Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 5

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Kapitel 5: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
5.Auf einem Spaziergang durch Wahngefilde wird das Schicksal von zwölf Mädchen gedeutet,beim Feenwein werden die Gesänge des Traums im prachtvollen Frauengemach vorgetragen. Kapitel 5
Im vierten Kapitel ist geschildert worden, wie Tante Hsüä mit ihren Kindern für einige Zeit ins Jung-guo-Anwesen zog. Davon kann in diesem Kapitel einstweilen nicht die Rede sein, vielmehr soll wieder von Lin Dai-yü erzählt werden. Im Wandel durch das Traumreich enthüllt sich das Rätsel der Zwölf Schönheiten —
Seitdem Dai-yü ins Jung-guo-Anwesen gekommen war, hatte ihr die Herzoginmutter in jeder Weise ihre Liebe zuteil werden lassen. Ihre Unterbringung, Verpflegung und Behandlung war die gleiche wie für Bau-yü; die drei Enkelinnen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun aber mußten dahinter zurückstehen. Die Vertrautheit und Herzlichkeit zwischen Bau-yü und Dai-yü war anders als bei den übrigen. Am Tage waren sie zusammen, wo sie gingen und saßen, bei Nacht ruhten und schliefen sie nebeneinander. Sie harmonierten in Worten und in Gedanken, und es gab zwischen ihnen nicht den mindesten Zwist. Beim Trinken des Götterweins erklingt die Oper vom Traum der Roten Kammer
Jetzt aber war plötzlich Hsüä Bau-tschai hier aufgetaucht, die zwar nicht viel älter war, aber geradlinig in ihrer Art und blühend in ihrem Aussehen, so daß die meisten sagten, Dai-yü reiche an sie nicht heran. Überdies war Bau-tschai verständig in ihren Handlungen und wußte sich in ihr Los zu fügen und den Umständen zu folgen. Sie war nicht so erhaben und so stolz wie Dai-yü, die über den Staub der Welt einfach hinwegsah, darum fand sie viel größere Sympathie beim Gesinde, und auch die kleinen Sklavenmädchen waren am liebsten mit ihr zusammen. Darüber war Dai-yü etwas bekümmert und unzufrieden, aber davon merkte Bau-tschai nicht das geringste. ---
Bau-yü war noch ganz ein Kind, dazu von Natur aus töricht und verschroben. Er sah alle Schwestern, Kusinen, Brüder und Vettern mit denselben Augen an und machte keinen Unterschied zwischen nahen und fernen Verwandten. Mit Dai-yü war er bei der Herzoginmutter Tag und Nacht zusammen, darum war er ihr etwas näher als den anderen Kusinen. Durch die Nähe war er vertrauter mit ihr, und durch die Vertrautheit mußte es unvermeidlich manchmal zu Vorwürfen kommen, die aber gut gemeint waren, und zu Zerwürfnissen, die man nicht voraussehen konnte. Dem Kapitel vorangestellt:
Als es eines Tages aus irgendeinem Grund in einem Gespräch zwischen ihnen zu einem Mißklang gekommen war, saß Dai-yü wieder einmal ärgerlich allein in ihrem Zimmer und weinte, während Bau-yü bereute, mit seinen Worten so unüberlegt gewesen zu sein. Erst als er zu ihr ging und sein Unrecht eingestand, wurde sie ihm allmählich wieder gut. Frühjahrsmüde, geborgen in der üppigen Brokat-Decke,
Da im Garten des Ning-guo-Anwesens im Osten die Aprikosenbäume in voller Blüte standen, richtete Djia Dschëns Gattin, Frau You, eine Weintafel her und lud die Herzoginmutter, Dame Hsing, Dame Wang und die anderen zur Blütenschau ein. Zusammen mit Djia Jungs Frau kam sie herüber, um die Einladung persönlich auszusprechen. Also ging die Herzoginmutter nach dem Frühstück mit den anderen zusammen hinüber und spazierte durch den Garten der Gesammelten Düfte. Zuerst tranken sie Tee, dann Wein, aber es war nur eine kleine Feier der weiblichen Familienangehörigen aus dem Ning-guo- und dem Jung-guo-Anwesen, und es gibt nichts Neuartiges oder Interessantes darüber zu berichten. Folgt sie, als träumte sie, der Fee und lässt die Welt des Staubes hinter sich.
Bau-yü fühlte sich bald müde und wollte seinen Mittagsschlaf halten, und so befahl die Herzoginmutter, man solle ihn schön in den Schlaf lullen, und wenn er ein Weilchen geruht habe, solle er wiederkommen. Da meldete Djia Jungs Gattin, Frau Tjin, rasch mit einem Lächeln: „Wir haben hier ein Zimmer für Onkel Bau-yü vorbereitet. Ihr könnt ihn mir getrost überlassen, alte Ahne!“ Dann wandte sie sich an Bau-yüs Ammen und Sklavenmädchen und sagte: „Bittet meinen Onkel Bau-yü, er solle mir folgen!“ Wer ist in den Traum von Huaxu eingetreten? —
Die Herzoginmutter war seit jeher der Meinung, daß Frau Tjin ein trefflicher Mensch sei. Sie war schlank und zierlich von Gestalt, und ihr Betragen war sanft und friedfertig. Unter den Frauen der Enkelsöhne war sie ihr die liebste. Deshalb war sie auch ganz ruhig, als sie sah, daß Frau Tjin jetzt Bau-yü schlafen legen wollte. Der Stifter allen Liebeswirrs seit alters her.
Frau Tjin führte den ganzen Troß in den Innenraum eines Hauptgebäudes. Als Bau-yü dort den Kopf hob, erblickte er als Erstes ein Bild an der Wand. Die Figuren darauf waren gut gemalt, das Thema war „Liu Hsiang studiert beim Licht eines brennenden Gänsefußsteckens“. Ohne darauf zu sehen, wer das Bild gemalt hatte, fühlte Bau-yü sich unfroh. Außer dem Bild hing noch ein Parallelsatzpaar an der Wand, das lautete: Von Tante Schnees Aufenthalt im Rong-Guofu war schon die Rede; darüber braucht in diesem Kapitel nichts mehr gesagt zu werden. Nun aber zu Kajaljade [林黛玉]: Seit sie im Rong-Guofu lebte, überschüttete die Großmutter sie mit zehntausendfacher Liebe; in Essen, Schlafen und täglichem Leben wurde sie genau wie Schatzjade [宝玉] behandelt, während die drei leiblichen Enkelinnen Willkommensfrühling [迎春], Spürfrühling [探春] und Bewahrfrühling [惜春] zurückstehen mussten. Was die innige Vertrautheit zwischen Schatzjade und Kajaljade [黛玉] betrifft — sie war von Anfang an anders als bei den anderen. Tagsüber gingen und saßen sie zusammen, nachts schliefen sie nebeneinander — in vollkommener Harmonie, ohne je die geringste Unstimmigkeit.
„Die Welt zu durchschauen heißt Wissen; Unerwartet aber kam nun eine gewisse Schatzspange [薛宝钗]. Sie war zwar nicht viel älter, aber von gesetztem Charakter und blühender Schönheit, und viele sagten, Kajaljade könne sich nicht mit ihr messen. Überdies war Schatzspange [宝钗] von umgänglichem Wesen und passte sich den Umständen an — anders als Kajaljade, die hochmütig und selbstbezogen war und die gewöhnlichen Dinge unter ihrer Würde hielt. Deshalb gewann Schatzspange weit mehr die Herzen der Dienerinnen — selbst die kleinen Mägde spielten lieber mit Schatzspange. Kajaljade empfand darüber einen stillen Unmut und Groll, den Schatzspange jedoch gar nicht bemerkte. Schatzjade befand sich noch im Kindesalter und war von Natur aus mit einer eigensinnigen Naivität ausgestattet: Er behandelte alle Geschwister gleich, ohne Unterschied von nah und fern. Da er mit Kajaljade zusammen bei der Großmutter lebte, war er mit ihr etwas vertrauter als mit den anderen. Und je vertrauter, desto inniger — je inniger, desto unvermeidlicher wurden kleine Zwistigkeiten aus übertriebener Empfindlichkeit. Eines Tages gerieten die beiden aus unbekanntem Anlass in einen Wortwechsel; Kajaljade weinte allein in ihrem Zimmer, und Schatzjade bereute seine unbedachten Worte und kam demütig zu ihr — erst dann beruhigte sich Kajaljade allmählich.
das Leben zu kennen ist Bildung.“ Da im Garten des Ning-Guofu die Pflaumenblüten in voller Pracht standen, richtete Schein Kaufmann-Echts Gattin You [尤氏] ein Festmahl aus und lud die Großmutter, Frau Xing, Frau Wang und andere zum Blumenbetrachten ein. Zuvor kam sie mit der Gattin Herrlichkeit Kaufmann [贾蓉]s persönlich, um die Einladung zu überbringen. Nach dem Frühstück kamen die Großmutter und die anderen und vergnügten sich im Garten der Blumenversammlung [会芳园] — erst Tee, dann Wein; es war ein ganz gewöhnliches Familienfest der Damen beider Häuser, und es gibt nichts Besonderes zu berichten.
Als Bau-yü die beiden Sätze gelesen hatte, wollte er auf keinen Fall hier bleiben, wie schön das Zimmer und wie prächtig die Ausstattung auch sein mochte. „Schnell fort, schnell fort!“ sagte er. Nach einer Weile wurde Schatzjade müde und wollte ein Mittagsschläfchen halten. Die Großmutter befahl, man solle ihn gut unterhalten und nach einer Ruhepause zurückbringen. Herrlichkeit Kaufmanns Gattin Qin [秦氏] erbot sich lächelnd: „Wir haben hier ein Zimmer für den jungen Onkel Bao vorbereitet. Die Urgroßmutter kann unbesorgt sein — sie braucht ihn nur mir zu überlassen." Zu Schatzjades Ammen und Dienerinnen sagte sie: „Liebe Damen, bitte folgt mir mit dem jungen Onkel." Die Großmutter wusste, dass Qin eine äußerst zuverlässige Person war — zierlich und anmutig, sanft und friedfertig, die Lieblingsurenkelschwiegertochter. Da sie Schatzjade bei ihr in guten Händen wusste, war sie beruhigt.
„Wohin können wir gehen, wenn es dir nicht einmal hier gefällt?“ sagte Frau Tjin lächelnd. „Wenn nicht anders, müssen wir in mein Zimmer gehen.“ Qin führte die kleine Schar in ein inneres Gemach des Hauptgebäudes. Schatzjade blickte auf und sah an der Wand ein Gemälde — die dargestellten Figuren waren zwar gut gemalt, doch das Motiv war „Das Studium beim Licht einer brennenden Fackel" [燃藜图, ein Bild fleißigen Studierens]. Ohne auch nur nachzusehen, von wem es gemalt war, wurde ihm unwohl. Daneben hing ein Spruchband:
Bau-yü nickte lächelnd, aber eine der Ammen bemerkte: „Wie kann ein Onkel im Zimmer seiner Nichte schlafen?!“ Wer die Dinge der Welt durchschaut, dem ist alles Gelehrsamkeit;
„Ach, du meine Güte!“ erwiderte Frau Tjin lächelnd. „Auch wenn er sich darüber ärgert, aber wie groß ist er denn schon, daß so etwas tabu sein sollte? Habt ihr nicht im vergangenen Monat meinen Bruder gesehen, als er hier war? Er ist genausoalt wie Bau-yü, aber wenn sie nebeneinander stehen, ist er bestimmt ein Stück größer.“ Wer die Menschen kennt und geschickt mit ihnen umgeht, dem ist alles Literatur.
„Warum habe ich ihn nicht getroffen?“ fragte Bau-yü. „Bring ihn her, damit ich ihn sehen kann!“

Alle lachten darüber und sagten: „Er ist zwanzig, dreißig Li von hier entfernt, wie sollen wir ihn da holen? Du wirst ihn schon noch zu sehen bekommen.“
Nachdem er diese beiden Sätze gelesen hatte, weigerte er sich trotz der Pracht des Raumes entschieden, hier zu bleiben, und rief: „Hinaus, hinaus!" Qin lachte: „Wenn es hier nicht gut genug ist, wo denn dann? Vielleicht in meinem Zimmer?" Schatzjade nickte lächelnd. Eine Amme wandte ein: „Wo gibt es das, dass ein Onkel im Zimmer seiner Nichtenschwiegertochter schläft?" Qin lachte: „Ach, ärgert ihn nicht! Wie alt ist er denn, dass man sich um solche Dinge kümmern müsste! Letzten Monat war mein jüngerer Bruder zu Besuch — er ist gleich alt wie der junge Onkel, und wenn die beiden nebeneinanderstünden, wäre jener sogar noch größer!" Schatzjade fragte: „Warum habe ich ihn nie gesehen? Bring ihn her, damit ich ihn anschaue!" Alle lachten: „Er wohnt zwanzig, dreißig Li weit weg — den kann man nicht einfach herbeibringen! Ihr werdet ihn schon noch sehen." Damit kamen sie alle in Qins Zimmer.
Bei diesen Worten waren sie an Frau Tjins Zimmer angelangt, und schon an der Tür umfing sie ein lieblicher Duft. Bau-yü merkte, wie ihm die Augen zufallen wollten und die Glieder schlaff wurden. „Wie gut es hier riecht!“ sagte er ein paarmal hintereinander. Kaum hatten sie die Schwelle überschritten, schlug ihnen ein feiner, süßer Duft entgegen. Schatzjade fühlte, wie seine Augen schwer und seine Knochen weich wurden, und rief: „Was für ein Duft!" Im Zimmer erblickte er an der Wand ein Gemälde von Tang Bohu [唐伯虎]: „Haitang-Blüte im Frühlingsschlummer". Zu beiden Seiten hing ein Spruchband des Song-Gelehrten Qin Taixu [秦太虚, d.h. Qin Guan]:
Als sie eintraten, erblickte er an der Wand ein Bild „Frühlingsschlaf unter Zierapfelblüten“ von Tang Bo-hu. Links und rechts davon hing ein Parallelsatzpaar von der Hand des Sung-Gelehrten Tjin Tai-hsü: Zarter Frost hält den Traum im Bann, weil der Frühling fröstelt;
„Die Frische stört ihren Schlummer, der Frühling ist kühl.

Ein Hauch umfängt sie, das Aroma von Wein.“
Duftende Luft umhüllt den Schlafenden — es ist der Weinhauch.
Auf einem Tisch stand ein kostbarer Spiegel aus dem Spiegelkabinett der Wu Dsë-tiän, daneben lag auf einem goldenen Teller, auf dem einst Fee-

yän getanzt hatte, die Quitte, mit der An Lu-schan seinerzeit Tai-dschën an der Brust verletzt hatte, als er nach ihr warf. Auf dem Bett hatte im Han-dschang-Palast die Prinzessin Schou-tschang geschlafen. Die Perlenschnüre, die daran hingen, hatte die Prinzessin Tung-tschang gefertigt.

„Hier ist es schön!“ sagte Bau-yü immer wieder und lächelte dazu. „Mein Zimmer wäre wohl für einen Gott nicht zu schlecht“, sagte Frau Tjin lächelnd. Mit eigener Hand schlug sie die seidene Decke zurück, die einst Hsi-dsï gewaschen hatte, und rückte das mit Mandarinenten bestickte Kissen zurecht, das einst Hung-niang im Arm gehalten hatte.

Die Ammen halfen Bau-yü sich hinlegen, dann gingen sie gemächlich hinaus. Nur die vier Sklavenmädchen Hsi-jën, Mee-jën, Tjing-wën und Schë-yüä blieben zur Gesellschaft zurück. Den anderen kleinen Sklavenmädchen befahl Frau Tjin, schön draußen unter dem Dachvorsprung zu bleiben und zuzusehen, wie sich die jungen Katzen und Hunde balgten.

Bau-yü schlief ein, kaum daß er die Augen geschlossen hatte. Ihm war, als ob Frau Tjin vor ihm ginge, und er folgte ihr leichtfüßig bis in eine Gegend, wo er rote Geländer und weißen Stein, grüne Bäume und klare Bäche erblickte. Hier war kaum die Spur eines Menschen zu finden, und kein Staub drang hierher. Erfreut dachte Bau-yü im Traum: „Welch reizender Ort! Hier würde ich gern mein Leben lang bleiben, auch wenn ich mich deswegen von der Familie trennen müßte. Das wäre doch besser, als Tag für Tag von den Eltern und Lehrern Schläge zu bekommen!“
Auf dem Tisch stand der Spiegel, den einst Kaiserin Wu Zetian in ihrem Spiegelkabinett aufgestellt hatte; daneben die goldene Schale, auf der die Schöne Zhao Feiyan getanzt hatte, und darin die Papaya, die An Lushan nach der Kaiserlichen Konkubine Yang geworfen und deren Brust verletzt hatte. [Anm.: Diese Gegenstände sind natürlich fiktiv-poetische Übertreibungen.] Oben stand das Ruhelager, auf dem einst Prinzessin Shouchang in der Halle der Enthaltenen Schönheit geschlafen hatte, und darüber hing der Perlenvorhang, den Prinzessin Tongchang gefertigt hatte. Schatzjade lachte: „Hier ist es schön!" Qin lachte: „In meinem Zimmer könnte wohl auch ein Unsterblicher wohnen." Sie breitete eigenhändig die Gazedecke aus, die einst die Schöne Xishi gewaschen hatte, und schob das Mandarinenenten-Kissen zurecht, das Hongniang einst gehalten hatte. Die Ammen betteten Schatzjade und zogen sich leise zurück; nur Dufthauch [袭人][1], Meiren [媚人], Heitermuster [晴雯][2] und Moschusmond [麝月][3], vier Dienerinnen, blieben als Begleitung. Qin wies die kleinen Mägde an, draußen unter dem Dachvorsprung gut aufzupassen, dass die Katzen und Hunde sich nicht rauften.
Während er so seinen törichten Gedanken nachhing, hörte er plötzlich, wie hinter einem Berg jemand sang:

„Frühlingsträume mit den Wolken vergehen,

fallende Blüten trägt der Strom mit sich fort.

Sagt es den Jungen, den Mädchen nur allen:

Wozu sich unnütz mit Sorgen beladen?!“

Bau-yü hörte, daß es eine Mädchenstimme war, und noch ehe das Lied zu Ende war, sah er die Sängerin hervorkommen. Ihr tänzelnder Gang und ihr graziler Wuchs unterschieden sie von den Menschen. Hier ist eine Ode als Beleg dafür:

Gerade tritt sie aus dem Weidenhain,

eben verläßt sie das Blumenhaus.

Wohin sie kommt,

verstecken die Vögel sich auf den Bäumen.

Wo sie sich naht,

streift ihr Schatten über den Bogengang.

Flattert ihr Ärmel,
Kaum hatte Schatzjade die Augen geschlossen, versank er in traumhaften Schlummer. Es war, als stünde Qin noch vor ihm. Sanft schwebend folgte er ihr zu einem wunderbaren Ort: Zinnoberrote Geländer, weißer Stein, grüne Bäume, klare Bäche — wahrhaftig ein Ort, an den kaum je ein Menschenfuß gelangt und den kein Staubkorn berührt. Schatzjade freute sich im Traum und dachte: „Dieser Ort ist herrlich! Hier möchte ich mein ganzes Leben verbringen — selbst wenn ich mein Zuhause verlöre, wäre es mir recht. Besser, als jeden Tag von Eltern und Lehrern geschlagen zu werden!" Während er noch so sann, hörte er plötzlich hinter dem Berg jemanden singen:
riecht es nach Moschus und Orchideen.

Bauscht sich ihr Gewand
Frühlingsträume zerstreuen sich mit den Wolken,
klimpern die Gürtelgehänge aus Jade. Fallende Blüten folgen dem fließenden Wasser.
Die Wangen wie Pfirsichblüten gefärbt, Sagt allen jungen Herzen:
die Haare wie Wolken getürmt,

die Lippen wie geplatzte Kirschen,
Warum sucht ihr euch selbst den müßigen Kummer?
die Zähne wie Granatapfelkerne.

Zart ist ihre schlanke Taille –

wirbelnder Wind, tanzender Schnee.

Perlen und Jade blitzen

auf der Stirn, gelb wie Entenküken geschminkt.

Sie schlüpft durch die Blumen,

wie zürnend, wie lachend.
Schatzjade erkannte eine Frauenstimme. Noch war der Gesang nicht verklungen, da trat von drüben eine Gestalt hervor — anmutig schwebend, wahrhaft wie von einer anderen Welt. Ein Preisgedicht in Prosa beschreibt sie:
Sie gleitet über den Teich,

wie fliegend, wie flatternd.

Sie lacht mit gerunzelten Brauen,

scheint sprechen zu wollen und schweigt.

Sie schreitet mit Lotosschritten,

scheint stocken zu wollen und geht.

Lieblich ist ihr Wesen,

wie Eis so klar, wie Jade so rein.

Herrlich ist ihr Kleid,

es leuchten darauf die Muster.

Niedlich ist ihr Gesicht,

wie aus Duftholz geschnitzt, aus Jade geschliffen.

Zierlich ist ihre Haltung,

wie ein tanzender Phönix, ein fliegender Drache.

Wem gleicht ihre Weiße?

Einer Aprikosenblüte, im Frühlingsschnee erblüht.

Wem gleicht ihre Reinheit?

Einer Chrysantheme, in Herbstreif gehüllt.

Wem gleicht ihre Erhabenheit?

Einer Kiefer, einsam im Talgrund gewachsen.

Wem gleicht ihre Schönheit?

Einer Abendwolke, im stillen Teich gespiegelt.

Wem gleicht ihre Erscheinung?

Einem Drachen, der prächtig im Wasser schwimmt.

Wem gleicht ihre Seele? Dem Mond, der den frostigen Fluß bescheint.

Sie müßte die Hsi-dsï beschämen, die Wang Tjiang neidisch machen.

Ein Wunder fürwahr!

Wo ist sie geboren? Wo kommt sie her?

Es gibt wirklich nicht ihresgleichen,

nicht am Jadeteich, nicht im Purpurpalast.

Wer mag sie sein, so schön, wie sie ist?

Als Bau-yü erkannte, daß es eine Fee war, trat er erfreut vor sie hin, verbeugte sich rasch mit zusammengelegten Händen und sagte: „Schwester Fee, ich weiß nicht, woher du kommst, wohin du gehst und wo wir hier sind, ich bitte nur, daß du mich mitnimmst.“
Eben hat sie die Weidenlaube verlassen, tritt gerade aus dem Blütengemach. Wohin sie geht, erschrecken die Vögel in den Hofbäumen; wenn sie sich nähert, gleitet ihr Schatten durch den Wandelgang. Wenn ihr feengleiches Gewand aufflattert, riecht man den Duft von Moschus und Orchideen; wenn ihr Lotoskleid sich regt, hört man das Klingen der Gürteljade. Ihre Grübchen lachen wie Frühlingsblüten, und Wolken türmen sich in der blauschwarzen Frisur; ihre Lippen sind wie Kirschkerne, Granatapfelzähne verströmen Duft. Ihre schlanke Taille, so zart — wie tanzt der Schnee im Wirbelwind; der Glanz ihres Perlenschmucks — goldgelbes Rouge bedeckt die Stirn. Sie erscheint und verschwindet zwischen den Blumen — bald zürnend, bald fröhlich; sie wandelt am Teich — als schwebte sie, als flöge sie. Wenn die Mondsichelbrauen lächeln, will sie sprechen und schweigt doch; wenn die Lotosschritte sich bewegen, will sie verharren und geht doch weiter. Bewundernswert ihre edle Natur: Eisklar und jadeglatt. Bewundernswert ihre Prachtgewänder: funkelnd und schillernd. Bezaubernd ihr Antlitz: wie aus Duft geformt und Jade gemeißelt. Prachtvoll ihre Haltung: wie der Phönix aufschwingt und der Drache sich erhebt. Ihre Reinheit? Wie Frühlingspflaumen, die im Schnee erblühen. Ihre Makellosigkeit? Wie Herbstchrysanthemen, von Reif bedeckt. Ihre Stille? Wie eine Kiefer im leeren Tal. Ihre Schönheit? Wie Abendrot, die sich im klaren Teich spiegelt. Ihr Geist? Wie der Mond, der den eisigen Fluss bescheint. Xishi müsste sich schämen, und Wang Zhaojun sich verbergen. Wunderbar! Wo ist sie geboren, woher kommt sie? Wahrlich: Im Jadefee-Teich gibt es keine Zweite, im Purpurpalast keine ihresgleichen!
Lächelnd erwiderte die Fee: „Ich wohne am Himmel des Trennungsschmerzes, inmitten des Kummernährenden Meeres, in den Wahngefilden der Großen Leere, in der Duftverströmenden Höhle des Frühlingspendenden Berges. Ich bin die Fee Warnendes Trugbild und wache über die Herzensangelegenheiten und die Liebesschulden der Menschen, über Mädchenkummer und Männertorheit in der Welt des Staubes. Weil sich unlängst Liebesnarren hier versammelt haben, bin ich hergekommen, um die Gelegenheit zu erkunden und Sehnsucht auszustreuen.

Auch dir bin ich nicht zufällig begegnet. Mein Reich ist nicht fern von hier. Aber ich habe nichts anderes für dich als eine Schale Feentee, den ich selber gepflückt habe, einen Kübel schönen Wein, den ich selber bereitet ha-

be, ein paar Sängerinnen, die in magischen Tänzen geübt sind, und zwölf neue Feenlieder vom Traum im prachtvollen Frauengemach. Willst du versuchen, mit mir zu gehen?“

Als Bau-yü das hörte, vergaß er, wo Frau Tjin geblieben war, und folgte der Fee. Sie kamen an ein steinernes Schmucktor, das den Weg überspannte und auf dem oben in großen Schriftzeichen geschrieben stand ‚Wahngefilde der Großen Leere‘. Ein Parallelsatzpaar auf beiden Seiten lautete:

„Wenn Falsches wahr ist, wird auch Wahres falsch,

wo Nichtsein Sein ist, wird auch Sein zum Nichts.“

Als sie durch das Schmucktor gebogen waren, kamen sie an ein Palasttor, über dem quer die Schriftzeichen standen „Meer der Sünde, Himmel der Liebe“. Auch hier gab es eine Parallelinschrift. Sie hieß:

„Stark ist die Erde, der Himmel ist hoch –

ein Elend nur, daß die ewige Liebe kein Ende nimmt.

Törichte Männer, kummervolle Mädchen –

ein Jammer nur, daß sich Liebesschuld nicht zurückzahlen läßt.“
Schatzjade sah, dass es eine Fee war, eilte freudig herbei, verbeugte sich und fragte: „Unsterbliche Schwester, woher kommt Ihr und wohin geht Ihr? Ich weiß nicht, wo dies ist — bitte nehmt mich mit!" Die Fee lachte: „Ich wohne über dem Himmel der Trennungssehnsucht, inmitten des Meeres der Kummerbewässerung. Ich bin die Fee Warnende Illusion [警幻仙姑] aus der Grotte des Ausgesandten Duftes am Berg des Freigelassenen Frühlings im Reich der Großen Leere und Illusion. Ich verwalte die Liebesschulden und Mondscheinaffären der Menschenwelt und wache über die Klagen der Frauen und den Wahn der Männer. Da in jüngster Zeit Liebesschuldner sich hier verwickelt haben, bin ich gekommen, um nach dem Rechten zu sehen und die Sehnsucht auszusäen. Dass ich dich heute treffe, ist kein Zufall. Mein Palast ist nicht weit von hier; ich habe nichts Besonderes zu bieten — nur eine Tasse selbstgepflückten Feentee, einen Krug selbstgebrauten edlen Weins, einige geübte Tänzerinnen und Sängerinnen und zwölf frisch gedichtete Feenlieder zum ‚Traum der Roten Kammer'. Möchtest du mich begleiten?" Schatzjade vergaß sogleich, wo Qin geblieben war, und folgte der Fee zu einem Ort, wo ein steinernes Ehrentor quer über dem Weg stand, darauf die vier großen Zeichen: „Reich der Großen Leere und Illusion" [太虚幻境]. Zu beiden Seiten ein Spruchband:
„So ist das also“, dachte Bau-yü, als er die Inschriften gelesen hatte. „Ich weiß nur nicht, was ›ewige Liebe‹ und ›Liebesschuld‹ ist. Ich will doch zusehen, daß ich es in Zukunft verstehe!“ Dabei merkte er nicht, wie ihm mit diesem Gedanken ein böser Zauber tief ins Mark drang. Wenn das Falsche zum Wahren wird, wird auch das Wahre falsch;
Nun folgte er der Fee durch ein Innentor, hinter dem auf beiden Seiten Nebengebäude standen, jedes mit einer Namenstafel und einem Parallelsatzpaar, wovon er in der Eile nicht viel lesen konnte. Einige Namen aber erkannte er: „Amt der törichten Liebe“, „Amt des blindwütigen Hasses“, „Amt der morgendlichen Tränen“, „Amt des nächtlichen Kummers“, „Amt der Frühlingsgefühle“ und „Amt des Herbstleids“. Wo das Nichts zum Sein wird, wird auch das Sein zum Nichts.
„Darf ich dich bitten, mich durch diese Ämter zu führen?“ fragte Bau-yü. „In diesen Ämtern werden die Schicksalsbücher über Vergangenheit und Zukunft der Mädchen der ganzen Welt aufbewahrt“, sagte die Fee. „Du mit deinen profanen Augen und deinem irdischen Leib solltest diese Dinge besser nicht im voraus erfahren.“ Hinter dem Tor lag ein Palasteingang mit den vier Zeichen: „Meer der Sünde, Himmel der Liebe" [孽海情天]. Schatzjade dachte bei sich: „So also verhält es sich. Aber was sind die Liebesschulden von einst und heute, was die Schulden des Mondscheins und Windes? Ich möchte es schon gern erfahren." Indem er so dachte, hatte er sich bereits die bösen Geister in sein Innerstes gerufen. Zusammen mit der Fee trat er durch das zweite Tor; in den Seitenhallen hingen überall Tafeln und Spruchbänder — zu viele, um alles zu lesen. Er sah jedoch die Aufschriften einiger Abteilungen: „Kammer der Vernarrtheit", „Kammer des Grolls", „Kammer der Morgentränen", „Kammer der Nachtseufzer", „Kammer der Frühlingsrührung", „Kammer der Herbsttrauer".
Wie hätte Bau-yü wohl nachgeben mögen, nachdem er das gehört hatte! Er bettelte immer wieder, bis der Fee kein anderer Ausweg blieb, als zu sagen: „Schon gut, dann sieh dich in diesem Amt ein wenig um!“ Bau-yü war außer sich vor Freude und hob den Kopf, um nach der Namenstafel zu sehen. „Amt des widrigen Geschicks“ las er. Und das Parallelsatzpaar auf beiden Seiten besagte:

„Frühlingskummer und Herbstleid, alles ist eigene Schuld.

Blumengesicht und Mondesantlitz, für wen seid ihr so schön?“
Schatzjade wandte sich an die Fee: „Dürfte ich die ehrwürdige Fee bitten, mich in diese Kammern zu führen? Wäre das möglich?" Die Fee antwortete: „In jeder dieser Kammern sind die Schicksalsbücher aller Frauen unter dem Himmel aufbewahrt — Vergangenheit und Zukunft. Du mit deinen irdischen Augen und deinem sterblichen Leib darfst das nicht im Voraus wissen." Schatzjade ließ sich nicht abweisen und bat noch inständiger. Die Fee seufzte: „Nun gut — gehen wir wenigstens in diese eine Kammer und werfen einen Blick hinein." Schatzjade war überglücklich, blickte auf und las das Schild über der Kammer: „Kammer der Unglückseligen" [薄命司]. Zu beiden Seiten ein Spruchband.
Bau-yü seufzte bewegt, als er es gelesen hatte. Dann trat er durch die Tür und erblickte mehr als zehn große Schränke, die alle mit Papierstreifen versiegelt waren. Auf diesen Papierstreifen standen die Ortsnamen der einzelnen Provinzen. Gespannt suchte er nach seinem Heimatort, andere Provinzen interessierten ihn nicht. Da erblickte er auf einem Schrank den Vermerk „Hauptregister der zwölf Mädchen von Djin-ling“ und fragte, was das bedeutete.

„Es ist das Register der zwölf ersten Mädchen deiner Heimat, darum heißt es Hauptregister“, sagte die Fee. „Ich habe oft davon erzählen gehört, wie groß Djin-ling ist“, wunderte sich Bau-yü. „Warum sind es nur zwölf Mädchen? Allein in unserer Familie gibt es alles in allem ein paar hundert.“ „Freilich gibt es dort viele Mädchen“, sagte die Fee und lächelte kühl. „Hier sind nur die wichtigsten verzeichnet. In den nächsten beiden Schränken sind die weniger wichtigen. Für den profanen Rest gibt es keine Register.“
Schatzjade trat ein und sah Dutzende großer Schränke, alle versiegelt. Auf den Siegeln standen Provinznamen. Er suchte nur nach dem Siegel seiner Heimatprovinz und beachtete die anderen nicht. Da sah er auf einem Schrank in großen Zeichen: „Hauptregister der Zwölf Schönheiten von Jinling" [金陵十二钗正册]. Er fragte: „Was bedeutet ‚Hauptregister der Zwölf Schönheiten von Jinling'?" Die Fee antwortete: „Das sind die Einträge der zwölf herausragendsten Frauen Eurer Provinz — darum das Hauptregister." Schatzjade sagte: „Jinling ist riesig — wie kann es nur zwölf Frauen geben? Allein in unserem Haus gibt es Hunderte von Mädchen!" Die Fee lachte kühl: „Frauen gibt es in Eurer Provinz freilich viele — aber nur die wichtigsten werden aufgezeichnet. Die beiden unteren Schränke enthalten die nächsten Ränge. Alle übrigen, die gewöhnlichen und unbedeutenden, haben kein Buch."
Bau-yü sah sich die nächsten beiden Schränke an, und tatsächlich stand dort ‚Nebenregister der zwölf Mädchen von Djin-ling‘ und ‚Zweites Nebenregister der zwölf Mädchen von Djin-ling‘. Also streckte er die Hand aus, öffnete zuerst den Schrank mit dem zweiten Nebenregister und nahm ein Heft heraus. Als er es aufschlug, erblickte er auf dem ersten Blatt ein Bild, aber es zeigte weder einen Menschen noch eine Landschaft, über das ganze Blatt waren nur mit schwarzer Tusche dunkle Wolken und trüber Nebel gemalt. Daneben standen die Zeilen:

„Selten erblickt man den klaren Mond,

bunte Wolken zerflattern so schnell.
Schatzjade öffnete zuerst den untersten Schrank — das „Dritte Register" [又副册] — und nahm ein Buch heraus. Auf der ersten Seite war ein Bild: weder Figuren noch Landschaft, nur Tuschewolken und trüber Nebel auf dem ganzen Blatt. Dahinter einige Zeilen:
Das Herz erhabener als der Himmel,

der Leib aber niedrig und gering.
Selten wie Mondlicht nach dem Regen, flüchtig wie bunte Wolken.
Anmut und Witz erwecken die Mißgunst der Leute,

Verleumdung führt zum frühen Tod.
Das Herz höher als der Himmel, der Stand niedriger als der Staub.
Sinnlos trauert der gefühlvolle junge Herr.“ Geist und Anmut erregen Neid —
Auf dem nächsten Blatt erblickte Bau-yü ein Bund frischer Blumen und eine zerrissene Matte. Daneben stand: Früher Tod durch Verleumdung,
„Vergeblich alle Nachgiebigkeit und Gefügigkeit, Und der empfindsame junge Herr trauert vergebens.
umsonst der Vergleich mit Duftblüte und Orchidee. [Anm.: Dies ist das Orakel für Heitermuster 晴雯.]
Ein Schauspieler trägt den Preis davon, Dann sah er ein Bild: ein Strauß frischer Blumen und ein zerbrochenes Bettgestell. Dazu einige Verse:
leer geht aus der junge Herr.“ Vergebens so sanft und gefügig,
Bau-yü verstand nicht, was das heißen sollte. Darum warf er das Heft hin, öffnete den Schrank mit dem Nebenregister und nahm dort ein Heft heraus. Als er es aufschlug, erblickte er ein Bild mit einem Duftblütenstrauch und einem ausgetrockneten Teich davor, in dem eine verdorrte Lotosblume stand. Daneben war zu lesen: Vergebens gerühmt als duftend wie Osmanthus und Orchidee.
„Der Lotosblume Gefährtin und duftig wie sie, Beneidenswert, dass die Schauspielerin das Glück hat —
ist ihr Schicksal nur Jammer und Not. Wer hätte gedacht, dass der junge Herr leer ausgeht.
Taucht noch endlich der Duftblütenstrauch auf, [Anm.: Dies ist das Orakel für Dufthauch 袭人.]
geht sie zur ewigen Ruhe ein.“ Schatzjade verstand es nicht, legte es weg und nahm das „Zweite Register" [副册] zur Hand. Auf der ersten Seite war ein Osmanthusbaum gemalt, darunter ein Teich mit verdorrtem Schlamm, verwelktem Lotus und verfaulten Wurzeln. Dahinter stand:
Wieder verstand Bau-yü nicht, was er da sah, darauf warf er auch dieses Heft hin und griff nach dem Hauptregister. Auf dem ersten Blatt sah er zwei abgestorbene Bäume, um die ein Jadegürtel geschlungen war. In einer Schneewehe darunter lag ein goldener Haarpfeil. Daneben stand der Vierzeiler: Gleicher Wurzel mit dem Lotus, an einem Stiel duftend,
„Beklagenswert ihre sittliche Tugend, Ein ganzes Leben voll leidvoller Begegnungen.
bedauernswert ihr schönes Talent. Seit an zwei Orten ein einsamer Baum wuchs,
Der Jadegürtel hängt in den Bäumen, Kehrte die Duftseele in die Heimat zurück.
den Haarpfeil der Schnee bedeckt.“ [Anm.: Dies ist das Orakel für Xiangling 香菱, die entführte Yinglian.]
Auch das konnte Bau-yü nicht verstehen. Schon wollte er fragen, aber er sagte sich, daß die Fee ihm bestimmt nichts verraten würde. Er war schon im Begriff, auch dieses Heft wegzulegen, aber dann brachte er es nicht über sich und blätterte weiter. Jetzt erblickte er einen Bogen, an dem eine Zitrone hing. Daneben stand das Gedicht: Schatzjade verstand auch dies nicht und griff nun zum Hauptregister. Auf der ersten Seite waren zwei verdorrte Bäume gemalt, an denen ein jadegrüner Gürtel hing, und daneben ein Schneehaufen, unter dem eine goldene Haarnadel begraben lag. Dazu vier Verse:
„Zwanzig Jahre wußte sie Recht und Unrecht zu scheiden, Beklagenswert die Tugend der angehaltenen Weberin, [Anm.: Schatzspange]
die Granatapfelblüte ziert das Palastgemach. Bedauernswert das Talent der Schnee-Dichterin. [Anm.: Kajaljade]
Drei Frühlinge kommen dem ersten nicht gleich; Ein Jadegürtel hängt im Wald, [Anm.: 林 Lín = Wald + 玉 Jade = Kajaljade]
der Traum ist aus, als Tiger und Nashorn sich treffen.“ Eine goldene Nadel liegt im Schnee begraben. [Anm.: 薛 Xuē = Schnee + 钗 Nadel = Schatzspange]
Auf dem nächsten Bild waren zwei Menschen zu sehen, die einen Drachen steigen ließen. Auf dem weiten Meer schwamm ein großes Schiff, darauf stand ein Mädchen, das sich die Hände vors Gesicht hielt und weinte. Vier Sätze besagten: Schatzjade verstand es noch immer nicht. Er wollte fragen, wusste aber, dass die Fee es nicht verraten würde; weglegen mochte er es auch nicht. So blätterte er weiter. Er sah einen gemalten Bogen mit einer daran hängenden Zedratfrucht [香橼]. Dazu ein Lied:
„Blühend war ihr Talent, hoch ging ihr Streben, Zwanzig Jahre lang — wer erkennt sie da noch?
doch zu spät geboren, ist Unglück ihr Los. Granatapfelblüten erleuchten die Palastgemächer.
Zum Tjing-ming-Fest ein Abschied mit Tränen, Drei Frühlinge reichen nicht an den ersten Frühling heran —
tausend Li weit der Ostwind weht, fern geht ihr Traum.“ Wenn Tiger und Hase sich treffen, kehrt der große Traum heim.
Das folgende Bild zeigte fliegende Wolken und strömendes Wasser. Dazu hieß es:

„Was nutzen Reichtum und hohe Geburt,
[Anm.: Orakel für Urfrühling 元春. „Drei Frühlinge" = die drei jüngeren Schwestern mit „Frühling" im Namen.]
wird man schon in den Windeln zur Waise?

Ein einziger Augenblick, und die Sonne versinkt,

das Wasser des Hsiang strömt dahin, die Wolken von Tschu entfliegen.“
Dann zwei Personen, die Drachen steigen lassen; ein großes Meer und ein großes Schiff, darin eine Frau, die sich das Gesicht bedeckt und weint:
Dann war da ein Bild, auf dem ein schöner Jadestein im Schmutz lag. Der Urteilsspruch dazu lautete: Begabt und klarsichtig, von hohem Geist,
„Du strebtest nach Reinheit, hast du Reinheit erreicht? In einer sterbenden Welt geboren, da schwindet das Glück.
Du sprachst von der Scheinwelt, doch war sie nur Schein? Am Qingming-Fest, unter Tränen, am Flussufer stehend —
Welch Jammer – ein Wesen wie aus Gold und Jade, Tausend Li Ostwind, ein ferner Traum.
und muß doch schließlich im Schmutz versinken.“ [Anm.: Orakel für Spürfrühling 探春.]
Auf dem nächsten Blatt erblickte Bau-yü plötzlich einen reißenden Wolf, der sich auf ein schönes Mädchen stürzte, um es zu verschlingen. Daneben stand: Dann einige Wolkenfetzen und ein verrinnender Bach:
„Ehemann Sun erweist sich als herzloser Wolf, Was nützt aller Reichtum? — Als Wickelkind die Eltern verloren.
sobald er das Ziel seiner Wünsche erreicht. Ein Blick in die sinkende Abendsonne,
Eine zarte Blume aus reichem Hause, Am Xiang-Fluss verrinnt das Wasser, die Chu-Wolken fliegen.
erfüllt sich in nur einem Jahr ihr Geschick.“ [Anm.: Orakel für Wolke vom Xiang-Fluss 史湘云.]
Auf dem folgenden Bild saß in einem alten Tempel einsam ein schönes Mädchen und las ein Buch. Der Spruch dazu hieß:„Nicht lange währt dreifaches Frühlingsglück, Dann ein schöner Jadestein, gefallen in Schlamm und Schmutz:
dann ersetzt ihr das Nonnengewand den Putz. Rein sein wollen und doch nicht rein,
Ein vornehmes Kind aus Prunkgemächern Leer sein wollen und doch nicht leer!
schläft einsam neben dem Buddhabild.“ Schade um die Natur von Gold und Jade —
Nun kam das Bild eines Gletschers mit einem Phönixweibchen darauf, dazu die Worte: Gefallen und versunken im Morast.
„Ein Phönix erscheint in der Zeit des Verfalls, [Anm.: Orakel für Wunderjade 妙玉.]
und jedermann liebt ihr seltnes Talent. Dann ein böser Wolf, der ein schönes Mädchen verfolgt und verschlingen will:
Sie folgt, sie befiehlt, dann wird sie verstoßen, Der Sohn ist ein Wolf vom Zhongshan-Berg — [Anm.: Sprichwort für Undankbare]
kehrt weinend nach Djin-ling zurück.“ Kaum hat er Erfolg, wird er maßlos.
Auf dem nächsten Bild saß ein schönes Mädchen in der ärmlichen Hütte eines kleinen Dorfes und spann Garn. Der zugehörige Spruch besagte: Die zarte Blüte aus der goldenen Kammer —
„Was heißt denn ›vornehm‹ ohne Macht? Ein einziges Jahr, dann geht es zum Gelben Quell.
Was gelten noch ruinierte Verwandte? [Anm.: Orakel für Willkommensfrühling 迎春.]
Nur weil die alte Liu einmal Hilfe bekam, Dann ein alter Tempel, darin eine schöne Frau, die allein vor einem Sutra sitzt:
findet ein Retter sich in der Not.“ Durchschaut, dass drei Frühlinge nicht von Dauer sind,
Ein weiteres Bild zeigte üppig blühende Orchideen in einer Blumenschale, daneben stand eine schöne Frau mit Phönixkrone und Zeremonialgewand. Auch hierzu gab es wieder einen Spruch: Tauscht sie das schwarze Gewand gegen die einstige Tracht.
„Der Frühling endet mit den Früchten. Schade um die Tochter aus gesticktem Tor und Adelshaus —
Wer kommt allein der Orchidee gleich? Einsam liegt sie beim grünen Licht vor dem alten Buddha.
Die Reinheit von Wasser, die Klarheit von Eis [Anm.: Orakel für Bewahrfrühling 惜春.]
wird zu Unrecht beschwatzt und beneidet.“ Dann ein Eisberg, darauf ein weiblicher Phönix:
Jetzt kam ein Bild mit hohen Häusern und großen Hallen. An einem Dachbalken hatte sich eine Schöne erhängt. Daneben stand: Ein gewöhnlicher Vogel aus der Endzeit — [Anm.: 凡鸟 = 凤 Feng = Phönixglanz [熙凤]]
‚Himmel und Meer der Liebe und ein Trugbild, aus Liebe geworden; Alle bewundern ihr Talent.
wo Lieb auf Liebe trifft, herrscht die Lust. „Erst gehorchen, dann befehlen, dann nichts als Holz" — [Anm.: Rätselhafte Prophezeiung über Phönixglanz [王熙凤]s Schicksal]
Zwar schiebt man die Schuld auf das Jung-guo-Anwesen, Weinend gen Jinling — die Dinge werden noch trauriger.
doch im Ning-guo-Anwesen fing alles an.‘ [Anm.: Orakel für Phönixglanz 王熙凤.]
Bau-yü wollte das Heft noch weiter ansehen, aber die Fee wußte um seine hohe Begabung und seine scharfsichtige Art und befürchtete daher, es könnten doch Feengeheimnisse durchsickern, darum hielt sie das Heft mit beiden Händen zu und sagte lächelnd: „Geh lieber mit mir die Wunderansichten besehen, als hier über unverständlichen Rätseln zu brüten!“ Dann ein ödes Dorf mit einer Schenke, darin eine schöne Frau, die am Spinnrad sitzt:
Gedankenverloren legte Bau-yü das Heft weg und ging mit der Fee weiter. Er erblickte Perlenvorhänge und gestickte Portieren, bemalte Balken und geschnitzte Dachvorsprünge. Unmöglich, all die rotglänzenden Türen und die goldbelegten Böden zu beschreiben, die schneeblitzenden Fenster und die jadegefügten Paläste. Dann sah er duftende Wunderblumen und wohlriechende Zauberpflanzen. Es war wirklich ein schöner Ort. Wenn die Lage sich wendet, rede nicht von Adel;
Nun hörte er, wie die Fee Warnendes Trugbild lachend rief: „Kommt schnell heraus und begrüßt den teuren Gast!“ Wenn die Familie untergeht, sprich nicht von Verwandtschaft.
Ihre Worte waren noch nicht verklungen, da sah er mehrere Feen aus dem Haus treten. Ihre Lotosärmel wallten, und ihre Federkleider flatterten. Sie waren anmutig wie Frühlingsblumen und schön wie der Herbstmond. Kaum daß sie Bau-yü erblickt hatten, warfen sie der Fee Warnendes Trugbild böse vor: „Wir wußten nicht, wer der Gast ist, für den wir so schnell herauskommen mußten. Du hattest gesagt, die Seele von Schwester Purpurperle werde heute um diese Stunde kommen, darum haben wir lange gewartet. Warum bringst du statt dessen dieses schmutzige Ding mit, das die Stätten reiner Mädchen besudelt?“ Zufällig half sie einer gewissen Liu —
Als Bau-yü das hörte, erschrak er so, daß er am liebsten weggelaufen wäre, wenn er gekonnt hätte, und kam sich wirklich unerträglich schmutzig vor. Da faßte Warnendes Trugbild seine Hand und sagte zu den anderen: „Ihr wißt ja nicht, worum es hier geht. Als ich heute zum Jung-guo-Anwesen wollte, um Purpurperle abzuholen, kam ich am Ning-guo-Anwesen vorüber und bin zufällig den Seelen der beiden Herzöge Ning-guo und Jung-guo begegnet, die mir folgendes aufgetragen haben: Und traf durch Zufall auf eine Wohltäterin.
„Seit Gründung der Dynastie haben sich in unserer Familie Ruhm und Wohlstand von Generation auf Generation vererbt, aber nach hundert Jahren ist es jetzt mit unserem Glück unwiderruflich vorbei. Deshalb kann von unseren nachgebliebenen Söhnen und Enkeln keiner das Werk fortsetzen, obwohl sie zahlreich sind. Der Enkel Bau-yü, Sohn einer Hauptfrau, ist der einzige, aus dem trotz seiner verschrobenen Art und seines eigenartigen Charakters vielleicht noch etwas werden kann. Aber wenn er auch klug und scharfsinnig ist, ist nun einmal unser Schicksal besiegelt, und es gibt wohl niemanden, der ihn auf den rechten Weg führen kann. Jetzt kommst zufällig du hier vorbei, schöne Fee, und da hoffen wir, daß du ihm in seiner Torheit mit Hilfe der Begierde nach Schönheit und Musik eine Warnung erteilst, damit er vielleicht den Schlingen der Verwirrung entgeht und später einmal den rechten Weg findet. Das würde auch für uns Brüder das Glück bedeuten.“ [Anm.: Orakel für Qiaojie 巧姐, Phönixglanzs Tochter.]
Aufgrund dieses Auftrages habe ich Milde walten lassen und den Knaben hergeführt. Zuerst ließ ich ihn die Schicksalsbücher der erst-, zweit- und drittrangigen Mädchen seiner Familie ansehen, aber das hat ihn noch nicht zu erwecken vermocht. So brachte ich ihn hierher, um ihn den Wahn von Essen, Trinken, Musik und Frauenschönheit kosten zu lassen. Wer weiß, ob man nicht hoffen kann, daß er doch noch zur Erkenntnis gelangt!“ Dann ein üppiger Orchideenstrauch, daneben eine schöne Frau in Phönixkrone und Regenbogengewand:
Nachdem sie zu Ende gesprochen hatte, führte sie Bau-yü ins Haus, wo er einen feinen Weihrauchgeruch verspürte,aber nicht festzustellen vermochte, was da verbrannt wurde. Er konnte sich nicht enthalten zu fragen, und Warnendes Trugbild sagte mit kühlem Lächeln: Im Frühlingswind reifen Pfirsich und Pflaume — vollendet.
„Diesen Weihrauch gibt es nicht in der Welt des Staubes. Woher solltest du ihn kennen? Es ist die Essenz seltener junger Gräser von berühmten Bergen und bekannten Stätten, gemischt mit dem Harz edler Bäume, und heißt ‚Mark der gesammelten Düfte‘.“ Bau-yü war ganz Entzücken. Wer gleicht am Ende einem Topf Orchideen?
Als sich alle gesetzt hatten, brachten Mägde den Tee, und Bau-yü bemerkte, daß er ein frisches Aroma und einen ungewöhnlichen Geschmack hatte und von außerordentlicher Reinheit war. Darum fragte er wieder, was das sei. „Dieser Tee kommt aus der Duftverströmenden Höhle des Frühlingspendenden Berges und ist mit dem Nachttau von Feenblumen und Geisterblättern gebrüht“, erläuterte Warnendes Trugbild. „Er heißt ‚Tausendfaches Rot in einer Höhlung‘.“ Ob Eis, ob Wasser — eifersüchtig umsonst,
Bau-yü nickte bewundernd und sah sich um. Da sah er kostbare Bronzegefäße und jadegeschmückte Zithern, alte Bilder und neue Gedichte – alles, was man sich denken konnte. Noch mehr aber freute es ihn, daß auch hier die abgebissenen Enden von Stickfäden unter dem Fenster lagen und daß Puderreste zwischen den Schminkkästchen verstreut waren. Dann erblickte er an der Wand ein Parallelsatzpaar: Ein leeres Gerede für andere Leute.
„Verborgener Ort, von geisterhafter Schönheit erfüllt; [Anm.: Orakel für Li Schleierfrau 李纨.]
Himmelswelt, in der man sich nicht zu lassen weiß.“ Dann ein hoher Palast, darin eine schöne Frau, die sich am Balken erhängt hat:
Nachdem Bau-yü alles angesehen hatte, war er voll Bewunderung und fragte nach den Namen der Feenmädchen. Eine hieß Fee der Törichten Träume, eine andere Heilige der Innigen Liebe, eine dritte Kummerbringendes Goldmädchen und eine vierte Leiddurchmessende Erleuchtete. So nannte jede ihren Namen. Wenig später stellten kleine Sklavenmädchen Tische und Stühle zurecht und trugen Wein und Speisen auf. Hier konnte man wirklich sagen: Flüssiger Edelstein füllt die gläsernen Becher, starker Jadesaft blinkt in den Bernsteinschalen. Von der Üppigkeit der Speisen muß nicht erst die Rede sein. Am Himmel der Liebe, im Meer der Liebe — ein Körper aus Liebe,
Als Bau-yü das reine, edle Aroma wahrnahm, das dieses Getränk von gewöhnlichem Wein unterschied, konnte er sich wieder nicht enthalten, sich danach zu erkundigen. „Dieser Wein ist aus hunderterlei Blütenknospen und tausenderlei Baumsäften mit einem Zusatz aus Einhornmark und Phönixmilchhefe bereitet“, gab Warnendes Trugbild Auskunft. „Darum heißt er ‚Zehntausend Köstlichkeiten in einem Pokal‘.“ Bau-yü wurde nicht müde, sein Entzücken zu äußern. Wo Liebe sich trifft, herrscht stets die Lust.
Während sie tranken, kamen zwölf Tänzerinnen herein und fragten, was sie aufführen sollten. „Tragt uns die zwölf neuen Lieder des Traums im prachtvollen Frauengemach vor!“ sagte Warnendes Trugbild. Man sage nicht, alle Untugend stamme aus dem Rong-Haus —
Die Tänzerinnen bestätigten ihren Auftrag, ließen leise die Holzklappern ertönen und schlugen langsam die silbernen Zithern. Dazu sangen sie: „Im Chaos der Schöpfung...“ Die Quelle allen Unheils liegt im Ning.
Nach dieser Zeile wurden sie von Warnendes Trugbild unterbrochen, die sagte: „Diese Gesänge sind etwas anderes als die Arien der Dramen in der Welt des Staubes, wo es unbedingt Männer- und Frauen-, Haupt- und Nebenrollen geben muß und stets die neun Tonarten des nördlichen und des südlichen Stils zu unterscheiden sind. Hier wird nur ein Mensch besungen oder eines Ereignisses gedacht. Wird zufällig eine Arie daraus, kann man sie mit Instrumenten begleiten. Wer kein Eingeweihter ist, kann den Reiz nicht verstehen, der darin liegt. Wahrscheinlich sind dir auch die Melodien nicht sehr verständlich. Wenn du also nicht zuerst die Texte liest und dann die Gesänge anhörst, wird es so geschmacklos für dich werden, als ob du Wachs kaust.“ [Anm.: Orakel für Qin Lieblich 秦可卿.]
Dann wandte sie den Kopf, befahl einem kleinen Sklavenmädchen, das Manuskript des ‚Traums im prachtvollen Frauengemach‘ zu bringen, und gab es Bau-yü. Dieser schlug es auf und las mit den Augen den Text, während seine Ohren dem Gesang folgten, der lautete: Schatzjade wollte noch weiterlesen, doch die Fee wusste um seinen hohen Verstand und sein feines Gespür und fürchtete, die himmlischen Geheimnisse könnten sich enthüllen. Sie schloss das Buch, lachte und sprach: „Komm lieber mit mir und sieh dir die Wunder an — wozu hier Rätsel knacken!" Schatzjade, noch ganz benommen, legte das Buch beiseite und folgte der Fee nach hinten. Dort sah er Perlenvorhänge und bestickte Wandschirme, bemalte Balken und geschnitzte Dachtraufen — ein unbeschreiblicher Glanz. Er sah Feenblumen duften und seltsame Kräuter blühen — wahrlich ein wunderbarer Ort.
„Prolog Da lachte die Fee: „Kommt schnell heraus und empfangt den edlen Gast!" Kaum hatte sie ausgesprochen, traten mehrere Feen aus dem Zimmer — alle in wallenden Lotosgewändern und flatternden Federkleidern, schön wie Frühlingsblumen und anmutig wie der Herbstmond. Als sie Schatzjade sahen, beklagten sie sich bei der Fee: „Wir wissen nicht, was für ein ‚edler Gast' das sein soll, derentwegen wir herausgerufen werden! Schwester, du sagtest, heute zu dieser Stunde werde die Seele der Purpurperlenschwester [绛珠妹子, d.h. Kajaljade] zum Besuch kommen, deshalb warteten wir so lange. Warum bringst du stattdessen dieses schmutzige Wesen mit, um unseren reinen Mädchenort zu beflecken?" Schatzjade erschrak und fühlte sich tatsächlich schmutzig und unwürdig; er wollte sich zurückziehen, konnte aber nicht.
Im Chaos der Schöpfung Die Fee ergriff seine Hand und sprach zu den Schwestern: „Ihr kennt die Zusammenhänge nicht. Ich war heute eigentlich zum Rong-Guofu unterwegs, um die Purpurperle abzuholen, doch als ich am Ning-Guofu vorbeikam, traf ich auf die Geister der Ahnen Ning und Rong. Sie baten mich: ‚Unsere Familie hat seit der Reichsgründung über Generationen Ruhm und Reichtum genossen — doch nach hundert Jahren ist das Schicksal erschöpft und lässt sich nicht aufhalten. Von den zahlreichen Nachkommen ist keiner imstande, das Erbe fortzuführen. Einzig der Erblingsenkel Schatzjade — von eigenwilligem Charakter und seltsamen Neigungen, doch klug und begabt genug, um vielleicht Hoffnung zu geben; aber da das Schicksal unserer Familie zu Ende geht, fürchten wir, dass niemand ihn auf den rechten Weg führt. Wenn die Feenkönigin so gütig wäre — möge sie ihn zuerst durch die Verlockungen der Liebe und der Sinnesfreuden aus seiner Verblendung wecken, damit er vielleicht zur Vernunft kommt und sich dem rechten Weg zuwendet. Das wäre unser beider großes Glück.' — Auf dieses inständige Bitten hin erbarmte ich mich und brachte ihn hierher. Zuerst habe ich ihm die Schicksalsbücher der Frauen — obere, mittlere und untere Klasse — gezeigt und gründlich lesen lassen, doch er hat nichts begriffen. Deshalb führe ich ihn nun hierher, damit er Wein, Speise, Gesang und Tanz erlebt — vielleicht wird er eines Tages erwachen."
wo war‘n die Gefühle? Darauf führte die Fee Schatzjade in ein Gemach, wo ein geheimnisvoller Duft wehte — von unbekannter Herkunft. Als Schatzjade danach fragte, lachte die Fee spöttisch: „Diesen Duft gibt es in der irdischen Welt nicht — wie könntest du ihn kennen? Er ist aus dem Blütenessenz seltener Pflanzen berühmter Berge und dem Harz kostbarer Bäume gewonnen; sein Name ist ‚Essenz aller Blüten' [群芳髓]." Man nahm Platz. Eine kleine Dienerin brachte Tee. Schatzjade schmeckte ein reines, unvergleichliches Aroma und fragte nach dem Namen. Die Fee antwortete: „Dieser Tee stammt vom Berg des Freigelassenen Frühlings, aus der Grotte des Ausgesandten Duftes, gebrüht mit dem Morgentau von Feenblumen und Geisterblättern. Sein Name ist ‚Tausend Rote, ein einziger Kelch' [千红一窟]." [Anm.: 窟 kū klingt wie 哭 kū ‚weinen' — also ‚Tausend Rote — ein einziger Klagegesang'.]
Es gab nur das Sehnen von Wind und von Mond. Die Fee wies auf ein Spruchband an der Wand:
Unter ratlosem Himmel, Zarteste Stätte von Geist und Anmut,
an schmerzvollem Tage, Ein Himmel des Unabänderlichen.
in einsamer Stunde Dann stellten sich die Feen vor: Eine hieß „Fee des Vernarrten Traumes", eine „Große Bodhisattva der Liebe", eine „Goldmädchen der Herbeigezogenen Sorge", eine „Bodhisattva des Überwundenen Grolls" — jede mit anderem Titel. Bald darauf wurden Tisch und Stühle hergerichtet und Wein und Speisen aufgetragen. Schatzjade bemerkte den klaren, milden Duft des Weins und fragte danach. Die Fee antwortete: „Dieser Wein ist aus den Kelchen hunderter Blumen, dem Saft zehntausender Bäume, dem Mark des Qilin und der Milch des Phönix gebraut; sein Name ist ‚Zehntausend Reize, ein einziger Becher' [万艳同杯]." [Anm.: 杯 bēi klingt wie 悲 bēi ‚traurig' — also ‚Zehntausend Reize — ein einziger Klagegesang'.]
versuch ich, mein Herz zu erleichtern, Während des Trinkens traten zwölf Tänzerinnen vor und fragten, welches Stück gespielt werden solle. Die Fee sagte: „Spielt die zwölf Lieder des neu komponierten ‚Traum der Roten Kammer'." Die Tänzerinnen verneigten sich, schlugen leise die Sandelholzklöppel und griffen sanft in die silberne Zither. Sie begannen zu singen:
und sing diese Klage um Jade und Gold. Die Fee erklärte Schatzjade: „Diese Lieder sind anders als die Opernmelodien der irdischen Welt, die festen Rollen und den neun Tonarten folgen müssen. Hier besingt man bald eine Person, bald ein Ereignis; jedes Stück kann vertont werden. Wer nicht selbst betroffen ist, versteht den Zauber nicht. Da du vermutlich diese Melodien nicht durchdringst, solltest du erst den Text lesen und dann die Musik hören — sonst wäre alles wie Wachs kauen." Sie ließ das Manuskript des ‚Traum der Roten Kammer' bringen und reichte es Schatzjade. Er las den Text und hörte zugleich den Gesang:
Ein Fehler fürs ganze Leben **Erste Strophe — Vorspiel zum Traum der Roten Kammer:**
Alle nenn‘s den glücklichen Bund von Jade und Gold, Am Anfang der Schöpfung —
ich aber gedenke des Schwurs nur von Holz und Stein. Wer war der Keim der Liebe?
Sinnlos steh ich vor der Edlen, dem gleißenden Schnee, Alles nur wegen der Leidenschaft für Wind und Mondschein.
niemals vergeß ich die Schöne, den einsamen Wald. In diesem Himmel des Unabänderlichen, diesem Tag des Herzeleids, dieser Stunde der Einsamkeit,
Seufzend erkenn ich, das Gute bleibt unvollkommen. Versuche man, das törichte Herz auszudrücken.
Für immer nur bleibt es bei höflicher Form, Und so wurde aufgeführt dieser „Traum der Roten Kammer",
und nie wird befriedigt mein sehnendes Herz. Der um Gold trauert und Jade beweint.
Umsonst die Brauen gerunzelt **Zweite Strophe — Ein ganzes Leben fehlgeleitet:**
Eins eine Wunderblume im Feenpalast, Alle sagen, die Verbindung von Gold und Jade sei vom Schicksal bestimmt,
das andre ein Jadestein ohne Makel. Doch ich denke nur an den alten Bund von Stein und Holz.
Wenn es nicht ihre Bestimmung war, Vergebens sitze ich einer Einsiedlerin aus den Bergen gegenüber, die wie kristallener Schnee leuchtet —
warum mußten als Mensch sie sich treffen? Nie vergesse ich die Feenfrau aus dem Jenseits im einsamen Wald.
Doch wenn es für sie so bestimmt war, Ach, in der Menschenwelt —
warum ward die Hoffnung zuschanden? Jetzt erst glaube ich, dass im Schönsten der Mangel liegt.
Das eine in einsamer Klag sich ergeht, Selbst wenn die Gatten einander die Speise auf Augenhöhe reichen —
das andre in stummem Gedenken. Am Ende bleibt das Herz unruhig.
Das eine ist nur im Wasser der Mond, **Dritte Strophe — Vergeblich die zusammengezogenen Brauen:**
das andre die Blume im Spiegel. Eine ist eine Wunderblüte aus dem Feengarten,
Wie viele Tränen hält das Auge bereit, Der andere ein makelloser Edelstein.
daß sie fließen vom Herbst durch den Winter Wenn kein Wunderschicksal sie verbindet —
und weiter vom Lenz bis zum Sommer?“ Warum treffen sie sich just in diesem Leben?
Bau-yü kamen diese Texte verworren und nebelhaft vor, er konnte nichts Gutes daran finden. Nur die melodischen Töne dazu konnten einem die Sinne berauschen. Darum unterließ er es, nach Zusammenhängen zu forschen und den Ursprung zu erfragen, und sah es als einen Zeitvertreib an. Weiter las er: Und wenn ein Wunderschicksal sie verbindet —
„Jammer um die Unbeständigkeit des Seins Warum muss die Herzensangelegenheit zuletzt zunichte werden?
Mitten ins prächtigste Blühen Die eine seufzt vergebens,
trägt der Bote des Todes das Leid. Der andere sorgt sich umsonst.
Mit weit geöffneten Augen Die eine ist der Mond im Wasser,
läßt alles sie fahren dahin. Der andere die Blüte im Spiegel.
Schwankend und wankend entrinnet Die Augen — wie viele Tränenperlen haben sie?
die duftige Seele ihr. Wie sollen sie reichen vom Herbst durch den Winter, vom Frühling bis zum Sommer?
Weit entfernt liegt die Heimat, Schatzjade hörte dies — es war zerstreut und ohne festen Handlungsfaden, er sah keinen besonderen Wert darin. Doch der wehmütige Klang durchdrang ihm die Seele. So fragte er nicht weiter nach Herkunft und Zusammenhang und lauschte einfach, um sich die Zeit zu vertreiben. Er las weiter:
darum sagt sie‘s den Eltern im Traum: **Vierte Strophe — Groll gegen die Unbeständigkeit:**
›Ich ging zu den Gelben Quellen, Wie schön das Glück der Herrlichkeit,
denkt an den Rückzug auch ihr!‹ Da kommt der Tod — der Unbeständige.
Trennung von Fleisch und Bein Die Augen aufgerissen, wirft man alles hin;
Durch dreitausend Li Wind und Regen Schaukelnd schwindet die Blütenseele.
getrennt liegt das Elternhaus. Die Heimat — fern, der Berg — hoch.
Daß euch nicht Tränen das Alter vergällen, So suchte sie im Traum die Eltern:
denkt an die Tochter nicht mehr! „Mein Schicksal ist im Gelben Quell besiegelt —
Ist unser Schicksal feste Bestimmung, Ihr Lieben, zieht euch beizeiten zurück!"
muß auch die Trennung es sein. **Fünfte Strophe — Trennung von Fleisch und Blut:**
Soll‘n an zwei Orten wir leben, Dreitausend Li durch Wind und Wellen —
sei uns Friede dabei gegönnt, Knochen und Blut, Heim und Garten zurückgelassen.
drum denkt an die Tochter nicht mehr! Fürchte, die restlichen Jahre unter Tränen zu enden.
Kummer in der Freude Sagt den Eltern: Denkt nicht an mich!
Schon in den Windeln zur Waise geworden, Seit jeher sind Armut und Glück vom Schicksal bestimmt,
erwuchs sie in Reichtum, doch ungeliebt. Und Trennung und Vereinigung geschehen nicht ohne Grund.
Weil sie klug schon zur Welt gekommen, Von nun an auf zwei Seiten der Welt —
ward ihr Herz nicht von Liebe betört. Jeder bewahre den Frieden für sich.
Selbst so klar wie Mondschein auf Jadehallen, **Sechste Strophe — Freude im Leid:**
wird ihr ein edler Jüngling zuteil. Als Wickelkind schon verwaist — die Eltern beide tot.
Nun glaubt sie, ihr Glück sei gewonnen, Im Überfluss aufgewachsen — wer kennt die Zärtlichkeit?
das Leid ihrer Kindheit gesühnt. Zum Glück von Natur aus großherzig und weit,
Doch die Wolken von Gau-tang vergehen, Hat sie nie Liebesgefühle im Herzen getragen.
und das Wasser des Hsiang verströmt. Wie Mondlicht nach dem Regen strahlt die Jadehalle.
In der Welt heißt‘s, dem Schicksal sich fügen, Dem ebenbürtigen Gatten vermählt —
wozu der unnütze Gram?

Verschmäht von der Welt
Verdiente sie sich den ewigen Bund,
Ein orchideenhaft schönes Wesen, Der die Mühsal der Jugendjahre aufwiegt.
an Talenten Unsterblichen gleich,

jedoch überspannt zum Erstaunen.
Doch am Ende zerstreuen sich die Wolken über Gaotang,
Fleisch nennst du stinkendes Aas, Das Wasser des Xiang-Flusses versiegt.
Seide hältst du für gewöhnlich.

Doch die Menschen mögen nicht große Würde,
So will es das Schicksal der irdischen Welt —
und zuviel Reinheit widert sie an. Warum vergeblich trauern!
Nun welkst du im Dämmerlicht eines Tempels, **Siebte Strophe — Von der Welt nicht geduldet:**
hast dem Puder, dem Luxus entsagt. Edel wie eine Orchidee, begabt wie eine Fee,
Doch wenn du auch stolz dich behauptest, Von Geburt an eigenartig — ein Rätsel für alle.
bist du gleichwohl nur Jade im Schmutz.

Wie sollte der junge Herr nicht klagen!
Du magst verschmähen, Fleisch zu essen, es sei widerlich,
Der Mann – ein Feind

Der Wolf von Dschung-schan
Und Seide und Brokat als vulgär verachten —
ist ein herzloses Tier.

Vergangene Güte gilt ihm nichts mehr,
Doch weißt du nicht: Je höher man steht, desto mehr Neid erregt man,
er kennt nur Verschwendung und wilden Genuß. Und allzu rein, da schilt einen die ganze Welt.
Das edle Herzogskind schätzt er gering,

mißhandelt die Tochter aus fürstlichem Haus.

Ein Jahr nur,
Wie schade — beim grünen Licht im alten Tempel altert sie;
und die duftige Seele schwindet dahin. Verschwendet hat sie die Jugend im roten Schmuckgemach.
Erkenntnis des nichtigen Blühens

Drei Frühlinge hab ich durchschaut –

was wird aus Pfirsichrot und Weidengrün?
Am Ende ist es doch der schmutzige Staub der Welt, der ihren Wunsch durchkreuzt —
So entsage ich aller Blütenpracht Wie eine makellose Jade, versunken im Schlamm.
und strebe nach himmlischer Harmonie.

Was heißt hier,
Was müssen die Prinzen und Edelleute noch klagen?
üppig der Pfirsich erblüht, herrlich die Aprikose? **Achte Strophe — Freude über den Feind:**
Welche Blüte überdauert den Herbst?

Ich hör nur der Toten Klagelied,
Der Wolf vom Zhongshan-Berg, ein gefühlloses Tier,
das Jammergeschrei armer Seelen; Vergisst vollkommen die alte Verbindung.
himmelhoch steht auf den Gräbern das Gras. Nur Hochmut, Verschwendung, Lust und Gier.
Im Wechsel des Glücks reibt der Mensch sich auf, Was kümmert es ihn, dass die edle Schöne aus dem Adelstor
Blühn und Vergehn ist der Blumen Geschick. Wie Strauchweide behandelt wird?
Wer könnte der Fügung von Geburt und Sterben entgehen? Die Tochter aus herzoglich Haus — zur Magd erniedrigt!
Im Westen wächst, sagt man, der Posuo-Baum, Ach, die liebliche Seele — ein einziges Jahr,
er trägt die Früchte des ewigen Lebens.

Zuviel Schlauheit
Und sie schaukelt ins Jenseits.
Alles wußte sie klug zu berechnen,

bis sie daran zugrunde ging.
**Neunte Strophe — Erkenntnis der Leeren Blüte:**
Noch im Leben das Herz zerrissen, Drei Frühlinge hat sie durchschaut — nichts dauert.
hat mit dem Tod ein Ende ihr Witz. Was sollen Pfirsichrot und Weidengrün?
Die Familie reich, friedlich die Menschen, Sie löscht die Blüte der Jugend aus
doch dann bricht alles zusammen.

Umsonst in ständiger Sorge gelebt –
Und sucht die Gelassenheit des Himmels.
wie ein nächtlicher Traum, der formlos zerflattert, Was soll das Gerede von Himmelspfirsichen und Wolkenaprikosen?
wie ein Haus, das krachend zusammenfällt, Am Ende — wer übersteht den Herbst?
wie eine Lampe, die knisternd verlöschen will, Schau nur das Weinen der Menschenmenge im Weidenland,
wandelt Freude sich plötzlich in Leid.

Ach, auf nichts ist Verlaß im Leben!
Die Klagelieder der Geister unter den Ahornbäumen.
Vergoltene Güte

Durch der Mutter Verdienst,
Verwachsenes Gras bedeckt die Gräber —
durch der Mutter Verdienst Gestern arm, heute reich — lauter Mühsal,
schickt der Zufall ihr einen Retter.

Ein Glück nur,

ein Glück nur,
Frühling blüht, Herbst welkt — Blumenqual.
daß die Mutter verborgen einst Gutes getan. So ist das Leben — zwischen Tod und Qual —
Laß ein jeder sich raten, Wer kann dem entrinnen?
die Bedrängten zu retten, den Armen zu helfen, Man sagt, im Westen steht der Baum Poluoshu —
ungleich den schurkischen Onkeln und Vettern, Daran die Frucht des Ewigen Lebens.
die aus Habgier verraten ihr Fleisch und ihr Blut. **Zehnte Strophe — Vom Klügsein bestraft:**
Denn wahrlich, der Himmel schickt Strafe und Lohn. Alle Ränke und Listen zu klug ersonnen —
Späte Pracht Am Ende kosten sie dich dein Leben.
Gefühle nur mehr im Spiegel? Im Leben schon das Herz zerbrochen,
Was sollen mir Ruhm und Ehre im Traum? Im Tod der Geist verweht.
Wie schnell ist die Jugend verflogen, Die Familie wohlhabend, die Menschen in Frieden —
kein Gedanke mehr an das eh‘liche Bett.

Eine glänzende Perlenkrone,
Zuletzt zerstreut sich alles, jeder flieht.
ein phönixbesticktes Gewand,

sie halten das Ende nicht auf.
Umsonst ein halbes Leben voll Ehrgeiz,
Frei sei ein jeder von Armut im Alter! Wie ein schaukelnder Traum um Mitternacht.
Doch wo sind die Taten, Peng — da stürzt der Palast wie ein Kartenhaus!
für die deine Kinder einst ernten den Lohn? Dunkel und trüb — die Lampe verlischt.
Stolz trägt auf dem Kopf er den vornehmen Schmuck, Ach! Ein Fest in Freude — plötzlich Leid.
stolz trägt auf dem Kopf er den vornehmen Schmuck, So ist die Menschenwelt — nie zu bestimmen!
an seiner Brust glänzt ein goldenes Siegel. **Elfte Strophe — Verdienst der Ahnen:**
Ihm wurde ein hohes Amt zuteil,

ihm wurde ein hohes Amt zuteil,
Glücksreste, Glücksreste — plötzlich trifft man den Wohltäter!
aber nah ist der Weg ins Düster der Gelben Quellen.

Wo sind die Generäle und Kanzler von einst?
Dank der Mutter, dank der Mutter — die Verdienste der Ahnen!
Leere Namen sind‘s, die die Nachfahren ehren. Seid gütig, helft den Armen —
Das Gute hat ein Ende

Ein junges Leben endet –
Seid nicht wie der geldgierige, herzlose Onkel und der betrügerische Bruder!
vom bunten Balken fällt duftender Staub.

In Liebessehnen und schönem Gesicht
Geben und Nehmen, Plus und Minus — darüber wacht der Himmel.
liegt die Wurzel für der Familie Verderb. **Zwölfte Strophe — Abendliche Blüte:**
Mit Herzog Djia Djing fing alles an, Im Spiegel die Liebe — und dann noch Ruhm im Traum!
im Ning-guo-Anwesen die Hauptschuld liegt,

das ererbte Übel jedoch ist die Liebe.
Wie schnell schwindet die schöne Jugendzeit!
Epilog: Die Vögel zerstreun sich im Walde Rede nicht mehr von der bestickten Liebesdecke.
Eine Beamtenfamilie zerfällt, Die Perlenkrone und das Phönixgewand
ein reiches Haus geht zugrunde. Wiegen den Tod nicht auf.
Wohltäter kommen mit dem Leben davon, Obwohl man sagt: Armut im Alter sei hart —
die Herzlosen trifft sichere Rache. Sammle Verdienste für Kinder und Enkel!
Wer Tod verschuldet, den trifft der Tod,

wer Tränen geschuldet, hat ausgeweint.
Stolz die Beamtenmütze, der Gürtel mit dem Goldsiegel —
Erbfeindschaft entsteht nicht von ungefähr, Hell das Ansehen und die hohe Würde —
Begegnung und Trennung das Schicksal bestimmt. Und düster schon der Weg zum Gelben Quell!
Für ein kurzes Leben such im vorigen Leben den Grund, Welche Feldherren und Minister der Vergangenheit leben noch?
Reichtum und Ehre im Alter nur der Zufall bringt. Nichts als ein leerer Name, von der Nachwelt verehrt.
Wer die Welt durchschaut, flieht vor der Welt, **Dreizehnte Strophe — Ende der schönen Dinge:**
die Verblendeten opfern achtlos ihr Leben. Am geschmückten Balken fällt der Frühlingsstaub.
Ist das Futter alle, zerstreun sich die Vögel im Wald,

zurück bleibt ein kahler Fleck Erde.“
Wer den Wind der Liebe beherrscht und die Schönheit des Mondes besitzt —
Als dieses Lied zu Ende war, wollten die Mädchen noch einen Zusatz singen, aber Warnendes Trugbild hatte bemerkt, daß Bau-yü keinen Geschmack daran fand, darum seufzte sie: „Der törichte Knabe ist noch nicht erweckt.“ Der ist die Wurzel des Untergangs einer Familie.
Auch Bau-yü sagte rasch, die Sängerinnen brauchten sich nicht weiter zu bemühen. Er fühlte sich so konfus und benommen, daß er bat, seinen Rausch ausschlafen zu dürfen. Also befahl Warnendes Trugbild, die Reste des Festmahls abzutragen, und führte Bau-yü zu einem Gemach, das so üppig ausgestattet war, wie er es noch nie gesehen hatte. Noch verwirrender aber war, daß sich längst ein Mädchen in dem Raum befand. Durch ihre frische, liebliche Art erinnerte sie an Bau-tschai, gleichzeitig ähnelte sie durch ihre elegante Zartheit auch Dai-yü, und Bau-yü wußte wirklich nicht, was er davon halten sollte. Die Verwahrlosung des Erbes begann bei Jing [贾敬],
Plötzlich sagte Warnendes Trugbild: „In wie vielen reichen und vornehmen Familien in der Welt das Staubes wird die Reinheit der edlen Gemächer durch verdorbene Jünglinge und leichtfertige Mädchen befleckt! Und was noch schlimmer ist, wie viele flatterhafte Nichtstuer haben seit alters her von ‚Sinnesfreude ohne Ausschweifung‘ und von ‚unverdorbenen Gefühlen‘ gesprochen, womit sie nur ihre Untaten bemänteln und ihre Schande verdecken! Sinnesfreude ist Ausschweifung, und erst recht ist es verdorben, Gefühle zu haben. Die ‚Begegnungen mit der Fee vom Berg Wu-schan‘ und die ‚Freuden aus Wolken und Regen‘ werden dadurch bewirkt, daß sich die Sinne an der Schönheit erfreuen und das Herz sich nach Gefühlen sehnt. Dich mag ich, weil du der ausschweifendste Mensch bist, der je auf Erden gelebt hat.“ Der Ruin der Familie — die größte Schuld liegt bei Ning [宁国府].
Als Bau-yü das hörte, erschrak er so, daß er rasch erwiderte: „Du irrst, Schwester Fee! Wohl haben die Eltern mich immer wieder belehrt und gescholten, weil ich träge beim Lernen bin, aber wann hätte ich mir Ausschweifungen zuschulden kommen lassen? Außerdem bin ich noch klein und weiß nicht, was Ausschweifungen sind.“ Alle alten Sünden — alles entspringt der Liebe.
„Das stimmt nicht“, sagte Warnendes Trugbild. „Dem Prinzip nach ist die Ausschweifung dieselbe, aber dem Sinn nach gibt es Unterschiede. Die üblichen Liebhaber von Ausschweifungen haben nur Freude an schönen Gesichtern, sie lieben Gesang und Tanz, sind unermüdlich im Kosen und geben sich immerzu dem Spiel von Wolken und Regen hin. Sie bedauern es nur, daß sie nicht alle schönen Mädchen des Reiches für einen Augenblick der Lust haben können. Das sind Narren, die vor Geilheit triefen. Dir aber hat der Himmel ein törichtes Gefühl verliehen, das wir geistige Ausschweifung nennen. Diese geistige Ausschweifung kann man nur mit dem Herzen verstehen, aber nicht mit Worten ausdrücken. **Vierzehnte Strophe — Schlussgesang: Die Vögel fliegen heim in ihren Wald:**
Du allein erfährst heute diesen Begriff. Bei den Mädchen kannst du damit ein guter Freund werden, in den Augen der Welt jedoch wirst du unvermeidlich als Sonderling gelten. Alle Münder werden dich verspotten, alle Augen werden dich scheel ansehen. Der Beamte — sein Familienbesitz verfällt.
Nachdem ich heute deine Ahnen, die Herzöge Ning-guo und Jung-guo, getroffen habe und sie mir ihr Herz ausgeschüttet haben, kann ich es nicht ertragen, daß du nur den Glanz der Mädchengesichter erhöhen sollst und von der Welt verachtet wirst. Deshalb habe ich dich hierher geführt, habe dir Geisterwein und Feentee vorgesetzt und dich mit kunstvollen Liedern gewarnt. Jetzt will ich dich noch mit meiner jüngeren Schwester vermählen. Ihr Kindheitsname ist Djiän-mee, ihr Ehrenname Kë-tjing. Heute nacht ist eine glückliche Stunde, um die Ehe zu vollziehen. Der Reiche — sein Gold und Silber ist aufgezehrt.
Aber du mußt verstehen, was sogar hier im Wahnreich von Feen so ist, gilt um so mehr für die Welt des Staubes. Von nun an mußt du unbedingt über dein bisheriges Leben ins klare kommen und endlich erwachen, du mußt deinen Sinn auf die Lehren von Kung-dsï und Mëng-dsï richten und dich den Prinzipien der Staatsverwaltung widmen!“ Wer Güte empfing — entkommt dem Tod.
Nachdem sie das gesagt hatte, belehrte sie ihn diskret über die Praxis des Wolken-und-Regen-Spiels, schob ihn ins Zimmer, schloß die Tür und ging davon. Verwirrt befolgte Bau-yü die Anweisungen der Fee, und so tat sich unvermeidlich das, was sich zwischen Jünglingen und Mädchen tut und was man schlecht ausführlich beschreiben kann. Wer gefühllos war — bekommt seine Rechnung.
Am nächsten Tag war Bau-yü so voll Zärtlichkeit und Anhänglichkeit, fand so viele Schmeichelworte und Liebkosungen, daß er von Kë-tjing nicht zu trennen war. Als sie Hand in Hand zu einem Spaziergang hinausgingen, gerieten sie auf einmal in eine Gegend, wo dichtes Gestrüpp die Erde bedeckte und Wölfe und Tiger in Rudeln umherschweiften. Vor ihnen versperrte ein schwarzer Fluß den Weg, über den keine Brücke führte. Während sie unschlüssig darauf zugingen, sahen sie plötzlich Warnendes Trugbild herbeieilen. Wer ein Leben schuldet — hat es zurückgezahlt.
„Geht nicht weiter! Kehrt nur rasch um!“ sagte sie. Wer Tränen schuldet — hat sie alle vergossen.
„Wo sind wir hier?“ fragte Bau-yü und blieb stehen. Schuld um Schuld, das ist kein Spaß —
„Das ist die Furt der Verwirrung“, erklärte Warnendes Trugbild. „Sie ist zehntausend Dschang tief und eintausend Li breit, und es gibt hier kein Boot, auf dem man übersetzen könnte, nur ein Floß, das von einem hölzernen Buddha gesteuert und von einem tönernen Standbild gestakt wird. Sie nehmen kein Gold oder Silber als Fährlohn an, sondern setzen nur den über, dem es vorherbestimmt ist. Du bist durch Zufall hierher geraten, und wenn du hineingefallen wärst, wären meine aufrichtigen Warnungen umsonst gewesen.“ Trennung und Vereinigung sind vorherbestimmt.
Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als das Wasser in der Furt plötzlich mit Donnergetöse aufbrauste. Eine Schar von Teufeln und Wassergeistern wollte Bau-yü in die Tiefe zerren. Vor Schreck brach kalter Schweiß wie Regen aus seinem Körper, und der Schrei entfuhr ihm: „Kë-tjing, rette mich!“ Willst du wissen, warum das Leben kurz ist — frag das vorige Leben.
Erschrocken stürzte Hsi-jën mit den anderen Sklavenmädchen rasch zu ihm, nahm ihn in die Arme und rief: „Hab keine Angst, Bau-yü! Wir sind hier.“ Wer im Alter reich wird — hat wahrhaft Glück gehabt.
Frau Tjin aber, die vor der Tür gerade den kleineren Sklavenmädchen sagte, sie sollten schön zusehen, wie sich die jungen Katzen und Hunde balgten, hörte plötzlich, wie Bau-yü sie im Traum bei ihrem Kindheitsnamen rief, und fragte sich verwundert: ‚Meinen Kindheitsnamen hat hier nie jemand erfahren. Woher weiß er ihn, daß er ihn im Traum rufen kann?‘ Wer es durchschaut hat — tritt ins Kloster ein.
Wahrlich: Wer noch verblendet ist — gibt sein Leben umsonst hin.
Mit wem führt ein seltsamer Traum uns zusammen? Wie Vögel, die ihren Wald verloren —
Von allen, die jemals liebten, bin ich der einzige Narr. Am Ende bleibt nur die weite, weiße Leere, wahrhaft rein!
Nach dem Gesang erklangen weitere Melodien. Die Fee bemerkte, dass Schatzjade wenig Interesse zeigte, und seufzte: „Verblendeter Junge — noch immer nicht erwacht!" Schatzjade bat die Sängerinnen aufzuhören, fühlte sich benommen und bat, sich niederlegen zu dürfen. Die Fee ließ die Reste abräumen und führte Schatzjade in ein duftiges Schlafgemach — so prächtig, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Noch erstaunlicher: In dem Gemach befand sich bereits eine junge Frau, deren frische Schönheit und Anmut teils an Schatzspange, teils an Kajaljade erinnerten.
Die Fee sprach: „In der irdischen Welt gibt es so viele reiche Familien, deren Frauengemächer von lüsternen Wüstlingen und zügelosen Mädchen befleckt werden. Noch hassenswürdiger: Seit alters her haben sich viele leichtsinnige Jünglinge mit der Formel ‚Schönheitsliebend, aber nicht lüstern' geschmückt oder sich auf ‚Empfindsam, aber nicht lüstern' berufen — alles nur Beschönigungen. Wer Schönheit liebt, ist lüstern; wer empfindet, erst recht. Denn die Vereinigung auf dem Wolkenberg und die Freude von Wind und Regen entstehen stets daraus, dass man zuerst die Schönheit begehrt und dann das Gefühl dazukommt. Was ich an dir liebe: Du bist der größte ‚Lüstling' aller Zeiten!"
Schatzjade erschrak: „Die Feenkönigin irrt! Ich bin schon zu faul zum Lernen — meine Eltern ermahnen mich ständig. Wie wagte ich das Wort ‚lüstern'? Außerdem bin ich noch zu jung und weiß gar nicht, was es bedeutet." Die Fee antwortete: „Nein! ‚Lüstern' ist zwar ein einziges Prinzip, doch sein Sinn ist vielfältig. Die gewöhnlichen Lüstlinge der Welt begehren nur Schönheit und Tanz, suchen Vergnügen ohne Ende und wollten am liebsten alle Schönheiten der Welt für ihre flüchtige Lust — das sind nur stumpfe Fleisch-und-Haut-Lüstlinge. Du hingegen bist von Geburt an mit einer besonderen Empfindsamkeit ausgestattet, die wir ‚Lust des Herzens' [意淫] nennen. Diese ‚Lust des Herzens' kann nur das Herz erfassen, nicht der Mund aussprechen; nur der Geist vermitteln, nicht die Sprache beschreiben. Du allein besitzt diese beiden Zeichen. Im Frauengemach kannst du damit ein vortrefflicher Freund sein — doch in der Welt der Menschen wirst du als sonderbar und verschroben gelten und hunderttausend Münder werden dich verspotten. Da ich nun dem Flehen deiner Urgroßväter Ning und Rong nachgekommen bin — um dir nicht nur die Ehre meines Mädchenreiches zu gönnen, sondern dich auch vor dem Verderben der Welt zu bewahren —, habe ich dich hierhergebracht, dir Feenwein und Feentee eingeschenkt, dich mit Wunderliedern ermahnt, und will dir nun meine Schwester — mit dem Milchnamen Jianmei [兼美, ‚Vereinte Schönheit'] und dem Beinamen Lieblich [可卿] — als Gattin anvertrauen. Heute Nacht ist die rechte Stunde für die Hochzeit. Damit du begreifst: Alles in diesem Feenreich und Traumland ist so — wie erst die Liebe in der irdischen Welt! Von nun an löse dich, erkenne, ändere deinen Sinn und widme dich mit Eifer und Fleiß dem rechten Weg der Wirtschaft und des Dienens."
Damit lehrte sie ihn die Geheimnisse der Liebe und schob ihn hinter den Vorhang. In jenen Tagen erlebte Schatzjade mit Lieblich zärtliche Innigkeit — es sei darüber kein weiteres Wort verloren.
Eines Tages führte die Fee Schatzjade und Lieblich auf einen Ausflug an einen Ort, wo Dornen und Gestrüpp den Boden bedeckten und Wölfe und Tiger in Rudeln umherstreiften. Plötzlich versperrte ein breiter Fluss den Weg — schwarzes, reißendes Wasser, ohne Brücke oder Fähre. Schatzjade blieb ratlos stehen. Da hörte er die Fee rufen: „Schatzjade, geh nicht weiter! Kehre schleunigst um!" Schatzjade fragte erschrocken: „Was ist das für ein Ort?" Die Fee antwortete: „Das ist die Furt der Verirrung [迷津]. Zehntausend Klafter tief, tausend Li weit, ohne Kahn oder Fähre — nur ein einziges Holzfloß, gesteuert vom Herrn des Toten Holzes [木居士] und gerudert vom Gehilfen aus Asche [灰侍者]. Sie nehmen weder Gold noch Silber — nur wer vom Schicksal bestimmt ist, wird übergesetzt. Wenn du in diese Tiefe stürzt, wäre alles umsonst gewesen, was ich dir mit Hilfe der Liebe an Erkenntnis und Wahrheit gelehrt habe."
Schatzjade wollte antworten, da dröhnte das Wasser der Furt wie Donner, und ein Ungeheuer wie ein Yaksha sprang heraus und stürzte sich auf ihn. Schatzjade brach der Schweiß aus wie Regen, und er schrie: „Lieblich, rette mich! Lieblich, rette mich!" — Da eilten Dufthauch, Meiren und die anderen herbei, stützten ihn und sprachen: „Schatzjade, hab keine Angst! Wir sind hier!" Qin, die draußen alles gehört hatte, kam eilig herein und wunderte sich: „Mein Milchname — hier kennt ihn niemand. Wie hat er ihn im Traum gerufen?" —
So heißt es denn:
[Ende des fünften Kapitels]

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  1. Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die Angreifende/Überraschende" (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an"). Sie ist Schatzjades erste Kammerzofe.
  2. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". 晴 qíng „heiter/klar", 雯 wén „Wolkenmuster". Sie ist eine von Schatzjades Kammerzofen.
  3. Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschus-Mond". Sie ist eine von Schatzjades Kammerzofen.