Hongloumeng/de/Chapter 24

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Kapitel 24

Der betrunkene Diamant-König zeigt großherzigen Sinn — Die verschlagene Schmeichelrede überzeugt Phönixglanz[1] — Rotjädchen[2] begegnet Efeu Kaufmann[3] im Traum

Es wird erzählt, dass Kajaljade[4] gerade in Kummer und zärtliches Sinnieren versunken war, als ihr plötzlich jemand von hinten auf den Rücken klopfte und rief: „Was machst du hier ganz allein?" Kajaljade erschrak, drehte sich um — es war niemand anderes als Xiangling [Anm.: die entführte Tochter Wahrheitsverberger Echts, auch bekannt als Heldenlotus, nun Dienerin bei den Xues]. Kajaljade sagte: „Du dummes Mädchen, hast mich zu Tode erschreckt! Wo kommst du her?" Xiangling lachte kichernd: „Ich suche unsere Fräulein. Überall habe ich sie gesucht und kann sie nicht finden. Auch deine Purpurkuckuck sucht nach dir, sie sagt, dass die Frau Lian ein paar Teeblätter für dich geschickt hat. Komm, gehen wir nach Hause!" Dabei nahm sie Kajaljade an der Hand und ging mit ihr zum Xiaoxiang-Pavillon zurück. Tatsächlich hatte Phönixglanz zwei kleine Fläschchen erlesenen Tee geschickt. Kajaljade und Xiangling setzten sich zusammen. Da sie keine wichtigen Dinge zu besprechen hatten, plauderten sie nur über Stickereien — diese sei besonders hübsch, jene besonders fein —, spielten eine Partie Schach und lasen zwei Sätze in einem Buch, bis Xiangling sich verabschiedete. Davon sei nicht weiter die Rede.

Nun sei erzählt, dass Schatzjade[5], nachdem Dufthauch[6] ihn nach Hause geholt hatte, dort auf Mandarinenente[7] [鸳鸯] traf, die auf dem Bett lag und Dufthauchs Näharbeit betrachtete. Als sie Schatzjade kommen sah, sagte sie: „Wo hast du dich herumgetrieben? Die alte Großmutter wartet auf dich und will, dass du drüben dem Großen Herrn deine Aufwartung machst. Beeil dich und zieh dich um!" Dufthauch ging sogleich ins Zimmer, um die Kleidung herauszusuchen. Schatzjade setzte sich auf die Bettkante, zog die Schuhe aus und wartete, dass man ihm die Stiefel brachte. Er blickte sich um und sah Mandarinenente in einem wasserroten Seidenhemd mit einer blauen Satinweste, um die Taille ein weißes Krepp-Schweißtuch gebunden, den Kopf gesenkt, die Näharbeit betrachtend, um ihren Hals trug sie ein Blumenhalsband. Schatzjade schmiegte sein Gesicht an ihren Nacken, sog den Duft des Haaröls ein und konnte nicht aufhören, sie zu streicheln — ihre Haut war ebenso weiß und zart wie die Dufthauchs. Schon kletterte er an ihr hoch und sagte grinsend: „Gute Schwester, lass mich die Schminke von deinen Lippen kosten." Dabei schmiegte er sich wie Zuckerstangen-Toffee an sie.

Mandarinenente rief laut: „Dufthauch, komm her und sieh dir das an! Du begleitest ihn ein ganzes Leben lang und ermahnst ihn nicht, und er benimmt sich immer noch so!" Dufthauch kam mit den Kleidern heraus und sagte zu Schatzjade: „Ob ich links ermahne oder rechts ermahne, du änderst dich nicht. Was soll nur werden? Wenn du so weitermachst, wird es schwierig, hier zu wohnen." Dabei half sie ihm, die Kleider anzuziehen, und zusammen mit Mandarinenente ging man nach vorne zu Herzoginmutter[8]. Nach dem Besuch bei Herzoginmutter ging Schatzjade hinaus — Pferde und Diener standen schon bereit. Gerade wollte er aufsteigen, da sah er Kette Kaufmann, der gerade von einem Höflichkeitsbesuch zurückkam und abstieg. Die beiden standen einander gegenüber und wechselten ein paar Worte. Da trat eine Person von der Seite hervor und grüßte: „Guten Tag, Onkel Schatzjade." Schatzjade blickte hin und sah einen jungen Mann mit ovalem Gesicht und schlanker, hochgewachsener Gestalt, etwa achtzehn oder neunzehn Jahre alt, recht hübsch und gepflegt, der ihm irgendwie bekannt vorkam, nur konnte er sich nicht erinnern, aus welcher Linie der Familie er stammte und wie er hieß. Kette Kaufmann lachte: „Was stehst du so verdutzt da? Erkennst du ihn nicht? Das ist der Sohn der Fünften Schwägerin aus dem hinteren Gang, unser Yun." Schatzjade lachte: „Ach ja, natürlich! Wie konnte ich das vergessen." Er fragte nach dem Befinden seiner Mutter und was er gerade zu tun habe. Efeu Kaufmann zeigte auf Kette Kaufmann: „Ich wollte mit dem Zweiten Onkel ein Wort reden." Schatzjade lachte: „Du bist ja noch stattlicher geworden als früher. Du siehst aus wie mein Sohn." Kette Kaufmann lachte: „Was für eine Unverschämtheit! Er ist vier oder fünf Jahre älter als du, und du machst ihn zu deinem Sohn?" Schatzjade lachte: „Wie alt bist du jetzt?" Efeu Kaufmann antwortete: „Achtzehn."

Nun war dieser Efeu Kaufmann von Natur aus äußerst geschickt und aufgeweckt. Als er hörte, was Schatzjade sagte, lachte er und erwiderte: „Man sagt ja: ›Der Großvater in der Wiege, das Enkelkind am Krückstock.‹ Obwohl ich älter bin — der Berg ist noch so hoch, er reicht nicht an die Sonne heran. Seit mein Vater gestorben ist, kümmert sich niemand mehr um mich oder leitet mich an. Wenn Onkel Schatzjade mich nicht verschmäht und mich als Sohn annähme, wäre das mein großes Glück." Kette Kaufmann lachte: „Hast du gehört? Einen Sohn annehmen ist keine leichte Sache!" Damit ging er hinein. Schatzjade lachte: „Komm morgen, wenn du Zeit hast, zu mir. Treib dich nicht mit den anderen heimlich herum. Jetzt gerade habe ich keine Zeit. Morgen kommst du in die Bibliothek, wir unterhalten uns, und ich nehme dich mit in den Garten zum Spielen." Damit stieg er in den Sattel, und umgeben von seinen Dienern ritt er zu Begnadigung Kaufmann [贾赦]s Residenz hinüber.

Als er Begnadigung Kaufmann sah — es war nichts als eine leichte Erkältung —, übermittelte er zuerst Herzoginmutters besorgte Frage und machte dann seine eigene Aufwartung. Begnadigung Kaufmann stand zunächst auf, um Herzoginmutters Worte zu erwidern, und befahl dann einem Diener: „Bringt den jungen Herrn hinein zur Gnädigen Frau." Schatzjade trat ab und ging nach hinten in die obere Stube. Als Frau Strafe [Anm.: Begnadigung Kaufmanns Ehefrau] ihn kommen sah, stand sie zuerst auf und erkundigte sich nach Herzoginmutters Befinden; erst dann machte Schatzjade seine Verbeugung. Frau Strafe zog ihn zu sich aufs Kang [Anm.: beheizbare Schlafbank], fragte nach dem Befinden der anderen und ließ Tee bringen. Noch hatte er keine Tasse ausgetrunken, da kam Jia Cong herein, um Schatzjade zu begrüßen. Frau Strafe schalt: „Wo hat man diesen wilden Affen aufgetrieben! Ist deine Amme ausgestorben? Nicht einmal zurechtgemacht hat sie dich, mit schwarzem Gesicht und schmutzigem Mund — so sieht doch kein Kind aus guter Familie aus, das in die Schule geht!"

Gerade als sie so sprach, kamen auch Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann, der kleine Onkel und der Neffe, herein, machten ihre Verbeugung, und Frau Strafe hieß sie auf Stühlen Platz nehmen. Unheil Kaufmann sah, dass Schatzjade neben Frau Strafe auf derselben Sitzpolsterung saß und Frau Strafe ihn auf alle erdenkliche Weise hätschelte und liebkoste — schon war er innerlich unzufrieden. Nach einer kurzen Weile machte er Orchidee Kaufmann Zeichen, dass sie gehen sollten. Orchidee Kaufmann musste ihm folgen, und beide standen auf, um sich zu verabschieden. Schatzjade sah, dass sie gehen wollten, und wollte selbst auch aufstehen, um mit ihnen zurückzukehren. Frau Strafe lachte: „Bleib noch sitzen, ich habe noch etwas mit dir zu besprechen." Schatzjade musste sich wieder setzen. Frau Strafe wandte sich an die beiden: „Geht nach Hause und grüßt mir eure Mütter. Eure Schwestern sind alle hier und haben mir schon Kopfschmerzen bereitet, deshalb behalte ich euch heute nicht zum Essen." Unheil Kaufmann und die anderen bejahten und gingen nach Hause.

Schatzjade fragte lächelnd: „Sind die Schwestern wirklich alle hier? Wie kommt es, dass ich sie nicht sehe?" Frau Strafe sagte: „Sie haben eine Weile hier gesessen und sind dann irgendwohin nach hinten gegangen, ich weiß nicht, in welches Zimmer." Schatzjade fragte: „Was für etwas Gutes wollte die Tante mir denn geben, wovon sie eben sprach?" Frau Strafe lächelte: „Wo gibt es da etwas Besonderes? Ich wollte nur, dass du wartest und mit deinen Schwestern zu Abend isst. Außerdem habe ich ein hübsches Spielzeug für dich, das du mitnehmen kannst." Mutter und Sohn plauderten, und ehe man sich versah, war es schon Essenszeit. Man stellte Tische und Stühle auf, reihte Tassen und Teller auf, und nachdem Mutter, Töchter und Schwestern gegessen hatten, verabschiedete sich Schatzjade von Begnadigung Kaufmann, kehrte mit den Schwestern gemeinsam nach Hause zurück, besuchte Herzoginmutter und Dame König und ging dann jeweils in die eigenen Gemächer zur Ruhe. Davon sei nicht weiter die Rede.

Nun sei erzählt, wie Efeu Kaufmann zu Kette Kaufmann ging und sich erkundigte, ob es nicht irgendeine Aufgabe für ihn gäbe. Kette Kaufmann berichtete ihm: „Vor ein paar Tagen kam tatsächlich eine Sache auf, doch dummerweise hat deine Tante [Anm.: Phönixglanz] mich mehrmals darum gebeten, und ich habe sie Jia Qin gegeben. Sie hat mir versprochen, dass es im Garten noch einige Stellen gibt, an denen Blumen und Bäume gepflanzt werden müssen — wenn dieses Projekt herauskommt, bekommst du es ganz bestimmt." Efeu Kaufmann hörte das und sagte nach langem Schweigen: „Wenn dem so ist, dann warte ich eben. Der Onkel braucht der Tante gegenüber auch nicht zu erwähnen, dass ich heute hier war und mich erkundigt habe. Wenn es soweit ist, ist es noch früh genug." Kette Kaufmann sagte: „Warum sollte ich das erwähnen? Ich habe doch gar nicht so viel Zeit für müßiges Geschwätz. Morgen früh um fünf muss ich nach Xingyi reiten und am selben Tag zurück sein. Geh du erst mal und warte. Übermorgen nach Einbruch der Dunkelheit kommst du wieder, um Bescheid zu holen; kommst du zu früh, habe ich keine Zeit." Damit ging er in den hinteren Teil, um sich umzuziehen.

Efeu Kaufmann verließ die Prunkwille-Anwesen und ging nach Hause. Unterwegs überlegte er und kam auf eine Idee. Er ging geradewegs zum Haus seines Onkels mütterlicherseits, Keinmensch Bu[9] [Anm.: der Name klingt im Chinesischen wie „nicht menschlich/unmenschlich"]. Dieser Keinmensch Bu betrieb einen Gewürzladen. Er war gerade aus dem Laden gekommen, als plötzlich Efeu Kaufmann hereinkam. Sie begrüßten einander, und Keinmensch Bu fragte, was ihn so spät herführe. Efeu Kaufmann sagte: „Ich habe eine Bitte an den Onkel. Es gibt eine Sache, für die ich etwas Kampfer und Moschus brauche. Guter Onkel, könntest du mir je vier Liang [Anm.: chinesisches Gewichtsmaß, ca. 37 g] davon auf Kredit geben? Im achten Monat bringe ich pünktlich das Geld." Keinmensch Bu lachte kalt: „Red nicht von Kredit! Neulich hat auch ein Angestellter in unserem Laden für einen Verwandten ein paar Liang Silber Ware auf Kredit genommen und bis heute nicht zurückgezahlt. Deshalb haben wir alle zusammengelegt und eine Vereinbarung getroffen: Kein Kredit mehr an Verwandte oder Freunde. Wer dennoch Kredit gibt, muss zwanzig Liang Silber Strafe zahlen und die anderen bewirten. Außerdem ist diese Ware jetzt knapp — selbst wenn du mit Bargeld in unseren bescheidenen Laden kämst, hätten wir das nicht. Das ist erstens. Zweitens: Was hast du schon für ordentliche Geschäfte? Du nimmst es auf Kredit und vertust es wieder. Du wirst nur sagen, der Onkel hat dich wieder einmal zurechtgewiesen. Du junger Mann weißt wirklich nicht, was gut für dich ist — du solltest dir mal einen Plan machen, etwas Geld verdienen, damit du ordentlich angezogen bist und zu essen hast, dann freue auch ich mich."

Efeu Kaufmann lachte: „Der Onkel redet sich leicht. Als mein Vater starb, war ich noch klein und wusste nichts von der Welt. Später erzählte mir meine Mutter, dass es die Onkel waren, die bei der Beerdigung alles organisiert haben. Da weiß der Onkel doch selbst — hatten wir etwa noch einen Morgen Land oder zwei Zimmer Haus, die ich jetzt durchgebracht hätte? Eine geschickte Frau kann keinen Brei ohne Reis kochen — was soll ich denn tun? Und ich bin noch einer der Besseren! Wäre es ein anderer, der käme schamlos alle paar Tage, um drei Sheng Reis oder zwei Sheng Bohnen zu betteln, da wüsste der Onkel auch keinen Rat!"

Keinmensch Bu sagte: „Mein Lieber, wenn der Onkel hätte, würde es sich doch von selbst verstehen. Ich sage jeden Tag zu deiner Tante, ich sorge mich nur, dass du keine Pläne hast. Wenn du dich nur ein wenig auf die Beine stellen könntest und zur Hauptfamilie gingest — selbst wenn du die jungen Herren nicht sehen kannst, dann beug dich ein wenig und mach dich bei den Verwaltern oder Vorarbeitern beliebt, dann bekommst du auch etwas zu tun. Neulich war ich vor der Stadt und traf euren Vierten aus der dritten Linie — er ritt auf einem großen Esel, hatte fünf Fuhrwerke dabei, vierzig oder fünfzig Mönche und Daoisten, und zog zum Familientempel! Wäre er nicht tüchtig gewesen, wäre ihm diese Aufgabe nie zugefallen!" Efeu Kaufmann hörte seinem endlosen Gerede zu und konnte es nicht mehr ertragen. Er erhob sich und wollte sich verabschieden. Keinmensch Bu sagte: „Warum so eilig? Iss doch erst zu Mittag." Kaum hatte er das gesagt, da rief seine Frau von drinnen: „Da bist du wieder ganz verwirrt! Wir haben doch gesagt, wir haben keinen Reis mehr, und haben für ein halbes Pfund Nudeln Geld ausgegeben, damit du etwas zu essen hast. Und jetzt tust du wieder dick! Soll der Neffe etwa hungern?" Keinmensch Bu sagte: „Dann kaufe noch ein halbes Pfund dazu." Die Frau rief dem Mädchen: „Yinjie, geh rüber zu Dame König auf der anderen Straßenseite und frag, ob wir zwanzig oder dreißig Münzen borgen können, morgen geben wir sie zurück." Während das Ehepaar noch redete, hatte Efeu Kaufmann bereits mehrmals „Macht euch keine Umstände!" gerufen und war spurlos verschwunden.

Von der Familie Bu sei nicht weiter die Rede. Nun erzählen wir, wie Efeu Kaufmann zornig das Haus seines Onkels verließ und den alten Weg zurückging, innerlich ganz verstimmt. Er überlegte hin und her, den Kopf gesenkt, und achtete nicht auf den Weg. Da stieß er prompt mit einem Betrunkenen zusammen, was Efeu Kaufmann einen gehörigen Schreck einjagte. Er hörte den Betrunkenen fluchen: „Zum Teufel mit deiner Mutter! Bist du blind, rempelst mich an!" Efeu Kaufmann wollte schnell ausweichen, doch der Betrunkene hatte ihn schon am Kragen gepackt. Als er genauer hinsah, war es niemand anderes als sein direkter Nachbar Zweiter Ni[10]. Dieser Zweiter Ni war ein Raufbold, der mit Wucherzinsen Geld verlieh und in Spielhöllen sein Unwesen trieb. Gerade kam er betrunken von einem Schuldner zurück, bei dem er Zinsen eingetrieben hatte, und war in übler Stimmung. Als Efeu Kaufmann ihn anrempelte, holte er schon mit der Faust aus. Da rief die Person: „Zweiter, halt! Ich bin es, der dich angerempelt hat!" Zweiter Ni hörte die vertraute Stimme, riss die trunkenen Augen auf und sah, dass es Efeu Kaufmann war. Sofort ließ er los, schwankte und lachte: „Ach, der Zweite Herr Jia! Verzeih, verzeih. Wo willst du hin?" Efeu Kaufmann sagte: „Ach, du willst es gar nicht wissen — ich habe mir eine Abfuhr geholt, ganz umsonst." Zweiter Ni sagte: „Kein Problem, kein Problem! Was für eine Ungerechtigkeit ist dir widerfahren? Sag es mir, ich helfe dir. In diesen drei Straßen und sechs Gassen — ganz gleich wer es ist — wer meinen Nachbarn, den Betrunkenen Diamant-König Zweiter Ni, beleidigt, den jage ich in den Ruin!" Efeu Kaufmann sagte: „Zweiter, beruhige dich erst. Lass mich dir die Sache erzählen." Dann berichtete er die ganze Geschichte mit Keinmensch Bu. Zweiter Ni geriet in Rage: „Wäre er nicht dein Onkel, würde ich solche Flüche ausstoßen, die nicht wiederholbar sind! Das macht mich wahrhaftig wütend! Aber so ist es nun einmal. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen — ich habe hier gerade ein paar Liang Silber. Was immer du brauchst, nimm es und kaufe dir, was du willst. Nur eines: All die Jahre sind wir Nachbarn, und ich bin draußen bekannt als Geldverleiher, aber du hast mich noch nie um etwas gebeten. Ich weiß nicht, ob du mich für einen Rüpel hältst und dich durch Umgang mit mir erniedrigen würdest, oder ob du meine hohen Zinsen fürchtest. Wenn du die hohen Zinsen fürchtest — dieses Silber verleihe ich dir ohne Zinsen und ohne Schuldschein. Wenn du dich aber erniedrigen würdest, wage ich es nicht, dir etwas zu leihen, und wir gehen jeder unserer Wege." Damit zog er tatsächlich ein Bündel Silber aus seiner Umhängetasche.

Efeu Kaufmann überlegte bei sich: „Obwohl Zweiter Ni ein Raufbold ist, handelt er doch nach der Person — er hat durchaus einen Ruf als großherziger Gerechtigkeitskämpfer. Wenn ich heute seine Gunst nicht annehme und ihn vor den Kopf stoße, könnte er womöglich Ärger machen. Besser, ich nehme sein Geld und zahle es ihm später doppelt zurück." So gefasst, lachte er: „Zweiter, du bist wahrhaftig ein Ehrenmann. Wie hätte ich nicht an dich denken sollen! Nur sah ich, dass du mit lauter mutigen und tatkräftigen Leuten verkehrst — solche Nichtsnutze wie mich beachtest du gar nicht. Hätte ich dich angesprochen, du hättest mir doch nichts geliehen. Heute, da du mir so großzügig entgegenkommst — wie könnte ich ablehnen? Morgen gehe ich nach Hause und schreibe einen ordentlichen Schuldschein." Zweiter Ni lachte laut: „Was für ein Redner! Was du da sagst, mag ich gar nicht hören. Wenn man ›Freundschaft pflegen‹ sagt, wie kann man dann Geld verleihen und Zinsen nehmen? Wenn man Geld verleiht und Zinsen kassiert, ist es keine Freundschaft mehr. Genug der Reden! Wenn du mich wirklich mit einem freundlichen Auge ansiehst — hier sind fünfzehn Liang und drei Qian mit ein paar Fen Silber obendrauf. Nimm es und kaufe, was du brauchst. Wenn du einen Schuldschein schreiben willst, dann gib mir lieber gleich das Silber zurück, damit ich es anderen verleihe, die zahlungsfähig sind." Efeu Kaufmann hörte das, nahm das Silber an und lachte: „Dann schreibe ich eben keinen — was die Eile!" Zweiter Ni lachte: „So ist es recht. Es wird dunkel, ich biete dir weder Tee noch Wein an — ich muss noch drüben etwas erledigen. Geh bitte nach Hause. Aber tu mir einen Gefallen und richte meiner Familie aus, sie sollen früh die Tür abschließen und schlafen gehen; ich komme heute Nacht nicht nach Hause. Falls es etwas Dringendes gibt, soll meine Tochter mich morgen früh bei dem Pferdehändler König Kurzbein suchen." Damit schwankte er taumelnd davon. Davon sei nicht weiter die Rede.

Nun sei erzählt, dass Efeu Kaufmann über diesen Zufall höchst erstaunt war und fand, dass Zweiter Ni tatsächlich ein wahrer Kerl sei. Nur fürchtete er, der Betrunkene könnte in seiner momentanen Großzügigkeit morgen das Doppelte fordern — was dann? Er war unschlüssig. Da dachte er: „Macht nichts. Wenn die Sache klappt, kann ich es ihm doppelt zurückzahlen." Damit ging er geradewegs zu einem Geldwechsler und ließ das Silber wiegen: fünfzehn Liang, drei Qian, vier Fen und zwei Li. Efeu Kaufmann sah, dass Zweiter Ni nicht gelogen hatte, und freute sich noch mehr. Er steckte das Silber ein und ging nach Hause. Zuerst schaute er beim Nachbarn vorbei und gab Zweiter Nis Frau die Nachricht weiter, dann ging er heim. Seine Mutter saß auf dem Kang und drehte Fäden. Als sie ihn hereinkommen sah, fragte sie, wo er den ganzen Tag gewesen sei. Efeu Kaufmann wollte seine Mutter nicht verärgern und erwähnte Keinmensch Bu mit keinem Wort, sondern sagte nur, er habe in der Westresidenz auf den Zweiten Onkel Lian gewartet. Dann fragte er, ob seine Mutter schon gegessen habe. Die Mutter hatte schon gegessen und sagte, sein Essen stehe dort bereit. Ein kleines Dienstmädchen brachte es ihm.

Es war bereits Lampenzündzeit. Efeu Kaufmann aß, machte sich fertig und legte sich schlafen. Eine Nacht verging ohne besondere Vorkommnisse. Am nächsten Morgen stand er zeitig auf, wusch sich und ging aus dem Südtor zum großen Gewürzhändler, wo er Kampfer und Moschus kaufte. Dann machte er sich auf den Weg zur Prunkwille-Anwesen. Er erfuhr, dass Kette Kaufmann bereits ausgegangen war, und so ging Efeu Kaufmann nach hinten.

Am Tor von Kette Kaufmanns Hof sah er einige Diener, die mit großen Besen den Hof fegten. Da kam die Frau des Zhou Rui aus der Tür und rief den Dienern zu: „Hört auf zu fegen, die Gnädige Frau kommt heraus!" Efeu Kaufmann trat eilig vor und fragte lächelnd: „Wohin geht die Zweite Tante?" Die Frau des Zhou Rui sagte: „Die Alte Großmutter hat rufen lassen. Vermutlich soll ein Stoff zugeschnitten werden." Gerade als sie sprach, kam eine ganze Schar von Dienerinnen heraus, die Phönixglanz begleiteten. Efeu Kaufmann kannte Phönixglanz gut genug, um zu wissen, dass sie Schmeichelei liebte und großen Aufwand schätzte. Eilig verschränkte er die Hände, verneigte sich tief und eilte vor, um seine Aufwartung zu machen. Phönixglanz würdigte ihn keines geraden Blickes, ging weiter und fragte nur: „Geht es deiner Mutter gut? Warum kommt sie nicht einmal zu uns herüber?" Efeu Kaufmann sagte: „Sie ist nicht ganz gesund, denkt aber immer an die Tante und möchte sie besuchen, nur kann sie nicht kommen." Phönixglanz lachte: „Da ist er wieder, der Schmeichler! Wenn ich nicht von ihr angefangen hätte, hättest du gar nicht erwähnt, dass sie an mich denkt." Efeu Kaufmann lachte: „Der Neffe fürchtet den Blitzschlag! Würde ich es wagen, vor Älteren zu lügen? Erst gestern Abend sprach meine Mutter von der Tante und sagte, die Tante sei von zarter Konstitution und habe doch so viel zu tun — wie bewundernswert, dass sie alles so vollkommen erledige. Wäre eine andere nur ein wenig schwächer, sie wäre längst erschöpft zusammengebrochen."

Phönixglanz hörte das, und ihr Gesicht strahlte. Unwillkürlich blieb sie stehen und fragte: „Wieso redet ihr Mutter und Sohn hinter meinem Rücken über mich?" Efeu Kaufmann sagte: „Es gibt einen Grund dafür. Ich habe einen Freund, dessen Familie etwas Geld hat und einen Gewürzladen betreibt. Da er sich einen Posten als Bezirksrichter erkauft hat, wurde er neulich irgendwohin nach Yunnan versetzt. Mitsamt seiner Familie zog er fort und gab den Laden hier auf. So hat er seine Waren zusammengerechnet, die Schulden bezahlt, die billigen Sachen billig verschleudert, und die feinen, teuren Waren als Geschenke an Verwandte und Freunde verteilt. Mir schenkte er einiges an Kampfer und Moschus. Nun überlegte ich mit meiner Mutter: Wenn man es weiterverkauft, bekommt man nicht den Originalpreis — und wer hätte schon so viel Silber, um diese Dinge zu kaufen? Selbst reiche Familien verwenden höchstens ein paar Fen oder Qian davon, da würden sie vor den Kosten zurückschrecken. Wollte man es verschenken — es gäbe niemanden, der es verdient hätte. Es wäre dann keinen Heller wert und müsste unter Wert verschleudert werden. Da dachte ich an die Tante. In früheren Jahren sah ich die Tante noch große Beutel Silber ausgeben, um solche Dinge zu kaufen. Ganz zu schweigen davon, dass dieses Jahr die Kaiserliche Gemahlin im Palast ist — allein schon zum Drachenbootfest braucht man gewiss zehnmal mehr von solchen Duftessenzen als sonst. So kam ich nach langem Nachdenken darauf, dass einzig die Tante es verdient, sie zu empfangen — nur so würde man diese Kostbarkeiten nicht verschleudern." Während er sprach, hob er eine Brokatschatulle hoch.

Phönixglanz hatte gerade die Festgeschenke für das Drachenbootfest vorzubereiten und Gewürze und Arzneien einzukaufen. Als Efeu Kaufmann so mit seiner Gabe erschien und diese wohlgesetzte Rede hielt, war sie im Herzen gleichermaßen geschmeichelt und erfreut. Sie befahl Feng'er: „Nimm das Geschenk des Yun-Neffen entgegen und bring es nach Hause, gib es Friedchen[11]." Dann sagte sie weiter: „Man sieht, dass du ein dankbarer Mensch bist. Kein Wunder, dass dein Onkel immer von dir spricht und sagt, du redest verständig und hast Einsicht." Efeu Kaufmann hörte, dass er im Hafen war, und wagte einen Schritt weiter, indem er absichtlich fragte: „Hat der Onkel denn wirklich einmal von mir gesprochen?" Phönixglanz wollte gerade antworten und ihm von der geplanten Aufgabe erzählen, doch hielt sie rasch inne und dachte bei sich: „Wenn ich ihm das jetzt sage, sieht es so aus, als könnte ich keinen Geschenken widerstehen und würde ihm für diese kleine Aufmerksamkeit sofort eine Stelle verschaffen. Nein, heute erwähne ich das lieber nicht." So vertuschte sie die Sache mit der Blumenpflanzung vollständig, sprach ein paar belanglose Worte und ging dann zu Herzoginmutter hinüber. Efeu Kaufmann wagte auch nicht, die Sache anzusprechen, und ging zurück.

Da er sich erinnerte, dass Schatzjade ihm gestern gesagt hatte, er solle in der äußeren Bibliothek auf ihn warten, ging Efeu Kaufmann nach dem Essen erneut hinein und zum Qixian-Studio bei Herzoginmutters Hoftor. Dort sah er die kleinen Diener Beiming und Chuyao beim Schachspielen — sie stritten gerade um einen „Wagen" und zankten sich. Weitere vier oder fünf Diener, Yinquan, Saohua, Tiaoyun und Banhe, kletterten auf den Dachvorsprüngen herum und fingen kleine Sperlinge zum Spielen.

Efeu Kaufmann betrat den Hof, stampfte mit dem Fuß auf und rief: „Ihr Affenbande! Schluss mit dem Unfug, ich bin da!" Die Diener sahen Efeu Kaufmann und stoben auseinander. Efeu Kaufmann betrat das Zimmer, setzte sich auf einen Stuhl und fragte: „Ist der Zweite Herr noch nicht heruntergekommen?" Beiming sagte: „Heute ist er den ganzen Tag nicht heruntergekommen. Sagen Sie mir, was es ist, und ich spioniere für Sie." Damit ging er hinaus. Hier betrachtete Efeu Kaufmann nun die Kalligrafien, Gemälde und Antiquitäten. Es verging eine gute Mahlzeit lang, und noch immer kam Beiming nicht zurück. Als er nach den anderen Dienern sah, waren auch die alle zum Spielen davongelaufen. Gerade als Efeu Kaufmann sich langweilte, hörte er vor der Tür eine zarte, jugendliche Stimme „Bruder" rufen.

Efeu Kaufmann blickte hinaus und sah ein Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren, recht fein und hübsch. Als das Mädchen Efeu Kaufmann erblickte, wich sie zur Seite aus. Da kam gerade Beiming zurück, sah das Mädchen vor der Tür stehen und sagte: „Gut, gut, endlich finde ich jemanden zum Nachrichtenbringen." Efeu Kaufmann kam auch heraus und fragte, was los sei. Beiming sagte: „Den ganzen Tag gewartet und keine Menschenseele kam vorbei. Das hier ist ein Mädchen aus dem Zimmer des Zweiten Herrn. Gutes Fräulein, geh hinein und richte aus, dass der Zweite Herr vom Gang da ist." Das Mädchen hörte das und wusste nun, dass es ein Neffe aus der eigenen Familie war. Nicht mehr so scheu wie zuvor, musterte sie Efeu Kaufmann eingehend mit starrem Blick. Dann hörte sie Efeu Kaufmann sagen: „Was heißt hier ›vom Gang‹? Sag einfach, Yun ist da." Nach einer langen Weile lächelte das Mädchen kalt: „Meiner Meinung nach sollte der Zweite Herr lieber nach Hause gehen und morgen wiederkommen, was es auch zu sagen gibt. Heute Abend findet sich sicher keine Gelegenheit mehr. Und selbst wenn ich es ausrichte — die meisten hier sind unzuverlässig. Der Herr sagt zwar ja, aber dann vergisst er es doch!" Efeu Kaufmann hörte dem Mädchen zu, das so klug und anmutig sprach. Er hätte gerne nach ihrem Namen gefragt, doch da sie zu Schatzjades Haushalt gehörte, wagte er es nicht. So sagte er nur: „Du hast recht. Ich komme morgen wieder." Damit ging er hinaus. Beiming sagte: „Ich hole Tee, der Zweite Herr trinkt noch eine Tasse, bevor er geht." Efeu Kaufmann ging bereits, drehte sich aber im Gehen um und sagte: „Kein Tee nötig, ich habe noch zu tun." Während er sprach, blickte er zurück — das Mädchen stand immer noch dort.

Efeu Kaufmann ging geradewegs nach Hause. Am nächsten Tag kam er zum großen Tor und traf zufällig auf Phönixglanz, die gerade drüben ihre Aufwartung machen wollte und soeben in den Wagen gestiegen war. Als sie Efeu Kaufmann kommen sah, ließ sie ihn rufen und lachte durch das Wagenfenster: „Yun, du hast aber Mut, vor mir Mätzchen zu treiben. Du sagst, du schickst mir Geschenke, dabei hast du etwas von mir zu erbitten. Gestern hat dein Onkel mir erzählt, dass du ihn darum gebeten hast." Efeu Kaufmann lachte: „Was den Onkel betrifft, erwähne die Tante das lieber nicht. Gestern habe ich es schon bereut. Hätte ich das von Anfang an gewusst, hätte ich gleich die Tante gebeten — dann wäre alles schon erledigt. Wer hätte gedacht, dass der Onkel es nicht regeln kann!" Phönixglanz lachte: „Kein Wunder, dass du dort keinen Erfolg hattest. Gestern kamst du dann wieder zu mir." Efeu Kaufmann sagte: „Die Tante tut meiner Aufrichtigkeit Unrecht. Das war gar nicht meine Absicht. Wenn es so gewesen wäre, hätte ich doch schon gestern die Tante darum gebeten. Jetzt, da die Tante es weiß, komme ich nicht umhin, den Onkel beiseite zu lassen und die Tante zu bitten, mir ein wenig entgegenzukommen." Phönixglanz lachte kalt: „Ihr müsst immer den Umweg nehmen! Hättet ihr mir früher ein Wort gesagt, was wäre da nicht möglich gewesen! Was für eine große Sache — und bis jetzt aufgeschoben! Im Garten müssen noch Blumen gepflanzt werden, und ich konnte einfach niemanden finden — wärst du früher gekommen, wäre es längst erledigt!" Efeu Kaufmann lachte: „Wenn es so ist — dann beauftragt mich die Tante doch morgen." Phönixglanz schwieg eine Weile und sagte: „Das ist wohl nicht so gut. Warte lieber bis zum nächsten Neujahr, wenn das große Feuerwerksprojekt ansteht — dann beauftrage ich dich." Efeu Kaufmann sagte: „Gute Tante, beauftragt mich erst mit diesem hier. Wenn ich das gut erledige, bekomme ich dann auch noch jenes dazu." Phönixglanz lachte: „Du verstehst es, eine lange Angel auszuwerfen! Nun gut, wenn dein Onkel es nicht erwähnt hätte, kümmerte ich mich nicht darum. Ich komme gleich nach dem Essen zurück. Gegen Mittag holst du dir das Silber ab." Damit ließ sie den Duft-Wagen anspannen und fuhr davon.

Efeu Kaufmann konnte seine Freude kaum verbergen und ging ins Qixian-Studio, um nach Schatzjade zu fragen. Doch Schatzjade war schon früh morgens zur Residenz des Nordfriedenskönigs aufgebrochen. Efeu Kaufmann saß dumpf bis zum Mittag da und wartete. Als er hörte, dass Phönixglanz zurück war, schrieb er eine Quittung und holte sich die Anweisung. Im Hof draußen ließ er durch einen Diener Bescheid geben, worauf Caiming herauskam und nur die Quittung verlangte. Er ging hinein, auf ihr waren die Silbersumme und das Datum vermerkt, und zusammen mit der Anweisung wurde sie Efeu Kaufmann ausgehändigt. Efeu Kaufmann sah, dass die Summe zweihundert Liang betrug, und konnte seine Freude nicht verbergen. Er eilte zum Silberspeicher, überreichte die Quittung dem Kassenführer und empfing das Silber. Zu Hause erzählte er es seiner Mutter — Mutter und Sohn waren gleichermaßen beglückt. Am nächsten Morgen, noch vor dem fünften Trommelschlag, suchte Efeu Kaufmann zuerst Zweiter Ni auf und gab ihm das Silber pünktlich zurück. Zweiter Ni sah, dass Efeu Kaufmann Silber hatte, nahm die Summe vollständig entgegen; davon sei nicht weiter die Rede. Hier nahm Efeu Kaufmann fünfzig weitere Liang und ging zum Westtor, um beim Blumengärtner Fang Chun Bäume zu kaufen. Davon sei ebenfalls nicht weiter die Rede.

Nun sei von Schatzjade erzählt: Nachdem er an jenem Tag Efeu Kaufmann getroffen und gesagt hatte, er solle am nächsten Tag zu ihm kommen, hatte er als verwöhnter junger Herr dies sogleich wieder vergessen. An jenem Abend kehrte er spät von der Residenz des Nordfriedenskönigs zurück, besuchte Herzoginmutter und Dame König und ging dann in den Garten zurück, wo er sich umzog und baden wollte. Dufthauch war von Schatzspange[12] gebeten worden, Knoten zu knüpfen. Qiuwen und Bihen waren losgegangen, um heißes Wasser zu holen. Tanyun war von ihrer Mutter zum Geburtstag nach Hause geholt worden. Moschusmond lag gerade krank zu Hause. Obwohl noch einige grobe Dienstmädchen da waren, rechneten sie damit, nicht gebraucht zu werden, und waren alle ausgegangen, um Freundinnen zu suchen. So blieb Schatzjade ganz allein im Zimmer zurück. Als er Tee wollte und zwei-, dreimal rief, kamen schließlich zwei oder drei alte Ammen hereingewatschelt. Schatzjade winkte hastig ab: „Schon gut, schon gut! Ich brauche euch nicht." Die alten Frauen mussten sich zurückziehen.

Da er keine Dienerinnen hatte, musste Schatzjade selbst aufstehen, eine Schale nehmen und zur Teekanne gehen. Da sagte jemand hinter ihm: „Vorsicht, Zweiter Herr, verbrennt Euch nicht die Hand! Lasst mich das machen." Noch während sie sprach, kam sie herbei und nahm ihm die Schale ab. Schatzjade erschrak: „Wo warst du? Plötzlich tauchst du auf und erschreckst mich!" Das Mädchen reichte ihm den Tee und erklärte: „Ich war im hinteren Hof und bin gerade durch die Hintertür hereingekommen. Hat der Zweite Herr denn meine Schritte nicht gehört?" Schatzjade trank seinen Tee und musterte das Mädchen genau: Sie trug einige halbneue, halbalte Kleider, hatte aber pechschwarzes, glänzendes Haar, zu einem Knoten aufgesteckt, ein längliches Gesicht, eine zierliche Figur — recht hübsch und proper. Schatzjade betrachtete sie und fragte lächelnd: „Gehörst du auch zu diesem Haushalt hier?" Das Mädchen sagte: „Ja." Schatzjade fragte: „Wenn du hier zum Haushalt gehörst, wie kommt es, dass ich dich nicht kenne?" Das Mädchen hörte das, lächelte kalt und sagte: „Es gibt viele, die der Herr nicht kennt, nicht nur mich. Ich habe nie Tee gereicht oder Wasser gebracht, nie dies geholt oder jenes getragen — nichts, was vor Augen liegt, habe ich je getan. Wie sollte der Herr mich da kennen?" Schatzjade fragte: „Warum tust du denn nicht diese sichtbaren Dinge?" Das Mädchen sagte: „Das lässt sich schwer erklären. Aber eines muss ich dem Zweiten Herrn sagen: Gestern kam ein gewisser Yun hierher, um den Zweiten Herrn zu suchen. Da ich dachte, der Zweite Herr sei beschäftigt, bat ich Beiming, ihm auszurichten, er solle heute früh wiederkommen. Doch der Zweite Herr ist dann zur Residenz des Nordfriedenskönigs aufgebrochen."

Gerade als sie das sagte, kamen Qiuwen und Bihen lachend und schwatzend herein, beide trugen gemeinsam einen Eimer Wasser, hielten mit einer Hand die Röcke hoch und schwankten und plätscherten. Da trat plötzlich jemand hervor und nahm ihnen den Eimer ab. Die beiden sahen hin — es war niemand anderes als Xiaohong. Beide waren verblüfft, stellten den Eimer ab und eilten ins Zimmer, spähten hier und dort — kein Mensch war da, nur Schatzjade. Das passte ihnen ganz und gar nicht. Sie bereiteten widerwillig das Badewasser vor. Als Schatzjade sich ausgezogen hatte, zogen die beiden die Tür hinter sich zu und gingen hinaus.

Sie gingen ins andere Zimmer und suchten Xiaohong auf, fragten sie, was sie eben im Zimmer geredet hatte. Xiaohong sagte: „Wann soll ich denn drinnen gewesen sein? Ich habe nur mein Taschentuch vermisst und es hinten gesucht. Zufällig wollte der Zweite Herr Tee, und da keine der Schwestern da war, ging ich hinein und goss eben den Tee ein — und dann kamt ihr auch schon." Qiuwen hörte das, spuckte ihr ins Gesicht und schimpfte: „Du schamloses, gemeines Ding! Man hat dich losgeschickt, Wasser holen zu lassen, du sagtest, du hättest etwas zu tun, und wir mussten gehen. Und du wartest bequem ab, um diesen feinen Auftrag zu ergattern! Stück für Stück krabbelst du nach oben. Soll ich mich etwa nicht mit dir messen können? Schau doch mal in den Spiegel — bist du denn überhaupt würdig, Tee und Wasser zu reichen?" Bihen sagte: „Von morgen an — alles, was mit Tee, Wasser, Bringen und Holen zu tun hat, rühren wir nicht mehr an. Das soll alles sie machen." Qiuwen sagte: „Wenn schon, dann lasst uns gleich alle verschwinden und sie allein hier im Zimmer lassen!" Während die beiden so stritten, kam eine alte Amme herein und richtete von Phönixglanz aus: „Morgen bringt jemand Blumengärtner zum Bäumepflanzen herein. Seid bitte vorsichtig — hängt keine Kleider und Röcke wild zum Trocknen auf. Am Erdhügel sind überall Vorhänge aufgespannt, also lauft dort nicht unbedacht herum." Qiuwen fragte: „Wer beaufsichtigt morgen die Handwerker?" Die alte Frau sagte: „Es heißt, der junge Herr Yun vom hinteren Gang." Qiuwen und Bihen wussten nichts damit anzufangen und fragten nach anderem. Aber Xiaohong hatte es verstanden — sie wusste sofort, dass es der junge Mann war, den sie gestern in der äußeren Bibliothek gesehen hatte.

Nun sei erzählt, dass diese Xiaohong eigentlich Lin hieß, mit dem Vornamen Rotjädchen [Anm.: „Roter Jade"]. Da jedoch der Schriftzeichen-Bestandteil „Yu" (Jade) mit Kajaljade und Schatzjade kollidierte, wurde dieses Zeichen unterdrückt, und man nannte sie nur noch „Xiaohong". Sie stammte aus einer alten Dienerfamilie der Prunkwille-Anwesen; ihre Eltern verwalteten diverse Landgüter und Häuser. Xiaohong war sechzehn Jahre alt. Als man die Dienerinnen im Garten der Großen Anschauung verteilte, war sie dem Yihong-Hof zugeteilt worden, was recht friedlich und elegant gewesen war. Doch als dann die jungen Herrschaften einzogen, fiel ausgerechnet dieser Hof an Schatzjade. Xiaohong, obwohl ein unerfahrenes Mädchen, hatte dank ihres ansprechenden Äußeren insgeheim den ehrgeizigen Wunsch, sich nach oben zu arbeiten, und wollte bei jeder Gelegenheit vor Schatzjade glänzen. Aber Schatzjades engster Kreis bestand aus lauter scharfzüngigen, gewitzten Mädchen, und es gab kein Hereinkommen für sie. Gerade heute, als sich endlich eine Gelegenheit bot, wurde sie von Qiuwen und den anderen so übel zugerichtet, dass ihr halbes Herz schon erkaltet war. In trüber Stimmung saß sie da, als sie plötzlich die alte Amme den Namen Efeu Kaufmann erwähnen hörte — und da regte sich etwas in ihrem Herzen. In schwermütiger Stimmung kehrte sie in ihr Zimmer zurück, legte sich aufs Bett und sann nach, wälzte sich hin und her, ohne einen Ausweg zu finden. Da hörte sie plötzlich draußen vor dem Fenster eine leise Stimme rufen: „Rotjädchen, ich habe dein Taschentuch gefunden!" Rotjädchen eilte hinaus — und da stand niemand anderes als Efeu Kaufmann. Rotjädchen wurde rot im Gesicht und fragte: „Wo hat der Zweite Herr es gefunden?" Efeu Kaufmann lachte: „Komm her, ich erzähle es dir." Während er sprach, griff er nach ihrer Hand. Rotjädchen drehte sich hastig um und wollte davonlaufen, stolperte aber über die Türschwelle.

Was weiter geschieht, erzählt das nächste Kapitel.

  1. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".
  2. Chin. 红玉 Hóngyù „Rote Jade“, später umbenannt zu 小红 Xiǎo Hóng „Kleine Rote“, da „Jade“ (玉) an Schatzjades Namen erinnert und als anmaßend galt.
  3. Chin. 贾芸 Jiǎ Yún. 芸 yún „Raute/Efeu“. Ein mittelloser Neffe der Kaufmann-Familie.
  4. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal-Jade".
  5. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".
  6. Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".
  7. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng „Mandarinenente“. Die engste Kammerzofe der Herzoginmutter.
  8. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.
  9. Chin. 卜世仁 Bǔ Shìrén. Der Name klingt wie 不是人 bú shì rén „kein Mensch“ — ein geiziger Onkel.
  10. Chin. 倩二 Ní Èr, genannt „Betrunkener Diamant-König“ (醉金刚). Ein rauer, aber gerechter Wucherer.
  11. Chin. 平儿 Píng'ér, Phönixglanz' Kammerzofe.
  12. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".