Hongloumeng/de/Chapter 91

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Kapitel 91 Die lüsterne Baochan [1] spinnt geschickt ihre Intrige. Schatzjade [2] schwatzt töricht über den Chan-Buddhismus.

Es wird erzählt, dass Xue Ke [3], gerade noch voller Zweifel, draußen am Fenster ein Lachen hörte und zusammenschrak. Er dachte bei sich: „Das ist entweder Baochan oder Jin Gui [4]. Ich werde sie einfach ignorieren — mal sehen, was sie dann tun." Er lauschte eine Weile, doch es blieb totenstill.

Er wagte nicht, das Obst und den Wein anzurühren, und schloss die Tür. Gerade als er sich entkleiden wollte, hörte er das Fensterpapier leise knistern. Nachdem Baochan ihn so verwirrt hatte, war er ganz durcheinander und wusste nicht, wie ihm geschah. Als er genauer hinsah, rührte sich nichts mehr. Misstrauisch setzte er sich im Lampenlicht hin und überlegte. Er nahm ein Stück Obst und drehte es hin und her. Da bemerkte er, dass das Fensterpapier an einer Stelle feucht war. Er ging näher und kniff die Augen zusammen — da blies plötzlich jemand von draußen hinein, und er erschrak fürchterlich. Er hörte ein unterdrücktes Kichern.

Eilig blies er die Lampe aus und legte sich reglos hin. Von draußen sagte eine Stimme: „Warum hat der Zweite Herr weder getrunken noch gegessen und sich gleich schlafen gelegt?" Es war Baochans Stimme. Xue Ke rührte sich nicht und stellte sich schlafend.

Nach einer Weile hörte er draußen jemanden verärgert sagen: „Wo gibt es nur so einen glücklosen Menschen?" Es klang wie Baochan, aber auch wie Jin Gui. Jetzt erst verstand er, worauf die beiden es abgesehen hatten. Er wälzte sich hin und her und schlief erst nach der fünften Nachtwache ein.

Kaum war es hell, klopfte jemand an die Tür. Xue Ke fragte: „Wer ist da?" Keine Antwort. Er musste aufstehen und öffnen — es war Baochan, das Haar nur lose zusammengesteckt, den Mantel nur übergeworfen. Sie trug ein eng anliegendes Jäckchen mit goldenem Saum und Pipa-Kragen, darüber ein kiefernblütengrünes, halbneues Schweißtuch; unten keinen Rock, so dass die granatapfelrote geblümte Hose und die frisch gestickten roten Schuhe zu sehen waren. Offenbar war Baochan noch ungeschminkt und ungekämmt und war in der Frühe gekommen, bevor jemand sie sehen konnte, um die Sachen von gestern Abend abzuholen.

Xue Ke sah sie so hereinkommen, und sein Herz zuckte unwillkürlich. Doch er fasste sich und fragte lächelnd: „Wie kommt es, dass du so früh aufstehst?"

Baochan wurde rot und antwortete nichts. Sie schüttete wortlos das Obst auf einen Teller und ging damit hinaus. Xue Ke erkannte: Das war die Verärgerung von gestern Abend. Er dachte: „Umso besser. Wenn sie beleidigt ist, lässt sie mich vielleicht endlich in Ruhe." Er beruhigte sich, ließ sich Waschwasser bringen und beschloss, ein paar Tage still zu Hause zu bleiben: erstens um sich auszuruhen, zweitens weil er fürchtete, dass man ihn draußen belästigen würde.

Denn die Leute, die mit Xue Pan [5] befreundet gewesen waren, hatten bemerkt, dass die Familie Xue nun ohne Mann dastand und nur der junge Xue Ke die Geschäfte führte. Da kamen allerlei habgierige Gedanken auf: Einige wollten sich als Laufburschen einschleichen; andere prahlten, sie könnten Klageschriften verfassen und kennten ein, zwei Amtsschreiber, mit denen man die Sache „regeln" könne; wieder andere drängten ihn, Geld herauszurücken; manche versuchten es mit einschüchternden Gerüchten. Xue Ke wich ihnen aus und wagte nicht, ihnen offen abzusagen, aus Furcht vor unberechenbaren Folgen. Also blieb er zu Hause und wartete auf Nachrichten von der Behörde. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Nun zu Jin Gui: Am vergangenen Abend hatte sie Baochan mit Obst und Wein zu Xue Ke geschickt, um auszukundschaften. Baochan hatte ihr alles berichtet. Jin Gui sah, dass die Sache nicht gut anlief, und fürchtete, sich lächerlich zu machen und von Baochan verachtet zu werden. Sie hätte die Sache gern mit ein paar Worten abgetan und vertuscht, konnte aber andererseits den Mann nicht vergessen. So saß sie ratlos und starrte vor sich hin.

Baochan ihrerseits rechnete damit, dass Xue Pan schwerlich nach Hause zurückkehren würde, und suchte nach einem Ausweg für sich selbst. Sie hatte zwar Angst vor Jin Gui, wagte aber nicht, ihre eigenen Absichten zu verraten. Da Jin Gui nun den Anfang gemacht hatte, dachte sie sich: Umso besser — ich nutze den Wind und treibe das Boot voran! Wenn ich Xue Ke erst in der Hand habe, wird Jin Gui sich fügen müssen. Also stachelte sie Jin Gui mit Worten an. Zwar schien Xue Ke nicht ganz abgeneigt, aber er nahm den Köder auch nicht recht an. Nachdem er die Lampe ausgeblasen und sich schlafen gelegt hatte, war die Sache fürs Erste gescheitert. Sie berichtete Jin Gui und wartete ab, ob die vielleicht einen besseren Plan hätte. Da Jin Gui aber ebenfalls ratlos dasaß, gingen die beiden schließlich schlafen.

Die ganze Nacht lag Baochan wach und ersann schließlich einen Plan: „Morgen früh stehe ich zeitig auf, hole die Sachen ab und ziehe mir ein, zwei Kleidungsstücke in zarten Farben an. Ohne Schminke und Frisur, in schläfriger Anmut — das wird seine Aufmerksamkeit erregen. Dann spiele ich die Beleidigte und ignoriere ihn. Wenn er Reue zeigt, kommt er von selbst zu mir."

Doch als sie am Morgen Xue Ke gegenüberstand, war er genau wie am Abend — ohne die geringste unlautere Regung. So tat sie, als wäre sie wirklich beleidigt, nahm den Obstteller und ging — ließ aber absichtlich den Weinkrug da, um einen Vorwand für einen weiteren Besuch zu haben.

Jin Gui fragte: „Hat dich jemand gesehen, als du die Sachen geholt hast?"

Baochan sagte: „Nein."

Jin Gui: „Hat der Zweite Herr dich etwas gefragt?"

Baochan: „Nein."

Jin Gui hatte die ganze Nacht wach gelegen, ohne eine Idee zu finden. Schließlich dachte sie: „Wenn ich diese Sache anstelle, kann ich es vor allen verbergen — nur nicht vor Baochan. Am besten schneide ich sie ein Stück vom Kuchen ab, dann hat sie nichts zu sagen. Außerdem kann ich ja nicht selbst hingehen — ich brauche sie als Botin. Also bespreche ich die Sache offen mit ihr."

Lächelnd fragte sie: „Was meinst du, was für ein Mensch ist der Zweite Herr eigentlich?"

Baochan sagte: „Er wirkt wie ein Dummkopf."

Jin Gui lachte: „Wieso beleidigst du die Herren?"

Baochan lachte ebenfalls: „Er verschmäht die Güte der Herrin — da darf ich ihn doch wohl so nennen."

Jin Gui sagte: „Worin verschmäht er meine Güte? Erkläre das mal."

Baochan sagte: „Die Herrin gibt ihm gute Sachen zu essen, und er rührt sie nicht an — ist das kein Verschmähen der Güte?" Dabei warf sie Jin Gui einen vielsagenden Blick zu und lachte.

Jin Gui sagte: „Denk dir nichts Falsches! Ich schicke ihm nur etwas, weil er sich wegen des Ersten Herrn so viel Mühe macht. Ich wollte mich nur bedanken und fürchtete, die Leute könnten Unsinn reden. Deshalb frage ich dich. Was du da sagst, verstehe ich nicht."

Baochan lachte: „Herrin, seid nicht empfindlich! Ich bin doch Eure Dienerin — hätte ich zwei Herzen? Nur muss die Sache geheim bleiben. Wenn es herauskommt, ist nicht zu spaßen."

Jin Gui wurde rot und sagte: „Du unverschämtes Ding! Ich glaube, du hast selbst ein Auge auf ihn geworfen und benutzt mich als Vorwand, stimmt's?"

Baochan sagte: „Das denkt sich die Herrin so! Ich leide ja für die Herrin mit. Wenn die Herrin den Zweiten Herrn wirklich mag, hätte ich eine Idee. Welche Maus stiehlt nicht Öl? Er hat nur Angst, dass die Sache auffliegt und ein Skandal entsteht. Meiner Meinung nach sollte die Herrin sich nicht übereilen. Tut ihm hier und da eine kleine Aufmerksamkeit, kümmert Euch ein wenig um ihn. Er ist der jüngere Schwager und unverheiratet — wenn die Herrin sich etwas mehr um ihn kümmert und sich bei ihm beliebt macht, kann kein Mensch etwas dabei finden. Nach ein paar Tagen wird er der Herrin dankbar sein und sich revanchieren wollen. Dann bereite die Herrin ein paar Sachen vor in unseren Räumen. Ich helfe der Herrin, ihn betrunken zu machen — dann kann er nicht mehr entkommen! Und wenn er sich trotzdem weigert, machen wir Lärm und behaupten, er habe die Herrin belästigt. Aus Angst wird er sich fügen. Und wenn er dann immer noch nicht will, ist er kein Mensch — und wir haben wenigstens nicht umsonst unser Gesicht verloren. Was meint die Herrin?"

Jin Gui war bei diesen Worten schon über beide Wangen gerötet und schimpfte lachend: „Du schändliches Ding! Woher nimmst du all diese Tricks?"

Beide lachten und berieten noch eine Weile. Doch davon soll hier vorerst nicht weiter berichtet werden.

Unterdessen saß Schatzjade in der Herberge am Xiaoxiang-Fluss [6] bei Kajaljade [7]. Tanchun [8] hatte Shishu geschickt, die zurückkam und berichtete, Kajaljade gehe es etwas besser. Daraufhin kam Schatzjade selbst zu Besuch, sah, dass Kajaljade tatsächlich besser aussah, und war erleichtert.

Kajaljade sagte lächelnd: „Ich bin ein paar Tage krank gewesen und habe die Ahnherrin und alle beunruhigt. Jetzt fühle ich mich wirklich besser."

Schatzjade sagte: „Das hört man gerne. Aber woher kam die Krankheit eigentlich?"

Kajaljade schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Ich weiß es selbst nicht. Plötzlich kam sie, plötzlich ging sie."

Schatzjade betrachtete sie schweigend, dann sagte er plötzlich: „Ich stelle dir eine Frage. Angenommen, jemand hat dich gern und du hast ihn gern — was tust du? Und wenn jemand dich gern hat, du ihn aber nicht — was dann? Oder wenn du jemanden gern hast, er dich aber nicht — was dann?"

Kajaljade schaute ihn lange an. Schatzjade starrte eine halbe Ewigkeit vor sich hin, dann brach er plötzlich in Lachen aus und sagte: „Mag das Schwache Wasser auch dreitausend Li lang sein — ich trinke nur einen einzigen Schöpfer daraus." [9]

Kajaljade sagte: „Und wenn der Schöpfer auf dem Wasser davontreibt — was dann?"

Schatzjade sagte: „Nicht der Schöpfer treibt mit dem Wasser davon — das Wasser fließt für sich, der Schöpfer treibt für sich."

Kajaljade sagte: „Das Wasser steht still, die Perle sinkt — was dann?"

Schatzjade sagte: „Mein Zen-Herz ist wie nasse Weidenwolle, die am Lehm klebt — lass den Rebhuhn-Ruf nicht mehr im Frühlingswind erklingen." [10]

Kajaljade sagte: „Das erste Gebot des Chan-Buddhismus verbietet doch das Lügen!"

Schatzjade sagte: „Bei den Drei Juwelen sei's geschworen!" [11]

Kajaljade senkte den Kopf und schwieg. Draußen unter der Dachtraufe krächzte eine Krähe ein paarmal und flog dann nach Südosten davon.

Schatzjade fragte: „Was mag das zu bedeuten haben — Glück oder Unglück?"

Kajaljade sagte: „Ob Glück, ob Unglück — im Ruf der Vögel liegt es nicht."

Da kam Qiuwen herbeigelaufen und sagte: „Der Zweite junge Herr wird gebeten, nach Hause zu kommen. Der gnädige Herr hat jemanden in den Garten geschickt, um zu fragen, ob der Zweite junge Herr von der Schule zurück sei. Schwester Dufthauch hat gesagt, er sei schon da. Beeilt Euch!"

Schatzjade erschrak, sprang auf und eilte hinaus. Auch Kajaljade wagte nicht, ihn aufzuhalten.

Was dann geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

  1. Chinesisch: 宝蟾
  2. Chinesisch: 贾宝玉
  3. Chinesisch: 薛蝌
  4. Chinesisch: 金桂
  5. Chinesisch: 薛蟠
  6. Chinesisch: 潇湘馆
  7. Chinesisch: 林黛玉
  8. Chinesisch: 探春
  9. "Schwaches Wasser" (弱水) ist ein mythischer Fluss, in dem selbst Federn nicht schwimmen können. Schatzjade sagt damit: Unter allen Frauen der Welt wähle ich nur dich.
  10. Anspielung auf ein Gedicht des Mönchs Daoqian: „Mein Zen-Herz klebt längst wie nasse Weidenwolle am Lehm — es tanzt nicht mehr wild im Frühlingswind." Schatzjade sagt: Wenn du stirbst, ist auch mein Herz tot — dann gehe ich ins Kloster.
  11. Die „Drei Juwelen" (三宝) sind Buddha, das Dharma und die Sangha — die höchste Schwurformel im Buddhismus.