Hongloumeng/de/Chapter 41
Kapitel 41
Die Herzoginmutter [贾母][1] veranstaltet ein Trinkgelage im Garten der Großen Aussicht — Oma Liu [刘姥姥][2] betrunken verirrt sich im Hof des Fröhlichen Rots
Es wird erzählt, dass Oma Liu mit beiden Händen gestikulierte und sagte: "Die Blüte ist abgefallen und hat einen großen Kürbis hervorgebracht." Die Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus. Nachdem sie den Willkommensbecher geleert hatte, scherzte sie weiter und sagte: "Ehrlich gesagt, meine Hände und Füße sind grob und plump, und ich habe auch noch Wein getrunken. Ich fürchte, mir rutscht diese Porzellanschale aus der Hand. Holt mir doch einen Holzbecher, dann macht es nichts, wenn er mir entgleitet und zu Boden fällt." Die Leute lachten erneut. Phönixglanz[3] hörte das und sagte eilig lachend: "Wenn Ihr wirklich einen hölzernen wollt, hole ich einen. Nur eines muss ich vorher sagen: Die hölzernen sind nicht wie die porzellanenen — sie kommen als ganzes Set, und Ihr müsst das ganze Set durchtrinken."
Oma Liu überlegte im Stillen: "Ich habe vorhin nur einen Scherz gemacht, und nun haben sie tatsächlich welche! Ich bin oft genug bei den Landadligen zu Gast gewesen und habe Gold- und Silberbecher gesehen, aber von Holzbechern habe ich noch nie gehört. Ach, bestimmt sind es nur Holzschüssel für kleine Kinder, und sie wollen mich dazu bringen, ein paar Schalen mehr zu trinken. Egal, der Wein schmeckt süß wie Honigwasser — ein paar Schlucke mehr können nicht schaden." So sagte sie: "Bringt sie her, dann sehen wir weiter."
Phönixglanz [熙凤] befahl Feng'er: "Geh ins vordere Innenzimmer und hol die zehn Bambusbecher vom Bücherregal." Feng'er hörte es und wollte gerade gehen, als Mandarinenente [鸳鸯][4] lachend sagte: "Ich weiß, dass deine zehn Becher noch zu klein sind. Außerdem hast du gerade gesagt, es seien hölzerne, und nun bringst du Bambus — das sieht nicht gut aus. Besser, wir holen unsere zehn großen Ineinanderbecher aus Buchsbaum-Wurzelholz und schenken ihr zehn Becher ein." Phönixglanz lachte: "Noch besser!" Mandarinenente ließ sie tatsächlich holen.
Als Oma Liu sie sah, war sie gleichermaßen überrascht und erfreut: überrascht, weil die zehn Becher ineinandergesteckt waren, vom grössten, der wie eine kleine Schüssel wirkte, bis zum kleinsten, der immer noch doppelt so groß war wie der Becher in ihrer Hand; erfreut, weil die Schnitzereien von außerordentlicher Kunstfertigkeit waren — alles aus einem Stück, mit Landschaften, Bäumen, Figuren sowie Kursivschrift und Siegeln verziert.
Eilig sagte sie: "Nehmt doch nur den kleinen — wozu so viele?" Phönixglanz lachte: "Aus diesen Bechern trinkt man nicht nur einen. In unserer Familie hat niemand ein so großes Fassungsvermögen, daher hat sich nie jemand getraut, sie zu benutzen. Da die Laolao sie verlangt hat und wir sie mit Mühe hervorgesucht haben, müsst Ihr der Reihe nach aus jedem trinken."
Oma Liu erschrak und rief eilig: "Das wage ich nicht! Liebe junge Herrin, verschont mich!" die Herzoginmutter, Tante Schnee [薛姨妈][5] und Dame Wang[6] wussten, dass sie schon betagt war und es nicht aushielt, und sagten schnell lachend: "Reden ist reden und lachen ist lachen, aber trinkt nicht zu viel — nur diesen ersten Becher." Oma Liu sagte: "Amitabha Buddha! Dann trinke ich lieber aus dem kleinen Becher. Den großen verwahrt für mich — ich nehme ihn mit nach Hause und trinke dort in aller Ruhe daraus." Die Anwesenden lachten erneut.
Mandarinenente konnte nicht anders und ließ einen großen Becher randvoll füllen. Oma Liu hielt ihn mit beiden Händen und trank. Die Herzoginmutter und Tante Schnee sagten: "Langsam, verschluck dich nicht!" Tante Schnee bat Phönixglanz, Speisen aufzutun. Phönixglanz lachte: "Was möchte die Laolao essen? Nennt das Gericht, und ich lege es Euch vor." Oma Liu sagte: "Ich weiß doch keine Namen — alles ist vorzüglich." die Herzoginmutter lachte: "Leg ihr etwas von der eingelegten Aubergine vor."
Phönixglanz tat wie geheißen und legte Oma Liu etwas von der eingelegten Aubergine in den Mund. Dabei sagte sie lachend: "Ihr esst jeden Tag Auberginen — probiert einmal unsere und sagt mir, ob sie schmeckt oder nicht." Oma Liu lachte: "Führt mich nicht an der Nase herum! Wenn Auberginen so schmecken könnten, brauchten wir kein Getreide mehr anzubaün und nur noch Auberginen zu pflanzen." Die Leute sagten lachend: "Es ist wirklich Aubergine, wir führen Euch nicht an der Nase herum." Oma Liu war verblüfft: "Wirklich Aubergine? Da habe ich umsonst ein halbes Tagwerk gegessen. Liebe junge Herrin, gebt mir noch etwas davon — ich möchte diesen Bissen sorgfältig kaün."
Phönixglanz legte ihr tatsächlich noch etwas vor. Oma Liu kaute lange daran und sagte lachend: "Es hat zwar ein wenig Auberginenaroma, aber es schmeckt immer noch nicht wie Aubergine. Verratet mir das Rezept, dann mache ich es daheim nach." Phönixglanz lachte: "Das ist nicht schwer. Man nimmt frische Auberginen, schält sie, schneidet nur das reine Fleisch in kleine Würfel und bratet sie in Hühnerfett. Dann nimmt man Hühnerbrust, duftende Pilze, frische Bambussprossen, Champignons, Fünf-Gewürze-Tofu und verschiedene Trockenfrüchte, alles in Würfel geschnitten, und dünstet es in Hühnerbrühe, bis die Flüssigkeit eingekocht ist. Man gibt Sesamöl dazu, mischt Sojasosse darunter, füllt alles in ein Porzellangefäss und versiegelt es. Wenn man es essen möchte, nimmt man etwas heraus und vermengt es mit gebratenen Hühnerkrallen."
Oma Liu hörte das und schüttelte den Kopf mit herausgestreckter Zunge: "Du mein Buddha! Da braucht man ja zehn Hühner, um dieses eine Gericht zuzubereiten — kein Wunder, dass es so schmeckt!" Während sie redete und lachte, ass sie langsam ihren Wein auf und betrachtete immer noch den Becher. Phönixglanz lachte: "Noch nicht genug? Trinkt noch einen!" Oma Liu rief eilig: "Das geht nicht, da würde ich mich zu Tode trinken! Ich bewundere nur dieses Stück — wie haben sie das nur gemacht?" Mandarinenente lachte: "Nun ist der Wein getrunken — aus welchem Holz ist der Becher denn nun?"
Oma Liu lachte: "Kein Wunder, dass die junge Dame es nicht erkennt — ihr lebt hier in goldenen Toren und seidenen Häusern, wie sollt ihr da Holz kennen! Wir leben tagein, tagaus mit dem Wald als Nachbar; wenn wir müde sind, legen wir den Kopf darauf; wenn wir erschöpft sind, lehnen wir uns daran; in Hungerjahren essen wir sogar davon. Wir sehen ihn jeden Tag mit den Augen, hören ihn mit den Ohren und reden über ihn mit dem Mund — also kann ich Gutes von Falschem unterscheiden. Lasst mich einmal prüfen." Sie betrachtete den Becher eine halbe Ewigkeit genau und sagte: "In einem Haushalt wie dem Euren gibt es bestimmt kein billiges Zeug, und leicht zu bekommendes Holz würdet ihr auch nicht aufheben. Er ist schwer genug — sicher kein Pappelholz. Es muss Gelbkiefernholz sein." Alle brachen in schallendes Gelächter aus.
Da kam eine Magd und fragte die Herzoginmutter, ob die jungen Damen im Ouixiang-Pavillon alle eingetroffen seien und ob die Aufführung beginnen solle oder man noch warten solle. Die Herzoginmutter sagte lachend: "Ach, die hätte ich fast vergessen! Lasst sie anfangen!" Die Magd ging davon. Bald darauf hörte man die klagenden Töne der Flöten und Mundorgeln. Es war ein klarer, erfrischender Herbsttag, und die Musik drang durch den Wald und übers Wasser — sie erquickte ganz von selbst das Gemüt.
Schatzjade [宝玉][7] hielt es als Erster nicht mehr aus, nahm die Karaffe und schenkte sich ein Glas ein, das er auf einen Zug leerte. Als er sich nachschenken wollte, sah er, dass Dame Wang ebenfalls trinken wollte und nach gewürztem Wein verlangte. Schatzjade reichte ihr schnell seinen eigenen Becher, den sie aus seiner Hand zwei Schlucke trank. Als der warme Wein kam, kehrte Schatzjade an seinen Platz zurück. Dame Wang nahm die Warmhaltekanne und verließ ihren Sitz, worauf alle aufstanden. Tante Schnee erhob sich ebenfalls. Die Herzoginmutter befahl Li Schleierfrau [李纨][8] und Phönixglanz eilig, die Kanne zu übernehmen: "Lasst eure Tante sich setzen, dann können sich alle wohl fühlen." Dame Wang reichte die Kanne an Phönixglanz und setzte sich wieder.
Die Herzoginmutter lachte: "Trinkt alle ein paar Gläser, heute ist wirklich vergnüglich." Sie hob ihren Becher und prostete Tante Schnee zu, dann wandte sie sich an Wolke vom Xiang-Fluss [湘云][9] und Schatzspange [宝钗][10]: "Trinkt auch einen Becher, ihr zwei. Auch wenn eure Schwester nicht viel trinkt, verschont sie nicht." Damit leerte sie ihren eigenen Becher. Wolke vom Xiang-Fluss, Schatzspange und Kajaljade [黛玉][11] taten es ihr gleich.
Oma Liu hörte die Musik und hatte auch noch den Wein intus — sie war so begeistert, dass sie zu tanzen und zu klatschen begann. Schatzjade verließ seinen Platz und sagte lachend zu Kajaljade: "Schau dir Oma Liu an!" Kajaljade lachte: "Als einst die heilige Musik ertönte, tanzten hundert Tiere im Takt — dies hier ist gerade mal ein Ochsenohr davon." Die Schwestern lachten alle.
Bald verstummte die Musik, und Tante Schnee erhob sich lachend: "Alle haben wohl genug Wein getrunken — lasst uns hinausgehen, um frische Luft zu schnappen, ehe wir weitermachen." die Herzoginmutter wollte sich ebenfalls die Beine vertreten, und so gingen alle hinaus und folgten die Herzoginmutter durch den Garten.
Die Herzoginmutter wollte Oma Liu zerstreuen und führte sie vor die Berge und unter die Bäume, wo sie eine Weile verweilten. Sie zeigte ihr dies und jenes — "das ist dieser Baum, das ist jener Stein, das ist diese Blume." Oma Liu nahm alles in sich auf und sagte zu die Herzoginmutter: "Wer hätte gedacht, dass in der Stadt nicht nur die Menschen vornehm sind, sondern sogar die Vögel! Hier bei euch werden sie hübsch und können sprechen." Die Leute verstanden nicht und fragten, welche Vögel denn hübsch geworden seien und sprechen könnten. Oma Liu sagte: "Das grüne, rotschnäblige Tier auf dem goldenen Ständer unter der Galerie ist ein Papagei — den erkenne ich. Aber wie kommt die schwarze Krähe im Käfig auf einmal zu einem Phönixkamm und kann auch noch reden?" Alle brachen in Gelächter aus.
Bald kamen Dienerinnen, um zum Imbiss einzuladen. Die Herzoginmutter sagte: "Nach den paar Gläsern Wein bin ich gar nicht hungrig. Na gut, bringt es hierher, jeder nimmt sich nach Belieben." Die Dienerinnen trugen zwei kleine Tische herein und stellten zwei kleine Trägerschachteln darauf. Als man sie öffnete, enthielt jede zwei Sorten: die eine Schachtel Lotossamenmehl-Kassia-Kuchen und Pinienkern-Gänseschmalz-Röllchen; die andere Schachtel winzige Teigtaschen, kaum einen Zoll groß. Die Herzoginmutter fragte nach der Füllung, und die Dienerinnen antworteten, es sei Krebs. Die Herzoginmutter runzelte die Stirn: "Wie fettig! Wer will das essen?" Auch die andere Sorte — in Butterschmalz frittierte Gebäckfigürchen — fand nicht ihre Gunst. Sie reichte sie Tante Schnee, die sich ein Stück Kuchen nahm. Die Herzoginmutter nahm ein Röllchen, kostete ein wenig und reichte die Hälfte der Dienerin.
Oma Liu fand die kleinen Gebäckstücke so zierlich und fein gearbeitet, dass sie eine pfingstrosenförmige auswählte und lachend sagte: "Die geschicktesten Mädchen bei uns daheim könnten nicht einmal so etwas aus Papier schneiden. Ich möchte sie essen und kann mich doch nicht überwinden — lieber nehme ich einige mit nach Hause, damit sie als Vorlagen dienen." Alle lachten. Die Herzoginmutter sagte: "Wenn du heimfährst, schenke ich dir einen ganzen Krug. Iss erst einmal die warmen hier." Während die anderen sich nur eine oder zwei Sorten nach Geschmack nahmen, hatte Oma Liu, die solche Dinge noch nie gegessen hatte und die alle so fein und zierlich waren, zusammen mit Ban'er von jedem etwas probiert und damit schon einen halben Teller geleert. Den Rest ließ Phönixglanz auf zwei Teller verteilen und mit einer Trägerschachtel an die Schauspielerinnen Wenguan und Genossen schicken.
Bald kam die Amme mit der kleinen Da Jie'er herein, und alle spielten mit ihr eine Weile. Da Jie'er spielte mit einer großen Pampelmuse, als sie Ban'er mit einer Buddhahand-Zitrone sah und auch eine haben wollte. Die Dienerinnen versuchten, sie mit etwas anderem abzulenken, aber Da Jie'er konnte nicht warten und weinte. Man gab Ban'er schnell die Pampelmuse und tauschte seine Buddhahand ein. Ban'er, der schon eine Weile mit der Buddhahand gespielt hatte und nun Früchte in beiden Händen hielt, fand die duftende, runde Pampelmuse noch amüsanter, trat sie wie einen Ball und vergaß die Buddhahand.
Nachdem die Herzoginmutter und die anderen ihren Tee getrunken hatten, führte sie Oma Liu zum Longsui-Kloster. Wunderjade [妙玉][12] empfing sie eilig. Im Hof sahen sie die üppigen Blumen und Bäume. Die Herzoginmutter sagte lachend: "Buddhistische Einsiedler haben eben keine anderen Aufgaben und pflegen ständig ihren Garten — er ist schöner als überall sonst."
Sie betraten den Östlichen Meditationssaal. Wunderjade bat sie lachend herein, doch die Herzoginmutter sagte: "Wir haben gerade Wein und Fleisch zu uns genommen, und hier stehen Buddha-Statün — wir würden Sünde auf uns laden. Setzen wir uns hier ein wenig, bringt uns Euren guten Tee, wir trinken einen Becher und gehen dann."
Wunderjade hörte das und bereitete eilig Tee. Schatzjade beobachtete aufmerksam, wie sie vorging. Er sah, wie Wunderjade persönlich ein kleines Teebrett im Hortensien-Muster aus geschnitztem Lack mit Goldeinlage und Wolkendrachen-Langlebensmotiv trug, darauf eine kleine Deckeltasse aus Chenghua-Porzellan mit fünffarbigem Dekor, und sie die Herzoginmutter reichte.
Die Herzoginmutter sagte: "Ich trinke keinen Lu'an-Tee." Wunderjade lächelte: "Ich weiß. Dies ist Laojunmei." die Herzoginmutter nahm ihn an und fragte, was für Wasser es sei. Wunderjade antwortete lächelnd: "Es ist im vorigen Jahr aufgefangenes Regenwasser." die Herzoginmutter trank eine halbe Schale, reichte sie dann lachend Oma Liu und sagte: "Probiert diesen Tee." Oma Liu trank alles auf einen Zug und sagte lachend: "Gut ist er, nur etwas dünn — wenn man ihn kräftiger kochte, wäre er noch besser." die Herzoginmutter und die anderen lachten. Danach bekamen alle einheitliche Guanyao-Deckenschalen aus weißem Porzellan.
Wunderjade zupfte Schatzspange und Kajaljade unauffällig am Ärmel, und die beiden folgten ihr hinaus. Schatzjade schlich leise hinterher. Wunderjade führte die beiden in ein Seitenzimmer; Schatzspange setzte sich auf die Liege, Kajaljade auf Wunderjades Meditationskissen. Wunderjade fachte den Windofen an und brühte eine eigene Kanne Tee auf.
Schatzjade trat lächelnd herein: "Ihr trinkt also heimlich Tee unter euch!" Die beiden lachten: "Du bist uns wieder nachgelaufen, um Tee zu schnorren. Hier ist keiner für dich." Wunderjade wollte gerade Schalen holen, als eine Nonne die oberen Teeschalen abzuräumen kam. Wunderjade befahl eilig: "Die Chenghua-Schale dort räume nicht mit ein — stell sie nach draußen."
Schatzjade verstand: weil Oma Liu daraus getrunken hatte, fand Wunderjade sie unrein und wollte sie nicht mehr. Dann sah er Wunderjade zwei andere Schalen hervorholen. Die eine hatte an der Seite einen Henkel, und auf ihr waren die drei Siegelschriftzeichen "Guabao-Jia" eingraviert, gefolgt von einer Zeile in kleiner Regelschrift: "Kostbares Stück des Jin-Fürsten Wang Kai", und darunter "Im vierten Jahr Yuanfeng der Song, im vierten Monat, sah Su Shi [es] in der Geheimkammer". Wunderjade schenkte eine Schale voll ein und reichte sie Schatzspange.
Die andere ähnelte einer kleinen Almosenschale und trug ebenfalls drei tropfenförmige Siegelschriftzeichen: "Xingxi-Qiao". Wunderjade goss Kajaljade eine Schale ein. Für Schatzjade schenkte sie in ihren eigenen alltäglichen Grünjadebecher ein.
Schatzjade lachte: "Man sagt doch, 'vor dem Dharma sind alle gleich' — die beiden bekommen solche Antiquitäten, und ich ein gewöhniches Gefäss?" Wunderjade erwiderte: "Das soll gewöhnilich sein? Ich sage keine großprahlerischen Worte, aber in Eurem ganzen Haus dürfte sich kaum ein solches 'gewöhnliches Gefäss' finden lassen." Schatzjade lachte: "Wie man so sagt: 'In Rom tü wie die Römer.' Bei Euch werden natürlich Gold, Jade, Perlen und Edelsteine allesamt zu gewöhnlichem Gerät degradiert."
Wunderjade hörte das sehr erfreut und suchte noch ein Gefäss hervor — eine große Trinkschale aus einer ganzen Bambuswurzel, neunfach gewunden mit zehn Ringen und hundertundzwanzig Gliedern, in Form eines Drachens geschnitzt. Sie lachte: "Das ist das einzige, was mir noch geblieben ist — könntet Ihr das leeren?" Schatzjade rief freudig: "Das schaffe ich!" Wunderjade lachte: "Ihr könntet es vielleicht, aber so viel Tee zu verschwenden wäre sündhaft. Kennt Ihr nicht den Spruch: 'Die erste Tasse ist Genuss, die zweite schon stümperhaftes Durstlöschen, und bei der dritten trinkt man wie ein Ochse oder Maultier'? Was würdet Ihr erst mit dieser ganzen Schale sein?"
Schatzspange, Kajaljade und Schatzjade lachten. Wunderjade hob die Kanne und goss nur etwa eine Tasse voll hinein. Schatzjade trank bedächtig und empfand den Tee als unvergleichlich leicht und duftend; er lobte ihn über alle Maßen. Wunderjade sagte ernst: "Dass Ihr heute diesen Tee trinken dürft, verdankt Ihr dem Glück dieser beiden. Wäret Ihr allein gekommen, hätte ich Euch nichts gegeben." Schatzjade lachte: "Das weiß ich wohl. Ich schulde Euch keinen Dank — ich danke nur den beiden." Wunderjade hörte das und sagte: "Das ist ein verständiges Wort."
Kajaljade fragte: "Ist das auch vorjähriges Regenwasser?" Wunderjade lachte kühl: "Für eine solche Person seid Ihr doch sehr gewöhnlich — Ihr könnt nicht einmal das Wasser unterscheiden! Dies ist Schnee, den ich vor fünf Jahren im Xuanmu-Panxiang-Kloster von Pflaumenblüten gesammelt habe. Ich bekam nur eine einzige Geisterfratzen-Vase voll und konnte mich nie überwinden, ihn zu trinken — ich vergrub ihn in der Erde, und erst diesen Sommer habe ich ihn geöffnet. Ich selbst habe nur einmal davon getrunken; dies ist das zweite Mal. Wie könnt Ihr das nicht herausschmecken? Vorjähriges gesammeltes Regenwasser ist doch niemals so leicht und klar — wie sollte man das trinken können!" Kajaljade, die Wunderjades eigenwillige Natur kannte, wagte nicht zu widersprechen und verweilte auch nicht länger. Nach dem Tee verließ sie mit Schatzspange das Zimmer.
Schatzjade sagte schmunzelnd zu Wunderjade: "Die Teeschale ist zwar beschmutzt, aber wäre es nicht schade, sie einfach wegzuwerfen? Meiner Meinung nach könntet Ihr sie der armen alten Frau geben — sie könnte sie verkaufen und davon leben. Was haltet Ihr davon?" Wunderjade dachte einen Moment nach, nickte und sagte: "Nun gut. Glücklicherweise habe ich selbst nicht daraus getrunken — hätte ich sie benutzt, würde ich sie lieber zerschlagen, als sie herzugeben. Wenn Ihr sie ihr geben wollt, kümmere ich mich nicht darum — nehmt sie und geht schnell." Schatzjade sagte: "Natürlich. Wie könntet Ihr mit ihr reden und etwas überreichen — das würde ja sogar Euch beschmutzen. Gebt sie einfach mir."
Wunderjade ließ sie holen und reichte sie Schatzjade. Er nahm sie und sagte: "Wenn wir draußen sind, schicke ich ein paar Burschen, die einige Eimer Wasser aus dem Bach holen und den Boden waschen — wie wäre das?" Wunderjade lachte: "Das wäre noch besser! Sagt ihnen nur, sie sollen das Wasser am Bergtor vor der Maür abstellen und nicht hereinkommmen." Schatzjade sagte: "Natürlich."
Er steckte die Schale in den Ärmel und gab sie einer kleinen Dienerin von die Herzoginmutters Haushalt mit den Worten: "Wenn Oma Liu morgen heimfährt, gib sie ihr mit." Kaum hatte er dies aufgetragen, trat die Herzoginmutter bereits heraus, um aufzubrechen. Wunderjade versuchte nicht, sie zurückzuhalten, sondern begleitete sie zum Bergtor und schloss hinter sich die Tür. Doch davon wollen wir nicht weiter berichten.
Die Herzoginmutter fühlte sich müde und bat Dame Wang sowie Willkommensfrühling[13] und ihre Schwestern, Tante Schnee weiter beim Weintrunk Gesellschaft zu leisten, während sie selbst im Daoxiang-Dorf rasten wollte. Phönixglanz ließ eilig den kleinen Bambusstuhl bringen. Die Herzoginmutter setzte sich darauf, zwei Dienerinnen trugen ihn, und Phönixglanz, Li Schleierfrau und die übrigen Dienerinnen folgten. Doch davon wollen wir nicht weiter berichten.
Tante Schnee verabschiedete sich ebenfalls. Dame Wang schickte die Schauspielerinnen fort, verteilte die Trägerschachteln an die Dienerinnen zum Essen und legte sich selbst auf die Liege, auf der die Herzoginmutter zuvor gesessen hatte, befahl einer kleinen Dienerin, den Vorhang herunterzulassen und ihr die Beine zu klopfen, und sagte: "Wenn es Neuigkeiten von der Alten Herrin gibt, weck mich." Damit nickte sie ein.
Schatzjade, Wolke vom Xiang-Fluss und die anderen sahen den Dienerinnen zu, wie sie die Trägerschachteln auf den Felssteinen abstellten. Manche sassen auf Steinen, manche im Gras, manche lehnten an Bäumen, manche am Wasser — es war ein fröhliches Treiben. Bald kam Mandarinenente, um Oma Liu überall herumzuführen, und alle schlossen sich spaßeshalber an.
Sie kamen zum Tor des "Besuchs in der Heimat"-Ehrenpfortens. Oma Liu rief: "Ach du meine Güte! Hier ist ja noch ein großer Tempel!" Sie fiel auf die Knie und schlug mit der Stirn auf den Boden. Die Leute bogen sich vor Lachen. Oma Liu sagte: "Was lacht ihr? Ich kann die Schriftzeichen auf diesem Tor lesen! Bei uns gibt es viele solcher Tempel, alle mit solchen Toren — die Schrift ist der Name des Tempels." Die Leute fragten lachend: "Welcher Tempel ist das denn?" Oma Liu blickte auf und zeigte auf die Schriftzeichen: "Steht da nicht 'Halle des Jade-Kaisers'?" Alle klatschten vor Lachen in die Hände.
Man wollte sie weiter necken, doch da knurrte es in Oma Lius Bauch. Eilig zog sie eine kleine Dienerin heran und verlangte zwei Stück Papier, denn sie musste sich erleichtern. Alle lachten und riefen: "Hier geht das nicht!" Schnell schickten sie eine alte Dienerin mit ihr in nordöstlicher Richtung. Die Dienerin zeigte ihr den Ort und ging vergnügt weg, um sich auszuruhen.
Oma Liu hatte einiges an Wein getrunken, der nicht zu ihrer Konstitution passte; dazu hatte sie viele fettige Speisen und aus Durst mehrere Schalen Tee zu sich genommen, was natürlich abführend wirkte. Sie hockte eine lange Weile. Als sie endlich herauskam, schlug ihr der Wind ins Gesicht, und da sie eine betagte Person war, die so lange gehockt hatte, wurde ihr beim plötzlichen Aufstehen schwindlig und trübe vor Augen — sie konnte den Weg nicht mehr erkennen. Sie blickte sich um: ringsum nur Bäume, Felsen, Pavillons und Häuser, doch sie wusste nicht, welcher Weg wohin führte. So folgte sie langsam einem Steinweg.
Als sie bei den Gebauden ankam, fand sie keine Tür. Nach langem Suchen entdeckte sie einen Bambuszaun. Oma Liu dachte: "Hier gibt es auch ein Bohnengerüst." Dem Blumenspalier folgend, gelangte sie durch ein mondförmiges Tor. Direkt vor ihr lag ein schmaler Teich, nur sieben bis acht Fuß breit, mit steinernen Ufern und klarem, blaüm Wasser. Darüber lag ein weißer Stein als Brücke. Oma Liu überqürte ihn und folgte dem Steinpfad, bog zweimal ab und sah eine Zimmertür. Sie trat ein, und ein Mädchen kam ihr lächelnd entgegen. Oma Liu rief lachend: "Die jungen Damen haben mich zurückgelassen, und nun habe ich mich hierher verirrt."
Doch das Mädchen antwortete nicht. Oma Liu ging auf sie zu und wollte ihre Hand greifen — "bums!" stieß sie gegen eine Wand und schlug sich den Kopf schmerzhaft an. Als sie genaür hinsah, war es ein Gemälde. Oma Liu dachte: "So lebensecht können Bilder also sein!" Sie betrachtete es, befühlte es — alles glatt. Kopfschüttelnd seufzte sie.
Als sie sich umdrehte, fand sie ein kleines Türchen, das mit einem grün gestreiften Blumenvorhang verhängt war. Sie hob den Vorhang und trat ein. Die vier Wände waren kunstvoll durchbrochen, Lauten, Schwerter, Vasen und Räucherständer hingen daran, mit Brokat verhüllt und Seidenschleiern geschmückt, golden und juwelenbesetzt. Sogar die Bodenfliesen waren grün mit eingravierten Mustern. Oma Liu war völlig geblendet. Sie suchte nach der Tür, doch wo war sie? Links ein Bücherregal, rechts ein Wandschirm. Hinter dem Wandschirm fand sie eine Tür und ging hindurch — da kam ihr ihre eigene Verwandte von draußen entgegen!
Verwundert fragte Oma Liu: "Du bist wohl hier, weil ich seit ein paar Tagen nicht nach Hause gekommen bin? Wer hat dich hereingebracht?" Ihre Verwandte lächelte nur, ohne zu antworten. Oma Liu lachte: "Du hast ja gar keinen Sinn für Anstand — wenn du die hübschen Blumen im Garten siehst, steckst du dir gleich einen ganzen Kopf voll auf!" Die Verwandte antwortete noch immer nicht.
Da fiel ihr plötzlich ein: "Ich habe gehört, dass reiche Familien eine Art Spiegel haben, durch den man hindurchgehen kann — vielleicht bin ich in einem Spiegel!" Sie streckte die Hand aus und sah genaür hin — tatsächlich: vier durchbrochen geschnitzte Sandelholzrahmen fassten einen Spiegel in der Mitte ein. "Das versperrt den Weg — wie komme ich hinaus?" Während sie herumtastete, betätigte sie zufällig den Mechanismus. Es war ein westlicher Spiegel, der sich öffnen und schließen ließ. Durch ihre unbeabsichtigte Berührung schwang der Spiegel auf und gab den Durchgang frei.
Überrascht und erfreut trat Oma Liu hindurch und fand sich vor dem prächtigsten Bett wieder, das sie je gesehen hatte. Da sie schon zu sieben, acht Zehnteln betrunken war und müde vom Umherlaufen, setzte sie sich mit einem Plumps auf das Bett, "nur um kurz zu rasten". Aber sie konnte sich nicht mehr halten, schwankte vor und zurück, ihre Augen fielen zu, und im Nu war sie auf dem Bett eingeschlafen.
Die anderen warteten vergeblich auf sie. Ban'er vermisste seine Großmutter und fing an zu weinen. Alle lachten: "Vielleicht ist sie in den Abort gefallen! Schickt schnell jemanden nachsehen." Zwei Dienerinnen gingen, kamen aber zurück und sagten, sie sei nicht dort. Man suchte überall vergebens.
Dufthauch[14] überlegte, welchen Weg sie genommen haben könnte: "Sie ist betrunken und hat sich verlaufen. Wahrscheinlich ist sie diesem Pfad zu unserer Rückseite gefolgt. Wenn sie durch das Blumenspalier gegangen und zur Hintertür hereingekommen ist, hätte sie zwar angestoßen, aber die kleinen Dienerinnen hätten sie bemerkt. Wenn sie nicht durch das Spalier, sondern weiter nach Südwesten gegangen ist und den Ausweg gefunden hat, wäre es gut — wenn nicht, dürfte sie sich eine Weile im Kreis drehen. Ich gehe lieber nachsehen."
So kehrte Dufthauch zurück und betrat den Yihong-Hof, rief nach den Mädchen — doch die kleinen Dienerinnen waren alle heimlich zum Spielen gegangen.
Dufthauch ging geradewegs durch die Zimmertür, vorbei am verzierten Raumteiler, und hörte schnarchen wie Donner. Eilig trat sie ein — der Geruch von Alkohol und Blähungen erfüllte den Raum. Sie sah Oma Liu auf dem Bett liegen, Arme und Beine von sich gestreckt. Dufthauch erschrak nicht wenig und rüttelte sie wach, ohne Umschweife.
Oma Liu fuhr hoch, sah Dufthauch und kletterte eilig vom Bett: "Junge Dame, ein schreckliches Versehen! Ich habe die Bettvorhange nicht beschmutzt!" Während sie das sagte, klopfte sie die Decken ab.
Dufthauch fürchtete, andere könnten es bemerken und Schatzjade davon erfahren. Sie winkte ihr ab und bedeutete ihr, still zu sein. Eilig legte sie drei, vier Handvoll Lilien-Räucherwerk in den Räucherofen, setzte den Deckel auf und räumte schnell auf. Glücklicherweise hatte Oma Liu sich nicht übergeben. Leise lachend sagte Dufthauch: "Macht Euch keine Sorgen, ich bin ja da. Folgt mir hinaus." Oma Liu folgte Dufthauch in das Zimmer der kleinen Dienerinnen und setzte sich.
Dufthauch sagte: "Sagt einfach, Ihr seid betrunken auf einem Felsbrocken eingeschlafen." Oma Liu nickte. Nachdem sie zwei Schalen Tee getrunken hatte, war sie wieder nüchtern und fragte: "Wessen Schlafzimmer war das? So prächtig — ich kam mir vor wie im Himmelspalast." Dufthauch lächelte: "Das war das Schlafzimmer unseres Zweiten Jungen Herrn Schatzjade." Oma Liu erschrak so sehr, dass sie keinen Laut mehr von sich gab.
Dufthauch führte sie durch den Vorderausgang hinaus. Gegenüber den anderen sagte sie nur, Oma Liu habe im Gras geschlafen und sie habe sie hergebracht. Niemand kümmerte sich weiter darum.
Bald erwachte die Herzoginmutter. Das Abendbrot wurde im Daoxiang-Dorf aufgetragen. Da die Herzoginmutter sich müde fühlte, ass sie wenig. Sie ließ sich auf dem Bambus-Tragstuhl in ihr Gemach zurücktragen, um zu ruhen, und befahl Phönixglanz und den anderen, zu essen. Die Schwestern kehrten in den Garten zurück. Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎmǔ, wörtl. „Mutter Kaufmann". Oberhaupt der Familie, auch „Alte Herrin" genannt.
- ↑ Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Großmutter Liu". Eine einfache Bäuerin vom Lande.
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Glänzender Phönix aus dem Hause Wang". Haushälterin der Familie Kaufmann.
- ↑ Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Treue Leibdienerin der Herzoginmutter.
- ↑ Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Xue/Schnee". Mutter von Schatzspange.
- ↑ Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, wörtl. „Dame Wang". Schatzjades Mutter.
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kaufmann Kostbare Jade". Hauptfigur des Romans.
- ↑ Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Li Seidenschleier". Witwe von Kaufmann Zhu, Schatzjades ältere Schwägerin.
- ↑ Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Shi Wolke vom Xiang-Fluss". Schatzjades lebhafte Cousine.
- ↑ Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Xue Kostbare Haarspange". Schatzjades spätere Ehefrau.
- ↑ Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald-Kajaljade". Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.
- ↑ Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Longsui-Kloster.
- ↑ Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „den Frühling willkommen heißen". Zweite Tochter des Hauses Kaufmann.
- ↑ Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die Angreifende/Überraschende" (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an"). Schatzjades erste Kammerzofe.