Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 16
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Kapitel 16: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
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| 16.Yüan-tschun wird für ihr Talent in den Phönixmusterpalast aufgenommen,Tjin Dschung muß in der Blüte seiner Jahre den Weg zu den Gelben Quellen antreten. | 第十六回 贾元春才选凤藻宫 秦鲸卿夭逝黄泉路 Kapitel 16 Kaufmann Ursprungsfrühling wird zur Kanzlerin des Phönixmuster-Palastes erwählt — Qin Jingqing stirbt jung auf dem Weg in die Gelbe Quelle --- |
| Als Bau-yü sah, daß sein Studierzimmer fertig war, wollte er sich mit Tjin Dschung verabreden, an den Abenden hier zu lernen. Aber Tjin Dschung besaß eine schwächliche Konstitution und hatte sich außerhalb der Stadt ein wenig verkühlt. Und weil er dann noch, anstatt sich zu schonen, immerzu heimlich mit Dschï-nëng zusammen gewesen war, kam er mit Husten und Erkältung zurück, mochte weder essen noch trinken und fühlte sich sehr schwach. Deshalb wagte er sich jetzt nicht aus dem Hause und blieb im Zimmer, um sich zu erholen. Da mußte sich Bau-yü enttäuscht ins Unvermeidliche fügen und warten, bis Tjin Dschung wieder gesund war, um sich dann erst mit ihm zu verabreden. | Wie bereits erzählt, hatte Schatzjade[1] [贾宝玉] sein äußeres Studierzimmer herrichten lassen und sich mit Qin Zhong [秦钟] verabredet, dort an den Abenden gemeinsam zu lernen. Doch ausgerechnet Qin Zhong besaß eine überaus schwächliche Konstitution. Durch den Aufenthalt vor der Stadt hatte er sich Wind und Kälte zugezogen, und weil er dann noch mit Zhineng [智能] heimliche Schäferstunden verbracht und seine Gesundheit vernachlässigt hatte, kam er hustend und erkältet zurück, mochte weder essen noch trinken und war in einem Zustand äußerster Schwäche. So wagte er sich nicht mehr aus dem Haus und blieb daheim, um sich auszukurieren. Schatzjade war enttäuscht und musste sich ins Unvermeidliche fügen — er konnte nur ruhig abwarten, bis Qin Zhong genesen war, um sich dann erneut zu verabreden. |
| Hsi-fëng hatte mittlerweile den Antwortbrief von Yün Guang bekommen, der besagte, es sei alles geregelt. Die alte Äbtissin teilte es der Familie Dschang mit, und tatsächlich nahm der ehemalige Stadtkommandant die Verlobungsgeschenke mit verhaltenem Zorn zurück. Aber ganz wider Erwarten zeigte es sich, daß die Dschangs, die nur nach Macht und Reichtum strebten, eine pflichtbewußte, gefühlvolle Tochter hatten. Nachdem sie erfahren mußte, ihre Eltern hätten die ursprünglich getroffene Verlobung gelöst, nahm sie einen Strick und erhängte sich damit in aller Stille. | Unterdessen hatte Phönixglanz[2] [王熙凤] den Antwortbrief von Yun Guang [云光] erhalten: Alles war geregelt. Die alte Nonne teilte es der Familie Zhang mit, und tatsächlich nahm der ehemalige Stadtkommandant mit verhaltenem Zorn die Verlobungsgeschenke zurück. Doch wer hätte ahnen können, dass die habgierigen, machtversessenen Eltern Zhang eine pflichtbewusste und tieffühlende Tochter hervorgebracht hatten! Als das Mädchen erfuhr, dass die Eltern die ursprüngliche Verlobung aufgelöst hatten, nahm sie im Stillen einen Strick und erhängte sich. |
| Als der Sohn des ehemaligen Stadtkommandanten hörte, Djin-gë habe sich umgebracht, erwies er sich als nicht weniger gefühlvoll und ertränkte sich im Fluß, um hinter der Rechtschaffenheit seiner Verlobten nicht zurückzustehen. Nun waren die Familien Dschang und Li enttäuscht, denn das Mädchen und das Geld waren gleichermaßen verloren. Hsi-fëng aber war, ohne einen Handschlag zu tun, in den Genuß von dreitausend Liang Silber gekommen. Davon erfuhren Dame Wang und die anderen aber kein Sterbenswörtchen, und so wurde Hsi-fëng noch dreister. Wenn in Zukunft etwas Ähnliches auf sie zukam, handelte sie ohne jeden Skrupel. Davon soll aber hier nicht weiter die Rede zu sein. | Als der Sohn des ehemaligen Stadtkommandanten hörte, Jinge [金哥] habe sich umgebracht, erwies er sich als nicht weniger empfindsam — er ertränkte sich im Fluss, um hinter der Treue seiner Verlobten nicht zurückzustehen. Nun waren die Familien Zhang und Li gleichermaßen bestraft — Mensch und Geld waren verloren. Phönixglanz aber strich, ohne einen Finger zu rühren, die dreitausend Liang Silber ein, und Dame Wang[3] [王夫人] und die anderen erfuhren davon kein Sterbenswörtchen. Von da an wurde Phönixglanz nur noch dreister und skrupelloser. Wann immer sich in Zukunft eine ähnliche Gelegenheit bot, handelte sie nach eigenem Gutdünken und ohne jede Hemmung. Davon braucht hier nicht weiter berichtet zu werden. |
| Eines Tages, als Djia Dschëng Geburtstag hatte und alle Angehörigen aus dem Ning-guo- und dem Jung-guo-Anwesen versammelt waren, um mit ihm zu feiern, wobei ein großes Getümmel herrschte, kam plötzlich einer der Torhüter herein, trat an die Tafel und meldete, Herr Hsia, der Obereunuch der Sechs Paläste, sei gekommen, um einen kaiserlichen Befehl zu überbringen. | Eines Tages war Aufrecht Kaufmanns[4] [贾政] Geburtstag. Alle Angehörigen aus dem Ning-Guo-Haus und dem Rong-Guo-Haus [Anm.: 宁荣二处, die beiden Zweige der Kaufmann-Familie.] waren versammelt, um ihn zu feiern, und es herrschte ein fröhliches Getümmel. Da kam plötzlich einer der Torhüter in großer Eile herein, trat an die Festtafel und meldete: „Herr Xia, der Obereunuch der Sechs Paläste [Anm.: 六宫都太监, höchster Eunuch der kaiserlichen Frauengemächer.], ist gekommen, um einen kaiserlichen Befehl zu übermitteln!“ |
| Erschrocken ließ Djia Dschëng, der nicht wußte, was die Nachricht besagen würde, die Theatervorführung abbrechen und die Festtafel wegräumen. Dann wurde der Weihrauchtisch aufgestellt, und die Mitteltür wurde geöffnet. Als sie zum Empfang niedergekniet waren, ritt der Obereunuch Hsia Schou-dschung bereits in den Hof. Vor und hinter ihm, zu seiner Linken und zu seiner Rechten begleitete ihn ein zahlreiches Gefolge aus Eunuchen. Hsia Schou-dschung trug jedoch keinen schriftlichen Erlaß bei sich. | Begnadigung Kaufmann [贾赦], Aufrecht Kaufmann und alle anderen erschraken zutiefst, denn sie wussten nicht, was diese Nachricht bedeuten mochte. Eilig ließ man die Theatervorstellung abbrechen und die Festtafel abräumen. Ein Weihrauchtisch wurde aufgestellt, das große Mitteltor geöffnet, und alle knieten zum Empfang nieder. Schon sah man den Obereunuch der Sechs Paläste, Xia Shouzhong [夏守忠], hoch zu Ross heranreiten, vor und hinter ihm, zur Linken und zur Rechten, eine große Schar von Palast-Eunuchen. |
| Am Dachvorsprung angekommen, saß er ab und stieg zur Halle empor. Dabei strahlte er über das ganze Gesicht. Dann nahm er mit dem Blick nach Süden Aufstellung und sprach: „Auf speziellen Befehl verkünde ich, Djia Dschëng möge sofort zur Audienz erscheinen. Er wird in der Halle der Huldvollen Anerkennung empfangen werden.“ Nach diesen Worten stieg er, ohne auch nur einen Schluck Tee zu trinken, wieder aufs Pferd und ritt davon. Keiner vermochte zu deuten, was das verhieß, und so blieb Djia Dschëng keine andere Wahl, als sich eiligst umzukleiden und sich in den Kaiserpalast zu begeben. | Doch Xia Shouzhong trug weder ein kaiserliches Edikt noch einen schriftlichen Erlass bei sich. Am Dachvorsprung angekommen, saß er ab, das Gesicht ein einziges Lächeln, stieg die Stufen zur Halle empor, stellte sich mit dem Gesicht nach Süden auf und verkündete: „Auf besonderen Befehl: Aufrecht Kaufmann hat sich unverzüglich zur Audienz einzufinden und wird in der Halle der Huldvollen Anerkennung [临敬殿] vom Kaiser empfangen!“ Nach diesen Worten stieg er, ohne auch nur einen Schluck Tee angenommen zu haben, wieder aufs Pferd und ritt davon. |
| Die Herzoginmutter blieb mit der Familie in Furcht und Verwirrung zurück. Immer wieder schickte sie Berittene los, die hin- und herjagten, um die neuesten Nachrichten zu übermitteln. Aber erst nach zwei Doppelstunden stürzte Lai Da mit drei, vier anderen Verwaltern keuchend zum Zeremonialtor herein und meldete: „Frohe Botschaft! Der gnädige Herr hat befohlen, wir sollten rasch die alte gnädige Frau bitten, mit den gnädigen Frauen zusammen zur Audienz zu kommen, um für die kaiserliche Gnade zu danken!“ | Aufrecht Kaufmann und die Seinen wussten nicht, was dieses Vorzeichen zu bedeuten hatte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in aller Eile umzukleiden und zur Audienz in den Kaiserpalast zu eilen. |
| Die Herzoginmutter hatte bangen Herzens unbeweglich vor der Halle auf der Plattform gestanden. Dame Hsing, Dame Wang, Frau You, Li Wan, Hsi-fëng, Ying-tschun und ihre Kusinen sowie Tante Hsüä waren alle beisammen. Als die Herzoginmutter Lai Das Meldung hörte, befahl sie ihm hereinzukommen und wollte genau von ihm wissen, worum es ging. | Die Herzoginmutter[5] [贾母] und die gesamte Familie waren in Furcht und Ungewissheit. Unaufhörlich schickten sie berittene Boten hin und her, um Nachrichten einzuholen. Nach zwei Doppelstunden [Anm.: Ca. vier Stunden.] kamen plötzlich der Oberverwalter Lai Da [赖大] und drei oder vier andere Hausverwalter keuchend zum Zeremonialtor hereingestürzt und meldeten frohe Botschaft. Sie sagten: „Auf Befehl des gnädigen Herrn bitten wir die alte gnädige Frau, unverzüglich mit den gnädigen Frauen zusammen zur Audienz zu kommen, um sich für die kaiserliche Gnade zu bedanken!“ |
| „Wir mußten draußen vor dem Tor der Huldvollen Anerkennung warten und konnten nicht das Mindeste darüber in Erfahrung bringen, was drinnen geschah“, berichtete Lai Da. „Schließlich kam der Obereunuch Hsia heraus, gratulierte uns und sagte, unser ältestes Fräulein habe den Titel Kanz- | Die Herzoginmutter hatte die ganze Zeit mit unruhig pochendem Herzen unbeweglich auf der Plattform vor der großen Halle gestanden. Dame Xing [邢夫人], Dame Wang, Frau You [尤氏], Li Wan [李纨], Phönixglanz, die Schwestern Yingchun [迎春] und ihre Kusinen sowie Tante Schnee [薛姨妈] — sie alle waren bei ihr versammelt. Als diese Nachricht eintraf, rief die Herzoginmutter Lai Da herein und wollte die Einzelheiten genau wissen. |
| lerin des Phönixmusterpalastes bekommen und sei zur kaiserlichen Nebenfrau mit dem Namen Hsiän-dë erhoben worden. Später ist der gnädige Herr herausgekommen und hat uns dasselbe gesagt. Jetzt ist der gnädige Herr noch in den Östlichen Palast gegangen. Er läßt Euch dringend bitten, Euch mit allen anderen zusammen bedanken zu gehen.“ | Lai Da berichtete: „Wir Diener mussten draußen vor dem Tor der Halle der Huldvollen Anerkennung warten und konnten von dem, was drinnen vorging, nicht das Mindeste erfahren. Schließlich kam der Obereunuch Xia heraus und gratulierte uns. Er sagte, unser ältestes Fräulein sei zur Kanzlerin des Phönixmuster-Palastes [凤藻宫尚书] ernannt und zur kaiserlichen Nebenfrau mit dem Ehrennamen Xiande [贤德妃, „Tugendhaft und Gütig“] erhoben worden. Als dann der gnädige Herr herauskam, trug er uns dasselbe auf. Jetzt ist der gnädige Herr noch zum Östlichen Palast [Anm.: 东宫, Residenz des Kronprinzen; hier vermutlich zur weiteren Zeremonie.] gegangen und bittet dringend, die alte gnädige Frau möge mit den gnädigen Frauen zusammen zur Danksagung erscheinen.“ |
| Als die Herzoginmutter und die anderen dies vernahmen, waren sie beruhigt, und die Freude färbte ihre Wangen. Jede von ihnen kleidete und schmückte sich, wie es ihrem Rang entsprach, und dann begab sich die Herzoginmutter mit Dame Hsing, Dame Wang und Frau You zusammen in vier großen Sänften zum Kaiserpalast. Auch Djia Schë und Djia Dschën zogen ihre Audienzgewänder an und begleiteten mit Djia Jung und Djia Tjiang zusammen die Sänfte der Herzoginmutter. | Als die Herzoginmutter und die anderen dies vernahmen, waren ihre Herzen endlich beruhigt, und die Freude stieg ihnen in die Wangen. Nun kleidete und schmückte sich jede ihrem Rang entsprechend. Die Herzoginmutter begab sich zusammen mit Dame Xing, Dame Wang und Frau You — insgesamt vier große Sänften — zum Kaiserpalast. Auch Begnadigung Kaufmann und Juwel Kaufmann [贾珍] legten ihre Audienzgewänder an und begleiteten zusammen mit Hibiskus Kaufmann [贾蓉] und Qiang Kaufmann [贾蔷] die Sänfte der Herzoginmutter. |
| Im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen hüpfte hoch und niedrig vor Freude, und jedem leuchtete die Genugtuung aus den Augen. Vor lauter Lachen und Schwatzen brodelte es wie ein siedender Kessel. | Im ganzen Ning-Guo-Haus und Rong-Guo-Haus, oben und unten, drinnen und draußen, war alle Welt außer sich vor Freude und hüpfte vor Begeisterung. Jedem leuchtete die Genugtuung aus dem Gesicht, und überall ertönten Lachen und Gespräche wie ein siedender Kessel. |
| Inzwischen hatte sich vor ein paar Tagen die Novizin Dschï-nëng aus dem Wassermondkloster weggestohlen und war in die Stadt gekommen, wo sie sich zu Tjin Dschungs Wohnung durchfragte, um ihn zu besuchen. Wider Erwarten war sie dabei von Tjin Yä ertappt worden, der sie fortjagte und Tjin Dschung verprügelte. | Doch wer hätte ahnen können, was in jüngster Zeit geschehen war! Die Novizin Zhineng vom Wassermond-Kloster [水月庵] war heimlich davongelaufen und in die Stadt gekommen. Sie hatte sich bis zu Qin Zhongs Haus durchgefragt, um ihn zu besuchen — doch unglücklicherweise wurde sie von Qin Ye [秦业] entdeckt. Dieser jagte Zhineng davon und verprügelte seinen Sohn Qin Zhong. Die Sache brachte ihn so in Rage, dass eine alte Krankheit wieder ausbrach, und nach drei, fünf Tagen war er tot. |
| Die Sache hatte Tjin Yä so sehr in Wut gebracht, daß eine alte Krankheit wieder zum Ausbruch kam, an der er schon wenige Tage später starb. Tjin Dschung, der bei seiner ohnehin schwächlichen Konstitution und trotz seiner Krankheit auch noch eine Tracht Prügel bekommen hatte und dann sehen mußte, wie sein alter Vater vor Zorn über ihn starb, fand jetzt in seiner Reue und seinem Schmerz keine Grenzen, was seinen Zustand beträchtlich verschlimmerte. | Qin Zhong, ohnehin von zarter Konstitution und noch nicht genesen, hatte nun auch noch die Tracht Prügel einstecken müssen und musste obendrein mit ansehen, wie sein alter Vater vor Zorn über ihn starb. In seiner Reue und seinem Schmerz fand er keine Grenzen, und zu allem Unglück kamen noch weitere Krankheitssymptome hinzu. |
| Darüber war Bau-yü so verstört, als sei ihm etwas anhanden gekommen. Auch die Nachricht von Yüan-tschuns Ernennung konnte seinen Kummer nicht lindern. Mochte die Herzoginmutter sich mit den anderen Frauen bedanken gehen, mochten sie zurückkommen, mochten die Verwandten und Freunde gratulieren kommen, mochten im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen Jubel und Trubel herrschen, und mochten alle glücklich und zufrieden sein, für Bau-yü schien es das alles nicht zu geben, er schenkte alledem nicht die geringste Beachtung. So sagte man von ihm spöttisch, er werde nur immer stumpfsinniger. | Schatzjade war darüber so betrübt und verstört, als sei ihm selbst etwas Kostbares abhanden gekommen. Selbst die Nachricht von Ursprungsfrühlings [元春] Erhebung konnte seinen Kummer nicht vertreiben. Wie die Herzoginmutter sich bedankte, wie sie nach Hause zurückkehrten, wie die Verwandten und Freunde gratulierten, wie es im Ning-Guo-Haus und im Rong-Guo-Haus in diesen Tagen zuging, wie alle Welt sich freute — für ihn allein schien das alles nicht zu existieren, er beachtete es mit keinem Blick. Darum spotteten die Leute, er werde immer stumpfsinniger. |
| Glücklicherweise kamen Djia Liän und Dai-yü zurück und schickten jemanden mit der Meldung voraus, sie würden am nächsten Tag zu Hause sein. Diese Nachricht heiterte Bau-yü ein wenig auf. Als er sich näher erkundigte, erfuhr er, auch Djia Yü-tsun komme in die Hauptstadt, der Kaiser wolle ihm eine Audienz gewähren. Das habe Wang Dsï-tëng durch mehrere Throneingaben bewirkt, in denen er sich für Djia Yü-tsun verwendete, und dieser reise jetzt an, um zu warten, daß in der Hauptstadt ein Posten für ihn frei werde. Als entfernter Vetter von Djia Liän und ehemaliger Lehrer von Dai-yü reise er mit ihnen zusammen. Lin Ju-hai aber sei bereits im Grab seiner Ahnen beigesetzt worden. Und nur weil jetzt alles wohl bestellt sei, kehre Djia Liän in die Hauptstadt zurück. Eigentlich habe er erst im folgenden Monat zurück sein wollen, aber seitdem er die Freudenmeldung von Yüan-tschuns Ernennung erhalten habe, sei er Tag und Nacht ohne Aufenthalt unterwegs, und alle seien wohlauf. | Zum Glück kehrten nun Kette Kaufmann[6] [贾琏] und Kajaljade[7] [林黛玉] zurück. Sie schickten einen Boten voraus, der meldete, sie würden am nächsten Tag eintreffen. Als Schatzjade das hörte, hellte sich seine Stimmung ein wenig auf. Er erkundigte sich nach den Einzelheiten und erfuhr, dass auch Jia Yucun [贾雨村] in die Hauptstadt komme, um vom Kaiser in Audienz empfangen zu werden. Dies hatte Wang Ziteng [王子腾] durch mehrere Throneingaben, in denen er sich für Jia Yucun verwendete, bewirkt. Dieser reiste nun an, um in der Hauptstadt einen vakanten Posten zu übernehmen. Als entfernter Verwandter von Kette Kaufmann und als ehemaliger Lehrer von Kajaljade reiste er zusammen mit ihnen. |
| Bau-yü interessierte davon nur, daß Dai-yü wohlauf war, für den Rest hatte er keinen Sinn. | Lin Ruhai [林如海] war bereits im Familiengrab beigesetzt worden. Erst nachdem alle Angelegenheiten geregelt waren, hatte Kette Kaufmann sich auf den Heimweg in die Hauptstadt gemacht. Eigentlich hätte er erst im folgenden Monat eintreffen sollen, doch als er die frohe Kunde von Ursprungsfrühlings Erhebung vernahm, reiste er Tag und Nacht ohne Unterbrechung. Alle waren wohlauf. |
| Nur mit Mühe geduldete er sich bis zum nächsten Tag, als nach der Mittagsstunde tatsächlich gemeldet wurde: „Der junge Herr Liän und Fräulein Lin sind im Anwesen eingetroffen.“ | Schatzjade hörte nur das Wort „wohlauf“ in Bezug auf Kajaljade — alles andere interessierte ihn nicht im Geringsten. |
| Als Bau-yü und Dai-yü sich wiedersahen, mischte sich Kummer mit Freude, und so war es kein Wunder, daß manche Träne floß. Dann aber sprach Dai-yü ihre Glückwünsche aus. Bau-yü musterte Dai-yü still für sich und fand sie gereift und noch erhabener als zuvor. | Mit Mühe und Not geduldete er sich bis zum nächsten Mittag, da wurde tatsächlich gemeldet: „Der junge Herr Kette und Fräulein Lin sind im Anwesen eingetroffen!“ |
| Dai-yü hatte viele Bücher mitgebracht. Jetzt ließ sie eilig ihr Schlafgemach fegen und brachte ihre Sachen dort unter. Dann beschenkte sie Bau-tschai, Ying-tschun und Bau-yü mit Schreibpinseln, Papier und ähnlichen Mitbringseln. Daraufhin holte Bau-yü feierlich die Gebetsschnur aus Bachstelzenholzperlen, die ihm der Prinz Bee-djing geschenkt hatte, und schenkte sie seinerseits Dai-yü. | Als sie sich wiedersahen, mischten sich Kummer und Freude, und natürlich flossen manche Tränen. Dann tauschten sie die gebührenden Glückwünsche aus. Schatzjade musterte Kajaljade still für sich und fand, dass sie sich noch mehr entfaltet hatte — noch erhabener und anmutiger war sie geworden. |
| Dai-yü aber sagte: „Was ein stinkiger Mann in der Hand gehabt hat, mag ich nicht!“ Damit warf sie die Gebetsschnur hin, und Bau-yü blieb nichts weiter übrig, als sie wieder zurückzunehmen. Weiter soll davon einstweilen nicht die Rede sein. | Kajaljade hatte viele Bücher mitgebracht. Eilig ließ sie ihr Schlafgemach fegen und brachte ihre Habseligkeiten unter. Dann verteilte sie Pinsel, Papier und ähnliche Mitbringsel an Schatzspange[8] [薛宝钗], Yingchun, Schatzjade und die anderen. Daraufhin holte Schatzjade feierlich die Gebetsschnur aus Bachstelzen-Duftholzperlen hervor, die ihm der Prinz von Bei-Jing geschenkt hatte, und wollte sie Kajaljade zum Geschenk machen. |
| Nachdem Djia Liän nach seiner Ankunft sämtliche Angehörigen begrüßt hatte, kehrte er in seine eigenen Räume zurück. Hier mußte sich Hsi-fëng, die in den letzten Tagen so viel zu tun hatte, daß sie kaum einen freien Augenblick fand, die Zeit nehmen, ihn zu begrüßen. Da sonst niemand im Zimmer war, sagte sie lächelnd: „Meinen Glückwunsch, Herr kaiserlicher Schwager! Der Herr kaiserliche Schwager haben eine anstrengende Reise hinter sich! Als ich Unwürdige gestern durch die Meldereiter erfuhr, Euer erhabener Wagen werde heute zurück sein, habe ich eine Schale wäßrigen Wein bereitgestellt, mit dem Ihr den Staub des Weges herunterspülen könnt. Wollt Ihr mir die Ehre erweisen, ihn anzunehmen?“ | Doch Kajaljade sagte: „Was ein stinkiger Mann in der Hand gehabt hat — so etwas will ich nicht!“ Damit warf sie die Gebetsschnur hin und weigerte sich, sie anzunehmen. Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als sie wieder zurückzunehmen. Einstweilen ist davon nicht weiter die Rede. |
| „Wie dürfte ich es wagen! Vielen Dank, vielen Dank!“ sagte Djia Liän, der lächelnd auf den Scherz einging. Jetzt begrüßte ihn Ping-örl zusammen mit den anderen Sklavenmädchen, dann wurde der Tee serviert. | Erzählen wir stattdessen, wie Kette Kaufmann nach seiner Rückkehr alle Familienangehörigen begrüßte und sich dann in seine eigenen Räume zurückzog. Phönixglanz hatte gerade in diesen Tagen alle Hände voll zu tun und keinen freien Augenblick, doch da ihr Mann von seiner weiten Reise zurückkehrte, nahm sie sich selbstverständlich die Zeit, ihn zu empfangen. Da sonst niemand im Zimmer war, sagte sie lächelnd: |
| Als Djia Liän fragte, was sich seit seiner Abreise zu Hause getan habe, und sich bei Hsi-fëng für die Mühe bedankte, die sie auf die Haushaltsführung verwandt hatte, sagte Hsi-fëng: „Als ob ich diesen Dingen gewachsen wäre! Meine Kenntnisse sind gering, meine Ausdrucksweise ist plump, und mein Sinn ist gerade und offen. Naiv, wie ich bin, lasse ich mir weismachen, ein Knüppel sei eine Nadel. | „Dem Herrn kaiserlichen Schwager meinen herzlichsten Glückwunsch! Der Herr kaiserliche Schwager haben eine anstrengende Reise hinter sich! Als ich Unwürdige gestern durch den ersten Meldereiter erfuhr, dass Euer erhabener Wagen heute zurückkehrt, habe ich eine Schale wässrigen Wein bereiten lassen, auf dass Ihr den Staub des Weges herunterspülen möget. Wollen der gnädige Herr mir die Ehre erweisen, ihn anzunehmen?“ |
| Außerdem bin ich zu weichherzig. Sagt mir jemand auch nur zwei nette Sätze, dann kann ich nicht widerstehen und bekomme Mitleid. Außerdem hatte ich noch nie ein großes Ereignis erlebt und bin auch zaghaft. Wenn der gnädigen Frau etwas nicht recht ist, bekomme ich gleich so einen Schreck, daß ich nachts nicht schlafen kann. Ein paarmal bat ich sie flehentlich, mir diese Pflichten abzunehmen, aber die gnädige Frau hat es nicht zugegeben. Im Gegenteil, sie hat noch gesagt, ich wolle es mir bequem machen, anstatt etwas zu lernen. Sie ahnt ja nicht, daß ich Blut und Wasser schwitze, um nur nicht ein Wort zuviel zu sagen oder einen falschen Schritt zu tun. | Kette Kaufmann ging lachend auf den Scherz ein: „Wie dürfte ich es wagen! Vielen Dank, vielen Dank!“ |
| Du weißt ja selbst, wie schwer mit unsern verantwortlichen Sklavenfrauen auszukommen ist. Beim kleinsten Fehler, den man macht, lachen sie einen aus. Bei der geringsten Bevorzugung, die man zeigt, beklagen sie sich, indem sie über den Schnurbaum schimpfen und dabei auf den Maulbeerbaum weisen. Vom Berg aus den kämpfenden Tigern zuzusehen, jemanden mit fremder Hand zu töten, den Wind ins lodernde Feuer zu leiten, stets am trockenen Ufer zu bleiben, den stürzenden Ölkrug nicht festzuhalten – das sind die Kriegslisten, die sie beherrschen. | Daraufhin trat Friedchen[9] [平儿] zusammen mit den anderen Dienstmädchen ein, um ihre Begrüßung auszusprechen, und Tee wurde gereicht. Kette Kaufmann erkundigte sich nach allem, was sich seit seiner Abreise zu Hause zugetragen hatte, und dankte Phönixglanz für die Mühe, die sie auf die Haushaltsführung verwandt hatte. |
| Überdies bin ich zu jung und stehe nicht richtig über ihnen. Kein Wunder also, daß sie mich nicht ernst nehmen. Noch lächerlicher wurde es, als drüben im Ning-guo-Anwesen plötzlich Jungs Frau starb und dein Vetter Dschën die gnädige Frau gleich ein paarmal auf Knien bat, sie möge mich dort für ein paar Tage aushelfen lassen. Ich habe das immer wieder abgelehnt, aber davon wollte die gnädige Frau nichts wissen, also mußte ich gehorchen. So habe ich dort in meiner üblichen Art alles auf den Kopf gestellt und ein heilloses Durcheinander angerichtet. Dein Vetter Dschën grollt noch immer deswegen und bereut es, mich darum gebeten zu haben. | Phönixglanz erwiderte: „Als ob ich diesen Dingen gewachsen wäre! Meine Kenntnisse sind gering, mein Mundwerk ist plump, und mein Sinn ist gerade und offen. Naiv, wie ich bin, halte ich jeden Knüppel für eine Nadel, wenn man ihn mir hinstreckt. Außerdem bin ich zu weichherzig — sagt mir jemand auch nur zwei nette Sätze, schon kann ich nicht widerstehen und bekomme Mitleid. Noch dazu hatte ich nie etwas Großes erlebt, und mein Mut ist gering. Wenn der gnädigen Frau auch nur die geringste Unpässlichkeit überkommt, bekomme ich gleich solch einen Schreck, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutun kann. Mehrmals habe ich flehentlich gebeten, man möge mir diese Pflichten abnehmen, doch die gnädige Frau wollte nichts davon hören. Im Gegenteil, sie sagte noch, ich wolle es mir nur bequem machen und nichts Neues lernen. Sie ahnt ja nicht, dass ich vor Angst Blut und Wasser schwitze — keinen Satz zu viel wage ich zu sagen, keinen Schritt zu viel wage ich zu tun. |
| Jetzt, da du wieder da bist, mußt du unbedingt alles erklären und wiedergutmachen, wenn du ihn morgen siehst. Sag ihm, ich sei jung und unerfahren, und du verstündest nicht, was ihn auf den Gedanken gebracht hat, so eine falsche Wahl zu treffen...“ | Du kennst ja selbst unsere verantwortlichen Hausdamen — mit welcher von ihnen ist leicht auszukommen? Beim kleinsten Fehler lachen sie einen aus, bei der geringsten Bevorzugung beschweren sie sich, indem sie auf den Maulbeerbaum schimpfen und den Schnurbaum meinen. [Anm.: 指桑骂槐, chinesisches Sprichwort: Man schimpft auf den einen, meint aber den anderen.] Vom sicheren Berg aus den kämpfenden Tigern zuschauen, mit geborgtem Schwert töten, den Wind ins lodernde Feuer leiten, stets am trockenen Ufer stehen und den umgekippten Ölkrug nicht aufheben — das sind die Kriegskünste, die sie beherrschen, und zwar alle auf einmal! |
| Als sie das eben sagte, waren im Vorzimmer Stimmen zu hören, und Hsi-fëng fragte, wer da sei. | Überdies bin ich noch zu jung und kann mich nicht richtig durchsetzen — kein Wunder, dass sie mich nicht ernst nehmen. Noch lächerlicher wurde es, als drüben im Ning-Guo-Haus plötzlich Hibiskus' Frau starb und Juwel Kaufmann höchstpersönlich die gnädige Frau wieder und wieder auf Knien bat, sie möge mich für ein paar Tage dort aushelfen lassen. Ich habe immer wieder abgelehnt, doch die gnädige Frau wollte nichts davon wissen, also musste ich gehorchen. So habe ich dort in meiner üblichen Art alles auf den Kopf gestellt und ein heilloses Durcheinander angerichtet — ganz und gar nicht standesgemäß! Juwel Kaufmann grollt deswegen noch heute und bereut es, mich darum gebeten zu haben. |
| Ping-örl kam herein und berichtete: „Die gnädige Frau Tante hat Schwester Hsiang-ling hergeschickt, um mich etwas zu fragen. Ich habe es ihr gesagt und sie zurückgeschickt.“ | Jetzt, da du zurück bist, musst du unbedingt bei ihm alles geradebiegen, wenn du ihn morgen siehst. Sag ihm, ich sei jung und unerfahren, und wer hätte ihn auch auf den Gedanken gebracht, eine solch falsche Wahl zu treffen!“ |
| „Ach ja“, sagte Djia Liän lächelnd, „als ich vorhin bei der Tante war, stieß ich versehentlich auf eine blutjunge Frau, die sehr hübsch aussah, und sagte mir, sie könne nicht zur Familie gehören. Im Laufe des Gesprächs fragte ich die Tante nach ihr, und es stellte sich heraus, daß es jenes Sklavenmädchen mit Namen Hsiang-ling war, das sie gekauft hatten, ehe sie in die Hauptstadt kamen. Der Hsüä, dieser Trottel, hat sie endlich zu seiner Beischläferin gemacht, und seitdem sie sich das Gesicht zupft und bemalt, ist sie richtig aufgeblüht. Aber durch den Trottel Hsüä wird sie einfach besudelt.“ | Während sie noch sprach, waren im Vorzimmer Stimmen zu hören. Phönixglanz fragte: „Wer ist da?“ |
| „Schau an“, sagte Hsi-fëng, „da kommst du gerade aus Su-dschou und Hang-dschou zurück und hast etwas gesehen von der Welt, aber deine Gier ist immer noch nicht gestillt. Wenn du sie magst, ist doch das nicht weiter schwer. Ich tausche sie einfach gegen Ping-örl ein. Wie wäre das? Der junge Hsüä ist doch auch so ein Gierschlund, der schon nach den Töpfen schielt, während er noch aus der Schale ißt. Wie oft hat er im letzten Jahr der Tante in den Ohren gelegen, um endlich mit Hsiang-ling freie Hand zu bekommen! | Friedchen kam herein und berichtete: „Tante Schnee hat Schwester Xiangling [香菱] hergeschickt, um mich etwas zu fragen. Ich habe es ihr gesagt und sie wieder zurückgeschickt.“ |
| Daß die Tante sah, wie schön Hsiang-ling ist, war noch das Wenigste. Viel wichtiger war, daß sie sich nach Art und Verhalten von den anderen Mädchen unterscheidet. Sie ist so sanft und friedfertig, daß ihr die meisten Mädchen aus herrschaftlichen Familien kaum gleichkommen. Deshalb hat sich die Tante auch die Mühe gemacht, Gäste zum Wein einzuladen, damit er das Mädchen in aller Form zu seiner Nebenfrau macht, aber kaum daß ein halber Monat vergangen war, dünkte sie ihm nicht mehr besser als Stallgeruch. Das Mitleid kann einen packen, wenn man nur davon spricht!“ | Kette Kaufmann sagte lächelnd: „Apropos — als ich vorhin bei der Tante war, stieß ich unversehens auf eine blutjunge Frau, die wirklich bildschön war. Ich dachte mir, die kann doch nicht zu unserer Familie gehören. Im Gespräch fragte ich die Tante nach ihr, und es stellte sich heraus, dass es jenes kleine Mädchen war, das sie damals in der Hauptstadt gekauft hatten — Xiangling heißt sie. Der Xue-Trottel [Anm.: 薛大傻子, gemeint ist Xue Pan (薛蟠), Schatzspanges älterer Bruder, ein rüpelhafter junger Mann.] hat sie endlich zu seiner Beischläferin gemacht. Seitdem sie sich das Gesicht zupft und schminkt [Anm.: 开了脸, das Zupfen der Gesichtsbehaarung — ein Zeichen, dass eine Frau von der Jungfrau zur Ehefrau/Konkubine übergeht.], ist sie erst richtig aufgeblüht! Der Xue-Trottel besudelt sie wahrhaftig mit seiner Gegenwart.“ |
| Während sie das eben sagte, kam ein Sklavenjunge vom Innentor mit der Meldung: „Der alte gnädige Herr erwartet den jungen Herrn in der großen Bibliothek!“ Als Djia Liän das hörte, ordnete er schnell seine Kleider und ging hinaus. | Phönixglanz erwiderte: „Schau mal an! Da kommst du gerade aus Suzhou und Hangzhou zurück und solltest etwas von der Welt gesehen haben, aber deine Gier ist immer noch die alte — Augen größer als der Magen! Wenn du sie magst, ist das doch kein Problem. Ich tausche sie einfach gegen Friedchen ein — wie wäre das? Dieser junge Xue ist doch auch so ein Gierschlund — ‚er isst aus der Schüssel und schielt schon nach dem Topf‘. Was hat er nicht alles im letzten Jahr der Tante in den Ohren gelegen, um endlich Xiangling zu bekommen! |
| Hier aber erkundigte sich Hsi-fëng bei Ping-örl: „Was war es denn, was die Tante eben wollte, daß sie extra Hsiang-ling hierher geschickt hat?“ | Dass die Tante Xiangling hübsch fand, war noch das Wenigste. Viel wichtiger war, dass sich Xiangling durch ihr Benehmen von den anderen Mädchen unterschied: so sanft und still, dass ihr die meisten jungen Damen aus herrschaftlichen Häusern kaum gleichkamen. Deshalb hat die Tante sich auch die Mühe gemacht, Gäste zum Wein einzuladen und sie ihm ordnungsgemäß zur Nebenfrau zu geben. Doch kaum war ein halber Monat vergangen, beachtete er sie nicht mehr als Stallgeruch. Das Herz kann einem weh tun, wenn man nur davon spricht!“ |
| „Es war gar nicht Hsiang-ling“, gab Ping-örl lächelnd zur Antwort: „Ihr Name mußte nur für eine Notlüge herhalten. Lai Wangs Frau hat wohl auch immer weniger Verstand im Kopf.“ Damit trat sie näher an Hsi-fëng heran und fuhr leise fort: „Erst konnte und konnte sie Euch die Zinsen nicht bezahlen, und ausgerechnet jetzt, wo der junge Herr zu Hause ist, mußte sie nun das Silber bringen. Ein Glück noch, daß ich sie draußen in der Halle getroffen habe, sonst wäre sie hereingekommen und hätte es Euch gebracht. Wenn Euch der junge Herr gefragt hätte, was das für Zinsen sind, hättet Ihr ihn natürlich nicht anschwindeln wollen, und so hättet Ihr ihm wohl oder übel die Wahrheit sagen müssen. | Gerade als sie das sagte, kam ein Sklavenjunge vom inneren Tor mit der Meldung: „Der alte gnädige Herr erwartet den jungen Herrn Kette in der großen Bibliothek!“ Kette Kaufmann ordnete hastig seine Kleider und ging hinaus. |
| Aber wenn einer wie er, der fähig ist, in einen Kessel mit siedendem Öl zu greifen, um eine Münze herauszufischen, die er ausgeben kann, gehört hätte, daß Ihr eigenes Geld besitzt, würde er es doch seelenruhig verbrauchen, oder nicht? Darum habe ich sie rasch hinübergeführt und habe ihr ein paar passende Worte gesagt. Ich ahnte ja nicht, daß Ihr das hören mußtet. Als Ihr mich dann fragtet, habe ich geflunkert, es sei Hsiang-ling gewesen.“ | Hier aber erkundigte sich Phönixglanz bei Friedchen: „Was wollte die Tante eigentlich, dass sie extra Xiangling herschickte?“ |
| „Und ich habe mich gewundert, wie die Tante plötzlich ‚eine aus den inneren Gemächern‘ schicken kann, da sie doch weiß, dass der junge Herr zu Hause ist“, erwiderte Hsi-fëng, „dabei war das nur ein Trick von dir kleinem Spitzbein!“ | Friedchen antwortete lächelnd: „Das war gar nicht Xiangling — ihr Name musste nur für eine kleine Notlüge herhalten! Gnädige Frau, Wangers Frau wird wirklich immer unvorsichtiger!“ Damit trat sie näher an Phönixglanz heran und fuhr leise fort: |
| Bei diesen Worten trat Djia Liän wieder ins Zimmer, und Hsi-fëng befahl, den Wein und die Speisen aufzutragen. Dann nahmen die Gatten einander gegenüber Platz. Obwohl Hsi-fëng durchaus einen Schluck vertragen konnte, wagte sie doch nicht, diesem Drang freien Lauf zu lassen, und trank nur zu Djia Liäns Gesellschaft mit. | „Die Zinsen, die Ihr zu bekommen habt — erst konnte und konnte sie das Silber nicht bringen, und ausgerechnet jetzt, wo der junge Herr zu Hause ist, muss sie es herüberschaffen! Ein Glück, dass ich sie draußen in der Halle abgefangen habe, sonst wäre sie hereingekommen und hätte es Euch direkt gebracht. Wenn der junge Herr gefragt hätte, was das für Zinsen seien, hättet Ihr ihn doch nicht anschwindeln wollen und hättet ihm wohl oder übel die Wahrheit gesagt. |
| Bald darauf kam Djia Liäns Amme Dschau herein. Djia Liän und Hsi-fëng luden sie sofort zum Mittrinken ein und baten sie, sich zu ihnen aufs Ofenbett zu setzen. Amme Dschau aber weigerte sich beharrlich, und schon stellten Ping-örl und die anderen einen Hocker und eine kleine Fußbank vor das Ofenbett. Amme Dschau nahm auf der Fußbank Platz, und Djia Liän suchte von dem Tischchen auf dem Ofenbett zwei Teller mit Zuspeisen aus, die er für Amme Dschau auf den Hocker stellte. | Aber Ihr kennt doch unseren jungen Herrn — der ist imstande, in einen Kessel mit siedendem Öl zu greifen, um eine Münze herauszufischen! Hätte er gehört, dass Ihr eigenes Geld besitzt, würde er es seelenruhig verbrauchen. Deshalb habe ich sie rasch abgefangen und ihr ein paar deutliche Worte gesagt. Ich ahnte ja nicht, dass Ihr das hören würdet — als Ihr dann fragtet, habe ich geflunkert, es sei Xiangling gewesen.“ |
| Aber Hsi-fëng sagte: „Das kann ja Mutter nicht kauen! Willst du ihr denn die Zähne kaputt machen?“ Dann fuhr sie, zu Ping-örl gewandt, fort: „Das gedünstete Eisbein mit Schinken, von dem wir heute Morgen gesprochen haben, ist doch ganz zart. Das ist gerade das Richtige! Warum hast du es noch nicht warm machen lassen?“ Und schließlich forderte sie Amme Dschau auf: „Koste mal von dem Huee-Quellen-Wein, den dein Junge mitgebracht hat!“ | Phönixglanz lachte: „Und ich habe mich gewundert — wie kann die Tante, die doch weiß, dass der junge Herr zu Hause ist, plötzlich ausgerechnet ‚eine aus den inneren Gemächern‘ herschicken? Dabei warst du es, du kleines Schlitzohr, die diesen Streich ausgeheckt hat!“ Während sie noch sprachen, kam Kette Kaufmann zurück. Phönixglanz befahl, Wein und Speisen aufzutragen, und die Ehegatten nahmen einander gegenüber Platz. Obwohl Phönixglanz durchaus trinken konnte, wagte sie es nicht, sich gehen zu lassen, und trank nur in Gesellschaft ihres Mannes mit. |
| „Das werde ich!“ antwortete Amme Dschau. „Ihr müßt aber auch eine Schale trinken, junge Frau! Wovor habt Ihr Angst? Man darf nur nicht zu viel trinken. Aber nicht zum Weintrinken bin ich gekommen, sondern wegen einer wichtigen Sache, die ich Euch ans Herz legen möchte, damit Ihr Euch meiner erbarmt. Denn der junge Herr kann immer nur schöne Worte machen, und wenn es drauf ankommt, vergißt er uns. – Mit meiner Milch habe ich dich großgezogen. Jetzt bin ich alt und habe nichts als meine beiden Söhne. Niemand würde dir einen Vorwurf machen, wenn du sie ein wenig bevorzugen würdest. Wie oft habe ich dich darum gebeten, und du hast mir die schönsten Versprechungen gemacht, aber versprechen kann man viel. – Wenn jetzt dieses große Ereignis vom Himmel fällt, werden doch sicher Leute gebraucht. Und deshalb wollte ich mit Euch sprechen, junge Frau. Denn wenn ich mich auf den jungen Herrn verlasse, werde ich noch verhungern.“ | Bald darauf kam Kette Kaufmanns Amme, die alte Zhao [赵嬤嬤], herein. Kette Kaufmann und Phönixglanz luden sie sofort zum Mittrinken ein und baten sie, zu ihnen auf den Kang zu steigen. Doch die Amme weigerte sich beharrlich. Friedchen und die anderen Mädchen hatten bereits einen Hocker und einen kleinen Fußschemel vor dem Kang bereitgestellt. Die Amme Zhao nahm auf dem Fußschemel Platz, und Kette Kaufmann suchte zwei Teller mit Leckerbissen vom Tisch und stellte sie ihr auf den Hocker. Doch Phönixglanz sagte: „Die Mutter kann doch so harte Sachen nicht kauen! Willst du ihr die Zähne kaputtmachen?“ Dann wandte sie sich an Friedchen: „Das gedünstete Eisbein mit Schinken, von dem wir heute Morgen sprachen — das war doch ganz zart und butterweich, genau das Richtige für die Mutter. Warum hast du es noch nicht warm machen lassen?“ Und zur Amme gewandt: „Mutter, koste einmal von dem Huiquan-Wein [Anm.: 惠泉酒, ein berühmter Wein aus Wuxi.], den dein Junge mitgebracht hat!“ |
| „Sei unbesorgt, Mutter, und überlaß seine beiden Milchbrüder nur mir!“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Weißt du immer noch nicht, wie dein Junge ist, den du mit deiner Milch großgezogen hast? Er wirft sich an Fremde weg, die ihn nichts angehen. – Sind denn die eigenen Milchbrüder nicht besser als alle andern Leute? Wer würde etwas dagegen haben, wenn du dich ihrer erbarmst und dich um sie kümmerst? Räum doch nicht Fremden für nichts und wieder nichts Vorteile ein! – Ach nein, das stimmt ja nicht! Dir sind ja die Fremden die Liebsten!“ | Die Amme sagte: „Den werde ich trinken! Aber die gnädige junge Frau muss auch ein Glas mittrinken. Wovor habt Ihr Angst? Man darf nur nicht zu viel trinken, das ist alles. — Aber nicht zum Weintrinken bin ich hergekommen. Es gibt da eine wichtige Angelegenheit, und die gnädige junge Frau möge sie sich zu Herzen nehmen und sich meiner annehmen! Denn unser junger Herr kann immer nur schöne Worte machen, aber wenn es drauf ankommt, vergisst er uns. Ich habe immerhin seit seiner Geburt mit meiner Milch dich großgezogen! Jetzt bin ich alt und habe nichts als meine beiden Söhne. Wenn du sie ein wenig bevorzugen würdest, wagte dir niemand darein zu reden. Wie oft habe ich dich schon darum gebeten, und jedes Mal hast du mir die schönsten Versprechungen gemacht — aber dabei ist es geblieben! Und jetzt fällt plötzlich dieses große, glückliche Ereignis vom Himmel — da werden doch sicher überall Leute gebraucht! Deshalb bin ich zu der gnädigen jungen Frau gekommen, um darüber zu reden. Denn wenn ich mich auf unseren jungen Herrn verlasse, werde ich noch verhungern.“ |
| Alle brachen darüber in Gelächter aus, und Amme Dschau konnte kaum wieder aufhören damit. Dann rief sie den Namen Buddhas an und sagte: „So kommt die Wahrheit ans Tageslicht! Aber den dummen Unterschied zwischen Eigenen und Fremden macht unser junger Herr nicht. Es ist nur, daß er so ein gütiges Herz hat und nicht widerstehen kann, wenn man ihn bittet.“ | Phönixglanz sagte lächelnd: „Sei unbesorgt, Mutter! Überlass mir seine beiden Milchbrüder. Du hast ihn von klein auf gestillt und großgezogen — du kennst doch sein Wesen! Er wirft sich an Fremde weg, die ihn nichts angehen, während er die eigenen Milchbrüder stehen lässt, die doch besser sind als jeder andere. Wenn du dich um sie kümmerst und sie unterstützt, wer wagte es, ein Wort dagegen zu sagen? Anstatt dass man ohne Not den Fremden Vorteile einräumt! — Ach nein, das habe ich falsch gesagt. Was wir ‚Fremde‘ nennen, das nennst du ja ‚die Liebsten‘!“ |
| „Ja, aber gütig ist er nur, wenn es um eine Liebste geht“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Zu dir und zu mir ist er hart.“ | Alle im Raum brachen in Gelächter aus, und auch die Amme konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Dann rief sie den Namen Buddhas an und sagte: „Da kommt die Wahrheit ans Licht! Was diesen dummen Unterschied zwischen ‚Fremden‘ und ‚Liebsten‘ betrifft — solche schlimmen Gedanken hat unser junger Herr gar nicht! Es ist nur, dass er ein so gütiges Herz hat und nicht widerstehen kann, wenn jemand ihn ein- oder zweimal bittet.“ |
| „Ihr habt so recht von Herzensgrund Eure Meinung gesagt, und ich bin so fröhlich, daß ich noch einen Becher von dem guten Wein trinke“, sagte Amme Dschau und lächelte ebenfalls dabei. „Nachdem jetzt Ihr die Sache in die Hand genommen habt, brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen.“ | Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Na freilich — gütig ist er nur bei den ‚Liebsten‘! Bei uns, seiner Frau und seiner alten Mutter, da ist er hart und streng!“ |
| Djia Liän, dem das alles sehr peinlich war, lächelte nur verlegen und trank seinen Wein. Er wußte nicht mehr dazu zu sagen als „Unsinn!“ Dann aber fiel ihm ein: „Bringt schnell den Reis! Ich will eine Schale davon essen und dann zu Herrn Dschën gehen, um etwas mit ihm zu besprechen.“ | Die Amme lachte: „Die gnädige junge Frau hat so recht von Herzensgrund gesprochen, dass mir ganz fröhlich zumute wird. Da trinke ich gleich noch einen guten Becher! Nachdem jetzt Ihr die Sache in die Hand genommen habt, brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen.“ |
| „Ach ja“, sagte Hsi-fëng, „daß du nicht die Hauptsache vergißt! Was hat denn der alte gnädige Herr vorhin von dir gewollt?“ „Um den Besuch ging es natürlich“, antwortete Djia Liän. „Also ist er wohl genehmigt?“ fragte Hsi-fëng begierig. „Zwar noch nicht ganz, aber doch zu acht Zehnteln“, erwiderte Djia Liän und lächelte. | Kette Kaufmann war das alles äußerst peinlich. Er lächelte nur verlegen vor sich hin, trank seinen Wein und murmelte: „Unsinn!“ Dann sagte er: „Bringt schnell den Reis! Ich will eine Schale essen und dann zu Juwel Kaufmann hinübergehen, um etwas mit ihm zu besprechen.“ |
| „Da sieht man, wie groß die Gnade unseres Kaisers ist“, sagte Hsi-fëng strahlend. „Nach dem, was ich aus Geschichten und Theaterstücken weiß, hat es so etwas in der alten Zeit nie gegeben.“ | Phönixglanz sagte: „Vergiss nur nicht das Wichtigste! Was hat denn der alte gnädige Herr vorhin von dir gewollt?“ |
| „Ja, richtig!“ schaltete Amme Dschau sich ein, „ich werde schon wirklich dumm. In den letzten Tagen habe ich hoch und niedrig davon sprechen hören, ob es den Besuch geben wird oder nicht, aber ich habe niemand danach gefragt. Jetzt ist wieder die Rede von diesem Besuch. Was hat es eigentlich damit auf sich?“ | Kette Kaufmann antwortete: „Den Besuch betreffend.“ |
| „Unser regierender Kaiser teilt die Gefühle der Menschen“, erklärte Djia Liän, „und nichts Höheres gibt es auf der Welt als kindliche Ehrerbietung, die Gefühle aber zwischen Eltern und Kindern unterscheiden sich wohl nicht bei Vornehmen und Geringen. Der Herrscher selbst ist Tag und Nacht um das Wohl seiner kaiserlichen Eltern besorgt, aber damit ist sein Gefühl kindlicher Ehrerbietung noch nicht erschöpft. Er hat bedacht, daß seine Nebenfrauen und Beischläferinnen, die schon jahrelang im Palast leben und seitdem ihre Eltern weder sehen noch hören konnten, Sehnsucht nach ihnen empfinden müssen, was ja nur natürlich ist, und daß andererseits auch die Eltern sich nach ihren Kindern sehnen, ohne sie jemals sehen zu dürfen, und daß sie schließlich auch, weil sie auf Grund der kaiserlichen Einschränkungen nicht den Wünschen nachgehen können, die den natürlichen Grundbeziehungen entspringen, krank werden oder gar sterben könnten, was eine schwere Verletzung der natürlichen Harmonie bedeuten würde. | Phönixglanz fragte hastig: „Dann ist der Familienbesuch also wirklich genehmigt?“ Kette Kaufmann erwiderte lächelnd: „Zwar noch nicht ganz sicher, aber zu acht Zehnteln steht es fest.“ Phönixglanz sagte strahlend: „Da sieht man die unermessliche Gnade unseres Kaisers! Aus Geschichten und Theaterstücken weiß ich, dass es so etwas in alter Zeit nie gegeben hat.“ Die Amme Zhao schaltete sich ein: „Ja, wahrhaftig! Ich Alte werde schon ganz wirr im Kopf. In den letzten Tagen höre ich überall, hoch und niedrig, davon reden — Familienbesuch hin, Familienbesuch her —, aber ich habe mich nicht darum gekümmert. Jetzt ist wieder davon die Rede — was hat es eigentlich damit auf sich?“ |
| Deshalb hat er eine Eingabe an seine kaiserlichen Eltern gerichtet, in der er sie bat, den Angehörigen seiner Frauen zu gestatten, am zwölften jedes Monats in den Palast kommen dürfen, um ihren Gruß zu entrichten und einen Besuch zu machen. Darüber waren die kaiserlichen Eltern sehr erfreut, und sie haben den Kaiser wärmstens gelobt, weil er von höchster kindlicher Ehrerbietung und reinster Menschenliebe sei und den Willen des Himmels sowie die Natur der Dinge erfasse. | Kette Kaufmann erklärte: „Unser jetziger Kaiser fühlt mit den Herzen aller Menschen. Es gibt auf der Welt nichts Höheres als die kindliche Ehrerbietung, und die Gefühle zwischen Eltern und Kindern kennen keinen Unterschied zwischen Vornehm und Gering. Der Kaiser selbst ist Tag und Nacht um das Wohl seines kaiserlichen Vaters [Anm.: 太上皇, der abgedankte Kaiser.] und seiner kaiserlichen Mutter besorgt, und doch hat er das Gefühl, seine kindliche Pflicht noch nicht vollständig erfüllt zu haben. Da er bemerkte, dass seine Nebenfrauen und Beischläferinnen, die schon jahrelang im Palast leben und ihre Eltern weder sehen noch hören, Sehnsucht empfinden müssen — was nur natürlich ist, denn Kinder vermissen ihre Eltern, und ebenso müssen Eltern, wenn sie daheim sitzen und an ihre Kinder denken, die sie nicht sehen können, möglicherweise krank werden oder gar sterben, weil sie durch kaiserliche Einschränkung gehindert werden, den Wünschen der natürlichen Familienbeziehungen zu folgen, was eine schwere Verletzung der natürlichen Harmonie bedeuten würde — |
| Dann ließen die kaiserlichen Eltern einen Befehl ergehen, in dem es heißt, daß – kämen die Angehörigen der Frauen des Kaisers in den Palast – auf Staatsetikette und Zeremonialsystem nicht verzichtet werden könnte, was nicht geeignet sei, die Sehnsucht von Müttern und Töchtern zu stillen. Deshalb werde ihnen eine besondere Gnade gewährt und verfügt, daß sie sich nicht nur der Gunst erfreuen dürften, am zwölften jedes Monats in den Palast zu kommen, sondern daß diejenigen unter ihnen, die über gesonderte Gebäude und Höfe verfügten, wo eine kaiserliche Frau absteigen könne und geschützt sei, sogar die Bitte äußern dürften, den Besuch in ihrem Privatanwesen erfolgen zu lassen. So könnten dann wohl auch die vertrauten Gefühle zwischen Eltern und Kindern zu ihrem Recht kommen, jene höchste Form der natürlichen Grundbeziehungen. | deshalb hat der Kaiser eine Eingabe an seinen kaiserlichen Vater und seine kaiserliche Mutter gerichtet und gebeten, den Angehörigen seiner Frauen zu gestatten, an jedem zweiten und sechsten Tag des Monats in den Palast zu kommen, um ihren Gruß zu entrichten und einen Besuch zu machen. Darüber waren die kaiserlichen Eltern überaus erfreut und lobten den Kaiser von Herzen als überaus pietätvoll und menschenfreundlich, als einen, der den Willen des Himmels begreife und die Natur der Dinge erfasse. |
| Kaum war diese Anordnung ergangen, gab es niemanden, der nicht froh und bewegt gewesen wäre. Der Vater der kaiserlichen Nebenfrau Dschou hat auf seinem Anwesen bereits begonnen, einen gesonderten Hof für einen Besuch bauen zu lassen. Und Wu Tiän-you, der Vater der kaiserlichen Nebenfrau Wu, ist vor der Stadt gewesen, um dort einen Baugrund zu besichtigen. Heißt das nicht, daß die Sache schon zu neun Zehnteln feststeht?“ | Daraufhin erließen die beiden kaiserlichen Eltern ihrerseits eine Verordnung: Wenn die Angehörigen der kaiserlichen Frauen in den Palast kämen, sei die Staatsetikette und das Zeremonialsystem einzuhalten, was die Sehnsucht zwischen Müttern und Töchtern nicht recht zu stillen vermöge. So gewährten sie in ihrer großen Güte eine besondere Gnade und verfügten: Jene Familien unter den kaiserlichen Verwandten, die über gesonderte Gebäude und geräumige Höfe verfügten, die zur Aufnahme eines kaiserlichen Wagens und zum Schutz geeignet seien, dürften — über die Gunst der Besuche am zweiten und sechsten Tag des Monats hinaus — sogar beantragen, die kaiserliche Sänfte in ihrem Privatanwesen zu empfangen, auf dass die vertraulichen Bande zwischen Fleisch und Blut und die höchste Form der natürlichen Beziehungen wenigstens zum Teil gewahrt werden könnten. |
| „Buddha Amitabha!“ sagte Amme Dschau, „so ist das also! Dann werden wir wohl auch Vorbereitungen treffen, um unser ältestes Fräulein zu empfangen?“ | Kaum war dieses Dekret ergangen, gab es niemanden, der nicht freudig und dankbar gewesen wäre! Der Vater der kaiserlichen Nebenfrau Zhou hat auf seinem Anwesen bereits mit den Bauarbeiten begonnen und lässt einen gesonderten Hof für den Familienbesuch errichten. Und Wu Tianyou [吴天佑], der Vater der kaiserlichen Nebenfrau Wu, ist vor die Stadt gefahren, um Baugrund zu besichtigen. Wenn das nicht zu acht oder neun Zehnteln feststeht!“ |
| „Das versteht sich!“ erwiderte Djia Liän. „Wozu sonst die ganze Aufregung?“ | Die Amme Zhao rief: „Amitabha Buddha! So ist das also! Dann müssen wir wohl auch Vorbereitungen treffen, um unser ältestes Fräulein zu empfangen?“ |
| „Wenn es wirklich wahr wird, bekomme ich doch auch ein Stück von der großen Welt zu sehen“, sagte Hsi-fëng. „Es ist zu dumm, daß ich so jung bin. Wäre ich nur zwanzig, dreißig Jahre früher auf die Welt gekommen, dann könnten die alten Leute nicht geringschätzig auf mich herabsehen, weil ich nichts erlebt habe. Wenn davon die Rede ist, wie damals der Begründer der Dynastie nach dem Vorbild des Kaisers Schun seine Inspektionsreisen machte, ist das spannender als ein Buch. Leider war es mir nicht vergönnt, dies mitzuerleben!“ | Kette Kaufmann sagte: „Das versteht sich doch! Wozu sonst die ganze Aufregung?“ |
| „Ach ja!“ sagte Amme Dschau. „So etwas gibt es nur einmal in tausend Jahren. Damals war ich gerade in dem Alter, wo einem die Dinge im Gedächtnis zu haften beginnen. Die Djias lebten seinerzeit in der Gegend von Gu-su und Yang-dschou und hatten die Aufsicht über den Bau von Seeschiffen und die Instandhaltung der Meeresdeiche. Um nur ein einziges Mal den Kaiser zu empfangen, wurde das Silber so achtlos verbraucht, als ob es nur Meerwasser gewesen wäre, das man verschüttet, und...“ | Phönixglanz sagte lächelnd: „Wenn das wirklich wahr wird, bekomme ich endlich ein Stück von der großen Welt zu sehen! Nur schade, dass ich ein paar Jährchen zu jung bin. Wäre ich zwanzig, dreißig Jahre früher geboren, könnten die alten Herrschaften nicht verächtlich auf mich herabblicken, weil ich nichts erlebt hätte! Wenn man von den Inspektionsreisen des Dynastiegründers erzählt, der es dem alten Kaiser Shun [Anm.: 舜, legendärer Herrscher des chinesischen Altertums, bekannt für seine Inspektionsreisen.] gleichtat — das ist aufregender als jedes Buch! Leider war es mir nicht vergönnt, das mitzuerleben!“ |
| „Auch unser Anwesen wurde einmal dafür hergerichtet“, unterbrach Hsi-fëng sie ungeduldig. „Damals hatte mein Großvater den Empfang von Tributgaben und Hofgeschenken aus allen Ländern unter sich. Immer, wenn Ausländer kamen, wohnten sie bei uns, und wir besaßen alle Waren, die auf den Seeschiffen nach Yüä, Min, Diän und Dschë gebracht wurden.“ | Die Amme Zhao sagte: „Ach du meine Güte! So etwas gibt es nur einmal in tausend Jahren! Ich war damals gerade in dem Alter, wo einem die Dinge anfangen, sich einzuprägen. Unsere Kaufmann-Familie wohnte seinerzeit in der Gegend von Gusu und Yangzhou [Anm.: 姑苏扬州, die Städte Suzhou und Yangzhou in Jiangsu, Zentren des Reichtums im Kaiserreich.] und hatte die Aufsicht über den Bau von Seeschiffen und die Instandhaltung der Küstendeiche. Allein für den einen kaiserlichen Empfang wurde das Silber verbraucht, als schütte man Meerwasser aus! Um davon zu erzählen...“ |
| „Das weiß doch ein jeder“, sagte Amme Dschau. „Noch heute kennt man den Spruch ‚Fehlt im Ostmeer aus weißem Jade ein Bett, fragt der Drachenkönig in Djiang-nan die Wangs danach.‘ Damit ist Eure Familie gemeint, junge Frau! Dann gibt es auch noch die Dschëns, die bis heute in Djiang-nan wohnen. Du meine Güte, wie mächtig die sind! Sie allein haben den Kaiser vier Mal bei sich empfangen. Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde es einem keiner glauben. Ganz zu schweigen davon, daß ihnen Silber nicht mehr galt als Schlamm, gibt es nichts auf der Welt, was sich dort nicht zu Bergen häufte oder zu Meeren staute! Die Ausdrücke ‚Tut mir leid!‘ und ‚Bedaure!‘ gab es dort nicht.“ | Phönixglanz unterbrach sie ungeduldig: „Unsere Wang-Familie wurde ebenfalls einmal dafür ausersehen! Damals hatte mein Großvater den Empfang von Tributgaben und Huldigungsgeschenken aus allen Ländern unter sich. Wann immer Ausländer kamen, wurden sie in unserem Hause bewirtet. Und die Handelsschiffe mit den Waren aus Guangdong, Fujian, Yunnan und Zhejiang — die gehörten alle uns!“ |
| „Die alten gnädigen Herren haben oft dasselbe erzählt“, sagte Hsi-fëng. „Warum also sollte man es nicht glauben? Ich möchte bloß wissen, wie die Familie so reich sein kann.“ | Die Amme Zhao sagte: „Das weiß doch jeder! Noch heute kennt man den Spruch: ‚Fehlt im Ostmeer aus weißem Jade ein Bett, bittet der Drachenkönig in Jiangnan die Wangs.‘ [Anm.: 东海少了白玉床,龙王来请江南王 — ein Spottvers über den märchenhaften Reichtum der Wang-Familie.] Damit ist Eure Familie gemeint, gnädige junge Frau! |
| „Das will ich Euch sagen, junge Frau!“ erwiderte Amme Dschau. „Sie haben doch nur für den Kaiser ausgegeben, was dem Kaiser gehört. Wer sonst hätte das Geld, um so einen nichtigen Trubel zu bezahlen?“ | Und dann gibt es noch die Zhens [甄家], die heute noch in Jiangnan wohnen. Du meine Güte, was für ein prächtiges Haus! Allein diese Familie hat den Kaiser vier Mal bei sich empfangen! Hätte man es nicht mit eigenen Augen gesehen, man würde es keinem glauben. Ganz zu schweigen davon, dass Silber ihnen nicht mehr galt als Schlamm — es gibt schlicht nichts auf der Welt, was sich dort nicht zu Bergen türmte und zu Meeren staute! Die Worte ‚Sünde‘ und ‚Schade‘ kannte man dort nicht mehr.“ |
| Während sie sich noch angeregt unterhielten, kam eine Botin von Dame Wang, um nachzusehen, ob Hsi-fëng mit dem Essen fertig war oder nicht. Daraus schloß Hsi-fëng, daß es etwas für sie zu tun gab, deshalb aß sie schnell eine halbe Schale Reis, spülte sich den Mund und wollte eben gehen, als wieder ein Sklavenjunge vom Innentor kam, um zu melden: „Die beiden jungen Herren Jung und Tjiang aus dem Ostanwesen sind da.“ | Phönixglanz sagte: „Die alten gnädigen Herren unserer Familie haben es oft genauso erzählt. Warum also sollte man es nicht glauben? Ich möchte nur wissen, wie die Familie so unermesslich reich werden konnte!“ |
| Auch Djia Liän hatte sich gerade den Mund gespült und wusch sich nun die Hände in einer Schüssel, die Ping-örl ihm hinhielt, als er die beiden hereinkommen sah. „Was gibt‘s?“ fragte er. „Sagt es nur rasch!“ Und Hsi-fëng blieb stehen, um zu hören, was die beiden zu berichten hatten. | Die Amme Zhao antwortete: „Das will ich Euch mit einem Satz erklären, gnädige junge Frau: Sie haben doch nur das Geld des Kaisers für den Kaiser ausgegeben! Wer sonst hätte das Vermögen, so einen nichtigen Prunk zu bezahlen?“ |
| Djia Jung nahm als Erster das Wort. „Mein Vater schickt mich, um dem Onkel zu melden, die alten gnädigen Herren hätten bereits beschlossen, das Gelände im Osten unter Einschluß des Gartens des Ostanwesens zu nehmen und von dort nach Norden zu gehen“, sagte er. „Es seien insgesamt dreieinhalb Li, und das reiche aus, um einen gesonderten Hof für den Besuch zu erbauen. Sie hätten bereits jemanden beauftragt, eine Zeichnung zu machen, die morgen fertig werde. Der Onkel sei gerade erst von der Reise zurück und deshalb müde, darum brauche er nicht herüberzukommen. Wenn es etwas zu sagen gebe, möge er morgen früh kommen, um es von Angesicht zu Angesicht zu besprechen.“ | Während sie sich noch angeregt unterhielten, kam eine Botin von Dame Wang, um nachzusehen, ob Phönixglanz schon gegessen habe. Daraus schloss Phönixglanz, dass es etwas für sie zu tun gab. Hastig aß sie eine halbe Schale Reis, spülte sich den Mund und wollte gerade gehen, als ein Sklavenjunge vom inneren Tor kam und meldete: „Die beiden jungen Herren Hibiskus und Qiang aus dem Ostanwesen sind da.“ Kette Kaufmann hatte sich gerade den Mund gespült. Friedchen hielt ihm ein Becken zum Händewaschen hin. Als er die beiden eintreten sah, fragte er: „Was gibt es? Sagt es nur rasch!“ Phönixglanz blieb stehen und wartete ab, um zu hören, was die beiden zu berichten hatten. |
| „Ich lasse dem gnädigen Herrn für seine Rücksichtnahme vielmals danken“, erwiderte Djia Liän rasch mit einem Lächeln. „Ich komme dann heute nicht mehr hinüber. Der Plan aber ist wirklich günstig, und der Bau so leicht auszuführen. Wollte man ein anderes Gelände suchen, würde alles viel umständlicher werden, ohne daß etwas Ordentliches dabei herauskäme. Sag dem gnädigen Herrn, es sei sehr gut so, und wenn die alten gnädigen Herren es noch einmal ändern wollten, verließe ich mich ganz darauf, daß er sie davon abbringen werde. Es dürfe auf keinen Fall ein anderes Gelände dafür ausgesucht werden. Morgen käme ich in aller Frühe, um ihm meinen Gruß zu entbieten, und dann könnten wir alles genau besprechen.“ | Hibiskus Kaufmann [贾蓉] nahm als Erster das Wort: „Mein Vater schickt mich, um dem Onkel zu melden: Die alten gnädigen Herren haben sich bereits geeinigt. Vom östlichen Gelände aus, unter Einbeziehung des Gartens unseres Ostanwesens, soll es nach Norden gehen. Insgesamt wurden dreieinhalb Li vermessen — das reicht aus, um den Besuchshof [Anm.: 省亲别院, ein eigens erbautes Anwesen, in dem die kaiserliche Nebenfrau ihre Familie besucht.] zu errichten. Die Zeichnung ist bereits in Auftrag gegeben und wird morgen fertig sein. Da der Onkel gerade erst von der Reise zurück und sicherlich müde ist, braucht er heute nicht herüberzukommen. Wenn es etwas zu besprechen gibt, möge er morgen früh kommen, um es von Angesicht zu Angesicht zu erörtern.“ |
| Hastig anwortete Djia Jung mehrere Male hintereinander: „Jawohl!“ | Kette Kaufmann erwiderte rasch lächelnd: „Ich lasse dem gnädigen Herrn meinen besten Dank für seine Rücksichtnahme ausrichten. Dann komme ich heute nicht mehr hinüber. Der Plan ist wirklich vorzüglich — so wird der Bau auch leichter auszuführen sein! Wollte man andernorts ein Gelände suchen, würde alles viel umständlicher, und es käme trotzdem nichts Ordentliches dabei heraus. Sag dem gnädigen Herrn, es sei ausgezeichnet so. Und sollten die alten gnädigen Herren es noch einmal ändern wollen, verlasse ich mich ganz darauf, dass der gnädige Herr sie davon abbringt. Es darf auf keinen Fall ein anderes Gelände ausgesucht werden! Morgen komme ich in aller Frühe, um meine Aufwartung zu machen, und dann besprechen wir alles im Einzelnen.“ |
| Nun trat Djia Tjiang vor und sagte: „Mich schickt der gnädige Herr nach Gu-su, um Theaterlehrer zu engagieren, Mädchen zu kaufen sowie Musikinstrumente, Kostüme und Requisiten anzuschaffen. Ich soll die beiden Söhne des Verwalters Lai Schëng mitnehmen, und zwei Schützlinge des alten gnädigen Herrn, die jungen Herren Schan Pin-jën und Bu Gu-hsiu, fahren auch mit. Das sollte ich Euch sagen.“ | Hibiskus Kaufmann antwortete hastig: „Jawohl! Jawohl!“ |
| Als Djia Liän das gehört hatte, musterte er Djia Tjiang kritisch, dann fragte er: „Verstehst du dich denn darauf? So großartig ist die Sache zwar nicht, aber es sind doch eine Menge Kniffe dabei.“ „Die muß ich dann dabei lernen!“ gab Djia Tjiang lächelnd zur Antwort. | Nun trat Qiang Kaufmann [贾蔷] vor und sagte: „Der gnädige Herr hat mich bestimmt, nach Gusu zu reisen, um Theaterlehrer zu engagieren, Mädchen zu kaufen und Musikinstrumente, Kostüme und Requisiten anzuschaffen. Er hat mir die beiden Söhne des Verwalters Lai anvertraut, und außerdem fahren die beiden Protegés Shan Pinren [单聘仁, wörtlich: „der Einfältige“] und Bu Guxiu [卜固修, wörtlich: „der Pflaster-Flickschuster“] [Anm.: Die sprechenden Namen dieser Schützlinge deuten auf zweifelhafte Charaktere hin.] mit. Deshalb sollte ich mich beim Onkel melden.“ |
| Im Schatten zupfte Djia Jung heimlich am Saum von Hsi-fëngs Gewand, und Hsi-fëng, die verstand, was er wollte, sagte lächelnd: „Du machst dir zu viele Gedanken! Versteht sich dein Vetter nicht besser als wir darauf, die Leute einzusetzen? Du fürchtest natürlich, Tjiang verstünde nichts von der Sache, aber versteht sich nicht schließlich jeder darauf? So groß, wie die Kinder sind, werden sie doch, wie man so sagt, wissen, wie ein Schwein aussieht, auch wenn sie noch kein Schweinefleisch gegessen haben. Dein Vetter schickt ihn doch nur mit, damit er den Oberbefehl hat, und nicht, damit er über die Preise verhandelt und etwas vom Geschäft versteht. Ich finde, er ist bestens geeignet.“ | Kette Kaufmann hörte das, musterte Qiang Kaufmann von oben bis unten, dann sagte er lächelnd: „Verstehst du dich überhaupt darauf? Die Sache ist zwar nicht riesig, aber es stecken eine Menge Kniffe und versteckte Tücken darin.“ |
| „Natürlich!“ stimmte Djia Liän zu. „Das will ich ja gar nicht bestreiten, aber trotzdem kann ich mir doch Gedanken darum machen. – Woher soll denn das Silber genommen werden, das dafür gebraucht wird?“ | Qiang Kaufmann antwortete lächelnd: „Dann muss ich sie eben dabei lernen!“ |
| „Darüber ist auch gesprochen worden“, gab Djia Tjiang Auskunft. „Opa Lai meinte, wir brauchten es nicht aus der Hauptstadt mitzunehmen. Die Dschëns in Djiang-nan haben noch fünfzigtausend Liang Silber von uns, da werden morgen ein Brief und eine Zahlungsanweisung geschrieben, die wir mitnehmen, und darauf lassen wir uns zunächst dreißigtausend Liang geben. Die restlichen zwanzigtausend bleiben noch da und werden dann zum Kauf von Zierkerzen, bunten Laternen sowie von Matten und Vorhängen aller Art verwendet.“ | Im Halbdunkel zupfte Hibiskus Kaufmann heimlich an Phönixglanz' Gewandsaum. Phönixglanz, die verstand, was er wollte, sagte lächelnd: „Du machst dir zu viele Gedanken! Versteht sich sein Vater etwa nicht besser darauf, die richtigen Leute einzusetzen? Du fürchtest, er verstünde nichts von der Sache — aber wer versteht sich denn von Anfang an auf etwas? Die Kinder sind inzwischen groß genug. Wie man so sagt: ‚Selbst wer noch kein Schweinefleisch gegessen hat, hat doch ein Schwein laufen sehen.‘ Sein Vater schickt ihn ja nur als Repräsentanten mit — und nicht, damit er über Preise feilscht und Geschäfte abwickelt. Meiner Meinung nach ist er bestens geeignet.“ |
| „Ein guter Gedanke“, sagte Djia Liän und nickte mit dem Kopf. | Kette Kaufmann stimmte zu: „Natürlich, das will ich ja gar nicht bestreiten. Ich mache mir trotzdem meine Gedanken.“ Dann fragte er: „Woher soll das Silber genommen werden, das man dafür braucht?“ |
| „Wenn das so ist“, sagte Hsi-fëng, „habe ich zwei passende Leute zur Hand, die sich darauf verstehen. Nimm sie mit, damit sie das erledigen, und du hast es bequemer dadurch!“ | Qiang Kaufmann berichtete: „Darüber ist auch schon gesprochen worden. Großvater Lai [Anm.: 赖爷爷, der älteste Verwalter des Hauses.] meinte, wir brauchten es nicht aus der Hauptstadt mitzunehmen. Die Familie Zhen [甄家] in Jiangnan hat noch fünfzigtausend Liang Silber von uns in Verwahrung. Morgen wird ein Brief mit einer Zahlungsanweisung geschrieben, die wir mitnehmen. Davon lassen wir uns zunächst dreißigtausend Liang auszahlen. Die übrigen zwanzigtausend bleiben dort und werden dann für den Kauf von Zierkerzen, bunten Laternen, Vorhängen und Matten aller Art verwendet.“ |
| „Eben wollte ich Euch um zwei Leute bitten, Tante“, sagte Djia Liän rasch und lächelte dazu. „Wie gut sich das trifft!“ Dann fragte er nach den Namen der beiden. | Kette Kaufmann nickte: „Ein guter Plan.“ |
| Hsi-fëng fragte ihrerseits Amme Dschau danach, aber die war vom Zuhören so benommen, daß Ping-örl sie erst lachend anstoßen mußte, ehe sie wieder zu sich kam und rasch sagte: „Der eine heißt Dschau Tiän-liang, der andere Dschau Tiän-dung.“ | Phönixglanz wandte sich rasch an Qiang Kaufmann: „Wenn dem so ist — ich habe zwei kundige und zuverlässige Leute bei mir. Nimm sie mit, damit sie die Sachen erledigen. Damit hast du es bequemer!“ |
| „Denk daran!“ mahnte Hsi-fëng. Dann sagte sie: „Ich habe noch zu tun“, und ging hinaus. | Qiang Kaufmann antwortete eilig und lächelnd: „Eben wollte ich die Tante um zwei Leute bitten — wie gut das passt!“ Dann fragte er nach ihren Namen. |
| Djia Jung folgte ihr rasch nach und sagte draußen leise zu ihr: „Wenn Ihr etwas haben wollt, Tante, schreibt eine Liste, und ich gebe sie Vetter Tjiang, damit er alles mitbringt!“ | Phönixglanz wandte sich an die Amme Zhao. Doch diese hatte dem Gespräch wie gebannt zugehört und war völlig in Gedanken versunken. Friedchen musste sie lachend anstoßen, bevor sie zu sich kam und hastig sagte: „Der eine heißt Zhao Tianliang [赵天梁], der andere Zhao Tiandong [赵天棟].“ |
| „Red keinen Unsinn!“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Ich habe so viel Zeug, daß ich nicht weiß, wohin damit. Da werde ich mir gerade aus dem etwas machen, was ihr mir heimlich anschleppt!“ Und damit ließ sie ihn stehen. | Phönixglanz sagte: „Vergiss das nicht! Ich muss jetzt gehen.“ Damit trat sie hinaus. |
| Drinnen aber erkundigte sich auch Djia Tjiang leise bei Djia Liän, was er ihm mitbringen dürfe, um seine Verehrung zu bekunden. | Hibiskus Kaufmann folgte ihr rasch nach und sagte draußen leise: „Wenn die Tante irgendwelche Dinge haben möchte, schreibt eine Liste, und ich gebe sie Vetter Qiang, damit er alles mitbringt!“ |
| „Nicht so stürmisch!“ erwiderte Djia Liän lächelnd darauf. „Du sollst gerade erst lernen, selbständig etwas zu erledigen, und das erste, was du lernst, ist dieser faule Zauber. Wenn ich etwas brauchen sollte, werde ich dir einen Brief schreiben. Vorläufig ist es noch nicht soweit.“ | Phönixglanz lachte: „Red keinen Unsinn! Ich habe so viel Zeug, dass ich nicht weiß, wohin damit — als ob ich mir etwas daraus machte, was ihr mir heimlich herschleppt!“ Damit ließ sie ihn stehen und ging. |
| Als er ausgesprochen hatte, schickte er die beiden nach Hause. Anschließend kamen Leute, um ihm Bericht zu erstatten, und es waren nicht nur drei oder vier. Djia Liän war schließlich so erschöpft, daß er am Innentor Bescheid sagen ließ, man möge ihm niemanden mehr melden, alles habe Zeit bis morgen. Hsi-fëng aber kam erst während der dritten Nachtwache zurück und legte sich schlafen. Weiter ist von dieser Nacht nichts zu berichten. | Drinnen erkundigte sich auch Qiang Kaufmann leise bei Kette Kaufmann: „Was möchte der Onkel haben? Ich bringe es als kleines Zeichen meiner Verehrung mit.“ |
| Als Djia Liän am nächsten Morgen aufgestanden war und Djia Schë und Djia Dschëng seinen Gruß entboten hatte, begab er sich ins Ning-guo-Anwesen. Zusammen mit den alten Verwaltern und einigen Schützlingen aus befreundeten Familien und anderen jungen Männern nahm er das Gelände beider Anwesen sorgfältig in Augenschein. Dann entwarfen sie Zeichnungen von den zu errichtenden Gebäuden und prüften, wie viele Leute für die Arbeiten gebraucht wurden. | Kette Kaufmann erwiderte lächelnd: „Nicht so voreilig! Du sollst gerade erst lernen, selbständig etwas zu erledigen, und das Erste, was du lernst, sind diese faulen Tricks. Wenn ich etwas brauchen sollte, schreibe ich dir einen Brief. Vorläufig ist davon noch keine Rede.“ Damit schickte er die beiden fort. |
| Bald darauf rückten die verschiedensten Handwerker an. Gold und Silber, Kupfer und Zinn, Holz und Erde, Mauersteine und Dachziegel wurden geschäftig hierher und dorthin getragen. | Anschließend kamen Leute, um ihm Bericht zu erstatten — nicht drei-, nicht viermal, sondern ein ums andere Mal. Schließlich war Kette Kaufmann so erschöpft, dass er am inneren Tor Bescheid geben ließ: Niemand dürfe mehr vorgelassen werden, alles habe Zeit bis morgen. Phönixglanz kam erst in der dritten Nachtwache [Anm.: 三更, ca. 23–01 Uhr.] zur Ruhe. Weiter ist von dieser Nacht nichts zu berichten. |
| Zuerst erhielten die Handwerker den Auftrag, die Mauern und Bauten des Gartens der Gesammelten Düfte im Ning-guo-Anwesen abzureißen und eine direkte Verbindung mit dem großen Hof im Ostteil des Jung-guo-Anwesens herzustellen. Alle Gesindehäuser östlich vom Jung-guo-Anwesen wurden abgerissen. Ursprünglich waren die beiden Anwesen durch eine kleine Gasse voneinander geschieden, auf die kein Tor hinausführte. Aber da auch diese Gasse Privatbesitz war und kein öffentlicher Weg, konnte sie ebenfalls mit einbezogen werden. | Am nächsten Morgen stand Kette Kaufmann auf, entbot Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann seinen Gruß und begab sich dann zum Ning-Guo-Anwesen. Zusammen mit den alten Verwaltern und einigen jüngeren Gelehrten aus befreundeten Familien besichtigte er sorgfältig das Gelände beider Anwesen, entwarf Zeichnungen für die zu errichtenden Gebäude und prüfte, wie viele Arbeitskräfte benötigt würden. |
| Ein Wasserlauf, der an der Nordseite des Gartens der Gesammelten Düfte unter der Mauer hindurch auf das Gelände führte, konnte jetzt ohne Mühe verlängert werden. Die vorhandenen Felsen und Bäume reichten zwar nicht aus, aber der Hof, den Djia Schë bewohnte, war ja ehemals der Garten des Jung-guo-Anwesens gewesen, und so konnte man Bambus und Bäume, Pavillons und Geländer von dorther umsetzen. Da beide Stellen dicht beieinander lagen, wurde durch ihre Vereinigung viel Geld gespart, und selbst dann, wenn etwas Fehlendes zu ergänzen war, hielt sich das doch immer in Grenzen. Mit dem Ganzen konnte man sich auf einen erfahrenen Meister stützen, der sich ‚Grober Kerl der künstlichen Berge‘ nannte und alles entwarf und gestaltete. | Von da an rückten die verschiedensten Handwerkertrupps an. Gold und Silber, Kupfer und Zinn, Holz und Erde, Mauersteine und Dachziegel wurden unablässig hierhin und dorthin transportiert. Zunächst erhielten die Handwerker den Auftrag, die Mauern, Hallen und Pavillons des Gartens der Gesammelten Düfte [会芳园] im Ning-Guo-Anwesen abzureißen und das Gelände direkt mit dem großen Osthof des Rong-Guo-Anwesens zu verbinden. Alle Gesindehäuser östlich des Rong-Guo-Anwesens wurden ebenfalls abgerissen. |
| Djia Dschëng, der die Beschäftigung mit profanen Dingen nicht gewöhnt war, verließ sich ganz darauf, daß Djia Schë, Djia Dschën, Djia Liän, Lai Da, Lai Schëng, Lin Dschï-hsiau, Wu Hsin-dëng, Dschan Guang, Tschëng Jï-hsing und noch ein paar andere sich darum kümmerten. Wo ein Berg aufgehäuft werden sollte und wo ein Teich ausgehoben werden mußte, wo Häuser und Hallen zu errichten waren, wohin Bambus und wohin Blumen gehörten, wie jede Szenerie zu gestalten war, das bestimmte ohnehin der Grobe Kerl der künstlichen Berge. | Zwar waren die beiden Anwesen von Alters her durch eine schmale Gasse getrennt, auf die kein Tor hinausführte. Doch auch diese Gasse gehörte zum Privatbesitz der Familie und war kein öffentlicher Weg, sodass man sie problemlos mit einbeziehen konnte. Der Bachlauf, der an der Nordwestecke des Gartens der Gesammelten Düfte unter der Mauer hindurch auf das Gelände geführt worden war, konnte nun ohne Schwierigkeit verlängert werden. Die vorhandenen Zierfelsen und Bäume reichten zwar nicht ganz aus, doch der Hof, in dem Begnadigung Kaufmann wohnte, war ja ehemals der alte Garten des Rong-Guo-Anwesens gewesen, und so konnten von dort Bambus und Bäume, Felsblöcke, Pavillons und Geländer umgesetzt werden. Da beide Stellen dicht beieinander lagen, sparte man durch ihre Vereinigung viel Geld, und selbst was fehlte und ergänzt werden musste, hielt sich in Grenzen. Mit dem Gesamtentwurf konnte man sich auf einen erfahrenen alten Meister stützen, der sich „Grober Kerl der künstlichen Berge“ [Anm.: 山子野, ein Gartenarchitekt; der Name kann als „der Wilde der Kunstberge“ gelesen werden.] nannte und alles plante und gestaltete. |
| Wenn Djia Dschëng von der Hofaudienz zurückkam und Muße hatte, ging er sich wohl einzelne Stellen einmal ansehen und besprach das Allernotwendigste mit Djia Schë und den anderen, aber das war auch alles. Djia Schë verbrachte seine Tage müßig zu Hause. Über jede Kleinigkeit wurde ihm von Djia Dschën oder jemand anders mündlich berichtet, wenn er nicht eine schriftliche Notiz darüber erhielt. Hatte er seinerseits etwas mizuteilen, ließ er Djia Liän oder Lai Da zum Befehlsempfang holen. Djia Jung überwachte allein die Anfertigung der Gold- und Silbergefäße. Djia Tjiang war bereits nach Gu-su abgereist. Djia Dschën und Lai Da schließlich waren für die Aufsicht über die Leute, für die Buchführung, für die Kontrolle der Bauarbeiten und anderes mehr verantwortlich. Alles kann man nicht gut beschreiben. Ein außerordentlich lebhaftes Treiben war es auf jeden Fall. | Aufrecht Kaufmann, der die Beschäftigung mit profanen Dingen nicht gewohnt war, verließ sich ganz auf Begnadigung Kaufmann, Juwel Kaufmann, Kette Kaufmann, Lai Da, Lai Sheng [来升], Lin Zhixiao [林之孝], Wu Xindeng [吴新登], Zhan Guang [詹光] und Cheng Rixing [程日兴] und einige weitere. Was das Aufschütten von Bergen, das Ausheben von Teichen, das Errichten von Häusern und Hallen, das Pflanzen von Bambus und Blumen und die Gestaltung aller Szenerien betraf — dafür gab der Grobe Kerl der künstlichen Berge die Anweisungen. Wenn Aufrecht Kaufmann von der Audienz zurückkam und freie Zeit hatte, sah er sich hier und da ein wenig um und besprach das Allernotwendigste mit Begnadigung Kaufmann und den anderen — damit hatte es sein Bewenden. |
| Mehr soll jedoch davon einstweilen nicht die Rede sein, vielmehr wollen wir von Bau-yü erzählen. Ihm war es sehr angenehm, daß all die großartigen Dinge, die sich jetzt bei ihnen abspielten, Djia Dschëng daran hinderten, ihn nach seinen Büchern zu fragen. Daß aber Tjin Dschungs Krankheit von Tag zu Tag schlimmer wurde, bereitete ihm viel Kummer, und so konnte er sich nicht richtig freuen. Eines Morgens, als er sich nach dem Aufstehen fertig frisiert und gewaschen hatte und eben zur Herzoginmutter gehen wollte, um ihr zu sagen, er wolle Tjin Dschung besuchen fahren, sah er plötzlich, wie Ming-yän um die Blendmauer des Innentors bog und sich suchend umschaute. Als Bau-yü rasch hinausging und ihn fragte, was er habe, antwortete er: „Mit dem jungen Herrn Tjin geht es zu Ende.“ | Begnadigung Kaufmann verbrachte seine Tage müßig zu Hause. Über jede Lappalie wurde ihm von Juwel Kaufmann oder einem anderen mündlich Bericht erstattet, wenn er nicht eine schriftliche Notiz erhielt. Hatte er seinerseits etwas anzuordnen, ließ er Kette Kaufmann oder Lai Da zum Empfang seiner Befehle kommen. Hibiskus Kaufmann allein überwachte die Herstellung der Gold- und Silbergefäße. Qiang Kaufmann war bereits nach Gusu abgereist. Juwel Kaufmann und Lai Da hatten die Leute einzuteilen, die Bücher zu führen und die Bauarbeiten zu beaufsichtigen — unmöglich, das alles in einem Atemzug zu beschreiben. Es war jedenfalls ein außerordentlich geschäftiges und lautes Treiben. Doch davon soll einstweilen keine weitere Rede sein. Erzählen wir stattdessen von Schatzjade. Da sich zu Hause all diese großen Dinge abspielten, hatte Aufrecht Kaufmann keine Zeit mehr, ihn nach seinen Büchern und Studien zu fragen — was Schatzjade überaus angenehm war. Doch dass Qin Zhongs Krankheit von Tag zu Tag schlimmer wurde, bereitete ihm ernsthafte Sorgen, und so konnte er sich nicht recht freuen. |
| Bau-yü fuhr erschrocken zurück und sagte dann: „Ich war doch erst gestern bei ihm, da war er noch bei klarem Verstand. Wie kann es mit ihm zu Ende gehen?“ | Eines Morgens, als er gerade aufgestanden war und sich fertig frisiert und gewaschen hatte und eben zur Herzoginmutter gehen wollte, um ihr zu sagen, er wolle Qin Zhong besuchen, erblickte er plötzlich den Diener Mingyan [茗烟], der vor der Blendmauer am inneren Tor den Kopf hervorstreckte und sich suchend umschaute. Schatzjade eilte hinaus und fragte ihn: „Was gibt es?“ |
| „Ich weiß auch nicht“, sagte Ming-yän. „Eben war so ein Alter aus seinem Haus da, extra um es mir zu sagen.“ | Mingyan sagte: „Mit dem jungen Herrn Qin geht es zu Ende!“ |
| Als Bau-yü das hörte, machte er sofort kehrt und ging der Herzoginmutter davon berichten. Sie befahl ihm, passende Leute zu seiner Begleitung mitzunehmen und zurückzukommen, sobald er seinem Mitgefühl als Schulkamerad Ausdruck gegeben habe, und er dürfe nicht zu lange bleiben. | Schatzjade fuhr zusammen und fragte erschrocken: „Ich war doch erst gestern bei ihm! Da war er noch bei klarem Verstand — wie kann es plötzlich zu Ende gehen?“ |
| Daraufhin zog Bau-yü sich hastig um und trat hinaus, aber der Wagen war noch nicht bereit. Da brachte er vor Ungeduld das ganze Haus in Aufruhr. | Mingyan antwortete: „Ich weiß auch nicht. Eben war ein alter Diener aus seinem Haus da, eigens um es mir zu sagen.“ |
| Als der Wagen nach mehrfacher Mahnung endlich vorfuhr, stieg Bau-yü rasch ein. Li Guee und Ming-yän aber folgten ihm nach. Als sie an den Eingang von Tjin Dschungs Haus gelangten, war es dort still und menschenleer. Wie ein Bienenschwarm stürzten sie ins Innengemach und erschreckten damit zwei entfernte Tanten und ein paar Vettern von Tjin Dschung so sehr, daß sie schleunigst Reißaus nahmen. | Als Schatzjade das hörte, machte er sofort kehrt und ging der Herzoginmutter berichten. Diese befahl: „Nimm einige zuverlässige Leute mit, tu deiner Pflicht als Schulkamerad Genüge und komm dann zurück. Du darfst nicht zu lange bleiben.“ Schatzjade kleidete sich hastig um und eilte hinaus, doch der Wagen war noch nicht angespannt. Vor Ungeduld lief er in der Halle auf und ab. Als der Wagen nach mehrmaligem Drängen endlich vorfuhr, stieg er rasch ein. Li Gui [李贵] und Mingyan folgten ihm. |
| Tjin Dschung hatte schon ein paarmal das Bewußtsein verloren, darum war er längst auf ein anderes Bett und eine frische Matte gelegt worden. Als Bau-yü das sah, fing er unwillkürlich laut zu schluchzen an. Aber rasch redete Li Guee auf ihn ein: „Nicht doch, nicht doch! Krank und schwach, wie der junge Herr Tjin ist, war das Ofenbett natürlich zu hart für ihn, darum hat man ihn einstweilen etwas weicher gebettet. Mit Eurem Benehmen macht Ihr ihn nur noch kränker.“ | Als sie vor Qin Zhongs Haus ankamen, war es dort still und menschenleer. Wie ein Bienenschwarm stürmten sie in die inneren Räume und erschreckten damit zwei entfernte Tanten und ein paar Vettern von Qin Zhong so sehr, dass diese Hals über Kopf flohen. |
| Als Bau-yü das hörte, beherrschte er sich und trat näher. Tjin Dschungs Gesicht sah aus wie aus weißem Wachs. Er hatte die Augen geschlossen und lag schwer atmend auf dem Kissen. „Bruder!“ rief Bau-yü ihn an. „Ich bin es!“ So rief er mehrmals hintereinander, aber Tjin Dschung nahm es nicht wahr. Da sagte er noch einmal: „Bau-yü ist hier!“ | Qin Zhong hatte bereits zwei- oder dreimal das Bewusstsein verloren. Man hatte ihn längst auf ein anderes Bett und eine frische Matte umgebettet [Anm.: 移床易簀, eine Handlung aus dem konfuzianischen Sterberitual: Wenn der Tod naht, wird der Sterbende auf eine schlichte Matte gelegt.]. Als Schatzjade das sah, brach er unwillkürlich in lautes Schluchzen aus. Li Gui redete eilig auf ihn ein: „Das dürft Ihr nicht! Der junge Herr Qin ist schwach und krank — das Ofenbett war zu hart für seine Knochen, darum hat man ihn nur etwas weicher gebettet. Wenn Ihr Euch so benehmt, macht Ihr ihn nur noch kränker!“ |
| Tjin Dschungs Seele hatte den Körper schon längst verlassen, nur ein letzter schwacher Hauch war noch in seiner Brust. Eben sah die Seele, wie ein Höllenrichter mit großem Gefolge kam, um sie zu holen. Einer der Teufel hielt ein Amtsemblem in der Hand, andere trugen Stricke. Tjin Dschung aber wollte nicht mitgehen. Er dachte daran, daß niemand weiter da war, sich um die Familienangelegenheiten zu kümmern, dann dachte er an die drei- oder viertausend Liang Silber, die sein Vater zusammengespart hatte, und schließlich an Dschï-nëng, für die noch keine Bleibe gefunden war. | Schatzjade beherrschte sich und trat näher. Qin Zhongs Gesicht war weiß wie Wachs. Mit geschlossenen Augen lag er auf dem Kissen und atmete schwer. Schatzjade rief: „Bruder Jingqing [鲸卿]! Hier ist Schatzjade!“ Er rief zwei- oder dreimal, doch Qin Zhong reagierte nicht. „Schatzjade ist hier!“, rief er noch einmal. |
| Deshalb bat er die Höllenboten auf hunderterlei Weise um Gnade, aber sie waren nicht zu bestechen und herrschten ihn vielmehr an: „Du als Studierter solltest das Sprichwort kennen ‚Hat der Höllenkönig befohlen, du sollst in der dritten Nachtwache sterben, wagt niemand, dich bis zur fünften zu schonen.‘ Bei uns in der Unterwelt sind hoch und niedrig hart und gerecht, nicht so rücksichtsvoll wie bei euch in der Oberwelt, wo es dadurch tausenderlei Behinderungen gibt.“ | Doch Qin Zhongs Seele hatte den Körper längst verlassen. Nur ein letzter schwacher Atemhauch verblieb noch in seiner Brust. Eben sah die Seele, wie Höllenrichter und Geisterboten mit Amtsemblemen und Stricken auf sie zukamen, um sie zu holen. Doch Qin Zhongs Seele wollte keineswegs mitgehen. Sie dachte daran, dass zu Hause niemand da war, der sich um die Familienangelegenheiten kümmerte; sie dachte an die drei- oder viertausend Liang Silber, die der Vater zusammengespart hatte; und sie dachte an Zhineng, für die noch keine Bleibe gefunden war. So bat die Seele auf hunderterlei Weise um Gnade. |
| Mitten durch diesen Lärm hörte Tjin Dschungs Seele plötzlich die Worte „Bau-yü ist hier!“, und rasch bat sie noch einmal: „Habt doch ein wenig Mitleid, meine Herren Geisterboten, und laßt mich einen einzigen Satz mit einem guten Freund reden, dann komme ich.“ | Doch die Geisterboten ließen sich nicht erweichen. Im Gegenteil, sie herrschten Qin Zhong an: „Du als Gelehrter solltest doch das Sprichwort kennen: ‚Wenn der Höllenkönig befiehlt, du sollst in der dritten Nachtwache sterben, wagt niemand, dich bis zur fünften leben zu lassen!‘ In unserer Unterwelt sind alle, hoch und niedrig, hart und unbestechlich — nicht so wie in eurer Oberwelt, wo man auf Gefühle Rücksicht nimmt und es tausenderlei Hindernisse gibt!“ |
| „Was denn nun wieder für ein Freund?“ fragten die Teufel. | Mitten in diesem Tumult hörte Qin Zhongs Seele plötzlich die Worte „Schatzjade ist hier!“ und flehte abermals: „Habt ein wenig Erbarmen, meine Herren Geisterboten! Lasst mich nur zurückkehren und einen einzigen Satz mit diesem guten Freund wechseln, dann komme ich sofort mit!“ |
| „Ich will Euch nichts verheimlichen, meine Herren“, erklärte Tjin Dschungs Seele. „Es ist der Enkel des Herzogs Jung-guo. Sein Kindheitsname lautet Bau-yü – ‚wertvoller Jade‘.“ | Die Geisterboten fragten: „Was denn schon wieder für ein Freund?“ |
| Kaum hatte der Höllenrichter das gehört, erschrak er und schnauzte sein Gefolge an: „Habe ich nicht gesagt, ihr solltet ihn noch einmal loslassen? Aber ihr wolltet ja nicht auf mich hören. Wartet nur, wenn er diesen Günstling des Glücks um Hilfe bittet!“ | Qin Zhongs Seele erklärte: „Ich will Euch nichts verheimlichen, meine Herren. Es ist der Enkel des Rong-Guo-Herzogs. Sein Kindheitsname lautet Schatzjade.“ |
| Als die Teufel ihren Vorgesetzten so reden hörten, waren sie ebenfalls verwirrt. Aber sie hielten ihm vor: „Eben wart Ihr noch ganz Donner, Blitz und Hagelschlag, alter Herr, und jetzt könnt Ihr den Namen Bau-yü nicht ertragen! Unserer unmaßgeblichen Meinung nach gehört er zur Oberwelt, wir aber gehören zur Unterwelt. Welchen Nutzen bringt es uns also, wenn wir Furcht vor ihm zeigen?“ | Kaum hatte der oberste Höllenrichter das gehört, erschrak er heftig und schnauzte seine Untergebenen an: „Habe ich nicht gesagt, ihr sollt ihn noch einmal zurückgehen lassen? Aber ihr wolltet ja partout nicht auf mich hören! Wartet nur, gleich wird er diesen Günstling des Glücks um Hilfe bitten!“ |
| „Unsinn!“ sagte der Höllenrichter, „das Sprichwort hat recht, wenn es sagt: ‚Alles im Reich kontrollieren die Beamten des Reichs.‘ Und seit Urbeginn gelten dieselben Prinzipien für Menschen und Geister. Es gibt nicht zweierlei Maß in Unter- und Oberwelt. Egal also, wer hier zu welcher Welt gehört, laßt ihn noch einmal zurück!“ | Als die Geisterboten ihren Vorgesetzten so reden hörten, waren auch sie verwirrt. Doch sie hielten ihm vor: „Eben noch wart Ihr ganz Donner, Blitz und Hagel, alter Herr — und jetzt könnt Ihr den Namen ‚Schatzjade‘ nicht ertragen! Unserer unmaßgeblichen Meinung nach gehört er zur Oberwelt, wir aber zur Unterwelt. Was nützt es uns, Furcht vor ihm zu zeigen?“ |
| Nach diesen Worten blieb den Teufeln keine andere Wahl, als Tjin Dschungs Seele wieder loszulassen. Stöhnend öffnete Tjin Dschung einen Spalt weit die Augen, und als er Bau-yü neben sich sah, seufzte er angestrengt: „Warum bist du nicht eher gekommen? Nur einen Moment später, und ich hätte dich nicht mehr gesehen!“ Bau-yü faßte schnell Tjin Dschungs Hände und fragte ihn unter Tränen: „Was ist es, das du mir noch sagen wolltest?“ | Der Höllenrichter entgegnete: „Unsinn! Das Sprichwort hat recht: ‚Die Beamten des Reichs kümmern sich um die Angelegenheiten des Reichs.‘ Seit Urbeginn gelten dieselben Prinzipien für Menschen und Geister. Es gibt nicht zweierlei Maß in Ober- und Unterwelt. Ob er nun hierhin oder dorthin gehört — lasst ihn noch einmal zurück, das kann nicht falsch sein!“ Den Geisterboten blieb keine andere Wahl, als Qin Zhongs Seele loszulassen. Qin Zhong stöhnte, öffnete einen Spalt weit die Augen, und als er Schatzjade neben sich sah, seufzte er angestrengt: „Warum bist du nicht früher gekommen? Nur einen Augenblick später, und du hättest mich nicht mehr gesehen.“ Schatzjade fasste rasch seine Hände und fragte unter Tränen: „Wenn du mir noch etwas zu sagen hast — hinterlasse mir deine Worte!“ |
| „Nur das eine“, erwiderte Tjin Dschung. „Wir glaubten immer, wir stünden weit über den Menschen. Heute aber weiß ich, wir haben uns geirrt. Du mußt deinen Willen darauf richten, dir durch die Prüfungen einen Namen zu machen und als Beamter Ruhm zu erwerben. Das ist das einzig Richtige.“ Nach diesen Worten stieß er einen langen Seufzer aus, und dann war er tot. | Qin Zhong erwiderte: „Es gibt nichts weiter zu sagen. Wir glaubten immer, mit unserer Einsicht stünden wir über den gewöhnlichen Menschen. Heute weiß ich, dass wir uns damit nur selbst betrogen haben. Richte deinen Willen fortan auf die Prüfungen und den Beamtendienst — Ruhm und Ehre zu erwerben, das allein ist der rechte Weg!“ Nach diesen Worten stieß er einen langen, tiefen Seufzer aus — und war verschieden. == Anmerkungen ==
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