Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 73"
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Lin Zhixiaos Frau und die anderen Verwalterinnen wagten angesichts des Zorns der Herzoginmutter nicht, Privatinteressen walten zu lassen. Sie eilten in den Garten, ließen alles Dienstpersonal zusammenrufen und befragten eine nach der anderen. Zunächst wurden natürlich Ausflüchte gemacht und Schuld abgewälzt, aber schließlich kam die Wahrheit ans Licht. Es wurden drei Hauptspielbankhalterinnen und acht Helferinnen ermittelt sowie insgesamt mehr als zwanzig Teilnehmerinnen am Glücksspiel. Alle wurden vor der Herzoginmutter gebracht, wo sie im Hof niederknieten, mit der Stirn auf den Boden schlugen und um Gnade baten. | Lin Zhixiaos Frau und die anderen Verwalterinnen wagten angesichts des Zorns der Herzoginmutter nicht, Privatinteressen walten zu lassen. Sie eilten in den Garten, ließen alles Dienstpersonal zusammenrufen und befragten eine nach der anderen. Zunächst wurden natürlich Ausflüchte gemacht und Schuld abgewälzt, aber schließlich kam die Wahrheit ans Licht. Es wurden drei Hauptspielbankhalterinnen und acht Helferinnen ermittelt sowie insgesamt mehr als zwanzig Teilnehmerinnen am Glücksspiel. Alle wurden vor der Herzoginmutter gebracht, wo sie im Hof niederknieten, mit der Stirn auf den Boden schlugen und um Gnade baten. | ||
| − | Die Herzoginmutter fragte zunächst nach den Namen und den Geldsummen der drei Hauptbankhalterinnen. Es stellte sich heraus, dass die erste eine angeheiratete Verwandte der Tante mütterlicherseits von Lin Zhixiaos Frau war, die zweite eine jüngere Schwester der Frau Liu aus der Gartenküche, und die dritte | + | Die Herzoginmutter fragte zunächst nach den Namen und den Geldsummen der drei Hauptbankhalterinnen. Es stellte sich heraus, dass die erste eine angeheiratete Verwandte der Tante mütterlicherseits von Lin Zhixiaos Frau war, die zweite eine jüngere Schwester der Frau Liu aus der Gartenküche, und die dritte Willkommensfrühlings <ref>迎春</ref> Amme. Dies waren die drei Hauptschuldigen; die übrigen können hier nicht alle aufgezählt werden. |
Die Herzoginmutter befahl, die Würfel und Spielkarten allesamt zu verbrennen und das Geld einzuziehen und unter das übrige Dienstpersonal zu verteilen. Die drei Hauptschuldigen sollten je vierzig Schläge mit dem großen Bambusprügel erhalten und für immer aus dem Dienst gejagt werden, ohne jemals wieder eingelassen zu werden. Die Mitschuldigen sollten je zwanzig Schläge erhalten, drei Monate lang kein Monatsgeld bekommen und in die Abortreinigungsgruppe versetzt werden. Anschließend erhielt Lin Zhixiaos Frau noch eine Standpauke. Da ihre eigene Verwandte unter den Bestraften war, kam sie sich ohnehin beschämt vor. | Die Herzoginmutter befahl, die Würfel und Spielkarten allesamt zu verbrennen und das Geld einzuziehen und unter das übrige Dienstpersonal zu verteilen. Die drei Hauptschuldigen sollten je vierzig Schläge mit dem großen Bambusprügel erhalten und für immer aus dem Dienst gejagt werden, ohne jemals wieder eingelassen zu werden. Die Mitschuldigen sollten je zwanzig Schläge erhalten, drei Monate lang kein Monatsgeld bekommen und in die Abortreinigungsgruppe versetzt werden. Anschließend erhielt Lin Zhixiaos Frau noch eine Standpauke. Da ihre eigene Verwandte unter den Bestraften war, kam sie sich ohnehin beschämt vor. | ||
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Als Blödchen das hörte, wurde sie vor Schreck aschfahl im Gesicht und stammelte: »Ich will es nie wieder tun!« Sie schlug mit der Stirn auf den Boden und trottete wie betäubt davon. | Als Blödchen das hörte, wurde sie vor Schreck aschfahl im Gesicht und stammelte: »Ich will es nie wieder tun!« Sie schlug mit der Stirn auf den Boden und trottete wie betäubt davon. | ||
| − | Frau Strafe blickte sich um, doch es waren nur Mädchen in ihrer Begleitung, und denen konnte sie so etwas nicht gut in Verwahrung geben. So steckte sie den Beutel in ihren Ärmel und grübelte höchst verwundert darüber nach, woher er wohl stammen mochte. Ohne sich äußerlich etwas anmerken zu lassen, begab sie sich in | + | Frau Strafe blickte sich um, doch es waren nur Mädchen in ihrer Begleitung, und denen konnte sie so etwas nicht gut in Verwahrung geben. So steckte sie den Beutel in ihren Ärmel und grübelte höchst verwundert darüber nach, woher er wohl stammen mochte. Ohne sich äußerlich etwas anmerken zu lassen, begab sie sich in Willkommensfrühlings Gemächer. |
Willkommensfrühling fühlte sich ohnehin bedrückt, weil ihre Amme bestraft worden war, als plötzlich gemeldet wurde, ihre Mutter komme. Sie empfing sie im Innenzimmer. Nachdem der Tee gereicht war, sagte Frau Strafe: »Du bist alt genug. Warum hast du deiner Amme nichts gesagt, als sie solche Dinge trieb? Alle anderen stehen makellos da, nur jemand von unseren Leuten muss so etwas machen. Was soll das!« | Willkommensfrühling fühlte sich ohnehin bedrückt, weil ihre Amme bestraft worden war, als plötzlich gemeldet wurde, ihre Mutter komme. Sie empfing sie im Innenzimmer. Nachdem der Tee gereicht war, sagte Frau Strafe: »Du bist alt genug. Warum hast du deiner Amme nichts gesagt, als sie solche Dinge trieb? Alle anderen stehen makellos da, nur jemand von unseren Leuten muss so etwas machen. Was soll das!« | ||
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»Wie könnt Ihr nur so nachgiebig sein, Fräulein!« rief Xiuju. »Wenn Ihr immer zurücksteckt, wird man eines Tages sogar Euch selbst davontragen! Ich gehe!« Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen. Willkommensfrühling schwieg und musste ihr ihren Willen lassen. | »Wie könnt Ihr nur so nachgiebig sein, Fräulein!« rief Xiuju. »Wenn Ihr immer zurücksteckt, wird man eines Tages sogar Euch selbst davontragen! Ich gehe!« Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen. Willkommensfrühling schwieg und musste ihr ihren Willen lassen. | ||
| − | Nun ahnten sie freilich nicht, dass die Schwiegertochter von | + | Nun ahnten sie freilich nicht, dass die Schwiegertochter von Willkommensfrühlings Amme, die Frau des König Zhuer <ref>王住儿</ref>, gekommen war, um Willkommensfrühling zu bitten, für ihre Schwiegermutter Fürsprache einzulegen. Als sie hörte, wie eben über den goldenen Phönixhaarschmuck gesprochen wurde, blieb sie draußen stehen und trat nicht ein. Ohnehin wurde Willkommensfrühling wegen ihrer Schüchternheit von ihr nicht ernst genommen. Als sie nun aber hörte, dass Xiuju fest entschlossen war, Phönixglanz Meldung zu erstatten, und es wohl kein Entkommen gab, ging sie doch hinein, zumal sie ja auch ihre Bitte vorbringen wollte. Lächelnd wandte sie sich an Xiuju: »Fräulein, macht keinen neuen Ärger! Den goldenen Phönixhaarschmuck des gnädigen Fräuleins hat sich meine alte Schwiegermutter in ihrer Vergesslichkeit nur vorübergehend geliehen. Sie hatte ein wenig beim Spiel verloren und wollte ihr Geld zurückgewinnen. Eigentlich sollte er sofort wieder ausgelöst werden, aber da sie ihren Einsatz nie zurückbekam, hat sich die Sache verzögert. Ausgerechnet heute hat irgendjemand die Sache ausgeplaudert, und alles ist aufgeflogen. Dennoch würden wir natürlich nie wagen, etwas zu verschleppen, das der Herrschaft gehört — über kurz oder lang werden wir den Schmuck auslösen. Jetzt aber möchte ich das gnädige Fräulein an die Zeiten erinnern, als es an der Brust der Amme lag, und es bitten, bei der Herzoginmutter ein gutes Wort einzulegen und meine Schwiegermutter zu retten.« |
»Diese Hoffnung schlage dir nur aus dem Kopf, liebe Schwägerin!« sagte Willkommensfrühling sofort. »Wenn du darauf wartest, dass ich Fürsprache einlege, wirst du bis nächstes Jahr vergeblich warten. Eben haben Kusine Schatzspange und Kusine Kajaljade und alle anderen gemeinsam für sie gebeten, und die Herzoginmutter ist nicht darauf eingegangen. Was kann ich allein schon ausrichten? Ich schäme mich ohnehin schon genug — soll ich mir auch noch eine Abfuhr holen?« | »Diese Hoffnung schlage dir nur aus dem Kopf, liebe Schwägerin!« sagte Willkommensfrühling sofort. »Wenn du darauf wartest, dass ich Fürsprache einlege, wirst du bis nächstes Jahr vergeblich warten. Eben haben Kusine Schatzspange und Kusine Kajaljade und alle anderen gemeinsam für sie gebeten, und die Herzoginmutter ist nicht darauf eingegangen. Was kann ich allein schon ausrichten? Ich schäme mich ohnehin schon genug — soll ich mir auch noch eine Abfuhr holen?« | ||
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»Das Auslösen des goldenen Phönix ist eine Sache, und das Bitten um Gnade eine andere!« sagte Xiuju. »Das darf man nicht durcheinanderbringen. Willst du den Schmuck etwa nicht auslösen, nur weil das Fräulein sich nicht für deine Schwiegermutter einsetzt? Bring erst den goldenen Phönix her, dann reden wir weiter!« | »Das Auslösen des goldenen Phönix ist eine Sache, und das Bitten um Gnade eine andere!« sagte Xiuju. »Das darf man nicht durcheinanderbringen. Willst du den Schmuck etwa nicht auslösen, nur weil das Fräulein sich nicht für deine Schwiegermutter einsetzt? Bring erst den goldenen Phönix her, dann reden wir weiter!« | ||
| − | + | Willkommensfrühlings offene Weigerung und Xiujus scharfe Worte waren mehr, als die Frau des König Zhuer ertragen konnte. Dennoch wusste sie, dass Willkommensfrühling gutherzig war, und so wandte sie sich an Xiuju: »Fräulein, pocht nur nicht so auf Eure Stellung! Schaut Euch einmal in der ganzen Familie um: Welche Amme profitiert dank der jungen Herrschaft, auf die sie sich berufen kann, nicht reichlich davon? Nur bei uns wird alles bis auf den letzten Heller genau abgerechnet, während Ihr Euch heimlich alles nehmen dürft, was Ihr wollt! | |
Seitdem Fräulein Xing <ref>邢岫烟</ref> ins Haus gekommen ist, hat die gnädige Frau befohlen, jeden Monat ein Liang Silber einzusparen und ihrer Tante zu geben. Die Unterhaltskosten für Fräulein Xing sind dazugekommen, aber das Monatsgeld wurde um ein Liang gekürzt. Wenn mal dies fehlt und mal jenes, wer springt dann ein? Wir natürlich! Aber wer geht hin und fordert es zurück? Man beißt eben die Zähne zusammen. Alles zusammengerechnet sind es bis heute mindestens dreißig Liang! Das Geld, das wir die ganze Zeit über zugeschossen haben — soll das etwa umsonst gewesen sein?« | Seitdem Fräulein Xing <ref>邢岫烟</ref> ins Haus gekommen ist, hat die gnädige Frau befohlen, jeden Monat ein Liang Silber einzusparen und ihrer Tante zu geben. Die Unterhaltskosten für Fräulein Xing sind dazugekommen, aber das Monatsgeld wurde um ein Liang gekürzt. Wenn mal dies fehlt und mal jenes, wer springt dann ein? Wir natürlich! Aber wer geht hin und fordert es zurück? Man beißt eben die Zähne zusammen. Alles zusammengerechnet sind es bis heute mindestens dreißig Liang! Das Geld, das wir die ganze Zeit über zugeschossen haben — soll das etwa umsonst gewesen sein?« | ||
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Auch Siqi <ref>司棋</ref> konnte es nicht länger mit anhören. Trotz ihrer Krankheit schleppte sie sich herüber und unterstützte Xiuju in ihren Vorwürfen gegen die Frau. Willkommensfrühling konnte sie durch Zureden nicht zum Schweigen bringen und griff sich schließlich einen Band der »Schrift über die Vergeltung des Allerhöchsten« <ref>太上感应篇</ref> und begann darin zu lesen. | Auch Siqi <ref>司棋</ref> konnte es nicht länger mit anhören. Trotz ihrer Krankheit schleppte sie sich herüber und unterstützte Xiuju in ihren Vorwürfen gegen die Frau. Willkommensfrühling konnte sie durch Zureden nicht zum Schweigen bringen und griff sich schließlich einen Band der »Schrift über die Vergeltung des Allerhöchsten« <ref>太上感应篇</ref> und begann darin zu lesen. | ||
| − | Während die drei Streithähne nicht voneinander ließen, erschienen Schatzspange, Kajaljade, Kostbarzither Schnee <ref>宝琴</ref> und Erkundefrühling in | + | Während die drei Streithähne nicht voneinander ließen, erschienen Schatzspange, Kajaljade, Kostbarzither Schnee <ref>宝琴</ref> und Erkundefrühling in Willkommensfrühlings Hof, weil sie sich gesagt hatten, Willkommensfrühling werde heute bedrückt sein, und sie aufmuntern wollten. Als sie den Hof betraten, hörten sie zwei oder drei Personen zanken. Erkundefrühling blickte durch das Gazefenster und sah Willkommensfrühling auf dem Bett lehnen und lesen, als höre sie nichts von dem Streit — ein Anblick, der auch Erkundefrühling zum Lachen brachte. |
Die kleinen Zofen hoben eilig den Türvorhang und meldeten: »Die Fräulein sind da!« Erst jetzt legte Willkommensfrühling ihr Buch beiseite und stand auf. Die Frau des König Zhuer, die sah, dass Besuch kam und Erkundefrühling dabei war, hörte von selbst zu streiten auf und wollte die Gelegenheit nutzen, sich davonzumachen. Doch kaum hatte sich Erkundefrühling gesetzt, fragte sie schon: »Wer hat eben hier gesprochen? Es klang wie ein Streit.« | Die kleinen Zofen hoben eilig den Türvorhang und meldeten: »Die Fräulein sind da!« Erst jetzt legte Willkommensfrühling ihr Buch beiseite und stand auf. Die Frau des König Zhuer, die sah, dass Besuch kam und Erkundefrühling dabei war, hörte von selbst zu streiten auf und wollte die Gelegenheit nutzen, sich davonzumachen. Doch kaum hatte sich Erkundefrühling gesetzt, fragte sie schon: »Wer hat eben hier gesprochen? Es klang wie ein Streit.« | ||
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»Andererseits«, gab Friedchen zu bedenken, »ist es keine so schwerwiegende Angelegenheit und lässt sich leicht regeln. Nur ist sie die Amme des Fräuleins. Was meint das Fräulein selbst dazu?« | »Andererseits«, gab Friedchen zu bedenken, »ist es keine so schwerwiegende Angelegenheit und lässt sich leicht regeln. Nur ist sie die Amme des Fräuleins. Was meint das Fräulein selbst dazu?« | ||
| − | Willkommensfrühling hatte derweilen mit Schatzspange Geschichten aus der »Schrift über die Vergeltung« gelesen und nicht einmal | + | Willkommensfrühling hatte derweilen mit Schatzspange Geschichten aus der »Schrift über die Vergeltung« gelesen und nicht einmal Erkundefrühlings Worte gehört. Als sie jetzt plötzlich von Friedchen angesprochen wurde, sagte sie lächelnd: »Wenn du mich fragst — ich weiß auch nicht, was da zu tun ist. Für ihre Verfehlungen müssen sie selbst einstehen, ich kann nicht für sie Fürsprache einlegen. Vorhaltungen werde ich ihnen auch nicht machen, und damit basta. |
Was die Sachen betrifft, die sie mir heimlich weggenommen haben: Wenn sie sie zurückbringen, nehme ich sie an. Wenn nicht, verzichte ich darauf. Wenn die gnädigen Frauen mich fragen und es mir gelingt, den wahren Sachverhalt zu vertuschen, ist es ihr Glück. Gelingt es nicht, kann ich nichts daran ändern und muss alles wahrheitsgemäß berichten, denn es gibt keinen Grund, die gnädigen Frauen ihretwegen zu belügen. Wenn ihr sagt, ich sei zu weichherzig und entschlusslos, und wenn ihr eine Möglichkeit seht, es allen acht Seiten recht zu machen, ohne die gnädigen Frauen zu erzürnen, dann verfahrt, wie ihr wollt. Ich weiß keine solche Möglichkeit.« | Was die Sachen betrifft, die sie mir heimlich weggenommen haben: Wenn sie sie zurückbringen, nehme ich sie an. Wenn nicht, verzichte ich darauf. Wenn die gnädigen Frauen mich fragen und es mir gelingt, den wahren Sachverhalt zu vertuschen, ist es ihr Glück. Gelingt es nicht, kann ich nichts daran ändern und muss alles wahrheitsgemäß berichten, denn es gibt keinen Grund, die gnädigen Frauen ihretwegen zu belügen. Wenn ihr sagt, ich sei zu weichherzig und entschlusslos, und wenn ihr eine Möglichkeit seht, es allen acht Seiten recht zu machen, ohne die gnädigen Frauen zu erzürnen, dann verfahrt, wie ihr wollt. Ich weiß keine solche Möglichkeit.« | ||
Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
Dreiundsiebzigstes Kapitel
Ein einfältiges Mädchen findet versehentlich einen bestickten Frühlingsbeutel, ein schüchternes Fräulein fragt nicht nach dem goldenen Phönix
Es wird erzählt, dass Nebenfrau Zhao [1] gerade mit Aufrecht Kaufmann [2] sprach, als sie draußen plötzlich etwas krachen hörten. Als man nachsah, stellte sich heraus, dass im Vorraum ein Fensterladen nicht richtig befestigt gewesen war und herabgestürzt war. Nebenfrau Zhao schalt die Mägde mit ein paar Worten, führte dann selbst die Aufsicht, als die Zofen den Laden wieder befestigten, und brachte schließlich Aufrecht Kaufmann zu Bett. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Im Hof der Roten Freude [3] hatte sich Schatzjade [4] soeben hingelegt, und die Mädchen wollten sich gerade verteilen und zur Ruhe begeben, als plötzlich jemand ans Hoftor klopfte. Eine der alten Dienerinnen öffnete und sah, dass es eine Zofe aus Nebenfrau Zhaos Gemächern war, ein Mädchen namens Kleine Elster [5]. Man fragte sie, was sie wolle, doch Kleine Elster antwortete nicht und ging geradewegs ins Innere, um Schatzjade zu suchen. Schatzjade hatte sich gerade erst hingelegt, Heitermuster [6] und die anderen saßen noch neben dem Bett und plauderten vergnügt. Als sie Kleine Elster hereinkommen sahen, fragten alle: »Was gibt es? Was kommst du zu dieser Stunde noch gelaufen?«
Kleine Elster sagte lächelnd zu Schatzjade: »Ich komme, um dir eine Nachricht zu bringen. Eben hat unsere Herrin dem gnädigen Herrn dies und jenes erzählt. Pass auf, morgen wird der gnädige Herr dich verhören!« Damit drehte sie sich um und wollte gehen. Dufthauch [7] bat sie, noch zu bleiben und Tee zu trinken, doch aus Angst, die Tore könnten schon geschlossen werden, ging sie, ohne sich aufhalten zu lassen.
Als Schatzjade diese Worte hörte, war ihm zumute wie dem Großen Heiligen Sun Wukong [8], wenn die Beschwörungsformel ertönt, die den goldenen Stirnreif zusammenzieht: Sofort spürte er ein Unwohlsein in allen vier Gliedmaßen und sämtlichen fünf Eingeweiden. Er überlegte hin und her, sah aber keinen anderen Ausweg, als sich die Bücher noch einmal gründlich vorzunehmen und sich auf die Prüfung am nächsten Morgen vorzubereiten. Wenn er nur beim Aufsagen keine Fehler machte, konnte er, selbst wenn andere Dinge gegen ihn vorlagen, sich wenigstens zur Hälfte herausreden.
Mit diesem Entschluss hüllte er sich rasch in seine Kleider, stand auf und verlangte nach seinen Büchern. In seinem Herzen aber bereute er es: All die letzten Tage hatte er gedacht, es werde nicht mehr danach gefragt, und hatte die Bücher Bücher sein lassen. Hätte er es gewusst, hätte er doch jeden Tag wenigstens ein wenig wiederholt!
Nun überlegte er, was er eigentlich aus dem Stegreif aufsagen konnte. Es waren nicht mehr als »Das Große Lernen« [9], »Das Rechte Maß« [10] und die beiden Teile der »Gespräche« [11], die er mit den Kommentaren zusammen auswendig wusste. Beim ersten Teil des »Menzius« [12] klafften schon viele Lücken — wenn man ihm einen Satz aus dem Zusammenhang nannte, konnte er auf keinen Fall fortfahren. Vom zweiten Teil hatte er sogar mehr als die Hälfte vergessen.
Was die Fünf Kanonischen Bücher [13] betraf: Da er in letzter Zeit Gedichte schrieb, hatte er öfter im »Buch der Lieder« [14] gelesen, und obwohl er es nicht im Detail erläutern konnte, war er doch wenigstens in der Lage, sich aus der Affäre zu ziehen. An die übrigen Kanonischen Bücher hatte er keine Erinnerung, aber Aufrecht Kaufmann hatte ihm glücklicherweise nie befohlen, sie zu lesen, so dass seine Unkenntnis auf diesem Gebiet nicht ins Gewicht fallen konnte.
Von der alten Prosa hatte er schon seinerzeit nur wenige Texte gelesen — aus dem »Zuozhuan« [15], den »Strategemen der Kämpfenden Staaten« [16], den Kommentaren des Gongyang [17] und des Guliang [18] sowie aus Schriften der Han- und der Tang-Zeit waren es insgesamt nicht mehr als einige Dutzend Texte gewesen. In den letzten Jahren hatte er nicht einen einzigen Satz daraus wiederholt. In Mußestunden hatte er zwar darin geblättert, doch das war nur ein flüchtiges Interesse gewesen — so schnell er las, so schnell vergaß er wieder. Wirkliche Mühe hatte er sich nie gegeben, wie hätte er sich da etwas einprägen können? Auf diesem Gebiet würde er sich unmöglich herausreden können.
Noch schlimmer stand es mit den modernen achtgliedrigen Aufsätzen [19]. Diese hatte er seit jeher von Grund auf verabscheut, denn sie waren nicht die Werke von Heiligen und Weisen und vermochten die Tiefen und Feinheiten in deren Schriften nicht zu erschließen, sondern dienten ihren Verfassern nur als Mittel, um Ruhm zu erlangen und Ämter zu ergattern. Zwar hatte Aufrecht Kaufmann vor seiner Abreise über hundert solcher Texte ausgewählt und ihm zu lesen befohlen, doch Schatzjade hatte nur hier und da in ein oder zwei Abschnitten etwas gelesen, das zufällig sein Interesse weckte, weil es scharfsinnig, ausschweifend, verspielt oder schwermütig war. Aber das waren nur flüchtige Launen gewesen; nie hatte er sich ernsthaft in einen ganzen Text vertieft und sich eingehend damit beschäftigt.
Außerdem peinigte ihn noch eine weitere Sorge: Wenn er dies auffrischte, würde er vielleicht nach jenem gefragt, und wenn er jenes wiederholte, kam möglicherweise eine Frage zu diesem. Zudem konnte er sich in einer einzigen Nacht ohnehin nicht alles einprägen. So wurde seine Aufregung nur immer größer. Und während er selbst beim Lernen nicht vorankam, brachte er auch alle Mädchen um ihren Schlaf. Überflüssig zu sagen, dass Dufthauch, Moschusmond [20], Heitermuster und die anderen älteren Mädchen neben ihm saßen, die Kerze schnäuzten und Tee einschenkten. Die kleineren aber konnten kaum noch die Augen offenhalten und schwankten vor Müdigkeit nach vorn und nach hinten.
Heitermuster schalt: »Was seid ihr bloß für Nichtsnutze! Eine wie die andere schlaft ihr Tag und Nacht wie die Toten, und kaum kommt ihr einmal etwas später ins Bett, tut ihr so, als ob euch Gott weiß was widerfahren wäre! Wenn ich das noch einmal sehe, hole ich eine Nadel und steche euch wach!«
Mitten in ihrem Satz machte es im äußeren Raum plötzlich »Bumm!«, und als man eilig nachsah, stellte sich heraus, dass eines der kleinen Mädchen im Sitzen eingenickt war und mit dem Kopf gegen die Wand geprallt war. Aus dem Traum aufgeschreckt — und da Heitermuster gerade diese Worte sprach --, glaubte es steif und fest, Heitermuster habe es geschlagen, und flehte weinend: »Liebe Schwester, ich will es nie wieder tun!«
Alle brachen in Gelächter aus. Schatzjade redete Heitermuster gut zu: »Vergib ihr und lass sie schlafen gehen! Wir hätten sie alle längst ins Bett schicken sollen. Auch ihr solltet euch abwechselnd schlafen legen.«
Doch sofort erwiderte Dufthauch: »Kleiner Ahnherr, kümmere dich nur um deine Angelegenheiten! Für diese eine Nacht richte deinen Sinn ganz auf diese paar Bücher. Wenn du diese Klippe umschifft hast, kannst du dich wieder um andere Dinge kümmern, und niemand wird dir einen Vorwurf daraus machen.«
Schatzjade sah ein, dass sie recht hatte, und las widerwillig weiter. Doch nach wenigen Sätzen brachte ihm Moschusmond frischen Tee, damit er sich die Zunge befeuchten konnte. Schatzjade nahm die Tasse und trank. Als er bemerkte, dass Moschusmond nur eine kurze Jacke trug und den Rock abgelegt hatte, sagte er: »Es ist schon spät in der Nacht und kühl — du solltest dir etwas Ordentliches anziehen.«
Moschusmond deutete lächelnd auf die Bücher und sagte: »Vergiss uns vorläufig und richte deinen Sinn ein wenig auf die da!«
Bevor sie ausgesprochen hatte, kam Goldstern Glas [21] durch die Hintertür hereingestürzt und rief: »Hilfe! Jemand ist über die Mauer gesprungen!«
Alle fragten sofort, wo das gewesen sei, weckten alles auf und suchten überall. Heitermuster aber, die gesehen hatte, wie Schatzjade sich die ganze Nacht lang mit dem Lernen abquälte, ohne Gewähr zu haben, dass er morgen bestehen würde, hatte schon die ganze Zeit nach einem Mittel gesucht, ihn aus dieser Not zu befreien. Als jetzt dieser Aufruhr entstand, kam ihr sofort ein Einfall. Sie riet Schatzjade: »Nutze die Gelegenheit und stell dich krank! Sag einfach, du habest einen solchen Schrecken bekommen!«
Dieser Rat traf genau Schatjades Sinn. So ließ er die Nachtwächterinnen herbeirufen, die mit Laternen überall suchen mussten, jedoch keinerlei Spur fanden. Sie sagten: »Die kleinen Fräulein haben sich wohl im Halbschlaf verguckt. Der Wind hat die Zweige bewegt, und sie haben einen Menschen zu sehen geglaubt.«
»Hört auf, solchen Unsinn zu reden!« rief Heitermuster. »Ihr habt nicht gründlich gesucht, und aus Angst vor Ärger wollt ihr die Sache nicht wahrhaben! Es hat nicht nur eine einzige Person gesehen. Schatzjade und wir waren gerade draußen, weil er etwas zu erledigen hatte, und wir haben es alle mit eigenen Augen gesehen. Schatzjade hat sich so erschrocken, dass sein Gesicht ganz blass geworden ist und er jetzt am ganzen Körper glüht. Ich muss sofort hinüber in die Haupthalle und Beruhigungspillen für ihn holen. Wenn die gnädige Frau [22] danach fragt, werde ich ihr Rechenschaft geben müssen. Soll ich ihr etwa das erzählen, was ihr gerade gesagt habt?«
Damit erschreckte sie die Nachtwächterinnen so sehr, dass keine zu mucksen wagte, und alle gingen erneut auf die Suche. Heitermuster und Goldstern Glas gingen tatsächlich hinaus, um Medizin zu holen, und machten absichtlich so viel Aufhebens davon, dass alle erfuhren, Schatzjade habe einen Schock erlitten.
Als die gnädige Frau davon hörte, schickte sie sofort jemanden, der nach Schatzjade sehen und ihm Medizin geben musste. Außerdem befahl sie allen Nachtwächterinnen, sorgfältig zu suchen, und zugleich ließ sie die jungen Burschen kontrollieren, die außerhalb des inneren Tores an der Gartenmauer Nachtdienst hatten. So wurde im Schein von Laternen und Fackeln die ganze Nacht hindurch im Garten Lärm gemacht. In der fünften Nachtwache wurden schließlich die Verwalter und Verwalterinnen gerufen und erhielten den Befehl, eine genaue Nachforschung anzustellen und dabei alle Nachtwächter und Nachtwächterinnen sowohl im Inneren als auch im Äußeren unter Schlägen zu verhören.
Als die Herzoginmutter [23] erfuhr, dass Schatzjade einen Schrecken bekommen hatte, wollte sie den genauen Hergang wissen. Man wagte nicht länger, ihn zu verheimlichen, und erstattete pflichtgemäß Bericht.
»Ich hatte es nicht anders erwartet!« sagte die Herzoginmutter. »Dass die Nachtwachen heutzutage alle nachlässig sind, ist noch das Geringste. Wer weiß, ob nicht sie selbst die Diebe sind!«
Frau Strafe [24] und Dame Sonders [25] waren herübergekommen, um ihren Gruß zu entbieten. Phönixglanz [26] sowie Seidenweiß Pflaume [27] und die Schwestern des Hauses waren alle zur Gesellschaft anwesend. Als sie die Herzoginmutter so sprechen hörten, wagte keine eine Antwort. Nur Erkundefrühling [28] trat vor und sagte lächelnd: »In den wenigen Tagen, seit Kusine Phönixglanz sich nicht wohl fühlt, ist das Personal im Garten viel dreister geworden als zuvor. Früher haben sich höchstens einmal drei oder vier Frauen für ein Stündchen zusammengetan, vielleicht auch nachts bei der Wache, und haben zum Zeitvertreib ein wenig gewürfelt oder Karten gespielt, nur um sich wach zu halten. Inzwischen aber sind sie immer zügellose geworden, haben richtige Spielhöllen eingerichtet, mit Spielleiterinnen und Bankhaltern, und es wird um große Einsätze gespielt, um dreißig, fünfzig oder sogar dreihundert Münzschnüre. Vor einem halben Monat ist es sogar zu Schlägereien gekommen.«
»Warum hast du uns nicht eher davon berichtet, wenn du es wusstest?« fragte die Herzoginmutter sofort.
»Weil die gnädige Frau so viel zu tun hat und sich auch tagelang nicht wohl fühlte«, erwiderte Erkundefrühling. »Ich habe nur die ältere Schwägerin und die zuständigen Verwalterinnen informiert, und nachdem sie einige Male Verwarnungen ausgesprochen haben, ist es in letzter Zeit etwas besser geworden.«
»Ein junges Mädchen wie du kennt freilich nicht die Tragweite solcher Dinge!« sagte die Herzoginmutter eindringlich. »Du denkst, Glücksspiel sei eine Alltäglichkeit und fürchtest nur, es könnte zu Streit führen. Aber bedenke: Wo nachts gespielt wird, da wird auch getrunken. Und wo getrunken wird, da werden Tore und Türen nach Belieben geöffnet und verschlossen. Da wird eingekauft, da wird dieser oder jener gesucht, und spät in der Nacht, wenn nur wenige Leute draußen sind, werden leicht Diebe und Einbrecher angelockt, und es kann alles Mögliche daraus entstehen. Zumal eure Schwestern im Garten nur von Mägden und Dienerinnen umgeben sind, unter denen es Kluge und Dumme gibt. Diebstahl und Raub wären noch das Geringste. Wenn aber noch andere Dinge geschähen und auch nur das Geringste davon an euch haftenbliebe, wäre das keine Kleinigkeit mehr. Wie kann man da leichtfertig darüber hinwegsehen!«
Nachdem Erkundefrühling das angehört hatte, kehrte sie schweigend auf ihren Platz zurück. Phönixglanz fühlte sich noch nicht viel besser als zuvor, und so war ihr Geist auch schwächer als gewöhnlich. Als sie die Herzoginmutter jedoch so sprechen hörte, klagte sie eilig: »Ausgerechnet muss ich jetzt wieder krank werden!« Dann drehte sie den Kopf und befahl jemandem, schleunigst die Frau des Lin Zhixiao [29] und die drei anderen Hauptverwalterinnen zu holen. Als sie da waren, kanzelte sie sie in Gegenwart der Herzoginmutter tüchtig ab.
Die Herzoginmutter befahl sodann, die Spielleiterinnen und Bankhalterinnen ausfindig zu machen. Wer jemanden anzeigte, sollte belohnt werden; wer von der Sache wusste und es verschwieg, sollte bestraft werden.
Lin Zhixiaos Frau und die anderen Verwalterinnen wagten angesichts des Zorns der Herzoginmutter nicht, Privatinteressen walten zu lassen. Sie eilten in den Garten, ließen alles Dienstpersonal zusammenrufen und befragten eine nach der anderen. Zunächst wurden natürlich Ausflüchte gemacht und Schuld abgewälzt, aber schließlich kam die Wahrheit ans Licht. Es wurden drei Hauptspielbankhalterinnen und acht Helferinnen ermittelt sowie insgesamt mehr als zwanzig Teilnehmerinnen am Glücksspiel. Alle wurden vor der Herzoginmutter gebracht, wo sie im Hof niederknieten, mit der Stirn auf den Boden schlugen und um Gnade baten.
Die Herzoginmutter fragte zunächst nach den Namen und den Geldsummen der drei Hauptbankhalterinnen. Es stellte sich heraus, dass die erste eine angeheiratete Verwandte der Tante mütterlicherseits von Lin Zhixiaos Frau war, die zweite eine jüngere Schwester der Frau Liu aus der Gartenküche, und die dritte Willkommensfrühlings [30] Amme. Dies waren die drei Hauptschuldigen; die übrigen können hier nicht alle aufgezählt werden.
Die Herzoginmutter befahl, die Würfel und Spielkarten allesamt zu verbrennen und das Geld einzuziehen und unter das übrige Dienstpersonal zu verteilen. Die drei Hauptschuldigen sollten je vierzig Schläge mit dem großen Bambusprügel erhalten und für immer aus dem Dienst gejagt werden, ohne jemals wieder eingelassen zu werden. Die Mitschuldigen sollten je zwanzig Schläge erhalten, drei Monate lang kein Monatsgeld bekommen und in die Abortreinigungsgruppe versetzt werden. Anschließend erhielt Lin Zhixiaos Frau noch eine Standpauke. Da ihre eigene Verwandte unter den Bestraften war, kam sie sich ohnehin beschämt vor.
Auch Willkommensfrühling war bedrückt, und Kajaljade [31], Schatzspange [32] und Erkundefrühling, die als Artgenossinnen nachfühlen konnten, was sie empfinden musste, wenn ihre Amme so behandelt wurde, erhoben sich lächelnd von ihren Plätzen, traten vor der Herzoginmutter und baten um Gnade: »Dieses Muttchen hat eigentlich nie gespielt und hat sich wohl nur aus einer vorübergehenden Laune daran beteiligt. Bitte vergebt ihr dies eine Mal um der zweiten Kusine willen!«
Die Herzoginmutter aber erwiderte: »Ihr habt keine Ahnung. Gerade diese alten Ammen genießen dank der Kinder, die sie an ihrer Brust genährt haben, größere Ehren als das übrige Gesinde. Und eben deshalb ist es um so abscheulicher, wenn gerade sie sich etwas zuschulden kommen lassen. Außerdem verstehen sie es, ihre Herrschaften dazu zu bringen, deren Schwächen zu bemänteln und einseitig Partei zu ergreifen. Das alles habe ich schon erlebt. Ich wollte ohnehin an einer von ihnen ein Exempel statuieren, und nun ist zufällig eine aufgetaucht. Kümmert euch nicht darum — ich weiß, was ich tue!«
Als Schatzspange und die anderen das hörten, mussten sie auf weiteren Einspruch verzichten.
Bald darauf zog sich die Herzoginmutter zu ihrem Mittagsschlaf zurück, und alle gingen auseinander. Da sie aber wussten, dass die Herzoginmutter heute erzürnt war, wagte keine von ihnen, in ihre eigenen Räume zurückzukehren, sondern sie blieben alle in der Nähe. Dame Sonders begab sich zu Phönixglanz, um sich ein Weilchen mit ihr zu unterhalten, doch da auch Phönixglanz sich unwohl fühlte, blieb ihr nichts anderes übrig, als in den Garten zu gehen und dort mit den Schwestern und Schwägerinnen zu plaudern.
Frau Strafe saß zunächst eine Weile bei der gnädigen Frau und ging dann ebenfalls in den Garten, um sich etwas Zerstreuung zu verschaffen. Gerade als sie das Gartentor erreichte, erblickte sie ein kleines Dienstmädchen aus den Räumen der Herzoginmutter, das von allen »Blödchen« [33] genannt wurde, das lachend auf sie zukam. Blödchen hielt einen bunten Gegenstand in der Hand, auf den sie beim Gehen fortwährend den Blick gesenkt hielt, und wäre beinahe mit Frau Strafe zusammengeprallt. Erst als sie im letzten Moment aufsah, blieb sie stehen.
»Du närrisches Ding!« sagte Frau Strafe. »Was hast du da für eine seltene Kostbarkeit, dass du dich so freust? Lass mich mal sehen!«
Dieses Blödchen war ein Mädchen von vierzehn oder fünfzehn Jahren, das erst kürzlich ausgewählt worden war, um bei der Herzoginmutter Wasser zu schleppen, den Hof zu fegen und andere grobe Arbeiten zu verrichten. Sie hatte einen kräftigen Körperbau und ein breites Gesicht, und da ihre Füße ungebunden waren [34], erledigte sie grobe Arbeiten flink und mühelos. Ihrem Charakter nach war sie einfältig und naiv, besaß keinerlei Bildung, und was sie sagte und tat, überschritt häufig die Grenzen des Schicklichen. Die Herzoginmutter hatte ihre Freude an ihrer Munterkeit und Schnelligkeit und amüsierte sich über ihre Aussprüche, die immer wieder zum Lachen reizten, und gab ihr deshalb den Namen »Dummchen«. Wenn die Herzoginmutter Langeweile hatte, ließ sie Blödchen oft kommen und trieb ihren Spaß mit ihr, ohne irgendwelche Tabus zu beachten, weshalb sie sie auch »mein närrisches Ding« nannte. Selbst wenn Blödchen einmal gegen die Umgangsformen verstieß, tadelte sie niemand, da die Herzoginmutter sie gern hatte. So konnte sie es sich auch erlauben, in den Garten zu gehen und dort zu spielen, wenn die Herzoginmutter sie nicht brauchte.
Auch heute war Blödchen im Garten gewesen und hatte Grillen gefangen, als sie plötzlich hinter einem Felsvorsprung einen bunt bestickten Duftkissenbeutel fand. Er war so prächtig und kunstvoll gearbeitet, dass man ihn wirklich hübsch finden musste, doch das Motiv war keineswegs Blumen und Vögel oder Ähnliches: Die eine Seite zeigte zwei splitternackte Personen in inniger Umklammerung, die andere Seite einige Schriftzeichen. Dieses einfältige Mädchen verstand nicht, dass es sich um eine erotische Darstellung handelte, und überlegte bei sich: »Sind das wohl zwei Dämonen, die miteinander kämpfen? Oder ein Ehepaar, das sich prügelt?« Nachdem sie hin und her geraten hatte, ohne zu einer Lösung zu gelangen, wollte sie den Beutel der Herzoginmutter zeigen. Deshalb war sie, ganz versunken in den Anblick, lachend dahinspaziert, bis sie plötzlich auf Frau Strafe traf. Als sie deren Frage hörte, sagte sie lächelnd: »Die gnädige Frau hat ganz recht, es ist wirklich ein Ding, das niemand kennt! Bitte seht es Euch an!« Damit reichte sie den Beutel hinüber.
Als Frau Strafe die Stickerei erblickte, fuhr sie zusammen, presste den Beutel in der Hand zusammen, so fest sie konnte, und fragte hastig: »Wo hast du das gefunden?«
»Ich habe beim Grillenfangen auf einem Fels gefunden«, antwortete Blödchen.
»Sag keinem Menschen ein Wort davon!« schärfte Frau Strafe ihr ein. »Das ist ein schlimmes Ding! Dafür würde man selbst dich zu Tode prügeln! Nur weil du schon immer ein Dummkopf warst, will ich nicht weiter davon sprechen!«
Als Blödchen das hörte, wurde sie vor Schreck aschfahl im Gesicht und stammelte: »Ich will es nie wieder tun!« Sie schlug mit der Stirn auf den Boden und trottete wie betäubt davon.
Frau Strafe blickte sich um, doch es waren nur Mädchen in ihrer Begleitung, und denen konnte sie so etwas nicht gut in Verwahrung geben. So steckte sie den Beutel in ihren Ärmel und grübelte höchst verwundert darüber nach, woher er wohl stammen mochte. Ohne sich äußerlich etwas anmerken zu lassen, begab sie sich in Willkommensfrühlings Gemächer.
Willkommensfrühling fühlte sich ohnehin bedrückt, weil ihre Amme bestraft worden war, als plötzlich gemeldet wurde, ihre Mutter komme. Sie empfing sie im Innenzimmer. Nachdem der Tee gereicht war, sagte Frau Strafe: »Du bist alt genug. Warum hast du deiner Amme nichts gesagt, als sie solche Dinge trieb? Alle anderen stehen makellos da, nur jemand von unseren Leuten muss so etwas machen. Was soll das!«
Willkommensfrühling senkte den Kopf und spielte an ihrem Gürtelband, bevor sie schließlich antwortete: »Ich habe ihr zweimal etwas gesagt, aber sie wollte nicht hören, und da konnte ich nichts machen. Zumal sie ja meine Amme ist — sie kann mir Vorhaltungen machen, nicht ich ihr.«
»Unsinn!« sagte Frau Strafe. »Wenn du dich nicht richtig verhältst, soll sie dir natürlich die Meinung sagen. Aber jetzt hat sie gegen die Regeln verstoßen, und da hättest du das Fräulein herauskehren müssen! Hätte sie sich erdreistet, dir nicht zu gehorchen, hättest du mir Meldung machen müssen! Stattdessen hast du gezögert, bis es alle Welt erfuhr. Was soll das?
Und außerdem: Wenn sie eine Spielhölle betrieb, hat sie wohl mit glatten Worten versucht, dir einigen Schmuck und Kleider abzuschwatzen, um sich ein Startkapital zu verschaffen. So willensschwach und gutmütig, wie du bist, hast du ihr bestimmt ein wenig unter die Arme gegriffen. Wenn sie dir wirklich etwas abgeschwatzt hat — ich habe kein Geld, um es auszulösen! Ich bin gespannt, was du zu den kommenden Feiertagen machst.«
Willkommensfrühling schwieg, den Kopf gesenkt, und spielte weiter mit ihrem Gürtelband. Als Frau Strafe sie so sah, fuhr sie mit kühlem Lächeln fort: »Dein feiner Bruder und deine Schwägerin — Herr Kette der Zweite und die junge Herrin Phönixglanz --, dieses glanzvolle Paar, das Himmel und Erde mit ihrer Macht bedeckt und an alles denkt, aber an die einzige Schwester verschwenden sie keinen Gedanken! Wäre sie nur von mir geboren — dann hätte ich noch ein Wort mitzureden! So aber muss ich sie tun und treiben lassen, was sie wollen, zumal du ja auch nicht mein leibliches Kind bist.
Auch wenn du und er nicht dieselbe Mutter habt, so habt ihr doch denselben Vater, und es sollte doch wenigstens ein wenig gegenseitige Aufmerksamkeit geben, damit man sich nicht zum Gespött der Leute macht. Die Dinge dieser Welt sind schwer gegeneinander abzuwägen, das gebe ich zu: Du bist die Tochter einer Nebenfrau des älteren gnädigen Herrn, und Erkundefrühling drüben ist die Tochter einer Nebenfrau des zweiten gnädigen Herrn — eurer Herkunft nach seid ihr gleich. Deine Mutter ist zwar tot, aber als sie noch lebte, war sie nach meinem Urteil zehnmal besser als Nebenfrau Zhao. Also müsstest du von Rechts wegen besser sein als Erkundefrühling. In Wirklichkeit aber bist du nicht einmal halb so gut wie sie! Wer hätte das gedacht — das ist wahrhaftig eine Merkwürdigkeit! Nur gut, dass ich mein Leben lang keinen Sohn und keine Tochter hatte und meine Tage unbehelligt verbringen konnte, ohne die Leute zum Spott und Gerede herauszufordern.«
Die Dienerinnen, die an der Seite standen, ergriffen die Gelegenheit und sagten: »Unser Fräulein ist rechtschaffen und tugendhaft, nicht so glattzüngig und schlagfertig wie das dritte Fräulein, das immer ihre Schwestern übertrumpfen will. Die wissen genau, wie es um das Fräulein steht, und zeigen trotzdem nicht das geringste Wohlwollen.«
»Wenn selbst ihr Bruder und seine Frau so sind, was kann man da von anderen erwarten?« sagte Frau Strafe.
Bevor sie ausgesprochen hatte, wurde gemeldet: »Die Frau des zweiten Herrn Kette ist da.«
Als Frau Strafe das hörte, lachte sie nur zweimal kühl auf und befahl jemandem, hinauszugehen und auszurichten: »Sie möge sich schonen und ausruhen. Ich brauche ihre Aufwartung hier nicht.«
Gleich darauf kam ein kleines Mädchen von Erkundefrühling und meldete: »Die Herzoginmutter ist aufgewacht.« Erst jetzt stand Frau Strafe auf, um sich in den vorderen Teil des Anwesens zu begeben. Willkommensfrühling gab ihr das Geleit bis vor den Hof, bevor sie zurückkehrte.
»Was habe ich gesagt!« begann nun Xiuju [35] zu sprechen. »Neulich habe ich dem Fräulein gemeldet, dass der Goldfiligran-Phönixhaarschmuck mit den aufgereihten Perlen auf einmal verschwunden ist. Aber das Fräulein hat mit keinem Wort danach gefragt! Ich sagte, die alte Herrin [36] muss ihn bestimmt verpfändet haben, um das Geld in ihre Spielhölle zu stecken. Das Fräulein wollte es nicht glauben und sagte, Siqi habe ihn verwahrt. Ich fragte Siqi. Siqi ist zwar krank, aber bei klarem Verstand. Sie sagte, sie habe ihn nicht weggelegt, er liege noch im Kästchen auf dem Bücherregal, weil sie dachte, er könnte zum Fünfzehnten des Achten Monats [37] gebraucht werden. Das Fräulein hätte die alte Herrin danach fragen müssen, aber dafür war es ihr zu peinlich, aus Angst, sie könnte böse werden. Jetzt ist er wohl tatsächlich verschwunden, und wenn demnächst alle ihren Schmuck tragen und nur wir keinen haben — was soll das dann?«
»Warum sollte ich fragen?« erwiderte Willkommensfrühling. »Natürlich hat sie ihn sich genommen, weil sie gerade eine kleine Aushilfe brauchte. Ich dachte, genauso heimlich, wie sie ihn mitgenommen hat, würde sie ihn nach kurzer Zeit auch wieder zurücklegen, und alles wäre in Ordnung. Wer hätte gedacht, dass sie es vergessen würde! Und jetzt, da alles aufgeflogen ist, würde es auch nichts mehr nützen, sie zu fragen.«
»Was heißt vergessen!« sagte Xiuju. »Sie kennt den Charakter des Fräuleins nur zu genau, darum traut sie sich das. Aber ich habe einen Plan: Ich gehe einfach zur zweiten jungen Herrin und melde ihr die Sache. Entweder sie schickt jemanden, den Schmuck zurückzufordern, oder sie macht es sich einfach und gibt ein paar Münzschnüre her, um ihn auszulösen. Was meint Ihr?«
»Hör auf, hör auf, hör auf!« rief Willkommensfrühling sofort. »Spar dir den Ärger! Lieber verzichte ich auf den Haarschmuck, als noch mehr Verwicklungen heraufzubeschwören!«
»Wie könnt Ihr nur so nachgiebig sein, Fräulein!« rief Xiuju. »Wenn Ihr immer zurücksteckt, wird man eines Tages sogar Euch selbst davontragen! Ich gehe!« Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen. Willkommensfrühling schwieg und musste ihr ihren Willen lassen.
Nun ahnten sie freilich nicht, dass die Schwiegertochter von Willkommensfrühlings Amme, die Frau des König Zhuer [38], gekommen war, um Willkommensfrühling zu bitten, für ihre Schwiegermutter Fürsprache einzulegen. Als sie hörte, wie eben über den goldenen Phönixhaarschmuck gesprochen wurde, blieb sie draußen stehen und trat nicht ein. Ohnehin wurde Willkommensfrühling wegen ihrer Schüchternheit von ihr nicht ernst genommen. Als sie nun aber hörte, dass Xiuju fest entschlossen war, Phönixglanz Meldung zu erstatten, und es wohl kein Entkommen gab, ging sie doch hinein, zumal sie ja auch ihre Bitte vorbringen wollte. Lächelnd wandte sie sich an Xiuju: »Fräulein, macht keinen neuen Ärger! Den goldenen Phönixhaarschmuck des gnädigen Fräuleins hat sich meine alte Schwiegermutter in ihrer Vergesslichkeit nur vorübergehend geliehen. Sie hatte ein wenig beim Spiel verloren und wollte ihr Geld zurückgewinnen. Eigentlich sollte er sofort wieder ausgelöst werden, aber da sie ihren Einsatz nie zurückbekam, hat sich die Sache verzögert. Ausgerechnet heute hat irgendjemand die Sache ausgeplaudert, und alles ist aufgeflogen. Dennoch würden wir natürlich nie wagen, etwas zu verschleppen, das der Herrschaft gehört — über kurz oder lang werden wir den Schmuck auslösen. Jetzt aber möchte ich das gnädige Fräulein an die Zeiten erinnern, als es an der Brust der Amme lag, und es bitten, bei der Herzoginmutter ein gutes Wort einzulegen und meine Schwiegermutter zu retten.«
»Diese Hoffnung schlage dir nur aus dem Kopf, liebe Schwägerin!« sagte Willkommensfrühling sofort. »Wenn du darauf wartest, dass ich Fürsprache einlege, wirst du bis nächstes Jahr vergeblich warten. Eben haben Kusine Schatzspange und Kusine Kajaljade und alle anderen gemeinsam für sie gebeten, und die Herzoginmutter ist nicht darauf eingegangen. Was kann ich allein schon ausrichten? Ich schäme mich ohnehin schon genug — soll ich mir auch noch eine Abfuhr holen?«
»Das Auslösen des goldenen Phönix ist eine Sache, und das Bitten um Gnade eine andere!« sagte Xiuju. »Das darf man nicht durcheinanderbringen. Willst du den Schmuck etwa nicht auslösen, nur weil das Fräulein sich nicht für deine Schwiegermutter einsetzt? Bring erst den goldenen Phönix her, dann reden wir weiter!«
Willkommensfrühlings offene Weigerung und Xiujus scharfe Worte waren mehr, als die Frau des König Zhuer ertragen konnte. Dennoch wusste sie, dass Willkommensfrühling gutherzig war, und so wandte sie sich an Xiuju: »Fräulein, pocht nur nicht so auf Eure Stellung! Schaut Euch einmal in der ganzen Familie um: Welche Amme profitiert dank der jungen Herrschaft, auf die sie sich berufen kann, nicht reichlich davon? Nur bei uns wird alles bis auf den letzten Heller genau abgerechnet, während Ihr Euch heimlich alles nehmen dürft, was Ihr wollt!
Seitdem Fräulein Xing [39] ins Haus gekommen ist, hat die gnädige Frau befohlen, jeden Monat ein Liang Silber einzusparen und ihrer Tante zu geben. Die Unterhaltskosten für Fräulein Xing sind dazugekommen, aber das Monatsgeld wurde um ein Liang gekürzt. Wenn mal dies fehlt und mal jenes, wer springt dann ein? Wir natürlich! Aber wer geht hin und fordert es zurück? Man beißt eben die Zähne zusammen. Alles zusammengerechnet sind es bis heute mindestens dreißig Liang! Das Geld, das wir die ganze Zeit über zugeschossen haben — soll das etwa umsonst gewesen sein?«
Bevor sie ausgesprochen hatte, spuckte Xiuju einmal aus und fuhr sie an: »Dreißig Liang wofür? Das musst du mir vorrechnen! Was hat das Fräulein von euch verlangt?«
Als Willkommensfrühling hörte, wie diese Frau das Privatvermögen von Frau Strafe ins Spiel brachte, gebot sie sofort Einhalt: »Schluss, Schluss, Schluss! Wenn du den goldenen Phönix nicht herbeischaffen kannst, brauchst du hier nicht herumzuschreien und vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen! Ich verzichte auf den Phönix. Wenn die gnädigen Frauen danach fragen, sage ich einfach, ich hätte ihn verloren — das geht euch in keiner Weise etwas an. Geh jetzt nach Hause und ruh dich aus.« Zugleich befahl sie Xiuju, Tee einzuschenken.
Xiuju war zugleich zornig und verzweifelt und sagte: »Das Fräulein hat zwar nichts zu befürchten, aber was sind wir denn, wenn es heißt, wir hätten die Sachen des Fräuleins verloren? Und sie dort behauptet frech, das Fräulein habe ihr Geld verbraucht, und will sich jetzt schadlos halten! Wenn die gnädige Frau fragt, wofür das Fräulein dieses Geld ausgegeben hat — heißt es dann nicht, wir hätten unseren Vorteil daraus gezogen? Nicht auszudenken!« Bei diesen Worten brach sie in Tränen aus.
Auch Siqi [40] konnte es nicht länger mit anhören. Trotz ihrer Krankheit schleppte sie sich herüber und unterstützte Xiuju in ihren Vorwürfen gegen die Frau. Willkommensfrühling konnte sie durch Zureden nicht zum Schweigen bringen und griff sich schließlich einen Band der »Schrift über die Vergeltung des Allerhöchsten« [41] und begann darin zu lesen.
Während die drei Streithähne nicht voneinander ließen, erschienen Schatzspange, Kajaljade, Kostbarzither Schnee [42] und Erkundefrühling in Willkommensfrühlings Hof, weil sie sich gesagt hatten, Willkommensfrühling werde heute bedrückt sein, und sie aufmuntern wollten. Als sie den Hof betraten, hörten sie zwei oder drei Personen zanken. Erkundefrühling blickte durch das Gazefenster und sah Willkommensfrühling auf dem Bett lehnen und lesen, als höre sie nichts von dem Streit — ein Anblick, der auch Erkundefrühling zum Lachen brachte.
Die kleinen Zofen hoben eilig den Türvorhang und meldeten: »Die Fräulein sind da!« Erst jetzt legte Willkommensfrühling ihr Buch beiseite und stand auf. Die Frau des König Zhuer, die sah, dass Besuch kam und Erkundefrühling dabei war, hörte von selbst zu streiten auf und wollte die Gelegenheit nutzen, sich davonzumachen. Doch kaum hatte sich Erkundefrühling gesetzt, fragte sie schon: »Wer hat eben hier gesprochen? Es klang wie ein Streit.«
»Nichts weiter«, sagte Willkommensfrühling lächelnd. »Die machen aus einer Mücke einen Elefanten. Es lohnt nicht, danach zu fragen.«
»Ich habe aber etwas von einem ›goldenen Phönix‹ gehört«, beharrte Erkundefrühling lächelnd, »und auch etwas wie ›Wenn kein Geld da ist, fordert man es von uns Sklaven‹. Wer fordert hier Geld von den Sklaven? Etwa du, Kusine? Bekommst du nicht wie wir dein Monatsgeld und deine Zuwendungen?«
Siqi und Xiuju sagten: »Das Fräulein hat ganz recht. Alle Fräulein erhalten das Gleiche. Bei welchem Fräulein wird das Geld nicht von den Ammen und Müttern ausgegeben, ohne dass wir überhaupt wissen, wie abgerechnet wird — wir müssen nur den Mund aufmachen, wenn wir etwas brauchen. Aber sie dort behauptet, unser Fräulein habe mehr verbraucht, als ihr zusteht, und sie habe wer weiß wie viel zuschießen müssen. Dabei hat unser Fräulein nie etwas von ihnen verlangt!«
»Wenn meine Kusine nichts von ihnen verlangt hat«, sagte Erkundefrühling lächelnd, »dann sind vielleicht wir es gewesen! Ruft sie herein, ich möchte sie danach fragen.«
»Was du da sagst, ist doch lächerlich«, versuchte Willkommensfrühling lächelnd einzuwenden. »Ihr seid gar nicht betroffen, warum willst du sie mit hineinziehen?«
»Da irrst du dich«, erwiderte Erkundefrühling lächelnd. »Ich bin nichts anderes als du. Was dich betrifft, betrifft mich ebenso. Wenn sie gegen dich etwas sagt, sagt sie es damit auch gegen mich. Wenn meine Leute drüben über mich murren und du es hörst, ist es genauso, als murrten sie über dich. Wir sind die Herrschaft und kümmern uns natürlich nicht um kleinliche Geldangelegenheiten; wenn wir etwas brauchen, sagen wir es eben — das kommt vor. Nur verstehe ich nicht, wie der goldene Phönix mit hineingeraten ist.«
Die Frau des König Zhuer hatte große Angst, Xiuju und die anderen könnten sie vor Erkundefrühling anklagen, und eilte deshalb herein, um die Sache zu beschönigen. Erkundefrühling durchschaute sie sofort und sagte lächelnd: »Da sieht man, wie dumm ihr seid! Deine Schwiegermutter hat sich bereits einer Verfehlung schuldig gemacht. Hättest du jetzt die zweite junge Herrin gebeten, von dem beschlagnahmten Geld, das noch nicht verteilt wurde, einen Teil für die Auslösung des Schmucks zu verwenden, wäre alles schon erledigt. Am besten wäre es natürlich gewesen, die Sache wäre erst gar nicht aufgeflogen, und alle hätten den Mund gehalten, um das Gesicht zu wahren. Aber nun, da das Gesicht verloren ist, kann sie für zehn Vergehen auch nur einmal bestraft werden — man kann schließlich nicht zwei Köpfe abschlagen. Wenn du auf mich hörst, sprichst du also mit der zweiten jungen Herrin. Was nützt es, hier mit großer Stimme einen kleinen Streit zu führen?«
Damit hatte Erkundefrühling den wunden Punkt getroffen, und die Frau des König Zhuer konnte nichts mehr einwenden. Doch den Mut, zu Phönixglanz zu gehen und sich zu stellen, hatte sie auch nicht.
»Wenn ich nichts davon gehört hätte, wäre es mir gleichgültig«, sagte Erkundefrühling lächelnd. »Aber da ich es nun einmal gehört habe, muss ich euren Streit auch schlichten.« Dabei hatte sie bereits Daishu [43], ihrer Zofe, einen Wink gegeben, die daraufhin hinausging.
Während sie noch miteinander sprachen, kam plötzlich Friedchen [44] zur Tür herein. Kostbarzither Schnee klatschte lachend in die Hände und sagte: »Kusine Erkundefrühling beherrscht wohl die Kunst, Geister zu vertreiben und himmlische Generäle herbeizurufen?«
Kajaljade lachte: »Nein, das ist keine daoistische Zauberei, sondern raffinierteste Kriegsführung! Man sagt: ›Bei der Verteidigung wie eine Jungfrau, beim Angriff wie ein fliehender Hase‹ [45] — die List besteht darin, den Gegner zu überrumpeln!«
Die beiden lachten vergnügt, doch Schatzspange gab ihnen mit den Augen ein Zeichen, sie sollten aufhören, und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema.
Als Erkundefrühling sah, dass Friedchen gekommen war, fragte sie: »Geht es deiner Herrin etwas besser? Diese Krankheit hat ihr wahrhaftig den Verstand getrübt, dass sie sich um nichts mehr kümmert und wir uns solche Demütigungen gefallen lassen müssen!«
»Was für eine Demütigung?« fragte Friedchen sofort. »Wer hat es gewagt, dem Fräulein Kummer zu bereiten? Gebt mir nur Eure Befehle!«
Die Frau des König Zhuer geriet nun erst recht in Panik. Sie drängte sich vor und rief Friedchen zu: »Fräulein, setzt Euch und lasst mich erklären!«
»Gibt es das«, sagte Friedchen mit strenger Miene, »dass du dich hier einfach in die Unterhaltung der Fräulein einmischst? Wenn du Anstand hättest, würdest du draußen warten und dich nicht rühren, bis man dich ruft. Hier hereinzukommen steht dir nicht zu. Wo hat man je erlebt, dass eine Frau vom Außendienst unaufgefordert in die Gemächer der Fräulein kommt?«
»Bei uns gibt es keinen Anstand«, warf Xiuju ein. »Hier kommt jeder herein, wie es ihm gefällt.«
»Das ist eure Schuld«, sagte Friedchen. »Das Fräulein ist zu gutherzig. Ihr solltet solche Eindringlinge hinauswerfen und es dann der gnädigen Frau melden.«
Nach Friedchens Rüge verließ die Frau des König Zhuer endlich mit schamrotem Gesicht das Zimmer.
Erkundefrühling fuhr fort: »Das will ich dir sagen: Wenn jemand anderer mich beleidigt hätte, wäre es noch hinzunehmen gewesen. Aber diese Frau des König Zhuer und ihre Schwiegermutter haben sich darauf verlassen, dass eine von ihnen die Amme war, und haben die Gutmütigkeit meiner Kusine ausgenutzt. Heimlich haben sie den Schmuck verpfändet, um damit zu spielen, und obendrein falsche Rechnungen aufgestellt. Dann wollten sie Willkommensfrühling auch noch dazu zwingen, für ihre Schwiegermutter Fürsprache einzulegen, und haben mit den beiden Mägden hier im Schlafzimmer herumgezankt und geschrien. Meine Kusine konnte sie nicht zur Ordnung rufen, und weil ich das nicht mehr mit ansehen konnte, habe ich dich hergebeten, um dich zu fragen: Ist diese Frau vielleicht nicht von dieser Welt, dass sie nicht weiß, was sich gehört? Oder steckt jemand von den Herrschaften dahinter, der mit ihrer Hilfe zuerst Kusine Willkommensfrühling und dann mich und Kusine Bedauerfrühling [46] unterwerfen will?«
»Wie könnt Ihr so etwas sagen, Fräulein!« beteuerte Friedchen und lächelte beschwichtigend. »Wie sollte meine junge Herrin einem solchen Vorwurf standhalten?«
Erkundefrühling lächelte kühl: »Der Volksmund sagt: ›Jedes Wesen leidet mit seiner Art‹, und auch: ›Wenn die Zähne fehlen, fallen die Lippen ein.‹ Natürlich hat mich die Sache ein wenig beunruhigt.«
»Andererseits«, gab Friedchen zu bedenken, »ist es keine so schwerwiegende Angelegenheit und lässt sich leicht regeln. Nur ist sie die Amme des Fräuleins. Was meint das Fräulein selbst dazu?«
Willkommensfrühling hatte derweilen mit Schatzspange Geschichten aus der »Schrift über die Vergeltung« gelesen und nicht einmal Erkundefrühlings Worte gehört. Als sie jetzt plötzlich von Friedchen angesprochen wurde, sagte sie lächelnd: »Wenn du mich fragst — ich weiß auch nicht, was da zu tun ist. Für ihre Verfehlungen müssen sie selbst einstehen, ich kann nicht für sie Fürsprache einlegen. Vorhaltungen werde ich ihnen auch nicht machen, und damit basta.
Was die Sachen betrifft, die sie mir heimlich weggenommen haben: Wenn sie sie zurückbringen, nehme ich sie an. Wenn nicht, verzichte ich darauf. Wenn die gnädigen Frauen mich fragen und es mir gelingt, den wahren Sachverhalt zu vertuschen, ist es ihr Glück. Gelingt es nicht, kann ich nichts daran ändern und muss alles wahrheitsgemäß berichten, denn es gibt keinen Grund, die gnädigen Frauen ihretwegen zu belügen. Wenn ihr sagt, ich sei zu weichherzig und entschlusslos, und wenn ihr eine Möglichkeit seht, es allen acht Seiten recht zu machen, ohne die gnädigen Frauen zu erzürnen, dann verfahrt, wie ihr wollt. Ich weiß keine solche Möglichkeit.«
Alle, die es hörten, mussten lachen. Kajaljade sagte fröhlich: »Das kann man wirklich nennen: ›Über Ursache und Wirkung philosophieren, während Tiger und Wölfe schon auf der Palasttreppe stehen!‹ Wenn Kusine Willkommensfrühling ein Mann wäre — wie wollte sie mit diesem großen Hauswesen fertig werden?«
»Eben!« parierte Willkommensfrühling lächelnd. »Wie viele Männer sind dazu nicht imstande — und ich erst recht!«
Bevor sie ausgesprochen hatte, kam abermals jemand zur Tür herein. Doch wer es war, das erfahre man im nächsten Kapitel.
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