Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 79

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Kapitel 79: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
79.Hsüä Pan nimmt eine brüllende Löwin zur Frau,Ying-tschun bekommt einen herzlosen Wolf zum Mann. Neunundsiebzigstes Kapitel
Bau-yü hatte also kaum sein Opfer für Tjing-wën beendet, als zwischen den Blumenstauden eine menschliche Stimme ertönte, die ihn vor Schreck zusammenfahren ließ. Doch als die Gestalt hervorkam und er sie genauer betrachtete, erkannte er Dai-yü, die über das ganze Gesicht lächelte und zu ihm sagte: „Was für ein schöner, neuartiger Opfertext! Er verdient, mit der Inschrift für Tsau Ë zusammen überliefert zu werden.“ Kajaljade verbessert Schatzjades Trauerode — Yingchun wird versehentlich an einen Wolf aus Zhongshan[1] verheiratet
Unwillkürlich wurde Bau-yü rot bei ihren Worten und erklärte: „Ich hatte bedacht, daß die üblichen Opfertexte zu abgeleiert sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war natürlich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, daß du mir zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, kannst du es ändern.“ Es wird erzählt, dass Schatzjade [贾宝玉] gerade die Totenklage für Heitermuster [晴雯] beendet hatte, als er zwischen den Blumenstauden eine Stimme hörte, die ihn zusammenfahren ließ. Er trat hervor und schaute genau hin — es war niemand anders als Kajaljade [林黛玉], die über das ganze Gesicht lächelte und sagte: »Was für ein wunderbar neuartiger Opfertext! Er verdient es, gemeinsam mit der Inschrift auf dem Grabstein der Cao E [2] überliefert zu werden.«
„Wo hast du deinen Text?“ fragte Dai-yü. „Ich muß ihn mir sorgfältig durchlesen, denn von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel mehr verstanden als den Doppelsatz ‚Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht.‘ Der Sinn dieses Parallelsatzes ist wohl gut, aber die ‚Bettvorhänge aus roter Seide‘ sind ziemlich abgedroschen. Dabei gibt es doch ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit. Warum hast du das nicht genommen?“ Unwillkürlich errötete Schatzjade, als er das hörte, und antwortete lachend: »Ich hatte mir überlegt, dass all die Opfertexte auf dieser Welt nur noch abgedroschene Klischees sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war freilich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, dass du zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, warum änderst du es nicht?«
„Wovon sprichst du?“ erkundigte Bau-yü sich sofort.

„Ist nicht bei uns das Gitterwerk an den Fenstern mit rosiger Seidengaze beklebt?“ fragte Dai-yü lächelnd. „Warum sagst du nicht ‚Tiefbewegt sitzt der Herrensohn am rosigen Gazefenster‘?“
Kajaljade sagte: »Wo ist dein Manuskript? Ich muss es mir einmal sorgfältig durchlesen. Von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel verstanden, nur zwei Sätze in der Mitte aufgeschnappt, irgendetwas von 'Hinter roten Seidenvorhängen, ein Herrensohn voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, ein Mädchen vom Schicksal geschlagen.' Dieser Parallelsatz hat zwar einen guten Sinn, aber die 'roten Seidenvorhänge' sind doch ziemlich abgedroschen. Dabei liegt ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit vor der Nase. Warum hast du das nicht verwendet?«
Unwillkürlich stampfte Bau-yü mit dem Fuß auf und sagte lächelnd: „Das ist bestens, das ist nur zu treffend! Und du bist darauf gekommen! Da sieht man, daß es immer und überall von den schönsten gebrauchsfertigen Bildern wimmelt, nur den Narren und Dummköpfen fallen sie nicht ein. Allerdings ist noch folgendes: Durch diese Änderung wird es zwar neuartig und schön, aber dieses Bild kannst wohl du in Anspruch nehmen, aber nicht ich. Dessen bin ich nicht würdig!“ Und er wiederholte dieses „Nicht würdig!“ gleich noch zehn oder zwanzig Mal. Schatzjade fragte hastig: »Was für ein gebrauchsfertiges Bild?«
„I woher denn?“ erwiderte Dai-yü lächelnd. „Mein Fenster kann auch dein Fenster sein. Wozu willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten fremde Leutewohlgenährte Pferde und feine Pelze miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch verdorben wurden. Um wieviel mehr muß das also für uns gelten!“ Kajaljade erwiderte lachend: »Ist nicht bei uns das Gitterwerk der Fenster mit rosiger Gaze [3] bespannt? Warum sagst du nicht: 'Am rosigen Gazefenster, ein Herrensohn voller Liebe'?«
„Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht?!“ sagte Bau-yü, ebenfalls lächelnd. „Selbst Gold und Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren geht auf gar keinen Fall. Deshalb ändere ich einfach auch den ‚Herrensohn‘ und das ‚Mädchen‘, so daß daraus deine Totenklage für sie wird. Zumal du immer sehr gut zu ihr warst. Als Schatzjade das hörte, stampfte er unwillkürlich vor Begeisterung mit dem Fuß auf und rief lachend: »Ausgezeichnet! Nur zu treffend! Nur du kannst auf so etwas kommen und es so sagen! Man sieht, dass es überall auf der Welt und zu allen Zeiten von gebrauchsfertigen schönen Bildern und wunderbaren Szenen nur so wimmelt — nur die Narren und Dummköpfe können sie nicht erdenken und nicht aussprechen. Allerdings ist da noch eines: Obwohl diese Änderung außerordentlich neuartig und schön ist, kannst zwar du dieses Bild für dich beanspruchen, ich aber bin dessen keineswegs würdig.« Und im gleichen Atemzug wiederholte er zwanzig- oder dreißigmal »Nicht würdig!«
Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als daß ich auf den neuen Ausdruck mit der ‚rosigen Gaze‘ verzichte. Darum ist es das beste, es so zu ändern: ‚Tiefbewegt sitzt das Fräulein am rosigen Gazefenster, jetzt erst begreift sie, welch ein hartes Geschick der Magd zuteil wurde, die unter dem Hügel aus gelber Erde ruht.‘ So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin vollauf zufrieden damit.“ Kajaljade erwiderte lachend: »Was macht das schon! Mein Fenster kann auch dein Fenster sein, warum willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten selbst Fremde wohlgenährte Pferde und feine Pelze [4] miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch abgenutzt wurden. Um wieviel mehr muss das für uns gelten!«
„Aber sie war schließlich nicht meine Magd“, wandte Dai-yü lächelnd ein, „außerdem sind ‚Fräulein‘ und ‚Magd‘ auch keine verfeinerten Ausdrücke. Warte also, bis meine Dsï-djüan stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.“

„Mußt du auch sie noch beschreien?“ fragte Bau-yü rasch.

„Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich“, verteidigte Dai-yü sich lächelnd.
Schatzjade erwiderte lachend: »Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht? Selbst Gold und weißer Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren, das geht auf gar keinen Fall. Am besten ändere ich einfach den 'Herrensohn' und das 'Mädchen', dann wird es ganz zu deiner Totenklage für sie. Zumal du im Alltag immer sehr gut zu ihr warst. Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als dass ich auf den neuen Ausdruck mit der 'rosigen Gaze' verzichte. Am besten ändern wir es so: 'Am rosigen Gazefenster, ein Fräulein voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, eine Magd vom Schicksal geschlagen.' So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin trotzdem vollauf zufrieden.«
„Ich hab‘s!“ verkündete Bau-yü. „Das allerbeste wird sein, wir ändern es so: ‚Tiefbewegt sitze ich am rosigen Gazefenster, jetzt erst weiß ich, welch ein hartes Geschick dir zuteil wurde, die du unter dem Hügel aus gelber Erde ruhst.‘“ Kajaljade erwiderte lachend: »Sie war schließlich nicht meine Magd, wozu also soll ich so etwas sagen? Außerdem sind 'Fräulein' und 'Magd' auch keine besonders feinen Ausdrücke. Warte also, bis mein Purpurkuckuck [紫鹃] stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.«
Als Dai-yü das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, doch obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Statt dessen nickte sie mit lächelndem Gesicht und sagte: „So ist es gut. Aber weiter mußt du jetzt nicht daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hatte die gnädige Frau jemand geschickt, um dir zu bestellen, du solltest gleich morgen früh zu deiner Tante hinübergehen. Die Verlobung deiner Kusine Ying-tschun ist jetzt beschlossene Sache, und morgen kommt wohl jemand aus dem Hause des Bräutigams, um seinen Gruß zu entbieten und seinen Dank zu übermitteln. Darum sollt ihr alle hinübergehen.“ Als Schatzjade das hörte, sagte er rasch lachend: »Warum musst du sie denn beschreien?«
„Warum diese Eile?“ sagte Bau-yü und schlug die Hände zusammen. „Ich fühle mich auch gar nicht wohl. Wer weiß, ob ich morgen überhaupt imstande sein werde hinüberzugehen.“ Kajaljade erwiderte lachend: »Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich.«
„Fängst du wieder so an!“ sagte Dai-yü. „Ich rate dir, zügele dein Temperament. Du bist schließlich kein kleines Kind mehr...“ Schatzjade sagte: »Jetzt hab ich's! So wird es genau richtig. Am besten sagen wir: 'Am rosigen Gazefenster — ich bin dir nicht bestimmt; unter dem Hügel aus gelber Erde — warum warst du so vom Schicksal geschlagen?'«
Ehe sie ausreden konnte, mußte sie plötzlich husten, und rasch sagte Bau-yü: „Hier ist es kühl, und wir müssen hier herumstehen. Gehen wir lieber schnell nach Hause!“

„Ich gehe schlafen, wir sehen uns morgen“, erwiderte Dai-yü und ging davon.
Als Kajaljade das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, und obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Stattdessen nickte sie rasch mit lächelndem Gesicht und sagte beifällig: »So ist es wirklich gut geändert. Aber nun musst du nicht weiter daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hat die gnädige Frau [王夫人] jemanden geschickt, um dir auszurichten, du sollst morgen in aller Frühe zu deiner großen Tante [邢夫人] hinübergehen. Für deine zweite Schwester [迎春] ist ein Bewerber gefunden und angenommen worden, und morgen kommt wohl jemand aus der Familie des Bräutigams, um den Verlobungsbesuch zu machen. Darum sollt ihr alle hinübergehen.«
Auch Bau-yü machte lustlos kehrt, und plötzlich fiel ihm ein, daß Dai-yü niemanden zur Begleitung hatte. Also befahl er rasch seinem kleinen Sklavenmädchen, sie solle ihr nachgehen und sie nach Hause bringen. Er selbst begab sich in den Hof der Freude am Roten, wo tatsächlich eine alte Amme auf ihn wartete, die von Dame Wang geschickt war, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Djia Schë hinübergehen, ganz wie es ihm Dai-yü eben gesagt hatte. Schatzjade schlug die Hände zusammen und sagte: »Warum diese Eile? Mir geht es auch nicht besonders gut, wer weiß, ob ich morgen überhaupt hinübergehen kann.«
Ying-tschun war nämlich von Djia Schë mit einem gewissen Sun verlobt worden. Diese Suns waren in der Präfektur Da-tung zu Hause, und einer ihrer Vorfahren, der als Militärbeamter den Ruhm der Familie begründet hatte, war ein Schüler der Djias gewesen, so daß die beiden Familien seit Generationen als miteinander befreundet galten. Zur Zeit lebte nur ein einziger Angehöriger der Familie Sun in der Hauptstadt, dem der Posten eines Kommandeurs der hauptstädtischen Polizeitruppe erblich zugefallen war. Er hieß Sun Schau-dsu, hatte ein kriegerisches Aussehen und eine kräftige Statur, war wohlgeübt im Schießen und Reiten und anpassungsfähig im Umgang mit Menschen. Er war noch keine dreißig Jahre alt, von Hause aus vermögend und wartete beim Kriegsministerium auf eine Vakanz für eine Beförderung. Kajaljade sagte: »Da fängst du wieder an! Ich rate dir, zügele endlich dein Temperament. Du wirst schließlich von Jahr zu Jahr älter ...« Während sie noch sprach, überkam sie ein Hustenanfall.
Da er noch keine Frau hatte und Djia Schë ihn als Nachkommen einer altbefreundeten Familie, der in bezug auf Charaktereigenschaften und Besitzverhältnisse als geeigneter Bewerber gelten konnte ansah, hatte er ihn wohlwollend akzeptiert. Auch der Herzoginmutter hatte er darüber berichtet, und wenn sie innerlich auch nicht sehr zufrieden war, sagte sie sich doch, ihr Einspruch würde kaum Gehör finden, außerdem sei jede Ehe vom Himmel vorherbestimmt, und schließlich sei es Ying-tschuns Vater, der die Entscheidung zu treffen hatte, so daß sie sich nicht unnötig einmischen mußte. Deshalb hatte sie nur knapp gesagt: „Gut, ich weiß Bescheid.“ Dann war sie nicht mehr darauf zurückgekommen. Schatzjade sagte eilig: »Hier ist es kühl und zugig, und wir stehen schon die ganze Zeit hier herum. Lass uns schnell nach Hause gehen!«
Djia Dschëng war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst verhaßt, denn jener Vorfahr der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Djias gestellt, weil er darauf aus gewesen war, von deren Macht zu profitieren, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen. Außerdem waren es durchaus nicht die Nachkommen einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte er zweimal Einwände dagegen versucht, aber als Djia Schë nicht auf ihn hören wollte, hatte er den Dingen ihren Lauf lassen müssen. Kajaljade sagte: »Ich gehe auch heim und lege mich zur Ruhe. Wir sehen uns morgen.« Damit machte sie sich auf den Weg.
Bau-yü hatte diesen Sun Schau-dsu zwar noch nie von Angesicht gesehen, mußte aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann hörte er, der Hochzeitstermin stehe schon kurz bevor, noch in diesem Jahr werde Ying-tschun das Haus verlassen, und erlebte mit, wie Dame Hsing der Herzoginmutter meldete, sie nehme Ying-tschun aus dem Garten des Großen Anblicks fort. Das verdarb ihm vollends die Stimmung, und jeden Tag brütete er stumpf vor sich hin und wußte nichts mit sich anzufangen. Als er dann noch erfuhr, Ying-tschun werde vier Sklavenmädchen mitnehmen, stampfte er mit dem Fuß auf und erklärte seufzend: „Wieder fünf reine Menschen weniger auf der Welt!“ Schatzjade wandte sich lustlos zum Gehen, doch plötzlich fiel ihm ein, dass Kajaljade ohne Begleitung war. Rasch befahl er einem kleinen Mädchen, ihr zu folgen und sie nach Hause zu bringen. Er selbst kehrte zum Hof der Freude am Roten [怡红院] zurück, wo tatsächlich eine alte Amme wartete, die Frau Wang geschickt hatte, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Begnadigung Kaufmann [贾赦] hinübergehen — ganz wie Kajaljade es eben gesagt hatte.
Tag für Tag streifte er dann Ausschau haltend in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse umher und sah, wie öde und leer es dort hinter Fenstern und Vorhängen geworden war. Nur ein paar diensthabende alte Frauen hielten sich noch dort auf. Auch sah er die Knöterichblüten und die Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich, und es schien ihm, sie welkten vor Kummer um die Verschwundene vor sich hin, so wenig glichen sie dem gewohnten Bild wettstreitender Schönheit. Überwältigt von diesem schmerzlich öden Anblick, vermochte Bau-yü seine Gefühle nicht zu bezwingen und summte ein Lied vor sich hin, das sich wie von selbst formte: Begnadigung Kaufmann hatte Yingchun [迎春] nämlich bereits einem Mann namens Sun verlobt. Diese Familie Sun stammte aus der Präfektur Datong [大同], ihre Vorfahren waren Militärbeamte gewesen und hatten einst als Klienten unter dem Schutz der Ning- und des Rong-Anwesens gestanden, so dass man sie durchaus als altbefreundete Familie bezeichnen konnte. Derzeit lebte nur ein einziger Sun in der Hauptstadt, der den erblichen Rang eines Kommandeurs innehatte. Er hieß Sun Shaozu [孙绍祖], war von stattlicher Gestalt und kräftigem Körperbau, geübt in Bogenschießen und Reitkunst, gewandt im gesellschaftlichen Umgang und geschickt im Taktieren, noch keine dreißig Jahre alt, dazu von beträchtlichem Vermögen, und wartete beim Kriegsministerium auf eine freie Stelle zur Beförderung.
„Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich, Da er noch unverheiratet war und Begnadigung Kaufmann ihn als Enkel einer altbefreundeten Familie betrachtete, dessen Charakter und Vermögensverhältnisse zueinander passten, hatte er ihn wohlwollend als Schwiegersohn auserkoren. Auch der Herzoginmutter [贾母] hatte er davon berichtet. Doch die Herzoginmutter war im Herzen nicht sonderlich zufrieden. Sie überlegte jedoch, dass ihr Einspruch wohl kaum Gehör finden würde, dass Ehen eine Sache des Himmels und des Schicksals seien, und dass überdies der leibliche Vater die Entscheidung traf — wozu also sollte sie sich unnötig einmischen? So sagte sie nur knapp: »Gut, ich weiß Bescheid« und ließ es dabei bewenden.
treibt ungerührt alle Blüten davon. Aufrecht Kaufmann [贾政] war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst zuwider. Denn jener Vorfahre der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Rong- und Ning-Familien gestellt, weil er von deren Macht und Einfluss hatte profitieren wollen, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen — keineswegs stammten die Suns aus einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte Aufrecht Kaufmann zweimal dagegen Einwände erhoben, doch als Begnadigung Kaufmann nicht auf ihn hören wollte, musste er es hinnehmen.
Keine der Blumen erträgt so viel Leid, Schatzjade hatte diesen Sun Shaozu noch nie von Angesicht gesehen, musste aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann erfuhr er, der Hochzeitstermin sei sehr knapp angesetzt, noch in diesem Jahr solle Yingchun das Haus verlassen. Als er zudem mitbekam, dass Dame Xing [邢夫人] der Herzoginmutter gemeldet hatte, Yingchun werde aus dem Garten des Großen Anblicks [大观园] abgeholt, verging ihm erst recht jede Freude. Tag für Tag brütete er stumpfsinnig vor sich hin und wusste nichts mit sich anzufangen.
tief beugt sie nieder der eisige Reif. Als er dann auch noch erfuhr, dass vier Zofen Yingchun in die Ehe begleiten würden, stampfte er abermals mit dem Fuß auf und klagte seufzend: »Wieder fünf reine Menschen weniger auf dieser Welt!«
Klang es nicht früher hier munter vom Schach?

Heut sind die Bretter von Schwalben beschmutzt.

Schon seit je wollen Freunde nicht scheiden,

ich leide doppelt, weil eng wir verwandt.“

Kaum war er damit fertig, hörte er, wie hinter ihm jemand mit lachender Stimme sagte: „Was trauerst du hier wieder einmal vor dich hin?“
So streifte er Tag für Tag in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse[5] umher und hielt sehnsüchtig Ausschau. Die Fenster und Vorhänge waren öde und verlassen, nur ein paar alte Frauen, die zum Nachtdienst eingeteilt waren, hielten sich noch dort auf. Auch die Knöterichblüten und Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich schienen ihm welk und schwermütig zu hängen, als trauerten sie um die Verschwundene — wie ganz anders als das gewohnte Bild wettstreitender Farben und Schönheit! Überwältigt von diesem öden und bedrückenden Anblick, konnte Schatzjade seine Gefühle nicht bezwingen und sang unwillkürlich ein Lied vor sich hin:
Als er sich rasch umsah, um festzustellen, wer das war, erblickte er Hsiang-ling. Da wandte er sich zu ihr um und erkundigte sich lächelnd: „Wie kommst du denn jetzt hierher, meine Schwester? Du warst schon lange nicht mehr im Garten.“ Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich,
Hsiang-ling klatschte in die Hände und sagte fröhlich: „Natürlich komme ich her. Aber seitdem dein Vetter wieder zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau jemand geschickt, der deine Kusine Hsi-fëng suchen sollte, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen. bläst ungerührt alle roten Blüten davon.
Als ich das hörte, bat ich, daß man mich nach ihr schickt. Ihre Magd, die ich traf, hat mir gesagt, sie sei im Reisduftdorf. Eben bin ich auf dem Wege dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir bitte, wie geht es Schwester Hsi-jën in letzter Zeit? Und wie konnte Schwester Tjing-wën so plötzlich sterben? An welcher Krankheit hat sie gelitten? Fräulein Ying-tschun ist auch so schnell weggezogen. Schau nur, wie leer es jetzt hier aussieht!“ Knöterich und Wassernüsse ertragen den Kummer kaum,
Ohne zu zögern, gab Bau-yü ihr auf alles eine Antwort und lud sie ein, ihn in den Hof der Freude am Roten zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken. schwerer Tau und dichter Reif drücken die zarten Stängel nieder.
Aber Hsiang-ling erwiderte: „Ich kann jetzt nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.“ Verstummt ist das Klappern der Schachsteine am langen Tag,
„Was ist das für ein Auftrag, daß er so eilig ist?“ erkundigte sich Bau-yü. Schwalbenkot beschmutzt die vergessenen Spielbretter.
„Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es eilig und wichtig zugleich“, sagte Hsiang-ling. Schon seit Alters her betrauern die Menschen den Abschied von Freunden — um wieviel mehr leide ich, der ich Geschwister verliere!
„Ja, richtig!“ erinnerte sich Bau-yü, „aus welcher Familie kommt denn nun seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, Familie Dschang sei besser, dann wieder sollte es Familie Li sein, und anschließend war Familie Wang im Gespräch. Ich weiß gar nicht, was für Sünden die Töchter dieser Familien auf sich geladen haben, daß man so ohne weiteres über sie hergezogen ist!“ Kaum hatte Schatzjade zu Ende gesungen, hörte er hinter sich jemanden lachend sagen: »Was trauerst du hier schon wieder vor dich hin?«
„Jetzt ist es bereits entschieden, und so braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden“, verriet Hsiang-ling. Als er sich rasch umsah, erkannte er Duftlinse [香菱]. Er wandte sich um und fragte lachend: »Meine liebe Schwester, was führt dich jetzt hierher? Du warst schon so lange nicht mehr im Garten.«
„Und um welche Familie handelt es sich?“ wollte Bau-yü sofort wissen. Duftlinse klatschte in die Hände und sagte fröhlich: »Natürlich wäre ich gerne gekommen! Aber seit dein Vetter [Xue Pan] zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau [薛姨妈] jemanden geschickt, um deine Kusine Phönixglanz [王熙凤] zu suchen, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen. Als ich das hörte, bat ich darum, diesen Auftrag übernehmen und sie im Garten suchen zu dürfen. Ich traf ihre Zofe, die sagte, sie sei im Reisduftdorf [稻香村]. Gerade bin ich auf dem Weg dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir, wie geht es Schwester Dufthauch [袭人] in letzter Zeit? Wie konnte Schwester Heitermuster [晴雯] nur so plötzlich sterben, an welcher Krankheit litt sie eigentlich? Das zweite Fräulein [迎春] ist auch so schnell ausgezogen. Schau nur, wie leer und verlassen es hier aussieht!«
„Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, ist er nebenher auch bei Verwandten zu Besuch gewesen“, berichtete Hsiang-ling. „Diese Familie ist mit unserer schon lange verschwägert. Ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen, und ebenso wie wir zählen sie mit zu den reichsten Häusern. Neulich war davon die Rede, sie seien auch bei euch in beiden Anwesen gut bekannt. In ganz Tschang-an nennt sie jedermann nur die Duftblüten-Hsias.“ Schatzjade konnte nicht schnell genug auf all ihre Fragen antworten und lud sie ein, ihn zum Hof der Freude am Roten zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken.
„Warum denn Duftblüten-Hsias?“ fragte Bau-yü lachend. Duftlinse erwiderte: »Im Moment geht das leider nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin [Phönixglanz] gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.«
„Sie heißen Hsia und sind, wie gesagt, ganz außerordentlich reich“, gab Hsiang-ling Auskunft. „Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen, besitzen sie mehrere zehn Tjing reine Duftblütenplantagen, und ihnen gehören auch alle Duftblütenhandlungen in Tschang-an und Umgebung. Selbst die Topfpflanzen im Kaiserpalast sind Tributgeschenke von ihnen, und so sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Ihr alter Herr ist schon tot, nur die alte Dame lebt noch mit einer leiblichen Tochter, einen Sohn aber hat sie nicht, und es ist schon bedauerlich, daß mit ihr die Familie aussterben wird.“ Schatzjade fragte: »Was ist das für ein Auftrag, dass er so eilig ist?«
„Was kümmert das uns, ob sie aussterben oder nicht?“ warf Bau-yü rasch ein. „Taugt denn das Mädchen etwas? Und wie kommt es, daß euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?“ Duftlinse antwortete: »Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es dringend.«
„Zum einen ist es eine Fügung des Himmels, zum anderen ist in den Augen eines Verliebten jedes Mädchen schön wie die Hsi-schï“, erklärte Hsiang-ling. „Da die Familien schon lange miteinander verschwägert sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, und so gab es keinen Grund für Verdächtigungen. Dann sind sie zwar einige Jahre nicht mehr zusammengekommen, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und Frau Hsia, die – wie gesagt – keinen eigenen Sohn hat, sah, wie sich dein Vetter herausgemacht hat, war ihr zum Lachen und zum Weinen zugleich, und sie hat sich mehr über ihn gefreut als über einen leiblichen Sohn. Schatzjade sagte: »Richtig! Aus welcher Familie kommt denn nun eigentlich seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, die Familie Zhang sei die beste, dann sollte es Familie Li sein, dann wieder wurde über Familie Wang verhandelt. Ich weiß gar nicht, was die Töchter all dieser Familien verbrochen haben, dass man so unbekümmert über sie herfällt!«
Sie hat dann dafür gesorgt, daß die beiden sich wiedersahen, und da zeigte sich, daß das Mädchen inzwischen aufgeblüht ist wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hat sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter gleich Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, aber sie hätten ihn wohl auch noch länger dabehalten, wenn er nicht energisch darauf gedrungen hätte, nach Hause zurückzukehren. Duftlinse sagte: »Jetzt ist es endgültig entschieden, da braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden.«
Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau in den Ohren gelegen, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und auch die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie sich einverstanden erklärt. Nachdem sie sich mit deiner Mutter und deiner Kusine Hsi-fëng beraten hatte, schickte sie ihre Boten zu den Hsias, und dort hat man ohne Umschweife ja gesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp angesetzt, so daß wir jetzt alle Hände voll zu tun haben. Aber auch ich kann es kaum erwarten, daß sie ins Haus kommt, denn so haben wir wieder eine Dichterin mehr.“ Schatzjade fragte hastig: »Und welche Familie ist es geworden?«
„Du sagst das so“, bemerkte Bau-yü mit einem kühlen Lächeln. „Ich aber sorge mich bei dieser Nachricht in erster Linie um dich und mache mir Gedanken, was aus dir wird.“ Duftlinse berichtete: »Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, hat er nebenher auch Verwandte besucht. Diese Familie ist schon seit langem mit unserer verschwägert, und ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen. Auch sie gehören zu den ganz großen Häusern. Neulich, als davon die Rede war, hieß es, in euren beiden Anwesen kenne man sie ebenfalls. In ganz Chang'an [长安, Anm.: hier als Bezeichnung für die Hauptstadt] nennt sie jedermann vom Fürsten bis zum Krämer nur die 'Duftblüten-Xias'.«
Unwillkürlich wurde Hsiang-ling rot und fragte mit förmlicher Miene: „Wie kannst du so etwas sagen? Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich so an. Was soll denn das heißen? Kein Wunder, daß alle sagen, mit dir dürfe man sich nicht zu eng einlassen!“ Bei diesen Worten machte sie kehrt und ging davon. Schatzjade fragte lachend: »Warum heißen sie denn 'Duftblüten-Xias'?«
Hsiang-lings Verhalten machte Bau-yü betroffen, und er hatte das Gefühl, als habe er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da und überlegte hin und her, wobei ihm unvermerkt die Tränen kamen. Dann ging er niedergeschlagen zum Hof der Freude am Roten zurück, aber die ganze Nacht hindurch fand er keine Ruhe. Im Traum rief er mal nach Tjing-wën, dann wieder schreckte er hoch, und so ging es in einem fort. Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich heiß an. Das war die Folge von Beschämung, Schrecken und Leid, die er durch die Ereignisse der letzten Zeit – die Durchsuchung des Gartens, die Vertreibung von Sï-tji, den Abschied von Ying-tschun und den Tod von Tjing-wën – erfahren hatte. Hinzu kam noch eine Erkältung, und so war schließlich eine Krankheit daraus geworden, die ihn an sein Bett fesselte. Duftlinse erklärte: »Sie heißen mit Familiennamen Xia [夏] und sind ganz außerordentlich reich. Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen — sie besitzen mehrere Dutzend Qing [6] reiner Duftblütenplantagen [桂花, Osmanthus]. Alle Osmanthus-Handlungen in Chang'an und Umgebung gehören ihnen, und selbst die Ziergewächse im Kaiserpalast sind Tributgaben von ihnen. So sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Der alte Herr ist inzwischen gestorben, und es gibt nur noch die alte Dame, die mit einer leiblichen Tochter lebt. Söhne oder Brüder hat sie keine, und es ist schon bedauerlich, dass die Familie damit aussterben wird.«
Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag herüber, um selber nach ihm zu sehen. Dame Wang aber machte sich Vorwürfe und fragte sich, ob sie nicht Tjing-wëns wegen zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch das spielte sich nur in ihrem Innern ab, nach außen verriet sie sich mit keiner Miene. Und so ordnete sie nur an, die alten Ammen sollten gut für Bau-yü sorgen und nach ihm sehen. Zweimal am Tag mußten sie einen Arzt zu ihm hineinführen, der ihm die Pulse fühlte und Medikamente verschrieb. Schatzjade warf rasch ein: »Was kümmert es uns, ob sie aussterben oder nicht! Taugt denn dieses Mädchen etwas? Und wie kommt es, dass euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?«
Erst nach Ablauf eines Monats stellte sich allmählich eine Besserung ein, und jetzt ordnete die Herzoginmutter an, Bau-yü solle sich schonen und dürfe erst nach einhundert Tagen wieder Fleischspeisen zu sich nehmen und das Haus verlassen. In all diesen einhundert Tagen durfte er nicht einmal vor das Hoftor gehen und konnte sich nur innerhalb seiner Räume vergnügen. Duftlinse erwiderte lachend: »Zum einen war es eine Fügung des Himmels, zum anderen heißt es ja: 'In den Augen eines Verliebten wird jedes Mädchen zur Xi Shi [7].' Da die Familien schon seit Generationen miteinander befreundet sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, da gab es also keinen Grund für Verdächtigungen. Zwar waren sie dann einige Jahre voneinander getrennt, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und die alte Frau Xia — die, wie gesagt, keinen eigenen Sohn hat — sah, was für ein stattlicher Mann er geworden war, da weinte und lachte sie zugleich und freute sich mehr über ihn als über einen leiblichen Sohn.
Als vierzig oder fünfzig Tage vergangen waren, hatte er diese Einschränkungen so satt, daß es wie Feuer in ihm loderte. Aber was er sich auch ausdenken mochte, die Herzoginmutter und Dame Wang blieben hart, und so hatte er sich zu fügen. Also heftete er sich an die Fersen der Sklavenmädchen und trieb mit ihnen jeden Unfug, der ihm in den Sinn kam. Sie ließ die beiden sich wiedersehen, und da zeigte sich, dass das Mädchen inzwischen aufgeblüht war wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hatte sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter auf der Stelle Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, und obwohl man ihn einlud, noch ein paar Tage länger zu bleiben, drängte er schließlich energisch darauf, nach Hause zurückzukehren.
Dann hörte er eines Tages, Hsüä Pan habe zu einer Weintafel mit Theatervorführung eingeladen und dort sei es hoch hergegangen, seine junge Frau sei schon im Hause und solle sehr schön sein, einiges Verständnis für Literatur habe sie auch. Da bedauerte er natürlich zutiefst, daß er nicht hinübergehen konnte, um einen Blick auf sie zu werfen. Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau die Ohren vollgejammert, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie eingewilligt. Sie beriet sich hier mit der Tante [薛姨妈] und dem Fräulein Phönixglanz [凤姐], dann schickte man Boten zu den Xias, und dort wurde sogleich zugesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp, darum haben wir alle Hände voll zu tun. Aber auch ich kann es kaum erwarten, dass sie ins Haus kommt — dann haben wir ja wieder eine Dichterin mehr!«
Einige Zeit später erfuhr er, Ying-tschun habe geheiratet und das Haus verlassen, und er dachte daran, wie vertraut er mit all seinen Kusinen zusammen gelebt hatte und daß es, selbst wenn sie sich einmal wiederträfen, nie wieder so eine Herzlichkeit zwischen ihnen geben würde. Daß er sie jetzt nicht noch ein letztes Mal sehen konnte, war wirklich das Äußerste an Qual und Verdruß. Schatzjade sagte mit kühlem Lächeln: »Das sagst du so leicht dahin, aber wenn ich das höre, mache ich mir vor allem um dich Sorgen und frage mich, was aus dir werden soll.«
Was blieb ihm weiter übrig, als sich zusammenzunehmen und auszuhalten und derweilen mit den Sklavenmädchen herumzutollen, um sich die Zeit zu vertreiben? Das Gute daran war nur, daß er der Not enthoben war, Djia Dschëngs Mahnung anzuhören, er solle sich mit den Büchern beschäftigen. Der Hof der Freude am Roten wurde in den einhundert Tagen nicht in Schutt und Asche gelegt, aber sonst galt für Bau-yü und seine Sklavenmädchen weder himmlisches noch menschliches Recht, und was sie anstellten, waren die unmöglichsten Dinge der Welt. Aber das muß jetzt nicht in allen Einzelheiten erzählt werden. Unwillkürlich errötete Duftlinse und erwiderte mit förmlicher Miene: »Was soll das für eine Rede sein! Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich mit solchen Dingen an. Was soll das heißen? Kein Wunder, dass alle sagen, man solle sich mit dir nicht zu eng einlassen!« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging davon.
Seit dem Tag, an dem Hsiang-ling Bau-yü gescholten hatte, war sie still bei sich überzeugt, Bau-yü sei absichtlich so taktlos gewesen. „Kein Wunder, daß unser Fräulein Bau-tschai sich nicht näher mit ihm einzulassen wagt“, urteilte sie. „Da sieht man, daß ich mich nicht so gut darauf verstehe, Abstand zu wahren, wie Fräulein Bau-tschai. Kein Wunder auch, daß sich Fräulein Lin immer wieder mit ihm zankt, bis sie vor Ärger weinen muß. Natürlich wird er sich auch ihr gegenüber so rüde benehmen. Das beste wird sein, wenn ich ihn in Zukunft meide!“ Duftlinses Verhalten machte Schatzjade ganz betroffen, und er fühlte sich, als hätte er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da, überlegte hin und her, und unvermerkt rollten ihm die Tränen über die Wangen. Niedergeschlagen kehrte er zum Hof der Freude am Roten zurück. Die ganze Nacht fand er keine Ruhe; im Traum rief er bald nach Heitermuster, bald schreckte er aus Albträumen hoch, und so ging es in einem fort.
So kam sie dann selbst in den Garten des Großen Anblicks nicht mehr oft. Jeden Tag war sie eifrig mit Vorbereitungen für Hsüä Pans Hochzeit beschäftigt, denn sie glaubte nicht anders, als daß sie in seiner Frau eine Beschützerin finden werde, die ihr auch einen Teil ihrer Pflichten abnahm, so daß sie etwas ruhiger leben konnte. Zum anderen hatte sie gehört, die Braut sei ebenso schön wie begabt, und so mußte sie ja wohl auch kultiviert und friedfertig sein. Aus diesen Gründen sehnte sie den Tag der Hochzeit noch zehnmal dringlicher herbei als Hsüä Pan selbst. Und als es endlich soweit war, diente sie der jungen Frau außerordentlich zuvorkommend und aufmerksam. Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich fiebrig an. All die Demütigungen, Schrecken und Kümmernisse der letzten Tage — die Durchsuchung des Gartens des Großen Anblicks, die Vertreibung von Siqi [司棋], der Abschied von Yingchun und der Tod von Heitermuster — hatten ihren Tribut gefordert. Hinzu kam eine Erkältung, und so war eine Krankheit daraus entstanden, die ihn ans Bett fesselte.
Dieses Fräulein Hsia nun war eben erst siebzehn Jahre alt. Sie war recht hübsch und wirklich einigermaßen bewandert in der Literatur, in bezug auf Willensstärke und Umsicht aber trat sie ganz in die Fußstapfen von Hsi-fëng. Nur in einer Hinsicht hatte sie Pech gehabt. Da sie schon als kleines Kind den Vater verloren hatte und keine Geschwister besaß, so daß sie das einzige Kind ihrer verwitweten Mutter war, war sie von dieser wie ein rechtes Kleinod verwöhnt und verhätschelt worden. Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag persönlich, um nach ihm zu sehen. Frau Wang machte sich insgeheim Vorwürfe und fragte sich, ob sie Heitermusters wegen nicht zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch obwohl sie innerlich so empfand, ließ sie sich äußerlich nichts anmerken. Sie ordnete nur an, die alten Ammen sollten gut für ihn sorgen, und zweimal am Tag musste ein Arzt kommen, um ihm den Puls zu fühlen und Medizin zu verschreiben.
Alles, was der Tochter in den Sinn gekommen war, hatte die Mutter folgsam getan. Dadurch war die Tochter völlig verzogen und hatte einen Charakter bekommen nicht anders als der Räuber Dschï. Sich selbst hielt sie für edel wie ein Bodhisattwa, alle anderen aber waren für sie der letzte Dreck. Und obwohl sie äußerlich reizend aussah wie eine Blume oder eine Weide, verbarg sich doch in ihrem Innern das Wesen von Gewitter und Sturm. Erst nach einem ganzen Monat stellte sich allmählich eine Besserung ein. Die Herzoginmutter befahl, er solle sich schonen und dürfe erst nach hundert Tagen wieder Fleisch, Fisch, Fettiges und Nudeln zu sich nehmen und das Haus verlassen. Während dieser hundert Tage durfte er nicht einmal vor das Hoftor treten, sondern konnte nur innerhalb seiner Räume scherzen und spielen.
Zu Hause hatte sie ihre Launen an den Sklavenmädchen ausgelassen; wenn es glimpflich abging, mit Schelte, sonst aber mit Schlägen. Jetzt, da sie verheiratet war und einen eigenen Haushalt leiten sollte, glaubte sie, die mädchenhafte Sanftmut ablegen und statt dessen hausfrauliche Strenge hervorkehren zu müssen, um alles unter ihre Fuchtel zu bekommen, zumal Hsüä Pan von Natur aus starrsinnig und in seinem Benehmen dünkelhaft war. Wenn sie jetzt nicht das Essen weichkochte, solange der Herd noch heiß war, würde sie ihren Kopf nie durchsetzen können, sagte sie sich. Nach vierzig oder fünfzig Tagen hatte Schatzjade diese Einschränkungen so satt, dass es wie Feuer in ihm loderte und er es kaum noch aushalten konnte. Sosehr er auch versuchte, sich Auswege zu schaffen — die Herzoginmutter und Frau Wang blieben unbeugsam, und er musste sich fügen. So trieb er es mit den Zofen bunt und planlos, vergnügte sich nach Herzenslust und spielte alle möglichen Streiche.
Und als sie im Hause eine Nebenfrau vorfand, die genauso schön wie begabt war, bestärkte sie das nur in dem Vorsatz, es dem Kaiser Tai-dsu der Sung-Dynastie gleichzutun, der „keinen fremden Schnarcher neben dem eigenen Bett dulden“ wollte und deshalb die Südliche Tang-Dynastie vernichtete. Dann hörte er, dass Xue Pan [薛蟠] ein Festmahl mit Theateraufführung gab, dass es dort äußerst lebhaft zuging, und dass er bereits geheiratet habe. Es hieß, das Fräulein Xia sei außerordentlich hübsch und beherrsche auch ein wenig die Schriftgelehrsamkeit — Schatzjade hätte sie liebend gerne sofort gesehen.
Wegen der vielen Duftblütenpflanzungen, die ihre Familie besaß, hatte Fräulein Hsia den Kindheitsnamen Djin-guee – „Goldene Duftblüte“ – bekommen, und deshalb hatte bei ihr zu Hause niemand diese beiden Silben erwähnen dürfen. Wer es unbedacht doch einmal tat, wurde von ihr grausam geschlagen oder strengstens bestraft. Weil sie aber bedachte, daß man ohne Erwähnung der Duftblüten nicht auskommen konnte, hatte sie sich für diese einen anderen Namen ausgedacht und nannte sie in Anlehnung an die Überlieferung von der Göttin Tschang-ë im Mondpalast „Tschang-ë-Blüten“, womit sie zugleich Ansprüche in bezug auf die eigene Person geltend machte. Einige Zeit später erfuhr er, dass Yingchun das Haus verlassen hatte. Der Gedanke, wie er einst mit seinen Schwestern zusammen gewesen war, so vertraut und einander so nah, und dass sie sich, selbst wenn sie sich je wiedersähen, gewiss nicht mehr so nahe sein würden wie früher — und dass er sie jetzt nicht einmal besuchen konnte — , das alles schmerzte ihn zutiefst. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als still zu erdulden und sich einstweilen mit den Zofen zu vergnügen, um sich die Schwermut zu vertreiben. Immerhin blieb er so von den Vorwürfen Aufrecht Kaufmanns verschont, der ihn sonst zum Bücherlesen gedrängt hätte.
Hsüä Pan gehörte zu jenen Menschen, die gern über dem Neuen das Alte vergessen, außerdem verstand er es zwar, einen robusten Eindruck zu erwecken, in Wirklichkeit aber hatte er kein Mark in den Knochen. Nachdem er jetzt so eine Frau gefunden hatte und auf der ersten Woge der Begeisterung schwamm, machte er natürlich in allen Dingen Zugeständnisse. Das blieb Hsia Djin-guee nicht verborgen, und so versuchte sie, die Zügel nach und nach straffer zu ziehen. Im ersten Monat war beider Auftreten noch gleich, aber im zweiten war schon zu bemerken, wie Hsüä Pan allmählich ins Hintertreffen geriet. In diesen hundert Tagen hätte es nur noch gefehlt, dass er den Hof der Freude am Roten in Schutt und Asche legte — er trieb es mit den Mädchen derart zügellos, dass er alle nur erdenklichen Torheiten und Streiche beging. Doch davon brauchen wir hier nicht im Einzelnen zu berichten.
Einmal, als er getrunken hatte, beriet er sich mit Djin-guee über irgendetwas, was er unternehmen wollte. Sie aber stimmte ihm nicht zu und blieb hartnäckig bei ihrer Meinung. Unfähig, sich zu beherrschen, warf Hsüä Pan ihr ein paar böse Worte an den Kopf und tat dann, was er für richtig hielt. Djin-guee aber heulte vor Zorn wie eine Betrunkene, aß und trank nichts mehr und stellte sich krank. Ein Arzt wurde gerufen und konstatierte: „Hier laufen Lebensenergie und Blutstrom einander zuwider. Sie muß etwas einnehmen, um die Brust zu weiten und die Energie in die richtigen Bahnen zu lenken.“ Erzählen wir nun von Duftlinse. Nachdem sie Schatzjade an jenem Tag so scharf zurechtgewiesen hatte, sagte sie sich im Stillen, Schatzjade habe ihr absichtlich zu nahe treten wollen. »Kein Wunder, dass unser Fräulein Schatzspange [薛宝钗] es nicht wagt, ihm nahe zu kommen — ich bin Fräulein Schatzspange bei Weitem nicht gewachsen! Kein Wunder auch, dass Fräulein Kajaljade ständig mit ihm streitet und bitterlich weint — gewiss hat er auch sie des Öfteren vor den Kopf gestoßen. Von nun an werde ich ihm lieber aus dem Weg gehen.« Und so kam sie fortan nicht einmal mehr leichtfertig in den Garten des Großen Anblicks.
Wütend hielt Tante Hsüä ihrem Sohn vor: „Du bist jetzt verheiratet, wirst bald einen Sohn im Arm halten und benimmst dich immer noch wie ein dummer Junge. Da hat diese Frau mit viel Mühe ein einziges Phönixküken großgezogen, eine Tochter so zart wie eine Blüte, und nur weil sie dich für ei- Tag für Tag war sie mit Vorbereitungen beschäftigt. Nachdem Xue Pan geheiratet hatte, sagte sie sich, nun habe sie gewissermaßen einen Schutzschild gewonnen: Ein Teil der Verantwortung würde von ihren Schultern genommen, und es würde insgesamt friedlicher zugehen. Außerdem hatte sie gehört, die neue Herrin sei eine begabte und schöne Frau, von feiner Art und friedfertigem Wesen. Daher sehnte sie den Tag der Ankunft der Braut noch zehnmal ungeduldiger herbei als Xue Pan selbst. Und als die Hochzeit endlich stattgefunden hatte und die Braut ins Haus gekommen war, bediente Duftlinse sie mit allergrößter Sorgfalt und Aufmerksamkeit.
nen anständigen Menschen hielt, hat sie sie dir zu Frau gegeben. Du aber, anstatt dich zu bessern und mit deinem Los zufrieden zu sein, friedlich und verträglich mit ihr zu leben, läßt dich mit gelber Brühe vollaufen und quälst sie dann. Jetzt können wir auch noch Geld für Medizin ausgeben und uns für nichts und wieder nichts Sorgen machen!“ Was nun diese junge Frau Xia betraf: Sie war in diesem Jahr gerade siebzehn Jahre alt, durchaus von ansehnlichem Äußeren und konnte auch einige Schriftzeichen lesen und schreiben. Was freilich ihre Gerissenheit und Berechnung anging, stand sie der Phönixglanz [王熙凤] kaum nach. Nur hatte sie einen entscheidenden Nachteil: Ihr Vater war früh gestorben, und sie hatte keine leiblichen Brüder. Ihre verwitwete Mutter lebte allein mit dieser Tochter, die sie verhätschelte und verwöhnte, als wäre sie ein kostbarer Schatz. Was die Tochter auch tat, die Mutter gab in allem nach. Durch diese maßlose Verwöhnung hatte sich in ihr ein Charakter wie der des Räubers Zhi [盗跖, Anm.: berüchtigter Räuber des Altertums, Inbegriff von Rücksichtslosigkeit] herausgebildet: Sich selbst erhob sie wie einen Bodhisattva auf den Altar, andere betrachtete sie als Dreck unter ihren Füßen. Nach außen hin besaß sie die Anmut von Blumen und Weiden, im Innern jedoch barg sie die Wildheit von Sturm und Donner. Schon zu Hause hatte sie die Zofen ständig herumkommandiert, leichtfertig beschimpft und mit schwerer Hand geschlagen.
Diese Ansprache löste bei Hsüä Pan unendliche Reue aus, und er ging hin, um Djin-guee zu besänftigen. Djin-guee aber triumphierte erst recht, als sie sah, wie ihr Mann von der Schwiegermutter gescholten wurde, spielte sich in jeder Hinsicht auf und zeigte Hsüä Pan die kalte Schulter. Nun wußte sich Hsüä Pan nicht mehr zu helfen und machte sich bittere Vorwürfe. Mit viel Mühe gelang es ihm nach mehr als zehn Tagen, Djin-guees Herz wieder zu erweichen. Von nun an ging er behutsamer mit ihr um, und in seinem Auftreten war er natürlich noch ein gutes Stück folgsamer als bisher. Nun, da sie geheiratet hatte, wollte sie als Herrin des Hauses auftreten. Die Zeiten der mädchenhaften Zurückhaltung und Sanftmut waren vorbei — jetzt musste sie ihre Autorität unter Beweis stellen, um die Untergebenen in Schach zu halten. Außerdem sah sie, dass Xue Pan von hartem Naturell und hochmütigem Gebaren war — wenn sie ihn nicht gleich zu Anfang, solange das Eisen noch heiß war, weichkochte, würde sie sich später nicht mehr gegen ihn behaupten können. Und als sie dann noch sah, dass mit Duftlinse eine ebenso begabte wie schöne Nebenfrau im Hause lebte, fasste sie den Entschluss, es dem Song-Gründer Taizu gleichzutun, der das Südliche Tang vernichtet hatte [8]: »Auf dem eigenen Lager darf niemand sonst ruhig schlafen!«
Als Djin-guee bemerkte, daß ihr Mann sich allmählich geschlagen gab und daß ihre Schwiegermutter eine gutmütige Frau war, begann sie langsam, die Zähne zu zeigen. Zuerst zwang sie nur Hsüä Pan ihren Willen auf, später dehnte sie durch geschickte Schmeichelei ihre Macht auch auf Tante Hsüä aus, und mit Bau-tschai wollte sie genauso verfahren. Da ihre Familie den Beinamen »Duftblüten-Xia« trug, hatte man ihr den Kindernamen Jin Gui [金桂, »Goldene Osmanthusblüte«] gegeben. Zu Hause hatte sie es allen verboten, die Zeichen »Jin« und »Gui« in den Mund zu nehmen, und wer in einem unbedachten Moment auch nur eines der beiden Zeichen aussprach, den ließ sie gnadenlos bestrafen. Da sie jedoch einsah, dass man die Zeichen für »Osmanthusblüte« nicht gänzlich verbieten konnte, musste ein anderer Name her. Und da es vom Osmanthus die Sage gibt, er wachse im Kaltpalast der Mondgöttin Chang'e [广寒嫦娥], benannte sie die Osmanthusblüte kurzerhand in »Chang'e-Blume« um — womit sie zugleich ihren eigenen erhabenen Stand andeuten wollte.
Aber Bau-tschai hatte Djin-guees frechen Plan längst durchschaut. Sie hatte immer das passende Gegenmittel parat und sagte ihr durch die Blume stets das Richtige, um sie in Schach zu halten. Als Djin-guee einsehen mußte, daß sie ihr so nicht beikommen konnte, war sie bemüht, sie bei einem Fehler zu ertappen, den sie sich zunutze machen konnte. Aber Bau-tschai gab sich keine Blöße, und so mußte Djin-guee sie, wenn auch widerwillig, in Ruhe lassen. Xue Pan war von jeher ein Mensch, der das Neue liebte und das Alte wegwarf. Zudem hatte er zwar Mut unter dem Einfluss von Wein, doch fehlte ihm die Ausdauer nüchternen Durchhaltens. Nun, da er eine solche Ehefrau bekommen hatte, befand er sich noch im Rausch des Neuen und gab in allem nach. Als Jin Gui sah, wie die Dinge lagen, wurde sie Schritt für Schritt dreister. Im ersten Monat hielten sich beide noch die Waage; nach dem zweiten Monat jedoch sank Xue Pans Selbstbehauptung merklich.
Eines Tages, als Djin-guee nichts weiter zu tun hatte und sich deshalb mit Hsiang-ling unterhielt, erkundigte sie sich nach Hsiang-lings Heimatort und Elternhaus. Als Hsiang-ling erwiderte, sie könne sich nicht mehr daran erinnern, wurde Djin-guee ungehalten und behauptete, sie wolle es absichtlich vor ihr verheimlichen. Dann fragte sie, wer ihr den Namen Hsiang-ling – „Duftende Wassernuß“ – gegeben habe, und Hsiang-ling antwortete: „Das war unser gnädiges Fräulein.“ Eines Tages, nachdem Xue Pan getrunken hatte, wollte er irgendetwas unternehmen und besprach sich zuvor mit Jin Gui. Jin Gui aber verweigerte sich rundweg. Xue Pan konnte sich nicht beherrschen und sagte einige unwirsche Worte, dann ging er schmollend seiner Wege. Jin Gui geriet darüber in eine solche Wut, dass sie heulte wie eine Betrunkene, weder Tee noch Suppe anrührte und sich krank stellte. Als ein Arzt gerufen wurde, erklärte dieser: »Blut und Qi sind in Aufruhr geraten, sie muss brusterweiternde und Qi-beruhigende Medizin einnehmen.«
„Alle behaupten, das gnädige Fräulein sei so gebildet, aber dieser Name gibt keinen Sinn“, sagte Djin-guee mit verächtlichem Lächeln. Tante Schnee [薛姨妈] war so erzürnt, dass sie Xue Pan eine Standpauke hielt: »Jetzt hast du geheiratet und solltest bald einen Sohn auf dem Arm haben, und trotzdem benimmst du dich so! Die Leute haben wie ein Phönixenei diese einzige Tochter aufgezogen, zarter als ein Blümchen, und weil sie dich für einen anständigen Menschen hielten, haben sie dir ihre Tochter zur Frau gegeben. Anstatt dich zu besinnen und ein ordentliches, friedliches Leben zu führen, musst du dich volllaufen lassen und sie quälen. Und jetzt kosten Arzt und Medizin wieder Geld — alles umsonst!«
„O weh!“ erwiderte Hsiang-ling ihr daraufhin lächelnd. „Ihr könnt das freilich nicht wissen, junge gnädige Frau, aber selbst der gnädige Herr Onkel lobt unser gnädiges Fräulein immer wieder für seine Bildung.“ Von dieser Predigt überkam Xue Pan tiefe Reue, und er ging zu Jin Gui, um sie zu trösten. Jin Gui aber sah, dass ihre Schwiegermutter den Ehemann so gescholten hatte, und wurde erst recht übermütig. Sie ließ es sich in ihrer Empörung erst recht angelegen sein, sich zu zieren und Xue Pan links liegenzulassen. Xue Pan wusste sich keinen Rat mehr und machte sich nur noch selbst Vorwürfe. Erst nach zehn Tagen oder zwei Wochen gelang es ihm mühsam, Jin Gui umzustimmen. Von nun an verdoppelte er seine Vorsicht, und sein Selbstbewusstsein sank noch weiter.
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. Als Jin Gui sah, dass die Fahne ihres Mannes immer tiefer sank und die Schwiegermutter gutmütig war, begann sie schrittweise, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Anfangs beherrschte sie nur Xue Pan, dann griff sie, gestützt auf ihren Liebreiz, nach Tante Schnee und schließlich auch nach Schatzspange [薛宝钗]. Schatzspange hatte ihre Ränke längst durchschaut und parierte sie bei jeder Gelegenheit geschickt mit Worten, um ihre Ambitionen im Keim zu ersticken. Jin Gui erkannte, dass sie gegen Schatzspange nicht ankam, und so oft sie auch nach einer Schwachstelle suchte, fand sie keine. Da blieb ihr nichts anderes übrig, als sich geschmeidig anzupassen und sich vorläufig zu fügen.
Eines Tages, als Jin Gui nichts zu tun hatte, plauderte sie mit Duftlinse und erkundigte sich nach deren Heimat und Eltern. Duftlinse antwortete, sie habe alles vergessen. Das missfiel Jin Gui, die ihr vorwarf, sie wolle sie absichtlich belügen. Dann fragte sie, wer ihr eigentlich den Namen »Duftlinse« [香菱, wörtlich: »Duftende Wassernuss«] gegeben habe. Duftlinse antwortete: »Das Fräulein [Schatzspange] hat ihn mir gegeben.«
Jin Gui sagte mit kühlem Lächeln: »Alle sagen, das Fräulein sei so gebildet, aber allein schon dieser Name ist ein Unsinn.«
Duftlinse erwiderte hastig lachend: »Ach, die gnädige Frau weiß es nicht! Die Gelehrsamkeit unseres Fräuleins wird sogar vom Herrn Onkel [Aufrecht Kaufmann] immer wieder gelobt!«
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
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Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
  1. 中山狼 (Zhōngshān Láng), Anspielung auf die Fabel „Der Wolf vom Zhongshan“ (中山狼传): Ein Gelehrter rettet einen Wolf, doch der Wolf will ihn anschließend fressen. Die Wendung bezeichnet einen Undankbaren — hier eine Anspielung auf Sun Shaozu.
  2. Cao E war ein Mädchen der Han-Dynastie, berühmt für ihre Kindesliebe; die Grabinschrift gilt als Meisterwerk
  3. 茜纱, qiansha, eine Art durchscheinender Seidenstoff
  4. Anspielung auf die Lunyu (Gespräche des Konfuzius), wo Zilu sagt, er würde seine Pferde und Pelze gerne mit Freunden teilen
  5. 紫菱洲 (Zǐlíng Zhōu), der Ort im Garten des Großen Anblicks, an dem Yingchun wohnte. Schatzjades wehmütige Besuche dort nach Yingchuns Weggang sind ein wiederkehrendes Motiv des Verlustes.
  6. ein Qing entspricht ca. 6,7 Hektar
  7. berühmte Schönheit des Altertums
  8. Anspielung auf Kaiser Taizu der Song-Dynastie, der das Südliche Tang-Reich besiegte

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