Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 78

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Kapitel 78: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
78.Ein alter Gelehrter läßt in müßiger Laune Gedichte über eine liebliche Schöne schreiben,ein törichtes Herrensöhnchen denkt sich eine Totenklage für das Hibiskusmädchen aus. Achtundsiebzigstes Kapitel
Nachdem die beiden Nonnen Fang-guan und die anderen Mädchen weggeführt hatten, begab sich Dame Wang zur Herzoginmutter, um ihr den Morgengruß zu entbieten, und da sie sah, daß die Herzoginmutter in guter Stimmung war, berichtete sie ihr beiläufig: „Diese Tjing-wën in Bau-yüs Räumen ist ein großes Mädchen geworden. Außerdem ist sie das ganze Jahr über krank. Und wie ich oft gesehen habe, ist sie weitaus ungezogener als alle andern und obendrein faul. Jetzt hat sie wieder mehr als zehn Tage krank gelegen, und als der Arzt geholt wurde, um sie zu untersuchen, sagte er, sie leide an Auszehrung, wie das bei jungen Mädchen häufig der Fall ist. Deshalb habe ich sie schleunigst nach Hause geschickt. Wenn sie wieder gesund wird, braucht sie aber nicht wieder hergerufen zu werden. Man sollte ihrer Familie gestatten, ihr einen Mann zu geben, und damit Schluß. Der alte Gelehrte lässt zum Vergnügen ein Gedicht auf eine schöne Kriegerin verfassen; der verliebte junge Herr erfindet eine Totenklage auf die Hibiskusgöttin[1]
Außerdem habe ich mir auch erlaubt, diese Schauspielermädchen fortzuschicken. Zum einen wissen sie durch die Operntexte, die sie gelernt haben, ihre Worte nicht zu wägen und reden allen möglichen Unfug daher, der nicht das Richtige für die Ohren unserer Mädchen ist, zum andern gehört es sich auch so, sie unentgeltlich freizulassen, nachdem sie eine Zeitlang für uns gesungen haben. Zumal wir zu viele Mägde im Hause haben. Und wenn es einmal nicht genug sein sollten, können wir dann ein paar neue aussuchen.“ Es wird erzählt, dass Frau Wang, nachdem die beiden Nonnen Fangguan und die anderen mitgenommen hatten, zur Herzoginmutter ging, um ihr den Morgengruß zu entbieten. Als sie die Herzoginmutter guter Stimmung vorfand, nutzte sie die Gelegenheit und berichtete: „In Schatzjades Räumen gibt es eine Dienerin namens Heitermuster. Das Mädchen ist schon groß geworden, und obendrein ist sie das ganze Jahr über krank. Ich habe bemerkt, dass sie fauler und ungezogener ist als die anderen. Vor kurzem lag sie wieder über zehn Tage krank darnieder; der Arzt diagnostizierte Mädchenschwindsucht, und deshalb habe ich sie sofort fortschicken lassen. Wenn sie genesen ist, brauchen wir sie nicht zurückzurufen — man kann sie dann gleich ihren Leuten zur Verheiratung geben. Was die Schauspielmädchen betrifft, die seinerzeit das Theaterspielen lernten, so habe ich sie ebenfalls auf eigene Verantwortung freigelassen. Erstens haben sie durchs Theaterspielen gelernt, ungehemmt zu reden und alles Mögliche daherzuplappern — wie soll das angehen, wenn die jungen Damen so etwas hören? Zweitens ist es nur recht und billig, dass man sie freilässt, nachdem sie eine Zeitlang gesungen haben. Außerdem haben wir ohnehin zu viele Dienerinnen. Wenn es nicht genug sind, wählen wir eben ein paar neue aus — das ist dasselbe.“
Die Herzoginmutter nickte beifällig und sagte dabei: „Das war ganz richtig von dir, ich hatte auch schon daran gedacht. Aber Tjing-wën hielt ich immer für ein gutes Mädchen. Wie kommt es nur, daß jetzt so etwas aus ihr geworden ist? In meinen Augen reichten die meisten andern Mädchen an sie nicht heran, ob es nun um Aussehen, Gewandtheit, Redefertigkeit oder Nadelarbeiten ging. In Zukunft hätte man sie Bau-yü wohl ganz und gar zuteilen können. Wer konnte schon ahnen, daß sie sich so verändert!“ Die Herzoginmutter nickte: „Das ist durchaus vernünftig. Ich habe mir auch schon so etwas gedacht. Aber diese Heitermuster — ich fand sie immer ausgezeichnet. Wie konnte es so weit kommen? Meiner Meinung nach können all die anderen Dienerinnen an Aussehen, Gewandtheit, Redekunst und Handarbeit nicht mit ihr mithalten. Ich dachte, sie allein sei es wert, Schatzjade künftig zu dienen. Wer hätte geahnt, dass sie sich so verändern würde?“
„Eure Wahl war schon richtig, alte gnädige Frau“, erklärte Dame Wang lächelnd, „wahrscheinlich war dem Mädchen einfach kein Glück beschieden, und sie hat deshalb diese Krankheit bekommen. Auch der Volksmund sagt ja ‚Ehe ein Mädchen erwachsen ist, macht es achtzehn Verwandlungen durch.‘ Und wer begabt ist, wird unvermeidlich ein wenig kapriziös. Ihr habt doch das alles schon gesehen in Eurem Leben, alte gnädige Frau.

Vor drei Jahren hatte ich mit ihr das gleiche im Sinn wie Ihr. Ich hatte sie für ihn vorgesehen und hatte seitdem ein Auge auf sie. Nüchtern betrachtet, übertraf sie die andern in jeder Beziehung, nur war sie nicht eben sehr gesetzt. In bezug auf Gesetztheit und Würde ist Hsi-jën die Erste von allen. Es heißt zwar ‚die Gattin sittsam, die Nebenfrau schön‘, aber es ist schon besser, wenn auch eine Nebenfrau einen folgsamen Charakter und ein gesetztes Wesen erkennen läßt. Dem Aussehen nach reicht Hsi-jën zwar nicht ganz an Tjing-wën heran, aber als Nebenfrau wäre sie bestens geeignet. Zumal ihre Handlungsweise großzügig ist und ihr Sinn redlich. In all den Jahren hat sie kein einziges Mal Bau-yüs Launen nachgegeben. Wenn er gar zu großen Unfug anstellte, hat sie jedesmal nach Kräften auf ihn eingeredet.

Nachdem ich sie so zwei Jahre lang beobachtet und nicht den geringsten Fehler festgestellt hatte, veranlaßte ich stillschweigend, daß sie nicht mehr das Monatsgeld einer Magd bekommt. Vielmehr lasse ich ihr zwei Liang Silber von meinem eigenen Monatsgeld zahlen. Nur damit sie Bescheid weiß und sich um so aufmerksamer bemüht, sich in alles hineinzufinden. Offen habe ich nichts davon gesagt, zum einen weil Bau-yü noch zu jung ist und sein Vater der Meinung sein könnte, es lenke ihn von seinen Büchern ab, zum andern weil Bau-yü glauben würde, wenn sie schon seine Nebenfrau ist, habe sie ihm nichts mehr zu sagen, und sich deswegen noch zügelloser aufführen würde. So kommt es, daß ich Euch erst heute davon berichte, alte gnädige Frau.“
Frau Wang lächelte: „Die alte gnädige Frau hatte mit ihrer Wahl ganz recht. Nur hat sie wohl nicht das Glück, das ihr bestimmt ist, und deshalb bekam sie diese Krankheit. Wie das Sprichwort sagt: 'Wenn ein Mädchen achtzehn wird, ändert sie sich achtzehnmal.' Zudem haben begabte Menschen zwangsläufig auch ihre Eigenheiten. Was hätte die alte gnädige Frau in ihrem Leben nicht schon alles erfahren? Auch ich habe diese Sache bereits seit drei Jahren im Auge behalten. Anfangs hatte ich sie ebenfalls ausgewählt, und seither beobachtete ich sie genau. Bei kühlem Hinsehen übertrifft sie zwar in jeder Hinsicht die anderen, nur ist sie nicht besonnen genug. Was Besonnenheit und Kenntnis der großen Umgangsformen betrifft, steht Dufthauch an erster Stelle. Man sagt zwar, eine tüchtige Ehefrau und eine schöne Nebenfrau, doch ist es noch besser, wenn sie sanftmütig im Wesen und gesetzt im Auftreten ist. Dufthauch mag zwar vom Aussehen her eine Stufe unter Heitermuster stehen, doch wenn man sie ins Gemach nimmt, zählt sie immer noch zu den Besten. Zudem ist sie großzügig im Handeln und aufrichtig im Herzen. In all den Jahren hat sie Schatzjade nie in seinem Unfug unterstützt. Wann immer Schatzjade sich gar zu wild aufgeführt hat, hat sie ihm eindringlich abgeraten. Nachdem ich sie zwei Jahre lang geprüft und keinen Fehler gefunden hatte, habe ich still und leise ihr monatliches Dienerinnengehalt eingestellt und stattdessen aus meinem eigenen Monatsgeld zwei Liang Silber für sie abgezweigt — nur, damit sie selbst es weiß und sich noch gewissenhafter um ihre Tugend bemüht. Warum ich es nicht offen ausgesprochen habe? Erstens ist Schatzjade noch zu jung, und wenn der gnädige Herr davon erführe, könnte er sagen, es lenke ihn vom Studium ab. Zweitens würde Schatzjade, sobald er wüsste, dass sie bereits seine Nebenfrau ist, glauben, sie würde es nicht mehr wagen, ihn zu ermahnen und zurechtzuweisen, und erst recht zügellos werden. Deshalb habe ich erst heute der alten gnädigen Frau Bericht erstattet.“
„So ist das also!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Na, um so besser! Hsi-jën ist von klein auf so still gewesen, daß ich schon glaubte, sie sei auf den Mund gefallen. Aber wenn du sie so genau kennst, kann sie wohl keine schwerwiegenden Fehler haben. Auch deine Überlegung, Bau-yü nichts davon zu sagen, ist gut. Es soll auch niemand etwas davon erwähnen, es reicht, wenn alle Bescheid wissen. Ich kenne Bau-yü gut genug, um zu wissen, daß er nicht auf die Ratschläge von Frau und Nebenfrau hören wird. Ich werde aus ihm nicht klug und habe auch nie ein Kind von dieser Art gesehen.

Alle andern Unarten müssen sein, aber daß es ihn so zu den Mädchen zieht, ist schwer zu verstehen. Ich mache mir Sorgen deswegen und habe ihn immer wieder nüchtern beobachtet. Zuerst glaubte ich nicht anders, als daß er mit den Mädchen herumtollt, weil er erwachsen wird und von den Dingen zwischen Mann und Frau Bescheid weiß, so daß er den Mädchen deshalb gern nahe ist. Aber bei näherer Betrachtung erkennt man, daß es ihm gar nicht darum geht. Wird die Sache dadurch nicht noch merkwürdiger? Ich denke mir, er sollte bestimmt selbst als Mädchen zur Welt kommen und ist nur aus Versehen als Junge geboren worden.“

Alle lachten darüber, und nun berichtete Dame Wang noch, wie Djia Dschëng heute Bau-yü gelobt und ihn dann mit den anderen zusammen zu einem Besuch mitgenommen hatte. Als die Herzoginmutter das hörte, wurde ihre Stimmung noch fröhlicher als zuvor.
Die Herzoginmutter hörte dies und lächelte: „Ach so ist das! Dann ist es ja umso besser. Dufthauch war von klein auf schweigsam und still — ich hielt sie immer für eine mundlose Kürbisflasche. Wenn du sie so gut kennst, kann es keinen großen Fehler geben. Und dein Gedanke, es Schatzjade nicht offen zu sagen, ist sogar noch klueeger. Reden wir nicht weiter darüber, es genügt, wenn wir es im Herzen wissen. Ich kenne Schatzjade — er wird auch künftig nicht auf Frau und Nebenfrau hören. Auch ich verstehe ihn nicht und habe noch nie ein solches Kind gesehen. All sein anderer Unfug ist ja verständlich, nur dass er sich so sehr zu den Dienerinnen hingezogen fühlt, ist rätselhaft. Ich habe mir deshalb auch Sorgen gemacht und ihn oft heimlich beobachtet. Dass er mit den Dienerinnen scherzt, müsste eigentlich heißen, dass er groß geworden ist und die Dinge zwischen Mann und Frau versteht, und sich darum gern in ihrer Nähe aufhält. Doch wenn man genau nachforscht, ist es eben nicht deshalb. Ist das nicht seltsam? Wahrscheinlich ist er eigentlich ein Mädchen, das versehentlich als Junge geboren wurde.“
Bald darauf erschien, fertig zurechtgemacht, Ying-tschun, um sich zu verabschieden, bevor sie sich zu ihren Eltern hinüberbegab. Auch Hsi-fëng erschien zum Morgengruß, wartete der Herzoginmutter beim Frühstück auf und plauderte dann eine Zeitlang mit ihr. Nachdem die Herzoginmutter sich zur Mittagsruhe zurückgezogen hatte, erkundigte sich Dame Wang bei Hsi-fëng, ob ihre Arzneikugeln schon zubereitet worden seien. Alle lachten. Frau Wang berichtete ferner, wie Aufrecht Schatz Kaufmannjade heute gelobt und die Knaben zu einem Ausflug mitgenommen hatte. Die Herzoginmutter freute sich darüber noch mehr.
„Nein“, erwiderte Hsi-fëng, „noch nehme ich flüssige Medizin. Aber seid nur unbesorgt, gnädige Frau, es geht mir schon viel besser.“ Bald darauf erschien Yingchun, fein herausgeputzt, um sich zu verabschieden, ehe sie zu ihrer Familie zurückkehrte. Auch Phönixglanz kam zum Morgengruß. Nachdem das Frühstück serviert war und man noch eine Weile geplaudert und gelacht hatte, ging die Herzoginmutter zum Mittagsschlaf.
Da Dame Wang sah, daß Hsi-fëng wieder ganz die alte war, zweifelte sie nicht an ihren Worten und berichtete ihr, wie sie Tjing-wën hinausgeworfen hatte. Dann fragte sie: „Wie kommt es, daß Bau-tschai aus eigenem Antrieb wieder zu Hause schläft und ihr nichts davon wißt? Neulich nämlich habe ich, da ich einmal dabei war, überall kontrolliert und zu meiner Überraschung gefunden, daß Lans neue Amme von verführerischer Schönheit war, was mir gründlich mißfiel. Darum sagte ich deiner Schwägerin, es sei besser, sie ihres Weges zu schicken, zumal der kleine Lan schon groß genug ist, um ohne Amme auszukommen.

Dann fragte ich deine Schwägerin, ob sie etwa nichts davon wisse, daß Bau-tschai außerhalb schläft, und darauf erwiderte sie, Bau-tschai habe es ihr gesagt, und es sei nur für zwei, drei Tage gewesen, bis ihre Mutter wieder gesund sei, dann habe sie in den Garten zurückkehren wollen. Dabei hat ihre Mutter gar nichts Ernstliches, nur Husten und Hüftschmerzen wie in jedem Jahr. Bestimmt wird Bau-tschai einen anderen Grund haben, außerhalb zu schlafen. Ob etwa jemand sie gekränkt hat? Sie nimmt sich doch alles so zu Herzen. Es wäre wirklich besser, wenn es unter Verwandten, die zusammen wohnen, ohne Kränkungen abgehen könnte.“

„Wer sollte sie für nichts und wieder nicht gekränkt haben?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „Zumal sie den ganzen Tag im Garten ist, wo sie mit niemand anders zusammenkommt als mit ihren Kusinen.“
Danach rief Frau Wang Phönixglanz zu sich und fragte, ob die Arzneipillen schon zubereitet seien. Phönixglanz erwiderte: „Noch nicht. Ich nehme immer noch Heiltränke. Aber die gnädige Frau braucht sich keine Sorgen zu machen — mir geht es schon viel besser.“ Da Frau Wang sah, dass sie wieder so munter war wie früher, glaubte sie ihr. Dann berichtete sie von der Vertreibung Heitermusters und der anderen und fuhr fort: „Warum ist Fräulein Schatzspange heimlich zu sich nach Hause zum Schlafen gegangen, ohne dass ihr es wusstet? Neulich habe ich auf meinem Weg alles inspiziert. Es stellte sich heraus, dass auch die neue Amme des kleinen Lan recht kokett ist — sie gefällt mir nicht. Ich habe es deiner Schwägerin gesagt: Am besten schickt man sie fort. Zumal der kleine Lan schon groß ist und keine Amme mehr braucht. Ich fragte deine Schwägerin: 'Hast du etwa auch nicht gewusst, dass Fräulein Schatzspange fortgegangen ist?' Sie sagte, Schatzspange habe es ihr durchaus mitgeteilt — sie wolle nur zwei, drei Tage bleiben, bis es der Tante besser gehe, und dann zurückkommen. Ihrer Tante fehlt im Grunde nichts Ernstes, es ist nur wieder der übliche Husten und die Rückenschmerzen, die sie jedes Jahr hat. Aber Schatzspanges Fortgehen muss einen besonderen Grund haben. Ob sie jemand gekränkt hat? Das Kind nimmt sich alles so zu Herzen. Wir sind Verwandte und leben unter einem Dach — es wäre nicht gut, wenn man jemanden beleidigt.“
„Ob vielleicht Bau-yü unbedacht etwas gesagt hat?“ überlegte Dame Wang in anderer Richtung. „Dumm, wie er ist, kennt er kein Tabu, und wenn er in der Stimmung dazu ist, läßt er seinem Mund freien Lauf.“ Phönixglanz lächelte: „Wer sollte sie schon grundlos kränken? Außerdem ist sie den ganzen Tag im Garten, und da sind nur die Schwestern unter sich.“
„Jetzt macht Ihr Euch übertriebene Sorgen, gnädige Frau“, wandte Hsi-fëng ein und lächelte wieder. „Wenn er in der Öffentlichkeit etwas Ernsthaftes zu erledigen hat und über ernsthafte Dinge sprechen muß, benimmt er sich wohl wie ein Narr, aber drinnen vor seinen Schwestern und Kusinen und vor den großen und kleinen Mägden ist er außerordentlich nachgiebig und hat im Gegenteil Angst, jemanden zu kränken. Seinetwegen kann bestimmt niemand böse sein. Frau Wang überlegte: „Vielleicht hat Schatzjade mit seinem losen Mundwerk und seiner Gedankenlosigkeit — er ist ja wie ein Narr und kennt keine Hemmungen — in einem fröhlichen Augenblick etwas Unbedachtes gesagt.“
Ich denke mir, Kusine Bau-tschai wird den Garten deshalb verlassen haben, weil neulich der Besitz aller Mägde durchsucht worden ist. Sie sagt sich natürlich, daß die Durchsuchung nur stattgefunden hat, weil wir jemand im Garten mißtrauen. Und da sie als Verwandte mit Mägden und alten Ammen im Garten wohnt, bei denen wir nicht gut eine Durchsuchung anstellen können, wird sie befürchten, wir könnten einen Verdacht gegen sie hegen, und hat empfindlich darauf reagiert, indem sie sich zurückzog. Sie mußte ja etwas tun, um dem Verdacht zu entgehen.“ Phönixglanz lächelte: „Da macht sich die gnädige Frau zu viele Sorgen. Wenn man ihn hinaußchickt, um ernste Dinge zu besprechen, benimmt er sich wie ein Trottel. Aber unter den Schwestern und den Dienerinnen, ob groß oder klein, ist er die Zuvorkommenheit selbst und hat stets Angst, jemanden zu verletzen — da kann ihn wirklich niemand böse nehmen. Ich denke, Schwester Xüs Fortgehen hat mit der Durchsuchung der Dienerinnensachen neulich zu tun. Die Durchsuchung fand ja statt, weil man den Leuten im Garten nicht mehr traute. Da Schatzspange aber eine Verwandte ist und ebenfalls Dienerinnen und ältere Frauen hier hat, konnten wir sie nicht mit durchsuchen. Sie fürchtete wohl, wir könnten sie in Verdacht haben, und hat sich deshalb vorsichtshalber selbst zurückgezogen. Das ist auch durchaus angemessen — man sollte solchen Verdacht von sich fernhalten.“
Diese Worte erschienen Dame Wang sehr vernünftig, und nachdem sie einige Zeit mit gesenktem Kopf nachgedacht hatte, ließ sie Bau-tschai zu sich bitten und erläuterte ihr die Sache von neulich, um ihre Zweifel zu zerstreuen. Dann befahl sie ihr, in den Garten zurückzukehren und hier zu wohnen wie bisher.

Daraufhin setzte Bau-tschai ein Lächeln auf und erwiderte: „Den Garten zu verlassen war schon lange mein Plan, aber da Ihr mit so vielen wichtigen Dingen beschäftigt wart, konnte ich schlecht deswegen zu Euch kommen. Der Zufall wollte es, daß es meiner Mutter neulich wieder einmal nicht gut ging und daß auch die beiden Frauen bei ihr, auf die Verlaß ist, krank waren. Darum bin ich einfach zu ihr hinübergezogen. Es trifft sich gut, daß Ihr es jetzt erfahren habt, da kann ich Euch die Gründe darlegen und mich ab heute verabschieden, um auch meine Sachen hinüberschaffen zu lassen.“
Frau Wang fand diese Erklärung einleuchtend, senkte nachdenklich den Kopf und ließ dann Schatzspange rufen, um die Sache vom neulichen Tag aufzuklären, ihren Verdacht zu zerstreün und sie einzuladen, wie zuvor im Garten zu wohnen. Schatzspange lächelte: „Ich wollte eigentlich schon länger gehen, aber die Tante hatte so viele wichtige Angelegenheiten, dass ich den richtigen Zeitpunkt nicht finden konnte, es anzusprechen. Nun wurde meine Mutter gerade wieder krank, und die beiden zuverlässigen Frauen bei uns daheim liegen ebenfalls darnieder, also habe ich die Gelegenheit genutzt. Da die Tante jetzt Bescheid weiß, kann ich meine Gründe offen darlegen und mich ab heute ordentlich verabschieden und meine Sachen holen lassen.“
„Du bist wirklich starrsinnig!“ bemerkten Dame Wang und Hsi-fëng. „Das einzig Richtige ist, daß du in den Garten zurückkehrst. Entfremde dich doch nicht so einer Nichtigkeit wegen deiner Verwandtschaft!“ Frau Wang und Phönixglanz sagten lächelnd: „Du bist zu eigensinnig. Am besten ziehst du wieder ein. Wegen einer Nichtigkeit sollte man die verwandtschaftlichen Beziehungen nicht aufs Spiel setzen.“
„Ich verstehe überhaupt nicht, worum es geht“, erklärte Bau-tschai und lächelte wieder. „Ausgezogen bin ich nicht, weil etwas vorgefallen wäre, sondern weil der Gesundheitszustand meiner Mutter viel schlechter ist als früher und weil sie abends und nachts niemand anders hat, auf den sie sich verlassen kann, als mich allein. Zum anderen will mein Bruder in allernächster Zeit heiraten, und es sind noch so viele Nadelarbeiten zu machen, und soviel Hausrat ist noch zu besorgen. Ihr, Frau Tante, und auch du, Kusine Hsi-fëng, seid doch über unsere Familienangelegenheiten im Bilde und wißt, daß ich euch nichts vormache.

Zum dritten steht, seitdem ich im Garten wohne, das kleine Seitentor im Südosten ständig offen. Ich sollte es benutzen können, dazu war das eigentlich gedacht. Es ist aber nicht zu verhindern, daß auch andere dort ein- und ausgehen, um sich den Weg abzukürzen. Eine Kontrolle darüber gibt es jedoch nicht. Wenn daraus etwas entstünde, wäre das unerfreulich für beide Seiten.

Außerdem war ich ja nicht aus irgendeinem schwerwiegenden Grund in den Garten gezogen, um hier zu wohnen. Vor ein paar Jahren waren wir alle noch klein und hatten zu Hause keine Aufgaben. Anstatt draußen allein herumzuhocken, war es besser für mich, hier mit den Kusinen zusammen zu sein und Nadelarbeiten zu machen oder zu scherzen. Jetzt aber sind wir alle groß, und jede hat ihre Pflichten.
Schatzspange erwiderte lächelnd: „Mit Verlaub, das ist ein Missverständnis. Ich gehe nicht wegen irgendwelcher Vorfaelle. Erstens ist meine Mutter in letzter Zeit geistig viel schwächer geworden, und nachts hat sie niemand Zuverlässigen bei sich — es gibt nur mich. Zweitens steht meines Bruders Hochzeit bevor, und es fehlt noch vieles an Näharbeiten und Haushaltsgegenständen, bei deren Beschaffung ich Mutter helfen muss. Die Tante und Schwester Phönixglanz kennen unsere Verhältnisse — ich übertreibe nicht. Drittens: Seit ich im Garten wohne, steht das kleine Seitentor im Südosten ständig offen, eigentlich für meinen Weg. Aber man kann nicht verhindern, dass auch andere den kürzeren Weg nehmen und durch dieses Tor gehen, ohne dass jemand sie kontrolliert. Wenn dort etwas passiert, verlieren beide Seiten das Gesicht. Zudem war mein Einzug in den Garten keine große Sache. In früheren Jahren waren wir alle noch jung, und zu Hause gab es nichts zu tun — da war es schöner, bei den Schwestern im Garten zu sein, zu nähen und zu plaudern, als allein zu Hause zu sitzen. Jetzt aber sind wir alle älter geworden und haben alle unsere Pflichten. Zudem trifft die Tante in den letzten Jahren ein Unglück nach dem anderen, und der Garten ist viel zu groß, um überall aufzupassen — alles hängt miteinander zusammen. Je weniger Leute dort wohnen, desto weniger Sorgen. Deshalb gehe ich nicht nur selbst, sondern möchte der Tante auch raten: Was man einsparen kann, sollte man einsparen, ohne dass es der Würde eines großen Hauses Abbruch täte. Meiner Ansicht nach könnte man die Ausgaben für den Garten durchaus streichen. Das sage ich nicht leichtfertig — die Tante kennt unsere Familie gut genug. Waren wir denn früher etwa so heruntergekommen?“
Außerdem sind Euch, Frau Tante, in diesem Jahr immer wieder Unannehmlichkeiten begegnet. Denn der Garten ist zu groß und nicht mit einem Blick zu überschauen. Das spielt alles eine Rolle. Ein paar Leute weniger, und Ihr habt weniger Sorgen. Deshalb bestehe ich jetzt nicht nur auf meinem Auszug, ich rate Euch auch zu reduzieren, was zu reduzieren ist, ehe alle darüber an Anstand verlieren. Wie ich meine, könnte auch an den Kosten für den Garten gespart werden, und die Zeiten sind ja nicht mehr dieselben, die sie einmal waren. Ihr wißt gut genug über unsere Verhältnisse Bescheid, Frau Tante. War es seinerzeit vielleicht auch schon so still um uns wie jetzt?“

Nachdem Hsi-fëng diese Worte vernommen hatte, sagte sie lächelnd zu Dame Wang: „Sie hat vollkommen recht, wir sollten sie nicht drängen.“
Phönixglanz hörte diese ganze Rede und sagte lächelnd zu Frau Wang: „Was sie sagt, ist richtig. Man sollte sie nicht zwingen.“ Frau Wang nickte: „Mir fällt auch nichts mehr ein, was ich dagegen sagen könnte. Tu, wie du meinst.“
„Ich kann dir nichts darauf erwidern“, sagte Dame Wang zu Bau-tschai und nickte. „Also mach, wie du meinst!“

Während sie das eben sagte, kam Bau-yü mit den anderen beiden zurück und berichtete, sein Vater sei noch dort geblieben, habe sie aber schon nach Hause geschickt, bevor es dunkel werde.

„Hast du dich auch nicht wieder einmal lächerlich gemacht?“ erkundigte Dame Wang sich rasch.

„Ich habe mich nicht nur nicht lächerlich gemacht, ich habe sogar eine Menge Geschenke eingeheimst“, antwortete Bau-yü lächelnd. Im nächsten Augenblick brachten die alten Sklavenfrauen die Gaben, die sie am Innentor aus den Händen der Sklavenjungen entgegengenommen hatten, und Dame Wang erblickte drei Fächer, drei Fächeranhänger, sechs Kästchen mit Schreibpinseln und Tusche, drei Gebetsketten aus Duftholzperlen und drei jadene Gürtelringe.
Während sie noch sprachen, kehrten Schatzjade und die anderen bereits zurück. Er berichtete, sein Vater sei noch nicht aufgebrochen und habe sie vorsorglich früher heimgeschickt, damit es nicht zu dunkel würde. Frau Wang fragte sogleich: „Hast du dich heute blamiert?“ Schatzjade lächelte: „Nicht nur keine Blamage — ich habe sogar allerhand mitgebracht!“ Gleich darauf übernahmen die alten Dienerinnen am zweiten Tor von den Dienern allerlei Gegenstände. Frau Wang besah sie: drei Fächer, drei Fächeranhänger, sechs Kästchen mit Schreibutensilien, drei Schnüre Duftkügelchen und drei Jadeplatten mit Seidenquasten. Schatzjade erklärte: „Das hier ist vom Hanlin-Akademiker Mei, das vom Hofrat Yang, und das vom Beamten Li — jeder hat eine Garnitur bekommen.“ Dann holte er noch ein kleines sandelhölzernes Schutzamulett mit einer Buddhafigur aus seinem Gewand hervor und sagte: „Das hat mir der Herzog von Qing persönlich geschenkt.“
Bau-yü erklärte: „Das ist von Herrn Mee, dem Mitglied der Kaiserlichen Akademie, das vom stellvertretenden Minister Yang und das von Unterstaatssekretär Li. Davon bekommt jeder von uns seinen Anteil.“ Dann zog er ein aus Sandelholz geschnitztes Amulett in Form eines Buddhafigürchens aus dem Busen und sagte: „Das hier hat der Herzog Tjing-guo mir ganz allein geschenkt.“

Nachdem Dame Wang sich noch erkundigt hatte, wer alles dabei gewesen sei und was für Gedichte verfaßt worden seien, befahl sie, man solle Bau-yüs Anteil an den Geschenken nehmen, und ging dann mit Bau-yü, Djia Lan und Djia Huan zur Herzoginmutter. Als diese die Geschenke sah, kannte ihre Freude keine Grenze, und natürlich stellte auch sie etliche Fragen.
Frau Wang erkundigte sich noch, wer bei dem Festmahl zugegen war und welche Gedichte verfasst wurden. Dann ließ sie nur Schatzjades Anteil von jemandem tragen und ging mit Schatzjade, Jia Lan und Jia Huan zur Herzoginmutter. Die Herzoginmutter betrachtete alles mit großer Freude und stellte natürlich auch einige Fragen. Schatzjade aber dachte die ganze Zeit nur an Heitermuster. Sobald er die Fragen beantwortet hatte, sagte er, das Reiten habe ihn durchgeschüttelt und ihm täten die Knochen weh. Die Herzoginmutter sagte: „Dann geh schnell zurück, zieh dich um und beweg dich ein wenig, das wird helfen. Aber leg dich nicht hin!“ Schatzjade folgte dem Rat und eilte in den Garten zurück.
Bau-yü indessen hatte nichts anderes im Kopf als den Gedanken an Tjing-wën, darum sagte er, als alle Fragen beantworten waren, er sei vom Reiten so durchgeschüttelt, daß ihm die Knochen weh täten. Daraufhin befahl ihm die Herzoginmutter: „Geh schnell in deine Räume, zieh dich um und verschaff dir ein wenig Auflockerung, dann wird es wieder gut. Aber du darfst dich nicht schlafen legen.“ Inzwischen warteten Moschusmond und Qiuwen mit zwei kleinen Dienerinnen auf ihn. Als Schatzjade sich von der Herzoginmutter verabschiedet hatte, nahm Qiuwen die Schreibutensilien auf, und gemeinsam folgten sie ihm in den Garten. Schatzjade beklagte sich unentwegt über die Hitze. Während er ging, nahm er seine Mütze ab und lockerte den Gürtel; die schwere Oberkleidung zog er aus und gab sie Moschusmond zu tragen. Er trug nur noch eine gefütterte Jacke aus hellgrüner, kiefernblütenfarbener Seide, unter der die blutrote Hose hervorlugte.
Kaum hatte Bau-yü das gehört, ging er auch schon hinaus. Draußen warteten Schë-yüä und Tjiu-wën mit zwei weiteren Sklavenmädchen. Als sie ihn kommen sahen, nahm ihm Tjiu-wën die Kästchen mit den Schreibpinseln und der Tusche ab, dann folgten sie ihm in den Garten. „Heiß ist es!“ beklagte sich Bau-yü in einem fort, nahm im Gehen seine Kopfbedeckung ab, löste seinen Gürtel, zog das Übergewand aus und gab alles Schë-yüä zum Tragen. Jetzt hatte er nur noch ein dünn gefüttertes Gewand aus dunkelgrüner Seide an, unter dem blutrote Hosen hervorlugten. Als Qiuwen diese rote Hose sah, die Heitermuster genähnt hatte, seufzte sie: „Diese Hose sollte man wohl beiseitelegen. Das Stück ist noch da, aber der Mensch ist fort.“
Tjiu-wën erkannte, daß es die roten Hosen waren, die Tjing-wën genäht hatte, und so bemerkte sie seufzend: „Diese Hosen sollten wir beiseite legen, denn hier kann man wirklich sagen: ‚Der Mensch ist tot, doch seine Dinge leben fort.‘“ Und Schë-yüä bestätigte lächelnd: „Ja, das ist Tjing-wëns Arbeit.“ Dann seufzte sie ebenfalls und sagte nun auch: „Wirklich, ‚das Werk hat seinen Schöpfer überdauert.‘“ Moschusmond stimmte seufzend ein: „Das ist wirklich Heitermusters Nähandarbeit. Wahrhaftig — die Dinge bleiben, die Menschen gehen!“
Jetzt griff Tjiu-wën nach Schë-yüäs Hand und sagte lächelnd: „Mit dem grünen Gewand und den dunkelblauen Stiefeln zusammen bringen diese Hosen das blauschwarze Haar und das schneeweiße Gesicht besonders gut zu Geltung.“ Qiuwen gab Moschusmond einen leichten Stoß und sagte lächelnd: „Diese Hose mit der kiefernblütenfarbenen Jacke und den schieferblauen Stiefeln — da kommt sein indigoblaues Haar und sein schneeweißes Gesicht erst richtig zur Geltung!“
Bau-yü, der vor ihnen ging, tat so, als ob er es nicht gehört habe, machte noch ein paar Schritte, blieb dann stehen und sagte: „Ich möchte noch ein Stück laufen. Geht das wohl?“

„Wovor hast du Angst am hellichten Tag?“ fragte Schë-yüä. „Glaubst du vielleicht, du könntest verloren gehen?“ Dann befahl sie den beiden kleineren Sklavenmädchen, sie sollten Bau-yü begleiten, und setzte hinzu: „Wir tragen die Sachen weg und kommen dann nach.“

„Ich kann auch ein wenig später gehen, Schwesterchen“, bot Bau-yü an.
Schatzjade tat, als höre er nichts. Nach ein paar weiteren Schritten blieb er stehen und sagte: „Ich möchte einen Spaziergang machen. Wie soll das gehen?“ Moschusmond sagte: „Am helllichten Tag, wovor hast du Angst? Wirst du dich etwa verlaufen?“ Sie befahl zwei kleinen Dienerinnen, ihm zu folgen. „Wir bringen diese Sachen weg und kommen gleich zurück.“ Schatzjade sagte: „Liebe Schwestern, wartet auf mich, dann gehe ich mit euch.“ Moschusmond erwiderte: „Wir sind gleich wieder da. Wir haben beide die Hände voll — die eine traegt die Vier Schätze des Studierzimmers, die andere Mütze, Gewand, Gürtel und Schuhe. Das sieht ja aus wie ein Aufmarsch! Was für ein Anblick!“ Schatzjade hörte dies, und es kam ihm gerade recht, also ließ er die beiden gehen.
„Wir sind ja gleich wieder da“, sagte Schë-yüä. „Was macht denn das für einen Eindruck, wenn wir beide dich mit vollen Händen begleiten – als ob wir dir deine Ranginsignien nachtrügen, die eine trägt die Vier Schätze der Studierstube, die andere Hut, Gewand, Gürtel und Schuhe.“ Er nahm die zwei kleinen Dienerinnen mit hinter einen Felsblock. Ohne große Umschweife fragte er die beiden: „Seit ich fort war — hat Schwester Dufthauch jemanden geschickt, um nach Schwester Heitermuster zu sehen?“
Das war es, was Bau-yü hören wollte, und so ließ er die beiden gehen. Dann führte er die beiden kleineren Sklavenmädchen hinter einen künstlichen Felsen und fragte dort ohne Umschweife: „Hat Schwester Hsi-jën jemand zu Schwester Tjing-wën geschickt, als ich fort war?“ Die eine antwortete: „Sie hat Mutter Song hingeschickt.“
„Sie hat Mutter Sung geschickt, um nach ihr zu sehen“, antwortete eines der Mädchen. „Was hat sie berichtet, als sie zurückkam?“ fragte Schatzjade.
„Und was hat Mutter Sung gesagt, als sie zurückkam?“ wollte Bau-yü wissen. „Mutter Song sagte, Schwester Heitermuster habe die ganze Nacht mit gestrecktem Hals gerufen. Heute früh hat sie die Augen geschlossen und den Mund nicht mehr aufbekommen. Sie weiß nichts mehr von der Welt, bringt keinen Ton mehr heraus und atmet nur noch ganz schwach.“
„Sie hat gesagt, Schwester Tjing-wën habe die ganze Nacht über geschrien“ berichtete das Mädchen. „Heute früh habe sie mit geschlossenen Augen ruhig dagelegen, sei nicht mehr bei Bewußtsein gewesen, habe keinen Ton mehr hervorgebracht und nur noch mit Mühe Luft bekommen.“ Hastig fragte Schatzjade: „Wen hat sie die ganze Nacht gerufen?“
„Nach wem hat sie die ganze Nacht geschrien?“ fragte Bau-yü begierig. „Ihre Mutter“, sagte das kleine Mädchen.
„Nach ihrer Mutter“, gab das Mädchen Auskunft. Schatzjade wischte sich die Tränen ab: „Hat sie noch jemand anderen gerufen?“
„Und nach wem noch?“ ließ Bau-yü nicht locker und wischte sich die Tränen ab. „Sonst niemanden, soweit ich gehört habe.“
„Davon weiß ich nichts, daß sie noch nach jemand anders gerufen haben soll“, erklärte das Mädchen. „Du bist töricht“, sagte Schatzjade. „Du hast bestimmt nicht richtig hingehört.“
„Du bist dumm“, urteilte Bau-yü, „wahrscheinlich hast du nicht richtig zugehört.“ Das andere kleine Mädchen, das aufgewecktere von beiden, trat vor und sagte: „Stimmt, sie ist wirklich töricht!“ Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Ich habe nicht nur genau hingehört, ich bin sogar selbst heimlich hingegangen und habe nach ihr gesehen.“
Das andere Sklavenmädchen kannte sich besser aus, darum trat es nach Bau-yüs letzten Worten näher und sagte: „Sie ist wirklich dumm. Ich aber habe nicht nur genau zugehört, ich bin sogar selbst heimlich bei Schwester Tjing-wën gewesen.“ „Du bist selbst hingegangen?“ fragte Schatzjade überrascht.
„Warum das?“ fragte Bau-yü sofort.

„Weil ich bedacht habe, daß Schwester Tjing-wën anders war als die übrigen, sie war immer so gut zu uns“, berichtete das Mädchen. „Nachdem sie jetzt so ungerecht behandelt worden ist und hinaus mußte, konnte unsereins nichts anderes für sie tun, als sie zu besuchen, um ihr ihre Liebe zu uns zu vergelten. Hätte das jemand bemerkt und der gnädigen Frau gemeldet, hätte es eine Tracht Prügel gesetzt, aber das mußte man in Kauf nehmen. So habe ich mich heimlich zu ihr geschlichen, auch auf die Gefahr hin, Schläge zu bekommen.

Und siehe da, sie ist ihr Leben lang klug gewesen, und daran hat sich auch nichts geändert, als es ans Sterben ging. Sie hielt die Augen nur geschlossen, um Kräfte zu sammeln, weil sie sich sagte, daß die profanen Leute, die um sie waren, doch nicht zu reden verständen. Als ich kam, schlug sie die Augen auf, nahm mich bei der Hand und fragte: ‚Wohin ist Bau-yü gegangen?‘ Ich gab ihr wahrheitsgemäß Auskunft, da hat sie geseufzt und gesagt: ‚Wir können uns nicht mehr wiedersehen.‘ ‚Warum wartest du nicht, bis er zurück ist und zu dir kommt, Schwester?‘ fragte ich sie. ‚Wäre dann euer beider Wunsch nicht erfüllt?‘

Daraufhin hat sie mit lächelndem Gesicht gesagt: ‚Ihr wißt es noch nicht, ich sterbe gar nicht. Im Himmel fehlt eine Blumengöttin, und der Jadekaiser hat befohlen, ich solle den Posten übernehmen. Heute nachmittag um halb drei muß ich mein Amt antreten. Bau-yü aber kommt erst um dreiviertel drei nach Hause zurück. Einer einzigen Viertelstunde wegen können wir uns nicht mehr wiedersehen. Wenn jemand stirbt auf der Welt und der Höllenkönig läßt ihn holen, werden kleine Teufel geschickt, die seine Seele gefangennehmen. Wenn aber der Sterbende noch ein Stündchen dableiben soll, braucht man nur etwas Opfergeld zu verbrennen oder ein wenig Brei zu vergießen, dann stürzen sich die Teufel darauf, und der Sterbende erhält einen Aufschub. Ich aber werde von Götterboten in den Himmel gebeten, wie dürfte ich mich da verspäten?!‘
„Ja“, sagte das Mädchen. „Ich dachte, Schwester Heitermuster war von jeher anders als die übrigen und hat uns immer gut behandelt. Jetzt, wo sie zu Unrecht fortgejagt wurde, können wir nichts für sie tun. Aber sie wenigstens zu besuchen — das sind wir ihr schuldig für all die Jahre, in denen sie gut zu uns war. Selbst wenn es jemand erfährt und der gnädigen Frau meldet und wir eine Tracht Prügel bekommen — das nehme ich gern in Kauf. Also habe ich mich eine Tracht Prügel riskierend hinausgeschlichen und nach ihr gesehen. Und wer hätte gedacht: So klug und aufgeweckt sie ihr ganzes Leben lang war, so war sie es auch noch bis zum letzten Atemzug. Weil sie wusste, dass man mit den gewöhnlichen Leuten dort nichts reden konnte, hielt sie einfach die Augen geschlossen und ruhte aus. Aber als sie mich sah, öffnete sie die Augen, ergriff meine Hand und fragte: 'Wo ist Schatzjade?' Ich erzählte ihr die Wahrheit. Sie seufzte und sagte: 'Ich werde ihn nicht mehr sehen können.' Darauf sagte ich: 'Schwester, warum wartest du nicht, bis er zurückkommt, und seht euch noch einmal? Würde das nicht beider Herzenswunsch erfüllen?' Da lächelte sie und sagte: 'Ihr wisst es noch nicht. Ich sterbe gar nicht. Im Himmel fehlt eine Blumengöttin, und der Jadekaiser hat mir befohlen, das Amt der Blumenhüterin zu übernehmen. Ich muss heute, in der zweiten Viertelstunde der Stunde Wei, meinen Dienst antreten. Schatzjade wird aber erst in der dritten Viertelstunde der Stunde Wei nach Hause kommen. Es fehlt nur eine Viertelstunde, aber wir können uns nicht mehr sehen. Wenn gewöhnliche Sterbliche sterben sollen, schickt Yama, der Höllenrichter, kleine Geister, um ihre Seelen zu holen. Wenn man das hinauszogern will, braucht man nur Papiergeld zu verbrennen und Speiseopfer darzubringen — die Geister sind damit beschäftigt, das Geld aufzuraffen, und der Sterbende kann noch ein wenig länger bleiben. Aber mich rufen die Götter des Himmels persönlich — da lässt sich auch nicht eine Viertelstunde hinauszügern.' Als ich das hörte, konnte ich es kaum glauben. Doch als ich zurückkam und heimlich auf die Uhr schaute, war es tatsächlich in der zweiten Viertelstunde der Stunde Wei, dass sie den letzten Atemzug tat, und genau in der dritten Viertelstunde kam jemand und sagte uns, du seiest zurück. Die Zeiten stimmen genau überein.“
Als ich das hörte, wollte ich es nicht recht glauben, aber als ich wieder im Zimmer war und genau nach der Uhr sah, ergab sich, daß sie wirklich um halb drei aufgehört hatte zu atmen, und um dreiviertel erschien jemand, um uns zu holen, weil du zurückgekommen warst. Da zeigte sich, daß alles übereinstimmte.“

„Du kannst nicht lesen und kennst die Bücher nicht, deshalb weißt du nichts davon, aber es gibt das wirklich“, erklärte Bau-yü eifrig. „Nicht nur, daß jede Blumenart ihre Göttin hat, es gibt auch noch eine Göttin für alle Blumen. Jetzt weiß ich nicht, ob sie die Göttin aller Blumen geworden ist oder nur für eine einzige Art verantwortlich ist.“
Schatzjade rief hastig: „Du liest keine Bücher und weißt es daher nicht: So etwas gibt es wirklich! Nicht nur hat jede Blume eine Göttin, jede einzelne Blumenart hat ihre eigene Göttin, und darüber hinaus gibt es noch eine oberste Blumengöttin. Aber ob sie die oberste Blumengöttin geworden ist oder nur die Hüterin einer einzelnen Blumenart, das weiß ich nicht.“
Im ersten Moment wußte das Sklavenmädchen nichts darauf zu erwidern, aber da eben der achte Monat war und im Garten am Teich der Hibiskus in voller Blüte stand, inspirierte der Anblick sie, rasch zu behaupten: „Ich habe Schwester Tjing-wën gebeten, mir zu sagen, für welche Blume sie zuständig sein werde, damit wir ihr Opfer bringen könnten, da hat sie gesagt: ‚Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht enthüllt werden, aber weil du so ergeben und aufrichtig bist, will ich es dir verraten, doch du darfst es nur Bau-yü allein weitersagen. Wenn jemand anders als er das Geheimnis erfährt, wird dich ein fünffacher Donner erschlagen.‘ Und dann hat sie mir anvertraut, daß sie speziell für den Hibiskus zuständig sein wird.“ Das kleine Mädchen wusste im Augenblick nicht, was es antworten sollte. Da es gerade August war und die Hibiskusblumen auf dem Gartenteich in voller Blüte standen, fiel ihr beim Anblick der Blumen die passende Antwort ein: „Ich habe sie auch gefragt, welche Blume sie hütet, damit wir ihr künftig Opfer darbringen können. Sie sagte: 'Himmelsgeheimnisse dürfen nicht verraten werden. Da du so fromm bist, sage ich es nur dir allein. Du darfst es nur Schatzjade erzählen. Wenn du es außer ihm noch jemandem verrätst, werden dich die fünf Donnerkeile treffen.' Dann hat sie mir gesagt, dass sie die Göttin der Hibiskusblüte ist.“
Nicht nur daß diese Nachricht Bau-yü nicht erstaunte, vielmehr verwandelte sie seinen Kummer in Freude. Er wies mit der Hand nach den Hibiskusstauden und sagte strahlend: „Diese Blume ist es wert, in der Obhut eines solchen Menschen zu stehen! Ich hatte mir schon gedacht, daß eine Aufgabe sie erwartet. Jetzt ist sie dem Meer des Kummers entronnen, aber wir können uns nie wiedersehen, und so werde ich unvermeidlich um sie trauern und mich nach ihr sehnen.“ Dann überlegte er: „Auch wenn ich sie vor ihrem Tod nicht mehr wiedergesehen habe, kann ich doch hingehen und mich vor ihrem Sarg verneigen, um meiner Pflicht nach den fünf, sechs Jahren unserer Freundschaft Genüge zu tun.“ Als Schatzjade das hörte, empfand er nicht nur keinen Zweifel, sondern seine Trauer verwandelte sich sogar in Freude. Er deutete auf die Hibiskusblüten und sagte lächelnd: „Diese Blume braucht wirklich eine solche Person als Hüterin. Ich wusste es ja, dass jemand wie sie bestimmt eine große Bestimmung haben würde. Obwohl sie dem Meer des Leidens entkommen ist und wir uns von nun an nicht mehr sehen können, bin ich doch nicht frei von Trauer und Sehnsucht.“ Dann dachte er: „Obwohl ich sie vor ihrem Tod nicht mehr sehen konnte, sollte ich doch wenigstens jetzt vor ihrem Geist eine Reverenz erweisen — das gebührt sich nach fünf, sechs Jahren inniger Verbundenheit.“
Nachdem er sich das überlegt hatte, ging er in seine Räume und zog sich um. Dann verließ er unter dem Vorwand, Dai-yü einen Besuch machen zu wollen, ohne jede Begleitung den Garten und begab sich dorthin, wo er Tjing-wën zuletzt gesehen hatte, weil er annahm, dort werde sie aufgebahrt sein. In Wirklichkeit aber hatten ihr Vetter und seine Frau, kaum daß Tjing-wën ihren letzten Atem ausgehaucht hatte, drinnen davon Meldung gemacht, um nur ja so schnell wie möglich die paar Liang Silber zu bekommen, die es für gewöhnlich als Zuschuß für eine Beerdigung gab.

Als Dame Wang die Nachricht erhielt, befahl sie, man solle den beiden ein Einäscherungsgeld von zehn Liang Silber zahlen. „Der Leichnam soll sofort vor die Stadt geschafft und verbrannt werden“, lautete ihre Anordnung. „Ein Mädchen, das an der Auszehrung gestorben ist, darf auf keinen Fall im Hause behalten werden.“
Mit diesem Gedanken eilte er zurück in sein Zimmer, zog sich um und ging unter dem Vorwand, Kajaljade besuchen zu wollen, allein aus dem Garten, um die Totenbahre an der Stelle aufzusuchen, wo sie das letzte Mal gelegen hatte. Doch ihr Vetter und seine Frau hatten, kaum dass sie ihren letzten Atemzug getan hatte, gleich im Haus Bescheid gegeben, in der Hoffnung, möglichst schnell das übliche Bestattungsgeld zu bekommen. Frau Wang hatte, als sie davon erfuhr, zehn Liang Silber für die Bestattung angewiesen und außerdem befohlen: „Schafft sie sofort hinaus und verbrennt sie! Wer an Mädchenschwindsucht gestorben ist, den darf man auf keinen Fall aufbewahren!“ Der Vetter und seine Frau hatten das Geld erhalten, sogleich Leute angeheuert, den Leichnam eingesargt und zum Verbrennungsplatz vor der Stadt bringen lassen. Die zurückgebliebenen Kleider, Schmuckstücke und Haarnadeln, im Wert von drei- bis vierhundert Liang Gold, behielten Vetter und Frau für sich, als Rücklage für spätere Zeiten. Sie schlossen die Tür ab und begleiteten beide den Sarg — sie waren noch nicht zurück.
Auf Dame Wangs Befehl hin hatten Tjing-wëns Vetter und seine Frau das Geld empfangen und dann Leute angeheuert, die die Tote einsargen und nach dem Verbrennungsplatz außerhalb der Stadt schaffen mußten. Tjing-wëns Kleidung und Schmuck, die vielleicht drei- oder vierhundert Liang Silber wert sein mochten, hatten sie zur späteren Verwendung beiseite gelegt. Dann hatten sie die Haustür abgeschlossen und waren zu zweit dem Sarg gefolgt. Schatzjade kam also vor verschlossener Tür an und fand niemanden vor.
Bau-yüs Besuch erwies sich somit als ein Schlag ins Wasser, und nachdem er eine Zeitlang herumgestanden hatte, blieb ihm keine andere Wahl, als in den Garten zurückzukehren. In seinen Räumen kam es ihm jedoch so öde vor, daß er sich nun wirklich auf den Weg machte, um Dai-yü zu besuchen. Dai-yü aber war gerade nicht da, und als er fragte, wohin sie gegangen sei, antworteten ihre Sklavenmädchen: „Sie ist zu Fräulein Bau-tschai gegangen.“

Bau-yü ging also weiter zum Haselwurzpark. Hier fand er alles still und verlassen, und die Zimmer waren ausgeräumt, was ihm unwillkürlich einen tüchtigen Schreck einjagte. Dann erblickte er plötzlich eine alte Sklavin, die auf ihn zukam, und fragte rasch, was hier los sei.
Nachdem Schatzjade lange allein dort gestanden hatte und keinen anderen Ausweg fand, kehrte er in den Garten zurück. In seinem Zimmer fühlte er sich völlig leer. So schlug er den Weg zu Kajaljade ein. Doch Kajaljade war nicht in ihrem Zimmer. Auf die Frage, wo sie sei, antworteten die Dienerinnen: „Sie ist zu Fräulein Schatzspange gegangen.“ Schatzjade ging also zum Hengwu-Hof hinüber, doch dort herrschte Totenstille. Die Räume waren ausgeräumt und leer. Erschrocken fiel ihm ein, dass er vor ein paar Tagen etwas davon gehört hatte, dass Schatzspange ausziehen wolle, doch wegen der Arbeit der letzten Tage hatte er es völlig vergessen. Jetzt, da er es mit eigenen Augen sah, wusste er, dass sie tatsächlich fort war. Erstarrt stand er eine ganze Weile da.
„Fräulein Bau-tschai ist ausgezogen“, antwortete die Alte. „Das Haus ist uns zur Aufsicht übergeben worden, aber es ist noch nicht ganz geräumt. Wir helfen noch ein paar Sachen hinüberbringen, dann ist hier Schluß. Und Ihr geht jetzt bitte, Herr, damit wir ausfegen können. Eure Besuche hier könnt Ihr Euch in Zukunft sparen.“ Da kam eine alte Dienerin des Weges. Schatzjade fragte hastig, was vorgefallen sei. Die Alte erklärte: „Fräulein Schatzspange ist ausgezogen. Wir passen hier auf und räumen noch die letzten Sachen zusammen. Gleich sind wir fertig. Bitte geht, junger Herr, damit wir noch den Staub fegen können. Von jetzt an könnt Ihr Euch den Weg hierher sparen.“
Bau-yü stand lange Zeit völlig verwirrt da und schaute auf die duftenden Rankenpflanzen und die exotischen Klettergewächse im Hof, die noch immer so frisch und grün waren, aber plötzlich erschien es ihm hier öde und kalt im Vergleich zu früher, und das vermehrte seinen Schmerz. Schweigend trat er hinaus, und dort fiel ihm auf, daß auf dem baumbestandenen Deich vor dem Tor, wo früher der Strom der Sklavenmädchen, die hier spazierengingen, nie abgerissen war, lange Zeit kein Mensch vorüberkam. Er beugte sich vor und schaute auf das Wasser unten am Deich, aber es floß genauso schwellend und munter dahin wie ehedem, so daß er sich fragte: „Wie kann es nur so etwas Gefühlloses geben auf der Welt?“ Schatzjade hörte diese Worte und stand wie erstarrt. Vor seinen Augen rankten sich die Duftwinden und seltenen Schlingpflanzen im Hof, noch immer smaragdgrün und frisch, doch sie schienen ihm auf einmal von Schwermut überzogen, ganz anders als gestern. Sein Herz zog sich zusammen vor Trauer.
So trauerte er ein Weilchen vor sich hin, dann fiel ihm mit einem Mal wieder ein, daß Sï-tji, Ju-hua, Fang-guan und zwei weitere Mädchen den Garten verlassen hatten und daß Tjing-wën gestorben war. So hatte Bau-tschai nun mit ihrem ganzen Anhang ihr Gartenhaus geräumt. Ying-tschun war zwar noch nicht fort, aber sie kam schon tagelang nicht mehr in den Garten, und ständig erschienen Heiratsvermittlerinnen, um auf eine baldige Hochzeit zu drängen. Über kurz oder lang würden wohl alle den Garten verlassen, und es half gar nichts, wenn er sich daraüber aufregte. Darum war es wohl das beste, wenn er zu Dai-yü ging und ihr für den Rest des Tages Gesellschaft leistete, um dann in seine eigenen Räume zurückzukehren und sich dort mit Hsi-jën abzugeben. Mit diesen beiden würde er wohl bis ans Ende seiner Tage zusammenbleiben. Schweigend trat er hinaus und sah vor dem Tor den schattigen grünen Weg. Auch hier war schon längst niemand mehr vorübergegangen — ganz anders als in früheren Tagen, als die Dienerinnen der verschiedenen Häuser ohne Verabredung in Scharen hin und her liefen. Er beugte sich hinunter und blickte auf das Wasser unter dem Damm, das still und unaufhörlich dahinfoss. Sein Herz dachte: Wie kann es auf der Welt solche Herzlosigkeit geben!
Als er diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er noch einmal zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, aber Dai-yü war noch immer nicht da. Jetzt dachte er daran, daß es wahrscheinlich richtig sein würde, hinauszugehen und Tjing-wën das letzte Geleit zu geben. Aber dann sagte er sich, diesem Schmerz sei er nicht gewachsen und er täte besser daran hierzubleiben. So ging er schließlich niedergeschlagen und mit hängendem Kopf nach Hause. Während er sich noch fragte, was er mit sich anfangen sollte, erschien plötzlich eines der Sklavenmädchen der Dame Wang, um ihm zu bestellen: „Der gnädige Herr ist zurück und verlangt nach dir. Er hat wieder ein gutes Thema parat. Beeil dich, beeil dich!“ Er trauerte eine Weile, dann fiel ihm plötzlich ein: Siqin, Ruhua, Fangguan und die anderen, insgesamt fünf, waren fortgeschickt worden; Heitermuster war gestorben; nun war auch Schatzspange ausgezogen; Yingchun war zwar noch nicht fort, doch seit Tagen nicht zurückgekommen, und ständig erschienen Heiratsvermittler. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich alle im Garten zerstreün würden. Sich darüber zu graemen half auch nichts. Besser, er suchte Kajaljade auf und verbrachte den Tag bei ihr, und dann würde er mit Dufthauch zusammen sein — nur diese zwei, drei Menschen, die würden wohl bis zum Ende bei ihm bleiben.
Notgedrungen mußte Bau-yü ihr folgen, aber als er zu Dame Wang kam, war sein Vater schon fort, und Dame Wang erteilte den Befehl, jemand solle Bau-yü zur Bibliothek begleiten. Mit diesem Gedanken ging er abermals zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss, doch Kajaljade war immer noch nicht zurück. Schatzjade dachte, er sollte wohl auch hinausgehen und sie verabschieden, doch er konnte seine Trauer nicht überwinden und blieb lieber. Niedergeschlagen kehrte er zurück.
Währenddessen berichtete Djia Dschëng im Kreis seiner Hausgäste von seinem Herbstausflug und sagte dabei: „Kurz bevor wir auseinandergingen, kam das Gespräch plötzlich auf ein Thema, das für alle Zeiten ein Gegenstand der Bewunderung bleiben wird. Es geht dabei ebenso um Schönheit und Eleganz wie um Treue und Edelsinn. Überhaupt ist es ein ausgezeichnetes Thema, auf das wir zusammen Trauergedichte schreiben sollten.“ Gerade als er nicht wusste, wohin mit sich, kam ein Dienstmädchen von Frau Wang herein und suchte ihn: „Der gnädige Herr ist zurück und sucht Euch. Er hat ein neues Thema bekommen. Schnell, schnell!“
Als seine Gäste das hörten, baten sie sogleich um Aufklärung, was für eine wunderbare Geschichte damit gemeint sei, und Djia Dschëng erzählte: „Es war einmal ein Prinz, der den Titel Prinz Hëng trug und dem das Gebiet Tjing-dschou anvertraut war. Dieser Prinz Hëng war ein großer Freund weiblicher Schönheit, außerdem fand er in seiner Freizeit Gefallen an Waffenübungen. Darum wählte er eine große Zahl schöner Mädchen aus und ließ sie tagtäglich exerzieren. Wann immer er Zeit dazu hatte, hielt er mehrtägige Gelage ab und ließ seine Schönen dabei Kampf- und Eroberungsspiele vorführen. Schatzjade musste wohl oder übel mitgehen. In Frau Wangs Räumen angekommen, war sein Vater bereits hinausgegangen. Frau Wang ließ ihn ins Studierzimmer bringen.
Eine seiner Nebenfrauen hieß mit Familiennamen Lin, und weil sie das vierte Kind ihrer Eltern war, wurde sie von allen nur die Vierte Lin genannt. Sie war die Schönste von allen, aber noch mehr übertraf sie die andern durch die Geschicklichkeit, mit der sie die Waffen handhabte. Prinz Hëng war so begeistert von ihr, daß er ihr den Oberbefehl über all seine Nebenfrauen übertrug und sie General Lieblich nannte...“ Aufrecht Kaufmann sass gerade mit seinen Beratern zusammen und sprach über die Schönheiten des Herbstausflugs. Dann sagte er: „Kurz bevor wir aufbrachen, kam plötzlich eine Geschichte zur Sprache, die in jeder Hinsicht ein Meisterwerk der Überlieferung ist. Acht Tugenden vereint sie in sich: Anmut, Geist, Treue, Gerechtigkeit, Edelmut und Tapferkeit. Ein prächtiges Thema — alle sollten eine Klagedichtung darauf verfassen.“
„Wie wunderbar und wie ausgefallen!“ erklärten die Hausgäste. „Mit dem Generalstitel zusammen kommt das Wort ‚lieblich‘ ganz besonders zur Wirkung. Das ist wirklich ein einzigartiger Ausdruck. Dieser Prinz Hëng war gewiß der größte Romantiker aller Zeiten.“ Die Berater fragten neugierig, um welche wundersame Begebenheit es sich handle.
„Das ist schon richtig“, sagte Djia Dschëng lächelnd, „aber es kommt noch seltsamer und auch beklagenswerter.“ Aufrecht Kaufmann erzählte: „Einst gab es einen König mit dem Titel Heng König[2], der als Statthalter in Qingzhou residierte. Dieser Heng König liebte schönhe Frauen über alles und übte in seiner Freizeit die Kriegskunst. Darum wählte er viele schöne Mädchen aus und übte sie täglich im Waffenhandwerk. In seinen Mussestunden veranstaltete er tagelange Bankette und ließ die schönen Frauen im Kampf gegeneinander antreten. Unter seinen Damen gab es eine mit dem Nachnamen Lin, die vierte in der Geschwisterreihe, die nicht nur die schönste war, sondern auch die größte Meisterschaft in den Kriegskünsten besass. Alle nannten sie Lin Siniang. Heng König schätzte sie am meisten und beförderte sie zur Anführerin aller seiner Damen. Er verlieh ihr den Titel 'Guihua-Generalin' — die 'anmutig Schöne Generalin'.“
„Was hat sich denn Seltsames zugetragen?“ erkundigten sich seine Gäste. Die Berater riefen: „Außerordentlich! Herrlich! Dem Wort 'Guihua' — 'anmutige Schönheit' — das Wort 'General' hinzuzufügen, macht es nur noch reizvoller und graziöser. Wahrlich ein einmaliger Ausdruck in der Geschichte der Literatur! Dieser Heng König muss wohl der größte Lebemann aller Zeiten gewesen sein!“
Und Djia Dschëng fuhr fort: „Unerwartet rotteten sich dann versprengte Räuberbanden vom Schlage der Gelben Turbane und der Roten Augenbrauen zusammen, um die Gegend von Schan-dung zu plündern. Prinz Hëng war der Meinung, wegen so einer Meute brauche man nicht viel Aufhebens zu machen, und setzte nur leichte Reiterei ein, um die Räuber zu vernichten. Wider Erwarten zeigte sich jedoch, daß diese Räuber sehr gewitzt waren. Nach zwei Schlachten waren sie noch immer nicht besiegt, und Prinz Hëng wurde von ihnen erschlagen. Aufrecht Kaufmann lächelte: „Gewiss, das stimmt. Aber es gibt noch Erstaunlicheres und Bewundernswürdigeres zu berichten.“
Daraufhin sagten die Zivil- und Militärbeamten von Tjing-dschou: ‚Wenn der Prinz sie nicht bezwingen konnte, um wieviel weniger werden dann wir dazu in der Lage sein!‘ Und sie schickten sich an, die Stadt auszuliefern. Die Berater fragten verwundert: „Was ist dann geschehen?“
Als aber die Vierte Lin die Schreckensnachricht erfuhr, rief sie ihre Kriegerinnen zusammen und sagte: ‚Die Gnade, die wir stets vom Prinzen erfahren haben, ist so hoch wie der Himmel und so stark wie die Erde. Wir werden auch nicht den zehntausendsten Teil davon je vergelten können. Jetzt, wo der Prinz sein Leben dem Vaterland zum Opfer gebracht hat, bin ich entschlossen, mein Leben dem Prinzen zum Opfer zu bringen. Wer von euch gewillt ist, es mir gleichzutun, der folge mir. Wer dazu nicht bereit ist, der gehe seines Weges.‘

Als die Kriegerinnen das hörten, erklärten sie einmütig, sie wollten mit ihr ziehen. Daraufhin verließ die Vierte Lin noch in derselben Nacht mit ihnen die Stadt und drang geradewegs in das Lager der Räuber ein, die darauf nicht gefaßt waren und mehrere ihrer Anführer verloren. Dann aber bemerkten sie, daß sie nur einer Handvoll Frauen gegenüberstanden, die nicht viel ausrichten konnten, griffen zu den Waffen und lieferten ihnen ein heftiges Gefecht, in dem von der Vierten Lin und ihren Gefährtinnen keine einzige am Leben blieb, so daß der Treueschwur der Vierten Lin erfüllt war.

Als das in der Hauptstadt bekannt wurde, waren Kaiser und Beamtenschaft gleichermaßen erschüttert und verwundert. Vom Hof wurden dann natürlich Leute entsandt, und als diese Regierungstruppen eintrafen, wurden die Räuberhorden restlos aufgerieben, aber das ist nicht weiter der Rede wert. Doch was sagen Sie jetzt zu der Standhaftigkeit der Vierten Lin, meine Herren? Ist sie nicht bewunderungswürdig?“
Aufrecht Kaufmann fuhr fort: „Im nächsten Jahr sammelten sich die Überbleibsel der Aufständischen — Reste der 'Gelben Turbane' und 'Roten Augenbraün' — erneut wie ein Schwarm und plünderten das Gebiet östlich der Berge. Heng König hielt sie für ein paar raeudige Schaffe und Hunde, die keinen großen Feldzug verdienten, und ritt mit leichter Kavallerie gegen sie. Doch die Rebellen waren überraschend listig und geschickt. Nach zwei verlorenen Schlachten fiel Heng König den Raeübern zum Opfer. Daraufhin sagten sich alle Zivil- und Militärbeamten in Qingzhou: 'Wenn nicht einmal der König siegen konnte — was sollen wir da ausrichten?' Sie waren schon drauf und dran, die Stadt zu übergeben. Als Lin Siniang die Todesnachricht erhielt, versammelte sie alle Kriegerinnen und sprach: 'Wir alle stehen in der Schuld des Königs. Himmel und Erde sind unsere Zeugen, doch wir können ihm nicht den zehntausendsten Teil seiner Gnade vergelten. Da der König nun sein Leben für das Reich gegeben hat, bin ich entschlossen, mein Leben für den König zu geben. Wer mir folgen will, komme sofort mit mir. Wer nicht will, möge sich zerstreün.' Als die Kriegerinnen diese Worte hörten, riefen alle einstimmig, sie seien bereit. So führte Lin Siniang ihre Schar bei Nacht aus der Stadt und fiel direkt über das Lager der Räuber her. Die Rebellen waren unvorbereitet, und einige ihrer Anführer wurden erschlagen. Doch als die Räuber sahen, dass es nur eine Handvoll Frauen war und sie nichts ausrichten konnten, schlugen sie mit aller Macht zurück, und in einem erbitterten Kampf wurde Lin Siniang und jede einzelne ihrer Kämpferinnen getötet, ohne dass eine am Leben blieb. So erfüllte Lin Siniang ihren Schwur der Treue und Gerechtigkeit. Als die Nachricht in die Hauptstadt gelangte, waren alle — vom Kaiser bis zum geringsten Beamten — erschüttert und voller Bewunderung. Was die Unterdrückung der Rebellen danach betrifft — natürlich schickte der Hof Truppen, und die kaiserlichen Armeen machten dem Spuk rasch ein Ende. Darüber brauchen wir nicht weiter zu sprechen. Aber allein Lin Siniangs Geschichte — ist die nicht bewundernswert?“
„Bewunderungswürdig und höchst erstaunlich, in der Tat!“ pflichteten seine Gäste ihm bei. „Das ist wirklich ein hervorragendes Thema, um Verse des Gedenkens zu schreiben.“ Und schon hatte einer der Männer Schreibpinsel und Tuschereibstein geholt und schrieb nach Djia Dschëngs Erzählung eine kurze Einleitung nieder, wobei er nur wenige Wörter leicht veränderte. Die Berater seufzten: „Wahrlich bewundernswert und erstaunlich! Ein hervorragendes Thema, das verdient, dass alle eine Klageode darauf verfassen.“ Schon hatte jemand Pinsel und Tusche geholt. Nach Aufrecht Kaufmanns mündlichem Bericht wurde, mit leichten Änderungen in der Wortwahl, eine kurze Einleitung niedergeschrieben und Aufrecht Kaufmann zur Durchsicht vorgelegt. Dieser sagte: „Es ist nicht mehr als das. Die andere Seite hat ohnehin die Originaleinleitung. Gestern erging nämlich ein kaiserlicher Erlass, wonach alle Personen aus früheren Dynastien, die Anerkennung verdienten, aber bisher übergangen worden waren, gemeldet werden sollten — ob Mönche, Nonnen, Bettler, Männer oder Frauen: Wer auch nur eine lobenswerte Tat vorzuweisen hat, dessen Lebenslauf soll dem Ritenministerium zur Prüfung vorgelegt werden. Deshalb wurde auch jene Originaleinleitung an das Ritenministerium geschickt. Alle, die davon hörten, wollen nun ein 'Lied auf die Anmutig-Schöne' verfassen, um ihre Treue und Gerechtigkeit zu würdigen.“
Djia Dschëng sah das Geschriebene durch, dann sagte er: „Es kann so bleiben. Auch dort hat man schon eine Einleitung geschrieben. Gestern wurde ein kaiserlicher Sondererlaß empfangen, in dem befohlen wird, alle Personen festzustellen, die Lob und Auszeichnung verdienen, bisher aber übergangen worden sind. Auch wenn es sich um Mönche, Nonnen, Bettler oder Frauen handelt – wenn jemand eine rühmenswerte Tat vollbracht hat, soll sein Lebenslauf sogleich ans Ministerium der Riten eingesandt werden, damit dieses den Kaiser um eine Auszeichnung bitten kann. So ist auch jene Einleitung schon ans Ritenministerium geschickt worden. Nachdem Sie von der Sache erfahren haben, meine Herren, sollte jeder von Ihnen ein Gedicht über General Lieblich verfassen, um ihrer Treue ein Denkmal zu setzen.“ Die Berater sagten lächelnd: „So muss es sein. Und noch bewundernswerter ist, dass unsere erlauchte Dynastie mit beispiellosen Gunsterweisen glänzt, wie es sie in keiner früheren Zeit je gegeben hat. Man kann wahrlich sagen: 'Im heiligen Reich gibt es nichts zu beklagen' — das Wort des Tang-Dichters hat sich in unserer Zeit bewahrheitet. Erst jetzt bekommt dieser Vers seinen vollen Sinn.“
„Das müssen wir tun!“ stimmten ihm alle zu, „aber am bewunderungswürdigsten ist es, daß unsere herrschende Dynastie solche lange nicht geübten Riten wiederbelebt und so große Gnade walten läßt. Darin wird sie wahrhaftig von keiner der früheren Dynastien erreicht, und hier kann man wirklich sagen ‚Vom heiligen Herrscherhaus wird nichts versäumt.‘ Diese Formulierung hat jemand unter der Tang-Dynastie vorweggenommen, und unter unserer Dynastie erfüllt sie sich. Heute erst sind das nicht mehr nur leere Worte.“ Aufrecht Kaufmann nickte: „Genau so ist es.“
„Genau so ist es“, bestätigte Djia Dschëng kopfnickend. Während sie noch sprachen, trafen auch Jia Huan und Jia Lan ein. Aufrecht Kaufmann ließ sie das Thema lesen. Die beiden waren zwar keine schlechten Dichter, und an Belesenheit standen sie Schatzjade nicht viel nach. Doch erstens schlugen sie grundsätzlich einen anderen Weg ein: In der Prüfungsdichtung mochten sie Schatzjade überlegen sein, doch in der freien Dichtung reichten sie bei weitem nicht an ihn heran. Zweitens war ihr Denken schwerfaellig und umständlich, während Schatzjades Geist leicht und graziös dahinflog. Ihre Gedichte lasen sich stets wie Examenarbeiten: steif, nüchtern und ohne Schwung.
Bei diesen Worten erschienen Djia Huan und Djia Lan und mußten sich auf Djia Dschëngs Geheiß das Thema durchlesen. Die beiden verstanden sich wohl auch darauf, Gedichte zu schreiben, und der Wortschatz, den sie im Kopf hatten, war nicht viel geringer als der von Bau-yü, aber erstens gingen sie einen ganz anderen Weg als Bau-yü, indem sie ihn scheinbar weit übertrafen, wenn es um Prüfungsaufsätze ging, während sie auf dem Gebiet der übrigen Literatur bei weitem nicht an ihn heranreichten. Und zweitens war der Geist der beiden stumpf im Vergleich zu Bau-yüs wachem und feinsinnigem Verstand, und ihre Gedichte schrieben sie nach denselben Prinzipien wie die achtgliedrigen Prüfungsaufsätze, wodurch sie unvermeidlich pedantisch und mittelmäßig ausfallen mußten.

Bau-yü war durchaus kein Buchgelehrter, aber er verfügte über eine natürliche Klugheit und las gern alle möglichen Bücher, deshalb war er der Meinung, daß es auch bei den Klassikern frei erfundene und fehlerhafte Stellen gab, so daß man sich nicht zu eng an sie halten konnte. Wenn man stets ängstlich darauf bedacht war, sich an bewährte Vorbilder zu halten, konnte man zwar auch etwas zusammenpappen, aber das würde dann ohne jeden Reiz sein.
Schatzjade hingegen war zwar kein Gelehrter im eigentlichen Sinne, doch dank seiner angeborenen Klugheit und seiner Vorliebe für allerlei Bücher außerhalb des Kanons hielt er es für möglich, dass auch die Alten sich gelegentlich geirrt oder etwas erfunden hatten, und meinte, man dürfe nicht alles wörtlich nehmen. Wenn man sich ständig ängstlich an Regeln klammerte, kam bestenfalls ein steifes Flickwerk heraus, das keinem Vergnügen bereitete. Mit dieser Haltung im Herzen fiel ihm jedes Thema, ob schwer oder leicht, mühelos zu — wie einem gewandten Redner, der aus dem Nichts Geschichten spinnt, mit flinker Zunge lange Tiraden hält und alles durcheinanderwirft und außchmückt, bis ein ganzer Vortrag dasteht. Auch wenn es an Belegen mangelt, bringt er die ganze Gesellschaft zum Lächeln, und selbst die strengsten Kritiker können gegen diesen Schwung nichts ausrichten.
Mit diesen Ansichten im Kopf wagte er sich an jedes beliebige Thema, so wie es zungenfertige Redner tun, die aus dem Nichts heraus einzig mit Hilfe ihrer Beredsamkeit lange Vorträge halten. Wenn es auch keiner Prüfung standhält, was sie sagen, so fühlen sich doch alle durch sie belehrt, und Männer ernster Worte sind nicht in der Lage, gegen solche Schönredner aufzukommen.

Djia Dschëng war in der Letzten Zeit gealtert, und sein Streben nach Ruhm und Gewinn hatte stark nachgelassen, auch war er seiner ursprünglichen Natur nach ein Freund von Gedichten, Wein und ausgelassenen Reden. Seinen Söhnen und Neffen gegenüber kam er natürlich nicht umhin, sie auf den rechten Weg zu führen, aber neuerdings war er zu der Ansicht gekommen, daß Bau-yü sich zwar nicht den klassischen Büchern widmete, jedoch ein großes Verständnis für die Dichtkunst hatte und so bei sorgfältiger Betrachtung den Ahnen keine allzu große Schande machte. Genau genommen, waren auch die Ahnen nicht anders gewesen. Einige von ihnen hatten es zwar auf dem Gebiet der Prüfungsaufsätze zu großer Perfektion gebracht, aber aufsehenerregende Verdienste hatte sich keiner damit erworben.
In letzter Zeit hatte Aufrecht Kaufmann, mit zunehmendem Alter, sein Streben nach Ruhm und Ehre weitgehend abgelegt. In seiner Jugend war auch er ein Mann des Weins und der Poesie gewesen, doch vor den jüngeren Verwandten hatte er stets den rechten Weg betont. Nun stellte er fest, dass Schatzjade, obwohl er keine Bücher las, ein erstaunliches Verständnis für die Dichtkunst besass. Bei näherer Betrachtung hatte er die Familienehre doch nicht allzu sehr beschmutzt. Zudem waren auch die Vorfahren alle auf ähnliche Weise veranlagt gewesen: Zwar hatte es unter ihnen einige gegeben, die sich tief in die Prüfungsliteratur versenkt hatten, doch keiner war je durch die Prüfungen zu Amt und Würden gelangt. Offenbar war dies das Schicksal der Familie Jia. Da zudem die Herzoginmutter den Enkel verwöhnte, zwang Aufrecht Kaufmann ihn nicht länger zum Prüfungsstudium. Deshalb behandelte er ihn in letzter Zeit so. Gleichzeitig wünschte er sich, dass Jia Huan und Jia Lan neben ihrer Prüfungsvorbereitung auch etwas von Schatzjades Talenten besässen; deshalb rief er, wann immer Gedichte zu verfassen waren, alle drei zusammen.
Wie es aussah, war es der Sippe der Djias nicht anders beschieden. Zumal auch Djia Dschëngs Mutter eine zärtliche Schwäche für Bau-yü hatte, wollte er ihn nicht gewaltsam drängen, sich mit Prüfungsvorbereitungen zu beschäftigen. In diesem Sinne hatte er ihn in der jüngsten Zeit behandelt, und er hätte es gern gesehen, wenn sich Djia Huan und Djia Lan mit Ausnahme der Prüfungsaufsätze an Bau-yü ein Beispiel genommen hätten. Darum ließ er, wenn er sie Gedichte schreiben lassen wollte, stets alle drei rufen, um sie zum Wetteifern anzuregen. Doch lassen wir die Abschweifungen. Aufrecht Kaufmann befahl den dreien, je eine Klageode zu verfassen: Wer zürst fertig wäre, erhalte eine Belohnung, und wer die beste abliefere, eine zusätzliche. Jia Huan und Jia Lan hatten in letzter Zeit vor zahlreichem Publikum mehrere Gedichte vorgetragen und waren dadurch mutiger geworden. Sie lasen das Thema und gingen in sich. Bald hatte Jia Lan seinen Text fertig. Jia Huan, der nicht zurückstehen wollte, vollendete seinen ebenfalls. Beide hatten ihre Verse niedergeschrieben, während Schatzjade noch in Gedanken versunken war.
Djia Huan und Djia Lan hatten in letzter Zeit schon mehrmals in Gesellschaft Gedichte verfaßt, und das hatte ihnen Mut gegeben. Als sie jetzt das Thema sahen, begannen sie nachzugrübeln, und Djia Lan wurde als Erster fertig. Aus Angst, letzter zu werden, war auch Djia Huan schon fertig geworden, und während sie beide ihre Gedichte schon aufschrieben, war Bau-yü noch ganz in Gedanken.

Djia Lans Gedicht war der folgende Vierzeiler:

„General Lieblich, die Vierte Frau Lin,
Aufrecht Kaufmann und die Berater besahen zunächst die Gedichte der beiden. Jia Lans war ein siebensilbiges Vierzeiler:
war schön wie Jade und mutig zugleich. Guihua-Generalin Lin Siniang,
Seitdem für Prinz Hëng sie ihr Leben gab, Jade war ihr Fleisch, Eisen ihr Herz.
duftet die Erde von Tjing-dschou nach ihr.“ Sie gab ihr Leben, um Heng König zu raeechen — noch heute duftet der Boden von Qingzhou.
Als Djia Dschëngs Gäste diese Zeilen gelesen hatten, lobten sie: „Um als Dreizehnjähriger so ein Gedicht zu schreiben, muß man schon aus einer hochgebildeten Familie stammen. Das ist wirklich nicht gelogen.“ Die Berater lobten: „Für einen dreizehnjährigen Knaben ist das ganz ausgezeichnet! Man sieht, aus welch gelehrtem Hause er stammt!“ Aufrecht Kaufmann lächelte: „Für einen Knaben ist das eine beachtliche Leistung.“
Lächelnd erwiderte Djia Dschëng: „Es ist die Ausdrucksweise eines Kindes. Aber trotzdem, er hat sich Mühe gegeben.“ Dann las er, was Djia Huan geschrieben hatte: Dann lasen sie Jia Huans Gedicht, einen fünfsilbigen Achtzeiler:
„Sorglos verlief ihr Leben bislang, Die Schöne kennt noch keinen Gram,
jetzt hat es nur noch den einen Zweck. doch in des Generals Herz glücht ein Schwur.
Weinend tritt sie aus dem Prunkgemach, Sie wischt die Tränen, lässt den Seidenvorhang,
zürnend verläßt sie die Stadt Tjing-dschou. mit Groll im Herzen verlässt sie Qingzhou.
Zu rächen gilt es des Prinzen Tod, Sie wähnt, des Königs Gnade zu vergelten,
wiewohl die Räuber in Übermacht. doch wie die Feinde besiegen?
Wer singt den Nachruf am Grabe ihr,

die für ewig Einmaliges tat?“
Wer schreibt auf das Grab der Treue?
„Das ist noch besser!“ sagten alle. „Schließlich ist er ja auch ein paar Jahre älter, doch auch sein Ansatz ist ein anderer.“ Auf ewig ein Name ohne gleichen.
„Es ist zwar nicht ganz verkehrt, aber doch nichts Echtes“, urteilte Djia Dschëng.

„Laßt es gut sein!“ sagten seine Gäste. „Der dritte junge Herr ist nur wenig älter als sein Neffe. Wenn er schon als Junge so etwas zuwege bringt, werden vielleicht bei einigem Fleiß in ein paar Jahren noch Juan der Große und Juan der Kleine aus den beiden.“
Die Berater sagten: „Noch besser! Ein paar Jahre älter, und man merkt, dass die Gedanken schon tiefer gehen.“ Aufrecht Kaufmann meinte: „Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich ergreifend.“ Die Berater entgegneten: „Mehr kann man nicht verlangen. Der dritte junge Herr ist nur zwei Jahre älter, und vor der Mündigkeit ist das schon beachtlich. In ein paar Jahren werden sie wie die beiden Ruans sein — der große und der kleine.“ Aufrecht Kaufmann lächelte: „Übertiebenes Lob. Ihr einziger Fehler ist, dass sie nicht fleissig genug studieren.“
„Zuviel des Lobes!“ wehrte Djia Dschëng ab. „Der Fehler der beiden ist, daß sie nicht lernen wollen.“ Dann fragte er, wie weit Bau-yü mit seinem Gedicht sei.

„Der zweite junge Herr ziseliert seine Verse sorgfältig, bestimmt wird es wieder etwas Elegantes und Ergreifendes, anders als die beiden Gedichte eben“, sagten seine Gäste.

Bau-yü aber erklärte lächelnd: „Für dieses Thema scheint mir der Neue Stil nicht geeignet, es muß ein Lied oder eine Ballade im Alten Stil und von entsprechender Länge sein, damit es etwas Rechtes wird.“
Dann fragte man nach Schatzjade. Die Berater sagten: „Der zweite junge Herr arbeitet sorgfaeltig und mit Bedacht. Das wird gewiss wieder etwas ganz anderes — voller Eleganz und Gefühl.“ Schatzjade lächelte: „Dieses Thema eignet sich nicht für die kurze Form. Es braucht ein längeres Stück im alten Stil — ein Lied oder eine Ballade — , um dem Gegenstand gerecht zu werden.“
Als die Hausgäste das hörten, standen sie auf und nickten, klatschten in die Hände und sagten: „Haben wir nicht gesagt, er packt es anders an?! Bei jedem Thema muß man zuerst überlegen, ob sich der Stil dafür eignet oder nicht. Das ist das Geheimnis erfahrener Meister. Es ist genau wie beim Schneidern – man muß maßnehmen, bevor man die Schere ansetzt. Das Thema lautet ‚General Lieblich‘, außerdem liegt schon eine Einleitung vor, also kommt als Form nur eine lange Ballade in Betracht, vielleicht in der Art des ‚Liedes von der ewigen Reue‘ von Bai Djü-i oder auch in der Art eines Lobliedes auf das Altertum, halb Schilderung und halb Festgesang, fließend und anmutig. Nur so kann man den Reiz des Themas voll ausschöpfen.“ Alle erhoben sich, nickten und klatschten: „Hab ich es nicht gesagt — er denkt ganz anders! Bei jedem Thema prüft er zürst, welche Form angemessen ist. Das ist die Methode des Meisters. Wie beim Schneidern: Bevor man den Stoff zuschneidet, muss man die Masse kennen. Das Thema heißt 'Lied auf die Anmutig-Schöne', und da es eine Einleitung gibt, muss es ein längeres Lied im Balladenstil sein. Etwa nach dem Vorbild von Bai Juyis 'Lied vom ewigen LeidCite error: Closing </ref> missing for <ref> tag.</ref>', oder als Nachahmung der historischen Oden, halb erzählend, halb besingend, fließend und elegant — nur so kann es gelingen.“
Djia Dschëng stimmte ihnen zu und griff selber zu Schreibpinsel und Papier. Dann forderte er Bau-yü auf: „Wenn es so ist, dann sprich es mir vor, und ich schreibe es auf. Aber wehe, wenn es nichts taugt! Dann werde ich dich eigenhändig durchprügeln. Wer hat dir gestattet, dich im voraus so schamlos zu brüsten?“

Notgedrungen mußte Bau-yü die erste Zeile rezitieren und sagte:

„Prinz Hëng liebt die Waffen, liebt die Frauen zugleich, ...“
Aufrecht Kaufmann stimmte zu, nahm selbst den Pinsel und bat Schatzjade lächelnd: „Also gut, diktiere, ich schreibe. Wenn es nicht gut ist, bekommst du Prügel. Wer hat dir erlaubt, vorab so große Töne zu spucken?“
Djia Dschëng schrieb es auf und las es noch einmal durch, dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Zu grob!“ Schatzjade musste sich fügen und diktierte die erste Zeile:
Alle seine Gäste aber redeten ihm zu: „Das ist nicht grob, so verlangt es der Alte Stil. Wartet ab, wie er weitermacht!“ Heng König liebte Krieg und schöne Frauen zugleich,
„Also lassen wir es einstweilen stehen!“ entschied Djia Dschëng, und Bau-yü sprach weiter:

„Drum läßt er seine Schönen sich üben im Kampf.

Nicht Lieder und Tänze treffen seinen Geschmack,

nur der Anblick von Schlachtreihn begeistert sein Herz.“
Aufrecht Kaufmann las es und schüttelte den Kopf: „Grob.“ Ein Berater widersprach: „Gerade so muss es sein, damit es archaisch wirkt. Letztlich ist es nicht grob. Warten wir das Folgende ab.“ Aufrecht Kaufmann sagte: „Lassen wir es einstweilen stehen.“ Schatzjade diktierte weiter:
Djia Dschëng schrieb es auf, und seine Gäste kommentierten: „Besonders die dritte Zeile ist von klassischer Schlichtheit und ganz ausgezeichnet. Alle vier Zeilen sind direkte Schilderung und werden der Form bestens gerecht.“ und ließ die schönen Mädchen Reiten und Schiessen üben.
„Schluß mit dem unverdienten Lob!“ verlangte Djia Dschëng. „Wollen wir sehen, wie er endlich zum eigentlichen Thema kommt!“ Üppiger Gesang und sinnlicher Tanz gaben ihm keine Freude,
Und Bau-yü fuhr fort: in Schlachtreihen und Waffengängen fand er sein Vergnügen.
„Kein Staub von Gefechten stört das reizende Bild,

nein, rote Laternen spenden festliches Licht.“
Aufrecht Kaufmann schrieb es auf. Die Berater sagten: „Allein die dritte Zeile ist schon altehrwürdig und kraftvoll. Und diese vier Zeilen als Auftakt sind äußerst gelungen.“ Aufrecht Kaufmann mahnte: „Spart euch das übertriebene Lob und seht zu, wie er die Wendung vollzieht.“ Schatzjade diktierte:
„Ausgezeichnet!“ riefen die Hausgäste nach diesen beiden Zeilen dazwischen. „‚Kein Staub‘, aber ‚festliche rote Laternen‘, durch diese Ausdrücke fühlt man sich in die Atmosphäre hineinversetzt.“ Vor den Augen wirbelt kein Schlachtfeldstaub empor,
Wieder fuhr Bau-yü fort: im Lampenschein tanzt ein anmutiger Schatten.
„Die Kommandos erschallen aus duftendem Mund,

mit letzter Kraft schwingen zarte Arme den Speer.“
Alle riefen: „Herrlich! 'Kein Schlachtfeldstaub empor' — und dann als Kontrast 'ein anmutiger Schatten im Lampenschein'! Wortgebrauch und Verskunst — alles ist meisterhaft!“ Schatzjade fuhr fort:
Jetzt klatschten die Hausgäste in die Hände und sagten lachend: „Das Bild wird immer lebendiger. Der junge Herr muß wohl selbst dabeigewesen sein, daß er die Zartheit sehen und den duftenden Atem verspüren konnte. Wie könnte er sonst alles so deutlich nachempfinden?!“ Wenn sie den Befehl ruft, duftet ihr Mund nach Nelken,
„Wenn Frauen Waffenübungen machen, werden sie es bei allem Mut doch den Männern nicht gleichtun, und ihre zarte Schwäche kann man sich vorstellen, auch ohne dabeigewesen zu sein“, erklärte Bau-yü lächelnd. Frostspeere und Schneeschwerter zittern in zärtlichen Händen.
„Willst du nicht endlich weitermachen, anstatt wieder einmal groß daherzureden?“ fragte Djia Dschëng. Die Berater klatschten lachend in die Hände: „Noch plastischer! War der junge Herr Schatzjade etwa selbst dabei und hat ihre Anmut gesehen und ihren Duft gerochen? Sonst würde er sich nicht so einfühlen!“ Schatzjade lächelte: „Wenn Mädchen Waffenübungen machen — wie tapfer sie sich auch geben, sie sind eben keine Männer. Ihre Zierlichkeit und Zärtlichkeit kann man sich auch ohne Hinsehen vorstellen.“
Also dachte Bau-yü kurz nach und sprach dann die nächste Zeile:

„Buntseidene Gürtel, reich mit Blüten geschmückt, ...“
Aufrecht Kaufmann sagte: „Statt weiter zu schwatzen, mach lieber weiter!“ Schatzjade überlegte und diktierte:
„Großartig, dieser Wechsel des Reims, nur so kommt Bewegung hinein!“ lobten die Hausgäste. „Und die Zeile an sich gibt auch ein schönes Bild.“ Nelkenknöpfe schmücken den Hibiskusgürtel,
Djia Dschëng dagegen las noch einmal durch, was er geschrieben hatte, und wandte ein: „Die Zeile taugt nichts. Wir hatten schon den ‚duftenden Mund‘ und die ‚zarten Arme‘, wozu also das noch? Anstatt daß er Kraft hineinlegt, häuft er diese Bilder an, nur um die Zeilen zu füllen.“ Alle sagten: „Wechsel zum Reim 'ao' — Xiao-Reim — , sehr gut! Das gibt Fluss und Schwung. Und die Zeile selbst ist bezaubernd und elegant.“ Aufrecht Kaufmann schrieb es nieder und bemerkte: „Die Zeile taugt nicht. Vorher hatte er schon 'duftender Mund' und 'zärtliche Hände' — wozu noch einmal? Das zeigt mangelnde Kraft; also greift er wieder zu bloßem Zierwerk, um die Lücke zu füllen.“
„So ein langes Gedicht braucht schon ein paar Ausschmückungen, sonst wird es zu eintönig“, verteidigte Bau-yü sich lächelnd. Schatzjade lächelte: „Ein langes Lied braucht etwas schmückende Wortwahl. Sonst wird es zu karg.“
„Wenn du dich in solchen Ausschmückungen verlierst, wie willst du dann auf das Hauptthema kommen?“ hielt Djia Dschëng ihm vor. „Noch ein paar solcher Zeilen, und es ist zuviel des Guten.“ Aufrecht Kaufmann entgegnete: „Schon, aber wie willst du nach dieser Zeile wieder zum Kriegerischen zurücklenken? Noch zwei, drei solche Zeilen, und es ist wie ein fünftes Rad am Wagen.“
„Dann will ich gleich in den nächsten Zeilenpaaren darauf übergehen. Ich glaube, das ist möglich“, kündigte Bau-yü an. Schatzjade antwortete: „Dann wende ich es mit der nächsten Zeile ab und schließe zugleich. Das müsste gehen.“
„Hast du so große Fertigkeiten?“ fragte Djia Dschëng und lächelte geringschätzig dabei. „Eben hast du so weit ausgeholt, und nun traust du dir zu, es auf einen Schlag abzurunden und das Thema zu wechseln? Hast du dir da nicht etwas zuviel vorgenommen?“ Aufrecht Kaufmann lachte kühl: „Was bildest du dir auf dein Können ein? Oben ein weiter, offener Satz, und jetzt willst du mit einer einzigen Zeile gleichzeitig wenden und schließen — da wird dir wohl die Kraft ausgehen.“
Bau-yü dachte mit gesenktem Kopf nach und sprach dann die folgende Zeile: Schatzjade überlegte kurz und sagte:
„Tragen nun den Stahldolch statt des Perlenzierats.“ Nicht Perlen traegt sie an der Schärpe, sondern das Schwert.
Anschließend erkundigte er sich rasch: „Geht diese Zeile so?“

Die Hausgäste klopften auf die Tische und machten beifällige Bemerkungen, und Djia Dschëng sagte lächelnd: „Lassen wir es einstweilen so stehen! Fahr fort!“
„Geht diese Zeile?“ fragte er hastig. Alle schlugen begeistert auf den Tisch. Aufrecht Kaufmann schrieb sie nieder, las sie lächelnd noch einmal und sagte: „Lassen wir sie stehen. Weiter.“ Schatzjade fuhr fort: „Wenn sie taugt, möchte ich in einem Zug weitermachen. Wenn nicht, streiche ich alles und denke mir eine andere Richtung aus.“
„Wenn diese Zeile so geht, werde ich jetzt in einem Zug weitermachen“, schlug Bau-yü vor, „aber wenn sie nicht geht, dann streicht sie nur aus, und ich überlege mir etwas Neues mit anderen Wörtern.“ „Genug geredet!“ befahl Aufrecht Kaufmann. „Wenn es nicht gut ist, schreibst du eben noch zehn oder hundert Stück — vor Mühe brauchst du dich nicht zu fürchten!“
„Genug geschwatzt!“ fuhr Djia Dschëng ihn an. „Wenn es nicht gut ist, wirst du eben ein anderes Gedicht machen. Willst du vielleicht sagen, es sei dir zu schwer, selbst wenn du zehn oder gar hundert machen mußt?“ Also überlegte Schatzjade noch einen Augenblick und diktierte:
Was sollte Bau-yü anders tun, als nachzudenken und dann fortzufahren: Nach der Schlacht, spät in der Nacht, erschöpft das Herz,
„Endet spät am Abend das ermüdende Spiel, Spuren von Puder und Schminke beflecken die Seidenfahne.
ziehn sich Bahnen von Schweiß durch den Puder, das Rouge.“ Aufrecht Kaufmann sagte: „Wieder ein Abschnitt. Wie weiter?“
„Noch so eine Absatz!“ sagte Djia Dschëng. „Und wie soll es danach weitergehen?“ Schatzjade diktierte:
Daraufhin sprach Bau-yü: Im nächsten Jahr ziehen Räuber durch Shandong,
„Übers Jahr wurde Schan-dung von Räubern berannt, verschlingen wie Tiger und Panther, schwärmen wie Bienen.
wild wie Tiger und Wölfe, in zahlloser Schar.“ Die Berater sagten: „Gut das Wort 'ziehen'! Es zeigt sofort den Unterschied der Kräfteverhältnisse. Und die ganze Zeile wendet sich geschmeidig.“
„Das Wort ‚berannt‘ ist hier gut gewählt!“ lobten die Hausgäste. „Man sieht, daß er doch etwas kann. Und auch der Themenwechsel ist alles andere als hölzern.“ Schatzjade diktierte weiter:
Bau-yü aber fuhr fort: Der König führt die Himmelstruppen gegen die Räuber,
„Der Prinz führt die Truppen, dem Übel zu wehren, doch nach einer Schlacht, nach zweien — kein Sieg.
stellt sich einmal und zweimal erfolglos zur Schlacht. Blutiger Wind bricht den Weizen auf den Hügeln,
Der Blutgeruch zieht durch die reifenden Felder, leer steht das Tigerzelt unter der Kriegsfahne in der Sonne.
die Sonne bescheint, was von den Lagern noch blieb. Die blauen Berge schweigen, das Wasser rauscht,
Still stehn die Berge, leise murmelt der Fluß, es ist die Stunde, da Heng König den Tod fand.
als Prinz Hëng im Gefecht jäh sein Leben verliert. Regen wäscht weiße Knochen, Blut tränkt das Gras,
Kalt trommelt der Regen auf die Leichen herab, der Mond scheint kalt auf gelben Sand, Geister bewachen die Leiche.
als Schildwach von Geistern wie Nebel umwoben.“ Alle sagten: „Meisterhaft, meisterhaft! Aufbau, Erzählung, Wortwahl — alles vollendet. Nun kommt Lin Siniang — da muss es eine geniale Wendung geben.“ Schatzjade diktierte:
„Bestens! Bestens!“ sagten die Hausgäste. „Komposition, Beschreibung und Wortschmuck, alles in höchster Vollendung. Wie aber kommt nun die Sprache wieder auf die Vierte Lin? Da braucht es noch einmal eine Wendung durch so ein hervorragendes Zeilenpaar.“ Die Offiziere und Soldaten denken nur an ihr eigenes Leben,
Und wieder fuhr Bau-yü fort: Qingzhou wird vor ihren Augen zu Staub.
„Schon denkt nur noch jeder, sich selber zu retten, Doch unerwartet leuchtet Treue und Pflicht aus dem Frauengemach,
schon droht der Stadt Tjing-dschou nur noch Schmach und Verderb. voller Zorn erheben sich die Geliebten des Königs.
Da regt sich Empörung im Hause des Prinzen,

Pflicht und Treue vergaß nicht die schönste der Fraun.“
Die Berater sagten: „Kunstvoll eingeleitet!“ Aufrecht Kaufmann warnte: „Es wird zu lang. Ich fürchte, es wird schwerfaellig.“
„Sehr geschickt, dieser allmähliche Übergang!“ lobten die Hausgäste, Djia Dschëng aber tadelte: „Viel zu wortreich! So kann der Rest leicht langatmig werden.“ Schatzjade diktierte weiter:
Indessen sprach Bau-yü weiter: Wer war des Königs Liebste unter allen?
„Wer ist sie, die vormals Prinz Hëng so sehr schätzte? Die Guihua-Generalin Lin Siniang!
Die Vierte Lin ist‘s, General Lieblich genannt. Sie ruft die Mädchen von Qin herbei, treibt die Töchter von Zhao,
Die Schönen des Harems ruft auf sie zum Streite, wie blühende Pflaumen und Pfirsiche treten sie aufs Schlachtfeld.
um mit ihr zu ziehen in die blutige Schlacht. Auf besticktem Sattel benetzen Tränen den Frühlingsschmerz,
Manch bittere Träne zum Sattel fällt nieder, lautlos liegt die Rüstung in der kühlen Nachtluft.
als nächtens dann auszieht die gepanzerte Schar. Sieg oder Niederlage — wer mag es voraußagen?
Niemand vermag es, einen Sieg zu versprechen, Doch ihr Schwur gilt: Leben und Tod für den früheren König!
doch das Leben zu wagen, ist jede bereit. Die Macht der Räuber ist unbezwingbar,
Unbesiegbar erweist sich das Räubergezücht, gebrochene Weiden, zertretene Blüten — wahrlich zum Erbarmen!
welken Blumen gleich sinken die Schönen dahin. Ihre Seelen schweben nahe der Stadtmauer, nah der Heimat,
Ihre Seelen umschweben den heimischen Ort, Pferdehufe zertreten Rosenduft und Knochenmark.
ihre Leiber zerstampfen die Pferde im Staub. Eilboten jagen die Nachricht in die Hauptstadt,
Im Nu bis zur Hauptstadt wird die Kunde bekannt, welche Söhne und Töchter trauerten nicht?
in die Herzen der Jugend zieht Traurigkeit ein. Der Kaiser erschrickt und grollt den Verlusten,
Den Kaiser empört der Verlust seiner Festung, auch die Beamten senken beschämt das Haupt.
die Minister stehn ratlos und senken den Kopf. Wozu stehen Zivil- und Militärbeamte am Hof,
Was gelten jetzt sie noch, die Großen des Reiches, wenn sie hinter einer Frau zurückstehen — hinter Lin Siniang!
wenn zart eine Frau sich als die Kühnste erwies? Mir entringt Lin Siniang einen langen Seufzer,
Der Vierten Lin denk ich mit endlosem Seufzen, das Lied ist zu Ende, doch das Gefühl irrt noch umher.
mein Schmerz tönt stets weiter, wenn auch endet mein Lied.“ Als er fertig war, lobten alle ohne Ende und lasen das Ganze noch einmal von vorn. Aufrecht Kaufmann lächelte: „Ein paar gute Zeilen sind darunter, aber im Ganzen ist es nicht ergreifend genug.“ Dann sagte er: „Ihr könnt gehen.“
Als er zu Ende gesprochen hatte, spendeten ihm die Hausgäste unaufhörlich Lob und lasen das Gedicht noch einmal von Anfang an. Djia Dschëng aber sagte nur lächelnd: „Er hat da ein paar Zeilen dahergesagt, doch wirklich echt sind sie nicht.“ Dann befahl er: „Geht jetzt!“ Und wie begnadigte Verbrecher gingen die drei hinaus, und jeder kehrte in seine Räume zurück. Alle drei fühlten sich wie begnadigt und gingen hinaus, jeder in seine Räume.
Von den anderen ist nichts weiter zu berichten. Sie legten sich am Abend schlafen, und das war alles. Bau-yü aber war das Herz von Kummer erfüllt, als er in den Garten zurückkam. Hier erblickte er plötzlich die Hibiskusblüten am Teich, und er mußte daran denken, wie das kleine Sklavenmädchen erzählt hatte, Tjing-wën sei zur Göttin des Hibiskus geworden. Unwillkürlich gab der Gedanke ihm Trost, und er seufzte eine Zeitlang beim Anblick der Blumen. Dann fiel ihm auf einmal ein, daß er kein Opfer an Tjing-wëns Sarg gebracht hatte. Sollte er nicht vielleicht hier dem Hibiskus ein Opfer bringen? Damit wäre der Anstandspflicht Genüge getan, und das noch eleganter als durch ein profanes Opfer am Sarg. Die übrigen Personen hatten nichts Besonderes zu berichten; sie gingen am Abend wie gewöhnlich zu Bett. Nur Schatzjade trug ein betrübtes Herz. Als er in den Garten zurückkehrte, fiel sein Blick auf die Hibiskusblüten am Teich. Er dachte an die Worte des kleinen Mädchens, Heitermuster sei zur Hibiskusgöttin geworden, und plötzlich hellte sich seine Stimmung auf. Er betrachtete die Hibiskusblüten und seufzte eine Weile.
Schon wollte er sich vor den Blumen verneigen, als er plötzlich wieder innehielt und sich sagte: „Schön und gut, aber ich darf auch nicht zu nachlässig dabei sein. Ich muß mich ordentlich dafür anziehen und Opfergaben vorbereiten, um meine Aufrichtigkeit unter Beweis zu stellen.“ Dann fiel ihm ein, dass er nach ihrem Tod nicht einmal an ihrem Totenschrein hatte opfern können. Warum sollte er nicht hier, vor den Hibiskusblüten, ein Totenopfer darbringen? Das wäre doch weit vornehmer als die gewöhnliche Trauervisite, wie es vulgäre Menschen taten.
Dann überlegte er weiter: „Es geht auf keinen Fall an, daß ich einfach die herkömmliche Form des Opfers nachmache. Ich muß mir etwas Ungewöhnliches ausdenken und neuartige Formen finden, romantisch und originell, die nichts mit den üblichen Sitten zu tun haben. Nur so kann ich uns beiden gerecht werden. Zumal es schon bei den Alten heißt ,Selbst Wasser aus einem Tümpel oder einer Wagenspur und Nichtigkeiten wie Gräser und Wasserpflanzen können als Opfergaben für einen Herrscher oder die Götter dienen.‘ Nicht der Wert der Gaben ist es, was zählt, sondern die Aufrichtigkeit der Gesinnung. Das ist das eine. So beschloss er, die Zeremonie durchzuführen, hielt dann aber inne: „So geht es doch nicht. Man muss ordentlich gekleidet sein, und die Opfergaben müssen vollständig vorbereitet werden, um wahre Ehrfurcht zu zeigen.“ Er überlegte: „Wenn ich jetzt die gewöhnlichen Trauerriten der Welt nachahmte, gäbe das gar nicht. Es muss etwas Einzigartiges sein, etwas Originelles und nie Dagewesenes, das unserer beider Wesen gerecht wird. Die Alten sagen ja: 'Auch Wasserpfütze und Regenlache, auch Wasserlinse und Brunnenkresse, so gering sie sein mögen, können einem Fürsten als Opfer dargebracht und den Göttern geweiht werden.' Es kommt nicht auf den Wert der Gaben an, sondern allein auf die Aufrichtigkeit des Herzens. Das ist das eine.
Zum anderen muß auch die Totenklage ihre eigene Form und ihre eigenen Mittel haben und kann nicht einfach den hergebrachten Schablonen folgen, indem lediglich ein paar fehlende Worte eingesetzt werden, um einen Text zu erhalten, der nur dem bloßen Anschein gerecht wird. Es müssen Tränen und Blut darin stecken, jedes Wort muß ein Seufzer, jeder Satz ein Schluchzer sein. Lieber ein unvollkommener Text und ein Zuviel an Trauer als ein kunstvoller Text, der keine Trauer zum Ausdruck bringt.

Zumal es auch bei den Alten vielfach äußerlich unscheinbare Texte gibt, und das mithin nicht meine eigene Erfindung ist. Sowieso sind die Menschen heutzutage nur auf Ruhm und Verdienst versessen, die Verehrung des Altertums aber ist wie weggeblasen, weil sie fürchten, sie sei unzeitgemäß und könnte ihrem Ruhm und Verdienst hinderlich sein. Ich aber lege keinen Wert auf Ruhm und Verdienst und will das, was ich schreibe, niemandem zu lesen geben, damit er mich lobt.
Zweitens muss auch der Klagetext und das Trauergedicht von eigener Hand und eigenem Denken sein, frei geschrieben, ohne die ausgetretenen Pfade der Vorgänger zu betreten — keine leeren Phrasen zum Blenden, sondern jedes Wort unter Tränen geschrieben, jeder Satz unter Schluchzen. Lieber fehlende Kunstfertigkeit bei überreichem Gefühl als schmückende Sprache bei mangelnder Trauer. Zudem haben die Alten oft Anspielungen verwendet — nicht ich bin der Erste. Nur sind die Menschen von heute so verblendet von Ruhm und Karriere, dass sie den Geist des Altertums völlig vergessen haben, aus Furcht, es könne ihrer Laufbahn schaden. Ich aber strebe nicht nach Ruhm; ich schreibe nicht für die Welt. Warum also sollte ich nicht den alten Meistern von Chu nacheifern — ihren 'Großen Worten', dem 'Ruf der Seele', der 'Begegnung mit dem Leid', den 'Neun Klagen', dem 'Verdorrten Baum', der 'Schwierigen Frage', dem 'Herbstwasser' und der 'Lebensbeschreibung des großen Herrn'? Ich will einzelne Zeilen mischen, kurze Parallelpaare einstreün, wahre Begebenheiten und Gleichnisse verwenden, der Eingebung folgen und dem Pinsel freien Lauf lassen — fröhlich sein, wenn ich schreibe, und weinen, wenn mir danach ist. Erst wenn Wort und Gefühl sich erschöpfen, höre ich auf. Warum sollte ich mich wie die Welt in enge Grenzen zwängen?“
Warum also soll ich nicht weit zurückgreifen auf solche Vorbilder der Dichter aus Tschu wie das ‚Wort von der Größe‘, das ‚Zurückrufen der Seele‘, das ‚Li-sau‘, die ‚Neun Erörterungen‘, den ‚Verdorrten Baum‘, die ‚Bedrängenden Fragen‘, das ‚Herbstwasser‘ und die ‚Lebensbeschreibung des Herrn Groß‘, manchmal eine Gedichtzeile einschieben oder einen kurzen Zweizeiler, Anspielungen auf tatsächliche Begebenheiten ebenso wie bildhafte Vergleiche, ganz nach Belieben schreiben, was mir eben in den Sinn kommt – Lustiges, wenn ich fröhlich bin, und Trauriges, wenn ich betrübt bin, so lange, bis alles gesagt ist, was ich sagen will? Weshalb sollte ich mich sklavisch an die geltenden Konventionen halten?“ Da Schatzjade ohnehin kein Büchermensch war und nun auch noch diese eigenwilligen Gedanken hegte, war natürlich kein musterhaftes Gedicht zu erwarten. Er aber schrieb, ohne sich um anderer Urteil zu kümmern, ganz nach seinem Gutdünken und ohne jede Zurückhaltung einen langen Text zusammen. Auf ein Stück jener eisigen Haifischseide, die Heitermuster stets geliebt hatte, schrieb er ihn in sauberer Regelschrift nieder. Er nannte ihn 'Klage auf das Hibiskusmädchen', mit einer Einleitung und einem abschließenden Lied. Auch bereitete er vier Opfergaben vor, lauter Dinge, die Heitermuster stets gemocht hatte.
Bau-yü war kein belesener Gelehrter. Wie sollte er jetzt, mit diesem abwegigen Vorsatz im Herzen, ein gutes Gedicht oder einen ordentlichen Prosatext zustande bringen? Er schrieb aufs Geratewohl los, ohne jemanden ins Vertrauen zu ziehen, und indem er die größten Unsinnigkeiten aneinanderreihte, brachte er einen langen Text mit einer Einleitung und einem nachfolgenden Gesang zusammen, den er „Totenklage für das Hibiskusmädchen“ überschrieb und in sorgfältiger Normalschrift auf ein Tuch aus durchscheinender Wassermannseide kalligraphierte, das Tjing-wën stets geliebt hatte. Bei Mondschein in der Nacht ließ er das kleine Dienstmädchen die Gaben vor die Hibiskusblüten tragen. Zürst vollzog er den Ritus. Dann hängte er den Klagetext an einen Hibiskuszweig und sprach ihn unter Tränen:
Außerdem beschaffte er vier Lieblingsdinge von Tjing-wën und ließ sie im nächtlichen Mondschein durch das kleine Sklavenmädchen zu den blühenden Hibiskusstauden tragen. Nachdem er die zeremoniellen Verbeugungen gemacht hatte, legte er das Tuch mit der Totenklage über einen Blütenzweig und las weinend davon ab: „Am Anfang des Großen Friedens, in nie wechselnder Ära, im Monat, da Hibiskus und Duftblüte um die Wette duften, an einem Tag, an dem nichts anderes bleibt als Ergebung — ich, der trübe Jade aus dem Hof der Roten Freude, bringe in aller Bescheidenheit Blüten der hundert Blumen, Haifischseidenstoff, Wasser aus der Duftgetränkten Qülle und Tee, der unter Ahornhonig gereift ist, dar. Obwohl diese vier Gaben gering sind, mögen sie meine Aufrichtigkeit und Treue bezeugen. Hiermit bringe ich mein Opfer dar vor der Hibiskusgöttin, Hüterin der Herbstschönheit, im Palast des Weißen Kaisers:
„In diesem unveränderlich friedvollen Jahr, in diesem Monat, da die Wohlgerüche von Hibiskus und Duftblüte miteinander wetteifern, an diesem Tag, da man sich nicht zu lassen weiß, erlaubt sich der törichte Bau-yü aus dem Hof der Freude am Roten, mit vier unbedeutenden Gaben – Knospen der verschiedenen Blumen, schimmernder Wassermannseide, Wasser vom Duftgetränkten Quell und Ahorntautee – die Aufrichtigkeit zu bekräftigen, mit der er sein Opfer bringt für das Hibiskusmädchen, das im Palast des Weißen Kaisers für die Zierde des Herbstes zuständig ist. Wenn ich bedenke, wie das Mädchen in diese trübe Welt kam und nun sechzehn Jahre auf Erden gelebt hat — ihre frühere Heimat, ihren Familiennamen, ihr Geschlecht: Alles ist längst verschüttet und nicht mehr zu erforschen. Doch ich, der Trübe Jade, hatte das Glück, ihr nahe zu sein — in Bett und Kissen, bei Kamm und Bad, in Ruhe und bei Festen, in Vertrautheit und Nähe — ganze fünf Jahre und acht Monate lang.
Meines Wissens sind, seitdem das Mädchen in unser irdisches Jammertal kam, ganze sechzehn Jahre vergangen. Heimat und Name ihrer Vorfahren sind schon lange vergessen und nicht mehr feststellbar. Ich, Bau-yü, konnte nur wenig mehr als fünf Jahre und acht Monate beim Schlafengehen und bei der Toilette, in Mußestunden und bei Festlichkeiten ihre Gesellschaft genießen und Liebkosungen mit ihr tauschen. Als sie noch unter den Lebenden weilte, war ihr Wesen edler als Gold und Jade, ihr Charakter reiner als Eis und Schnee, ihre Seele klarer als Sonne und Sterne, ihr Aussehen reizender als Blumen und Mond. Alle ihre Mitschwestern bewunderten ihre Kultiviertheit, alle alten Frauen priesen ihre Tugend. Wenn ich an ihr früheres Wesen denke: Ihre Natur war so kostbar, dass Gold und Jade nicht genügen, sie zu beschreiben; ihre Art war so rein, dass Eis und Schnee ihr Gleichnis nicht erreichen; ihr Geist war so strahlend, dass Sterne und Sonne ihn nicht fassen; ihre Schönheit war so leuchtend, dass Blumen und Mond nur matter Abglanz sind. Alle Schwestern bewunderten ihre Anmut und Tugend, alle Älteren schätzten ihre Freundlichkeit und Güte.
Und wer hätte gedacht, daß der Falke ins Netz geraten würde, weil gewöhnliche Tauben ihm die Höhe seines Fluges neideten, daß die Orchidee ausgejätet würde, weil gemeine Kletten auf ihren Duft eifersüchtig waren?! Die furchtsame Blume verträgt keinen Sturm, und die zartbesaitete Weide ist keinem Unwetter gewachsen. Nachdem sie einmal von giftigem Gewürm verleumdet worden war, wurde ihr Körper von unheilbarer Krankheit befallen. So verloren ihre Kirschenlippen das Rot und stöhnten nur noch, ihr Aprikosenantlitz büßte seine Schönheit ein und wurde hager und bleich. Verleumdungen und Spott drangen durch Schirme und Vorhänge, Dornengestrüpp überwucherte Fenster und Türen. Wer hätte geahnt, dass Giftvögel ihre Höhe neiden und der Adler in die Falle des Jägers gerät? Dass giftiges Unkraut ihren Duft missgönnt und edle Orchideen unter der Sichel fallen? Die Blume war von Natur aus zart — wie sollte sie dem Sturm trotzen? Die Weide war von jeher trübsinnig — wie sollte sie dem Platzregen standhalten?
Ging sie denn zugrunde, weil sie Fehler verschuldet hatte? Nein, sie endete, weil sie Erniedrigungen ausgesetzt war. Unendlicher Groll hatte sie bekümmert, und ständige Ungerechtigkeit mußte sie leiden. Durch ihr makelloses Betragen stieß sie auf Mißgunst, und ihr Kummer war groß wie der des Djia I, durch ihre Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit brachte sie sich in Gefahr und hatte grausamer zu leiden als Gun. Durch eine böse Verleumdung erkrankt, wurde sie von tödlichem Siechtum befallen. Ihre Kirschenlippen verloren die Röte und stöhnten nur noch; ihre Aprikosenwangen verblassten und wurden hager. Verleumdung und Schmaehung kamen aus dem Frauengemach; Dornen und Disteln wucherten bis zur Türschwelle. Nicht sie hat sich die Schuld aufgeladen — in Wahrheit hat man ihr die Schande aufgebürdet. Endloser Kummer versank in bodenloser Tiefe, unendliches Unrecht drückt sie in alle Ewigkeit.
Allein mußte sie alle Bitternis tragen, und wer beklagt jetzt ihr vorzeitiges Ende? Wo sind die duftigen Spuren zu finden, wenn erst die Geisterwolken verflogen sind? Woher soll die Droge gegen den Tod kommen, wenn doch der Weg zur Insel Djü-ku verloren ist? Wie kann man die Medizin zur Wiederbelebung verschaffen, nachdem das Geisterfloß auf dem Meer verschollen ist? Schwarz wie Rauch sind die Augenbrauen, als hätte ich sie gestern erst nachgezogen. Kalt sind die jadeberingten Finger, wen soll ich bitten, sie ihr zu wärmen? Noch steht ein Rest ihrer Arznei im Kessel, noch sind die Spuren ihrer Tränen auf dem Gewand nicht getrocknet. Ihre Erhabenheit erregte Neid — wie einst der Verbannte in Changsha litt sie hinter dem Frauenvorhang. Ihre Aufrichtigkeit wurde ihr zum Verhängnis — wie einst der Gerechte in Yuye verging sie unter dem Kopfschmuck der Frauen. Still trug sie ihre Bitterkeit, wer hatte Mitleid mit ihrem frühen Tod?
Der Spiegel ist zerbrochen, der Phönix hat seinen Partner verloren, und ich scheue mich, Schë-yüäs Spiegelkästchen noch einmal zu öffnen. Der Kamm hat sich bereits verwandelt und ist als Drache davongeflogen, vor Kummer breche ich auch Tan-yüns Kamm die Zähne aus. Der goldverzierte Haarpfeil fiel ins Gras, der federgeschmückte Kopfputz liegt im Staub. Fortgeflogen sind die Elstern, und überflüssig geworden ist die Nadel, mit der man am Abend des siebenten siebten um Geschicklichkeit betet. Zerrissen ist das Band zwischen dem Mandarinentenpaar, wer sollte den bunten Gürtel weiterweben? Die Wolke der Unsterblichen zerstreute sich, ihre duftenden Spuren sind nicht mehr zu finden. Weder das Kraut gegen den Tod noch die Medizin der Wiedergeburt vermochte sie zu retten. Gestern noch zeichnete ich ihre Braün mit Tusche; heute — wessen Hand wird den kalten Jadeuing wärmen? In der Rauchpfanne stehen noch die Reste der Arznei; am Gewand haften noch die Spuren der Tränen. Der Spiegel zerbrach, der Luan-Vogel flog davon — mit Trauer öffne ich Moschusmonds Schatulle. Der Kamm ward zum Drachen — unter Klagen zerbrach Tanyuns Zahn.
In diesen goldenen Tagen des Herbstes, da der Weiße Kaiser die Zeit regiert, träume ich einsam auf meinem Kissen, und niemand ist mit mir im Raum. Die Treppe liegt im Schatten des Wu-tung-Baums, ihr liebliches Abbild aber ist mit der duftigen Seele zusammen vergangen. Die blütenbestickten Vorhänge umschwebt noch ein Rest des Dufts, ihr zarter Atem und ihre leisen Worte sind verstummt. Goldene Haarnadeln liegen im Unkraut, eine Jadeschatulle im Staub. Leer steht das Gebälk, wo einst die Elstern nisteten — umsonst hängt dort die Nadel des siebten Abends. Zerrissen ist das Band der Mandarinenenteneine — wer knüpft den Faden des fünften Tages wieder?
Überall ragt welkes Gras bis zum Himmel, und es ist nicht nur Schilf; ringsum erklingen Trauertöne, doch es sind nur die Grillen. Feucht vom Abendtau ist das Moos auf den Stufen, durch die Portieren dringt nicht mehr der Waschklöppelschlag; naß vom Herbstregen ist die mit Kletten bewachsene Mauer, kaum hörbar tönt traurige Flötenmusik aus dem Nachbargehöft. Noch ist ihr duftiger Name nicht verklungen, der Papagei unter dem Vordach ruft ihn noch; als ihre schöne Gestalt sich anschickte zu vergehen, verdorrte zunächst der Zierapfelbaum vor der Tür. Hinter dem Setzschirm, wo wir Verstecken spielten, ertönt nicht mehr der leise Schritt ihrer Füße; im Hof, wo wir das Pflanzenspiel trieben, warten die duftenden Blumen vergebens. Hingeworfen liegt das Stickzeug, wer schneidet jetzt die Papiermuster zu? Zerknittert sind die Seidengewänder, wer bügelt sie jetzt mit duftendem Eisen? Zumal nun der Herbst herrscht, der Weiße Kaiser regiert, die einsame Decke von Träumen spricht und das leere Zimmer menschenleer ist. Der mondlose Hof unter den Wutongbäumen — die schöne Seele und der liebliche Schatten schwanden zugleich. Der Hibiskusvorhang hat seinen Duft verloren — das zärtliche Atmen und die leise Stimme verstummten für immer.
Gestern mußte ich auf Befehl meines strengen Vaters weit von hier einen blühenden Garten besuchen, heute wollte ich gegen den Willen meiner gütigen Mutter an den einsamen Sarg eilen. Da erfuhr ich, man habe sie eingeäschert, und beschämt muß ich den Schwur brechen, wir wollten uns zusammen begraben lassen, um gemeinsam zu Staub zu werden. Welkendes Gras bedeckt den Himmel — nicht nur Schilf und Rohr; Klagetöne erfüllen die Erde — nichts als Grillen und Heimchen. Auf dem bemoosten Pfad am späten Abend dringt kein Wäsche-Klopfen durch den Vorhang; im regengetränkten Garten hört man über die Mauer nur selten die klagende Flöte.
Nun weht der Westwind um das uralte Kloster, und die Irrlichter lassen nicht davon ab. Die Abendsonne steht hinter verödeten Gräbern, weiße Knochen liegen dazwischen verstreut. Es rauschen Trompetenbaum und Ulme, es rascheln Berufskraut und Beifuß. Im Nebel des Blachfelds schreien die Affen, im Dunst auf den Feldrainen heulen die Geister. Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht. Blutige Tränen vergießt er im Westwind wie einst der Prinz von Ju-nan, stumm klagt er dem kalten Mond seinen Schmerz wie vormals Schï Tschung. Ihr duftender Name ist noch nicht verloschen — der Papagei am Dach ruft ihn immer noch. Doch ihre schöne Gestalt ist dem Vergehen nahe — der Zierapfelbaum vor dem Geländer welkte schon voraus.
Ach weh! Die bösen Geister sind es, die Unheil stiften, die Götter kennen keinen Neid. Könnte ich den verleumderischen Sklaven den Mund zerquetschen, wäre das noch nicht genug an Strafe; würde ich den üblen Weibern das Herz aus der Brust schneiden, wäre mein Zorn noch nicht gestillt. Des Mädchens schicksalsbestimmte Bindung an diese Welt des Staubes war nur gering, aber damit gibt sich mein Sinn nicht zufrieden. Deshalb habe ich ernsthafte Überlegungen angestellt und unermüdlich Nachfrage gehalten. Da erst erfuhr ich, der Himmelskaiser habe sie ausgezeichnet, indem er ihr im Blumenpalast eine Anstellung gab. Zu Lebzeiten war sie einer Orchidee gleich, im Tod untersteht ihr der Hibiskus. Beim Versteckspiel hinter dem Wandschirm fielen die Lotusblätter lautlos; beim Kräuterpflücken im Hof wartet die Orchidee vergebens auf Blüte. Zerrissen die Seidenfäden — wer nähte die Silberborten und bunten Bänder? Zerbrochen die Eisnadel — im goldenen Bügeleisen ruht ungeglättet der kaiserliche Duft.
Die Worte der kleinen Magd klangen erst unwahrscheinlich, aber wie ich bedacht habe, sind sie doch wohlbegründet. Warum? Im Altertum verstand es Yä Fa-schan, jemandes Seele zu entführen, um eine Grabinschrift schreiben zu lassen, und Li Tschang-dji wurde in den Himmel berufen, um dort einen Bericht zu verfassen. Die Umstände sind zwar verschieden, aber das Prinzip ist dasselbe. Auf diese Weise werden die Aufgaben abgewogen, um die Verantwortungen je nach Talent zu verteilen. Denn wäre es nicht ein Mißbrauch, wenn jemand seinem Amt nicht gewachsen wäre? So glaube ich jetzt, daß der Himmelskaiser bei der Verteilung der Machtbefugnisse höchst harmonisch und ausgewogen verfährt und sicher auch ihrer Begabung gerecht geworden ist. Gestern noch auf strengen Befehl bestieg sie den Wagen und verließ den duftenden Garten; heute unter grausamer Gewalt stützt sie sich auf den Stock und verlässt den einsamen Sarg. Da der Sarg verbrannt wurde — wie beschämt bin ich, das Versprechen des gemeinsamen Grabes gebrochen zu haben! Da der Steinsarkophag zu Asche ward — welche Schande, dass wir nicht gemeinsam zu Staub werden!
Weil ich hoffe, daß ihre unvergängliche Seele vielleicht hierher herabsteigt, spreche ich diese unbedachten, profanen Worte, auch wenn ich damit ihr Ohr beleidige. So weht der Herbstwind über den alten Tempel, und Irrlichter verweilen; die untergehende Sonne sinkt über den wüsten Hügel, und weiße Knochen liegen zerstreut. Ulmen und Katalpen rauschen, Beifuß und Wermut wispern. Durch den Nebel schreit der Affe am Grabhügel, durch den Dunst weint der Geist am Felddamm.
Jetzt will ich singen, um sie herbeizurufen: Ich glaubte fest, im roten Seidenzelt stehe der junge Herr in tiefer Zuneigung; nun erst glaube ich, im gelben Erdhügel leidet das Mädchen unter bitterem Schicksal. Runan sah Tränen aus Blut — Tropfen für Tropfen spritzten sie in den Herbstwind; Zize hört den letzten Herzschlag — still und stumm klagt er im kalten Mondlicht.
Warum ist der Himmel so blau, so blau? O weh! Gewiss waren es böswillige Dämonen, die dieses Unheil anrichteten — doch waren es am Ende auch neidische Götter? Knebelt man den Verleumdern den Mund — reicht diese Strafe je aus? Schneidet man den Härtlingen das Herz auf — stillt das je den Zorn?
Fliegst du auf einem jadenen Drachen zum Firmament? Deine irdischen Bande waren zwar kurz, doch mein niedriger Sinn findet kein Ende. Aus unablässiger Sehnsucht stelle ich unablässige Fragen. So erfuhr ich: Der Himmlische Kaiser hat sein Banner entfaltet, im Blumenpalast wartet ein Amt. Im Leben war sie unter Orchideen und Duftpflanzen, im Tode herrscht sie über die Hibiskusblüten.
Warum ist die Erde so weit, so weit? Was das kleine Mädchen sagte, mag wie leeres Gerede klingen; doch wenn der Trübe Jade nachdenkt, hat es tiefen Sinn. Denn einst entführte Ye Fashan eine Seele, um eine Grabinschrift zu verfassen, und Li Changji wurde in die Unterwelt berufen, um einen Bericht zu schreiben — die Begebenheiten sind verschieden, doch das Prinzip ist dasselbe. Darum glaube ich fest, dass der Himmlische Kaiser in seiner Zuweisung des Amtes wahrhaft gerecht und angemessen gehandelt hat, ganz im Einklang mit ihrem innersten Wesen. In der Hoffnung, dass ihr unsterblicher Geist vielleicht hierher herabsteigt oder emporschwebt, wage ich, trotz meiner ungeschlachten Worte, die ihr feines Gehör beleidigen mögen, zu singen und sie herbei zu rufen:
Fährst du in einem Elfenbeinwagen zur Unterwelt? Warum ist der Himmel so unendlich blau? Fliegt sie auf einem Jadedrachen durch das Firmament?
Es funkelt so zahlreich auf deinem Schirm, Warum ist die Erde so unendlich weit? Reitet sie auf einem Juwelen-Elefanten hinab in die Qüllen?
ist es das Glänzen von Sternen? Schaut sie empor zum schillernden Baldachin? Ist es der Glanz des Sterns Ji oder Wei?
Federbüsche wehn deinem Zug voran, Reiht sich ein Federfächer als Vorhut auf? Schützen die Sterne Wei und Xu sie zur Seite?
geleiten dich gar Kometen? Treibt sie den Donnergott als Begleiter an? Trennt sie sich vom Mondlicht, das Wang Shu führt?
Steuert der Mondlenker die Karosse? Hört man die Raeder knirschen und achzen? Lenkt sie den Wagen der Luan- und Yi-Vögel?
Fährt der Donnergott nebenher? Duftet es so süß und betäubend? Flicht sie Liguster und Angelika zum Halsband?
So eilig rattern die Räder im Flug, Funkelt ihr Rock und Gewand so leuchtend? Schmückt sie sich mit dem Mond als Ohrgehänge?
sind‘s Phönixe, die dich ziehen? Sind mit rankenden Kräutern die Stufen zum Altar geschmückt? Brennt eine Lotuskerze im Lampenol aus Orchideen?
Deutlich verspür ich balsamischen Duft, Traegt der Becher die Muster von Kürbis und Flaschenkürbis? Schenkt man Reiswein ein, gewürzt mit Zimtblüte?
bist du mit Kräutern gegürtet? Blickt sie in die Wolken und hält den Blick fest? Sieht sie etwas in der Ferne schimmern?
Es glitzert dort auf deinem Rock so stark, Lauscht sie in die Tiefe und spitzt die Ohren? Hört sie in der Stille etwas?
trägst du aus Mond ein Geschmeide? Schwebt sie grenzenlos durch die Endlosigkeit? Wirft sie mich Elenden in den Staub zurück?
Dein Altar ist mit Blattwerk ausgelegt,

brennt Blumenöl in der Lampe?

Aus Kürbis geformt das Opfergefäß,

ist Duftblütenwein darinnen?
Möge der Wind ihr Bote sein und mir den Wagen senden! Kann ich hoffen, dass wir gemeinsam die Zügel ergreifen und heimkehren?
Aufmerksam späh ich im Wolkendunst aus,

ob ich wohl etwas erblicke?
Mein Herz ist voller Kummer — doch was nützt all mein Wehklagen?
Vorgebeugt lausch ich mit forschendem Ohr,

läßt sich dort etwas vernehmen?

Sehn wir uns wieder im endlosen Raum?
Du ruhst so still in deinem langen Schlummer — ist es das Schicksal, das sich hier gewandelt hat?
Läßt du mich im Staub hier zurück?

Ich schlösse mich gern dem Wolkengott an,

nimmst du mich mit auf dem Wege?
Da du nun im Grabe liegst und Frieden findest — bist du zurückgekehrt zu deinem wahren Wesen, ohne noch einmal verwandelt zu werden?
Mein Herz verzehrt sich vor Sehnsucht nach dir,

doch hat es Sinn, nur zu jammern?

Du schläfst nun auf ewig in deiner Gruft,

ist das so der Lauf der Dinge?
Ich aber bin noch in Fesseln und hänge am Leben — wird dein Geist mich rufen, mich hierher zu locken?
Wenn es so ruhig im Grabe sich schläft, Komm herbei, bleib hier, komm doch herbei!
warum dann verwandelt fliehen?

Ich trage weiter die Fesseln der Welt,

kommst du mich hier noch besuchen?

Kommst du? Bleibst du?

Ich bitte dich, komm!
Wenn du aber im formlosen Urnebel wohnst und in schweigender Stille ruhst — so kann ich, selbst wenn du hier wärst, dich nicht erblicken. Dann will ich Nebel-Efeu zum Wandschirm erheben und Schwertschilfrohr als Reihen aufstellen. Die schläfrigen Augen der Weiden wecken und das bittere Herz des Lotus befreien. Sunyue einladen am Felskap der Zimtpflanzen und Luofei begrüssen am Orchidenufer. Nongyue bläst die Flöte, und ein Klanginstrument aus Jade wird geschlagen. Die Göttin des Berges Song wird herbeigerufen und die Alte vom Berg Li geweckt. Die Seelen des Berges Penglai tanzen, die Tiere im Teich Xianchi springen. Der rote Drache singt in der Tiefe, der Phönix versammelt sich im Perlenwald.
Wenn du dich aber in der Formlosigkeit aufhältst und in der Stille wohnst, werde ich dich nicht sehen können, auch wenn du hierher kommst. Flechten dienen dir als Vorhänge, Kalmus bildet für dich Spalier. Aus den Weidenblattaugen vertreibst du die Schläfrigkeit, aus den Lotoskapselherzen verbannst du die Bitterkeit. Die Mondgöttin erwartet dich am Kassiafelsen, die Fee vom Luo-Fluß empfängt dich am Orchideengestade. Nung-yü bläst die Mundorgel, Han-huang schlägt den Holztiger, um die Göttin des Berges Sung herbeizurufen und die Alte vom Berge Li aufzuschrecken. Die Schildkröte taucht wieder mit der Schrifttafel aus dem Luo-Fluß auf, und alle Tiere tanzen von neuem zur hsiän-tschï-Melodie. In den Roten Fluß tauchend, singen die Drachen, im Perlenwald sich sammelnd, tanzen die Phönixe. Auf Ergriffenheit und Aufrichtigkeit kommt es an, nicht auf die Opfergaben.

In der Stadt der Morgenröte brichst du auf, und zum Dunklen Garten kehrst du zurück. Eben noch wirkt alles so deutlich und greifbar nah, dann wieder legt sich Nebel dazwischen. Wolken teilen sich und fließen zusammen, der Himmel verschwimmt im Regendunst. Verzieht sich der Schleier, stehen hoch am Himmel die Sterne, und hell scheint der Mond auf Berge und Strom.
Ehrfurcht und Aufrichtigkeit — nicht in Opferschalen und Holzgefäßen. Der Wagen bricht auf von der Morgenrötlichen Stadt und kehrt zurück zum Feengarten. Mal scheint es, als ob die Grenze zwischen Sichtbar und Unsichtbar durchlässig würde; mal verdichtet sich der Dunst und versperrt plötzlich den Weg. Vereinigung und Trennung wie Wolken und Nebel, verschwommen wie Regen und Dunst. Der Staub legt sich, die Sterne stehen hoch; Bäche und Berge schimmern im Mittagsmond. Wie unruhig ist mein Herz! Wie zwischen Wachen und Träumen schwankend! So seufze ich in Sehnsucht, weinend und umherirrend. Menschenstimmen versinken in der Stille, Himmelstöne klingen in den Bambusdickichten. Aufgeschreckte Vögel flattern davon, Fische schnappen an der Wasserfläeche. Meine Klage ist mein Gebet, mein Ritus ist mein Segen. O weh! Nehmt dieses Opfer an!“
Warum schlägt mein Herz so unruhig, als wäre ich aus dem Traum geschreckt? Ich seufze enttäuscht und schluchze verzagt. Alle menschlichen Stimmen sind schon verstummt, nur der Bambushain raschelt, verschreckte Vögel fliegen davon, und die Fische plätschern im Wasser. All meinen Kummer enthält dies Gebet, und ich vollziehe die Riten in der Hoffnung auf ein günstiges Zeichen.

Ach weh!

Komm und empfange das Opfer!“
Als er die Klage zu Ende gelesen hatte, verbrannte er Seidenopfer und goss Tee als Libation, doch konnte er sich nicht losreißen. Das kleine Mädchen musste ihn wieder und wieder drängen, ehe er sich schließlich umwandte. Da hörte er plötzlich hinter den Felsen jemanden lachen und sagen: „Bitte bleibt noch einen Augenblick!“
Nachdem er zu Ende gelesen hatte, verbrannte er die Seide und goß den Tee aus. Dann blieb er unschlüssig stehen, und erst als das kleine Sklavenmädchen ihn mehrmals gemahnt hatte, wandte er sich endlich um. Da hörten sie, wie hinter den Felsen jemand mit lachender Stimme sagte: „So warte doch!“ Beide erschraken. Das kleine Mädchen sah sich um — da trat eine Gestalt hinter den Hibiskusblüten hervor. Sie schrie laut auf: „Ein Geist! Heitermuster zeigt sich als Geist!“ Auch Schatzjade blickte erschrocken hin — Wer es war, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Unwillkürlich fuhren sie beide zusammen, und als das kleine Sklavenmädchen sich umsah und eine Gestalt erblickte, die zwischen den Hibiskusstauden hervortrat, rief es laut: „Hilfe, ein Geist! Tjing-wën zeigt sich wirklich.“ ----
Erschrocken blickte auch Bau-yü sich um. Doch davon soll im nächsten Kapitel erzählt werden. Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
  1. 芙蓉女儿 (Fúróng Nǐ’ér), die „Hibiskustochter“. Schatzjades Totenklage „芙蓉女儿诼“ ist eines der bedeutendsten literarischen Stücke im Roman und eine Hommage an die elegische Tradition der Chu-Ci (楚辞).
  2. 恒王 (Héng Wáng), eine fiktive Figur. Die Geschichte der schönen Kriegerin Lin Siniang (林四娘) basiert auf einer in Shandong verbreiteten Geisterlegende, die auch in Pu Songlings „Liaozhai zhiyi“ (聊斋志异) erscheint.

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