Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 46

From China Studies Wiki
< Hongloumeng‎ | DE3-DE4
Revision as of 15:12, 26 April 2026 by Admin (talk | contribs) (DE3-DE4 comparison)
(diff) ← Older revision | Latest revision (diff) | Newer revision → (diff)
Jump to navigation Jump to search

Kapitel 46: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
46.Verdrießliche Leute kommen nicht aus ohne Verdruß,und Yüan-yang gelobt, niemals heiraten zu wollen. Kapitel 46
Erst als die vierte Nachtwache zu Ende ging, schlief also Dai-yü allmählich ein. Und mehr ist einstweilen von ihr nicht zu berichten. Wer in der Klemme steckt, dem bleiben peinliche Auftritte nicht erspart — Mandarinenente[1] schwört, nie ein Mandarinenenten-Paar zu bilden
Hsi-fëng aber, die von Dame Hsing gerufen worden war und nicht wußte, worum es ging, zog sich rasch um, stieg in den Wagen und fuhr hinüber. Dame Hsing schickte alle Bedienten aus dem Raum, dann sagte sie leise: „Ich habe dich nur deshalb extra kommen lassen, weil ich in einer Klemme stecke, in die mich der gnädige Herr gebracht hat. Ich weiß nicht, was ich machen soll, deshalb möchte ich mich erst einmal mit dir beraten. Erst gegen Ende der vierten Nachtwache schlief Kajaljade [黛玉][2] allmählich ein. Mehr ist von ihr einstweilen nicht zu berichten.
Der gnädige Herr hat sich in Yüan-yang aus den Räumen der alten gnädigen Frau verguckt und möchte sie zur Nebenfrau haben. Darum hat er mich beauftragt, sie von der alten gnädigen Frau für ihn zu verlangen. Wie mir scheint, ist das eine ganz normale Sache, aber ich fürchte, die alte gnädige Frau wird Yüan-yang nicht hergeben wollen. Weißt du nicht einen Rat?“ Nun soll erzählt werden, dass Phönixglanz [凤姐][3], die von Frau Xing [邢夫人] gerufen worden war und nicht wusste, worum es ging, sich rasch umkleidete und im Wagen hinüberfuhr. Frau Xing schickte alle Bediensteten aus dem Zimmer und sagte dann leise zu Phönixglanz: „Ich habe dich nicht wegen einer Belanglosigkeit kommen lassen. Es gibt da eine heikle Angelegenheit: Der gnädige Herr [贾赦] hat mich damit beauftragt, aber ich weiß nicht, was ich machen soll, und wollte mich erst einmal mit dir beraten. Der gnädige Herr hat ein Auge auf Mandarinenente [鸳鸯] geworfen, die Dienerin der Herzoginmutter[4], und möchte sie als Nebenfrau in sein Haus nehmen. Er hat mich gebeten, sie bei der Herzoginmutter für ihn zu erbitten. Ich denke mir, so etwas kommt ja häufig vor, aber ich fürchte, die Herzoginmutter wird sie nicht hergeben wollen. Weißt du einen Rat?“
„Meiner Meinung nach solltet Ihr Euch an so etwas nicht die Zähne ausbeißen“, erwiderte Hsi-fëng rasch. „Ohne Yüan-yang bekommt die alte gnädige Frau keinen Bissen herunter. Wie würde sie sich da von ihr trennen wollen?! Außerdem hat die alte gnädige Frau, wenn das Gespräch darauf kam, schon oft gefragt, wozu sich der gnädige Herr, der doch schon in die Jahre kommt, immer noch links und rechts Nebenfrauen nimmt. Zum einen mache er die Mädchen unglücklich, und zum anderen schade er seiner Gesundheit. Und anstatt seinen Posten ordentlich zu versehen, trinke er den ganzen Tag Wein mit seinen Nebenfrauen. Hört sich das für Euch so an, als ob sie den gnädigen Herrn sehr mag?

Aber nicht genug damit, daß es ungewiß ist, ob er einem Zusammenprall noch entgehen kann, stochert er dem Tiger mit einem Strohhalm in den Nasenlöchern herum. Seid mir nicht böse, gnädige Frau, aber ich wage das nicht zu übernehmen. Nicht nur, daß es keinen Sinn hat, es kommt nur Ärger dabei heraus. Wenn der gnädige Herr in seinem Alter so unpassende Dinge tut, müßtet Ihr ihm gut zureden. Schließlich ist es doch etwas anderes, als wenn ein Jüngerer so etwas macht. Da stört es nicht. Aber wie will er, der so einen Haufen Brüder, Neffen, Söhne und Enkel hat, den Leuten noch ins Gesicht sehen, wenn er sich dermaßen aufführt?“
Als Phönixglanz das hörte, sagte sie rasch: „Meiner Meinung nach solltet Ihr Euch an diesem Nagel lieber nicht die Zähne ausbeißen. Ohne Mandarinenente bekommt die Herzoginmutter [贾母] keinen Bissen herunter — wie sollte sie sich von ihr trennen wollen? Zudem hat die Herzoginmutter schon oft im Gespräch gesagt, der gnädige Herr sei jetzt in die Jahre gekommen, und wozu er sich immer noch links und rechts Nebenfrauen halte. Er mache nur die Mädchen unglücklich. Anstatt auf seine Gesundheit zu achten und sein Amt ordentlich zu versehen, trinke er den ganzen Tag mit seinen Nebenfrauen. Klingt das so, als ob die Herzoginmutter den gnädigen Herrn sehr schätzt? Jetzt, wo man froh sein sollte, einem Zusammenstoß noch aus dem Weg gehen zu können, will man dem Tiger mit einem Strohhalm in die Nasenlöcher stochern! Seid mir nicht böse, gnädige Frau, aber ich wage das nicht zu übernehmen. Es hat offensichtlich keinen Sinn, und man holt sich nur Ärger. Der gnädige Herr ist jetzt in dem Alter, wo er solche Dinge lassen sollte — Ihr müstet ihm zureden. Das ist etwas anderes als bei einem jungen Mann, da schadet es nicht. Aber mit diesem ganzen Haufen von Brüdern, Neffen, Söhnen und Enkeln solch ein Aufsehen zu machen — wie will er da noch den Leuten ins Gesicht sehen?“
„In anderen großen Familien haben die Söhne vielfach drei Nebenfrauen und vier Beischläferinnen, und ausgerechnet wir dürfen das nicht?“ fragte Dame Hsing mit kühlem Lächeln. „Außerdem wird er sich sowieso kaum danach richten, was ich ihm rate. Aber die alte gnädige Frau wird es schlecht ablehnen können, wenn ihr ältester Sohn, der schon einen grauen Bart hat und ein Amt bekleidet, ihre Lieblingsmagd zu seiner Konkubine machen möchte.

Ich habe dich kommen lassen, um mich mit dir zu beraten, du aber überhäufst mich mit Vorwürfen. Wollte ich denn dich schicken, um mit der alten gnädigen Frau zu sprechen? Zureden soll ich ihm, sagst du. Kennst du seinen Charakter immer noch nicht? Nicht nur, daß er sich nicht zureden läßt, als Erstes würde er mir böse sein.“
Frau Xing sagte mit kühlem Lächeln: „In anderen großen Familien haben die Herren drei Nebenfrauen und vier Konkubinen — warum sollen ausgerechnet wir das nicht dürfen? Selbst wenn ich ihm zurede, wird er sich kaum danach richten. Und wenn der älteste Sohn, der schon einen graün Bart hat und ein Amt bekleidet, das Lieblingsmädchen seiner Mutter zur Nebenfrau machen will — wie kann man das wohl abschlagen? Ich habe dich kommen lassen, um mich mit dir zu beraten, und du überhäuflst mich gleich mit Vorwürfen. Habe ich denn gesagt, du sollst hingehen und mit ihr reden? Natürlich gehe ich selbst. Du sagst, ich solle ihm zureden — kennst du denn sein Temperament immer noch nicht? Wenn man ihm zuredet, wird er erst recht nicht hören, und als Erstes wird er mir böse.“
Hsi-fëng wußte, daß Dame Hsing, von Natur aus dumm und halsstarrig, um ihrer Sicherheit willen Djia Schë in allen Dinge Gehorsam leistete und sich damit begnügte, Besitz und Reichtum anzuhäufen. Alle Familienangelegenheiten, ob groß oder klein, ließ sie Djia Schë allein entscheiden, die Ein- und Auszahlungen jedoch gingen durch ihre Hände. Und den ungewöhnlichen Geiz, den sie dabei an den Tag legte, begründete sie damit, daß Djia Schë ein Verschwender sei, was sie durch Sparsamkeit wett machen müsse. Weder auf ihre Kinder noch auf ihre Sklavinnen stützte sie sich, und sie ließ sich auch kein Wort von ihnen sagen.

Als Hsi-fëng hörte, was Dame Hsing ihr zur Antwort gab, erkannte sie, daß sie wieder einmal ihre Mucken hatte und daß es zwecklos war, ihr zuzureden. Darum setzte sie schnell ein Lächeln auf und erwiderte: „Ihr habt ganz recht, gnädige Frau. Wie alt bin ich schon, und was weiß ich schon richtig einzuschätzen! Nicht nur eine Magd, selbst den größten Schatz würde die alte gnädige Frau ihrem Sohn geben. Wem sonst! Wie sollte man dem Glauben schenken, was sie mir unter vier Augen gesagt hat! Ich bin wirklich ein dummes Ding.

Auch wenn der junge Herr Liän einmal etwas falsch gemacht hat, so daß ihn der gnädige Herr und die gnädige Frau vor Wut am liebsten auf der Stelle erschlagen hätten, war doch alles wieder gut, sobald sie ihm nur ins Gesicht sahen, und sie hätten ihm geschenkt, was ihnen lieb und teuer ist. Genauso wird jetzt natürlich die alte gnädige Frau den gnädigen Herrn behandeln.

Mir schien, die alte gnädige Frau sei heute bei guter Laune, wenn Ihr also Yüan-yang von ihr verlangen wollt, dann verlangt sie jetzt! Ich werde vorfahren und die alte gnädige Frau zum Lachen bringen. Wenn Ihr dann kommt, gehe ich unter dem Vorwand hinaus, ich wolle nicht stören, und nehme auch die anderen mit, die im Zimmer sind. So könnt ihr in Ruhe mit der alten gnädigen Frau sprechen. Wenn sie dem gnädigen Herrn Yüan-yang überläßt, ist es gut, und wenn nicht, macht es auch nichts, weil niemand anders davon erfährt.“
Phönixglanz wusste, dass Frau Xing von Natur aus eigensinnig und beschränkt war. Sie kannte nur das eine: Begnadigung Kaufmann [贾赦][5] in allem zu Willen zu sein, um ihre eigene Position zu sichern, und darüber hinaus Besitz und Reichtum an sich zu raffen. Alle Familienangelegenheiten, ob groß oder klein, überließ sie Begnadigung Kaufmann. Nur wo es um Geld ging, behielt sie die Zügel in der Hand und war dann von ungewöhnlichem Geiz — unter dem Vorwand, Kaufmann Begnaadigungen sei ein Verschwender und sie müsse durch Sparsamkeit ausgleichen, was er vergeude. Auf keines ihrer Kinder oder Dienstboten stützte sie sich, und keinem hörte sie zu. Als Phönixglanz nun diese Worte hörte, wusste sie, dass Frau Xing wieder ihren Starrsinn an den Tag legte und dass Zureden keinen Sinn hatte. Deshalb setzte sie rasch ein Lächeln auf und sagte: „Ihr habt völlig recht, gnädige Frau. Wie alt bin ich denn schon, und was verstehe ich davon, was wichtig und was unwichtig ist? Vor den Eltern braucht man gar nicht erst zu fragen — nicht nur ein Dienstmädchen, selbst den kostbarsten Schatz würde man dem gnädigen Herrn geben, wem denn sonst? Was einem hinter dem Rücken gesagt wird, darauf darf man nichts geben! Ich bin wirklich ein Dummkopf. Wenn Kette Kaufmann [贾琏][6] etwas angestellt hat, sind der gnädige Herr und die gnädige Frau so wütend, dass sie ihn am liebsten auf der Stelle erschlagen würden. Aber kaum sehen sie ihn, ist alles vergessen, und sie beschenken ihn mit dem, was ihnen am liebsten ist. Genauso wird natürlich die Herzoginmutter den gnädigen Herrn behandeln. Meiner Meinung nach ist die Herzoginmutter heute guter Laune — wenn Ihr Mandarinenente erbitten wollt, dann tut es heute gleich! Ich fahre voraus und bringe die Herzoginmutter zum Lachen. Sobald Ihr dann kommt, ziehe ich mich unter einem Vorwand zurück und nehme auch die übrigen Anwesenden mit hinaus, damit Ihr in Ruhe mit der Herzoginmutter sprechen könnt. Willigt sie ein, umso besser; willigt sie nicht ein, macht es auch nichts, weil niemand sonst davon erfährt.“
Als Dame Hsing diese Worte hörte, wurde sie wieder froh und sagte: „Ich hatte nicht die Absicht, zuerst die alte gnädige Frau zu fragen, denn wenn sie nein sagt, ist die Sache geplatzt. Ich wollte zunächst einmal in aller Stille mit Yüan-yang sprechen. Sie wird sich zwar genieren, aber wenn ich ihr alles erklärt habe, wird sie natürlich nichts einzuwenden haben, und damit ist die Sache entschieden. Dann erst spreche ich mit der alten gnädigen Frau, und selbst wenn sie nicht mag, kann sie nichts machen, weil Yüan-yang einverstanden ist. ‚Wer gehen will, läßt sich nicht aufhalten‘, sagt man. So wird es bstimmt gelingen.“ Als Frau Xing diese Worte hörte, wurde sie wieder froh und sagte: „Mein Plan war eigentlich, zuerst nicht die Herzoginmutter zu fragen. Wenn die Herzoginmutter nein sagt, ist die Sache gestorben. Ich wollte zuerst leise und unauffällig mit Mandarinenente reden. Sie wird sich zwar genieren, aber wenn ich ihr alles erkläre, wird sie natürlich nichts einzuwenden haben, und die Sache ist beschlossen. Dann erst spreche ich mit der Herzoginmutter. Selbst wenn die Herzoginmutter nicht einverstanden ist — Mandarinenente ist ja bereits einverstanden, und wie das Sprichwort sagt: ‚Wer gehen will, lässt sich nicht halten.‘ So wird es ganz bestimmt gelingen.“
„Ihr seid wirklich ein geschickter Stratege, gnädige Frau!“, schmeichelte Hsi-fëng lächelnd. „Dieser Plan ist einfach unfehlbar. Nicht nur Yüan-yang, auch jede andere möchte gern hochkommen und etwas aus sich machen. Wer würde nicht gern eine halbe Herrin werden, anstatt eine Magd zu bleiben und eines Tages mit einem Diener verheiratet zu werden!“

„Eben das ist es, was ich meine“, sagte Dame Hsing und lächelte ebenfalls. „Nicht nur Yüan-yang, auch jede von den verantwortlichen Mägden wäre gern dazu bereit. Fahr du nur schon hinüber, verrate aber kein Wort! Wenn ich zu Abend gegessen habe, komme ich nach.“
Phönixglanz sagte lächelnd: „Ihr seid wahrlich eine kluge Strategin, gnädige Frau! Dieser Plan ist hundertfach sicher. Nicht nur Mandarinenente — wer würde nicht gern aufsteigen und es zu etwas bringen? Wer würde nicht lieber eine halbe Herrin werden, als Dienstmädchen zu bleiben und eines Tages mit einem Knecht verheiratet zu werden?“
„Mit Yüan-yang ist nicht zu spaßen“, überlegte Hsi-fëng indessen still bei sich. „Und was man auch immer sagen mag, es ist nicht sicher, daß sie wirklich einverstanden ist. Wenn ich vorfahre und die gnädige Frau nachkommt, will das nichts besagen, sofern Yüan-yang nur zustimmt. Stimmt sie aber nicht zu, wird die gnädige Frau – mißtrauisch, wie sie ist – argwöhnen, ich hätte etwas verraten, und wird sich wer weiß wie aufspielen. Wenn sie sehen muß, daß ich recht hatte, wird ihre Scham zu Wut werden, und diese Wut wird sie an mir auslassen. Das wäre unangenehm. Darum ist es das beste, wir fahren zusammen hinüber. Dann ist es egal, ob Yüan-yang zustimmt oder nicht, auf mich kann kein Verdacht fallen.“ Frau Xing sagte lächelnd: „Genau das meine ich. Nicht nur Mandarinenente — auch jede der leitenden Mägde wäre gern dazu bereit. Fahr du nur voraus, aber verrate kein Sterbenswort! Sobald ich zu Abend gegessen habe, komme ich nach.“
Nachdem sie diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, sagte sie lächelnd: „Als ich vorhin losfahren wollte, wurden mir eben aus dem Hause meines Onkels zwei Körbe Wachteln gebracht. Ich hatte befohlen, sie in Öl zu backen, und dachte, ich käme noch zurecht, sie Euch zum Abendessen herzuschicken. Und als ich hier zum Tor hereinkam, sah ich, wie die Dienerknaben einen Wagen hinausbrachten. Sie sagten, es sei Euer Wagen, der einen Riß habe, und sie wollten ihn zur Reparatur schaffen. Da wäre es doch gut, wenn Ihr mit in meinen Wagen steigt, und wir fahren gemeinsam hinüber!“ Phönixglanz überlegte insgeheim: „Mandarinenente ist eine, mit der nicht zu spaßen ist. Auch wenn man so redet, ist keineswegs sicher, dass sie einverstanden ist. Wenn ich vorausfahre und die gnädige Frau nachkommt — stimmt Mandarinenente zu, ist alles gut. Stimmt sie aber nicht zu, wird die gnädige Frau argwöhnen — misstrauisch wie sie ist —, ich hätte etwas verraten und Mandarinenente zum Widerstand angestiftet. Dann wird ihre Beschämung zu Wut, und sie lässt es an mir aus. Das wäre äußerst unangenehm. Besser, wir fahren gemeinsam hinüber. Ob Mandarinenente einverstanden ist oder nicht, auf mich kann dann kein Verdacht fallen.“
Als Dame Hsing das hörte, rief sie nach ihren Sklavinnen, um sich umzuziehen, und rasch ging ihr Hsi-fëng dabei zur Hand. Dann setzten sich Schwiegermutter und Schwiegertochter zusammen in den Wagen und fuhren hinüber. Dort angekommen, sagte Hsi-fëng: „Es wäre unangenehm, wenn ich Euch zur alten gnädigen Frau begleiten und sie fragen würde, warum wir gemeinsam kämen. Darum ist es besser, Ihr geht vor, und ich komme nach, wenn ich meine Ausgehkleider abgelegt habe.“ Nachdem sie diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, sagte sie lächelnd: „Als ich vorhin losfahren wollte, schickte die Tante meiner Mutter [Anm.: im Originaltext 舅母, die Frau des Onkels mütterlicherseits] eben zwei Körbe Wachteln. Ich habe angeordnet, sie in Öl zu backen, und wollte sie Euch eigentlich noch rechtzeitig zum Abendessen schicken lassen. Als ich hier zum Tor hereinkam, sah ich die Diener einen Wagen hinaustragen. Sie sagten, Euer Wagen habe eine aufgegangene Naht und werde zur Reparatur gebracht. Da wäre es doch das Einfachste, Ihr steigt zu mir in den Wagen, und wir fahren gemeinsam hinüber.“
Dame Hsing fand es vernünftig, was Hsi-fëng sagte, und ging allein zur Herzoginmutter. Nachdem sie ein Weilchen mit ihr geplaudert hatte, gab sie vor, Dame Wang besuchen zu wollen, und ging durch die Hintertür hinaus. Als sie an Yüan-yangs Schlafraum vorbeikam, sah sie, daß Yüan-yang dasaß und mit einer Nadelarbeit beschäftigt war. Beim Anblick von Dame Hsing stand sie rasch auf. Frau Xing hörte das und befahl sofort, ihr die Kleider zum Wechseln zu bringen. Phönixglanz half ihr eilfertig beim Umkleiden, und dann fuhren die beiden zusammen im Wagen davon. Unterwegs sagte Phönixglanz: „Wenn Ihr zur Herzoginmutter geht und ich Euch begleite, könnte die Herzoginmutter fragen, warum wir gemeinsam kommen — das wäre ungünstig. Besser, Ihr geht voraus, und ich komme nach, sobald ich mich umgezogen habe.“
Lächelnd sprach Dame Hsing sie an: „Was machst du da? Laß mich einmal sehen! Deine Muster werden immer besser.“ Mit diesen Worten nahm sie ihr die Nadelarbeit aus der Hand, sah sie sich an und lobte sie in einem fort. Dann legte sie die Arbeit hin und musterte Yüan-yang von Kopf bis Fuß. Sie sah, daß sie eine abgetragene Jacke aus zartlila Seide und eine Überweste aus dunkelblauem Atlas trug, die mit andersfarbiger Borte eingefaßt war, und unten herum einen blaßgrünen Rock. Ihre Taille war zart, ihr Rücken schmal, das Gesicht oval wie ein Entenei, die Haare schwarz und ölglänzend, die Nase setzte hoch an, und beide Wangen waren leicht mit Sommersprossen gesprenkelt. Frau Xing fand das vernünftig und ging allein zur Herzoginmutter. Nachdem sie eine Weile geplaudert hatte, gab sie vor, Wang Furen [王夫人] besuchen zu wollen, und ging durch die Hintertür hinaus. So kam sie an Mandarinenentes Schlafkammer vorbei. Mandarinenente saß drinnen bei ihrer Näharbeit. Als sie Frau Xing erblickte, stand sie eilig auf.
Als Yüan-yang sich dermaßen beäugt sah, fühlte sie sich unangenehm berührt und bekam einen Schreck. „Was macht Ihr um diese Stunde hier, gnädige Frau?“ fragte sie lächelnd. Frau Xing sagte lächelnd: „Was machst du da? Lass mich sehen! Deine Stickereien werden immer schöner.“ Dabei nahm sie Mandarinenente die Handarbeit ab, betrachtete sie und lobte sie in einem fort. Dann legte sie die Arbeit beiseite und musterte Mandarinenente von Kopf bis Fuß. Sie sah, dass sie eine halbgetragene Jacke in zartem Lotusrosa aus Seide trug, darüber eine Überweste aus dunklem Satin mit kontrastierenden Bordüren, und unten einen blassgrünen Rock. Ihre Taille war schlank, ihr Rücken schmal, das Gesicht oval wie ein Entenei, das Haar schwarz und ölglänzend, die Nase hoch und fein, und auf beiden Wangen zeigten sich ein paar zarte Sommersprossen.
Dame Hsing warf ihren Begleiterinnen einen Blick zu, und sie gingen hinaus. Dann setzte sie sich hin, faßte nach Yüan-yangs Hand und sagte lächelnd: „Ich komme extra, um dir eine frohe Botschaft zu bringen.“ Als sich Mandarinenente so beäugt sah, wurde es ihr selbst peinlich, und im Herzen stieg ein Verdacht in ihr auf. Sie fragte lächelnd: „Gnädige Frau, was führt Euch denn zu dieser ungewöhnlichen Stunde hierher?“
Bei diesen Worten ahnte Yüan-yang schon zu drei Zehnteln, worum es ging, und unwillkürlich wurde sie rot. Sie senkte den Kopf, sprach kein Wort und hörte, wie Dame Hsing weiter sagte: „Du weißt, daß der gnädige Herr niemand hat, auf den er sich verlassen kann. Er würde gern jemand kaufen, doch es ist zu befürchten, daß man bei den Händlern nichts Sauberes bekommt. Außerdem kann man nicht wissen, was so eine für Mängel hat. Man nimmt sie ins Haus, und nach drei Tagen fängt sie dann an, verrückt zu spielen. Frau Xing gab ihren Begleiterinnen einen Wink, und sie zogen sich zurück. Dann setzte sie sich, fasste Mandarinenentes Hand und sagte lächelnd: „Ich komme eigens, um dir frohe Botschaft zu bringen.“
Also haben wir uns im ganzen Anwesen unter den Töchtern der Familiensklaven umgesehen, um eine zu uns zu nehmen, aber wir konnten nie-

mand Ordentliches finden. Entweder war ihr Aussehen nicht gut oder ihr Charakter, und wer den einen Vorzug hatte, dem fehlte ein anderer. So haben wir ein halbes Jahr lang ganz nüchtern unter allen Mädchen gewählt, und du warst die Beste von allen. Aussehen, Betragen, Sanftmut und Zuverlässigkeit, alles ist vorhanden.
Als Mandarinenente das hörte, ahnte sie schon zu drei Zehnteln, worum es ging. Unwillkürlich wurde sie rot, senkte den Kopf und sagte kein Wort. Da fuhr Frau Xing fort: „Du weißt doch, dass der gnädige Herr niemand an seiner Seite hat, auf den er sich verlassen kann. Er würde gern eine Frau kaufen, aber er fürchtet, dass die Mädchen von den Händlern nicht sauber und anständig sind und man nicht weiß, welche Mängel sie mitbringen. Man nimmt sie ins Haus, und nach zwei, drei Tagen fängt sie an, Unfug zu treiben. Deshalb hat man unter sämtlichen Töchtern der Hausdienerfamilien im ganzen Anwesen eine auswählen wollen — aber keine war gut genug: Entweder stimmte das Aussehen nicht, oder der Charakter war schlecht; hatte man den einen Vorzug, fehlte der andere. Nachdem man so ein halbes Jahr lang nüchtere Auswahl gehalten hat, bist du als die Allerbeste unter allen Mädchen übriggeblieben. Aussehen, Betragen, Sanftmut und Zuverlässigkeit — alles ist vorhanden. Der gnädige Herr beabsichtigt, die Herzoginmutter zu bitten, dich zu uns zu geben und als Nebenfrau aufzunehmen. Du bist ja nicht zu vergleichen mit einer neu Gekauften von draußen — sobald du bei uns einziehst, wirst du ausstaffiert, als Nebenfrau anerkannt und genießt Ansehen und Ehre. Du bist doch ein ehrgeizig Mensch, und wie das Sprichwort sagt: ‚Gold kann nur gegen Gold getauscht werden.‘ Wer hätte gedacht, dass der gnädige Herr gerade dich erwählt! Jetzt kannst du dir deinen langgehegten ehrgeizigen Wunsch erfüllen und allen, die auf dich herabsehen, den Mund stopfen. Komm mit mir zur Herzoginmutter!“
Darum wollten wir die alte gnädige Frau bitten, daß du zu uns kommst. Du wirst es natürlich besser haben als eine, die man neu gekauft hat. Sobald du bei uns im Hause bist und dein Gesicht zurechtgemacht ist, wird man dich Nebenfrau nennen, und du wirst Ansehen und Ehre genießen. Du bist doch ein ehrgeiziger Mensch, und wie das Sprichwort sagt, „Gold kann man nur gegen Gold eintauschen.“ Nachdem jetzt der gnädige Herr an dir Gefallen gefunden hat, kann sich alles erfüllen, was du dir mit stolzem Sinn und strebsamem Herzen erträumt hast, und allen, die dich verachten, wird der Mund gestopft. Also komm mit mir zur alten gnädigen Frau!“ Bei diesen Worten ergriff sie Mandarinenentes Hand und wollte aufbrechen. Doch Mandarinenente errötete, entzog ihr die Hand und ging nicht mit.
Bei diesen Worten griff sie wieder nach Yüan-yangs Hand und wollte losgehen. Yüan-yang aber errötete, zog ihre Hand zurück und ging nicht mit. Frau Xing, die glaubte, Mandarinenente geniere sich, sagte: „Es ist doch nichts Peinliches dabei. Du brauchst gar nichts zu sagen — folge mir einfach.“
In der Annahme, daß sich Yüan-yang geniere, sagte Dame Hsing: „Es ist doch nichts Peinliches dabei, du brauchst nicht einmal etwas zu sagen. Nur mitkommen mußt du.“ Doch Mandarinenente hielt den Kopf gesenkt und rüherete sich nicht von der Stelle.
Aber Yüan-yang senkte den Kopf und rührte sich nicht. Als Frau Xing das sah, sagte sie: „Willst du etwa nicht? Wenn du wirklich nicht willst, bist du ein dummes Ding! Da verzichtest du darauf, Herrin zu werden, und ziehst es vor, Dienstmädchen zu bleiben! In zwei, drei Jahren wirst du mit irgendeinem Knecht verheiratet und bist nach wie vor eine Sklavin. Komm mit uns! Du kennst doch meinen Charakter — ich bin gutmütig und keine, die andere nicht gewahren lässt. Auch der gnädige Herr behandelt euch gut. In ein, zwei Jahren, wenn du ein Kind zur Welt gebracht hast, stehst du auf gleicher Stufe mit mir. Wen immer du im Haushalt befehligen willst — wer wagte es, sich dir zu widersetzen? Die Gelegenheit, eine Herrin zu werden, liegt vor dir — wenn du sie verstreichen lässt, kommt die Reue zu spät.“
„Willst du etwa nicht?“ fragte Dame Hsing. „Wenn du wirklich nicht willst, bist du einfach ein dummes Ding, das lieber eine Magd bleibt, als eine Herrin zu werden. Über kurz oder lang würdest du mit einem Diener verheiratet werden und eine Sklavin bleiben. Also komm mit! Du weißt, daß ich einen friedfertigen Charakter habe und kein Mensch bin, der andere nicht gewähren läßt. Auch der gnädige Herr behandelt Euch gut. Und wenn du übers Jahr erst ein Kindchen hast, stehst du auf einer Stufe mit mir. Niemand im Haus wird es wagen, deinen Befehlen nicht Folge zu leisten, beinahe wie eine Herrin würdest du sein. Wenn du aber jetzt die Gelegenheit ungenutzt verstreichen läßt, wird deine Reue zu spät kommen.“ Mandarinenente hielt weiter den Kopf gesenkt und schwieg. Frau Xing fuhr fort: „Du warst doch sonst immer so frank und frei — warum bist du jetzt so verschlossen? Wenn dir etwas nicht passt, sag es mir nur — ich sorge dafür, dass alles nach deinen Wünschen geschieht.“
Yüan-yang hielt weiter den Kopf gesenkt und sagte kein Wort. Da fuhr Dame Hsing wieder fort: „Du warst doch sonst immer geradeheraus, warum bist du jetzt so verstockt? Wenn dir etwas nicht paßt, dann sag es mir nur, und ich werde dafür sorgen, daß alles nach deinen Wünschen geschieht.“ Mandarinenente schwieg weiter. Frau Xing sagte lächelnd: „Wahrscheinlich hast du Vater und Mutter und willst nicht selbst etwas sagen, weil es dir peinlich ist. Du willst warten, bis sie dich fragen — das ist verständlich. Ich werde mich also an sie wenden und sie herbitten, damit sie mit dir reden. Was du sagen willst, sag es ihnen.“ Damit stand sie auf und begab sich in Phönixglanz‚ Räume.
Als Yüan-yang weiter schwieg, setzte Dame Hsing lächelnd hinzu: „Wahrscheinlich hast du Vater und Mutter und möchtest nicht selber reden, weil dir das peinlich ist. Deshalb möchtest du warten, bis sie dich fragen. Das ist natürlich ganz in der Ordnung. Also werde ich mich an sie wenden, damit sie mit dir sprechen. Und wenn du etwas sagen möchtest, dann sag es nur ihnen!“

Mit diesen Worten ging sie fort und begab sich in die Räume von Hsi-fëng.
Phönixglanz hatte sich längst umgezogen. Da niemand sonst im Zimmer war, hatte sie die Sache Friedchen [平儿][7] erzählt. Friedchen schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: „Meiner Meinung nach wird das nichts. Wenn wir unter uns sind und über sie reden, hat sie nach allem, was man von ihr weiß, ganz sicher nicht die Absicht einzuwilligen. Aber warten wir es ab.“
Hsi-fëng hatte sich längst umgezogen, und weil sonst niemand anwesend war, erzählte sie die Sache Ping-örl. Ping-örl schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: „Meiner Meinung nach geht das noch lange nicht in Ordnung. Nach dem, was sie geäußert hat, wenn wir unter uns waren, wird sie zu so etwas nicht bereit sein. Aber warten wir‘s ab!“ Phönixglanz sagte: „Die gnädige Frau wird bestimmt hierher kommen, um sich mit mir zu beraten. Wenn Mandarinenente einwilligt, gibt es nichts zu besprechen. Willigt sie aber nicht ein und hat sich die gnädige Frau eine Abfuhr geholt, dann wäre es ihr vor euch peinlich — das würde ihr Gesicht verletzen. Sag den Leuten, sie sollen die Wachteln in Öl backen und ein paar Beilagen dazu vorbereiten. Du aber geh inzwischen irgendwo spazieren und komm erst zurück, wenn du schätzt, dass sie fort ist.“
„Bestimmt wird die gnädige Frau hierher kommen, um sich mit mir zu beraten“, sagte Hsi-fëng. „Wenn sie Yüan-yangs Zustimmung hat, ist nichts weiter dabei, aber wenn nicht und sie hat sich eine Abfuhr geholt, dann muß deine Gegenwart ihr peinlich sein. Also sag Bescheid, man solle die Wachteln zubereiten und noch ein paar andere Gerichte dazu, was eben da ist, damit wir essen können. Du aber geh irgendwo spazieren und komm erst wieder, wenn man vermuten kann, daß sie fort ist!“ Friedchen hörte das, gab den Auftrag wie üblich an die Dienerinnen weiter und schlenderte dann seelenruhig in den Garten hinüber.
Ping-örl gab den Auftrag wie üblich an die Sklavenfrauen weiter und schlenderte dann unbekümmert in den Garten hinüber. Unterdessen sagte sich Mandarinenente, als sie Frau Xing fortgehen sah: Die geht bestimmt zu Phönixglanz, um sich zu beraten, und dann schickt man jemanden zu mir — besser, ich verschwinde. Also suchte sie Bernstein [琥珀][8] auf und sagte: „Wenn die Herzoginmutter nach mir fragt, sag ihr, mir sei nicht wohl, ich hätte kein Frühstück gegessen und sei in den Garten gegangen, käme aber bald zurück.“ Bernstein versprach es.
Unterdessen sagte sich Yüan-yang, als Dame Hsing fortging, sie werde sich bestimmt mit Hsi-fëng beraten gehen, und es würden andere kommen, um mit ihr zu sprechen, weshalb es das beste sei, von hier zu verschwinden. Also suchte sie Hu-po und bat sie: „Wenn die alte gnädige Frau nach mir fragt, sagst du, mir sei nicht wohl und ich hätte kein Frühstück gegessen. Jetzt sei ich im Garten und käme dann wieder.“ So kam auch Mandarinenente in den Garten und streifte überall umher, bis sie unversehens auf Friedchen stieß. Da niemand in der Nähe war, sagte Friedchen lächelnd: „Da kommt ja die neue Nebenfrau!“
Hu-po versprach es, und so begab sich Yüan-yang in den Garten, wo sie überall umherstreifte, bis sie unverhofft Ping-örl in die Arme lief. Da niemand weiter dabei war, sagte Ping-örl lächelnd: „Da kommt ja die neue Nebenfrau!“ Mandarinenente wurde rot und sagte: „So ist das also! Ihr habt euch wohl alle verschworen, über mich zu bestimmen! Warte nur, ich gehe zu deiner Herrin und mache Krawall!“
Yüan-yang wurde rot und erwiderte: „So ist das also! Ihr habt euch wohl alle abgesprochen, über mich zu bestimmen? Warte nur, wenn ich zu deiner Herrin gehe und Krach schlage!“ Friedchen bereute sofort ihre unbedachten Worte. Sie fasste Mandarinenente bei der Hand und zog sie unter einen Ahornbaum, wo sie sich auf einen Felsen setzten. Dann erzählte sie ihr ausführlich und ohne etwas auszulassen, wie Phönixglanz bei Frau Xing gewesen war und was besprochen und gesagt worden war.
Ping-örl bereute, daß ihr diese Worte entschlüpft waren. Sie faßte Yüan-yang bei der Hand und zog sie mit sich zu einem Felsbrocken unter einem Ahornbaum, wo sie Platz nahmen. Dann erzählte sie Yüan-yang freimütig den Hergang, wie Hsi-fëng bei Dame Hsing gewesen war und was sie besprochen hatten.

Wieder wurde Yüan-yang rot und sagte mit verächtlichem Lächeln: „Das also ist unsere Freundschaft! Was hatten wir Hsi-jën, Hu-po, Su-yün, Dsï-djüan, Tsai-hsia, Yü-tschuan, Schë-yüä und Tsuee-mo, auch Tsuee-lü, die Fräulein Schï gefolgt ist, Kë-jën und Djin-tschuan, die beide tot sind, Tjiän-hsüä, die fortgegangen ist, und schließlich dir von klein auf nicht alles anvertraut und mit euch geteilt! Aber jetzt sind alle groß geworden, und jede geht ihre eigenen Wege.

Aber ich fühle noch genauso wie früher und verheimliche euch nicht, was ich denke und tue. Darum will ich dir auch das noch ans Herz legen, was du aber nicht der jungen Herrin weitersagen darfst: Nie – nicht jetzt, wo mich der gnädige Herr zu seiner Nebenfrau machen will, und selbst dann nicht, wenn die gnädige Frau stürbe und er mich mit drei Vermittlern und sechs Zeugen zu seiner Hauptfrau machen wollte – niemals wäre ich dazu bereit!“

Gerade wollte Ping-örl ihr lächelnd eine Antwort geben, als hinter dem Felsbrocken jemand auflachte und sagte: „Schamloses Ding! Wie kannst du so etwas sagen!“
Mandarinenente errötete und sagte mit bitterem Lächeln zu Friedchen: „Weil wir so eng befreundet sind — denk nur an Dufthauch [袭人][9], Bernstein, Reinwolke [素云][10], Purpurkuckuck [紫鹃][11], Buntwolke [彩霞][12], Jadearmbband [玉钏儿], Moschusmond [麝月][13], Tintenjadegrüen [翠墨], und Jadering [翠缕], die dem Fräulein Shi [史湘云] gefolgt ist, Lieblich [可人] und Goldarmband [金钏][14], die beide gestorben sind, und die fortgegangene Scharlachschnee [茜雪][15], und dazu du und ich — was haben wir von klein auf nicht alles miteinander geteilt, was haben wir nicht alles zusammen getan! Jetzt sind wir alle groß geworden, und jede geht ihrer eigenen Wege, aber in meinem Herzen ist alles wie früher: Was ich denke und was mich beschäftigt, verberge ich nicht vor euch. Deshalb sage ich dir etwas, das du vorerst in deinem Herzen bewahren und nicht der jungen Herrin weitersagen sollst: Nicht nur, dass mich der ältere gnädige Herr zur Nebenfrau nehmen will — selbst wenn die gnädige Frau jetzt auf der Stelle stüerbe und er mich mit drei Heiratsvermittlern und sechs Zeugen als Hauptfrau heiraten wollte, ich könnte nicht dorthin gehen!“
Erschrocken fuhren die beiden herum, dann standen sie rasch auf und schauten hinter den Felsen. Da war es niemand anders als Hsi-jën, die ihnen lächelnd entgegentrat und fragte: „Worum geht es denn? Das müßt ihr mir erzählen!“

Sie setzten sich zu dritt auf den Felsbrocken, dann wiederholte Ping-örl noch einmal, was sie eben Yüan-yang berichtet hatte.
Friedchen wollte gerade lächelnd antworten, da erscholl hinter dem Felsen ein prustendes Lachen: „Was für ein schamloses Ding! Wie kannst du nur so reden, ohne rot zu werden!“ Die beiden erschraken, sprangen auf und spähten hinter den Felsen. Es war niemand anders als Dufthauch, die lächelnd hervortrat und fragte: „Was ist denn los? Erzählt mir alles!“
Als Hsi-jën die Geschichte gehört hatte, sagte sie: „Also wirklich! Auch wenn unsereins das nicht sagen dürfte, aber der ältere gnädige Herr ist weibstoll! Wenn eine auch nur einigermaßen gut aussieht, läßt er nicht die Finger von ihr.“ Die drei setzten sich auf den Felsen, und Friedchen wiederholte alles, was sie eben Mandarinenente erzählt hatte.
„Wenn du ihn nicht willst, werde ich dir ein Mittel sagen, wie du ihn ohne viel Umstände los wirst“, bot Ping-örl an.

„Und was ist das für ein Mittel?“ fragte Yüan-yang. „Sag es mir!“
Dufthauch sagte: „Eigentlich gehört es sich nicht, dass Leute wie wir so etwas sagen, aber der ältere gnädige Herr ist wirklich zu lüsternn! Sobald eine auch nur ein halbwegs hübsches Gesicht hat, lässt er die Finger nicht von ihr.“
„Sprich mit der alten gnädigen Frau und laß sie sagen, sie wolle dich bereits dem jungen Herrn Liän geben“, sagte Ping-örl lächelnd, „dann kann der ältere gnädige Herr dich schlecht für sich verlangen.“ Friedchen sagte: „Da du nicht willst, sage ich dir ein Mittel, wie du die Sache ganz ohne Umstände erledigen kannst.“
„Pfui! Was bist du nur für ein Biest!“ schimpfte Yüan-yang und spuckte aus. „Neulich hat schon deine Herrin so einen Unfug geredet, und heute fängst du auch damit an.“ „Was für ein Mittel? Sag es!“ verlangte Mandarinenente.
„Wenn du sie beide nicht willst, werde ich mit der alten gnädigen Frau sprechen, damit sie sagt, sie habe dich bereits Bau-yü versprochen“, schlug Hsi-jën jetzt lächelnd vor. „Dann wird der ältere gnädige Herr genauso davon ablassen.“ Friedchen sagte lächelnd: „Du brauchst nur zur Herzoginmutter zu gehen und zu sagen, du seist bereits dem Zweiten Jungen Herrn Kette Kaufmann [贾琏] versprochen. Dann kann der ältere gnädige Herr dich schlecht noch für sich verlangen.“
Wütend, beschämt und erregt schimpfte Yüan-yang: „Ihr beiden Spitzbeine sollt keines guten Todes sterben! Da hat man einen Kummer und vertraut ihn euch an, weil man meint, ihr wärt ordentliche Leute, die einem aus der Klemme helfen, und statt dessen macht ihr euch lustig über einen. Ihr meint, eure Zukunft sei gesichert, und eines Tages würdet ihr beide Nebenfrauen sein, aber mir scheint, es geht nicht alles nach Wunsch auf dieser Welt. Darum haltet euch ein bißchen zurück und freut euch nicht zu sehr!“ Mandarinenente spuckte aus und schimpfte: „Was für ein Unsinn! Und du sagst das auch noch! Hat deine Herrin neulich nicht genau solchen Blödsinn geredet? Und nun bewahrheitet es sich auch noch!“
Als die beiden sahen, wie Yüan-yang sich ereiferte, redeten sie ihr lächelnd zu: „Du mußt nicht an uns zweifeln! Von klein auf sind wir wie leibliche Schwestern miteinander und erlauben uns nur einmal einen Spaß, wenn sonst niemand dabei ist. Sag uns, was du machen willst, damit wir beruhigt sind!“ Dufthauch sagte lächelnd: „Da ihr beide nicht wollt, werde ich zur Herzoginmutter gehen und ihr sagen, sie solle erklären, Mandarinenente sei bereits Schatzjade [宝玉][16] versprochen. Dann wird der ältere gnädige Herr seine Hoffnung aufgeben.“
„Was soll ich groß machen?“ fragte Yüan-yang. „Ich gehe nicht zu ihm, und damit basta!“ Mandarinenente, vor Wut, Scham und Erregung zugleich, schimpfte: „Ihr beiden Spitzbübinnen sollt keines guten Todes sterben! Da hat man einen Kummer und vertraut ihn euch an, weil man meint, ihr wärt verständige Menschen, die einem einen Rat geben könnten, und statt dessen wechselt ihr euch ab, um mich zum Narren zu halten! Ihr bildet euch ein, eure Zukunft sei sicher und ihr würdet eines Tages Nebenfrauen sein — aber meiner Meinung nach geht auf dieser Welt nicht alles nach Wunsch. Darum haltet euch lieber zurück und übertreibt eure Freude nicht!“
Kopfschüttelnd gab ihr Ping-örl zu bedenken: „Wenn du nicht zu ihm gehst, wird er dich kaum in Ruhe lassen. Du kennst ja seine Art. Zwar dienst du in den Räumen der alten gnädigen Frau, und er kann dir einstweilen nichts anhaben, aber du kannst ja auch nicht dein Leben lang bei der alten gnädigen Frau bleiben. Wenn du später einmal fort willst und fällst ihm dann in die Hände, sieht es böse für dich aus.“ Als die beiden sahen, wie aufgebracht Mandarinenente war, redeten sie ihr lächelnd gut zu: „Liebe Schwester, nimm es nicht so tragisch! Wir sind von klein auf wie leibliche Schwestern — es war nur ein kleiner Scherz, wo niemand zuhört. Sag uns, was du vorhast, damit wir beruhigt sind.“
Mit verächtlichem Lächeln gab Yüan-yang zur Antwort: „Solange die alte gnädige Frau lebt, bleibe ich bei ihr. Und wenn sie eines Tages ins Paradies eingeht, muß er jedenfalls drei Jahre in Trauer leben. So etwas gibt es ja nicht, daß jemand eine Nebenfrau nimmt, kaum daß seine Mutter gestorben ist. Und was einmal sein wird, wenn die drei Jahre um sind, werden wir dann sehen! Schlimmstenfalls schneide ich mir das Haar ab und werde Nonne. Auch der Tod ist nicht zu verachten. Was würde es schon ausmachen, wenn ich mein ganzes Leben lang keinen Mann bekäme? Froh und sorglos würde ich sein!“ Mandarinenente sagte: „Was für ein Vorhaben! Ich gehe einfach nicht hin, und damit basta.“
Lächelnd erwiderten Ping-örl und Hsi-jën: „Dieses Spitzbein kennt wirklich keine Scham! Sie redet, was ihr gerade in den Sinn kommt.“ Friedchen schüttelte den Kopf: „Du gehst nicht hin — aber ob man dich in Ruhe lässt, ist eine andere Frage. Du kennst das Temperament des älteren gnädigen Herrn. Zwar bist du eine Dienerin der Herzoginmutter, und im Augenblick wagt er nichts gegen dich. Aber du kannst ja wohl nicht dein ganzes Leben bei der Herzoginmutter bleiben. Wenn du später einmal in seine Hände fällst, sieht es böse aus.“
„Was macht schon das bißchen Schmach, wenn es nun einmal so weit gekommen ist?“ fragte Yüan-yang. „Wenn ihr mir nicht glaubt, dann wartet‘s nur ab! Vorhin hat die gnädige Frau gesagt, sie wolle mit meinen Eltern sprechen. Das möchte ich sehen, wie sie nach Nan-djing fährt!“ Mandarinenente sagte mit bitterem Lächeln: „Solange die Herzoginmutter lebt, bleibe ich keinen einzigen Tag von ihr getrennt. Und wenn die Herzoginmutter eines Tages ins Paradies eingeht, hat er immerhin noch drei Jahre Traür zu halten. Es gibt ja wohl niemanden, der sich eine Nebenfrau nimmt, kaum dass seine Mutter gestorben ist! Nach den drei Jahren, wer weiß, wie die Dinge dann liegen — darüber reden wir dann. Wenn es zum Äußersten kommt, schneide ich mir das Haar ab und werde Nonne. Und wenn auch das nicht reicht, bleibt immer noch der Tod. Mein ganzes Leben keinen Mann heiraten — was wäre schon dabei? Es wäre nur umso sauberer!“
„Deine Eltern sind nicht mit hergekommen, weil sie in Nan-djing den dortigen Hausbesitz hüten“, sagte Ping-örl. „Aber eines Tages wird die Herrin sie doch finden. Außerdem sind dein älterer Bruder und deine Schwägerin mit hier. Es ist ein Pech, daß du im Hause geboren bist und nicht allein hier bist wie wir beide.“ Friedchen und Dufthauch sagten lächelnd: „Dieses Spitzbein hat wirklich keine Scham! Ihr Mund redet einfach drauflos!“
„Und was hat es zu bedeuten, daß ich im Hause geboren bin?“ wollte Yüan-yang wissen. „‚Wenn das Rind nicht saufen will, drückt man ihm den Kopf mit Gewalt nieder‘, ja? Können sie etwa meine Eltern umbringen, wenn ich ihn nicht mag?“ Mandarinenente sagte: „Wenn es einmal so weit ist, was macht da noch ein bisschen Scham? Wenn ihr mir nicht glaubt, wartet nur ab! Die gnädige Frau hat vorhin gesagt, sie wolle meine Eltern aufsuchen — die mag sie mal in Nanjing suchen gehen!“
Als sie das eben sagte, sahen sie Yüan-yangs Schwägerin kommen, und Hsi-jën äußerte die Vermutung: „Bestimmt haben sie mit deiner Schwägerin gesprochen, weil deine Eltern nicht zu erreichen sind.“ Friedchen sagte: „Deine Eltern sind in Nanjing, wo sie das dortige Haus hüten, und sind nicht mit heraufgekommen, aber früher oder später wird man sie finden. Und hier sind immer noch dein älterer Bruder und deine Schwägerin. Schade, dass du als Tochter einer Hausdienerfamilie hier geboren bist — nicht wie wir beide, die wir ganz allein hier sind.“
„Überall muß diese Hure ihre Finger im Spiel haben!“ schimpfte Yüan-yang. „Natürlich möchte sie ihnen gefällig sein, kaum daß sie von der Sache gehört hat!“ Mandarinenente sagte: „Was schadet es schon, im Haus geboren zu sein? ‘Man kann ein Rind nicht zum Saufen zwingen, indem man ihm den Kopf ins Wasser drückt!‚ Ich will nicht — werden sie deshalb meine Eltern umbringen?“
Während sie das eben sagte, stand ihre Schwägerin auch schon vor ihr und sprach sie lächelnd an: „Deshalb also konnte ich dich dort nicht finden, weil du hierher gelaufen bist! Komm mit, ich habe mit dir zu reden!“ Während sie noch sprach, sahen sie Mandarinenentes Schwägerin herankommen. Dufthauch sagte: „Da deine Eltern nicht erreichbar sind, hat man bestimmt mit deiner Schwägerin gesprochen.“
Ping-örl und Hsi-jën baten rasch, sie solle doch Platz nehmen, aber die Frau erwiderte: „Bleibt nur sitzen! Ich muß ihr etwas sagen.“ Mandarinenente sagte: „Diese Hure muss überall ihre Finger im Spiel haben! [Anm.: Der Ausdruck 九国贩骆驝的 — wörtlich ‘eine Kameltreiberin, die in neun Ländern handelt‚ — bedeutet: eine, die überall mitmischt] Sobald sie davon gehört hat, läuft sie natürlich hin und macht sich dienstbar!“
Ping-örl und Hsi-jën taten so, als ob sie von nichts wüßten, und fragten: „Was gibt es denn so Dringendes? Wir raten hier Rätsel, und wer gewinnt, darf Backpfeifen hauen. Laßt sie bleiben, bis wir das letzte heraus haben!“ Während sie noch sprach, stand die Schwägerin schon vor ihr und sagte lächelnd: „Überall habe ich dich gesucht, und hier steckst du! Komm mit, ich muss mit dir reden.“
Yüan-yang aber sagte: „Was willst du? Sag es mir nur!“ Friedchen und Dufthauch boten ihr rasch einen Platz an. Die Schwägerin sagte: „Bleibt nur sitzen, Fräulein. Ich möchte nur ein Wort mit meiner Schwägerin reden.“
Lächelnd erwiderte ihre Schwägerin: „Komm nur mit! Ich sage es dir, wenn wir dort sind. Auf jeden Fall ist es etwas Schönes!“ Friedchen und Dufthauch taten, als wüssten sie von nichts, und sagten lächelnd: „Was gibt es denn so Eiliges? Wir spielen gerade Rätsel raten — wer gewinnt, darf dem anderen eine Backpfeife geben. Lass sie noch dieses Rätsel lösen, dann kann sie gehen.“
„Ist es das, was dir die ältere gnädige Frau gesagt hat?“ wollte Yüan-yang wissen. Mandarinenente sagte: „Was willst du? Sag es.“
„Was sträubst du dich noch, wenn du es schon weißt?“ fragte die Schwägerin. „Komm schnell mit, damit ich dir alles genau erzählen kann. Das ist doch ein riesengroßes Glück!“ Die Schwägerin sagte lächelnd: „Komm nur mit! Dort erzähle ich es dir — es ist auf jeden Fall etwas Schönes.“
Als Yüan-yang diese Worte vernahm, stand sie auf und spuckte ihrer Schwägerin mit voller Wucht ins Gesicht. Dann richtete sie ihren Finger gegen sie und schimpfte: „Halt dein dreckiges Maul und verschwinde, das wäre das beste für dich! Was heißt hier ‚etwas Schönes‘? Etwas Schönes wäre ein Adlerbild des Sung-Kaisers Huee-dsung oder ein Pferdebild von Dschau Dsï-ang. Was heißt hier ‚Glück‘? Von Glück kann man sprechen, wenn man die Pocken übersteht. Mandarinenente sagte: „Etwa das, was die ältere gnädige Frau dir gesagt hat?“
Kein Wunder, daß ihr neidisch seid, wenn jemandes Tochter zur Nebenfrau gemacht wird und die ganze Familie sich nun mit ihrer Hilfe tyrannisch und eigenmächtig gebärdet, als ob sie alle Nebenfrauen wären. Das ist dir so vertraut, daß du auch mich ins Elend stoßen möchtest. Wenn ich Gefallen finde, könnt ihr euch großartig als Verwandte aufspielen, und wenn ich keinen Gefallen finde, zieht ihr einfach eure Schildkrötenhälse ein, und ich kann sehen, wo ich bleibe.“ Die Schwägerin sagte lächelnd: „Wenn du es schon weißt, warum sträubst du dich noch? Komm schnell, ich erzähle dir alles genau — es ist ein riesengroßes Glück!“
Während sie das sagte, liefen ihr die Tränen herab, Ping-örl und Hsi-jën aber hielten sie zurück und redeten ihr gut zu. Als Mandarinenente das hörte, stand sie auf, spuckte ihrer Schwägerin mit voller Wucht ins Gesicht, richtete den Finger auf sie und schimpfte: „Halt dein dreckiges Maul und mach, dass du wegkommst, das wäre das Klüegste! Was für ‘etwas Schönes‚! Etwas Schönes wäre ein Adlerbild von Kaiser Huizong [Anm.: Song-Kaiser Huizong, berühmt für seine Vogelmalerei] oder ein Pferdebild von Zhao Mengfu [Anm.: Zhao Ziang, berühmt als Pferdemaler] — das wären ‘schöne Malereien‚! Und was für ein ‘Glück‚! Von Glück kann man sprechen, wenn bei den Pocken die Pusteln schön reifen [Anm.: Wortspiel — 喜事 ‘Glück/Freude‚ wird gleichlautend mit ‘Pockenpusteln‚ verglichen; als die Pocken bei Kindern gut abheilten, war das ein Anlass zur Freude] — das wäre wirklich ein Glück! Kein Wunder, dass ihr vor Neid platzt, wenn jemandes Tochter Nebenfrau wird und die ganze Sippschaft dann dank ihrer tyrannisch und willkürlich herumstolziert, als wäret ihr alle Nebenfrauen geworden! Das hat dir so in die Augen gestochen, dass du mich jetzt auch ins Elend stürzen willst! Wenn es mir gut geht, spielt ihr euch als ‘Verwandte‚ auf und nennt euch stolz die Schwager. Wenn mir das Glück aber nicht hold ist und ich in Ungnade falle, zieht ihr eure Schildkrötenhälse ein und lasst mich allein sehen, wo ich bleibe!“
Der Schwägerin war die Sache peinlich, und so sagte sie: „Ob du willst oder nicht, mußt du entscheiden. Aber deshalb brauchst du nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Und wie das Sprichwort sagt: ,In Gegenwart von Kleinwüchsigen spricht man nicht über Zwerge.‘ Wenn du mich beschimpfst, wage ich nichts zu erwidern. Die beiden Fräulein aber haben dir nichts getan, glaubst du, es sei ihnen angenehm, wenn du dich hier des langen und breiten über Nebenfrauen ausläßt?“ Während sie so sprach und weinte, hielten Friedchen und Dufthauch sie fest und redeten ihr gut zu.
Rasch sagten Hsi-jën und Ping-örl: „So etwas dürft Ihr nicht sagen! Von uns hat sie nicht gesprochen, also solltet auch Ihr nicht vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Wer will denn uns zu Nebenfrauen erheben? Wir haben auch gar keine Eltern und Geschwister hier im Hause, die sich auf uns stützen könnten, um sich tyrannisch und eigenmächtig aufzuspielen. Sie weiß schon, über wen sie schimpft, und wir haben keinen Grund, sie zu verdächtigen.“ Die Schwägerin, der es peinlich wurde, sagte: „Ob du willst oder nicht, darüber lässt sich ja reden. Aber deshalb brauchst du nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Wie das Sprichwort sagt: ‘Vor Kleinen spricht man nicht von Kleinem.‚ Wenn du mich beschimpfst, wage ich nichts zu erwidern. Aber die beiden Fräulein hier haben dir nichts getan — wenn du daürnd von ‘Nebenfrau‚ dies und ‘Nebenfrau‚ das redest, wie steht das für sie da?“
„Es war ihr peinlich, daß ich sie beschimpft habe“, sagte Yüan-yang, „und um davon abzulenken, wollte sie euch gegen mich aufstacheln. Ein Glück, daß ihr so verständig seid! In meiner Aufregung habe ich keine Unterschiede gemacht, und das war es, wo sie einhaken wollte.“ Dufthauch und Friedchen sagten rasch: „So dürft Ihr nicht reden! Sie hat nicht von uns gesprochen, also solltet auch Ihr nicht vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Hat denn irgendeine gnädige Frau oder ein gnädiger Herr beschlossen, uns zu Nebenfrauen zu machen? Wir zwei haben auch keine Eltern oder Brüder hier im Haus, die sich auf uns stützen und tyrannisch aufspielen. Sie weiß schon, wen sie beschimpft — wir haben keinen Grund, es auf uns zu beziehen.“
Jetzt wurde es ihrer Schwägerin zuviel, und sie ging wütend fort. Yüan-yang aber war so erregt, daß sie weiterschimpfte, und erst als Ping-örl und Hsi-jën ihr noch eine Weile gut zugeredet hatten, ließ sie davon ab.

„Wozu hattest du dich eigentlich dort versteckt?“ erkundigte sich Ping-örl jetzt bei Hsi-jën. „Wir hatten dich gar nicht gesehen.“
Mandarinenente sagte: „Als ich sie beschimpft habe, war es ihr peinlich, und weil sie nicht mehr wusste, wohin mit ihrer Scham, hat sie versucht, euch beide gegen mich aufzuhetzen. Zum Glück seid ihr vernünftig genug! In meiner Wut habe ich nicht mehr unterschieden, und genau in diese Lücke wollte sie stoßen.“
„Ich war zu Fräulein Hsi-tschun gegangen, um unsern jungen Herrn zu suchen, kam aber einen Augenblick zu spät. Man sagte, er sei schon nach Hause gegangen“, erklärte Hsi-jën. „Ich wunderte mich, daß ich ihn nicht getroffen hatte, und wollte zu Fräulein Lin gehen, um ihn dort zu suchen. Aber dann traf ich jemand aus ihren Räumen und erfuhr, daß er dort nicht gewesen ist. Als ich mich eben fragte, ob er vielleicht den Garten verlassen hat, sah ich dich kommen und habe mich versteckt, ohne daß du es bemerktest. Dann kam auch noch sie, und ich huschte von dem Baum dort hinter den Felsen. Ich habe euch beobachtet, als ihr euch unterhieltet, ihr aber habt mich auch mit vier Augen nicht gesehen...“ Jetzt wurde es der Schwägerin zu dumm, und sie ging wütend fort.
Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als plötzlich hinter ihnen jemand sagte: „Dich haben sie mit vier Augen nicht gesehen, aber mich habt ihr auch mit sechs Augen nicht gesehen!“ Mandarinenente war noch immer so aufgebracht, dass sie weiterschimpfte. Erst nach einer Weile guten Zuredens von Friedchen und Dufthauch beruhigte sie sich. Friedchen fragte Dufthauch: „Wo hast du dich denn versteckt? Wir haben dich gar nicht gesehen.“
Alle drei fuhren vor Schreck zusammen, und als sie sich umwandten, sahen sie, daß es niemand anders war als Bau-yü. Dufthauch sagte: „Ich war bei Bewahrfrühling [惜春][17], um nach Schatzjade zu sehen. Aber ich kam einen Moment zu spät — er war schon nach Hause gegangen, hieß es. Ich wunderte mich, dass ich ihm nicht begegnet war, und wollte ihn bei Fräulein Kajaljade suchen, da traf ich jemand von ihr, der sagte, er sei auch nicht dort gewesen. Gerade fragte ich mich, ob er den Garten verlassen habe, da kamst du von dort drüben. Ich habe mich hinter einen Baum gedrückt, und du hast mich nicht gesehen. Dann kam auch sie. Ich bin hinter dem Baum hervor zum Felsen geschlüpft. Ich sah, wie ihr euch unterhalten habt — aber ihr habt mich auch mit vier Augen nicht bemerkt...“
„Da kann ich dich lange suchen!“ sagte Hsi-jën lächelnd. „Wo warst du?“ Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da ertöente hinter ihnen eine Stimme: „Euch hat sie mit vier Augen nicht gesehen? Und ihr habt mich mit sechs Augen nicht gesehen!“ Die drei erschraken heftig, drehten sich um und sahen — niemand anders als Schatzjade [宝玉], der lächelnd herankaim.
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Bau-yü: „Als ich bei Hsi-tschun wegging, kamst du mir entgegen, und ich konnte mir denken, daß du mich holen wolltest. Da habe ich mich versteckt, um dich anzuführen, und habe zugesehen, wie du mit gesenktem Kopf an mir vorbeikamst, ins Haus gingst, wieder herauskamst und schließlich jemand fragtest, der dir entgegenkam. Ich habe mich schön amüsiert und wollte warten, bis du wieder heran bist, um dir einen Schreck einzujagen, aber dann sah ich, wie auch du dich versteckt hast, und wußte, daß du ebenfalls jemand anführen wolltest. Als ich den Kopf hervorstreckte, sah ich die beiden, darum habe ich einen Bogen gemacht, bis ich hinter dir war, und als du vorgekommen bist, bin ich in dein Versteck geschlüpft.“ Dufthauch sagte als Erste lächelnd: „Da habe ich dich lang und breit gesucht! Wo kommst du her?“
„Wenn wir nachsehen gehen, finden wir vielleicht noch zwei, die sich dort versteckt haben!“ unterbrach ihn Ping-örl lächelnd.

Aber Bau-yü versicherte: „Weiter ist niemand da!“
Schatzjade sagte lächelnd: „Als ich bei Bewahrfrühling herauskam, sah ich dich mir entgegenkommen und wusste sofort, du suchst mich. Da habe ich mich versteckt, um dich hereinzulegen. Ich sah, wie du mit gesenktem Kopf an mir vorbeigingst, ins Haus tratest und gleich wieder herauskamst und jeden fragtest, der dir begegnete. Ich war sehr amüsiiert und wollte warten, bis du wieder herankamst, um dir einen Schreck einzujagen. Aber dann sah ich, wie auch du dich versteeckt hast, und wusste, dass auch du jemanden anführen wolltest. Ich streckte den Kopf vor und sah die beiden dort. Also bin ich um dich herum geschlichen, und als du hervortratest, schlüpfte ich in dein Versteck.“
Inzwischen sagte sich Yüan-yang, daß Bau-yü alles gehört haben mußte, darum legte sie sich auf den Felsbrocken und stellte sich schlafend. Bau-yü stieß sie an und sagte lächelnd: „Auf dem Stein ist es kalt. Gehen wir ins Haus, und du schläfst dort! Ist das nicht besser?“ Damit zog er Yüan-yang in die Höhe und bat auch Ping-örl, mitzukommen und Tee zu trinken. Aber erst als auch Ping-örl und Hsi-jën auf Yüan-yang einredeten, sie solle doch mitkommen, stand sie auf, und nun gingen sie zu viert zum Hof der Freude am Roten. Friedchen sagte lächelnd: „Wenn wir dahinter noch weitersuchen, finden wir vielleicht noch zwei weitere Versteckte!“
Bau-yü hatte wirklich die ganze Auseinandersetzung mit angehört und war alles andere als froh darüber. Darum streckte er sich stumm auf seinem Bett aus und ließ die drei im Vorzimmer miteinander plaudern. Schatzjade lachte: „Nein, mehr gibt es wirklich nicht.“
Inzwischen hatte sich Dame Hsing bei Hsi-fëng nach Yüan-yangs Eltern erkundigt. Mandarinenente, die wusste, dass Schatzjade alles mit angehört hatte, legte sich bäuchlings auf den Felsen und stellte sich schlafend. Schatzjade stupste sie an und sagte lächelnd: „Auf dem Stein ist es kalt! Gehen wir nach drinnen — dort kannst du viel besser schlafen.“ Er zog Mandarinenente hoch und bat auch Friedchen, mitzukommen und Tee zu trinken. Als auch Friedchen und Dufthauch Mandarinenente zuredeten, stand sie schließlich auf, und die vier gingen gemeinsam zum Hof der Roten Freude [怡红院].
„Ihr Vater heißt Djin Tsai“, gab Hsi-fëng Auskunft. „Zusammen mit seiner Frau hütet er die Häuser in Nan-djing und kommt seit jeher nur selten in die Hauptstadt. Ihr älterer Bruder heißt Djin Wën-hsiang und ist jetzt Einkäufer für die alte gnädige Frau, ihre Schwägerin aber steht bei der alten gnädigen Frau den Wäscherinnen vor.“ Schatzjade hatte in der Tat das ganze Gespräech mit angehört und war innerlich keineswegs froh darüber. Stumm lag er auf seinem Bett ausgestreckt und ließ die drei im Vorzimmer miteinander plaudern und scherzen.
Daraufhin hatte Dame Hsing befohlen, Yüan-yangs Schwägerin zu rufen, und hatte ihr alles genau erklärt. Die Schwägerin war natürlich begeistert und hatte sich freudestrahlend auf die Suche nach Yüan-yang gemacht. Sie hatte nichts anderes geglaubt, als daß Yüan-yang auf Anhieb einverstanden sein würde, aber dann war sie von Yüan-yang mit Vorwürfen überhäuft worden, und auch Hsi-jën und Ping-örl hatten ihr die Meinung gesagt. Inzwischen hatte Frau Xing Phönixglanz nach Mandarinenentes Eltern gefragt. Phönixglanz berichtete: „Ihr Vater heißt Jin Cai [金彩]. Das Ehepaar hütet die Häuser in Nanjing und ist so gut wie nie in die Hauptstadt heraufgekommen. Ihr älterer Bruder Jin Wenxiang [金文翔] ist gegenwärtig Einkäufeer für die Herzoginmutter. Seine Frau leitet die Wäscherei bei der Herzoginmutter.“
So kam sie beschämt wieder zurück und sagte zu Dame Hsing: „Es hat keinen Zweck gehabt. Im Gegenteil, sie hat mich beschimpft.“ Weil Hsi-fëng anwesend war, wagte sie nicht, Ping-örl zu erwähnen, und fügte nur hinzu: „Auch Hsi-jën hat ihr beigestanden und hat mich geschmäht. Sie hat mir viele ungezogene Sachen gesagt, die ich vor den Herrschaften nicht wiederholen kann. Ihr solltet Euch mit dem gnädigen Herrn beraten und doch besser eine Nebenfrau kaufen. Dieses kleine Spitzbein hat so ein großes Glück nicht verdient, und auch wir sind nicht dafür geboren!“ Frau Xing ließ also Mandarinenentes Schwägerin, Jin Wenxiangs Frau, rufen und erklärte ihr die Sache ausführlich. Die Schwägerin war natürlich höcherfreut und machte sich freudestrahlend auf die Suche nach Mandarinenente, fest davon überzeugt, dass ein einziges Wort genügen würde. Doch stattdessen wurde sie von Mandarinenente heftig abgekanzelt, und auch Dufthauch und Friedchen sagten ihr die Meinung.
„Was hat Hsi-jën damit zu tun, und woher wußte sie überhaupt davon?“ fragte Dame Hsing. Dann fügte sie hinzu: „Wer war außer ihr noch dabei?“ Beschämt und verärgert kam sie zurück und sagte zu Frau Xing: „Es hat keinen Zweck. Sie hat mich sogar beschimpft.“ Weil Phönixglanz daneben stand, wagte sie nicht, Friedchen zu erwähnen, sondern sagte nur: „Auch Dufthauch hat ihr beigestanden und mich geschmächt. Sie haben allerhand ungehöriges Zeug geredet, das man vor den Herrschaften nicht wiederholen kann. Die gnädige Frau sollte sich mit dem gnädigen Herrn beraten und lieber eine Nebenfrau kaufen. Dieses kleine Biest hat offenbar nicht so viel Glück, und wir sind auch nicht dafür geschaffen.“
„Fräulein Ping-örl“, erwiderte Yüan-yangs Schwägerin. Frau Xing sagte: „Was hat Dufthauch damit zu tun? Woher wusste sie überhaupt davon?“ Dann fragte sie: „Wer war sonst noch dabei?“
„Eine Ohrfeige hättest du ihr geben sollen!“ sagte Hsi-fëng sofort. „Kaum daß ich das Haus verlasse, geht sie spazieren. Als ich zurückkam, war kein Schatten von ihr zu entdecken. Bestimmt hat auch sie Yüan-yang beigestanden! Was hat sie gesagt?“ Die Schwägerin sagte: „Fräulein Friedchen.“
„Fräulein Ping-örl war nicht direkt mit dabei“, schränkte Yüan-yangs Schwägerin ein. „Von weitem sah es so aus, als ob sie es wäre, aber genau konnte ich sie nicht erkennen. Ich habe das nur vermutet.“ Phönixglanz sagte sofort: „Du hättest ihr eine Ohrfeige geben sollen! Kaum bin ich aus dem Haus, geht sie spazieren. Wenn ich heimkomme, ist kein Schatten von ihr zu finden! Bestimmt hat sie auch irgendetwas gesagt.“
Hsi-fëng aber befahl: „Geht sie schnell holen! Sagt ihr, ich sei zurück, auch die gnädige Frau sei hier, und sie müsse uns einen Gefallen tun.“ Die Schwägerin sagte: „Fräulein Friedchen war nicht direkt dabei. Von weitem sah es so aus, als wäre sie es, aber ganz sicher bin ich nicht — das war nur meine Vermutung.“
Rasch trat Fëng-örl vor und berichtete: „Fräulein Lin hatte drei oder vier Mal jemand geschickt, um sie zu sich zu bitten, bis sie dann gegangen ist. Sobald Ihr zu Hause wart, wollte ich sie holen, aber Fräulein Lin hat gesagt: ‚Bestell deiner Herrin, daß ich sie für etwas brauche!‘“ Phönixglanz befahl: „Schnell, holt sie her! Sagt ihr, ich bin zurück, die gnädige Frau ist auch hier, und sie soll kommen und uns helfen.“ Sogleich trat Feng’er [丰儿] vor und berichtete: „Fräulein Kajaljade hat drei- bis viermal nach ihr schicken lassen, bis sie schließlich gegangen ist. Sobald die gnädige Frau heimkam, habe ich sie hingeschickt. Fräulein Kajaljade lässt bestellen: ‘Sagt eurer Herrin, ich brauche sie für etwas.‚“
Jetzt erst gab Hsi-fëng Ruhe, bemerkte aber noch: „Was ist das nur, wozu sie sie jeden Tag braucht?“ Erst da gab Phönixglanz Ruhe, sagte aber noch absichtlich: „Jeden Tag braucht sie sie — was gibt es denn daürnd zu tun?“
Dame Hsing, die nun nichts weiter tun konnte, aß etwas, dann begab sie sich nach Hause zurück und erzählte am Abend Djia Schë, was sich ereignet hatte. Frau Xing, die nun keinen Ausweg mehr sah, aß etwas, fuhr nach Hause zurück und erzählte am Abend Begnadigung Kaufmann, was geschehen war.
Djia Schë dachte kurz nach, dann ließ er Djia Liän rufen und befahl: „Um in Nan-djing die Häuser zu hüten, ist nicht nur die eine Familie dort. Laß sofort Djin Tsai hierher kommen!“ Begnadigung Kaufmann überlegte einen Moment, dann ließ er sofort Kette Kaufmann [贾琏] rufen und befahl: „In Nanjing hüten nicht nur die Jins die Häuser — es gibt mehrere Familien dort. Lass Jin Cai unverzüglich heraufkommen!“
„Im letzten Brief aus Nan-djing stand, Djin Tsai sei infolge von Schleimfluß nicht mehr bei Sinnen“, berichtete Djia Liän. „Das Silber für seinen Sarg ist schon angewiesen. Ob er jetzt noch am Leben ist, weiß ich nicht. Aber selbst dann hätte es keinen Zweck, ihn herkommen zu lassen, denn er ist nicht mehr von dieser Welt. Seine Frau aber ist taub.“ Kette Kaufmann berichtete: „Im letzten Brief aus Nanjing stand, Jin Cai habe einen Schleimfluss erlitten und sei nicht mehr bei Sinnen [Anm.: eine schwere Erkrankung, vermutlich ein Schlaganfall]. Man hat ihm drüben bereits das Sargeld überwiesen. Ob er noch lebt oder tot ist, weiß ich nicht. Aber selbst wenn er lebt, ist er geistig verwirrt — es hätte keinen Sinn, ihn herbeizurufen. Seine Frau ist obendrein taub.“
Djia Schë schrie vor Wut auf, als er das hörte. Dann schimpfte er: „Nichtswürdiges Sträflingspack! Du weißt das natürlich ganz genau! Raus mit dir!“ Begnadigung Kaufmann schrie wütend auf und fluchte: „Du nichtswürdiges Stück! Natürlich weißt ausgerechnet du alles ganz genau! Hinaus mit dir!“
Verwirrt zog sich Djia Liän zurück. Als Djia Schë kurz darauf befahl, Djin Wën-hsiang zu holen, wartete Djia Liän im äußeren Bibliothekszimmer und wagte nicht, nach Hause zu gehen. Ebensowenig wollte er erneut vor seinen Vater treten. So blieb ihm weiter nichts übrig, als zu lauschen, und bald hörte er, wie Djin Wën-hsiang kam und sofort von den Sklavenjungen hineingeführt wurde. Erst nach einer Zeit, in der man fünf, sechs Schalen Reis hätte essen können, kam er wieder heraus und ging fort. Noch traute sich Djia Liän nicht, nachzufragen, und als er es nach einiger Zeit tat, erfuhr er, Djia Schë habe sich schlafen gelegt. Nun ging er in seine Räume hinüber, und erst als ihm Hsi-fëng alles erklärte, verstand er, worum es ging. Erschrocken zog sich Kette Kaufmann zurück. Kurz darauf befahl Begnadigung Kaufmann, Jin Wenxiang zu holen. Kette Kaufmann wartete im äußeren Arbeitszimmer und wagte weder nach Hause zu gehen noch seinem Vater erneut unter die Augen zu treten. Er konnte nur lauschen. Bald hörte er, wie Jin Wenxiang kam und von den Dienerjungen sofort ins Innere geführt wurde. Erst nach einer Zeit, die lang genug gewesen wäre, um fünf, sechs Schalen Reis zu essen, kam er wieder heraus und ging fort. Kette Kaufmann wagte zunächst nicht nachzufragen. Erst eine Weile später erkundigte er sich und erfuhr, Begnadigung Kaufmann habe sich schlafen gelegt. Da ging er in seine eigenen Räume hinüber, und erst als ihm Phönixglanz am Abend alles erklärte, verstand er, worum es ging.
Yüan-yang fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Am nächsten Morgen bat ihr Bruder die Herzoginmutter, sie zu sich nach Hause auf Urlaub nehmen zu dürfen. Die Herzoginmutter stimmte zu und befahl Yüan-yang zu gehen. Yüan-yang wollte zwar nicht, aber da sie Angst hatte, die Herzoginmutter könne einen Verdacht schöpfen, mußte sie notgedrungen folgen. Mandarinenente fand in jener Nacht keinen Schlaf. Am nächsten Tag bat ihr Bruder die Herzoginmutter, seine Schwester auf einen Besuch nach Hause mitnehmen zu dürfen. Die Herzoginmutter willigte ein und befahl Mandarinenente zu gehen. Mandarinenente wollte nicht, aber aus Furcht, die Herzoginmutter könnte Verdacht schöpfen, fügte sie sich widerwillig.
Ihr Bruder konnte nichts anderes tun, als ihr Djia Schës Worte zu wiederholen, und malte ihr aus, welche Ehre es für sie wäre und wie sie den Haushalt leiten würde, wenn sie erst Nebenfrau wäre. Aber Yüan-yang biß die Zähne zusammen und lehnte ab. Ihr Bruder übermittelte ihr Kaufmann Begnaadigungen Worte und malte ihr aus, wie ehrenvoll das wäre und wie sie als Nebenfrau den Haushalt leiten würde. Doch Mandarinenente biss die Zähne zusammen und lehnte ab. Ihrem Bruder blieb nichts anderes übrig, als zu Begnadigung Kaufmann zurückzukehren und ihm Bericht zu erstatten.
Da blieb ihrem Bruder keine andere Wahl, als wieder zu Djia Schë zu gehen und ihm dies zu berichten.

Wütend erklärte Djia Schë: „Hör zu, was ich dir sage, und laß es ihr von deiner Frau überbringen! Schöne Frauen mögen von alters her junge Burschen. Sicher verachtet sie mich, weil ich alt bin, und schmachtet nach den jungen Herrn. Wahrscheinlich hat sie sich in Bau-yü vergafft, vielleicht aber auch in Djia Liän. Wenn das wirklich so ist, soll sie sich das nur aus dem Kopf schlagen! Wer würde es wagen, sie noch zu nehmen, nachdem ich sie gewollt habe und sie mich abgewiesen hat! Das ist das eine.
Begnadigung Kaufmann geriet in Wut und erklärte: „Hör mir genau zu und lass es ihr durch deine Frau ausrichten! Sage ihr in meinem Namen: ‘Seit alters her steht die schöne Mondfrau Chang’e auf junge Burschen.‚ Sie verachtet mich bestimmt, weil ich alt bin. Wahrscheinlich hat sie ein Auge auf einen der jungen Herren geworfen — vermutlich auf Schatzjade, vielleicht auch auf Kette Kaufmann. Wenn das wirklich so ist, soll sie sich das schnellstens aus dem Kopf schlagen! Nachdem ich sie gewollt habe und sie mich zurückgewiesen hat — wer würde es dann noch wagen, sie zu nehmen? Das ist das eine. Zum zweiten meint sie wohl, weil die Herzoginmutter sie gern hat, werde man sie eines Tages nach draußen als Hauptfrau verheiraten. Aber sie soll sich gut überlegen: An wen immer sie auch verheiratet wird, sie wird meiner Hand nicht entkommen. Nur wenn sie stirbt oder lebenslang unverheiratet bleibt, gebe ich mich geschlagen! Andernfalls soll sie sich rechtzeitig eines Besseren besinnen — es wäre nur zu ihrem Vorteil.“
Zum anderen meint sie wohl, weil die alte gnädige Frau sie gern hat, werde sie sie natürlich nach draußen verheiraten, so daß sie jemandes Hauptfrau wird. Aber sie soll sich einmal gut überlegen, ob sie mir wohl entgehen kann, egal wen sie auch heiraten wird. Wenn sie nicht gerade stirbt oder ihr Leben lang ledig bleibt, werde ich sie schon unterkriegen. Sonst aber ist es das beste für sie, sich rechtzeitig zu besinnen und Vernunft anzunehmen.“ Bei jedem Satz, den Begnadigung Kaufmann sprach, antwortete Jin Wenxiang mit einem „Jawohl“. Begnadigung Kaufmann fuhr fort: „Versuch nicht, mich hinters Licht zu führen! Morgen schicke ich noch einmal die gnädige Frau zu Mandarinenente. Wenn ihr es ihr gesagt habt und sie nicht einwilligt, trifft euch keine Schuld. Stimmt sie dann aber doch zu — dann nimm deinen Kopf in Acht!“
Bei jedem Satz, den Djia Schë sprach, hatte Djin Wën-hsiang „Jawohl!“ gesagt. Jetzt fuhr Djia Schë fort: „Versuch nicht, mich anzuführen! Morgen schicke ich noch einmal die gnädige Frau zu Yüan-yang. Wenn Ihr ihr alles gesagt habt, und sie will nicht, trifft Euch keine Schuld. Wenn sie dann aber doch noch ja sagt, mußt du deinen Kopf in acht nehmen!“ Jin Wenxiang sagte eilig wieder und wieder jawohl, zog sich zurück und ging nach Hause. Ohne erst seine Frau als Übermittlerin einzuschalten, richtete er Mandarinenente Kaufmann Begnaadigungen Worte persönlich und direkt aus.
Wieder sagte Djin Wën-hsiang ein um das andere Mal jawohl, dann zog er sich zurück und ging nach Hause. Er bemühte nicht erst seine Frau, sondern richtete Yüan-yang selbst aus, was Djia Schë ihm gesagt hatte. Mandarinenente war so empöert, dass ihr zunächst die Worte fehlten. Nachdem sie einen Moment nachgedacht hatte, sagte sie: „Angenommen, ich bin einverstanden — dann müsst ihr mich zur Herzoginmutter begleiten und es ihr melden.“
Zuerst brachte Yüan-yang vor Empörung kein Wort heraus, dann aber sagte sie nach einigem Nachdenken: „Nehmen wir an, ich bin einverstanden, dann müßt ihr mit mir zur alten gnädigen Frau gehen, um sie davon zu unterrichten.“ Bruder und Schwägerin hörten das und glaubten, sie habe es sich überlegt. Vor Freude wussten sie nicht ein noch aus. Sofort brachte die Schwägerin Mandarinenente zur Herzoginmutter hinauf.
Als ihr Bruder und seine Frau das hörten, glaubten sie, Yüan-yang habe es sich überlegt, und wußten vor Freude nicht ein noch aus. Sofort ging die Schwägerin mit Yüan-yang zur Herzoginmutter. Hier waren eben Dame Wang, Tante Hsüä, Li Wan, Hsi-fëng, Bau-tschai und die Mädchen des Hauses versammelt, dazu noch einige Verwalterinnen und angesehene Sklavenfrauen, um die Herzoginmutter zu unterhalten. Es traf sich, dass gerade Wang Furen, Tante Schnee [薛姨妈][18], Schleierfrau [李纨][19], Phönixglanz, Schatzspange [宝钗][20] und die anderen Schwestern sowie einige der führenden und angesehenen Verwalterinnen bei der Herzoginmutter versammelt waren, um sie zu unterhalten.
Erfreut über dieses Zusammentreffen, zog Yüan-yang ihre Schwägerin mit vor die Herzoginmutter, dann fiel sie auf die Knie nieder und berichtete unter Tränen, was Dame Hsing ihr gesagt hatte, was ihre Schwägerin im Garten gesagt hatte und was schließlich ihr Bruder gesagt hatte. Dann fuhr sie fort: „Weil ich nicht einverstanden war, hat der ältere gnädige Herr rundweg behauptet, ich sei in Bau-yü verliebt oder aber ich wartete darauf, nach draußen verheiratet zu werden. Aber selbst wenn ich bis in den Himmel flüchtete, würde ich mein Lebtag seiner Rache nicht entgehen.

Doch mein Entschluß steht fest, und ich erkläre vor allen Leuten: Nicht nur Bau-yü, auch keinen Gold- oder Silberjüngling, keinen Himmelskönig und keinen Jadekaiser, niemand werde ich heiraten, und damit Schluß! Und wenn die alte gnädige Frau mich dazu zwingen will, bringe ich mich eher um, als daß ich gehorche.

Wenn ich Glück habe, sterbe ich früher als die alte gnädige Frau, und wenn ich Pech habe und weiterleben muß, dann diene ich der alten gnädigen Frau, bis sie ins Paradies eingeht. Danach aber will ich weder bei meinen Eltern leben noch bei meinem älteren Bruder. Entweder bringe ich mich um, oder schneide mir das Haar ab und werde Nonne.

Wenn ich das nicht ehrlich meinen sollte und mich nur sträube, um später andere Pläne zu verfolgen, sollen Himmel und Erde, Götter und Geister mich strafen! Im Licht der Sonne und des Mondes soll eine Eiterbeule aus meiner Kehle wachsen, an der ich auf der Stelle zu Mus verfaule!“
Mandarinenente freute sich unbaändig über dieses glückliche Zusammentreffen. Sie zog ihre Schwägerin mit vor die Herzoginmutter, fiel auf die Knie und berichtete unter Tränen: wie Frau Xing zu ihr gekommen war und was sie gesagt hatte, wie dann ihre Schwägerin sie im Garten aufsuchte und was sie sagte, und was heute ihr Bruder ausgerichtet hatte. „Weil ich nicht eingewilligt habe“, fuhr sie fort, „hat der ältere gnädige Herr rundheraus behauptet, ich sei in Schatzjade verliebt oder aber ich wartete darauf, nach draußen verheiratet zu werden. Selbst wenn ich in den Himmel fluchtete, würde ich mein Leben lang seiner Rache nicht entgehen. Doch ich habe meinen Entschluss gefasst, und ich erkläre vor allen Anwesenden: Nicht nur ‘Schatzjade‚ — selbst wenn einer ‘Schatzgold‚ oder ‘Schatzsilber‚ oder ‘Schatzhimmelskönig‚ oder ‘Schatzkaiser‚ hieße — ich werde nie und nimmer einen Mann heiraten, und damit Schluss! Und selbst wenn die Herzoginmutter mich dazu zwingt, bringe ich mich eher mit einem Messerstrich um, als dass ich gehorche! Wenn ich Glück habe, sterbe ich vor der Herzoginmutter. Wenn ich Pech habe und es mir bestimmt ist, als Bettlerin zu leben, dann diene ich der Herzoginmutter, bis sie ins Paradies eingeht. Danach aber will ich weder zu meinen Eltern noch zu meinem Bruder. Entweder bringe ich mich um oder schneide mir das Haar ab und werde Nonne! Wenn ich das nicht ehrlich meine und mich nur sträube, um später andere Pläne zu verfolgen, dann sollen Himmel und Erde, Götter und Geister, Sonne und Mond Zeugen sein — dann soll aus meiner Kehle eine Eiterbeule wachsen und mich bei lebendigem Leibe verfaulen und zu Brei zersetzen lassen, hier an dieser Stelle!“
Als Yüan-yang hereingekommen war, hatte sie eine Schere im Ärmel verborgen gehalten. Jetzt löste sie sich bei den letzten Worten mit der Linken das Haar und schnitt mit der Rechten drauflos. Rasch traten die Sklavenfrauen und -mädchen näher, um sie festzuhalten, aber schon hatte sie eine Strähne zur Hälfte durchschnitten. Doch glücklicherweise war ihr Haar sehr dicht, und sie hatte es auch nicht geschafft, alles durchzuschneiden, so daß man es ihr rasch wieder hochstecken konnte. Wie sich zeigte, hatte sie bei ihrem Eintreten eine Schere im Ärmel verborgen. Während sie nun die letzten Worte sprach, löste sie sich mit der linken Hand das Haar und begann mit der rechten Hand zu schneiden. Eilig stürzten die Dienerinnen und Mägde herbei, um sie festzuhalten, doch sie hatte schon eine halbe Strähne abgeschnitten. Zum Glück war ihr Haar ungewöhnlich dicht und sie hatte es nicht ganz durchschneiden können. Rasch steckte man ihr das Haar wieder hoch.
Die Herzoginmutter aber bebte vor Wut und stieß hervor: „Sie ist der einzige zuverlässige Mensch, der mir geblieben ist, und um den soll ich auch noch gebracht werden!“ Ihr Blick fiel auf Dame Wang, und an diese gewandt, fuhr sie fort: „Ihr macht mir alle etwas vor! Nach außen zeigt ihr kindliche Ergebenheit, heimlich aber stellt ihr eure Berechnungen an. Alle guten Sachen, die ich habe, müßt ihr mir wegnehmen, und alle guten Leute auch, bis mir nur so ein Mädchen geblieben ist. Und wo ihr seht, daß ich gut zu ihr bin, paßt euch das natürlich nicht, und ihr wollt sie weg haben, damit ihr mit mir machen könnt, was ihr wollt!“ Die Herzoginmutter aber bebte am ganzen Leib vor Zorn und stieß hervor: „Sie ist die einzige zuverlässige Person, die mir noch geblieben ist, und um die soll ich auch noch gebracht werden!“ Ihr Blick fiel auf Wang Furen, und an diese gewandt fuhr sie fort: „Ihr macht mir alle etwas vor! Nach außen zeigt ihr Ehrerbietung, insgeheim aber stellt ihr eure Berechnungen an. Alles Gute, was ich habe, wollt ihr mir wegnehmen, ob Sachen oder Menschen! Jetzt ist mir nur noch dieses Mädchen geblieben. Und weil ihr seht, dass ich sie gern habe, kann euch das natürlich nicht gefallen, also schafft ihr sie mir vom Hals, damit ihr mit mir machen könnt, was ihr wollt!“
Dame Wang hatte sich rasch erhoben und wagte kein Wort zu erwidern. Tante Hsüä konnte, als sie sehen mußte, wie selbst Dame Wang verdächtigt wurde, schlecht etwas Begütigendes sagen. Li Wan hatte die Mädchen des Hauses hinausgeführt, sobald Yüan-yang ihre Klage vorbrachte. Tan-tschun war verständig genug, um sich zu sagen, daß Dame Wang sich natürlich nicht zu verteidigen wagte, wenn sie so geschmäht wurde, und daß Tante Hsüä als ihre leibliche Schwester sie auch nicht gut in Schutz nehmen konnte, ebensowenig wie Bau-tschai imstande war, für ihre Tante einzutreten, während Li Wan, Hsi-fëng und Bau-yü sich auch nicht trauen durften, etwas zu sagen. Ein Mädchen mußte das tun! Aber Ying-tschun war zu naiv und Hsi-tschun noch zu klein. Darum hörte sie noch einen Moment durch das Fenster zu, dann ging sie wieder hinein und sagte lächelnd zur Herzoginmutter: „Was hat die gnädige Frau damit zu tun? Überlegt doch selbst, alte gnädige Frau! Woher soll sie es wissen, wenn ihr älterer Schwager eine Nebenfrau nehmen will? Und selbst wenn sie es wußte, konnte sie gar nicht anders, als sich unwissend zu stellen...“ Wang Furen hatte sich rasch erhoben und wagte kein Wort zu erwidern. Tante Schnee konnte, als sie sah, dass sogar Wang Furen beschuldigt wurde, schwerlich etwas Beschwichtigendes sagen. Schleierfrau hatte die Schwestern aus dem Zimmer geführt, sobald Mandarinenente ihre Klage vorbrachte.
Noch ehe sie ausgesprochen hatte, sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Du hast recht! Ich verdumme schon mit dem Alter. – Lacht nicht über mich, Frau Hsüä! Eure Schwester ist mir kindlich treu ergeben, nicht wie meine andere Schwiegertochter, die in ständiger Furcht vor ihrem Mann lebt und mir nur nach dem Munde redet. Ich habe Eure Schwester gekränkt!“ Spürfrühling [探春][21], die ein scharfsinniger Mensch war, überlegte: Wang Furen wird Unrecht getan, doch sie wagt sich nicht zu verteidigen. Tante Schnee als ihre leibliche Schwester kann sie auch schlecht in Schutz nehmen. Schatzspange kann nicht für ihre Tante eintreten. Schleierfrau, Phönixglanz und Schatzjade wagen ebensowenig etwas zu sagen. Hier muss ein Mädchen auftreten! Aber Willkommenfrühling [迎春][22] ist zu arglos, Bewahrfrühling [惜春] noch zu klein. Also lauschte sie einen Moment am Fenster, trat dann wieder ein und sagte lächelnd zur Herzoginmutter: „Was hat denn die gnädige Frau damit zu tun? Überlegt doch einmal selbst, Herzoginmutter! Gibt es das wohl, dass die Frau des jüngeren Bruders es erfährt, wenn der ältere Schwager eine Nebenfrau nehmen will? Und selbst wenn sie es wüsste, könnte sie sich nur unwissend stellen...“
Tante Hsüä sagte nur ja, dann aber fügte sie hinzu: „Vielleicht seid Ihr voreingenommen zugunsten der Frau Eures jüngeren Sohnes, auch so etwas gibt es ja.“ Noch bevor sie ausgesprochen hatte, sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Du hast recht! Ich werde wirklich schon wirr im Kopf vor Alter! Lacht nicht über mich, liebe Frau Schnee! Eure Schwester ist mir aufrichtig ergeben — nicht wie meine andere Schwiegertochter, die vor lauter Angst vor ihrem Mann mir gegenüber nur nach dem Munde redet. Ich habe Eurer Schwester Unrecht getan.“
„Ich bin nicht voreingenommen“, erwiderte die Herzoginmutter. Dann fragte sie: „Bau-yü, warum hast du nichts gesagt, als ich deine Mutter zu unrecht verdächtigt habe, sondern hast zugesehen, wie sie gekränkt wurde?“ Tante Schnee sagte nur „Jawohl“ und fügte dann hinzu: „Vielleicht seid Ihr ein wenig voreingenommen zugunsten der Frau Eures jüngeren Sohnes — auch so etwas kommt vor.“
„Hätte ich mich vielleicht auf die Seite meiner Mutter gegen Onkel und Tante stellen sollen?“ fragte Bau-yü lächelnd zurück. „Der Fehler bleibt ja bestehen, und wenn meine Mutter ihn nicht auf sich genommen hätte, wem hätte sie ihn dann zuschieben sollen? Und wenn ich gesagt hätte, es sei mein Fehler gewesen, hättet Ihr mir auch nicht geglaubt.“ Die Herzoginmutter sagte: „Ich bin nicht voreingenommen!“ Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Schatzjade, ich habe deiner Mutter Unrecht getan — warum hast du nichts gesagt und zugesehen, wie sie gekränkt wurde?“
„Das stimmt“, sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Knie schnell vor deiner Mutter nieder und sag: ‚Ihr müßt nicht gekränkt sein, gnädige Frau! Die alte gnädige Frau ist nicht mehr die Jüngste. Hört auf um Bau-yüs willen!‘“ Schatzjade sagte lächelnd: „Hätte ich mich etwa auf die Seite meiner Mutter stellen und den älteren Onkel und die ältere Tante beschuldigen sollen? Im Grunde bleibt der Fehler bestehen: Wenn meine Mutter ihn hier nicht auf sich nimmt, wem soll sie ihn denn zuschieben? Und wenn ich gesagt hätte, es sei mein Fehler, hättet Ihr mir auch nicht geglaubt.“
Wirklich ging Bau-yü rasch hinüber, kniete nieder und wollte schon sprechen, als Dame Wang ihn lächelnd wieder hochzog und sagte: „Steh auf, steh auf! Das geht doch nun wirklich nicht! Du kannst dich nicht für die alte gnädige Frau bei mir entschuldigen.“ Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Das stimmt allerdings. Knie jetzt schnell vor deiner Mutter nieder und sag: ‘Gnädige Frau, seid nicht gekränkt! Die Herzoginmutter ist schon in die Jahre gekommen — habt Nachsicht um Schatziades willen!‚“
Also stand Bau-yü wieder auf, inzwischen aber sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Hsi-fëng! Du hast mich auch nicht darauf aufmerksam gemacht.“ Schatzjade ging tatsächlich eilig hinüber und kniete nieder, wollte gerade sprechen, da zog Wang Furen ihn lächelnd hoch und sagte: „Steh auf, steh auf! Das geht wirklich nicht! Du kannst dich nicht an Stelle der Herzoginmutter bei mir entschuldigen!“
Lächelnd entgegnete Hsi-fëng: „Euren Fehler habe ich Euch nicht vorgeworfen, und jetzt findet Ihr an mir etwas auszusetzen!“ Schatzjade stand auf. Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Auch Phönixglanz hat mich nicht darauf aufmerksam gemacht.“
„Merkwürdig! Ich möchte wissen, was das für ein Fehler sein soll!“ sagte die Herzoginmutter, und alle anderen pflichteten ihr bei. Phönixglanz sagte lächelnd: „Ich habe der Herzoginmutter gar keinen Fehler vorgeworfen, und jetzt sucht sie einen bei mir!“
„Warum mußtet Ihr Euch so gut darauf verstehen, das Mädchen heranzuziehen, daß sie schön wird wie eine Simse?!“ sagte Hsi-fëng. „Und da wundert Ihr Euch noch, daß jemand sie haben möchte! Ein Glück, daß ich die Frau Eures Enkels bin und nicht Euer Enkel. Sonst hätte ich sie schon längst haben wollen und hätte nicht bis heute damit gewartet.“ Die Herzoginmutter sagte, und alle lachten mit: „Das wäre ja seltsam! Ich möchte doch hören, was für ein Fehler das sein soll.“
„Das also soll mein Fehler sein?“ fragte die Herzoginmutter lächelnd. Phönixglanz sagte: „Warum musstet Ihr das Mädchen so gut aufziehen, dass sie schön wurde wie eine frische Frühlingszwiebel? Da wundert Ihr Euch noch, dass jemand sie haben will? Ein Glück, dass ich nur die Frau Eures Enkels bin und nicht Euer Enkel! Sonst hätte ich sie schon längst für mich beansprucht und nicht bis heute gewartet.“
„Natürlich ist es das!“ erwiderte Hsi-fëng. Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Das also soll mein Fehler sein?“
„Dann will ich sie auch nicht mehr“, sagte die Herzoginmutter. „Nimm du sie zu dir!“ Phönixglanz sagte lächelnd: „Natürlich ist es Euer Fehler!“
„Wenn ich mich in diesem Leben so weit vervollkommne, daß ich im nächsten als Mann wiedergeboren werde, komme ich sie mir holen“, versprach Hsi-fëng. Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Dann will ich sie auch nicht mehr. Nimm du sie!“
„Dann nimm sie für Liän mit!“ schlug ihr die Herzoginmutter vor. „Ich möchte doch sehen, ob dein schamloser Schwiegervater sie dann immer noch für sich verlangt!“ Phönixglanz sagte: „Wenn ich mich in diesem Leben so vervollkommne, dass ich im nächsten als Mann wiedergeboren werde, komme ich sie holen.“
„Für Liän ist sie nichts“, beharrte Hsi-fëng. „Für ihn sind nur angebrannte Fladen etwas wie ich und Ping-örl, um mit ihnen auszukommen.“ Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Dann nimm sie für Kette Kaufmann, und gib sie ihm als Nebenfrau! Dann möchte ich sehen, ob dein schamloser Schwiegervater sie immer noch für sich verlangt!“
Alle brachen darüber in Gelächter aus, als die Sklavenmädchen meldeten: „Die ältere gnädige Frau ist da.“ Phönixglanz sagte: „Kette Kaufmann ist ihrer nicht würdig. Für ihn sind nur solche angebrannten Fladen wie ich und Friedchen gut genug, dass er mit uns auskommen kann.“
Rasch ging Dame Wang ihr nach draußen entgegen, und wer wissen will, wie es weiterging, ... Alle brachen in Gelächter aus. Da meldete ein Dienstmädchen: „Die ältere gnädige Frau ist gekommen.“ Wang Furen eilte ihr rasch entgegen. Was weiter geschah —
== Anmerkungen ==
  1. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente“. Erste Kammerzofe der Herzoginmutter. Mandarinenenten gelten in China als Symbol ehelicher Treue.
  2. Chin. 黛玉 Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade“. Lin Daiyu, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.
  3. Chin. 凤姐 Fèngjie (vollst. 王熙凤 Wáng Xīfèng), wörtl. „Phönix-Glanz“. Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  4. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.
  5. Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, wörtl. „Begnadigung Kaufmann“. Der ältere Sohn der Herzoginmutter.
  6. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann“. Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.
  7. Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen“. Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.
  8. Chin. 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein“. Eine Kammerzofe der Herzoginmutter.
  9. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Die Überraschende“ (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an“). Schatzjades erste Kammerzofe.
  10. Chin. 素云 Sùyún, wörtl. „Reine Wolke“. Kammerzofe von Frau Li.
  11. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck“. Kajaljades Kammerzofe.
  12. Chin. 彩霞 Cǎixiá, wörtl. „Bunte Wolke“. Ein Dienstmädchen.
  13. Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschus-Mond“. Eine von Schatzjades Kammerzofen.
  14. Chin. 金钏 Jīnchuàn, wörtl. „Gold-Armreif“. Verstorbene Kammerzofe, Schwester von Jadearmband.
  15. Chin. 茜雪 Qiànxuě, wörtl. „Scharlach-Schnee“. Eine ehemalige Dienerin Schatzjades.
  16. Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade“. Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
  17. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Frühlings-Bewahrerin“. Jüngste Tochter von Juwel Kaufmann.
  18. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee“. Mutter von Schatzspange und Xue Pan, Schwester von Dame Wang.
  19. Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Jia Zhu, Vorsteherin des Gartens.
  20. Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange“. Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
  21. Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin“. Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.
  22. Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Frühlings-Willkommene“. Zweite Tochter von Begnadigung Kaufmann.

← Übersicht | ← Kap. 45 | Kap. 47 →