Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 31
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Kapitel 31: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
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| 31.Mit Zerreißen von Fächern wird „ein teuer erkauftes Lachen“ wahr gemacht, durch Einhornfigürchen wird ein gemeinsames Altersglück angedeutet. | Kapitel 31 |
| Hsi-jën war es also angesichts des Blutes, das sie ausgespuckt hatte, für einen Augenblick eiskalt ums Herz geworden. Sie mußte daran denken, daß sie oft hatte sagen hören „Wer in jungen Jahren Blut spuckt, der wird nicht alt; wird er es doch, bleibt er für immer ein Krüppel.“ Als ihr diese Worte jetzt einfielen, zerrann ihr üblicher Wunschtraum von Glanz und Ruhm im Nu zu nichts, und unwillkürlich begann sie zu weinen. Als Bau-yü ihre Tränen sah, wurde auch ihm weh ums Herz, und er fragte: „Wie fühlst du dich?“ | Einen Fächer zerreißen für ein Lachen, das tausend Goldstücke wert ist — Ein goldenes Einhorn als Vorzeichen für das Paar mit den weißen Häuptern Es wird erzählt, wie Dufthauch [袭人] beim Anblick des frischen Blutes, das sie ausgespuckt hatte, für einen Augenblick eiskalt ums Herz wurde. Sie musste daran denken, was sie oft hatte sagen hören: „Wer in jungen Jahren Blut spuckt, der wird nicht alt; und wird er es doch, so bleibt er für immer ein Krüppel." Als ihr diese Worte jetzt wieder einfielen, verging ihr gewöhnlicher Wunschtraum von Glanz und Ruhm im Nu zu nichts, und unwillkürlich begannen ihr die Tränen über die Wangen zu rinnen. |
| Hsi-jën zwang sich zu einem Lächeln und antwortete: „Wie soll ich mich fühlen? Es ist alles in Ordnung.“ | Als Schatzjade [贾宝玉] ihre Tränen sah, wurde auch ihm weh ums Herz, und er fragte: „Wie fühlst du dich?" |
| Bau-yü schlug vor, Reiswein warm zu machen und Li-dung-Pillen mit Goralblut holen zu lassen, aber Hsi-jën ergriff seine Hand und sagte lächelnd: „Mach doch nicht so viel Aufhebens darum! Wieviele Leute würdest du damit auf die Beine bringen, die deswegen mit mir grollen und mich überspannt nennen würden! Jetzt weiß mit Sicherheit noch niemand davon, aber wenn du so einen Wirbel darum machst, daß es bekannt wird, ist das für dich nicht günstig und für mich auch nicht. Richtiger ist, du schickst morgen einen der Jungen zu Hofarzt Wang, damit er ihn konsultiert, dann wird ein bißchen Medizin zubereitet, die ich einnehme, und schon ist alles wieder gut, ohne daß auch nur eine Menschenseele davon erfährt. Wäre das nicht besser?“ | Dufthauch zwang sich zu einem Lächeln und antwortete: „Es ist alles in Ordnung. Was soll mir denn fehlen?" |
| Bau-yü sagte sich, daß sie recht habe, und gab sich zufrieden. Er ging zum Tisch und goß Tee ein, den er Hsi-jën reichte, damit sie sich den Mund spülen konnte. | Schatzjade wollte sofort jemanden rufen lassen, um Reiswein warm zu machen und Lidongtempel-Pillen mit Goralblut [Anm.: 山羊血黎洞丸, ein traditionelles Heilmittel gegen innere Blutungen] herbeizuschaffen. Doch Dufthauch ergriff seine Hand und sagte lächelnd: „Mach doch nicht so viel Aufhebens! Wie viele Leute willst du damit auf die Beine bringen, die mir dann vorwerfen, ich sei leichtsinnig? Jetzt weiß noch niemand davon, aber wenn du solch einen Wirbel machst, dass es bekannt wird, ist das weder für dich noch für mich günstig. Richtiger ist, du schickst morgen einen der Burschen zu Hofarzt Wang und lässt ihn konsultieren. Dann wird etwas Medizin zubereitet, die ich einnehme, und alles wird wieder gut, ohne dass eine Menschenseele davon erfährt. Wäre das nicht besser?" |
| Hsi-jën wußte, daß Bau-yü sich Sorgen machte und ihr deswegen sicher nicht gehorchen würde, wenn sie ihm sagte, er solle sich ihretwegen nicht bemühen. Außerdem würde er dann auf jeden Fall die anderen damit beauftragen, und so schien es ihr das Beste, ihm seinen Willen zu lassen. Also blieb sie liegen und ließ sich von ihm bedienen. | Schatzjade erkannte, dass sie recht hatte, und gab sich zufrieden. Er ging zum Tisch, schenkte Tee ein und reichte ihn Dufthauch, damit sie sich den Mund spülen konnte. |
| Kaum daß die fünfte Nachtwache angebrochen war, kleidete Bau-yü sich an, und ohne an Kämmen und Waschen zu denken, ging er hinaus. Er ließ Wang Dji-jën rufen und führte selbst ein eingehendes Gespräch mit ihm. | Dufthauch wusste, dass Schatzjade sich Sorgen machte. Wenn sie ihm sagte, er solle sich ihretwegen nicht bemühen, würde er ihr nicht gehorchen; außerdem würde er dann erst recht die anderen damit behelligen. So schien es ihr am besten, ihm seinen Willen zu lassen. Also blieb sie auf dem Ruhebett liegen und ließ sich von Schatzjade bedienen. |
| Wang Dji-jën erkundigte sich, was vorgefallen sei, und als er hörte, es handle sich nur um eine Verletzung, nannte er Bau-yü den Namen von Pillen und erklärte, wie sie einzunehmen seien und womit die beschädigte Stelle betupft werden müsse. Bau-yü prägte sich alles ein und kehrte in den Garten zurück, wo er Hsi-jën in der angegebenen Weise behandelte. Mehr soll davon nicht die Rede sein. | Kaum war die fünfte Nachtwache angebrochen, kleidete sich Schatzjade an, und ohne an Kämmen und Waschen zu denken, ging er hinaus und ließ den Arzt Wang Jiren [王济仁] rufen, um ihn persönlich und eingehend zu befragen. Wang Jiren erkundigte sich nach den Umständen und stellte fest, dass es sich lediglich um eine Verletzung handele. Er nannte den Namen von Pillen und erklärte, wie sie einzunehmen und wie die beschädigte Stelle zu behandeln sei. Schatzjade prägte sich alles ein, kehrte in den Garten zurück und behandelte Dufthauch nach den Anweisungen. Mehr soll davon nicht die Rede sein. |
| Heute nun war der große Feiertag des Drachenbootfestes. Büschel von Kalmus und Beifuß steckten an den Türrahmen, Binden mit Tigerbildern wurden um die Arme geschlungen. Zur Mittagszeit ließ Dame Wang eine Weintafel herrichten und lud Tante Hsüä mit Bau-tschai sowie die anderen zum Fest ein. | Es war der Tag des Drachenbootfestes [Anm.: 端阳节, am fünften Tag des fünften Monats]. Büschel von Kalmus und Beifuß [Anm.: 蒲艾, traditioneller Schutz gegen böse Geister] steckten an den Türrahmen, Binden mit Tigeramuletten [Anm.: 虎符, Tigeranhänger als Unheil abwehrende Symbole für das Drachenbootfest] wurden um die Arme geschlungen. Zur Mittagszeit ließ Frau Wang eine Festtafel mit Wein herrichten und lud Tante Schnee [薛姨妈] mit Schatzspange [薛宝钗] und die anderen zum Fest ein. |
| Bau-yü bemerkte, daß Bau-tschai kühl zu ihm war, darum mochte auch er sie nicht ansprechen, denn er konnte sich denken, daß es wegen des Zwischenfalls vom Vortag war. Dame Wang, die sah, daß Bau-yü lustlos und niedergeschlagen war, glaubte, das müsse an der Sache mit Djin-tschuan liegen, über die er verdrossen sei, und schenkte ihm erst recht keine Beachtung. Dai-yü aber erklärte sich Bau-yüs Zurückhaltung aus der Tatsache, daß er Bau-tschai beleidigt hatte, und ärgerte sich darüber. | Schatzjade bemerkte, dass Schatzspange kühl und abweisend zu ihm war, und wagte nicht, sie anzusprechen; er wusste wohl, dass es am Vorfall des Vortages lag. Frau Wang sah, wie lustlos und niedergeschlagen Schatzjade war, und glaubte, dies müsse an der Sache mit Goldreif [金钏儿] liegen, über die er verlegen sei, und schenkte ihm daher erst recht keine Beachtung. Kajaljade [林黛玉] wiederum erklärte sich Schatzjades Zurückhaltung aus der Tatsache, dass er Schatzspange beleidigt hatte, und fühlte sich deshalb ebenfalls unwohl und matt. |
| Hsi-fëng war noch am Abend zuvor durch Dame Wang über den Vorfall mit Bau-yü und Djin-tschuan informiert worden, und da sie wußte, daß Dame Wang verärgert darüber war, konnte sie natürlich jetzt nicht wagen, zu scherzen und zu lachen. Also paßte sie ihr Verhalten der Stimmung von Dame Wang an und fühlte sich dementsprechend gelangweilt. Ying-tschun und die anderen beiden Mädchen des Hauses bemerkten nur, daß die anderen nicht bei Laune waren, und dadurch verging auch ihnen die Laune. So saßen alle nur ein Weilchen zusammen und gingen dann wieder auseinander. | Phönixglanz [王熙凤] war bereits am Vorabend von Frau Wang über den Vorfall zwischen Schatzjade und Goldreif informiert worden. Da sie wusste, dass Frau Wang verärgert war, wagte sie natürlich nicht zu scherzen und zu lachen. Also richtete sie ihr Verhalten nach Frau Wangs Stimmung und verhielt sich dementsprechend reserviert. Die Schwestern Willkommenfrühling [贾迎春] und die anderen merkten, dass alle bedrückt waren, und so verging auch ihnen die Laune. So saßen sie alle nur kurze Zeit beisammen und gingen dann auseinander. |
| Dai-yü war es ohnehin lieber, wenn man auseinanderging, als wenn man sich traf. Und dafür hatte sie einen Grund. Sie sagte sich: „Wenn man sich trifft, muß man wieder auseinandergehen. Und fühlt man sich etwa bei der Trennung nicht kalt und einsam, nachdem man beim Zusammensein froh gewesen ist? Darum ist es besser, man trifft sich nicht. Das ist genauso wie mit den Blumen. Wenn sie aufblühen, hat man sie gern, aber wenn sie verwelken, steigert einem das nur den Schmerz. Darum wäre es besser, sie blühten nicht.“ So machte ihr Kummer, was den anderen Freude machte. | Kajaljade war es von Natur aus lieber, wenn man auseinanderging, als wenn man sich traf. Und dafür hatte sie einen eigenen Grund. Sie pflegte zu sagen: „Wo Menschen sich treffen, müssen sie auch wieder auseinandergehen. Beim Zusammensein ist man froh, doch wird es bei der Trennung nicht kalt und einsam sein? Und empfindet man nicht Traurigkeit, sobald es kalt und einsam wird? Darum wäre es besser, man träfe sich gar nicht erst. Ebenso wie bei den Blumen: Wenn sie blühen, hat man sie gern, doch wenn sie verwelken, steigert das nur den Schmerz. Darum wäre es besser, sie blühten gar nicht erst." So machte ihr Kummer, was den anderen Freude bereitete. |
| Nach Bau-yüs Geschmack war es dagegen das Beste, immer zusammen zu bleiben, und vor dem Schmerz der Trennung hatte er die größte Angst. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten die Blumen nur immer blühen müssen, und vor ihrem Verwelken, das ihm die Freude verdarb, fürchtete er sich zutiefst. Aber wenn es einmal soweit war, daß man sich trennen mußte und die Blumen verwelkten, konnte er trotz seines tausendfachen Kummers dagegen nichts tun. | Schatzjades Gemüt hingegen war ganz anders beschaffen: Er wünschte sich, immer beisammen zu sein, und fürchtete nichts so sehr wie den Augenblick der Trennung, der ihm Kummer brachte. Die Blumen, so wünschte er, sollten immer blühen, denn vor ihrem Verwelken, das ihm die Freude verdarb, fürchtete er sich zutiefst. Doch wenn es dann soweit war, dass die Festgesellschaft sich auflöste und die Blüten verwelkten, konnte er trotz zehntausendfachen Kummers nichts dagegen tun. |
| So machte es Dai-yü nichts aus, als man heute lustlos auseinanderging, Bau-yü hingegen kehrte bedrückt und bekümmert in seine Räume zurück, wo er in einem fort klagte und seufzte. Dann glitt auch noch Tjing-wën, als sie ihm beim Umziehen behilflich war, aus Unachtsamkeit sein Fächer aus der Hand, fiel auf den Boden, und der Griff brach ab. | So machte es Kajaljade nichts aus, als man heute ohne rechte Lust auseinanderging. Schatzjade hingegen kehrte bedrückt und missmutig in seine Räume zurück und seufzte in einem fort. Da kam auch noch Heitermuster [晴雯], um ihm beim Umziehen zu helfen. Unglücklicherweise entglitt ihr dabei der Fächer, fiel zu Boden, und der Stiel zerbrach. |
| „Du dummes, dummes Ding!“ sagte er mit einem Seufzer. „Wo soll das einmal enden? Wenn du erst eine eigene Familie hast und für alles sorgen mußt, willst du wohl immer noch so unvorsichtig sein, ja?“ | „Dummes, dummes Ding!", seufzte Schatzjade. „Was soll nur aus dir werden? Wenn du eines Tages einen eigenen Haushalt führst und für alles sorgen musst, wirst du dich dann auch noch so unachtsam verhalten?" |
| „Was ist der junge Herr neuerdings so böse!“ sagte Tjing-wën schnippisch. „Bei jeder Gelegenheit muß er gleich ein Gesicht ziehen. Gestern hat sogar Hsi-jën einen Tritt bekommen, und heute werde ich geschulmeistert. Tretet mich doch oder schlagt mich, wenn Ihr wollt! Was ist denn daran Außergewöhnliches, wenn einem ein Fächer aus der Hand fällt? Früher sind sogar wer weiß wieviel Glasschüsseln und Achatschalen zerschlagen worden, ohne daß es Ärger gab, und jetzt regt Ihr Euch wegen eines Fächers auf. Warum nicht gar! Wenn ich Euch über bin, dann schickt mich nur weg und sucht Euch Bessere zu Eurer Bedienung. Wäre es nicht das beste, wir gingen auseinander und trennten uns?“ | Heitermuster erwiderte schnippisch: „Der junge Herr ist in letzter Zeit schrecklich jähzornig geworden. Bei jeder Gelegenheit zieht er ein finsteres Gesicht. Gestern hat sogar Dufthauch einen Fußtritt bekommen, und heute sucht er Streit mit uns. Tretet mich oder schlagt mich, ganz wie Ihr wollt! Dass einem ein Fächer aus der Hand fällt, ist doch das Alltäglichste von der Welt. Früher sind wer weiß wie viele Glasschalen und Achatbecher zu Bruch gegangen, ohne dass es auch nur ein böses Wort gegeben hätte — und jetzt regt Ihr Euch wegen eines Fächers so auf? Wozu die Mühe! Wenn Euch an uns nichts mehr liegt, dann schickt uns weg und sucht Euch Bessere zur Bedienung. Wäre es nicht das Beste, wir gingen in Frieden auseinander?" |
| Über diese Worte geriet Bau-yü so außer sich, daß er vor Wut am ganzen Leib zitterte. „Nur keine Bange!“ stieß er hervor. „Der Tag wird kommen, an dem wir uns trennen!“ | Als Schatzjade diese Worte hörte, zitterte er vor Wut am ganzen Leib und stieß hervor: „Nur keine Bange! Der Tag wird kommen, an dem wir auseinandergehen!" |
| Hsi-jën hatte von draußen alles mit angehört. Jetzt kam sie rasch herein und fragte Bau-yü: „Was ist denn nun schon wieder? Ich habe es ja gesagt – kaum daß ich nicht da bin, passiert etwas!“ | Dufthauch hatte von drüben alles mit angehört. Sie kam rasch herüber und sagte zu Schatzjade: „Was ist denn schon wieder? Habe ich es nicht gesagt: Kaum bin ich einen Moment lang nicht da, passiert schon etwas!" |
| „Wenn deine Worte etwas ausrichten könnten, hättest du schon längst kommen müssen, um dem jungen Herrn den Ärger zu ersparen!“ sagte Tjing-wën höhnisch. „Von altersher hast nur du ihn bedienen dürfen, und ich nicht. Und weil du dich so gut darauf verstehst, hast du gestern einen Tritt vor die Brust bekommen. Wer weiß, wie ich demnächst noch bestraft werde, die ich ihm nicht zu dienen weiß!“ | Heitermuster hörte das und sagte höhnisch: „Wenn du so klug bist, Schwester, hättest du schon längst kommen sollen, um dem jungen Herrn den Ärger zu ersparen. Von alters her hast ja nur du allein ihn bedienen dürfen — wir dagegen haben ihn nie bedient! Und weil du ihn so gut bedienst, hast du gestern einen Tritt vor die Brust bekommen. Wer weiß, was uns erst bevorsteht, die wir nicht zu dienen verstehen!" |
| Ihre Worte machten Hsi-jën empört und verlegen, und schon wollte sie ein paar Sätze darauf erwidern, aber weil sie sah, daß Bau-yü vor Wut ganz fahl im Gesicht war, mußte sie sich notgedrungen beherrschen. Also gab sie Tjing-wën einen Schubs und forderte sie auf: „Geh draußen spazieren, gutes Schwesterchen! Wir waren schuld.“ | Diese Worte machten Dufthauch empört und beschämt zugleich. Schon wollte sie ein paar Sätze darauf erwidern, aber als sie sah, wie Schatzjade vor Wut ganz fahl im Gesicht war, beherrschte sie sich und gab Heitermuster stattdessen einen sanften Schubs: „Geh draußen spazieren, gutes Schwesterchen! Wir waren schuld." |
| Als Tjing-wën hörte, wie Hsi-jën ‚wir‘ sagte, womit sie natürlich sich und Bau-yü meinte, steigerte das ihre Eifersucht noch mehr, und unter Hohngelächter gab sie zurück: „Wer ist denn das – ‚wir‘? Man möchte sich ja schämen für euch! Was ihr heimlich und verstohlen miteinander treibt, könnt ihr vor mir nicht verbergen, und jetzt fängst du gar an, von ‚wir‘ zu reden. Auf offene und anständige Weise hast du‘s nicht einmal bis zum Rang einer Beischläferin gebracht, also bist du nichts Besseres als ich. Wir kannst du da ‚wir‘ sagen?“ | Als Heitermuster hörte, wie Dufthauch „wir" sagte — womit sie natürlich sich und Schatzjade meinte —, steigerte das ihre Eifersucht noch mehr. Unter höhnischem Lachen gab sie zurück: „Ich wüsste gern, wer dieses ‚wir' ist! Macht mich nicht rot vor Scham! Was ihr heimlich und verstohlen miteinander treibt, könnt ihr vor mir nicht verbergen, und nun sagst du auch noch ‚wir'! Mit offenen und ehrlichen Mitteln hast du es nicht einmal zur Nebenfrau [Anm.: 姑娘, hier im Sinne einer offiziellen Konkubine, eine höhere Stellung als eine gewöhnliche Dienerin] gebracht, also bist du nichts Besseres als ich — wie kommst du dazu, ‚wir' zu sagen?" |
| Hsi-jën schämte sich so, daß ihr Gesicht blaurot davon anschwoll, aber sie sah ein, daß sie wirklich etwas Falsches gesagt hatte. | Dufthauch schämte sich so, dass ihr Gesicht blaurot davon anschwoll. Aber sie sah ein, dass sie wirklich etwas Falsches gesagt hatte. |
| „Wenn du so böse bist, lasse ich in der Tat etwas Besseres aus Hsi-jën machen!“ verkündete Bau-yü. | Schatzjade mischte sich ein und sagte: „Wenn du so böse bist, werde ich Dufthauch morgen erst recht in eine höhere Stellung erheben!" |
| Aber rasch zog ihn Hsi-jën an der Hand und sagte: „Sie ist nur ein dummes Ding, warum willst du dich mit ihr streiten? Außerdem warst du sonst immer so großmütig und hast vieles durchgehen lassen, was schlimmer war. Was hast du nur heute?“ | Dufthauch zog Schatzjade hastig an der Hand und sagte: „Sie ist nur ein unvernünftiges Ding, warum willst du dich mit ihr streiten? Außerdem bist du sonst immer großmütig und hast Schlimmeres durchgehen lassen. Was ist nur heute mit dir los?" |
| „So, ein dummes Ding bin ich?“ schaltete Tjing-wën sich wieder ein. „Und du sprichst noch mit mir?“ | Heitermuster höhnte: „So so, ein unvernünftiges Ding bin ich, mit dem es sich nicht lohnt zu sprechen?" |
| „Zankst du eigentlich mit mir oder mit dem jungen Herrn?“ erkundigte sich Hsi-jën. „Wenn du auf mich einen Groll hast, dann sprich nur mit mir und zanke nicht statt dessen mit dem jungen Herrn! Wenn du aber dem jungen Herrn böse bist, dann darfst du nicht so mit ihm zanken, daß es alle Welt hört! Ich hatte es nur gut gemeint, als ich hereinkam, und wollte euch zu eurem eigenen Besten auseinanderbringen, du aber mußtest gleich an meine wunde Stelle rühren, und es ist nicht mehr klar, auf wen du nun böse bist, auf mich oder auf den jungen Herrn. Was willst du eigentlich mit all deinen spitzen Bemerkungen erreichen? Aber mehr sage ich nicht, jetzt kannst du reden!“ Und damit wandte sie sich zum Gehen. | Dufthauch sagte: „Zankst du dich eigentlich mit mir oder mit dem jungen Herrn? Wenn du auf mich einen Groll hast, dann sprich mit mir unter vier Augen, aber zanke nicht in Gegenwart des jungen Herrn! Wenn du aber dem jungen Herrn böse bist, dann darfst du nicht so laut mit ihm zanken, dass es alle Welt hört! Ich habe es nur gut gemeint, als ich hereinkam, und wollte euch zu eurem eigenen Besten zur Vernunft bringen — und du musst mir gleich Vorwürfe machen. Bist du nun auf mich böse oder auf den jungen Herrn? Was willst du mit all deinen spitzen Bemerkungen erreichen? Aber mehr sage ich nicht dazu — red du nur weiter!" Damit wandte sie sich zum Gehen. |
| „Du brauchst dich gar nicht so aufzuregen“, sagte Bau-yü jetzt zu Tjing-wën. „Ich habe schon erraten, was du auf dem Herzen hast, und werde der gnädigen Frau melden, daß du groß bist und freigegeben werden solltest. Einverstanden?“ | Schatzjade sagte nun zu Heitermuster: „Du brauchst dich nicht aufzuregen. Ich habe schon erraten, was du auf dem Herzen hast. Ich werde der gnädigen Frau melden, dass du groß genug bist, um freigelassen zu werden. Einverstanden?" |
| Ohne daß sie es wollte, fühlte sich Tjing-wën durch diese Worte gekränkt und sagte unter Tränen: „Warum denn das? Du kannst mich doch nicht einfach unter einem Vorwand fortschicken, weil du mich nicht mehr magst!“ | Ohne es zu wollen, fühlte sich Heitermuster von diesen Worten getroffen und sagte unter Tränen voller Groll: „Warum soll ich fortgehen? Wenn Euch an mir nichts mehr liegt, dann sucht nur einen Vorwand, mich fortzuschicken — aber das wird Euch nicht gelingen!" |
| „Also dieses Gekeife halte ich nicht aus!“ erklärte Bau-yü. „Wenn du unbedingt fort willst, ist es das beste, ich sage der gnädigen Frau, sie solle dich freigeben.“ Bei diesen Worten stand er auf und wollte hinausgehen. | Schatzjade erwiderte: „Solches Gezänk halte ich nicht aus! Du willst ja offenbar unbedingt fort. Am besten melde ich es gleich der gnädigen Frau, und sie lässt dich gehen." Damit stand er auf und wollte hinausgehen. |
| Aber da wandte sich Hsi-jën wieder um und hielt ihn zurück. „Wohin willst du?“ fragte sie. | Dufthauch wandte sich rasch um und hielt ihn zurück. „Wohin willst du?" fragte sie lächelnd. |
| „Ich will mit der gnädigen Frau sprechen“, erwiderte Bau-yü. | Schatzjade antwortete: „Ich will es der gnädigen Frau melden." |
| „Ach, Unsinn!“ sagte Hsi-jën. „Schämst du dich denn nicht, das melden zu gehen? Selbst wenn sie wirklich fort möchte, solltest du warten, bis dein Zorn verraucht ist, und mit der gnädigen Frau darüber sprechen, wenn sie einmal keine anderen Sorgen hat. Dann ist es immer noch früh genug dafür. Muß nicht die gnädige Frau auf falsche Gedanken kommen, wenn du es ihr jetzt in heller Aufregung meldest und eine Staatsaktion daraus machst?“ | Dufthauch sagte lächelnd: „Das ist doch Unsinn! Wenn du wirklich gehst und das meldest, schämst du dich denn nicht? Selbst wenn sie es ernst meinen sollte mit dem Fortgehen, solltest du warten, bis dein Zorn verraucht ist, und es der gnädigen Frau beiläufig sagen, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Das ist immer noch früh genug. Wenn du es ihr jetzt in heller Aufregung als dringende Angelegenheit meldest, muss die gnädige Frau dann nicht argwöhnisch werden?" |
| „Die gnädige Frau wird bestimmt nicht auf falsche Gedanken kommen“, sagte Bau-yü. „Ich sage ihr klipp und klar, daß Tjing-wën tobt, sie wolle fort.“ | Schatzjade beharrte: „Die gnädige Frau wird bestimmt nicht argwöhnisch werden. Ich sage ihr klipp und klar, dass Heitermuster tobt und fortgehen will." |
| „Wann habe ich denn getobt, ich wolle fort?“ fragte Tjing-wën weinend. „Nicht nur, daß du wütend bist, du legst mir auch noch etwas in den Mund, um mich unter Druck zu setzen! Geh es nur melden! Aber eher renne ich mir den Kopf ein, als daß ich das Haus verlasse!“ | Heitermuster weinte: „Wann habe ich denn je getobt und fortgehen wollen? Nicht genug, dass Ihr wütend seid — Ihr legt mir auch noch Worte in den Mund, um mich unter Druck zu setzen! Geht es nur melden! Eher renne ich mir den Kopf an der Wand ein, als dass ich dieses Haus verlasse!" |
| „Merkwürdig!“ wunderte sich Bau-yü. „Wenn du nicht weg willst, warum tobst du dann? Solchem Gezänk bin ich nicht gewachsen. Das beste ist doch, du kommst fort, und damit Schluß!“ Und er bestand darauf, es melden zu gehen. | Schatzjade sagte: „Das ist doch merkwürdig! Du willst nicht gehen, und trotzdem tobst du so? Ich halte dieses Gezänk nicht aus. Am besten gehst du, dann ist Ruhe!" Und er bestand darauf, es zu melden. |
| Als Hsi-jën erkannte, daß sie ihn nicht daran hindern konnte, blieb ihr kein anderes Mittel, als vor ihm niederzuknien. Bi-hën, Tjiu-wën, Schë-yüä und die übrigen Sklavenmädchen hatten sich während des Streits draußen mucksmäuschenstill verhalten und gelauscht. Als sie jetzt hörten, daß Hsi-jën niederkniete und Bau-yü anflehte, kamen sie alle zusammen herein und warfen sich ebenfalls auf die Knie. | Als Dufthauch erkannte, dass sie ihn nicht zurückhalten konnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als vor ihm niederzuknien. Jadegrün [碧痕], Herbstmuster [秋纹], Moschusmond [麝月] und die übrigen Dienstmädchen hatten sich während des Streits draußen mucksmäuschenstill verhalten und gelauscht. Als sie nun hörten, dass Dufthauch niederkniete und Schatzjade anflehte, kamen sie alle herein und knieten sich ebenfalls nieder. |
| Bau-yü half Hsi-jën rasch auf, dann setzte er sich seufzend aufs Bett und bat die anderen, aufzustehen und wieder hinauszugehen. „Was soll ich nur machen?“ wandte er sich an Hsi-jën. „Es zerreißt mir das Herz, und niemand weiß auch nur davon.“ Unwillkürlich begannen ihm bei diesen Worten die Tränen zu fließen. Als Hsi-jën sah, daß er weinte, mußte sie ebenfalls weinen. Auch Tjing-wën weinte noch immer, aber als sie eben etwas sagen wollte, trat Dai-yü zur Tür herein, und darum ging sie hinaus. | Schatzjade half Dufthauch rasch auf, setzte sich seufzend aufs Bett und hieß die anderen aufzustehen. Dann wandte er sich an Dufthauch: „Was soll ich nur tun? Es zerreißt mir das Herz, und niemand weiß auch nur davon." Unwillkürlich begannen ihm bei diesen Worten die Tränen zu fließen. Als Dufthauch das sah, musste auch sie weinen. |
| „Wie könnt ihr denn heute, an so einem großen Feiertag weinen?“ erkundigte Dai-yü sich lächelnd. „Konntet ihr etwa von den Klebreisklößchen nicht genug bekommen und seid euch deswegen in die Haare geraten?“ | Heitermuster stand weinend daneben und wollte gerade etwas sagen, als Kajaljade zur Tür hereintrat. Da ging sie hinaus. |
| Bau-yü und Hsi-jën mußten lachen, Dai-yü aber fuhr fort: „Wenn mein Vetter es mir nicht sagt, muß ich dich eben danach fragen, dann werde ich es wohl erfahren!“ Sie tätschelte Hsi-jën die Schulter und bat: „Sag es mir, Schwägerin! Bestimmt habt ihr euch gestritten. Sag es mir nur, damit ich zwischen euch schlichten kann!“ | Kajaljade fragte lächelnd: „Wie könnt ihr denn an einem solchen Feiertag weinen? Habt ihr euch etwa um die Reisklöße [Anm.: 粽子, in Bambusblätter gewickelte Klebreisklöße, das traditionelle Essen zum Drachenbootfest] gestritten?" Schatzjade und Dufthauch mussten lachen. |
| „Was ist Euch, Fräulein Lin?“ fragte Hsi-jën und schob sie weg. „Ich bin nur eine Magd, warum müßt Ihr so etwas sagen?“ | Kajaljade fuhr fort: „Wenn mein Vetter es mir nicht sagt, frage ich eben dich, dann werde ich es schon erfahren." Sie tätschelte Dufthauch die Schulter und sagte lächelnd: „Sag mir Bescheid, liebe Schwägerin! Bestimmt habt ihr euch gezankt. Sag es mir nur, damit deine kleine Schwester zwischen euch vermitteln kann." |
| „Du sagst, du seist nur eine Magd, ich aber will dich als Schwägerin betrachten!“ beharrte Dai-yü. | Dufthauch schob sie weg: „Fräulein Lin, was soll das? Ich bin nur ein Dienstmädchen, was redet Ihr da!" |
| „Wozu mußt du ihr einen Spottnamen anhängen? Auf diese Weise wirst du sie noch ins Gerede bringen. Wie soll sie es ertragen, wenn du sie so kränkst?“ fragte Bau-yü. | Kajaljade lachte: „Du sagst, du bist ein Dienstmädchen, aber ich will dich als Schwägerin betrachten!" |
| Und Hsi-jën sagte: „Wie mir ums Herz ist, werdet Ihr nicht erfahren, Fräulein Lin, solange ich lebe. Und wenn ich tot bin, ist es sowieso egal.“ | Schatzjade mischte sich ein: „Warum hängst du ihr solch einen Spottnamen an? Schon jetzt gibt es genug Gerede über sie — und du willst das noch steigern?" |
| „Was andere machen, wenn du stirbst, weiß ich nicht“, sagte Dai-yü lächelnd. „Ich aber werde die erste sein, die sich deswegen zu Tode weint.“ | Dufthauch sagte lächelnd: „Fräulein Lin, Ihr wisst ja nicht, was mir auf dem Herzen liegt — nur wenn mir der letzte Atemzug entweicht, ist es vorbei." |
| „Und ich werde Mönch, wenn du stirbst“, verkündete Bau-yü. | Kajaljade lachte: „Wenn du stirbst, weiß ich nicht, wie es den anderen ergeht, aber ich wäre die Erste, die sich zu Tode weint." |
| „Red nicht so einen Unsinn!“ tadelte Hsi-jën ihn lächelnd. „Wie kannst du nur so etwas sagen!“ | Schatzjade verkündete lachend: „Wenn du stirbst, werde ich Mönch!" |
| Dai-yü aber streckte zwei Finger gegen Bau-yü aus und verzog den Mund zu einem Lächeln. „Jetzt willst du schon zweimal Mönch werden“, sagte sie. „Ich zähle mit, wie oft du es noch sagst!“ | Dufthauch sagte lächelnd: „Sei doch vernünftig! Warum musst du solche Sachen sagen!" |
| Bau-yü begriff, daß sie das Gespräch vom Vortag im Sinn hatte, und so ging er lächelnd darüber hinweg. | Kajaljade streckte zwei Finger aus, verzog den Mund zu einem Lächeln und sagte: „Das wäre dann schon das zweite Mal Mönch werden! Von nun an merke ich mir genau, wie oft du Mönch werden willst!" [Anm.: Schatzjade hatte bereits am Vortag Kajaljade gegenüber geschworen, Mönch zu werden, wenn sie stürbe] |
| Als Dai-yü bald darauf wieder fort war, wurde gemeldet: „Herr Hsüä läßt bitten!“ So hatte Bau-yü keine andere Wahl, als auch fortzugehen. Weil es sich um einen Weinschmaus handelte, konnte er nicht ablehnen und kam erst wieder los, als das Fest zu Ende war. | Schatzjade verstand, dass sie auf das Gespräch vom Vortag anspielte, und ging lächelnd darüber hinweg. |
| Daher war er ziemlich benebelt, als er am Abend zurückkam. Schwankend betrat er sein Gehöft und sah, daß man im Hof schon Bett und Nackenstütze für ihn vorbereitet hatte, damit er sich abkühlen konnte. Auf dem Bett aber hatte sich jemand schlafen gelegt. Bau-yü glaubte nicht anders, als daß es Hsi-jën sei, darum setzte er sich zu ihr, stieß sie an und fragte: „Hat der Schmerz nachgelassen?“ | Nachdem Kajaljade bald darauf gegangen war, wurde gemeldet: „Der junge Herr Schnee [薛蟠, Xue Pan] lässt zum Trinken bitten." So hatte Schatzjade keine Wahl und musste gehen. Es war ein Trinkgelage, dem er sich nicht entziehen konnte, und er kam erst fort, als die Gesellschaft sich auflöste. |
| Da drehte sie sich herum und sagte: „Fängt das schon wieder an?“ Und Bau-yü erkannte, daß es nicht Hsi-jën war, sondern Tjing-wën. Er zog sie zu sich heran, so daß sie neben ihm saß, und warf ihr lächelnd vor: „Du wirst immer empfindlicher! Als dir heute Morgen der Fächer heruntergefallen war und ich dir deswegen Vorhaltungen machte, mußtest du gleich solche Sachen | Am Abend, als er zurückkam, war er schon ziemlich benebelt und schwankte, als er sein Gehöft betrat. Im Hof war bereits ein Ruhebett zur Abkühlung aufgestellt worden, und darauf lag jemand und schlief. Schatzjade hielt sie für Dufthauch, setzte sich auf die Bettkante, stieß sie an und fragte: „Tut es noch sehr weh?" Die Person drehte sich um und sagte: „Warum belästigst du mich schon wieder?" |
| sagen. Daß du mich beschimpft hast, ist nicht das Schlimmste, aber als Hsi-jën in bester Absicht hereinkam und dir zureden wollte, hast du auch sie mit hineingezogen. Überleg selbst, ob das recht war!“ | Da erkannte Schatzjade, dass es nicht Dufthauch war, sondern Heitermuster. Er zog sie zu sich heran, ließ sie neben sich Platz nehmen und sagte lächelnd: „Du wirst wirklich immer empfindlicher! Heute Morgen, als dir der Fächer herunterfiel und ich dir deswegen ein paar Vorhaltungen machte, musstest du gleich solche Sachen sagen. Dass du mich beschimpfst, wäre ja noch zu ertragen, aber als Dufthauch in bester Absicht hereinkam und dir zureden wollte, hast du sie ebenfalls mit hineingezogen. Überleg selbst — war das recht?" |
| „Schrecklich heiß ist es!“ sagte Tjing-wën statt dessen. „Was soll das Herumgezerre? Und was wird, wenn es jemand sieht? Außerdem bin ich es gar nicht wert, hier zu sitzen?“ | Heitermuster entgegnete: „Es ist unerträglich heiß! Was soll dieses Gezerre? Wenn das jemand sieht — wie sieht das aus? Außerdem bin ich es gar nicht wert, hier zu sitzen." |
| „Und wie konntest du dich dann hier schlafen legen?“ fragte Bau-yü lächelnd. | Schatzjade fragte lächelnd: „Wenn du es nicht wert bist, hier zu sitzen — warum hast du dich dann hier schlafen gelegt?" |
| Hierauf wußte Tjing-wën zuerst nichts zu erwidern, dann lachte sie auf und sagte: „Solange du nicht hier warst, ging es an, aber nachdem du hier bist, bin ich dessen nicht würdig. Steh jetzt auf und laß mich baden gehen! Hsi-jën und Schë-yüä haben das Bad schon hinter sich, ich werde ihnen sagen, sie sollen herkommen!“ | Heitermuster wusste darauf keine Antwort, musste dann aber lachen und sagte: „Solange du nicht hier warst, ging es an, aber seit du da bist, bin ich dessen nicht mehr würdig. Steh auf und lass mich baden gehen! Dufthauch und Moschusmond haben bereits gebadet. Ich rufe sie her." |
| „Eben habe ich eine Menge Wein getrunken“, sagte Bau-yü lächelnd. „Ich sollte auch noch einmal baden! Wenn du noch nicht gebadet hast, dann hol Wasser, und wir baden zu zweit!“ | Schatzjade sagte lächelnd: „Eben habe ich eine Menge Wein getrunken, ich müsste auch noch einmal baden. Wenn du noch nicht gebadet hast, dann hol Wasser, und wir baden zusammen!" |
| Lächelnd winkte Tjing-wën ab. „Nein, nein!“ sagte sie, „wie dürfte ich es wagen, den jungen Herrn zu reizen! Ich kann mich noch entsinnen, wie Bi-hën dir beim Baden Gesellschaft leisten mußte. Zwei oder drei Doppelstunden hat das gedauert, und keiner konnte begreifen, was du da treibst. Hineingehen konnten wir auch nicht gut. Als du endlich fertig warst und ich hereinkam, da stand das Zimmer bis an die Beine vom Bett unter Wasser, und selbst auf der Matte war eine Wasserpfütze. Was das nur für ein Bad gewesen sein muß! Wir haben noch tagelang darüber gelacht. | Heitermuster winkte lächelnd ab: „Nein, nein! Ich wage es nicht, den jungen Herrn zu reizen! Wisst Ihr noch, wie Jadegrün Euch beim Baden Gesellschaft leisten musste? Zwei oder drei Doppelstunden hat das gedauert, und niemand wusste, was Ihr da trieb. Hineingehen konnten wir auch nicht gut. Als Ihr dann endlich fertig wart und ich hereinkam, stand das Zimmer bis zu den Bettbeinen unter Wasser, und selbst auf der Schlafmatte waren Pfützen. Was das wohl für ein Bad gewesen sein mag! Wir haben noch tagelang darüber gelacht. Ich habe nicht die Muße, hinterher alles aufzuwischen, und ich brauche auch nicht mit Euch zusammen zu baden. Heute ist es zudem recht kühl, und Ihr habt vorhin schon gebadet, da braucht Ihr kein zweites Bad. Ich gieße Euch eine Schüssel Wasser ein, und Ihr wascht Euch das Gesicht und kämmt Euch durch. Vorhin hat Mandarinenente [鸳鸯] herrliches Obst gebracht, alles steht gekühlt in der Kristallschale. Ich sage den anderen Bescheid, damit Ihr es essen könnt." |
| Jetzt habe ich nicht die Zeit, um hinterher aufzuwischen, und wozu willst du auch mit mir baden? Heute ist es kühl, und du hast schon vorhin ein Bad genommen, da brauchst du nicht noch ein zweites. Ich gieße dir eine Schüssel Wasser ein, und du wäschst dir das Gesicht und kämmst dir die Haare durch. Vorhin hat Yüan-yang Obst gebracht, es liegt gekühlt in der Kristallschale, und ich will den andern Bescheid sagen, damit sie dir beim Essen Gesellschaft leisten!“ | Schatzjade sagte lächelnd: „Wenn das so ist, dann darfst du aber auch nicht baden gehen. Wasch dir nur die Hände und bring das Obst — wir essen es gemeinsam!" |
| „Wenn das so ist, darfst du auch nicht baden gehen“, sagte Bau-yü lächelnd. „Wasch dir nur die Hände, und dann bring das Obst! Wir essen es gemeinsam!“ | Heitermuster erwiderte lächelnd: „So ungeschickt, wie ich bin — ich habe ja sogar den Fächer zerbrochen —, wie sollte ich es wert sein, Obst zu servieren? Wenn ich dazu noch den Teller zerbreche, wäre es vollends aus und vorbei!" |
| „So zappelig, wie ich bin?“ fragte Tjing-wën. „Bin ich denn würdig, mit dir Obst zu essen, nachdem ich den Fächer zerbrochen habe? Nicht auszudenken, wenn ich dabei auch noch den Teller zerschlagen würde!“ | Schatzjade sagte lächelnd: „Wenn dir das Spaß macht, zerschlag ihn nur! Diese Dinge sind doch nur dazu da, dem Menschen zum Gebrauch zu dienen. Du magst sie für das eine, und ich mag sie für das andere — ein jeder nach seinem Geschmack. Der Fächer zum Beispiel ist dazu da, dass man sich Luft damit zufächelt. Doch wenn es dir Freude macht, ihn zu zerreißen, kann er auch dazu dienen. Nur darfst du nicht im Zorn deine Wut daran auslassen. Ebenso mit dem Geschirr: Eigentlich ist es dazu da, etwas hineinzutun. Doch wenn du gern hörst, wie es zerbricht, und es deshalb absichtlich zerschlägst, so kann es auch dazu dienen. Nur darfst du eben nicht im Zorn deine Wut daran auslassen. Das nenne ich wahre Wertschätzung der Dinge." |
| „Wenn dir das Spaß macht, zerschlag ihn nur!“ bot ihr Bau-yü an. „Diese Dinge sind doch nur dazu da, um dem Menschen zum Gebrauch zu | Heitermuster hörte das und sagte lächelnd: „Wenn dem so ist, dann gib mir den Fächer her, damit ich ihn zerreißen kann. Das ist mir das allergrößte Vergnügen!" |
| dienen. Du magst sie hierzu, und ich mag sie dazu – jeder so, wie es seinem Geschmack entspricht. Der Fächer zum Beispiel ist dazu da, daß man sich Luft damit zufächelt. Aber wenn es dir Freude macht, ihn zu zerreißen, kann er auch dazu dienen. Nur darfst du nicht deine Wut daran auslassen, wenn du dich aufgeregt hast. | Schatzjade reichte ihr lächelnd den Fächer. Heitermuster nahm ihn und riss ihn — ratsch! — mitten entzwei. Dann folgten — ratsch, ratsch! — noch mehrere Risse. |
| Oder nimm das Geschirr. Eigentlich ist es dazu da, um etwas hineinzutun. Aber wenn du gern hörst, wie es zerbricht, und zerschlägst es deshalb absichtlich, kann es auch dazu dienen. Nur darfst du eben nicht deine Wut daran auslassen, wenn du dich aufgeregt hast. Das heißt Liebe zu den Dingen.“ | Schatzjade lachte und rief: „Das klingt gut! Reiß ihn lauter!" |
| Lächelnd verlangte Tjing-wën: „Dann gib mir den Fächer, damit ich ihn zerreiße! Das ist mir der größte Spaß!“ | In diesem Augenblick kam Moschusmond [麝月] herbei und mahnte lächelnd: „Treibt nicht solchen sündhaften Unfug!" |
| Lächelnd reichte ihr Bau-yü den Fächer, Tjing-wën nahm ihn wirklich, riß ihn, ratsch! mittendurch und dann die Stücke noch ein paarmal ritsch, ratsch! weiter. | Schatzjade eilte auf sie zu, riss ihr den Fächer aus der Hand und reichte ihn Heitermuster. Heitermuster nahm auch diesen und zerriss ihn in mehrere Stücke. Beide brachen in lautes Gelächter aus. |
| „Gut klingt das!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Versuch mal, ob es noch lauter geht!“ | Moschusmond fragte: „Was soll das? Meine Sachen nehmt ihr, um euch darüber zu amüsieren?" |
| Da kam eben Schë-yüä gegangen und mahnte lächelnd: „Müßt ihr solchen sündhaften Unfug treiben?“ | Schatzjade sagte lächelnd: „Geh an den Fächerkasten und such dir einen aus! Was ist so ein Ding schon wert!" |
| Rasch trat Bau-yü auf sie zu, nahm ihr ihren Fächer aus der Hand und gab ihn Tjing-wën, die ihn kurz und klein fetzte. Dann brachen sie beide in lautes Lachen aus. | Moschusmond erwiderte: „Wenn dem so ist, dann solltest du gleich den ganzen Kasten herausschaffen lassen, damit sie nach Herzenslust zerreißen kann — wäre das nicht das Beste?" |
| „Was soll denn das?“ fragte Schë-yüä. „Wie könnt ihr, nur um euch zu belustigen, meine Sachen zerreißen?“ | Schatzjade sagte lächelnd: „Dann schaff ihn her!" |
| „Geh an den Fächerkasten und such dir einen Fächer aus!“ forderte Bau-yü sie auf. „Was ist so ein Fächer schon wert!“ | Moschusmond entgegnete: „Ich versündige mich nicht daran! Und sie hat sich ja wohl nicht die Hand gebrochen — soll sie ihn doch selbst holen!" |
| „Dann wäre es wohl das Beste, den Fächerkasten herzuholen, damit sie zerreißt, soviel sie nur kann!“ höhnte Schë-yüä. | Heitermuster lehnte sich lächelnd auf dem Bett zurück und sagte: „Jetzt bin ich müde. Morgen zerreißen wir weiter!" |
| „So hol ihn her!“ befahl Bau-yü. | Schatzjade sagte lächelnd: „Schon die Alten sagten: ‚Für tausend Goldstücke lässt sich ein Lachen schwerlich erkaufen' [Anm.: 千金难买一笑, ein bekanntes Sprichwort]. Was können ein paar Fächer schon wert sein!" Während er noch sprach, rief er nach Dufthauch. |
| „Nein!“ sagte Schë-yüä. „Ich versündige mich nicht! Und sie hat sich schließlich nicht die Hand gebrochen, soll sie ihn selber holen!“ | Dufthauch, die sich gerade frisch umgezogen hatte, kam heraus. Das kleine Dienstmädchen Jiahui [佳蕙] räumte die Reste der zerrissenen Fächer auf, und dann genoss die Gesellschaft die Abendkühle. Doch davon soll nicht weiter die Rede sein. |
| Lächelnd lehnte Tjing-wën sich auf dem Bett zurück und sagte: „Jetzt bin ich müde, reißen wir morgen weiter!“ | Am nächsten Tag, gegen Mittag, saßen Frau Wang, Schatzspange, Kajaljade und die Schwestern des Hauses gerade im Zimmer der Herzoginmutter, als gemeldet wurde: „Das gnädige Fräulein Shi ist eingetroffen!" |
| „‚Selbst für tausend Liang Silber‘,sagten die Alten, ‚läßt sich ein Lachen schwerlich erkaufen‘“, bemerkte Bau-yü. „Was können so ein paar Fächer schon kosten!“ Dann rief er nach Hsi-jën. | Kurz darauf sahen sie auch schon Wolkenschwinge [史湘云] in Begleitung zahlreicher Dienstmädchen und Ammen in den Hof treten. Schatzspange, Kajaljade und die anderen eilten ihr bis zum Fuß der Treppe entgegen, um sie zu begrüßen. Die Freude junger Mädchen, die einander seit Monaten nicht gesehen hatten und nun wieder zusammenkamen, braucht nicht eigens beschrieben zu werden. |
| Hsi-jën, die sich eben umgezogen hatte, kam heraus. Das Sklavenmädchen Djia-huee mußte die Reste der Fächer auflesen, und dann genossen alle die Abendkühle. Aber das muß nicht näher beschrieben werden. | Bald traten sie ins Zimmer, wo Wolkenschwinge allen ihren Gruß entbot und sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigte. Nachdem alle begrüßt waren, sagte die Herzoginmutter: „Es ist heiß. Zieh doch dein Überkleid aus!" |
| Als am nächsten Tag um die Mittagszeit Dame Wang, Bau-tschai, Dai-yü und die Töchter des Hauses eben bei der Herzoginmutter im Zimmer saßen, wurde gemeldet: „Fräulein Schï ist gekommen!“ | Sofort stand Wolkenschwinge auf und legte ihr Obergewand ab. |
| Nur wenig später sahen sie wirklich, wie Hsiang-yün in Begleitung zahlreicher Sklavenmädchen und -frauen in den Hof trat. Bau-tschai, Dai-yü und die anderen Mädchen gingen ihr bis zum Fuße der Plattform entgegen, wo sie sich gegenseitig begrüßten. Die Freude der jungen Mädchen, die einander monatelang nicht gesehen hatten, kann man sich denken. Bald darauf traten sie ins Zimmer, wo Hsiang-yün ihren Gruß entbot und Gesundheit wünschte. Nachdem sie alle begrüßt hatte, forderte die Herzoginmutter sie auf: „Der Tag ist heiß, leg doch dein Überkleid ab!“ | Frau Wang fragte lächelnd: „Wozu hast du dich nur so dick angezogen?" |
| Sofort stand Hsiang-yün wieder auf und zog es aus. | Wolkenschwinge antwortete lächelnd: „Die zweite Tante hat es so angeordnet — wer würde sich freiwillig so viel anziehen!" |
| „Warum hast du dich nur so dick angezogen?“ erkundigte Dame Wang sich lächelnd. | Schatzspange bemerkte lächelnd von der Seite: „Die Tante weiß ja nicht, wie gern unsere Wolkenschwinge es hat, anderer Leute Kleider zu tragen! Erinnert Ihr Euch noch, wie sie vorigen Frühling im dritten oder vierten Monat bei uns wohnte? Da hat sie sich Schatzjades Robe angezogen, seine Stiefel und sogar seine Stirnbinde. Auf den ersten Blick sah sie genau aus wie Schatzjade — nur dass zwei Ohrgehänge zu viel waren. Sie stellte sich hinter jenen Stuhl dort, und die ehrwürdige Ahnin, völlig getäuscht, rief: ‚Schatzjade, komm her! Pass auf, dass dir der Staub von den Lampenquasten in die Augen fällt!' Wolkenschwinge aber lachte nur und blieb stehen. Als wir uns das Lachen nicht mehr verbeißen konnten, lachte die ehrwürdige Ahnin ebenfalls und sagte: ‚Du siehst wirklich gut aus in Männerkleidern!'" |
| „Das hat die zweite Tante so angeordnet“, gab Hsiang-yün Auskunft. „Wer zieht sich schon freiwillig so viel an!“ | Kajaljade ergänzte: „Das ist noch gar nichts! Im Jahr davor, im ersten Monat, war sie zu uns geholt worden und kaum zwei Tage hier, als es zu schneien anfing. Die ehrwürdige Ahnin und die Frau Tante hatten wohl gerade ihre Verneigung vor den Ahnenporträts gemacht, und ein nagelneuer Umhang der Herzoginmutter aus dunkelrotem Orang-Utan-Filz [Anm.: 猩猩毡, ein besonders kostbarer, leuchtend roter Wollfilz] lag noch da. Ehe man sich versah, hatte sich Wolkenschwinge den Umhang umgeworfen — viel zu weit und zu lang —, mit einem Schweißtuch um die Taille gegürtet und war mit den Dienstmädchen in den Hinterhof gerannt, um einen Schneemann zu bauen. Dabei stürzte sie am Graben der Länge nach hin und war von Kopf bis Fuß mit Schlamm beschmutzt." Alle lachten bei der Erinnerung an diese Begebenheit. |
| Lächelnd mischte Bau-tschai sich ein. „Ihr wißt ja nicht, Tante“, sagte sie, „daß es für Kusine Hsiang-yün keinen größeren Spaß gibt, als sich anderer Leute Kleider anzuziehen. Ich weiß noch, wie sie voriges Jahr im dritten oder vierten Monat hier war und sich die Robe von Vetter Bau-yü angezogen hat und auch seine Stiefel. Dann hat sie noch seine Stirnbinde umgemacht, und auf den ersten Blick sah sie aus wie Vetter Bau-yü, nur daß die Ohrgehänge zuviel waren. | Schatzspange wandte sich lächelnd an die Amme Zhou: „Mutter Zhou, ist das Fräulein immer noch so unartig?" |
| Dann hat sie sich dort hinter den Stuhl gestellt und die alte gnädige Frau zum Narren gehalten. ‚Komm hierher!‘ hat die alte gnädige Frau prompt gerufen. ‚Sonst bekommst du von den Troddeln der Deckenlampe Staub in die Augen, der dich blendet!‘ Kusine Hsiang-yün aber lachte nur und blieb dort stehen. Als wir andern uns das Lachen nicht mehr verbeißen konnten, hat die alte gnädige Frau auch darüber gelacht und gesagt: ‚Gut siehst du aus in Männerkleidern!‘“ | Amme Zhou musste ebenfalls lachen. |
| „Das war ja noch gar nichts!“ sagte Dai-yü. „Als sie im Jahr davor im ersten Monat zu uns geholt worden war, hat es nach kaum zwei Tagen geschneit. Die alte gnädige Frau und die Frau Tante hatten wohl eben vor den Ahnenbildern ihren Stirnaufschlag vollzogen, und hier lag ein neuer Umhang der alten gnädigen Frau aus dunkelrotem Filz. Den hat Kusine Hsiang-yün sich umgelegt, ohne daß es jemand bemerkte, und weil er ihr zu weit und zu lang war, hat sie ihn mit einer Leibbinde hochgebunden. Dann wollte sie mit den Mägden zusammen im Hinterhof einen Schneemann bauen gehen, hat sich aber unterwegs mit den Füßen im Umhang verheddert und ist am Wassergraben der Länge lang hingefallen. Sie war über und über mit Schlamm bedeckt.“ | Willkommenfrühling sagte lächelnd: „Ihre Ungezogenheiten wären ja noch zu ertragen — was mich stört, ist ihre Schwatzhaftigkeit! Hat man so etwas gesehen? Sogar wenn sie schon im Bett liegt, plappert und kichert sie noch ununterbrochen. Ich wüsste zu gern, woher sie all die Worte nimmt!" |
| Alles lachte in Erinnerung an diesen Vorfall, und Bau-tschai wandte sich lachend zu Amme Dschou. „Mutter Dschou“, fragte sie, „ist das Fräulein jetzt immer noch so unartig?“ Da mußte auch Amme Dschou lachen. | Frau Wang bemerkte: „Inzwischen wird sie sich wohl bessern müssen. Neulich kam jemand, sie sich anzusehen [Anm.: ein Heiratskandidat bzw. dessen Familie], und es sieht so aus, als hätte sie bald einen Schwiegervater — da wird sie sich anders benehmen müssen." |
| Lächelnd nahm jetzt Ying-tschun das Wort. „Ihre Ungezogenheiten sind nicht das Schlimmste“, sagte sie, „was ich ihr übelnehme ist, daß sie gern schwatzt. Hat man so etwas schon gesehen? Sogar im Schlaf muß sie noch lachen und reden. Ich möchte wissen, was sie so viel zu reden hat!“ | Die Herzoginmutter fragte: „Bleibst du über Nacht, oder fährst du wieder nach Hause?" |
| „Jetzt wird sie sich wohl bessern“, sagte Dame Wang. „Neulich wurde ihre Verlobung ausgesprochen, und nachdem sie erst Schwiegereltern hat, wird sie sich auch anders benehmen müssen.“ | Amme Zhou antwortete lächelnd: „Hat die ehrwürdige Ahnin nicht bemerkt, dass wir Garderobe mitgebracht haben? Natürlich bleiben wir ein paar Tage!" |
| „Bleibst du, oder fährst du wieder nach Hause?“ erkundigte sich nun die Herzoginmutter. | Wolkenschwinge fragte: „Ist Vetter Schatzjade nicht zu Hause?" |
| „Ihr habt es nicht gesehen, alte gnädige Frau“, sagte Amme Dschou lächelnd. „Wir sind ja mit Garderobe hier, da werden wir auch ein paar Tage bleiben.“ | Schatzspange sagte lächelnd: „An niemanden denkt sie als an Vetter Schatzjade. Die beiden sind genauso albern wie eh und je — man sieht, sie hat ihre Kindereien immer noch nicht abgelegt." |
| „Ist Vetter Bau-yü nicht zu Hause?“ fragte Hsiang-yün. | Die Herzoginmutter mischte sich ein: „Ihr seid jetzt alle groß. Hört auf, euch mit den Kindheitsnamen anzureden!" |
| „An niemand denkt sie als an Vetter Bau-yü“, sagte Bau-tschai. „Sie sind alle beide genauso albern, und man sieht daran, daß sie ihre Ungezogenheit noch nicht abgelegt hat.“ | In diesem Moment trat Schatzjade herein und rief lächelnd: „Kusine Wolkenschwinge ist da! Wie kommt es, dass du neulich nicht gekommen bist, als wir jemanden schickten, dich zu holen?" |
| „Ihr seid jetzt schon groß“, schaltete die Herzoginmutter sich ein, „da solltet ihr nicht mehr eure Kindheitsnamen gebrauchen!“ | Frau Wang tadelte: „Eben erst hat die ehrwürdige Ahnin davon gesprochen, und nun kommt er schon wieder und redet sie beim Vornamen an!" |
| Im selben Moment trat Bau-yü in den Raum und rief freudestrahlend: „Kusine Hsiang-yün! Warum bist du nicht gekommen, als wir dich holen lassen wollten?“ | Kajaljade sagte: „Dein Vetter hat etwas Schönes für dich aufgehoben — er wartet auf dich!" |
| „Eben erst hat die alte gnädige Frau davon gesprochen“, klagte Dame Wang, „und nun kommt er und redet sie wieder mit Namen an!“ | Wolkenschwinge fragte: „Was für etwas Schönes?" |
| „Der Vetter hat etwas Schönes für dich!“ verkündete Dai-yü inzwischen. | Schatzjade sagte lächelnd: „Glaub ihr kein Wort! Wir haben uns eine Weile nicht gesehen — du bist noch einmal gewachsen." |
| „Was ist es denn?“ wollte Hsiang-yün wissen. | Wolkenschwinge erkundigte sich lächelnd: „Wie geht es der Schwester Dufthauch?" |
| „Glaub ihr kein Wort!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Du bist in der Zeit, die wir uns nicht gesehen haben, noch größer geworden.“ | Schatzjade antwortete: „Danke, dass du an sie denkst." |
| „Wie geht es Schwester Hsi-jën?“ erkundigte sich Hsiang-yün. | Wolkenschwinge sagte: „Ich habe ihr etwas Hübsches mitgebracht." Dabei holte sie ein Taschentuch hervor, das zu einem Knoten geschnürt war. |
| „Danke für die Nachfrage!“ erwiderte Bau-yü. | Schatzjade meinte: „Statt solcher Sachen hättest du ihr besser zwei von den Karneolringen mitbringen sollen, die du neulich geschickt hast." |
| „Ich habe etwas für sie mitgebracht“, fuhr Hsiang-yün fort und holte ein Taschentuch hervor, das zu einem Knoten gebunden war. | Wolkenschwinge fragte lächelnd: „Was glaubst du wohl, was das hier ist?" Und damit knotete sie das Tuch auf. Alle sahen, dass es tatsächlich vier Karneolringe [Anm.: 绛纹石戒指, Ringe aus rotgemustertem Halbedelstein] waren, wie Wolkenschwinge sie schon zuvor geschickt hatte. |
| „Was wird das schon sein!“ sagte Bau-yü. „Du hättest ihr besser zwei solcher Karneolringe mitbringen sollen, wie du neulich welche geschickt hast!“ | Kajaljade bemerkte lächelnd: „Seht euch ihre Idee an! Beim letzten Mal hast du uns ohnehin welche geschickt — hättest du die für die Dienstmädchen nicht gleich beilegen können? Wäre das nicht einfacher gewesen? Jetzt kommst du eigens selbst damit an, und ich dachte schon, es sei etwas ganz Besonderes — und dabei sind es nur wieder diese Ringe! Du bist wirklich eine Närrin!" |
| „Und was ist das?“ fragte Hsiang-yün lächelnd und knotete das Taschentuch auf. Da sahen alle, daß es in der Tat vier Karneolringe waren, wie Hsiang-yün sie schon letztens geschickt hatte. | Wolkenschwinge erwiderte lächelnd: „Du bist die Närrin! Ich will es euch erklären, und dann entscheidet, wer die Närrin ist! Wenn ich euch Geschenke schicke, braucht der Bote nichts zu sagen — er bringt sie herein, und sofort weiß man, dass sie für die Fräulein bestimmt sind. Wenn ich ihm aber auch die Sachen für die Dienstmädchen mitgebe, muss ich ihm erst einzeln erklären: ‚Dies ist für jenes Mädchen, und das ist für dieses.' Ist der Bote aufgeweckt, mag das gehen, aber ein etwas dümmlicher merkt sich die Namen der Mädchen nicht einmal und bringt alles durcheinander — am Ende sogar eure eigenen Geschenke! Wenn ich eine Frau schicken könnte, die sich auskennt, ginge es vielleicht noch an, aber neulich musste ich einen Burschen schicken — wie hätte der die Namen der Mädchen aussprechen sollen? Da war es doch am saubersten, sie selbst mitzubringen!" |
| Lächelnd bemerkte Dai-yü: „Schaut euch an, was sie sich ausgedacht hat! – Voriges Mal, als du uns welche schicktest, hättest du die für sie doch gleich mitgeben können. Wäre das nicht einfacher gewesen? Jetzt kommst du extra selber damit an, und ich dachte schon, du hättest irgend etwas ganz Außergewöhnliches, dabei sind es nur noch einmal solche Ringe. Du bist wirklich ein Dummkopf!“ | Damit legte sie die vier Ringe hin und erklärte: „Einer für Schwester Dufthauch, einer für Schwester Mandarinenente [鸳鸯], einer für Schwester Goldreif [金钏儿] und einer für Schwester Friedchen [平儿]. Ob wohl ein Bursche sich diese vier Namen richtig hätte merken können?" |
| „Du bist ein Dummkopf!“ gab Hsiang-yün lächelnd zurück. „Ich werde es erklären, und dann sollen die andern entscheiden, wer dumm ist! Als ihr die Geschenke bekamt, sandte ich sie durch einen Boten, und damit war ohne jede Erläuterung klar, daß sie für die Fräulein bestimmt waren. Hätte ich dem Boten die übrigen Sachen auch mitgegeben, dann hätte ich ihn vorher instruieren müssen, das ist für dieses Mädchen, und dies ist für jenes. | Alle sagten lachend: „Das ist wirklich klug durchdacht!" |
| Bei einem aufgeweckten Boten geht so etwas noch an, er braucht aber nur ein bißchen dümmlich zu sein, und schon kann er sich die Namen der Mädchen nicht merken und macht den größten Unsinn daraus. So einer würde selbst die Geschenke für euch noch durcheinanderbringen. Wenn ich eine Frau schicken kann, die sich auskennt, geht es wohl auch in Ordnung, aber letztens mußte ich einen Knaben schicken, und was hätte der mit den Namen der Mädchen anzufangen gewußt! War es da nicht sicherer, daß ich die Ringe selber mitbringe?“ | Schatzjade sagte lächelnd: „Redegewandt wie immer — niemandem gibt sie etwas nach!" |
| Damit legte sie die Ringe hin und fuhr dann fort: „Einer ist für Schwester Hsi-jën, einer für Schwester Yüan-yang, einer für Schwester Djin-tschuan und einer für Schwester Ping-örl. Hätte wohl eine Knabe diese vier Namen richtig behalten können?“ | Kajaljade hörte das und bemerkte kühl: „Selbst wenn sie nicht reden könnte — ihr goldenes Einhorn [Anm.: 金麒麟, ein goldenes Fabeltier-Amulett, das hier andeutet, dass Wolkenschwinge über ein Gegenstück zu Schatzjades eigenem goldenen Einhorn verfügt — ein Hinweis auf eine schicksalhafte Verbindung] spricht schon genug!" Mit diesen Worten stand sie auf und ging hinaus. |
| Alle bestätigten lächelnd: „Das ist wirklich vernünftig gedacht!“ Und Bau-yü ergänzte: „Redegewandt ist sie wie eh und je, niemandem gibt sie etwas nach!“ | Zum Glück hatte es niemand sonst gehört, nur Schatzspange verzog lächelnd den Mund. Schatzjade, dem nach Kajaljades Bemerkung klar wurde, dass er schon wieder etwas Falsches gesagt hatte, bemerkte Schatzspanges Lächeln und musste unwillkürlich selbst lächeln. Als Schatzspange sah, dass er lächelte, stand sie eilig auf und ging ebenfalls nach draußen, um Kajaljade zu suchen und mit ihr zu plaudern. |
| Worauf Dai-yü spitz erwiderte: „Ja, aber auch wenn sie nicht zu reden verstünde, sagt ihr goldenes Einhorn schon genug!“ Damit stand sie auf und ging hinaus. | Die Herzoginmutter sagte zu Wolkenschwinge: „Trink erst deinen Tee und ruh dich ein wenig aus, dann geh deine Schwägerinnen besuchen! Im Garten ist es kühler — du kannst mit deinen Kusinen spazieren gehen." |
| Glücklicherweise hatte es sonst niemand gehört, nur Bau-tschai verzog lächelnd den Mund. Und als Bau-yü, der nach Dai-yüs Bemerkung bereute, wieder einmal etwas Falsches gesagt zu haben, dieses Lächeln gewahr wurde, lächelte er unwillkürlich zurück. Doch als Bau-tschai ihn lächeln sah, stand sie hastig auf und ging ebenfalls nach draußen, wo sie Dai-yü suchte, um mit ihr zu sprechen. | Wolkenschwinge sagte ja, wickelte drei der Ringe wieder ein, ruhte sich eine Weile aus und stand dann auf, um Phönixglanz und die anderen zu besuchen. Alle ihre Ammen und Dienstmädchen begleiteten sie. |
| „Ruh dich ein wenig aus, wenn du den Tee getrunken hast, und sieh dann nach deinen Schwägerinnen!“ sagte die Herzoginmutter jetzt zu Hsiang-yün. „Im Garten ist es kühler, dort kannst du mit deinen Kusinen spazieren gehen!“ | Bei Phönixglanz schwatzte und lachte sie eine Zeitlang, dann ging sie in den Garten des Großartigen Anblicks hinüber, suchte Li Schleierfrau [李纨] auf, saß ein Weilchen bei ihr und wandte sich dann zum Hof der Roten Freude, um Dufthauch zu besuchen. Unterwegs rief sie ihrem Gefolge zu: „Ihr braucht nicht alle mitzukommen! Geht nur zu euren Freundinnen und Verwandten. Smaragdgrün [翠缕] bleibt bei mir, das genügt." |
| Hsiang-yün sagte: „Jawohl!“, wickelte drei von den Ringen wieder ein, und nachdem sie sich ein wenig verschnauft hatte, stand sie auf, um Hsi-fëng und die anderen aufzusuchen. Alle ihre Ammen und Sklavenmädchen gingen mit. | Die Dienerinnen gingen daraufhin ihrer Wege, um Bekannte und Angehörige aufzusuchen, und bald waren nur noch Wolkenschwinge und Smaragdgrün übrig. |
| Mit Hsi-fëng lachte und schwatzte Hsiang-yün ein Weilchen, dann ging sie in den Garten des Großen Anblicks hinüber. Nachdem sie dort erst Li Wan begrüßt und für einen Moment bei ihr gesessen hatte, schlug sie den Weg zum Hof der Freude am Roten ein, wo sie Hsi-jën besuchen wollte. Sie wandte den Kopf und befahl: „Ihr andern braucht nicht mitzukommen, geht nur zu euren Freundinnen und Angehörigen! Es reicht, wenn Tsuee-lü bei mir bleibt, um mir aufzuwarten.“ | Smaragdgrün fragte: „Warum blühen die Lotosblumen noch nicht?" |
| Nach dieser Aufforderung ging jede ihres Weges, um Tante oder Schwägerin zu besuchen, und schon war Hsiang-yün mit Tsuee-lü allein. Da sagte Tsuee-lü: „Wie kommt es, daß die Lotosblumen noch nicht blühen?“ | Wolkenschwinge antwortete: „Die Zeit ist noch nicht reif." |
| „Die Zeit ist noch nicht heran“, antwortete Hsiang-yün. | Smaragdgrün fragte weiter: „Haben sie auch gefüllte Blüten wie die in unserem Teich?" |
| „Und haben sie auch gefüllte Blüten wie die Lotosblumen bei uns im Teich?“ fragte Tsuee-lü weiter. | Wolkenschwinge sagte: „Die hier können sich mit unseren nicht messen." |
| „Nein“, sagte Hsiang-yün, „bei uns sind sie schöner als hier.“ | Smaragdgrün meinte: „Aber dort drüben steht ein Granatapfelbaum, bei dem vier oder fünf Zweige nebeneinander doppelt und dreifach übereinander blühen — so üppig, dass man es dem Baum gar nicht zutrauen würde!" |
| „Aber dort steht ein Granatapfelbaum, bei dem die Blüten an vier oder fünf Zweigen nebeneinander sogar doppelt gefüllt sind. Darauf könnte man schon neidisch werden“, fuhr Tsuee-lü fort. | Wolkenschwinge sagte: „Bei Pflanzen ist es wie bei den Menschen: Wenn die Lebenskraft kräftig und die Adern voll sind, wachsen sie eben gut." |
| „Mit den Pflanzen ist es wie mit den Menschen“, sagte Hsiang-yün. „Wenn sie über üppige Lebenskraft und kräftige Adern verfügen, dann wachsen sie auch gut.“ | Smaragdgrün wandte das Gesicht ab und sagte: „Das glaube ich nicht. Wenn es bei Pflanzen so sein soll wie bei Menschen — warum habe ich dann noch nie einen Menschen gesehen, dem ein zweiter Kopf aus dem Kopf wächst?" |
| „Das glaube ich nicht!“ gab Tsuee-lü zurück und wandte sich dabei zu ihr um. „Wenn es bei den Menschen genauso sein soll, warum habe ich dann noch keinen Menschen mit doppeltem Kopf gesehen?“ | Wolkenschwinge musste unwillkürlich lachen und sagte: „Sage ich nicht immer, du solltest lieber den Mund halten? Aber du musst ja ständig reden. Wie soll ich darauf antworten? Alle Dinge zwischen Himmel und Erde entstehen durch die beiden Urkräfte Yin und Yang [Anm.: 阴阳, das dualistische Grundprinzip der chinesischen Naturphilosophie]. Ob etwas normal oder abnorm, gewöhnlich oder seltsam, und wie es sich in tausendfacher Vielfalt formt und wandelt — all das kommt durch das Zusammenspiel von Yin und Yang zustande. Was selten vorkommt und man nicht oft zu sehen bekommt, das ist eben ungewöhnlich — aber das zugrunde liegende Prinzip bleibt dasselbe." |
| Hsiang-yün mußte lachen, dann erwiderte sie: „Sage ich nicht immer, du tätest besser daran zu schweigen? Aber du tust natürlich nichts so gern wie schwatzen. Wie soll ich dir darauf antworten? Alle Dinge zwischen Himmel und Erde entstehen, weil ihnen die beiden Urkräfte yin und yang innewohnen. Ob etwas normal ist oder abnorm, selten oder absonderlich, und wie sich alles | Smaragdgrün fragte: „Dann war also von der Erschaffung der Welt bis heute, seit Himmel und Erde getrennt wurden, alles Yin und Yang?" |
| formt und verwandelt, kommt dadurch zustande, ob und in welchem Maße yin und yang günstig oder ungünstig wirken. Was man nicht oft zu sehen bekommt, das ist selten, aber das Prinzip bleibt doch dasselbe.“ | Wolkenschwinge sagte lächelnd: „Du dummes Ding! Je mehr du redest, desto größerer Unsinn kommt heraus. Was soll das heißen, ‚alles Yin und Yang'? Als gäbe es etwa irgendwo ein Yin und irgendwo ein Yang als getrennte Dinge! ‚Yin' und ‚Yang' sind im Grunde nur ein einziges Prinzip: Wenn sich das Yang erschöpft, wird es zum Yin, und wenn sich das Yin erschöpft, wird es zum Yang. Es ist nicht so, dass aus dem erschöpften Yang ein neues Yin geboren würde oder aus dem erschöpften Yin ein neues Yang." |
| „Dann war also von alters her bis heute und seit der Entstehung von Himmel und Erde alles yin und yang?“ erkundigte sich Tsuee-lü. | Smaragdgrün klagte: „Da werde ich ja noch ganz wirr im Kopf! Was ist denn dieses Yin und Yang, das weder Gestalt noch Form hat? Ich will nur wissen, Fräulein: Wie sieht es denn aus, dieses Yin und Yang?" |
| „Dummes Ding!“ sagte Hsiang-yün. „Je mehr du schwatzt, desto größer wird der Unsinn. Was soll denn das heißen‚ ‚alles yin und yang‘? Gibt es vielleicht ein yin und ein yang? Das yin und yang ist eins. So, wie sich das yang erschöpft, erstarkt das yin, und so, wie sich das yin erschöpft, erstarkt das yang, nicht daß ein yin entsteht, wenn das yang verbraucht ist, und ein yang entsteht, wenn das yin verbraucht ist.“ | Wolkenschwinge erklärte: „Wie soll es schon aussehen? Es ist nichts als ein Hauch von Urkraft — erst wenn es einem Ding innewohnt, nimmt es Gestalt an. Der Himmel zum Beispiel ist Yang, die Erde ist Yin. Das Wasser ist Yin, das Feuer ist Yang. Die Sonne ist Yang, der Mond ist Yin." |
| „Es bringt mich um, so verworren ist das“, klagte Tsuee-lü. „Was ist das für ein yin und yang ohne Form und Gestalt? Ich will ja nur von Euch wissen, wie es aussieht, dieses yin und yang.“ | Smaragdgrün sagte erfreut: „Jetzt verstehe ich es! Kein Wunder, dass man die Sonne ‚das Große Yang' [Anm.: 太阳, tàiyáng] nennt und die Wahrsager den Mond ‚Großer-Yin-Stern' [Anm.: 太阴星, tàiyīn xīng] — daher kommt das also!" |
| „Wie soll es denn aussehen?“ sagte Hsiang-yün. „Es ist doch nicht mehr als die Urkraft, und erst wenn es einem Ding innewohnt, nimmt es Gestalt an. Der Himmel zum Beispiel ist yang, die Erde ist yin. Die Sonne ist yang, der Mond ist yin.“ | Wolkenschwinge sagte lächelnd: „Amitabha-Buddha! Endlich hast du es begriffen!" |
| „Richtig, richtig! Jetzt wird es mir klar“, sagte Tsuee-lü. „Kein Wunder, daß man die Sonne als ‚das große yang‘ bezeichnet und daß die Wahrsager den Mond ‚großer yin-Stern‘ nennen. Daher kommt das also!“ | Smaragdgrün fragte weiter: „Wenn diese großen Dinge Yin und Yang haben, haben dann etwa auch Mücken und Flöhe und kleine Mücklein, Blumen und Gräser, Dachziegel und Backsteine Yin und Yang?" |
| „Buddha Amitabha!“ sagte Hsiang-yün lächelnd, „endlich hast du es verstanden!“ | Wolkenschwinge antwortete: „Wie sollte es etwas ohne Yin und Yang geben? Selbst die Blätter an einem Baum haben ihr Yin und Yang: Die Oberseite, die dem Licht zugewandt ist, ist Yang, und die Unterseite, die im Schatten liegt, ist Yin." |
| „Wenn diese großen Dinge das yin und yang haben, haben dann etwa auch Mücken, Flöhe und Gnitzen, Blumen und Gräser, Dachziegel und Mauersteine das yin und yang?“ fragte Tsuee-lü. | Smaragdgrün nickte lächelnd: „So ist das also! Jetzt begreife ich es! Aber der Fächer, den wir in der Hand halten — was daran ist Yang, und was ist Yin?" |
| „Wie könnten sie es nicht haben?“ erwiderte Hsiang-yün. „Auch die Blätter an den Bäumen haben zum Beispiel ihr yin und yang. Die Oberseite, die dem Licht zugewandt ist, ist yang, und die Unterseite, die im Schatten liegt, ist yin.“ | Wolkenschwinge sagte: „Die Vorderseite ist Yang, und die Rückseite ist Yin." |
| Tsuee-lü nickte dazu lächelnd und sagte: „Das kann ich begreifen, aber wo ist bei den Fächern, die wir in den Händen halten, yin und yang?“ | Smaragdgrün nickte wieder lächelnd. Sie wollte noch nach anderen Dingen fragen, aber es fiel ihr nichts ein. Plötzlich senkte sie den Blick und erblickte das goldene Einhorn [麒麟], das Wolkenschwinge an ihrem Palastgürtel [Anm.: 宫绦, ein geflochtenes Seidenband als Gürtel] trug. Sie nahm es in die Hand und fragte: „Fräulein, hat dies hier etwa auch Yin und Yang?" |
| „Die Vorderseite ist yang, und die Rückseite ist yin“, erklärte ihr Hsiang-yün. | Wolkenschwinge antwortete: „Bei allen Vierfüßlern und Vögeln ist das Männchen Yang und das Weibchen Yin. Bei Tieren unterscheidet man Weibchen als Yin und Männchen als Yang. Wie sollte es das nicht haben?" |
| Wieder nickte Tsuee-lü lächelnd und wollte dieselbe Frage noch auf andere Dinge beziehen, aber es fiel ihr nichts weiter ein, bis sie auf einmal den Kopf senkte und das goldene Einhornfigürchen erblickte, das Hsiang-yün an ihrem Palastgürtel trug. Sie nahm es in die Hand und fragte dann lächelnd: „Fräulein, gibt es hierbei etwa auch yin und yang?“ | Smaragdgrün fragte: „Ist dieses hier ein Männchen oder ein Weibchen?" |
| „Bei allen Vierfüßern und Vögeln ist das Männchen yang und das Weibchen yin. Warum also nicht?“ antwortete Hsiang-yün. | Wolkenschwinge gab zu: „Das weiß ich selbst nicht." |
| „Ist Euer Einhorn ein Männchen oder ein Weibchen?“ wollte Tsuee-lü wissen. | Smaragdgrün meinte: „Das wäre ja noch hinzunehmen — aber wenn alles Yin und Yang hat, warum haben wir Menschen dann nicht auch Yin und Yang?" |
| „Das weiß ich auch nicht“, gab Hsiang-yün zur Antwort. | Wolkenschwinge spuckte ihr entrüstet ins Gesicht und schalt: „Du verdorbenes Ding! Geh jetzt endlich weiter! Je mehr du fragst, desto unverschämter werden deine Fragen!" |
| „Und wenn es bei allem und jedem yin und yang gibt“, sagte Tsuee-lü, „warum gibt es dann bei uns Menschen nicht yin und yang?“ | Smaragdgrün lachte: „Was ist dabei, dass Ihr es mir nicht sagen wollt? Ich weiß es sowieso! Ihr braucht mich gar nicht auf die Probe zu stellen!" |
| „Du verdorbenes Ding!“ schalt Hsiang-yün und spuckte ihr ins Gesicht. „Geh jetzt endlich weiter! Je mehr du mich fragst, desto schlimmer werden deine Fragen.“ | Wolkenschwinge fragte lächelnd: „Was weißt du denn?" |
| Aber lächelnd fuhr Tsuee-lü fort: „Wieso könnt Ihr mir das nicht sagen? Ich weiß es ja doch! Warum müßt Ihr mir deshalb Vorhaltungen machen?“ | Smaragdgrün antwortete: „Das Fräulein ist Yang, und ich bin Yin." |
| „Was weißt du?“ fragte Hsiang-yün lächelnd. | Darüber hielt sich Wolkenschwinge das Taschentuch vor den Mund und lachte prustend los. |
| „Daß Ihr yang seid, und ich bin yin“, erwiderte Tsuee-lü. | Smaragdgrün sagte: „Kaum sage ich die Wahrheit, lacht Ihr Euch kaputt!" |
| Über diese Antwort lachte Hsiang-yün prustend in ihr Taschentuch. | Wolkenschwinge bestätigte: „Ganz recht, ganz recht!" |
| „Warum lacht Ihr denn so, wo es doch stimmt?“ fragte Tsuee-lü. | Smaragdgrün erklärte: „Nach den Regeln des menschlichen Zusammenlebens sind die Herrschaften Yang und die Diener Yin. Meint Ihr, ich hätte nicht einmal diesen Grundsatz verstanden?" |
| „Und wie das stimmt!“ sagte Hsuiang-yün. | Wolkenschwinge sagte lächelnd: „Da hast du wirklich etwas verstanden." |
| „Nach den Regeln des menschlichen Anstands sind die Herrschaften yang und die Sklaven yin“, nahm Tsuee-lü wieder das Wort. „Meint Ihr, ich hätte nicht einmal diesen Grundsatz verstanden?“ | Während sie so plauderten und weitergingen, gelangten sie gerade zum Rosenspalier. Wolkenschwinge sagte: „Sieh nur! Wer hat dort seinen Kopfschmuck verloren? Da blitzt etwas Goldenes!" |
| „Du hast ihn sehr gut verstanden“, bestätigte Hsiang-yün lächelnd. Bei diesen Worten gelangten sie an das Rosenspalier, und Hsiang-yün sagte: „Schau mal nach, wer da seinen Kopfschmuck verloren hat, der dort so blinkt!“ | Smaragdgrün eilte hin, hob den Gegenstand auf und schloss ihn in die Hand. Lächelnd sagte sie: „Jetzt können wir Yin und Yang unterscheiden!" Dann griff sie nach Wolkenschwinges Einhorn und betrachtete es. |
| Rasch hob Tsuee-lü auf, was da lag, schloß ihre Hand darum und sagte lächelnd: „Nun können wir doch yin und yang unterscheiden!“ Und sie griff noch einmal nach Hsiang-yüns Einhorn und sah es sich an. Hsiang-yün verlangte zu sehen, was Tsuee-lü aufgehoben hatte, aber diese gab den Fund nicht aus der Hand und sagte lächelnd: „Es ist eine Kostbarkeit, die Ihr nicht sehen dürft, Fräulein! Wie es wohl hierher kommen mag? Merkwürdig! Ich hatte nie bemerkt, daß hier jemand so etwas hat.“ | Wolkenschwinge verlangte, den Fund zu sehen, doch Smaragdgrün gab ihn nicht heraus und sagte lächelnd: „Es ist eine Kostbarkeit, die Ihr nicht sehen dürft, Fräulein! Woher mag sie wohl stammen? Höchst sonderbar! Ich habe hier noch nie bemerkt, dass jemand so etwas besitzt." |
| „Gib her, ich will es sehen!“ forderte Hsiang-yün. | Wolkenschwinge sagte lächelnd: „Gib her, ich will es sehen!" |
| Lächelnd öffnete Tsuee-lü die Hand und sagte: „Bitte sehr!“ | Smaragdgrün öffnete die Hand und sagte lächelnd: „Bitte sehr!" |
| Da erblickte Hsiang-yün ein reich verziertes goldenes Einhorn, das ein größeres und schöneres Gegenstück zu ihrem eigenen darstellte. Sie streckte die Hand danach aus, und als es auf ihrem Handteller lag, musterte sie es still und stumm. Während sie so in Gedanken versunken dastand, trat auf einmal | Wolkenschwinge blickte hin und erblickte ein prächtig verziertes, schimmerndes goldenes Einhorn — größer und kunstvoller als ihr eigenes. Sie nahm es in die Hand und verharrte schweigend. In Gedanken versunken stand sie da, als plötzlich Schatzjade von drüben auf sie zukam und lächelnd fragte: „Was macht ihr denn hier in der prallen Sonne? Wolltest du nicht Dufthauch besuchen?" |
| Bau-yü zu ihr heran und fragte lächelnd: „Was macht ihr denn hier in der Sonnenglut? Wolltest du nicht zu Hsi-jën?“ | Rasch verbarg Wolkenschwinge das Einhorn und sagte: „Gerade wollte ich hingehen — lass uns zusammen gehen!" |
| Schnell verbarg Hsiang-yün das Einhorn und sagte: „Eben will ich zu ihr, gehen wir zusammen!“ | Gemeinsam betraten sie den Hof der Roten Freude. Dufthauch lehnte gerade auf der Treppe am Geländer und genoss den Luftzug, als sie Wolkenschwinge erblickte. Sofort kam sie ihr entgegen, ergriff ihre Hände und erkundigte sich lächelnd, wie es ihr seit der letzten Begegnung ergangen sei. |
| Im Nu waren sie im Hof der Freude am Roten, wo Hsi-jën eben auf der Treppe am Geländer lehnte und den Luftzug genoß. Als sie Hsiang-yün erblickte, kam sie ihr rasch entgegen, griff nach ihren Händen und erkundigte sich lächelnd, wie es ihr seit der letzten Begegnung ergangen sei. | Als sie dann im Zimmer Platz genommen hatten, sagte Schatzjade lächelnd: „Du hättest schon längst kommen sollen! Ich habe auf dich gewartet, weil ich etwas Schönes für dich habe." Dabei tastete er sich am ganzen Körper ab und suchte lange, bis er schließlich ausrief: „O weh!" Dann fragte er Dufthauch: „Hast du das Ding vielleicht aufbewahrt?" |
| Als sie bald darauf ins Haus traten und sich hinsetzten, sagte Bau-yü lächelnd: „Du hättest schon längst kommen sollen! Ich habe auf dich gewartet, weil ich hier etwas Schönes habe.“ Dabei tastete er lange an sich herum, bis er endlich hervorstieß: „O weh!“ Dann fragte er Hsi-jën: „Hast du es vielleicht weggetan?“ | Dufthauch fragte: „Was für ein Ding?" |
| „Was denn?“ erkundigte sich Hsi-jën. | Schatzjade sagte: „Das Einhorn, das ich neulich bekommen habe!" |
| „Das Einhorn, das ich neulich bekommen habe“, sagte Bau-yü. | Dufthauch erwiderte: „Du trägst es doch Tag für Tag bei dir — warum fragst du mich?" |
| „Du trägst es doch Tag für Tag bei dir, und jetzt fragst du mich danach?“ wunderte sich Hsi-jën. | Schatzjade schlug sich die Hand gegen die Stirn und rief: „Dann habe ich es verloren! Wo soll ich es nur suchen?" Und schon wollte er aufspringen, um es selbst zu suchen. |
| Bau-yü schlug die Hände zusammen. „Dann habe ich es verloren!“ sagte er. „Wie soll ich es jetzt wiederfinden?“ Und schon wollte er aufstehen und sich selbst auf die Suche machen. | Wolkenschwinge, die nun wusste, dass es ihm gehörte und er es verloren hatte, fragte lächelnd: „Seit wann hast du denn ein Einhorn?" |
| Seine Worte hatten Hsiang-yün verraten, daß er es war, dem es gehörte, und so fragte sie lächelnd: „Seit wann hattest du denn ein Einhorn?“ | Schatzjade klagte: „Erst neulich habe ich es mühsam aufgetrieben, und nun habe ich es wer weiß wann verloren! Ich bin wirklich ein Trottel!" |
| „Erst unlängst bin ich mit viel Mühe dazu gekommen, und nun habe ich es verloren“, klagte Bau-yü. „Ich bin wirklich ein Trottel.“ | Wolkenschwinge sagte lächelnd: „Es ist doch nur ein Spielzeug, und du regst dich schon so auf." Dann öffnete sie die Hand: „Sieh her — ist es vielleicht dieses?" |
| „Aber das ist doch nur ein Spielzeug, und dennoch regst du dich dermaßen darüber auf?“ sagte Hsiang-yün. Dann öffnete sie ihre Hand und fuhr fort: „Schau mal! Ist es vielleicht das?“ | Als Schatzjade das Einhorn erblickte, war er vor Freude ganz außer sich und sagte ... |
| Kaum daß Bau-yü das Einhorn erblickte, war er vor Freude ganz außer sich. | Was er sagte, erzählt das nächste Kapitel. |
| Wer wissen will, was er sagte, muß das nächste Kapitel lesen. |