Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 57"

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(DE4 Korrektur-Update Kap. 57)
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Die Herzoginmutter ließ allerlei kostbare Arzneien bringen — Pillen zur Austreibung böser Einflüsse, Pulver zur Öffnung der Sinne und andere geheime Heilmittel aus den Palastapotheken —, die man ihm nach Vorschrift verabreichte. Am nächsten Tag bekam er auch wieder die Medizin des Leibarztes König und wurde allmählich besser. Im Grunde war Schatzjades Verstand klar, doch aus Angst, Purpurkuckuck könne gehen, spielte er zuweilen den Verrückten. Purpurkuckuck hatte sich seit jenem Tag aufrichtig geschämt. Jetzt pflegte sie ihn Tag und Nacht ohne jeden Unmut. Dufthauch und die anderen fühlten sich beruhigt. Lächelnd sagten sie zu Purpurkuckuck: „Du hast das alles angerichtet, und du musst es auch wieder heilen. Man hat ja noch nie gesehen, dass unser Dummkopf jeden Wind gleich für Regen nimmt. Was soll nur später werden!" Doch davon sei vorerst nicht weiter die Rede.
 
Die Herzoginmutter ließ allerlei kostbare Arzneien bringen — Pillen zur Austreibung böser Einflüsse, Pulver zur Öffnung der Sinne und andere geheime Heilmittel aus den Palastapotheken —, die man ihm nach Vorschrift verabreichte. Am nächsten Tag bekam er auch wieder die Medizin des Leibarztes König und wurde allmählich besser. Im Grunde war Schatzjades Verstand klar, doch aus Angst, Purpurkuckuck könne gehen, spielte er zuweilen den Verrückten. Purpurkuckuck hatte sich seit jenem Tag aufrichtig geschämt. Jetzt pflegte sie ihn Tag und Nacht ohne jeden Unmut. Dufthauch und die anderen fühlten sich beruhigt. Lächelnd sagten sie zu Purpurkuckuck: „Du hast das alles angerichtet, und du musst es auch wieder heilen. Man hat ja noch nie gesehen, dass unser Dummkopf jeden Wind gleich für Regen nimmt. Was soll nur später werden!" Doch davon sei vorerst nicht weiter die Rede.
  
Da Xiangyuns Krankheit inzwischen völlig ausgeheilt war, kam sie jeden Tag zu Besuch. Als Schatzjade wieder bei Sinnen war, schilderte sie ihm sein Verhalten während der Krankheit so anschaulich, dass er lachend den Kopf ins Kissen drückte. Was man ihm erzählte, konnte er gar nicht glauben, denn an sein früheres Gebaren erinnerte er sich überhaupt nicht. Wenn niemand sonst zugegen war und nur Purpurkuckuck an seiner Seite saß, nahm er sie bei der Hand und fragte: „Warum hast du mich so erschreckt?"
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Da Xiang-Flusswolke Geschichtes Krankheit inzwischen völlig ausgeheilt war, kam sie jeden Tag zu Besuch. Als Schatzjade wieder bei Sinnen war, schilderte sie ihm sein Verhalten während der Krankheit so anschaulich, dass er lachend den Kopf ins Kissen drückte. Was man ihm erzählte, konnte er gar nicht glauben, denn an sein früheres Gebaren erinnerte er sich überhaupt nicht. Wenn niemand sonst zugegen war und nur Purpurkuckuck an seiner Seite saß, nahm er sie bei der Hand und fragte: „Warum hast du mich so erschreckt?"
 
Purpurkuckuck antwortete: „Es war nur ein Scherz, und du hast es gleich ernst genommen."
 
Purpurkuckuck antwortete: „Es war nur ein Scherz, und du hast es gleich ernst genommen."
 
Schatzjade sagte: „Du hast es so überzeugend erzählt — wie soll das ein Scherz gewesen sein?"
 
Schatzjade sagte: „Du hast es so überzeugend erzählt — wie soll das ein Scherz gewesen sein?"
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Es war gerade Tante Schnees Geburtstag. Von der Herzoginmutter angefangen hatte jeder Glückwünsche und Geschenke gesandt. Auch Kajaljade hatte schon zwei Sätze Nadelarbeiten vorbereitet. An diesem Tag wurde auch eine kleine Theateraufführung arrangiert, um die Herzoginmutter und Dame König zu unterhalten. Nur Schatzjade und Kajaljade konnten nicht dabei sein. Am Abend schauten die Herzoginmutter und die anderen auf dem Heimweg noch bei den beiden vorbei, dann erst kehrten sie in ihre Gemächer zurück. Am nächsten Tag lud Tante Schnee über ihren Neffen Xü Ke die Geschäftspartner zu einem Gelage ein. So vergingen geschäftig drei bis vier Tage.
 
Es war gerade Tante Schnees Geburtstag. Von der Herzoginmutter angefangen hatte jeder Glückwünsche und Geschenke gesandt. Auch Kajaljade hatte schon zwei Sätze Nadelarbeiten vorbereitet. An diesem Tag wurde auch eine kleine Theateraufführung arrangiert, um die Herzoginmutter und Dame König zu unterhalten. Nur Schatzjade und Kajaljade konnten nicht dabei sein. Am Abend schauten die Herzoginmutter und die anderen auf dem Heimweg noch bei den beiden vorbei, dann erst kehrten sie in ihre Gemächer zurück. Am nächsten Tag lud Tante Schnee über ihren Neffen Xü Ke die Geschäftspartner zu einem Gelage ein. So vergingen geschäftig drei bis vier Tage.
  
Da Tante Schnee an Xing Xiuyan ein gesittetes, zurückhaltendes und aus bescheidenen Verhältnissen stammendes Mädchen sah — eine wahre „Dornhaarnadel und Leinenrock-Tochter" —, dachte sie zunächst daran, sie mit Xü Pan zu vermählen. Da jedoch Xü Pans Lebenswandel für seine Ausschweifungen bekannt war, fürchtete sie, er könne ein solches Mädchen zugrunde richten. Während sie noch zögerte, fiel ihr ein, dass Xü Ke noch unverheiratet war. Sie betrachtete die beiden und fand, sie seien wie füreinander geschaffen. So besprach sie die Sache mit Phönixglanz.
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Da Tante Schnee an Höhlennebel Strafe ein gesittetes, zurückhaltendes und aus bescheidenen Verhältnissen stammendes Mädchen sah — eine wahre „Dornhaarnadel und Leinenrock-Tochter" —, dachte sie zunächst daran, sie mit Xü Pan zu vermählen. Da jedoch Xü Pans Lebenswandel für seine Ausschweifungen bekannt war, fürchtete sie, er könne ein solches Mädchen zugrunde richten. Während sie noch zögerte, fiel ihr ein, dass Xü Ke noch unverheiratet war. Sie betrachtete die beiden und fand, sie seien wie füreinander geschaffen. So besprach sie die Sache mit Phönixglanz.
 
Phönixglanz seufzte: „Die Tante kennt unsere gnädige Frau — sie hat manchmal einen Dickkopf. Überlasst das mir, ich werde behutsam vorgehen."
 
Phönixglanz seufzte: „Die Tante kennt unsere gnädige Frau — sie hat manchmal einen Dickkopf. Überlasst das mir, ich werde behutsam vorgehen."
 
Als die Herzoginmutter einmal Phönixglanz besuchte, sagte diese: „Tante Schnee hat eine Bitte an die Herzoginmutter, traut sich aber nicht, damit herauszurücken."
 
Als die Herzoginmutter einmal Phönixglanz besuchte, sagte diese: „Tante Schnee hat eine Bitte an die Herzoginmutter, traut sich aber nicht, damit herauszurücken."
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Dame Sonders stimmte eilig zu. Tante Schnee war überglücklich und ließ zu Hause sofort eine Einladungskarte für das Stillfriede-Anwesen schreiben. Dame Sonders kannte Dame Strafes Art nur zu gut und hätte sich am liebsten nicht eingemischt, doch da die Herzoginmutter sie persönlich beauftragt hatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Sie richtete sich ganz nach Dame Strafes Wünschen. Tante Schnee war in solchen Dingen unkompliziert und leicht zufriedenzustellen. Doch das braucht hier nicht weiter erörtert zu werden.
 
Dame Sonders stimmte eilig zu. Tante Schnee war überglücklich und ließ zu Hause sofort eine Einladungskarte für das Stillfriede-Anwesen schreiben. Dame Sonders kannte Dame Strafes Art nur zu gut und hätte sich am liebsten nicht eingemischt, doch da die Herzoginmutter sie persönlich beauftragt hatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Sie richtete sich ganz nach Dame Strafes Wünschen. Tante Schnee war in solchen Dingen unkompliziert und leicht zufriedenzustellen. Doch das braucht hier nicht weiter erörtert zu werden.
  
Nun, da Tante Schnee Xing Xiuyan als künftige Schwiegertochter bestimmt hatte, wusste es das ganze Anwesen. Dame Strafe wollte Xiuyan eigentlich zu sich holen. Die Herzoginmutter aber sagte: „Was macht das schon? Die beiden jungen Leute sehen sich doch nicht. Und für die Tante ist Xiuyan einmal die ältere Schwiegertochter und einmal die jüngere — was soll daran falsch sein? Außerdem sind es alles Mädchen, die können doch ganz vertraut miteinander umgehen." Daraufhin gab Dame Strafe nach.
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Nun, da Tante Schnee Höhlennebel Strafe als künftige Schwiegertochter bestimmt hatte, wusste es das ganze Anwesen. Dame Strafe wollte Xiuyan eigentlich zu sich holen. Die Herzoginmutter aber sagte: „Was macht das schon? Die beiden jungen Leute sehen sich doch nicht. Und für die Tante ist Xiuyan einmal die ältere Schwiegertochter und einmal die jüngere — was soll daran falsch sein? Außerdem sind es alles Mädchen, die können doch ganz vertraut miteinander umgehen." Daraufhin gab Dame Strafe nach.
  
 
Xü Ke und Xiuyan waren sich ja schon auf der Reise flüchtig begegnet, und im Grunde waren wohl beide im Stillen zufrieden. Nur war Xiuyan im Umgang mit den Schwestern Schatzspange jetzt natürlich etwas befangener als früher, zumal Xiangfluss-Wolke gerne neckte, was die Sache nicht leichter machte. Zum Glück war Xiuyan ein gebildetes, wohlerzogenes Mädchen, das sich zwar seiner mädchenhaften Zurückhaltung bewusst war, aber nicht zu jener Sorte gehörte, die falsche Scham und gespielte Scheu zur Schau stellt.
 
Xü Ke und Xiuyan waren sich ja schon auf der Reise flüchtig begegnet, und im Grunde waren wohl beide im Stillen zufrieden. Nur war Xiuyan im Umgang mit den Schwestern Schatzspange jetzt natürlich etwas befangener als früher, zumal Xiangfluss-Wolke gerne neckte, was die Sache nicht leichter machte. Zum Glück war Xiuyan ein gebildetes, wohlerzogenes Mädchen, das sich zwar seiner mädchenhaften Zurückhaltung bewusst war, aber nicht zu jener Sorte gehörte, die falsche Scham und gespielte Scheu zur Schau stellt.

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 57 Die kluge Purpurkuckuck[1] prüft den stürmischen Schatzjade[2] mit gefühlvollen Worten — Die gütige Tante Schnee[3] tröstet die schwermütige Kajaljade[4] mit liebevollen Reden

Es wird erzählt, dass Schatzjade, als er Dame König[5]s Ruf hörte, eilig zu ihr hinüberging. Es stellte sich heraus, dass Dame König ihn mitnehmen wollte, um bei der Dame der Familie Echt[6] einen Besuch zu machen. Schatzjade freute sich natürlich und ging rasch seine Kleider wechseln. Dann begleitete er Dame König dorthin. Als er dort die Verhältnisse des Hauses sah, unterschieden sie sich kaum von denen der Rong-guo-[7] und Stillfriede-Anwesen, nur das eine oder andere mochte ein wenig prächtiger sein. Bei näherem Nachfragen erfuhr er, dass es in der Tat auch dort einen Schatzjade gab. Die Dame der Familie Echt bat sie zum Essen, und erst gegen Abend kehrten sie zurück. Nun war Schatzjade überzeugt. Am Abend, als sie wieder zu Hause waren, befahl Dame König, man solle ein erstklassiges Festmahl richten und eine berühmte Theatertruppe bestellen, um Dame Zhen mit ihrer Tochter einzuladen. Zwei Tage später verabschiedeten sich Mutter und Tochter und kehrten an den Amtssitz zurück. Davon sei hier nicht weiter die Rede.

An diesem Tag stellte Schatzjade fest, dass es Xiangfluss-Wolke[8] allmählich besser ging, und ging danach zu Kajaljade. Diese hielt gerade ihren Mittagsschlaf, und Schatzjade wagte nicht, sie zu stören. Da Purpurkuckuck im Wandelgang saß und an einer Nadelarbeit werkte, trat er zu ihr und fragte: „War es letzte Nacht mit dem Husten besser?" Purpurkuckuck antwortete: „Etwas besser." Schatzjade rief lächelnd: „Amitabha Buddha[9]! Wenn sie doch nur endlich gesund würde!" Purpurkuckuck entgegnete lächelnd: „Seit wann rufst du denn den Buddha an? Das ist ja etwas ganz Neues!" Schatzjade lachte: „Es heißt ja auch: 'In der äußersten Not sucht man jeden Arzt auf.'" Während sie so sprachen, bemerkte er, dass sie ein dünnes, mit schwarzer Tusche bespritztes Seidenjäkkchen trug und darüber nur eine gefütterte Weste aus blaugrüner Atlasseide. Schatzjade streckte die Hand aus, betastete ihre Kleidung und sagte: „So dünn angezogen sitzt du auch noch im Durchzug. Bei diesem launischen Frühlingswind und dem schlechten Wetter — wenn du noch krank wirst, wäre das erst recht ein Unglück." Purpurkuckuck erwiderte: „Von nun an wollen wir nur noch miteinander reden, aber ohne uns zu berühren. Von Jahr zu Jahr wirst du älter, und die Leute finden es unanständig, wenn sie das sehen. Die schlimmsten unter dem Gesinde reden hinter deinem Rücken über dich, doch du achtest nie darauf und benimmst dich noch immer wie ein Kind. Wie soll das denn gehen? Das Fräulein trägt uns ständig auf, mit dir weder zu scherzen noch zu lachen. In letzter Zeit hältst du dich ja ohnehin schon von ihr fern, als fürchtest du, ihr nicht fern genug zu sein." Mit diesen Worten stand sie auf, nahm ihr Nähzeug und ging in ein anderes Zimmer.

Schatzjade fühlte sich, als hätte man ihm einen Kübel kaltes Wasser über den Kopf gegossen. Er stand da, starrte die Bambusstauden an und fiel in eine Art Erstarrung. Gerade kam eine alte Dienerin, um Bambussprossen auszugraben und die Halme zu stutzen. Wie betäubt ging er hinaus. Seine Seele schien den Körper verlassen zu haben, sein Geist wusste nichts mehr. Er ließ sich auf einen Felsbrocken sinken und versank in Gedanken, und unversehens liefen ihm die Tränen herunter. So saß er da, völlig abwesend, so lange, wie man für fünf oder sechs Mahlzeiten braucht, überlegte hin und her und wusste doch nicht, was er tun sollte.

Zufällig kam Schneegans gerade von Dame Königs Gemach zurück, wo sie Ginseng geholt hatte, und kam hier vorbei. Als sie den Kopf wandte, sah sie jemanden unter dem Pfirsichbaum auf einem Stein sitzen, das Kinn in die Hand gestützt, in Gedanken versunken. Es war niemand anders als Schatzjade. Schneegans dachte verwundert: „Wie kalt es ist! Was macht er ganz allein hier? Im Frühling kriegen alle, die eine Schwächlichkeit haben, einen Rückfall — vielleicht ist er wieder in seinen Dummheitswahn verfallen?" Während sie so dachte, ging sie zu ihm hin, hockte sich lächelnd neben ihn und sagte: „Was machst du denn hier?" Schatzjade sah Schneegans und sagte: „Was kommst du mich suchen? Bist du nicht auch ein Mädchen? Wenn sie sich vor Verdacht schützen will und euch verbietet, euch mit mir abzugeben, warum suchst du mich dann auf? Wenn dich jemand sieht, gibt es wieder Gerede. Geh schnell nach Hause!" Schneegans hörte das und dachte, er habe sich wieder mit Kajaljade gestritten. So kehrte sie in Kajaljades Gemach zurück.

Kajaljade war noch nicht aufgewacht. Schneegans übergab den Ginseng an Purpurkuckuck. Purpurkuckuck fragte sie: „Was macht die gnädige Frau?" Schneegans antwortete: „Sie hält auch ein Mittagsschläfchen, deshalb musste ich so lange warten. Schwester, hör dir mal was Komisches an: Während ich auf die gnädige Frau wartete, saß ich mit Jade-Armreif unten in der Gesindestube und plauderte. Da winkte mich Nebenfrau Zhao zu sich herüber. Ich dachte, sie wollte mir etwas sagen, aber es war so: Sie hatte von der gnädigen Frau Urlaub bekommen, um draußen bei ihrem Bruder die Totenwache zu halten und am nächsten Tag den Leichenzug zu begleiten. Ihre kleine Zofe, Klein-Glückskind, hatte nichts Passendes zum Anziehen, und so wollte sie sich mein mondweißes Atlasjäkkchen leihen. Ich dachte mir, die haben doch selber auch zwei Sachen zum Wechseln, aber für so einen schmutzigen Anlass wollen sie ihre eigenen nicht hergeben und leihen sich lieber die von anderen. Dass man mir meins schmutzig macht, wäre kein großes Unglück, aber ich dachte, was hat sie mir je Gutes getan? Also sagte ich: 'Meine Kleider und meinen Schmuck hat alles das Fräulein der Schwester Purpurkuckuck zur Aufbewahrung übergeben. Ich müsste erst zu ihr gehen und es ihr sagen, und dann müsste sie das Fräulein fragen. Das Fräulein ist gerade krank, das wäre alles recht umständlich und würde Euch nur beim Aufbruch aufhalten. Leiht Euch die Sachen doch lieber anderswo.'" Purpurkuckuck lachte: „Du kleines Biest, du bist ganz schön schlau! Du leihst es ihr nicht, schiebst aber alles auf mich und das Fräulein, damit sie dir nicht böse sein kann. Ist sie jetzt gleich aufgebrochen, oder geht sie erst morgen früh?" Schneegans antwortete: „Sie wollte gleich gehen. Wahrscheinlich ist sie schon weg." Purpurkuckuck nickte. Schneegans fuhr fort: „Das Fräulein schläft noch. Aber wer hat Schatzjade so zugesetzt? Er sitzt dort und weint." Purpurkuckuck fragte erschrocken, wo das sei. Schneegans sagte: „Hinter dem Duftgetränkten Pavillon, unter dem Pfirsichbaum."

Purpurkuckuck hörte es, legte hastig ihr Nähzeug beiseite und wies Schneegans an, gut aufzupassen, falls jemand rufe: „Wenn man nach mir fragt, sag, ich komme gleich." Damit verließ sie die Xiaoxiang-Bambushain und ging schnurstracks Schatzjade suchen. Als sie zu ihm trat, sagte sie lächelnd: „Ich habe doch nur ein paar Worte gesagt, weil ich dachte, es wäre für alle das Beste. Und du läfst schmollend hierher in den Wind und weinst, bis du krank wirst, um mich zu erschrecken." Schatzjade sagte rasch lächelnd: „Wer hat denn geschmollt? Aber als du das gesagt hast, dachte ich, wenn ihr schon so redet, dann denken die anderen bestimmt ebenso, und nach und nach wird sich niemand mehr um mich kümmern. Bei dem Gedanken wurde ich traurig." Purpurkuckuck setzte sich neben ihn. Schatzjade lachte: „Vorhin, als wir uns gegenübersaßen, bist du davongelaufen. Und jetzt setzt du dich neben mich?" Purpurkuckuck sagte: „Hast du das schon vergessen? Vor ein paar Tagen, als ihr beiden euch gerade unterhalten habt, ist Nebenfrau Zhao hereingeplatzt — ich habe eben gehört, dass sie nicht zu Hause ist, deshalb bin ich gekommen, um dich etwas zu fragen. Neulich hast du mit ihr gerade das Wort 'Schwalbennest' ausgesprochen und dann abgebrochen, und es kam nie mehr darauf zurück. Danach wollte ich dich schon die ganze Zeit fragen." Schatzjade sagte: „Nichts Wichtiges. Ich dachte nur, Schwester Schatzspange[10] ist auch nur zu Gast hier. Da sie jetzt Schwalbennessuppe bekommt und das nicht unterbrochen werden darf, wäre es ihr unangenehm, wenn sie uns ständig darum bitten müsste. Andererseits wäre es unpassend, die gnädige Frau direkt darum zu bitten. Also habe ich es bei der Herzoginmutter[11] anklingen lassen, und ich nehme an, die Herzoginmutter hat es mit Phönixglanz besprochen. Ich wollte es Kajaljade noch sagen, bin aber nicht dazu gekommen. Jetzt höre ich, dass ihr täglich ein Liang Schwalbennest bekommt, damit ist ja alles geregelt." Purpurkuckuck sagte: „So war das also! Jetzt, da du es sagst — vielen Dank für deine Mühe. Wir haben uns schon gewundert, warum die Herzoginmutter plötzlich jeden Tag ein Liang Schwalbennest schicken lässt. Jetzt wird alles klar." Schatzjade sagte lächelnd: „Wenn sie sich erst einmal daran gewöhnt hat und es zwei, drei Jahre lang täglich zu sich nimmt, wird es ihr bestimmt besser gehen." Purpurkuckuck sagte: „Wenn sie sich hier daran gewöhnt hat — nächstes Jahr, wenn sie nach Hause geht, wo gibt es dann das Geld für so etwas?" Schatzjade hörte das und fuhr erschrocken auf: „Wer? Nach Hause? In welches Haus?" Purpurkuckuck sagte: „Deine Schwester geht zurück nach Suzhou." Schatzjade lachte: „Du redest ja Unsinn. Suzhou ist zwar ihre Heimat, aber da ihr Vater und ihre Mutter nicht mehr leben und sich niemand um sie kümmern kann, ist sie doch hergekommen. Nächstes Jahr zurückgehen — zu wem denn? Das ist doch offensichtlich gelogen." Purpurkuckuck sagte kühl lächelnd: „Du unterschätzt die Leute. Meint ihr, nur die Kaufmann-Familie sei ein großes Geschlecht mit vielen Mitgliedern? Außer eurer Familie soll es nur eine Mutter und einen Vater geben und in der ganzen Sippe wahrlich keinen einzigen Menschen mehr? Als unser Fräulein herkam, tat sie es, weil die Herzoginmutter sich um sie als kleines Kind sorgte. Zwar hatte sie Onkel, aber die konnten nicht die leiblichen Eltern ersetzen. Deshalb holte die Herzoginmutter sie her, damit sie ein paar Jahre hier wohne. Wenn sie einmal alt genug ist, um zu heiraten, wird man sie natürlich in die Familie Lin zurückschicken. Soll etwa eine Tochter der Familie Lin ihr ganzes Leben bei euch Jias verbringen? Und wenn die Familie Lin so arm wäre, dass es nicht einmal zum Essen reicht — sie sind seit Generationen eine Gelehrtenfamilie und werden ihr Kind bestimmt nicht bei Verwandten lassen, damit die Leute über sie spotten. Also frühestens nächstes Frühjahr, spätestens im Herbst. Selbst wenn man sie von hier nicht fortschickt, wird die Familie Lin bestimmt jemanden schicken, der sie abholt. Neulich hat das Fräulein mir abends noch gesagt, ich solle dir Bescheid geben: Alle die Dinge, mit denen ihr als Kinder gespielt habt — die sie dir geschenkt hat, sollst du zusammensuchen und ihr zurückgeben. Ihre Sachen, die du ihr geschenkt hast, hat sie auch schon zusammengelegt." Schatzjade hörte das, und es war, als hätte ein glühender Blitz über seinem Haupt eingeschlagen. Purpurkuckuck wartete auf seine Antwort, doch er sagte nichts. Da kam Heitermuster und sagte: „Die Herzoginmutter lässt dich rufen. Wer hätte gedacht, dass du hier bist." Purpurkuckuck sagte lächelnd: „Er hat mich nach dem Fräulein und ihrer Krankheit gefragt. Ich habe es ihm eine ganze Weile erklärt, aber er will es einfach nicht glauben. Nimm ihn doch mit." Damit ging sie zurück in ihre Gemächer.

Heitermuster sah, dass er starr vor sich hin blickte, am ganzen Körper schwitzte und ein ganz purpur angelaufenes Gesicht hatte. Rasch nahm sie ihn an der Hand und führte ihn geradewegs ins Yihong-Yuan zurück. Als Dufthauch[12] ihn so sah, erschrak sie und dachte, er habe sich bei diesem Wetter eine Erkältung zugezogen und der heiße Schweiß sei vom Wind geschlagen worden. Aber nicht nur, dass Schatzjade Fieber hatte — seine Augen wurden starr und glasig, aus seinen Mundwinkeln lief Speichel, ohne dass er es bemerkte. Gab man ihm ein Kissen, legte er sich hin; hob man ihn auf, blieb er sitzen; bot man ihm Tee an, trank er ihn. Als alle ihn so sahen, brach große Aufregung aus. Man wagte nicht, es sofort der Herzoginmutter zu melden, und schickte zunächst nach der alten Amme Li.

Als die alte Amme Li kam, betrachtete sie ihn eine ganze Weile, stellte ihm ein paar Fragen, die er nicht beantwortete, fühlte an seinem Handgelenk den Puls und drückte ihm kräftig auf die Oberlippe und den Bereich unter der Nase, so fest, dass die Fingerspuren tiefe Male hinterließen — doch er zeigte nicht das geringste Schmerzempfinden. Die alte Amme Li stieß nur ein „Das kann doch nicht wahr sein!" hervor, rief „Oh je!" und umklammerte ihn unter lautem Schluchzen. In ihrer Angst zog Dufthauch sie zur Seite und sagte: „Schaut Euch doch den Zustand an, Großmutter — ist das schlimm oder nicht? Sagt uns doch wenigstens, dass wir es der Herzoginmutter und der gnädigen Frau melden können. Statt dessen fangt Ihr gleich an zu heulen!" Die alte Amme Li schlug auf das Bett und warf sich auf das Kissen: „Jetzt ist es aus mit ihm! Umsonst habe ich mir ein ganzes Leben lang Sorgen um ihn gemacht!" Dufthauch und die anderen hatten sie gerufen, weil sie als betagte Frau am meisten Erfahrung hatte. Da sie nun so sprach, glaubten alle, es sei ernst, und begannen ebenfalls zu weinen.

Heitermuster erzählte Dufthauch, was sich zugetragen hatte. Dufthauch hörte es und eilte sofort zur Xiaoxiang-Bambushain. Dort war Purpurkuckuck gerade dabei, Kajaljade ihre Medizin zu reichen. Ohne Rücksicht auf irgendetwas ging Dufthauch auf Purpurkuckuck zu und sagte: „Was hast du unserem Schatzjade gesagt? Geh hin und sieh ihn dir an! Melde es der Herzoginmutter! Ich kümmere mich nicht mehr darum!" Damit setzte sie sich auf einen Stuhl. Kajaljade, die Dufthauchs aufgelöstes, zornesrotes, tränenverschmiertes Gesicht und ihr völlig verändertes Benehmen sah, erschrak ebenfalls und fragte, was denn geschehen sei. Dufthauch fasste sich einen Augenblick und weinte dann: „Ich weiß nicht, was Fräulein Purpurkuckuck ihm erzählt hat, aber dem Dummkopf sind die Augen starr geworden, die Hände und Füße kalt, er sagt kein Wort mehr, und wenn man ihn kneift, spürt er es nicht. Er ist schon mehr als zur Hälfte tot! Selbst die alte Amme Li sagt, es sei hoffnungslos, und hat angefangen zu heulen. Wahrscheinlich ist er inzwischen schon ganz tot!" Als Kajaljade das hörte — die alte Amme Li war eine erfahrene Frau, und wenn sie sagte, es sei hoffnungslos, dann war es wirklich hoffnungslos —, würgte sie auf, und alle Medizin, die sie eben eingenommen hatte, kam ihr wieder herauf. Ein Hustenanfall schüttelte sie, vom Magen bis zur Leber, vom Zwerchfell bis zur Lunge, so heftig, dass ihr Gesicht glutrot wurde, die Haare sich lösten, die Augen anschwollen und die Adern hervortraten. Sie konnte den Kopf kaum noch heben, so schwer ging ihr der Atem. Purpurkuckuck klopfte ihr hastig den Rücken. Kajaljade stützte sich auf das Kissen und rang nach Luft. Dann stieß sie Purpurkuckuck weg und sagte: „Du brauchst mir nicht den Rücken zu klopfen! Nimm lieber einen Strick und erwürge mich, das wäre das Gescheiteste!" Purpurkuckuck weinte: „Ich habe doch gar nichts Besonderes gesagt, nur ein paar Worte zum Spaß, und er hat es gleich für bare Münze genommen." Dufthauch sagte: „Kennst du ihn denn immer noch nicht? Dieser Narr nimmt jedes Scherzwort ernst." Kajaljade sagte: „Was hast du gesagt? Geh schnell hin und erklär es ihm, dann wacht er vielleicht wieder auf." Als Purpurkuckuck das hörte, sprang sie aus dem Bett und ging mit Dufthauch zusammen zum Yihong-Yuan.

Dort waren die Herzoginmutter, Dame König und alle anderen schon versammelt. Kaum erblickte die Herzoginmutter Purpurkuckuck, sprühten ihre Augen Feuer, und sie herrschte sie an: „Was hast du ihm gesagt, du freches Ding?" Purpurkuckuck stammelte: „Gar nichts Besonderes, nur ein paar Worte im Scherz." Doch kaum sah Schatzjade Purpurkuckuck, ließ er ein „Ach!" hören und brach in Tränen aus. Als die Anwesenden das sahen, fiel ihnen ein Stein vom Herzen. Die Herzoginmutter hielt Purpurkuckuck fest — sie nahm an, sie habe Schatzjade beleidigt, und wollte sie schlagen lassen. Doch Schatzjade klammerte sich an Purpurkuckuck und ließ sie unter keinen Umständen los: „Wenn sie geht, dann nehmt mich mit!" Niemand verstand, was er meinte. Bei näherer Erkundigung stellte sich heraus, dass Purpurkuckucks Scherzwort, Kajaljade werde „nach Suzhou zurückgehen", den ganzen Aufruhr verursacht hatte. Die Herzoginmutter sagte unter Tränen: „Ich dachte, es wäre etwas Ernstes, und es war nur dieser Scherz!" Dann wandte sie sich an Purpurkuckuck: „Du warst doch immer ein so kluges und aufgewecktes Kind. Du weißt doch, dass er einen Tick hat — warum hast du ihn grundlos so in die Irre geführt?" Tante Schnee beschwichtigte: „Schatzjade hat eben ein ehrliches Herz. Und Fräulein Lin ist von klein auf hier, die beiden sind zusammen aufgewachsen und kennen einander in- und auswendig. Da ist es doch klar, dass die Vorstellung, sie könne weggehen, ihn völlig aus der Fassung bringt. Nicht nur ein naives, treuherziges Kind wie ihn — selbst einen kühlen, hartgesottenen Erwachsenen würde das rühren. Es ist nichts Ernstes, die Herzoginmutter und die gnädige Frau können ganz beruhigt sein. Ein, zwei Dosen Arznei, und er ist wieder auf dem Damm."

Während sie noch sprachen, wurde gemeldet, dass Frau Lin Zhixiao und Frau Shan Daliang Schatzjade besuchen kämen. Die Herzoginmutter sagte: „Wie aufmerksam von ihnen! Lasst sie herein, damit sie ihn sehen können." Aber kaum hörte Schatzjade das Wort „Lin", warf er sich im Bett hin und her und schrie: „Es ist soweit! Leute von der Familie Lin sind gekommen, sie abzuholen! Jagt sie fort!" Die Herzoginmutter sagte hastig: „Ja, jagt sie fort!" Dann beruhigte sie ihn eilig: „Das sind keine Leute der Familie Lin. Die Lins sind alle ausgestorben, niemand kommt, sie abzuholen. Sei ganz beruhigt!" Schatzjade schluchzte: „Egal wer es ist — außer Schwester Kajaljade darf niemand den Namen Lin tragen!" Die Herzoginmutter sagte: „Es kommt niemand mit dem Namen Lin. Alle, die Lin heißen, habe ich fortgejagt." Und zu den Anwesenden gewandt: „Von jetzt an darf Frau Lin Zhixiao nicht mehr in den Garten kommen, und ihr dürft das Wort 'Lin' auch nicht mehr aussprechen. Seid so gut, Kinder, und hört auf mich!" Alle beeilten sich zuzustimmen und mussten sich das Lachen verbeißen. Da fiel Schatzjades Blick auf ein westliches Segelschiffmodell aus Gold auf dem Vielerlei-Regal. Er zeigte darauf und rief aufgeregt: „Da! Das ist das Schiff, das sie abholen soll! Es hat dort angelegt!" Hastig befahl die Herzoginmutter, es herunterzunehmen. Dufthauch nahm es eilig herunter. Schatzjade streckte die Hände danach aus. Dufthauch reichte es ihm, und er steckte es unter seine Bettdecke und lachte: „Jetzt kann sie nicht mehr fahren!" Dabei hielt er mit einer Hand die Decke fest und mit der anderen Purpurkuckuck und ließ sie nicht los.

Dann wurde gemeldet, der Arzt sei da. Die Herzoginmutter befahl, man solle ihn sofort hereinlassen. Dame König, Tante Schnee, Schatzspange und die anderen zogen sich vorerst in den hinteren Raum zurück, und die Herzoginmutter setzte sich aufrecht neben Schatzjades Bett. Der Kaiserliche Leibarzt König trat ein, und als er die vielen Anwesenden sah, begrüsste er eilig die Herzoginmutter und fühlte Schatzjades Puls. Purpurkuckuck hielt derweil den Kopf gesenkt. Der Leibarzt König verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Er erhob sich und sagte: „Die Erkrankung des jungen Herrn ist ein Fall von akutem Schmerz, der das Bewusstsein trübte. Die Alten unterschieden verschiedene Arten der Bewusstlosigkeit durch Schleimansammlung: Einmal kann sie durch Erschöpfung von Blut und Lebenskraft entstehen, wenn Essen und Trinken nicht mehr verdaut werden können; dann kann sie durch Zorn und Ärger ausgelöst werden, wenn der Schleim sich ballt; und schließlich kann akuter Schmerz sie verursachen, wenn er den Körper blockiert. Dies hier ist eine Bewusstlosigkeit durch Schleimansammlung, hervorgerufen durch akuten Schmerz, und nicht mehr als eine vorübergehende Verstopfung der Sinne. Verglichen mit anderen Formen der Bewusstlosigkeit ist sie leichter." Die Herzoginmutter sagte: „Sag mir nur, ob es gefährlich ist oder nicht. Wer braucht dein Lehrbuch!" Der Leibarzt König verbeugte sich lächelnd und sagte: „Keine Gefahr, keine Gefahr." Die Herzoginmutter fragte: „Wirklich nicht?" Der Leibarzt König antwortete: „Wirklich nicht. Ich bürge dafür mit meinem Kopf." Die Herzoginmutter sagte: „Wenn dem so ist, dann geh hinaus, setz dich und schreib das Rezept. Wenn die Medizin wirkt, lasse ich dir ein besonderes Dankesgeschenk zubereiten, und er wird es persönlich überbringen und sich vor dir verneigen. Wenn du aber versagst, schicke ich Leute, die dir die Kaiserliche Ärzteakademie über dem Kopf abreißen!" Der Leibarzt König verbeugte sich nur lächelnd und sagte: „Aber nein, aber nein." Als er gehört hatte, dass ein „besonderes Dankesgeschenk" bereitet werde und Schatzjade persönlich kommen solle, um sich vor ihm zu verneigen, hatte er „Aber nein" gesagt, ohne die spätere Drohung mit der Ärzteakademie überhaupt gehört zu haben. So sagte er immer noch „Aber nein", woraufhin die Herzoginmutter und alle anderen lachen mussten. Man bereitete die Arznei nach dem Rezept zu und gab sie Schatzjade ein, und tatsächlich wurde er ruhiger als zuvor. Nur wollte er Purpurkuckuck um keinen Preis loslassen — wenn sie ging, hiess das für ihn, sie würde nach Suzhou zurückkehren. Die Herzoginmutter und Dame König wussten sich keinen Rat und befahlen Purpurkuckuck, bei ihm zu bleiben. An ihrer Stelle schickten sie Hupo, um Kajaljade zu bedienen.

Kajaljade schickte von Zeit zu Zeit Schneegans, um Nachrichten zu bringen; so wusste sie über alles Bescheid und seufzte im Stillen. Zum Glück wussten alle, dass Schatzjade von jeher etwas sonderbar war und er und Kajaljade von Kindheit an besonders eng miteinander gewesen waren. So war Purpurkuckucks Scherz nichts Ungewöhnliches und Schatzjades Krankheit kein seltener Vorfall. Niemand kam deshalb auf andere Gedanken.

Am Abend, als Schatzjade etwas ruhiger geworden war, kehrten die Herzoginmutter und Dame König in ihre Gemächer zurück. Im Laufe der Nacht schickten sie noch mehrmals Leute, um nach ihm zu fragen. Die alte Amme Li, zusammen mit der alten Frau Song und einigen anderen bejahrten Frauen, wachte aufmerksam bei ihm. Purpurkuckuck, Dufthauch, Heitermuster und die anderen waren Tag und Nacht an seiner Seite. Wenn Schatzjade einschlief, erwachte er stets aus einem Traum und schrie auf. Entweder weinte er und sagte, Kajaljade sei fortgegangen, oder er behauptete, jemand sei gekommen, sie abzuholen. Immer wenn er so auffuhr, musste Purpurkuckuck ihn erst beruhigen, bevor er sich wieder fasste. Die Herzoginmutter ließ allerlei kostbare Arzneien bringen — Pillen zur Austreibung böser Einflüsse, Pulver zur Öffnung der Sinne und andere geheime Heilmittel aus den Palastapotheken —, die man ihm nach Vorschrift verabreichte. Am nächsten Tag bekam er auch wieder die Medizin des Leibarztes König und wurde allmählich besser. Im Grunde war Schatzjades Verstand klar, doch aus Angst, Purpurkuckuck könne gehen, spielte er zuweilen den Verrückten. Purpurkuckuck hatte sich seit jenem Tag aufrichtig geschämt. Jetzt pflegte sie ihn Tag und Nacht ohne jeden Unmut. Dufthauch und die anderen fühlten sich beruhigt. Lächelnd sagten sie zu Purpurkuckuck: „Du hast das alles angerichtet, und du musst es auch wieder heilen. Man hat ja noch nie gesehen, dass unser Dummkopf jeden Wind gleich für Regen nimmt. Was soll nur später werden!" Doch davon sei vorerst nicht weiter die Rede.

Da Xiang-Flusswolke Geschichtes Krankheit inzwischen völlig ausgeheilt war, kam sie jeden Tag zu Besuch. Als Schatzjade wieder bei Sinnen war, schilderte sie ihm sein Verhalten während der Krankheit so anschaulich, dass er lachend den Kopf ins Kissen drückte. Was man ihm erzählte, konnte er gar nicht glauben, denn an sein früheres Gebaren erinnerte er sich überhaupt nicht. Wenn niemand sonst zugegen war und nur Purpurkuckuck an seiner Seite saß, nahm er sie bei der Hand und fragte: „Warum hast du mich so erschreckt?" Purpurkuckuck antwortete: „Es war nur ein Scherz, und du hast es gleich ernst genommen." Schatzjade sagte: „Du hast es so überzeugend erzählt — wie soll das ein Scherz gewesen sein?" Purpurkuckuck lachte: „Alles, was ich gesagt habe, war frei erfunden. Die Familie Lin hat wirklich keine nahen Angehörigen mehr. Selbst die entfernten Verwandten leben nicht in Suzhou, sie sind über das ganze Land verstreut. Und selbst wenn jemand käme, sie abzuholen — die Herzoginmutter würde sie bestimmt nicht gehen lassen." Schatzjade sagte: „Selbst wenn die Herzoginmutter sie gehen ließe — ich würde es nicht zulassen." Purpurkuckuck lachte: „Du würdest es nicht zulassen? Das sagst du so leicht. Bald bist du groß genug, und man hat dir sicher schon eine Braut ausgesucht. Wenn du dann in ein paar Jahren geheiratet hast, wirst du dich für niemanden mehr interessieren." Schatzjade hörte das und fragte erschrocken: „Wer hat eine Braut ausgesucht? Und wen?" Purpurkuckuck lachte: „Vergangenes Jahr habe ich gehört, wie die Herzoginmutter sagte, sie wolle Kostbarzither Schnee für dich bestimmen. Warum sollte sie sie sonst so verwöhnen?" Schatzjade lachte: „Alle sagen, ich sei dumm — du bist noch dümmer als ich. Das war nur ein Spaß. Kostbarzither Schnee ist doch schon der Familie Mei, des Hanlin-Akademikers, versprochen. Wenn sie wirklich für mich bestimmt wäre, würde ich mich dann so benehmen? Erst habe ich geschworen und geflucht und wollte dieses Ding da zerschlagen — hast du mich nicht damals für verrückt erklärt? Gerade in diesen Tagen ging es mir etwas besser, und du fängst wieder an, mich zu quälen." Während er sprach, knirschte er mit den Zähnen und sagte: „Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als auf der Stelle zu sterben! Dann würde man mir das Herz herausschneiden und ihr könntet es sehen! Und dann sollen Haut und Knochen zu Asche werden — aber Asche hat noch Gestalt, also lieber zu Rauch — aber Rauch kann sich noch zusammenballen und man kann ihn sehen —, nein, es müsste ein gewaltiger Sturm kommen und alles in alle vier Himmelsrichtungen auf einmal zerstreuen, das wäre das Richtige!" Während er sprach, kullerten ihm wieder die Tränen herunter. Purpurkuckuck legte ihm rasch die Hand auf den Mund, wischte ihm die Tränen ab und sagte beschwichtigend lächelnd: „Du brauchst dich nicht aufzuregen. Es war deshalb, weil mir selber etwas Sorgen machte, und ich wollte dich auf die Probe stellen." Schatzjade hörte das, noch erstaunter, und fragte: „Was macht dir denn Sorgen?" Purpurkuckuck lächelte: „Weißt du, ich bin gar nicht aus der Familie Lin. Ich gehöre eigentlich wie Dufthauch und Mandarinenente[13] zum Haushalt hier und wurde nur dem Fräulein Lin zur Bedienung zugeteilt. Und doch sind wir beide so eng miteinander, enger als mit Schneegans, die sie aus Suzhou mitgebracht hat, zehnmal so vertraut — wir können keinen Augenblick ohne einander sein. Nun mache ich mir aber Sorgen: Wenn sie einmal fortgeht, muss ich unbedingt mit ihr gehen. Meine ganze Familie ist hier — wenn ich nicht mitgehe, verrate ich unsere innige Verbundenheit; wenn ich mitgehe, lasse ich meine eigene Familie zurück. Das bedrückt mich. Deshalb habe ich diese Lüge ersonnen und dich gefragt, und du bist gleich durchgedreht." Schatzjade lachte: „Also machst du dir darüber Sorgen! Dann bist du die Dumme. Von jetzt an brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Ich sage dir nur eins — um alles zusammenzufassen: Wenn wir leben, leben wir zusammen; und wenn wir nicht mehr leben, werden wir gemeinsam zu Asche und zu Rauch. Wie wäre das?" Purpurkuckuck hörte das und begann insgeheim Pläne zu schmieden. Da wurde gemeldet: „Der junge Herr Huan und der junge Herr Lan lassen nach dem Befinden fragen." Schatzjade sagte: „Danke ihnen in meinem Namen. Ich bin gerade erst eingeschlafen, sie brauchen nicht hereinzukommen." Die alte Dienerin ging. Purpurkuckuck lächelte: „Es geht dir ja schon besser. Lass mich jetzt zurückgehen und nach unserem Fräulein sehen." Schatzjade sagte: „Richtig, daran wollte ich dich schon gestern erinnern und habe es vergessen. Es geht mir wirklich viel besser, geh nur." Purpurkuckuck packte Bettzeug und Toilettensachen zusammen. Schatzjade lächelte: „In deiner Schreibschatulle habe ich drei Spiegel gesehen. Lass mir den kleinen mit dem Rankenblumen-Muster da. Ich stelle ihn neben mein Kopfkissen, dann kann ich mich im Liegen darin betrachten, und wenn ich ausgehe, ist er leicht zu tragen." Purpurkuckuck blieb nichts anderes übrig, als ihm den Spiegel zu lassen. Sie ließ erst jemanden ihre Sachen hinübertragen, verabschiedete sich dann von allen und kehrte in die Xiaoxiang-Bambushain zurück.

Kajaljade hatte in den letzten Tagen von Schatzjades Zustand gehört, und das hatte ihre eigene Krankheit verschlimmert. Sie hatte öfter geweint als sonst. Als jetzt Purpurkuckuck kam und nach dem Grund gefragt wurde, war zu erfahren, dass er sich bereits erholt hatte. So schickte man Hupo zurück, damit sie wieder der Herzoginmutter aufwarte. Nachts, als alle zur Ruhe gegangen waren und Purpurkuckuck sich schon zum Schlafen ausgezogen und hingelegt hatte, sagte sie leise lächelnd zu Kajaljade: „Schatzjades Herz ist aufrichtig. Kaum hörte er, wir würden weggehen, hat er sich so aufgeführt." Kajaljade antwortete nicht. Purpurkuckuck wartete eine Weile und sprach dann, als führe sie ein Selbstgespräch: „Lieber in der Ruhe bleiben, als etwas in Bewegung setzen. Hier sind wir gut aufgehoben, bei einer angesehenen Familie. Alles andere mag sich fügen, aber das Schwerste ist doch, jemanden zu finden, mit dem man von Kind auf zusammen aufgewachsen ist, dessen Art und Wesen man durch und durch kennt." Kajaljade schalt: „Bist du noch nicht müde nach all den Tagen? Jetzt, wo du ein wenig Ruhe hast, ruhst du dich nicht aus, sondern kaust an solchem Unsinn!" Purpurkuckuck lächelte: „Es ist kein leeres Geschwatz. Ich meine es wirklich gut mit Euch, Fräulein. Seit Jahren mache ich mir für Euch Sorgen. Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Brüder — wer sorgt sich wirklich um Euch? Solange die Herzoginmutter noch bei klarem Verstand und rüsteriger Gesundheit ist, sollte man die große Sache festmachen. Es heißt im Sprichwort: 'Der Alte kann plötzlich straucheln, wie der Frühling plötzlich friert und der Herbst plötzlich hitzt.' Sollte der Herzoginmutter einmal etwas zustossen, dann wird zwar auch alles seinen Lauf nehmen, aber die beste Zeit wäre dann vorbei, und es käme vielleicht nicht mehr so, wie man es sich wünscht. Die Söhne und Enkel der edlen Familien — wer unter ihnen hat nicht drei Nebenfrauen und fünf Konkubinen, heute der einen zugewandt, morgen der anderen? Und käme eine Himmelsfee daher, nach drei Nächten hätte er sie schon vergessen. Und erst wenn es wegen der Nebenfrauen und Zofen zum Streit kommt! Wer eine einflussreiche Familie im Rücken hat, kommt noch glimpflich davon. Aber jemand in Eurer Lage, Fräulein — solange die Herzoginmutter lebt, ist jeder Tag ein guter Tag. Wenn sie einmal nicht mehr ist, dann seid Ihr den Launen anderer ausgeliefert. Deshalb sage ich: Trefft eine Entscheidung, solange es noch geht! Das Fräulein ist eine kluge Frau — kennt Ihr nicht das Sprichwort: 'Zehntausend Liang Gold sind leicht zu bekommen, doch ein wahres Herz zu finden schwer'?" Kajaljade sagte: „Dieses Mädchen ist heute wirklich übergeschnappt. Warum hat sie sich in diesen paar Tagen völlig verändert? Morgen werde ich die Herzoginmutter bitten, dich zurückzunehmen. Ich wage es nicht, dich länger bei mir zu haben." Purpurkuckuck lachte: „Ich sage doch nur Gutes, ich bitte Euch nur, in Eurem Herzen aufzupassen. Ich habe Euch doch nicht aufgefordert, etwas Schlechtes zu tun. Warum wollt Ihr dann zur Herzoginmutter gehen und mich bestrafen lassen? Welchen Nutzen hätte das?" Mit diesen Worten schlief sie ein. Kajaljade hatte zwar so gesprochen, doch im Inneren war sie tief berührt. Nachdem Purpurkuckuck eingeschlafen war, weinte sie die ganze Nacht und schlief erst gegen Morgen kurz ein. Am nächsten Tag zwang sie sich, aufzustehen, sich zu waschen und ein wenig Schwalbennestsuppenreis zu essen. Da kamen auch schon die Herzoginmutter und die anderen, um nach ihr zu sehen und ihr noch allerhand aufzutragen.

Es war gerade Tante Schnees Geburtstag. Von der Herzoginmutter angefangen hatte jeder Glückwünsche und Geschenke gesandt. Auch Kajaljade hatte schon zwei Sätze Nadelarbeiten vorbereitet. An diesem Tag wurde auch eine kleine Theateraufführung arrangiert, um die Herzoginmutter und Dame König zu unterhalten. Nur Schatzjade und Kajaljade konnten nicht dabei sein. Am Abend schauten die Herzoginmutter und die anderen auf dem Heimweg noch bei den beiden vorbei, dann erst kehrten sie in ihre Gemächer zurück. Am nächsten Tag lud Tante Schnee über ihren Neffen Xü Ke die Geschäftspartner zu einem Gelage ein. So vergingen geschäftig drei bis vier Tage.

Da Tante Schnee an Höhlennebel Strafe ein gesittetes, zurückhaltendes und aus bescheidenen Verhältnissen stammendes Mädchen sah — eine wahre „Dornhaarnadel und Leinenrock-Tochter" —, dachte sie zunächst daran, sie mit Xü Pan zu vermählen. Da jedoch Xü Pans Lebenswandel für seine Ausschweifungen bekannt war, fürchtete sie, er könne ein solches Mädchen zugrunde richten. Während sie noch zögerte, fiel ihr ein, dass Xü Ke noch unverheiratet war. Sie betrachtete die beiden und fand, sie seien wie füreinander geschaffen. So besprach sie die Sache mit Phönixglanz. Phönixglanz seufzte: „Die Tante kennt unsere gnädige Frau — sie hat manchmal einen Dickkopf. Überlasst das mir, ich werde behutsam vorgehen." Als die Herzoginmutter einmal Phönixglanz besuchte, sagte diese: „Tante Schnee hat eine Bitte an die Herzoginmutter, traut sich aber nicht, damit herauszurücken." Die Herzoginmutter fragte sofort, worum es gehe, und Phönixglanz berichtete von dem Heiratsplan. Die Herzoginmutter lächelte: „Was ist denn daran so schwer auszusprechen? Das ist eine ausgezeichnete Sache! Ich werde mit deiner Schwiegermutter darüber reden — als ob die etwas dagegen hätte!" Zurück in ihren Gemächern, ließ sie sofort Dame Strafe[14] kommen und übernahm höchstpersönlich die Rolle der Ehestifterin. Dame Strafe überlegte kurz: Die Familie Xü hatte ein solides Fundament und war gegenwärtig sehr wohlhabend, Xü Ke war ein gutaussehender junger Mann, und die Herzoginmutter bestand darauf — also stimmte sie zu. Die Herzoginmutter war hocherfreut und ließ sofort Tante Schnee rufen. Als die beiden sich sahen, gab es natürlich viele höfliche Worte. Dame Strafe schickte sogleich jemanden, um Xing Zhong und seine Frau zu benachrichtigen. Die beiden waren ja gerade zu dem Zweck hergekommen, sich unter Dame Strafes Schutz zu stellen — wie hätten sie nicht zustimmen sollen? Beide sagten begeistert, es sei wunderbar. Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Ich habe es gern, mich in fremde Angelegenheiten einzumischen. Heute habe ich wieder eine Sache zustande gebracht — wieviel Vermittlungsgeld bekomme ich wohl?" Tante Schnee lachte: „Das versteht sich von selbst. Auch wenn man Ihnen zehntausend Liang Silber brächte, würden Sie das wohl kaum zu schätzen wissen. Aber eins muss ich sagen: Da die Herzoginmutter die Brautseite vertritt, braucht man noch jemanden für die Bräutigamsseite." Die Herzoginmutter lächelte: „Sonst habe ich nicht viel, aber ein paar alte Knochen mit lahmen Beinen und Armen lassen sich in unserem Haushalt schon auftreiben." Damit ließ sie Dame Sonders und ihre Schwiegertochter kommen. Die Herzoginmutter erzählte ihnen die Sache, und alle gratulierten einander. Dann wies die Herzoginmutter Dame Sonders an: „Du kennst die Regeln unseres Hauses zur Genüge. Bei uns haben sich nie die beiden Familien wegen der Geschenke und der Äußerlichkeiten gestritten. Kümmere du dich in meinem Auftrag darum — nicht zu geizig, nicht zu verschwenderisch — und sorge dafür, dass es beiden Familien recht ist, dann berichte mir." Dame Sonders stimmte eilig zu. Tante Schnee war überglücklich und ließ zu Hause sofort eine Einladungskarte für das Stillfriede-Anwesen schreiben. Dame Sonders kannte Dame Strafes Art nur zu gut und hätte sich am liebsten nicht eingemischt, doch da die Herzoginmutter sie persönlich beauftragt hatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Sie richtete sich ganz nach Dame Strafes Wünschen. Tante Schnee war in solchen Dingen unkompliziert und leicht zufriedenzustellen. Doch das braucht hier nicht weiter erörtert zu werden.

Nun, da Tante Schnee Höhlennebel Strafe als künftige Schwiegertochter bestimmt hatte, wusste es das ganze Anwesen. Dame Strafe wollte Xiuyan eigentlich zu sich holen. Die Herzoginmutter aber sagte: „Was macht das schon? Die beiden jungen Leute sehen sich doch nicht. Und für die Tante ist Xiuyan einmal die ältere Schwiegertochter und einmal die jüngere — was soll daran falsch sein? Außerdem sind es alles Mädchen, die können doch ganz vertraut miteinander umgehen." Daraufhin gab Dame Strafe nach.

Xü Ke und Xiuyan waren sich ja schon auf der Reise flüchtig begegnet, und im Grunde waren wohl beide im Stillen zufrieden. Nur war Xiuyan im Umgang mit den Schwestern Schatzspange jetzt natürlich etwas befangener als früher, zumal Xiangfluss-Wolke gerne neckte, was die Sache nicht leichter machte. Zum Glück war Xiuyan ein gebildetes, wohlerzogenes Mädchen, das sich zwar seiner mädchenhaften Zurückhaltung bewusst war, aber nicht zu jener Sorte gehörte, die falsche Scham und gespielte Scheu zur Schau stellt. Schatzspange hatte, seit sie Xiuyan kannte, bemerkt, dass erstens deren Familie arm war, zweitens, dass die Eltern aller anderen angesehene, würdige Leute waren, während Xiuyans Eltern ausgemachte Säufer waren und als Väter einer Tochter nichts taugten, drittens, dass auch Dame Strafe ihre Zuneigung nur zum Schein zeigte, und viertens, dass Xiuyan ein feinsinniges und zurückhaltendes Wesen hatte. Willkommensfrühling war wie eine Tote, die noch atmet — sie konnte sich kaum um sich selber kümmern, geschweige denn um jemand anderen. Wenn es Xiuyan an irgendeinem alltäglichen Bedarf mangelte, kümmerte sich niemand darum, und sie selber bat nie jemanden. Schatzspange half ihr daher insgeheim mit dem Nötigsten aus, ohne Dame Strafe davon wissen zu lassen, denn sie fürchtete deren argwöhnisches Gerede. Jetzt nun hatte sich, ganz unerwartet, diese wundersame Verbindung ergeben. Im Herzen hatte Xiuyan sich zuerst für Schatzspange entschieden und dann erst für Xü Ke. Wenn Xiuyan und Schatzspange sich unterhielten, nannte Schatzspange sie weiterhin „Schwester".

Eines Tages kam Schatzspange, um Kajaljade zu besuchen, und traf unterwegs auf Xiuyan, die ebenfalls auf dem Weg zu Kajaljade war. Lächelnd winkte Schatzspange sie zu sich, und die beiden gingen zusammen bis zu einer Felswand, wo Schatzspange sie lächelnd fragte: „Es ist doch noch recht kalt — warum hast du alles gegen ungefütterte Sachen getauscht?" Xiuyan senkte den Blick und gab keine Antwort. Schatzspange ahnte, dass es wieder einen Grund gab, und fragte lächelnd weiter: „Bestimmt hast du diesen Monat wieder kein Taschengeld bekommen. Ist Phönixglanz inzwischen so nachlassig geworden?" Xiuyan sagte: „Sie denkt schon daran und zahlt pünktlich. Aber die Tante hat jemanden geschickt und mir sagen lassen, von meinen monatlichen zwei Liang Silber solle ich ein Liang meinen Eltern geben. Für alles andere könne ich ja die Sachen der zweiten Schwester mitbenutzen. Aber Schwester, bedenke doch: Die zweite Schwester ist auch ein schlichtes Gemüt und achtet nicht sehr auf solche Dinge. Wenn ich ihre Sachen benutze, sagt sie zwar nichts, aber ihre Zofen und alten Dienerinnen — die sind alle unangenehm und haben spitze Zungen. Obwohl ich dort wohne, traue ich mich kaum, sie um etwas zu bitten. Alle paar Tage muss ich ihnen sogar noch Geld geben, damit sie sich Wein und Leckereien kaufen. Meine zwei Liang Silber im Monat reichen hinten und vorne nicht, und jetzt fehlt auch noch ein Liang. Neulich habe ich heimlich meine gefütterten Winterkleider zum Pfandleiher gebracht und ein paar Strings Kupfergeld dafür bekommen." Schatzspange hörte das, seufzte und runzelte die Stirn: „Ausgerechnet ist die Familie Mei ganz am Amtssitz und kommt erst übernächstes Jahr zurück. Wären sie hier, könnten wir, wenn erst Kostbarzither Schnee versorgt ist, deine Angelegenheit besprechen. Wenn du von hier erst fort bist, ist es zu spät. Und solange die jüngere Schwester nicht verheiratet ist, kann man auf keinen Fall die ältere vorab vermahlen. Es ist wirklich eine schwierige Lage. Wenn es noch zwei Jahre dauert, fürchte ich, du grämst dich krank. Lass mich nochmal mit Mama reden. Und wenn dich jemand schlecht behandelt — halt es einfach aus, und auf keinen Fall darfst du dich krank grämen! Am besten gibst du morgen gleich auch das eine Liang Silber an die Leute, dann sind sie zufrieden. In Zukunft brauchst du denen auch nichts mehr zu kaufen. Sollen sie ruhig sticheln — wenn es zu viel wird, geh einfach weg. Und wenn dir etwas fehlt, sei nicht so stolz und komm zu mir. Das hat nichts mit der Verlobung zu tun — von Anfang an, als du kamst, haben wir uns gut verstanden. Wenn du Angst vor Gerede hast, schick ein Zöfchen, das mir leise Bescheid sagt." Xiuyan nickte mit gesenktem Kopf. Schatzspange deutete auf einen grünen Jadeanhänger an ihrem Rock und fragte: „Wer hat dir den geschenkt?" Xiuyan antwortete: „Den hat mir die dritte Schwester gegeben." Schatzspange nickte lächelnd: „Sie hat gesehen, dass alle anderen so etwas haben, nur du nicht, und wollte verhindern, dass man über dich lacht. Das zeigt ihre Aufmerksamkeit und ihren Feinsinn. Aber eins solltest du bedenken: Solcher Schmuck gehört zu den Töchtern reicher und vornehmer Häuser. Schau mich an — trage ich etwa von Kopf bis Fuß solchen prächtigen Zierrat? Früher, ja, vor sieben, acht Jahren, war es bei mir auch so. Aber jetzt sind die Zeiten nicht mehr wie einst, und ich spare, wo ich kann. Wenn du einmal zu uns kommst, wirst du wahrscheinlich noch eine ganze Truhe voll von dem Zeug finden. Wir sind jetzt nicht mehr wie die anderen. Am wichtigsten ist es, in allem schlicht und bescheiden zu bleiben — das unterscheidet uns von ihnen." Xiuyan lächelte: „Wenn die Schwester so sagt, nehme ich ihn ab, wenn ich zurückkomme." Schatzspange sagte rasch lächelnd: „Nein, das darfst du nicht! Erkundefrühling hat ihn dir aus guter Absicht geschenkt. Wenn du ihn nicht trägst, wird sie argwöhnen, du verschmähst ihn. Ich habe es nur beiläufig erwähnt — in Zukunft weißt du es einfach." Xiuyan nickte eilig und fragte: „Wohin gehst du jetzt, Schwester?" Schatzspange antwortete: „Zur Xiaoxiang-Bambushain." Xiuyan sagte: „Dann schick mir den Pfandschein, wenn du kannst. Ich hole heimlich die Sachen aus und lasse sie dir am Abend leise zurückbringen, damit ich sie morgens wieder anziehen kann. Sonst wird mir der Wind noch gefährlich. Aber bei welchem Pfandleiher hast du sie abgegeben?" Xiuyan antwortete: „Er heißt 'Heng-Shu-Pfandleihe', in der großen Straße westlich vom Trommelturm." Schatzspange lächelte: „Da landen wir ja bei der eigenen Familie! Wenn die Angestellten es herausfinden, werden sie sagen: 'Die Kleider waren schon vor der Braut da!'" Xiuyan, die nun merkte, dass es sich um eine Pfandleihe mit Xü-Kapital handelte, wurde rot und lächelte verlegen. Die beiden trennten sich.

Schatzspange ging zur Xiaoxiang-Bambushain. Ihre Mutter war ebenfalls dort und plauderte mit Kajaljade. Schatzspange lächelte: „Wann bist du gekommen, Mama? Ich habe es gar nicht bemerkt." Tante Schnee sagte: „Ich war die letzten Tage so beschäftigt, dass ich gar nicht dazu kam, Schatzjade und Kajaljade zu besuchen. Deshalb habe ich heute beide besucht, und es geht ihnen beiden besser." Kajaljade ließ Schatzspange Platz nehmen und sagte: „Man würde es nicht für möglich halten — auf einmal sind die Tante und die Tante Xing nun Verwandte!" Tante Schnee sagte: „Ach Kind, ihr Mädchen wisst das noch nicht. Es heißt doch seit alters her: 'Ehefügungen über tausend Meilen verbindet ein einziger Faden.' Dafür gibt es einen Alten unter dem Mond, der alles vorher bestimmt und die beiden heimlich mit einem roten Seidenfaden an den Füßen zusammenbindet. Und mögen zwischen den Familien Meere, Länder und Blutfehden liegen — am Ende werden sie doch Mann und Frau. Das geschieht stets wider alles Erwarten, und weder die Eltern noch die Betreffenden selber können etwas daran ändern. Jahrelang können zwei beieinander sein, und man glaubt fest, die Sache ist abgemacht — wenn der Alte unter dem Mond den roten Faden nicht knüpft, werden sie trotzdem nie ein Paar. Denk nur an euch Mädchen — eure künftigen Männer könnten gerade vor eurer Nase stehen, oder auch am anderen Ende der Welt." Schatzspange sagte: „Muss Mama denn sofort von uns anfangen, sobald es um Heiraten geht?" Und sie schmiegte sich lächelnd an ihre Mutter und sagte: „Komm, wir gehen." Kajaljade lächelte: „Sieh nur, so groß wie sie ist — wenn die Tante nicht da ist, ist sie die Vernünftigste, aber kaum kommt die Tante, wird sie wieder zum Kleinkind." Tante Schnee streichelte Schatzspange und sagte seufzend zu Kajaljade: „Deine Schwester ist wie Phönixglanz bei der Herzoginmutter: Wenn es etwas Ernstes zu besprechen gibt, komme ich zu ihr; und wenn nichts los ist, muntert sie mich auf. Immer wenn ich sie so sehe, zerstreuen sich alle meine Kümmernisse." Kajaljade hörte das und sagte unter Tränen seufzend: „Sie macht das absichtlich vor meinen Augen, obwohl sie genau weiß, dass ich keine Mutter habe. Das ist nur, um mich zu kränken." Schatzspange lachte: „Mama, sie lästert über mich, und dabei mache ich doch nur Spaß!" Tante Schnee sagte: „Man kann ihr keinen Vorwurf machen, dass sie traurig wird, das arme Kind ohne Eltern, ganz ohne nahe Angehörige." Und sie streichelte Kajaljade und sagte lächelnd: „Liebes Kind, weine nicht. Wenn du siehst, wie ich deine Schwester verwöhne, und das macht dich traurig — du weißt nicht, wie viel mehr ich dich in meinem Herzen liebe. Deine Schwester hat wenigstens noch mich und einen leiblichen Bruder. Damit ist sie dir gegenüber schon im Vorteil. Jedesmal, wenn ich deiner Schwester sage, wie sehr ich dich liebe, traue ich mich nicht, es offen zu zeigen. Hier gibt es so viele Leute mit losen Zungen, die kaum Gutes reden, aber dafür umso mehr Schlechtes. Statt zu sagen, du seist ein liebes Kind ohne Familie, das jeden Mitleid und Zuneigung verdient, würden sie sagen, wir wollten uns nur bei der Herzoginmutter einschmeicheln." Kajaljade lachte: „Wenn die Tante so redet, dann nenne ich die Tante ab morgen Mama. Wenn die Tante ablehnt, dann ist die ganze Zuneigung nur gespielt." Tante Schnee sagte: „Wenn dir das recht ist, dann gerne!" Schatzspange sagte rasch: „Das geht aber nicht." Kajaljade fragte: „Warum nicht?" Schatzspange fragte lächelnd: „Überleg doch mal: Warum wurde zuerst die Verlobung mit Schwester Xiuyan für meinen jüngeren Bruder geschlossen und nicht die meines älteren Bruders?" Kajaljade antwortete: „Er ist nicht hier, oder es stimmt das Geburtsjahr und der Tag nicht, deshalb hat man den jüngeren Bruder vorgezogen." Schatzspange lächelte: „Nein! Mein älterer Bruder hat sich schon für eine Braut entschieden, und sobald er zurück ist, wird die Verlobung formell besiegelt. Ich nenne den Namen lieber nicht — aber jetzt verstehst du, warum ich sagte, du kannst Mama nicht 'Mama' nennen. Denk gründlich darüber nach." Bei diesen Worten zwinkerte sie ihrer Mutter zu und kicherte. Kajaljade verstand und schmiegte sich ebenfalls an Tante Schnee: „Wenn die Tante ihn nicht zurechtweist, bin ich nicht zufrieden!" Tante Schnee zog sie lächelnd an sich: „Glaub deiner Schwester nicht, sie neckt dich nur." Schatzspange sagte lächelnd: „Wirklich, Mama, frag doch die Herzoginmutter, ob sie Kajaljade nicht als Schwiegertochter haben will. Wäre das nicht tausendmal besser als jede Fremde?" Kajaljade beugte sich vor, um nach Schatzspange zu greifen, und rief lächelnd: „Jetzt reicht es aber, du bist völlig übergeschnappt!" Tante Schnee versuchte lachend zu schlichten und schob die beiden auseinander. Dann sagte sie zu Schatzspange: „Ich hätte Xiuyan deinem älteren Bruder nicht anvertraut, deshalb habe ich sie deinem jüngeren Bruder versprochen. Erst recht würde ich Kajaljade nicht für ihn hergeben. Neulich wollte die Herzoginmutter Kostbarzither Schnee mit Schatzjade verbinden, aber die war schon vergeben. Sonst wäre es eine ausgezeichnete Partie gewesen. Als ich dann die Verlobung mit Xiuyan verkündete, hat die Herzoginmutter noch gescherzt: 'Eigentlich wollte ich eine von ihren Leuten haben, und jetzt hat sie mir eine von meinen weggeschnappt.' Das war nur ein Spaß, aber im Grunde steckt etwas dahinter. Und obwohl ich sonst niemanden anbieten kann, will ich doch nicht schweigen. Euer Vetter Schatzjade — die Herzoginmutter liebt ihn so, und er ist ein so hübscher junger Mann. Wenn man außerhalb der Familie suchen würde, wäre sie bestimmt nie zufrieden. Wäre es dann nicht die allervollendetste Lösung, wenn man deine Schwester Kajaljade für ihn bestimmte?" Kajaljade, die anfangs wie betäubt zugehört hatte, wurde, als die Rede auf sie selber kam, rot und spuckte Schatzspange an. Dann fasste sie Schatzspange am Ärmel und rief lachend: „Dich sollte man schlagen! Warum hast du die Tante auf solche schandbaren Gedanken gebracht?" Schatzspange lachte: „Das ist aber seltsam! Mama sagt es, und du schlägst mich?" Purpurkuckuck kam eilig herbeigelaufen und rief lächelnd: „Wenn die gnädige Tante solche Absichten hat, warum spricht sie dann nicht mit der gnädigen Frau?" Tante Schnee lachte schallend: „Du kleines Ding, warum so eilig? Willst du, dass dein Fräulein schnell unter die Haube kommt, damit du dir auch bald einen kleinen Bräutigam suchen kannst?" Purpurkuckuck wurde rot und lachte: „Die gnädige Tante bringt jetzt wirklich ihr Alter ins Spiel!" Dann drehte sie sich um und ging. Kajaljade hatte sie zuerst ausgescholten: „Was geht dich das an, du freches Ding?" Doch als sie Purpurkuckucks Verlegenheit sah, musste sie doch lachen und sagte: „Amitabha Buddha! Geschieht dir recht! Da hat sie sich eine Abfuhr geholt!" Tante Schnee, Schatzspange und alle Zofen und Dienerinnen im Zimmer lachten. Die alten Frauen sagten lächelnd: „Was die gnädige Tante sagt, ist zwar nur ein Scherz, aber eigentlich stimmt es doch. Wenn sie einmal Zeit hat und es mit der Herzoginmutter bespricht — wenn die gnädige Tante die Ehestifterin macht, dann wäre das tausendfach und zehntausendfach das Richtige." Tante Schnee sagte: „Sobald ich diesen Vorschlag mache, wird die Herzoginmutter bestimmt einverstanden sein."

Mitten in das Geplänkel hinein erschien Xiangfluss-Wolke, einen Zettel in der Hand, und rief lachend: „Was ist das für ein Kontobuch?" Kajaljade betrachtete es und konnte es ebenfalls nicht einordnen. Die alten Frauen unten sagten alle lachend: „Das ist schon ein seltenes Stück! Das Geld, das so etwas bringt, verdient man nicht alle Tage!" Schatzspange griff rasch zu und nahm den Zettel an sich. Als sie hinsah, war es genau der Pfandschein, von dem Xiuyan gerade gesprochen hatte. Eilig faltete sie ihn zusammen. Tante Schnee sagte rasch: „Das muss ein Pfandschein sein, den eine der Zofen verloren hat. Wenn sie zurückkommt, wird sie ihn überall suchen. Wo hast du den denn her?" Xiangfluss-Wolke fragte: „Was ist ein Pfandschein?" Alle lachten: „Was für ein Unschuldslamm! Nicht einmal einen Pfandschein kennt sie." Tante Schnee seufzte: „Man kann es ihr wirklich nicht verübeln. Sie ist eine waschechte Marquistochter und dazu noch so jung. Wie sollte sie so etwas kennen? Wie sollte sie je so etwas zu Gesicht bekommen? Selbst wenn die Bediensteten zu Hause so etwas hätten, bekäme sie es nie zu sehen. Lacht nicht über sie — wenn die jungen Damen eurer Familien das sähen, würden auch die ratlos dastehen." Die alten Frauen lachten: „Das Fräulein Lin hat es eben auch nicht erkannt, von den Fräulein ganz zu schweigen. Und selbst Schatzjade, der doch oft das Haus verlässt, hat so etwas vermutlich noch nie gesehen." Tante Schnee erklärte sogleich, was ein Pfandschein ist. Xiangfluss-Wolke und Kajaljade lachten, als sie es verstanden: „So ist das also! Die Leute kommen auf alles, was Geld bringt. Hat die Familie der Tante auch so ein Pfandhaus?" Alle lachten: „Das ist aber auch naiv. 'Alle Krähen unter dem Himmel sind gleich schwarz' — warum sollte es da Unterschiede geben?" Tante Schnee fragte noch, wo Xiangfluss-Wolke den Zettel gefunden habe. Xiangfluss-Wolke wollte gerade antworten, als Schatzspange rasch sagte: „Das ist ein alter, abgelaufener Pfandschein, längst aus den Büchern gestrichen. Duftkastanie hatte ihn, um die Mädchen zu unterhalten." Tante Schnee glaubte das und fragte nicht weiter. Da wurde gemeldet: „Die Frau aus dem Stillfriede-Anwesen ist da und möchte die gnädige Tante sprechen." Tante Schnee verabschiedete sich und ging.

Als es im Zimmer still geworden war, fragte Schatzspange Xiangfluss-Wolke, wo sie den Zettel gefunden habe. Xiangfluss-Wolke lächelte: „Ich habe gesehen, wie die kleine Zofe Zhuan-er von deiner künftigen Schwägerin ihn heimlich Yinger zusteckte. Yinger hat ihn in ein Buch geklemmt und dachte, ich hätte nichts bemerkt. Als die beiden draußen waren, habe ich nachgeschaut und konnte nicht erkennen, was es war. Weil ich wusste, dass ihr alle hier seid, habe ich ihn hergebracht, damit wir ihn gemeinsam anschauen." Kajaljade fragte rasch: „Wie, muss sie etwa auch Kleider versetzen? Und wenn ja, warum gibt sie dir den Zettel?" Schatzspange sah, dass sie die beiden nicht anlügen konnte, und erzählte ihnen die ganze Geschichte von vorhin. Kajaljade sagte seufzend: „Wenn der Hase stirbt, trauert der Fuchs; wenn das Wesen verletzt wird, fühlt das Geschöpf mit." Das konnte sie nicht ohne Rührung sagen. Xiangfluss-Wolke aber wurde zornig: „Wartet nur, bis ich die zweite Schwester zur Rede stelle! Ich werde den alten Weibern und Zofen die Leviten lesen und euch rächen, einverstanden?" Damit sprang sie auf, doch Schatzspange hielt sie rasch am Arm fest und sagte lachend: „Da bist du wieder übergeschnappt! Setz dich sofort hin!" Kajaljade lachte: „Wenn du ein Mann wärst, könntest du hinausgehen und für Gerechtigkeit kämpfen. Aber hier spielst du dich als Jing Ke und Nie Zheng auf — das ist wirklich zum Lachen." Xiangfluss-Wolke sagte: „Wenn ihr mich nicht zu ihr lasst, dann holen wir sie morgen zu uns in den Garten, da können wir zusammen wohnen — wäre das nicht wunderbar?" Schatzspange lächelte: „Darüber reden wir morgen." Da wurde gemeldet: „Das dritte und das vierte Fräulein kommen." Die drei hörten es und hielten sofort den Mund, damit kein Wort mehr von der Sache verlautete.

Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.

  1. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck" — Kajaljades treue Kammerzofe.
  2. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù — der Protagonist des Romans.
  3. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā — Dame Königs Schwester, Mutter von Schatzspange.
  4. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade aus dem Hause Lin" — Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.
  5. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén — Aufrecht Kaufmanns Hauptfrau.
  6. Chin. 甄 Zhēn — eine gleichrangige Adelsfamilie aus Nanking. 甄 (zhēn, „echt/wahr") bildet den Gegensatz zu 贾 (jiǎ, homophon mit 假 „falsch/fiktiv").
  7. Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ — das „Anwesen des Reiches der Ehre", Hauptsitz der Familie Kaufmann.
  8. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Xiangfluss-Wolke" — eine Cousine Schatzjades, lebhaft und unbekümmert.
  9. Chin. 阿弥陀佛 Āmítuófó — Anrufung des Buddha Amitabha, im Volksmund als Ausruf der Erleichterung gebräuchlich.
  10. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi — Tante Schnees Tochter, gebildet und besonnen.
  11. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ — die betagte Matriarchin der Familie Kaufmann.
  12. Chin. 袭人 Xīrén — Schatzjades Hauptzofe.
  13. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng — die treue Kammerzofe der Herzoginmutter.
  14. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén — Begnadigung Kaufmannen Hauptfrau.