Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 22"

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Kapitel 22
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Hören auf Operngesang — Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".</ref> versteht die Kunst des Chan — Das Anfertigen von Rätseln — Kaufmann Aufrecht trauert über die verhängnisvollen Verse
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_22|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_22|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 22 =
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Es wird erzählt, dass Kaufmann Jadeschale Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".</ref> sagen hörte, sie wolle etwas besprechen, und stehen blieb, um zu fragen, worum es gehe. Phönixglanz sagte: „Am Einundzwanzigsten ist der Geburtstag von Schwester Xue. Wie willst du es halten?" Kaufmann Jadeschale sagte: „Woher soll ich das wissen! Du hast schon so viele große Geburtstage organisiert, und jetzt hast du auf einmal keine Idee?" Phönixglanz sagte: „Bei großen Geburtstagen gibt es feste Regeln, nach denen man sich richtet. Aber ihr Geburtstag ist weder groß noch klein, deshalb bespreche ich es mit dir." Kaufmann Jadeschale dachte einen Moment nach und sagte: „Du bist heute wirklich zerstreut. Es gibt doch einen Präzedenzfall — Schwester Lin ist das Vorbild. Wie wir es bisher für Schwester Lin gehandhabt haben, so machen wir es jetzt auch für Schwester Xue." Phönixglanz hörte das und lächelte kühl: „Glaubst du, das wüsste ich nicht? Genauso hatte ich es mir auch gedacht. Aber gestern hörte ich, wie die alte Herrin nach aller Alter und Geburtstagen fragte. Als sie erfuhr, dass die ältere Schwester Xue dieses Jahr fünfzehn wird, sagte sie, obwohl es kein runder Geburtstag sei, sei es doch das Jahr der Haarnadel-Zeremonie [Anm.: 将笄之年, das Alter, in dem ein Mädchen als erwachsen galt]. Die alte Herrin wolle selbst den Geburtstag ausrichten. Wenn sie es wirklich tut, wird es natürlich aufwendiger als bei Schwester Lin in den vergangenen Jahren." Kaufmann Jadeschale sagte: „Nun, dann eben etwas mehr als bei Schwester Lin." Phönixglanz sagte: „Genau das dachte ich auch, deshalb wollte ich deine Meinung hören. Wenn ich eigenmächtig etwas hinzufüge und du mir vorwirfst, dich nicht informiert zu haben..." Kaufmann Jadeschale lachte: „Genug, genug! Diese leere Gunst nehme ich nicht an. Wenn du mich nur nicht überwachst, bin ich schon zufrieden — wozu sollte ich dir Vorwürfe machen!" Damit ging er davon.
== 听曲文宝玉悟禅机 ==
 
=== 制灯谜贾政悲谶语 ===
 
  
'''Durch eine Opernarie gelangt Bau-yü zur Erleuchtung,in Laternenrätseln sieht Djia Dschëng böse Omen. '''
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Nun sei berichtet, dass Wolke vom Xiang-Fluss<ref>Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún.</ref> zwei Tage geblieben war und abreisen wollte. Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.</ref> sagte: „Warte, bis der Geburtstag deiner Schwester Schatzspange vorbei ist und du die Opernaufführung gesehen hast, dann reise erst ab." Wolke vom Xiang-Fluss musste bleiben. Sie schickte jemanden nach Hause zurück, um zwei ihrer alten Näharbeiten holen zu lassen — als Geschenk zu Schatzspanges Geburtstag.
  
Djia Liän hatte also gehört, wie Hsi-fëng sagte, sie wolle etwas mit ihm besprechen, darum blieb er stehen und fragte: „Worum geht es denn?“
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Herzoginmutter hatte Schatzspange als ein ruhiges und ausgeglichenes Mädchen ins Herz geschlossen und wollte ihren ersten Geburtstag im Hause feiern. Sie steuerte aus eigener Tasche zwanzig Liang Silber bei und rief Phönixglanz herbei, damit sie Wein und Opern arrangiere. Phönixglanz scherzte lachend: „Wenn die Urgroßmutter den Kindern einen Geburtstag ausrichtet, wer würde da einwenden, dass sie auch die Getränke und das Theater bezahlen muss? Wenn Ihr feiern und Freude haben wollt, müsst Ihr natürlich selbst ein paar Liang ausgeben. Und dann kramt Ihr mühsam diese schimmligen zwanzig Liang hervor und gebt die Gastgeberin — und erwartet von mir, den Rest draufzulegen! Wenn Ihr wirklich nichts hättet, wäre es ja etwas anderes. Aber Gold und Silber, rund und flach, drückt den Boden Eurer Truhen ein — Ihr knausert nur mit uns! Schaut Euch um: Sind wir nicht alle Eure Kinder und Enkel? Soll etwa nur Bruder Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".</ref> Euch eines Tages auf den Berg Wutai tragen [Anm.: ein buddhistischer Ausdruck für die Versorgung im Alter]? All Euer Privatvermögen behaltet Ihr für ihn. Auch wenn wir es nicht verdienen, müsst Ihr uns deshalb noch nicht darben lassen. Reicht das für den Wein? Reicht das für das Theater?" Da lachte das ganze Haus. Herzoginmutter lachte ebenfalls: „Hört euch dieses Mundwerk an! Ich halte mich ja auch für schlagfertig — aber gegen diesen Affen komme ich nicht an. Deine Schwiegermutter wagt es nicht, mir zu widersprechen, und du keifst mit mir!" Phönixglanz lachte: „Meine Schwiegermutter liebt Schatzjade ebenso, und ich habe nirgends, wo ich mich beklagen könnte, und dann heißt es, ich hätte ein loses Mundwerk." Damit brachte sie Herzoginmutter zum Lachen, die höchst erfreut war.
„Am einundzwanzigsten hat Kusine Bau-tschai Geburtstag“, sagte Hsi-fëng. „Wie wollen wir das feiern?“
 
„Was weiß denn ich?“ entgegnete Djia Liän. „Du hast doch schon oft genug auch große Geburtstage ausgerichtet, und jetzt weißt du nicht, was du machen sollst?“
 
„Für große Geburtstage gibt es feststehende Regeln“, sagte Hsi-fëng, „aber dies ist weder ein großer noch ein kleiner, darum wollte ich mit dir darüber sprechen.“
 
Djia Liän dachte lange mit gesenktem Kopf nach, ehe er endlich sagte: „Was bist du nur heute dumm! Wir haben doch ein Muster, nach dem wir uns richten können, und das ist Dai-yü. So, wie ihr Geburtstag immer gefeiert wurde, wird jetzt auch Bau-tschais Geburtstag gefeiert, und damit ist die Sache in Ordnung!“
 
„Als ob ich das nicht selber wüßte!“ erwiderte Hsi-fëng mit kühlem Lächeln. „Eigentlich hatte ich es mir auch so gedacht, aber gestern war ich dabei, als sich die alte gnädige Frau nach dem Alter und den Geburtstagen von allen erkundigte, und da hörte ich, daß Kusine Bau-tschai in diesem Jahr fünfzehn wird. Das ist zwar kein runder Jahrestag, aber sie kommt doch damit ins heiratsfähige Alter, und die alte gnädige Frau hat gesagt, sie wolle ihr den Geburtstag ausrichten. Ich denke mir, wenn sie das wirklich tut, muß das etwas anderes werden als die Geburtstagsfeiern für Dai-yü.“
 
„Wenn das so ist, muß es eben etwas üppiger zugehen als auf den Geburtstagen von Dai-yü“, meinte Djia Liän.
 
„So habe ich mir das auch vorgestellt“, sagte Hsi-fëng. „Und gerade deshalb wollte ich hören, was du dazu sagst. Hätte ich das Fest auf eigene Faust üppiger gestaltet, dann hättest du mir wieder einmal vorgeworfen, ich hätte das vorher sagen müssen.“
 
„Hör auf!“ verlangte Djia Liän lächelnd. „Wozu diese falsche Rücksichtnahme? Mir reicht es, wenn du mich nicht kontrollierst, wie sollte ich da dir noch Vorschriften machen?“ Und damit ging er jetzt wirklich fort, und es soll hier nicht weiter von ihm die Rede sein.
 
Da Hsiang-yün schon einige Tage im Jung-guo-Anwesen verbracht hatte, wollte sie jetzt nach Hause zurückkehren, aber die Herzoginmutter forderte sie auf: „Warte Bau-tschais Geburtstag ab und sieh dir die Theaterschau an, ehe du fährst!“ Also mußte Hsiang-yün noch dableiben, aber sie schickte jemanden zu sich nach Hause, um zwei Nadelarbeiten holen zu lassen, die sie einmal angefertigt hatte und die sie nun Bau-tschai zum Geburtstag schenken wollte.
 
Seitdem Bau-tschai im Jung-guo-Anwesen lebte, hatte die Herzoginmutter an ihrer ernsthaften und friedfertigen Art Gefallen gefunden. Und als Bau-tschais Geburtstag jetzt zum ersten Mal festlich begangen werden sollte, spendierte die Herzoginmutter zwanzig Liang Silber und ließ Hsi-fëng rufen, um ihr die Summe zu übergeben, damit sie eine Weintafel herrichtete und für eine Theatervorführung sorgte.
 
Hsi-fëng aber machte sich einen Spaß daraus, ihr lächelnd zu sagen: „Niemand hat etwas dagegen, wenn die alte Ahne den Kindern Geburtstagsfeiern ausrichtet und wenn es dabei Wein und Theaterspiele geben soll. Aber wenn Euch das Vergnügen bereitet und wenn Ihr wollt, daß es fröhlich dabei zugeht, müßt Ihr Euch das schon etwas kosten lassen! Ihr gebt mir hier großartig lumpige zwanzig Liang Silber, das heißt doch nichts anderes, als daß ich den Rest dazuzahlen soll.
 
Ich würde ja nichts sagen, wenn Ihr nichts hättet, aber Ihr habt ja Gold und Silber, rundes und flaches, in solchen Mengen, daß es die Kisten sprengt, und doch wollt Ihr uns ausnehmen. Wenn ich hier in die Runde sehe, sind wir doch alle Eure Kinder. Wird Bau-yü denn der einzige sein, der eines Tages vorangeht, um Euch auf den Berg Wu-tai zu geleiten,<ref>Verhüllend für das Vorangehen beim Trauerzug (vgl. o., Anm. zu S. 224). Der Wu-tai-Berg in der Provinz Schan-hsi war durch seine zahlreichen Klöster eine berühmte buddhistische Kultstätte. Dorthin geleitet zu werden (um zu den unsterblichen Heiligen aufzusteigen) steht euphemistisch für ‚sterben‘.</ref> daß Ihr Euren ganzen Privatbesitz nur ihm allein hinterlassen wollt? Auch wenn wir nichts taugen, müßt Ihr doch nicht so hart zu uns sein! Reicht das vielleicht für Wein? Reicht das vielleicht für eine Theatervorführung?“
 
Alles brach darüber in Gelächter aus, und auch die Herzoginmutter lachte, als sie nun sagte: „Hört euch nur dieses Schandmaul an! Ich bin gewiß nicht auf den Mund gefallen, aber gegen dieses Äffchen komme ich nicht an. – Auch deine Schwiegermutter wagt es nicht, sich auf einen Streit mit dir einzulassen, so wie du immer gleich losrasselst.“
 
„Meine Schwiegermutter hängt genauso an Bau-yü wie Ihr selbst, bei ihr kann ich mich also nicht beklagen. Wie soll es da Streit geben?“ parierte Hsi-fëng und brachte die Herzoginmutter gleich noch einmal zum Lachen, die sich köstlich amüsierte.
 
Am Abend, als es dunkel geworden war und alle sich noch bei der Herzoginmutter aufhielten, um miteinander zu plaudern, erkundigte sich die Herzoginmutter bei Bau-tschai, was für Theaterstücke sie gern sehen wolle und was sie sich zum Essen wünsche. Nun wußte Bau-tschai sehr gut, daß die Herzoginmutter als alter Mensch solche Stücke am meisten mochte, in denen es recht lebhaft zuging, und daß sie am liebsten süße und weiche Speisen aß, darum entsprachen ihre Antworten genau dem, was der Herzoginmutter selber gefiel. Und darüber freute sich diese ganz besonders.
 
Am nächsten Tag wurden Bau-tschai Kleider, Spiele und andere Geschenke hinübergeschickt, an denen auch Dame Wang, Hsi-fëng, Dai-yü und die anderen ihren unterschiedlichen Anteil hatten, aber das muß hier nicht unnötig beschrieben werden.
 
Am einundzwanzigsten war bei der Herzoginmutter im Innenhof eine niedliche Bühne für den Hausgebrauch aufgeschlagen, und eine neue Truppe kleiner Schauspielerinnen war bestellt, die den Kun-tjü-Stil und den I-yang-Stil<ref>Zwei nach dem jeweiligen Ursprungsort benannte Stilrichtungen des chinesischen Singspiels.</ref> beherrschte. Im Hauptraum des Hauses waren mehrere Tafeln für eine Familienfeier gedeckt. Kein einziger Fremder wurde erwartet. Außer Tante Hsüä, Hsiang-yün und Bau-tschai gehörten alle zum eigenen Haushalt.
 
Als Bau-yü am Morgen aufstand und Dai-yü nirgends zu sehen war, ging er in ihr Zimmer, um sie zu suchen. Er fand sie noch auf dem Ofenbett und forderte sie lächelnd auf: „Steh auf und komm essen, die Theatervorstellung fängt bald an! Welche Szenen möchtest du gern sehen? Ich werde sie für dich aussuchen!“
 
„Da müßtest du schon eine eigene Truppe bestellen, die mir vorspielt, was ich sehen möchte“, sagte Dai-yü abweisend, „und mich nicht bloß fragen, um dich in fremdem Glanz zu sonnen!“
 
„Das macht keine Schwierigkeiten“, erwiderte Bau-yü lächelnd darauf. „Das können wir schon morgen machen, und dann können sich die andern in unserm Glanz sonnen.“ Und schon zog er sie hoch und ging Hand in Hand mit ihr zum Essen hinüber.
 
Als nach dem Essen die Theaterszenen ausgewählt wurden, bestand die Herzoginmutter darauf, daß Bau-tschai sich als Erste etwas aussuchen sollte. Bau-tschai sträubte sich zwar dagegen, aber es half ihr nichts, und so wählte sie eine Szene aus der Reise nach dem Westen<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 325.</ref>. Darüber freute sich die Herzoginmutter natürlich, und nun befahl sie, Hsi-fëng solle etwas aussuchen.
 
Hsi-fëng wußte ebenfalls, daß die Herzoginmutter turbulente Stücke mochte, aber auch, daß ihr Possen und Späße noch lieber waren, und so wählte sie die Szene ‚Liu Örl versetzt seine Kleider‘, und tatsächlich freute sich die Herzoginmutter darüber erst recht.
 
Jetzt befahl sie, Dai-yü solle etwas aussuchen, aber diese verzichtete zugunsten von Tante Hsüä und Dame Wang. Da sagte die Herzoginmutter: „Heute will ich mit euch zusammen lustig sein, und wir wollen uns nur um uns selber kümmern, nicht um die andern!
 
Lasse ich vielleicht für sie hier Theater spielen und Wein auftragen? Wenn sie hier umsonst zusehen und mittrinken dürfen, ist das gerade genug. Sollen sie sich vielleicht auch noch die Stücke aussuchen dürfen?“
 
Ihre Worte brachten alle zum Lachen, und nun fügte sich Dai-yü und wählte ebenfalls eine Szene aus. Danach kamen auch Bau-yü, Hsiang-yün, Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun und Li Wan an die Reihe, und anschließend wurden die bisher gewünschten Szenen gespielt. Als später der Wein aufgetragen wurde, befahl die Herzoginmutter, Bau-tschai solle noch etwas aussuchen, und sie wählte die Szene ‚Der betrunkene Lu Dschï-schën randaliert auf dem Wu-tai-Berg‘<ref>Szene nach einer Episode aus Schï Nai-ans Roman Flußufergeschichten (Schuee-hu dschuan).</ref>.
 
„Immer mußt du so etwas aussuchen!“ beklagte sich Bau-yü.
 
„Du hast all die Jahre vergeblich Theateraufführungen gesehen, wenn du nicht weißt, wie gut diese Szene ist“, sagte Bau-tschai. „Nicht nur die Ausstattung ist schön, der Text ist noch besser.“
 
„Aber ich habe von jeher eine Abscheu vor solchem Klamauk“, beharrte Bau-yü.
 
„Wenn du diese Szene als Klamauk bezeichnest“, sagte Bau-tschai lächelnd, „zeigt das nur, daß du keine Ahnung hast. Komm, ich will es dir erklären! Dem Stil nach ist es ‚Die roten Lippen betupfen‘ auf nördliche Art und klingt metallisch-scharf moduliert, die Melodie ist also gut. Und im Text gibt es eine Arie auf die Melodie ‚Schlingpflanzen‘, die ganz ausgezeichnet ist. Aber woher solltest du das schon wissen!“
 
Als Bau-yü hörte, wie Bau-tschai das Stück lobte, rückte er näher zu ihr heran und bat: „Rezitier mir die Arie, Kusinchen!“ Und Bau-tschai sprach:  
 
„Die Tränen hab ich weggewischt,
 
das Haus des Gastfreunds verlassen.
 
Habt Dank für eure Barmherzigkeit,
 
die ihr mein Haupt zur Tonsur geschoren!
 
Doch nicht im Kloster ist mein Platz,
 
drum geh ich jetzt wieder von dannen.
 
Nackt und bloß zieh ich einher,
 
und nichts vermag mich zu halten.
 
  Ein Umhang aus Schilf, aus Bambus ein Hut
 
ist alles, was ich begehre.
 
In Sandalen aus Stroh, die Patra<ref>Sanskritbezeichnung für die Almosenschale der buddhistischen Mönche.</ref> zerbrochen,
 
so bettle ich mich durch die Welt.“
 
Bau-yü schlug sich vor Begeisterung mit der Hand aufs Knie, zeichnete die Szene im Repertoirzettel mit einem Kringel an, und sein Lob fand kein Ende. Auch Bau-tschai lobte er, weil es kein Buch gebe, das sie nicht gelesen habe.
 
„Sei doch still und schau zu!“ mahnte ihn da Dai-yü. „Die Szene ‚Am Klostertor‘ war noch nicht dran, aber du spielst schon ‚Yü-tschï Gung stellt sich verrückt‘.“
 
Hsiang-yün lachte laut auf über diese Worte. Dann schauten alle wieder dem Spiel zu.
 
Als das Fest am Abend zu Ende ging, befahl die Herzoginmutter, man solle ihr die kleine Schauspielerin vorführen, die die Heldenrollen gespielt hatte, und eine andere, die als Spaßmacher aufgetreten war, weil sie an diesen beiden das größte Gefallen gefunden hatte. Aus der Nähe betrachtet, erschienen sie ihr noch liebenswerter, und sie erkundigte sich nach ihrem Alter. Da war die kleine Heldin erst elf und die kleine Spaßmacherin sogar erst neun Jahre alt. Alle seufzten vor Mitgefühl, und die Herzoginmutter befahl, die beiden mit Fleisch und mit Obst zu bewirten und ihnen zwei Schnüre Münzen zu schenken.
 
„Wenn man dieses Mädchen ein bißchen zurechtmacht, sieht sie jemandem zum Verwechseln ähnlich, findet ihr nicht?“ sagte Hsi-fëng über das eine der beiden.
 
Bau-tschai wußte, wen sie meinte, und lächelte nur stumm. Auch Bau-yü fand es heraus und wagte es nicht zu sagen. Hsiang-yün aber platzte lachend heraus: „Ja, ganz wie Dai-yü sieht sie aus!“
 
Bau-yü warf Hsiang-yün noch rasch einen Blick zu und versuchte, ihr ein Zeichen zu machen, aber schon hatten es alle gehört. Sie stellten ihre Vergleiche an und meinten lachend: „Es stimmt tatsächlich!“ Bald darauf gingen sie auseinander.
 
Als Hsiang-yün sich dann am Abend umzog, befahl sie Tsuee-lü, sie solle den Kleidersack öffnen und alles aufräumen und einpacken. „Warum habt Ihr es so eilig?“ fragte Tsuee-lü. „Ist es nicht früh genug, wenn ich am Abreisetag packe?“
 
„Wir fahren morgen in aller Frühe!“ sagte Hsiang-yün. „Was soll ich hier? Mir ansehen, wie man die Nase rümpft und die Augen verdreht?“
 
Bau-yü, der ihre Worte gehört hatte, trat rasch näher, faßte sie am Ärmel und sagte: „Du verdächtigst mich zu Unrecht, Kusinchen! Dai-yü ist empfindlich, und deshalb hat auch niemand etwas gesagt, weil jeder fürchtete, sie würde es übelnehmen. Du aber warst so unvorsichtig, es auszusprechen, da mußte sie dir natürlich böse sein. Ich hatte nur Angst, du würdest sie beleidigen, darum habe ich dir ein Zeichen gegeben. Wenn du mir jetzt böse bist, ist das nicht nur undankbar, sondern auch ungerecht. Bei jedem andern hätte mich das nicht gekümmert, und wenn er selbst zehn Leute beleidigt hätte!“
 
Hsiang-yün schüttelte seine Hand ab und erwiderte ihm: „Mich wickelst du nicht mit schönen Worten ein, ich bin nicht Dai-yü! Andere dürfen über sie sprechen und sich über sie lustig machen, und wenn ich von ihr spreche, ist das gleich ein Vergehen. Ich bin nicht würdig, von ihr zu sprechen, denn sie ist ein Fräulein, das zu den Herrschaften gehört, und ich bin ein Sklavengör! Wie darf ich es wagen, sie zu beleidigen, ...“
 
„Aber es ging mir doch um dich!“ fiel ihr Bau-yü aufgeregt ins Wort. „Und jetzt machst du daraus, daß ich dir ein Vergehen vorwerfen wollte. Wenn ich eine schlechte Absicht gehabt habe, will ich doch gleich zu Staub werden, und alle Leute sollen mich mit Füßen treten!“
 
„Red im Neujahrsmonat nicht solchen Unfug daher!“ sagte Hsiang-yün. „Solche unsinnigen Schwüre und leichtfertigen Reden kannst du bei andern anbringen, die immer gleich aufbrausen und böse sind und dich in Schranken zu halten wissen. Zwing mich nicht, vor dir auszuspucken!“ Und damit ging sie geradeswegs hinaus und in die Innengemächer der Herzoginmutter hinüber, wo sie sich wütend hinlegte.
 
Verärgert begab sich Bau-yü auf die Suche nach Dai-yü, aber als er eben vor ihrer Türschwelle stand, schob Dai-yü ihn zurück und machte die Tür zu. Bau-yü verstand nicht, was das bedeuten sollte, und rief leise durchs Fenster: „Kusinchen!“ Aber Dai-yü reagierte nicht darauf. Betroffen blieb er stehen und ließ unschlüssig den Kopf hängen. Hsi-jën wußte längst, worum es ging, aber sie wußte auch, daß es jetzt keinen Zweck hatte, ihm zuzureden.
 
Während Bau-yü noch mit dummer Miene dastand, glaubte Dai-yü, er sei in sein Zimmer gegangen, und machte die Tür wieder auf. Als sie sah, daß er noch da war, konnte sie die Tür nicht gut wieder zumachen, also ging sie nur hinein und legte sich auf ihr Bett. Bau-yü ging ihr nach und sagte: „Alles hat seinen Grund, und wenn man ihn erklärt, wird sich niemand ungerecht behandelt fühlen. Welchen Grund hast du also, böse zu sein, nachdem eben noch alles gut war?“
 
„Das fragst du mich?“ sagte Dai-yü mit kühlem Lächeln. „Was weiß denn ich für einen Grund? Ihr habt euch doch über mich lustig gemacht und habt mich mit dem Schauspielermädchen verglichen, um etwas zum Lachen zu haben.“
 
„Ich nicht! Ich habe dich nicht mit ihm verglichen, und ich habe mich auch nicht über dich lustig gemacht“, sagte Bau-yü. „Warum also bist du auf mich böse?“
 
„Du brauchtest auch gar keine Vergleiche anzustellen und brauchtest dich nicht über mich lustig zu machen. Und doch warst du schlimmer als die, die es getan haben“, warf Dai-yü ihm vor.
 
Bau-yü wußte nicht, was er dagegen sagen sollte, und verhielt sich still. Da fuhr Dai-yü fort: „Das wäre ja noch zu verzeihen, aber warum hast du Hsiang-yün zugeblinzelt? Was wolltest du damit sagen? Das sollte wohl heißen, sie könnte sich etwas vergeben, wenn sie ihren Spott mit mir treibt? Sie ist ein gnädiges Fräulein aus einem Fürstenhaus, und ich bin nur ein armes Kind aus dem Volke. Wenn sie ihren Spott mit mir treibt und ich darauf pariere, hätte sie sich vor allen Leuten eine Blöße gegeben. So hattest du es doch gemeint, oder nicht? Das ist deine gute Absicht gewesen.
 
Nur hat sie deine gute Absicht leider nicht erkannt und ist böse geworden. Und dann sagst du, ich spielte mich auf, ich sei aufbrausend, ich sei immer gleich böse, und hattest Angst, sie würde mich beleidigen und ich würde ihr böse sein. Was geht es dich an, wenn ich ihr böse bin? Und was geht es dich an, wenn sie mich beleidigt?“
 
An diesen Worten erkannte Bau-yü, daß Dai-yü sein Gespräch mit Hsiang-yün gehört hatte, und er mußte sich sagen, daß er in seinem Versuch, zwischen den beiden zu vermitteln, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, damit aus der Sache kein Streit entstand, gescheitert war und statt dessen von allen beiden in seinen wahren Absichten verkannt und deshalb geschmäht worden war. Das erinnerte ihn an die Sätze, die er neulich im Buch vom Südlichen Blütenland<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 365.</ref> gelesen hatte: „Wer geschickt ist, plagt sich ab, und wer klug ist, hat Sorgen. Wer nichts kann, kennt kein Streben, er ißt sich satt und streift müßig umher, unstet wie ein nicht vertäutes Boot.“ Außerdem hieß es dort noch „Die Gebirgsbäume sind selbst daran schuld, daß man sich an ihnen vergreift; die Quelle ist selbst daran schuld, daß man sie beraubt.“
 
Je länger er darüber nachdachte, desto mehr verdroß ihn die Sache, und er fragte sich: „Jetzt sind es nur die beiden, und ich komme nicht mit ihnen aus, was will ich da erst in Zukunft machen?“ Es schien ihm sinnlos, hier noch zu streiten oder auch nur zu antworten, darum machte er kehrt und ging in sein Zimmer.
 
Als Dai-yü ihn fortgehen sah, meinte sie, daß ihm die Sache bei gründlichem Nachdenken leid geworden sei. Aber daß er jetzt wütend und ohne ein Wort hinausging, regte sie desto mehr auf, und so sagte sie: „Geh nur! Und komm dein Leben lang nicht wieder her! Und sprich auch nie wieder mit mir!“
 
Ohne sie zu beachten, ging Bau-yü in sein Zimmer, legte sich aufs Bett und starrte vor sich hin. Hsi-jën wußte sehr gut, was vorgefallen war, aber sie wollte nicht daran rühren. Statt dessen wollte sie versuchen, Bau-yü auf andere Weise zu besänftigen. „Nach der heutigen Theatervorführung wird es wohl noch ein paar solcher Tage geben“, sagte sie. „Bestimmt wird Fräulein Bau-tschai eine Gegeneinladung aussprechen.“
 
„Wen interessiert es schon, ob sie das tut oder nicht!“ gab Bau-yü kühl zurück.
 
Seine veränderte Stimmung klang deutlich genug aus diesen Worten heraus, und so fragte Hsi-jën lächelnd: „Was soll denn das heißen? Alle sind lustig und vergnügt in dem schönen Neujahrsmonat, und du nicht?“
 
„Was hat das mit mir zu tun, wenn alle lustig und vergnügt sind?“ sagte Bau-yü immer noch abweisend.
 
„Aber wäre es nicht besser für alle, wenn du genauso entgegenkommend wärst wie sie?“ fragte Hsi-jën lächelnd.
 
„Was heißt alle?“ gab Bau-yü zurück. „Alle, das sind sie, aber ohne mich. ‚Nackt und bloß zieh ich einher, und nichts vermag mich zu halten...‘“ Und unwillkürlich kamen ihm bei diesen Worten die Tränen.
 
Bei diesem Anblick hielt es Hsi-jën für besser, nichts mehr zu sagen, Bau-yü grübelte weiter über die Verszeile nach und begann laut zu weinen. Dann aber drehte er sich herum und stand auf, ging an den Tisch und griff nach dem Schreibpinsel, um das Gatha zu schreiben:
 
„Du erkennst, und ich erkenne,
 
mit dem Herzen, mit dem Sinn.
 
Das Nichts zu erkennen
 
ist wahre Erkenntnis.
 
Unsagbares Erkennen
 
gibt mir erst Halt.“
 
Und weil er glaubte, er selbst sei zwar zur Erkenntnis gelangt, die anderen aber würden die Verse vielleicht nicht verstehen, schrieb er auf die Rückseite noch ein Gedicht in der Manier der „Schlingpflanzen“. Anschließend las er das Ganze noch einmal durch, und da er meinte, nun könne es keinen Zweifel mehr geben, legte er sich zufrieden schlafen. Dai-yü aber, die gesehen hatte, mit welch entschlossener Miene Bau-yü von ihr fortgegangen war, kam jetzt unter dem Vorwand, Hsi-jën zu suchen, herüber und wollte sehen, wie es um ihn stand.
 
Hsi-jën berichtete ihr, Bau-yü schlafe bereits, und schon wollte Dai-yü wieder gehen, als Hsi-jën sie lächelnd bat: „Wartet noch, Fräulein! Er hat da einen Zettel geschrieben, seht einmal nach, was darauf steht!“ Und leise ging sie das Blatt mit den Versen holen, die Bau-yü geschrieben hatte, und reichte es Dai-yü.
 
Als Dai-yü die Verse las, war ihr klar, daß Bau-yü sie im Zorn geschrieben hatte, und sie belustigten und rührten sie zugleich. Zu Hsi-jën sagte sie: „Es ist nur ein Scherz und hat nichts zu bedeuten.“ Dann nahm sie das Blatt mit in ihr Zimmer und gab es Hsiang-yün zu lesen. Am nächsten Morgen zeigte sie es auch Bau-tschai, die zuerst das Gedicht las, das lautete:
 
„Ohne Ich auch kein Du,
 
drum soll‘n sie mich nur verkennen!
 
Frei wander ich und ungehemmt,
 
kenne nicht Freude, kenne nicht Leid,
 
nicht nahe noch ferne Verwandte.
 
Warum ich so emsig besorgt einst war,
 
kann ich heute nicht mehr verstehen.“
 
Dann las sie auch das Gatha und sagte schließlich lächelnd: „An seiner Erleuchtung trage nur ich die Schuld. Das habe ich gestern mit der Arie angerichtet, die ich ihm rezitierte. Diese dauistischen Bücher und die Geheimnisse der Tschan-Buddhisten<ref>Die Buddhisten der Tschan-Sekte (im Deutschen bekannter unter der japanischen Aussprache Zen, beides geht auf das Sanskritwort Dhyana zurück) streben danach, durch Selbstversenkung zu Erleuchtung, Freiheit und Erlösung zu gelangen.</ref> sind wirklich bestens geeignet, einem die Sinne zu verwirren. Wenn er ernstlich so ein verrücktes Zeug zu schwatzen beginnt und solche Absichten hat, bin ich mit dieser Arie die Hauptschuldige daran.“ Damit riß sie das Blatt kurz und klein, reichte die Fetzen den Sklavenmädchen und sagte: „Verbrennt das schnell!“
 
Dai-yü aber sagte lächelnd: „Das hättest du nicht tun sollen. Ich will ihn nun etwas fragen. Und ihr begleitet mich, damit er auch wirklich von seinen Torheiten und seinem Irrglauben geheilt wird.“
 
Tatsächlich gingen sie zu dritt in Bau-yüs Zimmer, und kaum daß sie eingetreten waren, fragte Dai-yü: „Bau-yü, du ‚Wertvoller Jade‘, ich frage dich, worin besteht dein hoher Wert? Und worin liegt deine jadene Härte?“
 
Als Bau-yü keine Antwort darauf fand, klatschten die drei Mädchen lachend in die Hände und sagten: „Und so ein Dummkopf will sich mit der Lehre vom Tschan beschäftigen!“ Dann fuhr Dai-yü fort: „Die beiden Schlußzeilen deines Gatha sind gut –
 
,Unsagbares Erkennen
 
gibt mir erst Halt.‘
 
Aber mir scheint, es fehlt noch etwas daran, darum will ich sie um zwei Zeilen ergänzen –
 
‚Erst vom letzten Halt sich lösend,
 
wird der Reinheit Ziel erreicht.‘ “
 
„Ja“, bestätigte auch Bau-tschai, „darin liegt erst die wirkliche Erkenntnis. Als seinerzeit Huee-nëng, der spätere Sechste Patriarch der Südlichen Schule, auf der Suche nach einem Lehrmeister nach Schau-dschou kam, erfuhr er, der Aufenthaltsort des Fünften Patriarchen Hung-jën sei der Huang-mee-Berg, und diente dann bei ihm als Küchenhilfe. Um einen würdigen Nachfolger zu finden, befahl nachher der Fünfte Patriarch seinen Jüngern, jeder von ihnen solle ein Gatha verfassen, und der Prior Schën-hsiu sprach:
 
‚Gleicht der Leib dem Baume der Erleuchtung,<ref>Beide Gedichte in deutscher Nachdichtung von Wilhelm Gundert (Bi-yän-lu, Meister Yüan-wu’s Niederschrift von der Smaragdenen Felswand, Bd. I, S. 143f.).</ref>
 
so der Geist dem klaren Spiegelständer.
 
Wisch ihn fleißig immer wieder rein!
 
Laß kein Stäubchen Unrat darauf sein!‘
 
Huee-nëng hörte das Gatha in der Küche beim Reisstampfen und sagte: ‚Schön ist das schon, aber verstanden hat er nichts!‘ Und dann sprach er ein eigenes Gatha:
 
‚Erleuchtung kommt noch immer ohne Baum.
 
Der klare Spiegel ist auch kein Gestell.
 
Wo nichts von ewig ist, kein einzig Ding,
 
wo hinge sich das Stäubchen Unrat hin?‘
 
Daraufhin übergab ihm der Fünfte Patriarch Kasaya<ref>Sanskritname für die Kutte der buddhistischen Mönche. Die Übergabe der beiden Utensilien steht hier für die Übergabe des Amtes.</ref> und Patra. Mit Bau-yüs Gatha ist es genau dasselbe. Aber er hat deine Fragen noch nicht beantwortet. Willst du etwa darauf verzichten?“
 
Lächelnd sagte Dai-yü: „Er hat sie nicht beantwortet, als ich sie ihm stellte, und das heißt, er gibt sich geschlagen. Sie jetzt noch zu beantworten wäre keine Kunst. Er soll nur in Zukunft von der Tschan-Lehre ablassen. – Da weißt und kannst du nicht einmal so viel wie wir beide und willst dich mit dem Tschan beschäftigen!“
 
Bau-yü hatte geglaubt, ihm sei die Erkenntnis gekommen, aber dann hatte er auf Dai-yüs Fragen keine Antwort gewußt, und Bau-tschai hatte eine Parallele aus den Berichten von Worten<ref>Berichte von Worten (Yü-lu) werden Sammlungen mustergültiger Aussprüche von Meistern der Tschan-Sekte genannt.</ref> gebracht. Das waren Dinge, die er ihnen nie zugetraut hätte, und so überlegte er sich: „Sie sind mir in Wissen und Verständnis voraus und trotzdem nicht zur Erkenntnis gelangt, warum soll ich mir damit das Leben schwer machen?“ Darum erklärte er lächelnd: „Wer will sich denn hier mit der Tschan-Lehre befassen? Das war doch nur die Laune eines Augenblicks.“
 
Und damit war das alte Verhältnis zwischen den vieren wiederhergestellt.
 
Plötzlich kam jemand mit der Meldung, die kaiserliche Nebenfrau habe jemanden mit einem Laternenrätsel geschickt, das sie raten sollten, um dann selber jeder eines zu verfassen, das zu ihr in den Palast geschickt werden sollte. Also gingen sie rasch in den Hauptraum der Herzoginmutter hinüber, wo sie einen kleinen Eunuchen fanden, der eine niedliche viereckige Laterne aus weißer Gaze gebracht hatte, die extra für Laternenrätsel gemacht war und an der schon ein Rätsel hing.
 
Alle brannten darauf, es zu lesen, um dann loszuraten, aber der kleine Eunuch verkündete den Befehl: „Wer es erraten hat, soll es nicht sagen, sondern die Auflösung auf einen Zettel schreiben. Die Zettel werden in den Palast gebracht, wo die kaiserliche Nebenfrau selbst überprüft, was richtig ist und was falsch!“
 
Jetzt trat Bau-tschai mit den anderen näher und sah, daß das Rätsel aus einem Vierzeiler bestand und nichts Neuartiges oder Ausgefallenes darstellte. Dennoch sparte sie nicht mit ihrem Lob und sagte, das Rätsel sei schwierig. Ja, sie gab sich den Anschein, nachdenken zu müssen, obwohl sie es in Wirklichkeit auf den ersten Blick erraten hatte.
 
Auch Bau-yü, Dai-yü, Hsiang-yün und Tan-tschun hatten die Lösung gefunden, und jeder schrieb sie still für sich auf einen Zettel. Dann wurden noch Djia Huan und Djia Lan geholt, die ebenfalls angestrengt überlegten und dann ihre Lösungen niederschrieben. Anschließend dachte sich jeder von ihnen selbst ein Rätsel aus und schrieb es im Kanzleiduktus auf einen Zettel. Die Zettel wurden an die Laterne gehängt, und der Eunuch verschwand damit.
 
Am Abend kam er wieder und brachte den Bescheid: „Das Rätsel der kaiserlichen Nebenfrau haben alle richtig geraten bis auf Fräulein Ying-tschun und den jungen Herrn Huan. Für die Rätsel, die ich von hier mitgenommen habe, hat die kaiserliche Nebenfrau Lösungen gefunden, sie weiß jedoch nicht, ob sie richtig sind.“ Damit holte er einen Zettel hervor, und es zeigte sich, daß einiges richtig war und anderes nicht, aber alle beeilten sich zu erklären, die kaiserliche Nebenfrau habe alles richtig erraten.
 
Dann verteilte der Eunuch Geschenke für die richtigen Lösungen. Jeder bekam eine röhrenförmige Schutzhülle für Gedichtblätter aus der Palastwerkstatt und einen Bambuspinsel, wie man ihn zum Saubermachen des Teegeschirrs braucht. Nur Ying-tschun und Djia Huan bekamen nichts. Während Ying-tschun die Sache als ein Spiel betrachtete und ihr deshalb keine Bedeutung beimaß, war Djia Huan die Laune verdorben. Doch nun mußte er hören, wie der Eunuch sagte: „Das Rätsel des jungen Herrn Huan gibt keinen Sinn, und die kaiserliche Nebenfrau konnte es nicht erraten. Sie hat es mir wieder mitgegeben, und ich soll fragen, was gemeint ist.“
 
Alle sahen sich an, was Djia Huan geschrieben hatte, und da stand:
 
„Der ältere Bruder hat acht Hörner,
 
der jüngere hat nur zwei;
 
der ältere liegt auf dem Bett,
 
der jüngere hockt auf dem Haus.“
 
Alle brachen in schallendes Gelächter darüber aus, Djia Huan aber erklärte dem Eunuchen: „Das eine ist eine Kopfstütze, das andere ein Drachenkopf auf dem Dachfirst.“<ref>Gemeint sind eine achteckige (quaderförmige) Kopfstütze aus Keramik, wie sie in China bei heißem Sommerwetter beliebt ist, und ein Firstschmuck in Form eines Drachenkopfes (tschï-wee), wie offizielle Bauten ihn trugen. ‚Brüder‘ sind sie allenfalls durch das für beide gleicherweise verwendete Material.</ref>
 
Der Eunuch schrieb es auf, trank seinen Tee und ritt wieder fort.
 
Froh gestimmt, weil Yüan-tschun so vergnügt war, befahl die Herzoginmutter, rasch eine zierliche kleine Laterne anzufertigen und in der Halle anzubringen. Außerdem ordnete sie an, jedes der Mädchen solle sich ein Rätsel ausdenken und auf einem Zettel an die Laterne kleben. Dann ließ sie parfümierten Tee und feines Naschwerk vorbereiten und verschiedene Kleinigkeiten als Preise bereitlegen.
 
Als Djia Dschëng bei seiner Rückkehr von der Hofaudienz die Herzoginmutter in froher Stimmung traf, wollte er am Abend ebenfalls mit dabeisein, um an der allgemeinen Freude teilzuhaben, zumal man sich noch in den Feiertagen befand.<ref>Der eigentliche Tag des Laternenfestes ist der 15. des ersten Mondmonats, gefeiert wurde in der Regel vom 13. bis zum 17., so daß der Zeitrahmen hier sehr großzügig gefaßt ist.</ref> Inzwischen ließ er Wein und Näschereien auftragen und Geschenke zurechtlegen. In der Halle ließ er bunte Seidenlaternen aufhängen, und dann lud er die Herzoginmutter zur Laternenschau ein.
 
Die Herzoginmutter nahm mit Djia Dschëng und Bau-yü zusammen am Haupttisch Platz. Am nächsten Tisch saß Dame Wang mit Bau-tschai, Dai-yü und Hsiang-yün, dann folgten Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun an einem weiteren Tisch. Überall standen Sklavenfrauen und mädchen. Li Wan und Hsi-fëng saßen an einem Tisch im Innenraum.
 
Djia Dschëng vermißte Djia Lan, und so fragte er: „Warum ist denn Lan nicht zu sehen?“ Sofort ging eine Sklavin in den Innenraum, um die Frage an Li Wan weiterzugeben. Diese stand auf und gab lächelnd zur Antwort: „Er hat gesagt, der gnädige Herr habe ihn nicht rufen lassen, darum wolle er nicht kommen.“ Die Sklavin meldete es Djia Dschëng, und alle sagten lächelnd: „Das entspricht so recht seiner eigensinnigen Art!“ Djia Dschëng aber ließ Djia Lan durch Djia Huan und zwei Sklavenfrauen holen. Die Herzoginmutter befahl Djia Lan, er solle sich neben sie setzen, und reichte ihm eine Handvoll Näschereien.
 
Alles schwatzte und lachte und war vergnügt, Bau-yü aber, der für gewöhnlich das große Wort führte, gab heute in Djia Dschëngs Gegenwart nur kurze, höfliche Antworten. Auch Hsiang-yün, die sonst für ein zartes Mädchen recht viel zu sagen wußte, bekam heute Djia Dschëngs wegen den Mund nicht auf. Dai-yü aber war von Natur aus zurückhaltend und wortkarg. Bau-tschai schließlich, die sich seit jeher unbedachter Worte und leichtfertiger Handlungen enthielt, blieb dieser Gewohnheit auch heute treu. So ging es bei diesem Familienvergnügen sehr steif und gar nicht vergnüglich zu.
 
Die Herzoginmutter wußte ebenfalls, daß dies allein auf Djia Dschëngs Anwesenheit zurückzuführen war, darum sagte sie ihm, als drei Runden Wein getrunken waren, er solle sich nur ausruhen gehen.
 
Djia Dschëng war sich darüber im klaren, daß die Herzoginmutter ihn wegschickte, damit sich die Mädchen und Jungen besser amüsieren konnten, darum sagte er lächelnd: „Da ich hörte, Ihr wolltet hier ein Laternenfest mit Rätselraten abhalten, habe ich Geschenke und Wein beigesteuert und bin dazugekommen. Warum wollt Ihr Eure Liebe nur den Enkelkindern schenken und gönnt Eurem Sohn nicht auch ein bißchen davon?“
 
Lächelnd erwiderte die Herzoginmutter: „In deiner Gegenwart wagt hier niemand zu reden und zu lachen, und das macht mich ganz krank. Wenn du Rätsel raten willst, werde ich dir eins aufgeben. Aber wenn du es nicht herausbekommst, wirst du bestraft!“
 
„Natürlich!“ sagte Djia Dschëng. „Aber wenn ich es errate, muß ich auch eine Belohnung bekommen.“
 
„Das versteht sich“, versicherte die Herzoginmutter und sprach:
 
„Leicht stehen Äffchen auf den Zweigen.<ref>Eine andere als die von der Herzoginmutter gebrauchte Möglichkeit, die Worte ‚auf den Zweigen stehen‘ auszudrücken, ist li dschï, und das ist vollkommen homophon mit li-dschï, dem chinesischen Namen der Litchipflaume.</ref> –
 
Eine Frucht ist zu erraten.“
 
Djia Dschëng wußte, daß Litchipflaumen gemeint waren, aber er riet absichtlich falsch und mußte Verschiedenes als Strafe geben, ehe er endlich das Richtige sagte und dafür etwas von der Herzoginmutter bekam. Dann gab auch er ihr ein Rätsel auf:
 
„Kantig und hart,
 
 kann es selbst nichts sagen.
 
  Doch ist etwas zu sagen,
 
  hilft es dabei unbedingt. –
 
Ein Gebrauchsgegenstand ist zu erraten.“
 
Anschließend flüsterte er Bau-yü die Auflösung zu, und dieser, der seine Absicht verstand, flüsterte sie seinerseits der Herzoginmutter zu. Die Herzoginmutter überlegte ein Weilchen, und da sie fand, es stimmte tatsächlich, sagte sie: „Ein Tuschereibstein.“
 
„Ihr habt es auf Anhieb erraten!“ sagte Djia Dschëng. Dann wandte er sich um und befahl: „Holt rasch die Geschenke!“ Die Sklavinnen bestätigten seinen Befehl und trugen große und kleine Tabletts herein. Die Herzoginmutter sah sich die Gaben Stück für Stück an, und es waren alles neuartige Sächelchen, wie sie zum Laternenfest üblich sind. Erfreut befahl sie: „Schenkt eurem Vater Wein ein!“
 
Bau-yü führte die Kanne, Ying-tschun reichte den Becher.
 
Anschließend befahl die Herzoginmutter: „Dort an der Laterne sind die Rätsel, die sich die Mädchen ausgedacht haben. Errate sie, und ich höre zu!“
 
Djia Dschëng gehorchte, stand auf und trat an die Laterne, wo er als Erstes las:
 
„Böse Geister versetzt es in Angst und Furcht,
 
ein Röllchen mit Donnergebaren.
 
Eben noch jagt es dir Schrecken ein,
 
und schon ist‘s zu Asche zerfallen.“
 
„Das ist ein Feuerwerkskörper“, sagte Djia Dschëng. „Richtig“, sagte Bau-yü, und Djia Dschëng las als Nächstes:
 
„Ewige Regeln lenken die Hände,
 
nichts ergibt sich nach menschlichem Wunsch.
 
Im ständigen Wechsel ungleicher Zahlen
 
ist keine Ruhe von früh bis spät.“
 
„Das ist ein Rechenbrett“, sagte Djia Dschëng. „Richtig“, erklärte Ying-tschun lächelnd, und Djia Dschëng las das folgende Rätsel:
 
„Den Kopf im Nacken schaun Kinder danach,
 
es bringt Freude am Festtag Tjing-ming.<ref>Die traditionelle Zeit des Drachensteigens ist in China das Frühjahr. Über das Tjing-ming-Fest vgl. o., Anm. zu S. 98.</ref>
 
Doch reißt es sich von der Leine los,
 
gib nicht dem Ostwind die Schuld!“
 
„Das ist ein Drachen“, sagte Djia Dschëng. „Richtig“, bestätigte Tan-tschun lächelnd, und nun las Djia Dschëng:
 
„Schön, wie es ist, scheint es fehl am Platz,
 
hört Sutras statt Liebesliedern,
 
und doch ist es nicht im Dunkel begraben,
 
denn es trägt in sich ein großes Licht.“
 
„Das ist die Lampe vor einer Buddhafigur“, sagte Djia Dschëng. Und Hsi-tschun bekräftigte lächelnd: „Es ist eine Lampe vor einem Heiligenbild.“
 
Still für sich überlegte Djia Dschëng: „Yüan-tschuns Feuerwerkskörper zerplatzt mit einem Krach, und dann ist er weg, Ying-tschuns Rechenbrett ist in ständiger verwirrender Bewegung, Tan-tschuns Drachen schwebt taumelnd in der Luft, und Hsi-tschuns Buddhalampe ist ganz Stille und Einsamkeit. Dabei ist doch jetzt der fröhliche Feiertag des Laternenfests, warum wählen da alle so unheilverkündende Dinge für dieses Spiel aus?“
 
Je länger er darüber nachdachte, desto bedrückter wurde er, doch in Gegenwart der Herzoginmutter wagte er das nicht zu zeigen, und so sah er sich notgedrungen das nächste Rätsel an. Es war ein Achtzeiler, den Bau-tschai geschrieben hatte, und er lautete:
 
„Wonach riechen am Morgen die Ärmel?
 
Ein Geruch, der Zither und Kissen fremd.
 
Niemand muß es im Dämmerschein wecken,
 
niemand bedient es tief in der Nacht.
 
Früh und spät brennt ihm der Kopf,
 
Tag für Tag versengt sein Herz.
 
Die fliehenden Stunden weiß es zu schätzen
 
bei Sonne und Regen, Wolken und Wind.“
 
Als Djia Dschëng zu Ende gelesen hatte, sagte er sich: „Der Gegenstand an sich hält sich in Grenzen,<ref>Die Auflösung des Rätsels ist ein als Zeitmesser benutztes Räucherstäbchen.</ref> aber daß ein blutjunger Mensch solche Verse schreibt, verheißt um so mehr Unheil. Dieser Generation ist kein dauerhaftes Glück und keine Langlebigkeit beschieden!“ Nachdem er sich das überlegt hatte, war ihm erst recht bekümmert und beklommen zumute, und seine muntere Laune von vorhin war zu acht, neun Zehnteln verflogen. Mit gesenktem Kopf hing er stumm seinen Gedanken nach.
 
Als die Herzoginmutter ihn so sah, dachte sie, er sei vielleicht erschöpft, außerdem fürchtete sie, die Mädchen könnten sich durch seine Gegenwart gehemmt fühlen und nicht in Stimmung kommen, darum sagte sie ihm: „Du brauchst nicht mehr weiterzuraten. Geh und ruh dich aus! Wir wollen nur noch ein Weilchen hier zusammen sitzen, dann gehen wir auch!“
 
Djia Dschëng antwortete gleich mehrmals hintereinander: „Jawohl!“ Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Herzoginmutter noch einige Male zum Trinken aufzufordern, ehe er sich wirklich zurückzog. Wieder in seinem Zimmer, grübelte er in einem fort hin und her und wälzte sich schlaflos von einer Seite auf die andere. Ohne daß er es wollte, entrang sich ein schmerzvoller Seufzer seiner Brust. Doch genug jetzt davon!
 
Als die Herzoginmutter sah, daß Djia Dschëng gegangen war, verlangte sie: „So vergnügt euch doch nach Herzenslust!“ Kaum hatte sie das gesagt, lief Bau-yü schon zu der Laterne mit den Rätseln und kritisierte lautstark und heftig gestikulierend, diese Verszeile sei nicht gelungen und jene sei nicht in Ordnung. Wie ein Affe benahm er sich, den man von der Kette gelassen hat.
 
„Ist es nicht kultivierter, wenn wir sitzen bleiben wie bisher, um zu plaudern und zu scherzen?“ fragte da Bau-tschai. Und auch Hsi-fëng kam aus dem Innenraum gelaufen, um ebenfalls ihre Meinung zu äußern. „Du bist nur brav, wenn dein Vater auch nicht den kleinsten Schritt von deiner Seite weicht“, sagte sie. „Warum nur habe ich ihn eben, als er noch da war, nicht auf den Gedanken gebracht, dir zu befehlen, auch ein Rätselgedicht zu schreiben? Dann würdest du jetzt noch schön schwitzen!“ Damit aber brachte sie Bau-yü so auf, daß er mit der Hand nach ihr griff, und schon kriegten sie sich gegenseitig beim Wickel.
 
Die Herzoginmutter unterhielt sich noch eine Weile scherzhaft mit Li Wan und den Mädchen, aber dann spürte sie, wie sie müde wurde, und da sie auch hörte, daß die vierte Nachtwache schon anbrach,<ref>In den Städten des alten China wurde der Beginn jeder Nachtwache von speziellen ‚Trommeltürmen‘ aus durch Trommelschläge verkündet.</ref> befahl sie, die Speisen abzutragen und an das Gesinde zu verteilen. Anschließend erhob sie sich und sagte: „Gehen wir schlafen! Morgen wird auch noch gefeiert, da müssen wir früh aufstehen. Und morgen Abend wollen wir uns wieder zusammen vergnügen!“
 
Im nächsten Kapitel wird alles ausführlich erzählt.
 
  
== Anmerkungen ==
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Am Abend, als alle bei der alten Herrin versammelt waren und nach der Abenddämmerung miteinander plauderten, fragte Herzoginmutter Schatzspange, welche Opern sie gerne höre und welche Speisen sie bevorzuge. Schatzspange wusste genau, dass die alte Dame als betagte Person lebhafte Theaterstücke und weiche, süße Speisen liebte, und nannte durchweg die Vorlieben der Herzoginmutter. Diese freute sich umso mehr. Am nächsten Tag wurden zunächst Kleider, Spielzeug und Geschenke geschickt; Frau Wang, Phönixglanz, Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal-Jade".</ref> und alle anderen gaben je nach Vermögen Gaben, die hier nicht einzeln aufgeführt werden müssen.
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Am Einundzwanzigsten wurde im Innenhof der alten Herrin eine kleine, schlichte Bühne errichtet und eine Gruppe junger Schauspieler engagiert, die sowohl Kunqu- als auch Yiyang-Stücke beherrschten [Anm.: die beiden wichtigsten Opernstile der Ming- und Qing-Zeit]. In den oberen Gemächern der Herzoginmutter wurden einige Tische für ein Familienbankett aufgestellt; es gab keine auswärtigen Gäste, nur Tante Schnee [薛姨妈], Wolke vom Xiang-Fluss und Schatzspange waren als Gäste geladen, alle anderen gehörten zur Familie. Am Morgen dieses Tages suchte Schatzjade Kajaljade, die er nicht fand, und ging in ihr Zimmer. Dort lag sie auf dem Kang. Schatzjade sagte lachend: „Komm, iss etwas! Die Vorstellung beginnt gleich. Welches Stück möchtest du sehen? Dann kann ich es bestellen." Kajaljade erwiderte spöttisch: „Wenn du das so sagst, dann engagiere doch eigens eine Truppe und lass sie nur für mich spielen, was ich will. Warum sollte ich mich an anderer Leute Vergnügen anhängen und mich fragen lassen?" Schatzjade lachte: „Was ist daran schwierig? Morgen tun wir genau das — dann werden sie sich an unser Vergnügen hängen!" Während er sprach, zog er sie auf die Beine, und Hand in Hand gingen sie hinaus.
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Nach dem Essen, als die Stücke ausgewählt werden sollten, bestand Herzoginmutter darauf, dass Schatzspange zuerst wähle. Schatzspange wehrte sich höflich, konnte aber nicht umhin, eine Szene aus der „Reise nach dem Westen" zu wählen. Die Herzoginmutter freute sich. Dann durfte Phönixglanz wählen, die ebenfalls wusste, dass die Herzoginmutter Lustiges liebte, und wählte „Liu Er verpfändet sein Gewand" [Anm.: ein komisches Stück]. Herzoginmutter freute sich noch mehr. Dann war Kajaljade an der Reihe, die Tante Schnee und Frau Wang den Vortritt lassen wollte. Herzoginmutter sagte: „Heute habe ich euch eingeladen, damit wir uns amüsieren. Kümmert euch nicht um sie — habe ich etwa das Theater und den Wein für sie arrangiert? Sie sitzen hier, hören umsonst zu und essen umsonst — das ist schon Gunst genug. Sollen wir sie auch noch wählen lassen!" Alle lachten. Kajaljade wählte dann ein Stück. Danach wählten auch Schatzjade, Wolke vom Xiang-Fluss, Willkommensfrühling, Spürfrühling, Bewahrfrühling und Li Schleierfrau [李纨], und die Aufführung begann.
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Als beim Weinbankett Herzoginmutter Schatzspange erneut aufforderte zu wählen, wählte Schatzspange „Lu Zhishen tobt betrunken auf dem Wutaishan" [Anm.: Szene aus dem Roman „Am Wasserufer", Shuihu zhuan]. Schatzjade sagte: „Immer wählt sie solche Stücke." Schatzspange sagte: „Du hast all die Jahre Opern gehört, ohne das Gute daran zu erkennen. Die Inszenierung ist großartig, und der Text ist noch besser." Schatzjade sagte: „Ich habe noch nie solchen Lärm gemocht." Schatzspange lachte: „Wenn du dies für Lärm hältst, verstehst du wirklich nichts von Theater. Komm her, ich erkläre es dir. Es ist eine Suite aus der nördlichen Melodie ‚Dian Jiangchun', klanglich ausgezeichnet, und in den Liedtexten gibt es ein ‚Jisheng Cao' [Anm.: Melodie „Mistelgras"], das hinreißend gedichtet ist. Was weißt du schon davon?" Als Schatzjade hörte, wie sie es pries, rückte er näher und bat: „Liebe Schwester, lies es mir vor!" Schatzspange rezitierte:
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„Heimlich trockne ich die Heldenträne,
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Verlasse des Gelehrten Heim.
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Dank der Barmherzigkeit — die Tonsur
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Empfangen am Lotusthron.
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Kein Schicksal — und im Augenblick
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Zerreißt das Band.
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Nackt kam ich, nackt geh ich — nichts bindet mich.
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Wo find ich Regenhut und Bastmantel für den Wandergang?
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Mag sein — in Strohsandaln, mit zerbroch'ner Schale
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Folg' ich dem Zufall, wohin er mich trägt!"
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Schatzjade hörte zu, klatschte vor Entzücken auf die Knie, zog Kreise in die Luft und lobte ohne Ende. Er pries Schatzspange, dass es kein Buch gebe, das sie nicht kenne. Kajaljade sagte: „Schau dir lieber ruhig die Oper an! Das ‚Bergtor' wurde noch gar nicht gesungen, und du spielst schon den ‚Verrückten'!" [Anm.: Wortspiel mit Operntiteln — 山門 „Bergtor" und 妝瘋 „Den Wahnsinnigen spielen"] Auch Wolke vom Xiang-Fluss musste lachen. So schauten alle die Vorstellung an.
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Am Abend, als die Aufführung zu Ende war, hatte Herzoginmutter den jungen Dan-Darsteller und einen kleinen Clown besonders ins Herz geschlossen und ließ sie hereinbringen. Bei näherem Hinsehen waren sie noch rührender. Sie fragte nach ihrem Alter: Der kleine Dan war erst elf, der kleine Clown erst neun Jahre alt. Alle seufzten. Herzoginmutter ließ ihnen extra Fleisch und Obst geben und außerdem zwei Schnüre Geld schenken. Phönixglanz lachte: „Dieses Kind sieht geschminkt genau aus wie eine bestimmte Person — nur merkt ihr es alle nicht." Schatzspange wusste in ihrem Herzen Bescheid, lächelte nur und wollte nichts sagen. Auch Schatzjade hatte es erraten und wagte nichts zu sagen. Wolke vom Xiang-Fluss aber platzte lachend heraus: „Er sieht doch aus wie Schwester Lin!" Als Schatzjade das hörte, warf er Wolke vom Xiang-Fluss hastig einen Blick zu und machte ihr ein Zeichen mit den Augen. Die anderen aber hatten es alle gehört und musterten die Schauspielerin aufmerksam — und lachten zustimmend: „Tatsächlich, ganz recht!" Bald darauf ging man auseinander.
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Am Abend, als Wolke vom Xiang-Fluss sich umzog, befahl sie Cuilu, den Kleiderkoffer zu öffnen und alles einzupacken. Cuilu fragte: „Warum so eilig? Wir können doch am Abreisetag packen." Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Morgen früh reise ich ab. Was soll ich hier noch? Mir ständig die Nasen und Augen anderer Leute ansehen — was soll das!" Schatzjade hörte das und eilte herbei: „Liebe Schwester, du tust mir unrecht! Schwester Lin ist empfindlich. Alle anderen wussten es, wollten es aber nicht aussprechen, um sie nicht zu verärgern. Du hast es einfach herausgesagt, ohne aufzupassen — natürlich ist sie böse auf dich. Ich habe dir nur ein Zeichen gemacht, weil ich befürchtete, du könntest sie kränken. Wenn du mir jetzt zürnst, verkennst du nicht nur mein gutes Herz, sondern tust mir auch unrecht. Wäre es jemand anderes gewesen und hätte zehn Leute beleidigt — was ginge das mich an?" Wolke vom Xiang-Fluss riss sich los: „Spar dir deine schönen Worte! Ich bin ja nicht so gut wie deine Schwester Lin. Andere dürfen über sie reden und sie necken, nur ich nicht — wenn ich es tue, ist es ein Fehler. Natürlich bin ich es nicht wert, über sie zu reden. Sie ist eine Herrin, eine junge Dame — und ich bin eine Sklavin, ein Dienstmädchen. Wenn ich ihr zu nahe trete, wäre das unter meiner Würde!" Schatzjade sagte verzweifelt: „Ich habe es doch für dich getan, und am Ende bin ich der Schuldige! Wenn ich heuchlerisch wäre, möge ich augenblicklich zu Asche zerfallen und von allen mit Füßen getreten werden!" Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Mitten im Neujahrsmonat — hör auf mit diesem unsinnigen Geschwätz! Diese überflüssigen bösen Schwüre und wirren Reden sag denen, die so empfindlich sind und so gerne beleidigt tun, die dich zu beherrschen wissen — nicht mir! Pfui!" Damit ging sie direkt in Herzoginmutters Innenzimmer und legte sich wütend hin.
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Schatzjade stand beschämt da und ging dann, Kajaljade zu suchen. Kaum war er an ihrer Türschwelle, schob Kajaljade ihn hinaus und schloss die Tür. Schatzjade verstand auch das nicht und rief leise vor dem Fenster: „Liebe Schwester!" Kajaljade beachtete ihn nicht. Schatzjade senkte betrübt den Kopf und prüfte sein Gewissen. Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".</ref> hatte längst alles durchschaut, wusste aber, dass jetzt nicht der Moment war, ihn zu trösten. Schatzjade stand nur starr da.
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Kajaljade dachte, er sei in sein Zimmer zurückgekehrt, und öffnete die Tür — doch da stand er noch immer. Kajaljade konnte die Tür nun nicht wieder schließen und legte sich aufs Bett. Schatzjade folgte ihr hinein und fragte: „Für alles gibt es einen Grund. Sag mir, was los ist, dann fühlt sich niemand zu Unrecht beschuldigt. Du bist grundlos böse — worum geht es eigentlich?" Kajaljade lächelte kühl: „Eine schöne Frage! Ich weiß es selber nicht. Ich bin doch nur dazu da, euch allen als Spaß zu dienen — mich mit einer Schauspielerin zu vergleichen und auszulachen." Schatzjade sagte: „Ich habe dich doch nicht verglichen! Ich habe nicht gelacht — warum bist du böse auf mich?" Kajaljade sagte: „Du brauchst mich nicht zu vergleichen! Du brauchst nicht zu lachen! Dass du nicht vergleichst und nicht lachst, ist schlimmer als die, die es tun!" Schatzjade wusste darauf nichts zu erwidern.
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Kajaljade fuhr fort: „Diesen Punkt kann ich vielleicht noch verzeihen. Aber warum hast du Yun'er Zeichen mit den Augen gemacht? Was hast du dir dabei gedacht? Meinst du etwa, wenn sie mit mir spielt, erniedrige sie sich? Sie ist eine Tochter aus fürstlichem Hause, und ich bin ein armes Mädchen — wenn sie mit mir spielte und ich etwas erwiderte, würde sie sich selbst herabsetzen, nicht wahr? Das ist dein guter Wille! Nur leider will die andere dein gutes Herz gar nicht annehmen und ist genauso beleidigt. Und dann machst du mich zum Vorwand und nennst mich empfindlich und nachtragend. Du fürchtest, er könnte mich kränken, und ich ihn — was geht mich das an? Was geht dich das an?"
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Als Schatzjade dies hörte, erkannte er, dass sie auch sein Privatgespräch mit Wolke vom Xiang-Fluss gehört hatte. Er überlegte: Er hatte doch nur versucht, zwischen beiden zu vermitteln, um keinen Streit aufkommen zu lassen — und stattdessen erntete er von beiden Seiten Vorwürfe. Da fielen ihm die Worte aus dem Zhuangzi ein, die er neulich gelesen hatte: „Der Geschickte müht sich ab, der Weise sorgt sich; wer nichts kann, begehrt nichts, isst sich satt und streift frei umher, wie ein Boot, das an nichts gebunden ist." Und: „Der Waldbaum schlägt sich selbst; die Quelle beraubt sich selbst." [Anm.: Zhuangzi, Kapitel 4 und 20] Je mehr er darüber nachdachte, desto sinnloser erschien ihm alles. Wenn er nicht einmal diese zwei Menschen zufriedenstellen konnte — was konnte er dann in Zukunft noch erwarten? So drehte er sich um und ging in sein Zimmer. Kajaljade sah ihn gehen, wusste, dass er beschlossen hatte, es als sinnlos aufzugeben, und fühlte sich nun ihrerseits noch ärgerlicher: „Jetzt geht er — und soll sein ganzes Leben nicht mehr kommen und kein Wort mehr reden!"
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Schatzjade beachtete sie nicht, ging in sein Zimmer und warf sich aufs Bett, starrte nur an die Decke. Dufthauch kannte den Grund, wagte aber nichts zu sagen, und versuchte, ihn abzulenken: „Heute haben wir wieder Oper gesehen — das wird bestimmt noch ein paar Tage Theatervergnügen nach sich ziehen. Schwester Bao wird sicher zum Dank einladen." Schatzjade lachte kalt: „Ob sie einlädt oder nicht — was geht das irgendjemanden an?" Dufthauch sah, dass dies nicht seine gewohnte Art zu sprechen war, und versuchte es lachend: „Was soll denn das? Mitten im frohen Neujahrsmonat, wenn alle fröhlich sind — warum siehst du so aus?" Schatzjade lachte kalt: „Ob die Mütter und Schwestern fröhlich sind oder nicht, geht mich nichts an." Dufthauch lachte: „Wenn sie freundlich sind, sei auch du freundlich — wäre das nicht für alle angenehm?" Schatzjade sagte: „Was heißt ‚für alle'? Sie haben ihr ‚für alle' — ich bin ‚nackt gekommen und gehe nackt, nichts bindet mich'." Bei diesen Worten kamen ihm unwillkürlich die Tränen. Dufthauch sah das und wagte nicht weiterzureden. Schatzjade grübelte über die Bedeutung dieses Satzes und brach in heftiges Weinen aus. Dann setzte er sich auf, ging zum Schreibtisch und schrieb mit dem Pinsel einen Vers:
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Du beweist es mir, ich beweise es dir —
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Herz beweist es, Sinn beweist es.
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Wo nichts mehr zu beweisen ist,
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Erst dort kann man von Beweis sprechen.
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Wo nichts mehr zu sagen ist vom Beweisen,
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Das ist der Standort.
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Nachdem er geschrieben hatte, fühlte er sich zwar erleuchtet, fürchtete aber, andere würden es nicht verstehen, und verfasste daher noch ein Lied zur Melodie „Jisheng Cao" [Mistelgras], das er unter den Vers schrieb. Er las es noch einmal durch, fühlte sich frei von allen Fesseln, innerlich zufrieden, und ging zu Bett.
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Kajaljade aber, die gesehen hatte, wie entschlossen Schatzjade gegangen war, kam unter dem Vorwand, Dufthauch zu suchen, um nach ihm zu sehen. Dufthauch sagte lächelnd: „Er schläft schon." Kajaljade hörte das und wollte gehen. Dufthauch lächelte: „Fräulein, einen Moment bitte — hier ist ein kleines Blatt Papier. Schauen Sie doch, was darauf steht." Sie brachte leise den Vers und das Lied und reichte es Kajaljade. Kajaljade las es, erkannte, dass Schatzjade es in einem Anfall von Ärger geschrieben hatte, fand es zugleich komisch und bedauernswert, und sagte zu Dufthauch: „Das ist nur Spielerei, nichts weiter." Dann nahm sie es mit in ihr Zimmer und zeigte es Wolke vom Xiang-Fluss. Am nächsten Tag zeigte sie es auch Schatzspange. Schatzspange las das Lied:
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Ohne Ich warst du einst nicht Du,
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Von ihm — den anderen — versteh!
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Frei wandelnd, ohne Hindernis, komm und geh.
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Was nützt die Trauer, was die Freu'?
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Was soll das Reden: fern und nah, und wem getreu?
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Warum bisher die Hast, die blinde Müh?
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Jetzt blick zurück — und sieh: Wie schal war alles, wie vergeblich — nie und nie!
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Schatzspange las es zu Ende, dann den Vers, und lachte: „Dieser Mensch hat die Erleuchtung erlangt! Es ist alles meine Schuld — ich habe gestern mit diesem einen Lied alles angefangen. Diese daoistischen und buddhistischen Bücher sind am gefährlichsten, sie verändern den Charakter. Wenn er morgen ernsthaft so redet und solche Gedanken hegt — dann bin ich die Schuldige!" Sie zerriss es sofort in Fetzen, reichte es den Dienerinnen und sagte: „Verbrennt es schnell!" Kajaljade lachte: „Du hättest es nicht zerreißen sollen. Lasst mich ihn fragen — kommt mit, ich garantiere, er gibt diesen Unsinn auf."
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Die drei gingen tatsächlich zu Schatzjades Zimmer. Kaum eingetreten, sagte Kajaljade lachend: „Schatzjade, ich frage dich: Das Kostbarste ist ‚Bao' [Schatz], das Härteste ist ‚Yu' [Jade]. Was ist an dir kostbar? Was ist an dir hart?" Schatzjade konnte nicht antworten. Alle drei klatschten lachend: „So stumpfsinnig, und dann will er Chan-Meditation betreiben!" Kajaljade fuhr fort: „Am Ende deines Verses schreibst du: ‚Wo nichts mehr zu sagen ist vom Beweisen, das ist der Standort.' Das klingt gut. Aber meiner Meinung nach ist es noch nicht vollkommen. Ich füge zwei Zeilen hinzu." Sie sagte:
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„Wo kein Standort ist, das erst ist rein."
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Schatzspange sagte: „Genau — das ist die wahre Erleuchtung. Einst suchte Huineng, der Sechste Patriarch der Südschule [Anm.: 南宗六祖惠能, 638-713, Begründer der Südlichen Schule des Chan-Buddhismus], einen Meister und gelangte nach Shaozhou. Er hörte, dass der Fünfte Patriarch Hongren in Huangmei weilte, und verdingte sich dort als Küchenmönch. Als der Fünfte Patriarch einen Dharma-Erben suchte und alle Schüler aufforderte, einen Vers zu verfassen, sagte der Obermönch Shenxiu: ‚Der Leib ist der Bodhi-Baum, der Geist ein heller Spiegel. Poliere ihn beständig, lass keinen Staub sich setzen.' Huineng, der gerade in der Küche Reis stampfte, hörte den Vers und sagte: ‚Schön ist es, doch vollendet noch nicht.' Und er sprach seinen eigenen Vers: ‚Der Bodhi ist kein Baum, der Spiegel kein Gestell. Von Anbeginn gibt es kein Ding — wo sollte Staub sich setzen?' Der Fünfte Patriarch übergab ihm daraufhin die Robe und die Schale. Dein heutiger Vers hat denselben Sinn. Nur eben war der scharfe Diskurs noch nicht zu Ende — willst du ihn einfach so aufgeben?" Kajaljade lachte: „Als er vorhin nicht antworten konnte, hat er verloren. Jetzt nachträglich noch zu antworten, wäre nichts Besonderes. Aber von nun an darfst du nie wieder über Chan sprechen! Was wir beide können und wissen, weißt und kannst du noch nicht einmal — und willst über Chan meditieren!" Schatzjade, der sich für erleuchtet gehalten hatte, war durch Kajaljades eine Frage, auf die er nicht antworten konnte, und Schatzspanges Verweis auf die buddhistischen Aufzeichnungen, von denen er nie gewusst hatte, dass sie so bewandert waren, zutiefst beschämt. Er dachte bei sich: „Sie alle sind mir voraus in der Erkenntnis, und selbst sie sind nicht erleuchtet — wozu quäle ich mich also selbst?" So lachte er: „Wer meditiert denn über Chan? Das waren nur Spielworte." Damit war alles wieder wie zuvor.
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Plötzlich kam ein Bote mit der Nachricht: „Die Kaiserliche Gemahlin [Anm.: Urfrühling] hat jemanden mit einem Rätsel geschickt, und ihr alle sollt raten. Wer es löst, soll selbst auch eines verfassen und einsenden." Die vier hörten das und gingen eilig in Herzoginmutters obere Gemächer. Dort stand ein kleiner Eunuch mit einer viereckigen weißen Seidenlaterne, die eigens für Rätsel angefertigt war; darauf befand sich bereits ein Rätsel, und alle drängten sich darum und rieten wild durcheinander. Der kleine Eunuch verkündete: „Die jungen Damen sollen ihre Lösungen nicht laut sagen, sondern jede heimlich auf ein Papier schreiben. Alle zusammen werden sie versiegelt in den Palast geschickt, und die Kaiserliche Gemahlin wird selbst prüfen, ob sie richtig sind." Schatzspange und die anderen lasen das Rätsel: ein Sieben-Silben-Vierzeiler, nichts besonders Neues. Man lobte höflich die Schwierigkeit und tat, als müsse man lange nachdenken, obwohl alle es sofort erraten hatten. Schatzjade, Kajaljade, Wolke vom Xiang-Fluss und Spürfrühling lösten es ebenfalls, und jede schrieb insgeheim ihre Lösung auf. Auch Kaufmann Unheil, Jia Lan und andere wurden herbeigerufen und rieten. Dann verfasste jeder ein eigenes Rätsel in sauberer Schrift und hängte es an die Laterne.
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Der Eunuch kehrte zurück. Am Abend überbrachte er die Antwort: „Die Rätsel der Kaiserlichen Gemahlin wurden alle gelöst — nur die Zweite junge Dame und der Dritte Herr haben falsch geraten. Auch die Rätsel der jungen Damen wurden geraten." Die Prämien für die erfolgreichen Löser wurden verteilt: jeder ein Palast-Gedichtrohr und einen Teebesen. Nur Willkommensfrühling und Kaufmann Unheil gingen leer aus. Willkommensfrühling nahm es als Spaß und störte sich nicht daran, aber Kaufmann Unheil war beschämt. Zudem hatte der Eunuch gesagt: „Der Dritte Herr hat etwas Unverständliches geschrieben. Die Kaiserliche Gemahlin hat es gar nicht erst geraten und ließ es zurückbringen, damit der Dritte Herr erklärt, was es sein soll." Alle wollten sehen, was er geschrieben hatte:
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Der große Bruder hat Ecken, aber nur acht davon;
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Der zweite Bruder hat Hörner, aber nur ein Paar.
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Der große Bruder sitzt immer nur auf dem Bett;
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Der zweite Bruder hockt gern auf dem Dachfirst.
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Alle brachen in Gelächter aus. Kaufmann Unheil musste dem Eunuchen erklären: „Das eine ist ein Kopfkissen, das andere ein Dachzierfigur." Der Eunuch merkte es sich und ging mit seinem Tee.
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Herzoginmutter sah, wie sehr Urfrühling sich amüsierte, und wurde selbst noch fröhlicher. Sie ließ eilends einen kleinen, kunstvoll geschnitzten Stellschirm anfertigen, der in der Mitte des Raumes aufgestellt wurde, und forderte die Schwestern auf, jede ein Rätsel zu schreiben und an den Schirm zu heften. Dann ließ sie Tee, Früchte und allerlei Spielzeug als Preise bereitstellen. Auch Kaufmann Aufrecht kam nach der Abendaudienz und wollte der Herzoginmutter Freude bereiten. Er ließ Wein und Früchte servieren, bunte Laternen aufhängen und lud die Herzoginmutter zum Laternenvergnügen ein. Oben saß Herzoginmutter mit Kaufmann Aufrecht und Schatzjade; darunter Frau Wang, Schatzspange, Kajaljade und Wolke vom Xiang-Fluss; dann Willkommensfrühling, Spürfrühling und Bewahrfrühling. Der Boden war voller Dienerinnen und Mägde. Li Schleierfrau und Phönixglanz saßen im Nebenraum. Kaufmann Aufrecht bemerkte, dass Jia Lan fehlte, und fragte danach. Eine Dienerin fragte Li Schleierfrau, die lächelnd antwortete: „Er sagt, sein Großvater hätte ihn nicht ausdrücklich gerufen, deshalb wollte er nicht kommen." Alle lachten: „Von Natur aus stur wie ein Ochse." Kaufmann Aufrecht schickte sogleich Kaufmann Unheil und zwei Dienerinnen, um Jia Lan zu holen. Herzoginmutter setzte ihn neben sich und gab ihm Obst. Alle plauderten und amüsierten sich.
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Gewöhnlich war Schatzjade derjenige, der groß und breit redete; heute aber, mit Kaufmann Aufrecht zugegen, blieb er stumm und sagte nur „ja, ja". Auch Wolke vom Xiang-Fluss, die sonst gerne diskutierte, hielt in Kaufmann Aufrechts Anwesenheit den Mund. Kajaljade war von Natur aus wortkarg. Schatzspange sprach nie vorschnell. So war dieses Familienvergnügen eher steif und gehemmt. Herzoginmutter wusste, dass dies allein an Kaufmann Aufrechts Anwesenheit lag, und nach drei Runden Wein scheuchte sie ihn davon, sich auszuruhen. Kaufmann Aufrecht wusste ebenfalls, dass die Herzoginmutter seine Gegenwart als hinderlich empfand und die Jungen sich ohne ihn besser amüsieren könnten. Er lächelte unterwürfig: „Ich habe gehört, dass hier heute eine große Frühlingslaternen-Rätselveranstaltung stattfindet, und habe deshalb Preise und Wein mitgebracht. Wie kann die Großmutter ihren Enkeln so viel Liebe schenken und dem Sohn nicht ein Körnchen davon gönnen?" Herzoginmutter lachte: „Wenn du hier bist, trauen sie sich nicht, zu reden und zu lachen — mich langweilt es. Wenn du Rätsel raten willst, sage ich dir eines — wenn du es nicht löst, gibt es eine Strafe." Kaufmann Aufrecht lachte eilig: „Natürlich muss man bestraft werden. Und wenn ich es löse, gibt es auch eine Belohnung." Herzoginmutter sagte: „Selbstverständlich." Dann sprach sie:
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„Ein Affe, leicht am Leib, steht auf dem Zweig. — Es ist eine Frucht."
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Kaufmann Aufrecht wusste sofort, dass es der Litschi [Anm.: 荔枝, homophon mit 立枝 „auf dem Zweig stehen"] war, tat aber absichtlich, als rate er falsch, wurde vielfach bestraft und gab schließlich die richtige Antwort, worauf er ebenfalls ein Geschenk von der Herzoginmutter erhielt. Dann sprach er seinerseits eines für die Herzoginmutter:
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„Von Gestalt aufrecht, von Leib ganz hart.
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Kann zwar nicht sprechen — doch hat er Worte, antwortet er stets. — Ein Gebrauchsgegenstand."
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Dies flüsterte er leise Schatzjade zu. Schatzjade verstand und flüsterte es der Herzoginmutter zu. Die dachte nach und sagte: „Es ist ein Tuschstein." Kaufmann Aufrecht lachte: „Natürlich hat die Großmutter recht — gleich beim ersten Mal erraten!" Dann befahl er: „Bringt schnell die Gratulationsgeschenke!" Die Dienerinnen antworteten im Chor und brachten große und kleine Tabletts herbei. Herzoginmutter besah sie eins nach dem anderen — alles waren neue, hübsche Dinge zum Laternenfest — und war hocherfreut. Sie befahl: „Schenkt eurem Herrn Wein ein." Schatzjade hielt die Kanne, Willkommensfrühling reichte den Becher. Herzoginmutter sagte: „Sieh dir die Rätsel auf dem Schirm an — die haben die Schwestern verfasst. Rate sie mir."
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Kaufmann Aufrecht stand auf, ging zum Schirm und las das erste:
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Er schlägt die Dämonen in Schrecken und Beben,
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Sein Leib wie gebündeltes Tuch, sein Ton wie der Donner.
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Ein Krachen — die Menschen erstarren vor Grauen,
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Doch blicken sie hin, ist er Asche schon lang.
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Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist ein Feuerwerkskörper, nicht wahr?" Schatzjade bestätigte: „Ja." Kaufmann Aufrecht las weiter:
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Des Himmels Lauf und Menschenwerk — das Prinzip hat kein End'.
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Wer Glück hat ohne Müh, dem wird nichts gesandt.
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Warum der Wirrwarr allezeit?
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Nur weil die Zahl von Yin und Yang nicht stimmt.
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Kaufmann Aufrecht sagte: „Ein Rechenbrett." Willkommensfrühling lachte: „Ja." Er las weiter:
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Die Kinder blicken auf zum Himmel klar,
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Am schönsten ist's geschmückt zum Qingming-Fest.
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Reißt nur ein Faden, schwindet alle Kraft —
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Klag nicht den Ostwind an um den Abschied an.
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Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist ein Drachen." Spürfrühling lachte: „Ja." Er las weiter:
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In einem früheren Leben — kein Antlitz, keine Form;
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Nicht Lieder der Libelle hört' er, nur Buddhas Wort.
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Meint nicht, dies Leben sei ein dunkles Meer —
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Im Wesen selbst erstrahlt das große Licht.
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Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist eine Buddhistische Tempellampe." Bewahrfrühling lachte: „Ja, eine Tempellampe."
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[Anm.: Der Gengchen-Text bricht hier ab. Eine Randbemerkung des Kopistennotiert: „Dieses Kapitel blieb unvollendet, als [Cao] Qin starb. Ach! Sommer des Jahres Dinghai (1767). Husou." Im Gengchen-Manuskript ist auch Schatzspanges Rätsel als Marginalie überliefert. Die folgenden Passagen sind aus anderen Manuskripten (Qi-Fassung u.a.) ergänzt und kollationiert.]
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Kaufmann Aufrecht versank in Gedanken: „Das Rätsel der Kaiserlichen Gemahlin war ein Feuerwerkskörper — ein Ding, das mit einem Knall verpufft. Willkommensfrühlings Rechenbrett bedeutet Durcheinander wie wirres Hanf. Spürfrühlings Drachen ist ein Ding, das ziellos im Wind treibt. Bewahrfrühlings Tempellampe steht für reine Einsamkeit. Heute ist das Laternenfest, ein froher Anlass — warum verfassen sie alle solch unheilvolle Dinge als Spaß?" Er wurde immer bedrückter, durfte aber vor der Herzoginmutter nichts davon zeigen und musste sich zusammennehmen und weiterlesen. Dann sah er ein siebenzeiliges Gedicht in regelmäßiger Form — es war Schatzspanges Werk. Er las:
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Nach der Audienz — wer trägt den Duft in beiden Ärmeln heim?
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Am Saitenspiel, im Bettgewand — stets ohne Gelegenheit.
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Zum Morgen braucht's den Hahnenruf des Dieners nicht,
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Fünf Nachtwachen — die Zofe muss kein Licht mehr nähren.
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Den Kopf versengt vom Morgen bis zum Abend her,
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Das Herz zerkocht von Tag zu Tag und Jahr zu Jahr.
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Die Zeit verrinnt — bedenk und schätz sie wohl!
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Wind, Regen, Wolken und Sonnenschein — lass alles, wie's auch sei.
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[Anm.: Lösung: eine Räucherspiralenkerze/Nachtkerze]
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Kaufmann Aufrecht las es zu Ende und dachte: „Dieses Ding ist zwar harmloser als die anderen. Aber dass ein so junges Mädchen solche Verse schreibt, verheißt nichts Gutes — keines von ihnen scheint für ein langes, glückliches Leben bestimmt." Bei diesem Gedanken wurde er noch trauriger; acht oder neun Zehntel seiner vorherigen Fröhlichkeit waren dahin, und er saß nur noch mit gesenktem Kopf in Gedanken versunken.
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Herzoginmutter sah Kaufmann Aufrecht so niedergeschlagen und vermutete, er sei müde, und fürchtete zudem, dass seine Anwesenheit die Schwestern an ihrem Vergnügen hindere. Sie sagte zu ihm: „Du brauchst nicht mehr zu raten. Geh schlafen. Wir sitzen noch ein Weilchen, dann gehen wir auch." Kaufmann Aufrecht hörte das, antwortete eilig mit mehreren „Ja", nötigte die Herzoginmutter noch einmal zu einem Glas Wein und zog sich dann zurück. In seinem Zimmer grübelte er die ganze Nacht, konnte nicht schlafen und war voller Trauer und Wehmut.
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Nachdem Kaufmann Aufrecht gegangen war, sagte Herzoginmutter: „Nun amüsiert euch nach Herzenslust!" Kaum hatte sie gesprochen, lief Schatzjade zum Rätselschirm, zeigte mit dem Finger und kritisierte mit vollem Mund — dieser Satz sei nicht gut, jenes Rätsel nicht richtig gelöst — wie ein freigelassener Affe. Schatzspange sagte: „Vorhin saßen wir noch gesittet beieinander und plauderten — wäre das nicht feiner gewesen?" Phönixglanz eilte aus dem Nebenraum heraus: „Dein Vater sollte dich Tag und Nacht nicht aus den Augen lassen! Vorhin habe ich vergessen, vor dem Herrn Vater dafür zu sorgen, dass auch du Rätsel dichten musst. Wenn es so gekommen wäre, würdest du jetzt schwitzen!" Schatzjade wurde nervös, zerrte an Phönixglanzs Ärmel und klebte an ihr wie Malzbonbon. Herzoginmutter plauderte noch eine Weile mit Li Schleierfrau und den Schwestern, wurde dann müde. Man lauschte der Uhr — es war schon die vierte Nachtwache. Sie ließ die Speisen abräumen und an alle verteilen und sagte: „Lasst uns schlafen gehen. Morgen ist auch noch Feiertag, wir müssen früh aufstehen. Morgen Abend spielen wir weiter." Und was dann geschah, erzählt das nächste Kapitel.
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<references />

Revision as of 12:29, 15 April 2026

Kapitel 22

Hören auf Operngesang — Schatzspange[1] versteht die Kunst des Chan — Das Anfertigen von Rätseln — Kaufmann Aufrecht trauert über die verhängnisvollen Verse

Es wird erzählt, dass Kaufmann Jadeschale Phönixglanz[2] sagen hörte, sie wolle etwas besprechen, und stehen blieb, um zu fragen, worum es gehe. Phönixglanz sagte: „Am Einundzwanzigsten ist der Geburtstag von Schwester Xue. Wie willst du es halten?" Kaufmann Jadeschale sagte: „Woher soll ich das wissen! Du hast schon so viele große Geburtstage organisiert, und jetzt hast du auf einmal keine Idee?" Phönixglanz sagte: „Bei großen Geburtstagen gibt es feste Regeln, nach denen man sich richtet. Aber ihr Geburtstag ist weder groß noch klein, deshalb bespreche ich es mit dir." Kaufmann Jadeschale dachte einen Moment nach und sagte: „Du bist heute wirklich zerstreut. Es gibt doch einen Präzedenzfall — Schwester Lin ist das Vorbild. Wie wir es bisher für Schwester Lin gehandhabt haben, so machen wir es jetzt auch für Schwester Xue." Phönixglanz hörte das und lächelte kühl: „Glaubst du, das wüsste ich nicht? Genauso hatte ich es mir auch gedacht. Aber gestern hörte ich, wie die alte Herrin nach aller Alter und Geburtstagen fragte. Als sie erfuhr, dass die ältere Schwester Xue dieses Jahr fünfzehn wird, sagte sie, obwohl es kein runder Geburtstag sei, sei es doch das Jahr der Haarnadel-Zeremonie [Anm.: 将笄之年, das Alter, in dem ein Mädchen als erwachsen galt]. Die alte Herrin wolle selbst den Geburtstag ausrichten. Wenn sie es wirklich tut, wird es natürlich aufwendiger als bei Schwester Lin in den vergangenen Jahren." Kaufmann Jadeschale sagte: „Nun, dann eben etwas mehr als bei Schwester Lin." Phönixglanz sagte: „Genau das dachte ich auch, deshalb wollte ich deine Meinung hören. Wenn ich eigenmächtig etwas hinzufüge und du mir vorwirfst, dich nicht informiert zu haben..." Kaufmann Jadeschale lachte: „Genug, genug! Diese leere Gunst nehme ich nicht an. Wenn du mich nur nicht überwachst, bin ich schon zufrieden — wozu sollte ich dir Vorwürfe machen!" Damit ging er davon.

Nun sei berichtet, dass Wolke vom Xiang-Fluss[3] zwei Tage geblieben war und abreisen wollte. Herzoginmutter[4] sagte: „Warte, bis der Geburtstag deiner Schwester Schatzspange vorbei ist und du die Opernaufführung gesehen hast, dann reise erst ab." Wolke vom Xiang-Fluss musste bleiben. Sie schickte jemanden nach Hause zurück, um zwei ihrer alten Näharbeiten holen zu lassen — als Geschenk zu Schatzspanges Geburtstag.

Herzoginmutter hatte Schatzspange als ein ruhiges und ausgeglichenes Mädchen ins Herz geschlossen und wollte ihren ersten Geburtstag im Hause feiern. Sie steuerte aus eigener Tasche zwanzig Liang Silber bei und rief Phönixglanz herbei, damit sie Wein und Opern arrangiere. Phönixglanz scherzte lachend: „Wenn die Urgroßmutter den Kindern einen Geburtstag ausrichtet, wer würde da einwenden, dass sie auch die Getränke und das Theater bezahlen muss? Wenn Ihr feiern und Freude haben wollt, müsst Ihr natürlich selbst ein paar Liang ausgeben. Und dann kramt Ihr mühsam diese schimmligen zwanzig Liang hervor und gebt die Gastgeberin — und erwartet von mir, den Rest draufzulegen! Wenn Ihr wirklich nichts hättet, wäre es ja etwas anderes. Aber Gold und Silber, rund und flach, drückt den Boden Eurer Truhen ein — Ihr knausert nur mit uns! Schaut Euch um: Sind wir nicht alle Eure Kinder und Enkel? Soll etwa nur Bruder Schatzjade[5] Euch eines Tages auf den Berg Wutai tragen [Anm.: ein buddhistischer Ausdruck für die Versorgung im Alter]? All Euer Privatvermögen behaltet Ihr für ihn. Auch wenn wir es nicht verdienen, müsst Ihr uns deshalb noch nicht darben lassen. Reicht das für den Wein? Reicht das für das Theater?" Da lachte das ganze Haus. Herzoginmutter lachte ebenfalls: „Hört euch dieses Mundwerk an! Ich halte mich ja auch für schlagfertig — aber gegen diesen Affen komme ich nicht an. Deine Schwiegermutter wagt es nicht, mir zu widersprechen, und du keifst mit mir!" Phönixglanz lachte: „Meine Schwiegermutter liebt Schatzjade ebenso, und ich habe nirgends, wo ich mich beklagen könnte, und dann heißt es, ich hätte ein loses Mundwerk." Damit brachte sie Herzoginmutter zum Lachen, die höchst erfreut war.

Am Abend, als alle bei der alten Herrin versammelt waren und nach der Abenddämmerung miteinander plauderten, fragte Herzoginmutter Schatzspange, welche Opern sie gerne höre und welche Speisen sie bevorzuge. Schatzspange wusste genau, dass die alte Dame als betagte Person lebhafte Theaterstücke und weiche, süße Speisen liebte, und nannte durchweg die Vorlieben der Herzoginmutter. Diese freute sich umso mehr. Am nächsten Tag wurden zunächst Kleider, Spielzeug und Geschenke geschickt; Frau Wang, Phönixglanz, Kajaljade[6] und alle anderen gaben je nach Vermögen Gaben, die hier nicht einzeln aufgeführt werden müssen.

Am Einundzwanzigsten wurde im Innenhof der alten Herrin eine kleine, schlichte Bühne errichtet und eine Gruppe junger Schauspieler engagiert, die sowohl Kunqu- als auch Yiyang-Stücke beherrschten [Anm.: die beiden wichtigsten Opernstile der Ming- und Qing-Zeit]. In den oberen Gemächern der Herzoginmutter wurden einige Tische für ein Familienbankett aufgestellt; es gab keine auswärtigen Gäste, nur Tante Schnee [薛姨妈], Wolke vom Xiang-Fluss und Schatzspange waren als Gäste geladen, alle anderen gehörten zur Familie. Am Morgen dieses Tages suchte Schatzjade Kajaljade, die er nicht fand, und ging in ihr Zimmer. Dort lag sie auf dem Kang. Schatzjade sagte lachend: „Komm, iss etwas! Die Vorstellung beginnt gleich. Welches Stück möchtest du sehen? Dann kann ich es bestellen." Kajaljade erwiderte spöttisch: „Wenn du das so sagst, dann engagiere doch eigens eine Truppe und lass sie nur für mich spielen, was ich will. Warum sollte ich mich an anderer Leute Vergnügen anhängen und mich fragen lassen?" Schatzjade lachte: „Was ist daran schwierig? Morgen tun wir genau das — dann werden sie sich an unser Vergnügen hängen!" Während er sprach, zog er sie auf die Beine, und Hand in Hand gingen sie hinaus.

Nach dem Essen, als die Stücke ausgewählt werden sollten, bestand Herzoginmutter darauf, dass Schatzspange zuerst wähle. Schatzspange wehrte sich höflich, konnte aber nicht umhin, eine Szene aus der „Reise nach dem Westen" zu wählen. Die Herzoginmutter freute sich. Dann durfte Phönixglanz wählen, die ebenfalls wusste, dass die Herzoginmutter Lustiges liebte, und wählte „Liu Er verpfändet sein Gewand" [Anm.: ein komisches Stück]. Herzoginmutter freute sich noch mehr. Dann war Kajaljade an der Reihe, die Tante Schnee und Frau Wang den Vortritt lassen wollte. Herzoginmutter sagte: „Heute habe ich euch eingeladen, damit wir uns amüsieren. Kümmert euch nicht um sie — habe ich etwa das Theater und den Wein für sie arrangiert? Sie sitzen hier, hören umsonst zu und essen umsonst — das ist schon Gunst genug. Sollen wir sie auch noch wählen lassen!" Alle lachten. Kajaljade wählte dann ein Stück. Danach wählten auch Schatzjade, Wolke vom Xiang-Fluss, Willkommensfrühling, Spürfrühling, Bewahrfrühling und Li Schleierfrau [李纨], und die Aufführung begann.

Als beim Weinbankett Herzoginmutter Schatzspange erneut aufforderte zu wählen, wählte Schatzspange „Lu Zhishen tobt betrunken auf dem Wutaishan" [Anm.: Szene aus dem Roman „Am Wasserufer", Shuihu zhuan]. Schatzjade sagte: „Immer wählt sie solche Stücke." Schatzspange sagte: „Du hast all die Jahre Opern gehört, ohne das Gute daran zu erkennen. Die Inszenierung ist großartig, und der Text ist noch besser." Schatzjade sagte: „Ich habe noch nie solchen Lärm gemocht." Schatzspange lachte: „Wenn du dies für Lärm hältst, verstehst du wirklich nichts von Theater. Komm her, ich erkläre es dir. Es ist eine Suite aus der nördlichen Melodie ‚Dian Jiangchun', klanglich ausgezeichnet, und in den Liedtexten gibt es ein ‚Jisheng Cao' [Anm.: Melodie „Mistelgras"], das hinreißend gedichtet ist. Was weißt du schon davon?" Als Schatzjade hörte, wie sie es pries, rückte er näher und bat: „Liebe Schwester, lies es mir vor!" Schatzspange rezitierte:

„Heimlich trockne ich die Heldenträne, Verlasse des Gelehrten Heim. Dank der Barmherzigkeit — die Tonsur Empfangen am Lotusthron. Kein Schicksal — und im Augenblick Zerreißt das Band. Nackt kam ich, nackt geh ich — nichts bindet mich. Wo find ich Regenhut und Bastmantel für den Wandergang? Mag sein — in Strohsandaln, mit zerbroch'ner Schale Folg' ich dem Zufall, wohin er mich trägt!"

Schatzjade hörte zu, klatschte vor Entzücken auf die Knie, zog Kreise in die Luft und lobte ohne Ende. Er pries Schatzspange, dass es kein Buch gebe, das sie nicht kenne. Kajaljade sagte: „Schau dir lieber ruhig die Oper an! Das ‚Bergtor' wurde noch gar nicht gesungen, und du spielst schon den ‚Verrückten'!" [Anm.: Wortspiel mit Operntiteln — 山門 „Bergtor" und 妝瘋 „Den Wahnsinnigen spielen"] Auch Wolke vom Xiang-Fluss musste lachen. So schauten alle die Vorstellung an.

Am Abend, als die Aufführung zu Ende war, hatte Herzoginmutter den jungen Dan-Darsteller und einen kleinen Clown besonders ins Herz geschlossen und ließ sie hereinbringen. Bei näherem Hinsehen waren sie noch rührender. Sie fragte nach ihrem Alter: Der kleine Dan war erst elf, der kleine Clown erst neun Jahre alt. Alle seufzten. Herzoginmutter ließ ihnen extra Fleisch und Obst geben und außerdem zwei Schnüre Geld schenken. Phönixglanz lachte: „Dieses Kind sieht geschminkt genau aus wie eine bestimmte Person — nur merkt ihr es alle nicht." Schatzspange wusste in ihrem Herzen Bescheid, lächelte nur und wollte nichts sagen. Auch Schatzjade hatte es erraten und wagte nichts zu sagen. Wolke vom Xiang-Fluss aber platzte lachend heraus: „Er sieht doch aus wie Schwester Lin!" Als Schatzjade das hörte, warf er Wolke vom Xiang-Fluss hastig einen Blick zu und machte ihr ein Zeichen mit den Augen. Die anderen aber hatten es alle gehört und musterten die Schauspielerin aufmerksam — und lachten zustimmend: „Tatsächlich, ganz recht!" Bald darauf ging man auseinander.

Am Abend, als Wolke vom Xiang-Fluss sich umzog, befahl sie Cuilu, den Kleiderkoffer zu öffnen und alles einzupacken. Cuilu fragte: „Warum so eilig? Wir können doch am Abreisetag packen." Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Morgen früh reise ich ab. Was soll ich hier noch? Mir ständig die Nasen und Augen anderer Leute ansehen — was soll das!" Schatzjade hörte das und eilte herbei: „Liebe Schwester, du tust mir unrecht! Schwester Lin ist empfindlich. Alle anderen wussten es, wollten es aber nicht aussprechen, um sie nicht zu verärgern. Du hast es einfach herausgesagt, ohne aufzupassen — natürlich ist sie böse auf dich. Ich habe dir nur ein Zeichen gemacht, weil ich befürchtete, du könntest sie kränken. Wenn du mir jetzt zürnst, verkennst du nicht nur mein gutes Herz, sondern tust mir auch unrecht. Wäre es jemand anderes gewesen und hätte zehn Leute beleidigt — was ginge das mich an?" Wolke vom Xiang-Fluss riss sich los: „Spar dir deine schönen Worte! Ich bin ja nicht so gut wie deine Schwester Lin. Andere dürfen über sie reden und sie necken, nur ich nicht — wenn ich es tue, ist es ein Fehler. Natürlich bin ich es nicht wert, über sie zu reden. Sie ist eine Herrin, eine junge Dame — und ich bin eine Sklavin, ein Dienstmädchen. Wenn ich ihr zu nahe trete, wäre das unter meiner Würde!" Schatzjade sagte verzweifelt: „Ich habe es doch für dich getan, und am Ende bin ich der Schuldige! Wenn ich heuchlerisch wäre, möge ich augenblicklich zu Asche zerfallen und von allen mit Füßen getreten werden!" Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Mitten im Neujahrsmonat — hör auf mit diesem unsinnigen Geschwätz! Diese überflüssigen bösen Schwüre und wirren Reden sag denen, die so empfindlich sind und so gerne beleidigt tun, die dich zu beherrschen wissen — nicht mir! Pfui!" Damit ging sie direkt in Herzoginmutters Innenzimmer und legte sich wütend hin.

Schatzjade stand beschämt da und ging dann, Kajaljade zu suchen. Kaum war er an ihrer Türschwelle, schob Kajaljade ihn hinaus und schloss die Tür. Schatzjade verstand auch das nicht und rief leise vor dem Fenster: „Liebe Schwester!" Kajaljade beachtete ihn nicht. Schatzjade senkte betrübt den Kopf und prüfte sein Gewissen. Dufthauch[7] hatte längst alles durchschaut, wusste aber, dass jetzt nicht der Moment war, ihn zu trösten. Schatzjade stand nur starr da.

Kajaljade dachte, er sei in sein Zimmer zurückgekehrt, und öffnete die Tür — doch da stand er noch immer. Kajaljade konnte die Tür nun nicht wieder schließen und legte sich aufs Bett. Schatzjade folgte ihr hinein und fragte: „Für alles gibt es einen Grund. Sag mir, was los ist, dann fühlt sich niemand zu Unrecht beschuldigt. Du bist grundlos böse — worum geht es eigentlich?" Kajaljade lächelte kühl: „Eine schöne Frage! Ich weiß es selber nicht. Ich bin doch nur dazu da, euch allen als Spaß zu dienen — mich mit einer Schauspielerin zu vergleichen und auszulachen." Schatzjade sagte: „Ich habe dich doch nicht verglichen! Ich habe nicht gelacht — warum bist du böse auf mich?" Kajaljade sagte: „Du brauchst mich nicht zu vergleichen! Du brauchst nicht zu lachen! Dass du nicht vergleichst und nicht lachst, ist schlimmer als die, die es tun!" Schatzjade wusste darauf nichts zu erwidern.

Kajaljade fuhr fort: „Diesen Punkt kann ich vielleicht noch verzeihen. Aber warum hast du Yun'er Zeichen mit den Augen gemacht? Was hast du dir dabei gedacht? Meinst du etwa, wenn sie mit mir spielt, erniedrige sie sich? Sie ist eine Tochter aus fürstlichem Hause, und ich bin ein armes Mädchen — wenn sie mit mir spielte und ich etwas erwiderte, würde sie sich selbst herabsetzen, nicht wahr? Das ist dein guter Wille! Nur leider will die andere dein gutes Herz gar nicht annehmen und ist genauso beleidigt. Und dann machst du mich zum Vorwand und nennst mich empfindlich und nachtragend. Du fürchtest, er könnte mich kränken, und ich ihn — was geht mich das an? Was geht dich das an?"

Als Schatzjade dies hörte, erkannte er, dass sie auch sein Privatgespräch mit Wolke vom Xiang-Fluss gehört hatte. Er überlegte: Er hatte doch nur versucht, zwischen beiden zu vermitteln, um keinen Streit aufkommen zu lassen — und stattdessen erntete er von beiden Seiten Vorwürfe. Da fielen ihm die Worte aus dem Zhuangzi ein, die er neulich gelesen hatte: „Der Geschickte müht sich ab, der Weise sorgt sich; wer nichts kann, begehrt nichts, isst sich satt und streift frei umher, wie ein Boot, das an nichts gebunden ist." Und: „Der Waldbaum schlägt sich selbst; die Quelle beraubt sich selbst." [Anm.: Zhuangzi, Kapitel 4 und 20] Je mehr er darüber nachdachte, desto sinnloser erschien ihm alles. Wenn er nicht einmal diese zwei Menschen zufriedenstellen konnte — was konnte er dann in Zukunft noch erwarten? So drehte er sich um und ging in sein Zimmer. Kajaljade sah ihn gehen, wusste, dass er beschlossen hatte, es als sinnlos aufzugeben, und fühlte sich nun ihrerseits noch ärgerlicher: „Jetzt geht er — und soll sein ganzes Leben nicht mehr kommen und kein Wort mehr reden!"

Schatzjade beachtete sie nicht, ging in sein Zimmer und warf sich aufs Bett, starrte nur an die Decke. Dufthauch kannte den Grund, wagte aber nichts zu sagen, und versuchte, ihn abzulenken: „Heute haben wir wieder Oper gesehen — das wird bestimmt noch ein paar Tage Theatervergnügen nach sich ziehen. Schwester Bao wird sicher zum Dank einladen." Schatzjade lachte kalt: „Ob sie einlädt oder nicht — was geht das irgendjemanden an?" Dufthauch sah, dass dies nicht seine gewohnte Art zu sprechen war, und versuchte es lachend: „Was soll denn das? Mitten im frohen Neujahrsmonat, wenn alle fröhlich sind — warum siehst du so aus?" Schatzjade lachte kalt: „Ob die Mütter und Schwestern fröhlich sind oder nicht, geht mich nichts an." Dufthauch lachte: „Wenn sie freundlich sind, sei auch du freundlich — wäre das nicht für alle angenehm?" Schatzjade sagte: „Was heißt ‚für alle'? Sie haben ihr ‚für alle' — ich bin ‚nackt gekommen und gehe nackt, nichts bindet mich'." Bei diesen Worten kamen ihm unwillkürlich die Tränen. Dufthauch sah das und wagte nicht weiterzureden. Schatzjade grübelte über die Bedeutung dieses Satzes und brach in heftiges Weinen aus. Dann setzte er sich auf, ging zum Schreibtisch und schrieb mit dem Pinsel einen Vers:

Du beweist es mir, ich beweise es dir — Herz beweist es, Sinn beweist es. Wo nichts mehr zu beweisen ist, Erst dort kann man von Beweis sprechen.

Wo nichts mehr zu sagen ist vom Beweisen, Das ist der Standort.

Nachdem er geschrieben hatte, fühlte er sich zwar erleuchtet, fürchtete aber, andere würden es nicht verstehen, und verfasste daher noch ein Lied zur Melodie „Jisheng Cao" [Mistelgras], das er unter den Vers schrieb. Er las es noch einmal durch, fühlte sich frei von allen Fesseln, innerlich zufrieden, und ging zu Bett.

Kajaljade aber, die gesehen hatte, wie entschlossen Schatzjade gegangen war, kam unter dem Vorwand, Dufthauch zu suchen, um nach ihm zu sehen. Dufthauch sagte lächelnd: „Er schläft schon." Kajaljade hörte das und wollte gehen. Dufthauch lächelte: „Fräulein, einen Moment bitte — hier ist ein kleines Blatt Papier. Schauen Sie doch, was darauf steht." Sie brachte leise den Vers und das Lied und reichte es Kajaljade. Kajaljade las es, erkannte, dass Schatzjade es in einem Anfall von Ärger geschrieben hatte, fand es zugleich komisch und bedauernswert, und sagte zu Dufthauch: „Das ist nur Spielerei, nichts weiter." Dann nahm sie es mit in ihr Zimmer und zeigte es Wolke vom Xiang-Fluss. Am nächsten Tag zeigte sie es auch Schatzspange. Schatzspange las das Lied:

Ohne Ich warst du einst nicht Du, Von ihm — den anderen — versteh! Frei wandelnd, ohne Hindernis, komm und geh. Was nützt die Trauer, was die Freu'? Was soll das Reden: fern und nah, und wem getreu? Warum bisher die Hast, die blinde Müh? Jetzt blick zurück — und sieh: Wie schal war alles, wie vergeblich — nie und nie!

Schatzspange las es zu Ende, dann den Vers, und lachte: „Dieser Mensch hat die Erleuchtung erlangt! Es ist alles meine Schuld — ich habe gestern mit diesem einen Lied alles angefangen. Diese daoistischen und buddhistischen Bücher sind am gefährlichsten, sie verändern den Charakter. Wenn er morgen ernsthaft so redet und solche Gedanken hegt — dann bin ich die Schuldige!" Sie zerriss es sofort in Fetzen, reichte es den Dienerinnen und sagte: „Verbrennt es schnell!" Kajaljade lachte: „Du hättest es nicht zerreißen sollen. Lasst mich ihn fragen — kommt mit, ich garantiere, er gibt diesen Unsinn auf."

Die drei gingen tatsächlich zu Schatzjades Zimmer. Kaum eingetreten, sagte Kajaljade lachend: „Schatzjade, ich frage dich: Das Kostbarste ist ‚Bao' [Schatz], das Härteste ist ‚Yu' [Jade]. Was ist an dir kostbar? Was ist an dir hart?" Schatzjade konnte nicht antworten. Alle drei klatschten lachend: „So stumpfsinnig, und dann will er Chan-Meditation betreiben!" Kajaljade fuhr fort: „Am Ende deines Verses schreibst du: ‚Wo nichts mehr zu sagen ist vom Beweisen, das ist der Standort.' Das klingt gut. Aber meiner Meinung nach ist es noch nicht vollkommen. Ich füge zwei Zeilen hinzu." Sie sagte:

„Wo kein Standort ist, das erst ist rein."

Schatzspange sagte: „Genau — das ist die wahre Erleuchtung. Einst suchte Huineng, der Sechste Patriarch der Südschule [Anm.: 南宗六祖惠能, 638-713, Begründer der Südlichen Schule des Chan-Buddhismus], einen Meister und gelangte nach Shaozhou. Er hörte, dass der Fünfte Patriarch Hongren in Huangmei weilte, und verdingte sich dort als Küchenmönch. Als der Fünfte Patriarch einen Dharma-Erben suchte und alle Schüler aufforderte, einen Vers zu verfassen, sagte der Obermönch Shenxiu: ‚Der Leib ist der Bodhi-Baum, der Geist ein heller Spiegel. Poliere ihn beständig, lass keinen Staub sich setzen.' Huineng, der gerade in der Küche Reis stampfte, hörte den Vers und sagte: ‚Schön ist es, doch vollendet noch nicht.' Und er sprach seinen eigenen Vers: ‚Der Bodhi ist kein Baum, der Spiegel kein Gestell. Von Anbeginn gibt es kein Ding — wo sollte Staub sich setzen?' Der Fünfte Patriarch übergab ihm daraufhin die Robe und die Schale. Dein heutiger Vers hat denselben Sinn. Nur eben war der scharfe Diskurs noch nicht zu Ende — willst du ihn einfach so aufgeben?" Kajaljade lachte: „Als er vorhin nicht antworten konnte, hat er verloren. Jetzt nachträglich noch zu antworten, wäre nichts Besonderes. Aber von nun an darfst du nie wieder über Chan sprechen! Was wir beide können und wissen, weißt und kannst du noch nicht einmal — und willst über Chan meditieren!" Schatzjade, der sich für erleuchtet gehalten hatte, war durch Kajaljades eine Frage, auf die er nicht antworten konnte, und Schatzspanges Verweis auf die buddhistischen Aufzeichnungen, von denen er nie gewusst hatte, dass sie so bewandert waren, zutiefst beschämt. Er dachte bei sich: „Sie alle sind mir voraus in der Erkenntnis, und selbst sie sind nicht erleuchtet — wozu quäle ich mich also selbst?" So lachte er: „Wer meditiert denn über Chan? Das waren nur Spielworte." Damit war alles wieder wie zuvor.

Plötzlich kam ein Bote mit der Nachricht: „Die Kaiserliche Gemahlin [Anm.: Urfrühling] hat jemanden mit einem Rätsel geschickt, und ihr alle sollt raten. Wer es löst, soll selbst auch eines verfassen und einsenden." Die vier hörten das und gingen eilig in Herzoginmutters obere Gemächer. Dort stand ein kleiner Eunuch mit einer viereckigen weißen Seidenlaterne, die eigens für Rätsel angefertigt war; darauf befand sich bereits ein Rätsel, und alle drängten sich darum und rieten wild durcheinander. Der kleine Eunuch verkündete: „Die jungen Damen sollen ihre Lösungen nicht laut sagen, sondern jede heimlich auf ein Papier schreiben. Alle zusammen werden sie versiegelt in den Palast geschickt, und die Kaiserliche Gemahlin wird selbst prüfen, ob sie richtig sind." Schatzspange und die anderen lasen das Rätsel: ein Sieben-Silben-Vierzeiler, nichts besonders Neues. Man lobte höflich die Schwierigkeit und tat, als müsse man lange nachdenken, obwohl alle es sofort erraten hatten. Schatzjade, Kajaljade, Wolke vom Xiang-Fluss und Spürfrühling lösten es ebenfalls, und jede schrieb insgeheim ihre Lösung auf. Auch Kaufmann Unheil, Jia Lan und andere wurden herbeigerufen und rieten. Dann verfasste jeder ein eigenes Rätsel in sauberer Schrift und hängte es an die Laterne.

Der Eunuch kehrte zurück. Am Abend überbrachte er die Antwort: „Die Rätsel der Kaiserlichen Gemahlin wurden alle gelöst — nur die Zweite junge Dame und der Dritte Herr haben falsch geraten. Auch die Rätsel der jungen Damen wurden geraten." Die Prämien für die erfolgreichen Löser wurden verteilt: jeder ein Palast-Gedichtrohr und einen Teebesen. Nur Willkommensfrühling und Kaufmann Unheil gingen leer aus. Willkommensfrühling nahm es als Spaß und störte sich nicht daran, aber Kaufmann Unheil war beschämt. Zudem hatte der Eunuch gesagt: „Der Dritte Herr hat etwas Unverständliches geschrieben. Die Kaiserliche Gemahlin hat es gar nicht erst geraten und ließ es zurückbringen, damit der Dritte Herr erklärt, was es sein soll." Alle wollten sehen, was er geschrieben hatte:

Der große Bruder hat Ecken, aber nur acht davon; Der zweite Bruder hat Hörner, aber nur ein Paar. Der große Bruder sitzt immer nur auf dem Bett; Der zweite Bruder hockt gern auf dem Dachfirst.

Alle brachen in Gelächter aus. Kaufmann Unheil musste dem Eunuchen erklären: „Das eine ist ein Kopfkissen, das andere ein Dachzierfigur." Der Eunuch merkte es sich und ging mit seinem Tee.

Herzoginmutter sah, wie sehr Urfrühling sich amüsierte, und wurde selbst noch fröhlicher. Sie ließ eilends einen kleinen, kunstvoll geschnitzten Stellschirm anfertigen, der in der Mitte des Raumes aufgestellt wurde, und forderte die Schwestern auf, jede ein Rätsel zu schreiben und an den Schirm zu heften. Dann ließ sie Tee, Früchte und allerlei Spielzeug als Preise bereitstellen. Auch Kaufmann Aufrecht kam nach der Abendaudienz und wollte der Herzoginmutter Freude bereiten. Er ließ Wein und Früchte servieren, bunte Laternen aufhängen und lud die Herzoginmutter zum Laternenvergnügen ein. Oben saß Herzoginmutter mit Kaufmann Aufrecht und Schatzjade; darunter Frau Wang, Schatzspange, Kajaljade und Wolke vom Xiang-Fluss; dann Willkommensfrühling, Spürfrühling und Bewahrfrühling. Der Boden war voller Dienerinnen und Mägde. Li Schleierfrau und Phönixglanz saßen im Nebenraum. Kaufmann Aufrecht bemerkte, dass Jia Lan fehlte, und fragte danach. Eine Dienerin fragte Li Schleierfrau, die lächelnd antwortete: „Er sagt, sein Großvater hätte ihn nicht ausdrücklich gerufen, deshalb wollte er nicht kommen." Alle lachten: „Von Natur aus stur wie ein Ochse." Kaufmann Aufrecht schickte sogleich Kaufmann Unheil und zwei Dienerinnen, um Jia Lan zu holen. Herzoginmutter setzte ihn neben sich und gab ihm Obst. Alle plauderten und amüsierten sich.

Gewöhnlich war Schatzjade derjenige, der groß und breit redete; heute aber, mit Kaufmann Aufrecht zugegen, blieb er stumm und sagte nur „ja, ja". Auch Wolke vom Xiang-Fluss, die sonst gerne diskutierte, hielt in Kaufmann Aufrechts Anwesenheit den Mund. Kajaljade war von Natur aus wortkarg. Schatzspange sprach nie vorschnell. So war dieses Familienvergnügen eher steif und gehemmt. Herzoginmutter wusste, dass dies allein an Kaufmann Aufrechts Anwesenheit lag, und nach drei Runden Wein scheuchte sie ihn davon, sich auszuruhen. Kaufmann Aufrecht wusste ebenfalls, dass die Herzoginmutter seine Gegenwart als hinderlich empfand und die Jungen sich ohne ihn besser amüsieren könnten. Er lächelte unterwürfig: „Ich habe gehört, dass hier heute eine große Frühlingslaternen-Rätselveranstaltung stattfindet, und habe deshalb Preise und Wein mitgebracht. Wie kann die Großmutter ihren Enkeln so viel Liebe schenken und dem Sohn nicht ein Körnchen davon gönnen?" Herzoginmutter lachte: „Wenn du hier bist, trauen sie sich nicht, zu reden und zu lachen — mich langweilt es. Wenn du Rätsel raten willst, sage ich dir eines — wenn du es nicht löst, gibt es eine Strafe." Kaufmann Aufrecht lachte eilig: „Natürlich muss man bestraft werden. Und wenn ich es löse, gibt es auch eine Belohnung." Herzoginmutter sagte: „Selbstverständlich." Dann sprach sie:

„Ein Affe, leicht am Leib, steht auf dem Zweig. — Es ist eine Frucht."

Kaufmann Aufrecht wusste sofort, dass es der Litschi [Anm.: 荔枝, homophon mit 立枝 „auf dem Zweig stehen"] war, tat aber absichtlich, als rate er falsch, wurde vielfach bestraft und gab schließlich die richtige Antwort, worauf er ebenfalls ein Geschenk von der Herzoginmutter erhielt. Dann sprach er seinerseits eines für die Herzoginmutter:

„Von Gestalt aufrecht, von Leib ganz hart. Kann zwar nicht sprechen — doch hat er Worte, antwortet er stets. — Ein Gebrauchsgegenstand."

Dies flüsterte er leise Schatzjade zu. Schatzjade verstand und flüsterte es der Herzoginmutter zu. Die dachte nach und sagte: „Es ist ein Tuschstein." Kaufmann Aufrecht lachte: „Natürlich hat die Großmutter recht — gleich beim ersten Mal erraten!" Dann befahl er: „Bringt schnell die Gratulationsgeschenke!" Die Dienerinnen antworteten im Chor und brachten große und kleine Tabletts herbei. Herzoginmutter besah sie eins nach dem anderen — alles waren neue, hübsche Dinge zum Laternenfest — und war hocherfreut. Sie befahl: „Schenkt eurem Herrn Wein ein." Schatzjade hielt die Kanne, Willkommensfrühling reichte den Becher. Herzoginmutter sagte: „Sieh dir die Rätsel auf dem Schirm an — die haben die Schwestern verfasst. Rate sie mir."

Kaufmann Aufrecht stand auf, ging zum Schirm und las das erste:

Er schlägt die Dämonen in Schrecken und Beben, Sein Leib wie gebündeltes Tuch, sein Ton wie der Donner. Ein Krachen — die Menschen erstarren vor Grauen, Doch blicken sie hin, ist er Asche schon lang.

Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist ein Feuerwerkskörper, nicht wahr?" Schatzjade bestätigte: „Ja." Kaufmann Aufrecht las weiter:

Des Himmels Lauf und Menschenwerk — das Prinzip hat kein End'. Wer Glück hat ohne Müh, dem wird nichts gesandt. Warum der Wirrwarr allezeit? Nur weil die Zahl von Yin und Yang nicht stimmt.

Kaufmann Aufrecht sagte: „Ein Rechenbrett." Willkommensfrühling lachte: „Ja." Er las weiter:

Die Kinder blicken auf zum Himmel klar, Am schönsten ist's geschmückt zum Qingming-Fest. Reißt nur ein Faden, schwindet alle Kraft — Klag nicht den Ostwind an um den Abschied an.

Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist ein Drachen." Spürfrühling lachte: „Ja." Er las weiter:

In einem früheren Leben — kein Antlitz, keine Form; Nicht Lieder der Libelle hört' er, nur Buddhas Wort. Meint nicht, dies Leben sei ein dunkles Meer — Im Wesen selbst erstrahlt das große Licht.

Kaufmann Aufrecht sagte: „Das ist eine Buddhistische Tempellampe." Bewahrfrühling lachte: „Ja, eine Tempellampe."

[Anm.: Der Gengchen-Text bricht hier ab. Eine Randbemerkung des Kopistennotiert: „Dieses Kapitel blieb unvollendet, als [Cao] Qin starb. Ach! Sommer des Jahres Dinghai (1767). Husou." Im Gengchen-Manuskript ist auch Schatzspanges Rätsel als Marginalie überliefert. Die folgenden Passagen sind aus anderen Manuskripten (Qi-Fassung u.a.) ergänzt und kollationiert.]

Kaufmann Aufrecht versank in Gedanken: „Das Rätsel der Kaiserlichen Gemahlin war ein Feuerwerkskörper — ein Ding, das mit einem Knall verpufft. Willkommensfrühlings Rechenbrett bedeutet Durcheinander wie wirres Hanf. Spürfrühlings Drachen ist ein Ding, das ziellos im Wind treibt. Bewahrfrühlings Tempellampe steht für reine Einsamkeit. Heute ist das Laternenfest, ein froher Anlass — warum verfassen sie alle solch unheilvolle Dinge als Spaß?" Er wurde immer bedrückter, durfte aber vor der Herzoginmutter nichts davon zeigen und musste sich zusammennehmen und weiterlesen. Dann sah er ein siebenzeiliges Gedicht in regelmäßiger Form — es war Schatzspanges Werk. Er las:

Nach der Audienz — wer trägt den Duft in beiden Ärmeln heim? Am Saitenspiel, im Bettgewand — stets ohne Gelegenheit. Zum Morgen braucht's den Hahnenruf des Dieners nicht, Fünf Nachtwachen — die Zofe muss kein Licht mehr nähren. Den Kopf versengt vom Morgen bis zum Abend her, Das Herz zerkocht von Tag zu Tag und Jahr zu Jahr. Die Zeit verrinnt — bedenk und schätz sie wohl! Wind, Regen, Wolken und Sonnenschein — lass alles, wie's auch sei.

[Anm.: Lösung: eine Räucherspiralenkerze/Nachtkerze]

Kaufmann Aufrecht las es zu Ende und dachte: „Dieses Ding ist zwar harmloser als die anderen. Aber dass ein so junges Mädchen solche Verse schreibt, verheißt nichts Gutes — keines von ihnen scheint für ein langes, glückliches Leben bestimmt." Bei diesem Gedanken wurde er noch trauriger; acht oder neun Zehntel seiner vorherigen Fröhlichkeit waren dahin, und er saß nur noch mit gesenktem Kopf in Gedanken versunken.

Herzoginmutter sah Kaufmann Aufrecht so niedergeschlagen und vermutete, er sei müde, und fürchtete zudem, dass seine Anwesenheit die Schwestern an ihrem Vergnügen hindere. Sie sagte zu ihm: „Du brauchst nicht mehr zu raten. Geh schlafen. Wir sitzen noch ein Weilchen, dann gehen wir auch." Kaufmann Aufrecht hörte das, antwortete eilig mit mehreren „Ja", nötigte die Herzoginmutter noch einmal zu einem Glas Wein und zog sich dann zurück. In seinem Zimmer grübelte er die ganze Nacht, konnte nicht schlafen und war voller Trauer und Wehmut.

Nachdem Kaufmann Aufrecht gegangen war, sagte Herzoginmutter: „Nun amüsiert euch nach Herzenslust!" Kaum hatte sie gesprochen, lief Schatzjade zum Rätselschirm, zeigte mit dem Finger und kritisierte mit vollem Mund — dieser Satz sei nicht gut, jenes Rätsel nicht richtig gelöst — wie ein freigelassener Affe. Schatzspange sagte: „Vorhin saßen wir noch gesittet beieinander und plauderten — wäre das nicht feiner gewesen?" Phönixglanz eilte aus dem Nebenraum heraus: „Dein Vater sollte dich Tag und Nacht nicht aus den Augen lassen! Vorhin habe ich vergessen, vor dem Herrn Vater dafür zu sorgen, dass auch du Rätsel dichten musst. Wenn es so gekommen wäre, würdest du jetzt schwitzen!" Schatzjade wurde nervös, zerrte an Phönixglanzs Ärmel und klebte an ihr wie Malzbonbon. Herzoginmutter plauderte noch eine Weile mit Li Schleierfrau und den Schwestern, wurde dann müde. Man lauschte der Uhr — es war schon die vierte Nachtwache. Sie ließ die Speisen abräumen und an alle verteilen und sagte: „Lasst uns schlafen gehen. Morgen ist auch noch Feiertag, wir müssen früh aufstehen. Morgen Abend spielen wir weiter." Und was dann geschah, erzählt das nächste Kapitel.

  1. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".
  2. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".
  3. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún.
  4. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.
  5. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".
  6. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal-Jade".
  7. Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".