Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 75

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Kapitel 75: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
75.Klagelaute während eines nächtlichen Festmahls werden als seltsames Omen gedeutet,neue Verse zum Mittelherbstfest werden als gutes Vorzeichen verstanden. Fünfundsiebzigstes Kapitel
Frau You ging also im Zorn von Hsi-tschun fort und wollte sich nun zu Dame Wang begeben, als ihr die alten Ammen aus ihrem Gefolge leise meldeten: „Ihr geht besser nicht ins Hauptgebäude, junge gnädige Frau! Eben sind ein paar Leute von den Dschëns eingetroffen, und sie haben auch einige Sachen dabei. Es scheint sich um dringliche und geheime Dinge zu drehen, darum wäre es sicher nicht angebracht, wenn Ihr dorthin gehen würdet, junge gnädige Frau.“ Beim nächtlichen Festmahl kündigen seltsame Vorzeichen trübe Klagelaute an — Beim Mittherbstfest werden neue Verse zu glückverheißenden Vorzeichen
„Gestern hörte ich, wie der Herr sagte, er habe im Hofanzeiger gelesen, die Dschëns hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, deshalb sei ihr Familienbesitz durchsucht und beschlagnahmt worden, und sie sollten zur Aburteilung in die Hauptstadt gebracht werden“, sagte Frau You. „Wie kann da jemand von ihnen gekommen sein?“ Es wird erzählt, dass Frau Yóu [1] sich im Zorn von Xīchūn [2] losgerissen hatte und nun zu Frau Wáng [3] hinübergehen wollte. Doch die alten Ammen aus ihrem Gefolge flüsterten ihr leise zu: „Junge gnädige Frau, geht besser nicht ins Hauptgebäude hinüber. Eben sind ein paar Leute von der Familie Zhēn [4] eingetroffen, und sie haben auch einige Sachen mitgebracht. Wir wissen nicht, worum es sich handelt, aber es scheint etwas Geheimes zu sein. Es wäre wohl unpassend, wenn Ihr jetzt dorthin ginget."
„Eben!“ erwiderten die alten Ammen darauf, „die Frauen, die vorhin gekommen sind, machten einen ganz verstörten Eindruck und waren fahrig und aufgeregt. Bestimmt geht es darum, daß etwas verheimlicht werden soll.“ Frau Yóu sagte: „Gestern habe ich gehört, wie der Herr erzählte, er habe im Hofanzeiger gelesen, die Zhēns hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, ihr gesamter Familienbesitz sei beschlagnahmt worden, und sie sollten zur Aburteilung in die Hauptstadt überführt werden. Wie kann da jemand von ihnen hierher gekommen sein?"
Daraufhin ging Frau You nicht weiter und suchte statt dessen noch einmal Li Wan auf, bei der eben ein Hofarzt gewesen war, um ihr die Pulse zu fühlen. Da sie sich seit den letzten Tagen wieder etwas besser fühlte, saß sie, in Decken gehüllt und auf Kissen gestützt, auf ihrem Bett und wünschte sich, daß ein paar Besucherinnen kämen, mit denen sie plaudern könnte. Nun kam wirklich Frau You herein, aber anstatt freundlich und herzlich zu sein wie sonst, saß sie nur geistesabwesend da. Die alte Amme erwiderte: „Eben das ist es ja! Die Frauen, die eben gekommen sind, sahen ganz verstört aus und waren äußerst aufgeregt und fahrig. Es hat bestimmt etwas mit einer geheimen Angelegenheit zu tun."
„Du bist heute schon so lange hier bei uns, hast du denn bei den andern etwas gegessen?“ erkundigte sich Li Wan. „Wahrscheinlich hast du Hunger.“ Und sie gab Su-yün den Befehl nachzusehen, ob etwas Frisches als Imbiß da war, das sie bringen konnte. Daraufhin ging Frau Yóu nicht weiter, sondern kehrte zu Lǐ Wán [5] zurück. Der Leibarzt war gerade fortgegangen, nachdem er den Puls gefühlt hatte. Lǐ Wán fühlte sich in den letzten Tagen schon wieder etwas besser; in eine Decke gehüllt und auf Kissen gestützt, saß sie auf ihrem Bett und wünschte sich, dass ein oder zwei Besucherinnen kämen, mit denen sie ein wenig plaudern könnte. Als sie nun Frau Yóu hereinkommen sah, war diese nicht wie sonst freundlich und herzlich, sondern saß nur geistesabwesend da.
Doch Frau You fiel ihr ins Wort und sagte: „Nicht doch, nicht doch! Woher willst du etwas Frisches im Hause haben, da du die ganze Zeit krank warst?! Außerdem habe ich gar keinen Hunger.“ Lǐ Wán fragte: „Du bist schon so lange hier drüben — hast du denn irgendwo etwas gegessen? Du bist bestimmt hungrig." Und sie befahl Sùyún [6], nach einem frischen Imbiss zu sehen und etwas zu bringen.
„Gestern habe ich von Lans Tante gutes Mehl zum Einrühren bekommen“, sagte Li Wan, die nicht lockerließ. „Ich werde dir eine Schale davon zurechtmachen lassen!“ Und sie befahl ihren Sklavenmädchen, die Speise zuzubereiten. Frau You aber saß wieder gedankenverloren da und sagte kein Wort. Frau Yóu fiel ihr sogleich ins Wort: „Nicht nötig, nicht nötig! Du bist die ganze Zeit krank gewesen, woher solltest du etwas Frisches haben? Außerdem bin ich gar nicht hungrig."
Nun schlugen ihr die Sklavenmädchen und -frauen, die sie mitgebracht hatte, vor: „Ihr habt Euch heute Mittag noch nicht das Gesicht gewaschen, junge gnädige Frau. Wollt Ihr nicht die Gelegenheit nutzen und Euch frisch machen?“ Lǐ Wán sagte: „Gestern hat man mir aus dem Haus seiner Tante gutes Teemehl geschickt. Lass dir doch eine Schale davon anrühren!" Und sie befahl den Mägden, den Tee zuzubereiten. Frau Yóu aber saß gedankenverloren da und sagte kein Wort. Die Zofen und Frauen aus ihrem Gefolge schlugen vor: „Die junge Herrin hat sich heute Mittag noch nicht das Gesicht gewaschen. Wollt Ihr nicht die Gelegenheit nutzen und Euch frisch machen?"
Frau You nickte dazu, und sofort erhielt Su-yün den Befehl, Li Wans Schminkkästchen holen zu gehen. Als sie damit wiederkam, brachte sie ihr eigenes Rouge mit und sagte lächelnd: „So etwas hat unsere Herrin nicht, das hier ist von mir. Wenn Ihr es nicht für schmutzig haltet, könnt Ihr davon nehmen, junge gnädige Frau.“ Frau Yóu nickte dazu. Sogleich befahl Lǐ Wán der Zofe Sùyún, ihren Schminktisch zu holen. Sùyún brachte ihn herbei und legte zugleich ihr eigenes Rouge dazu, wobei sie lächelnd sagte: „Unsere Herrin hat so etwas leider nicht. Wenn Ihr es nicht für schmutzig haltet, junge gnädige Frau, bedient Euch ruhig von meinem."
„Ich habe zwar so etwas nicht“, sagte Li Wan vorwurfsvoll, „aber du hättest zu den gnädigen Fräulein gehen müssen, um von ihnen welches zu holen. Wie kannst du einfach deines bringen? Ein Glück nur, daß sie es ist, eine andere wäre bestimmt böse geworden.“ Lǐ Wán verwies sie: „Ich habe zwar selbst keines, aber du hättest zu den gnädigen Fräulein gehen und von ihnen welches holen sollen. Wie kannst du einfach dein eigenes herausbringen? Ein Glück, dass sie es ist — eine andere wäre bestimmt böse geworden."
„Aber das macht doch nichts!“ erwiderte Frau You lächelnd. „Wessen Rouge hätte ich noch nicht benutzt, seitdem ich hier herüberkomme?! Warum sollte ich plötzlich ihres für schmutzig halten?“ Während sie das sagte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen an den Rand des Ofenbetts, und Yin-diä trat heran, um ihr rasch die Armreifen und Fingerringe abzustreifen und ein großes Handtuch über ihren Schoß zu breiten, damit die Kleider geschützt waren. Dann trat das kleine Sklavenmädchen Tschau-dou-örl mit einer großen Schüssel warmem Wasser vor Frau You und hielt sie ihr hin, indem es sich einfach vornüber beugte. Frau Yóu lachte und sagte: „Was macht das schon? Seitdem ich hierher komme, habe ich immer von allen etwas benutzt. Warum sollte ich plötzlich das ihre für schmutzig halten?" Während sie das sagte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen an den Rand des Kang-Ofenbetts. Yíndié [7] trat eilig heran und streifte ihr die Armreifen und Fingerringe ab, breitete dann ein großes Handtuch über ihren Schoß und schützte so die Kleider sorgfältig. Das kleine Dienstmädchen Chǎodòu'er [8] brachte eine große Schüssel warmes Wasser, trat vor Frau Yóu und hielt sie ihr hin, wobei sie sich lediglich vornüber beugte.
„Wie benimmst du dich denn?“ fragte Li Wan, und auch Yin-diä sagte lächelnd: „Keine einzige von euch weiß sich den Umständen anzupassen, jede versteht nur, was man ihr ausdrücklich sagt. Nur weil uns die junge Herrin etwas großzügiger behandelt und es zu Hause nicht so genau nimmt, bist du selbstzufrieden geworden und verhältst dich auch außerhalb des Hauses und vor der Verwandtschaft so, wie es dir am bequemsten erscheint.“ Lǐ Wán tadelte: „Was sind das für Manieren!" Auch Yíndié sagte lächelnd: „Keine Einzige von euch weiß sich den Umständen anzupassen — man sagt euch eine Sache, und ihr versteht nur die eine Sache! Nur weil die Herrin zu Hause großzügig mit uns umgeht und es nicht so genau nimmt, fühlst du dich wohl dabei und benimmst dich auch außer Haus und in Gegenwart der Verwandtschaft, wie es dir am bequemsten erscheint."
„Laß sie doch!“ forderte Frau You sie auf. „Es geht ja lediglich darum, daß ich mich waschen will.“ Frau Yóu sagte: „Lass sie doch! Es geht ja nur darum, dass ich mich waschen will." Chǎodòu'er kniete sich eilig nieder. Frau Yóu bemerkte lächelnd: „Unser Gesinde — hoch und niedrig — versteht sich nur auf äußerliche Etikette und zur Schau gestellten Anstand. Was sie aber in Wirklichkeit anstellen, das hat es in sich!"
Aber rasch kniete Tschau-dou-örl nieder, und nun bemerkte Frau You lächelnd: „Unser Gesinde – hoch und niedrig – weiß von Etikette und Ansehen nur äußerlich und zum Schein zu reden. Aber was sie anstellen, ist toll genug.“ Lǐ Wán hörte das und merkte sofort, dass Frau Yóu von den Ereignissen der vergangenen Nacht wusste. Darum fragte sie lächelnd: „Du redest nicht ohne Grund so. Wer hat denn etwas angestellt, das es in sich hat?"
Daraus schlußfolgerte Li Wan, daß Frau You von den Ereignissen der letzten Nacht bereits wußte, und deshalb sagte sie lächelnd: „Das redest du doch nicht einfach so daher. Wer hat denn etwas Tolles angestellt?“ Frau Yóu erwiderte: „Das fragst du mich?! Du tust ja so, als seist du nicht nur krank, sondern schon gestorben!"
„Das fragst du mich?“ gab ihr Frau You zurück. „Du tust ja, als ob du nicht krank, sondern schon tot wärst!“

Das hatte sie kaum gesagt, als jemand meldete: „Fräulein Bau-tschai ist gekommen.“

Sofort gaben sie Befehl, man solle sie schnell hereinbitten, da trat Bau-tschai auch schon ins Zimmer. Schnell wischte sich Frau You das Gesicht ab und stand auf, um sie zum Platznehmen aufzufordern. Dann fragte sie: „Warum kommst du plötzlich allein? Wo sind deine Kusinen?“
Kaum hatte sie ausgesprochen, wurde gemeldet: „Das Fräulein Schatzspange [9] ist da!" Man rief eilig: „Schnell, bittet sie herein!" — da war Schatzspange [10] auch schon ins Zimmer getreten. Frau Yóu wischte sich rasch das Gesicht ab, stand auf und bot ihr einen Sitz an, dann fragte sie: „Wie kommt es, dass du plötzlich ganz allein hereinkommst? Wo sind denn die anderen Kusinen?"
„Ja, eben, ich habe sie auch nicht gesehen“, erwiderte Bau-tschai. „Meine Mutter fühlt sich heute nicht wohl, und unsere beiden Frauen können einer Erkältung wegen nicht vom Ofenbett aufstehen. Auf die übrigen aber ist kein Verlaß, darum muß ich zu ihr hinübergehen und ihr über Nacht Gesellschaft leisten. Das wollte ich der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau melden, aber dann habe ich mir gesagt, da es nichts so Ernstes ist, brauchte ich es ihnen gegenüber nicht zu erwähnen, zumal ich ja wiederkomme, sobald sie gesund ist, und so wollte ich der Schwägerin Bescheid sagen.“ Schatzspange [11] antwortete: „Ich habe sie auch nicht gesehen. Meine Mutter fühlt sich heute nicht wohl, und unsere beiden Frauen liegen wegen einer Erkältung im Bett und können nicht aufstehen. Auf die übrigen ist kein Verlass, darum muss ich zu ihr hinübergehen und ihr über Nacht Gesellschaft leisten. Ich wollte es der Herzoginmutter [12] und der gnädigen Frau melden, aber dann dachte ich, da es nichts so Ernstes ist, brauche ich es ihnen gegenüber nicht zu erwähnen — wenn sie wieder gesund ist, komme ich ohnehin zurück. Deshalb wollte ich nur der Schwägerin Bescheid sagen."
Als Li Wan das hörte, sah sie nur Frau You an und lächelte, während Frau You den Blick erwiderte, ebenfalls lächelnd. Als Lǐ Wán das hörte, sah sie Frau Yóu nur an und lächelte, und Frau Yóu erwiderte den Blick ebenfalls lächelnd. Bald hatte Frau Yóu sich fertig gewaschen, und alle aßen zusammen von dem Teemehl-Brei. Lǐ Wán sagte lächelnd: „Wenn das so ist, will ich jemand schicken, der Frau Tante meine Grüße entbietet und sie fragt, an welcher Krankheit sie leidet. Da ich selbst krank bin, kann ich ja nicht persönlich kommen. Geh nur zu ihr, gute Schwester, ich werde schon jemanden beauftragen, auf deine Räume aufzupassen. Aber in ein, zwei Tagen musst du unbedingt wieder hier sein, damit man mir keinen Vorwurf macht."
Nachdem Frau You sich dann fertig gewaschen hatte, aßen sie alle zusammen von dem Mehlbrei, und Li Wan sagte lächelnd: „Wenn das so ist, will ich jemand beauftragen, der Frau Tante meinen Gruß zu entbieten und sie zu fragen, an welcher Krankheit sie leidet. Da ich ebenfalls krank bin, kann ich das ja nicht selber machen. Geh nur zu ihr, Schwägerin, ich werde natürlich veranlassen, daß hier jemand auf deine Räume aufpaßt. Aber in ein, zwei Tagen mußt du auf jeden Fall wieder hier sein, damit man mir keine Vorwürfe macht.“ Schatzspange [13] sagte lächelnd: „Was sollte man dir vorwerfen? Das ist doch eine ganz gewöhnliche Sache — du lässt ja nicht gegen Bestechung einen Räuber laufen! Meiner Meinung nach brauchst du auch nicht extra jemand Neues hinüber zu schicken. Bitte lieber die Wolke [14] hierher, damit sie ein paar Tage bei dir wohnt. Wäre das nicht einfacher?"
„Was sollte man dir für Vorwürfe machen?“ fragte Bau-tschai lächelnd. „Das ist doch eine ganz normale Sache, du läßt ja nicht gegen Bestechung einen Verbrecher laufen. Meiner Meinung nach brauchst du auch niemand als Verstärkung in meine Räume zu schicken. Besser wäre es, Hsiang-yün hierher zu bitten, damit sie ein paar Tage bei dir wohnt. Wäre das nicht einfacher?“

„Wo steckt sie überhaupt jetzt?“ wollte Frau You wissen.
Frau Yóu fragte: „Wo steckt denn die Kusine Shǐ [15] eigentlich jetzt?"
„Ich habe sie eben nach Tan-tschun auf die Suche geschickt und sie gebeten, sie herzuholen, damit ich auch ihr klar Bescheid geben kann“, gab Bau-tschai Auskunft. Schatzspange [16] antwortete: „Ich habe sie eben zu eurer Tànchūn [17] geschickt, damit sie zusammen hierher kommen. Dann kann ich auch ihr gleich Bescheid geben."
Als sie das eben sagte, wurde tatsächlich gemeldet: „Fräulein Hsiang-yün und das dritte gnädige Fräulein sind da.“

Nachdem man die beiden hatte Platz nehmen lassen, erklärte Bau-tschai, daß sie den Garten verlassen wollte, und Tan-tschun sagte: „Gut! Du kommst ja wieder, wenn die Frau Tante gesund ist, und wenn du nicht wiederkommst, ist es auch nicht so schlimm.“

„Das klingt aber seltsam!“ bemerkte Frau You mit lächelnder Miene. „Fängst du an, die Verwandtschaft hinauszuwerfen?“
Gerade als sie das sagte, wurde tatsächlich gemeldet: „Das Fräulein Wolke vom Xiāng-Fluss [18] und das dritte gnädige Fräulein sind da!" Nachdem man ihnen Platz angeboten hatte, berichtete Schatzspange [19] von ihrem Vorhaben, den Garten zu verlassen. Tànchūn [20] sagte: „Das ist vollkommen in Ordnung. Nicht nur dass du wiederkommst, wenn Frau Tante gesund ist — selbst wenn du dann nicht wiederkämest, wäre das auch nicht schlimm."
„Genau!“ gab Tan-tschun kühl lächelnd zurück, „ehe jemand den Befehl bekommt, sie hinauszuwerfen, ist es besser, ich werfe sie hinaus. Verwandte sind gut und schön, aber es gibt auch keinen Grund, weshalb man immer und ewig mit ihnen zusammen leben sollte. Wir sind eine Familie, sind ein Fleisch und Blut, und doch benehmen sich alle wie Kampfhähne, einer würde den andern am liebsten auffressen.“ Frau Yóu lachte: „Was für eine seltsame Rede! Fängst du an, die Verwandtschaft hinauszuwerfen?"
„Warum habe ich nur heute so ein Pech?“ fragte Frau You rasch und lächelte wieder. „Jede von euch treffe ich in zorniger Stimmung an.“ Tànchūn [21] entgegnete mit kühlem Lächeln: „Gewiss! Ehe jemand den Befehl bekommt, sie hinauszuwerfen, werfe lieber ich sie hinaus. Verwandte hin und her — es gibt keinen Grund, warum man unbedingt auf ewig zusammenleben müsste. Wir hier sind eine Familie, sind ein Fleisch und Blut, und doch benehmen sich alle wie Kampfhähne — einer würde den anderen am liebsten auffressen!"
„Wer verlangt denn von dir, daß du so dicht an den heißen Herd gehst?“ fragte Tan-tschun ihrerseits. Dann erkundigte sie sich: „Wer hat dich wieder einmal gekränkt?“ Und anschließend überlegte sie laut: „Das vierte Fräulein würde es nicht fertigbringen, mit dir zu zanken. Wer also war es?“ Frau Yóu sagte rasch und lächelnd: „Warum habe ich nur heute so ein Pech? Wohin ich auch komme, treffe ich euch Schwestern in zorniger Stimmung an."
Aber Frau You gab ihr nur eine unbestimmte Antwort. Da Tan-tschun wußte, daß sie Angst vor Unannehmlichkeiten hatte und deshalb nicht zuviel sagen wollte, setzte sie ihr lächelnd zu: „Spiel nicht die Unschuldige! Außer am Kaiserhof wird niemandem zur Strafe der Kopf abgeschlagen, du brauchst dich also nicht ständig vor diesem zu fürchten und vor jenem zu ängstigen. Um es geradeheraus zu sagen, gestern hat Wang Schan-baus Alte eine Ohrfeige von mir bekommen, und ich nehme die Strafe dafür auf mich. Hinter meinem Rücken wird man ein bißchen über mich reden, aber man kann mich ja schließlich deswegen nicht durchprügeln lassen.“ Tànchūn [22] erwiderte: „Wer hat dich denn geheißen, so nah an den heißen Herd zu gehen?" Dann fragte sie: „Wer hat dich denn wieder gekränkt?" Und nach kurzem Nachdenken: „Das vierte Fräulein [23] würde sich nicht dazu herablassen, mit dir zu zanken. Wer also war es?"
Als Bau-tschai fragte, warum sie die Alte geschlagen habe, berichtete Tan-tschun ihr in allen Einzelheiten, wie es am Vortag bei der Haussuchung zuging und wie sie mit Wang Schan-baus Frau aneinandergeraten war. Und als Frau You hörte, daß Tan-tschun ohnehin von der Sache erzählte, verschwieg sie auch nicht länger, was sich eben bei Hsi-tschun abgespielt hatte. Frau Yóu gab nur eine unbestimmte Antwort. Tànchūn [24] wusste, dass sie aus Furcht vor Unannehmlichkeiten nicht zuviel sagen wollte, und drang lächelnd in sie: „Spiel nicht die Unschuldige! Außer am Kaiserhof wird niemandem zur Strafe der Kopf abgeschlagen, du brauchst also nicht dauernd Angst zu haben. Um es geradeheraus zu sagen: Gestern habe ich Wang Shànbǎos [25] Alte geschlagen, und die Strafe dafür nehme ich auf mich. Im schlimmsten Fall wird hinter meinem Rücken über mich geredet — aber mich deshalb durchprügeln kann man doch wohl nicht!"
„Das liegt an ihrem verschrobenen Charakter“, kommentierte Tan-tschun. „Da zeigt sich ihr übersteigerter Stolz. Wir werden sie auch nicht mehr ummodeln.“ Dann setzte sie noch hinzu: „Als heute Morgen alles ruhig blieb und ich erfuhr, daß der Taugenichts Hsi-fëng wieder krank liegt, habe ich meine alte Amme losgeschickt, um auszukundschaften, was mit Wang Schan-baus Frau ist. Und als sie wiederkam, hat sie berichtet, Wang Schan-baus Frau habe eine Tracht Prügel bekommen und die ältere gnädige Frau sei mit ihr böse, weil sie so übereifrig gewesen ist.“ Schatzspange [26] fragte sofort, warum sie die Alte geschlagen habe, und Tànchūn [27] berichtete in allen Einzelheiten, wie man in der Nacht zuvor die Hausdurchsuchung durchgeführt hatte und wie sie mit Wang Shànbǎos Frau aneinandergeraten war. Als Frau Yóu sah, dass Tànchūn [28] ohnehin alles erzählt hatte, verschwieg auch sie nicht länger, was sich eben bei Xīchūn [29] zugetragen hatte.
„Das ist ihr recht geschehen!“ meinten Frau You und Li Wan, aber Tan-tschun sagte mit kühlem Lächeln: „Wer verstünde sich nicht darauf, den Leuten Sand in die Augen zu streuen?! Warten wir ab, wie es weitergeht!“ Tànchūn [30] kommentierte: „Das liegt an ihrem verschrobenen Charakter. Sie übertreibt ihren Stolz bis zum Äußersten. Keiner von uns ist stolzer als sie." Dann fuhr sie fort: „Heute Morgen war alles still, und als ich hörte, dass Phönixglanz [31] wieder krank liegt, habe ich meine alte Amme losgeschickt, um herauszufinden, was mit Wang Shànbǎos Frau ist. Sie kam zurück und berichtete, Wang Shànbǎos Frau habe eine Tracht Prügel bekommen, und die ältere gnädige Frau [32] sei böse auf sie, weil sie sich so wichtiggemacht habe."
Darauf wußten Frau You und Li Wan nichts zu erwidern. Frau Yóu und Lǐ Wán sagten: „Das geschieht ihr recht."
Kurze Zeit später schien es soweit zu sein, daß drüben gegessen wurde, und so kehrten Hsiang-yün und Bau-tschai in ihre Räume zurück, um ein paar Kleider einzupacken. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Tànchūn [33] aber sagte mit kühlem Lächeln: „Wer versteht es nicht, Sand in die Augen zu streuen? Wartet nur ab, wie die Sache weitergeht!" Darauf wussten Frau Yóu und Lǐ Wán nichts zu erwidern. Kurze Zeit später schien es soweit zu sein, dass drüben das Essen aufgetragen wurde; Xiāngyún [34] und Schatzspange [35] kehrten in ihre Räume zurück, um ein paar Kleider einzupacken. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Inzwischen verabschiedete sich Frau You von Li Wan und ging zur Herzoginmutter hinüber. Diese lehnte schräg auf ihrer Ruhebank und ließ sich von Dame Wang erzählen, was sich die Dschëns hatten zuschulden kommen lassen, wie ihr Besitz durchsucht und beschlagnahmt worden war und wie sie selbst in die Hauptstadt gebracht wurden, um ihre Strafe zu empfangen. Diesen Bericht hörte sie mit Unbehagen, und als sie jetzt sah, wie Frau You und die Mädchen eintraten, fragte sie: „Woher kommt ihr? Wißt ihr, ob es eurer Kusine Hsi-fëng und eurer Schwägerin heute besser geht?“

Sofort antworteten Frau You und die anderen: „Es geht heute beiden schon etwas besser.“
Frau Yóu verabschiedete sich von Lǐ Wán und ging zur Herzoginmutter [36] hinüber. Diese lehnte auf ihrer Ruhebank, und Frau Wáng [37] berichtete ihr, wie die Familie Zhēn [38] sich schuldig gemacht hatte, wie ihr Besitz beschlagnahmt worden war und sie zur Aburteilung nach der Hauptstadt gebracht werden sollten. Die Herzoginmutter [39] hörte das mit Unbehagen. Als sie nun die Kusinen eintreten sah, fragte sie: „Woher kommt ihr? Wisst ihr, ob es eurer Schwägerin Phönixglanz [40] und der anderen Schwägerin heute besser geht?"
Die Herzoginmutter nickte, dann sagte sie seufzend: „Wir wollen uns nicht um anderer Leute Angelegenheiten bekümmern, sondern darüber beratschlagen, wie wir uns am fünfzehnten achten am Vollmond erfreuen wollen!“ Frau Yóu und die anderen antworteten sogleich: „Heute geht es beiden schon etwas besser."
„Es ist schon alles vorbereitet“, berichtete Dame Wang lächelnd. „Ich weiß bloß noch nicht, welchen Platz Ihr dafür ausersehen habt, alte gnädige Frau. Der Garten ist kahl, und der Nachtwind ist kalt.“ Die Herzoginmutter [41] nickte und sagte seufzend: „Kümmern wir uns nicht um anderer Leute Angelegenheiten. Lasst uns lieber beraten, wie wir am fünfzehnten des achten Monats den Mond bewundern wollen — das ist das Wichtigste!"
„Was sollte uns hindern, uns wärmer anzuziehen?“ fragte die Herzoginmutter. „Der Garten ist gerade der rechte Ort, um den Mond zu genießen, wie könnten wir also nicht dorthin gehen?“ Frau Wáng [42] sagte lächelnd: „Es ist schon alles vorbereitet. Ich weiß nur nicht, welchen Ort die alte gnädige Frau dafür ausersehen hat. Nur dass es im Garten kahl ist und der Nachtwind kalt weht."
Während sie das sagte, brachten die Sklavenfrauen und -mädchen schon den Eßtisch herein, und Dame Wang und Frau You beeilten sich, die Eßstäbchen aufzulegen und den Reis aufzutragen. Als die Herzoginmutter sah, daß außer ihren eigenen Zuspeisen, die man schon auf den Tisch gestellt hatte, noch zwei große Speiseschachteln hereingetragen wurden, konnte sie sich denken, daß ihr diese nach der alten Regel zum Zeichen kindlicher Ehrerbietung aus den einzelnen Häusern überbracht worden waren. Darum sagte sie: „Was ist das alles? Ich habe doch letztens schon ein paarmal befohlen, daß damit Schluß sein soll, und ihr könnt immer noch nicht hören. Die heutigen Zeiten sind mit denen des einstigen Überflusses nicht zu vergleichen.“ Die Herzoginmutter [43] erwiderte lächelnd: „Was macht es schon, wenn man ein paar Kleider mehr anzieht? Der Garten ist gerade der rechte Ort, um den Mond zu genießen — wie könnten wir denn dort nicht hingehen?"
Sofort berichtete Yüan-yang: „Ich habe es mehrmals angeordnet, aber niemand wollte darauf hören. Darum mußte ich ihnen ihren Willen lassen.“ Und lächelnd erklärte Dame Wang: „Es ist ja alles nur Hausmannskost. Ich esse heute vegetarische Fastenspeisen, darum konnte ich nichts anderes schicken. Da Ihr Mehlklüter mit Bohnenkäse nicht gern mögt, habe ich nur ein Gericht für Euch ausgewählt, Schleimkrautpüree mit Pfeffer und Öl.“ Während sie noch sprachen, brachten die Dienerinnen und Zofen schon den Esstisch herein, und Frau Wáng [44] sowie Frau Yóu beeilten sich, die Essstäbchen aufzulegen und die Speisen aufzutragen. Als die Herzoginmutter [45] sah, dass neben ihren eigenen Gerichten noch zwei große Speiseschachteln hereingetragen wurden, wusste sie, dass dies nach alter Sitte die Ehrengaben aus den einzelnen Häusern waren. Sie fragte: „Was ist das alles? Ich habe doch schon ein paarmal angeordnet, dass damit Schluss sein soll — und ihr wollt immer noch nicht hören! Die heutigen Zeiten sind nicht mehr mit denen des einstigen Überflusses zu vergleichen."
„Das kommt gerade recht, darauf habe ich Appetit“, sagte die Herzoginmutter lächelnd, und schon stellte Yüan-yang den Teller vor sie hin. Mandarinenente [46] sagte sogleich: „Ich habe es mehrmals weitergegeben, aber niemand wollte darauf hören. Da musste ich es wohl geschehen lassen."
Bau-tjin lehnte immer wieder höflich ab, ehe sie sich endlich hinsetzte, dann befahl die Herzoginmutter auch Tan-tschun, sie solle mitessen. Tan-tschun zierte sich genauso, ehe sie schließlich gegenüber von Bau-tjin Platz nahm. Rasch ging Dai-schu eine Eßschale für sie holen. Frau Wáng [47] erklärte lächelnd: „Es ist ja alles nur Hausmannskost. Heute esse ich Fastenspeisen und konnte nichts anderes schicken. Da die alte gnädige Frau Mehlklöße und Bohnenkäse nicht besonders mag, habe ich nur ein Gericht ausgewählt — Schleimkrautpüree mit Pfefferöl."
Nun wies Yüan-yang auf die übrigen Zuspeisen und sagte: „Bei diesen beiden Gerichten vermag ich nicht zu erkennen, was es ist. Der ältere gnädige Herr hat sie geschickt. In dieser Schüssel hier sind Bambussprossen mit Hühnermark, das hat Euch der gnädige Herr aus dem anderen Anwesen geschickt.“ Mit diesen Worten setzte sie die Schüssel auf den Tisch. Die Herzoginmutter [48] sagte lächelnd: „Das kommt gerade recht, darauf hatte ich gerade Appetit!" Mandarinenente [49] stellte sogleich den Teller vor sie hin.
Die Herzoginmutter kostete zwei Häppchen davon, dann befahl sie: „Laßt das zurücktragen und bestellen, ich hätte davon gegessen. In Zukunft sollen sie mir nicht mehr Tag für Tag etwas schicken. Wenn ich etwas haben will, werde ich danach verlangen.“ Bǎoqín [50] lehnte erst höflich ab, ehe sie sich setzte, dann befahl die Herzoginmutter [51] auch Tànchūn [52], zum Essen zu kommen. Tànchūn [53] zierte sich ebenso, ehe sie sich schließlich gegenüber von Bǎoqín [54] niederließ. Dàishū [55] ging eilig, um eine Essschale zu holen.
Die Sklavenfrauen sagten jawohl und trugen die Speisen fort. Mehr soll davon nicht die Rede sein. Mandarinenente [56] wies auf die anderen Gerichte: „Bei diesen beiden Gerichten kann ich nicht erkennen, was es ist — der ältere gnädige Herr [57] hat sie geschickt. Dieses hier ist Bambussprossen mit Hühnermark, vom gnädigen Herrn [58] aus dem anderen Gebäude." Und sie stellte die Schüssel auf den Tisch.
Dann sagte die Herzoginmutter: „Wenn nüchterne Reissuppe da ist, möchte ich davon haben!“

Sofort brachte ihr Frau You eine Schale voll und erläuterte, die Suppe sei aus rotem Reis zubereitet.
Die Herzoginmutter [59] kostete zwei Häppchen davon und befahl dann: „Lasst die beiden anderen zurücktragen und bestellt, ich hätte davon gegessen. In Zukunft braucht ihr mir nicht täglich etwas zu schicken. Wenn ich etwas haben möchte, werde ich danach verlangen." Die Frauen sagten „Jawohl" und trugen die Speisen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Die Herzoginmutter nahm ihr die Schale ab, aß sie zur Hälfte aus und gab dann die Weisung: „Bringt Hsi-fëng diese Suppe!“ Dann wies sie mit der Hand auf die entsprechenden Gefäße und fuhr fort: „Diese Schüssel mit Bambussprossen und diesen Teller mit getrocknetem Pökelfleisch vom Larvenroller sollen Dai-yü und Bau-yü essen! Den Teller dort mit dem Fleisch soll der kleine Lan bekommen!“ Anschließend forderte sie Frau You auf: „Ich bin fertig mit essen, iß du jetzt!“

Frau You sagte: „Jawohl!“ und wartete der Herzoginmutter beim Mundspülen und Händewaschen auf. Als das erledigt war, stand die Herzoginmutter auf und unterhielt sich mit Dame Wang, während sie zur Verdauung auf und ab ging.
Die Herzoginmutter [60] fragte: „Gibt es dünne Reissuppe? Davon möchte ich ein wenig." Frau Yóu reichte ihr sofort eine Schale und erklärte, es sei rote Reissuppe. Die Herzoginmutter [61] nahm sie entgegen, aß die Hälfte und gab dann die Anweisung: „Bringt diese Suppe der kleinen Phönixglanz [62]!" Dann zeigte sie auf die entsprechenden Schüsseln: „Diese Bambussprossen und diesen Teller mit dem gepökelten Larvenroller sollen Kajaljade [63] und Schatzjade [64] bekommen, und jene Schüssel mit dem Fleisch soll der kleine Lán [65] essen!" Dann wandte sie sich an Frau Yóu: „Ich bin fertig, nun iss du."
Inzwischen sagte Frau You, daß sie sich nun setzen wolle, Tan-tschun und Bau-tschai aber standen auf und entschuldigten sich lächelnd bei Frau You, daß sie ihr nicht Gesellschaft leisten konnten.

„Jetzt bin ich ganz allein an dem großen Tisch, das bin ich nicht gewöhnt!“ klagte Frau You lächelnd.
Frau Yóu sagte „Jawohl" und wartete, bis die Herzoginmutter [66] sich den Mund gespült und die Hände gewaschen hatte. Dann stand die Herzoginmutter [67] auf und unterhielt sich im Gehen mit Frau Wáng [68], um die Verdauung anzuregen. Frau Yóu bat um Erlaubnis, sich setzen zu dürfen. Tànchūn [69] und Bǎoqín [70] standen ebenfalls auf und sagten lächelnd: „Entschuldigt, dass wir nicht bleiben können."
Aber schon sagte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd: „Yüan-yang! Hu-po! Packt die Gelegenheit beim Schopf und eßt auch etwas! Zugleich leistet ihr meinem Gast Gesellschaft!“

„Ja, gut!“ stimmte Frau You freudig zu. „Das hatte ich auch vorschlagen wollen.“
Frau Yóu sagte lächelnd: „Jetzt bin ich ganz allein an dem großen Tisch — das bin ich nicht gewohnt!"
„Es macht Spaß, wenn man recht viele Leute essen sieht“, erklärte die Herzoginmutter. Dann wies sie auf Yin-diä und setzte hinzu: „Du bist auch ein braves Mädchen, iß du auch mit deiner Herrin zusammen! Auf die Etikette kannst du achten, wenn ihr wieder gegangen seid.“ Die Herzoginmutter [71] sagte lächelnd: „Mandarinenente [72]! Bernstein [73]! Packt die Gelegenheit beim Schopf und esst auch etwas, zugleich leistet ihr dem Gast Gesellschaft."
„Komm schnell und zier dich nicht erst zum Schein!“ verlangte Frau You. Frau Yóu rief erfreut: „Gut, gut, gut! Das wollte ich gerade vorschlagen."
Dann legte die Herzoginmutter die Hände auf den Rücken und schaute den Essenden mit vergnügtem Gesicht zu. Als sie sah, daß eine der Sklavinnen, die das Auftragen zu besorgen hatte, eine Schale mit Reis brachte, wie ihn das Gesinde bekam, und daß auch Frau You nichtklebenden weißen Reis aß, fragte sie: „Ja, bist du denn von Sinnen, deiner Herrin von diesem Reis zu bringen?“ Die Herzoginmutter [74] sagte lächelnd: „Es macht mir Freude, wenn ich recht vielen Leuten beim Essen zusehen kann." Dann zeigte sie auf Yíndié [75]: „Das Mädchen ist auch brav — iss du auch mit deiner Herrin zusammen! Wenn ihr hier fort seid, könnt ihr wieder auf die Etikette achten."
„Euer Reis ist alle, alte gnädige Frau“, erwiderte die Sklavin. „Dadurch, daß heute ein gnädiges Fräulein mehr zu Tisch war, hat er nicht ganz gereicht.“ Frau Yóu rief: „Komm schnell her und ziere dich nicht!"
„Wir müssen heute in allen Dingen die Mütze nach der Kopfweite schneidern“, warf Yüan-yang ein. „Überfluß können wir uns nicht leisten.“ Und Dame Wang berichtete rasch: „In den letzten beiden Jahren konnte der Reis von unseren Feldern infolge von Dürren und Überschwemmungen nicht in voller Menge abgeliefert werden. Besonders schwierig ist es mit den feineren Sorten. Deshalb wird nur soviel ausgeteilt, wie gegessen wird, weil wir Angst haben, eines Tages könnte er alle sein und gekaufter Reis würde nicht schmecken.“ Die Herzoginmutter [76] stellte sich mit den Händen auf dem Rücken daneben und schaute vergnügt zu. Als sie sah, dass eine der Aufwärterinnen eine Schale mit dem gewöhnlichen Gesindereis brachte und Frau Yóu auch nur weißen Nicht-Klebreis aß, fragte sie: „Bist du denn von Sinnen? Wie kannst du deiner Herrin diesen Reis bringen?"
„Da kann man ja wirklich sagen ‚Ohne Reis kann die geschickteste Hausfrau keine Reissuppe kochen‘“ bemerkte die Herzoginmutter lächelnd, und alle begannen zu lachen. Die Frau erklärte: „Der Reis der alten gnädigen Frau ist aufgegessen. Dadurch, dass heute ein gnädiges Fräulein mehr am Tisch war, hat er nicht ganz gereicht."
„Dann holt doch noch den Reis, der für das dritte gnädige Fräulein bestimmt war!“ verlangte Yüan-yang. „Das bleibt sich doch gleich. Warum seid ihr nur so denkfaul?“ Mandarinenente [77] bemerkte: „Heutzutage müssen wir in allen Dingen die Mütze genau nach der Kopfgröße schneidern — auch nicht der kleinste Rest bleibt übrig."
„Mir hat es gereicht, für mich braucht nichts mehr geholt zu werden“, erklärte Frau You mit lächelnder Miene. Frau Wáng [78] berichtete sogleich: „In den letzten beiden Jahren sind die Ernten wegen der Dürren und Überschwemmungen ungewiss gewesen, und der Reis von unseren Feldern konnte nicht in voller Menge abgeliefert werden. Besonders bei den feinen Reissorten ist es schwierig. Deshalb wird nur genau so viel ausgegeben, wie gebraucht wird — aus Angst, er könnte einmal ausgehen und zugekaufter Reis nicht munden."
„Davon, daß es Euch gereicht hat, werde ich aber nicht satt“, entgegnete Yüan-yang, und rasch gingen die Sklavinnen hinaus, um den anderen Reis zu holen. Die Herzoginmutter [79] sagte lächelnd: „Da kann man ja wirklich sagen: ‚Ohne Reis kann die geschickteste Hausfrau keine Suppe kochen!'" Alle lachten auf.
Bald darauf ging Dame Wang fort, um ihrerseits zu essen, während Frau You der Herzoginmutter noch Gesellschaft leistete und mit ihr plauderte und scherzte. Mandarinenente [80] schlug vor: „Dann holt doch einfach den Reis, der für das dritte Fräulein [81] bestimmt war — das bleibt sich doch gleich! Was seid ihr nur so begriffsstutzig?"
Als die erste Nachtwache angebrochen war, sagte die Herzoginmutter: „Es ist dunkel geworden. Fahr jetzt nach Hause!“ Frau Yóu sagte lächelnd: „Mir hat es gereicht, für mich braucht nichts geholt zu werden."
Jetzt erst verabschiedete sich Frau You und ging hinaus. Am Haupttor stieg sie in ihren Wagen, und Yin-diä setzte sich auf den Wagenrand. Nachdem die Sklavenfrauen den Wagenvorhang heruntergelassen hatten, gingen sie mit den kleineren Sklavenmädchen geradewegs zum Haupttor des Ning-guo-Anwesens hinüber und warteten dort. Mandarinenente [82] entgegnete: „Euch hat es vielleicht gereicht, aber ich muss auch noch satt werden!" Die Aufwärterinnen eilten hinaus, um den anderen Reis zu holen.
Da die Tore beider Anwesen keine Pfeilschußweite voneinander entfernt waren, brauchte man beim gewöhnlichen Alltagsverkehr nicht ganz so penibel zu sein, zumal wenn es schon dunkel war und die Zahl der ein- und ausfahrenden Familienmitglieder besonders groß. Darum gingen die alten Sklavenfrauen und die kleineren Sklavenmädchen die paar Schritte einfach zu Fuß, während die Männer von beiden Toren rasch nach Osten und Westen bis zu den nächsten Straßenkreuzungen vorgingen und dort die Passanten zurückhielten. Bald darauf ging auch Frau Wáng [83], um ihrerseits zu essen, während Frau Yóu bei der Herzoginmutter [84] blieb und ihr mit Plaudereien und Scherzen Gesellschaft leistete.
Frau You gebrauchte auch kein Zugtier für ihren Wagen. Statt dessen mußten sieben oder acht Sklavenjungen an den Wagenringen und den Radnaben anpacken und den Wagen auf diese Weise sachte bis drüben zur Torauffahrt ziehen. Dann zogen sie sich nach draußen bis hinter die steinernen Löwenfiguren zurück, während die alten Sklavenfrauen den Wagenvorhang hochschlugen. Als erste stieg Yin-diä ab, um dann Frau You beim Aussteigen behilflich zu sein. Als die erste Nachtwache anbrach, sagte die Herzoginmutter [85]: „Es ist dunkel geworden. Fahr jetzt nach Hause!" Erst jetzt verabschiedete sich Frau Yóu und ging hinaus. Am Haupttor stieg sie in ihren Wagen, und Yíndié [86] setzte sich auf den Wagenrand. Nachdem die Frauen den Vorhang heruntergelassen hatten, gingen sie mit den kleinen Dienstmädchen geradewegs zum Haupttor des Nínguó-Anwesens [87] hinüber und warteten dort. Da die Tore der beiden Anwesen nicht einmal eine Pfeilschussweite voneinander entfernt lagen, brauchte man beim täglichen Hin und Her nicht so penibel zu sein — besonders wenn es schon dunkel war und umso mehr Familienmitglieder ein- und ausgingen. Darum gingen die alten Ammen mit den kleinen Mädchen die paar Schritte einfach zu Fuß hinüber. Von beiden Toren eilten die Männer nach Osten und Westen bis zu den Straßenecken vor und hielten dort die Passanten an.
Da alles durch sieben oder acht große und kleine Laternen hell beleuchtet war, konnte Frau You erkennen, daß vier oder fünf größere Wagen neben den Steinlöwen standen. Daraus schloß sie, daß wieder Besucher zum Glücksspiel da waren, und sagte, an Yin-diä und die übrigen Sklavinnen gewandt: „Schaut nur! Wenn schon so viele mit dem Wagen da sind, wie viele mögen dann noch zu Pferde gekommen sein! Nur sind die Pferde natürlich im Stall angebunden, und wir sehen sie nicht. Ich möchte wohl wissen, wieviel Geld diese jungen Leute von ihren Eltern bekommen, daß sie sich auf diese Weise vergnügen können!“ Frau Yóus Wagen wurde ohne Zugtiere bewegt — sieben oder acht Dienerknaben packten an den Wagenringen und Radnaben an und zogen ihn sachte zur Torauffahrt des Nínguó-Anwesens hinüber. Dann zogen sie sich hinter die steinernen Löwenfiguren zurück, während die alten Frauen den Wagenvorhang hochschlugen. Yíndié [88] stieg als erste ab und half dann Frau Yóu beim Aussteigen. Sieben oder acht Laternen erleuchteten alles bis ins Kleinste.
Bei diesen Worten waren sie schon an der Haupthalle angelangt, und hier trat ihnen Djia Jungs Frau mit den übrigen Sklavenfrauen und -mädchen des Hauses zur Begrüßung entgegen, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand. Frau Yóu bemerkte, dass neben den Steinlöwen vier oder fünf große Wagen standen, und schloss daraus, dass wieder Besucher zum Glücksspiel gekommen waren. An Yíndié [89] und die anderen gewandt, sagte sie: „Seht nur! So viele sind mit dem Wagen da — wie viele mögen dann erst zu Pferde gekommen sein? Die Pferde stehen natürlich angebunden im Stall, so dass wir sie nicht sehen können. Ich möchte wohl wissen, wie viel Geld ihre Eltern erarbeitet haben, damit sie sich auf diese Weise vergnügen können!"
Lächelnd sagte Frau You: „Schon immer hatte ich mir das heimlich ansehen wollen, doch es hatte sich nie eine Gelegenheit dazu ergeben. Aber heute trifft es sich günstig, und wir wollen einfach vor ihren Fenstern vorbeigehen!“ Während sie das sagte, waren sie schon an der großen Halle angelangt. Jung Kaufmanns [90] Ehefrau kam ihnen mit den Dienerinnen und Mägden des Hauses entgegen, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand.
Die Sklavenfrauen sagten jawohl und leuchteten mit ihren Laternen, um Frau You den Weg zu weisen. Außerdem ging eine vor, um den aufwartenden Sklavenjungen unauffällig Bescheid zu sagen, damit sie sich nicht erschreckten. Als Frau You und ihre Begleiterinnen dann leise vor die Fenster traten, hörten sie von drinnen begeisterte Rufe, die sich mit Gelächter mischten, und zwischendurch ertönten auch Flüche und Schimpfwörter. Frau Yóu sagte lächelnd: „Schon lange wollte ich einmal heimlich nach ihnen sehen, aber es hat sich nie eine Gelegenheit ergeben. Heute trifft es sich günstig — wir gehen einfach vor ihren Fenstern vorbei!"
Die Sache war die, daß Djia Dschën, weil er sich noch in Trauer befand, weder Vergnügungstouren unternehmen noch Theatervorführungen veranstalten konnte, um sich zu zerstreuen. Und da er vor Langeweile zu vergehen drohte, dachte er sich ein Mittel aus, mit dem er sich Abwechslung verschaffen konnte. Unter dem Vorwand, Schießübungen abzuhalten, lud er am Tage die jungen Leute aus angesehenen Beamtenfamilien sowie reiche und vornehme Verwandte und Freunde ein, miteinander ihre Kräfte zu messen. Die Frauen sagten „Jawohl" und leuchteten mit ihren Laternen voran. Eine von ihnen ging voraus, um den aufwartenden Dienerknaben unauffällig zu bedeuten, sie sollten sich nicht erschrecken. So schlich sich Frau Yóu mit ihrem Gefolge leise unter die Fenster, und sie hörten von drinnen begeisterte Rufe und Gelächter — doch mischten sich auch Flüche und Schimpfwörter dazwischen.
Dazu sagte er: „Nur einfach so herumzuschießen bringt keinen Nutzen. Nicht nur, daß man so keine Fortschritte machen kann, man verdirbt sich auch noch den Stil. Wir müssen Strafen festlegen und Preise aussetzen, damit jeder einen Anreiz hat, sich anzustrengen.“ Es verhielt sich folgendermaßen: Juwel Kaufmann [91] befand sich noch in der Trauerzeit und konnte darum weder Vergnügungstouren unternehmen noch sich an Theatervorführungen oder Musik erfreuen. Vor Langeweile hatte er sich ein Mittel zur Zerstreuung ersonnen: Unter dem Vorwand, Bogenschießen zu üben, lud er tagsüber junge Männer aus angesehenen Beamtenfamilien sowie wohlhabende Freunde und Verwandte ein, um miteinander ihre Kräfte zu messen. „Bloß so drauflos zu schießen", sagte er, „bringt gar nichts. Nicht nur, dass man keine Fortschritte macht — man verdirbt sich auch noch den Stil. Wir müssen Strafen festlegen und Preise aussetzen, damit jeder einen Anreiz hat, sich anzustrengen."
Deshalb wurde in der Schießbahn unterhalb des Turms des Himmelsduftes eine Zielscheibe aufgestellt und vereinbart, daß jeden Tag nach der Frühmahlzeit danach geschossen werden sollte. Und weil Djia Dschën nicht seinen eigenen Namen dafür hergeben mochte, erteilte er Djia Jung den Befehl, als Veranstalter aufzutreten. Die Teilnehmer waren die Söhne altangesehener Familien, die allesamt auf großem Fuße lebten, und überdies waren sie noch im Jünglingsalter, eine rechte Rotte von jungen Stutzern, die sich mit Hahnenkämpfen und Hetzjagden abgaben und deren besonderes Interesse den Freudenmädchen galt. So wurde unterhalb des Turms des Himmelsduftes auf der Schießbahn eine Zielscheibe aufgestellt, und man verabredete sich, jeden Tag nach dem Frühstück zum Schießen zu kommen. Da Juwel Kaufmann [92] seinen eigenen Namen nicht hergeben wollte, bestimmte er seinen Sohn Jung Kaufmann [93] zum Veranstalter. Die Teilnehmer waren allesamt Söhne aus erbadeligen Häusern, durchweg wohlhabend und im Jünglingsalter — eine rechte Schar von Stutzern und Taugenichtsen, die sich mit Hahnenkämpfen und Hetzjagden abgaben und in Freudenhäusern verkehrten.
Gemeinsam beschlossen sie, daß sie reihum für das Abendessen sorgen wollten, denn sie meinten, es ginge nicht an, daß Djia Jung allein dafür aufkam. So wurden Tag für Tag Schweine und Hammel geschlachtet sowie Gänse und Enten geköpft, und beinahe wie beim Wettstreit von Lin-tung wollte jeder damit prahlen, was für Kanonen der Kochkunst seine Familie in ihren Diensten hatte. Gemeinsam beschlossen sie, abwechselnd für das Abendessen zu sorgen, damit nicht allein Jung Kaufmann [94] die Kosten trug. So wurden Tag für Tag Schweine und Hammel geschlachtet, Gänse und Enten geköpft — beinahe wie bei einem Wettstreit wollte jeder prahlen, welche Köche der Kochkunst er in seinen Diensten hatte.
Es dauerte keinen halben Monat, bis Djia Schë und Djia Dschëng von der Sache erfuhren, aber da sie nicht wußten, wie es dabei in Wirklichkeit zuging, sagten sie noch, es sei recht so, und wer es auf zivilem Gebiet zu nichts gebracht habe, müsse sich in militärischen Dingen üben, besonders in einer Familie, die von den militärischen Verdiensten ihrer Ahnen zehrte. Darum wurde auch in beiden Gehöften befohlen, Djia Huan, Djia Dsung, Bau-yü und Djia Lan sollten jeden Tag nach dem Essen ebenfalls ins andere Anwesen hinübergehen und sich unter Djia Dschëns Anleitung im Schießen üben, ehe sie wieder in ihre Räume zurückkehren durften. Keine zwei Wochen vergingen, da erfuhren es Jiǎ Shè [95] und Jiǎ Zhèng [96]. Weil sie aber nicht wussten, was in Wirklichkeit dahintersteckte, sagten sie sogar, es sei ganz recht so: Wer auf zivilem Gebiet nichts erreicht habe, müsse sich in militärischen Dingen üben — zumal die Familie ihren Rang den kriegerischen Verdiensten der Vorfahren verdanke. Daraufhin wurde auch in beiden Häusern angeordnet, Jiǎ Huán [97], Jiǎ Cóng [98], Schatzjade [99] und Jiǎ Lán [100] sollten jeden Tag nach dem Essen hinübergehen und sich unter Juwel Kaufmanns [101] Anleitung im Bogenschießen üben, ehe sie zurückkehren durften.
Aber Djia Dschën stand der Sinn nicht nach Schießübungen. Nachdem noch ein paar Tage vergangen waren, gab er vor, einen Ausgleich für die Arme zu brauchen, und so wurden an den Abenden Glücksspiele gespielt. Zuerst ging es nur darum, die Trinkrunden auszuknobeln, später aber wurde allmählich um Geld gespielt. Und nachdem jetzt drei oder vier Monate ins Land gegangen waren, gewann das Spielen immer mehr die Oberhand über das Schießen. Da wurden hemmungslos Karten geklopft, Würfel geworfen und Banken aufgelegt und die Nächte durchgemacht. Auch das Gesinde hatte seine kleinen Vorteile davon und wünschte nichts sehnlicher, als daß es so bliebe, darum war es schon zu einer festen Regel geworden. Außenstehende ahnten jedoch nicht das geringste davon. Doch Juwel Kaufmanns [102] Sinn stand nicht nach Schießübungen. Nach ein, zwei weiteren Tagen gab er vor, sich die Arme ausruhen und die Kräfte schonen zu müssen. An den Abenden wurden zunächst harmlose Knobelspiele um Trinkrunden gespielt — bald aber ging es um Geld. Inzwischen waren drei bis vier Monate vergangen, und das Glücksspiel hatte längst die Oberhand über das Schießen gewonnen. Hemmungslos wurden Karten geklopft, Würfel geworfen und Banken aufgelegt — ganze Nächte hindurch. Das Gesinde hatte seine kleinen Vorteile davon und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es so bliebe; so wurde es zu einem festen Brauch. Außenstehende ahnten nicht das Geringste.
Auch Dame Hsings jüngerer Bruder Hsing Dë-tjüan war neuerdings mit von der Partie, denn so etwas bereitete ihm unbändiges Vergnügen an dererlei. Hsüä Pan war natürlich ebenfalls mit Freuden dabei, war er doch stets der erste, wenn es darum ging, anderen Leuten sein Geld in den Rachen zu werfen. In jüngster Zeit war auch Xíng Déquán [103], der leibliche Bruder der Frau Xíng [104], mit von der Partie, denn er war ebenso leidenschaftlich wie die anderen. Auch Xuē Pán [105] war natürlich dabei — war er doch von jeher der Erste, wenn es darum ging, sein Geld anderen in den Rachen zu werfen.
Hsing Dë-tjüan war zwar der leibliche Bruder von Dame Hsing, aber nach Wesen und Verhalten war er ihr in keiner Weise ähnlich. Seine Vergnügungen bestanden nur darin, Wein zu trinken, um Geld zu spielen und die Nächte mit Freudenmädchen zu verbringen. Das Geld gab er mit vollen Händen aus, und im Umgang mit Menschen hegte er keine Hintergedanken. Wer gern Wein trank, den mochte er, und wer nicht trank, von dem hielt er sich fern. Diese Regel galt für hoch und niedrig, Herren und Knechte, und einen Unterschied zwischen Edlen und Gemeinen gab es für ihn nicht. Deshalb nannten ihn alle den ‚blöden Onkel‘. Hsüä Pan aber war schon längst als der ‚dumme Herr‘ bekannt. Obwohl Xíng Déquán [106] der leibliche Bruder der Frau Xíng [107] war, unterschied er sich in Wesen und Verhalten grundlegend von ihr. Er kannte nur Wein, Glücksspiel und Freudenmädchen als Vergnügen. Das Geld gab er mit vollen Händen aus, und im Umgang mit Menschen war er ohne Falsch. Wer gern trank, den mochte er; wer nicht trank, von dem hielt er sich fern — ganz gleich, ob es um Herren oder Diener ging, er machte keinen Unterschied. Darum nannten ihn alle den „Blöden Onkel". Xuē Pán [108] wiederum war schon längst als der „Dumme Herr" bekannt.
Heute hatten die zwei sich zusammengetan, da sie beide gern ‚Hetzjagd‘ spielten, weil das so ein lebhaftes Spiel war. Sie hatten sich zwei Partner gesucht und würfelten im Außenraum auf dem Ofenbett. Von den anderen spielten mehrere an dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers ‚Häscher‘, während die Kultivierteren im Innenraum mit Dominosteinen ‚Himmel und neun‘ spielten. Die beiden hatten sich heute zusammengefunden, denn beide liebten das lebhafte Würfelspiel „Wer zuerst kommt". Sie hatten sich noch zwei Partner dazugeholt und spielten draußen auf dem Kang-Ofenbett. Einige andere spielten am großen Tisch in der Mitte des Raumes „Fanchóu", während im Innenraum eine kultiviertere Runde mit Dominosteinen „Himmel und Neun" spielte. Die aufwartenden Diener waren allesamt Knaben unter fünfzehn Jahren; erwachsene Männer hatten hier keinen Zutritt. Darum konnte Frau Yóu ungehindert ans Fenster herantreten und von draußen hineinspähen. Unter den Anwesenden bemerkte sie auch zwei sechzehn- oder siebzehnjährige Lustknaben, die zum Einschenken abgestellt waren und so herausgeputzt, als seien sie aus Puder und Jade geschliffen.
Die Sklavenjungen, die hier aufwarteten, waren alles Kinder von unter fünfzehn Jahren, erwachsene Sklaven hatten keinen Zutritt. Nur deshalb konnte Frau You ungehindert vor die Fenster gelangen, um heimlich hineinzuschauen. Unter den Anwesenden sah sie auch zwei sechzehn- oder siebzehnjährige Lustknaben, die den Gästen den Wein kredenzten und die so zurechtgemacht waren, daß sie aussahen wie mit Puder bestäubt oder aus Jade geschliffen. Xuē Pán [109] hatte eben wieder eine Runde verloren und war schlechter Laune. Glücklicherweise ergab die zweite Runde, alles zusammengerechnet, sogar einen kleinen Gewinn, und seine Stimmung hob sich sogleich.
Hsüä Pan hatte wieder einmal eine Partie verloren, was ihn ärgerlich machte, aber glücklicherweise zeigte sich nach der nächsten Partie, daß er nicht nur den Verlust wieder wettgemacht, sondern auch noch etwas dazugewonnen hatte, und so kam er wieder in Stimmung. Juwel Kaufmann [110] sagte: „Hören wir erst einmal auf und essen — danach geht es weiter!" Er erkundigte sich, wie es bei den anderen Spielrunden stand. Die „Himmel und Neun"-Spieler im Innenraum hatten abgerechnet und warteten aufs Essen. Die „Fanchóu"-Spieler aber waren noch nicht fertig und wollten nicht aufhören. Da man sie nicht drängen konnte, wurde zunächst nur ein großer Tisch gedeckt, an dem Juwel Kaufmann [111] den Gästen Gesellschaft leistete, während Jung Kaufmann [112] die andere Runde bedienen sollte.
„Hören wir erst einmal auf und machen weiter, wenn wir gegessen haben!“ schlug Djia Dschën seinen Mitspielern vor. Dann erkundigte er sich, wie es bei den anderen Spielrunden aussah. Die Himmel-und-neun-Spieler im Innenraum hatten abgerechnet und warteten auf das Essen, aber die Würfelspieler, die ‚Häscher‘ spielten, waren noch nicht so weit und mochten noch nicht essen. Und da sie sich nicht drängeln ließen, wurde zunächst nur ein großer Tisch gedeckt, an dem Djia Dschën den Gästen Gesellschaft leistete, während er zugleich Djia Jung befahl, er solle warten und dann der anderen Runde Gesellschaft leisten. In bester Laune umhalste Xuē Pán [113] einen der Lustknaben und trank Wein. Zugleich ließ er dem „Blöden Onkel" ebenfalls einschenken. Aber der hatte als Verlierer keine gute Laune; nach zwei Schalen war er schon leicht betrunken und schimpfte die beiden Lustknaben, sie liefen nur den Gewinnern nach und kümmerten sich nicht um die Verlierer.
Aufgeräumt, wie Hsüä Pan war, umhalste er einen der beiden Lustknaben und trank seinen Wein. Zugleich befahl er, auch dem ‚blöden Onkel‘ Wein zu reichen. Aber der ‚blöde Onkel‘ war ärgerlich, weil er verloren hatte, und nach zwei Bechern Wein war er schon so angetrunken, daß er den Lustknaben vorwarf, sie liefen nur den Gewinnern nach und kümmerten sich nicht um die Verlierer. „Ihr Rammlerbande!" fluchte er. „Immer nur dahin, wo der Wind bläst! Tag für Tag sind wir beisammen, von jedem habt ihr eure Vorteile — nur weil ich gerade ein paar Liang Silber verloren habe, fangt ihr an, Rangunterschiede zu machen! Als ob ihr uns in Zukunft nicht wieder um Gefälligkeiten bitten würdet!"
„Ihr Rammlerbande!“ schimpfte er. „Ihr seht nur immer zu, wo ihr bleibt! Dabei sind wir doch Tag für Tag beisammen, und ihr habt von jedem eure Vorteile. Nur weil ich heute ein paar Liang Silber verloren habe, fangt ihr an, Rangunterschiede zu machen. Als ob ihr in Zukunft nicht wieder mit euren Bitten zu mir kommen würdet!“ Die anderen sahen, dass der Wein aus ihm sprach, und sagten beschwichtigend: „Ganz recht, ganz recht! Die beiden haben wirklich schlechte Manieren." Und sie befahlen: „Schnell, schenkt dem Onkel Wein ein und entschuldigt euch!"
Da die anderen sahen, daß der Wein aus ihm sprach, sagten sie rasch: „Ihr habt vollkommen recht! Sie haben wirklich schlechte Manieren.“ Und sie befahlen: „Reicht dem Onkel schnell Wein und entschuldigt euch bei ihm!“ Die beiden Lustknaben waren an derlei Szenen bestens gewöhnt; sofort knieten sie mit dem Weingeschirr nieder und sagten: „Bei unsereins ist das nun einmal so: Unser Meister hat uns beigebracht, ohne Ansehen von Nähe oder Ferne, ohne Unterschied von Freundschaft oder Gleichgültigkeit — solange jemand Geld und Macht hat, sollen wir ihm liebevoll dienen. Und selbst wenn es ein lebender Buddha oder ein Unsterblicher wäre — hat er einmal kein Geld und keine Macht mehr, dürfen wir uns nicht um ihn kümmern. Bedenkt auch, wie jung wir sind und was unser Stand ist — wir bitten den Herrn Onkel, es uns gütigst nachzusehen!" Damit hielten sie den Wein empor und knieten erneut nieder.
Die beiden Lustknaben waren derlei Szenen zur Genüge gewöhnt, darum knieten sie schnell mit dem Weingeschirr in den Händen nieder und sagten: „Bei unsereins ist das nun einmal so! Unser Meister hat uns beigebracht, wir sollten lieb und ehrerbietig zu jedem sein, solange er Geld und Macht hat, egal ob uns jemand nah oder fern steht, ob wir ihn mögen oder nicht. Doch selbst dann, wenn es ein lebender Buddha oder ein Heiliger wäre, dürften wir uns um keinen kümmern, der nicht Geld und Macht hat. Bedenkt auch, wie jung wir noch sind und welches unser Beruf ist, und laßt es uns gütigst durchgehen, werter Herr Onkel!“ Mit diesen Worten hielten sie ihm den Wein hin und knieten dann erneut nieder. Obwohl Xíng Déquán [114] innerlich schon weich geworden war, stellte er sich immer noch zornig und beachtete die beiden nicht. Die anderen redeten ihm zu: „Die Jungen meinen es ehrlich. Und Ihr habt doch in langer Gewohnheit stets zarte Wesen umsorgt und Mitgefühl für Duftende und Jadegleiche gezeigt — warum seid Ihr heute so anders? Wenn Ihr den Wein nicht trinkt, wie sollen die beiden wieder aufstehen?"
Hsing Dë-tjüan war zwar schon weich geworden, aber er stellte sich immer noch böse und beachtete die beiden nicht. Darum redeten ihm die anderen zu: „Diese Kinder meinen es ehrlich. Und Ihr habt doch in langer Gewohnheit immer Liebe und Mitgefühl für die Duftigen und Jadegleichen empfunden. Warum seid Ihr da heute so anders? Wie sollen die beiden wieder aufstehen, wenn Ihr den Wein nicht trinkt?“ Xíng Déquán [115] hielt nicht länger stand und sagte: „Wäret Ihr nicht, meine Herren, würde ich sie weiter keines Blickes würdigen!" Damit nahm er den Becher, leerte ihn in einem Zug und ließ sich gleich nachschenken. Nun rief ihm der Wein vergangene Kränkungen ins Gedächtnis; er schlug mit der Hand auf den Tisch und sagte seufzend zu Juwel Kaufmann [116]: „Man kann den beiden wirklich nicht böse sein, wenn ihnen das Geld über alles geht. Wie viele Leute aus angesehenen Beamtenfamilien gibt es, die ihr eigen Fleisch und Blut vergessen, sobald es um ‚Geld und Macht' geht! Hast du davon gehört, mein werter Neffe, wie ich mich gestern über deine Tante drüben geärgert habe?"
„Wenn Ihr nicht wärt, meine Herren, würde ich sie auch weiterhin nicht beachten!“ erklärte Hsing Dë-tjüan, der nicht länger widerstehen konnte. Und erst mit diesen Worten nahm er den Weinbecher entgegen, leerte ihn in einem Zuge und ließ sich gleich noch einmal einschenken. Dann rief ihm der Wein etwas ins Gedächtnis zurück, und er geriet in eine trunkene Redseligkeit. Zuerst schlug er mit der Hand auf den Tisch, danach sagte er seufzend, an Djia Dschën gewandt: „Man kann den beiden wirklich nicht böse sein, wenn ihnen das Geld so lieb ist wie das eigene Leben. Wie viele Leute aus angesehenen Beamtenfamilien vergessen ihr eigen Fleisch und Blut, wenn es um Geld und Macht geht! Hast du davon gehört, mein werter Neffe, wie ich mich gestern über deine Tante von drüben habe ärgern müssen?“ Juwel Kaufmann [117] sagte: „Nein, davon habe ich nichts gehört."
„Nein“, sagte Djia Dschën, „davon habe ich nichts gehört.“ Xíng Déquán [118] seufzte: „Es ging um dieses verfluchte Geld. Schlimm, schlimm!"
„Es ging um das verfluchte Geld“, fuhr Hsing Dë-tjüan fort. „Ist das schlimm, nein, ist das schlimm!“ Juwel Kaufmann [119] wusste sehr wohl, dass sich Xíng Déquán [120] nicht mit der Frau Xíng [121] verstand und von ihr verabscheut wurde; bei jeder Gelegenheit machte er seinem Unmut Luft. Darum redete er ihm zu: „Onkel, Ihr seid aber auch ein wenig zu verschwenderisch. Wenn Ihr immerzu Geld ausgebt, wie viel ist dann noch da?"
Djia Dschën wußte sehr gut, daß sich Hsing Dë-tjüan mit Dame Hsing nicht verstand und daß sie ihn verabscheute und ihm immer wieder Vorwürfe machte. Darum redete er ihm zu: „Ihr seid aber auch ein bißchen zu verschwenderisch, Onkel. Wieviel habt Ihr auf diese Weise schon ausgegeben, wenn Ihr Euch so leicht davon trennt?“

„Mein werter Neffe“, erwiderte Hsing Dë-tjüan, „du weißt ja nicht, wie es bei uns Hsings eigentlich aussieht. Als meine Mutter starb, war ich noch klein und hatte keine Ahnung von den Dingen dieser Welt. Von meinen drei Schwestern ist deine Tante die älteste. Sie hat als Erste geheiratet und das ganze Familienvermögen einfach hierher mitgenommen. Jetzt hat auch meine zweitälteste Schwester geheiratet, aber in eine sehr arme Familie. Meine drittälteste Schwester ist noch nicht aus dem Haus.
Xíng Déquán [122] erwiderte: „Mein werter Neffe, du weißt nicht, wie es bei uns im Hause Xíng wirklich aussieht. Als meine Mutter starb, war ich noch klein und hatte keine Ahnung von den Dingen der Welt. Von meinen drei Schwestern hat nur deine Tante, die älteste, jung geheiratet und das gesamte Familienvermögen an sich gerissen und mitgenommen. Meine zweitälteste Schwester hat zwar inzwischen auch geheiratet, aber in eine äußerst ärmliche Familie. Die drittälteste ist noch unverheiratet und lebt zu Hause. Unser gesamter Besitz wird hier von Wang Shànbǎos [123] Frau verwaltet, die meine Schwester als Mitgift-Dienerin mitgebracht hat. Wenn ich Geld verlange, will ich keines haben, das euch Kaufmanns [124] gehört — der Besitz unserer Familie Xíng würde für meine Bedürfnisse vollauf genügen! Aber ich bekomme nichts davon in die Hand, und so leide ich Unrecht, ohne eine Stelle zu haben, wo ich mich darüber beschweren könnte."
Unser ganzer Besitz wird hier von Wang Schan-baus Frau verwaltet, die von meiner Schwester mit in die Ehe gebracht wurde, und wenn ich Geld verlange, will ich keins haben, das euch Djias gehört. Der Familienbesitz von uns Hsings wäre für meine Bedürfnisse vollauf genug. Aber ich bekomme davon nichts in die Hand, und so muß ich Unrecht leiden, ohne daß es eine Stelle gibt, wo ich mich darüber beschweren könnte.“ Juwel Kaufmann [125] merkte, dass dies weinseliges Geschwätz war, und fürchtete, die anderen Gäste könnten es hören und es als unschicklich empfinden. Darum lenkte er ihn rasch mit ein paar beschwichtigenden Worten ab.
Djia Dschën merkte, daß es weinseliges Geschwätz war, was Hsing Dë-tjüan von sich gab, und daß es keinen guten Eindruck machte, wenn die anderen Gäste das hörten, darum lenkte er ihn schnell mit ein paar begütigenden Worten davon ab. Draußen aber hatte Frau Yóu alles deutlich verstanden. Sie flüsterte Yíndié [126] lächelnd zu: „Hast du das gehört? Das ist der Bruder der Frau aus dem Nordgehöft, der sich über seine Schwester beklagt. Wenn der eigene Bruder so über sie herzieht, kann man den anderen erst recht keinen Vorwurf machen."
Draußen jedoch hatte Frau You alles deutlich verstanden, und so flüsterte sie Yin-diä jetzt lächelnd zu: „Hast du das gehört? Das ist der Bruder der gnädigen Herrin aus dem Nordgehöft, der sich über sie beklagt. Wenn der eigene Bruder so über sie herzieht, kann man den andern erst recht keinen Vorwurf machen.“ Als sie weiterlauschen wollte, hatten gerade auch die „Fanchóu"-Spieler aufgehört und verlangten nach Wein. Einer von ihnen fragte: „Wer hat da eben den Onkel gekränkt? Wir haben es nicht genau hören können — sagt es uns, damit wir urteilen können!"
Dann lauschte sie weiter, und nun hatten auch die anderen Schluß gemacht, die ‚Häscher‘ gespielt hatten, und verlangten nach Wein. Doch einer von ihnen fragte: „Wer hat da eben den Onkel gekränkt? Wir haben das nicht genau hören können. Sagt es uns, damit wir unsern Schiedsspruch fällen!“ Xíng Déquán [127] erzählte daraufhin noch einmal, wie die beiden Lustknaben nur die Gewinner umschmeichelt und die Verlierer links liegen gelassen hatten.
Also erzählte ihnen Hsing Dë-tjüan, wie die beiden Lustknaben nur um die Gewinner scharwenzelten und die Verlierer unbeachtet ließen. Einer der jungen Gecken sagte: „Da hat der Herr Onkel freilich recht, böse zu sein — das ist wirklich zum Ärgern! Aber ich muss euch beide fragen: Der Herr Onkel hat doch nur ein wenig Geld verspielt — seinen Schwanz hat er doch nicht verloren. Warum wollt ihr dann also nichts mehr von ihm wissen?"
„Das kann einen wirklich ärgern“, bestätigte der junge Geck. „Kein Wunder, daß der Herr Onkel wütend geworden ist. – Ich möchte euch fragen, ihr beiden: Wenn der Herr Onkel verloren hat, dann hat er doch nur ein bißchen Geld verspielt, aber nicht seinen Schwanz, warum also wollt ihr nichts mehr wissen von ihm?“ Alle brachen in schallendes Gelächter aus, und selbst Xíng Déquán [128] prustete seinen Reis auf den Boden.
Alle brachen in lautes Gelächter aus, und selbst Hsing Dë-tjüan prustete seinen Reis auf die Erde. Frau Yóu spuckte draußen leise aus und schimpfte: „Hört euch das an! Kaum haben diese schandbaren Galgenschwengel die Würfel aus der Hand gelegt, fangen sie an, solche Zoten zu reißen. Wenn sie sich noch mehr von der gelben Brühe hinter die Binde gießen, wer weiß, was sie dann noch alles von sich geben!" Mit diesen Worten ging sie hinein, legte Schmuck und Kleider ab und ging zu Bett.
Draußen aber spuckte Frau You leise aus und schimpfte: „Hör dir das an! Kaum haben diese jungen Galgenschwengel die Würfel aus der Hand gelegt, müssen sie solche unflätigen Reden führen. Wer weiß, was sie noch alles von sich geben, wenn sie die gelbe Brühe weiter so in sich hineinschütten!“ Mit diesen Worten suchte sie ihre Räume auf, wo sie Schmuck und Kleider ablegte und ins Bett ging. Erst in der vierten Nachtwache löste Juwel Kaufmann [129] die Runde auf und begab sich zu Pèifèng [130] ins Zimmer.
Die Gäste aber verabschiedeten sich erst in der vierten Nachtwache, und Djia Dschën begab sich hinein zu Pee-fëng. Am nächsten Morgen stand er auf und erhielt sogleich die Meldung, dass die Wassermelonen und Mondkuchen bereitlägen und nur noch verteilt und ausgetragen werden müssten. Juwel Kaufmann [131] beauftragte Pèifèng [132]: „Bitte die junge Herrin, die Verteilung zu beaufsichtigen — ich habe noch anderes zu tun."
Als er am nächsten Morgen aufgestanden war, kam jemand, um zu melden, die Wassermelonen und die Mondkekse seien bereitgelegt und müßten nur noch aufgeteilt und ausgetragen werden. Daraufhin wandte sich Djia Dschën mit dem Auftrag an Pee-fëng: „Bitte die junge Herrin darum, daß sie das Austragen beaufsichtigt, ich habe anderes zu tun.“ Pèifèng [133] sagte „Jawohl" und ging es Frau Yóu melden, die nun die Aufteilung vornahm und alles durch ihre Leute austragen ließ. Bald darauf kam Pèifèng [134] erneut und sagte: „Der Herr lässt Euch fragen, junge gnädige Frau, ob Ihr heute ausgehen wollt. Er sagt, da wir Trauer tragen, könnten wir morgen am Fünfzehnten nicht feiern. Heute Abend jedoch wäre es günstig — wir könnten alle zusammen wenigstens den Anlass ehren und ein wenig Melone, Mondkuchen und Wein genießen."
Pee-fëng sagte: „Jawohl!“ und ging es Frau You melden, der nun nichts weiter übrig blieb, als alles einzuteilen und durch ihre Sklavinnen austragen zu lassen. Frau Yóu erwiderte: „Ich will gar nicht ausgehen. Drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch Phönixglanz [135] hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem habe ich keine Zeit — was redet er von ‚den Anlass ehren'?"
Bald darauf kam Pee-fëng noch einmal und sagte: „Der Herr läßt Euch fragen, ob Ihr heute ausgehen wollt, junge gnädige Frau. Er sagt, da wir Trauer haben, könnten wir morgen am fünfzehnten nicht feiern. Heute abend jedoch wäre es günstig, da könnten wir alle zusammen wenigstens so tun als ob, ein wenig Melone und Mondkekse essen und einen Schluck Wein dazu trinken.“ Pèifèng [136] sagte: „Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt; sie kommen erst am Sechzehnten wieder. Auf jeden Fall wolle er Euch zum Wein einladen."
„Ich will nicht ausgehen“, erwiderte Frau You. „Aber drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch die Frau von Schwager Liän hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem hat er doch gar keine Zeit, was redet er also?“ Frau Yóu sagte lächelnd: „Er lädt mich ein — und ich kann keine Gegeneinladung aussprechen."
„Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt, und sie würden erst am sechzehnten wieder kommen. Er wolle unbedingt Euch zum Wein einladen“, berichtete Pee-fëng. Lachend ging Pèifèng [137] hinaus, kam aber bald wieder und verkündete lächelnd: „Der Herr sagt, auch zum Abendessen möchte er Euch bitten. Kommt bitte unbedingt rechtzeitig zurück — ich soll Euch begleiten."
„Na gut“, sagte Frau You lächelnd, „aber ich kann keine Gegeneinladung aussprechen.“ Frau Yóu sagte: „Nun gut — was gibt es dann zum Frühstück? Schnell, damit ich danach aufbrechen kann."
Lachend ging Pee-fëng hinaus, und als sie bald darauf wiederkam, verkündete sie lächelnd: „Der Herr hat gesagt, auch zum Abendessen möchte er Euch bitten, darum solltet Ihr auf jeden Fall rechtzeitig wieder hier sein. Ich aber soll Euch begleiten.“ Pèifèng [138] berichtete: „Der Herr sagt, er frühstückt draußen. Die junge gnädige Frau möge allein essen."
„Und was wird mit dem Frühstück?“ fragte Frau You. „Er soll sich nur beeilen, damit ich gehen kann.“ Frau Yóu fragte: „Wen hat er heute draußen?"
„Der Herr hat gesagt, das Frühstück wolle er draußen einnehmen, und Ihr solltet ohne ihn essen, junge gnädige Frau“, berichtete Pee-fëng weiter. Pèifèng [139] antwortete: „Ich habe nur gehört, dass zwei Neuankömmlinge aus Nánjīng [140] da seien — wer sie sind, weiß ich nicht."
„Wen hat er denn heute draußen?“ erkundigte sich Frau You.

„Ich habe nur gehört, es seien zwei Neuankömmlinge aus Nan-djing da“, gab Pee-fëng zur Antwort. „Ich weiß aber nicht, wer sie sind.“
Während dieses Gesprächs erschien auch Jung Kaufmanns [141] Frau, die sich bereits gewaschen und angekleidet hatte, um ihren Gruß zu entbieten. Bald darauf wurde der Tisch gedeckt. Frau Yóu nahm den oberen Platz ein, Jung Kaufmanns [142] Frau saß ihr gegenüber als Tischgesellschaft. Schwiegermutter und Schwiegertochter aßen gemeinsam, dann kleidete sich Frau Yóu um und fuhr ins Rónguó-Anwesen [143] hinüber. Erst am Abend kehrte sie zurück.
Während dieses Gesprächs war auch Djia Jungs Frau erschienen, die sich gekämmt und gewaschen hatte und nun ihren Gruß entbot. Bald darauf wurde der Tisch gedeckt, Frau You nahm oben auf dem Ehrensitz Platz, und Djia Jungs Frau leistete ihr auf dem unteren Sitz Gesellschaft. Nachdem Schwiegermutter und Schwiegertochter gemeinsam gegessen hatten, ging Frau You sich umziehen, und dann fuhr sie ins Jung-guo-Anwesen hinüber und kam erst am Abend zurück. Tatsächlich hatte Juwel Kaufmann [144] ein ganzes Schwein kochen und einen ganzen Hammel braten lassen. Die übrigen Tafelgerichte und Früchte waren nicht zu zählen. In der Halle des Üppigen Grüns im Garten der Gesammelten Düfte prangten Pfauenmuster auf den Stellschirmen, und Lotos-Polster lagen ausgebreitet. Dorthin führte er seine Frau und seine Nebenfrauen. Erst wurde gegessen, dann Wein getrunken, und alle erfreuten sich in gelöster Stimmung am Anblick des Mondes. Um die erste Nachtwache herum war die Luft rein und der Mond hell — oben und unten schien alles wie Silber.
Tatsächlich hatte Djia Dschën ein Schwein und einen Hammel zubereiten lassen. Die übrigen Speisen und Früchte können hier nicht alle aufgezählt werden. In der Halle des Üppigen Grüns im Garten der Gesammelten Düfte prangten Pfauenbilder auf den Setzschirmen, und Lotosmuster strahlten von den Sitzkissen. Dorthin führte er Frau und Nebenfrauen. Erst kamen die Speisen, dann der Wein auf den Tisch, und alle erfreuten sich in gelöster Stimmung am Anblick des Mondes und waren vergnügt. Um die erste Nachtwache herum war die Luft rein, und der Mond schien klar, Himmel und Erde waren anzusehen wie Silber.

Djia Dschën hatte Lust auf ein Trinkspiel, darum rief Frau You auch Pee-fëng und die anderen drei mit an die Haupttafel, wo sie sich in einer Reihe auf die unteren Plätze setzen mußten, und dann spielten sie Faustraten und Fingerknobeln und tranken ein Weilchen. Als Djia Dschën schon ein wenig berauscht war, geriet er noch mehr in Stimmung und befahl, eine Flöte aus Schwarzbambus zu holen, auf der Pee-fëng spielen mußte, während Wën-hua ein Lied dazu sang. Ihre Stimme war so rein und zart, daß jedermanns Seele gleichsam berauscht wurde und davonzufliegen drohte.
Juwel Kaufmann [145] wollte Trinkspiele veranstalten, und so rief Frau Yóu auch Pèifèng [146] und die anderen drei hinzu, die sich in einer Reihe auf die unteren Plätze setzen mussten. Sie spielten Fingerraten und Faustwette und tranken ein Weilchen. Als Juwel Kaufmann [147] schon einige Becher intus hatte, geriet er immer mehr in Stimmung. Er ließ eine Flöte aus Schwarzbambus holen und befahl Pèifèng [148], darauf zu spielen, während Wénhuā [149] ein Lied sang. Ihre Stimme war so rein und zart, dass jedermanns Seele davon berauscht wurde und schier davonzufliegen drohte. Nach dem Gesang wurden erneut Trinkspiele gespielt. Gegen die dritte Nachtwache war Juwel Kaufmann [150] bereits zu acht Zehnteln betrunken. Eben hatten sich alle etwas übergezogen und Tee getrunken, frische Becher und neuen Wein erhalten — als man plötzlich von jenseits der Mauer ein langes, tiefes Seufzen hörte. Alle hatten es deutlich vernommen und wurden von jäher Furcht ergriffen.
Nachdem das Lied zu Ende war, wurden wieder Trinkspiele gespielt, und als es auf die dritte Nachtwache zuging, war Djia Dschën zu acht Zehnteln betrunken. Eben hatten sich alle etwas übergezogen und Tee getrunken, und es kamen andere Becher und frischer Wein auf den Tisch, da hörten sie plötzlich, wie jenseits der Mauer jemand langanhaltend seufzte. Juwel Kaufmann [151] schrie sofort mit strenger Stimme hinüber: „Wer ist da?!" Obwohl er die Frage mehrmals wiederholte, kam keine Antwort.
Alle hatten es deutlich gehört, und jedermann wurde von Furcht befallen. Djia Dschën schrie sofort wütend hinüber: „Wer ist da?“ Doch obwohl er die Frage mehrmals wiederholte, erfolgte keine Antwort. Frau Yóu sagte: „Es wird wohl jemand vom Gesinde sein, das außerhalb der Mauer wohnt."
„Es wird bestimmt jemand vom Gesinde gewesen sein, das außerhalb der Mauer wohnt“, sagte Frau You. Juwel Kaufmann [152] erwiderte: „Unsinn! Rings um diese Mauer gibt es keine Dienstbotenquartiere — und gleich nebenan liegt unser Ahnentempel. Wie sollte dort jemand sein?"
„Unsinn!“ erwiderte Djia Dschën. „Hinter der Mauer sind nirgends Gesindehäuser. Nahebei liegt nur unser Ahnentempel. Wie sollte jemand dorthin gekommen sein?“ Kaum hatte er ausgesprochen, fegte ein Windstoß über die Mauer, und es klang, als öffneten und schlössen sich die Türen der hölzernen Trennwände im Ahnentempel. Ein eisiger Hauch kam auf, der noch schneidender war als zuvor; das Mondlicht wurde trübe und fahl, ganz anders als vordem. Allen sträubten sich die Haare.
Kaum daß er ausgesprochen hatte, fegte ein Windstoß über die Mauer, und es hörte sich an, als ob im Ahnentempel die Türen in den hölzernen Trennwänden klapperten. Außerdem war der Wind so eisig, daß alle noch stärker fröstelten als vorhin. Auch war das Mondlicht jetzt trübe und fahl anstatt hell und klar wie zuvor, und jeder spürte, wie sich ihm die Haare sträubten. Juwel Kaufmann [153] war zwar halb wieder nüchtern geworden und beherrschte sich besser als die anderen, doch auch er war innerlich zutiefst beunruhigt, und die ganze Stimmung war ihm verdorben. Widerstrebend hielt er noch ein Weilchen aus, dann ging er in seine Gemächer und legte sich schlafen.
Djia Dschën war wieder halbwegs nüchtern geworden, und obwohl er sich mehr in der Gewalt hatte als die übrigen, wurde sein Herz doch von Zweifeln und Furcht bestürmt, und die Laune war ihm gründlich verdorben. Dennoch zwang er sich, noch ein Weilchen auszuhalten, ehe er wieder ins Haus ging und sich schlafen legte. Am nächsten Morgen stand er in aller Frühe auf — es war der fünfzehnte Tag des Monats. Er führte die jungen Männer der Familie in den Ahnentempel, um das bei Neumond und Vollmond übliche Opfer darzubringen. Dabei durchsuchte er den Tempel sorgfältig, doch alles war wie gewohnt — keine Spur von etwas Ungewöhnlichem. Juwel Kaufmann [154] sagte sich, die Trunkenheit habe ihm einen Streich gespielt, und erwähnte den Vorfall nicht weiter. Nach dem Opfer ließ er die Türen wieder fest verschließen und verriegeln.
Am nächsten Morgen stand Djia Dschën in aller Frühe auf, um zum fünfzehnten die Söhne des Hauses in den Ahnentempel zu führen und dort das Opfer zu vollziehen, wie es zu Neumond und Vollmond der Brauch ist. Dabei sah er sich im Ahnentempel sorgfältig um, aber dort waren keine verdächtigen Spuren zu finden. Deshalb sagte sich Djia Dschën, er müsse in der Trunkenheit einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen sein, und erwähnte nichts von dem Vorfall. Als die Zeremonie beendet war, machte er die Türen zu und überzeugte sich davon, daß sie fest verschlossen wurden. Erst nach dem Abendessen fuhren Juwel Kaufmann [155] und Frau Yóu ins Rónguó-Anwesen [156] hinüber. Dort saßen Jiǎ Shè [157] und Jiǎ Zhèng [158] bereits bei der Herzoginmutter [159], plauderten und scherzten mit ihr. Kette Kaufmann [160], Schatzjade [161], Jiǎ Huán [162] und Jiǎ Lán [163] standen in dienstfertiger Haltung daneben. Als Juwel Kaufmann [164] eintrat, begrüßte er jeden der Reihe nach. Nach zwei Sätzen befahl ihm die Herzoginmutter [165], Platz zu nehmen. Respektvoll vornüber gebeugt, setzte er sich auf einen kleinen Hocker in der Nähe der Tür.
Erst nach dem Abendessen begab sich Djia Dschën mit Frau You ins Jung-guo-Anwesen hinüber. Dort fand er Djia Schë und Djia Dschëng im Zimmer der Herzoginmutter, wo sie im Sitzen mit ihr plauderten und scherzten. Djia Liän, Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan standen in dienstfertiger Haltung daneben. Als Djia Dschën eingetreten war, entbot er jedem seinen Gruß, und nach zwei, drei Sätzen befahl ihm die Herzoginmutter, Platz zu nehmen. Respektvoll vornüber gebeugt, setzte er sich auf einen kleinen Hocker in der Nähe der Tür, und nun fragte die Herzoginmutter: „Wie macht sich dein Vetter Bau-yü in den letzten Tagen beim Bogenschießen?“ Die Herzoginmutter [166] fragte lächelnd: „Wie macht sich dein Vetter Schatzjade [167] in den letzten Tagen beim Bogenschießen?"
Sofort stand Djia Dschën wieder auf und gab lächelnd die Auskunft: „Er hat große Fortschritte gemacht. Nicht nur sein Stil hat sich verbessert, auch die Bogenstärke hat er schon um eine Stufe zu steigern vermocht.“ Juwel Kaufmann [168] stand sogleich auf und gab lächelnd Auskunft: „Er hat große Fortschritte gemacht. Nicht nur sein Stil hat sich verbessert, er hat auch schon um eine Bogenstärke zugelegt."
„Damit ist es dann aber genug!“ warnte die Herzoginmutter. „Er soll sich nicht überanstrengen und muß auch vorsichtig sein, daß er sich nicht verletzt.“ Die Herzoginmutter [169] sagte: „Damit ist es aber genug — er soll sich nicht überanstrengen und vorsichtig sein, dass er sich nicht verletzt."
„Sehr wohl, sehr wohl!“ antwortete Djia Dschën rasch mehrmals hintereinander, und die Herzoginmutter fuhr fort: „Die Mondkekse, die du mir gestern hast bringen lassen, waren gut. Auch die Wassermelonen sehen gut aus, aber wenn man sie aufschneidet, ist nicht viel los damit.“ Juwel Kaufmann [170] antwortete rasch mehrmals „Jawohl, jawohl."
„Die Mondkekse hat ein neuer Koch zubereitet, der sich speziell auf Gebäck versteht“, erklärte ihr Djia Dschën. „Erst nachdem ich sie gekostet hatte und für gut befand, wagte ich, sie Euch zu verehren. Die Melonen waren alle Jahre gut, aber diesmal taugen sie aus irgendeinem Grunde nichts.“ Die Herzoginmutter [171] fuhr fort: „Die Mondkuchen, die du gestern geschickt hast, waren gut. Die Wassermelonen sahen auch gut aus, aber als man sie aufschnitt, waren sie nicht besonders."
„Wahrscheinlich, weil es in diesem Jahr zuviel geregnet hat“, warf Djia Dschëng ein. Juwel Kaufmann [172] erklärte lächelnd: „Die Mondkuchen hat ein neuer Koch zubereitet, der sich auf Gebäck spezialisiert hat. Ich habe sie erst selber gekostet, und weil sie tatsächlich gut waren, wagte ich es, sie Euch zu verehren. Die Wassermelonen waren in früheren Jahren immer gut — warum sie dieses Jahr nichts taugen, weiß ich auch nicht."
Nun forderte die Herzoginmutter alle lächelnd auf: „Gehen wir jetzt den Weihrauch opfern! Der Mond ist schon aufgegangen.“ Mit diesen Worten stützte sie sich auf Bau-yüs Schulter und schritt allen voran zum Garten hinüber. Jiǎ Zhèng [173] warf ein: „Wahrscheinlich wegen der vielen Regenfälle dieses Jahr."
Hier stand inzwischen das Haupttor weit offen, und große Hornlaternen hingen daran. Auf der Mondterrasse vor der Halle des Vortefflichen Schattens glühte ein dickes Weihrauchbündel, und Windlichter brannten. Wassermelonen, Mondkekse und allerlei Früchte standen aufgeschichtet bereit. In der Halle warteten schon lange die weiblichen Festgäste, allen voran Dame Hsing. Mondlicht und Lampenschein, Kleiderpracht und Weihrauchschwaden vereinigten sich zu einem üppigen Bild, das nicht zu beschreiben ist. Die Herzoginmutter [174] sagte lächelnd: „Der Mond ist schon aufgegangen — gehen wir jetzt den Weihrauch opfern!" Und sie stützte sich auf Schatzjades [175] Schulter, und alle gingen zusammen in den Garten hinüber.
Auf dem Boden lagen ein Gebetsteppich und brokatbezogene Kissen. Nachdem sich die Herzoginmutter die Hände gewaschen, den Weihrauch entzündet und ihre Stirnaufschläge vollzogen hatte, berührten auch alle anderen mit der Stirn den Boden. Dann sagte die Herzoginmutter: „Den Anblick des Mondes können wir am besten vom Berg aus genießen.“ Und sie befahl, sie in die Halle auf dem Bergrücken zu gehen. Dort stand das Haupttor des Gartens bereits weit offen, und große Hornlaternen hingen daran. Auf der Mondterrasse vor der Halle des Vortrefflichen Schattens [176] brannten hohe Räucherkegel und Windlichter; Melonen, Mondkuchen und allerlei Früchte standen als Opfergaben bereit. Frau Xíng [177] und alle anderen weiblichen Gäste warteten schon seit geraumer Weile im Innern. Mondlicht und Lampenschein, der Duft der Kleider und Weihrauchwolken vereinigten sich zu einem üppigen Bild, das sich nicht mit Worten beschreiben lässt.
Kaum hatte das Gesinde den Befehl vernommen, eilten alle davon, um dort die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Inzwischen trank die Herzoginmutter in der Halle des Vortrefflichen Schattens Tee, ruhte sich ein wenig aus und plauderte etwas. Erst als bald darauf gemeldet wurde: „Es ist alles bereit!“, machte sich die Herzoginmutter, von beiden Seiten gestützt, daran, den Berg zu besteigen. Auf dem Boden lagen Gebetsteppiche und Brokatpolster. Nachdem die Herzoginmutter [178] sich die Hände gewaschen, den Weihrauch entzündet und ihre Verbeugungen vollzogen hatte, verneigten sich auch alle anderen. Dann sagte die Herzoginmutter [179]: „Den Mond bewundert man am besten vom Berg aus." Und sie befahl, zur großen Halle auf dem Bergrücken hinaufzugehen.
„Das Moos auf den Steinen wird glitschig sein!“ warnte Dame Wang und empfahl: „Laßt Euch besser in einem Bambustragstuhl hinauftragen!“ Kaum hatten die Diener das gehört, eilten sie davon, um dort alles herzurichten. Die Herzoginmutter [180] trank derweil in der Halle des Vortrefflichen Schattens [181] Tee, ruhte sich ein wenig aus und plauderte. Als bald darauf gemeldet wurde: „Alles ist bereit!", machte sich die Herzoginmutter [182], von beiden Seiten gestützt, an den Aufstieg.
Aber die Herzoginmutter erwiderte: „Hier wird jeden Tag gefegt, außerdem ist der Weg weder steil noch schmal. Warum soll ich mir nicht ein bißchen die Knochen und Sehnen lockern?“ Frau Wáng [183] warnte: „Auf den Steinen könnte es moosig und glatt sein — es wäre besser, sich im Bambustragstuhl hinauftragen zu lassen."
Also gingen Djia Schë und Djia Dschëng mit den anderen Männern als Führer voraus. Gefolgt wurden sie von zwei alten Sklavinnen mit Handlaternen aus Widderhorn. Yüan-yang, Hu-po und Frau You hielten sich dicht bei der Herzoginmutter und stützten sie. Dame Hsing und die übrigen Frauen gingen hinterdrein. Die Herzoginmutter [184] erwiderte: „Hier wird jeden Tag gefegt, und der Weg ist breit und eben — warum sollte ich mir nicht ein wenig die Knochen lockern?"
So stiegen sie im Zickzack bergauf, und nach wenig mehr als hundert Schritten waren sie auf der höchsten Erhebung des Berges angelangt, wo eine geräumige Halle stand, die auf Grund ihrer Lage auf dem Gipfel den Namen Bergvilla Jadegrüne Erhebung trug. Die Terrasse vor der Halle war durch einen großen Setzschirm in zwei Teile geteilt, und auf jeder Seite standen Tisch und Stühle. Sowohl die Tische als auch die Stühle waren kreisrund zu Ehren des Vollmonds. So gingen Jiǎ Shè [185] und Jiǎ Zhèng [186] voraus als Führer, gefolgt von zwei alten Dienerinnen mit Handlaternen aus Widderhorn. Mandarinenente [187], Bernstein [188] und Frau Yóu hielten sich dicht an der Herzoginmutter [189] und stützten sie. Frau Xíng [190] und die anderen folgten im Zug. So stiegen sie in Windungen den Hang hinauf — nach kaum hundert Schritten waren sie auf der höchsten Erhebung des Berges angelangt, wo eine weitläufige, offene Halle stand. Da sie auf dem Gipfel lag, trug sie den Namen Bergvilla Jadegrüne Erhebung [191]. Auf der Terrasse vor der Halle waren Tische und Stühle aufgestellt, und ein großer Stellschirm teilte den Bereich in zwei Hälften. Sämtliche Tische und Stühle waren rund — als Sinnbild für die Vereinigung des Vollmonds.
Auf dem Mittelplatz am Ehrentisch ließ sich die Herzoginmutter nieder, ihr zur Linken nahmen Djia Schë, Djia Dschën, Djia Liän und Djia Jung Platz und ihr zur Rechten Djia Dschëng, Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan. Aber so war der Kreis nur zur Hälfte geschlossen, so daß an der unteren Seite eine große Lücke klaffte. In der Mitte am Ehrenplatz nahm die Herzoginmutter [192] Platz. Zu ihrer Linken saßen Jiǎ Shè [193], Juwel Kaufmann [194], Kette Kaufmann [195] und Jung Kaufmann [196]; zu ihrer Rechten Jiǎ Zhèng [197], Schatzjade [198], Jiǎ Huán [199] und Jiǎ Lán [200]. So war der Kreis nur zur Hälfte besetzt — die untere Hälfte blieb leer.
Lächelnd sagte die Herzoginmutter: „Alltags hat man nicht den Eindruck, daß wir nicht viele sind, aber wie es heute aussieht, sind wir doch nur sehr wenig – kaum daß wir noch zählen! Wenn ich daran denke, wie wir früher gelebt haben! Da waren wir an diesem Abend dreißig oder vierzig Männer und Frauen. Und was für einen Trubel haben wir damals gehabt! Die paar Leute, die wir heute noch hätten rufen können, haben selber Vater und Mutter und feiern bei sich zu Hause, so daß sie nicht gut abkommen können. Darum wollen wir jetzt den Mädchen befehlen, sich dort hinzusetzen.“Und sie ordnete an, daß jemand Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun von Dame Hsings Tischrunde hinter dem Setzschirm herüberbat. Die Herzoginmutter [201] bemerkte lächelnd: „Im Alltag hat man gar nicht den Eindruck, dass wir so wenig sind. Aber wenn man uns heute anschaut — wir sind wirklich nur eine Handvoll, kaum der Rede wert. Damals, in früheren Zeiten, waren an einem solchen Abend dreißig oder vierzig Leute zusammen — welch ein Trubel! Heute so wenige, das ist zu traurig. Die paar Leute, die wir noch einladen könnten, haben ihre eigenen Eltern und feiern zu Hause — man kann sie nicht herkommen lassen. Ruft also die Mädchen herüber, damit sie dort drüben Platz nehmen."
Djia Liän, Bau-yü und die anderen jüngeren Familienmitglieder standen vom Tisch auf und überließen ihre Stühle den drei Mädchen, ehe sie sich der Rangfolge gemäß auf den unteren Plätzen wieder einordneten. Dann befahl die Herzoginmutter, einen Duftblütenzweig zu bringen und ihn von Hand zu Hand gehen zu lassen, während eine Sklavin hinter dem Wandschirm die Trommel schlug. Wer den Zweig in der Hand hielt, wenn der Trommelschlag aussetzte, sollte einen Becher Wein trinken und zur Strafe etwas Komisches erzählen. Auf ihre Anweisung hin wurden Yíngchūn [202], Tànchūn [203] und Xīchūn [204] von der Tafel der Frau Xíng [205] hinter dem Stellschirm herübergebeten. Kette Kaufmann [206], Schatzjade [207] und die anderen jüngeren Verwandten standen auf und überließen den drei Schwestern ihre Plätze; dann ordneten sie sich der Rangfolge gemäß auf den unteren Sitzen ein.
Bei der Herzoginmutter fing das Spiel an, als Nächster bekam Djia Schë den Zweig, und so wechselte er von einem zum anderen. Für knapp zwei Runden reichten die Trommelschläge, dann hörten sie auf, gerade als Djia Dschëng den Zweig in der Hand hielt, und notgedrungen mußte er trinken. Die Mädchen und Jungen stießen einander heimlich an und kniffen sich gegenseitig verstohlen. Jeder wartete lächelnd, was Djia Dschëng zum besten geben würde, und als dieser sah, wie die Herzoginmutter sich freute, mußte er wohl oder übel auf den Spaß eingehen. Eben wollte er anfangen zu erzählen, da warnte ihn die Herzoginmutter lächelnd: „Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, wirst du noch einmal bestraft!“ Die Herzoginmutter [208] befahl, einen Duftblütenzweig abzubrechen, und wies eine Dienerin an, hinter dem Stellschirm die Trommel zu schlagen und den Zweig von Hand zu Hand gehen zu lassen. Bei wem der Zweig in der Hand war, wenn die Trommel verstummte, der sollte einen Becher Wein trinken und zur Strafe einen Witz erzählen. So begann das Spiel bei der Herzoginmutter [209], ging dann zu Jiǎ Shè [210] und weiter der Reihe nach. Nach knapp zwei Runden Trommelschlag hielt der Zweig genau in Jiǎ Zhèngs [211] Hand inne, und er musste notgedrungen trinken. Die Schwestern und Brüder stießen einander heimlich an und kniffen sich gegenseitig — alle warteten lächelnd darauf, was für einen Witz er erzählen würde. Als Jiǎ Zhèng [212] sah, wie vergnügt die Herzoginmutter [213] war, musste er wohl oder übel der Heiterkeit Genüge tun. Gerade wollte er anfangen, da warnte die Herzoginmutter [214] noch lächelnd: „Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, wirst du noch einmal bestraft!"
„Ich kenne nur eine einzige komische Geschichte“, sagte Djia Dschëng, ebenfalls lächelnd. „Wenn Ihr darüber nicht lacht, muß ich meine Strafe empfangen.“ Und schmunzelnd erzählte er: „Es war einmal ein Mann, der hatte schreckliche Angst vor seiner Frau...“ Jiǎ Zhèng [215] sagte lächelnd: „Ich kenne nur einen einzigen Witz. Wenn er nicht zum Lachen ist, muss ich die Strafe eben annehmen." Und schmunzelnd begann er: „In einer Familie gab es einen Mann, der hatte schreckliche Angst vor seiner Frau."
Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, da lachten schon alle los, aber nur weil sie es noch nie erlebt hatten, daß Djia Dschëng etwas Lustiges gesagt hätte. Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, da lachten schon alle — aber nur, weil sie es noch nie erlebt hatten, dass Jiǎ Zhèng [216] einen Witz erzählte.
„Das ist bestimmt etwas Gutes!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd, und Djia Dschëng erwiderte, gleichfalls lächelnd: „Wenn es etwas Gutes ist, müßt Ihr einen Becher zusätzlich trinken, alte gnädige Frau!“ Die Herzoginmutter [217] sagte lächelnd: „Das wird bestimmt etwas Gutes!"
„Das versteht sich!“ versprach die Herzoginmutter und lächelte wieder. Jiǎ Zhèng [218] erwiderte lächelnd: „Wenn es gut ist, muss die alte gnädige Frau einen Becher zusätzlich trinken."
Djia Dschëng aber fuhr fort: „Dieser feige Mann hatte noch nie gewagt, auch nur einen einzigen unerlaubten Schritt zu tun. Und ausgerechnet am fünfzehnten achten, als er ausging, um etwas einzukaufen, traf er zufällig ein paar Freunde, die ihn mit Gewalt in das Haus des einen von ihnen zum Weintrinken mitschleppten. Ohne daß der Mann es wollte, betrank er sich und schlief dadurch bei seinem Freund ein. Erst am nächsten Tag kam er wieder zu sich, aber nun kam die Reue zu spät, und es blieb ihm nichts weiter übrig, als nach Hause zu gehen und seine Schuld auf sich zu nehmen. Die Herzoginmutter [219] lachte: „Das versteht sich!"
Seine Frau wusch sich eben die Füße und sagte: ‚Wenn das so ist, mußt du mir die Füße lecken, dann verzeihe ich dir!‘ Da hatte der Mann keine andere Wahl, als ihr die Füße zu lecken, doch unwillkürlich wurde ihm dabei so schlecht, daß er sich übergeben mußte. Darüber wurde seine Frau zornig. Sie drohte, ihn zu schlagen, und sagte: ‚Was ist das für ein Benehmen?‘ Vor lauter Angst kniete der Mann nieder und entschuldigte sich: ‚Es ist ja nicht, weil deine Füße stinken. Gestern Abend habe ich zuviel Reiswein getrunken und außerdem ein paar gefüllte Mondkuchen essen müssen, nur darum ist mir heute ein wenig übel.‘“ Jiǎ Zhèng [220] fuhr fort: „Dieser Mann, der seine Frau fürchtete, hatte noch nie gewagt, einen einzigen unerlaubten Schritt zu tun. Doch ausgerechnet am fünfzehnten des achten Monats ging er auf die Straße, um etwas einzukaufen, und traf dabei ein paar Freunde, die ihn mit Gewalt zu einem von ihnen nach Hause schleppten, um Wein zu trinken. Unglücklicherweise betrank er sich dort und schlief bei seinem Freund ein. Erst am nächsten Tag wachte er auf, bereute es bitterlich — aber was blieb ihm anderes übrig, als nach Hause zu gehen und seine Schuld einzugestehen? Seine Frau wusch sich gerade die Füße und sagte: ‚Wenn das so ist, dann leck mir die Füße sauber — dann verzeihe ich dir!' Der Mann musste ihr wohl oder übel die Füße lecken, aber unweigerlich wurde ihm so übel, dass er sich übergeben musste. Da wurde seine Frau wütend, drohte ihn zu schlagen und rief: ‚Was ist das für ein Benehmen!' Vor Angst kniete der Mann sofort nieder und flehte: ‚Es ist ja nicht, weil die Füße der Herrin schmutzig sind! Nur habe ich gestern Abend zu viel gelben Reiswein getrunken und außerdem ein paar gefüllte Mondkuchen gegessen, deshalb ist mir heute ein wenig übel.'"
Die Herzoginmutter und auch alle anderen brachen in Gelächter aus, und rasch goß Djia Dschëng einen Becher Wein ein, den er der Herzoginmutter reichte. Die Herzoginmutter aber sagte lächelnd: „Wenn das so ist, wollen wir schnell Branntwein holen lassen, damit es euch nicht genauso ergeht!“ Und wieder begannen alle zu lachen. Die Herzoginmutter [221] und alle Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus. Jiǎ Zhèng [222] schenkte sogleich einen Becher ein und reichte ihn der Herzoginmutter [223]. Diese sagte lächelnd: „Wenn das so ist, lasst schnell Branntwein holen, damit es euch nicht auch so ergeht!" Und wieder lachten alle.
Anschließend wurde erneut die Trommel geschlagen, und der Zweig machte, von Djia Dschëng ausgehend, die Runde. Ausgerechnet als er bei Bau-yü angelangt war, setzte diesmal der Trommelschlag aus. Darauf wurde erneut die Trommel geschlagen, und der Zweig machte von Jiǎ Zhèng [224] aus die Runde. Ausgerechnet als er bei Schatzjade [225] anlangte, verstummte die Trommel. Schatzjade [226] war in Jiǎ Zhèngs [227] Anwesenheit ohnehin befangen und unruhig, und nun hielt er auch noch den Blütenzweig in der Hand. Er überlegte: ‚Wenn mein Witz nicht zum Lachen ist, heißt es wieder, ich hätte kein Redetalent — nicht einmal einen Witz kann er erzählen, geschweige denn etwas anderes. Mache ich es aber gut, heißt es, auf etwas Ordentliches verstehe er sich nicht, nur auf glattzüngiges Geschwätz — das wäre ein noch größerer Fehler. Besser, ich erzähle gar nichts.' Also stand er auf und entschuldigte sich: „Ich kann keine Witze erzählen — darf ich bitte um eine andere Aufgabe bitten?"
Bau-yü war in Djia Dschëngs Anwesenheit ohnehin respektvoll und unruhig zugleich, und als er jetzt den Zweig in der Hand hielt, sagte er sich: ‚Wenn ich die andern nicht zum Lachen bringe, wird es wieder einmal heißen, ich hätte kein Redetalent und brächte nicht einmal einen Witz zustande, von anderen Dingen ganz zu schweigen. Aber wenn ich es gut mache, wird es im Gegenteil heißen, auf etwas Ordentliches verstünde ich mich nicht, nur auf glattzüngiges Geschwätz. Dann wäre die Verfehlung noch größer. Das beste ist, ich erzähle gar nichts.‘ Also stand er auf und entschuldigte sich: „Ich kann nichts Komisches erzählen und bitte, mir etwas anderes aufzugeben.“ Jiǎ Zhèng [228] sagte: „Gut — dann gebe ich dir das Wort ‚Herbst' vor, und du schreibst aus dem Stegreif ein Gedicht, das zum heutigen Abend passt. Wenn es gut ist, wirst du belohnt; wenn nicht, nimm dich morgen in Acht!"
„Dann gebe ich dir die Silbe tjiu – ‚Herbst‘ – vor, und du schreibst ein Gedicht, das auf den heutigen Abend paßt!“ befahl Djia Dschëng. „Wenn es gut ist, werde ich dich belohnen, aber wenn es nichts taugt, dann nimm dich morgen in acht!“ Die Herzoginmutter [229] warf sogleich ein: „Wir haben doch ein so schönes Trinkspiel — warum muss er jetzt ein Gedicht schreiben?"
„Aber es ist doch so ein schönes Trinkspiel“, wandte die Herzoginmutter ein. „Warum soll er ein Gedicht schreiben?“ Jiǎ Zhèng [230] sagte: „Er kann das."
„Er kann das“, versicherte Djia Dschëng. Die Herzoginmutter [231] lenkte ein: „Nun gut, dann schreib." Und sie ließ Papier und Pinsel bringen.
„Also gut!“ lenkte die Herzoginmutter ein und befahl, Papier und Schreibpinsel zu bringen. Jiǎ Zhèng [232] legte fest: „Du darfst aber nicht solche abgegriffenen Wörter wie ‚Eis', ‚Jade', ‚Kristall', ‚Silber', ‚bunt', ‚strahlend', ‚hell' oder ‚rein' verwenden, sondern musst etwas Eigenes leisten und zeigen, was dich in den letzten Jahren bewegt hat."
„Du sollst aber nicht so abgegriffene Wörter wie ‚Eis‘, ‚Jade‘, ‚Kristall‘ und ‚Silber‘, ‚bunt‘, ‚strahlend‘, ‚hell‘ oder ‚rein‘ gebrauchen, sondern etwas Eigenes leisten und unter Beweis stellen, was für Gedanken du dir in den letzten Jahren gemacht hast“, ordnete Djia Dschëng zusätzlich an.

Das war genau das, was Bau-yü sich gewünscht hatte. Sofort fielen ihm vier Zeilen ein, und er schrieb sie nieder und reichte den Bogen Djia Dschëng, der nun las:
Das traf genau Schatzjades [233] Empfinden. Sogleich fielen ihm vier Zeilen ein, er schrieb sie nieder und reichte den Bogen Jiǎ Zhèng [234]. Dieser las: ... (Anmerkung: An dieser Stelle hat das Manuskript eine Lücke.) Jiǎ Zhèng [235] las es durch und nickte schweigend. Als die Herzoginmutter [236] das sah, wusste sie, dass es nicht allzu schlecht sein konnte, und fragte: „Nun, wie ist es?"
Als er gelesen hatte, nickte er schweigend. Daraus schloß die Herzoginmutter, daß es so schlecht nicht sein konnte, und fragte: „Nun, wie ist es?“ Um der Herzoginmutter [237] eine Freude zu machen, sagte Jiǎ Zhèng [238]: „Er hat sich Mühe gegeben. Nur weil er nicht fleißig genug liest, ist die Wortwahl nicht edel."
Um der Herzoginmutter einen Gefallen zu tun, sagte Djia Dschëng: „Er hat sich Mühe gegeben. Aber weil er zu faul zum Lernen ist, ist die Wortwahl nicht edel.“ Die Herzoginmutter [239] sagte: „Lass gut sein! Wie alt ist er denn? Muss er unbedingt ein großes Genie sein? Man sollte ihn belohnen — dann wird er in Zukunft noch eifriger."
„Laß gut sein!“ verlangte die Herzoginmutter. „Wie alt ist er schon?! Muß er denn unbedingt ein großartiges Talent sein? Du mußt ihn belohnen dafür, dann wird er in Zukunft auch fleißiger sein!“ Jiǎ Zhèng [240] sagte: „Ganz recht." Und er wandte sich um und befahl einer alten Amme: „Geh hinüber und lass dir von den Dienerknaben in meinem Arbeitszimmer zwei von den Fächern geben, die ich aus Hǎinán [241] mitgebracht habe — die soll er bekommen."
„Ganz recht!“ erwiderte Djia Dschëng und wandte den Kopf, um einer der alten Ammen zu befehlen: „Geh hinüber und laß dir von den Jungen in meinem Bibliothekszimmer zwei von den Fächern geben, die ich von Hai-nan mitgebracht habe. Die soll er bekommen.“

Sofort verbeugte sich Bau-yü zum Dank und kehrte dann auf seinen Platz zurück, damit das Trinkspiel weitergehen konnte. Djia Lan aber, der gesehen hatte, wie Bau-yü belohnt wurde, verließ jetzt die Tafel, um auch ein Gedicht zu schreiben und es anschließend Djia Dschëng vorzulegen. Und Djia Dschëng las:

Nach der Lektüre vermochte er seine Freude nicht zu unterdrücken, und als er beide Gedichte der Herzoginmutter erklärte, war auch sie darüber hocherfreut und befahl Djia Dschëng sogleich, er solle nun auch Djia Lan belohnen.
Schatzjade [242] verbeugte sich zum Dank und kehrte auf seinen Platz zurück, um am Trinkspiel weiter teilzunehmen. Da nun hatte Jiǎ Lán [243] gesehen, wie Schatzjade [244] belohnt worden war, und trat seinerseits vor den Tisch, um ebenfalls ein Gedicht zu verfassen. Er reichte es Jiǎ Zhèng [245], und dieser las: ... (Anmerkung: An dieser Stelle hat das Manuskript ebenfalls eine Lücke.) Jiǎ Zhèng [246] las es und konnte seine Freude nicht verbergen. Als er beide Gedichte der Herzoginmutter [247] erklärte, war auch sie hocherfreut und befahl Jiǎ Zhèng [248] sogleich, Jiǎ Lán [249] ebenfalls zu belohnen. Dann kehrten alle auf ihre Plätze zurück und setzten das Trinkspiel fort.
Dann kehrten alle auf ihre Plätze zurück und setzten das Trinkspiel wieder fort. Diesmal blieb der Blütenzweig in Djia Schës Hand, und notgedrungen trank er Wein und begann zu erzählen: „Es war einmal in einer Familie ein sehr pflichttreuer Sohn. Als seine Mutter krank wurde und er nirgends einen Arzt finden konnte, holte er eine Alte, die sich auf Akupunktur verstand. Die Alte, die von der Pulsdiagnostik keine Ahnung hatte, sagte, es sei Feuer des Herzens und wenn sie die Mutter jetzt mit ihren Nadeln behandelte, würde sie bald wieder gesund sein.

Da wurde der Sohn der Kranken unruhig und fragte: ‚Wie könnt Ihr sie mit Nadeln behandeln? Ein Stich ins Herz, und sie ist tot!‘ ‚Ich werde ihr nicht ins Herz stechen, sondern nur in die Rippen‘, erwiderte die Alte. ‚Aber wie soll sie davon gesund werden, die Rippen sind doch vom Herzen weit entfernt?‘ wunderte sich der Sohn der Kranken. ‚Das macht nichts‘, versicherte die Alte. ‚Alle Leute auf dieser Welt, die Kinder haben, sind so einseitig in ihren Gefühlen, daß ihnen das Herz ganz auf der Seite sitzt.‘“
Diesmal hielt der Blütenzweig in Jiǎ Shès [250] Hand inne. Notgedrungen trank er Wein und begann seinen Witz: „In einer Familie gab es einen überaus pflichtbewussten Sohn. Eines Tages wurde seine Mutter krank, und obwohl er überall Ärzte suchte, fand er keinen. Schließlich holte er eine alte Frau, die sich auf Akupunktur verstand. Die Alte, die von der Pulsdiagnostik keine Ahnung hatte, erklärte, es sei ‚Feuer des Herzens', und wenn man die Mutter jetzt mit Nadeln behandle, werde sie bald wieder gesund. Da erschrak der Sohn und fragte: ‚Das Herz stirbt, wenn es Eisen berührt — wie wollt Ihr denn mit Nadeln dorthin stechen?' Die Alte antwortete: ‚Ich steche nicht ins Herz, nur in die Rippen.' Der Sohn fragte: ‚Aber die Rippen sind doch weit vom Herzen entfernt — wie soll das helfen?' Die Alte erwiderte: ‚Das macht nichts. Ihr wisst wohl nicht, wie viele Eltern auf dieser Welt ein Herz haben, das ganz auf die eine Seite geneigt ist!'"
Alle lachten los, und die Herzoginmutter kam nicht umhin, einen halben Becher Wein zu trinken, ehe sie nach längerem Schweigen sagte: „Da könnte diese Alte auch mich behandeln.“ Alle lachten los. Auch die Herzoginmutter [251] musste einen halben Becher Wein trinken. Nach einer Weile sagte sie lächelnd: „Da könnte diese Alte auch mich behandeln."
Als Djia Schë das hörte, merkte er, daß seine Erzählung unbedacht gewesen war und daß die Herzoginmutter sich getroffen fühlte. Darum stand er rasch auf, griff lächelnd nach ihrem Weinbecher, um ihr nachzuschenken, und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. Da konnte auch die Herzoginmutter nicht gut auf die Sache eingehen und ließ das Trinkspiel weitergehen. Als Jiǎ Shè [252] das hörte, merkte er, dass seine Worte unbedacht gewesen waren und die Herzoginmutter [253] sich getroffen fühlte. Sofort stand er auf, ergriff lächelnd ihren Weinbecher, um nachzuschenken, und lenkte das Gespräch rasch auf ein anderes Thema. Die Herzoginmutter [254] konnte die Sache nicht gut weiterverfolgen und ließ das Trinkspiel fortsetzen.
Diesmal behielt ausgerechnet Djia Huan den Blütenzweig in der Hand. Djia Huan hatte in der letzten Zeit auch seine kleinen Erfolge beim Lernen gehabt, aber genau wie Bau-yü stand ihm der Sinn nicht nach dem eigentlichen Lehrstoff. Er las vielmehr gern Gedichte, aber seine besondere Vorliebe galt dem Seltsamen und Geheimnisvollen, Unsterblichen und Geistern. Schon als er sah, wie Bau-yü für sein Gedicht belohnt wurde, hatte es ihn gejuckt, ebenfalls etwas zu schreiben. Nur wagte er es in Djia Dschëngs Anwesenheit nicht, sich in den Vordegrund zu drängen. Aber als er jetzt glücklich den Zweig in der Hand hielt, verlangte er nach dem Schreibzeug und warf im Nu einen Vierzeiler aufs Papier, den er Djia Dschëng reichte. Zu aller Überraschung hielt der Blütenzweig nun in Jiǎ Huáns [255] Hand an. Jiǎ Huán [256] hatte in letzter Zeit gewisse Fortschritte im Lernen gemacht, war aber ebenso wie Schatzjade [257] nicht sonderlich auf den eigentlichen Lehrstoff erpicht. Er las vielmehr gern Gedichte, wobei ihm besonders das Seltsame und Unheimliche, Unsterbliche und Geisterhafte behagten. Als er sah, wie Schatzjade [258] für sein Gedicht belohnt wurde, juckte es ihn in den Fingern — doch in Jiǎ Zhèngs [259] Gegenwart wagte er nicht, sich vorzudrängen. Nun aber hielt er glücklicherweise den Blütenzweig in der Hand, bat also um Papier und Pinsel und warf im Nu einen Vierzeiler nieder, den er Jiǎ Zhèng [260] reichte.
Als Djia Dschëng die Verse las, fand er sie zwar ungewöhnlich, aber er glaubte, zwischen den Zeilen eine Abneigung gegen das Lernen herauslesen zu können. Darum sagte er verstimmt: „Da sieht man, daß die beiden Brüder sind! An Wortwahl und Stimmung ist zu erkennen, daß sie sich auf Irrwegen befinden und sich in Zukunft ‚nicht an Lot und Winkelmaß halten‘ werden. Sie sind wirklich ein minderwertiges Pack.

Wie recht hatten doch die Alten, als sie von zwei Brüdern erklärten, ‚Schwer zu sagen, wer von beiden.‘ Damit könntet auch ihr beide gemeint sein. Nur müßte es dann heißen, schwer zu sagen, wer von beiden schlechter zu erziehen ist. Der Ältere hält sich für einen zweiten Wën Ting-yün, und der Jüngere bildet sich ein, in ihm sei Tsau Tang wiederauferstanden.“
Jiǎ Zhèng [261] las die Verse und fand sie zwar ungewöhnlich, erkannte aber zwischen den Zeilen eine Abneigung gegen das Lernen. Missmutig sagte er: „Da sieht man, dass die beiden Brüder sind! In Wortwahl und Ausdruck neigen sie beide auf Abwege; in Zukunft werden sie sich wohl nicht an Lot und Richtschnur halten — ein heilloses Pack! Die Alten sprachen von den ‚Zwei Vorzüglichen', und tatsächlich könnte man auch euch beide so nennen — nur müsste das Wort ‚vorzüglich' dann im Sinne von ‚vorzüglich schwer zu erziehen' verstanden werden. Der Ältere hält sich ganz offen für einen zweiten Wēn Tíngyún, und nun bildet sich der Jüngere ein, Cáo Táng sei in ihm wiederauferstanden."
Djia Schë und die anderen lachten darüber, dann ließ sich Djia Schë das Gedicht geben, las es durch und lobte es unaufhörlich, um dann zu erklären: „Meiner Meinung nach ist etwas dran an diesem Gedicht! Ich finde, eine Familie wie die unsere kann man nicht mit diesen Hungerleidern vergleichen, die im Licht des Mondes und beim Schein von Glühwürmchen studieren müssen und erst frei atmen können, nachdem sie ‚im Krötenpalast einen Kassiazweig gebrochen‘ haben.

Natürlich müssen auch unsere Kinder die Schriften studieren, aber wenn sie nur ein bißchen verständiger sind als andere Leute, ist ihnen ein Beamtenposten sicher, sobald sie einmal soweit sind, ein Amt ausüben zu können. Warum sollten sie also unnötig Zeit verschwenden und womöglich noch zu Bücherwürmern werden? Ich mag sein Gedicht, denn es spricht der Geist unseres adligen Hauses daraus.“
Jiǎ Shè [262] und die anderen lachten. Dann ließ sich Jiǎ Shè [263] das Gedicht geben, las es durch und lobte es in den höchsten Tönen: „Meiner Meinung nach hat dieses Gedicht echtes Rückgrat! Eine Familie wie die unsere kann man nicht mit diesen armseligen Gelehrten vergleichen, die im Licht des Mondes und beim Schein von Glühwürmchen studieren müssen, nur damit sie eines Tages ‚im Krötenpalast einen Lorbeerzweig brechen' und endlich frei atmen können. Natürlich müssen unsere Kinder die Bücher studieren, aber wenn sie nur ein wenig aufgeweckter sind als andere, ist ihnen ein Amt sicher, sobald die Zeit dafür reif ist. Warum also unnötig Zeit verschwenden und aus ihnen Bücherwürmer machen? Darum gefällt mir sein Gedicht — es atmet den Geist unseres fürstlichen Hauses." Dann ließ er durch jemanden aus seinen Räumen allerlei Spielsachen und Kostbarkeiten holen und schenkte sie Jiǎ Huán [264]. Dabei tätschelte er ihm den Kopf und sagte lächelnd: „Mach nur so weiter — das ist der Stil unserer Familie! Unser Erbtitel wird dir ganz bestimmt nicht entgehen."
Dann wandte er sich um und ließ durch jemanden aus seinen Räumen vielerlei Kleinigkeiten holen, die er Djia Huan zum Geschenk machte. Schließlich tätschelte er ihm noch den Kopf und sagte dabei: „Mach nur so weiter, das ist der Stil unserer Familie! So wird dir unser Erbtitel gewiß nicht entgehen.“

„Wie könnte man nach diesem Geschwafel von ihm auf die Zukunft schließen?!“ wandte Djia Dschëng sofort dagegen ein.
Jiǎ Zhèng [265] hörte das und warnte sofort: „Das war doch nur leichtfertiges Gerede — da kann man doch noch lange nicht auf die Zukunft schließen."
Nach diesen Worten wurde wieder Wein eingegossen, und das Trinkspiel wurde noch eine Weile fortgesetzt. Dann sagte die Herzoginmutter: „Geht ihr jetzt! Draußen warten natürlich noch eure jungen Freunde, die ihr nicht vernachlässigen dürft. Zumal schon längst die zweite Nachtwache begonnen hat. Also geht nur auseinander, während ich mich noch ein Weilchen mit den Mädchen zusammen vergnüge, damit ich nachher besser schlafen kann.“ Darauf wurde wieder Wein eingeschenkt und das Trinkspiel noch eine Weile fortgesetzt. Dann sagte die Herzoginmutter [266]: „Geht jetzt. Draußen warten bestimmt noch eure jungen Freunde — auch sie dürft ihr nicht vernachlässigen. Zudem ist die zweite Nachtwache schon weit vorgerückt. Macht Schluss und lasst mich noch ein Weilchen mit den Mädchen genießen, dann will ich mich zur Ruhe legen."
Djia Schë und die anderen machten also Schluß mit dem Spiel, dann leerten alle zusammen noch einmal die Becher, und anschließend gingen sie mit Söhnen und Neffen davon. Als Jiǎ Shè [267] und die anderen das hörten, beendeten sie das Spiel, alle leerten noch einmal gemeinsam ihre Becher, und dann gingen die Herren mit Söhnen und Neffen davon. Wer Näheres wissen will, der lese das nächste Kapitel.
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
  1. 尤氏
  2. 惜春
  3. 王夫人
  4. 李纨
  5. 素云
  6. 银蝶
  7. 炒豆儿
  8. 宝钗
  9. 宝钗
  10. 宝钗
  11. 贾母
  12. 宝钗
  13. 湘云
  14. 史大妹妹
  15. 宝钗
  16. 探春
  17. 湘云
  18. 宝钗
  19. 探春
  20. 探春
  21. 探春
  22. 惜春
  23. 探春
  24. 王善保
  25. 宝钗
  26. 探春
  27. 探春
  28. 惜春
  29. 探春
  30. 凤姐
  31. 邢夫人
  32. 探春
  33. 湘云
  34. 宝钗
  35. 贾母
  36. 王夫人
  37. 贾母
  38. 凤姐
  39. 贾母
  40. 王夫人
  41. 贾母
  42. 王夫人
  43. 贾母
  44. 鸳鸯
  45. 王夫人
  46. 贾母
  47. 鸳鸯
  48. 宝琴
  49. 贾母
  50. 探春
  51. 探春
  52. 宝琴
  53. 待书
  54. 鸳鸯
  55. 贾赦
  56. 贾政
  57. 贾母
  58. 贾母
  59. 贾母
  60. 凤哥儿
  61. 黛玉
  62. 宝玉
  63. 贾兰
  64. 贾母
  65. 贾母
  66. 王夫人
  67. 探春
  68. 宝琴
  69. 贾母
  70. 鸳鸯
  71. 琥珀
  72. 贾母
  73. 银蝶
  74. 贾母
  75. 鸳鸯
  76. 王夫人
  77. 贾母
  78. 鸳鸯
  79. 探春
  80. 鸳鸯
  81. 王夫人
  82. 贾母
  83. 贾母
  84. 银蝶
  85. 宁国府
  86. 银蝶
  87. 银蝶
  88. 贾蓉
  89. 贾珍
  90. 贾珍
  91. 贾蓉
  92. 贾蓉
  93. 贾赦
  94. 贾政
  95. 贾环
  96. 贾琮
  97. 宝玉
  98. 贾兰
  99. 贾珍
  100. 贾珍
  101. 邢德全
  102. 邢夫人
  103. 薛蟠
  104. 邢德全
  105. 邢夫人
  106. 薛蟠
  107. 薛蟠
  108. 贾珍
  109. 贾珍
  110. 贾蓉
  111. 薛蟠
  112. 邢德全
  113. 邢德全
  114. 贾珍
  115. 贾珍
  116. 邢德全
  117. 贾珍
  118. 邢德全
  119. 邢夫人
  120. 邢德全
  121. 王善保
  122. 贾珍
  123. 银蝶
  124. 邢德全
  125. 邢德全
  126. 贾珍
  127. 佩凤
  128. 贾珍
  129. 佩凤
  130. 佩凤
  131. 佩凤
  132. 凤姐
  133. 佩凤
  134. 佩凤
  135. 佩凤
  136. 佩凤
  137. 南京
  138. 贾蓉
  139. 贾蓉
  140. 荣国府
  141. 贾珍
  142. 贾珍
  143. 佩凤
  144. 贾珍
  145. 佩凤
  146. 文花
  147. 贾珍
  148. 贾珍
  149. 贾珍
  150. 贾珍
  151. 贾珍
  152. 贾珍
  153. 荣国府
  154. 贾赦
  155. 贾政
  156. 贾母
  157. 贾琏
  158. 宝玉
  159. 贾环
  160. 贾兰
  161. 贾珍
  162. 贾母
  163. 贾母
  164. 宝玉
  165. 贾珍
  166. 贾母
  167. 贾珍
  168. 贾母
  169. 贾珍
  170. 贾政
  171. 贾母
  172. 宝玉
  173. 嘉荫堂
  174. 邢夫人
  175. 贾母
  176. 贾母
  177. 贾母
  178. 嘉荫堂
  179. 贾母
  180. 王夫人
  181. 贾母
  182. 贾赦
  183. 贾政
  184. 鸳鸯
  185. 琥珀
  186. 贾母
  187. 邢夫人
  188. 凸碧山庄
  189. 贾母
  190. 贾赦
  191. 贾珍
  192. 贾琏
  193. 贾蓉
  194. 贾政
  195. 宝玉
  196. 贾环
  197. 贾兰
  198. 贾母
  199. 迎春
  200. 探春
  201. 惜春
  202. 邢夫人
  203. 贾琏
  204. 宝玉
  205. 贾母
  206. 贾母
  207. 贾赦
  208. 贾政
  209. 贾政
  210. 贾母
  211. 贾母
  212. 贾政
  213. 贾政
  214. 贾母
  215. 贾政
  216. 贾母
  217. 贾政
  218. 贾母
  219. 贾政
  220. 贾母
  221. 贾政
  222. 宝玉
  223. 宝玉
  224. 贾政
  225. 贾政
  226. 贾母
  227. 贾政
  228. 贾母
  229. 贾政
  230. 宝玉
  231. 贾政
  232. 贾政
  233. 贾母
  234. 贾母
  235. 贾政
  236. 贾母
  237. 贾政
  238. 海南
  239. 宝玉
  240. 贾兰
  241. 宝玉
  242. 贾政
  243. 贾政
  244. 贾母
  245. 贾政
  246. 贾兰
  247. 贾赦
  248. 贾母
  249. 贾赦
  250. 贾母
  251. 贾母
  252. 贾环
  253. 贾环
  254. 宝玉
  255. 宝玉
  256. 贾政
  257. 贾政
  258. 贾政
  259. 贾赦
  260. 贾赦
  261. 贾环
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  263. 贾母
  264. 贾赦

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