Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 80
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Kapitel 80: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
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| 80.Die schöne Hsiang-ling wird von ihrem gierigen Mann geschlagen,der Dauistenpriester Wang faselt von einem Heilmittel gegen die Eifersucht. | Achtzigstes Kapitel |
| Als Djin-guee das hörte, verdrehte sie den Hals, verzog den Mund und schnaubte ein paarmal durch die Nase, dann schlug sie die Hände zusammen und sagte mit abfälligem Lächeln: „Wer hätte jemals den Duft von Wassernußblüten gerochen?! Wenn die Wassernuß duften soll, was willst du dann erst von Blüten sagen, die wirklich duften? Dieser Name ist der Gipfel der Sinnlosigkeit.“ | Die schöne Duftlinse wird unschuldig vom habgierigen Ehemann geschlagen — Der Daoist Wang erfindet ein unsinniges Rezept gegen Eifersucht |
| „Nicht nur die Blüten der Wassernuß, auch die Blätter und die Samenkapseln der Lotosblume haben einen frischen Duft, wenn er auch mit dem Duft anderer Blumen nicht vergleichbar ist“, widersprach Hsiang-ling. „Wenn man an einem stillen Tag oder in einer ruhigen Nacht, früh am Morgen oder spät am Abend genau darauf achtgibt, dann merkt man, daß dieser Duft lieblicher ist als jeder Blütenduft. Selbst die Wassernüsse, die Früchte der Seerose sowie die Blätter und die Wurzeln von Schilf haben, wenn der Tau fällt, einen herzerfrischenden Geruch.“ | Als Jin Gui [金桂] das hörte, verdrehte sie den Hals, verzog die Lippen, schnaubte durch die Nase und sagte händeklatschend mit kühlem Lächeln: »Wer hat je gehört, dass Wassernussblüten duften? Wenn man behauptet, Wassernüsse seien duftend, wo bleiben dann die wirklich duftenden Blumen? Das ist der größte Unsinn!« |
| „Orchideen und Duftblüten riechen also deiner Meinung nach nicht gut?“ fragte Djin-guee. | Duftlinse [香菱] entgegnete: »Nicht nur die Wassernussblüten, selbst Lotusblätter und Lotuskapseln verströmen einen feinen Duft. Freilich kann man ihn nicht mit dem von Blumen vergleichen. Aber wenn man an einem stillen Tag oder in einer ruhigen Nacht, am frühen Morgen oder um Mitternacht ganz aufmerksam auf ihn achtet, dann ist dieser Duft sogar lieblicher als der von Blumen. Auch Wassernüsse, Euryale-Früchte, Schilfblätter und Schilf-Wurzeln verströmen, wenn sie Tau und Wind empfangen, eine frische Reinheit, die das Herz erquickt.« |
| Hsiang-ling hatte sich so in Hitze geredet, daß sie das Namenstabu völlig vergaß und ohne Zögern antwortete: „Der Geruch von Orchideen und Duftblüten ist mit dem von anderen Blumen nicht zu vergleichen...“ | Jin Gui sagte: »Wenn ich dir glauben soll, duften Orchideen und Osmanthus also nicht so gut?« |
| Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als Djin-guees Sklavenmädchen Bau-tschan schon mit dem Finger auf sie wies und sagte: „Zu sterben verdienst du! Wie kannst du einfach den Namen der jungen Herrin aussprechen?“ | Duftlinse war in der Hitze des Gesprächs und hatte die Tabuworte vergessen, und so platzte sie heraus: »Der Duft von Orchideen und Osmanthus ist mit dem anderer Blumen gar nicht zu vergleichen!« |
| Hsiang-ling wurde sich schlagartig ihrer Verfehlung bewußt und entschuldigte sich mit beschämtem Lächeln: „Das ist mir nur so herausgerutscht. Rechnet es mir bitte nicht an, junge Herrin!“ | Noch bevor sie ausgesprochen hatte, zeigte Jin Guis Zofe namens Baochan [宝蟾, »Jade-Kröte«] mit dem Finger auf Duftlinses Gesicht und rief: »Willst du sterben, willst du sterben? Wie kannst du den Namen des Fräuleins einfach so aussprechen!« [1] |
| „Das macht doch nichts!“ sagte Djin-guee lächelnd, „du bist wirklich überängstlich. Aber die Silbe hsiang in deinem Namen erscheint mir wahrhaftig unangebracht, und ich möchte sie durch eine andere ersetzen, wenn du nichts dagegen hast.“ | Duftlinse wurde sich ihres Fehlers plötzlich bewusst, errötete und sagte eilig mit entschuldigendem Lächeln: »Es ist mir in der Eile einfach so herausgerutscht. Die gnädige Frau möge es mir bitte nicht nachtragen.« |
| „Aber was sagt Ihr da, junge Herrin?“ erwiderte Hsiang-ling sofort und lächelte. „Ich gehöre Euch mit Haut und Haaren, warum fragt Ihr also, ob ich einverstanden bin, nur weil Ihr meinen Namen ändern wollt? Nennt mich so, wie es Euch paßt, Ihr könnt jede Silbe benutzen, die Ihr für richtig haltet.“ | Jin Gui sagte lachend: »Ach was, du bist wirklich zu vorsichtig. Aber ich denke mir schon die ganze Zeit, dass das Zeichen 'Duft' [香] in deinem Namen eigentlich nicht passt. Ich habe vor, es durch ein anderes zu ersetzen. Ich weiß nur nicht, ob du einverstanden bist?« |
| „Du bist zwar einverstanden“, nahm wieder Djin-guee das Wort, „aber ich fürchte, das gnädige Fräulein könnte argwöhnisch sein und sagen: ‚Ist ein Name, den du dir ausdenkst, besser als einer, den ich mir ausgedacht habe? Kaum bist du ein paar Tage im Haus, stellst du dich gegen meine Entscheidungen.‘ “ | Duftlinse erwiderte hastig lachend: »Was sagt die gnädige Frau da! In diesem Augenblick gehören mir nicht einmal Leib und Leben selbst, alles gehört der gnädigen Frau. Wie sollte ich es da wagen, mich über eine Namensänderung zu beschweren? Die gnädige Frau bestimme, welches Zeichen gut ist, und das soll es sein.« |
| Lächelnd erklärte ihr Hsiang-ling daraufhin: „Ihr wißt das nicht, junge Herrin, aber als man mich damals kaufte, diente ich zuerst der gnädigen Frau, und deshalb hat das gnädige Fräulein mir einen Namen gegeben. Seitdem ich dann dem jungen Herrn diente, hatte ich mit dem gnädigen Fräulein nichts mehr zu tun. Seitdem jetzt Ihr im Hause seid, habe ich erst recht nichts mehr mit ihr zu schaffen. Außerdem ist das gnädige Fräulein so ein verständiger Mensch, daß sie wegen so etwas bestimmt nicht böse wird.“ | Jin Gui sagte lachend: »Du hast zwar recht, aber ich fürchte, das Fräulein [Schatzspange] könnte empfindlich reagieren und sagen: 'Den Namen habe ich ihr gegeben, und der soll schlechter sein als deiner? Du bist doch kaum ein paar Tage hier und maßt dir an, mich zu korrigieren?'« |
| „Wenn es so ist, werde ich die Silbe hsiang – ‚duftend‘ – durch die Silbe tjiu – ‚Herbst‘ – ersetzen“, sagte Djin-guee. „Da die Wassernuß im Herbst blüht und Früchte trägt, hat der Name so wohl etwas mehr Berechtigung.“ „Es soll sein, wie Ihr sagt, junge Herrin“, stimmte Hsiang-ling zu, und damit galt jetzt Tjiu-ling als ihr Name. |
Duftlinse erwiderte lachend: »Die gnädige Frau kennt die Umstände nicht. Als ich damals gekauft wurde, war ich zunächst der alten gnädigen Frau [Tante Schnee] zugeteilt, und darum hat das Fräulein mir den Namen gegeben. Seitdem ich dann dem jungen Herrn aufwarte, habe ich mit dem Fräulein nichts mehr zu schaffen. Und jetzt, da die gnädige Frau da ist, erst recht nicht. Außerdem ist das Fräulein ein höchst verständiger Mensch — wie sollte sie sich darüber ärgern?« |
| Bau-tschai schenkte der Sache keine Beachtung. | Jin Gui sagte: »Wenn das so ist, dann passt das Zeichen 'Duft' wirklich nicht so gut wie das Zeichen 'Herbst' [秋]. Wassernüsse und Wassernussblüten gedeihen ja im Herbst, und so hat das Zeichen 'Herbst' mehr Bezug als 'Duft'.« |
| Hsüä Pan war so veranlagt, daß er „auf Schu schaute, kaum daß er Lung erobert hatte“, und als er nach der Hochzeit mit Djin-guee sah, daß auch ihr Sklavenmädchen Bau-tschan einigen Liebreiz hatte und sich erfreulich leichtfertig benahm, versäumte er nie, sie zu necken, wenn er sich von ihr Tee oder Wasser reichen ließ. Bau-tschan verstand auch sehr gut, wie er das meinte, doch aus Furcht vor Djin-guee wollte sie nichts übereilen und wartete auf ein Zeichen von ihr. | Duftlinse sagte: »Dann sei es so, wie die gnädige Frau bestimmt.« |
| Djin-guee ihrerseits merkte genau, was da vorging, und sagte sich: „Ich will Hsiang-ling aus dem Weg räumen und finde keine Handhabe. Wenn er sich jetzt in Bau-tschan verguckt hat und ich sie ihm lasse, wird er sich dadurch Hsiang-ling entfremden. Das kann ich mir zunutze machen, um sie auszuschalten. Bau-tschan aber gehört mir, mit ihr kann ich leicht fertig werden.“ Nachdem sie sich diesen Plan zurechtgelegt hatte, wartete sie auf eine Gelegenheit, um ihn ins Werk zu setzen. | Von da an wurde sie »Qiuling« [秋菱, »Herbst-Wassernuss«] genannt, und Schatzspange kümmerte sich nicht weiter darum. |
| Eines Abends dann, als Hsüä Pan leicht berauscht war, ließ er sich wieder einmal von Bau-tschan Tee eingießen, und als sie ihm die Schale reichen wollte, griff er statt dessen nach ihrer Hand. Bau-tschan wollte ihm zum Schein ausweichen und zog die Hand zurück. Klirr! machte es, die Teeschale lag zerbrochen am Boden, und alles war mit Tee bespritzt. | Nun war Xue Pan [薛蟠] von Natur aus ein Mensch, der stets begehrte, was er noch nicht hatte [2]. Nachdem er Jin Gui geheiratet hatte und sah, dass ihre Zofe Baochan ein recht hübsches Gesicht und ein frivol-anmutiges Wesen hatte, versuchte er ständig, sie unter dem Vorwand, Tee oder Wasser zu verlangen, zu umgarnen. Baochan war zwar durchaus weltklug, fürchtete aber Jin Gui und wagte es nicht, eigenmächtig zu handeln, sondern wartete auf deren Zeichen. Jin Gui ihrerseits hatte seinen Blick sehr wohl bemerkt und überlegte bei sich: »Gerade jetzt will ich Duftlinse fertigmachen, finde aber keinen Anlass dazu. Wenn er sich jetzt für Baochan interessiert, so gebe ich ihm Baochan hin — dann wird er sich gewiss von Duftlinse entfernen, und ich kann sie mir ungestört vornehmen. Baochan ist ohnehin mein Mensch und wird leicht zu handhaben sein.« So fasste sie ihren Plan und wartete auf den richtigen Zeitpunkt. |
| Hsüä Pan, dem die Sache jetzt peinlich war, behauptete, Bau-tschan habe die Schale nicht richtig gehalten. Bau-tschan aber verteidigte sich: „Ihr habt sie mir nicht richtig abgenommen!“ Da sagte Djin-guee mit kühlem Lächeln: „Schluß jetzt mit den Ausflüchten! Ihr müßt einen nicht für dumm verkaufen!“ |
Eines Abends war Xue Pan leicht angetrunken und ließ Baochan Tee bringen. Als er ihr die Schale abnahm, drückte er ihr absichtlich die Hand. Baochan tat verschämt und zog hastig die Hand zurück. Beide verfehlten den Griff, und mit einem Klirren fiel die Teeschale zu Boden, Tee bespritzte Kleider und Fußboden. Xue Pan tat verlegen und behauptete, Baochan habe die Schale nicht richtig gehalten. Baochan entgegnete: »Der junge Herr hat sie nicht richtig angenommen.« |
| Hsüä Pan senkte nur den Kopf und lächelte stumm, Bau-tschan aber wurde rot und ging aus dem Zimmer. Als es bald darauf Zeit zum Schlafengehen war, verlangte Djin-guee von Hsüä Pan, er solle woanders schlafen. „Ich will nicht, daß du dich vor Verlangen verzehrst“, sagte sie zur Begründung. Als Hsüä Pan darauf nur lächelte, fuhr Djin-guee fort: „Wenn du etwas möchtest, dann sag es mir und versuch es nicht heimlich. Das führt zu nichts.“ | Jin Gui sagte mit kühlem Lächeln: »Euer beider Getue ist ja kaum noch auszuhalten. Glaubt bloß nicht, dass irgendjemand hier dumm ist.« |
| Mutig vom genossenen Wein, kniete Hsüä Pan auf dem Bett nieder, griff nach Djin-guees Hand und bat lächelnd: „Liebe ältere Schwester! Wenn du mir Bau-tschan schenkst, tue ich für dich, was du willst. Wenn du das Gehirn von jemand verlangst, bringe ich es dir!“ | Xue Pan senkte den Kopf und lächelte schweigend, Baochan lief rot an und ging hinaus. Als man sich zur Nachtruhe begab, jagte Jin Gui Xue Pan absichtlich fort und schickte ihn anderswo schlafen: »Damit mir deine gierigen Augen erspart bleiben!« Xue Pan lachte nur. |
| „Rede doch nicht so unverständig!“ hielt Djin-guee ihm vor und lächelte dabei ebenfalls. „Wenn du eine magst und sagst mir das, dann machen wir sie zu deiner Nebenfrau, damit es auch vor den Leuten seine Ordnung hat. Was habe ich denn dagegen?!“ | Jin Gui sagte: »Wenn du etwas willst, dann sag es mir offen, statt hinter meinem Rücken herumzuschleichen — das ist erbärmlich!« |
| Hsüä Pans Dankbarkeit für diese Zusage kannte keine Grenze, und in der Nacht erfüllte er alle Pflichten eines Ehemannes, um sich bei Djin-guee einzuschmeicheln. | Als Xue Pan das hörte, nutzte er den Mut, den der Wein ihm gab, kniete sich auf dem Bett nieder, ergriff Jin Guis Hand und sagte lachend: »Liebe Schwester, wenn du mir Baochan schenkst, dann kannst du mit mir machen, was du willst. Du willst meinen Kopf? Ich bringe ihn dir!« |
| Am folgenden Tag ging Hsüä Pan nicht aus. Statt dessen vertrödelte er zu Hause seine Zeit und zerstreute dabei seine letzten Bedenken. Am Nachmittag ging dann Djin-guee absichtlich hinaus, damit es die beiden bequem hatten, und Hsüä Pan begann, sich an Bau-tschan heranzumachen. Bau-tschan durchschaute zu acht, neun Zehnteln, was hier gespielt wurde, deshalb verhielt sie sich halb abweisend, halb nachgiebig, und es war augenscheinlich, daß die beiden sich bald einig sein würden. | Jin Gui sagte lachend: »Was für ein Unsinn! Wenn du jemanden begehrst, dann sag es offen und nimm sie als Nebenfrau auf, damit die Leute nichts Ungebührliches sehen müssen. Was sollte ich mir davon wünschen?« |
| Dabei ahnten sie freilich nicht, daß Djin-guee absichtlich wartete, bis zu vermuten war, daß sie fest genug miteinander verstrickt waren, um dann ihr Sklavenmädchen Hsiau-schë zu sich zu rufen. Diese Hsiau-schë hatte von klein auf bei Djin-guee gedient, und Hsiau-schë – „Kleine Verlassene“ – wurde sie deshalb von allen genannt, weil sie schon als Kleinkind beide Eltern verloren hatte und auch sonst niemanden besaß, der sich um sie hätte kümmern können. Sie wurde stets nur für grobe Arbeiten eingesetzt, jetzt aber befahl Djin-guee mit Vorbedacht gerade sie zu sich, um ihr aufzutragen: „Geh und sag Tjiu-ling, sie solle mein Taschentuch aus meinem Zimmer holen! Aber du mußt ihr nicht sagen, daß ich es befohlen habe!“ | Als Xue Pan das hörte, war er überglücklich, dankte ihr überschwänglich und ließ in dieser Nacht nichts an ehelicher Zuneigung vermissen, um Jin Gui zufriedenzustellen. Am nächsten Tag ging er nicht einmal aus dem Haus, blieb den ganzen Tag daheim und wurde immer dreister. |
| Sofort begab sich Hsiau-schë zu Hsiang-ling und sagte: „Fräulein Tjiu-ling! Die junge Herrin hat ihr Taschentuch im Zimmer liegengelassen. Wäre es nicht gut, es ihr zu bringen?“ | Am Nachmittag ging Jin Gui absichtlich fort, um den beiden Gelegenheit zu geben. Xue Pan begann sogleich, Baochan zu bedrängen. Baochan wusste im Grunde, worum es ging, und leistete nur halbherzigen Widerstand. Gerade als sie sich vereinigen wollten, erschien — denn Jin Gui hatte absichtlich gewartet und den günstigsten Moment abgepasst — die kleine Zofe Xiao She'er [小舍儿]. |
| Hsiang-ling war in der letzten Zeit von Djin-guee immer wieder schlecht behandelt worden, ohne zu wissen warum, und bemühte sich auf jede Weise, ihr Wohlwollen zurückzugewinnen. Deshalb ging sie, kaum daß sie diese Aufforderung gehört hatte, um das Taschentuch zu holen, und platzte so unvermutet ins Zimmer, als Bau-tschan eben an der Grenze zwischen Abwehr und Nachgeben war. Der Anblick ließ Hsiang-ling bis über beide Ohren erröten, und sie machte sofort kehrt, um das Weite zu suchen. | Diese kleine Zofe war bei Jin Gui aufgewachsen und diente ihr seit ihrer Kindheit. Da sie früh beide Eltern verloren hatte und es niemanden gab, der sich um sie kümmerte, nannten sie alle nur »Kleine Waise«, und sie verrichtete die gröbsten Arbeiten. Jin Gui ließ sie jetzt eigens kommen und befahl ihr: »Geh zu Qiuling [Duftlinse] und sage ihr, sie solle aus meinem Zimmer mein Taschentuch holen. Sag nicht, dass ich dich geschickt habe.« |
| Hsüä Pan war der Meinung gewesen, er könne ganz offen handeln, und hatte deshalb außer vor Djin-guee vor niemandem Angst. So hatte er nicht einmal die Tür geschlossen. Als Hsiang-ling jetzt hereinstürzte, war ihm das wohl ein wenig peinlich, aber er schenkte der Störung keine große Beachtung. Nicht so Bau-tschan, die sich immer gebrüstet hatte und sich stets vor allen hervortun wollte. Als sie plötzlich Hsiang-ling erblickte, wäre sie vor Scham am liebsten im Boden versunken. Rasch stieß sie Hsüä Pan beiseite und lief hinaus, wobei sie lauthals schimpfte und schrie, er habe ihr Gewalt antun wollen. | Die Kleine ging und fand Duftlinse: »Schwester Ling, die gnädige Frau hat ihr Taschentuch im Zimmer vergessen. Wenn du es ihr holst und hinbringst, wäre das doch nett.« |
| Als Hsüä Pan, den es so viel Mühe gekostet hatte, Bau-tschan zu umgarnen, sehen mußte, wie Hsiang-ling ihm alles kaputt machte, als er sich schon am Ziel seiner Wünsche glaubte, schlug seine Hochstimmung in Wut um, und die entlud sich gegen Hsiang-ling. Er stürzte hinaus, spuckte sie an, ohne sich auf Erörterungen einzulassen, und schimpfte: „Verfluchte Hure! Mußtest du deinen Kadaver ausgerechnet jetzt hier sehen lassen?“ | Duftlinse hatte in letzter Zeit ständig unter Jin Guis Schikanen zu leiden, ohne zu begreifen warum, und tat alles, um sich bei ihr beliebt zu machen. Als sie das hörte, eilte sie sofort ins Zimmer, um das Taschentuch zu holen. Ahnungslos platzte sie just in dem Moment hinein, als sich die beiden in inniger Umarmung befanden. Vor Scham lief sie rot an bis über die Ohren und wandte sich hastig zum Rückzug. |
| Hsiang-ling, die sich denken konnte, daß hier nichts Gutes auf sie wartete, brachte sich schleunigst in Sicherheit. Nun suchte Hsüä Pan nach Bau-tschan, aber sie war spurlos verschwunden, und so schimpfte er wütend auf Hsiang-ling. | Xue Pan meinte, die Sache sei bereits offiziell genehmigt, und außer Jin Gui habe er niemanden zu fürchten, deshalb hatte er nicht einmal die Tür geschlossen. Als er Duftlinse sah, empfand er zwar eine leichte Verlegenheit, maß der Sache aber keine große Bedeutung bei. Baochan hingegen, die stets großmäulig und auf ihren Ruf bedacht war, hätte sich vor Duftlinse am liebsten in den Erdboden versenkt. Rasch stieß sie Xue Pan von sich und rannte davon, wobei sie noch unaufhörlich schimpfte und behauptete, er habe sie vergewaltigt. |
| Als sich Hsüä Pan dann nach dem Abendessen, als er schon tüchtig berauscht war, waschen wollte und das Wasser ein wenig zu heiß fand, so daß er sich den Fuß darin vebrühte, behauptete er, Hsiang-ling habe ihm absichtlich etwas antun wollen, und nackt, wie er war, stürzte er zu ihr und versetzte ihr ein paar Fußtritte. | Xue Pan hatte mühsam so weit umworben und war kurz vor dem Ziel gewesen, doch nun hatte Duftlinse alles verdorben. Seine ganze Leidenschaft verwandelte sich in Zorn, und der richtete sich gegen Duftlinse. Ohne ein Wort der Erklärung zuzulassen, lief er ihr nach, spuckte sie zweimal an und schimpfte: »Verfluchtes Luder, was schleichst du hier herum wie ein Gespenst!« |
| Hsiang-ling hatte noch niemals Hsüä Pans Zorn auf diese Weise zu spüren bekommen. Dennoch wagte sie nichts zu sagen, klagte nur still für sich und hielt sich abseits. | Duftlinse ahnte Unheil, und mit zwei, drei Sätzen war sie davongelaufen. Xue Pan suchte dann nach Baochan, doch die war spurlos verschwunden, und so schimpfte er nur noch auf Duftlinse. Am Abend nach dem Essen, schon recht betrunken, verbrühte er sich beim Baden den Fuß, weil das Wasser etwas zu heiß war. Sofort behauptete er, Duftlinse habe ihn absichtlich verletzen wollen, jagte sie splitternackt durch die Räume und trat und schlug ein paarmal auf sie ein. Duftlinse hatte niemals zuvor solches Unrecht erlitten, aber die Lage erlaubte ihr keine Gegenwehr. Sie konnte nur still für sich weinen und klagen und sich davonmachen. |
| Währenddessen hatte Djin-guee mit Bau-tschan abgesprochen, diese solle heute nacht mit Hsüä Pan in Hsiang-lings Zimmer schlafen und sich ihm hingeben, während Hsiang-ling bei Djin-guee schlafen sollte. Als Hsiang-ling anfangs nicht wollte, fragte Djin-guee, ob sie vielleicht meine, daß es bei ihr zu schmutzig sei oder ob sie sich eine ruhige Nacht verschaffen und ihr deshalb nicht aufwarten wolle. Dann aber schimpfte sie: „Dein Trottel von Herr verliebt sich in jede, die er zu sehen bekommt. Meine Magd nimmt er mir weg, aber dich schickt er auch nicht zu mir. Was soll das heißen? Will er mich umkommen lassen?“ | Inzwischen hatte Jin Gui heimlich mit Baochan vereinbart, dass Xue Pan in dieser Nacht in Duftlinses Zimmer mit Baochan die Ehe vollziehen solle, während Duftlinse herüberkommen und bei ihr schlafen müsse. Zunächst weigerte sich Duftlinse, worauf Jin Gui ihr vorwarf, sie halte sich für zu fein dafür; dann sagte sie, Duftlinse wolle nur ihre Ruhe und scheue den nächtlichen Dienst. Schließlich schimpfte sie: »Dieser Herr ohne Anstand, der sich in jede verguckt, hat mir meine Leute weggenommen und dich nicht einmal herbestellt. Was hat er eigentlich vor? Mich in den Tod treiben, nicht wahr?« |
| Als Hsüä Pan das hörte, bekam er Angst, aus der Sache mit Bau-tschan könnte wieder nichts werden, darum kam er schnell herüber und schimpfte Hsiang-ling aus: „Du weißt wohl gar keine Gunst zu schätzen? Wenn du jetzt nicht gehst, setzt es Schläge!“ | Als Xue Pan das hörte und fürchtete, die Sache mit Baochan könnte noch platzen, rannte er herbei und beschimpfte Duftlinse ebenfalls: »Undankbares Geschöpf! Wenn du nicht sofort gehst, bekommst du Prügel!« |
| So konnte Hsiang-ling nicht umhin, ihr Bettzeug zu holen. Auf Befehl von Djin-guee sollte sie sich ihr Lager auf dem Fußboden bereiten. Wieder bleib Hsiang-ling nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Und kaum hatte sie sich hingelegt, verlangte Djin-guee nach Tee, eine Weile später ließ sie sich die Beine klopfen. So hatte sie in dieser Nacht nicht weniger als sieben oder acht Aufträge für Hsiang-ling und ließ sie keinen Augenblick zur Ruhe kommen. | Duftlinse blieb nichts anderes übrig, als ihre Bettdecke zu nehmen und hinüberzugehen. Jin Gui ließ sie auf dem Fußboden schlafen. Duftlinse fügte sich. Kaum hatte sie sich hingelegt, rief Jin Gui nach Tee; kurz darauf wollte sie sich die Beine kneten lassen. So ging es die ganze Nacht sieben- oder achtmal, ohne dass Duftlinse auch nur ein einziges Mal in Ruhe liegen konnte. |
| Hsüä Pan indes schien mit Bau-tschan ein wahres Juwel gewonnen zu haben und hatte für nichts anderes mehr Augen als für sie. Insgeheim schimpfte Djin-guee deshalb ärgerlich: „Vergnüg dich nur ein paar Tage, aber mach mir keine Vorwürfe, wenn ich nach und nach meine Mittelchen anwende!“ Und sie verbarg ihren Zorn und suchte zuerst nach Wegen, um mit Hsiang-ling fertig zu werden. | Xue Pan seinerseits, der nun Baochan besaß wie einen kostbaren Schatz, kümmerte sich um nichts anderes mehr. Jin Gui aber schwor im Stillen voller Hass: »Lass dich nur ein paar Tage vergnügen — wenn ich dann alles eingefädelt habe, kannst du mir nichts mehr vorwerfen!« Einerseits hielt sie an sich, andererseits schmiedete sie Pläne gegen Duftlinse. |
| Einen halben Monat später stellte sie sich wieder einmal krank und behauptete, das Herz tue ihr unerträglich weh und sie könne kein einziges Glied rühren. Ein Arzt wurde gerufen, doch seine Behandlung blieb ohne Erfolg, und alle sagten, der Ärger mit Hsiang-ling müsse das Leiden bewirkt haben. Aber zwei Tage später fiel plötzlich eine Papierfigur aus Djin-guees Kopfkissen, auf der die acht Schriftzeichen für Jahr, Monat, Tag und Stunde ihrer Geburt geschrieben standen und in der fünf Nadeln steckten – je eine in der Herzgegend und in den Gelenken der vier Gliedmaßen. | Nach etwa einem halben Monat stellte sie sich plötzlich wieder krank und klagte über unerträgliche Herzschmerzen und Lähmung in allen vier Gliedmaßen. Der herbeigerufene Arzt konnte nichts ausrichten, und alle sagten, Duftlinse habe sie so weit gebracht. |
| Sofort erhob sich ein Tumult im Hause, jeder sah es als Sensation an, und als Erstes wurde Tante Hsüä davon Meldung gemacht. Tante Hsüä wußte vor Aufregung weder aus noch ein, und Hsüä Pan gebärdete sich natürlich erst recht wie toll und wollte sofort das ganze Gesinde auf der Folter verhören. Aber Djin-guee fragte ihn lächelnd: „Warum sollen Unschuldige leiden, wenn es doch wahrscheinlich die Hexenkünste von Bau-tschan sind?“ | Nach zwei Tagen des Getöses schüttelte man plötzlich aus Jin Guis Kopfkissen eine Papierpuppe heraus, auf der Jin Guis Geburtsdaten geschrieben waren. Fünf Nadeln steckten in der Herzgrube und in den Gelenken der vier Gliedmaßen. Daraufhin gerieten alle in Aufruhr, und sofort wurde Tante Schnee [薛姨妈] benachrichtigt. Tante Schnee geriet ganz außer sich, Xue Pan erst recht — er wollte augenblicklich alle foltern lassen. |
| „Bau-tschan hatte in den letzten Tagen kaum Gelegenheit, sich in deinem Zimmer aufzuhalten“, erwiderte Hsüä Pan. „Warum verdächtigst du einen guten Menschen?“ | Jin Gui sagte lachend: »Warum Unschuldige beschuldigen? Es wird wohl Baochans Schadenzauber sein.« |
| „Und wer soll es sonst gewesen sein?“ fragte Djin-guee mit verächtlicher Miene. „Ich selbst vielleicht? Zwar sind auch noch andere da, aber wer von ihnen würde sich in mein Zimmer wagen?“ | Xue Pan sagte: »Sie hatte in letzter Zeit kaum Gelegenheit, in dein Zimmer zu kommen. Warum einem Unschuldigen etwas anhängen?« |
| „Hsiang-ling war jetzt Tag für Tag mit dir zusammen und weiß bestimmt, wer es war“, sagte Hsüä Pan. „Ich werde zuerst sie mit Schlägen befragen, dann bekommen wir es heraus!“ | Jin Gui erwiderte mit kühlem Lächeln: »Wenn nicht sie, wer dann? Etwa ich selbst? Zwar gibt es noch andere, aber wer wagte es, in mein Zimmer zu kommen?« |
| „Wen du auch fragst, wer würde das zugeben?!“ sagte Djin-guee mit kühlem Lächeln. „Meiner Meinung nach sollten wir einfach so tun, als wüßten wir von nichts, und die Hände davon lassen. Was macht es denn schon, wenn mich jemand umbringt? Dir kann es ja nur recht sein, du nimmst dir dann eine bessere Frau. Wenn du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß ich euch allen dreien nur im Wege bin.“ Bei diesen Worten brach sie in bittere Tränen aus. | Xue Pan sagte: »Duftlinse ist jetzt Tag für Tag bei dir. Sie muss es wissen — befrage sie zuerst unter der Folter, dann wird sich alles klären.« |
| Hsüä Pan aber geriet durch diese Vorwürfe nur noch mehr in Wut. Er griff sich den Holzbalken, der dazu diente, das Tor zu verriegeln, stürzte damit los, bis er Hsiang-ling gefunden hatte, und ohne sich auf Erörterungen einzulassen, begann er, auf ihren Kopf und ihr Gesicht einzuschlagen. Dabei behauptete er, sie sei es gewesen, die den Anschlag in Szene gesetzt hatte. | Jin Gui sagte mit kühlem Lächeln: »Wen du auch foltern lässt, niemand wird es zugeben. Meiner Meinung nach sollten wir am besten so tun, als wüssten wir von nichts, und die Sache auf sich beruhen lassen. Ob ich daran sterbe, ist ja nicht weiter wichtig — ihr könnt euch ja dann eine Bessere nehmen. Wenn ich ehrlich bin: Es sind nur ihr drei, die mich, die eine, loswerden wollen.« Bei diesen Worten fing sie laut an zu weinen. |
| Als Hsiang-ling laut ihre Unschuld beteuerte, kam Tante Hsüä gelaufen und herrschte ihren Sohn an: „Wie kannst du sie schlagen, ohne die Sache vorher geklärt zu haben?! Das Mädchen hat dir jahrelang gedient und war in allen Dingen stets umsichtig und aufopferungsvoll. Wie würde sie es wagen, jetzt so eine schändliche Tat zu begehen?! Verschaff dir wenigstens Klarheit, ehe du anfängst, grob zu werden!“ | Xue Pan wurde durch diese Worte erst recht in Rage versetzt, griff nach einem Türriegel und stürmte auf Duftlinse zu. Ohne sie zu Wort kommen zu lassen, prügelte er blindlings auf ihren Kopf und ihr Gesicht ein und behauptete steif und fest, sie stecke dahinter. |
| Als Djin-guee hörte, was ihre Schwiegermutter sagte, befürchtete sie, Hsüä Pan könne sich davon beeinflussen lassen, darum heulte sie noch lauter und klagte: „Einen halben Monat lang hast du dir einfach meine Bau-tschan genommen und sie nicht mehr zu mir gelassen. Nur Tjiu-ling hast du mir für die Nacht geschickt. Als ich Bau-tschan verhören wollte, hast du sie mit aller Gewalt in Schutz genommen, jetzt wieder schlägst du vor lauter Wut auf Tjiu-ling ein. Bring mich doch um und such dir eine hübsche Frau aus vornehmer, reicher Familie, und damit ist die Sache erledigt. Wozu erst noch diese faulen Tricks?“ | Duftlinse schrie, sie sei unschuldig. Tante Schnee eilte herbei und fuhr Xue Pan an: »Erst einmal nachfragen und dann schlagen! Dieses Mädchen hat dir jahrelang gedient — wann hat sie je nachlässig oder untreu gewesen? Wie könnte sie jetzt so etwas Gewissenloses tun! Frage erst einmal nach, was Sache ist, bevor du zuschlägst!« |
| Hsüä Pan kam bei diesen Worten erst recht in Rage, Tante Hsüä aber merkte, wie Djin-guee mit jedem Satz darauf abzielte, sich Hsüä Pan gefügig zu machen, und das auf die boshafteste und widerlichste Weise. Nur hatte ihr Sohn leider gar kein Rückgrat und war es schon gewöhnt, sich am Gängelband führen zu lassen. Jetzt hatte er auch noch das Sklavenmädchen verführt, so daß seine Frau ihm vorwerfen konnte, er habe sie ihr weggenommen, während sie selbst sich als sanfte, nachgiebige Gattin hinstellen konnte. Wer da versucht hatte, Djin-guee zu behexen, konnte Tante Hsüä natürlich nicht wissen, und so traf hier wirklich zu, was der Volksmund sagt: „Selbst der ehrlichste Richter vermag in Familienangelegenheiten kein Urteil zu fällen“, wenn man hier auch besser sagen konnte: „Die Schwiegereltern können kein Urteil darüber fällen, was hinter den Bettvorhängen eines jungen Paares vorgeht.“ | Als Jin Gui hörte, dass ihre Schwiegermutter so sprach, fürchtete sie, Xue Pan könnte weich werden, und heulte noch lauter. Zugleich schrie sie schluchzend: »Einen halben Monat hat er mir meine Baochan weggenommen und sie nicht in mein Zimmer gelassen, nur Qiuling [Duftlinse] schläft bei mir. Wenn ich Baochan befragen will, stellst du dich schützend vor sie. Und jetzt schlägst du aus Wut auf sie los. Bringt mich doch um und nehmt euch eine Reichere und Hübschere, wozu diese Scherereien!« |
| So konnte Tante Hsüä weiter nichts tun, als wütend auf ihren Sohn zu schimpfen: „Du stumpfer Lümmel, du Strafe für meine Sünden! Ein geiler Hund benimmt sich noch anständiger als du. Wie kannst du dich einfach an eine Magd heranmachen, die von deiner Frau mit in die Ehe gebracht wurde, so daß sie dir vorwerfen kann, du hättest sie ihr mit Gewalt weggenommen? Wie willst du den Leuten jetzt ins Gesicht sehen? Und ohne zu klären, wer die Hexerei ins Werk gesetzt hat, fängst du einfach an zu prügeln. | Durch diese Worte wurde Xue Pan noch aufgeregter. Tante Schnee wiederum hörte Jin Guis Worte, die den Sohn Satz für Satz manipulierten und in der boshaftesten Weise beschuldigten, und war zutiefst empört. Aber ihr Sohn war nun einmal kein Mann von Rückgrat und ließ sich von seiner Frau am Gängelband führen. Dazu hatte er sich auch noch mit der Zofe eingelassen und wurde von der Ehefrau beschuldigt, er habe Baochan »an sich gerissen« — während Jin Gui sich selbst als die nachgiebige, großzügige Gattin darstellte. Was den Schadenzauber betraf, so wusste wahrhaftig niemand, wer ihn verübt hatte. Es war, wie das Sprichwort sagt: »Selbst ein weiser Richter kann häusliche Streitigkeiten nicht schlichten«, und hier konnte man ergänzen: Auch Schwiegereltern können die Angelegenheiten im Schlafgemach nicht beurteilen. |
| Ich weiß, du bist ein ehrloser Wicht, der über dem Neuen das Alte vergißt, und schön hast du mir da vergolten, was ich seinerzeit für dich tat! Auch wenn sie wirklich nichts taugt, hast du sie noch lange nicht zu schlagen. Eher will ich einen Mädchenhändler rufen und sie verkaufen, dann wirst du wohl Ruhe geben.“ Und schon befahl sie Hsiang-ling: „Pack deine Sachen und komm mit!“ | So blieb Tante Schnee nichts anderes übrig, als wütend auf Xue Pan zu schimpfen: »Du nichtsnutziger Taugenichts! Selbst ein räudiger Hund hat mehr Anstand als du! Klammheimlich hast du dich an die mitgebrachte Zofe herangemacht, und deine Frau kann dir vorwerfen, du habest das Mädchen an dich gerissen — wie willst du dich so noch unter die Leute wagen? Niemand weiß, wer den Zauber angestellt hat, und du schlägst drauflos, ohne Fragen zu stellen! Ich weiß, du bist einer von denen, die das Neue lieben und das Alte wegwerfen, und du setzt all meine guten Absichten von damals aufs Spiel. Wenn sie nicht mehr gut genug ist, darfst du sie trotzdem nicht schlagen. Ich rufe sofort einen Menschenhändler und lasse sie verkaufen, dann hast du deine Ruhe!« Dann befahl sie Duftlinse: »Pack deine Sachen und komm mit mir!« Gleichzeitig schickte sie jemanden los: »Holt schnell einen Menschenhändler her! Ob viel oder wenig Silber — verkauft sie, dann ist der Dorn aus dem Fleisch und der Splitter aus dem Auge, und wir haben alle unseren Frieden!« |
| Im nächsten Augenblick gab sie jemandem noch den Auftrag: „Geh und bring mir einen Mädchenhändler! Wir werden sie für ein paar Liang Silber verkaufen, damit wir diesen Pfahl im Fleische, diesen Dorn im Auge loswerden und wieder friedliche Tage verleben können!“ | Als Xue Pan sah, dass seine Mutter in Zorn geraten war, senkte er demütig den Kopf. |
| Hsüä Pan hatte, als er merkte, wie zornig seine Mutter war, längst den Kopf gesenkt, Djin-guee aber rief weinend durchs Fenster hinaus: „Verkauft nur, wen Ihr wollt, aber sprecht nicht von der einen, um eine andere mit hineinzuziehen! Bin ich vielleicht so eifersüchtig, daß ich keine andere dulden will? Und was heißt hier ‚Pfahl im Fleische, Dorn im Auge‘? Für wen soll sie denn das sein? Wenn ich jede andere aus dem Wege haben wollte, hätte ich bestimmt nicht geduldet, daß er sich einfach meine Magd nimmt.“ | Jin Gui aber rief, als sie das hörte, durchs Fenster hinaus und weinte: »Nur zu, verkauft sie, Frau Mutter! Aber kommt mir nicht mit 'den einen meinen, den anderen treffen'. Sind wir etwa solche Eifersüchtigen, die niemanden neben sich dulden? Was soll das heißen, 'Dorn aus dem Fleisch, Splitter aus dem Auge'? Wer ist hier der Dorn und wer der Splitter? Wenn ich sie wirklich nicht leiden könnte, hätte ich dann zugelassen, dass man mir mein eigenes Mädchen wegnimmt?« |
| Diese Worte ließen Tante Hsüä vor Wut erzittern, und sie erwiderte: „In welcher Familie ist denn das der Brauch, daß die Schwiegermutter etwas sagt und die Schwiegertochter ihr durchs Fenster hindurch frech kommt? Du willst die Tochter einer altangesehenen Familie sein und schreist hier herum, ohne zu überlegen, was du überhaupt sagst!“ | Tante Schnee hörte das und zitterte vor Wut: »Wo gibt es so etwas? Die Schwiegermutter spricht, und die Schwiegertochter fährt ihr durchs Fenster in die Parade! Und das will ein Kind aus gutem Hause sein! Das ganze Haus zusammenzuschreien — was soll das!« |
| Vor Erregung stampfte jetzt Hsüä Pan mit dem Fuß auf den Boden und sagte: „Schluß jetzt, Schluß! Man wird uns auslachen, wenn man uns so hört!“ | Xue Pan stampfte verzweifelt mit dem Fuß: »Hört auf, hört auf! Die Leute hören alles und lachen sich tot!« |
| Aber Djin-guee dachte nicht daran aufzuhören. Sie wurde nur noch hysterischer und schrie: „Ich habe keine Angst, daß man mich auslacht! Dein Biest von Nebenfrau versucht, mich umzubringen, und ich soll Angst haben, daß man über mich lacht! Das beste wird sein, sie zu behalten und mich zu verkaufen. | Doch Jin Gui dachte sich: Wer A sagt, muss auch B sagen, und fing erst recht an zu toben und zu schreien: »Mir ist es gleich, ob die Leute lachen! Deine Nebenfrau setzt mir mit Zauberei zu, und ich soll mich vor dem Gelächter der Leute fürchten? Wenn es so nicht geht, dann behaltet sie und verkauft mich! Jeder weiß, dass die Familie Xue reich ist und bei jeder Gelegenheit mit Geld um sich wirft und ihre feinen Verwandten hat, um andere einzuschüchtern. Worauf wartet ihr noch? Wenn ich euch nicht gut genug bin — wer hat euch gezwungen, unter tausend Bitten und Beteuerungen zu uns zu kommen und um mich zu werben? Jetzt bin ich hier, das Gold und Silber der Mitgift ist übergeben, und wer nur halbwegs vorzeigbar aussieht, wird euch auch noch weggenommen — da ist es wohl an der Zeit, mich loszuwerden!« |
| Wer wüßte nicht, daß ihr Hsüäs das Geld habt, um immer und überall jeden unter Druck zu setzen, und daß ihr mächtige Verwandte habt, die jedem euren Willen aufzwingen können?! Worauf wartest du also noch, anstatt zu handeln? Und wenn ich dir nicht gut genug bin, warum mußtet ihr uns dann erst das Haus einrennen wie die Verrückten? Jetzt hast du mich bekommen, das Gold und Silber aus meiner Mitgift hast du auch eingesteckt, und meine Magd, die ein bißchen nach etwas aussieht, hast du dir auch noch geschnappt. Ist es da nicht Zeit, mich hinauszuwerfen?“ | Während sie so schrie und weinte, wälzte sie sich auf dem Boden und schlug sich selbst. Xue Pan war so aufgelöst, dass ihm alles gleich war — reden war falsch, beschwichtigen war falsch, schlagen war falsch, flehen war falsch. Er konnte nur noch seufzen und stöhnen und sich über sein Unglück beklagen. |
| So schrie sie unter Tränen, während sie sich zugleich hin und her wälzte und sich Schläge versetzte. Hsüä Pan wußte vor Aufregung nicht, ob er sie ausschimpfen oder ihr gut zureden, ob er sie schlagen oder anflehen sollte. Er lief nur seufzend hinaus und wieder hinein und beklagte sich über sein widriges Geschick. Tante Hsüä hatte sich inzwischen von Bau-tschai überreden lassen, sich in ihre Räume zurückzuziehen, verlangte aber nach wie vor, Hsiang-ling solle verkauft werden. | Inzwischen war Tante Schnee bereits von Schatzspange [薛宝钗] ins Haus zurückgeführt worden. Sie ließ Leute kommen, um Duftlinse zu verkaufen. Schatzspange aber sagte lachend: »In unserer Familie hat man immer nur Leute gekauft, nie verkauft. Mama, du bist wohl vor Wut ganz durcheinander geraten! Wenn das jemand hört, wäre es doch peinlich. Wenn Bruder und Schwägerin sie nicht mehr wollen, dann soll sie mir dienen — ich habe ohnehin zu wenig Leute.« |
| Lächelnd hielt Bau-tschai ihr vor: „Unsere Familie hat stets nur Leute gekauft, aber keine verkauft. Die Wut hat Euch denVerstand getrübt, Mutter. Wenn jemand davon hört, werden wir zum Gespött der Menge. Wenn mein Bruder und meine Schwägerin sie nicht mehr wollen, dann gebt sie mir zu meiner Bedienung, mir fehlt gerade jemand.“ | Tante Schnee sagte: »Wenn wir sie behalten, gibt es nur wieder Ärger. Besser, wir schicken sie fort und haben Ruhe.« |
| „Wenn wir sie behalten, gibt es nur neuen Ärger, darum ist es das beste, wir schicken sie weg, dann herrscht Ruhe“, wandte Tante Hsüä ein. | Schatzspange erwiderte lachend: »Wenn sie bei mir ist, ist es dasselbe. Sie darf eben nicht mehr nach vorne gehen. Von nun an ist die Verbindung dorthin abgebrochen, und es ist, als wäre sie verkauft worden.« |
| „Wenn sie bei mir bleibt, ist es doch ganz dasselbe“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Auf keinen Fall lasse ich sie nach vorn gehen, und wenn sie voneinander getrennt sind, wird es genauso sein, als ob wir sie verkauft hätten.“ | Duftlinse war längst zu Tante Schnee gelaufen, weinte bitterlich und flehte, sie nicht wegzuschicken — lieber wolle sie dem Fräulein folgen. Und so ließ Tante Schnee es dabei bewenden. |
| Inzwischen war auch Hsiang-ling längst zu Tante Hsüä gelaufen gekommen und bat unter Tränen, man solle sie nicht fortschicken, sie wolle von Herzen gern dem jungen Fräulein dienen. So blieb Tante Hsüä keine andere Wahl, als nachzugeben. | Von diesem Tag an blieb Duftlinse wirklich bei Schatzspange und brach jeden Kontakt nach vorne ab. Doch es verging keine Nacht, in der sie nicht traurig zum Mond aufblickte und beim Lampenlicht über ihr Schicksal klagte. Sie war von jeher von schwächlicher Konstitution, und obwohl sie mehrere Jahre in Xue Pans Gemach verbracht hatte, war sie aufgrund einer Erkrankung des Blutes nie schwanger geworden. Jetzt kamen noch Zorn, Gram und Erniedrigung von innen und außen hinzu, und schließlich entwickelte sich bei ihr die Krankheit des ausgetrockneten Blutes [干血之症]: Tag für Tag wurde sie hagerer, sie fieberte, hatte keinen Appetit mehr, und die Medikamente, die der Arzt verschrieb, zeigten keinerlei Wirkung. |
| Von nun an diente Hsiang-ling tatsächlich in Bau-tschais Gefolge und schlug sich den Weg in die vorderen Gemächer gründlich aus dem Sinn. Dennoch klagte sie natürlich dem Mond ihren Kummer und seufzte im Lampenschein. Sie war schon immer schwächlich, und obwohl sie mehrere Jahre lang mit Hsüä Pan zusammengelebt hatte, war sie doch auf Grund einer gestörten Regel niemals schwanger geworden. Als jetzt noch Wut und Ärger hinzukamen, war sie diesen Qualen innerlich wie äußerlich nicht gewachsen und zog sich eine Auszehrung mit völligem Ausbleiben der Regel zu. Von Tag zu Tag magerte sie mehr ab, dabei fieberte sie und mochte weder essen noch trinken. Ärzte wurden gerufen, um sie zu untersuchen, aber die Medikamente, die sie ihr verschrieben, bewirkten nichts. | In der Zwischenzeit machte Jin Gui noch mehrmals Skandal, so dass Tante Schnee und ihre Tochter nur noch im Stillen Tränen vergossen und das Schicksal verwünschten. Xue Pan hatte zwar zwei- oder dreimal im Weinmut Anlauf genommen, den Knüppel erhoben und zuschlagen wollen, doch Jin Gui bot ihm jedes Mal ihren Leib dar und sagte: »Schlag zu, soviel du willst!« Und wenn er nach dem Messer griff und drohte, sie zu töten, reckte sie ihm den Hals hin. Xue Pan konnte es natürlich nicht über sich bringen, ihr etwas anzutun, und so blieb es bei lautem Geschrei und Getöse. Inzwischen war er an dieses Treiben so gewöhnt, dass Jin Guis Übermut nur noch wuchs und Xue Pans Rückgrat nur noch weicher wurde. |
| Inzwischen hatte Djin-guee noch ein paarmal einen Krawall verursacht und Tante Hsüä wie auch Bau-tschai damit so in Zorn gebracht, daß sie im Verborgenen weinten und ihr Schicksal beklagten. Hsüä Pan hatte zwar, ermutigt vom Wein, noch mehrmals versucht, Djin-guee mit Härte entgegenzutreten, aber wenn er nach einem Stock griff, um sie zu schlagen, bot sie ihm ihren Leib dar, und forderte ihn auf, er solle nur zuschlagen, und wenn er ein Messer packte, um sie zu erstechen, streckte sie ihm den Hals entgegen. Dann brachte Hsüä Pan es nicht fertig, ihr wirklich etwas zu tun, wütete nur eine Weile und gab sich dann geschlagen. In dem Maße, wie dies durch mehrfache Wiederholung zur Selbstverständlichkeit wurde, wuchs Djin-guees Hochmut, während Hsüä Pan mehr und mehr zum Waschlappen wurde. Hsiang-ling war wohl noch da, aber es war so, als gäbe es sie gar nicht. Und wenn Djin-guee deshalb auch nicht ganz unbesorgt sein konnte, kümmerte sie sich doch einstweilen nicht um sie, weil sie ihr ja nicht mehr unter die Augen kam. Statt dessen ging sie allmählich dazu über, sich Bau-tschan vorzunehmen. Aber Bau-tschan war ein anderer Charakter als Hsiang-ling, sie war ganz wie trockenes Reisig, das im Nu aufflammt. Und da sie mit Hsüä Pan ein Herz und eine Seele war, schien Djin-guee für sie nicht mehr zu existieren. Als sie jetzt sah, daß Djin-guee sie zu drangsalieren suchte, war sie nicht gewillt, auch nur im mindesten nachzugeben. |
Zwar lebte Duftlinse noch im Haus, doch es war, als gäbe es sie nicht mehr. Auch wenn Jin Gui nicht völlig zufrieden war, störte Duftlinse sie zumindest nicht mehr, und so ließ sie vorläufig von ihr ab. Stattdessen nahm sie sich nun schrittweise Baochan vor. Baochan jedoch war von ganz anderem Temperament als Duftlinse — ein wahres Pulverfass. Nachdem sie mit Xue Pan zusammengekommen war, hatte sie Jin Gui kurzerhand vergessen. Als Jin Gui anfing, sie zu drangsalieren, wollte sie sich nicht im Geringsten unterordnen. Erst kam es zu Wortgefechten, dann, als Jin Gui in Rage geriet, zu Beschimpfungen, und schließlich zu Handgreiflichkeiten. Baochan wagte zwar nicht, zurückzuschlagen oder zu widersprechen, aber sie spielte die große Szene: Sie warf sich auf den Boden, wälzte sich herum, drohte mit Selbstmord — tagsüber mit Messer und Schere, nachts mit dem Strick, und machte bei jeder Gelegenheit einen Aufstand. |
| Zuerst zankte sie zurück, wie es ihr gerade in den Sinn kam, und wenn Djin-guee dann richtig in Fahrt geriet und fluchte und schlug, wagte sie zwar nicht, es ihr mit gleicher Münze heimzuzahlen, aber sie benahm sich völlig hysterisch und machte Anstalten, sich umzubringen – am Tage mit Messer oder Schere, bei Nacht mit Strick oder Schnur. Hsüä Pan, der es nicht beiden zugleich recht machen konnte, stand dann unschlüssig zwischen ihnen, und wenn sie es gar zu wild trieben, lief er davon und suchte draußen im Anbau Zuflucht. | Xue Pan konnte es unmöglich beiden recht machen, schwankte hilflos zwischen den beiden hin und her, und wenn der Lärm gar zu schlimm wurde, flüchtete er aus dem Haus und versteckte sich im Außenquartier. Wenn Jin Gui gerade keinen Wutanfall hatte und guter Laune war, trommelte sie Leute zum Kartenspiel und Würfeln zusammen. Ihre größte Leidenschaft war das Abnagen von Knochen: Jeden Tag mussten Hühner und Enten geschlachtet werden, das Fleisch wurde den Dienern gegeben, und sie selbst aß einzig und allein in Fett knusprig gebackene Knochen zu ihrem Wein. Wenn sie schlechte Laune bekam oder das Essen sie langweilte, schimpfte sie wild drauflos: »Andere Nichtsnutze und Huren amüsieren sich prächtig, warum soll ich es nicht?« |
| Wenn Djin-guee einmal nicht ihre Launen hatte und gelegentlich in guter Stimmung war, sammelte sie die Sklavinnen um sich und spielte mit ihnen Karten oder Würfel, um sich die Zeit zu vertreiben. Außerdem hatte sie seit jeher größte Freude daran, Knochen abzunagen, und so ließ sie Tag für Tag Hühner und Enten schlachten, gab das Fleisch anderen und knabberte scharf gebratene Knochen zum Wein. Wenn sie es über hatte oder sich ärgerte, begann sie wüst zu schimpfen und sagte: „Wenn sich Nutten und Hurenböcke vergnügen können, warum soll ich dann nicht vergnügt sein dürfen?!“ | Tante Schnee und ihre Tochter ließen sie einfach gewähren. Xue Pan hatte auch kein Mittel dagegen und bereute nur Tag und Nacht, diesen Unruhestifter geheiratet zu haben. Es fehlte ihm schlichtweg an einem Plan. In beiden Häusern, dem Ning- und dem Rong-Anwesen, wusste von hoch bis niedrig jedermann davon, und es gab niemanden, der nicht seufzte. |
| Von Tante Hsüä und Bau-tschai wurde Djin-guee jetzt völlig ignoriert, Hsüä Pan aber bereute nur Tag und Nacht, daß er so einen Zankteufel zur Frau genommen hatte, und wußte sich nicht zu helfen. Unter den Bewohnern des Ning-guo- und des Jung-guo-Anwesens gab es dann niemanden, hoch oder niedrig, der nicht davon gewußt und nicht darüber geseufzt hätte. | Zu dieser Zeit hatte Schatzjade [贾宝玉] seine hundert Tage hinter sich und durfte wieder ausgehen. Auch er hatte Jin Gui besucht und festgestellt: »Ihr Äußeres und ihr Benehmen sind gar nicht abstoßend, sie sieht aus wie eine frische Blume und eine zarte Weide, den anderen Schwestern durchaus ebenbürtig — wie kann sie nur ein solches Wesen haben? Das ist in höchstem Grade verwunderlich.« Das gab ihm sehr zu denken. |
| Inzwischen waren die einhundert Tage um, während derer Bau-yü das Haus nicht verlassen durfte, und er ging wieder aus. Auch Djin-guee ging er sich ansehen und stellte dann verwundert fest: „In Aussehen oder Verhalten hat sie nichts Seltsames an sich. Sie gleicht nicht weniger einer frischen Blume oder einer zarten Weide als meine Schwestern und Kusinen, wie kommt sie also zu so einem Charakter? Das ist wirklich mehr als erstaunlich!“ | Als er an diesem Tag Frau Wang [王夫人] seinen Morgengruß entbot, traf er gerade Yingchuns [迎春] Amme, die zu Besuch gekommen war und von Sun Shaozus [孙绍祖] unwürdigem Betragen berichtete: »Das Fräulein weint nur noch heimlich für sich und wünscht sich nichts sehnlicher, als ein paar Tage nach Hause zu kommen, um sich zu erholen.« |
| Eines Tages, als er zu Dame Wang ging, um ihr seinen Gruß zu entbieten, traf er dort eine von Ying-tschuns alten Ammen an, die auf Besuch gekommen war und nun berichtete, Sun Schau-dsu sei ein ganz und gar unwürdiger Mensch. „Das Fräulein weint in einem fort im Verborgenen und sehnt sich nur danach, ein paar Tage nach Hause geholt zu werden, um einmal auszuspannen“, sagte sie. | Frau Wang sagte: »Ich wollte sie in den letzten Tagen ohnehin abholen lassen, aber bei all den Widrigkeiten habe ich es vergessen. Neulich war Schatzjade dort und hat mir bei seiner Rückkehr auch davon erzählt. Morgen ist ein günstiger Tag, dann lassen wir sie holen.« |
| „Ich wollte sie dieser Tage schon holen lassen“, erwiderte Dame Wang darauf. „Doch weil ich allerlei Unannehmlichkeiten hatte, vergaß ich es wieder. Als Bau-yü neulich dort war, hat er dasselbe erzählt. Morgen ist ein günstiger Tag, da werde ich sie holen lassen.“ | Gerade als sie das besprachen, schickte die Herzoginmutter [贾母] jemanden, um Schatzjade zu suchen, mit der Nachricht: »Morgen in aller Frühe zum Tianqi-Tempel [天齐庙], um ein Gelübde einzulösen.« |
| Als sie das eben sagte, erschien eine Botin der Herzoginmutter, die Bau-yü suchte, um ihm zu bestellen: „Morgen in aller Frühe wirst du in den Tempel des Himmelgleichen fahren, um deinen Dank für die erhörten Gebete zu bekunden.“ | Schatzjade konnte es ohnehin kaum erwarten, endlich wieder einmal auszugehen. Als er das hörte, war er so aufgeregt, dass er die ganze Nacht kein Auge zumachte und sehnsüchtig auf den Morgen wartete. |
| Bau-yü, der nach Spaziergängen und Ausflügen förmlich lechzte, freute sich so über die Nachricht, daß er die ganze Nacht kein Auge zutat und nur darauf lauerte, daß es endlich hell würde. | Am nächsten Tag in aller Frühe, nachdem er sich gewaschen, frisiert und angekleidet hatte, fuhr er mit zwei oder drei alten Ammen im Wagen zum Tianqi-Tempel vor dem westlichen Stadttor, um Räucherstäbchen zu verbrennen und sein Gelübde einzulösen. Im Tempel war bereits seit dem Vortag alles vorbereitet worden. |
| Nachdem er sich am frühen Morgen gewaschen und angekleidet hatte, stieg er in Begleitung einiger alter Ammen in den Wagen und fuhr zum westlichen Stadttor hinaus zum Tempel des Himmelgleichen, um dort zum Zeichen der Dankbarkeit Weihrauch abzubrennen. Im Tempel war schon am Tag zuvor alles dafür hergerichtet worden. Bau-yü, der von Natur aus ein furchtsames Gemüt hatte, wagte sich an die grausigen Statuen der Götter und Dämonen nicht nahe heran. | Schatzjade war von Natur aus furchtsam und scheute die finsteren Statuen von Göttern und Dämonen. Dieser Tianqi-Tempel war in einer früheren Dynastie erbaut worden und einst von gewaltiger Pracht gewesen. Inzwischen jedoch war er nach langen Jahren äußerst verfallen. Die Lehmstatuen im Inneren hatten allesamt ein furchteinflößendes Aussehen. Darum eilte Schatzjade durch die Zeremonie des Papierverbrennens und zog sich dann in den Ruheraum des klösterlichen Nebengebäudes zurück. |
| Der Tempel war schon unter der vorigen Dynastie errichtet worden und war von gewaltigen Ausmaßen, doch nach so vielen Jahren war er auch außerordentlich verwahrlost. Die Lehmskulpturen, die darin standen, waren überaus grauenerregend, und so brannte Bau-yü rasch das Opfergeld und die übrigen Gaben aus Papier ab, um sich dann in den Wohnhof der Mönche zurückzuziehen und dort auszuruhen. Nachdem er gegessen hatte, begleiteten ihn die alten Ammen und mit ihnen auch Li Guee und die übrigen auf einem Streifzug durch das Tempelgelände. Doch da Bau-yü sich müde fühlte, kehrte er wieder in die Gästezelle zurück. Die alten Ammen, die befürchteten, er könnte einschlafen, ließen Alt Wang, den Tempelvorsteher, bitten, er möge Bau-yü Gesellschaft leisten und ihn unterhalten. | Nachdem er dort zu Mittag gegessen hatte, streiften die alten Ammen und Li Gui [李贵, Schatzjades Diener] mit ihm eine Weile umher, um sich zu zerstreuen. Dann wurde Schatzjade müde und kehrte in das stille Zimmer zurück, um sich auszuruhen. Die alten Ammen fürchteten, er könnte einschlafen, und baten den Vorsteher des Tempels, den alten Daoisten Wang, herein, um ihm Gesellschaft zu leisten. |
| Die Spezialität dieses alten Dauistenpriesters war früher einmal die, im ganzen Land als Medikamentenhändler umherzuziehen, die Leute mit seinen Wundermitteln zu behandeln und dafür ein schönes Stück Geld einzustreichen. Auch jetzt hing vor dem Tempel ein Aushängeschild, hier seien alle Arten von Arzneikugeln, Pulvern, Salben und Pillen vorrätig. Im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen, wo Alt Wang seit langem ein- und ausging, hatte er den Spitznamen „Ein-Pflaster-Wang“ bekommen, womit gemeint war, seine Salben seien so wirksam, daß er mit einem Pflaster hundert Krankheiten zugleich austreiben konnte. | Dieser alte Daoist Wang war ein Mann, der sich mit Wundermitteln und Quacksalbereien seinen Lebensunterhalt verdiente. Vor dem Tempel hing sein Schild mit dem Angebot aller erdenklichen Pillen, Pulver, Salben und Elixiere. Da er auch in den Ning- und Rong-Anwesen ein- und ausging, hatten ihm alle den Spitznamen »Wang Ein-Pflaster«[3] gegeben, weil seine Pflaster angeblich so wirksam waren, dass ein einziges alle Krankheiten heilen konnte. |
| Als Ein-Pflaster-Wang jetzt in den Raum trat, lag Bau-yü schräg auf dem Ofenbett, weil er schlafen wollte, während Li Guee auf ihn einredete: „Nicht einschlafen, kleiner Herr!“ und ihn neckte. Als sie sahen, daß Ein-Pflaster-Wang hereinkam, begrüßten ihn alle lächelnd: „Du kommst eben zur rechten Zeit, Meister Wang! Du verstehst dich so gut auf alte Geschichten, also erzähl unserm jungen Herrn eine davon!“ | Wang Ein-Pflaster trat ein. Schatzjade lag gerade halb schlafend auf dem Kang [4]. Li Gui und die anderen redeten auf ihn ein, er solle nicht einschlafen. Als sie Wang Ein-Pflaster kommen sahen, riefen sie lachend: »Da kommt er ja, da kommt er ja! Meister Wang, Ihr könnt so gut Geschichten erzählen, erzählt eine für unseren jungen Herrn!« |
| „Aber ja!“ sagte Ein-Pflaster-Wang lächelnd, „schlaft nicht ein, kleiner Herr, sonst fangen die Mehlklüter in Euerm Bauch zu spuken an!“ | Wang Ein-Pflaster sagte lachend: »Ganz recht! Junger Herr, schlaft nur nicht ein, sonst spielen euch die Teigtaschen im Bauch einen Streich!« Darüber lachte das ganze Zimmer. Auch Schatzjade lachte, setzte sich auf und richtete seine Kleider. |
| Alles lachte darüber, und Bau-yü lachte mit, setzte sich auf und ordnete seine Kleider. Nun befahl Ein-Pflaster-Wang seinen Novizen, sie sollten schnell einen kräftigen Tee brühen, aber Ming-yän erklärte: „Deinen Tee kann unser junger Herr nicht trinken. Schon der Salbengeruch stört ihn, wenn er hier nur sitzt.“ | Wang Ein-Pflaster rief seinen Lehrlingen zu, sie sollten schnell guten starken Tee aufbrühen. |
| „Vergebung!“ sagte Ein-Pflaster-Wang lächelnd, „aber meine Salben kommen nie in diesen Raum. Und weil ich wußte, der kleine Herr werde heute kommen, habe ich wieder und wieder mit Duftholz geräuchert.“ | Mingyun [茗烟, Schatzjades Diener] sagte: »Unser junger Herr trinkt nicht Euren Tee! Schon dass er in diesem Zimmer sitzt, stört ihn der Pflastergeruch!« |
| „Ach, richtig!“ sagte da Bau-yü, „immer wieder höre ich, wie gut deine Pflaster sind. Gegen welche Krankheiten helfen sie eigentlich?“ | Wang Ein-Pflaster sagte lachend: »Was für ein unbedarfter Junge! Pflaster werden nie in dieses Zimmer gebracht. Da ich wusste, dass der junge Herr heute kommen würde, habe ich schon vor drei bis fünf Tagen mit Räucherwerk durchgeräuchert, und nochmals und nochmals.« |
| „Mit meinen Pflastern ist es eine lange Geschichte, kleiner Herr, und die Einzelheiten sind mit ein paar Worten nicht erklärt“, begann Ein-Pflaster-Wang, um dann fortzufahren: „Es sind einhundertundzwanzig verschiedene Arzneistoffe darin, die sich zueinander verhalten wie Herrscher und Untertan, und auch jeder Gast bekommt seinen Platz. Warmes und Kaltes findet zugleich Verwendung, Teures und Billiges je nach seiner Eigenart. | Schatzjade sagte: »Das stimmt wohl. Man hört ja täglich, wie gut Eure Pflaster sein sollen, aber gegen welche Krankheiten wirken sie eigentlich?« |
| Innerlich bringen sie die Grundelemente in Harmonie und füllen die Lebensenergie auf, sie machen Appetit, stärken die Körperfunktionen und die Abwehrkräfte, beruhigen Geist und Gemüt, vertreiben Kälte und Hitze, lösen Nahrung und Schleim auf. Äußerlich aber bringen sie die Blutbahnen in Ordnung und lockern die Muskeln auf, sie lassen abgestorbenes Fleisch verschwinden und bringen neues zum Wachsen, sie vertreiben Erkältungen und machen Gifte unschädlich. Sie wirken mit wie Geisterkraft. Wer einmal davon Gebrauch gemacht hat, der weiß Bescheid.“ | Wang Ein-Pflaster sagte: »Wenn der junge Herr nach meinen Pflastern fragt, so ist das eine lange Geschichte, die ich in einem Satz nicht erklären kann. Es sind insgesamt hundertundzwanzig Zutaten, Herrscher und Diener in harmonischem Zusammenspiel, Gäste in rechter Gesellschaft, warm und kühl zugleich angewendet, für Vornehm und Gering in verschiedener Rezeptur. Innerlich regulieren sie das Urprinzip, stärken das Qi, öffnen den Magen, pflegen den Blutkreislauf, beruhigen den Geist, vertreiben Kälte und Hitze, lösen Speisen und Schleim auf. Äußerlich harmonisieren sie die Blutbahnen, entspannen die Sehnen, entfernen totes Fleisch, lassen neues wachsen, vertreiben Wind und zerstreuen Giftstoffe. Die Wirkung ist göttlich — wer es einmal ausprobiert hat, weiß Bescheid.« |
| „Ich glaube nicht, daß man nur mit einem einzigen Pflaster alle diese Krankheiten heilen kann“, sagte Bau-yü zweifelnd, „aber ich würde gern wissen, ob sich damit auch ein bestimmtes Leiden kurieren läßt.“ | Schatzjade sagte: »Ich glaube nicht, dass ein einziges Pflaster all diese Krankheiten heilen kann. Aber ich frage dich: Gibt es eine bestimmte Krankheit, die es auch heilen kann?« |
| „Bei hundert Krankheiten und tausend Plagen zeigen meine Pflaster sofortige Wirkung“, versicherte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es nicht hilft, könnt Ihr mir den Bart ausreißen, mir in mein altes Gesicht schlagen und meinen Tempel einreißen. Genügt Euch das? Also nennt mir nur die Ursache Eurer Krankheit!“ | Wang Ein-Pflaster sagte: »Hundert Krankheiten und tausend Leiden, alle wirkt es sofort. Wenn es nicht wirkt, kann der junge Herr mich am Bart packen, mir ins alte Gesicht schlagen und meinen Tempel abreißen lassen! Nennt mir nur die Krankheit.« |
| „Die mußt du raten“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Wenn du sie errätst, hilft auch dein Pflaster.“ | Schatzjade sagte lachend: »Rate mal! Wenn du es errätst, dann kannst du es auch heilen.« |
| Ein-Pflaster-Wang dachte ein Weilchen nach, dann sagte er lächelnd: „Das ist schwer zu raten. Da wird wohl mein Pflaster nicht viel helfen.“ | Wang Ein-Pflaster überlegte eine Weile und sagte lachend: »Das ist allerdings schwer zu erraten. Ich fürchte, mein Pflaster hat seine Wirkung eingebüßt.« |
| „Geht mal hinaus!“ forderte Bau-yü inzwischen Li Guee und das übrige Gefolge auf. „Mit so vielen Leuten im Raum kann man ja vor Gestank kaum atmen.“ | Schatzjade befahl Li Gui und den anderen: »Geht erst einmal hinaus und tretet etwas an die Luft. Bei so vielen Leuten wird es hier immer stickiger.« |
| Als Li Guee und die anderen das hörten, gingen sie hinaus, und jeder verzog sich an den Ort, der ihm behagte. Nur Ming-yän blieb zurück und entzündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch. Bau-yü befahl ihm, sich damit neben ihn zu setzen, und lehnte sich an ihn. | Li Gui und die anderen gingen hinaus, nur Mingyun blieb. Mingyun hielt ein Stäbchen Traumsüß-Räucherwerk in der Hand. Schatzjade ließ ihn neben sich sitzen und lehnte sich an ihn. |
| Jetzt kam Ein-Pflaster-Wang ein Gedanke. Kichernd trat er näher und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich hab‘s! Wahrscheinlich widmet sich der kleine Herr inzwischen schon den Schlafzimmerkünsten und möchte ein Stärkungsmittel haben. Stimmt‘s?“ | Wang Ein-Pflaster, der sich seinen Teil dachte, kam grinsend näher und flüsterte: »Ich glaube, ich habe es erraten. Der junge Herr hat jetzt wohl Gemachsangelegenheiten und braucht stärkende Mittel, nicht wahr?« |
| Kaum hatte er das gesagt, fuhr Ming-yän ihn an: „Dafür verdienst du den Tod! Aufs Maul sollte man dir schlagen!“ | Noch bevor er ausgesprochen hatte, fuhr Mingyun ihn an: »Halt die Schnauze, das setzt Ohrfeigen!« |
| Bau-yü, der gar nicht verstanden hatte, worum es ging, fragte: „Was hat er gesagt?“ | Schatzjade hatte nicht verstanden und fragte rasch: »Was hat er gesagt?« |
| „Unsinn hat er geschwatzt“, erwiderte Ming-yän kurz angebunden. Ein-Pflaster-Wang aber traute sich vor Schreck nicht, noch weiter zu fragen, und bat: „Sagt es nur klar heraus, kleiner Herr!“ | Mingyun sagte: »Glaubt ihm doch sein dummes Geschwätz nicht.« |
| „Was ich dich fragen möchte, ist, ob es ein Pflaster gibt, mit dem man eine Frau von der Eifersucht heilen kann“, sagte Bau-yü. | Wang Ein-Pflaster erschrak und wagte nicht mehr zu fragen, sondern sagte nur: »Der junge Herr sage es mir bitte geradeheraus.« |
| „Also nein!“ rief Ein-Pflaster-Wang lächelnd und schlug dabei die Hände zusammen, „dagegen habe ich keine Salbe, und ich habe auch nie gehört, daß es eine gibt, die dagegen hilft.“ | Schatzjade sagte: »Ich frage dich: Gibt es ein Pflaster gegen die Eifersuchts-Krankheit der Frauen?« |
| „Dann sind deine Salben aber nicht viel wert“, urteilte Bau-yü lächelnd. | Wang Ein-Pflaster klatschte in die Hände und sagte lachend: »Da hört es auf! Nicht nur, dass ich kein Mittel dagegen habe — ich habe nicht einmal je davon gehört!« |
| Doch rasch fuhr Ein-Pflaster-Wang fort: „Eine Salbe gegen die Eifersucht ist mir noch nicht untergekommen, aber einen Heiltrank gibt es, der vielleicht dagegen hilft. Nur wirkt er etwas langsam, der Erfolg stellt sich nicht im Handumdrehen ein.“ | Schatzjade sagte lachend: »Das wäre ja noch gar nichts Besonderes.« |
| „Was für ein Trank ist das? Und wie muß man ihn einnehmen?“ erkundigte sich Bau-yü. | Wang Ein-Pflaster sagte hastig: »Ein Pflaster gegen Eifersucht kenne ich allerdings nicht, aber es gibt eine Trank-Medizin, die vielleicht wirkt — nur dauert es etwas und wirkt nicht auf der Stelle.« |
| „Er heißt ‚Heiltrank gegen die Eifersucht‘“, gab Ein-Pflaster-Wang Auskunft. „Man kocht eine feste Birne mit zwei Tjiän Kandiszucker und einem Tjiän getrockneter Mandarinenschale in drei Schalen Wasser, bis sie weich ist. Wenn man jeden Morgen so eine Birne ißt, verliert sich die Eifersucht auf die Dauer.“ | Schatzjade fragte: »Was für ein Trank, und wie wird er eingenommen?« |
| „Das wäre nicht teuer, aber ich fürchte, es wird nicht unbedingt helfen“, äußerte Bau-yü. | Wang Ein-Pflaster sagte: »Er heißt 'Eifersuchts-Heiltrank'.[5] Man nehme eine erstklassige Herbstbirne, zwei Qian [6] Kandiszucker und ein Qian getrocknete Mandarinenschale, dazu drei Schalen Wasser, und koche, bis die Birne gar ist. Jeden Morgen eine Birne essen, und mit der Zeit wird es besser.« |
| „Wenn eine Portion nicht hilft, nimmt man zehn, und solange die Wirkung nicht eintritt, nimmt man das Mittel weiter“, erläuterte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es in diesem Jahr noch nicht hilft, dann nimmt man es im nächsten weiter. Auf jeden Fall kräftigen alle drei Bestandteile die Lunge, regen den Appetit an und schaden nicht. Das Mittel ist süß und wohlschmeckend und ist auch gut gegen Husten. Wenn man es hundert Jahre genommen hat, stirbt man eines Tages, und wer tot ist, ist nicht mehr eifersüchtig. Spätestens dann setzt also die Wirkung ein.“ | Schatzjade sagte: »Das ist ja keine große Sache, aber ob es wirklich wirkt?« |
| Kaum hatte er das gesagt, brachen Bau-yü und Ming-yän in Gelächter aus und schalten ihn eine glattzüngige Ochsenfratze. | Wang Ein-Pflaster sagte: »Wirkt eine Dosis nicht, isst man zehn. Hilft es heute nicht, isst man morgen weiter. Hilft es dieses Jahr nicht, isst man bis zum nächsten Jahr. Diese drei Zutaten befeuchten die Lunge, regen den Magen an und schaden niemandem. Es schmeckt angenehm süß und hilft gegen Husten obendrein. Wenn man es hundert Jahre lang isst — nun, dann stirbt der Mensch sowieso. Wer tot ist, ist auch nicht mehr eifersüchtig! Dann hat es gewirkt!« |
| Aber lächelnd entschuldigte sich Ein-Pflaster-Wang: „Es war doch nur ein harmloser Scherz, um dem kleinen Herrn nach dem Essen die Müdigkeit zu vertreiben. Und ist es nicht Geld wert, Euch zum Lachen gebracht zu haben? Um Euch die Wahrheit zu sagen, selbst meine Pflaster sind fauler Zauber. Wenn ich ein wirkliches Medikament kennen würde, hätte ich es schon längst genommen und wäre zum Unsterblichen geworden. Oder meint Ihr, ich würde dann noch hier herumkrebsen?“ | Daraufhin lachten Schatzjade und Mingyun ohne Ende und schimpften ihn einen »glitschzüngigen Ochsenkopf«. |
| Als er das eben sagte, war die glückverheißende Stunde gekommen, und er bat Bau-yü hinaus, um das Opfer zu vollziehen und dann die Opferspeisen zu verteilen. Erst als dies alles erledigt war, kehrte Bau-yü nach Hause in die Stadt zurück. | Wang Ein-Pflaster sagte lachend: »Das war nur zum Zeitvertreib, um die Mittagsmüdigkeit zu verscheuchen. Was macht das schon! Wenn ich euch zum Lachen bringe, hat es sich gelohnt. Ehrlich gesagt — sogar meine Pflaster sind alle unecht. Wenn ich echte Medizin hätte, würde ich sie selbst nehmen und ein Unsterblicher werden. Wer echte Mittel hat, kommt nicht hierher, um sich durchzuschlagen!« |
| Um diese Zeit war Ying-tschun schon eine gute Weile im Hause, und die Sklavinnen der Familie Sun, die sie begleitet hatten, waren mit Abendessen bewirtet und wieder heimgeschickt worden. Jetzt erst klagte Ying-tschun bei Dame Wang im Zimmer schluchzend ihr Leid und berichtete: „Sun Schau-dsu hat nichts anderes im Kopf als Weibergeschichten, Glücksspiele und Trinkgelage. Unter den Sklavenfrauen und -mädchen des | Gerade als sie so plauderten, war die günstige Stunde gekommen, und Schatzjade wurde gebeten, hinauszugehen, um Opfergeld und -papier zu verbrennen und die Segnungen zu verteilen. Nachdem die Zeremonien beendet waren, fuhr er in die Stadt zurück. |
| Hauses ist kaum noch eine, mit der er es nicht getrieben hätte. Nachdem ich zwei oder drei Mal versucht hatte, ihm etwas ins Gewissen zu reden, schimpfte er, ich müsse in Essig eingelegt worden sein. Außerdem behauptete er, mein Vater habe fünftausend Liang Silber von ihm in Verwahrung bekommen, die er nicht ausgeben sollte, und jetzt habe er sie schon ein paarmal zurückverlangt, aber nicht bekommen. | Yingchun [迎春] war zu diesem Zeitpunkt schon seit geraumer Zeit zu Hause. Die Frauen und Schwiegertöchter der Familie Sun hatten bereits zu Abend gegessen und waren nach Hause geschickt worden. Yingchun weinte und klagte in Frau Wangs Gemächern und schilderte ihre Nöte. Sie sagte, Sun Shaozu [孙绍祖] sei »durch und durch ein Wüstling, Spieler und Trinker, der bereits beinahe alle Mägde und Schwiegertöchter im Hause geschändet habe. Wenn sie ihm zwei- oder dreimal sanft zugeredet habe, beschimpfe er sie als 'Essigweib'. Auch behaupte er, der Herr Vater habe von ihm fünftausend Liang Silber entgegengenommen und hätte sie nicht ausgeben dürfen. Er habe sie nun schon zwei- oder dreimal zurückgefordert, doch vergeblich. Da zeige er auf mein Gesicht und sage: 'Bilde dir nicht ein, die vornehme Dame spielen zu können! Dein Vater hat mir fünftausend Liang Silber abgenommen und dich als Gegenleistung an mich verkauft. Wenn es dir nicht passt, prügle ich dich und jage dich in die Kammern der Dienerinnen zum Schlafen. Damals, als dein Großvater noch lebte, hat er nach unserem Reichtum gegriffen und sich an uns herangemacht. Genau genommen gehöre ich zur selben Generation wie dein Vater, und jetzt hat man mir zwangsweise eine Generation aufgedrückt. Außerdem hätte man diese Heirat gar nicht erst eingehen sollen, denn so sieht es aus, als hätte man nur unser Geld gewollt.'« |
| Mit dem Finger hat er mir ins Gesicht gezeigt und gesagt: ‚Meine Gattin willst du sein? Dein Vater hat meine fünftausend Liang Silber veruntreut und dich dafür in Zahlung gegeben. Wenn du dich nicht zu benehmen weißt, kannst du eine Tracht Prügel haben und in der Gesindestube schlafen. Seinerzeit, als dein Großvater noch lebte, stachen ihm der Reichtum und die Vornehmheit unserer Familie dermaßen in die Augen, daß er sich eilig an uns herangemacht hat. Obwohl ich eigentlich zur selben Generation wie dein Vater gehöre, war ich nun gezwungen, den Abstand einer ganzen Generation zu verschenken. Auch deshalb hätte ich mich auf die Hochzeit mit dir nicht einlassen sollen, damit mir niemand nachsagen kann, ich strebte nach Vorteil und Macht.‘“ | Während sie erzählte und dabei schluchzend weinte, blieb kein Auge trocken — weder Frau Wang noch die Schwestern vergossen Tränen. |
| Während sie das erzählte, weinte sie herzzerreißend, und auch Dame Wang und allen Kusinen liefen die Tränen aus den Augen. Was aber konnte Dame Wang anderes tun, als auf sie einzureden: „Was kann man da noch machen, nachdem du einmal an diesen unverständigen Menschen geraten bist? Dein Onkel hat damals deinem Vater geraten, sich nicht auf diese Hochzeit einzulassen. Er aber wollte nicht hören und war ganz Feuer und Flamme dafür, und so ist es dazu gekommen. Es ist dein Schicksal, mein Kind.“ | Frau Wang tröstete sie so gut sie konnte: »Du bist nun einmal an einen solchen Menschen geraten, was soll man machen? Damals hat dein Onkel [Aufrecht Kaufmann] deinem Vater zweimal abgeraten, diese Verbindung einzugehen. Aber dein Vater wollte nicht hören und bestand eigensinnig darauf, und nun ist es schiefgegangen. Mein Kind, das ist eben dein Schicksal.« |
| „Ich kann nicht glauben, daß mir so ein schlechtes Schicksal beschieden ist“, bezweifelte Ying-tschun weinend, „schon als kleines Kind habe ich meine Mutter verloren, dann hatte ich das Glück, hier bei Euch, Tante, ein paar unbeschwerte Jahre verleben zu dürfen, und das soll jetzt das Ergebnis sein?“ | Yingchun weinte und sagte: »Ich kann nicht glauben, dass mein Schicksal so schlecht ist! Von klein auf hatte ich keine Mutter, und glücklicherweise durfte ich ein paar ruhige Jahre bei der Frau Tante verbringen. Und jetzt muss es so enden!« |
| Dame Wang redete erst weiter begütigend auf Ying-tschun ein und fragte dann, wo sie am liebsten logieren wolle. | Frau Wang redete ihr einerseits gut zu und fragte sie andererseits, wo sie übernachten wolle. Yingchun sagte: »Gerade erst von den Schwestern getrennt, denke ich Tag und Nacht an sie. Außerdem vermisse ich meine alten Räume. Wenn ich nur drei oder fünf Tage in meinem alten Zimmer im Garten wohnen könnte, würde ich selbst den Tod in Kauf nehmen. Wer weiß, ob ich beim nächsten Mal noch die Möglichkeit haben werde!« |
| „Seitdem ich meine Kusinen verlassen mußte, habe ich mich in Schlaf und Traum nach ihnen gesehnt“, erwiderte Ying-tschun. „Außerdem habe ich Sehnsucht nach meinen alten Zimmern im Garten. Wenn ich dort noch einmal drei oder fünf Tage wohnen darf, will ich zufrieden sterben. Wer weiß, ob ich noch ein weiteres Mal Gelegenheit haben werde, dort zu wohnen!“ | Frau Wang ermahnte sie rasch: »Rede keinen Unsinn! Es ist nur der übliche Streit unter jungen Eheleuten, wie er überall auf der Welt vorkommt. Warum sprichst du so düstere Worte?« |
| „Hör auf, so zu reden!“ ermahnte Dame Wang sie sogleich. „Ein kleiner Streit zwischen jungen Eheleuten kommt überall einmal vor. Wie kannst du gleich von Tod und Sterben sprechen?!“ Dann gab sie den Auftrag, rasch die Zimmer auf der Insel der Violetten Wassernüsse herzurichten, und befahl den Mädchen, sie sollten ihrer Kusine Gesellschaft leisten und ihr Mut zusprechen. Bau-yü schärfte sie dann noch ein: „Kein Wort von alledem vor der alten gnädigen Frau! Wenn sie davon erfährt, hat sie es nur von dir.“ | Sie ließ sofort die Gemächer auf der Insel der Violetten Wassernüsse herrichten und wies die Schwestern an, Yingchun Gesellschaft zu leisten und aufzuheitern. Außerdem befahl sie Schatzjade: »Kein Wort davon darf an die Ohren der Herzoginmutter dringen! Wenn sie von alldem erfährt, werde ich dich dafür verantwortlich machen.« |
| Gehorsam versprach Bau-yü, den Mund zu halten. | Schatzjade gehorchte gehorsam. Yingchun schlief in dieser Nacht in ihrem alten Quartier. Die Schwestern überboten sich an Herzlichkeit und Zuneigung. Drei Tage blieb sie, dann ging sie zu Dame Xing [邢夫人] hinüber. Zuvor verabschiedete sie sich von der Herzoginmutter und Frau Wang, dann von den Schwestern, wobei alle voller Trauer und Schmerz waren. Erst Frau Wang und Tante Schnee konnten sie besänftigen und trösten, sodass sie schließlich hinüberging. |
| In dieser Nacht schlief Ying-tschun wieder in ihrem alten Heim, und ihre Kusinen begegneten ihr mit größter Herzlichkeit. Erst drei Tage später begab sich Ying-tschun zu Dame Hsing hinüber. Zuvor aber nahm sie Abschied von der Herzoginmutter und Dame Wang. Als sie den Kusinen auf Wiedersehen sagen mußte, war sie vor Kummer und Schmerz nicht von ihnen loszubringen. Wieder mußten Dame Wang und Tante Hsüä auf sie einreden, ehe sie endlich nachgab und hinüberging. Bei Dame Hsing blieb sie noch zwei Tage, bis Sun Schau-dsu seine Leute schickte, um sie wieder abzuholen. Ying-tschun hatte zwar nicht die geringste Lust, zu ihm zurückzukehren, aber aus Furcht vor seinen Boshaftigkeiten mußte sie sich schließlich bezwingen und Abschied nehmen. |
Nachdem sie noch zwei Tage bei Dame Xing verbracht hatte, kamen Leute von Sun Shaozu, um sie abzuholen. Yingchun wollte nicht gehen, aber sie fürchtete Sun Shaozus Bösartigkeit und zwang sich, ihre Gefühle zu unterdrücken und Abschied zu nehmen. Dame Xing war ihr ohnehin gleichgültig; sie fragte weder nach dem ehelichen Zusammenleben noch nach den häuslichen Schwierigkeiten und tat nur das Nötigste. |
| Dame Hsing aber war nicht sehr aufmerksam. Sie fragte weder, wie sich die Gatten verstanden, noch erkundigte sie sich, wie Ying-tschun mit der Hausarbeit zu Rande kam. Alles, was sie tat, war, obenhin ihrer Pflicht nachzukommen. | Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel. |
| Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. | ---- |
| Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026. | |
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