Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 114

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Kapitel 114: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
114.Wang Hsi-fëng beendet ihre Lebensillusion und wird nach Nanking übergeführtDschën Ying-djia erhält eine Ehrung des Kaisers und wird zum Palast berufen. Kapitel 114
Bau-yü und Bau-tschai wurden geweckt und ihnen mitgeteilt, daß Hsi-fëng sterben würde. Sie erhoben sich sofort vom Bett, eine Magd entzündete eine Kerze, und sie waren auf ihrem Weg hinaus auf den Hof, als ein anderer Bote von der Dame Wang kam: „Frau Liäns Zustand ist kritisch, aber sie lebt noch, und Herr und Frau Bau-yü sollten eine Weile warten. Da gibt es etwas Merkwürdiges an Frau Liäns Zustand. Von Mitternacht bis zwei Uhr morgens hörte sie nicht auf, zu reden, und wir konnten keinen Sinn in dem finden, was sie sagte. Einmal wollte sie ein Boot, dann eine Sänfte. Dann war sie in Jinling, um in das Register aufgenommen zu werden. Niemand konnte ein Wort verstehen, und sie weinte und jammerte weiter. Herrn Liän blieb nichts anderes übrig, als ein Papierboot zu bestellen und eine Sänfte für sie machen zu lassen. Er kam noch nicht wieder, und Frau Liän wartet auf ihn, nach Atem ringend. Die Dame will, daß Sie beide warten und wiederkommen nachdem Frau Liän endlich verstorben ist.“ Phönixglanz [王熙凤][1] durchwandert die Illusionen und kehrt nach Jinling zurück
„Wie außergewöhnlich!“, rief Bau-yü. „Was will sie in Jinling?“ – Zhen Yingjia [甄应嘉][2] empfängt kaiserliche Gnade und kehrt an den Jadehof zurück
„Hast du nicht einmal in deinem Traum ein paar Register gesehen?“ flüsterte Hsi-jën. „Vielleicht will Frau Liän dorthin gehen.“ Es wird erzählt, dass Schatzjade [贾宝玉][3] und Schatzspange [薛宝钗][4], als sie hörten, Phönixglanz [王熙凤] sei in kritischem Zustand, eilig aufstanden. Die Dienstmädchen hielten Kerzen bereit und warteten auf. Gerade als sie den Hof verlassen wollten, schickte Dame Wang [王夫人][5] jemanden herüber, der sagte: „Der Zweiten Herrin Kette [琏二奶奶] geht es schlecht, doch sie hat den letzten Atem noch nicht getan. Der Zweite junge Herr und die Zweite junge Herrin mögen noch ein wenig warten. Die Krankheit der Zweiten Herrin Kette hat etwas Seltsames an sich: Von der dritten Nachtwache bis zur vierten hat sie ununterbrochen geredet, allerlei wirres Zeug gesagt, nach Boot und Sänfte verlangt und immer nur davon gesprochen, sie müsse eilig nach Jinling [金陵], um dort in irgendein Register eingetragen zu werden. Niemand versteht, was sie meint; sie weint und schreit nur. Der Zweite Herr Kette [琏二爷] wusste sich keinen Rat und ließ ein Papierboot und eine Papiersänfte basteln, doch die sind noch nicht fertig. Die Zweite Herrin Kette liegt keuchend da und wartet. Die Gnädige Frau schickt uns zu sagen: Wartet, bis die Zweite Herrin Kette gegangen ist, und kommt dann erst herüber."
Bau-yü nickte: „Ja! Wenn ich nur nicht vergessen hätte, was darin geschrieben stand. Unsere Leben sind wirklich ein vorgegebenes Schicksal. Ich frage mich, wohin das Schicksal Kusine Dai-yü gebracht hat? Was du gerade sagtest, Hsi-jën, über die Register, hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn ich jemals wieder so einen Traum habe, muß ich mehr beobachten. Ich mag Dinge sehen und vielleicht die Zukunft vorhersagen können.“

„Hör’ dich an!“, sagte Hsi-jën scharf. „Es ist unmöglich, eine mehrbödige Unterhaltung mit dir zu führen. Du bestehst darauf, eine einfache Bemerkung von mir tödlich ernst zu nehmen. Selbst wenn wir annehmen würden, daß du in die Zukunft sehen könntest, wozu wäre das gut?“

„Es würde wahrscheinlich nie etwas nützen“, antwortete Bau-yü, „aber wenn ich jemals die Zukunft kennen könnte, dann würde es wenigstens ein Ende für die Sorgen bedeuten, die mich deinetwegen plagen.“

Bau-tschai kam zu ihnen: „Worüber redet ihr zwei?“

Bau-yü befürchtete, das Subjekt einer ihrer Inquisitionen zu werden, und antwortete bloß: „Wir diskutieren über Schwester Hsi-fëng.“

„Sie wird bald sterben“, rief Bau-tschai, „und ihr diskutiert über sie! Du hast mich letztes Jahr beschuldigt, übertrieben unglücklich zu sein und ihr Pech zu bringen. Aber war nicht meine Deutung des Orakels am Ende richtig?“
Schatzjade sagte: „Das ist ja merkwürdig! Was will sie denn in Jinling?" Dufthauch [袭人][6] flüsterte leise: „Erinnerst du dich an den Traum, den du damals hattest? Ich weiß noch, du hast von vielen Registern erzählt. Könnte es sein, dass die Zweite Herrin Kette dorthin geht?" Als Schatzjade das hörte, nickte er und sagte: „Ja, stimmt! Leider kann ich mich an die Worte darin nicht mehr erinnern. So betrachtet, hat also jeder Mensch ein vorbestimmtes Schicksal. Ich frage mich nur, wohin die Schwester Lin [林妹妹] gegangen ist. Jetzt, wo du mich daran erinnerst, beginne ich manches zu verstehen. Wenn ich diesen Traum noch einmal träumen könnte, würde ich ganz genau hinschauen — dann hätte ich die Gabe, die Zukunft vorherzusehen." Dufthauch sagte: „Mit einer Person wie dir kann man wirklich nicht reden! Ich habe nur beiläufig etwas erwähnt, und schon nimmst du es für bare Münze. Und selbst wenn du die Zukunft kennen würdest — was könntest du denn daran ändern?" Schatzjade sagte: „Ich fürchte nur, dass ich die Zukunft nicht sehen kann; wenn ich es aber könnte, bräuchte ich mir euretwegen nicht mehr so vergeblich den Kopf zu zerbrechen."
Bau-yü dachte einen Moment nach und klatschte dann in die Hände: „Natürlich! Natürlich, du hattest recht! Du bist offensichtlich der Prophet in der Familie! Nun, laß mich dich selbst um Rat fragen. Was ist für mich drin?“ –

„Du driftest wieder weg, zu einer deiner Freizeitbeschäftigungen!“, tadelte ihn Bau-tschai mit einem Lächeln. „Ich habe einfach eine Erklärung aus dem Stegreif für die wörtliche Bedeutung des Orakels. Es gibt keinen Grund, dies ernstzunehmen. Du bist so schlimm wie Hsiu-yän. Als du deinen Jadestein verloren hattest, bat sie Miau-yü eine Seherin zu konsultieren, und die Antwort war allen ganz unverständlich. Aber das hinderte Hsiu-yän nicht daran, privat mit mir über die erstaunliche Gabe der Vorhersage Miau-yüs zu sprechen. Hsiu-yän sagte mir, wie aufgeklärt und fortgeschritten sie in ihrem Dsën-Glauben bereits war. Und doch, sieh dir das Unglück an, welches über Miau-yü gekommen ist, nun, warum konnte sie das nicht vorhersehen? Welche Art der Vorhersehung soll das sein? Nur, weil ich einmal etwas über Hsi-fëng sagte, heißt das nicht, daß ich jemals behauptete, ich könne in ihre Zukunft sehen, oder in meine eigene, wenn wir schon dabei sind. Ansprüche wie diese sind fantastisch und verdienen es nicht, ernst genommen zu werden.“

„Na gut“, sagte Bau-yü, „laß uns das Thema wechseln. Erzähl’ stattdessen etwas über Hsiu-yän. Wir waren so beschäftigt, daß ihre Hochzeit ganz an uns vorbeigegangen zu sein scheint. Das war ein wichtiges Erlebnis für deine Familie, und doch wurde es mit so einer kleinen Zeremonie gefeiert. Habt ihr nicht einmal Freunde oder Verwandte eingeladen?“
Während die beiden noch sprachen, kam Schatzspange herüber und fragte: „Worüber redet ihr?" Schatzjade fürchtete, sie würde ihn ins Verhör nehmen, und sagte nur: „Wir sprechen über die Schwester Phönixglanz [凤姐姐]." Schatzspange sagte: „Der Mensch liegt im Sterben, und ihr führt immer noch Reden über sie. Letztes Jahr hast du noch gesagt, ich würde jemanden verwünschen — hat sich das Orakel denn nicht bewahrheitet?" Schatzjade dachte noch einmal nach, klatschte in die Hände und rief: „Richtig, richtig! So betrachtet, kannst du also tatsächlich die Zukunft vorhersagen. Dann frage ich dich doch gleich: Weißt du, wie es mir in Zukunft ergehen wird?" Schatzspange lachte und sagte: „Jetzt fängst du wieder an zu scherzen! Ich habe damals nur das Los, das sie gezogen hatte, auf gut Glück gedeutet — und du nimmst es für Ernst. Du und unsere Schwägerin, ihr seid ganz gleich: Als du deinen Jade verloren hattest, bat sie Miaoyu [妙玉][7] um eine Geisterschrift, und als die Leute die Antwort nicht verstanden, sagte sie mir im Vertrauen, wie hellsichtig Miaoyu sei, wie tief sie in die Meditation eingedrungen sei und den Weg begriffen habe. Jetzt aber hat Miaoyu selbst dieses schwere Unglück erlitten — wie kann man da sagen, sie könne die Zukunft voraussehen? Und selbst wenn ich zufällig einmal richtig lag, was die Schwägerin betrifft — woher soll ich wirklich wissen, wie es um sie steht? Ich fürchte, ich weiß nicht einmal, was mir selbst bevorsteht. All diese Dinge sind von Grund auf nichtig und trügerisch — wie kann man ihnen Glauben schenken?"
„Du hast wieder nichts begriffen“, antwortete Bau-tschai. „Meine eigenen engsten Verwandten sind die Djias und die Wangs. Nun gibt es keinen Respektablen mehr in der Wang-Familie, und die Djias wurden nicht eingeladen, weil meine Mutter wußte, daß wir mit der Beerdigung der Großmutter zu beschäftigt waren. Liän half ein wenig, und ein oder zwei andere Verwandte kamen, aber du wußtest das nicht, weil du nicht da warst. Wenn du darüber nachdenkst, waren die Dinge fast dieselben für Hsiu-yän wie für mich. Sie war formal mit Vetter Kë verlobt, und Mama wollte eine modische Hochzeit. Aber zuerst kam, daß Pan noch im Gefängnis war, also wollte Vetter Kë es schlicht halten. Dann war da Großmutters Beerdigung, und Hsiu-yän hatte so eine harte Zeit bei Tante Hsing, besonders nach der Beschlagnahme, als Tante Hsing geiziger denn je wurde. Arme Hsiu-yän, sie konnte es kaum ertragen. Ich redete mit Mama, und am Ende entschied sie sich für die einfache Zeremonie. Hsiu-yän scheint nun viel glücklicher zu sein, und sie ist so gut zu Mama, zehnmal besser, als ihre eigene Schwiegertochter jemals war. Sie ist eine wunderbare Ehefrau für den zweitältesten Bruder Kë und geht gut mit Hsiang-ling um. Wenn Kë aus gewissen Gründen weg muß, kommen die zwei noch fröhlich miteinander aus. Sie haben etwas wenig Geld, aber Mama ist viel entspannter, als sie früher war. Sie wird immer noch traurig wegen Pan, und er schreibt ihr immer aus dem Gefängnis und bittet sie um mehr Geld. Aber glücklicherweise war Vetter Kë fähig, ein paar Schulden einzutreiben, und hat Pan das Geld geschickt. Manche unserer eigenen Stadtgrundstücke wurden auch verpfändet. Wir haben noch ein Haus übrig, und dahin plant Mama nun umzuziehen.“

„Wieso?“ protestierte Bau-yü. „Es ist so viel angenehmer für dich, sie nahe bei dir wohnen zu haben. Wenn sie so weit weg ziehen, wird es ein Tagesausflug werden, um sie zu besuchen.“

„Selbst wenn Familien so eng verwandt sind wie unsere“, sagte Bau-tschai, „ist es wirklich viel besser, in Zukunft unabhängig zu sein. Mama kann nicht für immer in Wohltätigkeit leben.“
Schatzjade sagte: „Sprechen wir nicht mehr davon. Sag mir lieber etwas über die Schwester Xing [邢妹妹]. Seit bei uns hier ein Unglück nach dem anderen eintrifft, habe ich ihre Angelegenheit ganz vergessen. Eine so bedeutende Sache in eurer Familie — wie konnte sie so hastig und nachlässig abgetan werden, ohne Verwandte und Freunde einzuladen?" Schatzspange sagte: „Da sprichst du wieder weitschweifig! Von den Verwandten unserer Familie sind wir hier und die Wangs am nächsten; bei den Wangs gibt es keine tüchtigen Leute mehr; und bei uns hat es die große Trauerfeier für die Herzoginmutter [老太太] gegeben, deshalb wurde auch niemand eingeladen — der Schwager Kette [琏二哥] hat das Nötigste arrangiert. Es gibt zwar noch ein, zwei andere Verwandte, aber du warst ja nicht dort, woher willst du das wissen? Wenn man es bedenkt, ist das Schicksal unserer Schwägerin dem meinen recht ähnlich. Sie war ordentlich meinem Zweiten Bruder [二哥哥] versprochen worden, und meine Mutter wollte ihm eigentlich eine angemessene Hochzeit ausrichten. Erstens aber sitzt mein älterer Bruder [哥哥] im Gefängnis, und der Zweite Bruder wollte ohnehin keine große Feier; zweitens wegen der Angelegenheiten in eurem Hause; und drittens hatte unsere Schwägerin es bei der Ersten Gnädigen Frau [大太太] allzu schwer, und nach der Hausdurchsuchung wurde die Erste Gnädige Frau nur noch strenger — sie konnte es wirklich kaum noch ertragen. Darum habe ich mit meiner Mutter gesprochen, und so wurde sie eben notdürftig herübergeholt. Ich sehe, dass unsere Schwägerin jetzt geradezu aus ganzem Herzen meine Mutter versorgt und ehrt — besser als eine leibliche Schwiegertochter, ja zehnmal besser sogar; auch meinem Zweiten Bruder gegenüber erfüllt sie alle Pflichten einer Ehefrau; und mit Xiangling [香菱][8] versteht sie sich auch bestens — wenn der Zweite Bruder nicht zu Hause ist, leben die beiden friedlich und einträchtig miteinander. Obwohl es ihnen an Geld fehlt, hat meine Mutter in letzter Zeit mehr Ruhe und Behagen. Nur wenn sie an meinen älteren Bruder denkt, kann sie die Tränen nicht zurückhalten. Obendrein schickt er ständig Leute nach Hause, um Geld zu verlangen — zum Glück schafft es der Zweite Bruder, draußen bei den Geschäftsleuten etwas aufzutreiben, um ihn zufriedenzustellen. Ich habe gehört, dass einige Häuser in der Stadt bereits verpfändet worden sind und nur noch eines übrig ist; jetzt planen sie, dorthin umzuziehen."
Bau-yü war dabei, weitere Gründe zu suchen, weshalb sie nicht umziehen sollten, als eine letzte Nachricht von der Dame Wang kam, um zu sagen, daß Hsi-fëng nun gestorben war und die ganze Familie in ihren Gemächern angekommen war. Ob Bau-yü und Bau-tschai bitte dort zu ihnen stoßen würden? Bau-yü stampfte mit dem Fuß auf und kämpfte mit den Tränen. Bau-tschai war auch sehr bewegt, aber kontrollierte sich, aus Angst, sie könnte Bau-yü noch mehr aufregen. „Wir sollten uns unsere Tränen für später aufheben,“ riet sie. Schatzjade sagte: „Warum denn umziehen? Wenn sie hier wohnen bleiben, hast du es doch bequemer, hin und her zu gehen; wenn sie weit weg ziehen, brauchst du einen ganzen Tag, um hinzugelangen." Schatzspange sagte: „Obwohl man verwandt ist, hat doch jeder seinen eigenen Haushalt, das ist angenehmer. Wo gibt es denn das, dass jemand ein Leben lang bei Verwandten wohnt?"
Sie gingen beide direkt zu Hsi-fëngs Gemach, wo sie einen weinenden Pulk versammelt fanden. Bau-tschai ging vor an die Bettseite, wo Hsi-fëngs Körper bereits ausgelegt war, und stieß einen lauten Schrei vor Trauer aus. Bau-yü hielt Djia Liäns Hand und schluchzte laut, was Djia Liän wieder zum Weinen brachte. Ping-örl, die sah, daß niemand anderes fähig war, Trost zu spenden, ging vor, versuchte, ihre eigene Trauer zu verstecken, und erzwang Mäßigung. Der Klang untröstlichen Weinens füllten trotzdem weiter den Raum.

Djia Liän schwankte hilflos her und her. Er schickte nach Lai Da, und sagte ihm, was er für die Vorbereitungen der Beerdigung tun solle. Er selbst berichtete Hsi-fëngs Tod Djia Dschëng und sah dann, welche anderen Anstalten er machen konnte. Aber es gab einfach kein Geld. Es war ein unmöglicher Auftrag. Liebe Erinnerungen an Hsi-fëng brachten ständig Tränen in seine Augen. Seine Trauer wurde noch schlimmer beim elenden Anblick von Tjiau-djiäs, die sich um ihre Mutter die Seele aus dem Leib weinte. Das Weinen war die ganze Nacht zu hören. Am Morgen schickte Djia Liän einen Boten zu Hsi-fëngs älterem Bruder, Wang Jën.
Schatzjade wollte gerade weitere Gründe darlegen, warum sie nicht umziehen sollten, als Dame Wang jemanden herüberschickte, der sagte: „Die Zweite Herrin Kette hat den letzten Atem getan. Alle sind schon hinübergegangen — der Zweite junge Herr und die Zweite junge Herrin mögen bitte sogleich kommen." Als Schatzjade das hörte, konnte auch er sich nicht beherrschen, stampfte mit dem Fuß auf und wollte weinen. Schatzspange war zwar ebenfalls betrübt, fürchtete aber, Schatzjade könnte sich zu sehr grämen, und sagte: „Anstatt hier zu weinen, sollten wir besser dort drüben weinen." So gingen die beiden geradewegs zu Phönixglanz' Gemächern. Dort sahen sie, wie viele Leute um sie herumstanden und weinten. Schatzspange trat vor, sah, dass Phönixglanz bereits auf dem Totenbett aufgebahrt war, und brach in lautes Weinen aus. Schatzjade ergriff Kette Kaufmanns [贾琏][9] Hand, und beide weinten hemmungslos. Kette Kaufmann weinte von Neuem. Friedchen [平儿][10] und die anderen sahen, dass niemand tröstete, und kamen mit verhaltener Trauer herbei, um die Weinenden zu beruhigen. Alle trauerten ohne Unterlass.
Der Tod seines älteren Onkels Wang Dsï-tëng hatte Wang Jën so frei hinterlassen, daß er machen konnte, was er wollte. Dsï-scheng, der überlebende jüngere Onkel, war ein zu unberechenbarer Charakter, um ihn zu kontrollieren; Wang Jëns Benehmen hatte schon zu ordentlichen Unstimmigkeiten in der Familie geführt. Nun, als er vom Tod seiner jüngeren Schwester erfuhr, eilte er mit leichtem Unbehagen hinüber, um seine Pflicht als Bruder zu erfüllen und um sie zu trauern. Bei seiner Ankunft entdeckte er sofort, wie behelfsmäßig die Beerdigungsanstrengungen waren, er war sehr ärgerlich und sagte: „Jahrelang hat meine Schwester für euch geschuftet, und sie hat das auch gut gemacht. Das Wenigste, was Sie ihr schulden, ist eine anständige Beerdigung. Wieso ist das alles nicht gut vorbereitet?“

Djia Liän war niemals gut auf seinen Schwager zu sprechen gewesen, und hatte, als er ihn so poltern hörte, nur ein taubes Ohr für ihn übrig. Wang Jën rief als Nächstes seine Nichte Tjiau-djiä an seine Seite.
Kette Kaufmann wusste sich keinen Rat. Er ließ Lai Da [赖大] rufen, um ihn mit der Beisetzung zu beauftragen. Dann meldete er alles Aufrecht Kaufmann [贾政][11] und ging an die Ausführung. Doch die Mittel waren knapp und alles war beengt. Als er an Phönixglanz' einstige Verdienste dachte, weinte er noch bitterer. Und als er sah, wie die kleine Jie [巧姐][12] weinte, als wolle sie sterben, war er noch betrübter. Er weinte, bis der Tag anbrach, und schickte sogleich jemanden, um seinen Schwager Wang Ren [王仁][13] herbeizubitten.
Er sagte zu ihr: „Während deine Mutter noch lebte, hatte sie eine Schwäche: Sie war zu beschäftigt damit, der Herzoginmutter zu gefallen und als Ergebnis hat sie ihre eigene Familie vernachlässigt. Nichte, du bist nun schon groß genug, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen! Sieh mich an, habe ich jemals versucht, von euch zu profitieren? Nun, da deine Mutter tot ist, mußt du zu mir aufsehen und tun, was ich dir sage. Dein zweiter Onkel und ich sind die Familie deiner Mutter. Ich kenne deinen Vater schon lange. Er würde eher seinen Weg verlassen, um sich anderen gegenüber unterwürfig zu verhalten, als uns auch nur zu bemerken. Als Frau You starb, war ich nicht in der Stadt, aber ich hörte, daß viel Geld für sie ausgegeben wurde. Und nun geizt er bei der Beerdigung deiner eigenen Mutter. Denkst du nicht, du solltest darüber mit ihm reden und ihn zur Vernunft bringen?“ Jener Wang Ren [王仁] hatte, seitdem Wang Ziteng [王子腾] gestorben war — und Wang Zisheng [王子胜], ein unfähiger Mensch, ihm freie Hand ließ — , bereits alle sechs Verwandtschaftsgrade gegeneinander aufgebracht. Nun, als er vom Tod seiner Schwester erfuhr, eilte er herbei und weinte eine Runde. Als er sah, dass hier alles nur notdürftig hergerichtet war, wurde er unwillig und sagte: „Meine Schwester hat jahrelang in eurer Familie mühsam den Haushalt geführt, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen. Ihr solltet sie gebührend bestatten! Warum ist jetzt noch nichts richtig vorbereitet?" Kette Kaufmann war mit Wang Ren von jeher nicht gut ausgekommen. Als er dessen unsinnige Reden hörte, wusste er, dass er von nichts eine Ahnung hatte, und beachtete ihn kaum.
„Vater hätte nichts lieber als eine schöne Beerdigung“, sagte Tjiau-djiä, „aber die Dinge haben sich geändert. Wir haben nicht genug Geld, also müssen wir natürlich etwas sparsam sein.“

„Was ist mit deinen eigenen Dingen?“, fragte Wang Jën unerbittlich weiter. „Sicher hast du selbst etwas übrig?“

„Es ging alles bei der Razzia letztes Jahr verloren, und ich bekomme es nicht mehr wieder“, sagte Tjiau-djiä.

„Lügst du mich auch an?“, fragte sie Wang Jën. „Ich weiß, daß die Dame Djia alle möglichen Dinge an Familiengehörige weggegeben hat. Du solltest deinen Teil nun hervorholen.“

Tjiau-djiä konnte sich nicht dazu durchringen, zuzugeben, daß ihr Vater bereits ihre Sachen genommen und verkauft hatte, und so tat sie so, als würde sie nicht verstehen, worauf er anspielte.

„Ich weiß!“, rief Wang Jën, „du behältst es für deine Aussteuer!“

Tjiau-djiä verweigerte jedes weitere Wort. Wang Jën hatte sie bereits mit seinen Bemerkungen beleidigt, und sie begann zu weinen, bis sie fast an ihren Gefühlen erstickte.

„Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, Herr“, protestierte Ping-örl erhitzt, „warten Sie bitte, bis Herr Liän zurück kommt. Fräulein Tjiau-djiä ist viel zu jung, um zu verstehen.“ –
Wang Ren rief daraufhin seine Nichte Jie [巧姐] herbei und sagte: „Als deine Mutter noch lebte, hat sie die Dinge nie richtig gehandhabt und nur immer der Herzoginmutter geschmeichelt, während sie unsere Leute kaum eines Blickes würdigte. Nichte, du bist inzwischen groß genug — hast du je gesehen, dass ich euch auch nur ein einziges Mal ausgenutzt hätte? Jetzt, da deine Mutter tot ist, musst du in allen Dingen auf deinen Onkel hören. Von der mütterlichen Seite deiner Mutter sind nur noch ich und dein Zweiter Großonkel übrig. Deines Vaters Art kenne ich auch: er hat nur für andere Respekt — damals, als die Tante You [尤姨娘] starb, war ich zwar nicht in der Hauptstadt, aber ich habe gehört, dass er viel Silber ausgegeben hat. Jetzt aber, da deine Mutter gestorben ist, richtet dein Vater alles so sparsam aus — sagst du ihm denn kein Wort?" Jie antwortete: „Mein Vater hätte liebend gern alles prachtvoll ausgerichtet, doch die Zeiten sind nicht mehr wie früher. Er hat kein Geld in der Hand, darum muss bei allem gespart werden." Wang Ren sagte: „Hast du denn nicht genug eigene Sachen?" Jie antwortete: „Letztes Jahr bei der Hausdurchsuchung — was ist denn noch übrig geblieben?" Wang Ren sagte: „Du redest auch so! Ich habe gehört, dass die Herzoginmutter wieder allerhand Dinge verschenkt hat — die solltest du hervorholen." Jie wollte nicht sagen, dass ihr Vater alles verbraucht hatte, und schob vor, sie wisse nichts davon. Wang Ren sagte darauf: „Oho! Ich verstehe schon — du willst es dir nur als Mitgift aufheben!" Als Jie das hörte, wagte sie nicht zu widersprechen; sie konnte nur unter Schluchzen und Würgen aufweinen.
„Und ihr, ihr habt nur darauf gewartet, daß mein Schwester stirbt, oder nicht!“ höhnte Wang Jën. „Ihr Pack! Damit du in ihre Spuren treten kannst. Ich bitte nicht um viel, nur um eine anständige Beerdigung. Sicher wollt ihr eure eigene Familie nicht schänden?“

Er setzte sich auf eine selbstsichere Art hin.

Tjiau-djiä fühlte sich sehr schlecht. ,Ich weiß, daß Vater sich darum sorgt‘, dachte sie bei sich, ‚und außerdem, als Mutter lebte, schlich sich Onkel Jen selbst mit allen möglichen Dingen von ihr davon, also hat er nicht das Recht, sich zu beschweren.‘
Friedchen [平儿] wurde ärgerlich und sagte: „Herr Schwager, wenn Sie etwas zu besprechen haben, warten Sie, bis unser Zweiter Herr hereinkommt. Das Fräulein ist noch so jung — was versteht sie davon?" Wang Ren sagte: „Ihr wartet doch nur darauf, dass die Zweite Herrin stirbt, damit ihr selbst das Sagen habt. Ich will ja gar nichts — aber ein anständiges Begräbnis wäre auch euer Ansehen." So sagte er und setzte sich trotzig hin.
In ihren Augen war Wang Jën eine eher verabscheuungswürdige Person. Er für seinen Teil rechnete heimlich damit, daß Hsi-fëng ihren eigenen privaten Anteil gehabt haben mußte und daß trotz der Razzia da etwas Silber irgendwo in ihren Gemächern sein mußte – und sogar ein großer Teil.

„Sie denken bestimmt, daß ich zum Schnorren gekommen bin, und das Mädchen versucht, sie zu schützen. Sie wird mir nicht nützen, die kleine Göre!“

Er begann, eine starke Abneigung gegenüber seiner Nichte zu spüren.
Jie fühlte sich zutiefst unwohl und dachte: „Mein Vater ist keineswegs herzlos. Als meine Mutter noch lebte, hat der Onkel wer weiß wie viele Dinge mitgenommen — und jetzt redet er so, als wäre nichts gewesen." Von da an blickte sie auf ihren Onkel herab. Wang Ren aber dachte sich seinerseits, seine Schwester müsse so einiges angehäuft haben: „Auch wenn das Haus durchsucht wurde — an Silber in ihren Zimmern kann es doch nicht fehlen! Die fürchten nur, ich könnte sie bedrängen, und deshalb redet sie auch so. Dieses kleine Ding taugt auch nichts." Von da an hegte auch Wang Ren Groll gegen Jie.
Djia Liän war zu beschäftigt, um Geld für die Beerdigung zu organisieren oder um all diese Verwicklungen mitzubekommen. Er hatte die ‚äußeren‘ Formalitäten an Lai Da deligiert, aber brauchte noch immer viel Geld für die ‚innere‘ Feier und sah keinen Weg, wie er dies organisieren sollte. Ping-örl war sich seiner mißlichen Lage bewußt.

„Sie dürfen die Dinge nicht zu ernst nehmen, Herr,“ drängte sie ihn. „Sie machen sich nur krank.“

„Krank!“, rief Djia Liän, etwas hysterisch. „Das ist das letzte meiner Probleme! Wir können nicht einmal Geld auftreiben, um Tag für Tag auszukommen, und dann erst für eine Beerdigung. Und um alles noch schlimmer zu machen, habe ich diesen Idioten am Hals!“

„Es gibt wirklich keinen Grund, sich in so einen Zustand zu bringen, Herr“, sagte Ping-örl. „Wenn Sie kein Geld haben, habe ich ein paar Sachen, die nicht in der Razzia mitgenommen wurden. Benutzen Sie die, wenn Sie das wünschen.“

‚Das ist doch sehr gut!‘, dachte Djia Liän bei sich. Er lächelte Ping-örl an: „Das würde mich davor bewahren, herumzurennen und Geld aufzutreiben. Ich werde es dir sobald wie möglich zurückzahlen.“

„Was immer ich habe, wurde mir zuerst von Frau Liän gegeben“, sagte Ping-örl, „also gibt es da wirklich keinen Grund, es mir zurückzuzahlen. Ich will nur, daß die Beerdigung vernünftig wird, das ist alles.“
Kette Kaufmann wusste von alledem nichts; er war nur damit beschäftigt, Silber aufzutreiben. Die großen Angelegenheiten draußen überließ er Lai Da; drinnen aber wurde ebenfalls viel Geld gebraucht, und es war auf die Schnelle unmöglich, alles zusammenzubringen. Friedchen sah, wie besorgt er war, und sagte zu Kette Kaufmann: „Der Zweite Herr sollte sich nicht durch übermäßige Trauer selbst zugrunde richten." Kette Kaufmann sagte: „Was für ein Körper! Schon für die täglichen Ausgaben ist kein Geld da — wie soll diese Angelegenheit bezahlt werden? Und dann sitzt da noch dieser unsinnige Kerl und macht Ärger — was soll man da tun?" Friedchen sagte: „Der Zweite Herr braucht sich nicht zu sorgen. Was Geld angeht, habe ich noch einige Dinge. Letztes Jahr zum Glück wurden sie bei der Hausdurchsuchung nicht mitgenommen. Wenn der Zweite Herr sie braucht, nehme er sie und versetze sie." Als Kette Kaufmann das hörte, dachte er bei sich: „Wie schätzenswert!" Er lächelte und sagte: „Das ist noch besser, dann brauche ich mich nicht überall abzumühen. Wenn ich Silber aufgetrieben habe, gebe ich es dir zurück." Friedchen sagte: „Was ich habe, hat mir auch die gnädige Herrin gegeben — von Zurückgeben kann keine Rede sein. Hauptsache, diese Angelegenheit wird anständig ausgerichtet."
Djia Liän akzepierte Ping-örls Angebot mit ehrlicher Dankbarkeit und verpfändete ihren Besitz für die Beerdigungskosten. Von da an fand er es wichtig, über alles mit ihr zu diskutieren. Tjiu-tung war sehr aufgebracht und nahm jede Gelegenheit wahr, um sich zu beschweren: „Nun, da Frau Liän weg ist, denkt Ping-örl, sie könne alles übernehmen. Der Herr gab mich zu Herrn Liän. Wie kann Ping-örl denken, eine höhere Position als meine zu erlangen?“

Ping-örl bemerkte Tjiu-tungs verärgerte Art, aber schenkte ihr keine Beachtung. Djia Liän, für seinen Teil, fand Tjiu-tungs Ablehnung, welche er sehr bald bemerkte, sehr unangenehm, und wann immer etwas geschah, das ihn verärgerte, ließ er seine schlechte Laune an ihr aus. Die Dame Hsing kritisierte ihn dafür, und sie fühlte sich wiederum berufen, ihn dafür zu tadeln. Aber nun nichts mehr davon.
Kette Kaufmann war ihr von Herzen dankbar. Er nahm Friedchens Sachen, versetzte sie und verwendete das Geld. Alle Angelegenheiten besprach er fortan mit Friedchen. Herbstzither [秋桐][14] sah das mit Missgunst und sagte bei jeder Gelegenheit: „Seit die gnädige Herrin tot ist, will Friedchen nach oben aufsteigen. Ich bin eine Frau des gnädigen Herrn — wie kann sie mich einfach übergehen?" Friedchen merkte das wohl, beachtete sie aber nicht. Kette Kaufmann hingegen wurde nur umso klarer im Kopf und begann, Herbstzither zu verabscheuen. Wenn er verärgert war, ließ er seinen Zorn an Herbstzither aus. Erste Dame Xing [邢夫人][15] erfuhr davon und gab stattdessen Kette Kaufmann die Schuld. Kette Kaufmann schluckte seinen Ärger und schwieg.
Nach gegebener Zeit, nachdem Hsi-fëngs Körper im Sarg für über zehn Tage ausgestellt worden war, wurde er zum Tempel gebracht. Djia Dschëng war noch am Trauern für die Herzoginmutter und blieb in seinem Studierzimmer während Hsi-fëngs Beerdigung. Sein Gefolge der literarischen Herren hatten ihn nach und nach verlassen. Nur Tscheng Ji-hsing besuchte ihn regelmäßig: Bei einer Gelegenheit sprach Djia Dschëng zu ihm über das allgemeine Thema des Untergangs seiner Familie: „Sieh, wie einer nach dem anderen stirbt! Mein älterer Bruder und der junge Dschën sind beide in der Verbannung. Unsere Finanzen verschlechtern sich täglich. Und wer weiß, was aus unserem Landbesitz in den östlichen Provinzen wird. Alles zusammen ist es ein katastrophaler Zustand!“ Was nun Phönixglanz betrifft: Nachdem sie etwas mehr als zehn Tage aufgebahrt worden war, wurde sie zu Grabe getragen. Aufrecht Kaufmann [贾政] hielt die Trauerzeit für die Herzoginmutter ein und blieb in seinem äußeren Arbeitszimmer. Die Gesellschafter und Berater hatten sich nach und nach verabschiedet; nur noch ein gewisser Cheng Rixing [程日兴] war geblieben und leistete ihm bisweilen Gesellschaft beim Plaudern. Man sprach über das Unglück der Familie: „Einer nach dem anderen ist gestorben, der Erste Herr [大老爷] und der Herr Zhen [珍大爷] sind draußen in der Verbannung, die Haushaltskasse wird von Tag zu Tag knapper, und wie es um die Ländereien im Osten steht, weiß auch niemand — es steht schlecht um alles!"
„Ich war viele Jahre hier, Herr“, sagte Tscheng, „und ich habe selbst gesehen, wie beschäftigt Ihr Personal damit ist, sich selbst auf Eure Kosten zu bereichern. Jedes Jahr zeigt, wie das Geld aus Euren Taschen in deren Taschen regnet. Das ruiniert Sie. Dann brauchen Sie das Geld für die Familien von Herrn Schë und Herrn Dschën, und außerdem haben Sie sich beachtliche Schulden zugezogen. Und dann der Verlust, der durch den letzten Überfall entstand, wovon ich nicht glaube, daß das Diebesgut wiedergefunden wird. Wenn sie wünschen, daß Ihr Haus wieder in Ordnung gebracht wird, Herr, wäre die einzige Abhilfe, die ich mir vorstellen kann, das gesamte Personal zu versammeln, und Ihren vertrauenswürdigsten Verwalter mit einer umfangreichen Untersuchung Ihrer Konten zu beauftragen. Auf diese Art können sie beurteilen, in welchem Bereich Einsparungen möglich sind. Defizite sollten vom verantwortlichen Verwalter übernommen werden. Auf diese Art wissen Sie wenigstens, wo Sie stehen. Dann ist da der Garten. Er ist zu groß, um von jemandem gekauft zu werden. Aber es ist eine Schande, daß ein Ort mit soviel Potential für Gewinn so vernachlässigt wird. Während der Jahre, die Sie weg waren, Herr, hat das Personal dort alle Sorten von erschreckenden Geschichten fabriziert, welche den Effekt hatten, jeden davon abzuhalten, den Ort zu betreten. All ihr Ärger kommt, zusammengefaßt, von den Taten Ihrer Angestellten. Sie sollten eine gute Untersuchung führen und unzufriedenstellende Elemente unter ihnen entlassen. Es wäre eine Abhilfe, die Sinn ergäbe.“ Jener Cheng Rixing sagte: „Ich bin schon viele Jahre hier und kenne die Leute dieses Hauses. Wer hat sich denn nicht die eigenen Taschen gefüllt? Jahr für Jahr haben sie alles in ihre eigenen Häuser geschafft — da ist es nur natürlich, dass das Vermögen des gnädigen Hauses von Jahr zu Jahr schwindet. Dazu kommen die Ausgaben für den Ersten Herrn und den Herrn Zhen an zwei verschiedenen Orten; draußen gibt es Schulden; und neulich hat man wieder viel Geld verloren. Auf die Behörden zu hoffen, dass sie die Diebe fassen und die gestohlenen Güter wiederbeschaffen — das ist aussichtslos. Wenn der gnädige Herr die Haushaltsangelegenheiten in Ordnung bringen will, muss er die Verwalter zu sich rufen und einen Vertrauensmann losschicken, um überall gründlich nachzuprüfen: Was weg muss, muss weg; was bleiben soll, soll bleiben; wo Fehlbeträge sind, müssen die Verantwortlichen Ersatz leisten. Dann hat man klare Verhältnisse. Jener große Garten — den wagt kein Fremder zu kaufen. Die Erträge daraus sind beträchtlich, doch es ist niemand mehr damit beauftragt, ihn zu verwalten. In den Jahren, da der gnädige Herr nicht zu Hause war, haben die Leute dort allerhand Spuk und Geistergeschichten inszeniert, sodass sich niemand mehr in den Garten traut — das ist alles das Werk der Hausdiener. Wenn man jetzt die Untergebenen überprüft und die Guten behält, die Schlechten aber fortjagt — das wäre der rechte Weg."
„Mein lieber Tscheng“, antwortete Djia Dschëng, mit dem Kopf schwer nickend, „du scheinst nicht mitzubekommen: Ich kann nicht mal meinem eigenen Neffen trauen, ganz zu schweigen von den Angestellten! Und wenn ich selbst so eine Untersuchung, wie du sie vorschlägst, machen würde, würde ich es nicht zu hoffen wagen, die Wurzel der Probleme zu finden. Nicht daß ich mich nicht in so eine Sache einarbeiten könnte, während ich noch trauere. Selbst wenn ich dies täte, habe ich in der Vergangenheit den Haushaltsdetails nie viel Aufmerksamkeit geschenkt, daher habe ich wirklich keine Ahnung, was wir haben sollten und was nicht. Ich weiß nicht einmal, wo ich nachsehen soll.“

„Sie sind ein großzügiger und rechtschaffener Mann“, erwiderte Tscheng. „In jeder anderen Familie von vergleichbarer Position könnten die Herren, selbst wenn die Dinge diesen kritischen Zustand erreicht haben, darauf zählen, die Katastrophe für fünf oder zehn Jahre aufzuschieben, indem sie ihre Verwalter um Geld bitten. Ich weiß, daß einer ihrer Männer sogar zu einem Magistrat des Bezirks berufen wurde.“

„Nein!“, unterbrach ihn Djia Dschëng streng, „wenn ein Mann sich erniedrigt und Geld von seinen eigenen Angestellten borgt, ist das der Anfang vom Ende. Wir müssen einfach unsere Gürtel enger schnallen. Wenn wir noch den Grund besitzen, der in unseren Büchern steht, gut und schön. Aber ich persönlich neige dazu zu glauben, daß wenig Realität in diesen Einträgen steckt.“

„Genau, Herr“, antwortete Tscheng, „das war genau mein Grund, eine Untersuchung der Konten vorzuschlagen.“

„Warum, hast du was gehört?“, fragte Djia Dschëng.
Aufrecht Kaufmann nickte und sagte: „Herr Cheng, da gibt es manches, was Sie nicht wissen. Von den Untergebenen einmal abgesehen — nicht einmal auf die eigenen Neffen kann ich mich verlassen. Wenn ich das alles überprüfen wollte, wie sollte ich alles selbst sehen und selbst erfahren? Zudem bin ich in der Trauerzeit und kann mich um solche Dinge nicht kümmern. Ich habe mich von jeher nicht viel um den Haushalt gekümmert — ob etwas da ist oder nicht, davon habe ich kaum eine Vorstellung." Cheng Rixing sagte: „Der gnädige Herr ist ein Mensch von höchster Güte und Milde. In einem anderen Hause könnte man, selbst wenn das Vermögen zusammengeschrumpft wäre, noch zehn oder fünfzehn Jahre davon leben. Man bräuchte nur die Verwalter zur Rechenschaft zu ziehen — das allein würde genügen. Ich habe gehört, dass unter den Hausdienern des gnädigen Herrn sogar einer ist, der es zum Bezirksvorsteher gebracht hat." Aufrecht Kaufmann sagte: „Wenn ein Herr erst einmal anfängt, das Geld seiner Diener einzutreiben, dann ist es um ihn geschehen. Es ist besser, selbst sparsamer zu leben. Doch die Güter und Besitzungen, die in den Büchern verzeichnet sind — wenn die wirklich noch vorhanden sind, ist es gut; ich fürchte nur, dass sie nur dem Namen nach existieren, ohne dass etwas Reales dahintersteckt." Cheng Rixing sagte: „Eben darum sage ich ja, dass eine Überprüfung nötig ist!" Aufrecht Kaufmann sagte: „Sie müssen etwas gehört haben." Cheng Rixing sagte: „Obwohl ich einiges über die Machenschaften der Verwalter weiß, wage ich nicht, darüber zu sprechen." Als Aufrecht Kaufmann das hörte, merkte er, dass hinter diesen Worten etwas steckte, und seufzte: „Seit meinem Großvater und Urgroßvater ist unser Haus stets gütig und milde gewesen — nie hat man die Untergebenen schlecht behandelt. Ich sehe aber, dass die heutigen Leute mit jedem Tag schlimmer werden. Wenn ich nun in meiner Person den strengen Herrn hervorkehre, macht man sich über mich lustig."
„Ich habe von manchen Freveln, die von ihren Angestellten begangen wurden, gehört“, antwortete Tscheng, „aber ich hätte sie kaum in Ihrer Anwesenheit melden können, Herr.“

Djia Dschëng erriet aus dem Ton in Tschengs Stimme, daß er die Wahrheit sagte.
Während die beiden noch sprachen, kam der Türhüter herein und meldete: „Der alte Herr Zhen [甄老爷] aus Jiangnan ist eingetroffen." Aufrecht Kaufmann fragte: „Was führt den Herrn Zhen in die Hauptstadt?" Der Diener antwortete: „Euer Diener hat sich erkundigt — es heißt, er sei durch kaiserliche Gnade wieder in sein Amt eingesetzt worden." Aufrecht Kaufmann sagte: „Dann erübrigt sich jedes weitere Wort — bitten Sie ihn schnell herein." Der Diener ging hinaus und führte den Gast herein.
„Ach!“ seufzte er, „seit den Tagen meines Großvaters, haben wir dasHerkommen in meiner Familie, daß wir unserem Personal gegenüber freundlich und großzügig sind. Wir haben sie nie schlecht behandelt oder ihnen einen Grund zur Beschwerde gegeben. Was ist aus der jetztigen Generation geworden! Es wird täglich schlimmer. Und wenn ich jetzt plötzlich wie ein strenger Herr handle, glaube ich nicht, daß ich ernst genommen würde.“

Als sie sprachen, kam einer der Hausmeister herein und kündigte seine Exzellenz Dschën von der Familie aus Djiangnan an, der zu Besuch gekommen war. „Was treibt ihn in die Hauptstadt?“, fragte Djia Dschëng.

„Wie ich verstehe, Herr“, antwortete der Diener, „wurde er durch die Gunst des Kaisers befördert.“ –

„Bring ihn sofort herein“, sagte Djia Dschëng.
Jener Herr Zhen war niemand anderes als der Vater von Zhen Baoyu [甄宝玉][16] — er hieß Zhen Yingjia [甄应嘉], mit dem Beinamen Youzhong [友忠], stammte ebenfalls aus Jinling [金陵] und war ein Nachkomme verdienter Beamter. Er war seit Langem mit dem Hause Kaufmann verwandt und hatte regen Umgang mit ihnen gepflogen. Vor zwei Jahren war er durch eine Verwicklung seines Amtes enthoben und sein Familienbesitz eingezogen worden. Nun aber hatte der Kaiser sich der Verdienste seiner Ahnen erinnert, ihm seinen erblichen Titel zurückgegeben und ihn zur Audienz in die Hauptstadt befohlen. Da er vom jüngsten Ableben der Herzoginmutter erfahren hatte, brachte er besondere Opfergaben mit, wählte einen Tag, um am Ort der vorläufigen Aufbahrung seinen Respekt zu erweisen, und kam deshalb zunächst zu einem Besuch vorbei.
Der Diener ging hinaus, um den Besucher hereinzuführen. Seine Exzellenz Dschën war der Vater von Dschën Bau-yü. Sein voller Name war Dschën Ying-djia, sein Hofname You-dschung, was ‚Freund der Loyalen‘ bedeutete. Die Dschëns waren, wie erinnert werden soll, wie die Djias, eine angesehene Familie von Nanking, und die beiden Familien hatten eine lange Familienbeziehung und sich oft besucht. Dschën Ying-djia hatte seinen Posten vor ein oder zwei Jahren verloren aufgrund eines Vergehens, und der Familienbesitz wurde daraufhin beschlagnahmt. Nun hatte sein Majestät der Kaiser an ihm einen besonderen Gefallen als Nachfahre eines treuen und verdienten Menschen, hatte ihn wieder in seine ererbte Position eingesetzt und ihn in die Hauptstadt zu einer Audienz berufen. Er wußte, daß die Herzoginmutter kürzlich verstorben war, also hatte Dschën eine Gabe vorbereitet und einen günstigen Tag aus dem Kalender gewählt, an welchem man die Gabe im Tempel, wo ihre sterblichen Überreste lagen, überreichen solle. Bevor er das tun wollte, besuchte er das Jung-guo-Anwesen, um seinen Respekt zu zeigen.

Die Traueretikette hinderte Djia Dschëng daran, hinauszugehen und seinen Gast zu begrüßen, aber er hieß ihn von der Schwelle seines äußeren Studierzimmers willkommen. Als Dschën Ying-djia ihn sah, mischten sich Trauer und Freude in seiner Brust. Beide Herren unterließen jede umständliche Form der Zeremonie, gaben sich stattdessen einfach die Hand und tauschten Grüße aus. Sie setzten sich an einen Tisch, Djia Dschëng bot seinem Gast etwas Tee, und sie redeten eine Weile.

„Wann wurdest du von seiner Majestät empfangen?“, fragte Djia Dschëng. „Vorgestern“, antwortete Dschën Ying-jia.
Aufrecht Kaufmann trug Trauerkleidung und konnte den Gast nicht draußen empfangen; er wartete an der Tür des äußeren Arbeitszimmers. Als jener Herr Zhen ihn erblickte, war er zugleich traurig und froh. Da man sich in der Trauerzeit befand, konnte man die üblichen Höflichkeitsformen nicht einhalten; so ergriff er seine Hände und tauschte Worte der Sehnsucht und des langen Getrenntseins aus. Dann setzten sie sich nach Gast und Gastgeber getrennt, Tee wurde gereicht, und beide erzählten einander von den Geschehnissen seit ihrer Trennung. Aufrecht Kaufmann fragte: „Wann hat der verehrte Herr Schwager die Audienz gehabt?" Zhen Yingjia antwortete: „Vorgestern." Aufrecht Kaufmann sagte: „Des Kaisers Gnade ist groß — gewiss gab es gnädige Weisungen." Zhen Yingjia sagte: „Die Gnade Seiner Majestät ist wahrlich höher als der Himmel — er hat eine ganze Reihe von Erlassen herabgegeben." Aufrecht Kaufmann fragte: „Was für günstige Erlasse?" Zhen Yingjia sagte: „In letzter Zeit treiben die Piraten in Zhejiang [越寇] ihr Unwesen, und die Bevölkerung an den Küsten kommt nicht zur Ruhe. Der Anguo-Gong [安国公] wurde mit einem Feldzug gegen die Räuber beauftragt. Da Seine Majestät weiß, dass ich mit der Gegend vertraut bin, hat er mir befohlen, dorthin zu gehen und das Volk zu beruhigen. Ich muss allerdings sogleich aufbrechen. Als ich gestern vom Hinscheiden der alten Gnädigen Frau erfuhr, habe ich eine bescheidene Räucherung vorbereitet, um am Traueraltar meinen Respekt zu erweisen und ein wenig meine aufrichtige Anteilnahme auszudrücken."
„Seine Majestät muß dich in seiner großen Freundlichkeit sicherlich mit ein paar Einweisungen befördert haben.“

„Ja, in der Tat. Seine Majestät, dessen Freundlichkeit den Himmel überschreitet, haben mich mit einem Erlaß befördert.“ –

„Darf ich nach seinem Inhalt fragen?“ –

„Mit Blick auf die letzten Ausbrüche der Piraterie an der Südküste und die beunruhigenden Zustände, denen die Leute dort ausgesetzt sind, haben seine Majestät den Herzog An-guo auf eine Friedensmission gegen die Rebellen geschickt. Weil ich mit der Gegend so vertraut bin, hat er mich beauftragt, an der Aktion teilzunehmen, ich muß fast sofort abreisen. Als ich gestern hörte, daß die Herzoginmutter verstorben ist, habe ich eine bescheidene Gabe von Blüten-Räucherstäbchen vorbereitet, um es vor ihrem Sarg verbrennen zu lassen, als kleiner Ausdruck meiner Andacht.“
Aufrecht Kaufmann dankte sogleich mit einer tiefen Verbeugung und sagte: „Mit dieser Reise wird der verehrte Herr Schwager gewiss das kaiserliche Herz beruhigen und das Volk befrieden. Das ist wahrhaftig ein großes Verdienst und liegt ganz in dieser Reise. Nur dass ich die glänzenden Taten nicht mit eigenen Augen werde sehen können — ich werde aus der Ferne auf Siegesnachrichten lauschen. Der kommandierende General an der Küste [镇海统制] ist ein Verwandter meines bescheidenen Hauses — wenn Sie ihn treffen, bitte ich um Ihre gütige Fürsorge." Zhen Yingjia fragte: „In welcher verwandtschaftlichen Beziehung steht der gnädige Herr zum Kommandierenden General?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Als ich damals das Amt des Getreidewegeinspektors in Jiangxi [江西粮道] bekleidete, habe ich meine Tochter mit dem Sohn des Kommandierenden Generals verlobt; sie sind inzwischen drei Jahre verheiratet. Wegen des Falles an der Hafenmündung und wegen der Seeräuber war der Briefverkehr unterbrochen. Ich sorge mich sehr um meine Tochter. Wenn der verehrte Herr Schwager die Befriedung abgeschlossen hat, bitte ich ihn, bei Gelegenheit einmal nach ihr zu sehen. Ich werde einige Zeilen verfassen und sie einem Diener des Herrn Schwager mitgeben — das wäre mir eine große Erleichterung."
Djia Dschëng verneigte sich dankend und antwortete: „Ich bin sicher, dieses Unternehmen wird eine Gelegenheit für dich sein, die Gedanken seiner Majestät zu beruhigen und der Nation Frieden zu bringen. Ich zweifle auch nicht daran, daß es dir großen persönlichen Ruhm einbringen wird! Ich bedaure nur, daß ich nicht fähig bin, dies mit meinen eigenen Augen zu sehen, sondern mich damit zufrieden geben muß, die Neuigkeiten deiner Siege von weit weg zu hören. Der gegenwärtige Kommandant der Dschënhai-Küstenregion ist ein Verwandter von mir, und ich hoffe, daß du ihn freundlich empfangen wirst, wenn du ihn triffst.“ –

„Wie bist du mit dem Kommandanten verwandt?“, fragte Dschën Ying-djia.

„Während meiner Zeit im Amt als Getreide-Intendant in Djianghsi“, antwortete Djia Dschëng, „habe ich meine Tochter mit seinem Sohn verlobt, und sie sind nun seit drei Jahren verheiratet. Eine ausgedehnte Störung an der Küste und die weitere Konzentration auf die Piraten in der Region haben für eine Weile verhindert, daß uns Neuigkeiten von da erreichten. Ich bin sehr um das Wohlergehen meiner Tochter besorgt und flehe dich ernsthaft an, sie zu besuchen, wenn deine Pflichten erfüllt sind und sich eine gute Gelegenheit bietet. In der Zwischenzeit werde ich ihr einen kurzen Brief schreiben, und, wenn du so nett wärst, es für mich von einem deiner Männer dorthin bringen zu lassen, wäre ich dir ewig dankbar.“
Zhen Yingjia sagte: „Die Sorge um Söhne und Töchter — das ist nur menschlich. Ich hätte seinerseits auch eine Bitte an den verehrten Herrn Schwager: Durch die kaiserliche Gnade nach der Hauptstadt berufen, habe ich, da mein Sohn noch jung ist und es an Leuten im Hause fehlt, meine ganze Familie mitgebracht. Da ich unter kaiserlichem Eilbefehl stehe, bin ich Tag und Nacht vorausgereist; meine Familie folgt in langsamerer Reise und wird noch einige Tage bis zur Ankunft in der Hauptstadt brauchen. Da ich den kaiserlichen Befehl habe und die Hauptstadt rasch verlassen muss, kann ich mich nicht lange aufhalten. Wenn meine Familie in der Hauptstadt eingetroffen ist, wird sie gewiss das verehrte Haus aufsuchen, und ich werde meinen unbedeutenden Sohn zum Besuch vorbeischicken. Wenn er belehrt werden kann und sich eine günstige Gelegenheit für eine Heirat ergibt, bitte ich um wohlwollende Aufmerksamkeit." Aufrecht Kaufmann sagte zu allem Ja und Amen. Jener Zhen Yingjia sprach noch einige Worte und wollte dann aufbrechen mit den Worten: „Morgen sehen wir uns außerhalb der Stadt noch einmal." Aufrecht Kaufmann sah, dass er es eilig hatte und wohl kaum länger bleiben konnte, und geleitete ihn bis zum Arbeitszimmer hinaus.
„Kinder sind die Wurzel der Sorge für alle von uns“, antwortete Dschën. „Ich selbst war dabei, dich um einen ähnlichen Gefallen zu bitten. Als ich meine Anweisungen von seiner Majestät erhielt, zur Hauptstadt zu kommen, entschied ich mich, meine Familie mit mir zu nehmen. Mein Sohn ist in einem zarten Alter, und wir haben nur wenig Personal zu Hause. Ich mußte vorauseilen, während meine Familie mir auf einem bequemeren Weg folgt und jeden Tag hier ankommen sollte. Mir wurden bereits meine Marschpläne gegeben, und ich darf mich nicht noch mehr verspäten. Wenn meine Familie ankommt, können sie sich sicher bei dir melden, und ich habe meinem Sohn Anweisung gegeben, dir seinen Respekt zu erweisen, in der Hoffnung, daß er von deinem Rat profitieren kann. Sollte ein passendes Angebot für eine Hochzeit für dich zu erkennen sein, wäre ich sehr dankbar, wenn du uns dieses präsentieren würdest.“

„Das mache ich,“ versicherte ihm Djia Dschëng. Nach ein wenig mehr Geplauder erhob sich Dschën Ying-djia, um zu gehen, und sagte: „Ich hoffe dich morgen außerhalb der Stadt zu sehen.“

Djia Dschëng wußte, daß Dschën viele andere Verabredungen haben mußte und wollte ihn nicht bedrängen zu bleiben. Er brachte ihn zur Tür des Studierzimmers, wo Djia Liän und Bau-yü darauf warteten, ihn hinauszubegleiten. Weil Djia Dschëng sie nicht hereingebeten hatte, hatten sie draußen gewartet. Die beiden jüngeren Männer gingen vor, um Herrn Dschën Ying-djia ihn zu begrüßen. Dieser schien sehr erstaunt über den Anblick von Bau-yü.

‚Denk’ die weiße Trauerkleidung weg‘, dachte er bei sich. ‚und dieser junge Mann ist das genaue Abbild unseres eigenen Bau-yü!‘ –

„Es ist so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, sagte er höflich, „daß ich fast eure Namen vergessen habe.“

Djia Dschëng zeigt auf Djia Liän: „Der Sohn meines älteren Bruders Schë.“

Dann zeigte er auf Bau-yü: „Mein eigener zweiter Sohn, Bau-yü.“

Dschën klatschte in die Hände: „Wie außergewöhnlich! Ich hörte die Geschichte zu Hause, daß du einen sehr geliebten Sohn hast, der mit einem Jadestein geboren wurde, und daß sein Name Bau-yü sei. Ich war erst sehr überrascht, daß unsere Söhne denselben Namen teilen, aber später dachte ich, daß solche Zufälle sehr häufig sind. Nun habe ich ihn in Fleisch und Blut gesehen und bin wieder völlig erstaunt! Er ist das lebende Abbild meines eigenen Sohnes! Nicht nur seine Züge, die ganze Art und die Bewegungen sind diesselben!“

Als ihm Bau-yüs Alter genannt wurde, kommentierte er: „Mein Sohn ist ein Jahr jünger.“
Kette Kaufmann [贾琏] und Schatzjade hatten schon die ganze Zeit draußen gewartet, um den Gast zu verabschieden; da Aufrecht Kaufmann sie aber nicht gerufen hatte, wagten sie nicht, eigenmächtig einzutreten. Als Zhen Yingjia herauskam, traten die beiden vor und begrüßten ihn. Zhen Yingjia erblickte Schatzjade und stutzte einen Moment — in Gedanken sagte er sich: „Wie kann der meinem Baoyu so ähnlich sehen? Nur dass er ganz in weiße Trauerkleidung gehüllt ist." Er sagte: „Als nahe Verwandte, die sich so lange nicht gesehen haben — die jungen Herren erkenne ich nicht mehr." Aufrecht Kaufmann zeigte eilig auf Kette Kaufmann und sagte: „Dies ist der zweite Sohn meines älteren Bruders Begnadigung Kaufmann [赦] — Kette." Dann zeigte er auf Schatzjade und sagte: „Dies ist mein zweiter unbedeutender Sohn, er heißt Baoyu [宝玉]." Zhen Yingjia klatschte in die Hände und rief: „Erstaunlich! Zu Hause habe ich gehört, dass der verehrte Herr Schwager einen geliebten Sohn hat, der mit einem Jadestück im Mund zur Welt kam und Baoyu heißt — da er denselben Namen trägt wie mein Sohn, fand ich das höchst verwunderlich. Dann aber dachte ich, solche Dinge kommen ja vor, und dachte nicht weiter darüber nach. Doch dass er, nun da ich ihn heute sehe, nicht nur das gleiche Gesicht hat, sondern auch dieselbe Art und Weise — das ist wahrhaft erstaunlich!" Er fragte nach dem Alter und sagte: „Er ist ein Jahr jünger als unser Junge." Aufrecht Kaufmann erwähnte dann noch, wie er seinerzeit durch eine Empfehlung den Bao Yong [包勇][17] aufgenommen habe, und erzählte auch die Geschichte, wie sein Sohn denselben Namen trage. Zhen Yingjia aber hatte nur Augen für Schatzjade und kümmerte sich nicht weiter um Bao Yongs Ergehen; er sagte nur immer wieder: „Wahrhaft erstaunlich, wahrhaft erstaunlich!" Er fasste Schatzjade bei der Hand und war überaus herzlich. Doch weil er fürchtete, der Anguo-Gong könnte bald aufbrechen, und er dringend die Reise vorbereiten musste, riss er sich nur mit Mühe los und ging langsam. Kette Kaufmann und Schatzjade geleiteten ihn hinaus und beantworteten unterwegs noch viele Fragen nach Schatzjade; dann erst stieg Zhen Yingjia in seine Kutsche. Kette Kaufmann und Schatzjade kehrten zurück, meldeten sich bei Aufrecht Kaufmann und berichteten die Fragen, die Zhen Yingjia gestellt hatte. Aufrecht Kaufmann entließ die beiden. Kette Kaufmann ging, um die Abrechnung der Bestattungskosten für Phönixglanz vorzunehmen.
Djia Dschëng fuhr fort, daß er bereits einige Informationen über Dschën Bau-yü von Bau Yung gesammelt hatte, den Dschën Ying-djia selbst empfohlen hatte. Als er Bau Yung erwähnt hatte, wiederholte Dschën Ying-djia, daß die beiden Söhne denselben Namen hatten. Weil er Bau-yü sehr liebte, mochte er auch nicht nach dem Betragen von Bau Yung forschen, sondern rief weiter: „Sehr außergewöhnlich! Sehr außergewöhnlich!“ Schatzjade kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und erzählte Schatzspange alles. Er sagte: „Den immer wieder erwähnten Zhen Baoyu — ich dachte, es wäre unmöglich, ihn je zu sehen, doch heute habe ich zuerst einmal seinen Vater getroffen. Ich habe auch gehört, dass Baoyu in wenigen Tagen in der Hauptstadt eintrifft und unseren Herrn Vater besuchen will. Auch er sagt, er sehe genauso aus wie ich — ich kann es einfach nicht glauben. Wenn er in den nächsten Tagen zu uns kommt, geht alle und schaut euch an, ob er mir wirklich ähnlich sieht!" Schatzspange hörte das und sagte: „Ach! Wie redest du denn — immer wirrer! Dass ein fremder Mann dir ähnlich sieht, muss man ja nicht gleich aussprechen, und dann noch uns auffordern, ihn anzuschauen!" Als Schatzjade das hörte, merkte er, dass er sich verplappert hatte; sein Gesicht wurde rot, und er wollte hastig eine Erklärung nachschieben.
Er nahm Bau-yü an der Hand und war ihm gegenüber sehr freundlich. Ihre Unterhaltung hätte länger gedauert, wenn der Herzog An-guo es mit dem Aufbruch nicht eilig gehabt hätte. Dschën wollte nicht, daß sich sein Vorgesetzter verspätete und mußte selbst noch eilige Vorbereitungen für die bevorstehende lange Reise treffen. Er zwang sich daher, auf Wiedersehen zu sagen, und verabschiedete sich würdig, begleitet von Djia Liän und Bau-yü. Auf dem ganzen Weg bedrängte er Bau-yü förmlich mit Fragen. Endlich stieg er in seinen Wagen und fuhr fort; Djia Liän und Bau-yü kehrten zurück, um sich bei Djia Dschëng zu melden. Sie erzählten ihm noch einmal, was Dschëng Ying-djia gesagt hatte. Als sie entlassen wurden, ging Djia Liän noch einmal, um sich zu bemühen, seine Konten für Hsi-fëngs Beerdigung zu regeln. Was er dann sagte, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Bau-yü kehrte zu seinen eigenen Gemächern zurück und erzählte Bau-tschai von seinem Treffen mit Dschën Ying-djia.

„Ich hätte nie gedacht, daß ich eine Chance hätte, diesen Dschën Bau-yü zu sehen, von dem wir ständig hören, aber nun habe ich seinen Vater gesehen, und anscheinend wird er in den nächsten Tagen herkommen, um meinen Vater zu besuchen. Alle sagen immer, er sei mein ‚lebendes Abbild‘, was ich schwer glauben kann. Wenn dieser andere Bau-yü kommt, müßt ihr alle einen Blick auf ihn werfen, und entscheiden, ob es da wirklich eine Ähnlichkeit gibt.“

„Schande über dich!“, rief Bau-tschai aus, „ehrlich, du redest täglich mehr und mehr sonderliches Zeug! Erst erzählst du uns irgendeine Geschichte über einen jungen Mann, der wie du aussehen soll, dann willst du, daß wir einen ‚Blick‘ auf ihn werfen!“
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Bau-yü erkannte, daß er da etwas Falsches gesagt hatte, und errötete. Er versuchte einen Weg zu finden, seinen Fauxpas zu beheben. ----
Aber um mehr zu erfahren, muß man zum nächsten Kapitel gehen. Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
  1. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  2. Chin. 甄应嘉 Zhēn Yīngjiā. Vater von Zhen Baoyu.
  3. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Jade". Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
  4. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
  5. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  6. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  7. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
  8. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse". Konkubine von Xue Pan.
  9. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
  10. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  11. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.
  12. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.
  13. Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.
  14. Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.
  15. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.
  16. Chin. 甄宝玉 Zhēn Bǎoyù, wörtl. „Wahrer Kostbare Jade". Schatzjades Doppelgänger aus der Familie Zhen.
  17. Chin. 包勇 Bāo Yǒng, wörtl. „Tapferer Bao". Von der Familie Zhen empfohlener Wächter.
  18. Yuque 玉阙 — bezeichnet den Kaiserpalast oder den Hof. Aus einem Gedicht von Kaiser Taizong der Tang-Dynastie: „Sie hängen herab am Jadehof in abgestufter Pracht, entfalten und rollen sich vor dem Orchideenpalast."
  19. Zhanran 沾染 — hier im Sinne von: sich wirtschaftlich bereichern, Vorteile ziehen.
  20. Wenyu 温谕 — ehrerbietige Bezeichnung für kaiserliche Erlasse, im Sinne von: des Kaisers gnädige Fürsorge für seine Untertanen.
  21. Yuekou 越寇 — Piraten in der Gegend des heutigen Zhejiang. Yue: Gebiet des antiken Staates Yue zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen, dessen Hauptstadt Kuaiji dem heutigen Shaoxing entspricht.
  22. Banxiang 瓣香 — ursprünglich ein in Scheiben gespaltener Aloeholz-Weihrauch, der zur Verehrung Buddhas und hochgestellter Personen verwendet wird; hier allgemein für Räucherwerk und zugleich Ausdruck der Ehrerbietung.
  23. Weichen 微忱 — bescheidene Selbstbezeichnung für die eigene aufrichtige Anteilnahme.
  24. Zunji 尊纪 — ehrerbietige Bezeichnung für die Diener eines anderen. Ji ist die Kurzform von jigang 纪纲, was „Diener" bedeutet, abgeleitet aus dem Zuozhuan, Herzog Xi, 24. Jahr.

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