Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 82"

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search
(DE4 improved: refs, typography, Cheng-Jia attribution)
(DE4 Korrektur-Update Kap. 82)
Line 1: Line 1:
__NOTOC__
 
<div style="background-color: #8b1a1a; color: white; padding: 12px 15px; margin: 0 0 20px 0; border-radius: 4px; font-size: 1.1em;">
 
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_2|<span style="color: #FFD700;">2</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_3|<span style="color: #FFD700;">3</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_4|<span style="color: #FFD700;">4</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_5|<span style="color: #FFD700;">5</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_6|<span style="color: #FFD700;">6</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_7|<span style="color: #FFD700;">7</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_8|<span style="color: #FFD700;">8</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_9|<span style="color: #FFD700;">9</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_10|<span style="color: #FFD700;">10</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">[11-20]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">[21-30]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">[31-40]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">[41-50]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">[51-60]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">[61-70]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">[71-80]</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">'''[81-90]'''</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">[91-100]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">[101-110]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">[111-120]</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
 
</div>
 
 
<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
 
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_82|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE (Woesler)</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_82|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
</div>
 
 
 
Zweiundachtzigstes Kapitel
 
Zweiundachtzigstes Kapitel
  
Line 13: Line 4:
 
Die kranke Xiaoxiang erschrickt in verworrenem Traum aus bösem Schlaf
 
Die kranke Xiaoxiang erschrickt in verworrenem Traum aus bösem Schlaf
  
Wie berichtet, kam Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> [宝玉] aus der Schule zurück und suchte die Alte Ahnin auf. Die Alte Ahnin lachte und sagte: „Gut so, nun ist das wilde Pferd gezäumt! Geh, besuche deinen Vater, und dann kannst du dich ein wenig zerstreuen." Schatzjade gehorchte und ging zu Kaufmann Aufrecht<ref>Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref> [贾政]. Kaufmann Aufrecht fragte: „Schon so früh aus der Schule? Hat der Lehrer dir einen Stundenplan festgelegt?" Schatzjade antwortete: „Ja: Am Morgen die Bücher ordnen, nach dem Essen Schönschrift üben, am Mittag Texte erläutern und Musteraufsätze lesen." Kaufmann Aufrecht nickte und sprach: „Geh nun, setz dich noch eine Weile zur Alten Ahnin. Du solltest auch etwas über die Pflichten des Lebens lernen und nicht nur dem Vergnügen nachjagen. Schlaf abends früh, steh jeden Morgen zeitig auf für die Schule. Hast du verstanden?"
+
Wie berichtet, kam Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> aus der Schule zurück und suchte die Alte Ahnin auf. Die Alte Ahnin lachte und sagte: „Gut so, nun ist das wilde Pferd gezäumt! Geh, besuche deinen Vater, und dann kannst du dich ein wenig zerstreuen." Schatzjade gehorchte und ging zu Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref>. Aufrecht Kaufmann fragte: „Schon so früh aus der Schule? Hat der Lehrer dir einen Stundenplan festgelegt?" Schatzjade antwortete: „Ja: Am Morgen die Bücher ordnen, nach dem Essen Schönschrift üben, am Mittag Texte erläutern und Musteraufsätze lesen." Aufrecht Kaufmann nickte und sprach: „Geh nun, setz dich noch eine Weile zur Alten Ahnin. Du solltest auch etwas über die Pflichten des Lebens lernen und nicht nur dem Vergnügen nachjagen. Schlaf abends früh, steh jeden Morgen zeitig auf für die Schule. Hast du verstanden?"
  
Schatzjade beeilte sich, mehrmals „Ja" zu sagen, zog sich zurück, eilte noch schnell zu Wang Furen hinüber und schaute auch bei der Alten Ahnin vorbei. Dann drängte es ihn hinaus; am liebsten wäre er mit einem einzigen Schritt im Xiaoxiang-Pavillon<ref>Xiaoxiang-Pavillon (潇湘馆): Kajaljades Wohnsitz im Garten des Großartigen Anblicks, benannt nach dem Xiang-Fluss in Hunan.</ref> gewesen. Kaum an der Tür angekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!" Was Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> [黛玉] so erschreckte, dass sie zusammenfuhr. Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> [紫鹃] hob den Vorhang, und Schatzjade trat ein und setzte sich.
+
Schatzjade beeilte sich, mehrmals „Ja" zu sagen, zog sich zurück, eilte noch schnell zu Wang Furen hinüber und schaute auch bei der Alten Ahnin vorbei. Dann drängte es ihn hinaus; am liebsten wäre er mit einem einzigen Schritt im Xiaoxiang-Pavillon<ref>Xiaoxiang-Pavillon (潇湘馆): Kajaljades Wohnsitz im Garten der Großen Anschauung, benannt nach dem Xiang-Fluss in Hunan.</ref> gewesen. Kaum an der Tür angekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!" Was Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> so erschreckte, dass sie zusammenfuhr. Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> hob den Vorhang, und Schatzjade trat ein und setzte sich.
  
 
Kajaljade sagte: „Ich hörte undeutlich, dass du zum Unterricht gegangen bist — und bist schon wieder zurück?" Schatzjade rief: „Ach du meine Güte! Wurde ich nicht von Vater zum Lernen gerufen? Mir war, als würde ich euch nie wiedersehen. Mühsam habe ich einen ganzen Tag durchgestanden, und nun, da ich euch wiedersehe, ist es, als wäre ich von den Toten auferstanden. Wie wahr ist doch das alte Wort: ‚Ein Tag gleicht drei Herbsten' — das stimmt vollkommen." Kajaljade fragte: „Warst du schon oben?" Schatzjade antwortete: „Überall war ich schon." Kajaljade fragte: „Und anderswo?" Schatzjade: „Nein." Kajaljade sagte: „Du solltest auch die anderen besuchen." Schatzjade entgegnete: „Ich bin zu träge, mich jetzt noch zu bewegen. Ich möchte nur hier bei Schwester sitzen und ein Weilchen plaudern. Vater verlangt, dass ich früh schlafe und früh aufstehe — die anderen besuche ich morgen." Kajaljade sagte: „Sitz noch ein wenig, dann solltest du dich aber ausruhen." Schatzjade erwiderte: „Ich bin doch gar nicht müde, nur gelangweilt bis zum Ersticken. Gerade jetzt, wo wir zusammensitzen und die Langeweile sich zerstreut hat, treibst du mich schon fort." Kajaljade lächelte leicht und rief Purpurkuckuck zu: „Brüh dem Zweiten Herrn eine Schale meines Longjing-Tees auf. Der Zweite Herr studiert jetzt, das ist nicht mehr wie früher." Purpurkuckuck antwortete lachend, holte die Teeblätter und wies eine kleine Magd an, den Tee aufzubrühen.
 
Kajaljade sagte: „Ich hörte undeutlich, dass du zum Unterricht gegangen bist — und bist schon wieder zurück?" Schatzjade rief: „Ach du meine Güte! Wurde ich nicht von Vater zum Lernen gerufen? Mir war, als würde ich euch nie wiedersehen. Mühsam habe ich einen ganzen Tag durchgestanden, und nun, da ich euch wiedersehe, ist es, als wäre ich von den Toten auferstanden. Wie wahr ist doch das alte Wort: ‚Ein Tag gleicht drei Herbsten' — das stimmt vollkommen." Kajaljade fragte: „Warst du schon oben?" Schatzjade antwortete: „Überall war ich schon." Kajaljade fragte: „Und anderswo?" Schatzjade: „Nein." Kajaljade sagte: „Du solltest auch die anderen besuchen." Schatzjade entgegnete: „Ich bin zu träge, mich jetzt noch zu bewegen. Ich möchte nur hier bei Schwester sitzen und ein Weilchen plaudern. Vater verlangt, dass ich früh schlafe und früh aufstehe — die anderen besuche ich morgen." Kajaljade sagte: „Sitz noch ein wenig, dann solltest du dich aber ausruhen." Schatzjade erwiderte: „Ich bin doch gar nicht müde, nur gelangweilt bis zum Ersticken. Gerade jetzt, wo wir zusammensitzen und die Langeweile sich zerstreut hat, treibst du mich schon fort." Kajaljade lächelte leicht und rief Purpurkuckuck zu: „Brüh dem Zweiten Herrn eine Schale meines Longjing-Tees auf. Der Zweite Herr studiert jetzt, das ist nicht mehr wie früher." Purpurkuckuck antwortete lachend, holte die Teeblätter und wies eine kleine Magd an, den Tee aufzubrühen.
  
Schatzjade fuhr fort: „Sprich mir bloß nicht vom Lernen! Mir sind diese moralischen Reden am verhasstesten. Am lächerlichsten sind die Achtgliedrigen Aufsätze: Wenn man sie benutzt, um sich Amt und Brot zu erschwindeln, meinetwegen — aber dann noch zu behaupten, man spräche im Namen der Heiligen und Weisen! Die Besseren flicken wenigstens noch ein paar Klassiker-Stellen zusammen; aber dann gibt es noch eine Sorte, die wirklich zum Lachen ist: im Kopf haben sie nichts, ziehen alles von hier und dort herbei, bis es vor Ochsendämonen und Schlangengöttern wimmelt, und halten sich auch noch für tiefsinnig. Was hat das mit der Darlegung der Lehre der Heiligen zu tun? Und jetzt besteht Vater unablässig darauf, dass ich das lerne — ich wage nicht zu widersprechen. Und du fängst jetzt auch noch vom Lernen an!" Kajaljade erwiderte: „Wir Mädchen brauchen das zwar nicht, aber als ich klein war und bei eurem Lehrer Yucun unterrichtet wurde, habe ich auch hineingeschaut. Manches darin ist dem Gefühl und der Vernunft nahe, manches ist von klarer Feinheit und stiller Tiefe. Damals verstand ich nicht viel davon, fand es aber schön; man sollte nicht alles über einen Kamm scheren. Zudem ist es für den Erwerb der Beamtenlaufbahn immerhin eine ehrbare Sache." Als Schatzjade das hörte, klang es ihm unangenehm in den Ohren. Er dachte: „Kajaljade war nie so ein Mensch — wieso ist auch sie nun von Ehrgeiz und Eigennutz berauscht?" Aber er wagte nicht, ihr zu widersprechen, und lachte nur leise durch die Nase.
+
Schatzjade fuhr fort: „Sprich mir bloß nicht vom Lernen! Mir sind diese moralischen Reden am verhasstesten. Am lächerlichsten sind die Achtgliedrigen Aufsätze: Wenn man sie benutzt, um sich Amt und Brot zu erschwindeln, meinetwegen — aber dann noch zu behaupten, man spräche im Namen der Heiligen und Weisen! Die Besseren flicken wenigstens noch ein paar Klassiker-Stellen zusammen; aber dann gibt es noch eine Sorte, die wirklich zum Lachen ist: im Kopf haben sie nichts, ziehen alles von hier und dort herbei, bis es vor Ochsendämonen und Schlangengöttern wimmelt, und halten sich auch noch für tiefsinnig. Was hat das mit der Darlegung der Lehre der Heiligen zu tun? Und jetzt besteht Vater unablässig darauf, dass ich das lerne — ich wage nicht zu widersprechen. Und du fängst jetzt auch noch vom Lernen an!" Kajaljade erwiderte: „Wir Mädchen brauchen das zwar nicht, aber als ich klein war und bei eurem Lehrer Regendorf unterrichtet wurde, habe ich auch hineingeschaut. Manches darin ist dem Gefühl und der Vernunft nahe, manches ist von klarer Feinheit und stiller Tiefe. Damals verstand ich nicht viel davon, fand es aber schön; man sollte nicht alles über einen Kamm scheren. Zudem ist es für den Erwerb der Beamtenlaufbahn immerhin eine ehrbare Sache." Als Schatzjade das hörte, klang es ihm unangenehm in den Ohren. Er dachte: „Kajaljade war nie so ein Mensch — wieso ist auch sie nun von Ehrgeiz und Eigennutz berauscht?" Aber er wagte nicht, ihr zu widersprechen, und lachte nur leise durch die Nase.
  
Während sie noch sprachen, hörten sie draußen zwei Personen reden — es waren Qiuwen und Purpurkuckuck. Qiuwen sagte: „Schwester Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref> [袭人] hat mich geschickt, ihn bei der Alten Ahnin abzuholen, und nun ist er hier." Purpurkuckuck entgegnete: „Wir haben gerade erst Tee aufgebrüht, lass ihn doch austrinken, bevor er geht." Beide kamen zusammen herein. Schatzjade sagte lachend zu Qiuwen: „Ich komme gleich, warum musstest du dich bemühen, mich zu suchen?" Ehe Qiuwen antworten konnte, sagte Purpurkuckuck: „Trink schnell deinen Tee und geh — die Leute haben den ganzen Tag an dich gedacht." Qiuwen spuckte aus: „Pfui! Was für ein freches Ding!" Alle lachten. Schatzjade erhob sich und verabschiedete sich. Kajaljade begleitete ihn bis zur Zimmertür, Purpurkuckuck stand unten an der Treppe, und erst als Schatzjade gegangen war, kehrten sie ins Zimmer zurück.
+
Während sie noch sprachen, hörten sie draußen zwei Personen reden — es waren Herbstmuster und Purpurkuckuck. Herbstmuster sagte: „Schwester Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref> hat mich geschickt, ihn bei der Alten Ahnin abzuholen, und nun ist er hier." Purpurkuckuck entgegnete: „Wir haben gerade erst Tee aufgebrüht, lass ihn doch austrinken, bevor er geht." Beide kamen zusammen herein. Schatzjade sagte lachend zu Herbstmuster: „Ich komme gleich, warum musstest du dich bemühen, mich zu suchen?" Ehe Herbstmuster antworten konnte, sagte Purpurkuckuck: „Trink schnell deinen Tee und geh — die Leute haben den ganzen Tag an dich gedacht." Herbstmuster spuckte aus: „Pfui! Was für ein freches Ding!" Alle lachten. Schatzjade erhob sich und verabschiedete sich. Kajaljade begleitete ihn bis zur Zimmertür, Purpurkuckuck stand unten an der Treppe, und erst als Schatzjade gegangen war, kehrten sie ins Zimmer zurück.
  
Nun kam Schatzjade im Yihong-Hof an, betrat sein Zimmer und sah Dufthauch aus dem hinteren Raum entgegenkommen. Sie fragte: „Bist du zurück?" Qiuwen antwortete: „Der Zweite Herr war schon lange da, er war drüben bei Fräulein Lin." Schatzjade fragte: „Ist heute etwas vorgefallen?" Dufthauch erwiderte: „Eigentlich nichts. Vorhin hat die Gnädige Frau die Schwester Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".</ref> [鸳鸯] geschickt mit einer Botschaft an uns: Da der Herr Vater nun streng darauf besteht, dass du lernst, werden alle Mägde, die es wagen, mit dir zu scherzen, nach dem Beispiel von Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".</ref> [晴雯] und Schachspielerin bestraft. Wenn ich bedenke, wie ich dich die ganze Zeit bedient habe, nur um mir solche Worte einzuhandeln — da ist wenig Trost dabei." Dabei wurde sie traurig. Schatzjade beeilte sich zu sagen: „Liebe Schwester, sei unbesorgt, ich werde nur brav lernen, und dann wird die Gnädige Frau euch nicht mehr schelten. Heute Abend muss ich noch lesen, morgen verlangt der Lehrer, dass ich einen Text erläutere. Wenn ich etwas brauche, sind Moschusmond<ref>Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".</ref> [麝月] und Qiuwen ja da — ruh dich aus." Dufthauch sagte: „Wenn du wirklich bereit bist zu lernen, bedienen wir dich gern."
+
Nun kam Schatzjade im Hof der Roten Freude an, betrat sein Zimmer und sah Dufthauch aus dem hinteren Raum entgegenkommen. Sie fragte: „Bist du zurück?" Herbstmuster antwortete: „Der Zweite Herr war schon lange da, er war drüben bei Fräulein Lin." Schatzjade fragte: „Ist heute etwas vorgefallen?" Dufthauch erwiderte: „Eigentlich nichts. Vorhin hat die Gnädige Frau die Schwester Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".</ref> geschickt mit einer Botschaft an uns: Da der Herr Vater nun streng darauf besteht, dass du lernst, werden alle Mägde, die es wagen, mit dir zu scherzen, nach dem Beispiel von Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".</ref> und Schachspielerin bestraft. Wenn ich bedenke, wie ich dich die ganze Zeit bedient habe, nur um mir solche Worte einzuhandeln — da ist wenig Trost dabei." Dabei wurde sie traurig. Schatzjade beeilte sich zu sagen: „Liebe Schwester, sei unbesorgt, ich werde nur brav lernen, und dann wird die Gnädige Frau euch nicht mehr schelten. Heute Abend muss ich noch lesen, morgen verlangt der Lehrer, dass ich einen Text erläutere. Wenn ich etwas brauche, sind Moschusmond<ref>Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".</ref> und Herbstmuster ja da — ruh dich aus." Dufthauch sagte: „Wenn du wirklich bereit bist zu lernen, bedienen wir dich gern."
  
 
Schatzjade hörte es, aß hastig sein Abendessen und ließ die Lampe anzünden. Er holte die „Vier Bücher" hervor, die er durchgenommen hatte. Nur — wo sollte er anfangen? Er blätterte ein Buch durch: Kapitel für Kapitel schien es ihm verständlich; doch wenn er genauer nachprüfte, war es gar nicht so klar. Er las die Anmerkungen und die Erläuterungen. So trieb er es, bis die erste Nachtwache geschlagen hatte, und dachte bei sich: „Bei Gedichten und Versen fällt mir alles leicht, aber hierbei bin ich völlig ratlos." Er saß da und starrte vor sich hin. Dufthauch sagte: „Ruh dich aus, die Arbeit läuft nicht weg." Schatzjade murmelte nur wirre Antworten.
 
Schatzjade hörte es, aß hastig sein Abendessen und ließ die Lampe anzünden. Er holte die „Vier Bücher" hervor, die er durchgenommen hatte. Nur — wo sollte er anfangen? Er blätterte ein Buch durch: Kapitel für Kapitel schien es ihm verständlich; doch wenn er genauer nachprüfte, war es gar nicht so klar. Er las die Anmerkungen und die Erläuterungen. So trieb er es, bis die erste Nachtwache geschlagen hatte, und dachte bei sich: „Bei Gedichten und Versen fällt mir alles leicht, aber hierbei bin ich völlig ratlos." Er saß da und starrte vor sich hin. Dufthauch sagte: „Ruh dich aus, die Arbeit läuft nicht weg." Schatzjade murmelte nur wirre Antworten.
Line 37: Line 28:
 
Dairu sagte: „Das ist auch noch annehmbar. Aber ich habe eine Frage an dich: Du verstehst die Worte des Heiligen — warum leidest du selbst gerade an diesen beiden Gebrechen? Obgleich ich nicht in eurem Haus wohne und dein Vater mir nichts davon erzählt hat, kenne ich doch alle deine Schwächen genau. Als Mensch — wie kann man nicht nach Fortschritt streben? Du bist jetzt gerade im Alter, da ‚die junge Generation zu fürchten' ist: Ob du ‚einen Ruf erlangst' oder ‚nicht mehr zu fürchten bist', liegt ganz in deiner eigenen Hand. Ich gebe dir jetzt einen Monat, um alle alten Texte vollständig aufzuarbeiten; dann noch einen Monat für die Aufsätze. Danach werde ich dir Themen stellen und Aufsätze von dir verlangen. Wehe, du wirst nachlässig — das werde ich keinesfalls dulden! Wie das alte Sprichwort sagt: ‚Wer etwas werden will, hat keine Ruhe; wer Ruhe will, wird nichts.' Merke dir meine Worte gut." Schatzjade sagte ja und musste sich fügen, Tag für Tag seinen Aufgaben nachzugehen. Davon sei nicht weiter berichtet.
 
Dairu sagte: „Das ist auch noch annehmbar. Aber ich habe eine Frage an dich: Du verstehst die Worte des Heiligen — warum leidest du selbst gerade an diesen beiden Gebrechen? Obgleich ich nicht in eurem Haus wohne und dein Vater mir nichts davon erzählt hat, kenne ich doch alle deine Schwächen genau. Als Mensch — wie kann man nicht nach Fortschritt streben? Du bist jetzt gerade im Alter, da ‚die junge Generation zu fürchten' ist: Ob du ‚einen Ruf erlangst' oder ‚nicht mehr zu fürchten bist', liegt ganz in deiner eigenen Hand. Ich gebe dir jetzt einen Monat, um alle alten Texte vollständig aufzuarbeiten; dann noch einen Monat für die Aufsätze. Danach werde ich dir Themen stellen und Aufsätze von dir verlangen. Wehe, du wirst nachlässig — das werde ich keinesfalls dulden! Wie das alte Sprichwort sagt: ‚Wer etwas werden will, hat keine Ruhe; wer Ruhe will, wird nichts.' Merke dir meine Worte gut." Schatzjade sagte ja und musste sich fügen, Tag für Tag seinen Aufgaben nachzugehen. Davon sei nicht weiter berichtet.
  
Nun war es so, dass nach Schatzjades Eintritt in die Schule der Yihong-Hof sich überaus ruhig und still anfühlte. Dufthauch konnte endlich einige Handarbeiten erledigen. Sie nahm Nadel und Faden zur Hand, um eine Betelnussbeutel-Stickerei anzufertigen, und dachte: „Jetzt, da Schatzjade seinen Lehrplan hat, haben die Mägde auch Ruhe. Hätte es so von Anfang an sein sollen, wäre Heitermuster nicht zu einem so kläglichen Ende gekommen." Wie der Hase stirbt und der Fuchs trauert, seufzte sie unwillkürlich. Dann dachte sie plötzlich an ihr eigenes Schicksal: „Ich bin ja nicht Schatzjades Hauptfrau, sondern nur eine Nebenfrau. Schatzjades Charakter kann man zwar vertrauen, aber wenn er einmal eine strenge Gattin bekommt, werde ich vielleicht ein zweites Schicksal wie You Erjie oder Xiangling erleiden. Nach allem, was die Alte Ahnin und Wang Furen durchblicken lassen und was Feng Jie immer wieder andeutet, wird es zweifellos Kajaljade sein. Und Kajaljade ist nun einmal ein überaus empfindlicher Mensch." Bei diesem Gedanken wurde ihr Gesicht heiß und ihr Herz klopfte; die Nadel stach irgendwohin. Sie legte die Handarbeit beiseite und ging zu Kajaljade hinüber, um ihre Stimmung auszuloten.
+
Nun war es so, dass nach Schatzjades Eintritt in die Schule der Hof der Roten Freude sich überaus ruhig und still anfühlte. Dufthauch konnte endlich einige Handarbeiten erledigen. Sie nahm Nadel und Faden zur Hand, um eine Betelnussbeutel-Stickerei anzufertigen, und dachte: „Jetzt, da Schatzjade seinen Lehrplan hat, haben die Mägde auch Ruhe. Hätte es so von Anfang an sein sollen, wäre Heitermuster nicht zu einem so kläglichen Ende gekommen." Wie der Hase stirbt und der Fuchs trauert, seufzte sie unwillkürlich. Dann dachte sie plötzlich an ihr eigenes Schicksal: „Ich bin ja nicht Schatzjades Hauptfrau, sondern nur eine Nebenfrau. Schatzjades Charakter kann man zwar vertrauen, aber wenn er einmal eine strenge Gattin bekommt, werde ich vielleicht ein zweites Schicksal wie Zweitschwester Sonders oder Duftkastanie erleiden. Nach allem, was die Alte Ahnin und Wang Furen durchblicken lassen und was Phönixglanz immer wieder andeutet, wird es zweifellos Kajaljade sein. Und Kajaljade ist nun einmal ein überaus empfindlicher Mensch." Bei diesem Gedanken wurde ihr Gesicht heiß und ihr Herz klopfte; die Nadel stach irgendwohin. Sie legte die Handarbeit beiseite und ging zu Kajaljade hinüber, um ihre Stimmung auszuloten.
  
 
Kajaljade saß gerade da und las. Als sie Dufthauch sah, erhob sie sich leicht und bat sie, Platz zu nehmen. Dufthauch kam ebenfalls eilig entgegen und fragte: „Geht es dem Fräulein in den letzten Tagen viel besser?" Kajaljade erwiderte: „Wie könnte das sein? Nur ein wenig kräftiger bin ich. Was machst du zu Hause?" Dufthauch sagte: „Seit der Zweite Herr in der Schule ist, gibt es im Hause nicht das Geringste zu tun, und so bin ich gekommen, um nach dem Fräulein zu sehen und ein wenig zu plaudern."
 
Kajaljade saß gerade da und las. Als sie Dufthauch sah, erhob sie sich leicht und bat sie, Platz zu nehmen. Dufthauch kam ebenfalls eilig entgegen und fragte: „Geht es dem Fräulein in den letzten Tagen viel besser?" Kajaljade erwiderte: „Wie könnte das sein? Nur ein wenig kräftiger bin ich. Was machst du zu Hause?" Dufthauch sagte: „Seit der Zweite Herr in der Schule ist, gibt es im Hause nicht das Geringste zu tun, und so bin ich gekommen, um nach dem Fräulein zu sehen und ein wenig zu plaudern."
  
Während sie sprachen, brachte Purpurkuckuck den Tee. Dufthauch sprang eilig auf und sagte: „Bleib sitzen, Schwester." Dann lachte sie und fuhr fort: „Neulich hörte ich von Qiuwen, dass du hinter meinem Rücken etwas über uns gesagt hast." Purpurkuckuck lachte ebenfalls: „Glaub ihr doch nicht, Schwester. Ich sagte nur, dass der Zweite Herr jetzt in der Schule ist, das Fräulein Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> [宝钗] nicht mehr herüberkommt und selbst Xiangling nicht mehr vorbeischaut — da langweilt man sich natürlich." Dufthauch sagte: „Du erwähnst Xiangling — die hat es wirklich schwer! Mit dieser Unheilsgöttin von Schwägerin — wie soll sie das nur aushalten?" Sie streckte zwei Finger aus und sagte: „Die ist, wenn ich so sagen darf, noch schlimmer als jene andere, die nicht einmal mehr den Anstand nach außen wahrt." Kajaljade schloss sich an: „Ja, die hat genug gelitten. Wie ist die Zweite Schwester You ums Leben gekommen?" Dufthauch sagte: „Nicht wahr? Bedenkt man es recht, sind doch alle Menschen gleich — nur weil der Status ein wenig anders ist, warum solche Grausamkeit? Auch der Ruf nach draußen ist nicht gut." Kajaljade hatte noch nie gehört, dass Dufthauch hinter anderer Leute Rücken so sprach. Da diese Worte einen Grund zu haben schienen, rührte es etwas in ihrem Herzen, und sie sagte: „Das ist schwer zu sagen. In Familienangelegenheiten ist es eben so: Entweder beugt der Ostwind den Westwind nieder, oder der Westwind beugt den Ostwind nieder." Dufthauch erwiderte: „Wer nur die Nebenfrau ist, hat von vornherein schon Angst im Herzen — wie sollte sie da wagen, andere zu schikanieren?"
+
Während sie sprachen, brachte Purpurkuckuck den Tee. Dufthauch sprang eilig auf und sagte: „Bleib sitzen, Schwester." Dann lachte sie und fuhr fort: „Neulich hörte ich von Herbstmuster, dass du hinter meinem Rücken etwas über uns gesagt hast." Purpurkuckuck lachte ebenfalls: „Glaub ihr doch nicht, Schwester. Ich sagte nur, dass der Zweite Herr jetzt in der Schule ist, das Fräulein Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> nicht mehr herüberkommt und selbst Duftkastanie nicht mehr vorbeischaut — da langweilt man sich natürlich." Dufthauch sagte: „Du erwähnst Duftkastanie — die hat es wirklich schwer! Mit dieser Unheilsgöttin von Schwägerin — wie soll sie das nur aushalten?" Sie streckte zwei Finger aus und sagte: „Die ist, wenn ich so sagen darf, noch schlimmer als jene andere, die nicht einmal mehr den Anstand nach außen wahrt." Kajaljade schloss sich an: „Ja, die hat genug gelitten. Wie ist die Zweitschwester Sonders ums Leben gekommen?" Dufthauch sagte: „Nicht wahr? Bedenkt man es recht, sind doch alle Menschen gleich — nur weil der Status ein wenig anders ist, warum solche Grausamkeit? Auch der Ruf nach draußen ist nicht gut." Kajaljade hatte noch nie gehört, dass Dufthauch hinter anderer Leute Rücken so sprach. Da diese Worte einen Grund zu haben schienen, rührte es etwas in ihrem Herzen, und sie sagte: „Das ist schwer zu sagen. In Familienangelegenheiten ist es eben so: Entweder beugt der Ostwind den Westwind nieder, oder der Westwind beugt den Ostwind nieder." Dufthauch erwiderte: „Wer nur die Nebenfrau ist, hat von vornherein schon Angst im Herzen — wie sollte sie da wagen, andere zu schikanieren?"
  
Während sie noch sprachen, fragte eine alte Dienerin draußen im Hof: „Ist dies das Gemach des Fräuleins Lin? Ist die Schwester hier?" Xueyan kam heraus und erkannte sie undeutlich als jemanden aus Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref>s Haushalt. Sie fragte: „Was gibt es?" Die Alte antwortete: „Unser Fräulein schickt mich, dem Fräulein Lin hier etwas zu bringen." Xueyan sagte: „Warte einen Augenblick." Xueyan ging hinein und meldete es Kajaljade. Kajaljade ließ sie hereinführen.
+
Während sie noch sprachen, fragte eine alte Dienerin draußen im Hof: „Ist dies das Gemach des Fräuleins Lin? Ist die Schwester hier?" Schneegans kam heraus und erkannte sie undeutlich als jemanden aus Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref>s Haushalt. Sie fragte: „Was gibt es?" Die Alte antwortete: „Unser Fräulein schickt mich, dem Fräulein Lin hier etwas zu bringen." Schneegans sagte: „Warte einen Augenblick." Schneegans ging hinein und meldete es Kajaljade. Kajaljade ließ sie hereinführen.
  
Die Alte trat ein, grüßte und musterte, statt zu sagen, was sie brächte, zunächst Kajaljade mit zusammengekniffenen Augen. Kajaljade wurde es unangenehm und sie fragte: „Was lässt das Fräulein Bao mir bringen?" Erst jetzt lachte die Alte und antwortete: „Unser Fräulein lässt dem Fräulein ein Glas eingelegte Litschis schicken." Dann erblickte sie Dufthauch und fragte: „Ist diese junge Dame nicht die Blumen-Schwester aus dem Gemach des Zweiten Herrn Bao?" Dufthauch lachte: „Woher kennt Ihr mich, Mütterchen?" Die Alte lachte: „Wir hüten nur die Zimmer bei der Gnädigen Frau und begleiten Gnädige Frau und die Fräulein selten nach draußen, daher kennen wir die Fräulein nicht alle. Wenn die Fräulein aber gelegentlich zu uns herüberkommen, erinnern wir uns vage." Damit reichte sie Xueyan ein Glas, wandte sich wieder um, betrachtete Kajaljade und sagte lachend zu Dufthauch: „Kein Wunder, dass unsere Gnädige Frau sagt, dieses Fräulein Lin und Euer Zweiter Herr Bao seien füreinander bestimmt — wahrhaftig, wie ein Wesen aus dem Himmel."
+
Die Alte trat ein, grüßte und musterte, statt zu sagen, was sie brächte, zunächst Kajaljade mit zusammengekniffenen Augen. Kajaljade wurde es unangenehm und sie fragte: „Was lässt das Fräulein Bao mir bringen?" Erst jetzt lachte die Alte und antwortete: „Unser Fräulein lässt dem Fräulein ein Glas eingelegte Litschis schicken." Dann erblickte sie Dufthauch und fragte: „Ist diese junge Dame nicht die Blumen-Schwester aus dem Gemach des Zweiten Herrn Bao?" Dufthauch lachte: „Woher kennt Ihr mich, Mütterchen?" Die Alte lachte: „Wir hüten nur die Zimmer bei der Gnädigen Frau und begleiten Gnädige Frau und die Fräulein selten nach draußen, daher kennen wir die Fräulein nicht alle. Wenn die Fräulein aber gelegentlich zu uns herüberkommen, erinnern wir uns vage." Damit reichte sie Schneegans ein Glas, wandte sich wieder um, betrachtete Kajaljade und sagte lachend zu Dufthauch: „Kein Wunder, dass unsere Gnädige Frau sagt, dieses Fräulein Lin und Euer Zweiter Herr Bao seien füreinander bestimmt — wahrhaftig, wie ein Wesen aus dem Himmel."
  
Dufthauch merkte, dass die Alte unbedacht sprach, und lenkte schnell ab: „Mütterchen, Ihr seid gewiss müde, setzt Euch und trinkt eine Tasse Tee." Die Alte lachte vergnügt: „Wir sind gerade beschäftigt — alle sind mit den Angelegenheiten des Fräuleins Qin beschäftigt. Das Fräulein hat noch zwei Gläser Litschis, die dem Zweiten Herrn Bao gebracht werden sollen." Damit verabschiedete sie sich zitternd und schlurfend. Kajaljade ärgerte sich zwar über die Unverschämtheit der Alten, aber da Schatzspange sie geschickt hatte, konnte sie ihr nichts antun. Erst als die Alte zur Tür hinaus war, rief sie ihr nach: „Richtet Eurem Fräulein meinen Dank für die Mühe aus." Die alte Dienerin murmelte noch vor sich hin: „Bei solcher Schönheit — wer außer Schatzjade wäre ihrer würdig?" Kajaljade tat, als hätte sie nichts gehört. Dufthauch lachte: „Wie kommt es, dass alte Leute so wirres Zeug reden? Man ärgert sich und muss gleichzeitig lachen." Bald brachte Xueyan das Glas herüber und zeigte es Kajaljade. Kajaljade sagte: „Ich habe keine Lust zu essen, stell es fort." Sie plauderten noch eine Weile, dann ging Dufthauch.
+
Dufthauch merkte, dass die Alte unbedacht sprach, und lenkte schnell ab: „Mütterchen, Ihr seid gewiss müde, setzt Euch und trinkt eine Tasse Tee." Die Alte lachte vergnügt: „Wir sind gerade beschäftigt — alle sind mit den Angelegenheiten des Fräuleins Qin beschäftigt. Das Fräulein hat noch zwei Gläser Litschis, die dem Zweiten Herrn Bao gebracht werden sollen." Damit verabschiedete sie sich zitternd und schlurfend. Kajaljade ärgerte sich zwar über die Unverschämtheit der Alten, aber da Schatzspange sie geschickt hatte, konnte sie ihr nichts antun. Erst als die Alte zur Tür hinaus war, rief sie ihr nach: „Richtet Eurem Fräulein meinen Dank für die Mühe aus." Die alte Dienerin murmelte noch vor sich hin: „Bei solcher Schönheit — wer außer Schatzjade wäre ihrer würdig?" Kajaljade tat, als hätte sie nichts gehört. Dufthauch lachte: „Wie kommt es, dass alte Leute so wirres Zeug reden? Man ärgert sich und muss gleichzeitig lachen." Bald brachte Schneegans das Glas herüber und zeigte es Kajaljade. Kajaljade sagte: „Ich habe keine Lust zu essen, stell es fort." Sie plauderten noch eine Weile, dann ging Dufthauch.
  
 
Als das Abendlicht bereits verblasste, betrat Kajaljade das innere Gemach. Ihr Blick fiel zufällig auf das Litschi-Glas, und unwillkürlich erinnerte sie sich an das wirre Gerede der alten Dienerin vom Tage — es stach ihr ins Herz. In dieser stillen Abendstunde überkamen sie tausend Sorgen und Kümmernisse. Sie dachte: „Mein Körper ist schwach, und ich werde älter. Schatzjades Herz gehört zwar keinem anderen, doch die Alte Ahnin und die Tante zeigen nicht die geringste Absicht. Warum haben meine Eltern, als sie noch lebten, diese Verlobung nicht früh festgelegt?" Dann dachte sie wieder: „Hätten meine Eltern mich damals anderswo verlobt, wo fände ich einen Mann von Schatzjades Aussehen und Charakter? So wie die Dinge jetzt stehen, gibt es vielleicht noch Hoffnung." Ihr Herz schwankte hin und her, die Gedanken verschlangen sich wie eine Seilwinde. Sie seufzte eine Weile, vergoss einige Tränen, und ohne Stimmung und Regung legte sie sich angekleidet nieder.
 
Als das Abendlicht bereits verblasste, betrat Kajaljade das innere Gemach. Ihr Blick fiel zufällig auf das Litschi-Glas, und unwillkürlich erinnerte sie sich an das wirre Gerede der alten Dienerin vom Tage — es stach ihr ins Herz. In dieser stillen Abendstunde überkamen sie tausend Sorgen und Kümmernisse. Sie dachte: „Mein Körper ist schwach, und ich werde älter. Schatzjades Herz gehört zwar keinem anderen, doch die Alte Ahnin und die Tante zeigen nicht die geringste Absicht. Warum haben meine Eltern, als sie noch lebten, diese Verlobung nicht früh festgelegt?" Dann dachte sie wieder: „Hätten meine Eltern mich damals anderswo verlobt, wo fände ich einen Mann von Schatzjades Aussehen und Charakter? So wie die Dinge jetzt stehen, gibt es vielleicht noch Hoffnung." Ihr Herz schwankte hin und her, die Gedanken verschlangen sich wie eine Seilwinde. Sie seufzte eine Weile, vergoss einige Tränen, und ohne Stimmung und Regung legte sie sich angekleidet nieder.
  
Ohne es zu merken, sah sie ein kleines Mädchen kommen, das sagte: „Draußen ist der alte Herr Jia, Yucun — er bittet das Fräulein um eine Audienz." Kajaljade sagte: „Obwohl ich bei ihm Unterricht hatte, bin ich doch nicht wie ein männlicher Schüler — warum sollte er mich sehen wollen? Zudem hat er bei seinen Besuchen beim Onkel mich nie erwähnt, ich muss ihn also nicht empfangen." Sie wies das Mädchen an: „Sage ihm, ich sei krank und könne nicht herauskommen. Er möge mir seinen Gruß bestellen." Das Mädchen sagte: „Aber er will dem Fräulein gratulieren — aus Nanjing sind Leute gekommen, um Euch abzuholen."
+
Ohne es zu merken, sah sie ein kleines Mädchen kommen, das sagte: „Draußen ist der alte Herr Jia, Regendorf — er bittet das Fräulein um eine Audienz." Kajaljade sagte: „Obwohl ich bei ihm Unterricht hatte, bin ich doch nicht wie ein männlicher Schüler — warum sollte er mich sehen wollen? Zudem hat er bei seinen Besuchen beim Onkel mich nie erwähnt, ich muss ihn also nicht empfangen." Sie wies das Mädchen an: „Sage ihm, ich sei krank und könne nicht herauskommen. Er möge mir seinen Gruß bestellen." Das Mädchen sagte: „Aber er will dem Fräulein gratulieren — aus Nanjing sind Leute gekommen, um Euch abzuholen."
  
Da kamen auch noch Feng Jie zusammen mit Xing Furen, Wang Furen und Schatzspange und sagten lachend: „Wir kommen zum einen, um zu gratulieren, zum anderen, um Abschied zu nehmen." Kajaljade erschrak: „Was redet ihr?" Feng Jie sagte: „Tu nicht so ahnungslos! Weißt du denn nicht, dass der Herr Lin zum Getreide-Intendanten von Hubei befördert wurde und eine Stiefmutter geheiratet hat, die ihm sehr nach dem Herzen ist? Nun meint man, dass es nicht angehe, dich hier sitzen zu lassen. Man hat Kaufmann Regenort als Heiratsvermittler gebeten, der dich irgendeinem Verwandten deiner Stiefmutter versprochen hat — es heißt, es sei eine Zweitehe. Deshalb schickt man Leute, um dich nach Hause zu holen. Sobald du ankommst, wird die Hochzeit stattfinden. Alles bestimmt deine Stiefmutter. Weil man befürchtet, dass du auf dem Weg nicht versorgt bist, soll dein Cousin Lian dich begleiten." Kajaljade brach der kalte Schweiß aus. Gleichzeitig schien es ihr undeutlich, als sei ihr Vater wirklich dort im Amt. Ihr Herz drängte; sie beharrte: „Das stimmt nicht, Schwester Feng treibt ihren Scherz!" Da zwinkerte Xing Furen Wang Furen zu: „Sie glaubt es noch nicht! Kommt, gehen wir." Kajaljade sagte mit Tränen: „Bitte bleibt doch einen Moment." Niemand antwortete; alle gingen mit kaltem Lächeln fort.
+
Da kamen auch noch Phönixglanz zusammen mit Xing Furen, Wang Furen und Schatzspange und sagten lachend: „Wir kommen zum einen, um zu gratulieren, zum anderen, um Abschied zu nehmen." Kajaljade erschrak: „Was redet ihr?" Phönixglanz sagte: „Tu nicht so ahnungslos! Weißt du denn nicht, dass der Herr Lin zum Getreide-Intendanten von Hubei befördert wurde und eine Stiefmutter geheiratet hat, die ihm sehr nach dem Herzen ist? Nun meint man, dass es nicht angehe, dich hier sitzen zu lassen. Man hat Regendorf Kaufmann als Heiratsvermittler gebeten, der dich irgendeinem Verwandten deiner Stiefmutter versprochen hat — es heißt, es sei eine Zweitehe. Deshalb schickt man Leute, um dich nach Hause zu holen. Sobald du ankommst, wird die Hochzeit stattfinden. Alles bestimmt deine Stiefmutter. Weil man befürchtet, dass du auf dem Weg nicht versorgt bist, soll dein Cousin Lian dich begleiten." Kajaljade brach der kalte Schweiß aus. Gleichzeitig schien es ihr undeutlich, als sei ihr Vater wirklich dort im Amt. Ihr Herz drängte; sie beharrte: „Das stimmt nicht, Schwester Phönix treibt ihren Scherz!" Da zwinkerte Xing Furen Wang Furen zu: „Sie glaubt es noch nicht! Kommt, gehen wir." Kajaljade sagte mit Tränen: „Bitte bleibt doch einen Moment." Niemand antwortete; alle gingen mit kaltem Lächeln fort.
  
Kajaljades Herz brannte vor Angst, doch sie konnte kein Wort hervorbringen. Schluchzend und würgend schien sie plötzlich wieder bei der Alten Ahnin zu sein. Sie dachte: „Wenn es überhaupt Rettung gibt, dann nur durch die Alte Ahnin." Sie kniete nieder, umklammerte die Beine der Alten Ahnin und flehte: „Alte Ahnin, rette mich! In den Süden gehe ich um keinen Preis — und mit einer Stiefmutter, die nicht meine leibliche Mutter ist! Ich will bei der Alten Ahnin bleiben." Doch die Alte Ahnin blickte sie starr an und sagte lächelnd: „Das geht mich nichts an." Kajaljade weinte: „Alte Ahnin, was soll das nur?" Die Alte Ahnin sagte: „Eine Zweitehe ist doch auch nicht schlecht — da bekommst du noch eine Mitgift dazu." Kajaljade schluchzte: „Ich werde der Alten Ahnin keinen unnötigen Groschen kosten, ich bitte nur, dass die Alte Ahnin mich rettet!" Die Alte Ahnin schwieg beharrlich. Kajaljade umklammerte sie weinend: „Alte Ahnin, Ihr wart immer die Gütigste und habt mich am meisten geliebt — warum kümmert Ihr Euch in der Not gar nicht? Sagt nicht, ich sei nur Eure Enkelin mütterlicherseits und stünde Euch ferner — meine Mutter war Eure leibliche Tochter! Um meiner Mutter willen solltet Ihr mich doch beschützen." Sie warf sich weinend in deren Arme. Doch die Alte Ahnin sagte: „Mandarinenente, bring das Fräulein hinaus, damit sie sich ausruht — sie hat mich ganz erschöpft."
+
Kajaljades Herz brannte vor Angst, doch sie konnte kein Wort hervorbringen. Schluchzend und würgend schien sie plötzlich wieder bei der Alten Ahnin zu sein. Sie dachte: „Wenn es überhaupt Rettung gibt, dann nur durch die Alte Ahnin." Sie kniete nieder, umklammerte die Beine der Alten Ahnin und flehte: „Alte Ahnin, rette mich! In den Süden gehe ich um keinen Preis — und mit einer Stiefmutter, die nicht meine leibliche Mutter ist! Ich will bei der Alten Ahnin bleiben." Doch die Alte Ahnin blickte sie starr an und sagte lächelnd: „Das geht mich nichts an." Kajaljade weinte: „Alte Ahnin, was soll das nur?" Die Alte Ahnin sagte: „Eine Zweitehe ist doch auch nicht schlecht — da bekommst du noch eine Mitgift dazu." Kajaljade schluchzte: „Ich werde der Alten Ahnin keinen unnötigen Groschen kosten, ich bitte nur, dass die Alte Ahnin mich rettet!" Die Alte Ahnin sagte: „Es nützt nichts mehr. Als Frau musst du irgendwann heiraten. Du als Kind verstehst das nicht — hier zu bleiben ist auf Dauer keine Lösung." Kajaljade schluchzte: „Ich will hier bleiben, und sei es als Magd, die sich selbst versorgt und ihr eigenes Brot verdient — wenn nur die Alte Ahnin entscheidet!" Die Alte Ahnin schwieg beharrlich. Kajaljade umklammerte sie weinend: „Alte Ahnin, Ihr wart immer die Gütigste und habt mich am meisten geliebt — warum kümmert Ihr Euch in der Not gar nicht? Sagt nicht, ich sei nur Eure Enkelin mütterlicherseits und stünde Euch ferner — meine Mutter war Eure leibliche Tochter! Um meiner Mutter willen solltet Ihr mich doch beschützen." Sie warf sich weinend in deren Arme. Doch die Alte Ahnin sagte: „Mandarinenente, bring das Fräulein hinaus, damit sie sich ausruht — sie hat mich ganz erschöpft."
  
 
Kajaljade erkannte, dass alles verloren war und weiteres Flehen nutzlos. Lieber wollte sie in den Tod gehen. Sie stand auf und stürzte hinaus, in tiefem Schmerz darüber, keine leibliche Mutter mehr zu haben. Die Großmutter, die Tanten, die Schwestern — wie gut sie sie immer behandelt hatten! Nun zeigte sich, dass alles nur Schein gewesen war. Dann dachte sie: „Wo ist heute Schatzjade? Wenn ich ihn noch einmal sehen könnte — hat er vielleicht ein Mittel?" Da stand Schatzjade vor ihr und sagte grinsend: „Herzlichen Glückwunsch, Schwesterchen!"
 
Kajaljade erkannte, dass alles verloren war und weiteres Flehen nutzlos. Lieber wollte sie in den Tod gehen. Sie stand auf und stürzte hinaus, in tiefem Schmerz darüber, keine leibliche Mutter mehr zu haben. Die Großmutter, die Tanten, die Schwestern — wie gut sie sie immer behandelt hatten! Nun zeigte sich, dass alles nur Schein gewesen war. Dann dachte sie: „Wo ist heute Schatzjade? Wenn ich ihn noch einmal sehen könnte — hat er vielleicht ein Mittel?" Da stand Schatzjade vor ihr und sagte grinsend: „Herzlichen Glückwunsch, Schwesterchen!"
  
Als Kajaljade das hörte, wurde ihre Verzweiflung grenzenlos. Alle Rücksicht vergessend, packte sie Schatzjade fest und rief: „Gut, Schatzjade! Heute erst erkenne ich, was für ein herzloser, treulos er Mensch du bist!" Schatzjade erwiderte: „Wieso herzlos und treulos? Da du nun einem anderen versprochen bist, geht jeder seinen eigenen Weg." Kajaljade wurde mit jedem Wort wütender und ratloser, klammerte sich weinend an Schatzjade und rief: „Guter Bruder, wohin soll ich gehen?" Schatzjade sagte: „Wenn du nicht gehen willst, bleib hier. Du warst doch mir versprochen, deshalb bist du in unser Haus gekommen. Wie ich dich behandelt habe — denk doch daran."
+
Als Kajaljade das hörte, wurde ihre Verzweiflung grenzenlos. Alle Rücksicht vergessend, packte sie Schatzjade fest und rief: „Gut, Schatzjade! Heute erst erkenne ich, was für ein herzloser, treuloser Mensch du bist!" Schatzjade erwiderte: „Wieso herzlos und treulos? Da du nun einem anderen versprochen bist, geht jeder seinen eigenen Weg." Kajaljade wurde mit jedem Wort wütender und ratloser, klammerte sich weinend an Schatzjade und rief: „Guter Bruder, wohin soll ich gehen?" Schatzjade sagte: „Wenn du nicht gehen willst, bleib hier. Du warst doch mir versprochen, deshalb bist du in unser Haus gekommen. Wie ich dich behandelt habe — denk doch daran."
  
 
Kajaljade war es undeutlich zumute, als hätte sie Schatzjade tatsächlich einst ihr Jawort gegeben. Plötzlich wandelte sich ihre Trauer in Freude, und sie fragte: „Ich bin nun fest entschlossen, auf Leben und Tod — sagst du mir nun endgültig, soll ich gehen oder nicht?" Schatzjade antwortete: „Ich sage dir, du sollst hierbleiben. Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh dir mein Herz an." Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und ritzte sich quer über die Brust. Frisches Blut strömte hervor. Kajaljade erschrak zu Tode, presste die Hand auf Schatzjades Herz und schluchzte: „Was hast du getan? Töte lieber erst mich!" Schatzjade sagte: „Hab keine Angst, ich zeige dir mein Herz." Dabei griff er mit der Hand in die aufgeritzte Stelle. Kajaljade zitterte, weinte und fürchtete, man könnte sie überraschen. Sie umklammerte Schatzjade und schluchzte bitterlich. Schatzjade rief: „Es ist zu spät! Mein Herz ist fort — ich kann nicht leben!" Seine Augen verdrehten sich nach oben, und mit einem dumpfen Laut fiel er um.
 
Kajaljade war es undeutlich zumute, als hätte sie Schatzjade tatsächlich einst ihr Jawort gegeben. Plötzlich wandelte sich ihre Trauer in Freude, und sie fragte: „Ich bin nun fest entschlossen, auf Leben und Tod — sagst du mir nun endgültig, soll ich gehen oder nicht?" Schatzjade antwortete: „Ich sage dir, du sollst hierbleiben. Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh dir mein Herz an." Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und ritzte sich quer über die Brust. Frisches Blut strömte hervor. Kajaljade erschrak zu Tode, presste die Hand auf Schatzjades Herz und schluchzte: „Was hast du getan? Töte lieber erst mich!" Schatzjade sagte: „Hab keine Angst, ich zeige dir mein Herz." Dabei griff er mit der Hand in die aufgeritzte Stelle. Kajaljade zitterte, weinte und fürchtete, man könnte sie überraschen. Sie umklammerte Schatzjade und schluchzte bitterlich. Schatzjade rief: „Es ist zu spät! Mein Herz ist fort — ich kann nicht leben!" Seine Augen verdrehten sich nach oben, und mit einem dumpfen Laut fiel er um.
Line 69: Line 60:
 
Kajaljade war nun hellwach, die Augen weit offen. Bald begann sie zu husten, und auch Purpurkuckuck wurde davon geweckt. Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, seid Ihr immer noch nicht eingeschlafen? Wieder hustet Ihr — vermutlich habt Ihr Euch erkältet. Das Fensterpapier wird schon hell, es wird bald Morgen. Ruht Euch aus, schont Eure Kräfte und grübelt nicht endlos hin und her." Kajaljade sagte: „Ich möchte ja schlafen, aber ich kann nicht. Schlaf du weiter." Dann hustete sie erneut. Purpurkuckuck sah Kajaljades Zustand, und auch ihr Herz zog sich zusammen; sie konnte nicht mehr schlafen. Als sie Kajaljade wieder husten hörte, stand sie eilig auf und hielt ihr die Spuckschale hin. Inzwischen war es hell geworden. Kajaljade fragte: „Willst du nicht mehr schlafen?" Purpurkuckuck lachte: „Es ist schon Tag — was soll ich noch schlafen?" Kajaljade sagte: „Dann wechsle die Spuckschale."
 
Kajaljade war nun hellwach, die Augen weit offen. Bald begann sie zu husten, und auch Purpurkuckuck wurde davon geweckt. Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, seid Ihr immer noch nicht eingeschlafen? Wieder hustet Ihr — vermutlich habt Ihr Euch erkältet. Das Fensterpapier wird schon hell, es wird bald Morgen. Ruht Euch aus, schont Eure Kräfte und grübelt nicht endlos hin und her." Kajaljade sagte: „Ich möchte ja schlafen, aber ich kann nicht. Schlaf du weiter." Dann hustete sie erneut. Purpurkuckuck sah Kajaljades Zustand, und auch ihr Herz zog sich zusammen; sie konnte nicht mehr schlafen. Als sie Kajaljade wieder husten hörte, stand sie eilig auf und hielt ihr die Spuckschale hin. Inzwischen war es hell geworden. Kajaljade fragte: „Willst du nicht mehr schlafen?" Purpurkuckuck lachte: „Es ist schon Tag — was soll ich noch schlafen?" Kajaljade sagte: „Dann wechsle die Spuckschale."
  
Purpurkuckuck antwortete bejahend, eilte hinaus, wechselte die Spuckschale und stellte die benutzte auf den Tisch. Sie öffnete die Tür des inneren Gemachs, zog sie wieder zu, ließ den bestickten Vorhang herab, weckte Xueyan und öffnete die äußere Tür. Als sie die Schale ausleeren wollte, sah sie, dass sie randvoll mit Schleim war — und im Schleim waren Blutflecken. Purpurkuckuck erschrak, und unwillkürlich entfuhr ihr: „O weh! Das darf doch nicht wahr sein!" Kajaljade rief von drinnen: „Was ist denn?" Purpurkuckuck bemerkte ihren Versprecher und korrigierte sich schnell: „Mir ist die Schale beinahe aus der Hand gerutscht." Kajaljade fragte: „Ist etwa etwas mit dem Auswurf in der Schale?" Purpurkuckuck sagte: „Nein, nichts." Während sie diese Worte sprach, wurde ihr das Herz schwer, die Tränen liefen ihr herab, und ihre Stimme klang schon ganz verändert.
+
Purpurkuckuck antwortete bejahend, eilte hinaus, wechselte die Spuckschale und stellte die benutzte auf den Tisch. Sie öffnete die Tür des inneren Gemachs, zog sie wieder zu, ließ den bestickten Vorhang herab, weckte Schneegans und öffnete die äußere Tür. Als sie die Schale ausleeren wollte, sah sie, dass sie randvoll mit Schleim war — und im Schleim waren Blutflecken. Purpurkuckuck erschrak, und unwillkürlich entfuhr ihr: „O weh! Das darf doch nicht wahr sein!" Kajaljade rief von drinnen: „Was ist denn?" Purpurkuckuck bemerkte ihren Versprecher und korrigierte sich schnell: „Mir ist die Schale beinahe aus der Hand gerutscht." Kajaljade fragte: „Ist etwa etwas mit dem Auswurf in der Schale?" Purpurkuckuck sagte: „Nein, nichts." Während sie diese Worte sprach, wurde ihr das Herz schwer, die Tränen liefen ihr herab, und ihre Stimme klang schon ganz verändert.
  
Kajaljade hatte selbst schon einen süßlich-blutigen Geschmack in der Kehle gespürt und war misstrauisch geworden. Als sie vorhin Purpurkuckucks erschrockenen Ausruf gehört hatte und nun auch Purpurkuckucks traurige Stimme vernahm, wusste sie fast sicher, woran sie war. Sie rief: „Komm herein, du erkältest dich draußen." Purpurkuckuck antwortete — und dieser Ton war noch trauriger als zuvor, ein Klang unterdrückter Tränen. Als Kajaljade das hörte, wurde ihr eiskalt. Sie sah Purpurkuckuck hereinkommen und sich mit dem Tuch die Augen wischen. Kajaljade fragte: „So früh am Morgen, warum weinst du?" Purpurkuckuck zwang sich zu einem Lächeln: „Wer weint denn? Heute Morgen sind meine Augen etwas gereizt. Fräulein, Ihr wart heute Nacht wohl noch länger wach als gewöhnlich? Ich hörte Euch die halbe Nacht husten." Kajaljade sagte: „Allerdings. Je mehr ich schlafen wollte, desto wacher wurde ich." Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, Ihr müsst Euch selbst Erleichterung verschaffen, wenn Ihr nicht gesund seid. Der Körper ist das Wichtigste. Wie das Sprichwort sagt: ‚Solange die grünen Berge stehen, braucht man kein Brennholz zu fürchten.' Zudem gibt es hier, von der Alten Ahnin und der Gnädigen Frau angefangen, niemanden, der das Fräulein nicht liebte!" Bei diesen Worten wurde Kajaljade an ihren Traum erinnert, und sie fühlte einen Stich im Herzen, ihre Augen verdunkelten sich, ihre Farbe veränderte sich. Purpurkuckuck hielt schnell die Spuckschale hin, Xueyan klopfte ihr den Rücken, und nach langer Zeit spuckte Kajaljade einen Klumpen Schleim aus — darin ein Streifen purpurnen Blutes, der zitternd aufspritzte. Purpurkuckuck und Xueyan wurden leichenblass vor Schreck. Sie wachten zu beiden Seiten, und Kajaljade sank benommen zurück. Purpurkuckuck sah, dass es schlimm stand, und deutete mit einer Geste Xueyan an, jemanden zu rufen.
+
Kajaljade hatte selbst schon einen süßlich-blutigen Geschmack in der Kehle gespürt und war misstrauisch geworden. Als sie vorhin Purpurkuckucks erschrockenen Ausruf gehört hatte und nun auch Purpurkuckucks traurige Stimme vernahm, wusste sie fast sicher, woran sie war. Sie rief: „Komm herein, du erkältest dich draußen." Purpurkuckuck antwortete — und dieser Ton war noch trauriger als zuvor, ein Klang unterdrückter Tränen. Als Kajaljade das hörte, wurde ihr eiskalt. Sie sah Purpurkuckuck hereinkommen und sich mit dem Tuch die Augen wischen. Kajaljade fragte: „So früh am Morgen, warum weinst du?" Purpurkuckuck zwang sich zu einem Lächeln: „Wer weint denn? Heute Morgen sind meine Augen etwas gereizt. Fräulein, Ihr wart heute Nacht wohl noch länger wach als gewöhnlich? Ich hörte Euch die halbe Nacht husten." Kajaljade sagte: „Allerdings. Je mehr ich schlafen wollte, desto wacher wurde ich." Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, Ihr müsst Euch selbst Erleichterung verschaffen, wenn Ihr nicht gesund seid. Der Körper ist das Wichtigste. Wie das Sprichwort sagt: ‚Solange die grünen Berge stehen, braucht man kein Brennholz zu fürchten.' Zudem gibt es hier, von der Alten Ahnin und der Gnädigen Frau angefangen, niemanden, der das Fräulein nicht liebte!" Bei diesen Worten wurde Kajaljade an ihren Traum erinnert, und sie fühlte einen Stich im Herzen, ihre Augen verdunkelten sich, ihre Farbe veränderte sich. Purpurkuckuck hielt schnell die Spuckschale hin, Schneegans klopfte ihr den Rücken, und nach langer Zeit spuckte Kajaljade einen Klumpen Schleim aus — darin ein Streifen purpurnen Blutes, der zitternd aufspritzte. Purpurkuckuck und Schneegans wurden leichenblass vor Schreck. Sie wachten zu beiden Seiten, und Kajaljade sank benommen zurück. Purpurkuckuck sah, dass es schlimm stand, und deutete mit einer Geste Schneegans an, jemanden zu rufen.
  
Xueyan trat gerade vor die Tür, da kamen Cuilü und Cuimo lachend herbei. Cuilü fragte: „Warum ist das Fräulein Lin zu so später Stunde noch nicht herausgekommen? Unser Fräulein und das Dritte Fräulein sind drüben beim Vierten Fräulein und besprechen das Gemälde, das sie von der Gartenlandschaft gemalt hat." Xueyan winkte hastig mit den Händen. Cuilü und Cuimo erschraken und fragten: „Was ist geschehen?" Xueyan erzählte ihnen alles. Beide streckten erschrocken die Zunge heraus und sagten: „Das ist kein Spaß! Warum habt ihr es nicht der Alten Ahnin gemeldet? So geht das doch nicht! Wie könnt ihr nur so begriffsstutzig sein!" Xueyan sagte: „Ich wollte gerade gehen, da kamt ihr schon."
+
Schneegans trat gerade vor die Tür, da kamen Cuilü und Cuimo lachend herbei. Cuilü fragte: „Warum ist das Fräulein Lin zu so später Stunde noch nicht herausgekommen? Unser Fräulein und das Dritte Fräulein sind drüben beim Vierten Fräulein und besprechen das Gemälde, das sie von der Gartenlandschaft gemalt hat." Schneegans winkte hastig mit den Händen. Cuilü und Cuimo erschraken und fragten: „Was ist geschehen?" Schneegans erzählte ihnen alles. Beide streckten erschrocken die Zunge heraus und sagten: „Das ist kein Spaß! Warum habt ihr es nicht der Alten Ahnin gemeldet? So geht das doch nicht! Wie könnt ihr nur so begriffsstutzig sein!" Schneegans sagte: „Ich wollte gerade gehen, da kamt ihr schon."
  
 
Gerade in diesem Moment rief Purpurkuckuck von drinnen: „Wer spricht dort draußen? Das Fräulein fragt." Alle drei gingen eilig zusammen hinein. Cuilü und Cuimo sahen, dass Kajaljade unter der Decke lag. Als sie die beiden erblickte, sagte sie: „Wer hat es euch erzählt, dass ihr so ein Aufheben macht?" Cuimo antwortete: „Unser Fräulein und die Wolken-Schwester sind gerade beim Vierten Fräulein drüben und besprechen das Gemälde. Wir sind geschickt worden, das Fräulein einzuladen, und wussten nicht, dass Ihr wieder unwohl seid." Kajaljade sagte: „Es ist nichts Schlimmes, ich fühle mich nur etwas schwach. Wenn ich mich ein wenig hinlege, stehe ich wieder auf. Sagt dem Dritten Fräulein und der Wolken-Schwester, sie mögen nach dem Essen, falls sie nichts zu tun haben, hierher kommen und bei mir sitzen. Ist der Zweite Herr Bao bei euch gewesen?" Beide verneinten. Cuimo fügte hinzu: „Der Zweite Herr Bao geht in letzter Zeit in die Schule; der Herr Vater kontrolliert jeden Tag die Aufgaben — da kann er nicht mehr wie früher überall herumrennen." Kajaljade hörte es und schwieg. Die beiden standen noch einen Augenblick, dann zogen sie sich leise zurück.
 
Gerade in diesem Moment rief Purpurkuckuck von drinnen: „Wer spricht dort draußen? Das Fräulein fragt." Alle drei gingen eilig zusammen hinein. Cuilü und Cuimo sahen, dass Kajaljade unter der Decke lag. Als sie die beiden erblickte, sagte sie: „Wer hat es euch erzählt, dass ihr so ein Aufheben macht?" Cuimo antwortete: „Unser Fräulein und die Wolken-Schwester sind gerade beim Vierten Fräulein drüben und besprechen das Gemälde. Wir sind geschickt worden, das Fräulein einzuladen, und wussten nicht, dass Ihr wieder unwohl seid." Kajaljade sagte: „Es ist nichts Schlimmes, ich fühle mich nur etwas schwach. Wenn ich mich ein wenig hinlege, stehe ich wieder auf. Sagt dem Dritten Fräulein und der Wolken-Schwester, sie mögen nach dem Essen, falls sie nichts zu tun haben, hierher kommen und bei mir sitzen. Ist der Zweite Herr Bao bei euch gewesen?" Beide verneinten. Cuimo fügte hinzu: „Der Zweite Herr Bao geht in letzter Zeit in die Schule; der Herr Vater kontrolliert jeden Tag die Aufgaben — da kann er nicht mehr wie früher überall herumrennen." Kajaljade hörte es und schwieg. Die beiden standen noch einen Augenblick, dann zogen sie sich leise zurück.
  
Indessen besprachen Spürfrühling<ref>Spürfrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref> [探春] und Wolke vom Xiang-Fluss<ref>Wolke vom Xiang-Fluss: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".</ref> [湘云] bei Bewahrfrühling<ref>Bewahrfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".</ref> [惜春] das von Bewahrfrühling gemalte Bild des „Großen Gartens der Betrachtung": hier fehlte ein Strich, dort war es zu viel; dies war zu weitläufig, jenes zu dicht. Man diskutierte auch über passende Inschriften und schickte nach Kajaljade, um sie um Rat zu bitten. Gerade da kehrten Cuilü und Cuimo mit verstörten Mienen zurück. Wolke vom Xiang-Fluss fragte als Erste: „Warum kommt das Fräulein Lin nicht?" Cuilü antwortete: „Das Fräulein Lin hatte gestern Nacht wieder einen Anfall und hat die ganze Nacht gehustet. Wie wir von Xueyan hörten, hat sie eine ganze Schale Blutsputum ausgespuckt." Spürfrühling fragte erschrocken: „Ist das wahr?" Cuilü sagte: „Wie sollte es nicht wahr sein?" Cuimo ergänzte: „Wir sind gerade hinein und haben nachgesehen — ihre Gesichtsfarbe ist gar keine Farbe mehr, und die Kraft zum Sprechen ist ganz schwach geworden." Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Wenn es so schlimm ist, wie kann sie dann noch sprechen?" Spürfrühling erwiderte: „Wie kannst du so begriffsstutzig sein? Wenn sie nicht mehr sprechen kann, dann ist sie ja bereits …" Bei diesen Worten brach sie ab. Bewahrfrühling sagte: „Schwester Lin ist doch so ein kluger Mensch, aber mir scheint, sie kann gewisse Dinge einfach nicht loslassen; jede Kleinigkeit nimmt sie sich zu Herzen. Aber wo gibt es in der Welt so viel Wahres?" Spürfrühling sagte: „Wenn es so steht, dann lasst uns alle zu ihr gehen. Wenn die Krankheit ernst ist, sollten wir es der Schwägerin melden, damit sie der Alten Ahnin Bescheid sagt und einen Arzt holt — man muss doch zu einem Entschluss kommen." Wolke vom Xiang-Fluss stimmte zu: „Ganz recht." Bewahrfrühling sagte: „Geht schon vor, ich komme nach."
+
Indessen besprachen Erkundefrühling<ref>Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref> und Xiangfluss-Wolke<ref>Xiangfluss-Wolke: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".</ref> bei Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".</ref> das von Bedauerfrühling gemalte Bild des „Gartens der Großen Anschauung": hier fehlte ein Strich, dort war es zu viel; dies war zu weitläufig, jenes zu dicht. Man diskutierte auch über passende Inschriften und schickte nach Kajaljade, um sie um Rat zu bitten. Gerade da kehrten Cuilü und Cuimo mit verstörten Mienen zurück. Xiangfluss-Wolke fragte als Erste: „Warum kommt das Fräulein Lin nicht?" Cuilü antwortete: „Das Fräulein Lin hatte gestern Nacht wieder einen Anfall und hat die ganze Nacht gehustet. Wie wir von Schneegans hörten, hat sie eine ganze Schale Blutsputum ausgespuckt." Erkundefrühling fragte erschrocken: „Ist das wahr?" Cuilü sagte: „Wie sollte es nicht wahr sein?" Cuimo ergänzte: „Wir sind gerade hinein und haben nachgesehen — ihre Gesichtsfarbe ist gar keine Farbe mehr, und die Kraft zum Sprechen ist ganz schwach geworden." Xiangfluss-Wolke sagte: „Wenn es so schlimm ist, wie kann sie dann noch sprechen?" Erkundefrühling erwiderte: „Wie kannst du so begriffsstutzig sein? Wenn sie nicht mehr sprechen kann, dann ist sie ja bereits …" Bei diesen Worten brach sie ab. Bedauerfrühling sagte: „Schwester Lin ist doch so ein kluger Mensch, aber mir scheint, sie kann gewisse Dinge einfach nicht loslassen; jede Kleinigkeit nimmt sie sich zu Herzen. Aber wo gibt es in der Welt so viel Wahres?" Erkundefrühling sagte: „Wenn es so steht, dann lasst uns alle zu ihr gehen. Wenn die Krankheit ernst ist, sollten wir es der Schwägerin melden, damit sie der Alten Ahnin Bescheid sagt und einen Arzt holt — man muss doch zu einem Entschluss kommen." Xiangfluss-Wolke stimmte zu: „Ganz recht." Bedauerfrühling sagte: „Geht schon vor, ich komme nach."
  
So gingen Spürfrühling und Wolke vom Xiang-Fluss, gestützt von kleinen Mägden, zum Xiaoxiang-Pavillon. Als sie eintraten, konnte Kajaljade sich des Kummers nicht erwehren. Dann dachte sie an den Traum: „Selbst die Alte Ahnin war so — was soll ich von den anderen erwarten? Zudem habe ich sie nicht gerufen; sie wären von allein nicht gekommen!" In ihrem Herzen dachte sie so, doch dem Anstand halber ließ sie sich von Purpurkuckuck aufrichten und bat sie herein. Spürfrühling und Wolke vom Xiang-Fluss setzten sich je an ein Ende des Bettrandes. Als sie Kajaljade in diesem Zustand sahen, waren auch sie bewegt. Spürfrühling fragte: „Schwester, was fehlt dir schon wieder?" Kajaljade antwortete: „Nichts Ernstes, ich fühle mich nur sehr kraftlos."
+
So gingen Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke, gestützt von kleinen Mägden, zum Xiaoxiang-Pavillon. Als sie eintraten, konnte Kajaljade sich des Kummers nicht erwehren. Dann dachte sie an den Traum: „Selbst die Alte Ahnin war so — was soll ich von den anderen erwarten? Zudem habe ich sie nicht gerufen; sie wären von allein nicht gekommen!" In ihrem Herzen dachte sie so, doch dem Anstand halber ließ sie sich von Purpurkuckuck aufrichten und bat sie herein. Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke setzten sich je an ein Ende des Bettrandes. Als sie Kajaljade in diesem Zustand sahen, waren auch sie bewegt. Erkundefrühling fragte: „Schwester, was fehlt dir schon wieder?" Kajaljade antwortete: „Nichts Ernstes, ich fühle mich nur sehr kraftlos."
  
Hinter Kajaljades Rücken deutete Purpurkuckuck verstohlen auf die Spuckschale. Wolke vom Xiang-Fluss, noch jung an Jahren und von aufrichtigem Temperament, griff sogleich nach der Schale. Als sie hineinblickte, erschrak sie zutiefst und rief: „Das hat Schwester ausgespuckt? So geht das doch nicht!" Anfangs hatte Kajaljade im Halbschlummer es nicht genau angesehen. Als Wolke vom Xiang-Fluss nun so sprach und Kajaljade hinblickte, sank ihr Herz sofort. Spürfrühling sah Wolke vom Xiang-Flusss Unbesonnenheit und beeilte sich zu erklären: „Das ist nur ein wenig Lungenfeuer — ein paar Blutspuren, das kommt häufig vor. Die Wolken-Schwester muss sich immer gleich so aufregen!" Wolke vom Xiang-Fluss errötete und bereute ihren Ausrutscher.
+
Hinter Kajaljades Rücken deutete Purpurkuckuck verstohlen auf die Spuckschale. Xiangfluss-Wolke, noch jung an Jahren und von aufrichtigem Temperament, griff sogleich nach der Schale. Als sie hineinblickte, erschrak sie zutiefst und rief: „Das hat Schwester ausgespuckt? So geht das doch nicht!" Anfangs hatte Kajaljade im Halbschlummer es nicht genau angesehen. Als Xiangfluss-Wolke nun so sprach und Kajaljade hinblickte, sank ihr Herz sofort. Erkundefrühling sah Xiangfluss-Wolkes Unbesonnenheit und beeilte sich zu erklären: „Das ist nur ein wenig Lungenfeuer — ein paar Blutspuren, das kommt häufig vor. Die Wolken-Schwester muss sich immer gleich so aufregen!" Xiangfluss-Wolke errötete und bereute ihren Ausrutscher.
  
Spürfrühling sah, dass Kajaljades Kräfte nachließen und sie erschöpft wirkte, und erhob sich schnell: „Schwester, ruh dich still aus. Wir kommen später wieder nach dir sehen." Kajaljade sagte: „Ich danke euch beiden für eure Sorge." Spürfrühling ermahnte Purpurkuckuck noch: „Pass gut auf das Fräulein auf." Purpurkuckuck bejahte. Spürfrühling wollte gerade gehen, da hörte man draußen jemanden losschimpfen.
+
Erkundefrühling sah, dass Kajaljades Kräfte nachließen und sie erschöpft wirkte, und erhob sich schnell: „Schwester, ruh dich still aus. Wir kommen später wieder nach dir sehen." Kajaljade sagte: „Ich danke euch beiden für eure Sorge." Erkundefrühling ermahnte Purpurkuckuck noch: „Pass gut auf das Fräulein auf." Purpurkuckuck bejahte. Erkundefrühling wollte gerade gehen, da hörte man draußen jemanden losschimpfen.
  
 
Wer es war, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
 
Wer es war, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.

Revision as of 19:30, 28 April 2026

Zweiundachtzigstes Kapitel

Der alte Gelehrte warnt mit seinen Erläuterungen ein eigensinniges Herz, Die kranke Xiaoxiang erschrickt in verworrenem Traum aus bösem Schlaf

Wie berichtet, kam Schatzjade[1] aus der Schule zurück und suchte die Alte Ahnin auf. Die Alte Ahnin lachte und sagte: „Gut so, nun ist das wilde Pferd gezäumt! Geh, besuche deinen Vater, und dann kannst du dich ein wenig zerstreuen." Schatzjade gehorchte und ging zu Aufrecht Kaufmann[2]. Aufrecht Kaufmann fragte: „Schon so früh aus der Schule? Hat der Lehrer dir einen Stundenplan festgelegt?" Schatzjade antwortete: „Ja: Am Morgen die Bücher ordnen, nach dem Essen Schönschrift üben, am Mittag Texte erläutern und Musteraufsätze lesen." Aufrecht Kaufmann nickte und sprach: „Geh nun, setz dich noch eine Weile zur Alten Ahnin. Du solltest auch etwas über die Pflichten des Lebens lernen und nicht nur dem Vergnügen nachjagen. Schlaf abends früh, steh jeden Morgen zeitig auf für die Schule. Hast du verstanden?"

Schatzjade beeilte sich, mehrmals „Ja" zu sagen, zog sich zurück, eilte noch schnell zu Wang Furen hinüber und schaute auch bei der Alten Ahnin vorbei. Dann drängte es ihn hinaus; am liebsten wäre er mit einem einzigen Schritt im Xiaoxiang-Pavillon[3] gewesen. Kaum an der Tür angekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!" Was Kajaljade[4] so erschreckte, dass sie zusammenfuhr. Purpurkuckuck[5] hob den Vorhang, und Schatzjade trat ein und setzte sich.

Kajaljade sagte: „Ich hörte undeutlich, dass du zum Unterricht gegangen bist — und bist schon wieder zurück?" Schatzjade rief: „Ach du meine Güte! Wurde ich nicht von Vater zum Lernen gerufen? Mir war, als würde ich euch nie wiedersehen. Mühsam habe ich einen ganzen Tag durchgestanden, und nun, da ich euch wiedersehe, ist es, als wäre ich von den Toten auferstanden. Wie wahr ist doch das alte Wort: ‚Ein Tag gleicht drei Herbsten' — das stimmt vollkommen." Kajaljade fragte: „Warst du schon oben?" Schatzjade antwortete: „Überall war ich schon." Kajaljade fragte: „Und anderswo?" Schatzjade: „Nein." Kajaljade sagte: „Du solltest auch die anderen besuchen." Schatzjade entgegnete: „Ich bin zu träge, mich jetzt noch zu bewegen. Ich möchte nur hier bei Schwester sitzen und ein Weilchen plaudern. Vater verlangt, dass ich früh schlafe und früh aufstehe — die anderen besuche ich morgen." Kajaljade sagte: „Sitz noch ein wenig, dann solltest du dich aber ausruhen." Schatzjade erwiderte: „Ich bin doch gar nicht müde, nur gelangweilt bis zum Ersticken. Gerade jetzt, wo wir zusammensitzen und die Langeweile sich zerstreut hat, treibst du mich schon fort." Kajaljade lächelte leicht und rief Purpurkuckuck zu: „Brüh dem Zweiten Herrn eine Schale meines Longjing-Tees auf. Der Zweite Herr studiert jetzt, das ist nicht mehr wie früher." Purpurkuckuck antwortete lachend, holte die Teeblätter und wies eine kleine Magd an, den Tee aufzubrühen.

Schatzjade fuhr fort: „Sprich mir bloß nicht vom Lernen! Mir sind diese moralischen Reden am verhasstesten. Am lächerlichsten sind die Achtgliedrigen Aufsätze: Wenn man sie benutzt, um sich Amt und Brot zu erschwindeln, meinetwegen — aber dann noch zu behaupten, man spräche im Namen der Heiligen und Weisen! Die Besseren flicken wenigstens noch ein paar Klassiker-Stellen zusammen; aber dann gibt es noch eine Sorte, die wirklich zum Lachen ist: im Kopf haben sie nichts, ziehen alles von hier und dort herbei, bis es vor Ochsendämonen und Schlangengöttern wimmelt, und halten sich auch noch für tiefsinnig. Was hat das mit der Darlegung der Lehre der Heiligen zu tun? Und jetzt besteht Vater unablässig darauf, dass ich das lerne — ich wage nicht zu widersprechen. Und du fängst jetzt auch noch vom Lernen an!" Kajaljade erwiderte: „Wir Mädchen brauchen das zwar nicht, aber als ich klein war und bei eurem Lehrer Regendorf unterrichtet wurde, habe ich auch hineingeschaut. Manches darin ist dem Gefühl und der Vernunft nahe, manches ist von klarer Feinheit und stiller Tiefe. Damals verstand ich nicht viel davon, fand es aber schön; man sollte nicht alles über einen Kamm scheren. Zudem ist es für den Erwerb der Beamtenlaufbahn immerhin eine ehrbare Sache." Als Schatzjade das hörte, klang es ihm unangenehm in den Ohren. Er dachte: „Kajaljade war nie so ein Mensch — wieso ist auch sie nun von Ehrgeiz und Eigennutz berauscht?" Aber er wagte nicht, ihr zu widersprechen, und lachte nur leise durch die Nase.

Während sie noch sprachen, hörten sie draußen zwei Personen reden — es waren Herbstmuster und Purpurkuckuck. Herbstmuster sagte: „Schwester Dufthauch[6] hat mich geschickt, ihn bei der Alten Ahnin abzuholen, und nun ist er hier." Purpurkuckuck entgegnete: „Wir haben gerade erst Tee aufgebrüht, lass ihn doch austrinken, bevor er geht." Beide kamen zusammen herein. Schatzjade sagte lachend zu Herbstmuster: „Ich komme gleich, warum musstest du dich bemühen, mich zu suchen?" Ehe Herbstmuster antworten konnte, sagte Purpurkuckuck: „Trink schnell deinen Tee und geh — die Leute haben den ganzen Tag an dich gedacht." Herbstmuster spuckte aus: „Pfui! Was für ein freches Ding!" Alle lachten. Schatzjade erhob sich und verabschiedete sich. Kajaljade begleitete ihn bis zur Zimmertür, Purpurkuckuck stand unten an der Treppe, und erst als Schatzjade gegangen war, kehrten sie ins Zimmer zurück.

Nun kam Schatzjade im Hof der Roten Freude an, betrat sein Zimmer und sah Dufthauch aus dem hinteren Raum entgegenkommen. Sie fragte: „Bist du zurück?" Herbstmuster antwortete: „Der Zweite Herr war schon lange da, er war drüben bei Fräulein Lin." Schatzjade fragte: „Ist heute etwas vorgefallen?" Dufthauch erwiderte: „Eigentlich nichts. Vorhin hat die Gnädige Frau die Schwester Mandarinenente[7] geschickt mit einer Botschaft an uns: Da der Herr Vater nun streng darauf besteht, dass du lernst, werden alle Mägde, die es wagen, mit dir zu scherzen, nach dem Beispiel von Heitermuster[8] und Schachspielerin bestraft. Wenn ich bedenke, wie ich dich die ganze Zeit bedient habe, nur um mir solche Worte einzuhandeln — da ist wenig Trost dabei." Dabei wurde sie traurig. Schatzjade beeilte sich zu sagen: „Liebe Schwester, sei unbesorgt, ich werde nur brav lernen, und dann wird die Gnädige Frau euch nicht mehr schelten. Heute Abend muss ich noch lesen, morgen verlangt der Lehrer, dass ich einen Text erläutere. Wenn ich etwas brauche, sind Moschusmond[9] und Herbstmuster ja da — ruh dich aus." Dufthauch sagte: „Wenn du wirklich bereit bist zu lernen, bedienen wir dich gern."

Schatzjade hörte es, aß hastig sein Abendessen und ließ die Lampe anzünden. Er holte die „Vier Bücher" hervor, die er durchgenommen hatte. Nur — wo sollte er anfangen? Er blätterte ein Buch durch: Kapitel für Kapitel schien es ihm verständlich; doch wenn er genauer nachprüfte, war es gar nicht so klar. Er las die Anmerkungen und die Erläuterungen. So trieb er es, bis die erste Nachtwache geschlagen hatte, und dachte bei sich: „Bei Gedichten und Versen fällt mir alles leicht, aber hierbei bin ich völlig ratlos." Er saß da und starrte vor sich hin. Dufthauch sagte: „Ruh dich aus, die Arbeit läuft nicht weg." Schatzjade murmelte nur wirre Antworten.

Moschusmond und Dufthauch brachten ihn zu Bett, und erst dann legten auch sie sich schlafen. Doch als Dufthauch einmal aufwachte, hörte sie, wie Schatzjade sich auf dem Kang noch immer hin und her wälzte. Sie sagte: „Du bist noch wach? Zergrüble dir nicht den Kopf, schone deine Kräfte, damit du morgen gut lernen kannst." Schatzjade sagte: „Das denke ich auch, nur kann ich nicht einschlafen. Komm, nimm mir eine Decke ab." Dufthauch entgegnete: „Es ist nicht heiß, lass das lieber." Schatzjade sagte: „Mir ist so unruhig ums Herz." Er strampelte die Decke von sich. Dufthauch kroch eilig auf, hielt ihn fest und legte die Hand auf seine Stirn — sie fühlte sich leicht fiebrig an. Sie sagte: „Bleib still liegen, du hast etwas Fieber." Schatzjade bestätigte: „Ja wohl." Dufthauch fragte: „Was soll das nur?" Schatzjade sagte: „Keine Angst, das kommt von meiner inneren Unruhe. Mach keinen Lärm, sonst erfährt Vater es und sagt bestimmt, ich stellte mich krank, um die Schule zu schwänzen — wie käme es sonst, dass die Krankheit so günstig fällt? Morgen bin ich besser, dann gehe ich wie gewohnt zur Schule, und die Sache ist erledigt." Dufthauch empfand Mitleid und sagte: „Ich lege mich neben dich." Sie klopfte ihm eine Weile den Rücken, und ohne es zu bemerken, schliefen beide ein.

Erst als die rote Sonne hoch am Himmel stand, wachten sie auf. Schatzjade rief: „Das ist schlimm, es ist spät!" Eilig wusch und kämmte er sich, fragte nach dem Befinden der Eltern und eilte zur Schule. Dairu hatte schon ein finsteres Gesicht aufgesetzt und sagte: „Kein Wunder, dass dein Vater sich ärgert und sagt, du taugst nichts! Am zweiten Tag bist du schon faul — was ist das für eine Zeit, um zu kommen?" Schatzjade erklärte das Fieber vom Vorabend, und damit war die Sache überstanden; er lernte wie gewohnt weiter.

Am späten Nachmittag sagte Dairu: „Schatzjade, da ist ein Kapitel — komm und erläutere es mir." Schatzjade kam herbei und sah, dass es das Kapitel „Die junge Generation ist zu fürchten" war. Schatzjade dachte bei sich: „Das geht noch an, zum Glück ist es nicht aus dem ‚Großen Lernen' oder der ‚Lehre von der Mitte'." Er fragte: „Wie soll ich es erläutern?" Dairu antwortete: „Erkläre mir den Kerngedanken und die einzelnen Sätze ausführlich." Schatzjade las das Kapitel erst einmal laut vor und sagte dann: „In diesem Kapitel ermutigt der Heilige die junge Generation, sich rechtzeitig anzustrengen, damit sie nicht am Ende …" An dieser Stelle hielt er inne und blickte zu Dairu auf. Dairu bemerkte es, lächelte und sprach: „Sprich nur weiter. Beim Erläutern von Texten gibt es keine Tabus. Im ‚Buch der Riten' heißt es: ‚Beim Lesen von Texten gelten keine Namenstabus.' Sprich frei. ‚Damit sie nicht am Ende' — was?" Schatzjade fuhr fort: „Damit sie nicht am Ende alt werden, ohne etwas erreicht zu haben. Zunächst spornt der Heilige mit den Worten ‚zu fürchten' den Ehrgeiz der jungen Generation an; dann warnt er mit ‚nicht mehr zu fürchten' vor einer verschwendeten Zukunft." Damit blickte er Dairu an. Dairu sagte: „Das mag angehen. Und die fortlaufende Erläuterung?" Schatzjade sagte: „Der Heilige sprach: Wenn ein Mensch jung ist, sind sein Verstand und seine Fähigkeiten überaus klug und tüchtig — das ist wahrhaft furchteinflößend. Wie kann man da im Voraus wissen, ob seine Zukunft nicht so sein wird wie meine Gegenwart? Wenn er aber sorglos und nachlässig mit vierzig oder fünfzig Jahren immer noch nichts erreicht hat, dann wird er, obgleich er in seiner Jugend vielversprechend wirkte, sein ganzes Leben lang von niemandem mehr gefürchtet werden." Dairu lachte und sagte: „Den Kerngedanken hast du eben klar dargelegt, nur in den einzelnen Sätzen ist noch etwas Kindisches. Die Worte ‚ohne Ruf' bedeuten nicht, dass man es nicht zu Amt und Karriere bringt. ‚Ruf' bedeutet, dass man wahrhaft die Vernunft durchdrungen und den rechten Weg erkannt hat; dann hat man auch ohne Amt einen ‚Ruf'. Andernfalls — gab es unter den alten Heiligen und Weisen nicht auch solche, die sich von der Welt zurückzogen und unbekannt blieben? Waren das etwa keine Menschen ohne Amt? Kann man ihnen etwa ‚keinen Ruf' zuschreiben? ‚Nicht mehr zu fürchten' bedeutet, dass man ihn einschätzen kann — dies steht dem ‚Wie kann man wissen' des ‚Wissens' gegenüber und hat nicht die Bedeutung von ‚fürchten'. Erst wenn man es von dieser Seite betrachtet, dringt man ins Detail vor. Verstehst du?" Schatzjade antwortete: „Ja, ich verstehe."

Dairu fuhr fort: „Noch ein Kapitel sollst du erläutern." Er blätterte eine Seite vor und zeigte es Schatzjade. Schatzjade sah, dass es sich um „Ich habe noch keinen gesehen, der die Tugend so liebte wie die Schönheit" handelte. Schatzjade spürte, dass dieses Kapitel sein Innerstes traf, und sagte mit verlegenem Lächeln: „Über diesen Satz gibt es nicht viel zu sagen." Dairu rief: „Unsinn! Wenn bei einer Prüfung dieses Thema gestellt würde, würdest du auch sagen, darüber lasse sich nichts schreiben?" Schatzjade musste sich fügen und erläuterte: „Der Heilige sah, dass die Menschen die Tugend nicht pflegen wollten. Sobald sie Schönheit erblickten, waren sie ganz und gar hingerissen. Sie bedachten nicht, dass die Tugend etwas ist, das der menschlichen Natur von Anbeginn innewohnt, und doch will niemand sie pflegen. Was aber die Schönheit betrifft — sie ist zwar auch etwas, das man von Geburt an mitbringt, und niemand liebt sie nicht. Doch die Tugend ist himmlische Vernunft, die Schönheit hingegen menschliche Begierde. Wie könnte der Mensch bereit sein, die himmlische Vernunft ebenso zu lieben wie die menschliche Begierde? Obwohl der Heilige damit sein Bedauern ausdrückt, hofft er zugleich, dass die Menschen umkehren. Zudem zeigt er, dass es zwar Menschen gibt, die die Tugend lieben, doch ihre Liebe bleibt stets oberflächlich. Erst wenn man sie so liebte wie die Schönheit, wäre es wahre Tugendliebe."

Dairu sagte: „Das ist auch noch annehmbar. Aber ich habe eine Frage an dich: Du verstehst die Worte des Heiligen — warum leidest du selbst gerade an diesen beiden Gebrechen? Obgleich ich nicht in eurem Haus wohne und dein Vater mir nichts davon erzählt hat, kenne ich doch alle deine Schwächen genau. Als Mensch — wie kann man nicht nach Fortschritt streben? Du bist jetzt gerade im Alter, da ‚die junge Generation zu fürchten' ist: Ob du ‚einen Ruf erlangst' oder ‚nicht mehr zu fürchten bist', liegt ganz in deiner eigenen Hand. Ich gebe dir jetzt einen Monat, um alle alten Texte vollständig aufzuarbeiten; dann noch einen Monat für die Aufsätze. Danach werde ich dir Themen stellen und Aufsätze von dir verlangen. Wehe, du wirst nachlässig — das werde ich keinesfalls dulden! Wie das alte Sprichwort sagt: ‚Wer etwas werden will, hat keine Ruhe; wer Ruhe will, wird nichts.' Merke dir meine Worte gut." Schatzjade sagte ja und musste sich fügen, Tag für Tag seinen Aufgaben nachzugehen. Davon sei nicht weiter berichtet.

Nun war es so, dass nach Schatzjades Eintritt in die Schule der Hof der Roten Freude sich überaus ruhig und still anfühlte. Dufthauch konnte endlich einige Handarbeiten erledigen. Sie nahm Nadel und Faden zur Hand, um eine Betelnussbeutel-Stickerei anzufertigen, und dachte: „Jetzt, da Schatzjade seinen Lehrplan hat, haben die Mägde auch Ruhe. Hätte es so von Anfang an sein sollen, wäre Heitermuster nicht zu einem so kläglichen Ende gekommen." Wie der Hase stirbt und der Fuchs trauert, seufzte sie unwillkürlich. Dann dachte sie plötzlich an ihr eigenes Schicksal: „Ich bin ja nicht Schatzjades Hauptfrau, sondern nur eine Nebenfrau. Schatzjades Charakter kann man zwar vertrauen, aber wenn er einmal eine strenge Gattin bekommt, werde ich vielleicht ein zweites Schicksal wie Zweitschwester Sonders oder Duftkastanie erleiden. Nach allem, was die Alte Ahnin und Wang Furen durchblicken lassen und was Phönixglanz immer wieder andeutet, wird es zweifellos Kajaljade sein. Und Kajaljade ist nun einmal ein überaus empfindlicher Mensch." Bei diesem Gedanken wurde ihr Gesicht heiß und ihr Herz klopfte; die Nadel stach irgendwohin. Sie legte die Handarbeit beiseite und ging zu Kajaljade hinüber, um ihre Stimmung auszuloten.

Kajaljade saß gerade da und las. Als sie Dufthauch sah, erhob sie sich leicht und bat sie, Platz zu nehmen. Dufthauch kam ebenfalls eilig entgegen und fragte: „Geht es dem Fräulein in den letzten Tagen viel besser?" Kajaljade erwiderte: „Wie könnte das sein? Nur ein wenig kräftiger bin ich. Was machst du zu Hause?" Dufthauch sagte: „Seit der Zweite Herr in der Schule ist, gibt es im Hause nicht das Geringste zu tun, und so bin ich gekommen, um nach dem Fräulein zu sehen und ein wenig zu plaudern."

Während sie sprachen, brachte Purpurkuckuck den Tee. Dufthauch sprang eilig auf und sagte: „Bleib sitzen, Schwester." Dann lachte sie und fuhr fort: „Neulich hörte ich von Herbstmuster, dass du hinter meinem Rücken etwas über uns gesagt hast." Purpurkuckuck lachte ebenfalls: „Glaub ihr doch nicht, Schwester. Ich sagte nur, dass der Zweite Herr jetzt in der Schule ist, das Fräulein Schatzspange[10] nicht mehr herüberkommt und selbst Duftkastanie nicht mehr vorbeischaut — da langweilt man sich natürlich." Dufthauch sagte: „Du erwähnst Duftkastanie — die hat es wirklich schwer! Mit dieser Unheilsgöttin von Schwägerin — wie soll sie das nur aushalten?" Sie streckte zwei Finger aus und sagte: „Die ist, wenn ich so sagen darf, noch schlimmer als jene andere, die nicht einmal mehr den Anstand nach außen wahrt." Kajaljade schloss sich an: „Ja, die hat genug gelitten. Wie ist die Zweitschwester Sonders ums Leben gekommen?" Dufthauch sagte: „Nicht wahr? Bedenkt man es recht, sind doch alle Menschen gleich — nur weil der Status ein wenig anders ist, warum solche Grausamkeit? Auch der Ruf nach draußen ist nicht gut." Kajaljade hatte noch nie gehört, dass Dufthauch hinter anderer Leute Rücken so sprach. Da diese Worte einen Grund zu haben schienen, rührte es etwas in ihrem Herzen, und sie sagte: „Das ist schwer zu sagen. In Familienangelegenheiten ist es eben so: Entweder beugt der Ostwind den Westwind nieder, oder der Westwind beugt den Ostwind nieder." Dufthauch erwiderte: „Wer nur die Nebenfrau ist, hat von vornherein schon Angst im Herzen — wie sollte sie da wagen, andere zu schikanieren?"

Während sie noch sprachen, fragte eine alte Dienerin draußen im Hof: „Ist dies das Gemach des Fräuleins Lin? Ist die Schwester hier?" Schneegans kam heraus und erkannte sie undeutlich als jemanden aus Tante Schnee[11]s Haushalt. Sie fragte: „Was gibt es?" Die Alte antwortete: „Unser Fräulein schickt mich, dem Fräulein Lin hier etwas zu bringen." Schneegans sagte: „Warte einen Augenblick." Schneegans ging hinein und meldete es Kajaljade. Kajaljade ließ sie hereinführen.

Die Alte trat ein, grüßte und musterte, statt zu sagen, was sie brächte, zunächst Kajaljade mit zusammengekniffenen Augen. Kajaljade wurde es unangenehm und sie fragte: „Was lässt das Fräulein Bao mir bringen?" Erst jetzt lachte die Alte und antwortete: „Unser Fräulein lässt dem Fräulein ein Glas eingelegte Litschis schicken." Dann erblickte sie Dufthauch und fragte: „Ist diese junge Dame nicht die Blumen-Schwester aus dem Gemach des Zweiten Herrn Bao?" Dufthauch lachte: „Woher kennt Ihr mich, Mütterchen?" Die Alte lachte: „Wir hüten nur die Zimmer bei der Gnädigen Frau und begleiten Gnädige Frau und die Fräulein selten nach draußen, daher kennen wir die Fräulein nicht alle. Wenn die Fräulein aber gelegentlich zu uns herüberkommen, erinnern wir uns vage." Damit reichte sie Schneegans ein Glas, wandte sich wieder um, betrachtete Kajaljade und sagte lachend zu Dufthauch: „Kein Wunder, dass unsere Gnädige Frau sagt, dieses Fräulein Lin und Euer Zweiter Herr Bao seien füreinander bestimmt — wahrhaftig, wie ein Wesen aus dem Himmel."

Dufthauch merkte, dass die Alte unbedacht sprach, und lenkte schnell ab: „Mütterchen, Ihr seid gewiss müde, setzt Euch und trinkt eine Tasse Tee." Die Alte lachte vergnügt: „Wir sind gerade beschäftigt — alle sind mit den Angelegenheiten des Fräuleins Qin beschäftigt. Das Fräulein hat noch zwei Gläser Litschis, die dem Zweiten Herrn Bao gebracht werden sollen." Damit verabschiedete sie sich zitternd und schlurfend. Kajaljade ärgerte sich zwar über die Unverschämtheit der Alten, aber da Schatzspange sie geschickt hatte, konnte sie ihr nichts antun. Erst als die Alte zur Tür hinaus war, rief sie ihr nach: „Richtet Eurem Fräulein meinen Dank für die Mühe aus." Die alte Dienerin murmelte noch vor sich hin: „Bei solcher Schönheit — wer außer Schatzjade wäre ihrer würdig?" Kajaljade tat, als hätte sie nichts gehört. Dufthauch lachte: „Wie kommt es, dass alte Leute so wirres Zeug reden? Man ärgert sich und muss gleichzeitig lachen." Bald brachte Schneegans das Glas herüber und zeigte es Kajaljade. Kajaljade sagte: „Ich habe keine Lust zu essen, stell es fort." Sie plauderten noch eine Weile, dann ging Dufthauch.

Als das Abendlicht bereits verblasste, betrat Kajaljade das innere Gemach. Ihr Blick fiel zufällig auf das Litschi-Glas, und unwillkürlich erinnerte sie sich an das wirre Gerede der alten Dienerin vom Tage — es stach ihr ins Herz. In dieser stillen Abendstunde überkamen sie tausend Sorgen und Kümmernisse. Sie dachte: „Mein Körper ist schwach, und ich werde älter. Schatzjades Herz gehört zwar keinem anderen, doch die Alte Ahnin und die Tante zeigen nicht die geringste Absicht. Warum haben meine Eltern, als sie noch lebten, diese Verlobung nicht früh festgelegt?" Dann dachte sie wieder: „Hätten meine Eltern mich damals anderswo verlobt, wo fände ich einen Mann von Schatzjades Aussehen und Charakter? So wie die Dinge jetzt stehen, gibt es vielleicht noch Hoffnung." Ihr Herz schwankte hin und her, die Gedanken verschlangen sich wie eine Seilwinde. Sie seufzte eine Weile, vergoss einige Tränen, und ohne Stimmung und Regung legte sie sich angekleidet nieder.

Ohne es zu merken, sah sie ein kleines Mädchen kommen, das sagte: „Draußen ist der alte Herr Jia, Regendorf — er bittet das Fräulein um eine Audienz." Kajaljade sagte: „Obwohl ich bei ihm Unterricht hatte, bin ich doch nicht wie ein männlicher Schüler — warum sollte er mich sehen wollen? Zudem hat er bei seinen Besuchen beim Onkel mich nie erwähnt, ich muss ihn also nicht empfangen." Sie wies das Mädchen an: „Sage ihm, ich sei krank und könne nicht herauskommen. Er möge mir seinen Gruß bestellen." Das Mädchen sagte: „Aber er will dem Fräulein gratulieren — aus Nanjing sind Leute gekommen, um Euch abzuholen."

Da kamen auch noch Phönixglanz zusammen mit Xing Furen, Wang Furen und Schatzspange und sagten lachend: „Wir kommen zum einen, um zu gratulieren, zum anderen, um Abschied zu nehmen." Kajaljade erschrak: „Was redet ihr?" Phönixglanz sagte: „Tu nicht so ahnungslos! Weißt du denn nicht, dass der Herr Lin zum Getreide-Intendanten von Hubei befördert wurde und eine Stiefmutter geheiratet hat, die ihm sehr nach dem Herzen ist? Nun meint man, dass es nicht angehe, dich hier sitzen zu lassen. Man hat Regendorf Kaufmann als Heiratsvermittler gebeten, der dich irgendeinem Verwandten deiner Stiefmutter versprochen hat — es heißt, es sei eine Zweitehe. Deshalb schickt man Leute, um dich nach Hause zu holen. Sobald du ankommst, wird die Hochzeit stattfinden. Alles bestimmt deine Stiefmutter. Weil man befürchtet, dass du auf dem Weg nicht versorgt bist, soll dein Cousin Lian dich begleiten." Kajaljade brach der kalte Schweiß aus. Gleichzeitig schien es ihr undeutlich, als sei ihr Vater wirklich dort im Amt. Ihr Herz drängte; sie beharrte: „Das stimmt nicht, Schwester Phönix treibt ihren Scherz!" Da zwinkerte Xing Furen Wang Furen zu: „Sie glaubt es noch nicht! Kommt, gehen wir." Kajaljade sagte mit Tränen: „Bitte bleibt doch einen Moment." Niemand antwortete; alle gingen mit kaltem Lächeln fort.

Kajaljades Herz brannte vor Angst, doch sie konnte kein Wort hervorbringen. Schluchzend und würgend schien sie plötzlich wieder bei der Alten Ahnin zu sein. Sie dachte: „Wenn es überhaupt Rettung gibt, dann nur durch die Alte Ahnin." Sie kniete nieder, umklammerte die Beine der Alten Ahnin und flehte: „Alte Ahnin, rette mich! In den Süden gehe ich um keinen Preis — und mit einer Stiefmutter, die nicht meine leibliche Mutter ist! Ich will bei der Alten Ahnin bleiben." Doch die Alte Ahnin blickte sie starr an und sagte lächelnd: „Das geht mich nichts an." Kajaljade weinte: „Alte Ahnin, was soll das nur?" Die Alte Ahnin sagte: „Eine Zweitehe ist doch auch nicht schlecht — da bekommst du noch eine Mitgift dazu." Kajaljade schluchzte: „Ich werde der Alten Ahnin keinen unnötigen Groschen kosten, ich bitte nur, dass die Alte Ahnin mich rettet!" Die Alte Ahnin sagte: „Es nützt nichts mehr. Als Frau musst du irgendwann heiraten. Du als Kind verstehst das nicht — hier zu bleiben ist auf Dauer keine Lösung." Kajaljade schluchzte: „Ich will hier bleiben, und sei es als Magd, die sich selbst versorgt und ihr eigenes Brot verdient — wenn nur die Alte Ahnin entscheidet!" Die Alte Ahnin schwieg beharrlich. Kajaljade umklammerte sie weinend: „Alte Ahnin, Ihr wart immer die Gütigste und habt mich am meisten geliebt — warum kümmert Ihr Euch in der Not gar nicht? Sagt nicht, ich sei nur Eure Enkelin mütterlicherseits und stünde Euch ferner — meine Mutter war Eure leibliche Tochter! Um meiner Mutter willen solltet Ihr mich doch beschützen." Sie warf sich weinend in deren Arme. Doch die Alte Ahnin sagte: „Mandarinenente, bring das Fräulein hinaus, damit sie sich ausruht — sie hat mich ganz erschöpft."

Kajaljade erkannte, dass alles verloren war und weiteres Flehen nutzlos. Lieber wollte sie in den Tod gehen. Sie stand auf und stürzte hinaus, in tiefem Schmerz darüber, keine leibliche Mutter mehr zu haben. Die Großmutter, die Tanten, die Schwestern — wie gut sie sie immer behandelt hatten! Nun zeigte sich, dass alles nur Schein gewesen war. Dann dachte sie: „Wo ist heute Schatzjade? Wenn ich ihn noch einmal sehen könnte — hat er vielleicht ein Mittel?" Da stand Schatzjade vor ihr und sagte grinsend: „Herzlichen Glückwunsch, Schwesterchen!"

Als Kajaljade das hörte, wurde ihre Verzweiflung grenzenlos. Alle Rücksicht vergessend, packte sie Schatzjade fest und rief: „Gut, Schatzjade! Heute erst erkenne ich, was für ein herzloser, treuloser Mensch du bist!" Schatzjade erwiderte: „Wieso herzlos und treulos? Da du nun einem anderen versprochen bist, geht jeder seinen eigenen Weg." Kajaljade wurde mit jedem Wort wütender und ratloser, klammerte sich weinend an Schatzjade und rief: „Guter Bruder, wohin soll ich gehen?" Schatzjade sagte: „Wenn du nicht gehen willst, bleib hier. Du warst doch mir versprochen, deshalb bist du in unser Haus gekommen. Wie ich dich behandelt habe — denk doch daran."

Kajaljade war es undeutlich zumute, als hätte sie Schatzjade tatsächlich einst ihr Jawort gegeben. Plötzlich wandelte sich ihre Trauer in Freude, und sie fragte: „Ich bin nun fest entschlossen, auf Leben und Tod — sagst du mir nun endgültig, soll ich gehen oder nicht?" Schatzjade antwortete: „Ich sage dir, du sollst hierbleiben. Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh dir mein Herz an." Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und ritzte sich quer über die Brust. Frisches Blut strömte hervor. Kajaljade erschrak zu Tode, presste die Hand auf Schatzjades Herz und schluchzte: „Was hast du getan? Töte lieber erst mich!" Schatzjade sagte: „Hab keine Angst, ich zeige dir mein Herz." Dabei griff er mit der Hand in die aufgeritzte Stelle. Kajaljade zitterte, weinte und fürchtete, man könnte sie überraschen. Sie umklammerte Schatzjade und schluchzte bitterlich. Schatzjade rief: „Es ist zu spät! Mein Herz ist fort — ich kann nicht leben!" Seine Augen verdrehten sich nach oben, und mit einem dumpfen Laut fiel er um.

Kajaljade schrie aus Leibeskräften, da hörte sie Purpurkuckuck rufen: „Fräulein, Fräulein! Ein Albtraum hat Euch gepackt — wacht auf, zieht Euch um und legt Euch schlafen." Kajaljade wälzte sich um — es war nur ein böser Traum gewesen. In der Kehle würgte es sie noch, das Herz hämmerte wild. Das Kopfkissen war durchnässt, Schultern und Rücken fühlten sich eiskalt an. Sie überlegte: „Meine Eltern sind längst tot, und zwischen Schatzjade und mir ist noch nichts vereinbart — wie kam ich auf solche Gedanken?" Dann dachte sie an den Traum: So hilflos und verlassen! Und wenn Schatzjade wirklich stürbe — was sollte sie dann tun? Aus dem Schmerz erwuchs neuer Schmerz, und ihre Seele geriet in Aufruhr.

Sie weinte noch eine Weile, und am ganzen Körper trat leichter Schweiß hervor. Mühsam richtete sie sich auf, zog den äußeren Mantel aus, ließ sich von Purpurkuckuck die Decke richten und legte sich wieder hin. Doch sie wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Draußen hörte sie ein Rauschen und Rascheln, das wie Wind, aber auch wie Regen klang. Dann war es wieder still, und von fern hörte sie Rufe — doch es war nur Purpurkuckuck, die bereits schlief und deren Atem hörbar ein und aus ging. Mühsam richtete sie sich auf, wickelte sich in die Decke und saß eine Weile da. Aus den Fensterfugen drang ein kühler Luftzug, der ihr eine Gänsehaut über den Körper jagte. Sie legte sich wieder hin. Gerade wollte sie in einen Halbschlummer sinken, da hörte sie auf dem Bambus unzählige Spatzen zwitschern und piepsen, ohne aufzuhören. Das Fensterpapier wurde durch den Rahmen hindurch allmählich von klarem Licht durchschienen.

Kajaljade war nun hellwach, die Augen weit offen. Bald begann sie zu husten, und auch Purpurkuckuck wurde davon geweckt. Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, seid Ihr immer noch nicht eingeschlafen? Wieder hustet Ihr — vermutlich habt Ihr Euch erkältet. Das Fensterpapier wird schon hell, es wird bald Morgen. Ruht Euch aus, schont Eure Kräfte und grübelt nicht endlos hin und her." Kajaljade sagte: „Ich möchte ja schlafen, aber ich kann nicht. Schlaf du weiter." Dann hustete sie erneut. Purpurkuckuck sah Kajaljades Zustand, und auch ihr Herz zog sich zusammen; sie konnte nicht mehr schlafen. Als sie Kajaljade wieder husten hörte, stand sie eilig auf und hielt ihr die Spuckschale hin. Inzwischen war es hell geworden. Kajaljade fragte: „Willst du nicht mehr schlafen?" Purpurkuckuck lachte: „Es ist schon Tag — was soll ich noch schlafen?" Kajaljade sagte: „Dann wechsle die Spuckschale."

Purpurkuckuck antwortete bejahend, eilte hinaus, wechselte die Spuckschale und stellte die benutzte auf den Tisch. Sie öffnete die Tür des inneren Gemachs, zog sie wieder zu, ließ den bestickten Vorhang herab, weckte Schneegans und öffnete die äußere Tür. Als sie die Schale ausleeren wollte, sah sie, dass sie randvoll mit Schleim war — und im Schleim waren Blutflecken. Purpurkuckuck erschrak, und unwillkürlich entfuhr ihr: „O weh! Das darf doch nicht wahr sein!" Kajaljade rief von drinnen: „Was ist denn?" Purpurkuckuck bemerkte ihren Versprecher und korrigierte sich schnell: „Mir ist die Schale beinahe aus der Hand gerutscht." Kajaljade fragte: „Ist etwa etwas mit dem Auswurf in der Schale?" Purpurkuckuck sagte: „Nein, nichts." Während sie diese Worte sprach, wurde ihr das Herz schwer, die Tränen liefen ihr herab, und ihre Stimme klang schon ganz verändert.

Kajaljade hatte selbst schon einen süßlich-blutigen Geschmack in der Kehle gespürt und war misstrauisch geworden. Als sie vorhin Purpurkuckucks erschrockenen Ausruf gehört hatte und nun auch Purpurkuckucks traurige Stimme vernahm, wusste sie fast sicher, woran sie war. Sie rief: „Komm herein, du erkältest dich draußen." Purpurkuckuck antwortete — und dieser Ton war noch trauriger als zuvor, ein Klang unterdrückter Tränen. Als Kajaljade das hörte, wurde ihr eiskalt. Sie sah Purpurkuckuck hereinkommen und sich mit dem Tuch die Augen wischen. Kajaljade fragte: „So früh am Morgen, warum weinst du?" Purpurkuckuck zwang sich zu einem Lächeln: „Wer weint denn? Heute Morgen sind meine Augen etwas gereizt. Fräulein, Ihr wart heute Nacht wohl noch länger wach als gewöhnlich? Ich hörte Euch die halbe Nacht husten." Kajaljade sagte: „Allerdings. Je mehr ich schlafen wollte, desto wacher wurde ich." Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, Ihr müsst Euch selbst Erleichterung verschaffen, wenn Ihr nicht gesund seid. Der Körper ist das Wichtigste. Wie das Sprichwort sagt: ‚Solange die grünen Berge stehen, braucht man kein Brennholz zu fürchten.' Zudem gibt es hier, von der Alten Ahnin und der Gnädigen Frau angefangen, niemanden, der das Fräulein nicht liebte!" Bei diesen Worten wurde Kajaljade an ihren Traum erinnert, und sie fühlte einen Stich im Herzen, ihre Augen verdunkelten sich, ihre Farbe veränderte sich. Purpurkuckuck hielt schnell die Spuckschale hin, Schneegans klopfte ihr den Rücken, und nach langer Zeit spuckte Kajaljade einen Klumpen Schleim aus — darin ein Streifen purpurnen Blutes, der zitternd aufspritzte. Purpurkuckuck und Schneegans wurden leichenblass vor Schreck. Sie wachten zu beiden Seiten, und Kajaljade sank benommen zurück. Purpurkuckuck sah, dass es schlimm stand, und deutete mit einer Geste Schneegans an, jemanden zu rufen.

Schneegans trat gerade vor die Tür, da kamen Cuilü und Cuimo lachend herbei. Cuilü fragte: „Warum ist das Fräulein Lin zu so später Stunde noch nicht herausgekommen? Unser Fräulein und das Dritte Fräulein sind drüben beim Vierten Fräulein und besprechen das Gemälde, das sie von der Gartenlandschaft gemalt hat." Schneegans winkte hastig mit den Händen. Cuilü und Cuimo erschraken und fragten: „Was ist geschehen?" Schneegans erzählte ihnen alles. Beide streckten erschrocken die Zunge heraus und sagten: „Das ist kein Spaß! Warum habt ihr es nicht der Alten Ahnin gemeldet? So geht das doch nicht! Wie könnt ihr nur so begriffsstutzig sein!" Schneegans sagte: „Ich wollte gerade gehen, da kamt ihr schon."

Gerade in diesem Moment rief Purpurkuckuck von drinnen: „Wer spricht dort draußen? Das Fräulein fragt." Alle drei gingen eilig zusammen hinein. Cuilü und Cuimo sahen, dass Kajaljade unter der Decke lag. Als sie die beiden erblickte, sagte sie: „Wer hat es euch erzählt, dass ihr so ein Aufheben macht?" Cuimo antwortete: „Unser Fräulein und die Wolken-Schwester sind gerade beim Vierten Fräulein drüben und besprechen das Gemälde. Wir sind geschickt worden, das Fräulein einzuladen, und wussten nicht, dass Ihr wieder unwohl seid." Kajaljade sagte: „Es ist nichts Schlimmes, ich fühle mich nur etwas schwach. Wenn ich mich ein wenig hinlege, stehe ich wieder auf. Sagt dem Dritten Fräulein und der Wolken-Schwester, sie mögen nach dem Essen, falls sie nichts zu tun haben, hierher kommen und bei mir sitzen. Ist der Zweite Herr Bao bei euch gewesen?" Beide verneinten. Cuimo fügte hinzu: „Der Zweite Herr Bao geht in letzter Zeit in die Schule; der Herr Vater kontrolliert jeden Tag die Aufgaben — da kann er nicht mehr wie früher überall herumrennen." Kajaljade hörte es und schwieg. Die beiden standen noch einen Augenblick, dann zogen sie sich leise zurück.

Indessen besprachen Erkundefrühling[12] und Xiangfluss-Wolke[13] bei Bedauerfrühling[14] das von Bedauerfrühling gemalte Bild des „Gartens der Großen Anschauung": hier fehlte ein Strich, dort war es zu viel; dies war zu weitläufig, jenes zu dicht. Man diskutierte auch über passende Inschriften und schickte nach Kajaljade, um sie um Rat zu bitten. Gerade da kehrten Cuilü und Cuimo mit verstörten Mienen zurück. Xiangfluss-Wolke fragte als Erste: „Warum kommt das Fräulein Lin nicht?" Cuilü antwortete: „Das Fräulein Lin hatte gestern Nacht wieder einen Anfall und hat die ganze Nacht gehustet. Wie wir von Schneegans hörten, hat sie eine ganze Schale Blutsputum ausgespuckt." Erkundefrühling fragte erschrocken: „Ist das wahr?" Cuilü sagte: „Wie sollte es nicht wahr sein?" Cuimo ergänzte: „Wir sind gerade hinein und haben nachgesehen — ihre Gesichtsfarbe ist gar keine Farbe mehr, und die Kraft zum Sprechen ist ganz schwach geworden." Xiangfluss-Wolke sagte: „Wenn es so schlimm ist, wie kann sie dann noch sprechen?" Erkundefrühling erwiderte: „Wie kannst du so begriffsstutzig sein? Wenn sie nicht mehr sprechen kann, dann ist sie ja bereits …" Bei diesen Worten brach sie ab. Bedauerfrühling sagte: „Schwester Lin ist doch so ein kluger Mensch, aber mir scheint, sie kann gewisse Dinge einfach nicht loslassen; jede Kleinigkeit nimmt sie sich zu Herzen. Aber wo gibt es in der Welt so viel Wahres?" Erkundefrühling sagte: „Wenn es so steht, dann lasst uns alle zu ihr gehen. Wenn die Krankheit ernst ist, sollten wir es der Schwägerin melden, damit sie der Alten Ahnin Bescheid sagt und einen Arzt holt — man muss doch zu einem Entschluss kommen." Xiangfluss-Wolke stimmte zu: „Ganz recht." Bedauerfrühling sagte: „Geht schon vor, ich komme nach."

So gingen Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke, gestützt von kleinen Mägden, zum Xiaoxiang-Pavillon. Als sie eintraten, konnte Kajaljade sich des Kummers nicht erwehren. Dann dachte sie an den Traum: „Selbst die Alte Ahnin war so — was soll ich von den anderen erwarten? Zudem habe ich sie nicht gerufen; sie wären von allein nicht gekommen!" In ihrem Herzen dachte sie so, doch dem Anstand halber ließ sie sich von Purpurkuckuck aufrichten und bat sie herein. Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke setzten sich je an ein Ende des Bettrandes. Als sie Kajaljade in diesem Zustand sahen, waren auch sie bewegt. Erkundefrühling fragte: „Schwester, was fehlt dir schon wieder?" Kajaljade antwortete: „Nichts Ernstes, ich fühle mich nur sehr kraftlos."

Hinter Kajaljades Rücken deutete Purpurkuckuck verstohlen auf die Spuckschale. Xiangfluss-Wolke, noch jung an Jahren und von aufrichtigem Temperament, griff sogleich nach der Schale. Als sie hineinblickte, erschrak sie zutiefst und rief: „Das hat Schwester ausgespuckt? So geht das doch nicht!" Anfangs hatte Kajaljade im Halbschlummer es nicht genau angesehen. Als Xiangfluss-Wolke nun so sprach und Kajaljade hinblickte, sank ihr Herz sofort. Erkundefrühling sah Xiangfluss-Wolkes Unbesonnenheit und beeilte sich zu erklären: „Das ist nur ein wenig Lungenfeuer — ein paar Blutspuren, das kommt häufig vor. Die Wolken-Schwester muss sich immer gleich so aufregen!" Xiangfluss-Wolke errötete und bereute ihren Ausrutscher.

Erkundefrühling sah, dass Kajaljades Kräfte nachließen und sie erschöpft wirkte, und erhob sich schnell: „Schwester, ruh dich still aus. Wir kommen später wieder nach dir sehen." Kajaljade sagte: „Ich danke euch beiden für eure Sorge." Erkundefrühling ermahnte Purpurkuckuck noch: „Pass gut auf das Fräulein auf." Purpurkuckuck bejahte. Erkundefrühling wollte gerade gehen, da hörte man draußen jemanden losschimpfen.

Wer es war, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.

  1. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  2. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
  3. Xiaoxiang-Pavillon (潇湘馆): Kajaljades Wohnsitz im Garten der Großen Anschauung, benannt nach dem Xiang-Fluss in Hunan.
  4. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  5. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
  6. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
  7. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".
  8. Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".
  9. Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".
  10. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  11. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
  12. Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
  13. Xiangfluss-Wolke: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".
  14. Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).