nur Höflichkeit. Wenn Becken Schnee erst zurückkommt, kann sie in Ruhe alles für ihre Tochter anfertigen lassen. Was die Bettdecken für den Hochzeitstag betrifft — die besorgen wir."
Phönixglanz stimmte zu und ging hinaus. Sie schickte Kette Kaufmann voraus und rief dann Zhou Rui und Wanger herbei, um ihnen Anweisungen zu geben: „Die Geschenke dürft ihr nicht durch das Haupttor bringen. Nehmt die kleine Seitenpforte im Garten, die früher immer offen stand. Ich komme auch gleich nach. Diese Pforte liegt weit vom Xiaoxiang-Pavillon. Falls jemand von den anderen Bereichen euch sieht, sagt ihm, er soll im Xiaoxiang-Pavillon kein Wort davon erwähnen." Die Diener stimmten zu und trugen die Geschenke los.
Schatzjade hielt alles für bare Münze und war überglücklich. Seine Lebensgeister kehrten spürbar zurück, nur redete er manchmal noch etwas wirr. Als die Geschenküberbringer zurückkamen, nannten sie weder Namen noch Familiennamen, und obwohl im ganzen Haus alle Bescheid wussten, wagte wegen Phönixglanz' Anweisungen niemand, das Geheimnis preiszugeben.
Nun wird erzählt, dass Kajaljade zwar Medizin nahm, ihre Krankheit aber von Tag zu Tag schwerer wurde. Purpurkuckuck und die anderen beschworen sie am Krankenbett: „Die Dinge haben sich so weit entwickelt, dass ich nicht mehr schweigen kann. Des Fräuleins Herzenskummer kennen wir alle. Aber dass etwas Unerwartetes geschähe, ist völlig ausgeschlossen. Wenn das Fräulein mir nicht glaubt: Nehmt nur Schatzjades körperlichen Zustand — bei einer so schweren Krankheit, wie sollte er da heiraten können? Fräulein, hört nicht auf das dumme Geschwätz und schont Euch!" Kajaljade schenkte ihr ein mattes Lächeln, antwortete aber nicht, hustete dann wieder mehrmals und spuckte viel Blut. Purpurkuckuck und die anderen sahen, dass sie nur noch ein hauchzartes Fädchen am Leben hing. Sie wussten, dass alles Trösten vergeblich war, und konnten nur dabeistehen und weinen. Jeden Tag ging Purpurkuckuck drei- oder viermal hinüber, um der Herzoginmutter Bericht zu erstatten. Mandarinenente aber fand, dass die Herzoginmutter Kajaljade in letzter Zeit weniger Aufmerksamkeit schenkte als früher, und ging deshalb nicht immer hin, um Bericht zu erstatten. Außerdem lag der Herzoginmutter in diesen Tagen alles an Schatzspange und Schatzjade. Da keine besonderen Nachrichten über Kajaljade kamen, erwähnte sie sie kaum noch und ließ lediglich den Arzt nach ihr sehen.
Kajaljade war schon lange krank gewesen, und von der Herzoginmutter an bis hinunter zu den Mägden der Schwestern hatte man sie stets regelmäßig besucht. Doch nun kam keine einzige Person mehr; nicht eine, die auch nur fragte. Wenn sie die Augen aufschlug, sah sie nur Purpurkuckuck allein. Im Wissen, dass es keine Hoffnung mehr gab, rang sie sich mit letzter Kraft zusammen und sagte zu Purpurkuckuck: „Liebe Schwester, du bist mir die Nächste. Obwohl die Herzoginmutter dich abgestellt hat, mich zu bedienen, habe ich dich in all diesen Jahren wie meine leibliche Schwester behandelt." An dieser Stelle versagte ihr der Atem. Purpurkuckuck hörte das, und vor bitteren Schmerzen in der Brust weinte sie, dass sie kein Wort herausbrachte. Nach langer Pause sprach Kajaljade wieder, zwischen Keuchen und Worten: „Liebe Schwester Purpurkuckuck, es ist so unbequem, zu liegen. Hilf mir auf, ich möchte mich anlehnen und ein wenig sitzen." Purpurkuckuck sagte: „In Eurem Zustand, Fräulein — wenn Ihr aufsteht, könntet Ihr Zugluft abbekommen." Kajaljade schloss schweigend die Augen. Nach einer Weile wollte sie doch wieder aufsitzen. Purpurkuckuck hatte keine Wahl und richtete sie gemeinsam mit Schneegans auf, stützte sie auf beiden Seiten mit weichen Kissen ab und lehnte sich selbst daneben.
Doch Kajaljade konnte nicht ruhig sitzen; sie spürte im Unterleib drückende Schmerzen und stemmte sich mit aller verbliebenen Kraft dagegen. Sie rief Schneegans zu sich: „Meine Gedichthefte ..." Ihre Stimme versagte, und sie keuchte wieder. Schneegans vermutete, dass sie die Gedichtmanuskripte meinte, die sie vor einigen Tagen ausgesucht hatte. Sie holte sie und legte sie vor Kajaljade hin. Kajaljade nickte, dann hob sie den Blick und schaute zu einer Truhe hinüber. Schneegans verstand nicht und stand nur verständnislos da. Kajaljade starrte sie mit weit aufgerissenen Augen wütend an, fing wieder an zu husten und spuckte erneut Blut. Schneegans holte eilig Wasser. Kajaljade spülte den Mund und spuckte in den Napf. Purpurkuckuck wischte ihr mit einem Tuch den Mund ab. Kajaljade nahm das Tuch, deutete damit auf die Truhe, rang dann wieder so nach Atem, dass sie kein Wort herausbrachte, und schloss die Augen. Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, lehnt Euch doch an." Kajaljade schüttelte den Kopf. Purpurkuckuck dachte, sie wolle ein Taschentuch, und bat Schneegans, die Truhe zu öffnen und ein weißes Seidentuch herauszunehmen. Kajaljade sah es an und warf es beiseite. Mit großer Anstrengung keuchte sie: „Das mit der Schrift darauf." Jetzt endlich verstand Purpurkuckuck: Sie meinte jenes alte Tuch, auf das sie Gedichte geschrieben hatte. Sie bat Schneegans, es herauszuholen und Kajaljade zu geben. Purpurkuckuck redete ihr zu: „Fräulein, ruht Euch aus! Wozu Euch jetzt noch plagen? Wenn Ihr Euch erholt habt, könnt Ihr es ansehen." Doch Kajaljade nahm das Tuch in die Hand, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, und rang sich mühsam die andere Hand frei, um es mit aller Kraft zu zerreißen. Aber sie konnte nur noch zittern und war viel zu schwach, es zu zerreißen. Purpurkuckuck wusste längst, dass ihr Groll Schatzjade galt, wagte aber nicht, seinen Namen auszusprechen, und sagte nur: „Fräulein, wozu Euch so aufregen?" Kajaljade nickte leicht und steckte das Tuch in ihren Ärmel. Dann sagte sie: „Zündet die Lampe an."
Schneegans gehorchte sofort und zündete die Lampe an. Kajaljade sah in die Flamme, schloss dann wieder die Augen und saß da, keuchte eine Weile und sagte dann: „Macht das Kohlebecken an." Purpurkuckuck dachte, sie fröre, und sagte: „Fräulein, legt Euch doch hin und deckt Euch noch zu. Der Kohlenrauch vertragt Ihr bestimmt nicht." Kajaljade schüttelte den Kopf. Schneegans zündete widerwillig das Kohlebecken an und stellte es auf sein Gestell auf den Boden. Kajaljade nickte, sie solle es auf das Ofenbett heraufheben. Schneegans hob es hinauf und ging dann hinaus, um den Tisch für das Ofenbett zu holen.
Kajaljade beugte sich nun etwas vor, und Purpurkuckuck musste sie mit beiden Händen stützen. Jetzt nahm Kajaljade das Tuch in die Hand, sah in das Feuer, nickte vor sich hin und warf es hinein. Purpurkuckuck erschrak heftig und wollte es retten, doch sie wagte nicht, ihre Hände zu bewegen; Schneegans war draußen, um den Tisch zu holen — und da hatte das Tuch schon Feuer gefangen. Purpurkuckuck rief: „Fräulein, was tut Ihr denn?" Kajaljade tat, als hörte sie es nicht, griff mit der anderen Hand nach den Gedichtmanuskripten, sah sie an und legte sie wieder ab. Purpurkuckuck, die fürchtete, auch diese würden verbrannt, lehnte sich hastig gegen Kajaljade und streckte eine Hand aus, um die Manuskripte zu fassen — doch Kajaljade hatte sie schon wieder aufgehoben und ins Feuer geworfen. Purpurkuckuck konnte nicht hinreichen und konnte nur hilflos zusehen.
Gerade in dem Moment kam Schneegans mit dem Tisch herein. Sie sah, wie Kajaljade etwas hineinwarf, wusste nicht, was es war, und schnellte vor, um es zu retten. Aber das Papier fing sofort Feuer — wie hätte man auch nur einen Augenblick warten können? Es brannte schon prasselnd. Schneegans, ohne die Gefahr für ihre Hände zu beachten, griff in die Flammen, riss heraus, was sie konnte, warf es auf den Boden und trampelte darauf herum. Doch fast alles war bereits zu Asche verbrannt; nur wenige Reste blieben übrig.
Kajaljade schloss die Augen, sank nach hinten und wäre beinahe auf Purpurkuckuck gefallen. Purpurkuckuck rief hastig Schneegans herbei, und zu zweit legten sie Kajaljade hin. Purpurkuckucks Herz schlug wild. Sie hätte gern jemanden gerufen, doch es war schon spät. Andererseits — wenn sie niemanden rief, war sie allein mit Schneegans, dem Papagei und ein paar kleinen Mägden, und was, wenn mitten in der Nacht etwas geschähe? So brachten sie mit knapper Not die Nacht herum.
Am nächsten Morgen schien es Kajaljade ein wenig besser zu gehen. Doch nach dem Frühstück setzte plötzlich das Husten und Blutspucken wieder ein, schlimmer als zuvor. Purpurkuckuck sah, dass es nicht gut stand, rief eilig Schneegans und die anderen kleinen Mädchen herein, damit sie Wache hielten, und lief selbst los, um der Herzoginmutter Bericht zu erstatten. Doch als sie die Gemächer der Herzoginmutter erreichte, war es dort totenstill; nur zwei, drei alte Ammen und einige Putzfrauen bewachten das Haus. Purpurkuckuck fragte: „Wo ist die Herzoginmutter?" Die Leute sagten alle: „Wissen wir nicht." Purpurkuckuck war bestürzt. Sie ging in Schatzjades Zimmer — dort war ebenfalls niemand. Sie fragte ein Mädchen, das die Zimmer bewachte, aber die wusste es auch nicht.
Purpurkuckuck ahnte nun bereits, was los war: „Aber wie können diese Leute nur so herzlos und kalt sein!" Dann dachte sie daran, dass in den letzten Tagen nicht eine einzige Person nach Kajaljade gefragt hatte. Je mehr sie grübelte, desto schmerzlicher wurde es, und schließlich stieg eine Woge der Empörung in ihr auf. Sie wandte sich abrupt um und ging. Im Stillen dachte sie: „Heute will ich mir einmal ansehen, in was für einem Zustand Schatzjade ist — wie er mir wohl in die Augen sehen will! Letztes Jahr habe ich nur eine einzige Lügengeschichte erzählt, da wurde er sofort todkrank. Und heute tut er ganz offen so etwas! Wahrhaftig, die Herzen der Männer auf dieser Welt sind kalt wie Eis und Schnee — zum Zähneknirschen!"
Grübelnd und gehend hatte sie bereits den Hof der Roten Freude [18] erreicht. Das Hoftor war nur angelehnt, und drinnen herrschte Stille. Plötzlich wurde Purpurkuckuck klar: „Wenn er heiraten soll, muss es neue Gemächer geben. Aber wo sind die?"
Während sie sich unsicher umsah, sah sie den Pagen Moyu vorbeiflitzen. Purpurkuckuck rief ihn an. Moyu kam herüber und fragte mit breitem Grinsen: „Was machst du denn hier, Schwester?" Purpurkuckuck sagte: „Ich habe gehört, der Zweite Herr heiratet, und wollte mal den Trubel sehen — aber er ist ja gar nicht hier. Und wann die Hochzeit ist, weiß ich auch nicht." Moyu flüsterte: „Das sage ich nur dir, aber du darfst es Schneegans nicht verraten. Von oben haben sie befohlen, dass nicht einmal ihr etwas erfahren dürft. Die Hochzeit ist heute Nacht. Natürlich nicht hier — der Herr hat den Zweiten Herrn Jadeschale beauftragt, andere Räume herrichten zu lassen." Dann fragte er: „Hast du noch etwas zu erledigen, Schwester?" Purpurkuckuck sagte: „Nein, geh nur." Moyu rannte weiter.
Purpurkuckuck stand eine Weile wie betäubt da. Plötzlich dachte sie an Kajaljade — ob sie noch am Leben war oder schon gestorben. Die Augen voller Tränen, biss sie die Zähne zusammen und stieß hervor: „Schatzjade! Wenn sie morgen stirbt, glaubst du, du könntest dich vor ihr verbergen und sie nie wiedersehen? Wenn du dein Herzenswunsch erfüllt bekommst — mit was für einem Gesicht willst du dann mir gegenübertreten?" Weinend und schluchzend machte sie sich auf den Rückweg.
Kurz vor dem Xiaoxiang-Pavillon sah sie zwei kleine Mädchen am Tor stehen, die ängstlich Ausschau hielten. Als sie Purpurkuckuck erblickten, rief eine: „Ist das nicht Schwester Purpurkuckuck!" Purpurkuckuck wusste, dass etwas nicht stimmte. Hastig winkte sie ab, sie sollten nicht schreien. Eilig trat sie ein und sah: Kajaljades Leberfeuer war nach oben geschlagen, und beide Wangenknochen waren feuerrot. Purpurkuckuck ahnte Schlimmes und ließ Kajaljades Amme Wang hereinrufen. Die alte Amme sah Kajaljade, und sofort brach sie in lautes Weinen aus.
Purpurkuckuck hatte sich an Amme Wang als älterer Person gewandt, weil sie sich etwas Halt von ihr erhoffte. Doch die alte Frau war selbst völlig hilflos, und Purpurkuckuck wurde nur noch aufgewühlter. Plötzlich fiel ihr eine andere Person ein, und sie schickte ein kleines Mädchen eilig los, sie zu holen. Wen meinte sie? Purpurkuckuck hatte sich daran erinnert, dass Seidenweiß Pflaume [19] als Witwe lebte und sich heute, am Tag von Schatzjades Hochzeit, gewiss fernhalten würde. Außerdem hatte sie die allgemeine Verantwortung für die Angelegenheiten im Garten — deshalb schickte sie nach ihr. Seidenweiß Pflaume war gerade dabei, Orchidee Kaufmanns [20] Gedichte zu korrigieren, als ein Mädchen überstürzt hereinplatzte und rief: „Gnädige Frau! Es sieht schlimm aus mit dem Fräulein Lin! Drüben weinen alle!"
Seidenweiß Pflaume erschrak, stellte keine weiteren Fragen, stand sofort auf und lief los. Suyu und Biyue folgten ihr. Während sie ging, liefen ihr die Tränen, und sie dachte: „So viele Jahre haben wir als Schwestern zusammengelebt. Mit ihrem Aussehen und ihrer Begabung — wahrhaftig einzigartig auf der Welt, vergleichbar nur mit der Frostgöttin und der Mondgöttin. So jung und schon dem Grab geweiht! Und dann hat Phönixglanz diese List des ‚Balken stehlen und Stütze tauschen' ersonnen, sodass ich mich am Xiaoxiang-Pavillon nicht einmal blicken lassen konnte und nicht den geringsten Beistand als Schwester leisten durfte. Wie beklagenswert, wie schmerzlich!" So dachte sie und hatte bereits das Tor des Xiaoxiang-Pavillons erreicht. Drinnen war es totenstill. Nun begann Seidenweiß Pflaume sich erst recht Sorgen zu machen: „Bestimmt ist sie schon gestorben, und alle haben schon aufgehört zu weinen. Ob Grabkleidung und Leintuch schon bereiten?" In aller Eile eilte sie mit zwei, drei großen Schritten ins Zimmer.
Am Eingang des inneren Zimmers hatte ein kleines Mädchen sie bereits erspäht und rief: „Die gnädige Frau Li ist da!" Purpurkuckuck eilte ihr entgegen, und sie trafen sich fast an der Tür. Seidenweiß Pflaume fragte sofort: „Wie steht es?" Purpurkuckuck wollte antworten, aber alles, was sie hervorbrachte, war ein ersticktes Schluchzen. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen, und die Tränen strömten wie Perlen von einer gerissenen Kette. Wortlos wies sie nur mit einer Hand auf Kajaljade. Seidenweiß Pflaume sah Purpurkuckuck in diesem Zustand, und der Schmerz in ihrem eigenen Herzen wurde noch größer. Sie fragte nicht weiter und ging sofort hinüber. Kajaljade konnte schon nicht mehr sprechen. Als Seidenweiß Pflaume sie leise zwei Mal beim Namen rief, öffnete sie noch einmal schwach die Augen und schien bei Bewusstsein. Doch nur die Augenlider und Lippen zuckten kaum merklich; aus dem Mund kam nur noch ein feines Fädchen Atem, aber kein Wort und keine Träne mehr.
Seidenweiß Pflaume drehte sich um und sah, dass Purpurkuckuck nicht mehr im Zimmer war. Sie fragte Schneegans. Schneegans sagte: „Sie ist im äußeren Zimmer." Seidenweiß Pflaume eilte hinaus und fand Purpurkuckuck auf einem leeren Bett liegend, das Gesicht grünlichgelb, die Augen geschlossen, unaufhörlich weinend. Die Tränen und der Rotz hatten auf dem gestickten Brokatkissen einen tellergroßen nassen Fleck hinterlassen. Seidenweiß Pflaume rief sie. Purpurkuckuck öffnete langsam die Augen und richtete sich etwas auf. Seidenweiß Pflaume sagte: „Dummes Mädchen, was ist jetzt die Zeit zum Weinen! Hole das Grabgewand des Fräulein Lin und zieh es ihr an! Worauf willst du noch warten? Willst du, dass sie, ein Mädchen, nackt kommt und nackt geht?" Als Purpurkuckuck diese Worte hörte, brach sie erst recht in hemmungsloses Schluchzen aus. Seidenweiß Pflaume weinte selbst, war zugleich in Eile, wischte sich die Tränen ab und klopfte Purpurkuckuck auf die Schulter: „Gutes Kind, dein Weinen bringt mich ganz durcheinander. Mach schnell und richte ihre Sachen her! Wenn wir noch länger warten, ist es zu spät!"
Gerade in diesem Aufruhr stürzte von draußen jemand aufgeregt herein und erschreckte Seidenweiß Pflaume. Es war Friedchen [21]. Als sie das Bild sah, erstarrte sie und stand nur wie versteinert da. Seidenweiß Pflaume fragte: „Warum bist du nicht drüben? Was machst du hier?" Da kam auch die Frau des Lin Zhixiao herein. Friedchen antwortete: „Die Herrin macht sich Sorgen und hat mich geschickt, nachzusehen. Da die gnädige Frau Li hier ist, kann sich unsere Herrin ganz auf die andere Seite konzentrieren." Seidenweiß Pflaume nickte. Friedchen sagte: „Ich möchte auch das Fräulein Lin sehen." Damit ging sie hinein, und schon auf dem Weg flossen ihr die Tränen. Seidenweiß Pflaume wandte sich an die Frau des Lin Zhixiao: „Du kommst gerade recht. Geh hinaus und sag dem Hausverwalter, er soll alles für die Bestattung des Fräulein Lin vorbereiten. Wenn alles bereit ist, soll er mir Bescheid geben — nicht drüben." Die Frau des Lin Zhixiao stimmte zu, blieb aber stehen. Seidenweiß Pflaume fragte: „Gibt es noch etwas?" Die Frau des Lin Zhixiao sagte: „Die Zweite Herrin hat eben mit der Herzoginmutter beraten — drüben werden die Dienste des Fräulein Purpurkuckuck benötigt."
Bevor Seidenweiß Pflaume antworten konnte, sagte Purpurkuckuck: „Frau Lin, geht bitte schon voraus! Wenn die Person hier tot ist, gehen wir natürlich alle hinaus — da braucht man doch nicht so ..." Sie brach ab, korrigierte sich und sagte: „Außerdem wachen wir hier bei einer Kranken, und wir sind unrein. Solange das Fräulein Lin noch atmet, ruft sie jederzeit nach mir." Seidenweiß Pflaume versuchte zu vermitteln: „Wirklich, das Fräulein Lin und dieses Mädchen haben eine Schicksalsverbindung aus einem früheren Leben. Schneegans ist zwar die Magd, die sie aus dem Süden mitgebracht hat, doch seltsamerweise kümmert sie sich weniger um sie. Nur Purpurkuckuck — die beiden kann man nicht voneinander trennen."
Die Frau des Lin Zhixiao war von Purpurkuckucks Worten verstimmt gewesen, doch nach Seidenweiß Pflaumes Vermittlung hatte sie nichts mehr zu sagen. Als sie sah, wie Purpurkuckuck weinte, als wäre sie eine Figur aus Tränen, lächelte sie gezwungen und sagte: „Was das Fräulein Purpurkuckuck da sagt, ist ja nicht so wichtig. Nur — was soll ich der Herzoginmutter antworten? Und kann man so etwas der Zweiten Herrin sagen?"
Gerade als sie sprach, kam Friedchen mit verweinten Augen heraus und fragte: „Der Zweiten Herrin was sagen?" Die Frau des Lin Zhixiao wiederholte alles. Friedchen senkte den Kopf und überlegte einen Moment. Dann sagte sie: „Dann schicken wir eben Schneegans." Seidenweiß Pflaume fragte: „Geht das?" Friedchen trat an Seidenweiß Pflaumes Ohr und flüsterte einige Worte. Seidenweiß Pflaume nickte: „Wenn es so steht, kann Schneegans ebenso gut gehen." Die Frau des Lin Zhixiao fragte Friedchen: „Geht das Fräulein Schneegans?" Friedchen sagte: „Ja, das ist ganz gleich." Die Frau des Lin sagte: „Dann sagt ihr bitte schnell, sie soll mit mir kommen. Ich berichte der Herzoginmutter und der Zweiten Herrin vorab — das sei die Entscheidung der gnädigen Frau Li und des Fräuleins. Später kann das Fräulein es der Zweiten Herrin selbst berichten." Seidenweiß Pflaume sagte: „Ist gut. In deinem Alter kannst du eine so kleine Sache doch wohl verantworten?" Die Frau des Lin lächelte: „Es ist nicht, dass ich es nicht verantworten könnte. Aber erstens ist diese Angelegenheit von der Herzoginmutter und der Zweiten Herrin angeordnet, und wir kleinen Leute verstehen die Zusammenhänge nicht ganz. Zweitens sind ja die gnädige Frau Li und das Fräulein Friedchen da."
Friedchen hatte Schneegans bereits herausgerufen. Schneegans hatte in den letzten Tagen bei Kajaljade wenig Gunst genossen, die sie ein „dummes, unwissendes Kind" schalt, und so hatte sich auch Schneegans innerlich etwas abgekühlt. Außerdem wagte sie es nicht, dem Ruf der Herzoginmutter und der Zweiten Herrin nicht zu folgen. Eilig richtete sie sich die Haare, Friedchen ließ sie frische Kleider anziehen, und sie folgte der Frau des Lin.
Danach sprach Friedchen noch einige Worte mit Seidenweiß Pflaume. Seidenweiß Pflaume wies Friedchen an: „Dräng die Frau des Lin, ihr Mann soll alles so schnell wie möglich bereitstellen!" Friedchen stimmte zu und ging hinaus. Als sie um eine Ecke bog, sah sie die Frau des Lin mit Schneegans vor sich hergehen. Hastig rief sie sie an und sagte: „Ich nehme Schneegans mit. Du geh zu Herrn Lin und sag ihm, er soll die Sachen für das Fräulein Lin vorbereiten. Bei der Herrin melde ich es für dich." Die Frau des Lin stimmte zu und ging. Friedchen nahm Schneegans mit zu den neuen Gemächern, meldete alles und ging dann ihre eigenen Angelegenheiten erledigen.
Schneegans sah die Hochzeitsvorbereitungen und dachte an ihre Herrin. Das Herz tat ihr weh, doch vor der Herzoginmutter und Phönixglanz wagte sie ihre Gefühle nicht zu zeigen. Sie dachte: „Wofür braucht man mich eigentlich? Ich will mir das mal ansehen. Schatzjade und unser Fräulein waren doch unzertrennlich wie Honig in Öl — und jetzt lässt er sich gar nicht blicken. Ob er nun wirklich krank ist oder nur so tut? Bestimmt fürchtet er nur, unser Fräulein könnte zürnen, und deshalb behauptet er, seine Jade verloren zu haben, und spielt den Narren — damit jene den Mut verliert und er in Ruhe das Fräulein Schnee heiraten kann. Ich gehe mal hin und schaue mir an, ob er angesichts meiner noch den Narren spielt. Oder will er auch heute noch weiterspielen?" So denkend, war sie bereits zum Eingang des inneren Zimmers geschlichen und spähte heimlich hinein.
In diesem Moment war Schatzjade zwar wegen des Verlusts der Jade geistig umnachtet, doch als er hörte, dass er Kajaljade heiraten solle, war das für ihn wahrhaftig das wunderbarste Ereignis seit Anbeginn der Welt. Sein Körper schien plötzlich gesund und kräftig (nur dass er nicht mehr so scharfsinnig war wie früher, weshalb Phönixglanz' Listen hundertmal ins Schwarze trafen). Er konnte es kaum erwarten, Kajaljade zu sehen, und hatte auf den heutigen Hochzeitstag sehnsüchtig gewartet. Er war so glücklich, dass er vor Freude tanzte. Obwohl er manchmal wirre Dinge sagte, war sein Zustand grundverschieden von dem eines Schwerkranken. Als Schneegans das sah, war sie zugleich wütend und traurig. Sie ahnte nichts von Schatzjades wahren Gefühlen und ging beiseite.
Hier nun ließ Schatzjade Dufthauch eilen, ihn in die Festkleider zu kleiden, und saß dann in Frau Königs Gemächern. Er sah, wie Phönixglanz und Frau Sonders geschäftig hin und her liefen, und konnte es nicht abwarten, bis die Glücksstunde kam. Wieder und wieder fragte er Dufthauch: „Die Schwester Kajaljade kommt aus dem Garten — warum dauert das so lange, und sie ist immer noch nicht da?" Dufthauch unterdrückte ein Lachen und sagte: „Man muss die günstige Stunde abwarten." Dann hörte er Phönixglanz zu Frau König sagen: „Obwohl wir in der Trauerzeit sind und draußen keine Musik spielen, gehört es sich nach unserer Familientradition, dass die Verbeugungszeremonie stattfindet. Ganz ohne Musik wäre es zu trostlos. Ich habe die Frauen unseres Hauses, die Musik gelernt und im Theater gedient haben, zusammengerufen — sie sollen etwas aufspielen, damit es festlicher wird." Frau König nickte: „So sei es."
Schließlich kam die große Sänfte durch das Haupttor herein. Die hauseigene Musik ging ihr entgegen, und zwölf Paar Hofleuchten zogen in einer Reihe ein — das Ganze wirkte zugleich elegant und festlich. Der Zeremonienmeister bat die Braut aus der Sänfte. Schatzjade sah, wie die Brautführerin in Rot die Braut stützte, die mit einem Schleier verhüllt war. Wer die Braut an der anderen Seite stützte, war — Schneegans. Schatzjade sah Schneegans und dachte: „Warum ist Purpurkuckuck nicht gekommen, sondern sie?" Dann überlegte er: „Natürlich! Schneegans hat sie aus dem Süden mitgebracht; Purpurkuckuck gehört zu unserem Haushalt und musste deshalb nicht mitkommen." Beim Anblick Schneegans' freute er sich, als hätte er Kajaljade selbst gesehen. Der Zeremonienmeister rief die Riten aus: Verbeugung vor Himmel und Erde. Die Herzoginmutter wurde hereingebeten und empfing vier Verbeugungen. Danach traten Aufrecht Kaufmann [22] und seine Gemahlin in die Halle, die Riten wurden vollzogen, und man geleitete das Paar ins Brautgemach. Es folgten das Sitzen auf dem Brautbett, das Werfen der Trockenfrüchte und andere Bräuche, alles nach der alten Sitte des Hauses — Einzelheiten bedürfen keiner Erwähnung. Aufrecht Kaufmann hatte sich dem Beschluss der Herzoginmutter gefügt, obwohl er nicht an das Glückwenden durch Hochzeit glaubte. Doch als er sah, wie gut sich Schatzjade heute benahm und wie er beinahe wie ein gesunder Mensch wirkte, freute er sich doch.
Nachdem die Braut auf dem Brautbett Platz genommen hatte, wollte Schatzjade sogleich den Schleier heben. Phönixglanz hatte dies vorausgesehen und bat die Herzoginmutter, Frau König und die anderen herein, um aufzupassen. Schatzjade war in diesem Moment doch etwas töricht und trat auf die Braut zu: „Schwesterchen, bist du wieder gesund? So viele Tage haben wir uns nicht gesehen. Was soll dieses dumme Ding hier?" Er wollte den Schleier herunterreißen, worüber die Herzoginmutter in Angstschweiß ausbrach. Schatzjade besann sich: „Die Schwester Kajaljade wird schnell böse — ich darf nichts überstürzen." Er wartete noch einen Moment, konnte sich aber nicht länger beherrschen und trat vor, um den Schleier zu heben. Die Brautführerin nahm ihn entgegen, Schneegans trat beiseite, und Yinger kam, um aufzuwarten. Schatzjade riss die Augen auf und sah — es schien Schatzspange zu sein. Er traute seinen Augen nicht, hielt in der einen Hand die Lampe, rieb sich mit der anderen die Augen und sah noch einmal hin: War es nicht wirklich Schatzspange? Er sah sie in prächtigem Festgewand, die vollen Schultern und den zarten Körper, das tiefhängende Haar mit den herabhängenden Strähnen, die Augen halb geschlossen, den Atem kaum merklich. In ihrer schlichten Anmut glich sie Lotosblüten im Tau; in ihrer zarten Scheu wirkte sie wie Aprikosenblüten im Nebelregen.
Schatzjade stand eine Weile wie erstarrt da. Er sah Yinger neben sich stehen, aber von Schneegans keine Spur. Sein Geist hatte keinen Halt mehr, und er glaubte, in einem Traum zu sein. Regungslos stand er da. Man nahm ihm die Lampe ab, führte ihn zum Sitzen, doch seine Augen starrten ins Leere, und er sprach kein Wort. Die Herzoginmutter fürchtete einen Rückfall und eilte persönlich herbei, um ihn zu beruhigen. Phönixglanz und Frau Sonders baten Schatzspange, ins innere Zimmer zu treten und sich zu setzen. Schatzspange war in diesem Moment natürlich schweigend, den Kopf gesenkt.
Als Schatzjade sich etwas gesammelt hatte und die Herzoginmutter und Frau König dort sitzen sah, flüsterte er Dufthauch zu: „Wo bin ich? Ist das nicht ein Traum?" Dufthauch antwortete: „Heute ist dein Glückstag! Was redest du von Träumen! Der Herr ist draußen." Schatzjade deutete heimlich mit dem Finger und flüsterte: „Wer ist diese Schönheit, die dort sitzt?" Dufthauch hielt sich den Mund zu und konnte vor Lachen nicht sprechen. Endlich brachte sie hervor: „Das ist die neuangetraute Zweite Herrin." Alle drehten sich um und konnten ihr Lachen nicht verbergen. Schatzjade sagte: „Wie verwirrend! Wer ist diese Zweite Herrin?" Dufthauch sagte: „Das Fräulein Schnee." Schatzjade fragte: „Und wo ist das Fräulein Lin?" Dufthauch sagte: „Der Herr hat angeordnet, das Fräulein Schnee zu heiraten. Wie kommst du auf das Fräulein Lin?" Schatzjade sagte: „Aber ich habe doch gerade das Fräulein Lin gesehen! Und auch Schneegans war da — wie kannst du sagen, sie sei nicht da? Was soll das alles?"
Phönixglanz trat heran und sagte leise: „Das Fräulein Schnee sitzt drinnen. Rede keinen Unsinn! Wenn du sie beleidigst, wird die Herzoginmutter es nicht dulden." Schatzjade hörte das, und seine Verwirrung wurde nur noch größer. Schon von seiner Krankheit her war sein Geist umnachtet, und die unheimlichen Geschehnisse dieser Nacht verwirrten ihn vollends. Ohne auf irgendetwas Rücksicht zu nehmen, rief er unablässig, er wolle die Schwester Kajaljade suchen gehen. Die Herzoginmutter und die anderen versuchten ihn zu beruhigen, doch er verstand nichts. Da außerdem Schatzspange im Zimmer war, konnte man nicht offen reden. In dem Wissen, dass Schatzjades alte Krankheit wieder ausgebrochen war, versuchte man nicht, ihn aufzuklären, sondern zündete im ganzen Raum Benzoeharz an, um seinen Geist zu beruhigen, und legte ihn schlafen. Alle verstummten. Nach einer Weile fiel Schatzjade in tiefen Schlaf. Nun erst wagte die Herzoginmutter ein wenig aufzuatmen. Man harrte sitzend bis zum Morgengrauen aus. Phönixglanz wurde gebeten, Schatzspange zur Ruhe zu bringen. Schatzspange stellte sich taub, legte sich angezogen im inneren Zimmer nieder.
Aufrecht Kaufmann, der draußen wartete, wusste nichts von den Vorgängen im Inneren. Nach dem, was er mit eigenen Augen gesehen hatte, fühlte er sich etwas beruhigter. Es traf sich, dass der nächste Tag genau sein Abreisetag war. Er ruhte sich kurz aus, dann gratulierte man ihm und gab ihm das Geleit. Die Herzoginmutter, die sah, dass Schatzjade schlief, ging in ihre eigenen Gemächer, um sich ebenfalls etwas auszuruhen.
Am nächsten Morgen verabschiedete sich Aufrecht Kaufmann am Ahnenschrein, kam dann zur Herzoginmutter und sagte: „Der unwürdige Sohn geht in die Ferne. Ich wünsche nur, dass die gnädige Frau sich pflegt und wohl befindet. Sobald ich meinen Amtssitz erreicht habe, werde ich sofort einen Brief mit meinen respektvollen Grüßen senden. Bitte macht Euch keine Sorgen. Was Schatzjades Angelegenheit betrifft — ich habe alles nach dem Willen der gnädigen Frau erledigt. Ich bitte nur, dass die gnädige Frau ihn ermahnt und erzieht." Die Herzoginmutter wollte nicht, dass sich Aufrecht Kaufmann unterwegs Sorgen machte, und erwähnte nichts von Schatzjades erneutem Rückfall. Sie sagte nur: „Ich habe dir eines zu sagen: Schatzjade hat gestern Nacht die Ehe geschlossen, aber es war keine Brautnacht. Eigentlich sollte er dich heute zum Abschied begleiten. Aber da er wegen seiner Krankheit durch die Hochzeit Glück wenden sollte und es ihm erst ein wenig besser geht, und er gestern einen langen, anstrengenden Tag hatte, könnte er sich draußen erkälten. Deshalb frage ich dich: Soll er dich geleiten? Dann lasse ich ihn sofort rufen. Oder schonst du ihn lieber und lässt ihn nur herbringen, damit du ihn siehst und er dir einen Kotau macht?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Wozu soll er mich geleiten? Wenn er von nun an ernsthaft lernt, würde mich das mehr freuen als sein Geleit." Die Herzoginmutter war erleichtert. Sie ließ Aufrecht Kaufmann sich setzen und schickte Mandarinenente los, mit dem und dem Auftrag, Schatzjade zu holen, wobei Dufthauch ihn begleiten solle. Mandarinenente ging, und nach kurzer Zeit kam Schatzjade tatsächlich. Wenn man ihm sagte, er solle die Verbeugung machen, machte er sie. Erfreulicherweise war Schatzjade in Gegenwart seines Vaters etwas gesammelter, für einen Moment klar, und es gab keine größeren Auffälligkeiten. Aufrecht Kaufmann sprach einige Ermahnungen aus, und Schatzjade bejahte alles. Aufrecht Kaufmann ließ ihn zurückführen. Er selbst ging in Frau Königs Gemächer und wies sie nachdrücklich an, den Sohn streng zu erziehen: „Er darf auf keinen Fall mehr so verwöhnt werden wie bisher! Nächstes Jahr bei der Provinzprüfung muss er unbedingt antreten." Frau König hörte alles an und erwähnte nichts anderes. Sofort ließ sie Schatzspange herbeiführen, damit sie die Abschiedsverbeugung der Neuvermählten vollziehe; anschließend blieb Schatzspange in ihrem Zimmer. Die übrigen weiblichen Verwandten geleiteten ihn bis zum zweiten Tor. Auch Herrlichkeit Kaufmann [23] und die anderen erhielten Ermahnungen. Alle erhoben das Glas zum Abschied, und die jüngere Generation samt den Verwandten begleiteten ihn bis zum Zehn-Meilen-Pavillon, wo man sich trennte.
Dass Aufrecht Kaufmann seine Reise antrat und sein Amt übernahm, sei dahingestellt. Es wird erzählt, dass Schatzjade, sobald er zurückkehrte, sofort einen schweren Rückfall erlitt. Er wurde noch wirrer als zuvor und konnte nicht einmal mehr essen oder trinken.
Ob er überlebte, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).
- ↑ Chinesisch: 林黛玉
- ↑ Chinesisch: 紫鹃
- ↑ Chinesisch: 秋纹
- ↑ Chinesisch: 雪雁
- ↑ Chinesisch: 宝玉
- ↑ Chinesisch: 宝钗
- ↑ Chinesisch: 王熙凤
- ↑ Chinesisch: 贾母
- ↑ Chinesisch: 王夫人
- ↑ Chinesisch: 贾琏
- ↑ Chinesisch: 袭人
- ↑ Chinesisch: 薛姨妈
- ↑ Chinesisch: 薛蟠
- ↑ Chinesisch: 薛蝌
- ↑ Chinesisch: 鸳鸯
- ↑ Chinesisch: 宝琴
- ↑ Chinesisch: 贾政
- ↑ Chinesisch: 怡红院
- ↑ Chinesisch: 李纨
- ↑ Chinesisch: 贾兰
- ↑ Chinesisch: 平儿
- ↑ Chinesisch: 贾政
- ↑ Chinesisch: 贾珍