Lu Xun Complete Works/zh-de/Baicaoyuan

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From Herb Garden to Three-Flavor Study (从百草园到三味书屋)

Lu Xun (鲁迅, Lǔ Xùn, 1881–1936)


中文(原文) Deutsch

}}   我家的後面有一個很大的園,相傳叫作百草園。現在是早已並屋子一起賣給朱文公的子孫了,連那最末次的相見也已經隔了七八年,其中似乎確鑿只有一些野草;但那時卻是我的樂園。

  不必說碧綠的菜畦,光滑的石井欄,高大的皂莢樹,紫紅的桑椹;也不必說鳴蟬在樹葉裏長吟,肥胖的黃蜂伏在菜花上,輕捷的叫天子(雲雀)忽然從草間直竄向雲霄裏去了。單是周圍的短短的泥墻根一帶,就有無限趣味。油蛉在這裏低唱,蟋蟀們在這裏彈琴。翻開斷磚來,有時會遇見蜈蚣;還有斑蝥,倘若用手指按住它的脊梁,便會拍的一聲,從後竅噴出一陣煙霧。何首烏藤和木蓮藤纏絡著,木蓮有蓮房一般的果實,何首烏有擁腫的根。有人說,何首烏根是有像人形的,吃了便可以成仙,我於是常常拔它起來,牽連不斷地拔起來,也曾因此弄壞了泥墻,卻從來沒有見過有一塊根像人樣。如果不怕刺,還可以摘到覆盆子,像小珊瑚珠攢成的小球,又酸又甜,色味都比桑椹要好得遠。

  長的草裏是不去的,因為相傳這園裏有一條很大的赤練蛇。

  長媽媽曾經講給我一個故事聽:先前,有一個讀書人住在古廟裏用功,晚間,在院子裏納涼的時候,突然聽到有人在叫他。答應著,四面看時,卻見一個美女的臉露在墻頭上,向他一笑,隱去了。他很高興;但竟給那走來夜談的老和尚識破了機關。說他臉上有些妖氣,一定遇見“美女蛇”了;這是人首蛇身的怪物,能喚人名,倘一答應,夜間便要來吃這人的肉的。他自然嚇得要死,而那老和尚卻道無妨,給他一個小盒子,說只要放在枕邊,便可高枕而臥。他雖然照樣辦,卻總是睡不著,——當然睡不著的。到半夜,果然來了,沙沙沙!門外像是風雨聲。他正抖作一團時,卻聽得豁的一聲,一道金光從枕邊飛出,外面便什麽聲音也沒有了,那金光也就飛回來,斂在盒子裏。後來呢?後來,老和尚說,這是飛蜈蚣,它能吸蛇的腦髓,美女蛇就被它治死了。

  結末的教訓是:所以倘有陌生的聲音叫你的名字,你萬不可答應他。

  這故事很使我覺得做人之險,夏夜乘涼,往往有些擔心,不敢去看墻上,而且極想得到一盒老和尚那樣的飛蜈蚣。走到百草園的草叢旁邊時,也常常這樣想。但直到現在,總還沒有得到,但也沒有遇見過赤練蛇和美女蛇。叫我名字的陌生聲音自然是常有的,然而都不是美女蛇。

  冬天的百草園比較的無味;雪一下,可就兩樣了。拍雪人(將自己的全形印在雪上)和塑雪羅漢需要人們鑒賞,這是荒園,人跡罕至,所以不相宜,只好來捕鳥。薄薄的雪,是不行的;總須積雪蓋了地面一兩天,鳥雀們久已無處覓食的時候才好。掃開一塊雪,露出地面,用一支短棒支起一面大的竹篩來,下面撒些秕谷,棒上系一條長繩,人遠遠地牽著,看鳥雀下來啄食,走到竹篩底下的時候,將繩子一拉,便罩住了。但所得的是麻雀居多,也有白頰的“張飛鳥”,性子很躁,養不過夜的。

  這是閏土的父親所傳授的方法,我卻不大能用。明明見它們進去了,拉了繩,跑去一看,卻什麽都沒有,費了半天力,捉住的不過三四只。閏土的父親是小半天便能捕獲幾十只,裝在叉袋裏叫著撞著的。我曾經問他得失的緣由,他只靜靜地笑道:你太性急,來不及等它走到中間去。

  我不知道為什麽家裏的人要將我送進書塾裏去了,而且還是全城中稱為最嚴厲的書塾。也許是因為拔何首烏毀了泥墻罷,也許是因為將磚頭拋到間壁的梁家去了罷,也許是因為站在石井欄上跳了下來罷,……都無從知道。總而言之:我將不能常到百草園了。Ade,我的蟋蟀們!Ade,我的覆盆子們和木蓮們!……

  出門向東,不上半里,走過一道石橋,便是我的先生的家了。從一扇黑油的竹門進去,第三間是書房。中間掛著一塊扁道:三味書屋;扁下面是一幅畫,畫著一只很肥大的梅花鹿伏在古樹下。沒有孔子牌位,我們便對著那扁和鹿行禮。第一次算是拜孔子,第二次算是拜先生。

  第二次行禮時,先生便和藹地在一旁答禮。他是一個高而瘦的老人,鬚髮都花白了,還戴著大眼鏡。我對他很恭敬,因為我早聽到,他是本城中極方正,質樸,博學的人。

  不知從那裏聽來的,東方朔也很淵博,他認識一種蟲,名曰“怪哉”,冤氣所化,用酒一澆,就消釋了。我很想詳細地知道這故事,但阿長是不知道的,因為她畢竟不淵博。現在得到機會了,可以問先生。

  “先生,‘怪哉’這蟲,是怎麽一回事?……”我上了生書,將要退下來的時候,趕忙問。

  “不知道!”他似乎很不高興,臉上還有怒色了。

  我才知道做學生是不應該問這些事的,只要讀書,因為他是淵博的宿儒,決不至於不知道,所謂不知道者,乃是不願意說。年紀比我大的人,往往如此,我遇見過好幾回了。

  我就只讀書,正午習字,晚上對課。先生最初這幾天對我很嚴厲,後來卻好起來了,不過給我讀的書漸漸加多,對課也漸漸地加上字去,從三言到五言,終於到七言。

  三味書屋後面也有一個園,雖然小,但在那裏也可以爬上花壇去折蠟梅花,在地上或桂花樹上尋蟬蛻。最好的工作是捉了蒼蠅餵螞蟻,靜悄悄地沒有聲音。然而同窗們到園裏的太多,太久,可就不行了,先生在書房裏便大叫起來:

  “人都到那裏去了?!”

  人們便一個一個陸續走回去;一同回去,也不行的。他有一條戒尺,但是不常用,也有罰跪的規則,但也不常用,普通總不過瞪幾眼,大聲道:

  “讀書!”

  於是大家放開喉嚨讀一陣書,真是人聲鼎沸。有念“仁遠乎哉我欲仁斯仁至矣”的,有念“笑人齒缺曰狗竇大開”的,有念“上九潛龍勿用”的,有念“厥土下上上錯厥貢苞茅橘柚”的……。先生自己也念書。後來,我們的聲音便低下去,靜下去了,只有他還大聲朗讀著:

  “鐵如意,指揮倜儻,一座皆驚呢~~;金叵羅,顛倒淋漓噫,千杯未醉嗬~~……。”

  我疑心這是極好的文章,因為讀到這裏,他總是微笑起來,而且將頭仰起,搖著,向後面拗過去,拗過去。

  先生讀書入神的時候,於我們是很相宜的。有幾個便用紙糊的盔甲套在指甲上做戲。我是畫畫兒,用一種叫作“荊川紙”的,蒙在小說的繡像上一個個描下來,像習字時候的影寫一樣。讀的書多起來,畫的畫也多起來;書沒有讀成,畫的成績卻不少了,最成片斷的是《蕩寇誌》和《西遊記》的繡像,都有一大本。後來,因為要錢用,賣給一個有錢的同窗了。他的父親是開錫箔店的;聽說現在自己已經做了店主,而且快要升到紳士的地位了。這東西早已沒有了罷。

九月十八日。

Vom Kräutergarten zur Dreigeschmack-Studierstube

Hinter unserem Haus lag ein großer Garten, der seit alters her Kräutergarten hieß. Inzwischen ist er mitsamt dem Haus längst an die Nachkommen des Herrn Zhu Wengong verkauft worden, und seit meinem allerletzten Besuch sind schon sieben oder acht Jahre vergangen. Es scheint, als wüchse dort tatsächlich nichts als Unkraut; doch damals war er mein Paradies.

Gar nicht zu reden von den smaragdgrünen Gemüsebeeten, dem glatten steinernen Brunnenrand, den hohen Gleditschien, den purpurroten Maulbeeren; gar nicht zu reden von den Zikaden, die in den Blättern ihre langen Lieder sangen, den feisten Hummeln, die auf den Rapsblüten hockten, den flinken Lerchen, die plötzlich aus dem Gras steil in den Himmel schossen. Allein der Streifen entlang der niedrigen Lehmmauer ringsum bot schon grenzenlose Vergnügungen. Ölkäfer sangen hier leise vor sich hin, Grillen spielten Klavier. Hob man einen zerbrochenen Ziegelstein auf, stieß man bisweilen auf einen Tausendfüßler; da gab es auch Blasenkäfer – drückte man ihnen mit dem Finger auf den Rücken, gaben sie mit einem Knall eine Rauchwolke aus ihrer Hinteröffnung von sich. Ranken der Vielblütigen Knöterich-Pflanze und des Magnoliengewächses verschlangen sich miteinander; die Magnolie trug Früchte wie Lotuskapseln, der Knöterich hatte knollige Wurzeln. Man sagte, manche Knöterich-Wurzeln hätten Menschengestalt, und wer sie äße, würde unsterblich. Deshalb zog ich sie ständig heraus, zog und zog ohne Ende, und hatte deswegen sogar die Lehmmauer beschädigt, doch nie eine Wurzel gefunden, die einem Menschen glich. Wer sich vor Dornen nicht fürchtete, konnte auch Himbeeren pflücken – kleine Kugeln wie aus winzigen Korallenperlen zusammengesetzt, süßsauer und in Farbe und Geschmack den Maulbeeren weit überlegen.

In das hohe Gras ging man nicht, denn es hieß, im Garten lebe eine große rote Kettennatter.

Die alte Mama Chang hatte mir einst eine Geschichte erzählt: Vor langer Zeit lebte ein Gelehrter in einem alten Tempel und studierte dort. Eines Abends, als er im Hof die kühle Luft genoss, hörte er plötzlich jemanden seinen Namen rufen. Er antwortete und blickte in alle Richtungen, da sah er das Gesicht einer schönen Frau über der Mauerkrone, die ihm zulächelte und wieder verschwand. Er freute sich sehr; doch ein alter Mönch, der zum Abendplausch kam, durchschaute die Sache. Er sagte, im Gesicht des Gelehrten liege ein dämonischer Schimmer, er müsse wohl der „Schöne-Frau-Schlange" begegnet sein – einem Ungeheuer mit Menschenkopf und Schlangenkörper, das Menschen beim Namen rufen konnte, und wer antwortete, dem kam sie nachts und fraß sein Fleisch. Natürlich erschrak der Gelehrte zu Tode, doch der alte Mönch sagte, es sei nicht schlimm, und gab ihm ein Kästchen: Er solle es nur neben sein Kopfkissen legen, dann könne er ruhig schlafen. Er tat wie geheißen, konnte aber dennoch nicht einschlafen – natürlich konnte er nicht einschlafen. Um Mitternacht kam sie tatsächlich, raschel, raschel, raschel! Vor der Tür klang es wie Wind und Regen. Als er vor Angst am ganzen Leib zitterte, hörte er ein scharfes Zischen, ein goldener Strahl schoss vom Kopfkissen empor, und draußen war plötzlich kein Laut mehr zu hören; der goldene Strahl kehrte zurück und legte sich wieder ins Kästchen. Und dann? Der alte Mönch sagte, das sei ein fliegender Tausendfüßler gewesen, der das Hirn von Schlangen aussaugen konnte, und die Schöne-Frau-Schlange war von ihm getötet worden.

Die Moral am Ende lautete: Wenn eine fremde Stimme deinen Namen ruft, darfst du um keinen Preis antworten.

Die Geschichte ließ mich zutiefst empfinden, wie gefährlich das Menschsein war. An Sommerabenden, wenn ich mich im Freien abkühlte, war ich oft besorgt und wagte nicht zur Mauer hinüberzuschauen, und ich wünschte mir sehnlichst ein Kästchen mit so einem fliegenden Tausendfüßler wie dem des alten Mönchs. Wenn ich am Gebüsch des Kräutergartens vorbeiging, dachte ich oft dasselbe. Doch bis heute habe ich keinen bekommen – allerdings bin ich auch nie einer roten Kettennatter oder Schönen-Frau-Schlange begegnet. Fremde Stimmen, die meinen Namen riefen, gab es natürlich genug, doch keine davon gehörte einer Schönen-Frau-Schlange.

Im Winter war der Kräutergarten eher langweilig; aber wenn es schneite, war alles anders. Schneeabdrücke machen (den ganzen Körperabdruck in den Schnee pressen) und Schnee-Buddhas formen setzte ein Publikum voraus; hier, in diesem verwilderten Garten, kam kaum ein Mensch vorbei, und so war das unpassend. Man konnte nur Vögel fangen. Bei dünnem Schnee ging es nicht; der Schnee musste die Erde ein, zwei Tage lang bedeckt haben, und die Vögel mussten lange vergeblich nach Futter gesucht haben. Dann fegte man ein Stück Schnee frei, bis die Erde zum Vorschein kam, stützte ein großes Bambussieb mit einem kurzen Stock auf, streute etwas Spreu darunter, band eine lange Schnur an den Stock und hielt sie von weitem fest. Wenn die Vögel herabkamen, um zu picken, und unter das Sieb liefen, zog man an der Schnur, und sie waren gefangen. Doch meistens fing man Spatzen; manchmal auch „Zhang-Fei-Vögel" mit weißen Wangen – hitzig in ihrem Wesen, die überlebten keine Nacht in Gefangenschaft.

Diese Methode hatte Runtus Vater mir beigebracht, doch ich beherrschte sie kaum. Ich sah sie deutlich hineingehen, zog an der Schnur, lief hin und schaute – und da war nichts. Nach langem Mühen fing ich gerade drei oder vier. Runtus Vater dagegen brauchte nur einen halben Vormittag, um Dutzende zu fangen, die in seinem Gabelsack herumflatterten und -stießen. Ich hatte ihn einmal nach dem Grund für Erfolg und Misserfolg gefragt, und er lächelte nur still: „Du bist zu ungeduldig. Du wartest nicht, bis sie in die Mitte gelaufen sind."

Ich weiß nicht, warum die Familie beschloss, mich in eine Privatschule zu schicken, und dazu noch in die, die in der ganzen Stadt als die strengste galt. Vielleicht weil ich beim Herausziehen der Knöterich-Wurzeln die Lehmmauer beschädigt hatte, vielleicht weil ich Ziegelsteine über die Zwischenwand in den Hof der Familie Liang geworfen hatte, vielleicht weil ich auf dem steinernen Brunnenrand gestanden und heruntergesprungen war … wer weiß. Alles in allem: Ich würde nicht mehr oft in den Kräutergarten gehen können. Ade, meine Grillen! Ade, meine Himbeeren und Magnolien! …

Ging man zur Tür hinaus nach Osten, war man nach kaum einer halben Li über eine steinerne Brücke beim Haus meines Lehrers angelangt. Durch ein schwarz lackiertes Bambustor gelangte man hinein, und der dritte Raum war die Studierstube. In der Mitte hing eine Tafel mit der Aufschrift: Dreigeschmack-Studierstube; unter der Tafel hing ein Gemälde, das einen sehr fetten Damhirsch unter einem alten Baum zeigte. Es gab keine Ahnentafel des Konfuzius, also verbeugten wir uns vor der Tafel und dem Hirsch. Die erste Verbeugung galt Konfuzius, die zweite dem Lehrer.

Bei der zweiten Verbeugung erwiderte der Lehrer freundlich an der Seite den Gruß. Er war ein hochgewachsener, magerer alter Mann, sein Bart und Haar waren schon ergraut, und er trug eine große Brille. Ich begegnete ihm mit großem Respekt, denn ich hatte schon lange gehört, er sei der rechtschaffenste, bescheidenste und gelehrteste Mann der ganzen Stadt.

Ich weiß nicht, wo ich es aufgeschnappt hatte, aber auch Dongfang Shuo war sehr gelehrt gewesen; er kannte ein Insekt namens „Guaizai" – aus dem Hauch der Ungerechtigkeit entstanden, das sich auflöste, wenn man Wein darüber goss. Ich wollte diese Geschichte genau erfahren, doch die alte Mama Chang wusste es nicht, sie war schließlich nicht gelehrt genug. Nun aber hatte ich die Gelegenheit, den Lehrer zu fragen.

„Herr Lehrer, dieses Insekt ‚Guaizai' – was hat es damit auf sich? …" fragte ich hastig, als ich mein neues Buch aufgesagt hatte und gerade zurücktreten wollte.

„Weiß ich nicht!" Er schien sehr ungehalten, und in seinem Gesicht zeigte sich sogar Zorn.

Da erkannte ich, dass ein Schüler solche Dinge nicht fragen sollte, sondern nur lesen; denn da er ein gelehrter alter Konfuzianer war, konnte er es unmöglich nicht wissen – was er mit „Weiß ich nicht" meinte, war, dass er es nicht sagen wollte. Ältere Leute benahmen sich oft so, das hatte ich schon mehrfach erlebt.

So las ich nur noch, übte mittags Schönschrift und machte abends Reimübungen. In den ersten Tagen war der Lehrer sehr streng mit mir, wurde dann aber milder, allerdings gab er mir immer mehr zu lesen, und auch die Reimübungen wurden zunehmend anspruchsvoller, von dreiwortigen zu fünfwortigen und schließlich siebenwortigen Versen.

Hinter der Dreigeschmack-Studierstube gab es ebenfalls einen Garten, zwar klein, aber man konnte dort auf das Blumenbeet klettern und Winterblütenzweige brechen oder auf dem Boden oder in den Zimtbäumen leere Zikadenhüllen suchen. Die schönste Beschäftigung war, Fliegen zu fangen und sie den Ameisen zu verfüttern, ganz still und leise, ohne einen Laut. Aber wenn zu viele Mitschüler zu lange im Garten waren, ging es nicht mehr – der Lehrer rief dann laut aus der Studierstube:

„Wo sind denn alle hin?!"

Dann kamen sie einer nach dem anderen zurück; alle auf einmal zurückzukommen, ging auch nicht. Er besaß ein Straflineal, benutzte es aber selten; es gab auch die Regel des Strafkniens, doch auch die wandte er selten an. Gewöhnlich starrte er einen nur mit großen Augen an und rief laut:

„Lesen!"

Darauf lasen alle mit voller Kehle drauflos, ein wahrer Hexenkessel der Stimmen. Der eine las „Ist die Menschlichkeit fern? Begehr' ich die Menschlichkeit, so ist sie da", ein anderer las „Wer über die Zahnlücken anderer lacht, dem klafft das Hundeloch weit offen", wieder einer „Oben Neun, der verborgene Drache, handle nicht", ein anderer „Dieser Boden, zu unterst und zu oberst, mit Korrekturen, der Tribut an Strohbündeln, Schilf, Mandarinen und Pampelmusen" … Auch der Lehrer selbst las. Dann wurden unsere Stimmen leiser und leiser, nur er las noch laut weiter:

„Das eiserne Zepter, den Takt schlagend, so elegant – alle Anwesenden staunten, oh! Der goldene Becher, aus voller Brust getrunken, ah – tausend Becher, und nicht betrunken, ha! …"

Ich vermutete, dies sei ein außerordentlich guter Text, denn bei dieser Stelle begann er stets zu lächeln, hob den Kopf, wiegte ihn hin und her und lehnte sich weit nach hinten, immer weiter nach hinten.

Wenn der Lehrer ganz in seine Lektüre versunken war, kamen wir gut zurecht. Einige stülpten sich aus Papier gebastelte Rüstungen über die Fingerspitzen und spielten Theater. Ich zeichnete: Auf ein Papier namens „Jingchuan-Papier" legte ich es über die Holzschnittillustrationen in Romanen und pauste eine Figur nach der anderen ab, wie beim Nachschreiben von Schriftzeichen. Je mehr Bücher ich las, desto mehr zeichnete ich; die Bücher blieben ungelesen, doch die Zeichnungen waren ansehnlich – die größte Sammlung bildeten die Illustrationen aus den „Räubervernichtern" und der „Reise nach Westen", ein ganzes dickes Heft voll. Später verkaufte ich sie, weil ich Geld brauchte, an einen wohlhabenden Mitschüler, dessen Vater einen Zinnfolien-Laden betrieb; ich hörte, er sei inzwischen selbst Ladenbesitzer und stehe kurz davor, in den Stand eines Honoratioren aufzusteigen. Die Zeichnungen dürften längst verloren sein.

Am achtzehnten September.