Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 77

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Kapitel 77: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
77.Zu Unrecht gedemütigt, stirbt ein schönes Sklavenmädchen in der Blüte seiner Jahre;alle Bindungen lösend, tritt eine liebliche Schauspielerin als Nonne ins Kloster ein. Siebenundsiebzigstes Kapitel
Als das Mittelherbstfest vorüber war, stellte Dame Wang fest, daß Hsi-fëngs Krankheit bereits im Abklingen war. Zwar war sie noch nicht völlig genesen, aber sie konnte doch schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch kam nach wie vor jeden Tag der Arzt, um ihr die Pulse zu fühlen, und sie mußte weiterhin Medikamente einnehmen. Zur Anfertigung der Arzneikugeln, die der Arzt ihr verschrieb, wurden zwei Liang besten Ginsengs gebraucht, aber als Dame Wang befahl, ihn zu holen, fanden sich nach langem Suchen in einem Kästchen nur ein paar Wurzeln, die nicht stärker waren als Haarpfeile. Damit war Dame Wang nicht zufrieden, und so befahl sie weiterzusuchen. Aber alles, was sich noch fand, war ein Paket mit Fasern und Krümeln. Die hübsche Dienerin stirbt zu Unrecht vor der Zeit; die schöne Schauspielerin schneidet alle Gefühle ab und kehrt zu Wasser und Mond zurück
Aufgeregt sagte Dame Wang: „Wenn man keinen braucht, ist welcher da, und ausgerechnet wenn man welchen braucht, ist keiner zu finden. Immer wieder habe ich euch befohlen, ihr solltet aufräumen und allen Ginseng an eine Stelle tun. Aber ihr könnt ja nicht hören und laßt alles liegen, wo es euch eben aus der Hand fällt. Ihr wißt einfach nicht, was der Ginseng wert ist. Wieviel Silber das kostet, ihn erst kaufen zu müssen, wenn man ihn braucht, und dann taugt er nicht einmal was!“ Es wird erzählt, dass Frau Wang nach dem Mittelherbstfest feststellte, dass Phönixglanz' Krankheit sich bereits gebessert hatte. Zwar war sie noch nicht völlig genesen, doch konnte sie schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch ließ Frau Wang weiterhin jeden Tag den Arzt kommen, um ihr den Puls zu fühlen und Medizin zu verabreichen. Der Arzt verschrieb nun ein Rezept für Pillen zur Regulierung der Menstruation und Nährung der Lebenskraft. Dafür wurden zwei Liang[1] besten Ginsengs benötigt. Als Frau Wang ihn holen ließ, fand man nach langem Suchen in einem kleinen Kästchen nur ein paar Wurzeln, nicht dicker als Haarnadeln. Frau Wang war damit nicht zufrieden und befahl, weiter zu suchen. Doch alles, was noch gefunden wurde, war ein großes Päckchen mit Fasern und Krümeln.
„Wir werden wohl bis auf diesen keinen mehr haben“, erwiderte ihr Tsai-yün. „Als letztens die gnädige Frau von drüben welchen brauchte, habt Ihr alles weggegeben.“

„Das kann nicht sein“, beharrte Dame Wang. „Such noch einmal sorgfältig nach!“
Ärgerlich sagte Frau Wang: „Wenn man keinen braucht, ist welcher da, aber sobald man welchen braucht, ist keiner mehr zu finden! Immer wieder habe ich euch gesagt, ihr sollt einmal nachsehen und alles an einer Stelle zusammenlegen. Aber ihr hört ja nicht und lasst alles irgendwo liegen. Ihr wisst einfach nicht, wie wertvoll er ist. Wenn man ihn kaufen muss, kostet er ein Vermögen, und dann taugt er nicht einmal!“
Wohl oder übel mußte Tsai-yün also noch einmal suchen, und diesmal kam sie mit mehreren Päckchen Arzneipflanzen wieder und sagte: „Wir wissen nicht, was das ist. Seht es Euch bitte selber an, gnädige Frau! Etwas anderes ist nicht da.“ Caiyun erwiderte: „Wahrscheinlich ist keiner mehr da, außer diesem hier. Als letztes Mal die gnädige Frau von drüben welchen brauchte, habt Ihr ihr alles gegeben.“
Als Dame Wang die Päckchen aufmachte, konnte sie sich ebensowenig besinnen, was für Kräuter das waren, aber es war keine einzige Ginsengwurzel darunter. Also schickte sie jemand zu Hsi-fëng, um zu fragen, ob sie welche habe, aber Hsi-fëng antwortete: „Ich habe nur ein bißchen Ginsengpaste und ein paar Fasern und Enden. Die paar Wurzeln, die ich noch da habe, sind nicht von der besten Sorte, und ich brauche sie, um die täglichen Heiltränke davon zu kochen.“ „Das kann nicht sein“, beharrte Frau Wang. „Such noch einmal gründlich!“
Notgedrungen mußte sich Dame Wang nun an Dame Hsing wenden, aber diese ließ ihr erwidern: „Ich hatte nur deshalb bei euch darum gebeten, weil ich selbst keinen mehr besaß. Jetzt ist er längst alle.“ Wohl oder übel suchte Caiyun noch einmal und kam mit mehreren Päckchen Arzneikräuter zurück. „Wir kennen diese nicht“, sagte sie. „Seht bitte selbst nach, gnädige Frau. Außer diesen hier ist nichts mehr da.“
Also blieb Dame Wang nichts anderes übrig, als sich persönlich an die Herzoginmutter zu wenden. Diese gab Yüan-yang den Befehl, sie solle bringen, was von noch übrig war, und das erwies sich als ein großes Paket von Wurzeln, alle so stark wie ein Finger. Davon ließ die Herzoginmutter zwei Liang abwiegen und Dame Wang geben. Als Dame Wang zurückkam, übergab sie den Ginseng Dschou Juees Frau und befahl ihr, die Sklavenjungen sollten ihn zu dem Arzt in die Wohnung tragen und zugleich auch jene Päckchen mitnehmen, deren Inhalt sie nicht festzustellen vermochte, damit er alles bestimmte und die Namen auf den Päckchen vermerkte. Als Frau Wang die Päckchen öffnete, konnte sie sich ebenfalls nicht mehr erinnern, was für Kräuter das waren, doch eine einzige Ginsengwurzel war nicht darunter. Also schickte sie jemanden, um Phönixglanz zu fragen, ob sie welchen habe. Phönixglanz ließ antworten: „Ich habe nur etwas Ginsengpaste und ein paar Fasern. Die wenigen Wurzeln, die ich noch besitze, sind nicht von bester Qualität, und ich brauche sie täglich für meine eigenen Heiltränke.“
Nach einiger Zeit kam Dschou Juees Frau dann wieder und berichtete: „Diese Päckchen hier sind wieder ordentlich verpackt, und auf jedem ist die Bezeichnung vermerkt. Der Ginseng war wirklich von der besten Sorte, und heute bekommt man so etwas auch für dreißig Liang Silber pro Liang nicht zu kaufen, aber er ist schon zu alt. Mit Ginseng ist es nicht so wie mit anderen Sachen. Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren wird er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber es ist nur noch Moder, der seine Kraft verloren hat. Der Arzt läßt Euch bitten, ihn zurückzunehmen und ihm frischen dafür zu schicken, egal ob es dicke oder dünne Wurzeln sind.“ Da blieb Frau Wang nichts anderes übrig, als sich an Dame Xing zu wenden, doch diese ließ ausrichten: „Da ich selbst keinen mehr hatte, habe ich ja gerade bei euch welchen geholt. Der ist längst aufgebraucht.“
Schweigend senkte Dame Wang den Kopf und sagte erst nach langer Pause: „Da bleibt uns nichts weiter übrig, als zwei Liang kaufen zu gehen.“ Und da ihr der Sinn nicht danach stand, sich die anderen Arzneipflanzen anzusehen, befahl sie: „Räumt das alles weg!“ So musste Frau Wang persönlich zur Herzoginmutter gehen, um sie zu bitten. Die Herzoginmutter befahl sogleich Mandarinenente, den Rest von früher zu holen. Es war noch ein großes Päckchen da, alles Wurzeln so dick wie ein Finger. Davon ließ sie zwei Liang abwiegen und Frau Wang geben.
Dann wandte sie sich wieder an Dschou Juees Frau und beauftragte sie: „Geh und sag den Leuten draußen, sie sollen guten Ginseng ausfindig machen und zwei Liang davon kaufen! Wenn die alte gnädige Frau einmal danach fragen sollte, sagt ihr, wir hätten ihren Ginseng genommen, und macht keine Worte darum!“ Frau Wang übergab den Ginseng der Frau des Zhou Rui mit dem Auftrag, die Diener sollten ihn zum Arzt bringen. Außerdem ließ sie die unbekannten Päckchen mitschicken, damit der Arzt sie bestimme und die Namen darauf vermerke.
Dschou Juees Frau wollte schon losgehen, da sagte Bau-tschai, die ebenfalls anwesend war, mit lächelnder Miene: „Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draußen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Wenn wirklich einmal eine gute Wurzel auftaucht, dann schneiden sie sie unbedingt in zwei oder drei Stücken und fügen wertlose Enden oder ausgekochte Stücken dazwischen und verkaufen das als gute Wurzeln, ohne daß man sehen kann, ob er etwas taugt. Nach einiger Zeit kam die Frau des Zhou Rui zurück und berichtete: „Die Päckchen sind alle ordentlich beschriftet. Der Ginseng ist zwar von allerbester Sorte, und heutzutage bekommt man so etwas nicht einmal für dreißig Liang Silber pro Liang. Aber er ist zu alt. Mit Ginseng ist es anders als mit anderen Dingen: Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren zerfällt er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber er ist nur noch morsches, fauliges Holz und hat keinerlei Wirkung mehr. Bitte verwahrt ihn, gnädige Frau, und besorgt stattdessen frischen, egal ob die Wurzeln dick oder dünn sind.“
Wir haben in unserm Laden oft mit Ginsenghändlern zu tun, darum will ich mit meiner Mutter sprechen, damit sie meinen Bruder beauftragt, einen unserer Gehilfen hinzuschicken. Er soll mit ihnen reden und sie beauftragen, zwei Liang guten, echten Ginseng für uns zu kaufen. Besser, ein paar Liang Silber mehr ausgeben, aber dafür habt Ihr dann auch wirklich etwas Ordentliches!“ Frau Wang senkte schweigend den Kopf. Erst nach langer Pause sagte sie: „Da ist nichts zu machen. Wir müssen eben zwei Liang kaufen gehen.“ Sie hatte keine Lust, sich die übrigen Arzneien anzusehen, und befahl nur: „Räumt alles weg!“ Dann wandte sie sich an die Frau des Zhou Rui: „Geh und sag den Leuten draußen, sie sollen guten Ginseng besorgen und zwei Liang kaufen. Falls die alte gnädige Frau einmal fragen sollte, sagt einfach, wir hätten ihren Ginseng verwendet, und macht keine großen Worte darüber.“
„Du bist wahrlich verständig!“ lobte Dame Wang und lächelte dabei. „Es ist also das beste, ich bemühe dich deswegen.“ Die Frau des Zhou Rui wollte sich gerade auf den Weg machen, als Schatzspange, die ebenfalls anwesend war, lächelnd sagte: „Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draußen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Selbst wenn einmal eine ganze Wurzel dabei ist, schneiden sie sie in zwei oder drei Stücke, setzen wertlose Enden und Fasern dazwischen und verkaufen das Ganze als gute Ware, ohne dass man die Qualität erkennen kann. Unser Laden hat ständig mit Ginsenghändlern zu tun. Lasst mich mit meiner Mutter sprechen, damit mein Bruder einen Gehilfen zu den Ginsenghändlern schickt und mit ihnen verhandelt. Er soll zwei Liang guten, unbearbeiteten Ginseng in Originalwurzeln beschaffen. Lieber geben wir ein paar Liang Silber mehr aus, dann haben wir dafür auch wirklich etwas Ordentliches.“
Daraufhin ging Bau-tschai fort, und als sie nach geraumer Zeit wiederkam, sagte sie: „Es ist schon jemand geschickt worden, und bis zum Abend wird er Bescheid bringen. Wenn die Arznei morgen in aller Frühe zubereitet wird, ist es noch nicht zu spät.“ Frau Wang lächelte: „Du bist wirklich verständig. Am besten gehst du persönlich.“
Dame Wang freute sich natürlich, dann sagte sie: „Wahrhaftig, ‚die Haarölhändlerin macht sich das Haar mit Wasser naß.‘ Wieviel guten Ginseng hatten wir ursprünglich im Haus, und wieviel haben wir davon andern gegeben! Aber jetzt, wo wir selber welchen brauchen, müssen wir andere um Hilfe bitten.“ Und sie stieß einen langen Seufzer aus. Also ging Schatzspange und kam nach geraumer Zeit zurück mit der Nachricht: „Es ist schon jemand hingeschickt worden. Bis zum Abend wird es Bescheid geben. Morgen früh ist es noch nicht zu spät, die Arznei zuzubereiten.“
Lächelnd entgegenete Bau-tschai: „Ginseng kostet zwar einiges Geld, aber es ist nun einmal nichts anderes als ein Heilmittel. Darum ist es ganz richtig, ihn wegzugeben und andern damit zu helfen. Schließlich gehören wir doch nicht zu den Leuten, die nichts gesehen haben von der Welt und die solche Dinge eifersüchtig versteckt halten, wenn sie sie bekommen.“ Frau Wang freute sich und sagte: „Wahrhaftig, wie das Sprichwort sagt: 'Die Händlersfrau kämmt sich die Haare mit Wasser.' Früher hatten wir so viel guten Ginseng im Haus und haben ihn freigebig an andere verschenkt. Jetzt, wo wir selbst welchen brauchen, müssen wir überall um Hilfe bitten.“ Sie stiess einen langen Seufzer aus.
„Du hast ganz recht“, bestätigte Dame Wang und nickte dazu. Schatzspange sagte lächelnd: „So wertvoll er auch ist, letztlich ist er doch nur Medizin und sollte den Menschen zugutekommen. Wir sind nicht wie jene Familien, die nichts von der Welt kennen und solche Dinge horten und verstecken, sobald sie welche haben.“
Als Bau-tschai sich verabschiedet hatte und niemand weiter im Zimmer war, rief Dame Wang nach Dschou Juees Frau und fragte sie, ob neulich bei der Durchsuchung des Gartens etwas herausgekommen sei. Dschou Juees Frau, die sich bereits mit Hsi-fëng und den anderen abgesprochen hatte, verheimlichte ihr nicht die geringste Kleinigkeit und gab einen klaren Bericht. Frau Wang nickte: „Sehr richtig gesprochen.“
Nachdem Dame Wang alles gehört hatte, war sie erschrocken und zornig zugleich, außerdem war sie jedoch auch betreten, denn schließlich war Sï-tji aus Ying-tschuns Gesinde und gehörte damit zum anderen Wohngehöft. So sah sie keine andere Möglichkeit, als jemand zu Dame Hsing zu schicken, um ihr die Sache zu melden. Nachdem Schatzspange gegangen war und sonst niemand im Zimmer war, rief Frau Wang die Frau des Zhou Rui herein und erkundigte sich nach dem Ergebnis der Durchsuchung des Gartens von neulich. Die Frau des Zhou Rui hatte bereits alles mit Phönixglanz und den anderen besprochen und berichtete nun Frau Wang ausführlich, ohne etwas auszulassen.
Aber Dschou Juees Frau wandte ein: „Schon neulich hat die gnädige Frau von drüben der Frau von Wang Schan-bau vorgeworfen, sie sei übereifrig gewesen, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Seitdem ist sie unter dem Vorwand von Krankheit zu Hause geblieben und wagt es nicht, sich zu zeigen. Zumal Sï-tji ihre Enkelin ist, und sie sich mit dieser Sache ins eigene Fleisch geschnitten hat. Darum tut sie jetzt notgedrungen so, als ob sie nichts davon wüßte, so daß mit der Zeit Gras darüber wächst. Wenn wir jetzt hinübergehen und die Sache melden, wird sie wohl wieder mißtrauisch werden, und es würde so aussehen, als ob nun wir übereifrig wären.

Darum wäre es das beste, wenn man Sï-tji direkt zur gnädigen Frau hinüberbringt und sie ihr zusammen mit den Beweisstücken vorführt. Dann bekommt sie eine Tracht Prügel und wird mit jemand verheiratet, und es wird eine neue Magd bestimmt. Wäre das nicht viel unkomplizierter?

Wenn wir es einfach nur melden gehen, wird die gnädige Frau von drüben tausend Einwände machen und wird sagen: ‚Wenn das so ist, hätte Eure gnädige Frau die Sache regeln müssen. Was wollt ihr also noch von mir?‘ Würde damit nicht alles nur verzögert werden? Und wenn sich das Mädchen eine Gelegenheit zunutze macht, um sich umzubringen, wäre das auch nicht gut. Sie wird nun schon ein paar Tage bewacht, und jeder Mensch wird einmal nachlässig. Wenn es wirklich dazu käme, würde ein weiterer Skandal daraus entstehen.“
Frau Wang war zugleich erschrocken und zörnig, doch zugleich wusste sie nicht recht, wie sie die Sache handhaben sollte. Siqin[2] war nämlich Yingchuns Dienerin und gehörte zur anderen Seite des Hauses; man musste also Dame Xing benachrichtigen. Die Frau des Zhou Rui wandte ein: „Neulich war die gnädige Frau von drüben schon auf Wang Shanbaos Frau böse, weil sie sich in alles einmischte, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Jetzt stellt sie sich krank und will sich nicht mehr zeigen. Außerdem ist es ihre eigene Enkelin — sie hat sich selbst ins Gesicht geschlagen und tut jetzt am besten so, als hätte sie es vergessen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Wenn wir jetzt hinübergehen und Bericht erstatten, wird man dort gleich argwöhnen, wir wollten uns einmischen. Besser wäre es, Siqin einfach hinüberzubringen mitsamt den Beweißtücken, sie vor der gnädigen Frau von drüben durchprügeln zu lassen und mit jemandem zu verheiraten, und dann bekommt das Fräulein eben eine neue Dienerin — wäre das nicht einfacher? Wenn wir es ihr erst mitteilen, wird die gnädige Frau von drüben nur wieder Ausreden finden und sagen: 'Wenn es so ist, hätte eure gnädige Frau es gleich selbst erledigen sollen — wozu sagt ihr es mir?' Und dann verzögert sich alles nur noch mehr. Wenn das Mädchen unterdessen die Gelegenheit nutzt und sich etwas antut, wäre das schlimm. Jetzt beobachten wir sie schon zwei, drei Tage, aber jeder wird auch mal nachlässig, und wenn sie einen unbeobachteten Moment findet, könnte ein Unglück geschehen.“
Dame Wang dachte eine Zeitlang darüber nach, dann sagte sie: „Das ist richtig. Bringen wir also die Sache schnell zum Abschluß und nehmen uns dann die Verführerinnen im eigenen Haushalt vor!“ Frau Wang überlegte und sagte: „Da hast du recht. Erledige erst diesen Fall, dann nehmen wir uns unsere eigenen Plagegeister vor.“
Als Dschou Juees Frau das hörte, holte sie die anderen Sklavenfrauen zusammen und ging mit ihnen zu Ying-tschun, um ihr zu berichten: „Die gnädigen Frauen haben gesagt, Sï-tji sei jetzt groß, und da ihre Mutter immer wieder darum bat, hat die gnädige Frau jetzt gestattet, daß ihre Mutter sie verheiratet. Sie soll jetzt gehen, und dann wird eine andere gute Magd ausgewählt, um Euch zu bedienen, Fräulein.“ Und damit befahl sie Sï-tji, sie solle ihre Sachen packen und ihnen folgen. Die Frau des Zhou Rui versammelte daraufhin einige Dienerinnen und ging zürst zu Yingchun. Sie meldete ihr: „Die gnädigen Frauen haben beschlossen, dass Siqin nun alt genug ist. Ihre Mutter hat in den letzten Tagen die gnädige Frau gebeten, sie freizugeben und zu verheiraten. Ab heute soll sie gehen, und man wird Euch eine neue Dienerin zuteilen.“ Damit forderte sie Siqin auf, ihre Sachen zu packen.
Ying-tschun waren bei diesen Worten die Tränen in die Augen getreten, und sie schien sich nicht von Sï-tji trennen zu wollen. Aber da sie gehört hatte, was die anderen Sklavenmädchen in den vergangenen Nächten leise über den wahren Grund gesagt hatten, konnte sie trotz der Gefühle, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hatten und die ihr die Trennung schwer machten, nichts unternehmen, weil es um die Sittlichkeit ging.

Sï-tji hatte Ying-tschun so sehr gebeten und wirklich gehofft, sie würde ihre Begnadigung erwirken, aber Ying-tschun war nicht redegewandt und ließ sich leicht beeinflussen, anstatt ihre eigene Meinung zu vertreten.
Als Yingchun dies hörte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten und schien voller Abschiedsschmerz. Sie hatte in der Nacht zuvor von den anderen Dienerinnen die wahren Gründe bereits geflüsternd erfahren. Obwohl es ihr nach all den Jahren schwerfiel, sich zu trennen, betraf die Sache die öffentliche Moral, und da ließ sich nichts machen. Siqin hatte Yingchun angefleht, für sie einzutreten, in der festen Hoffnung, das Fräulein würde sie mit aller Kraft verteidigen. Doch Yingchun war von langsamer Rede, hatte ein weiches Herz und leicht beeinflussbare Ohren und war nicht imstande, sich durchzusetzen.
Als Sï-tji sah, was geschah, und erkennen mußte, daß man ihr nicht verzieh, sagte sie unter Tränen: „Wie hartherzig Ihr seid, Fräulein! In den letzten Tagen habt Ihr mich an der Nase herumgeführt, jetzt aber wißt Ihr wohl keinen einzigen Satz mehr zu sagen?“ Als Siqin sah, dass es keine Rettung gab, weinte sie und rief: „Fräulein, wie könnt Ihr so hartherzig sein! Diese zwei Tage habt Ihr mich hingehalten, und jetzt habt Ihr kein einziges Wort für mich?“
„Erwartest du vielleicht noch, daß das Fräulein dich behält?“ fragte Dschou Juees Frau. „Selbst wenn sie dich behielte, könntest du doch hier im Garten niemand mehr in die Augen sehen. Also tu, was wir dir im Guten sagen, pack schnell deine Sachen und komm ohne große Umstände mit! Das ist für alle Seiten ehrenvoller.“ Die Frau des Zhou Rui und die anderen sagten: „Willst du etwa, dass das Fräulein dich zurückhält? Selbst wenn es das täte, könntest du den Leuten im Garten nicht mehr unter die Augen treten. Hör auf unseren guten Rat: Pack schnell zusammen und geh, ohne dass jemand etwas merkt. Das ist für alle Seiten das Beste.“
Weinend setzte Ying-tschun hinzu: „Ich weiß, daß du irgend etwas Schlimmes getan haben mußt. Wenn ich mich jetzt zu sehr für dich einsetze, damit du bleiben darfst, ist es doch auch mit mir aus. Schau dir Ju-hua an! Sie war auch jahrelang hier. Wieso ist sie denn gegangen, kaum daß man es ihr gesagt hat? Und es geht ja natürlich auch nicht nur um euch beide. Ich glaube, alle im Garten, die groß geworden sind, werden gehen müssen. Und da wir uns eines Tages doch trennen müssen, scheint es mir besser, du gehst freiwillig.“ Yingchun sagte unter Tränen: „Ich weiß, was du angestellt hast. Würde ich trotzdem für dich eintreten und dich halten, wäre auch ich verloren. Schau dir Ruhua an — auch sie war jahrelang hier und musste gehen, und es wird nicht bei euch beiden bleiben. Früher oder später werden sich wohl alle hier trennen müssen. Meiner Meinung nach geht ihr am besten jede eures Weges.“
„Ihr seid ein verständiger Mensch, Fräulein“, lobte Dschou Juees Frau. „Und du sei ganz ruhig, bald werden noch andere fortgeschickt.“ Die Frau des Zhou Rui sagte: „Da sieht man, dass das Fräulein vernünftig ist. Morgen werden noch weitere gehen müssen. Sei also beruhigt!“
Nun hatte Sï-tji keine andere Wahl mehr. Unter Tränen machte sie vor Ying-tschun ihren Stirnaufschlag, und als sie sich von ihren Mitschwestern verabschiedet hatte, flüsterte sie Ying-tschun noch zu: „Erkundigt Euch bitte, ob ich bestraft werden soll, und legt ein gutes Wort für mich ein, um unseren Beziehungen als Herrin und Dienerin gerecht zu werden!“ Siqin blieb nichts anderes übrig, als unter Tränen vor Yingchun niederzuknien, sich von den Schwestern zu verabschieden und Yingchun leise ins Ohr zu flüstern: „Wenn du erfährst, dass ich bestraft werde, dann leg bitte ein gutes Wort für mich ein — als Dank für unsere gemeinsame Zeit als Herrin und Dienerin!“ Auch Yingchun antwortete unter Tränen: „Sei beruhigt.“
„Sei unbesorgt!“ antwortete Ying-tschun, ebenfalls mit Tränen in den Augen. Daraufhin führten die Frau des Zhou Rui und die anderen Siqin aus dem Hof. Sie ließen zwei Dienerinnen ihre Habseligkeiten tragen. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam Xiuju von hinten nachgelaufen, sich ebenfalls die Tränen wischend, und reichte Siqin ein Seidenpäckchen: „Das schickt das Fräulein. Herrin und Dienerin — nun, da wir uns auf einmal trennen müssen, soll dies ein Andenken sein.“
Nun führte Dschou Juees Frau Sï-tji zum Hoftor hinaus, dann befahl sie, zwei von den Sklavenfrauen sollten Sï-tjis Sachen tragen. Aber kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam ihnen Hsiu-djü hinterhergeeilt, die sich mit einer Hand die Tränen abwischte, während sie mit der anderen Sï-tji einen seidenen Beutel reichte. Dabei sagte sie: „Das schickt dir das Fräulein. Nachdem ihr so lange als Herrin und Dienerin zusammengewesen seid und euch nun trennen müßt, soll dies ein Andenken für dich sein.“ Siqin nahm es entgegen und weinte nun erst recht. Sie und Xiuju umarmten sich noch einmal weinend. Die Frau des Zhou Rui drängte ungeduldig, und die beiden mussten sich trennen.
Sï-tji nahm den Beutel entgegen, und unwillkürlich flossen ihre Tränen noch reichlicher, während sie jetzt mit Hsiu-djü zusammen weinte. Aber ungeduldig mahnte Dschou Juees Frau zur Eile, und die beiden mußten sich trennen. Siqin flehte noch unter Tränen: „Liebe Tanten und Schwestern, habt doch ein Einsehen! Lasst mich wenigstens kurz anhalten und mich von meinen guten Freundinnen verabschieden — wir waren doch all diese Jahre so vertraut miteinander.“
„Drückt doch bitte ein Auge zu, Tante, und macht ein Weilchen halt, damit ich mich von den Schwestern verabschieden kann, mit denen ich befreundet war und mit denen ich mich all die Jahre hindurch so gut verstanden habe!“ bat Sï-tji weinend. Die Frau des Zhou Rui und die anderen hatten alle selbst genug zu tun. Diese Aufgabe zu erledigen war ihnen ohnehin lästig genug, und außerdem trugen sie den Dienerinnen deren frühere Überheblichkeit nach. Woher sollten sie da die Geduld nehmen, auf Siqins Wünsche einzugehen? So sagte die Frau des Zhou Rui kühl: „Ich rate dir, geh einfach! Hör auf mit dem Gezeter! Wir haben Wichtigeres zu tun. Ihr seid ja nicht zusammen aufgewachsen — wozu willst du dich von ihnen verabschieden? Die lachen sich doch nur über dich kaputt! Du versuchst nur, jede Minute hinauszuzögern, als ob sich dadurch etwas ändern würde. Hör auf meinen Rat und geh!“ Während sie so sprach, blieb sie keinen Augenblick stehen und führte Siqin schnurstracks zum hinteren Seitentor hinaus. Siqin wagte nichts mehr zu sagen und folgte ihnen hinaus.
Aber Dschou Juees Frau und die übrigen Sklavenfrauen hatten andere Sorgen und wollten sich deshalb nicht die Zeit dafür nehmen. Außerdem war es ihnen zutiefst verhaßt, wie sich Sï-tji und die anderen Sklavenmädchen stets aufgespielt hatten. Darum ließen sie sich jetzt auf nichts ein, und Dschou Juees Frau sagte mit kühlem Lächeln: „Ich rate dir, geh und trödel nicht herum! Wir haben schließlich auch noch ernsthafte Dinge zu besorgen. Stammt hier vielleicht jemand mit dir aus einem Mutterleib? Wozu willst du dich also von ihnen verabschieden? Sie würden dich nicht einmal ansehen, wenn du lachen würdest. Du willst nur herumbummeln, um Zeit zu gewinnen. Glaubst du etwa, damit würde sich die Sache erledigen? Hör, was ich dir sage, und geh jetzt schnell!“

Das sagte sie, ohne auch nur stehenzubleiben, und führte Sï-tji zum hinteren Seitentor hinaus. So blieb Sï-tji nichts weiter übrig, als ihr zu folgen, zumal sie es auch nicht wagte, noch etwas einzuwenden.
Wie der Zufall es wollte, kam gerade Schatzjade von draußen herein. Als er sah, dass Siqin hinausgeführt wurde und ihr hinterher jemand ihre Habseligkeiten trug, wusste er sofort, dass sie für immer gehen musste. Er hatte von dem Vorfall in der Nacht gehört, und zudem war Heitermusters Krankheit gerade an jenem Tag schlimmer geworden. Wenn er Heitermuster ausfragte, wollte sie ihm nicht sagen, woran es lag. Kürzlich war dann Ruhua fortgeschickt worden, und nun musste auch Siqin gehen. Schatzjade fühlte sich, als hätte er seine Seele verloren, und rief hastig: „Wohin bringt ihr sie?“
Durch Zufall kam eben Bau-yü durch das Tor herein, und als er sah, daß Sï-tji hinausgeführt wurde und daß man ihr ihre Sachen hinterhertrug, erriet er, daß sie wegging, um nicht mehr wiederzukommen. Bau-yü hatte gehört, was sich neulich in der Nacht ereignet hatte, und er hatte auch bemerkt, daß sich Tjing-wëns Zustand seit jener Nacht verschlimmerte, ohne daß sie ihm auf seine Nachfragen eine Erklärung gab. Dann hatte er festgestellt, daß Ju-hua verschwunden war, und jetzt sah er, daß auch Sï-tji fortging, und unwillkürlich wurde ihm zumute, als ob ihm die Seele aus dem Leib fahren wollte. Rasch stellte er sich den Frauen in den Weg und fragte: „Wohin bringt ihr sie?“ Die Frau des Zhou Rui und die anderen kannten Schatzjades Art nur zu gut und fürchteten, sein Gerede könne die Sache verderben. Lächelnd sagten sie: „Das geht dich nichts an. Geh und lies deine Bücher!“
Dschou Juees Frau und die anderen Sklavinnen wußten sehr gut, wie sich Bau-yü stets benahm, und befürchteten, er würde durch sein Geschwätz die Sache verderben, darum erwiderten sie ihm lächelnd: „Mit dir hat das nichts zu tun. Geh an deine Bücher!“ „Liebe Schwestern, wartet doch einen Augenblick!“, bat Schatzjade lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“
„Liebe Schwestern, so wartet doch!“ bat Bau-yü lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“ „Die gnädige Frau hat befohlen, keinen Augenblick zu zögern“, beharrte die Frau des Zhou Rui. „Was gäbe es da noch zu sagen? Wir führen nur die Befehle der gnädigen Frau aus, um andere Dinge können wir uns nicht kümmern.“
„Die gnädige Frau hat uns verboten, auch nur einen Augenblick zu zögern“, beharrte Dschou Juees Frau. „Was also gäbe es da noch zu sagen?! Wir haben nur auszuführen, was die gnädige Frau uns befiehlt, und um andere Dinge können wir uns nicht groß bekümmern.“ Siqin hatte sich an Schatzjade geklammert, sobald sie ihn erblickte, und bat ihn weinend: „Die können nichts machen. Geh du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“
Sï-tji, die sich an Bau-yü klammerte, kaum daß sie ihn erblickt hatte, bat ihn jetzt: „Sie können da nichts machen. Geh doch du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“ Unwillkürlich wurde auch Schatzjade von Kummer ergriffen. Mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Heitermuster ist krank, und jetzt gehst auch du fort. Wenn ihr alle geht — was soll dann werden?“
Unwillkürlich wurde auch Bau-yü von Kummer ergriffen, und mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Tjing-wën ist auch krank, und du gehst jetzt fort. Was soll werden, wenn ihr alle geht?“ Ungeduldig fuhr Dschou Juees Frau inzwischen Sï-tji an: „Du bist jetzt kein Beinahe-Fräulein mehr, und wenn du nicht hören willst, kann ich dich auch schlagen. Bilde dir nur nicht ein, du könntest dich noch genauso aufführen wie früher, als dein Fräulein die Hand über dich gehalten hat. Sieh zu, daß du endlich weiterkommst, anstatt hier noch lange zu schwatzen. Was ist das überhaupt für ein Benehmen, sich so an den jungen Herrn zu klammern?“ Und ohne sich auf weitere Erörterungen einzulassen, zogen die Sklavenfrauen Sï-tji mit sich fort. Die Frau des Zhou Rui fuhr Siqin ungeduldig an: „Du bist jetzt kein Beinahe-Fräulein mehr, und wenn du nicht gehorchst, kann ich dich auch schlagen! Bilde dir nicht ein, du könntest dich aufführen wie früher, als dein Fräulein die Hand über dich hielt. Sieh zu, dass du endlich weiterkommst, statt hier herumzuschwatzen! Was soll das für ein Benehmen sein, sich so an den jungen Herrn zu klammern!“ Ohne ein weiteres Wort zogen die Dienerinnen Siqin mit sich fort.
Bau-yü hatte Angst, die Frauen könnten ihn anschwärzen gehen, darum starrte er ihnen nur böse nach, und erst als sie schon weit fort waren, streckte er die Hand nach ihnen aus und sagte empört: „Merkwürdig, merkwürdig! Wie kommt es nur, daß die Frauen, kaum daß sie verheiratet sind und mit Männergeruch in Berührung kommen, so gemein werden, daß man eher sie umbringen möchte als die Männer?“ Schatzjade fürchtete, die Frauen könnten ihn anschwärzen gehen, darum starrte er ihnen nur wütend nach. Erst als sie weit genug fort waren, streckte er die Hand aus und rief empört: „Seltsam, seltsam! Kaum dass diese Frauen einen Mann geheiratet und Männergeruch angenommen haben, werden sie so niedertraechtig, dass man eher sie umbringen möchte als die Männer!“
Als die alten Sklavenfrauen, die das Gartentor zu hüten hatten, diese Worte vernahmen, mußten sie unwillkürlich lachen und fragten ihn: „Demnach sind wohl alle Mädchen gut, und alle Frauen sind schlecht?“ Die alten Dienerinnen, die das Gartentor bewachten, mussten unwillkürlich lachen und fragten: „Dann sind wohl alle Mädchen gut und alle verheirateten Frauen schlecht?“
„Genau so ist es“, bestätigte Bau-yü und nickte dazu. Schatzjade nickte: „Genau, genau!“
Lächelnd baten die Sklavenfrauen: „Dann erklärt uns doch bitte noch einen Satz, den wir in unserer Dummheit nicht verstehen...“ Die Dienerinnen lachten: „Da hätten wir noch eine Frage, die wir in unserer Einfalt nicht verstehen ...“
Aber noch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Sklavenfrauen und warnten sie dringend: „Seid vorsichtig! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnädige Frau kommt persönlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich wird sie auch hierher kommen. Außerdem hat sie befohlen, daß der Vetter der Magd Tjing-wën aus dem Hof der Freude am Roten und die Frau des Vetters sofort geholt werden und hier warten, um Tjing-wën mitzunehmen.“ Doch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Dienerinnen herbeigelaufen und riefen: „Vorsicht! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnädige Frau kommt persönlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich kommt sie auch hierher! Außerdem hat sie befohlen, dass Heitermuster-Schwesterchens Vetter und seine Frau aus dem Hof der Roten Freude sofort hergeholt werden sollen, damit sie hier warten und ihre Schwester in Empfang nehmen!“
Dann setzten sie lächelnd hinzu: „Buddha Amitabha! Endlich hat der Himmel die Augen geöffnet und schafft uns diese bösartige Hexe vom Hals. Jetzt werden wir alle ein bißchen friedlicher leben!“ Dann fügte sie lächelnd hinzu: „Amitabha Buddha! Heute hat der Himmel endlich die Augen geöffnet und befreit uns von diesem Unheilsgeist! Jetzt werden wir alle etwas mehr Ruhe haben!“
Kaum hatte Bau-yü gehört, Dame Wang sei im Garten, um das Personal zu inspizieren, befürchtete er sogleich, jetzt werde auch Tjing-wën nicht mehr zu halten sein, und wie im Flug stürzte er davon. Deshalb hatte er die letzte Äußerung der Zufriedenheit schon nicht mehr wahrgenommen. Kaum hatte Schatzjade gehört, dass Frau Wang persönlich im Garten inspizierte, fürchtete er sogleich, auch Heitermuster werde nicht zu halten sein, und stürzte davon wie der Wind. Die letzten Worte der Zufriedenheit hatte er daher nicht mehr gehört.
Als Bau-yü in den Hof der Freude am Roten trat, fand er dort einen ganzen Trupp Leute vor. Dame Wang saß mit zorniger Miene im Zimmer und schenkte ihm keine Beachtung, als sie ihn sah. Als Schatzjade den Hof der Roten Freude erreichte, fand er dort eine ganze Schar Leute vor. Frau Wang sass mit zorniger Miene im Zimmer und beachtete ihn nicht, als sie ihn sah.
Tjing-wën hatte schon vier, fünf Tage lang nicht einmal Wasser und Reis zu sich genommen. Sie war krank und schwach. Als sie jetzt vom Ofenbett gezerrt wurde, war ihr Haar zerzaust, und ihr Gesicht war schmutzig, zwei Frauen mußten sie stützen. Auf Befehl von Dame Wang durfte sie nur behalten, was sie auf dem Leib trug. All ihre guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Mädchen sie tragen könnten. Heitermuster hatte schon vier, fünf Tage lang weder Wasser noch Reis zu sich genommen. Schwach und mit kaum hörbarem Atem war sie gerade vom Kangofen heruntergezerrt worden, mit zerzaustem Haar und schmutzigem Gesicht. Zwei Frauen mussten sie stützen und führten sie fort. Frau Wang befahl, man solle ihr nur ihre Leibwäsche mitgeben; die guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Dienerinnen sie tragen könnten.
Dann gab Dame Wang den Befehl, alle Sklavenmädchen des Gehöfts zusammenzurufen, um sich eine nach der andern anzusehen. Nachdem Dame Wang neulich wütend geworden war und Wang Schan-baus Frau die Gelegenheit genutzt hatte, um Tjing-wën zu Fall zu bringen, hatten sich noch andere gefunden, die sich mit den Mädchen im Garten nicht verstanden und deshalb ebenfalls die Gunst der Stunde nutzten, um ein paar Worte anzubringen. Dann ließ Frau Wang alle Dienerinnen des Hofes zusammenrufen und musterte sie eine nach der anderen. Nachdem Frau Wang kürzlich in Zorn geraten war, hatte Wang Shanbaos Frau die Gelegenheit ergriffen, Heitermuster anzuschwärzen. Auch andere, die mit den Dienerinnen im Garten im Streit lagen, hatten die günstige Stunde genutzt, um einiges hinzuzufügen. Frau Wang hatte sich alles genau gemerkt, und nur weil während der Feiertage viel zu tun gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Heute war sie eigens gekommen, um sämtliche Dienerinnen persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Sache mit Heitermuster war dabei nur das eine; denn man hatte ihr zugetragen, Schatzjade sei schon groß und verstehe die Dinge zwischen Mann und Frau, werde aber von den Dienerinnen in seinem Zimmer auf Abwege gebracht, statt sich zu vervollkommnen. Dies wog noch schwerer als die Angelegenheit mit Heitermuster. Deshalb ließ Frau Wang jede einzelne Dienerin, von Dufthauch bis hinunter zu den geringsten, die grobe Arbeiten verrichteten, an sich vorüber defilieren.
Dame Wang hatte sich alles gut gemerkt, und nur weil sie durch die Feiertage beschäftigt gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Jetzt aber war sie extra gekommen, um alle Mädchen persönlich in Augenschein zu nehmen. Dabei war die Sache mit Tjing-wën nur das eine, denn man hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß Bau-yü schon groß sei und um die Geheimnisse der Erwachsenen wisse, doch statt sich zu vervollkommnen, werde er durch die Mägde in seinen Räumen verdorben. Dies war schlimmer als die Anwesenheit von Tjing-wën, und deshalb sah sich Dame Wang jedes einzelne Sklavenmädchen von Hsi-jën bis hinunter zu den allergeringsten, die für grobe Arbeiten eingesetzt waren, mit eigenen Augen an. Anschließend fragte sie: „Wer hat an einem Tag mit Bau-yü Geburtstag?“ Dann fragte sie: „Wer hat am selben Tag Geburtstag wie Schatzjade?“
Das betreffende Mädchen wagte nicht, sich zu melden, aber eine alte Amme zeigte mit dem Finger auf sie und sagte: „Hier, diese Huee-hsiang, die auch Sï-örl genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er.“ Das betreffende Mädchen wagte nicht, sich zu melden. Eine alte Amme zeigte auf sie und sagte: „Diese hier, Huixiang, die auch 'die Vierte' genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er.“
Dame Wang sah sich das Mädchen aufmerksam an, und wenn es auch nicht halb so gut aussah wie Tjing-wën, war es doch in einem bestimmten Maße frisch und lieblich. Ihrem Benehmen war anzumerken, daß sie klug war, und auch ihre Aufmachung unterschied sich von der der übrigen. Frau Wang musterte das Mädchen genau. Obwohl es nicht halb so hübsch war wie Heitermuster, hatte es doch eine gewisse frische Anmut. Seinem Benehmen war Klugheit anzumerken, und auch seine Aufmachung unterschied sich von der der übrigen.
Mit kühlem Lächeln sagte Dame Wang: „Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag hätten, würden sie Mann und Frau. – Das hast du doch gesagt? Du hast wohl geglaubt, weil ich weit weg wohne, wüßte ich von nichts? Aber wie du siehst, bin ich körperlich zwar nicht oft hier, mein Herz und meine Ohren aber sind es sehr wohl. Glaubt ihr, ich würde meinen einzigen Sohn in aller Seelenruhe von euch verführen und verderben lassen?“ Mit kaltem Lächeln sagte Frau Wang: „Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag hätten, seien sie Mann und Frau. Das hast du gesagt, nicht wahr? Du hast wohl gedacht, weil ich weit weg wohne, wüsste ich von nichts? Aber mein Herz, meine Ohren und mein Verstand sind jederzeit hier. Glaubt ihr, ich lasse meinen einzigen Schatzjade seelenruhig von euch verführen und verderben?“
Als Sï-örl hörte, wie Dame Wang die Worte wiederholte, die sie ehedem heimlich zu Bau-yü gesagt hatte, wurde sie unwillkürlich rot, ließ den Kopf hängen und begann zu weinen. Dame Wang befahl sofort, man solle ihre Angehörigen kommen lassen, um sie abzuholen und mit jemandem zu verheiraten. Dann fragte sie: „Wer ist Yä-lü Hsiung-nu?“ Als die Vierte hörte, wie Frau Wang die Worte wiederholte, die sie einst im Vertrauen zu Schatzjade gesagt hatte, wurde sie unwillkürlich rot, ließ den Kopf hängen und weinte still vor sich hin. Frau Wang befahl sofort, ihre Angehörigen zu rufen, damit sie sie abholten und verheirateten.
Die alten Ammen zeigten auf Fang-guan, und Dame Wang erklärte: „Ein Schauspielermädchen ist natürlich ein Fuchsdämon! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht fort. Aber dann hättet ihr euch bescheiden in euer Los fügen müssen. Du aber spukst hier herum und stiftest Bau-yü zu allem möglichen Unfug an.“ Dann fragte sie: „Wer ist Yelue Xiongnu?“
„Wie würde ich das wagen!“ verteidigte sich Fang-guan lächelnd. Die alten Ammen zeigten auf Fangguan. Frau Wang erklärte: „Ein Schauspielmädchen ist natürlich ein Fuchsdämon! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht gehen. Aber dann hättet ihr euch bescheiden in euer Los fügen müssen. Stattdessen spukst du hier herum und stiftest Schatzjade zu allem möglichen Unfug an!“
„Du widersprichst mir noch?“ fragte Dame Wang und lächelte dabei ebenfalls. „Dann frage ich dich, wer hat im vorvorigen Jahr, während wir an den Kaisergräbern waren, Bau-yü dazu angestiftet, diese Wu-örl von den Lius zu sich zu nehmen? Glücklicherweise war es dem Mädchen vom Schicksal beschieden, jung zu sterben. Wenn sie hier hereingekommen wäre und du dich mit ihr zusammengetan hättest, dann hättet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt. Von anderen ganz zu schweigen, du hast ja selbst deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrückt.“ Fangguan verteidigte sich lächelnd: „Ich würde es nie wagen, ihn zu etwas aufzustiften.“
Dann befahl sie: „Ruft ihre Pflegemutter, damit sie sie abholt! Sie darf ihr selbst einen Bräutigam von außerhalb suchen. Und gebt ihr all ihre Sachen mit!“ „Du widersprichst mir noch?“ sagte Frau Wang mit einem Lächeln, das kein Lächeln war. „Dann frage ich dich: Wer hat vorvergangenes Jahr, als wir an den Kaisergraebern waren, Schatzjade dazu angestiftet, dieses Mädchen Wür von den Lius zu sich zu nehmen? Glücklicherweise starb sie früh — wäre sie hereingekommen und hätte sich mit dir zusammengetan, hättet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt! Du hast sogar deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrückt!“
Als nächstes ordnete sie an, von den Schauspielermädchen, die man damals den einzelnen Mädchen zugeteilt hatte, dürfe keine einzige im Garten bleiben. Sie sollten alle von ihrer jeweiligen Pflegemutter abgeholt und nach deren Ermessen verheiratet werden. Dann befahl sie: „Ruft ihre Pflegemutter, sie soll sie abholen! Sie kann ihr selbst einen Bräutigam von außerhalb suchen. Gebt ihr all ihre Sachen mit!“
Kaum war dieser Befehl übermittelt, als sich die Pflegemütter der Schauspielermädchen sogleich außerordentlich dankbar und zufrieden zeigten. Alle gemeinsam erschienen sie vor Dame Wang, um sich kniefällig zu bedanken und die Mädchen fortzuführen. Ferner ordnete sie an, dass sämtliche Schauspielmädchen, die man seinerzeit den einzelnen Fräulein zugeteilt hatte, keine einzige im Garten bleiben dürften. Sie sollten alle von ihren jeweiligen Pflegemüttern abgeholt und nach deren Gutdünken verheiratet werden.
Dann durchsuchte Dame Wang alle Sachen in Bau-yüs Räumen, und alles, was ihr befremdlich vorkam, ließ sie einstecken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Räume tragen. „Jetzt herrscht Sauberkeit“, sagte sie anschließend, „und wir erspraren uns das Gerede von Außenstehenden.“ Kaum war diese Anordnung ergangen, zeigten sich die Pflegemütter überaus dankbar und zufrieden. Gemeinsam erschienen sie vor Frau Wang, um sich kniefaellig zu bedanken und die Mädchen fortzuführen.
Hsi-jën und Schë-yüä wurden ermahnt: „Nehmt euch in acht! Wenn auch nur das Geringste passiert, kenne ich kein Erbarmen mehr! Ich habe schon nachschlagen lassen, dieses Jahr ist für einen Umzug nicht geeignet, darum soll er einstweilen noch hierbleiben, aber nächstes Jahr zieht ihr wieder mit ihm aus, damit ich Ruhe finde.“ Dann durchsuchte Frau Wang alle Gegenstände in Schatzjades Räumen. Alles, was ihr befremdlich vorkam, ließ sie einpacken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Räume bringen. „Jetzt ist es sauber hier“, sagte sie, „und wir ersparen uns das Gerede Außenstehender.“
Nach diesen Worten führte Dame Wang ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Aber wir wollen nicht vorgreifen. Dufthauch und Moschusmond wurden ermahnt: „Nehmt euch in Acht! Wenn auch nur das Geringste geschieht, kenne ich kein Erbarmen! Ich habe nachschlagen lassen: Dieses Jahr ist für einen Umzug ungünstig. Also bleibt er einstweilen hier, aber nächstes Jahr zieht ihr alle mit ihm wieder aus, damit ich Ruhe finde.“
Bau-yü hatte ursprünglich angenommen, Dame Wang sei nur zu einer einfachen Kontrolle gekommen und es läge nichts weiter vor. Nun aber war sie förmlich mit Donner und Blitz erschienen. Alle ihre Vorwürfe hatten Dinge betroffen, die wirklich gesagt worden waren, und kein Wort davon war unwahr. Darum ließ sich wahrscheinlich an ihren Entschlüssen nichts mehr ändern. Nach diesen Worten führte Frau Wang ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Doch davon später.
Bau-yü wäre vor lauter Wut zwar am liebsten gestorben, aber solange Dame Wang voller Zorn war, wagte er kein überflüssiges Wort zu sagen und keinen überflüssigen Schritt zu tun. Statt dessen begleitete er sie bis zum Duftgetränkten Pavillon. Hier befahl ihm Dame Wang: „Geh zurück und lies brav in deinen Büchern! Paß auf, wenn du morgen gefragt wirst! Dein Vater hat sich vorhin schon einmal geärgert.“ Schatzjade hatte ursprünglich gedacht, Frau Wang werde nur eine einfache Kontrolle durchführen. Wer hätte ahnen können, dass sie mit Donner und Blitz erscheinen würde? All ihre Vorwürfe betrafen Dinge, die tatsächlich gesagt worden waren, Wort für Wort zutreffend. Es war klar, dass nichts rückgängig zu machen war. Obwohl er am liebsten gestorben wäre, wagte er im Angesicht von Frau Wangs Zorn kein überflüssiges Wort und keinen überflüssigen Schritt. Schweigend begleitete er Frau Wang bis zum Duftgetränkten Pavillon. Dort befahl sie ihm: „Geh zurück und lies deine Bücher! Pass auf, wenn du morgen geprüft wirst! Vorhin war dein Vater schon sehr verärgert.“
Erst nach dieser Aufforderung machte Bau-yü kehrt. Den ganzen Weg überlegte er: „Wer kann da so geschwätzig gewesen sein? Zumal doch niemand etwas davon weiß, was bei mir vorgeht. Warum konnte sie das alles so genau sagen?“ Mit diesem Gedanken trat er ins Haus und erblickte Hsi-jën, die ihren Tränen freien Lauf ließ. Erst jetzt machte Schatzjade kehrt. Auf dem ganzen Rückweg überlegte er: „Wer hat so geschwatzt? Niemand weiß doch, was hier vorgeht. Wie konnte sie alles so genau wissen?“ Mit diesen Gedanken betrat er seine Räume und fand Dufthauch in Tränen.
Wie sollte sich Bau-yü jetzt nicht betrüben, da ihm der wichtigste Mensch genommen wurde! Also warf er sich aufs Bett und heulte ebenfalls. Nun war ihm der wichtigste Mensch genommen worden — wie hätte er nicht trauern sollen? Er warf sich aufs Bett und weinte ebenfalls.
Hsi-jën wußte, daß ihm nichts so nahe ging wie die Trennung von Tjing-wën, darum stieß sie ihn an und redete ihm zu: „Weinen hat keinen Zweck. Steh auf und laß dir sagen, Tjing-wën ging es schon besser. Jetzt kann sie sich noch zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du wirklich nicht von ihr lassen kannst, dann warte, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnädigen Frau. Dann kann es nicht schwer sein, daß sie mit der Zeit wieder zurückkommen darf. Es ist nur ein Zufall, daß die gnädige Frau auf die Verleumdungen der Leute gehört und im Zorn so entschieden hat.“ Dufthauch wusste, dass ihm die Trennung von Heitermuster am meisten zusetzte, und stiess ihn an, um ihn zu trösten: „Weinen hilft jetzt nichts. Steh auf und hör zu: Heitermuster geht es schon besser. Jetzt kann sie sich zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du sie wirklich nicht loslassen kannst, warte, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnädigen Frau darum. Mit der Zeit kann sie vielleicht zurückkommen. Es ist nur ein Zufall, dass die gnädige Frau den Verleumdungen geglaubt und im Zorn so entschieden hat.“
„Ich weiß nicht, was für ein himmelschreiendes Verbrechen Tjing-wën begangen haben soll“, sagte Bau-yü schluchzend. „Ich möchte doch nur wissen, was für ein himmelschreiendes Verbrechen Heitermuster begangen haben soll!“ schluchzte Schatzjade.
„Die gnädige Frau verübelt ihr nur, daß sie so gut ausieht und dadurch unvermeidlich ein wenig leichtfertig ist“, erläuterte Hsi-jën. „Sie weiß nur zu gut, daß kein Friede herrschen kann, wo so eine Schönheit lebt, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Dinger wie wir aber sind ihr recht.“ „Die gnädige Frau verübelt ihr nur, dass sie so hübsch ist“, erklärte Dufthauch. „Wer so schön ist, wirkt unvermeidlich ein wenig leichtfertig. Die gnädige Frau weiß genau, dass bei einer solchen Schönheit kein Friede herrschen kann, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Geschöpfe wie wir sind ihr lieber.“
„Das mag sein“, sagte Bau-yü, „aber woher weiß sie selbst unsere heimlichen Scherzworte? Die kann kein Fremder verraten haben. Das ist merkwürdig.“ „Das mag sein“, erwiderte Schatzjade, „aber woher kennt die gnädige Frau sogar unsere heimlichen Scherzworte? Kein Außenstehender kann sie verraten haben. Das ist rätselhaft.“
„Du selbst kennst doch keine Tabus“, entgegnete Hsi-jën. „Wenn du dich einmal freust, ist es dir ganz egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen machte und dich zu warnen versuchte, wußten die Leute schon alles, ehe du auch nur etwas gemerkt hast.“ „Du selbst kennst doch keine Tabus“, entgegnete Dufthauch. „Wenn du dich einmal freust, ist es dir völlig egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen gab und dich warnen wollte, wussten die Leute längst Bescheid, noch ehe du überhaupt etwas bemerkt hattest.“
„Aber wie kommt es, daß die gnädige Frau, wenn sie über die Fehler von allen Bescheid weiß, weder dich noch Schë-yüä oder Tjiu-wën angesprochen hat?“ fragte Bau-yü verwundert. „Aber wie kommt es dann“, fragte Schatzjade verwundert, „dass die gnädige Frau über jedermanns Fehler Bescheid weiß, nur dich, Moschusmond und Qiuwen nicht erwähnt hat?“
Betroffen senkte Hsi-jën den Kopf, als sie das hörte, und wußte lange nichts zu erwidern, bis sie endlich mit lächelnder Miene sagte: „Ja, eben! Wenn man bedenkt, daß auch wir in unseren unbedachten Scherzen gegen die guten Sitten verstoßen, warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen. Wer weiß?“ Betroffen senkte Dufthauch den Kopf. Lange wusste sie nichts zu erwidern, bis sie endlich lächelnd sagte: „Ja, eben! Wenn man bedenkt, dass auch wir in unseren unvorsichtigen Scherzen gegen die guten Sitten verstoßen haben — warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen.“
„Du bist das gerühmte Muster an Güte und Tüchtigkeit, und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch für Verstöße zu bestrafen geben?“ sagte Bau-yü lächelnd. „Fang-guan ist noch klein und ein bißchen zu keck, so hat sie sich unvermeidlich aufs hohe Roß gesetzt und Leute unter Druck gesetzt, deren Haß sie sich dadurch zuzog. Bei Sï-örl trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, befahl ich sie hinterher zu mir, um sie einige feinere Arbeiten verrichten zu lassen, und so hat sie sich eine höhere Stellung angemaßt. Nur dadurch ist es zu diesem Ende gekommen. „Du bist das gerühmte Muster an Güte und Tüchigkeit“, sagte Schatzjade lächelnd, „und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch für Verstöße zu bestrafen geben? Fangguan ist noch klein und ein wenig zu keck, so hat sie sich aufs hohe Ross gesetzt und sich den Hass der Leute zugezogen. Bei der Vierten trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, rief ich sie hinterher zu mir, um feinere Arbeiten für mich zu erledigen, und so hat sie sich eine höhere Stellung angemasst. Nur deshalb ist es zu diesem Ende gekommen.
Aber Tjing-wën ist genau wie du in jungen Jahren aus den Räumen der alten gnädigen Frau hierher gekommen. Und wenn sie auch besser gewachsen ist als andere, so ist doch das kein besonderer Hinderungsgrund. Und mag sie ihrem Charakter nach auch offenherzig sein und eine scharfe Zunge haben, so hat sie doch euch nichts getan. Ich denke mir, sie ist wirklich zu gut gewachsen, und das hat ihre Sache verdorben.“ Bei diesen Worten brach er wieder in Tränen aus. Aber Heitermuster ist genau wie du in jungen Jahren aus den Räumen der alten gnädigen Frau hereingekommen. Dass sie schöner gewachsen ist als andere, ist doch kein Verbrechen. Und mag sie auch einen offenherzigen Charakter und eine scharfe Zunge haben — euch hat sie doch nichts zuleide getan. Ich denke, sie ist wirklich zu hübsch, und das hat ihr Verderben gebracht.“ Bei diesen Worten brach er erneut in Tränen aus.
Hsi-jën bedachte sorgfältig, was er gesagt hatte, und es schien ihr, als ob er an ihr zweifelte. Darum konnte sie ihm nicht gut länger zureden und sagte statt dessen seufzend: „Der Himmel allein weiß es. Du wirst jetzt doch nicht herausfinden, wer daran schuld ist, und sinnlos herumzuheulen hat keinen Zweck. Das beste wird sein, du beruhigst dich und wartest ab, bis die alte gnädige Frau einmal in guter Stimmung ist. Dann erklärst du ihr alles und verlangst Tjing-wën zurück.“ Dufthauch überlegte sorgfaeltig. Es schien ihr, als ob Schatzjade an ihr zweifelte, und so konnte sie ihm nicht gut länger zureden. Stattdessen sagte sie seufzend: „Der Himmel allein weiß es. Jetzt wirst du doch nicht herausfinden, wer schuld ist, und sinnloses Weinen hat keinen Zweck. Am besten beruhigst du dich und wartest ab, bis die alte gnädige Frau einmal guter Stimmung ist. Dann erklärst du ihr alles und verlangst Heitermuster zurück.“
„Du mußt mich nicht mit haltlosen Bemerkungen zu trösten versuchen“, entgegnete Bau-yü, „wie soll ich abwarten, bis die gnädige Frau sich beruhigt hat, und dann auf eine günstige Gelegenheit lauern, um Tjing-wën zurückzuverlangen? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Seitdem sie als Kind hierher kam, ist sie verwöhnt worden und hat keinen einzigen Tag lang Kränkungen hinnehmen müssen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt. „Du brauchst mich nicht mit leeren Worten zu trösten“, entgegnete Schatzjade kühl. „Wie soll ich abwarten, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und dann auf eine günstige Gelegenheit lauern? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Von Kindheit an ist sie verwöhnt worden und hat keinen einzigen Tag Kränkung erfahren müssen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt.
Daß sie jetzt weggeschickt wurde, ist dasselbe, als würde ein Orchideentopf, der eben die ersten zarten Blätter bekommt, in den Schweinekoben gestellt. Zumal sie schwer krank ist und obendrein noch voller Verdruß. Sie hat auch keine leiblichen Eltern mehr, sondern nur einen ständig betrunkenen Vetter. Wie lange wird sie es dort aushalten können, so wenig, wie sie an so etwas gewöhnt ist? Wer weiß, ob ich sie überhaupt noch einmal wiedersehe!“ Dass sie jetzt fortgeschickt wurde, ist, als würde man einen Orchideentopf, der gerade die ersten zarten Knospen treibt, in einen Schweinestall stellen. Zumal sie schwer krank ist und obendrein voller Verdruss. Sie hat keine leiblichen Eltern, nur einen ständig betrunkenen Vetter. Dort wird sie sich überhaupt nicht zurechtfinden. Wer weiß, ob ich sie überhaupt noch einmal sehen werde!“ Er weinte nun noch bitterlicher.
Lachend erwiderte Hsi-jën darauf: „Also wirklich, du bist wie der Bezirksvorsteher, der die ganze Stadt in Brand stecken kann, während die Bevölkerung nicht einmal eine Lampe anzünden darf. Wenn wir einmal aus Versehen einen störenden Satz sagen, dann heißt es, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr ohne weiteres etwas an, als ob es so sein müßte. Auch wenn sie zarter sein mag als andere, wird es doch so schlimm nicht kommen.“ Dufthauch lachte: „Da hast du es wieder: 'Nur der Beamte darf die Stadt in Brand stecken, aber das Volk darf nicht einmal eine Laterne anzünden!' Wenn wir aus Versehen einmal ein störendes Wort sagen, heißt es gleich, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr selbst die schlimmsten Dinge an, als wäre alles ausgemacht! So zartbesaitet sie auch sein mag, so schlimm wird es doch nicht kommen.“
„Ich dichte ihr nicht einfach etwas an, schon im Frühjahr hat es ein Vorzeichen gegeben“, verteidigte sich Bau-yü. „Ich dichte ihr nichts an“, erwiderte Schatzjade. „Schon im Frühling gab es ein Vorzeichen.“
Sofort wollte Hsi-jën wissen, was das gewesen sei, und Bau-yü erklärte ihr: „Der blühende Zierapfelbaum unten an der Treppe ist ohne jeden Grund zur Hälfte verdorrt, und da wußte ich, daß etwas passieren wird. Nun hat es sich an ihr bewahrheitet.“ „Was für ein Vorzeichen?“ fragte Dufthauch sofort.
Wieder lachte Hsi-jën, ehe sie ihm endlich vorhielt: „Eigentlich wollte ich es ja nicht sagen, aber nun kann ich es nicht mehr für mich behalten. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib. Wie kann ein studierter Mann so etwas sagen! Kümmern sich Pflanzen und Bäume vielleicht um die Menschen? Wenn du nicht weibisch bist, bist du wirklich zum Trottel geworden.“ „Der schöne Zierapfelbaum[3] vor unserer Treppe ist ohne jeden Grund zur Hälfte verdorrt“, erklärte Schatzjade. „Da wusste ich, dass etwas Ungewöhnliches geschehen würde. Und nun hat es sich an ihr bewahrheitet.“
„Was wißt ihr schon davon!“ sagte Bau-yü und seufzte. „Nicht nur Pflanzen und Bäume, alle Dinge auf der Welt haben Gefühl und Verstand wie die Menschen. Und wenn sie einen verständnisvollen Freund gefunden haben, sind sie außerordentlich feinfühlig. Wenn ich dir große Beispiele nennen soll, so sind da der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel, die Schafgarbe an Konfuzius‘ Grab, der Lebensbaum vor dem Tempel für Dschu-gë Liang und die Kiefern an Yüä Fees Grab. Dufthauch lachte wieder: „Eigentlich wollte ich es nicht sagen, aber ich kann nicht anders. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib! Wie kann ein Mann, der Bücher liest, so etwas sagen? Was haben Pflanzen und Bäume mit Menschen zu tun? Wenn du nicht weibisch bist, bist du zum Narren geworden.“
All das sind berühmte Gewächse, die dem aufrechten Geist dieser Männer folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, dann verkümmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, dann gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen? „Was wisst ihr schon davon!“, seufzte Schatzjade. „Nicht nur Pflanzen und Bäume — alle Dinge auf der Welt haben Gefühl und Verstand wie die Menschen. Wenn sie einen verständnisvollen Freund gefunden haben, zeigen sie außerordentliche Feinfühligkeit.
Wenn ich dir kleine Beispiele anführen soll, so sind da die Päonien vor dem Adlerholzpavillon der Yang Tai-dschën und der Baum des Gedenkens an ihrem Aufrechten Turm zu nennen sowie das Gras auf dem Grabhügel der Wang Dschau-djün. Sind das nicht ebenfalls feinfühlige Gewächse? Genauso wollte auch der Zierapfelbaum anzeigen, daß seine Herrin sterben wird, und darum ist zuerst er zur Hälfte gestorben.“ Wenn ich große Beispiele anführe: Da ist der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel und die Schafgarbe an Konfuzius' Grab, der Lebensbaum vor Zhuge Liangs Tempel und die Kiefern an Yue Feis Grab. Das alles sind berühmte Gewächse, die dem aufrechten Geist dieser Männer folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, verkümmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen?
Als Hsi-jën diese närrische Rede hörte, war ihr zum Lachen wie auch zum Seufzen zumute, und lächelnd sagte sie: „Du bringst mich wirklich immer mehr in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Tjing-wën, daß du dir solche Gedanken machst und sie mit so großen Menschen vergleichst? Und außerdem, wie gut sie auch sein mag, kann sie mir doch den Rang nicht streitig machen. Wenn also von dem Zierapfelbaum die Rede ist, deutet er wohl zuerst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben müssen!“ Wenn ich kleine Beispiele anführe: Da sind die Päonien vor Yang Guifeis Adlerholzpavillon und der Baum des Gedenkens an ihrem Turm der Aufrichtigkeit zu nennen, sowie das Gras auf dem Grabhügel der Wang Zhaojun. Sind das nicht ebenfalls feinfühlige Gewächse? Genauso wie der Zierapfelbaum anzeigen wollte, dass seine Herrin sterben wird, und darum zürst er zur Hälfte abgestorben ist.“
Als Bau-yü das hörte, hielt er ihr rasch den Mund zu und redete auf sie ein: „Warum mußt du so etwas sagen? Noch ist das Schicksal der einen nicht klar, da fängst du auf diese Weise an. Schluß jetzt, wir reden nicht mehr davon! Sonst könnte es geschehen, daß zu den dreien, die ich schon verloren habe, noch eine vierte hinzukommt.“ Als Dufthauch diese versonnene Rede hörte, war ihr zugleich zum Lachen und zum Seufzen zumute. Lächelnd sagte sie: „Du bringst mich wirklich in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Heitermuster, dass du dir solche Gedanken machst und sie mit so großen Persönlichkeiten vergleichst? Und außerdem: Wie gut sie auch sein mag, sie kann mir doch nicht den Rang streitig machen. Wenn dieser Zierapfelbaum etwas bedeutet, dann deutet er zürst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben!“
Hsi-jën hörte dies mit heimlicher Freude und sagte sich: „Wie hättest du die Sache auch anders zum Abschluß bringen wollen?“ Erschrocken hielt Schatzjade ihr den Mund zu: „Warum sagst du so etwas? Noch ist das Schicksal der einen nicht geklärt, und schon fängst du damit an! Schluss jetzt, kein Wort mehr davon! Sonst könnte es sein, dass zu den dreien, die ich verloren habe, noch eine vierte kommt.“
„In Zukunft wollen wir nicht mehr davon reden und einfach so tun, als ob die drei tot wären, und das ist alles“, schlug Bau-yü vor. „Schließlich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne daß es mir viel ausgemacht hätte. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart sprechen! Denn ihre Sachen sind noch hier, und man darf zwar Höherstehende betrügen, aber nicht die Tieferstehenden. Darum mußt du heimlich jemand hinschicken, der ihr die Sachen bringt. Und wenn wir vielleicht noch erspartes Geld haben, solltest du ihr davon ein paar Münzschnüre schicken, damit sie sich auskurieren kann. Schließlich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern gelebt.“ Dufthauch hörte dies mit heimlicher Zufriedenheit und dachte: Wie hättest du die Sache sonst zum Abschluss bringen wollen?
„Du hältst uns wirklich für gar zu kleinlich und herzlos“, sagte Hsi-jën daraufhin lächelnd. „Als ob es erst deiner Aufforderung bedurft hätte! Vorhin schon habe ich alle ihre Kleider und was sie sonst noch besaß, zusammenpacken und beiseite legen lassen. Es gibt nur bei Tage zu viele neugierige Augen, so daß Unannehmlichkeiten daraus entstehen könnten, darum wollen wir bis zum Abend warten und dann heimlich Mutter Sung zu ihr schicken. Ich habe auch ein paar Münzschnüre gespart, die soll sie ebenfalls haben.“ „Von nun an wollen wir nicht mehr davon sprechen“, sagte Schatzjade. „Tun wir einfach so, als wären die drei gestorben, und damit gut. Schließlich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne dass es mir viel ausgemacht hätte. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart reden! Ihre Sachen sind noch hier. Man darf zwar die Obrigkeit täuschen, aber nicht die Untergebenen. Also schick heimlich jemanden, der ihr alles bringt. Und wenn wir noch erspartes Geld haben, schick ihr ein paar Schnüre Kupfermünzen, damit sie sich auskurieren kann. Schließlich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern zusammengelebt.“
Bau-yüs Dank nahm kein Ende, bis Hsi-jën endlich lächelnd bemerkte: „Schließlich bin ich doch seit langem ein gerühmtes Muster an Tüchtigkeit, muß ich mir da nicht wenigstens diesen Ruhm erwerben?“ „Du hältst uns wirklich für allzu kleinlich und herzlos“, erwiderte Dufthauch lächelnd. „Als ob ich deine Aufforderung gebraucht hätte! Vorhin habe ich bereits alle ihre Kleider und Habseligkeiten zusammenpacken und beiseitelegen lassen. Bei Tage sind zu viele neugierige Augen da, was nur Ärger bringen könnte. Warten wir bis zum Abend, dann schicke ich Mutter Song heimlich zu ihr. Auch ein paar Schnüre Kupfermünzen, die ich gespart habe, soll sie bekommen.“
Als Bau-yü diese Worte hörte, die er selbst eben gesagt hatte, lächelte er rasch und redete ein Weilchen begütigend auf Hsi-jën ein. Am Abend wurde Mutter Sung dann wirklich heimlich losgeschickt. Schatzjades Dank kannte keine Grenzen. Dufthauch bemerkte lächelnd: „Schließlich bin ich doch seit langem ein gerühmtes Muster an Tüchigkeit — muss ich mir da nicht wenigstens diesen Ruf bewahren?“
Nachdem Bau-yü durch entsprechende Aufträge alle beschäftigt wußte, hatte er die Möglichkeit, allein durch das rückwärtige Seitentor hinauszugehen und dort eine von den alten Sklavenfrauen zu bitten, sie möge ihn zu Tjing-wën führen. Zuerst wollte sich die Alte auf keinen Fall darauf einlassen und sagte, sie habe Angst, daß es jemand erfahren könnte. „Wenn es der gnädigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zum Leben“, erklärte sie. Als Schatzjade sich an seine eigenen Worte erinnert fühlte, lächelte er rasch und redete ein Weilchen begütigend auf sie ein. Am Abend wurde Mutter Song dann wirklich heimlich losgeschickt.
So mußte Bau-yü erst flehentlich bitten und einiges Geld versprechen, ehe die Alte ihn endlich hinführte. Nachdem Schatzjade alle mit Aufträgen beschäftigt wusste, schlich er sich allein zum hinteren Seitentor hinaus und bat dort eine alte Dienerin, ihn zu Heitermuster zu bringen. Zürst wollte die Alte sich auf keinen Fall darauf einlassen: „Wenn es jemand erfährt und der gnädigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zu essen!“
Tjing-wën war seinerzeit von den Lais für Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und ließ ihr Haar noch nicht wachsen. Weil sie oft von Mutter Lai mit ins Haus gebracht wurde und ebenso hübsch wie aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter großes Gefallen an ihr. Daraufhin machte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Geschenk, und so war sie schließlich in Bau-yüs Räume gekommen. Doch Schatzjade flehte und flehte und versprach ihr Geld, bis die Alte ihn schließlich hinführte.
Als Tjing-wën ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern und wußte nur, daß sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Tjing-wën die Lais, sie sollten auch ihren Vetter kaufen, damit er eine Stellung bekam. Gerührt davon, daß Tjing-wën ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergaß, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente, außerordentlich aufgeweckt war und eine spitze Zunge sowie ein temperamentvolles Wesen besaß, kauften die Lais auch Tjing-wëns Vetter und sorgten dafür, daß er ein Mädchen aus dem Hause zur Frau bekam. Heitermuster war seinerzeit von der Familie Lai für Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und trug ihr Haar noch kurz. Weil sie oft mit Mutter Lai zusammen ins Haus kam und äußerst hübsch und aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter großen Gefallen an ihr. Daraufhin schenkte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Gebrauch, und so gelangte sie schließlich in Schatzjades Gemächer.
Aber kaum daß der Vetter durch die Heirat in gesicherten Verhältnissen lebte, vergaß er auch schon, wie er jahrelang als Herumtreiber hatte leben müssen, und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Frau zu kümmern. Diese jedoch war eine gefühlvolle Schönheit, und als sie sah, daß ihr Mann sie nicht beachtete, empfand sie unvermeidlich den Kummer des Jadebaums zwischen gemeinem Schilf und die Qualen einer vernachlässigten jungen Frau. Doch dann stellte sie fest, daß ihr Mann sehr großzügig war und nicht im mindesten eifersüchtig, und nun ließ sie ihren Trieben und Gefühlen freien Lauf. Im ganzen Anwesen war sie auf der Suche nach Helden und Talenten, und schließlich hatte die Hälfte aller Männer, Herren so gut wie Sklaven, bei ihr die Prüfung abgelegt. Als Heitermuster ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern. Sie wusste nur, dass sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Heitermuster die Lais, auch ihren Vetter aufzunehmen und ihm eine Anstellung zu geben. Die Lais waren gerührt davon, dass Heitermuster, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente und äußerst aufgeweckt und redegewandt, allerdings auch spitzzüngig und temperamentvoll war, ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergass. Also kauften sie auch Heitermusters Vetter und verheirateten ihn mit einer jungen Frau aus dem Haushalt.
Wenn die Frage gestellt wird, wie die beiden hießen – es waren jener Trottel Duo und seine Frau Dëng, mit der Djia Liän, wie in einem früheren Kapitel erzählt wurde, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Tjing-wën noch besaß, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf im Hause der beiden auf. Doch kaum lebte der Vetter nach der Heirat in gesicherten Verhältnissen, vergass er auch schon seine Jahre als Herumtreiber und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Familie zu kümmern. Seine Frau war jedoch eine gefühlvolle Schönheit. Als sie sah, dass ihr Mann sie nicht beachtete und weder Feingefühl noch Leidenschaft besass, sondern nur sinnlos dem Wein frönnte, empfand sie den Kummer des Jadeschilfs zwischen gemeinem Rohr und die Trauer einer vernachlässigten jungen Frau. Als sie dann feststellte, dass ihr Mann äußerst großzügig war und nicht die geringste Eifersucht kannte, ließ sie ihren Trieben freien Lauf. Im ganzen Anwesen ging sie auf die Suche nach Helden und Talenten, und schließlich hatte gut die Hälfte aller Männer, ob Herren oder Diener, bei ihr die Prüfung abgelegt.
Der Trottel Duo war ausgegangen, und Frau Dëng besuchte nach dem Essen eine Nachbarin, so daß Tjing-wën allein im äußeren Zimmer lag. Nachdem Bau-yü der alten Sklavin befohlen hatte, im Hof Wache zu halten, hob er den Strohvorhang auf und trat ins Haus. Auf den ersten Blick entdeckte er Tjing-wën, die auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde schlief, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glück hatte sie noch ihr Bettzeug aus den alten Tagen. Fragt man nach ihren Namen — es waren jener Trunkenbold Duo und seine Frau Laternchen Deng, mit denen Jia Lian, wie in einem früheren Kapitel erzählt, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Heitermuster noch besass, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf in deren Haus auf.
Hilflos trat Bau-yü näher, streckte weinend die Hand nach ihr aus und berührte sie sacht, wobei er leise ihren Namen rief. Trunkenbold Duo war gerade ausgegangen, und Frau Deng war nach dem Essen zu einer Nachbarin gegangen. So lag Heitermuster allein im Vorderzimmer auf dem Ofenbett. Schatzjade hiess die alte Dienerin im Hof Wache stehen, hob selbst den Strohvorhang und trat ein. Auf den ersten Blick sah er Heitermuster auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde liegen, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glück hatte sie noch ihr Bettzeug aus alten Tagen.
Tjing-wën, die sich verkühlt hatte und von ihrem Vetter und seiner Frau beschimpft worden war, hatte sich eine weitere Krankheit zugezogen und den ganzen Tag gehustet, ehe sie endlich eingenickt war. Als sie hörte, wie jemand sie rief, schlug sie mit Mühe ihre Sternenaugen auf, und als sie Bau-yü erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrübt und schmerzlich berührt zugleich.Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand, und erst nach langem Weinen und Schluchzen brachte sie den halben Satz hervor: „Ich glaubte schon, ich würde dich nicht mehr wiedersehen, ...“ Dann mußte sie unaufhörlich husten. In seinem Herzen wusste er nicht, wohin mit sich. Er trat näher, streckte weinend die Hand aus, berührte sie sacht und rief leise ihren Namen. Heitermuster hatte sich verkühlt und war von ihrem Vetter und seiner Frau mit bösen Worten bedrängt worden, so dass zu ihrer Krankheit noch eine weitere kam. Den ganzen Tag hatte sie gehustet, ehe sie endlich in einen unruhigen Schlummer gefallen war. Als sie jemanden rufen hörte, schlug sie mühsam ihre Sternenaugen auf, und als sie Schatzjade erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrübt und schmerzlich berührt zugleich. Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand. Erst nach langem Schluchzen brachte sie hervor: „Ich dachte schon, ich würde dich nicht mehr sehen ...“ Dann musste sie ohne Unterlass husten.
Auch Bau-yü konnte nichts anderes tun als schluchzen. Schließlich sagte Tjing-wën: „Buddha Amitabha! Gut, daß du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale von dem Tee! Ich habe solchen Durst und rief schon die ganze Zeit, ohne daß jemand kam.“ Auch Schatzjade konnte nichts anderes tun als schluchzen. Heitermuster sagte: „Amitabha Buddha! Gut, dass du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale Tee! Ich habe solchen Durst und rufe schon die ganze Zeit, ohne dass jemand kommt.“
Rasch wischte sich Bau-yü die Tränen ab und fragte: „Wo ist der Tee?“ Hastig wischte sich Schatzjade die Tränen ab und fragte: „Wo ist der Tee?“
„Dort auf dem Ofensims“, erwiderte Tjing-wën. „Dort auf dem Ofensims“, erwiderte Heitermuster.
Als Bau-yü sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der mit einer Teekanne keinerlei Ähnlichkeit hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so groß und so plump war, daß sie nicht wie eine Teeschale aussah, und noch bevor er sie in der Hand hielt, stieg ihm daraus ein ranziger Geruch in die Nase. Also spülte er sie erst ein paarmal mit Wasser aus, ehe er nach dem Tiegel griff und eine halbe Schale daraus eingoß. Das Getränk sah rötlich aus und gar nicht wie Tee. Als Schatzjade sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der keinerlei Ähnlichkeit mit einer Teekanne hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so groß und grob war, dass sie nicht wie eine Teeschale außah. Noch ehe er sie in der Hand hielt, stieg ihm ein ranziger, fettiger Geruch in die Nase. Also spülte er sie erst einige Male mit Wasser aus und goss dann aus dem Tiegel eine halbe Schale ein. Die Flüssigkeit war rötlich-trüb und sah ganz und gar nicht nach Tee aus.
„Gib schnell her und laß mich einen Schluck trinken!“ drängte ihn Tjing-wën, die sich auf ihr Kissen stützte. „Das ist schon Tee. Du kannst ihn natürlich nicht mit unserem vergleichen.“ „Gib schnell her, lass mich trinken!“ drängte Heitermuster, die sich auf ihr Kissen stützte. „Das ist schon Tee. Du kannst ihn natürlich nicht mit unserem vergleichen.“
Als Bau-yü das hörte, kostete er zunächst selbst einen Schluck, aber es schmeckte durchaus nicht aromatisch und frisch, sondern nur bitter und herb mit einer winzigen Andeutung von Teegeschmack. Jetzt erst reichte er Tjing-wën die Schale, und als ob es süßer Tau wäre, den sie bekommen hatte, stürzte sie die Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Still bei sich dachte Bau-yü: „Mit dem guten Tee, den es bei uns gibt, war sie oftmals unzufrieden, und heute trinkt sie das hier. Da sieht man, daß die Alten recht hatten, wenn sie sagten ,Der Satte ist der Speisen überdrüssig, der Hungrige ißt sich an Abfällen satt.‘ Ebenso heißt es ja ,Wer satt ist vom Reis, sehnt sich nach nüchterner Reissuppe.‘ “ Schatzjade kostete zunächst selbst. Es war weder aromatisch noch frisch, nur bitter und herb, mit einer vagen Andeutung von Teegeschmack. Dann reichte er die Schale Heitermuster. Als hätte sie süßen Tau bekommen, stürzte sie die Flüssigkeit in einem Zug hinunter.
Unter Tränen fragte er sie: „Wolltest du mir etwas sagen? Dann tu es jetzt, solange wir allein sind!“ Still dachte Schatzjade bei sich: Wie oft war sie mit unserem feinen Tee unzufrieden, und heute trinkt sie das hier! Wie wahr ist doch das alte Wort: 'Wer satt ist, verachtet Braten und Geröstetes; wer hungert, isst sich an Kleie und Spreu satt.' Und ebenso: 'Wer den Reis satt hat, sehnt sich nach dünner Reissuppe.'
„Was soll ich schon sagen?“ erklärte Tjing-wën schluchzend. „Für mich zählen jetzt jeder Tag und jede Stunde. Ich weiß gut genug, daß ich spätestens in drei oder fünf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Verdruß. Ich bin zwar ein wenig hübscher als andere, aber ich hatte durchaus keine heimlichen Absichten auf dich und habe in keiner Weise versucht, dich zu verführen. Warum also hat man sich darauf versteift, ich sei eine Füchsin? Damit kann ich mich nicht abfinden. Unter Tränen fragte er: „Hast du mir etwas zu sagen? Dann tu es jetzt, solange niemand da ist.“
Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, doch obwohl ich meinem Ende entgegensehe, habe ich nichts zu bereuen. Hätte ich früher gewußt, wie alles kommt, dann hätte ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem törichten Sinn geglaubt, wir würden zusammenbleiben. Nun ist dieses grundlose Gerücht aufgekommen, und ich muß Unrecht leiden, ohne mich irgendwo beklagen zu können.“ Nach diesen Worten brach sie erneut in Tränen aus. Schluchzend sagte Heitermuster: „Was gibt es schon zu sagen? Für mich zählt jetzt jede Stunde, jeder Tag. Ich weiß wohl, dass ich in höchstens drei bis fünf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Pein: Ich bin zwar ein wenig hübscher als andere, doch ich hatte keinerlei heimliche Absichten auf dich und habe dich in keiner Weise zu verführen versucht. Warum hat man sich so hartnäckig darauf versteift, ich sei eine Füchsin? Damit kann ich mich nicht abfinden!
Bau-yü griff nach ihrem Handgelenk und fühlte, daß es dürr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Ringe am Arm, und so sagte er weinend: „Leg sie doch ab, bis du wieder gesund bist!“ Und er streifte ihr die Armringe ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: „Schade um deine Fingernägel! Mit wieviel Mühe hast du sie zwei Tsun lang wachsen lassen, und nun wirst du sie verderben, ehe du wieder gesund bist.“ Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, und obwohl ich dem Tod ins Auge sehe, habe ich nichts zu bereuen. Hätte ich früher gewusst, wie alles kommen würde, hätte ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem törichten Sinn geglaubt, wir würden für immer zusammenbleiben. Nun ist aus dem Nichts dieses Gerücht entstanden, und ich leide Unrecht, ohne mich irgendwo beklagen zu können.“ Nach diesen Worten brach sie erneut in Tränen aus.
Tjing-wën wischte sich die Tränen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernägel an ihrer linken Hand, die den Röhrenblättern von Lauch glichen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke ihre alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der bloßen Haut trug, und reichte sie Bau-yü zusammen mit den Fingernägeln, wobei sie sagte: „Heb das auf! Wenn du es später ansiehst, wird es sein, als ob du mich selber siehst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und laß sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als ob ich noch immer im Hof der Freude am Roten wäre. Eigentlich dürfte das nicht sein, aber da ich nun einmal zu Unrecht verdächtigt werde, bleibt mir gar nichts anderes übrig.“ Schatzjade griff nach ihrem Handgelenk und fühlte, dass es dürr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Armreifen. Weinend sagte er: „Leg sie ab und heb sie auf, bis du wieder gesund bist.“ Er streifte ihr die Armreifen ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: „Wie schade um deine Fingernägel! Mit welcher Mühe hast du sie zwei Zoll lang wachsen lassen. Durch diese Krankheit werden sie wieder verderben.“
Rasch zog Bau-yü sich um und steckte die Fingernägel zu sich. Heitermuster wischte sich die Tränen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernägel an ihrer linken Hand, die wie Röhrenblätter vom Lauch außahen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke die alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der bloßen Haut trug, und reichte sie Schatzjade zusammen mit den Fingernägeln.
Weinend forderte Tjing-wën ihn auf: „Wenn du zurück bist und die anderen das sehen, sollst du nicht lügen, sondern wahrheitsgemäß sagen, daß es von mir ist. Gerade weil man mich zu Unrecht verdächtigt hat. Und mehr ist es ja nicht.“ „Heb das auf“, sagte sie. „Wenn du es später ansiehst, wird es sein, als sähest du mich selbst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und lass sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als wäre ich noch immer im Hof der Roten Freude. Eigentlich gehört sich das nicht, aber da man mich nun einmal zu Unrecht verdächtigt hat, bleibt mir keine andere Wahl.“
Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den aufgehobenen Vorhang hereinkam und sagte: „Bestens! Ich habe alles gehört, was ihr gesagt habt!“ Dann wandte sie sich an Bau-yü und fragte: „Was willst du als Herr hier in den Räumen des Gesindes? Du hast wohl bemerkt, daß ich jung und hübsch bin, und willst mich verführen?“ Schatzjade zog sich rasch um und steckte die Fingernägel zu sich. Weinend fügte Heitermuster hinzu: „Wenn du zurück bist und die anderen es sehen und fragen, brauchst du nicht zu lügen. Sag einfach, es sei von mir. Da man mich ohnehin zu Unrecht verdächtigt hat, kann ich es nun auch darauf ankommen lassen. Mehr ist es ja nicht.“
Erschrocken bat Bau-yü mit lächelnder Miene: „Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen.“ Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den Vorhang hereingetreten kam: „Bestens! Alles, was ihr gesagt habt, habe ich gehört!“ Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Was willst du als junger Herr hier in den Dienstbotenräumen? Du hast wohl bemerkt, dass ich jung und hübsch bin, und willst mich verführen?“
Nun zog Frau Dëng ihn mit sich in den Innenraum und sagte dabei lächelnd: „Wenn du willst, daß ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und preßte Bau-yü fest an ihre Brust. Erschrocken bat Schatzjade mit verbindlichem Lächeln: „Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen.“
So etwas hatte Bau-yü noch nie erlebt. Sein Herz begann stürmisch zu hämmern, und vor Erregung lief er rot an. Beschämt und erschrocken bat er: „Nicht doch, gute Schwester!“ Frau Deng zog ihn am Arm in den hinteren Raum und sagte lächelnd: „Wenn du willst, dass ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und presste Schatzjade fest an ihre Brust.
„Pah!“ sagte Frau Dëng und kniff ihre Weinäuglein zusammen, „ich habe immer nur gehört, du seist ein geübter Kämpe an den Stätten der Liebe, warum genierst du dich da plötzlich?“ Dergleichen hatte Schatzjade noch nie erlebt. Sein Herz begann stürmisch zu hämmern, und vor Aufregung lief er puterrot an. Zugleich beschämt und erschrocken, bat er: „Nicht doch, gute Schwester!“
„Laß mich los!“ forderte Bau-yü sie auf, immer noch rot im Gesicht. „Wir können ja über alles reden. Aber was soll die Alte dort draußen denken, wenn sie uns hört?“ „Pah!“ sagte Frau Deng und kniff ihre weinschweren Augen zusammen. „Ich höre doch ständig, du seist ein geübter Kämpfer auf dem Schlachtfeld der Liebe — warum zierst du dich da plötzlich?“
„Ich bin schon lange hier“, verriet Frau Dëng lächelnd. „Die Alte habe ich weggeschickt, damit sie am Gartentor wartet. Ich war schon lange neugierig auf dich, und jetzt bist du hier. Nachdem ich so viel von dir gehört habe, kann ich dich endlich einmal sehen, und nun bist du ganz umsonst so hübsch gewachsen, bist wie ein Feuerwerkskörper ohne Füllung, der alles nur vortäuscht. Du genierst dich ja mehr als ich. „Schwester, lass mich los!“, bat Schatzjade mit rotem Gesicht. „Wir können über alles reden. Aber was soll die alte Dienerin draußen denken, wenn sie uns hört?“
Da sieht man, daß man nicht glauben darf, was die Leute reden. Als man das Mädchen hinauswarf, glaubte ich fest, ihr hättet ein heimliches Verhältnis gehabt. Aber als ich vorhin kam, habe ich eine Weile am Fenster gelauscht, und im Haus wart nur ihr. Wenn ihr etwas miteinander gehabt hättet, würdet ihr natürlich darüber gesprochen haben, aber ihr habt euch nicht einmal gegenseitig in Verwirrung gebracht. Da sieht man, wie viele Fälle von unrechter Kränkung es gibt auf der Welt! Jetzt bereue ich, euch für nichts und wieder nichts verdächtigt zu haben. Und deshalb kannst du ganz ruhig sein. Komm nur wieder, ich werde dich nicht mehr belästigen.“ Frau Deng lachte: „Ich bin schon längst hier. Die Alte habe ich zum Gartentor geschickt, damit sie dort wartet. Ich habe schon so lange auf dich gewartet, und heute habe ich dich endlich! Viel gehört habe ich von dir, aber Hörensagen ist nicht wie Sehen. Ganz umsonst bist du so hübsch — du bist wie ein Böller ohne Pulver, nur zum Angeben gut. Du genierst dich ja mehr als ich!
Jetzt erst war Bau-yü wieder beruhigt. Er stand auf und brachte seine Kleider in Ordnung, dann bat er: „Sorg nur ein paar Tage gut für sie, Schwester! Ich werde jetzt gehen.“ Mit diesen Worten trat er in den Außenraum hinaus und sagte Tjing-wën Bescheid. Beide wollten sie nicht voneinander lassen, und dennoch mußten sie sich trennen. Da Tjing-wën wußte, wie schwer Bau-yü dies fiel, zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging. Da sieht man, dass man den Leuten nicht glauben darf. Als unsere Schwester hinausgeworfen wurde, war ich fest überzeugt, ihr hättet ein heimliches Verhältnis. Aber als ich vorhin kam und am Fenster lauschte — ihr wart nur zu zweit im Zimmer — , da hättet ihr, wenn wirklich etwas zwischen euch gewesen wäre, bestimmt davon gesprochen. Doch ihr habt euch nicht im Geringsten nähergekommen! Da sieht man, wie viel Unrecht es auf der Welt gibt! Jetzt bereue ich, euch grundlos verdächtigt zu haben. Also sei ganz beruhigt: Komm künftig nur, ich werde dich nicht belästigen.“
Ursprünglich hatte Bau-yü vorgehabt, auch noch Fang-guan und Sï-örl zu besuchen, aber nun wurde es dunkel, und er war schon so lange fort, daß er Angst hatte, man könnte ihn suchen, und dann würde neues Unheil daraus entstehen. Darum war es besser, wenn er jetzt in den Garten zurückkehrte und für den nächsten Tag neue Pläne machte. Als er an das rückwärtige Seitentor kam, trugen die Sklavenjungen gerade das Bettzeug aus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Wäre er auch nur einen Moment später gekommen, wäre das Tor schon geschlossen gewesen. So kam er in den Garten zurück, und glücklicherweise hatte niemand etwas bemerkt. Nun erst beruhigte sich Schatzjade. Er stand auf, brachte seine Kleider in Ordnung und bat: „Sorg nur ein paar Tage gut für sie, Schwester. Ich muss jetzt gehen.“ Dann trat er in den Vorderraum und verabschiedete sich von Heitermuster. Beide konnten sich nicht voneinander losreißen, und doch mussten sie sich trennen. Da Heitermuster wusste, wie schwer Schatzjade das fiel, zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging.
Wieder in seinen Räumen, sagte Bau-yü nur zu Hsi-jën, er sei bei Tante Hsüä gewesen, und damit war die Sache abgetan. Als bald darauf sein Bett gemacht wurde, fragte Hsi-jën notgedrungen, wie sie heute nacht schlafen wollten, aber Bau-yü erwiderte nur: „Das ist mir einerlei.“ Schatzjade hatte noch vorgehabt, Fangguan und die Vierte zu besuchen, doch inzwischen war es dunkel geworden. Er war schon zu lange fort, und wenn man ihn vermisste, konnte neues Unheil entstehen. Also war es besser, in den Garten zurückzukehren und für den nächsten Tag neue Pläne zu machen. Als er zum hinteren Seitentor kam, trugen die Diener gerade das Bettzeug hinaus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Wäre er auch nur einen Augenblick später gekommen, wäre das Tor bereits verschlossen gewesen.
In den letzten ein, zwei Jahren, seitdem Dame Wang ihr Beachtung schenkte, hatte Hsi-jën großen Wert auf ihre Würde gelegt. Wenn sie mit Bau-yü allein war, auch des Nachts, hielt sie sich fern von ihm und war zurückhaltender als in ihren Kinderjahren. Wenn sie auch keine großen Pflichten hatte, war es doch mühsam genug, alle Nadelarbeiten zu machen und für Bau-yü wie für die kleineren Sklavenmädchen das Geld und die Kleider zu verwalten. Ihr altes Leiden des Blutspuckens war zwar geheilt, aber wenn sie sich anstrengte oder erkältete, war immer noch Blut im Auswurf, und deshalb hatte sie in der letzten Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Bau-yü geschlafen. Schatzjade kehrte in den Garten zurück, und glücklicherweise hatte niemand etwas bemerkt. In seinen Räumen angelangt, sagte er Dufthauch nur, er sei bei Tante Xue gewesen, und damit war die Sache abgetan.
Bau-yü, der nachts häufig wach wurde, war dann immer sehr ängstlich und rief nach jemandem. Da Tjing-wën einen leichten Schlaf hatte und sich auch sehr leise bewegte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts für ihn Tee einzugießen und andere Aufträge zu erfüllen, und deshalb hatte nur sie vor seinem Bett geschlafen. Jetzt, wo Tjing-wën fort war, mußte Hsi-jën wohl oder übel fragen, denn sie bedachte, daß dieser Nachtdienst noch wichtiger war als der Dienst am Tage. Als bald darauf das Bett gerichtet wurde, musste Dufthauch notgedrungen fragen, wie sie heute Nacht schlafen wollten. Schatzjade antwortete nur: „Das ist mir einerlei.“
Als Bau-yü antwortete, ihm sei es einerlei, blieb Hsi-jën nichts weiter übrig, als sich an die Regel der früheren Jahre zu halten, und so holte sie ihr Bettzeug und richtete sich damit vor Bau-yüs Lager ein. Bau-yü brütete den ganzen Abend stumm vor sich hin, und als er endlich auf Hsi-jëns Mahnung hin schlafen gegangen war und auch sie sich niedergelegt hatte, hörte sie, wie er auf seinem Kissen seufzte und stöhnte und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Erst als die dritte Nachtwache schon vorbei war, wurde er allmählich ruhiger, und schließlich schnarchte er leise. Nun erst war Hsi-jën beruhigt und döste selber ein. Es dauerte aber nicht länger als man braucht, um eine halbe Schale Tee zu trinken, da rief Bau-yü: „Tjing-wën!“ In den letzten ein, zwei Jahren, seit Frau Wang Dufthauch Beachtung schenkte, hatte diese großen Wert auf Würde gelegt. Wenn sie mit Schatzjade allein war, auch nachts, wahrte sie Abstand und war zurückhaltender als in ihren frühen Jahren. Zwar hatte sie keine großen Aufgaben, doch war es mühsam genug, alle Näharbeiten zu erledigen und für Schatzjade wie für die kleinen Dienerinnen Geld, Kleider und allerlei Gegenstände zu verwalten. Zudem hatte sie ihr altes Leiden des Blutspuckens zwar überwunden, doch bei Überanstrengung oder Erkältung zeigte sich stets wieder Blut im Auswurf. Deshalb hatte sie in letzter Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Schatzjade geschlafen.
Sofort schlug Hsi-jën die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Als Bau-yü nach Tee verlangte, stand Hsi-jën rasch auf, spülte sich in der Schüssel die Hände und goß aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale voll Tee ein, die sie ihm reichte. Schatzjade jedoch wurde nachts häufig wach und war dann immer sehr ängstlich und rief nach jemandem. Da Heitermuster einen leichten Schlaf hatte und sich lautlos bewegen konnte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts für ihn Tee einzuschenken und andere Handreichungen zu tun. Deshalb hatte nur sie neben seinem Bett geschlafen. Nun, da sie fort war, musste Dufthauch wohl oder übel fragen, denn dieser Nachtdienst war noch wichtiger als der Dienst am Tage.
Lächelnd sagte Bau-yü: „Ich bin so daran gewöhnt, nach ihr zu rufen, daß ich vergessen habe, daß du es bist.“ Da Schatzjade gesagt hatte, es sei ihm einerlei, blieb Dufthauch nichts übrig, als es wie in früheren Jahren zu halten. Sie holte ihr eigenes Bettzeug und richtete sich damit vor Schatzjades Lager ein.
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-jën: „Als sie noch neu hier war, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewöhnt. Ich konnte es mir denken, daß der Name Tjing-wën bleiben würde, auch wenn Tjing-wën nicht mehr da ist.“ Schatzjade brütete den ganzen Abend stumm vor sich hin. Erst als Dufthauch ihn mahnte, sich hinzulegen, und auch sie sich niedergelegt hatte, hörte sie, wie er auf dem Kissen seufzte und stöhnte und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Erst nach der dritten Nachtwache wurde er allmählich ruhiger, und schließlich schnarchte er leise. Nun erst war Dufthauch beruhigt und döste selbst ein.
Damit legten sich beide wieder schlafen, und erneut wälzte sich Bau-yü eine ganze Nachtwache lang hin und her und schlief erst in der fünften Wache endlich ein. Da sah er, wie Tjing-wën von draußen hereinkam. Sie war anzusehen wie immer, und als sie im Zimmer stand, sagte sie lächelnd zu Bau-yü: „Lebt alle wohl, ich komme nicht mehr wieder!“ Mit diesen Worten machte sie kehrt und ging hinaus. Als Bau-yü sie anrief, machte er wieder Hsi-jën wach. Zuerst dachte sie noch, er habe auch diesmal aus Gewohnheit Tjing-wëns Namen gerufen, aber dann sah sie, daß Bau-yü weinte, und hörte ihn sagen: „Tjing-wën ist gestorben.“ Doch es dauerte kaum so lange, wie man für eine halbe Schale Tee braucht, da rief Schatzjade: „Heitermuster!“
„Was sagst du da?“ hielt sie ihm vor. „Du weißt, daß das Unsinn ist. Was, wenn dich jemand hört?“ Sofort riss Dufthauch die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Schatzjade bat um Tee. Dufthauch stand rasch auf, spülte sich in der Schüssel die Hände und goss aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale ein, die sie ihm reichte.
Bau-yü wollte natürlich nicht auf sie hören und hoffte sehnlichst, daß es bald hell würde, damit er jemanden losschicken konnte, um sich Gewißheit zu verschaffen. Lächelnd sagte Schatzjade: „Ich habe mich so daran gewöhnt, nach ihr zu rufen, dass ich ganz vergass, dass du es bist.“
Doch als es dann Tag geworden war, kam auch schon eines der kleineren Sklavenmädchen aus den Räumen von Dame Wang und verlangte, daß man ihr auf der Stelle das vordere Seitentor öffnete, damit sie im Auftrag von Dame Wang das Folgende bestellen konnte: „Bau-yü muß sofort geweckt werden, damit er sich schnell wäscht und anzieht und dann drüben erscheint. Jemand hat den gnädigen Herrn eingeladen, den schönen Herbst zu genießen und die Duftblüten zu bewundern, und weil ihm das Gedicht gefiel, das Bau-yü neulich verfaßt hat, will er ihn mitnehmen. Ebenfalls lächelnd erwiderte Dufthauch: „Als sie neu hierher kam, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewöhnt. Ich wusste, dass der Name Heitermuster bleiben würde, auch wenn Heitermuster nicht mehr da ist.“
So lautet der Auftrag der gnädigen Frau, und kein Wort darf daran fehlen. Also lauft schnell hin und sagt Bescheid, daß er sofort kommen soll. Der gnädige Herr wartet in den Haupträumen und will noch mit ihm zusammen eingerührtes Mehl essen. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch, beeilt euch! Und schickt noch jemand zu dem kleinen Herrn Lan, um auch ihm dasselbe zu bestellen!“ Damit legten sich beide wieder hin. Erneut wälzte sich Schatzjade eine weitere Nachtwache lang von einer Seite auf die andere und schlief erst in der fünften Wache ein. Da sah er, wie Heitermuster von draußen hereinkam, außehend wie immer. Im Zimmer angekommen, sagte sie lächelnd zu Schatzjade: „Lebt alle wohl! Ich komme nicht wieder.“ Dann drehte sie sich um und ging hinaus.
Jeder Satz, den sie sagte, wurde drinnen von den alten Sklavenfrauen bestätigt. Dabei knöpften sie sich die Kleider zu und öffneten zugleich das Tor. Zwei oder drei von ihnen machten sich in beiden Richtungen auf den Weg und zogen sich im Gehen fertig an. Als Schatzjade ihr nachrief, weckte er wieder Dufthauch. Zunächst glaubte sie, er habe aus alter Gewohnheit Heitermusters Namen gerufen, doch dann sah sie, dass er weinte, und hörte ihn sagen: „Heitermuster ist gestorben.“
Als Hsi-jën hörte, daß ans Hoftor geklopft wurde, konnte sie sich denken, daß es um etwas Wichtiges ging, und während sie rasch jemand hinausschickte, um Nachfrage zu halten, stand sie auch schon auf. Nachdem sie dann die Botschaft vernommen hatte, schickte sie schnell jemand nach Waschwasser und trieb zugleich Bau-yü an, er solle aufstehen und sich waschen. Sie selbst aber ging seine Kleider holen. Da sie bedachte, daß er mit Djia Dschëng zusammen ausgehen würde, wollte sie ihn nichts allzu Auffälliges oder Neues anziehen lassen und brachte ihm deshalb nur unscheinbare Kleider. „Was redest du da?“ hielt sie ihm vor. „Das ist doch Unsinn! Was sollen die Leute denken, wenn sie dich hören?“
Bau-yü blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinüberzugehen, und tatsächlich fand er Djia Dschëng dort beim Imbiß und in bester Stimmung. Rasch entbot Bau-yü seinen Morgengruß, dann begrüßten Djia Huan und Djia Lan auch Bau-yü. Schatzjade wollte natürlich nicht auf sie hören und wartete sehnsüchtig darauf, dass es hell wurde, um jemanden nach Nachrichten auszuschicken.
Djia Dschëng befahl Bau-yü, Platz zu nehmen und von dem Brei zu essen, dann sagte er, zu Djia Huan und Djia Lan gewandt: „Beim Studium der Bücher steht Bau-yü hinter euch zurück, doch in der Fähigkeit, Parallelsätze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserm heutigen Besuch wird man euch bestimmt drängen, Verse zu machen, dabei soll Bau-yü euch helfen.“ Doch als es Tag wurde, stand schon eines der kleinen Dienstmädchen aus Frau Wangs Räumen vor dem vorderen Seitentor und verlangte, man solle sofort öffnen, damit sie Frau Wangs Botschaft überbringen könne: „Weckt Schatzjade sofort! Er soll sich schnell waschen und umziehen und herüberkommen. Jemand hat den gnädigen Herrn eingeladen, den schönen Herbst zu genießen und die Duftblüten zu bewundern. Weil der gnädige Herr sich über das Gedicht gefreut hat, das Schatzjade neulich verfasste, will er ihn mitnehmen. Das sind die Worte der gnädigen Frau, kein einziges darf fehlen! Lauft schnell und sagt ihm Bescheid, er soll sofort kommen! Der gnädige Herr wartet in den Haupträumen und will noch mit ihm zusammen Mehlsuppe frühstücken. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch! Und schickt noch jemanden zum kleinen Herrn Lan — auch ihm soll dasselbe bestellt werden!“
Dame Wang, die so ein Urteil über ihn noch nie gehört hatte, war jetzt wirklich außerordentlich froh. Drinnen bestätigten die Dienerinnen jeden Satz, knöpften sich dabei die Kleider zu und öffneten das Tor. Zwei, drei von ihnen machten sich sofort in verschiedene Richtungen auf den Weg, noch während sie sich fertig anzogen.
Als Djia Dschëng bald darauf mit den Knaben fort war und Dame Wang sich eben zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemütter von Fang-guan und zwei anderen Schauspielermädchen und meldeten ihr: „Seitdem Fang-guan neulich die Gnade erfahren hat, von Euch freigelassen zu werden, ist sie geradezu verrückt. Sie trinkt keinen Tee, sie ißt keinen Reis, und sie hat Ou-guan und Juee-guan dazu angestiftet, daß sie alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen wollen, sich die Haare abzuschneiden und Nonnen zu werden. Als Dufthauch hörte, dass ans Hoftor gepocht wurde, ahnte sie, dass etwas Wichtiges vorlag. Während sie schnell jemanden nach draußen schickte, stand sie bereits selbst auf. Nachdem sie die Botschaft vernommen hatte, ließ sie sofort Waschwasser bringen und trieb Schatzjade zum Aufstehen an. Selbst ging sie seine Kleider holen. Da er Aufrecht Kaufmann begleiten sollte, wollte sie ihm nichts allzu Auffälliges oder Neues anziehen lassen und wählte daher nur Kleider zweiter Wahl.
Wir glaubten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhältnisse draußen nicht gewöhnt sind – das gibt es ja –, und dachten, nach ein paar Tagen würde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie nur immer mehr, und auch durch Schläge und Schelte sind sie nicht zur Räson zu bringen. Wir wissen uns wirklich keinen Rat mehr, und deshalb sind wir gekommen, um Euch zu bitten, daß Ihr sie entweder ihrem Wunsch gemäß Nonnen werden laßt oder ihnen eine Belehrung verabfolgt und sie dann jemand anders als Ziehtochter gebt, denn für uns ist dieses Glück nicht bestimmt.“ Schatzjade blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinüberüzeilen. Tatsächlich fand er Aufrecht Kaufmann beim Frühstück vor, in bester Stimmung. Hastig entbot Schatzjade seinen Morgengruß. Auch Jia Huan und Jia Lan begrüßten ihn.
„Unsinn!“ sagte Dame Wang. „Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster kann man nicht leichtfertig gehen. Jede von ihnen bekommt eine Tracht Prügel, und dann wollen wir sehen, ob sie immer noch verrückt spielen!“ Aufrecht Kaufmann befahl Schatzjade, Platz zu nehmen und von der Mehlsuppe zu essen. Dann wandte er sich an Jia Huan und Jia Lan: „Beim Bücherstudium steht Schatzjade hinter euch zurück, doch in der Kunst, Parallelsätze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserem heutigen Besuch wird man euch gewiss drängen, Verse zu machen — dabei soll euch Schatzjade helfen.“
Da man zum fünfzehnten Tag des achten Monats gerade in allen Klöstern Opfergaben dargebracht hatte, waren der üblichen Regel nach aus den verschiedenen Klöstern Nonnen gekommen, um Opfergebäck zu bringen, und Dame Wang hatte die Nonnen Dschï-tung aus dem Wassermondkloster und Yüan-hsin aus dem Ksitigarbha-Kloster für ein paar Tage dabehalten. Noch nie hatte Frau Wang solch ein Urteil aus dem Munde ihres Gatten gehört. Dies war eine ganz und gar unerwartete Freude.
Als die Nonnen jetzt diese Neuigkeiten hörten, brannten sie gleich darauf, die Mädchen in die Hand zu bekommen, um sie für sich arbeiten zu lassen, und so sagten sie zu Dame Wang: „Euer Anwesen ist das von gütigen Menschen, und daß Ihr, gnädige Frau, so fromm seid, vergelten Euch die kleinen Mädchen nun in dieser Weise. Es heißt zwar, man könne nicht leichtfertig ins Kloster gehen, aber man muß auch wissen, daß nach Buddhas Gesetz alle gleichviel gelten. Bald darauf, nachdem Vater und Söhne aufgebrochen waren und Frau Wang sich gerade zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemütter von Fangguan und zwei anderen Schauspielmädchen und berichteten: „Seitdem Fangguan neulich die Gnade erfahren hat, freigelassen zu werden, ist sie völlig von Sinnen! Sie trinkt keinen Tee, sie isst keinen Reis. Sie hat Ouguan und Ruiguan dazu angestiftet, dass alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen, sich die Haare abschneiden und Nonnen werden zu wollen. Wir dachten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhältnisse draußen nicht gewöhnt sind — nach ein paar Tagen würde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie immer schlimmer, und auch Schläge und Schelte helfen nicht. Wir wissen wirklich keinen Rat mehr und bitten Euch, sie entweder ihrem Wunsch gemäß Nonnen werden zu lassen, oder ihnen eine Lektion zu erteilen und sie jemand anderem als Ziehtochter zu geben — für uns ist dieses Glück nicht bestimmt.“
Unser Buddha ist entschlossen, sämtliche Lebewesen zu erlösen, auch wenn es Hühner und Hunde sind, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer wirklich die Wurzel des Guten in sich trägt und zur Erkenntnis erwachen kann, der vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. Deshalb finden sich in den Sutras nicht wenige Fälle, daß Tiger und Wölfe, Schlangen und Würmer den rechten Weg gefunden haben. „Unsinn!“ sagte Frau Wang. „Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster geht man nicht leichtfertig. Jede bekommt eine Tracht Prügel, und dann werden wir sehen, ob sie immer noch verrückt spielen!“
Diese Mädchen hier haben keinen Vater und keine Mutter mehr und sind von ihrer Heimat weit entfernt. Nachdem sie in Reichtum und Vornehmheit gelebt haben, bedenken sie jetzt, wie hart ihr Geschick von klein auf gewesen ist, so daß sie sich einem leichtfertigen Gewerbe ergaben, und wissen auch, wie ihr zukünftiges Leben aussehen würde. Wenn sie sich deshalb abwenden vom Meer der Kümmernisse, das Haus verlassen und sich für eine zukünftige Existenz kultivieren, so ist das ein hohes Anliegen, und Ihr, gnädige Frau, solltet dieser guten Absicht keine Schranken setzen.“ Nun hatten sich gerade zum fünfzehnten Tag des achten Monats Nonnen aus den verschiedenen Tempeln eingefunden, um Opfergebäck zu bringen, wie es der Brauch verlangte. Frau Wang hatte die Nonne Zhitong aus dem Wassermondkloster[4] und Yuanxin vom Dizang-Tempel für ein paar Tage als Gäste behalten.
Dame Wang war stets auf gute Taten bedacht, und als sie nach dem Bericht der Pflegemütter den Mädchen nicht ihren Willen lassen wollte, geschah das, weil sie sich sagte, Fang-guan und die anderen seien schließlich Kinder und hätten diese Absicht nur geäußert, weil es einmal nicht nach ihrem Kopf gehen sollte, es sei aber zu befürchten, daß sie die klösterliche Reinheit auf die Dauer nicht ertragen und sich dann Sünden zuschulden kommen lassen würden. Als die beiden Nonnen diese Neuigkeiten hörten, brannten sie darauf, die Mädchen als Schülerinnen mitzunehmen — in Wahrheit, um sie als Arbeitskräfte zu benutzen. So sagten sie zu Frau Wang: „Euer Anwesen ist wahrlich ein Haus guter Menschen, und weil Ihr, gnädige Frau, so fromm seid, sind auch die Mädchen in dieser Weise erleuchtet worden. Gewiss ist der Eintritt ins Kloster nicht leichtfertig zu nehmen, doch man muss auch wissen, dass nach Buddhas Gesetz alle gleichwertig sind. Unser Buddha hat gelobt, sämtliche Lebewesen zu erlösen, seien es auch nur Hühner und Hunde, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer die Wurzel des Guten in sich traegt und erwachen kann, vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. In den Sutras finden sich genügend Fälle, in denen sogar Tiger, Wölfe, Schlangen und Würmer den rechten Weg gefunden haben.
Die Worte der beiden Mädchenräuberinnen klangen jedoch sehr einleuchtend, und außerdem hatte Dame Wang in den letzten Tagen vielerlei häusliche Sorgen. Darüberhinaus hatte Dame Hsing ihre Leute geschickt, um zu bestellen, sie wollten am nächsten Tag Ying-tschun für einige Zeit nach Hause holen, damit ihre künftigen Schwiegereltern sie kennenlernten, und eine Heiratsvermittlerin war erschienen, um eine Verlobung für Tan-tschun Diese Mädchen haben weder Vater noch Mutter, und ihre Heimat ist weit. Sie haben Reichtum und Vornehmheit erlebt und wissen, wie bitter ihr Schicksal von klein auf war, als sie einem leichtfertigen Gewerbe nachgehen mussten. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Deshalb haben sie beschlossen, das Meer des Leidens zu verlassen und im Kloster für ein besseres nächstes Leben zu beten — das ist ein nobler Entschluss. Die gnädige Frau sollte ihre guten Absichten nicht einschränken.“
vorzuschlagen. Angesichts dieser Probleme hatte Dame Wang natürlich für derartige Kleinigkeiten keinen Sinn. Darum entgegnete sie den Nonnen mit lächelnder Miene: „Wenn ihr so meint, wie wäre es dann, wenn ihr sie als eure Novizinnen mitnähmt?“ Frau Wang war von Natur aus fromm gesinnt. Wenn sie vorhin den Wunsch der Mädchen abgelehnt hatte, so nur, weil sie fürchtete, die jungen Dinger könnten die Entsagung des Klosterlebens nicht ertragen und sich dadurch nur Schuld aufladen. Nun aber klangen die Worte der beiden Nonnen durchaus vernünftig. Zudem hatte der Haushalt in letzter Zeit ohnehin viele Sorgen: Dame Xing hatte jemanden geschickt, um mitzuteilen, Yingchun solle nach Hause kommen, damit eine Familie sie sich ansehen könne; und es waren auch schon offizielle Heiratsvermittlerinnen gekommen, um sich nach Tanchun zu erkundigen. Frau Wang war ohnehin gedanklich überlastet und hatte keine Nerven, sich mit solchen Nebensächlichkeiten zu befassen. Als sie die Worte der Nonnen hörte, lächelte sie und sagte: „Wenn es so ist, warum nehmt ihr sie nicht als eure Schülerinnen mit?“
Kaum hatten die beiden Nonnen das gehört, riefen sie den Namen Buddhas an und sagten: „Bestens, bestens! Dadurch leistet Ihr im Verborgenen keine geringe Wohltat.“ Und schon bedankten sie sich kniefällig bei ihr. Die beiden Nonnen sprachen ein Gebet: „Vortrefflich! Vortrefflich! Wenn es so geschieht, ist Euer Verdienst an verborgener Tugend wahrlich nicht gering.“ Dann verneigten sie sich dankend.
„So geht sie fragen, ob es wirklich ihr Ernst ist!“ wies Dame Wang die drei Pflegemütter an. „Dann sollen sie herkommen, um in meiner Gegenwart ihren Äbtissinnen den Respekt zu erweisen.“ Frau Wang sagte: „Gut, dann fragt sie selbst. Wenn sie es wirklich ernst meinen, sollen sie hier vor mir ihre Lehrmeisterinnen begrüßen und dann mit ihnen gehen.“
Die drei Frauen gingen fort und kamen tatsächlich mit den drei Mädchen zurück. Dame Wang fragte sie immer wieder, aber die drei hatten ihren Entschluß gefaßt und vollzogen vor den beiden Nonnen ihren Stirnaufschlag. Auch vor Dame Wang fielen sie nieder, um sich zu verabschieden, und als Dame Wang sah, daß sie fest entschlossen waren und sich nicht umstimmen ließen, empfand sie Schmerz und Mitleid für sie und ließ rasch durch ihre Leute ein paar Sachen holen, die sie den Mädchen schenkte. Auch die beiden Nonnen bekamen Geschenke. Die drei Pflegemütter gingen hinaus und brachten die drei Mädchen herein. Frau Wang fragte sie noch mehrmals, aber die drei waren fest entschlossen. So knieten sie vor den beiden Nonnen nieder und verabschiedeten sich dann von Frau Wang. Als Frau Wang sah, wie entschieden sie waren, wusste sie, dass Zwang keinen Sinn mehr hatte. Gerührt ließ sie einige Geschenke bringen und den Mädchen mitgeben, und auch den beiden Nonnen schickte sie Geschenke.
So ging Fang-guan mit der Nonne Dschï-tung aus dem Wassermondkloster, Juee-guan und Ou-guan dagegen hielten sich an die Nonne Yüan-hsin aus dem Ksitigarbha-Kloster. Von da an folgte Fangguan der Nonne Zhitong ins Wassermondkloster, während Ruiguan und Ouguan der Nonne Yuanxin ins Dizang-Kloster folgten. Alle drei verließen das weltliche Leben.
Im nächsten Kapitel wird weitererzählt. Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
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Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
  1. Ein Liang (两) entspricht etwa 37,3 Gramm. Zwei Liang hochwertiger Ginseng (人参, rénshēn, Panax ginseng) waren ein beträchtlicher Wert — der Text erwähnt später einen Preis von dreißig Liang Silber pro Liang.
  2. 司棋 (Sīqí), wörtlich „die das Schachspiel Leitende“. Yingchuns Zofe, die bei der Durchsuchung des Gartens (Kapitel 74) mit einem heimlichen Liebhaber ertappt wurde.
  3. 海棠 (hǎi táng), der Zier-Holzapfelbaum (Malus spectabilis). Im Roman ein wiederkehrendes Symbol: Sein Verwelken wird als Omen für das Schicksal der Bewohner des Hofes der Freude am Roten gedeutet.
  4. 水月庵 (Shuǐyuè Ān), wörtlich „Klause des Wassermondes“. Der Name spielt auf die buddhistische Metapher an, dass die Wirklichkeit so flüchtig ist wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt.

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