Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 62

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Kapitel 62: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
62.Die närrische Hsiang-yün schläft betrunken auf einem Päonienblütenkissen ein,die törichte Hsiang-ling zieht gerührt ihren Granatapfelrock aus. Kapitel 62
Ping-örl ging also hinaus und verkündete Lin Dschï-hsiaus Frau: „In einer blühenden Familie muß es möglich sein, daß eine große Angelegenheit zu einer kleinen und eine kleine zu nichts wird. Ohne jeden Anlaß Alarm zu schlagen und alles auf den Kopf zu stellen ist keine Art und Weise. Führe Mutter und Tochter zurück und laß sie ihren Dienst ausüben wie bisher! Und schick auch Tjin Hsiäns Frau wieder auf ihren alten Posten zurück! In Zukunft soll von der Sache nicht mehr die Rede sein. Halte nur täglich überall die Augen offen, darauf kommt es an!“ Wolke vom Xiang-Fluss [湘云] schläft betrunken auf einer Steinbank zwischen Päonienblüten
Damit machte sie kehrt, um zu gehen. Mutter und Tochter Liu aber traten rasch näher und schlugen mit der Stirn auf den Boden. Dann brachte Lin Dschï-hsiaus Frau sie in den Garten zurück und erstattete Li Wan und Tan-tschun Bericht. „Gut, wir wissen Bescheid. Um wieviel besser ist es doch, daß nichts vorlag!“ sagten sie beide. Xianglings bestickter Rock wird beim Blumenspiel beschmutzt
Sï-tji und ihre Parteigänger hatten sich umsonst gefreut, und Tjin Hsiäns Frau, die lange genug auf so eine Gelegenheit gewartet hatte, triumphierte nur einen Vormittag. Hals über Kopf übernahm sie in der Küche Gerätschaften, Reis und Feuerungsmaterial und stellte dabei vielerlei Fehlmengen fest. „Es sind zwei Dan nichtklebender Reis zu wenig, gewöhnlicher Reis ist für einen Monat zuviel empfangen worden, und Holzkohle fehlt auch“, sagte sie. Zugleich bereitete sie Geschenke für Lin Dschï-hsiaus Frau vor. Einen Korb Holzkohle, fünfhundert Djin Brennholz und eine Last nichtklebenden Reis ließ sie heimlich draußen bereitstellen und dann durch Sohn und Neffen zum Hause der Lins schaffen. Auch für die Leute von der Haushaltskasse machte sie Geschenke zurecht. Dann ließ sie einige Speisen anrichten, lud ihre Mitarbeiterinnen zu Tisch und sagte: „Nur durch eure Hilfe bin ich hierher gekommen. Von nun an wollen wir eine einzige große Familie sein! Wenn ich etwas übersehe, müßt ihr desto umsichtiger sein.“ Friedchen [平儿] kam heraus und wies Frau Lin Zhixiao an: „Aus großen Angelegenheiten mache man kleine, aus kleinen gar keine — das ist die Art eines gedeihenden Hauses. Wenn man bei jeder Kleinigkeit gleich mit Glockengeläut und Trommelschlag ein großes Aufheben macht, ist das keine vernünftige Weise. Bringt jetzt Mutter und Tochter zurück; sie sollen wie zuvor ihren Dienst versehen. Die Frau des Qin Xian schickt ebenfalls wieder zurück. Es braucht von dieser Sache nicht mehr gesprochen zu werden. Nur soll man täglich sorgfältig Wache halten." Damit stand sie auf und ging. Frau Lius Mutter und Tochter kotzten eilig vor ihr nieder. Frau Lin brachte sie zurück in den Garten und erstattete Li Schleierfrau [李纨] und Spürfrühling [探春] Bericht; beide sagten: „Wir haben es zur Kenntnis genommen. Wenn alles erledigt ist, umso besser."
Mitten in all diese Aufregungen platzte jemand mit dem Bescheid: „Nach der Frühmahlzeit mußt du fort! Schwägerin Liu ist unschuldig und führt die Küche weiter.“

Als Tjin Hsiäns Frau das hörte, war ihr zumute, als ob ihr die Seele aus dem Leib fahren wollte. Völlig niedergeschlagen mußte sie ihre Segel streichen. Sie packte also ihr Bündel und zog wieder aus. Was sie den Leuten geschenkt hatte, war nun nutzlos vertan, und für den Verlust mußte sie aus der eigenen Tasche aufkommen.

Sï-tji war vor Ärger wie vor den Kopf geschlagen, aber da sie nicht wußte, wie sie der Sache abhelfen sollte, mußte sie alles auf sich beruhen lassen.
Schachspielerin [司棋] und die anderen hatten sich umsonst in Aufregung versetzt. Die Frau des Qin Xian aber, die endlich eine Gelegenheit gefunden hatte, sich einzuschleichen, hatte gerade einen halben Tag lang triumphiert. In der Küche war sie eifrig damit beschäftigt gewesen, Gerätschaften, Reis, Getreide, Kohle und dergleichen in Empfang zu nehmen, und hatte dabei allerlei Fehlbestände aufgedeckt: „Beim Rundkornreis fehlen zwei Shi [1], beim Alltagsreis ist ein Monat zu viel ausgegeben worden, und auch bei der Kohle stimmen die Zahlen nicht." Gleichzeitig hatte sie Geschenke für Frau Lin Zhixiao vorbereiten lassen — heimlich einen Korb Kohle, fünfhundert Pfund Brennholz und eine Traglast Rundkornreis — und draußen durch Neffen und Nichten zum Haus der Familie Lin schicken lassen. Ferner bereitete sie Geschenke für die Buchhaltung vor und richtete einige Gerichte her, um ihre neuen Kolleginnen zu bewirten, wobei sie sagte: „Nun, da ich hier bin, bin ich ganz auf Ihre Unterstützung angewiesen. Von nun an sind wir eine Familie. Wo ich nicht aufpassen kann, helft mir bitte alle." Mitten in diesem Trubel kam plötzlich jemand und sagte: „Sieh zu, dass du nach dem Frühstück verschwindest. Die Schwägerin Liu war schuldlos; man hat ihr die Verwaltung wieder übertragen." Als die Frau des Qin Xian dies hörte, fuhr ihr der Schreck in die Glieder. Entmutigt, mit hängendem Kopf, strich sie augenblicklich die Flaggen und verstummte die Trommeln; sie packte ihre Sachen und ging. Die Geschenke an andere waren umsonst verschwendet; obendrein musste sie von ihrem eigenen Besitz die aufgedeckten Fehlbestände ersetzen. Selbst Schachspielerin war so verärgert, dass sie sich kaum fassen konnte, doch es war nichts mehr zu machen.
Nebenfrau Dschau, die sich insgeheim so viele Dinge von Tsai-yün hatte geben lassen, was durch Yü-tschuans Gezänk ruchbar geworden war, hatte nun Angst, bei einer Untersuchung würde alles ans Tageslicht kommen, deshalb schwitzte sie täglich Blut und Wasser und erkundigte sich immer wieder nach Neuigkeiten, bis plötzlich Tsai-yün hereinkam und sagte: „Bau-yü hat alles auf sich genommen, es ist nichts mehr zu befürchten.“

Nebenfrau Dschau fiel darüber ein Stein vom Herzen, Djia Huan dagegen wurde mißtrauisch, holte alles hervor, was Tsai-yün ihm heimlich gebracht hatte, und warf es ihr an den Kopf. Dabei stieß er hervor: „Ich bin nicht scharf auf den Kram, du falsches Ding! Warum sollte Bau-yü dich in Schutz nehmen, wenn du dich nicht mit ihm gut gestellt hättest? Wenn du mir die Sachen auch geben mußtest, durftest du doch keinen Menschen davon wissen lassen. Nachdem du ihm jetzt davon gesagt hast, habe ich keine Lust mehr, das zu behalten.“

Aufgeregt schwor ihm Tsai-yün, sie habe es nicht verraten, und bemühte sich unter Tränen, die Sache auf hunderterlei Weise zu erklären. Djia Huan aber blieb starrsinnig und glaubte ihr nicht. „Wie du auch immer zu mir gestanden hast, ich sollte es Schwägerin Hsi-fëng melden!“ drohte er. „Ich sage ihr, du hast die Sachen gestohlen und hast sie mir geben wollen, aber ich habe sie nicht gewollt. Das überleg dir einmal!“ Und mit einer wegwerfenden Handbewegung lief er hinaus.

„Ach, du Unglücksbrut, du Strafe meiner Sünden!“ schimpfte Nebenfrau Dschau aufgeregt hinter ihm her. Tsai-yün aber weinte sich vor Wut die Augen aus, egal wie Nebenfrau Dschau auch beruhigend auf sie einredete.

„Ich habe es wohl bemerkt, wie er dich verletzt hat, mein gutes Kind“, sagte Nebenfrau Dschau. „Laß mich die Sachen an mich nehmen! In ein paar Tagen wird er ganz von selbst wieder zu sich kommen.“ Mit diesen Worten wollte sie die Gegenstände einsammeln, aber wütend raffte Tsai-yün alles zusammen, und als niemand sie sehen konnte, lief sie damit in den Garten und warf es dort in den Bach. Teils versanken die Sachen, teils trieben sie mit dem Wasser fort, Tsai-yün aber weinte vor Zorn des Nachts heimlich unter der Decke.
Die Konkubine Zhao hatte sich die ganze Zeit in Angst befunden, weil Caiyun ihr heimlich so viele Dinge zugesteckt hatte und Yuchuan'er den Streit darüber angefacht hatte; sie fürchtete, man könnte der Sache auf den Grund gehen, und horchte jeden Tag schweißnass nach Neuigkeiten. Da kam Caiyun und sagte: „Schatzjade [宝玉] hat alles auf sich genommen; von nun an gibt es keine Schwierigkeiten mehr." Erst da beruhigte sich die Konkubine Zhao. Doch Unheil Kaufmann [贾环], als er davon hörte, wurde misstrauisch. Er holte alle Dinge hervor, die Caiyun ihm heimlich geschenkt hatte, und warf sie Caiyun ins Gesicht: „Du doppelzüngiges Ding! Ich will das alles nicht. Wenn du nicht mit Schatzjade unter einer Decke stecktest, warum sollte er sich für dich einsetzen? Wenn du die Kühnheit hattest, mir die Sachen zu geben, hättest du es keinem Menschen verraten sollen. Da du es ihm nun doch erzählt hast, macht es keinen Spaß mehr, die Sachen zu behalten." Caiyun erschrak, schwor Stein und Bein, weinte gar und erklärte sich auf alle erdenkliche Weise, doch Unheil Kaufmann wollte ihr partout nicht glauben und sagte: „Wenn ich nicht unsere frühere Zuneigung berücksichtigen würde, ginge ich zur Zweiten Schwägerin und sagte: ‚Caiyun hat es gestohlen und mir gegeben, ich wage es nicht anzunehmen.' Denk einmal darüber nach." Damit schleuderte er seine Hand los und ging hinaus. Konkubine Zhao schimpfte aufgebracht: „Du undankbarer Wurm, du Madenherz, du Unglücksbrut!" Caiyun weinte sich vor Zorn die Augen aus. Konkubine Zhao tröstete sie auf jede Weise: „Gutes Kind, er hat dein treues Herz verkannt — das sehe ich wohl. Lass mich die Sachen aufbewahren; in ein paar Tagen wird er von selbst zur Besinnung kommen." Damit wollte sie die Sachen einsammeln. Doch Caiyun packte alles trotzig zusammen, und als niemand es sah, ging sie in den Garten und warf alles in den Fluss — was sank, sank; was trieb, trieb davon. In der Nacht weinte sie vor Zorn still unter ihrer Decke.
Mittlerweilen kam Bau-yüs Geburtstag. Am selben Tag hatte auch Bau-tjin Geburtstag. Weil aber Dame Wang nicht zu Hause war, ging es nicht so lebhaft zu wie in früheren Jahren. Nur der dauistische Abt Dschang schickte viererlei Geschenke und ein neues Namensamulett, die buddhistischen Mönche und Nonnen aus den verschiedensten Klöstern schickten Opfergebäck, Bilder des Gottes der Langlebigkeit, Papiergaben und Segenssprüche zum Verbrennen, Bilder der Sternengötter, die Bau-yüs Geburtsjahr und das laufende Jahr regierten, sowie Amulette für das neue Lebensjahr. Auch die Geschichtenerzählerinnen, die regelmäßig ins Haus kamen, erschienen zur Gratulation. Wang Dsï-tëng schenkte eine komplette Garnitur Kleidungsstücke, ein Paar Stiefel und Strümpfe, einhundert ‚Pfirsiche der Langlebigkeit‘ aus Gebäck und einhundert Bündel ‚Silberfadennudeln‘ aus der kaiserlichen Küche. Die Geschenke von Tante Hsüä waren um eine Stufe geringer.

Von den übrigen Familienmitgliedern schenkten Frau You ein Paar Stiefel und Strümpfe, Hsi-fëng aber ein besticktes Täschchen aus dem Kaiserpalast mit einem goldenen Figürchen des Gottes der Langlebigkeit darin sowie ein persisches Spielzeug. In alle Tempel wurden Leute geschickt, um dort Geld an die Mönche zu verteilen. Auch Bau-tjin bekam Geschenke, die aber hier nicht aufgezählt werden können. Von den Schwestern und Kusinen schenkte jede nach eigenem Belieben, die eine einen Fächer, die andere eine Kalligraphie, ein Bild oder ein Gedicht, nur eben um ein Geschenk zu machen.
Unterdessen war Schatzjades Geburtstag herangekommen. Es stellte sich heraus, dass auch Schatzzither [宝琴] an diesem selben Tag Geburtstag hatte — beide teilten das gleiche Datum. Da Frau Wang nicht zu Hause war, feierte man nicht so festlich wie in früheren Jahren. Nur der daoistische Meister Zhang schickte vier Geschenke und tauschte das Namensamulett [2]; aus einigen Mönchsklöstern und Nonnenkonventen kamen Opferspitzen, Bilder des Gottes der Langlebigkeit, Memorialtafeln und ein neues Schutzschloss des Geburtssterns für das laufende Jahr. Die Geschichtenerzählerinnen, die regelmäßig ins Haus kamen, gratulierten zum Geburtstag. Aus dem Hause Fliederranke König [3] kam wie immer ein Satz Kleidung, ein Paar Schuhe mit Strümpfen, hundert Langlebigkeitspfirsiche und hundert Bündel feiner silberfädiger Nudeln. Von Tante Schnee [薛姨妈] kam etwas weniger. Von den übrigen Hausbewohnern schickte Frau You wie stets ein Paar Schuhe mit Strümpfen; Phönixglanz [熙凤] schenkte einen in Palastmanier gearbeiteten vierseitigen Harmonie-Beutel mit einem goldenen Langlebigkeitsgott darin und einem persischen Spielzeug. In alle Tempel wurden Leute geschickt, um Almosen zu verteilen. Für Schatzzither gab es noch eigene Geschenke, die hier nicht alle aufgezählt werden können. Unter den Schwestern schenkte man sich ganz ungezwungen — die eine gab einen Fächer, eine andere ein Schriftzeichen, wieder eine ein Bild oder ein Gedicht — alles nur, um dem Anlass Genüge zu tun.
An seinem Geburtstag stand Bau-yü früh auf, und nachdem er sich frisiert und gewaschen hatte, ging er in korrekter Kleidung samt Gürtel und Kopfbedeckung in den Hof vor der vorderen Haupthalle hinüber, wo Li Guee und drei, vier andere Sklaven schon Weihrauch und Kerzen aufgebaut hatten, die dem Himmel und der Erde geopfert werden sollten. Nachdem Bau-yü den Weihrauch in Brand gesetzt, die Riten vollzogen, den Tee geopfert und die Papierfiguren verbrannt hatte, begab er sich ins Ning-guo-Anwesen hinüber, wo er im Familientempel und in der Ahnenhalle die Riten vollzog. Dann stieg er auf die Mondterrasse und kniete hier in Richtung der Orte nieder, wo er die Herzoginmutter, Djia Dschëng und Dame Wang wußte.

Nachdem er auch noch Frau You in ihren Haupträumen aufgesucht hatte, um vor ihr niederzuknien und dann ein Weilchen bei ihr zu sitzen, kehrte er ins Jung-guo-Anwesen zurück, wo er zuerst Tante Hsüä aufsuchte, die ihm ein um das andere Mal in den Arm fiel, als er vor ihr niederknien wollte. Auch Hsüä Kë machte er seine Aufwartung, der ihn gleichfalls ein Weilchen Platz nehmen ließ.

Anschließend kam Bau-yü in den Garten zurück, wo er mit Tjing-wën, Schë-yüä und einem kleineren Sklavenmädchen, das eine Filzmatte trug, zuerst Li Wan und dann auch alle anderen aufsuchte, die älter waren als er. Dann begab er sich durchs Innentor hinaus zu den Wohnungen seiner Ammen Li, Dschau, Dschang und Wang, wo er jeweils einige Zeit verweilte.

Als er wieder im Garten war, wollte das Gesinde seinen Kniefall vor ihm vollführen, Bau-yü aber ließ es nicht zu. Er ging in seine Räume zurück, und hier traten Hsi-jën und die anderen vor ihn hin, um ihm mündlich zu gratulieren, und das war alles. Denn Dame Wang hatte befohlen, die jungen Leute sollten keine kniefälligen Glückwünsche empfangen, weil das ihrem Glück und ihrer Langlebigkeit Abbruch tun könnte. Darum machten Bau-yüs Sklavenmädchen keinen Stirnaufschlag vor ihm.

Nachdem Bau-yü ein Weilchen geruht hatte, erschienen Djia Huan, Djia Lan und die anderen, und rasch mußte Hsi-jën sie festhalten, damit sie nicht niederknieten. Nachdem sie für kurze Zeit Platz genommen hatten, gingen sie wieder fort.
An diesem Tag stand Schatzjade früh auf, wusch und kämmte sich, legte Kappe und Gürtel an und ging in den Vorderen Saal, wo Li Gui und vier, fünf andere bereits Räucherwerk und Kerzen für Himmel und Erde aufgestellt hatten. Schatzjade entzündete den Weihrauch. Nach Vollzug der Zeremonie, dem Teetrankopfer und dem Verbrennen der Papiergaben begab er sich in den Ahnentempel und die Ahnenhalle des Ningfu [4], vollzog dort die Riten, trat auf die Mondterrasse hinaus und verbeugte sich in der Ferne vor der Alten Herrin, Aufrecht Kaufmann, Frau Wang und den anderen. Dann ging er der Reihe nach zu Frau Yous Obergemächern, vollzog die Riten, saß ein Weilchen und kehrte ins Rongfu zurück. Zuerst besuchte er Tante Schnee, die ihn dringlich festhielt; dann traf er Xue Ke, dem er ebenfalls seine Aufwartung machte, bevor er endlich in den Garten trat. Heitermuster [晴雯] und Moschusmond [麝月] folgten ihm, ein kleines Mädchen trug die Filzunterlage. Von Li Schleierfraus Gemach angefangen, besuchte er der Reihe nach alle Älteren. Dann ging er wieder aus dem Zweiten Tor hinaus und machte bei seinen vier Ammen — Li, Zhao, Zhang und Wang — seine Aufwartung, bevor er zurückkehrte. Obwohl alle ihm den Kowtow erweisen wollten, nahm er ihn nicht an. Zurück im Zimmer, kamen Dufthauch [袭人] und die anderen nur, um ihm ein Wort des Glückwunsches zu sagen. Frau Wang hatte nämlich verfügt, dass junge Leute keine Ehrerbietungen entgegennehmen sollten, da dies das Glück und die Lebenskraft mindere — daher kniete niemand nieder.
„Ich bin müde vom Laufen“, sagte Bau-yü lächelnd und streckte sich auf dem Bett aus. Aber kaum daß er eine halbe Schale Tee getrunken hatte, war von draußen Stimmengewirr zu hören, und ein ganzer Schwarm Sklavenmädchen kam lachend herein. Es waren Tsuee-mo, Hsiau-luo, Tsuee-lü, Ju-hua, Hsiu-yäns Sklavenmädchen Dschuan-örl, die Amme mit Tjiau-djiä auf dem Arm sowie Tsai-luan und Hsiu-luan. Jede hielt eine rote Filzmatte in den Händen, und während sie lachend nähertraten, sagten sie: „Die Gratulanten rennen dir das Haus ein. Schnell, laß die Geburtstagsnudeln auftragen!“

In diesem Augenblick kamen jedoch auch Tan-tschun, Hsiang-yün, Bau-tjin, Hsiu-yän und Hsi-tschun, und rasch ging ihnen Bau-yü mit den Worten entgegen: „Ihr hättet euch nicht bemühen müssen! – Schnell, brüht einen guten Tee auf!“

Als die Mädchen in den Innenraum getreten waren, gab es natürlich erst ein höfliches Getue, ehe sie alle Platz genommen hatten. Hsi-jën und die anderen trugen den Tee auf, aber kaum daß die Gäste den ersten Schluck getrunken hatten, trat auch die festlich geschmückte Ping-örl ins Haus. Sofort ging ihr Bau-yü entgegen und sagte lächelnd: „Als ich eben bei Kusine Hsi-fëng am Tor war und mich anmelden ließ, konnte sie mich nicht empfangen, darum habe ich noch einmal jemand hineingeschickt und dich bitten lassen.“

„Ich war eben dabei, deiner Kusine das Haar zu richten“, erwiderte Ping-örl lächelnd. „Darum konnte ich nicht zu dir herauskommen. Dann hörte ich, du habest mich bitten lassen, aber das ist zuviel der Ehre. So bin ich jetzt hergekommen, um meinen Stirnaufschlag vor dir zu machen.“

„Das ist für mich zuviel Ehre!“ gab Bau-yü lächelnd zurück.

Inzwischen hatte Hsi-jën schon im Außenraum einen Sitz für Ping-örl zurechtgemacht und bat sie, darauf Platz zu nehmen. Ping-örl aber machte einen Knicks vor Bau-yü, den dieser mit einer Verbeugung erwiderte. Dann kniete Ping-örl nieder, und sofort fiel auch Bau-yü auf die Knie. Hsi-jën half Ping-örl wieder auf die Beine, und noch einmal knickste diese vor Bau-yü. Wieder antwortete Bau-yü mit einer Verbeugung. Lächelnd drängte ihn Hsi-jën: „Verbeug dich noch einmal!“

„Warum?“ fragte Bau-yü. „Ich bin doch schon fertig.“

„Das war, weil sie dir zum Geburtstag gratuliert hat“, erläuterte Hsi-jën, „aber sie hat heute ebenfalls Geburtstag, darum mußt auch du ihr gratulieren.“

Sofort verbeugte sich Bau-yü fröhlich ein weiteres Mal und sagte: „So ist also heute auch dein Ehrentag, Schwester!“

Als Ping-örl seine Verbeugung mit einem Knicks erwiderte, griff Hsiang-yün nach den Händen von Bau-tjin und Hsiu-yän und sagte: „Von Rechts wegen müßtet ihr vier euch heute den ganzen Tag voreinander verbeugen!“

„Hat denn Schwester Hsiu-yän auch heute Geburtstag?“ fragte Tan-tschun rasch. „Wie konnte ich das vergessen!“ Und sie befahl einem Sklavenmädchen: „Bestell der zweiten jungen Herrin, sie solle rasch ein Geschenk wie das für Fräulein Bau-tjin in die Räume von Fräulein Ying-tschun bringen lassen!“

Nun mußte Hsiu-yän, nachdem Hsiang-yün ihren Geburtstag ungeniert ausgeplaudert hatte, notgedrungen auch durch die einzelnen Wohnstätten gehen und überall einen Höflichkeitsbesuch machen.
Nach einer Weile kamen Unheil Kaufmann, Jia Lan und andere. Dufthauch hielt sie eilig zurück, sie setzten sich kurz hin und gingen dann. Schatzjade sagte lachend, er sei müde vom vielen Herumgehen, und ließ sich aufs Bett sinken. Er hatte erst eine halbe Tasse Tee getrunken, als von draußen lautes Geschnatter und Gelächter einer ganzen Schar Mädchen zu hören war, die hereinkam: Es waren Cuimo, Xiaoluo, Cuilu, Ruhua, Zhuan'er — Xing Xiuyans Zofe —, die Amme mit der kleinen Qiaojie auf dem Arm, Cailuan, Xiuluan — acht oder neun Personen insgesamt, alle mit roten Filzdecken in den Armen, lachend. Sie riefen: „Die Geburtstagsgratulanten haben schon die Tür eingerannt — schnell bringt uns Nudeln zu essen!" Gerade als sie hereinkamen, erschienen auch Spürfrühling, Wolke vom Xiang-Fluss, Schatzzither, Xiuyan und Bewahrfrühling [惜春]. Schatzjade eilte ihnen lachend entgegen: „Ich wage es kaum, euch zu bemühen — schnell bereitet guten Tee!" Im Zimmer gab es das übliche höfliche Hin und Her, dann nahm jeder Platz. Dufthauch und die anderen brachten Tee; man hatte gerade den ersten Schluck genommen, da kam auch Friedchen, herausgeputzt wie eine blühende Blume. Schatzjade eilte ihr entgegen und lachte: „Ich war vorhin an Schwester Fengs Tür; man sagte mir, sie sei drinnen, und ich konnte sie nicht sehen. Ich habe dann jemanden hineingeschickt, um Schwester einzuladen." Friedchen lachte: „Ich war gerade dabei, deiner Schwester beim Frisieren zu helfen und konnte nicht herauskommen. Als ich dann hörte, dass du mich auch eingeladen hattest, fühlte ich mich dessen nicht würdig und bin eigens hergekommen, um dir den Kowtow zu machen." Schatzjade lachte: „Ich bin dessen auch nicht würdig." Dufthauch hatte im Vorzimmer bereits einen Sitz vorbereitet und lud sie ein. Friedchen machte einen Knicks; Schatzjade verbeugte sich unablässig. Friedchen kniete nieder; Schatzjade kniete ebenfalls eilig nieder; Dufthauch half ihnen schnell auf. Friedchen machte noch einen Knicks; Schatzjade erwiderte mit einer Verbeugung. Dufthauch schob Schatzjade lachend an: „Mach noch eine Verbeugung!" Schatzjade sagte: „Es ist doch schon vorbei — warum noch eine Verbeugung?" Dufthauch lachte: „Das war ihre Geburtstagsgratulation für dich. Heute ist aber auch ihr Geburtstag, also solltest auch du ihr gratulieren." Als Schatzjade das hörte, freute er sich und verbeugte sich eilig: „Ach, heute ist ja auch Schwesterchens Geburtstag!" Friedchen erwiderte unablässig mit Knicksen. Wolke vom Xiang-Fluss zog Schatzzither und Xiuyan heran und sagte: „Ihr vier solltet euch gegenseitig gratulieren — den ganzen Tag lang!" Spürfrühling fragte eilig: „Ach, Schwester Xing hat auch heute? Das hatte ich ganz vergessen!" Sie befahl hastig ihrem Mädchen: „Geh zur Zweiten Herrin und sag ihr, sie solle schnell noch ein Geschenk nachholen, dasselbe wie für Fräulein Qin, und es zum Zimmer des Zweiten Fräuleins bringen lassen." Das Mädchen ging. Xiuyan, da Wolke vom Xiang-Fluss es geradeheraus gesagt hatte, musste nun wohl oder übel in den verschiedenen Gemächern ihre Aufwartung machen.
„Ist es nicht interessant?“ fragte Tan-tschun lächelnd. „Auf jeden der zwölf Monate des Jahres kommen ein paar Geburtstage. Und weil wir so viele Leute sind, ergibt es sich, daß manches Mal zwei oder drei Geburtstage auf einen Tag fallen. Nicht einmal der Neujahrstag geht ohne Geburtstag vorüber, den hat sich Schwester Yüan-tschun gesichert. Kein Wunder, daß sie so großes Glück genießt, wenn sie eher als alle anderen an der Reihe ist! Zugleich war das auch der Geburtstag unseres Urahns. Nach dem Laternenfest sind die gnädige Frau Tante und Kusine Bau-tschai dran. Das nenne ich einen Zufall, daß Mutter und Tochter zusammen Geburtstag haben. Am ersten Tag des dritten Monats hat die gnädige Frau Geburtstag und am neunten Vetter Liän. Im zweiten Monat aber hat niemand Geburtstag...“

„Am zwölften zweiten hat Fräulein Lin Geburtstag“, wurde sie von Hsi-jën unterbrochen. „Wie könnt Ihr also sagen, es habe niemand Geburtstag, sie gehört bloß nicht zum Hause.“

„Was ist nur mit meinem Gedächtnis!“ klagte Tan-tschun lächelnd.

Bau-yü aber wies lachend auf Hsi-jën und sagte: „Sie hat am selben Tag Geburtstag wie Kusine Dai-yü, deshalb hat sie es sich gemerkt.“

„Da habt ihr am selben Tag Geburtstag, aber du hast nie vor uns niedergekniet“, beanstandete Tan-tschun lächelnd. „Und auch Ping-örls Geburtstag haben wir bis heute nicht gewußt.“

„Was sind wir schon für Berühmtheiten!“ wehrte Ping-örl lächelnd ab. „Wir haben nicht das Glück, daß man uns gratulieren müßte, und auch nicht den Rang, daß wir Geschenke empfangen dürften. Warum also sollten wir viel Aufhebens um den Tag machen, statt ihn in aller Stille vorübergehen zu lassen? Heute nun mußte sie es ausplaudern, da werde ich meine Grüße entbieten kommen, wenn die Fräulein wieder in ihren Räumen sind.“

„Ich wollte dich nicht beunruhigen“, sagte Tan-tschun lächelnd. „Aber heute wird dein Geburtstag gefeiert, anders gebe ich mich nicht zufrieden!“

„So ist es recht!“ bestätigten Bau-yü und Hsiang-yün wie aus einem Munde.

Daraufhin trug Tan-tschun einem Sklavenmädchen auf: „Geh und sag ihrer Herrin, wir alle hätten beschlossen, daß Ping-örl heute nicht wieder fort darf. Wir legen zusammen und richten den Geburtstag für sie aus.“

Lachend ging das Mädchen hinaus, und als sie nach geraumer Zeit wieder zurückkam, berichtete sie: „Die zweite junge Herrin hat gesagt, sie danke den Fräulein vielmals für die Ehre, die sie ihr damit erweisen, und sie wisse zwar nicht, womit die Fräulein Ping-örl zu bewirten gedächten, aber wenn man nur sie dabei nicht vergesse, wolle sie Ping-örl auch nicht weiter belästigen.“

Alle lachten darüber, dann erläuterte Tan-tschun: „Zufällig wird heute in der Gartenküche nicht gekocht, die Geburtstagsnudeln und die Zuspeisen werden drüben in der Hauptküche zubereitet. Wenn wir das Geld zusammengelegt haben, können wir Frau Liu holen, damit sie die Sache in die Hand nimmt und hier für uns kocht. Das trifft sich gut.“
Spürfrühling sagte lachend: „Es ist schon amüsant — zwölf Monate im Jahr, und jeden Monat gibt es mehrere Geburtstage. Bei so vielen Menschen kommt es zu solchen Zufällen: drei am selben Tag, zwei am selben Tag. Sogar der Neujahrstag wird nicht verschont — die älteste Schwester [5] hat ihn für sich beansprucht. Kein Wunder, dass sie so großes Glück hat — ihr Geburtstag kommt allen zuvor. Es ist auch zugleich der Geburtstag des Urgroßvaters. Nach dem Laternenfest kommen die Alte Herrin und Schwester Bao [6]] — Mutter und Tochter treffen es zufällig. Am ersten des dritten Monats ist die Gnädige Frau dran, am neunten der Zweite Bruder Lian. Im zweiten Monat hat niemand Geburtstag." Dufthauch sagte: „Am zwölften des zweiten Monats ist Fräulein Lin — wie kann niemand sein? Nur ist sie eben nicht von unserem Haus." Spürfrühling lachte: „Was ist nur mit meinem Gedächtnis!" Schatzjade zeigte lachend auf Dufthauch: „Sie und die Jüngere Schwester Lin haben am gleichen Tag Geburtstag, deshalb erinnert sie sich." Spürfrühling lachte: „Ach so, ihr beiden habt am selben Tag! Jedes Jahr macht ihr uns nicht einmal einen einzigen Kowtow. Und Friedchens Geburtstag wussten wir auch nicht — das erfahren wir erst jetzt." Friedchen lachte: „Wir stehen ja nur auf der Namensliste der Dienerschaft; wir haben weder das Glück, Geburtstagsglückwünsche zu empfangen, noch den Rang, Geschenke entgegenzunehmen — wozu also Aufhebens machen? Da feiert man lieber still. Heute hat er es nun doch ausgeplaudert — wenn die Fräulein in ihre Zimmer zurückgehen, komme ich noch zum Gratulieren." Spürfrühling lachte: „Wir wollen dich auch nicht behelligen. Nur möchte ich heute unbedingt deinen Geburtstag feiern, sonst habe ich kein ruhiges Gewissen." Schatzjade, Wolke vom Xiang-Fluss und alle anderen stimmten einstimmig zu. Spürfrühling wies ihr Mädchen an: „Geh und sag der Herrin, wir alle zusammen haben gesagt, dass wir Friedchen heute den ganzen Tag nicht herauslassen. Wir haben auch alle zusammengelegt, um ihren Geburtstag zu feiern." Das Mädchen ging lachend davon. Nach einer Weile kam es zurück und sagte: „Die Zweite Herrin lässt sagen: Vielen Dank, dass die Fräulein ihr die Ehre erweisen. Sie möchte nur wissen, was es zu essen gibt; wenn man nur die Zweite Herrin nicht vergisst, wird sie kommen und sie nicht belästigen." Alle lachten.
„Völlig richtig!“ stimmten die anderen zu.

Also schickte Tan-tschun nach Li Wan, Bau-tschai und Dai-yü, und gleichzeitig ließ sie Frau Liu holen, um ihr aufzutragen, sie solle in der Gartenküche rasch alles für ein paar Weintafeln herrichten.

Frau Liu verstand nicht, was das bedeuten sollte, und sagte: „Aber in der Hauptküche ist doch schon alles vorbereitet.“

Lächelnd erklärte ihr Tan-tschun: „Du mußt wissen, daß heute auch Fräulein Ping-örl Geburtstag hat. Was drüben zubereitet wird, geht auf Kosten des Hauses, hierfür aber haben wir zusammengelegt, um Fräulein Ping-örl zu bewirten. Wähle also ein paar schmackhafte neue Gerichte aus und bereite sie für uns zu! Und wenn du die Rechnung dafür aufgestellt hast, kommst du zu mir und holst dir das Geld.“

Lächelnd sagte Frau Liu: „Da hat also auch Fräulein Ping-örl heute Geburtstag. Das habe ich nicht gewußt.“ Und schon fiel sie vor Ping-örl auf die Knie und berührte mit der Stirn den Boden. Sofort half ihr Ping-örl wieder auf die Beine, und Frau Liu eilte fort, um für die Bewirtung zu sorgen.
Spürfrühling sagte: „Es trifft sich gut, dass heute die Innenküche kein Essen vorbereitet; alles, die Nudeln und das Gemüse, wird von der Außenküche erledigt. Wir können also zusammenlegen und Frau Liu beauftragen, alles zu übernehmen, und es hier drinnen zubereiten lassen — das wäre doch praktisch." Alle stimmten zu. Spürfrühling schickte einerseits jemanden zu Li Schleierfrau und Schatzspange, um sie zu fragen, andererseits ließ sie Frau Liu hereinrufen und wies sie an, in der Innenküche schnell zwei Tische mit Speisen und Wein herzurichten. Frau Liu verstand nicht, was der Anlass war, und sagte, die Außenküche habe doch alles vorbereitet. Spürfrühling lachte: „Du weißt es ja noch nicht — heute ist Fräulein Friedchens Geburtstag! Was die Außenküche vorbereitet, ist für die Offiziellen da oben. Jetzt haben wir privat zusammengelegt und wollen eigens für Fräulein Friedchen zwei Tische vorbereiten, um sie zu bewirten. Du brauchst nur die feinsten und ausgefallensten Gerichte auszuwählen; die Rechnung reichst du bei mir ein." Frau Liu lachte: „Ach, heute ist also auch Fräulein Friedchens Geburtstag — das wusste ich gar nicht!" Damit machte sie vor Friedchen einen Kowtow; Friedchen zog sie erschrocken hoch. Frau Liu eilte davon, um das Festessen vorzubereiten.
Inzwischen lud Tan-tschun auch Bau-yü ein, mit ihnen gemeinsam in der Halle Geburtstagsnudeln zu essen, und nachdem Li Wan und Bau-tschai eingetroffen waren, schickte sie jemand nach Tante Hsüä und Dai-yü. Da das Wetter mild war und Dai-yüs Zustand sich allmählich besserte, kam auch sie. Nun war der Raum mit festlich gekleideten Menschen dicht gefüllt. Hier lud Spürfrühling noch Schatzjade ein, und alle gingen zusammen in den Saal, um Nudeln zu essen. Als Li Schleierfrau und Schatzspange vollzählig erschienen waren, schickte man auch nach Tante Schnee und Kajaljade [黛玉]. Da das Wetter mild war und Kajaljades Krankheit sich gebessert hatte, kam auch sie. Es war ein prachtvolles Bild — der Saal war voller Menschen.
Überraschend wurden jetzt im Auftrage von Hsüä Kë ein Tuch, ein Fächer, Weihrauch und Seide als Geschenke für Bau-yü gebracht, und so ging Bau-yü erneut zu ihm hinüber, um mit ihm zusammen Nudeln zu essen. Beide Familien hatten Geburtstagswein bereitgestellt, um ihn einander zuzuschicken. Zu Mittag leerte Bau-yü mit Hsüä Kë zusammen einige Becher, dann wurde Bau-tjin von Bau-tschai hereingeführt, um Hsüä Kë ihren zeremoniellen Gruß zu entbieten und ihm zuzutrinken.

Anschließend wandte sich Bau-tschai an Hsüä Kë mit der Empfehlung: „Schick nicht extra etwas von unserm Wein hinüber, auf diese Formalität können wir verzichten! Bitte du nur die Angestellten zu Gast, wir aber gehen mit Vetter Bau-yü in den Garten, wo wir noch jemand anders zu bewirten haben, so daß wir dir nicht länger Gesellschaft leisten können.“

„Geht nur, geht!“ stimmte Hsüä Kë bereitwillig zu. „Dann können die Angestellten gleich kommen.“

Rasch entschuldigte sich auch Bau-yü selbst bei Hsüä Kë, dann folgte er den Mädchen hinaus. Als sie das Seitentor passiert hatten, befahl Bau-tschai der alten Türhüterin, sie solle abschließen und ihr den Schlüssel geben.

„Warum muß dieses Tor geschlossen werden?“ fragte Bau-yü sofort. „Hier geht doch niemand weiter hindurch. Zumal ihr jetzt mit der Tante im Garten seid. Wenn ihr jemand zu euch nach Hause schickt, um etwas zu holen, ist es doch so sehr umständlich.“
Xue Ke schickte noch Tücher, Fächer, Weihrauch und Seide als Geburtstagsgeschenke für Schatzjade. Schatzjade ging daraufhin zu ihm, um ihn beim Nudelessen zu begleiten. Beide Familien hatten Geburtstagswein bereitet und beschenkten sich gegenseitig. Zur Mittagszeit trank Schatzjade noch zwei Becher Wein mit Xue Ke. Schatzspange kam mit Schatzzither herüber, um Xue Ke die Riten zu erweisen und ihm einzuschenken. Dann ermahnte Schatzspange Xue Ke: „Den Wein von zu Hause brauchst du nicht mehr herüberschicken zu lassen — diese Förmlichkeit können wir uns sparen. Lade einfach die Angestellten zum Trinken ein. Bruder Bao und ich gehen wieder hinein; wir müssen noch Gäste bewirten und können dir nicht länger Gesellschaft leisten." Xue Ke beeilte sich zu sagen: „Schwester und Bruder mögen nur gehen — die Angestellten dürften ohnehin gleich kommen." Schatzjade entschuldigte sich eilig und ging mit seinen Schwestern zurück.
„Man kann nicht vorsichtig genug sein“, erwiderte Bau-tschai lächelnd. „Ist nicht bei euch in den letzten Tagen genug vorgefallen? Es war aber niemand von unsern Leuten davon betroffen, da sieht man, wie wirksam es ist, wenn man das Tor verschlossen hält. Wenn es offensteht, ist nicht zu verhindern, daß es von allen möglichen Leuten benutzt wird, die sich den Weg abkürzen wollen. Wem willst du das verwehren? Darum ist es das beste, es bleibt verschlossen. So sind zwar auch Mutter und ich etwas eingeschränkt, aber es kann niemand hindurch. Und wenn etwas passieren sollte, haben unsere Leute nichts damit zu tun.“

„So weißt du also auch, daß bei uns in den letzten Tagen Sachen verschwunden sind?“ erkundigte sich Bau-yü lächelnd.

„Du weißt ja nur von dem Rosennektar und dem Porlingsschnee, und auch das nur der Personen wegen, die in den Fall verwickelt waren, andernfalls hättest du davon gar nichts erfahren“, gab Bau-tschai lächelnd zurück. „Was du nicht weißt, ist, daß auch noch ein paar größere Sachen verschwunden sind. Wenn sich das nicht herumspricht, haben alle noch einmal Glück gehabt. Aber wenn es bekannt wird, sind soundso viele Leute im Garten davon betroffen.

Du kümmerst dich ja um nichts, darum sage ich es dir. Ping-örl ist ein verständiger Mensch, und so habe ich es neulich auch ihr gesagt. Ich wollte, daß sie es weiß, weil ja ihre Herrin das Haus nicht verlassen kann. Wenn nichts davon herauskommt, wird jeder mit Freuden die Hände davon lassen, aber wenn es bekannt wird, ist Ping-örl darauf vorbereitet und weiß, was sie zu tun hat. Dann braucht niemand unschuldig zu leiden. Hör, was ich dir sage, und sei in Zukunft aufmerksamer und vorsichtiger, dann ist alles in Ordnung. Was ich dir hier gesagt habe, darfst du niemand weitererzählen.“

Bei diesen Worten waren sie am Duftgetränkten Pavillon angelangt, wo sie Hsi-jën, Hsiang-ling, Dai-schu, Su-yün, Tjing-wën, Schë-yüä, Fang-guan, Juee-guan und Ou-guan vorfanden, die sich dort am Anblick der Fische erfreuten.
Kaum waren sie durch das Ecktor getreten, befahl Schatzspange einer Dienerin, die Tür abzuschließen, und nahm den Schlüssel an sich. Schatzjade sagte hastig: „Warum diese Tür abschließen? Es gehen doch nicht so viele Leute hier durch. Zudem sind die Tante, die Schwester und die jüngere Schwester alle drinnen — wenn jemand etwas von zu Hause holen muss, ist das doch umständlich." Schatzspange lachte: „Vorsicht ist besser als Nachsicht. Schau dir doch eure Seite an — all die Vorfälle der letzten Tage! Von unserer Seite war niemand betroffen — das zeigt doch, wie wirkungsvoll das Verschließen dieser Tür ist. Wenn sie offen stünde, könnten jene Leute die Abkürzung nehmen und hier durchlaufen — wen sollte man dann aufhalten? Lieber schließen wir ab; dann sind auch Mama und ich eingeschränkt, und niemand geht hier durch. Wenn dann etwas passiert, kann man es wenigstens nicht den Leuten von dieser Seite zur Last legen." Schatzjade lachte: „Da weiß also auch die Schwester von den Diebstählen bei uns in letzter Zeit?" Schatzspange lachte: „Du kennst nur die zwei Sachen mit dem Rosenwasser und dem Fulingcreme-Zucker — die kamen nur ans Licht, weil Personen verwickelt waren. Wären nicht Personen verwickelt gewesen, wüsstest du nicht einmal von diesen beiden. Aber es gibt noch einige Dinge, die bedeutender sind als diese beiden. Wenn sie künftig nicht ans Tageslicht kommen, ist es aller Glück; kommen sie heraus, werden noch viele Leute drinnen mit hineingezogen. Du kümmerst dich ja auch sonst nicht um solche Dinge, darum sage ich es dir. Friedchen ist ein kluger Mensch; ihr habe ich es neulich auch gesagt — eben weil ihre Herrin nicht draußen sein kann, musste ich sie ins Bild setzen. Wenn nichts herauskommt, lassen wir alle gern die Hände davon. Kommt es aber heraus, hat sie bereits einen Plan im Kopf und weiß, wie vorzugehen ist, sodass keine Unschuldigen leiden. Hör einfach auf mich: Sei künftig aufmerksam und vorsichtig — und erzähle das keinem zweiten Menschen."
Als die Sklavenmädchen die drei kommen sahen, riefen sie ihnen zu: „Im Päoniengehege ist es angerichtet, nur schnell zu Tisch!“ Also gingen die drei mit ihnen in die kleine Halle des Gartens der Roten Düfte im Päoniengehege, wohin man auch Frau You schon gebeten hatte, so daß jetzt bis auf Ping-örl alle beisammen waren.

Ping-örl hatte nämlich den Garten verlassen, weil nach den Frauen von Lai Da und Lin Dschï-hsiau, die ihr Geschenke gebracht hatten, in einem fort Verwalterfrauen und Sklavinnen höheren, mittleren und niederen Ranges mit Glückwünschen und Geschenken für sie kamen, so daß sie vollauf damit zu tun hatte, sich zu bedanken und Geldgeschenke zu verteilen. Außerdem gab sie über jedes einzelne Geschenk, das sie erhielt, Bericht an Hsi-fëng. Aber nur die wenigsten Gaben behielt Ping-örl für sich, zum Teil nahm sie sie nicht an, zum Teil verschenkte sie sie sofort weiter.
Während sie so sprachen, gelangten sie an den Qinfang-Pavillon [7]. Dort sahen sie Dufthauch, Xiangling, Daishu, Suyun, Heitermuster, Moschusmond, Fangguan, Ruiguan, Ouguan und etwa zehn andere, die den Fischen zuschauten und sich vergnügten. Als sie die Ankommenden sahen, riefen sie: „Im Päonien-Gatter ist alles vorbereitet — kommt schnell zum Festmahl!" Schatzspange und die anderen gingen mit ihnen gemeinsam zum Hongxiangpu [8], dem kleinen, dreijochigen, offenen Pavillon inmitten der Päonienbeete. Sogar Frau You war eingeladen worden und schon da; alle waren versammelt, nur Friedchen fehlte noch.
Nachdem sie damit eine Zeitlang zu tun gehabt hatte, mußte sie Hsi-fëng bedienen, während diese ihren Anteil an den Geburtstagsnudeln aß. Dann erst zog sich Ping-örl um und ging wieder in den Garten hinüber. Mehrere Sklavenmädchen, die sie dort empfingen, baten sie in den Garten der Roten Düfte, wo in reichgeschmückten Räumen ein üppiges Mahl aufgetragen war.

„Jetzt sind alle Geburtstagskinder beisammen!“ hieß es, und alle verlangten, daß sich die vier auf die Ehrenplätze setzten, doch dazu waren sie nicht bereit.
Friedchen war nämlich hinausgegangen, denn aus den Familien Lai, Lin und anderen kamen Geburtstagsgeschenke in rascher Folge. Dienstboten aller Ränge — oberer, mittlerer und unterer — kamen in großer Zahl, um zu gratulieren und Geschenke zu bringen. Friedchen war damit beschäftigt, Trinkgelder auszugeben und sich zu bedanken, und berichtete gleichzeitig jedes Geschenk einzeln Phönixglanz — einige behielt man, andere lehnte man ab, wieder andere nahm man an und verschenkte sie sogleich weiter. Nachdem sie eine Weile geschäftig gewesen war, wartete sie noch, bis Phönixglanz ihre Nudeln gegessen hatte, wechselte dann die Kleidung und kam in den Garten.
Da sagte Tante Hsüä: „Ich mit meinen müden alten Knochen passe nicht in eure Gesellschaft, wo ich mir so viel Zwang antun muß. Darum ist es das beste, ich gehe in die Gästehalle hinüber und lege mich dort gemütlich hin. Essen mag ich sowieso nichts, und ich trinke auch nicht gern Wein. Darum ist es wirklich das Einfachste, ich überlasse ihnen meinen Platz.“

Frau You und die anderen weigerten sich beharrlich, sie gehen zu lassen, aber Bau-tschai sagte: „Laßt es nur gut sein! Wenn Mutter sich in der Halle ausstrecken kann, wird sie sich wohler fühlen. Von den Speisen, die sie gern ißt, schicken wir etwas hinüber, dann braucht sie sich keinen Zwang anzutun. Außerdem ist niemand weiter drüben, und so kann Mutter dort zugleich ein wachsames Auge haben.“

„Wenn es so ist, wollen wir besser gehorchen, anstatt auf den Regeln der Etikette zu bestehen“, stimmten Tan-tschun und die anderen jetzt lächelnd zu. Dann geleitete die ganze Gesellschaft Tante Hsüä in die ‚Palaverhalle‘ hinüber, wo sie sich davon überzeugten, daß die Sklavenmädchen eine seidenbezogene Matratze ausbreiteten und Rückenpolster sowie Kissen bereitlegten. „Klopft der Frau Tante schön die Beine und macht keine Ausflüchte, wenn sie Tee oder Wasser verlangt!“ befahlen sie. „Wenn wir wieder drüben sind, schicken wir Speisen her, und was die Frau Tante nicht ißt, soll für euch sein. Lauft aber nicht hier weg!“ Erst als die kleinen Sklavenmädchen versprochen hatten, auf alles zu achten, gingen Tan-tschun und die anderen wieder hinüber.
Kaum hatte sie den Garten betreten, kamen einige Mädchen, um sie abzuholen, und zusammen gingen sie zum Hongxiangpu. Dort waren die Tische mit Schildpattgeschirr gedeckt und die Sitzpolster mit Lotosblumenmuster ausgelegt. Alle lachten: „Das Geburtstagskind ist vollzählig!" Oben sollten vier Sitze den vier Geburtstagskindern vorbehalten sein, doch alle vier weigerten sich. Tante Schnee sagte: „Ich bin alt und passe nicht in eure Runde; ich fühle mich befangen. Lieber lege ich mich draußen im Saal gemütlich hin — das wäre angenehmer. Ich kann ohnehin nicht viel essen und trinke kaum Wein; wenn ich Platz mache, ist es für die anderen bequemer." Frau You und die anderen bestanden darauf, doch Schatzspange sagte: „Das geht schon in Ordnung. Mama soll es sich im Saal bequem machen — man kann ihr von dem, was sie gern isst, etwas hinüberschicken, dann ist sie zufriedener. Außerdem ist dort vorne niemand, und sie kann ein Auge darauf haben." Spürfrühling und die anderen lachten: „Wenn es so ist — Gehorsam ist besser als Höflichkeit." Also begleiteten sie sie zum Beratungssaal, sahen zu, wie die Mädchen einen Brokatpolster, Rückenlehne und Kissen auflegten, und ermahnte sie: „Massiert der Tante ordentlich die Beine, und wenn sie Tee oder Wasser will, drückt euch nicht davor. Nachher wird Essen gebracht — wenn die Tante gegessen hat, bekommt ihr den Rest. Nur geht nicht von hier weg!" Die kleinen Mädchen antworteten alle brav.
Jetzt endlich nahmen Bau-tjin und Hsiu-yän auf den Ehrensitzen Platz, daneben setzten sich Ping-örl mit dem Gesicht nach Westen und Bau-yü mit dem Gesicht nach Osten, Tan-tschun aber setzte sich Schulter an Schulter mit Yüan-yang auf die andere Seite. An den westlichen Tisch setzten sich Bau-tschai, Dai-yü, Hsiang-yün, Ying-tschun und Hsi-tschun, die Hsiang-ling und Yü-tschuan an die Querseiten nahmen. Am dritten Tisch saßen Frau You und Li Wan, denen Hsi-jën und Tsai-yün Gesellschaft leisten mußten. Um einen vierten Tisch saßen schließlich Dsï-djüan, Ying-örl, Tjing-wën, Hsiau-luo und Sï-tji.

Nun wollte Tan-tschun beginnen, den Geburtstagskindern zuzuprosten, aber Bau-tjin wie auch die anderen drei sagten: „Wenn wir damit erst anfangen, kommen wir den ganzen Tag nicht zum Sitzen.“ So ließ Tan-tschun es dann sein.

Daraufhin wollten die beiden Geschichtenerzählerinnen mit einer Ballade gratulieren, doch alle protestierten: „Niemand will hier eure bäurischen Geschichten hören. Geht hinüber in die Gästehalle und vertreibt der gnädigen Frau Tante damit die Langeweile!“ Zugleich wählten sie von den verschiedensten Gerichten einiges aus und befahlen, man solle es zu Tante Hsüä hinübetragen.

„Nur vornehm herumzusitzen macht keinen Spaß“, ließ sich Bau-yü vernehmen. „Wir müssen ein Trinkspiel spielen!“

Da die einen dieses, die anderen jenes Trinkspiel für besser hielten, empfahl Dai-yü: „Wir sollten Pinsel und Tuschereibstein nehmen, alle Trinkspiele auf Zettel schreiben und Lose daraus machen. Was dann gezogen wird, werden wir spielen!“
Spürfrühling und die anderen kehrten zurück. Schließlich einigte man sich, dass Schatzzither und Xiuyan oben saßen, Friedchen mit dem Gesicht nach Westen und Schatzjade nach Osten. Spürfrühling hatte auch Mandarinenente [鸳鸯] [9] eingeladen, und die beiden saßen nebeneinander, ihnen gegenüber als Gastgeberinnen. Am westlichen Tisch saßen Schatzspange, Kajaljade, Wolke vom Xiang-Fluss, Willkommensfrühling und Bewahrfrühling, und man zog noch Xiangling und Yuchuan'er als Beigesellinnen hinzu. Am dritten Tisch saßen Frau You und Li Schleierfrau, die noch Dufthauch und Caiyun zu sich holten. Am vierten Tisch saßen Purpurkuckuck, Ying'er, Heitermuster, Xiaoluo, Schachspielerin und andere. Nun wollten Spürfrühling und die anderen noch das Zeremonielle des Einschenkens durchführen, aber die vier Geburtstagskinder sagten alle: „Wenn wir so weitermachen, sitzen wir den ganzen Tag nur bei den Förmlichkeiten!" Also ließ man es sein. Zwei Geschichtenerzählerinnen wollten zur Geburtstagsfeier ein Erzähllied vortragen, doch alle sagten: „Wir haben keine Lust, euch wilde Geschichten zuzuhören — geht in den Saal und unterhaltet die Tante!" Gleichzeitig wählte man verschiedene Speisen aus und ließ sie Tante Schnee bringen.
„Ausgezeichnet!“ Alle lobten den Vorschlag, und sofort wurden Schreibpinsel, Tuschereibstein und Zierpapier geholt. Hsiang-ling, die gerade erst gelernt hatte, Gedichte zu machen, und sich jeden Tag im Schreiben übte, vermochte sich beim Anblick von Pinsel und Tuschereibstein nicht zu bezähmen. Sie sprang von ihrem Platz auf und sagte: „Ich werde schreiben!“

Bei längerem Nachdenken fielen ihnen an die zehn verschiedene Trinkspiele ein, die Hsiang-ling eins nach dem anderen auf ein Stück Papier schrieb, das zu einem Los zusammengerollt wurde. Alle Lose kamen in eine Vase, dann wurde Ping-örl von Tan-tschun aufgefordert, ein Los zu ziehen, und nachdem sie die Lose gemischt hatte, zog sie eines mit ihren Eßstäbchen heraus, machte es auf und fand darauf die Bezeichnung „Verborgenes erraten“.

Lächelnd erklärte Bau-tschai: „Du hast die Urform aller Trinkspiele herausgefischt. Das Spiel ‚Verborgenes erraten‘ gibt es seit ältester Zeit, nur ist das eigentliche Verfahren in Vergessenheit geraten, und wie man es heutzutage spielt, ist eine spätere Erfindung. Dieses Spiel ist schwieriger als alle andern, und die Hälfte von uns wird es nicht können. Darum ist es das beste, dieses Los für ungültig zu erklären und ein anderes Spiel zu ziehen, an dem Edle und Profane gleichermaßen Freude finden.“

„Wie können wir es ungültig machen, wenn es einmal gezogen ist?“ fragte Tan-tschun. „Wir ziehen noch eins, und wenn das etwas für Edle und Profane ist, wird es von den andern gespielt, während wir ‚Verborgenes erraten‘ spielen!“ Damit beauftragte sie diesmal Hsi-jën, ein Los zu ziehen, und das erwies sich als „Fingerknobeln“.

„Das ist einfach und lustig zugleich und entspricht meinem Temperament“, kommentierte Hsiang-yün lächelnd. „Ich werde nicht ‚Verborgenes erraten‘ spielen, ich spiele nur Fingerknobeln.“

„Sie muß natürlich unsere Spielrunde in Unordnung bringen!“ stellte Tan-tschun fest. „Laß sie zur Strafe einen Becher trinken, Kusine Bau-tschai!“

Ohne sich auf Auseinandersetzungen einzulassen, sorgte Bau-tschai dafür, daß Hsiang-yün ihren Becher leerte.
Schatzjade sagte: „Einfach nur so zu sitzen, ist langweilig — wir sollten ein Trinkspiel spielen." Die einen sagten, dieses Spiel sei gut, die anderen jenes. Kajaljade sagte: „Ich schlage vor, wir nehmen Pinsel und Tusche, schreiben alle Spiele auf, rollen sie zu Losen zusammen und ziehen eins heraus — welches gezogen wird, das spielen wir." Alle fanden das ausgezeichnet. Man holte ein Set Pinsel, Tusche und Blumenpapier. Xiangling hatte in letzter Zeit Gedichte studiert und übte täglich das Schreiben; als sie die Schreibutensilien sah, konnte sie sich nicht zurückhalten, stand sofort auf und sagte: „Ich schreibe!" Alle überlegten eine Weile und kamen auf etwa zehn Spiele, die sie diktierten und die Xiangling eins nach dem anderen aufschrieb, zusammenrollte und in eine Vase warf. Spürfrühling ließ Friedchen ziehen. Friedchen rührte darin und zog mit den Essstäbchen eins heraus. Man öffnete es — darauf stand: „Shefu" [10]. Schatzspange lachte: „Da habt ihr den Urahn aller Trinkspiele herausgezogen! Das Shefu gibt es seit dem Altertum; die ursprüngliche Form ist verloren gegangen, und dies ist eine spätere Fassung — schwieriger als alle anderen Spiele. Die Hälfte hier kann es nicht. Besser, wir vernichten das Los und ziehen ein anderes, das für jeden etwas bietet." Spürfrühling lachte: „Was einmal gezogen ist, kann man nicht vernichten. Wir ziehen jetzt noch eins; wenn das für jedermann geeignet ist, spielen jene das, und wir spielen Shefu." Dann ließ sie Dufthauch ziehen, und es war: „Muzhang" [11]. Wolke vom Xiang-Fluss sagte lachend: „Das ist kurz und bündig — ganz nach meinem Geschmack! Ich spiele nicht dieses Shefu — das ist ja zum Einschlafen langweilig. Ich gehe Fingerschnalzen!" Spürfrühling sagte: „Nur sie bringt die Ordnung durcheinander — Schwester Bao, bestrafe sie schnell mit einem Becher!" Schatzspange ließ sich nicht bitten und flößte Wolke vom Xiang-Fluss einen Becher ein.
„Ich trinke ebenfalls einen Becher, denn ich leite das Spiel“, nahm Tan-tschun wieder das Wort. „Es ist nichts weiter zu verkünden, ihr müßt nur meinen Anweisungen folgen.“ Dann befahl sie, einen Würfel und eine Schale zu holen, und Bau-tjin mußte anfangen zu würfeln. Wenn zwei Personen dieselbe Augenzahl warfen, sollten sie zusammen „Verborgenes erraten“ spielen.

Bau-tjin würfelte eine Drei, Hsiu-yän, Bau-yü und die nächsten in der Reihe aber warfen andere Zahlen, und erst Hsiang-ling hatte ebenfalls eine Drei.

„Es muß aber etwas hier im Raum sein“, sagte Bau-tjin lächelnd. „Wenn wir etwas von draußen nehmen, ist keine Ordnung hineinzubekommen.“

„Natürlich“, bestätigte Tan-tschun. „Und wer es beim dritten Versuch nicht heraus hat, muß zur Strafe einen Becher trinken. Du sagst etwas, und sie muß raten.“

Nach kurzem Nachdenken nannte Bau-tjin das Wort lau – ‚alt‘. Hsiang-ling war mit dem Spiel nicht vertraut, und es fiel ihr nichts dazu ein. Nirgends im Raum konnte sie etwas entdecken, was mit dem Wort ‚alt‘ zusammen eine feststehende Redewendung ergeben hätte.

Auch Hsiang-yün hatte sich rasch umgesehen, als die Aufgabe gestellt worden war, und ihr Blick war auf die Schriftzeichen Hung-hsiang pu – „Garten der Roten Düfte“ – auf dem Paneel über der Tür gefallen. Da wußte sie, daß Bau-tjin den Satz meinte „Ich komme keinem alten Gärtner gleich.“ Denn das pu konnte ja genausogut „Gärtner“ wie „Garten“ bedeuten. Als nun Hsiang-ling die Lösung nicht fand und die anderen die Trommel schlugen und zur Eile mahnten, zupfte sie Hsiang-ling heimlich am Ärmel und flüsterte ihr zu, sie solle als Lösungswort yau – „Heilkräuter“ – sagen. Doch dabei wurde sie von Dai-yü ertappt, die nun ausrief: „Sie muß bestraft werden, sie sagt vor!“

So war Hsiang-yün vor allen bloßgestellt und mußte sofort ihren zweiten Strafbecher trinken. Zornig griff sie nach ihren Eßstäbchen und schlug Dai-yü damit auf die Hand. Dann mußte auch Hsiang-ling ihren Strafbecher trinken.

Als nächstes warfen Bau-tschai und Tan-tschun dieselbe Augenzahl, und Tan-tschun gab das Wort jën – ‚Mensch‘ – vor.

„Mensch ist zu unbestimmt“, beklagte Bau-tschai sich lächelnd.

„Dann gebe ich dir noch ein zweites Wort vor“, gestand ihr Tan-tschun zu, „mit zwei Vorgaben ist es nicht mehr zu unbestimmt.“ Und sie nannte als zweites das Wort tschuang – „Fenster“.

Bau-tschai dachte nach, und da ein Hühnergericht auf dem Tisch stand, erriet sie, daß Tan-tschun auf die beiden klassischen Ausdrücke „Hahnenfenster“ und „Hahnemann“ anspielte, und so antwortete sie mit dem Wort schï – „Nische“, worauf Tan-tschun ebenfalls richtig erriet, daß sie an die Zeile dachte „Die Hühner ruhen in der Nische.“ Da lachten sie einander zu, und jede trank einen Schluck.

Inzwischen war Hsiang-yün, die sich wieder einmal nicht gedulden konnte, schon mit Bau-yü ins Fingerknobeln vertieft und rief wild mal „Drei!“ und mal „Fünf!“ in den Raum. Genauso machten es Frau You und Yüan-yang, die einander von Tisch zu Tisch ihr „Sieben!“ und „Acht!“ zuriefen. Als nun auch Ping-örl und Hsi-jën mit Fingerknobeln begannen, klirrten die Armreifen an ihren Handgelenken ding-ding und dang-dang.
Spürfrühling sagte: „Ich trinke einen Becher — ich bin die Spielleiterin und brauche nichts zu erklären; hört einfach auf meine Anweisungen." Sie ließ die Spielwürfel und den Würfelbecher bringen. „Von Schwester Qin angefangen wird der Reihe nach gewürfelt; wer die gleiche Zahl hat, die beiden spielen Shefu." Schatzzither warf eine Drei. Xiuyan, Schatzjade und die anderen warfen alle andere Zahlen; erst Xiangling warf ebenfalls eine Drei. Schatzzither lachte: „Es muss sich auf etwas hier im Raum beziehen — wenn es auf etwas draußen geht, wäre das zu weit hergeholt." Spürfrühling sagte: „Selbstverständlich. Wer es dreimal nicht errät, trinkt einen Strafbecher. Du versteckst, sie errät." Schatzzither überlegte einen Moment und sagte das Zeichen „alt" (老 lǎo). Xiangling, die in diesem Spiel nicht geübt war, konnte auf die Schnelle nichts finden; sie sah sich im ganzen Raum um, fand aber kein Sprichwort, das mit „alt" zusammenhing. Wolke vom Xiang-Fluss hatte als Erste zugehört und sah sich nun auch eifrig um; plötzlich bemerkte sie über dem Türsturz die drei Zeichen „Hongxiangpu" (Rotes Duft-Beet) und wusste, dass Schatzzither das Zeichen „pu" (Garten) meinte — aus dem Confucius-Ausspruch „Ich bin nicht so gut wie ein alter Gärtner" (吾不如老圃). Da Xiangling es nicht erraten konnte und die Trommeln zur Eile mahnten, zog Wolke vom Xiang-Fluss heimlich an Xianglings Ärmel und flüsterte ihr zu, sie solle „Medizin" (藥 yào) sagen [12]. Kajaljade aber hatte es gesehen und rief: „Bestraft sie schnell — da wird wieder heimlich weitergegeben!" Alle erfuhren es sofort, und man bestrafte Wolke vom Xiang-Fluss mit einem weiteren Becher. Wolke vom Xiang-Fluss schlug verärgert mit den Essstäbchen auf Kajaljades Hand. Dann wurde auch Xiangling mit einem Becher bestraft. Als Nächstes hatten Schatzspange und Spürfrühling dieselbe Augenzahl. Spürfrühling versteckte das Zeichen „Mensch" (人 rén). Schatzspange lachte: „Dieses ‚Mensch' ist aber reichlich vage." Spürfrühling lachte: „Ich füge ein Zeichen hinzu — zwei versteckte für einen Ratetipp, dann ist es nicht mehr vage." Darauf sagte sie das Zeichen „Fenster" (窗 chuāng). Schatzspange überlegte; da sie auf dem Tisch Huhn sah, erriet sie, dass Spürfrühling die beiden Begriffe „Hühnerfenster" (雞窗) und „Hühnermann" (雞人, der Hahn-Rufbeamte) verwendete, und riet auf „Sitzstange" (塒 shí) [13]. Spürfrühling erkannte, dass Schatzspange richtig geraten hatte, und beide lachten; jede trank einen Schluck aus ihrem Türbecher.
Bald darauf hatte Hsiang-yün über Bau-yü gesiegt, Hsi-jën über Ping-örl und Frau You über Yüan-yang. Als den drei Verlierern ihre Aufgabe gestellt werden sollte, sagte Hsiang-yün: „Bevor sie trinken, müssen sie einen Satz aus einem alten Prosastück, eine Zeile aus einem alten Gedicht, den Namen von Dominosteinen, den Titel eines Tonmusters für Gedichte sowie einen Kalenderspruch so zusammenfügen, daß sie einen Sinn ergeben. Nach dem Trinken aber müssen sie den Namen einer Speise mit dem menschlichen Leben in Beziehung setzen.“

Alle lachten darüber und meinten: „Ihre Aufgaben sind umständlicher als die aller andern, aber sie sind doch sinnreich.“ Und sie drängten Bau-yü zur Eile.

„Wer hat so etwas je gespielt?“ sagte Bau-yü lächelnd. „Ihr müßt mir Zeit lassen, damit ich überlegen kann.“

„Wenn du zusätzlich einen Becher trinkst, antworte ich an deiner Statt“, schlug Dai-yü ihm vor.

Da leerte Bau-yü wirklich seinen Becher und hörte mit den anderen zu, wie Dai-yü sprach:

„Das Abendrot fliegt mit der einsamen Ente fort,

im Wind überm Fluß tönt der Wildgänse Schrei,

eine Wildgans ist‘s mit gebrochenem Bein.

Neunmal am Tage denk ich besorgt,

die Wildgänse kommen zu Gast.“

Alle lachten darüber und sagten: „Es steckt doch noch einiger Sinn in dieser Aneinanderreihung!“

Dann griff Dai-yü nach einem Haselnußkern und sagte:

„Dschën-dsï, die Haselnuß, ist nicht dschën, der Wäscheklopfstein,

woher also tönt der Waschklöppel Schlag?“
Wolke vom Xiang-Fluss konnte nicht länger warten und rief schon mit Schatzjade „Drei!" und „Fünf!" und warf die Finger. Drüben riefen auch Frau You und Mandarinenente über den Tisch hinweg „Sieben!" und „Acht!" und spielten ebenfalls. Friedchen und Dufthauch bildeten ein weiteres Paar; es klirrte und klapperte nur so von den Armreifen an ihren Handgelenken. Bald hatte Wolke vom Xiang-Fluss gegen Schatzjade gewonnen, Dufthauch gegen Friedchen, und Frau You gegen Mandarinenente. Die drei Verlierer mussten eine „Weinoberfläche" und einen „Weinboden" liefern [14]. Wolke vom Xiang-Fluss legte fest: „Die ‚Weinoberfläche' muss einen Satz aus einem klassischen Text, einen Vers aus einem alten Gedicht, einen Namen aus dem Dominospiel, einen Namen einer Opernmelodie und einen Satz aus dem Staatskalender enthalten — alles zusammen zu einem sinnvollen Satz verbunden. Der ‚Weinboden' muss der Name einer Frucht oder eines Gemüses sein, das etwas mit Menschen zu tun hat." Alle lachten: „Nur ihre Spielregeln sind so umständlich wie ihre Reden, aber es hat durchaus seinen Reiz." Man trieb Schatzjade, schnell zu beginnen. Schatzjade lachte: „Wer hat so etwas je gesagt — lasst mich wenigstens nachdenken!" Kajaljade sagte: „Trink noch einen Becher mehr, ich sage es für dich." Schatzjade trank tatsächlich, und dann hörte er Kajaljade sagen:
Damit hatte sie die Aufgabe erfüllt. Yüan-yang und Ping-örl zitierten nur Redensarten, in denen das Wort „Langlebigkeit“ vorkam und die hier nicht unnötig genannt werden müssen. Abendrot und einsame Wildgans fliegen gemeinsam empor;
Als dann mit neuen Partnern weitergeknobelt wurde, traf Hsiang-yün auf Bau-tjin. Beim weiteren Spiel warf Li Wan dieselbe Augenzahl wie Hsiu-yän und gab ihr das Wort piau – „Schöpfkelle‘ – vor. Hsiu-yän erwiderte ihr lü – „grün“, und da es sich richtig auf das gesuchte Wort bezog, tranken sie beide einen Schluck. Im scharfen Wind am Fluss unter dem Himmel — der Trauergesang der Wildgans;
Beim Fingerknobeln verlor Hsiang-yün gegen Bau-tjin, und als sie um ihre Aufgabe bat, zitierte Bau-tjin lächelnd: „Steigt bitte in den tönernen Vorratsbehälter, mein Herr!“ Aber es ist eine Gans mit gebrochenem Fuß;
Alle lachten darüber und lobten: „Gut hast du diesen Ausspruch gebraucht!“ Sie ruft, dass es einem neunfach die Eingeweide umwendet;
Hsiang-yün aber sprach: Dies ist: „Die Wildgänse kommen als Gäste."
„Mit Stürmen und Tosen Alle lachten und sagten: „Diese Kette hat wirklich ihren Reiz." Kajaljade nahm eine Haselnuss und sagte als Weinboden:
himmelwärts steigen die Wasser empor, Die Haselnuss hat nichts zu tun mit dem Waschbrett hinter der Mauer;
einsames Boot an eisernen Ketten. Woher kommt das Klopfen von zehntausend Häusern, die Kleider waschen?
Auf dem Fluß weht der Wind,

der Tag ist nicht günstig zur Reise.“
Nach dem Spiel sagten auch Mandarinenente, Dufthauch und die anderen je ein Sprichwort mit dem Zeichen „Langlebigkeit" (壽) darin — was hier nicht im Einzelnen aufgeführt werden kann.
Lachend kommentierten die anderen: „Man könnte sich krank lachen über diesen Unsinn. Kein Wunder, daß sie diese Aufgabe gestellt hat, sie wollte uns nur zum Lachen bringen.“ Gespannt warteten sie, was Hsiang-yün zum Abschluß vorbringen würde, aber als Hsiang-yün ihren Wein getrunken hatte, suchte sie sich ein Stück Entenfleisch aus und schob es in den Mund. Da sie sah, daß auch noch ein halber Entenkopf auf dem Teller lag, holte sie ihn hervor und begann, das Hirn herauszupulen.

„Denk nicht nur ans Essen und rede endlich!“ mahnten die anderen.

Da hob Hsiang-yün den Entenkopf mit den Eßstäbchen in die Höhe und sagte:

„Ya-tou, der Entenkopf, ist nicht ya-tou, die Magd,

was also braucht es darauf Duftblütenöl?“
Alle spielten der Reihe nach wild durcheinander. Dann hatten oben Wolke vom Xiang-Fluss und Schatzzither dieselbe Augenzahl, und Li Schleierfrau und Xiuyan ebenfalls. Li Schleierfrau versteckte das Zeichen „Kürbisflasche" (瓢 piáo), Xiuyan riet „grün" (綠 lǜ) [15]. Die beiden verstanden sich und tranken je einen Schluck. Wolke vom Xiang-Fluss aber verlor beim Fingerspiel und wurde zur „Weinoberfläche" und zum „Weinboden" aufgefordert. Schatzzither lachte: „Bitte den Herrn in seinen eigenen Kessel!" [16]. Alle lachten und sagten: „Der Ausdruck passt perfekt!" Wolke vom Xiang-Fluss sprach:
Alle lachten noch ausgelassener als zuvor, aber Tjing-wën, Hsiau-luo, Ying-örl und einige andere Sklavenmädchen veranlaßte das nur, aufzustehen und Hsiang-yün vorzuwerfen: „Ihr versteht es wirklich zu scherzen, Fräulein, aber auf unsere Kosten! Dafür müßt Ihr einen Strafbecher trinken. Und wenn Ihr meint, wir sollten uns Duftblütenöl ins Haar reiben, müßt Ihr jeder von uns eine Flasche schenken!“ Tosend und donnernd brausend;
„Sie würde euch das Öl schon schenken, aber sie hat Angst, man könnte sie des Diebstahls bezichtigen“, bemerkte Dai-yü mit einem Lächeln. Zwischen den Klippen türmen sich Wellen bis zum Himmel;
Die meisten der anderen kümmerten sich nicht darum, Bau-yü aber verstand, worauf sie anspielte, und blickte zu Boden. Tsai-yün, die es am unmittelbarsten betraf, wurde unwillkürlich rot, Bau-tschai aber warf Dai-yü rasch einen heimlichen Blick zu, und nun bereute sie ihre Worte, denn in dem Wunsch, Bau-yü hochzunehmen, hatte sie nicht bedacht, daß Tsai-yün sich getroffen fühlen mußte. Aber die Reue kam zu spät. Um abzulenken, begann sie rasch eine neue Runde Fingerknobeln. Man braucht eine Eisenkette, um das einsame Boot festzumachen;
Wenig später würfelten ausgerechnet Bau-yü und Bau-tschai dieselbe Augenzahl, und Bau-tschai gab ihm den Begriff bau – „wertvoll“ – vor. Nach kurzem Nachdenken verstand Bau-yü, daß sie sich einen Scherz daraus machte, auf seinen beseelten Jadestein anzuspielen, den er um den Hals trug. Darum sagte er: „Du willst dir einen edlen Scherz mit mir erlauben, aber ich habe es erraten. Sei mir nun nicht böse, wenn ich auch deinen Namen gebrauchen muß, denn die Ergänzung ist tschai – ‚Haarpfeil‘.“ Gerade in einen Sturm über dem ganzen Fluss geraten;
„Wie willst du das erklären?“ fragten die anderen. Ungeeignet zum Reisen.
„Als sie bau sagte, war die Ergänzung natürlich yü – ‚Jade‘“, sagte Bau-yü. „Darum habe ich als Erwiderung tschai gesagt, denn in einem alten Gedicht heißt es ‚Zerbrochen ist der Jadehaarpfeil, erkaltet die rote Kerze.‘ Ist das nicht richtig geraten?“ Alle lachten: „Was für ein herzzerreißender Unsinn! Kein Wunder, dass sie dieses Spiel vorgeschlagen hat — absichtlich, um alle zum Lachen zu bringen!" Dann wollte man ihren Weinboden hören. Wolke vom Xiang-Fluss trank ihren Wein, nahm ein Stück Entenfleisch zum Kauen und entdeckte in der Schüssel einen halben Entenkopf, den sie herausfischte, um das Hirn zu essen. Alle drängten sie: „Hör auf, nur zu essen — sag endlich deinen Spruch!" Wolke vom Xiang-Fluss hielt den Entenkopf mit den Essstäbchen hoch und sprach:
„Ihr habt beide auf unsern Alltag angespielt, das durftet ihr nicht“, wandte Hsiang-yün ein. „Zur Strafe müßt ihr beide trinken.“ Dieser Entenkopf (yatou) ist nicht jenes Dienstmädchen (yatou);
„Aber diese Begriffe gibt es nicht nur in unserm Alltag, es gibt dafür auch klassische Belegstellen“, widersprach Hsiang-ling. Woher nähme die Magd wohl Osmanthusöl für ihr Haar?
„Aber nicht für bau-yü“, beharrte Hsiang-yün. „Das gibt es vielleicht in Neujahrssprüchen, aber nicht in Gedichtsammlungen oder Geschichtsaufzeichnungen, und darum zählt es nicht.“ Alle brachen in noch lauteres Gelächter aus. Heitermuster, Xiaoluo, Ying'er und eine ganze Schar kamen herbei und riefen: „Fräulein Yun macht sich über uns lustig! Bestraft sie schnell mit einem Becher! Wieso sollten ausgerechnet wir Osmanthusöl verwenden? Im Gegenteil, jede von uns sollte ein Fläschchen Osmanthusöl bekommen!" Kajaljade lachte: „Sie würde euch gern ein Fläschchen Öl geben, fürchtet aber, dabei in einen Diebstahlsprozess verwickelt zu werden." [17] Die anderen beachteten es nicht weiter, aber Schatzjade verstand sofort und senkte den Kopf. Caiyun, die ein schlechtes Gewissen hatte, wurde unwillkürlich rot. Schatzspange warf Kajaljade schnell einen verstohlenen Blick zu. Kajaljade bereute ihren Versprecher — sie hatte eigentlich Schatzjade necken wollen, doch dabei vergessen, dass sie Caiyun damit bloßstellte. Hastig lenkte sie mit einer Runde Spielen und Fingerwerfen ab.
„Neulich habe ich in einem fünfsilbigen Regelgedicht von Tsën Schën die Zeile gelesen ‚Viel kostbaren Jade – bau-yü – findet man hier.‘ Diese Stelle hast du wohl vergessen?“ erwiderte Hsiang-ling. „Später habe ich noch in einem siebensilbigen Vierzeiler bei Li I-schan den Satz gefunden ‚Der wertvolle Haarpfeil – bau-tschai – verstaubt täglich mehr.‘ Da habe ich noch gelacht und mir gesagt, man findet die Namen der beiden schon in Gedichten aus der Tang-Zeit.“

„Damit hast du sie in die Enge getrieben“, sagten die anderen und lachten. „Zur Strafe muß sie rasch einen Becher trinken!“

Hsiang-yün wußte nichts dagegen zu sagen, und so mußte sie notgedrungen trinken.

Anschließend würfelten die einen wieder miteinander, während die anderen im Fingerknobeln fortfuhren. Da die Herzoginmutter und Dame Wang nicht zu Hause waren und so jede Aufsicht fehlte, vergnügten sich die jungen Leute nach Herzenslust. Sie riefen ihre Zahlen wild durcheinander und bewegten sich so ungestüm, daß die bunten Gewänder flatterten und der Schmuck daran blitzte. Es war wirklich ein mehr als lebhaftes Bild.

Nachdem sie noch ein Weilchen gespielt hatten, standen sie von den Tischen auf, und plötzlich vermißten sie Hsiang-yün. Zuerst nahmen sie an, sie werde nur einmal kurz hinausgegangen und bald wieder da sein, aber so lange sie auch warteten, zeigte sich doch keine Spur von ihr. Nun ließen sie überall nach ihr suchen, aber nirgends wurde sie entdeckt.

Inzwischen erschien Lin Dschï-hsiaus Frau zusammen mit einigen alten Sklavinnen, weil sie glaubte, es könnte vielleicht Aufträge für sie geben, und weil sie zum anderen fürchtete, die Sklavenmädchen würden sich – so jung, wie sie waren – in Abwesenheit von Dame Wang durch Tan-tschun und die anderen Fräulein nicht im Zaum halten lassen, würden hemmungslos trinken und dann jeden Anstand verlieren. Deshalb kamen sie jetzt mit der Frage, ob es Weisungen für sie gebe oder nicht.

Tan-tschun konnte sich bei ihrem Anblick sofort denken, was sie hergeführt hatte, darum sagte sie rasch mit einem Lächeln: „Seid ihr wieder einmal in Sorge und kommt uns kontrollieren? Wir haben nicht zuviel Wein getrunken, wir sind nur miteinander vergnügt, und das bißchen Wein war lediglich der Auftakt dazu. Ihr könnt also ganz unbesorgt sein.“

Auch Li Wan und Frau You sagten lächelnd: „Geht euch nur ausruhen, wir lassen schon nicht zu, daß zuviel getrunken wird.“
Dann hatten Schatzjade und Schatzspange dieselbe Augenzahl. Schatzspange versteckte das Zeichen „Schatz" (寶 bǎo). Schatzjade überlegte und erkannte, dass Schatzspange scherzhaft auf sein Tonglingyu [18] anspielte. Er lachte: „Schwester macht sich lustig über mich, aber ich habe es erraten. Schwester möge nicht böse sein — es ist das Zeichen aus Schwesterchens Name, nämlich ‚Haarnadel' (釵 chāi)." Alle fragten: „Wie das?" Schatzjade sagte: „Sie sagte ‚Schatz' (寶), und darunter folgt natürlich ‚Jade' (玉). Ich rate ‚Haarnadel' (釵), und in einem alten Gedicht heißt es: ‚Die Jadehaarnadel zerbricht, die rote Kerze erkalt' — trifft das nicht zu?" Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Diese Verwendung aktueller Anspielungen geht nicht — beide sollten bestraft werden!" Xiangling sagte eilig: „Es ist nicht nur eine aktuelle Anspielung — es gibt auch einen klassischen Beleg!" Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „‚Schatzjade' als zwei Zeichen zusammen haben keinen klassischen Beleg; das steht vielleicht auf Neujahrssprüchen, aber in der Dichtung und den kanonischen Schriften findet es sich nicht." Xiangling sagte: „Neulich, als ich die fünfsilbrigen Regelgedichte von Cen Jiazhou [19] las, fand ich den Vers: ‚Diese Gegend ist reich an Edelsteinen' (此鄉多寶玉). Wie konntest du das vergessen? Und dann las ich ein Sieben-Zeichen-Quartett von Li Yishan [20], in dem steht: ‚Die Juwelenhaarnadel verstaubt Tag für Tag' (寶釵無日不生塵). Da musste ich noch lachen, dass beider Namen tatsächlich in Tang-Gedichten stehen!" Alle lachten: „Das hat sie doch schachmatt gesetzt — schnell einen Strafbecher!" Wolke vom Xiang-Fluss hatte nichts mehr zu sagen und musste trinken. Dann ging es weiter — Paare bildeten sich und spielten Shefu oder Fingerwerfen. Weil die Alte Herrin und Frau Wang nicht zu Hause waren, gab es keine Aufsicht, und so vergnügte man sich nach Herzenslust: man rief und schrie, lachte und lärmte. Der ganze Saal war ein Wirbel von Rot und Grün, ein Schimmern von Jade und Perlen — wahrhaftig ein rauschendes Fest. Nachdem man eine Weile gespielt hatte, stand man auf, um sich die Beine zu vertreten. Plötzlich war Wolke vom Xiang-Fluss verschwunden. Man dachte, sie sei nach draußen gegangen und werde gleich wiederkommen; doch je länger man wartete, desto weniger war von ihr zu sehen. Man schickte Leute in alle Richtungen, um sie zu suchen — vergeblich.
„Wir wissen ja, daß die Fräulein nicht gern trinken, selbst wenn die alte gnädige Frau sie dazu auffordert, also werden sie erst recht nicht trinken, wenn die gnädige Frau nicht zu Hause ist, und machen sich nur einen Spaß“, pflichtete Lin Dschï-hsiaus Frau ihr bei. „Wir dachten nur, es gebe vielleicht etwas zu erledigen, und wollten uns deswegen erkundigen. Außerdem sind die Tage lang, und nachdem sich die Fräulein so viel vergnügt haben, müssen sie jetzt eine Kleinigkeit essen. Für gewöhnlich essen sie ja kaum etwas zwischen den Mahlzeiten, aber wenn sie nach den ein, zwei Bechern Wein, die sie heute getrunken haben, nicht einen Happen essen, könnte ihnen das schaden.“

„Ihr habt ganz recht, eben wollten wir etwas essen“, sagte Tan-tschun lächelnd. Dann wandte sie den Kopf und befahl: „Bringt den Imbiß!“

„Jawohl!“ sagten die Sklavenmädchen, die zu beiden Seiten standen, und gingen rasch Gebäck holen.

„Geht nur und ruht euch aus!“ wandte sich Tan-tschun wieder an Lin Dschï-hsiaus Frau und ihr Gefolge. „Oder geht hinüber, um euch mit der gnädigen Frau Tante zu unterhalten. Gleich werden wir euch Wein bringen lassen.“

„Das wagen wir nicht anzunehmen!“ zierten sich Lin Dschï-hsiaus Frau und die alten Sklavinnen lächelnd. Erst nachdem sie noch stehend eine Weile gewartet hatten, gingen sie wieder fort.

Nun befühlte Ping-örl ihre Wangen und meinte lächelnd: „Mein Gesicht ist ganz heiß. Es war mir direkt peinlich, sie anzusehen. Ich finde, wir sollten Schluß machen, damit sie nicht noch ein zweites Mal kommen. Das würde Ärger geben.“

„Nur keine Bange!“ erwiderte Tan-tschun lächelnd. „Solange wir nicht ernsthaft zu trinken anfangen, macht es nichts.“

Kaum hatte sie das gesagt, kam eines der kleineren Sklavenmädchen kichernd in den Raum und sagte: „Die Fräulein müssen sich schnell Fräulein Hsiang-yün ansehen! Sie ist betrunken, und um sich abzukühlen, hat sie sich auf eine Steinbank hinter dem Berg gelegt und ist dort eingeschlafen.“

Alle lachten darüber und sagten: „Kommt, aber seid leise!“
Da kamen Frau Lin Zhixiao und einige ältere Dienerinnen, teils aus Sorge, es könnte ein dienstlicher Anlass bestehen, teils aus Furcht, die jungen Mädchen könnten in Abwesenheit Frau Wangs die Autorität Spürfrühlings und der anderen nicht respektieren und sich hemmungslos betrinken. Spürfrühling, die ihre Absicht sofort durchschaute, lachte: „Ihr kommt wieder, um nach uns zu sehen, weil ihr uns nicht traut. Wir haben nicht übermäßig getrunken — wir haben uns nur vergnügt und den Wein nur als Vorwand genommen. Ihr Mütter braucht euch keine Sorgen zu machen." Li Schleierfrau und Frau You lachten ebenfalls: „Geht nur und ruht euch aus — wir lassen sie bestimmt nicht zu viel trinken." Frau Lin Zhixiao und die anderen lachten: „Wir wissen schon — selbst wenn die Alte Herrin die Fräulein zum Trinken auffordert, trinken die Fräulein kaum. Natürlich, wenn die Damen nicht zu Hause sind, wird nur gespielt. Wir kamen nur, um zu hören, ob es etwas gibt. Außerdem: Der Tag ist lang, und nachdem die Fräulein eine Weile gespielt haben, sollten sie ein paar Kleinigkeiten zu sich nehmen. Gewöhnlich essen sie ja nicht viel Verschiedenes; wenn sie nun ein oder zwei Becher Wein trinken, ohne genug zu essen, könnte es ihnen schaden." Spürfrühling lachte: „Da haben die Mütter recht — wir wollen gerade essen." Sie wandte sich um und bat, Gebäck zu bringen. Die Mädchen gehorchten und bestellten es eilig. Spürfrühling lud lächelnd ein: „Geht und ruht euch aus, oder geht zu Tante drüben und plaudert mit ihr. Wir schicken euch gleich Wein." Frau Lin Zhixiao und die anderen lehnten lächelnd ab: „Wir wagen es nicht, das anzunehmen." Sie standen noch eine Weile und zogen sich dann zurück. Friedchen befühlte ihre Wangen und lachte: „Mein Gesicht ist ganz heiß — ich schäme mich, von ihnen gesehen zu werden. Ich meine, wir sollten aufhören, ehe sie noch einmal kommen — das wäre doch peinlich." Spürfrühling lachte: „Macht nichts — solange wir nicht im Ernst trinken, ist es gut."
Sie fanden Hsiang-yün tatsächlich auf einer steinernen Ruhebank an einem abgelegenen Ort hinter den künstlichen Felsen, wo sie in süßem Schlummer lag. Von allen Seiten hatte es Blütenblätter von den Päonien geschneit, und so waren Gesicht und Kleider völlig damit bedeckt. Auch der Fächer, der ihrer Hand entfallen war und auf der Erde lag, war schon zur Hälfte darunter begraben. Bienen und Schmetterlinge umschwärmten die Schläferin, und unter ihrem Kopf lag anstelle eines Kissens ein Bündelchen Päonienblüten, die sie in ein Tuch aus Wassermannseide geknüpft hatte.

Für die Betrachter war dieser Anblick lieblich und lächerlich zugleich. Sie traten näher heran, stießen Hsiang-yün an und halfen ihr auf. Da hörten sie, wie Hsiang-yün – immer noch im Schlaf – eine neue Lösung für das Trinkspiel murmelte:

„Duftig der Quell und kalt der Wein,

Bernsteinglanz füllt die jadenen Becher,

steht der Mond über der Aprikosenblüte.

Die trunkenen Zecher führt man nach Haus,

der Tag ist günstig, um Freunde zu treffen.“

Lachend rüttelten sie sie noch einmal und sagten dabei: „Du mußt zu dir kommen und etwas essen! Hier auf der feuchten Bank wirst du dir eine Krankheit holen!“

Hsiang-yün schlug langsam die Augen auf und erblickte die zahlreiche Gesellschaft. Dann senkte sie den Kopf, blickte an sich herab, und erst jetzt merkte sie, daß sie sich betrunken hatte. Eigentlich hatte sie nur Ruhe und Abkühlung gesucht, aber da ihr zarter Leib dem vielen Wein nicht gewachsen war, den sie zur Strafe hatte trinken müssen, war sie, ohne es zu merken, auf der Bank eingeschlafen.
Gerade da kam ein kleines Mädchen lachend herbeigelaufen: „Fräulein, kommt schnell und schaut nach Fräulein Yun! Sie hat sich betrunken, und weil sie Abkühlung suchte, ist sie hinten auf dem Felsenberg auf einer Steinbank eingeschlafen!" Als alle das hörten, sagten sie lachend: „Pst, keinen Lärm!" Sie gingen hin, um nachzusehen, und fanden tatsächlich Wolke vom Xiang-Fluss auf einer Steinbank an einem verborgenen Platz hinter den Felsen schlafend, versunken in duftende Träume[21]. Ringsum waren Päonienblüten auf ihren ganzen Körper herabgefallen — auf Kopf, Gesicht und Kleid, überall rote, duftende Blütenblätter in wirrem Durcheinander. Der Fächer in ihrer Hand lag auf dem Boden, halb von herabgefallenen Blüten bedeckt. Ein Schwarm Bienen und Schmetterlinge summte dicht um sie herum. Sie hatte ein Taschentuch aus Haifischhaut genommen, ein Bündel Päonienblätter darin eingewickelt und als Kissen benutzt. Alle sahen es an und waren gleichzeitig entzückt und belustigt. Sie kamen eilig heran, rüttelten sie, riefen sie und stützten sie. Wolke vom Xiang-Fluss murmelte noch im Schlaf Trinkspielverse, undeutlich vor sich hin lallend:
Jetzt fühlte sie sich natürlich beschämt, darum stand sie hastig auf und schleppte sich hinter den anderen her zum Garten der Roten Düfte zurück, wo sie sich wusch und zwei Schalen starken Tee trank. Außerdem ließ Tan-tschun rasch einen Ernüchterungsstein holen, den Hsiang-yün in den Mund nehmen mußte. Aber erst als sie auch noch etwas saure Suppe gegessen hatte, fühlte sie sich wieder besser. Duftend die Quelle und klar der Wein;
Nun wählten sie einige Sorten Naschwerk und Speisen aus und ließen sie zu Hsi-fëng hinübertragen, die ihnen ihrerseits ein paar andere Gerichte schickte. Im Jadebecher glänzt Bernsteinlicht;
Nach dem Imbiß, den Bau-tschai und einige der anderen eingenommen hatten, blieben die einen sitzen, während die anderen aufstanden. Manch eine schaute sich draußen die Blumen an oder sah, aufs Geländer gestützt, den Fischen zu – jede vergnügte sich auf ihre Weise. Tan-tschun spielte mit Bau-tjin Wee-tji-Schach, und Bau-tschai sah ihnen gemeinsam mit Hsiu-yän dabei zu. Dai-yü stand mit Bau-yü zusammen unter einem blühenden Strauch, und sie unterhielten sich halblaut wer weiß worüber. Da kam wieder Lin Dschï-hsiaus Frau mit einem Trupp von Begleiterinnen herein und führte eine Sklavenfrau mit sich, die einen ganz zerknirschten Eindruck machte und sich nicht traute, das Haus zu betreten. Statt dessen kniete sie am Fuße der Treppe nieder und schlug mit der Stirn auf den Boden, daß es dröhnte. Getrunken bis der Mond über den Pflaumenzweigen steht;
Tan-tschun, die sich auf dem Schachbrett ernstlich bedroht fühlte, grübelte über die gefährliche Stelle nach, und obwohl sie sich zwei ‚Augen‘ schaffen konnte, wollte es ihr nicht gelingen, den entscheidenden Zug zu tun. Wie gebannt schaute sie auf das Spielbrett und befingerte dabei mit einer Hand die Spielsteine in der Dose. Trunken nach Hause geleitet;
Lin Dschï-hsiaus Frau stand schon eine geraume Weile da, als Tan-tschun endlich den Kopf wandte, um Tee zu verlangen, und sie erblickte. Befragt, was es gebe, wies Lin Dschï-hsiaus Frau mit der Hand auf die Sklavin und sagte: „Das ist die Mutter von Tsai-örl, die in den Räumen von Fräulein Hsi-tschun dient. Sie selbst ist jetzt im Garten beschäftigt. Die Frau hat ein außerordentlich böses Mundwerk, eben habe ich sie bei so etwas ertappt und zur Rede gestellt. Was sie gesagt hat, wage ich vor Euch nicht zu wiederholen. Das einzig Richtige ist, sie hinauszuwerfen.“ Passend zum Empfang lieber Freunde.
„Warum meldest du es nicht der älteren jungen Herrin?“ fragte Tan-tschun. Alle rüttelten sie lachend und sagten: „Wach schnell auf und komm essen! Wenn du auf dieser feuchten Steinbank schläfst, wirst du noch krank!" Wolke vom Xiang-Fluss öffnete langsam ihre herbstklaren Augen, sah die Versammelten und blickte an sich herab; da erst bemerkte sie, dass sie betrunken war. Eigentlich war sie hergekommen, um sich an der Kühle zu erfrischen; doch weil sie zwei Strafbecher zu viel getrunken hatte und ihre zarte Gestalt den Wein nicht vertrug, war sie eingeschlafen. Im Herzen war sie beschämt. Hastig stand sie auf und ging mühsam mit den anderen zum Hongxiangpu. Sie wusch sich das Gesicht und trank zwei Tassen starken Tee. Spürfrühling befahl sofort, den Nüchternheitsstein [22] zu bringen und ihn ihr in den Mund zu stecken. Dann ließ sie sie noch etwas säuerliche Suppe trinken, und erst danach ging es ihr etwas besser.
„Die ältere junge Herrin ist eben in die kleine Halle zur gnädigen Frau Tante gegangen, und als ich ihr dort in den Weg lief, habe ich ihr schon davon berichtet“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau. „Sie hat mir befohlen, es Euch zu melden.“

„Und warum meldest du es nicht der zweiten jungen Herrin?“ fragte Tan-tschun weiter.

„Das ist nicht nötig!“ warf Ping-örl ein. „Wenn ich zu Hause bin, sage ich ihr Bescheid.“

„Also gut, dann wirf sie hinaus, und wenn die gnädige Frau zurück ist, wird es ihr gemeldet, damit sie eine endgültige Festlegung trifft“, entschied Tan-tschun und wandte sich wieder dem Schachspiel zu, während Lin Dschï-hsiaus Frau die Sklavin hinausführte, von der hier nicht weiter die Rede sein soll.

Unter ihrem Blütenstrauch hatten Dai-yü und Bau-yü die Szene aus der Ferne verfolgt und konnten sich ungefähr denken, worum es ging. „Tan-tschun ist ein tüchtiges Mädchen“, sagte Dai-yü, „obwohl man sie beauftragt hat, bei der Haushaltsführung auszuhelfen, tut sie nichts, was sie nicht tun müßte. Eine andere an ihrer Stelle hätte sich schon längst Autorität angemaßt.“

„Du weißt nichts davon, aber während du krank warst, hat sie eine ganze Menge Neuerungen eingeführt“, erwiderte Bau-yü, „hier im Garten ist jetzt alles einzelnen Leuten zur Bewirtschaftung zugeteilt, kein Hälmchen Gras darf man zuviel abreißen. Einiges hat sie auch abgeschafft und extra an mir und Kusine Hsi-fëng ihre Exempel statuiert, um es so auch allen andern zu verbieten. Alles, was sie tut, ist wohldurchdacht, das ist nicht einfach nur Tüchtigkeit.“
Anschließend wählte man einige Schalen Obst und Speisen aus und schickte sie Phönixglanz. Phönixglanz schickte ebenfalls einige Sachen herüber. Schatzspange und die anderen aßen ihr Gebäck; manche saßen, manche standen, manche betrachteten draußen die Blumen, manche lehnten am Geländer und schauten den Fischen zu — jeder vergnügte sich und plauderte auf seine Weise. Spürfrühling spielte mit Schatzzither Schach; Schatzspange und Xiuyan sahen der Partie zu. Kajaljade und Schatzjade standen unter einem Blumenstrauch und tuschelten leise miteinander — niemand wusste, was sie sagten. Da kamen Frau Lin Zhixiao und eine Gruppe Frauen mit einer jungen Frau herein. Die junge Frau hatte ein betrübtes, ängstliches Gesicht, wagte nicht, in den Saal zu treten, sondern kniete schon an der Treppe nieder und schlug vernehmlich den Kopf auf den Boden. Spürfrühling war gerade von einem gegnerischen Stein umzingelt worden; sie rechnete hin und her, kam aber nur auf zwei Augen, musste also aufgeben. Ihre Augen waren starr auf das Schachbrett gerichtet, eine Hand griff in die Dose und klapperte mit den Steinen, in Gedanken versunken. Frau Lin Zhixiao stand schon eine ganze Weile da. Erst als Spürfrühling den Kopf wandte, um nach Tee zu fragen, bemerkte sie sie und fragte: „Was gibt es?" Frau Lin Zhixiao deutete auf die Frau und sagte: „Das ist die Mutter von Cai'er, dem kleinen Mädchen aus dem Zimmer des Vierten Fräuleins [23]. Sie gehört zum Gartenpersonal. Ihr Mundwerk ist ganz übel; eben habe ich sie befragt, und was sie sagte, wage ich dem Fräulein gar nicht zu berichten — man sollte sie einfach hinauswerfen." Spürfrühling sagte: „Warum berichtet ihr es nicht der Ersten Herrin?" Frau Lin Zhixiao sagte: „Eben ist die Erste Herrin schon zum Saal hinüber zur Frau Tante gegangen; ich habe sie auf dem Weg gesehen und es ihr schon berichtet. Sie sagte, ich solle es dem Fräulein melden." Spürfrühling sagte: „Warum berichtet ihr es nicht der Zweiten Herrin?" Friedchen sagte: „Es schadet nichts, auch nicht zu gehen; ich sage es ihr, wenn ich zurückkomme." Spürfrühling nickte: „Wenn es so ist, jagt sie hinaus. Wenn die Gnädige Frau zurückkommt, wird man endgültig entscheiden." Damit wandte sie sich wieder dem Schachspiel zu. Frau Lin Zhixiao führte die Frau fort — davon sei hier nicht weiter die Rede.
„Das ist gut so!“ lobte Dai-yü, „denn wir leben hier viel zu aufwendig. Ich habe zwar nichts mit der Haushaltsführung zu tun, aber in müßigen Stunden stelle ich auch immer meine Überlegungen an und weiß, daß viel ausgegeben und wenig eingenommen wird. Wenn jetzt nicht gespart wird, ist zwangsläufig eines Tages nichts mehr da.“

„Und wenn schon!“ versuchte Bau-yü sie lächelnd zu beschwichtigen, „für uns beide wird es noch reichen.“

Als Dai-yü das hörte, wandte sie sich ab und ging zur Halle hinüber, um dort mit Bau-tschai zu plaudern. Auch Bau-yü wollte fortgehen, aber da erschien eben Hsi-jën und brachte auf einem kleinen Teebrett, einer ausländischen Lackarbeit mit einem Muster aus verschlungenen Kreisen, zwei Schälchen frischen Tee. „Wo ist sie hingegangen?“ fragte sie. „Mir war aufgefallen, daß ihr beide lange keinen Tee getrunken habt, darum habe ich extra zwei Schalen für euch eingegossen, und nun ist sie fort.“

„Da ist sie doch!“ sagte Bau-yü, „bring ihr den Tee nur hin!“ Mit diesen Worten ergriff er die eine Schale, während Hsi-jën die andere weitertrug.

Da Dai-yü mit Bau-tschai zusammenstand, Hsi-jën aber nur noch eine Schale Tee anzubieten hatte, schlug sie vor: „Wer den größeren Durst hat, trinkt zuerst. Ich gehe noch etwas eingießen.“

Lächelnd erwiderte Bau-tschai: „Ich habe keinen Durst, ich brauche nur einen Schluck, um mir den Mund zu spülen.“ Damit griff sie nach der Teeschale, nahm einen Schluck und gab dann die halbvolle Schale Dai-yü in die Hand.

„Ich gehe noch etwas eingießen!“ schlug Hsi-jën erneut vor.
Kajaljade und Schatzjade standen unter den Blumen, und obwohl sie einander fernstanden, verstanden sie sich wortlos. Kajaljade sagte: „Eure dritte Schwester ist wirklich ein kluges Mädchen. Obwohl man ihr die Verwaltung anvertraut hat, geht sie keinen Schritt über ihre Befugnisse hinaus. Eine andere hätte sich längst als Herrscherin aufgespielt." Schatzjade sagte: „Du weißt ja nicht — als du krank warst, hat sie einige wichtige Sachen durchgesetzt. Der Garten wurde aufgeteilt und Verantwortlichen zugewiesen; jetzt darf man nicht einmal mehr ein Gras zu viel pflücken. Sie hat auch mehrere überflüssige Ausgaben gestrichen und dabei mich und Schwester Feng als Exempel benutzt, um andere zu disziplinieren. Sie ist eine, die im Stillen wohl kalkuliert — das geht weit über bloße Klugheit hinaus." Kajaljade sagte: „So muss es sein. In unserem Haus wird auch zu viel ausgegeben. Obwohl ich mich nicht um die Verwaltung kümmere, habe ich in müßigen Stunden oft für euch nachgerechnet: Es wird mehr ausgegeben als eingenommen. Wenn man jetzt nicht spart, wird man bald in Schwierigkeiten geraten." Schatzjade lachte: „Wie auch immer es ausgehen mag — uns beiden wird es an nichts fehlen." Als Kajaljade das hörte, drehte sie sich um und ging in den Saal, um mit Schatzspange zu plaudern und zu lachen.
Aber lächelnd erklärte ihr Dai-yü: „Du weißt doch, daß mir der Arzt meiner Krankheit wegen verboten hat, zuviel Tee zu trinken. Die halbe Schale reicht mir vollkommen. Es war lieb, daß du an uns gedacht hast!“ Mit diesen Worten trank sie die Teeschale leer und stellte sie wieder zurück.

Nun ging Hsi-jën die Teeschale holen, aus der Bau-yü getrunken hatte, und dieser erkundigte sich: „Wo steckt denn Fang-guan? Ich habe sie die ganze Zeit nicht gesehen.“

Hsi-jën blickte sich nach allen Seiten um, dann sagte sie: „Vorhin hat sie dort mit ein paar andern das Pflanzenspiel gespielt, aber jetzt ist sie nicht mehr zu sehen.“

Als Bau-yü das hörte, ging er rasch in seine Räume zurück und fand dort Fang-guan mit dem Gesicht zur Wand auf dem Bett liegen. Er stieß sie an und sagte: „Schlaf jetzt nicht! Wir wollen uns draußen vergnügen und nachher schön essen!“

„Während ihr Wein getrunken habt, hat sich niemand um mich gekümmert, und ich konnte mich die ganze Zeit langweilen. Was sollte ich anders machen, als mich schlafen legen?“ schmollte Fang-guan.

Bau-yü zog sie in die Höhe, damit sie aufstand, und versprach ihr lächelnd: „Wir trinken heute Abend noch einmal hier bei uns! Sobald alle zurück sind, sage ich Schwester Hsi-jën, sie solle dich mit am Tisch sitzen lassen. Was sagst du dazu?“
Schatzjade wollte gerade gehen, als Dufthauch mit einem kleinen, ineinander verschlungenen Lacktablett in der Hand kam, darauf ordentlich zwei Tassen frischer Tee. Sie fragte: „Wo ist sie hin? Ich habe gesehen, dass ihr beiden eine ganze Weile keinen Tee getrunken habt, und eigens zwei Tassen gebracht — und nun ist sie weg." Schatzjade sagte: „Da drüben ist sie — bring ihr eine hin." Er nahm sich selbst eine Tasse. Dufthauch trug die andere hin, doch Kajaljade war bei Schatzspange, und es gab nur eine Tasse. Also sagte sie: „Wer von euch durstig ist, nehme sie zuerst; ich hole noch eine." Schatzspange lachte: „Ich bin gar nicht durstig — ich möchte nur einen Schluck zum Mundspülen." Damit nahm sie zuerst die Tasse, trank einen Schluck und reichte die Hälfte Kajaljade. Dufthauch lachte: „Ich hole noch eine." Kajaljade lachte: „Du weißt doch, bei meiner Krankheit hat der Arzt mir verboten, viel Tee zu trinken. Diese halbe Tasse reicht vollkommen — wie aufmerksam von dir." Damit trank sie die Tasse leer und stellte sie ab. Dufthauch kam, um Schatzjades Tasse abzuholen. Schatzjade fragte: „Wo ist Fangguan die ganze Zeit? Ich habe sie nirgends gesehen." Dufthauch sah sich um und sagte: „Eben war sie noch hier mit einigen anderen beim Blumenspiel — jetzt ist sie verschwunden."
„Wenn Ou-guan und Juee-guan nicht mit dabei sind, macht es keinen Spaß“, hielt ihm Fang-guan entgegen. „Außerdem bin ich es nicht gewöhnt, diese Nudeln zu essen. Auch heute früh habe ich nichts Richtiges gegessen, darum bin ich jetzt hungrig und habe eben schon Schwägerin Liu sagen lassen, sie solle mir eine Schale Suppe machen und zusammen mit einer halben Schale Reis herüberschicken. Das werde ich hier essen, und damit hat sich die Sache.

Und wenn wir am Abend Wein trinken, mußt du dafür sorgen, daß mich niemand bevormundet. Ich möchte mich einmal so richtig vollaufen lassen. Als ich noch bei meinen Eltern lebte, konnte ich zwei, drei Djin vom besten Huee-Quellen-Wein vertragen, aber als ich dann mit dieser blöden Singerei anfing, hieß es, ich würde mir die Stimme verderben, darum habe ich all die Jahre Wein nicht einmal gerochen. Heute will ich die Fastenzeit beenden!“

„Das ist kein Problem“, sagte Bau-yü.

Im selben Augenblick sah er, daß wirklich jemand im Auftrag von Frau Liu eine Speiseschachtel brachte. Als Tschun-yän sie entgegennahm und aufmachte, fanden sie darin eine Schale Suppe mit Krebsfleischbällchen und Hühnerhaut, eine Schale gedünstete Ente in Weintunke und einen Teller gepökeltes Gänsefleisch, außerdem einen Teller mit vier Cremeröllchen aus Zirbelnüssen und eine große Schale voll dampfendem grünen Reis. Tschun-yän stellte alles auf den Tisch, dann holte sie sich noch einige Beikost sowie Geschirr und Eßstäbchen und füllte ein Schälchen mit dem Reis.
Als Schatzjade das hörte, eilte er in sein Zimmer. Dort lag Fangguan tatsächlich mit dem Gesicht zur Wand auf dem Bett und schlief. Schatzjade rüttelte sie: „Hör auf zu schlafen! Lass uns draußen spielen — gleich gibt es Essen." Fangguan sagte: „Ihr trinkt alle Wein und kümmert euch nicht um mich — da habe ich mich einen halben Tag gelangweilt und bin eben schlafen gegangen." Schatzjade zog sie hoch und lachte: „Heute Abend trinken wir zu Hause noch — und dann sage ich Schwester Dufthauch, dass sie dich mit an den Tisch nimmt. Was sagst du dazu?" Fangguan sagte: „Wenn Ouguan und Ruiguan nicht mit nach oben gehen, stehe ich allein da, und das ist auch nicht gut. Außerdem bin ich die Nudeln nicht gewöhnt, und heute Morgen habe ich auch nicht richtig gegessen. Eben war ich hungrig und habe schon der Schwägerin Liu gesagt, sie solle mir eine Schale Suppe und eine halbe Schale Rundkornreis bringen; ich esse hier und bin fertig. Wenn es heute Abend Wein gibt, dann darf mich keiner einschränken — ich will nach Herzenslust trinken, bis ich genug habe. Früher zu Hause habe ich zwei bis drei Pfund guten Huiquan-Wein getrunken! Seit ich dieses elende Gewerbe gelernt habe und sie sagten, es verderbe die Stimme, habe ich seit Jahren keinen Tropfen mehr gesehen. Heute breche ich das Fasten!" Schatzjade sagte: „Das ist leicht zu machen."
„Wer mag schon diese fetten Sachen?!“ sagte Fang-guan und goß sich nur von der Suppe über den Reis. Als sie das Schälchen leergegessen hatte, suchte sie sich noch ein paar Häppchen gepökeltes Gänsefleisch aus, dann war ihre Mahlzeit beendet.

Bau-yü erschien dieses Essen dem Geruch nach appetitlicher als die Gerichte, die er sonst bekam, darum aß er ein Cremeröllchen und befahl Tschun-yän, auch für ihn ein Schälchen mit Reis zu füllen, das er dann gleichfalls mit Suppe übergoß und aß. Als er den Geschmack höchst lieblich und angenehm fand, mußten Tschun-yän und Fang-guan lachen.

Da die beiden nun nichts mehr mochten, wollte Tschun-yän die Reste zurückschicken, aber Bau-yü forderte sie auf: „Iß du es! Wenn es nicht reicht, läßt du dir noch etwas geben.“

„Nicht nötig, das hier reicht mir. Vorhin hatte uns Schwester Schë-yüä zwei Teller mit Gebäck gebracht. Wenn ich jetzt noch das hier aufesse, brauche ich weiter nichts“, sagte Tschun-yän. Mit diesen Worten begann sie am Tisch stehend zu essen und ließ nur zwei Cremeröllchen übrig. „Die hebe ich für meine Mutter auf“, erklärte sie. „Wenn ich am Abend noch zwei Schalen Wein bekommen kann, habe ich alles, was ich brauche.“

„Du magst also auch gern Wein?“ erkundigte sich Bau-yü. „Da wollen wir heute Abend nach Herzenslust trinken! Auch Hsi-jën und Tjing-wën können einiges vertragen, aber sie genieren sich natürlich, jeden Tag etwas zu trinken. Heute soll für uns alle die Fastenzeit zu Ende sein! Aber da fällt mir eben noch etwas ein, was ich dir sagen wollte. In Zukunft sollst du dich um Fang-guan kümmern und sie darauf aufmerksam machen, wenn sie vielleicht etwas falsch macht. Hsi-jën kann nicht auf alles achtgeben.“

„Ich weiß schon Bescheid, du brauchst dir keine Sorgen darum zu machen“, beruhigte ihn Tschun-yän, „aber was wird jetzt mit Wu-örl?“

„Bestell Frau Liu, sie solle Wu-örl morgen direkt hierher schicken, den Rest erledige ich, dann geht alles in Ordnung“, antwortete Bau-yü.

„Das ist ein Wort!“ erklärte Fang-guan strahlend, als sie dies hörte.

Nun rief Tschun-yän zwei kleinere Sklavenmädchen herein, damit sie beim Händewaschen bedienten und den Tee eingossen, während sie selbst das Geschirr abräumte und einer alten Sklavenfrau übergab. Dann wusch auch sie sich die Hände, und anschließend machte sie sich auf die Suche nach Frau Liu. Doch davon genug einstweilen.

Inzwischen ging Bau-yü hinaus, um in den Garten der Roten Düfte zu seinen Kusinen zurückzukehren. Fang-guan aber folgte ihm und trug für ihn Tuch und Fächer. Als sie eben am Hoftor waren, kamen ihnen Hsi-jën und Tjing-wën Hand in Hand entgegen, und Bau-yü erkundigte sich: „Was macht ihr hier?“

„Das Essen ist aufgetragen, und alle warten auf dich“, sagte Hsi-jën.

Da berichtete ihr Bau-yü mit lächelnder Miene, daß er soeben bereits gegessen habe.
Gerade kam tatsächlich jemand von Frau Liu mit einem Speisenkasten. Xiaoyan nahm ihn entgegen und öffnete ihn: Darin war eine Schale Garnelen-Bällchen-Suppe mit Hühnerhaut, eine Schale in Reiswein gedämpfte Ente, ein Teller eingelegte Gänsebrust und ein Teller mit vier Sahne-Piniennuss-Blätterteigrollen, dazu eine große Schale dampfenden, schimmernden grünen Rundkornreises aus duftenden Reisterrassen. Xiaoyan stellte alles auf den Tisch, holte Beilagen und Essstäbchen und schöpfte eine Schale Reis. Fangguan sagte: „Alles so fettig und ölig — wer isst denn so etwas!" Sie goss sich nur Suppe über den Reis und aß eine Schale, nahm zwei Stücke eingelegte Gans und hörte auf. Schatzjade roch daran und fand, es duftet feiner als gewöhnlich; also aß er eine Blätterteigrolle und bat auch Xiaoyan, sich eine halbe Schale Reis zu nehmen, Suppe darüber zu gießen — es schmeckte köstlich. Xiaoyan und Fangguan lachten beide. Nach dem Essen wollte Xiaoyan den Rest zurückbringen. Schatzjade sagte: „Iss du es auf — wenn es nicht reicht, lass noch mehr bringen." Xiaoyan sagte: „Nicht nötig, das reicht. Vorhin hat Schwester Moschusmond uns zwei Teller Gebäck gegeben; wenn ich jetzt noch dies esse, brauche ich nichts mehr." Sie stellte sich an den Tisch und aß alles auf. Zwei Blätterteigrollen legte sie beiseite und sagte: „Die sind für meine Mutter. Heute Abend zum Weintrinken gebt mir bitte zwei Schalen Wein, das reicht." Schatzjade lachte: „Du magst also auch Wein? Dann trinken wir heute Abend ordentlich miteinander! Schwester Dufthauch und Schwester Heitermuster vertragen auch einiges, möchten aber gewöhnlich nicht. Heute brechen wir alle das Fasten! Ach, noch etwas — ich wollte es dir sagen und hab es glatt vergessen; jetzt fällt es mir ein: Kümmere dich in Zukunft ganz um Fangguan. Wenn sie etwas versäumt, weis sie darauf hin — Dufthauch kann nicht auf alle aufpassen." Xiaoyan sagte: „Ich weiß Bescheid, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Aber was wird nun aus Wu'er?" Schatzjade sagte: „Sag Frau Liu, sie soll sie morgen direkt hereinkommen lassen. Ich sage den Leuten Bescheid, und die Sache ist erledigt." Fangguan hörte das und lachte: „Das ist wirklich vernünftig." Xiaoyan rief zwei kleine Mädchen herein, die beim Händewaschen und Teeeinschenken halfen; sie selbst räumte das Geschirr auf, übergab es der Dienerin, wusch sich die Hände und ging zu Frau Liu — davon sei hier nicht weiter die Rede.
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-jën: „Ich sage es ja, mit dem Essen bist du wie eine Katze. Kaum daß du etwas riechst, möchtest du davon kosten, und bei andern schmeckt es immer am besten. Aber trotzdem mußt du jetzt gehen und ihnen Gesellschaft leisten, so gut du kannst, um den Schein zu wahren.“

Inzwischen preßte Tjing-wën die Fingerspitze gegen Fang-guans Stirn und schimpfte: „Du bist ja eine ganz raffinierte Füchsin! Wie hast du das fertiggebracht, dich wegzustehlen, um etwas zu essen? Und wie habt ihr euch verabreden können, ohne uns einen Ton zu sagen?“

„Sie haben sich wohl nur durch Zufall getroffen und keine Verabredung gehabt“, versuchte Hsi-jën sie lächelnd zu beschwichtigen.

„Aber wir werden ja wohl nicht mehr gebraucht“, stichelte Tjing-wën weiter. „Morgen gehen wir alle fort, und Fang-guan kann ihn allein bedienen!“

„Wir könnten wohl alle gehen, aber du darfst nicht fort!“ widersprach Hsi-jën.

„Ich bin sogar die erste, die gehen müßte“, versteifte sich Tjing-wën. „Ich bin plump und faul, habe keinen guten Charakter und bin zu nichts nütze.“

„Und wer soll das stopfen, wenn er sich wieder ein Loch in seinen Pfauenfederumhang brennt, und du bist nicht mehr da?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „Spiel mir jetzt bloß nicht die Beleidigte! Wenn ich dich bitte, rührst du keinen Finger. Dabei ist es ja meist nicht für mich, sondern für ihn, und trotzdem machst du es nicht. Aber als ich ein paar Tage nicht hier war, und du lagst todsterbenskrank im Bett, da hast du die ganze Nacht hindurch den Umhang für ihn geflickt, ohne auch nur daran zu denken, daß es dich das Leben kosten könnte. Wie ist denn das zu erklären? – Nun sag endlich etwas, anstatt mich nur anzulächeln und die Dumme zu spielen! Damit erreichst du nichts.“

Während dieser Unterhaltung waren sie zu der Halle gelangt, wo sich auch Tante Hsüä wieder eingefunden hatte. Alle nahmen der Rangfolge nach Platz und aßen. Um nicht aus dem Rahmen zu fallen, nahm auch Bau-yü eine halbe Schale Reis zu sich, den er mit Tee übergossen hatte. Anschließend

tranken sie Tee und plauderten, dann vergnügte sich wieder ein jeder, wie er mochte.

Draußen im Garten vertrieben sich Hsiau-luo, Hsiang-ling, Fang-guan, Juee-guan, Ou-guan und Dou-guan die Zeit damit, die verschiedensten Gewächse zu pflücken und dann, auf einem Rasenhügel lagernd, das Pflanzenspiel zu spielen.

Eine sagte: „Ich habe eine Guan-yin-Weide.“
Schatzjade ging hinaus, um im Hongxiangpu die Schwestern aufzusuchen; Fangguan folgte ihm mit Tuch und Fächer. Kaum waren sie aus dem Hoftor, kamen Dufthauch und Heitermuster Hand in Hand zurück. Schatzjade fragte: „Wo wollt ihr hin?" Dufthauch sagte: „Das Essen ist angerichtet — wir kommen, um dich zum Essen zu holen." Schatzjade erzählte ihnen lachend, dass er eben schon gegessen hatte. Dufthauch lachte: „Ich sag ja immer, du isst wie eine Katze — wenn du etwas Duftendes riechst, willst du es haben. Essen aus einem fremden Topf schmeckt immer besser. Aber du solltest trotzdem hinaufgehen und den anderen wenigstens ein bisschen Gesellschaft leisten." Heitermuster tippte Fangguan mit dem Finger auf die Stirn und sagte: „Du bist eine richtige kleine Verführerin — wann bist du nur davongeschlichen, um zu essen? Ihr zwei habt euch wohl heimlich verabredet, ohne uns ein Wort zu sagen!" Dufthauch lachte: „Es war purer Zufall — von Verabredung kann keine Rede sein." Heitermuster sagte: „Wenn das so ist, braucht ihr uns ja gar nicht mehr. Morgen gehen wir alle, und Fangguan allein reicht völlig." Dufthauch lachte: „Wir alle können gehen — nur du nicht." Heitermuster sagte: „Gerade ich muss als Erste gehen — ich bin faul und dumm, habe ein schlechtes Temperament und bin zu nichts nutze." Dufthauch lachte: „Wenn jemand wieder ein Loch in die Pfauenfederjacke brennt — wer flickt es dann, wenn du weg bist? Hör auf, mir etwas vorzuspielen. Wenn ich dich um eine Arbeit bitte, bist du so faul, dass du keine Nadel quer und keinen Faden längs bewegst. Es ist ja auch nicht meine Privatarbeit, worum ich dich bitte — es ist alles für ihn, und trotzdem willst du nichts tun. Aber als ich ein paar Tage fort war, warst du todkrank und hast eine ganze Nacht lang, ohne an dein Leben zu denken, die Jacke für ihn geflickt — was war denn das für ein Grund? Sag schon, lach nicht nur stumm — damit ist niemandem gedient." Lachend und plaudernd kamen sie in den Saal. Tante Schnee war auch da. Alle setzten sich der Reihe nach zum Essen. Schatzjade tränkte nur eine halbe Schale Reis mit Tee und aß pro forma. Nach dem Essen trank man Tee, plauderte und scherzte.
Eine andere erwiderte: „Ich habe eine Arhat-Kiefer.“

Die nächste sagte: „Ich habe einen Edelmannsbambus.“

Und eine andere parierte: „Ich habe eine Schönmädchenbanane.“

Eine sagte: „Ich habe Sternengrün.“

Eine andere ergänzte: „Ich habe Mondesrot.“

Eine behauptete: „Ich habe eine Päonienblüte aus dem ‚Päonienpavillon‘.“

Eine andere entgegnete sogar: „Ich habe eine Pi-pa-Frucht aus der ‚Geschichte von der Laute‘.“

Schließlich sagte Dou-guan: „Ich habe eine Schwesternblume.“

Niemand wußte etwas dagegenzuhalten, bis Hsiang-ling sagte: „Ich habe eine Mann-und-Frau-Orchidee.“

„Von so einer Orchidee habe ich noch nie etwas gehört“, wandte Dou-guan ein.

„Orchideen mit nur einer Blüte an jedem Stengel heißen lan, und solche mit mehreren Blüten an einem Stengel heißen huee“, erklärte Hsiang-ling. „Sitzen zwei Blüten unterschiedlich hoch, sagt man dazu Brüder-Orchidee, wachsen sie Kopf an Kopf, nennt man das Mann-und-Frau-Orchidee. An meinem Stengel sind die Blüten direkt nebeneinander, was also stimmt nicht daran?“

Diese Begründung wußte Dou-guan nicht zu entkräften, darum stand sie auf und sagte spöttisch: „Und wenn die beiden Blüten unterschiedlich groß sind, ist das eine Vater-und-Sohn-Orchidee, ja? Blicken sie aber in verschiedene Richtungen, so ist das eine Feindes-Orchidee, was? Dein Mann ist jetzt schon über ein halbes Jahr auf Reisen, darum denkst du dir vor lauter Verlangen nach den Dingen, die Mann und Frau miteinander treiben, jetzt aus, daß es auch bei Orchideen Mann und Frau geben soll. Daß du dich nicht schämst!“

Hsiang-ling errötete und wollte aufstehen, um Dou-guan zur Strafe zu kneifen. Dabei schimpfte sie lächelnd: „Dich werde ich, du kleines Spitzbein mit deinem verfaulten Mundwerk! Das sind ja Fieberphantasien, was du da erzählst!“

Als Dou-guan sah, daß Hsiang-ling sich schon erhob, um sie zu packen, wollte sie das natürlich nicht zulassen. Rasch drückte sie Hsiang-ling nieder, wandte den Kopf zu Juee-guan und den anderen und bat sie lachend. „Kommt und helft mir, ihr in ihr Lügenmaul zu kneifen!“

Während sich die beiden im Gras wälzten, klatschten die anderen lachend in die Hände und warnten nur: „Paß auf, da ist eine Pfütze! Es wäre schade um ihren neuen Rock!“

Dou-guan wandte den Kopf und erblickte tatsächlich eine Lache Regenwasser, aber schon war Hsiang-lings Rock zur Hälfte davon besudelt. Beschämt riß sich Dou-guan von Hsiang-ling los und lief davon. Die anderen wollten sich vor Lachen ausschütten, weil sie aber Angst hatten, Hsiang-ling würde ihren Zorn an ihnen auslassen, liefen sie lachend auseinander.

Hsiang-ling stand auf und blickte an sich herab. Als sie sah, wie die grüne Brühe an ihrem Rock herunterlief, schimpfte sie wie ein Rohrspatz.

Bau-yü, der gesehen hatte, daß die Mädchen das Pflanzenspiel spielten, hatte inzwischen ebenfalls einige Blumen gesammelt und kam jetzt näher, um mitzuspielen. Plötzlich sah er, wie alle davonliefen und nur Hsiang-ling übrigblieb, die sich mit gesenktem Kopf an ihrem Rock zu schaffen machte. „Warum sind sie weggelaufen?“ fragte er.
Draußen hatten Xiaoluo, Xiangling, Fangguan, Ruiguan, Ouguan, Douguan und vier, fünf andere den ganzen Garten durchstreift. Sie pflückten Blumen und Gräser, setzten sich mitten in einen Haufen Blumen und spielten das Blumenspiel [24]. Die eine sagte: „Ich habe eine Guanyin-Weide." Eine andere sagte: „Ich habe eine Luohan-Kiefer." Wieder eine: „Ich habe einen Junzi-Bambus." [25] Die nächste: „Ich habe eine Meirenjiao." [26] Eine: „Ich habe ein Xingxingcui." [27] Eine andere: „Ich habe eine Yueyuehong." [28] Eine: „Ich habe eine Päonienblüte vom Päonienpavillon." [29] Eine andere: „Ich habe eine Wollmispel-Frucht aus der ‚Geschichte der Laute'." [30] Douguan sagte: „Ich habe eine Geschwisterblume." Da wusste niemand mehr etwas. Xiangling aber sagte: „Ich habe eine Eheleute-Orchidee." Douguan sagte: „Von einer Eheleute-Orchidee habe ich noch nie gehört." Xiangling erklärte: „Bei einer Lan-Orchidee sitzt nur eine Blüte am Stängel, bei einer Hui-Orchidee mehrere. Wenn zwei Stängel einer Hui-Orchidee Blüten in verschiedener Höhe tragen, nennt man das Brüder-Orchidee; wenn sie Kopf an Kopf blühen, heißt das Eheleute-Orchidee. Meine hier blüht Kopf an Kopf — was stimmt daran nicht?" Douguan hatte nichts mehr einzuwenden; sie stand auf und sagte spöttisch: „Und wenn die zwei Blüten verschieden groß sind, ist das eine Vater-und-Sohn-Orchidee, ja? Und wenn sie in verschiedene Richtungen schauen, eine Feinde-Orchidee, was? Dein Mann ist seit über einem halben Jahr verreist, und du sehnst dich so sehr nach dem, was Eheleute miteinander treiben, dass du dir auch noch Eheleute-Orchideen ausdenkst. Schämst du dich nicht!" Xiangling errötete, stand hastig auf und wollte Douguan kneifen, dabei lachend schimpfend: „Du freches kleines Ding mit deinem verdorbenen Mundwerk! Das ist ja pures Fiebergeschwätz!" Als Douguan sah, dass Xiangling aufstehen wollte, ließ sie das natürlich nicht zu und drückte sie mit dem ganzen Körper nieder. Sie wandte den Kopf zu Ruiguan und den anderen und bat lachend: „Kommt und helft mir, sie in ihr Lügenmaul zu kneifen!" Die beiden wälzten sich im Gras. Die anderen klatschten lachend in die Hände und warnten nur: „Vorsicht, da ist eine Pfütze! Wie schade um ihren neuen Rock!" Douguan wandte den Kopf und erblickte tatsächlich eine Lache Regenwasser — aber Xianglings Rock war schon zur Hälfte davon besudelt. Beschämt riss sich Douguan von Xiangling los und lief davon. Die anderen wollten sich vor Lachen ausschütten; aber aus Angst, Xiangling würde ihren Zorn an ihnen auslassen, liefen sie lachend auseinander.
„Ich hatte eine Mann-und-Frau-Orchidee, und weil sie nicht wußten, daß es so etwas gibt, sagten sie, ich hätte mir das nur ausgedacht“, berichtete Hsiang-ling. „Darüber sind wir ins Zanken gekommen, und sie haben mir meinen neuen Rock verdorben.“

„Du hast eine Mann-und-Frau-Orchidee, und ich habe ein Blütenpärchen von der Wassernuß“, sagte Bau-yü lächelnd und hielt ihr dabei wirklich einen Stengel mit zwei Blüten hin, während er mit der anderen Hand nach der Orchidee griff.

„Was interessieren mich noch Mann-und-Frau-Blumen oder Blütenpärchen?! Schau dir mal meinen Rock an!“ erwiderte Hsiang-ling mißmutig.

Jetzt erst schaute Bau-yü an ihr herab. „O weh!“ rief er aus, dann fragte er: „Wie bist du denn damit in den Schlamm geraten? Leider verträgt gerade diese granatapfelrote Seide keinen Schmutz.“

„Den Stoff hatte Fräulein Bau-tjin mitgebracht, Fräulein Bau-tschai bekam einen Rock daraus und ich auch, ich habe ihn heute zum ersten Mal an“, erzählte Hsiang-ling.

„Eure Familie könnte es sich leisten, hundert solche Röcke am Tag zu verderben, aber wenn der Stoff von Fräulein Bau-tjin ist und außer dir nur meine Kusine Bau-tschai so einen Rock hat, der noch gut ist, während deiner schon verdorben ist, wird sich Fräulein Bau-tjin gekränkt fühlen“, sagte Bau-yü seufzend und stampfte dabei mit dem Fuß auf. „Außerdem ist meine Tante eine alte Nörglerin. Ich habe oft genug gehört, wie sie sagte, ihr hättet keine Ahnung vom Leben, würdet nur alles kaputt machen und keine Mäßigkeit kennen. Wenn sie jetzt das hier sieht, macht sie dir wieder endlose Vorwürfe.“

Diese Worte waren Hsiang-ling aus dem Herzen gesprochen, und darüber wurde sie wieder froh. Lächelnd sagte sie: „Du hast vollkommen recht. Ich habe zwar noch ein paar neue Röcke, aber keinen wie diesen hier. Wenn ich noch so einen hätte und mich schnell umziehen könnte, wäre fürs erste alles gut, und später könnten wir weitersehen.“

„Beweg dich nicht, bleib ganz ruhig stehen, sonst machst du dir auch noch Hosen, Beinlinge und Schuhkappen schmutzig“, befahl ihr Bau-yü. „Ich habe eine Idee. Vorigen Monat hat sich Hsi-jën einen Rock genäht, der ganz genauso aussieht wie dieser hier. Aber da sie Trauer hat, trägt sie ihn nicht. Wie wäre es, wenn du dir den geben ließest?“

Lächelnd schüttelte Hsiang-ling den Kopf und sagte: „Das geht nicht. Wenn jemand davon erfährt, wird alles nur noch schlimmer.“

„Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Niemand hindert dich ja, ihr dafür zu schenken, was sie mag, sobald ihre Trauerzeit um ist. Du bist doch sonst nicht so! Außerdem ist das nichts, was man vor den andern geheimhalten müßte, also sag es meiner Kusine Bau-tschai nur. Bloß meine Tante darf es nicht erfahren, damit sie nicht böse wird.“
Xiangling stand auf und blickte an sich herab. Sie sah, wie die grüne Brühe an ihrem Rock herunterlief. Sie schimpfte wie ein Rohrspatz. Gerade da kam Schatzjade, der die Mädchen beim Blumenspiel gesehen und selbst einige Blumen und Gräser gesammelt hatte, um mitzuspielen. Als er plötzlich sah, dass alle davongelaufen waren und nur noch Xiangling mit gesenktem Kopf an ihrem Rock herumzupfte, fragte er: „Warum sind sie alle weggelaufen?" Xiangling sagte: „Ich hatte eine Eheleute-Orchidee, und weil sie es nicht kannten, sagten sie, ich hätte mir das ausgedacht. Darüber sind wir ins Zanken gekommen, und sie haben mir meinen neuen Rock verdorben." Schatzjade stampfte klagend mit dem Fuß auf: „Wenn es euer Haus wäre, könntet ihr hundert solcher Stücke am Tag verderben, ohne dass es der Rede wert wäre. Aber erstens ist der Stoff von Fräulein Qin mitgebracht worden, und Schwester Bao und du hatten jede nur einen; ihrer ist noch gut, und deiner ist schon schmutzig — wie unwürdig gegenüber ihrer Aufmerksamkeit! Zweitens: Die Tante ist eine alte Frau mit losem Mundwerk — und dabei höre ich sie auch so schon immer sagen, ihr versteht nichts vom Haushalten und macht nur alles kaputt, statt euer Glück zu schätzen. Wenn die Tante das sieht, gibt es wieder Ärger." Xiangling traf das mitten ins Herz, und statt betrübt zu sein, freute sie sich sogar und sagte lachend: „Genau das ist es! Obwohl ich einige neue Röcke habe, ist keiner wie dieser hier. Wenn ich einen gleichen hätte, könnte ich ihn schnell umziehen — das wäre gut. Den Rest besprechen wir später." Schatzjade sagte: „Beweg dich nicht! Steh nur still — sonst werden auch Unterkleid, Kniehosen und Schuhe schmutzig. Ich habe eine Idee: Dufthauch hat letzten Monat einen Rock genäht, der genau so aussieht wie dieser; weil sie noch in Trauer ist, trägt sie ihn nicht. Man könnte ihn dir schenken, damit du dich umziehst — was meinst du?" Xiangling lachte und schüttelte den Kopf: „Das geht nicht. Wenn die anderen davon hören, wäre es unangenehm." Schatzjade sagte: „Was ist daran zu fürchten? Wenn die Trauer vorbei ist und sie etwas Hübsches haben möchte, darfst du ihr dann etwa nichts anderes schenken? So bist du doch sonst im Umgang! Außerdem ist es nichts Heimliches — man braucht es nur Schwester Bao zu sagen. Die einzige Sorge ist, dass die Tante sich ärgern könnte." Xiangling überlegte; es leuchtete ihr ein, und sie nickte lachend: „Dann also so — enttäusche mich nicht. Ich warte auf dich; aber lass sie es unbedingt persönlich bringen."
Hsiang-ling dachte darüber nach und fand, Bau-yü habe recht. Darum nickte sie und sagte lächelnd: „Also gut, machen wir es so! Ich will dich in deiner Hilfsbereitschaft nicht enttäuschen. Ich werde hier warten, aber du mußt unbedingt dafür sorgen, daß Hsi-jën mir den Rock selber herbringt.“

Froh über ihre Zustimmung, versprach Bau-yü, sich daran zu halten, und begab sich eilends in seine Räume hinüber. Dabei dachte er sich: „Wie schade, daß so ein Mädchen keine Eltern mehr hat und nicht einmal den eige-

nen Familiennamen mehr weiß! Warum mußte sie entführt und ausgerechnet an diesen Tyrannen verkauft werden?“ Dann fiel ihm ein, wie er seinerzeit unverhofft Ping-örl hatte helfen können, aber noch viel unverhoffter, sagte er sich, sei jetzt die Gelegenheit gekommen, Hsiang-ling etwas Gutes zu tun. Unter diesen törichten Überlegungen war er zu Hause angekommen, wo er Hsi-jën beiseite nahm und ihr alles genau erzählte.

Hsiang-ling war auf Grund ihres Wesens ohnehin bei jedermann beliebt, Hsi-jën aber war schon immer freigebig gewesen, und da sie sich mit Hsiang-ling stets gut vertragen hatte, ging sie jetzt, kaum daß sie Bau-yüs Bericht vernommen hatte, an ihre Truhe, holte den Rock heraus, legte ihn zusammen und machte sich mit Bau-yü zusammen auf die Suche nach Hsiang-ling, die tatsächlich noch auf demselben Fleck stand und wartete.

„Ich wußte es doch“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Unartig, wie du bist, mußte erst etwas passieren, ehe du Ruhe gibst.“

Hsiang-ling errötete, sagte aber lächelnd: „Vielen Dank, Schwester! Wer konnte schon ahnen, daß diese Bösewichter so gemein sein können!“ Dann ließ sie sich den Rock geben, entfaltete ihn und stellte fest, daß er wirklich genauso aussah wie ihr eigener. Also befahl sie Bau-yü, er solle sich umdrehen, dann zog sie sich unter ihrem Obergewand den schmutzigen Rock aus und den sauberen an.

„Gib den schmutzigen mir!“ forderte Hsi-jën sie auf. „Ich nehme ihn mit und bringe ihn in Ordnung, dann schicke ich jemand damit zu dir. Wenn du ihn mitnimmst und es sieht dich jemand damit, wird man dir deswegen Fragen stellen.“
Als Schatzjade das hörte, freute er sich ungemein, versprach alles und eilte zurück. Im Gehen sann er bei sich: „Wie schade um ein solches Mädchen — keine Eltern, hat sogar ihren eigenen Familiennamen vergessen, wurde entführt und musste ausgerechnet an diesen Tyrannen [31], Schatzspanges gewalttätiger Bruder] verkauft werden." Dann dachte er noch an den Tag neulich, als auch Friedchens Schicksal ihm so unerwartet aufgefallen war — und heute kam nun dieses noch unerwartetere Ereignis dazu. Vertieft in wirre Gedanken kam er in sein Zimmer, nahm Dufthauch beiseite und erzählte ihr alles. Xiangling war ein Mensch, den jedermann liebte und bemitleidete. Dufthauch war von Natur aus großzügig und zudem seit jeher mit Xiangling befreundet. Kaum hatte sie die Nachricht gehört, öffnete sie die Truhe, nahm den Rock heraus, faltete ihn ordentlich und ging mit Schatzjade los, um Xiangling zu suchen. Die stand immer noch an derselben Stelle und wartete. Dufthauch lachte: „Ich sage ja immer, du treibst es zu bunt — du musst erst eine Geschichte anstellen!" Xiangling errötete und lachte: „Vielen Dank, Schwester! Wer hätte gedacht, dass diese boshaften Gören so gemein sein würden." Damit nahm sie den Rock entgegen, breitete ihn aus und sah: Er war tatsächlich derselbe wie ihrer. Dann hieß sie Schatzjade, sich umzudrehen, griff kreuzweise nach hinten, band den verschmutzten Rock ab und legte den neuen an. Dufthauch sagte: „Gib mir den schmutzigen; ich nehme ihn mit, reinige ihn und bringe ihn dir dann. Wenn du ihn zurücknimmst und man sieht ihn, gibt es Fragen." Xiangling sagte: „Liebe Schwester, nimm ihn mit und gib ihn irgendeiner Schwester. Da ich jetzt diesen habe, brauche ich den anderen nicht mehr." Dufthauch sagte: „Du bist aber großzügig!" Xiangling machte eilig einen Knicks zum Dank; Dufthauch nahm den schmutzigen Rock und ging.
„Nimm ihn mit und gib ihn irgendwem von den Mädchen“, sagte Hsiang-ling. „Wenn ich diesen hier habe, brauche ich den nicht mehr.“

„Das ist großzügig gedacht“, sagte Hsi-jën.

Noch einmal bedankte sich Hsiang-ling und knickste dazu, dann ging Hsi-jën mit dem schmutzigen Rock fort.

Als Hsiang-ling sich jetzt nach Bau-yü umsah, hockte er auf der Erde. Mit einem Zweig hatte er eine Grube gegraben, die er mit einer Handvoll Blütenblätter auspolsterte. Dann legte er die Mann-und-Frau-Orchidee zusammen mit dem Wassernuß-Blütenpärchen darauf, deckte sie mit weiteren Blütenblättern zu und häufte Erde über das Loch.

„Was treibst du denn da?“ fragte Hsiang-ling lächelnd und zog ihn am Ärmel. „Kein Wunder, daß alle sagen, wenn du unbeobachtet bist, machst du den größten Unsinn, der einem die Haare zu Berge stehen läßt. Schau nur, wie schwarz und schmierig deine Hände von Schlamm und Moos geworden sind! Willst du dich nicht waschen gehen?“

Lächelnd stand Bau-yü auf und ging fort, um sich die Hände zu waschen. Auch Hsiang-ling ging ihres Weges, aber als sie schon ein paar Schritte voneinander entfernt waren, drehte sie sich noch einmal um, kam zurück und rief Bau-yü an. Bau-yü, der nicht wußte, was sie ihm noch sagen wollte, wandte sich lächelnd um, streckte seine schmutzstarrenden Hände von sich und fragte: „Was ist?“

Hsiang-ling stand nur da und lächelte stumm. Da kam ihr Sklavenmädchen Dschën-örl dazu und meldete: „Das zweite Fräulein möchte Euch sprechen.“

Jetzt erst sagte Hsiang-ling bittend: „Die Sache mit dem Rock darfst du nicht deinem Vetter Pan erzählen.“ Dann wandte sie sich wieder um und ging fort.
Xiangling sah, wie Schatzjade auf dem Boden hockte und die Eheleute-Orchidee und die Zwillingsblüten-Wassernuss [32] mit einem Stöckchen eine kleine Grube auskratzte. Erst streute er herabgefallene Blütenblätter als Unterlage hinein, dann bettete er Orchidee und Wassernuss sorgfältig darauf und deckte sie mit weiteren Blüten zu; schließlich häufelte er Erde darüber und machte alles glatt. Xiangling nahm seine Hand und lachte: „Was soll das denn schon wieder? Kein Wunder, dass alle sagen, du führst immer geheimnisvoll seltsame Dinge auf, die einem die Haut kräuseln! Sieh nur deine Hände — ganz schmutzig von Erde und Moos! Geh schnell und wasch sie!" Schatzjade lachte, stand auf und ging sich die Hände waschen; Xiangling ging ebenfalls davon. Die beiden waren schon einige Schritte weit auseinander, als Xiangling sich umdrehte und Schatzjade zurückrief. Schatzjade wusste nicht, was sie noch zu sagen hatte, und kam mit beiden erdigen Händen lachend zurück: „Was gibt es?" Xiangling lachte nur. Gerade kam ihr Mädchen Zhen'er und sagte: „Die Zweite Herrin wartet auf dich und möchte mit dir sprechen." Erst da sagte Xiangling zu Schatzjade: „Die Sache mit dem Rock — erzähle das bloß nicht deinem Bruder [33]!" Damit drehte sie sich um und ging. Schatzjade lachte: „Ja, bin ich denn verrückt — soll ich etwa meinen Kopf in den Rachen des Tigers stecken?" Damit ging auch er sich die Hände waschen.
„Bin ich vielleicht verrückt?“ rief Bau-yü ihr lächelnd hinterher. „Meinst du, ich werde dem Tiger meinen Kopf in den Rachen stecken?“ Und damit ging er fort, um sich die Hände zu waschen.

Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

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  1. altes Hohlmaß, ca. 100 Liter
  2. Ein Brauch, bei dem der Meister als „Adoptivvater" des Kindes ein schützendes Amulett überreicht
  3. Frau Wangs Bruder, ein hoher Beamter
  4. das östliche Palais der Kaufmann-Familie
  5. Urfrühling
  6. Schatzspange [宝钗
  7. ‚Pavillon des durchdringenden Dufts'
  8. ‚Rotes Duft-Beet'
  9. die Lieblingszofe der Alten Herrin
  10. ‚Rätsel verstecken und erraten', ein altes, anspruchsvolles literarisches Trinkspiel
  11. ‚Daumenkrieg', das bekannte Fingerspiel
  12. 藥 reimt als Anspielung auf 芍 (Päonie), da der Saal im Päoniengarten steht
  13. aus dem Shijing: „Das Huhn geht auf die Sitzstange" 雞棲於塒
  14. ‚Weinoberfläche': ein literarisches Zitat vor dem Trinken; ‚Weinboden': ein Spruch nach dem Trinken
  15. Aus dem Vers „Eine Kürbisflasche an der grünen Wand" bzw. dem Sprichwort „leere grüne Kürbisflasche"
  16. Anspielung auf die Tang-Geschichte der Verfolgung des Rebellenanführers
  17. Anspielung auf den gerade erst beigelegten Diebstahl des Rosenwassers.
  18. den Jade des Numinosen Verstehens, den Schatzjade um den Hals trägt
  19. Cen Shen, Tang-Dichter
  20. Li Shangyin, Tang-Dichter
  21. Diese berühmte Szene — Wolke vom Xiang-Fluss schlafend zwischen Päonienblüten — gehört zu den ikonischen Bildern des Romans und wurde unzählige Male in der chinesischen Malerei dargestellt.
  22. Chin. 醒酒石 xǐngjiǔ shí — ein kühler Stein, den man in den Mund nimmt oder an die Stirn hält, um schneller nüchtern zu werden.
  23. Bewahrfrühling
  24. ein Spiel, bei dem man Pflanzen nennt, deren Namen zusammengesetzte Wörter ergeben
  25. ‚Bambus des Edlen'
  26. ‚Schöne-Frauen-Banane'
  27. ‚Sternengrün'
  28. ‚Monat für Monat rot', die Monatsrose
  29. Anspielung auf das berühmte Drama ‚Mudanting' von Tang Xianzu
  30. Anspielung auf die Oper ‚Pipaji'
  31. Becken Schnee [薛蟠
  32. eine Frucht, die wie zusammengewachsene Zwillinge aussieht — auch eine Anspielung auf eheliche Verbundenheit
  33. Becken Schnee