Hongloumeng/de/Chapter 31
Kapitel 31
Einen Fächer zerreißen für ein Lachen, das tausend Goldstücke wert ist — Ein goldenes Einhorn als Vorzeichen für das Paar mit den weißen Häuptern
Es wird erzählt, wie Dufthauch [袭人] beim Anblick des leuchtend roten Blutes, das sie ausgespuckt hatte, für einen Augenblick eiskalt ums Herz wurde. Sie musste daran denken, was sie oft hatte sagen hören: „Wer in jungen Jahren Blut spuckt, der wird nicht alt; und wird er es doch, so bleibt er für immer ein Krüppel." Als ihr diese Worte jetzt wieder einfielen, verging ihr gewöhnlicher Wunschtraum von Glanz und Ruhm im Nu zu nichts, und unwillkürlich begannen ihr die Tränen über die Wangen zu rinnen.
Als Schatzjade [贾宝玉] ihre Tränen sah, wurde auch ihm weh ums Herz, und er fragte: „Wie fühlst du dich?"
Dufthauch zwang sich zu einem Lächeln und antwortete: „Es ist alles in Ordnung. Was soll mir denn fehlen?"
Schatzjade wollte sofort jemanden rufen lassen, um Reiswein warm zu machen und Lidong-Pillen mit Bergziegenblut [Anm.: 山羊血黎洞丸, ein traditionelles Heilmittel gegen innere Blutungen] herbeizuschaffen. Doch Dufthauch ergriff seine Hand und sagte lächelnd: „Mach doch nicht so viel Aufhebens! Wie viele Leute willst du damit auf die Beine bringen, die mir dann vorwerfen, ich sei leichtsinnig? Jetzt weiß noch niemand davon, aber wenn du solch einen Wirbel machst, dass es bekannt wird, ist das weder für dich noch für mich günstig. Richtiger ist, du schickst morgen einen der Burschen zu Hofarzt König und lässt ihn konsultieren. Dann wird etwas Medizin zubereitet, die ich einnehme, und alles wird wieder gut, ohne dass eine Menschenseele davon erfährt. Wäre das nicht besser?"
Schatzjade erkannte, dass sie recht hatte, und gab sich zufrieden. Er ging zum Tisch, schenkte Tee ein und reichte ihn Dufthauch, damit sie sich den Mund spülen konnte.
Dufthauch wusste, dass Schatzjade sich Sorgen machte. Wenn sie ihm sagte, er solle sich ihretwegen nicht bemühen, würde er ihr nicht gehorchen; außerdem würde er dann erst recht die anderen damit behelligen. So schien es ihr am besten, ihm seinen Willen zu lassen. Also blieb sie auf dem Ruhebett liegen und ließ sich von Schatzjade bedienen.
Kaum war die fünfte Nachtwache angebrochen, kleidete sich Schatzjade an, und ohne an Kämmen und Waschen zu denken, ging er hinaus und ließ den Arzt König Jiren [王济仁] rufen, um ihn persönlich und eingehend zu befragen. König Jiren erkundigte sich nach den Umständen und stellte fest, dass es sich lediglich um eine Verletzung handele. Er nannte den Namen von Pillen und erklärte, wie sie einzunehmen und wie die beschädigte Stelle zu behandeln sei. Schatzjade prägte sich alles ein, kehrte in den Garten zurück und behandelte Dufthauch nach den Anweisungen. Mehr soll davon nicht die Rede sein.
Es war der Tag des Drachenbootfestes [Anm.: 端阳节, am fünften Tag des fünften Monats]. Büschel von Kalmus und Beifuß [Anm.: 蒲艾, traditioneller Schutz gegen böse Geister] steckten an den Türrahmen, Binden mit Tigeramuletten [Anm.: 虎符, Tigeranhänger als Unheil abwehrende Symbole für das Drachenbootfest] wurden um die Arme geschlungen. Zur Mittagszeit ließ Dame König eine Festtafel mit Wein herrichten und lud Tante Schnee [薛姨妈] mit Schatzspange [薛宝钗] und die anderen zum Fest ein.
Schatzjade bemerkte, dass Schatzspange kühl und abweisend zu ihm war, und wagte nicht, sie anzusprechen; er wusste wohl, dass es am Vorfall des Vortages lag. Dame König sah, wie lustlos und niedergeschlagen Schatzjade war, und glaubte, dies müsse an der Sache mit Goldarmreif [金钏儿] liegen, über die er verlegen sei, und schenkte ihm daher erst recht keine Beachtung. Kajaljade [林黛玉] wiederum erklärte sich Schatzjades Zurückhaltung aus der Tatsache, dass er Schatzspange beleidigt hatte, und fühlte sich deshalb ebenfalls unwohl und matt.
Phönixglanz [王熙凤] war bereits am Vorabend von Dame König über den Vorfall zwischen Schatzjade und Goldarmreif informiert worden. Da sie wusste, dass Dame König verärgert war, wagte sie natürlich nicht zu scherzen und zu lachen. Also richtete sie ihr Verhalten nach Dame Königs Stimmung und verhielt sich dementsprechend reserviert. Die Schwestern Willkommenfrühling [贾迎春] und die anderen merkten, dass alle bedrückt waren, und so verging auch ihnen die Laune. So saßen sie alle nur kurze Zeit beisammen und gingen dann auseinander.
Kajaljade war es von Natur aus lieber, wenn man auseinanderging, als wenn man sich traf. Und dafür hatte sie einen eigenen Grund. Sie pflegte zu sagen: „Wo Menschen sich treffen, müssen sie auch wieder auseinandergehen. Beim Zusammensein ist man froh, doch wird es bei der Trennung nicht kalt und einsam sein? Und empfindet man nicht Traurigkeit, sobald es kalt und einsam wird? Darum wäre es besser, man träfe sich gar nicht erst. Ebenso wie bei den Blumen: Wenn sie blühen, hat man sie gern, doch wenn sie verwelken, steigert das nur den Schmerz. Darum wäre es besser, sie blühten gar nicht erst." So machte ihr Kummer, was den anderen Freude bereitete.
Schatzjades Gemüt hingegen war ganz anders beschaffen: Er wünschte sich, immer beisammen zu sein, und fürchtete nichts so sehr wie den Augenblick der Trennung, der ihm Kummer brachte. Die Blumen, so wünschte er, sollten immer blühen, denn vor ihrem Verwelken, das ihm die Freude verdarb, fürchtete er sich zutiefst. Doch wenn es dann soweit war, dass die Festgesellschaft sich auflöste und die Blüten verwelkten, konnte er trotz zehntausendfachen Kummers nichts dagegen tun.
So machte es Kajaljade nichts aus, als man heute ohne rechte Lust auseinanderging. Schatzjade hingegen kehrte bedrückt und missmutig in seine Räume zurück und seufzte in einem fort. Da kam auch noch Heitermuster [晴雯], um ihm beim Umziehen zu helfen. Unglücklicherweise entglitt ihr dabei der Fächer, fiel zu Boden, und der Stiel zerbrach.
„Dummes, dummes Ding!", seufzte Schatzjade. „Was soll nur aus dir werden? Wenn du eines Tages einen eigenen Haushalt führst und für alles sorgen musst, wirst du dich dann auch noch so unachtsam verhalten?"
Heitermuster erwiderte schnippisch: „Der junge Herr ist in letzter Zeit schrecklich jähzornig geworden. Bei jeder Gelegenheit zieht er ein finsteres Gesicht. Gestern hat sogar Dufthauch einen Fußtritt bekommen, und heute sucht er Streit mit uns. Tretet mich oder schlagt mich, ganz wie Ihr wollt! Dass einem ein Fächer aus der Hand fällt, ist doch das Alltäglichste von der Welt. Früher sind wer weiß wie viele Glasschalen und Achatbecher zu Bruch gegangen, ohne dass es auch nur ein böses Wort gegeben hätte — und jetzt regt Ihr Euch wegen eines Fächers so auf? Wozu die Mühe! Wenn Euch an uns nichts mehr liegt, dann schickt uns weg und sucht Euch Bessere zur Bedienung. Wäre es nicht das Beste, wir gingen in Frieden auseinander?"
Als Schatzjade diese Worte hörte, zitterte er vor Wut am ganzen Leib und stieß hervor: „Nur keine Bange! Der Tag wird kommen, an dem wir auseinandergehen!"
Dufthauch hatte von drüben alles mit angehört. Sie kam rasch herüber und sagte zu Schatzjade: „Was ist denn schon wieder? Habe ich es nicht gesagt: Kaum bin ich einen Moment lang nicht da, passiert schon etwas!"
Heitermuster hörte das und sagte höhnisch: „Wenn du so klug bist, Schwester, hättest du schon längst kommen sollen, um dem jungen Herrn den Ärger zu ersparen. Von alters her hast ja nur du allein ihn bedienen dürfen — wir dagegen haben ihn nie bedient! Und weil du ihn so gut bedienst, hast du gestern einen Tritt vor die Brust bekommen. Wer weiß, was uns erst bevorsteht, die wir nicht zu dienen verstehen!"
Diese Worte machten Dufthauch empört und beschämt zugleich. Schon wollte sie ein paar Sätze darauf erwidern, aber als sie sah, wie Schatzjade vor Wut ganz fahl im Gesicht war, beherrschte sie sich und gab Heitermuster stattdessen einen sanften Schubs: „Geh draußen spazieren, gutes Schwesterchen! Wir waren schuld."
Als Heitermuster hörte, wie Dufthauch „wir" sagte — womit sie natürlich sich und Schatzjade meinte —, steigerte das ihre Eifersucht noch mehr. Unter höhnischem Lachen gab sie zurück: „Ich wüsste gern, wer dieses ‚wir' ist! Macht mich nicht rot vor Scham! Was ihr heimlich und verstohlen miteinander treibt, könnt ihr vor mir nicht verbergen, und nun sagst du auch noch ‚wir'! Mit offenen und ehrlichen Mitteln hast du es nicht einmal zur Nebenfrau [Anm.: 姑娘, hier im Sinne einer offiziellen Konkubine, eine höhere Stellung als eine gewöhnliche Dienerin] gebracht, also bist du nichts Besseres als ich — wie kommst du dazu, ‚wir' zu sagen?"
Dufthauch schämte sich so, dass ihr Gesicht blaurot davon anschwoll. Aber sie sah ein, dass sie wirklich etwas Falsches gesagt hatte.
Schatzjade mischte sich ein und sagte: „Wenn du so böse bist, werde ich Dufthauch morgen erst recht in eine höhere Stellung erheben!"
Dufthauch zog Schatzjade hastig an der Hand und sagte: „Sie ist nur ein unvernünftiges Ding, warum willst du dich mit ihr streiten? Außerdem bist du sonst immer großmütig und hast Schlimmeres durchgehen lassen. Was ist nur heute mit dir los?"
Heitermuster höhnte: „So so, ein unvernünftiges Ding bin ich, mit dem es sich nicht lohnt zu sprechen?"
Dufthauch sagte: „Zankst du dich eigentlich mit mir oder mit dem jungen Herrn? Wenn du auf mich einen Groll hast, dann sprich mit mir unter vier Augen, aber zanke nicht in Gegenwart des jungen Herrn! Wenn du aber dem jungen Herrn böse bist, dann darfst du nicht so laut mit ihm zanken, dass es alle Welt hört! Ich habe es nur gut gemeint, als ich hereinkam, und wollte euch zu eurem eigenen Besten zur Vernunft bringen — und du musst mir gleich Vorwürfe machen. Bist du nun auf mich böse oder auf den jungen Herrn? Was willst du mit all deinen spitzen Bemerkungen erreichen? Aber mehr sage ich nicht dazu — red du nur weiter!" Damit wandte sie sich zum Gehen.
Schatzjade sagte nun zu Heitermuster: „Du brauchst dich nicht aufzuregen. Ich habe schon erraten, was du auf dem Herzen hast. Ich werde der gnädigen Frau melden, dass du groß genug bist, um freigelassen zu werden. Einverstanden?"
Ohne es zu wollen, fühlte sich Heitermuster von diesen Worten getroffen und sagte unter Tränen voller Groll: „Warum soll ich fortgehen? Wenn Euch an mir nichts mehr liegt, dann sucht nur einen Vorwand, mich fortzuschicken — aber das wird Euch nicht gelingen!"
Schatzjade erwiderte: „Solches Gezänk halte ich nicht aus! Du willst ja offenbar unbedingt fort. Am besten melde ich es gleich der gnädigen Frau, und sie lässt dich gehen." Damit stand er auf und wollte hinausgehen.
Dufthauch wandte sich rasch um und hielt ihn zurück. „Wohin willst du?" fragte sie lächelnd.
Schatzjade antwortete: „Ich will es der gnädigen Frau melden."
Dufthauch sagte lächelnd: „Das ist doch Unsinn! Wenn du wirklich gehst und das meldest, schämst du dich denn nicht? Selbst wenn sie es ernst meinen sollte mit dem Fortgehen, solltest du warten, bis dein Zorn verraucht ist, und es der gnädigen Frau beiläufig sagen, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Das ist immer noch früh genug. Wenn du es ihr jetzt in heller Aufregung als dringende Angelegenheit meldest, muss die gnädige Frau dann nicht argwöhnisch werden?"
Schatzjade beharrte: „Die gnädige Frau wird bestimmt nicht argwöhnisch werden. Ich sage ihr klipp und klar, dass Heitermuster tobt und fortgehen will."
Heitermuster weinte: „Wann habe ich denn je getobt und fortgehen wollen? Nicht genug, dass Ihr wütend seid — Ihr legt mir auch noch Worte in den Mund, um mich unter Druck zu setzen! Geht es nur melden! Eher renne ich mir den Kopf an der Wand ein, als dass ich dieses Haus verlasse!"
Schatzjade sagte: „Das ist doch merkwürdig! Du willst nicht gehen, und trotzdem tobst du so? Ich halte dieses Gezänk nicht aus. Am besten gehst du, dann ist Ruhe!" Und er bestand darauf, es zu melden.
Als Dufthauch erkannte, dass sie ihn nicht zurückhalten konnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als vor ihm niederzuknien. Jadegrün [碧痕], Herbstmuster [秋纹], Moschusmond [麝月] und die übrigen Dienstmädchen hatten sich während des Streits draußen mucksmäuschenstill verhalten und gelauscht. Als sie nun hörten, dass Dufthauch niederkniete und Schatzjade anflehte, kamen sie alle herein und knieten sich ebenfalls nieder.
Schatzjade half Dufthauch rasch auf, setzte sich seufzend aufs Bett und hieß die anderen aufzustehen. Dann wandte er sich an Dufthauch: „Was soll ich nur tun? Es zerreißt mir das Herz, und niemand weiß auch nur davon." Unwillkürlich begannen ihm bei diesen Worten die Tränen zu fließen. Als Dufthauch das sah, musste auch sie weinen.
Heitermuster stand weinend daneben und wollte gerade etwas sagen, als Kajaljade zur Tür hereintrat. Da ging sie hinaus.
Kajaljade fragte lächelnd: „Wie könnt ihr denn an einem solchen Feiertag weinen? Habt ihr euch etwa um die Reisklöße [Anm.: 粽子, in Bambusblätter gewickelte Klebreisklöße, das traditionelle Essen zum Drachenbootfest] gestritten?"
Schatzjade und Dufthauch mussten lachen.
Kajaljade fuhr fort: „Wenn mein Vetter es mir nicht sagt, frage ich eben dich, dann werde ich es schon erfahren." Sie tätschelte Dufthauch die Schulter und sagte lächelnd: „Sag mir Bescheid, liebe Schwägerin! Bestimmt habt ihr euch gezankt. Sag es mir nur, damit deine kleine Schwester zwischen euch vermitteln kann."
Dufthauch schob sie weg: „Fräulein Lin, was soll das? Ich bin nur ein Dienstmädchen, was redet Ihr da!"
Kajaljade lachte: „Du sagst, du bist ein Dienstmädchen, aber ich will dich als Schwägerin betrachten!"
Schatzjade mischte sich ein: „Warum hängst du ihr solch einen Spottnamen an? Schon jetzt gibt es genug Gerede über sie — und du willst das noch steigern?"
Dufthauch sagte lächelnd: „Fräulein Lin, Ihr wisst ja nicht, was mir auf dem Herzen liegt — nur wenn mir der letzte Atemzug entweicht, ist es vorbei."
Kajaljade lachte: „Wenn du stirbst, weiß ich nicht, wie es den anderen ergeht, aber ich wäre die Erste, die sich zu Tode weint."
Schatzjade verkündete lachend: „Wenn du stirbst, werde ich Mönch!"
Dufthauch sagte lächelnd: „Sei doch vernünftig! Warum musst du solche Sachen sagen!"
Kajaljade streckte zwei Finger aus, verzog den Mund zu einem Lächeln und sagte: „Das wäre dann schon das zweite Mal Mönch werden! Von nun an merke ich mir genau, wie oft du Mönch werden willst!" [Anm.: Schatzjade hatte bereits am Vortag Kajaljade gegenüber geschworen, Mönch zu werden, wenn sie stürbe]
Schatzjade verstand, dass sie auf das Gespräch vom Vortag anspielte, und ging lächelnd darüber hinweg.
Nachdem Kajaljade bald darauf gegangen war, wurde gemeldet: „Der junge Herr Schnee [薛蟠, Becken Schnee] lässt zum Trinken bitten." So hatte Schatzjade keine Wahl und musste gehen. Es war ein Trinkgelage, dem er sich nicht entziehen konnte, und er kam erst fort, als die Gesellschaft sich auflöste.
Am Abend, als er zurückkam, war er schon ziemlich benebelt und schwankte, als er sein Gehöft betrat. Im Hof war bereits ein Ruhebett zur Abkühlung aufgestellt worden, und darauf lag jemand und schlief. Schatzjade hielt sie für Dufthauch, setzte sich auf die Bettkante, stieß sie an und fragte: „Tut es noch sehr weh?"
Die Person drehte sich um und sagte: „Warum belästigst du mich schon wieder?"
Da erkannte Schatzjade, dass es nicht Dufthauch war, sondern Heitermuster. Er zog sie zu sich heran, ließ sie neben sich Platz nehmen und sagte lächelnd: „Du wirst wirklich immer empfindlicher! Heute Morgen, als dir der Fächer herunterfiel und ich dir deswegen ein paar Vorhaltungen machte, musstest du gleich solche Sachen sagen. Dass du mich beschimpfst, wäre ja noch zu ertragen, aber als Dufthauch in bester Absicht hereinkam und dir zureden wollte, hast du sie ebenfalls mit hineingezogen. Überleg selbst — war das recht?"
Heitermuster entgegnete: „Es ist unerträglich heiß! Was soll dieses Gezerre? Wenn das jemand sieht — wie sieht das aus? Außerdem bin ich es gar nicht wert, hier zu sitzen."
Schatzjade fragte lächelnd: „Wenn du es nicht wert bist, hier zu sitzen — warum hast du dich dann hier schlafen gelegt?"
Heitermuster wusste darauf keine Antwort, musste dann aber lachen und sagte: „Solange du nicht hier warst, ging es an, aber seit du da bist, bin ich dessen nicht mehr würdig. Steh auf und lass mich baden gehen! Dufthauch und Moschusmond haben bereits gebadet. Ich rufe sie her."
Schatzjade sagte lächelnd: „Eben habe ich eine Menge Wein getrunken, ich müsste auch noch einmal baden. Wenn du noch nicht gebadet hast, dann hol Wasser, und wir baden zusammen!"
Heitermuster winkte lächelnd ab: „Nein, nein! Ich wage es nicht, den jungen Herrn zu reizen! Wisst Ihr noch, wie Jadegrün Euch beim Baden Gesellschaft leisten musste? Zwei oder drei Doppelstunden hat das gedauert, und niemand wusste, was Ihr da trieb. Hineingehen konnten wir auch nicht gut. Als Ihr dann endlich fertig wart und ich hereinkam, stand das Zimmer bis zu den Bettbeinen unter Wasser, und selbst auf der Schlafmatte waren Pfützen. Was das wohl für ein Bad gewesen sein mag! Wir haben noch tagelang darüber gelacht. Ich habe nicht die Muße, hinterher alles aufzuwischen, und ich brauche auch nicht mit Euch zusammen zu baden. Heute ist es zudem recht kühl, und Ihr habt vorhin schon gebadet, da braucht Ihr kein zweites Bad. Ich gieße Euch eine Schüssel Wasser ein, und Ihr wascht Euch das Gesicht und kämmt Euch durch. Vorhin hat Mandarinenente [鸳鸯] herrliches Obst gebracht, alles steht gekühlt in der Kristallschale. Ich sage den anderen Bescheid, damit Ihr es essen könnt."
Schatzjade sagte lächelnd: „Wenn das so ist, dann darfst du aber auch nicht baden gehen. Wasch dir nur die Hände und bring das Obst — wir essen es gemeinsam!"
Heitermuster erwiderte lächelnd: „So ungeschickt, wie ich bin — ich habe ja sogar den Fächer zerbrochen —, wie sollte ich es wert sein, Obst zu servieren? Wenn ich dazu noch den Teller zerbreche, wäre es vollends aus und vorbei!"
Schatzjade sagte lächelnd: „Wenn dir das Spaß macht, zerschlag ihn nur! Diese Dinge sind doch nur dazu da, dem Menschen zum Gebrauch zu dienen. Du magst sie für das eine, und ich mag sie für das andere — ein jeder nach seinem Geschmack. Der Fächer zum Beispiel ist dazu da, dass man sich Luft damit zufächelt. Doch wenn es dir Freude macht, ihn zu zerreißen, kann er auch dazu dienen. Nur darfst du nicht im Zorn deine Wut daran auslassen. Ebenso mit dem Geschirr: Eigentlich ist es dazu da, etwas hineinzutun. Doch wenn du gern hörst, wie es zerbricht, und es deshalb absichtlich zerschlägst, so kann es auch dazu dienen. Nur darfst du eben nicht im Zorn deine Wut daran auslassen. Das nenne ich wahre Wertschätzung der Dinge."
Heitermuster hörte das und sagte lächelnd: „Wenn dem so ist, dann gib mir den Fächer her, damit ich ihn zerreißen kann. Das ist mir das allergrößte Vergnügen!"
Schatzjade reichte ihr lächelnd den Fächer. Heitermuster nahm ihn und riss ihn — ratsch! — mitten entzwei. Dann folgten — ratsch, ratsch! — noch mehrere Risse.
Schatzjade lachte und rief: „Das klingt gut! Reiß ihn lauter!"
In diesem Augenblick kam Moschusmond [麝月] herbei und mahnte lächelnd: „Treibt nicht solchen sündhaften Unfug!"
Schatzjade eilte auf sie zu, riss ihr den Fächer aus der Hand und reichte ihn Heitermuster. Heitermuster nahm auch diesen und zerriss ihn in mehrere Stücke. Beide brachen in lautes Gelächter aus.
Moschusmond fragte: „Was soll das? Meine Sachen nehmt ihr, um euch darüber zu amüsieren?"
Schatzjade sagte lächelnd: „Geh an den Fächerkasten und such dir einen aus! Was ist so ein Ding schon wert!"
Moschusmond erwiderte: „Wenn dem so ist, dann solltest du gleich den ganzen Kasten herausschaffen lassen, damit sie nach Herzenslust zerreißen kann — wäre das nicht das Beste?"
Schatzjade sagte lächelnd: „Dann schaff ihn her!"
Moschusmond entgegnete: „Ich versündige mich nicht daran! Und sie hat sich ja wohl nicht die Hand gebrochen — soll sie ihn doch selbst holen!"
Heitermuster lehnte sich lächelnd auf dem Bett zurück und sagte: „Jetzt bin ich müde. Morgen zerreißen wir weiter!"
Schatzjade sagte lächelnd: „Schon die Alten sagten: ‚Für tausend Goldstücke lässt sich ein Lachen schwerlich erkaufen' [Anm.: 千金难买一笑, ein bekanntes Sprichwort]. Was können ein paar Fächer schon wert sein!" Während er noch sprach, rief er nach Dufthauch.
Dufthauch, die sich gerade frisch umgezogen hatte, kam heraus. Das kleine Dienstmädchen Jiahui [佳蕙] räumte die Reste der zerrissenen Fächer auf, und dann genoss die Gesellschaft die Abendkühle. Doch davon soll nicht weiter die Rede sein.
Am nächsten Tag, gegen Mittag, saßen Dame König, Schatzspange, Kajaljade und die Schwestern des Hauses gerade im Zimmer der Herzoginmutter, als gemeldet wurde: „Das gnädige Fräulein Shi ist eingetroffen!"
Kurz darauf sahen sie auch schon Xiangfluss-Wolke [史湘云] in Begleitung zahlreicher Dienstmädchen und Ammen in den Hof treten. Schatzspange, Kajaljade und die anderen eilten ihr bis zum Fuß der Treppe entgegen, um sie zu begrüßen. Die Freude junger Mädchen, die einander seit Monaten nicht gesehen hatten und nun wieder zusammenkamen, braucht nicht eigens beschrieben zu werden.
Bald traten sie ins Zimmer, wo Xiangfluss-Wolke allen ihren Gruß entbot und sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigte. Nachdem alle begrüßt waren, sagte die Herzoginmutter: „Es ist heiß. Zieh doch dein Überkleid aus!"
Sofort stand Xiangfluss-Wolke auf und legte ihr Obergewand ab.
Dame König fragte lächelnd: „Wozu hast du dich nur so dick angezogen?"
Xiangfluss-Wolke antwortete lächelnd: „Die zweite Tante hat es so angeordnet — wer würde sich freiwillig so viel anziehen!"
Schatzspange bemerkte lächelnd von der Seite: „Die Tante weiß ja nicht, wie gern unsere Xiangfluss-Wolke es hat, anderer Leute Kleider zu tragen! Erinnert Ihr Euch noch, wie sie vorigen Frühling im dritten oder vierten Monat bei uns wohnte? Da hat sie sich Schatzjades Robe angezogen, seine Stiefel und sogar seine Stirnbinde. Auf den ersten Blick sah sie genau aus wie Schatzjade — nur dass zwei Ohrgehänge zu viel waren. Sie stellte sich hinter jenen Stuhl dort, und die ehrwürdige Ahnin, völlig getäuscht, rief: ‚Schatzjade, komm her! Pass auf, dass dir der Staub von den Lampenquasten in die Augen fällt!' Xiangfluss-Wolke aber lachte nur und blieb stehen. Als wir uns das Lachen nicht mehr verbeißen konnten, lachte die ehrwürdige Ahnin ebenfalls und sagte: ‚Du siehst wirklich gut aus in Männerkleidern!'"
Kajaljade ergänzte: „Das ist noch gar nichts! Im Jahr davor, im ersten Monat, war sie zu uns geholt worden und kaum zwei Tage hier, als es zu schneien anfing. Die ehrwürdige Ahnin und die Frau Tante hatten wohl gerade ihre Verneigung vor den Ahnenporträts gemacht, und ein nagelneuer Umhang der Herzoginmutter aus dunkelrotem Orang-Utan-Filz [Anm.: 猩猩毡, ein besonders kostbarer, leuchtend roter Wollfilz] lag noch da. Ehe man sich versah, hatte sich Xiangfluss-Wolke den Umhang umgeworfen — viel zu weit und zu lang —, mit einem Schweißtuch um die Taille gegürtet und war mit den Dienstmädchen in den Hinterhof gerannt, um einen Schneemann zu bauen. Dabei stürzte sie am Graben der Länge nach hin und war von Kopf bis Fuß mit Schlamm beschmutzt." Alle lachten bei der Erinnerung an diese Begebenheit.
Schatzspange wandte sich lächelnd an die Amme Zhou: „Mutter Zhou, ist das Fräulein immer noch so unartig?"
Amme Zhou musste ebenfalls lachen.
Willkommenfrühling sagte lächelnd: „Ihre Ungezogenheiten wären ja noch zu ertragen — was mich stört, ist ihre Schwatzhaftigkeit! Hat man so etwas gesehen? Sogar wenn sie schon im Bett liegt, plappert und kichert sie noch ununterbrochen. Ich wüsste zu gern, woher sie all die Worte nimmt!"
Dame König bemerkte: „Inzwischen wird sie sich wohl bessern müssen. Neulich kam jemand, sie sich anzusehen [Anm.: ein Heiratskandidat bzw. dessen Familie], und es sieht so aus, als hätte sie bald einen Schwiegervater — da wird sie sich anders benehmen müssen."
Die Herzoginmutter fragte: „Bleibst du über Nacht, oder fährst du wieder nach Hause?"
Amme Zhou antwortete lächelnd: „Hat die ehrwürdige Ahnin nicht bemerkt, dass wir Garderobe mitgebracht haben? Natürlich bleiben wir ein paar Tage!"
Xiangfluss-Wolke fragte: „Ist Vetter Schatzjade nicht zu Hause?"
Schatzspange sagte lächelnd: „An niemanden denkt sie als an Vetter Schatzjade. Die beiden sind genauso albern wie eh und je — man sieht, sie hat ihre Kindereien immer noch nicht abgelegt."
Die Herzoginmutter mischte sich ein: „Ihr seid jetzt alle groß. Hört auf, euch mit den Kindheitsnamen anzureden!"
In diesem Moment trat Schatzjade herein und rief lächelnd: „Kusine Xiangfluss-Wolke ist da! Wie kommt es, dass du neulich nicht gekommen bist, als wir jemanden schickten, dich zu holen?"
Dame König tadelte: „Eben erst hat die ehrwürdige Ahnin davon gesprochen, und nun kommt er schon wieder und redet sie beim Vornamen an!"
Kajaljade sagte: „Dein Vetter hat etwas Schönes für dich aufgehoben — er wartet auf dich!"
Xiangfluss-Wolke fragte: „Was für etwas Schönes?"
Schatzjade sagte lächelnd: „Glaub ihr kein Wort! Wir haben uns eine Weile nicht gesehen — du bist noch einmal gewachsen."
Xiangfluss-Wolke erkundigte sich lächelnd: „Wie geht es der Schwester Dufthauch?"
Schatzjade antwortete: „Danke, dass du an sie denkst."
Xiangfluss-Wolke sagte: „Ich habe ihr etwas Hübsches mitgebracht." Dabei holte sie ein Taschentuch hervor, das zu einem Knoten geschnürt war.
Schatzjade meinte: „Statt solcher Sachen hättest du ihr besser zwei von den Karneolringen mitbringen sollen, die du neulich geschickt hast."
Xiangfluss-Wolke fragte lächelnd: „Was glaubst du wohl, was das hier ist?" Und damit knotete sie das Tuch auf. Alle sahen, dass es tatsächlich vier Karneolringe [Anm.: 绛纹石戒指, Ringe aus rotgemustertem Halbedelstein] waren, wie Xiangfluss-Wolke sie schon zuvor geschickt hatte.
Kajaljade bemerkte lächelnd: „Seht euch ihre Idee an! Beim letzten Mal hast du uns ohnehin welche geschickt — hättest du die für die Dienstmädchen nicht gleich beilegen können? Wäre das nicht einfacher gewesen? Jetzt kommst du eigens selbst damit an, und ich dachte schon, es sei etwas ganz Besonderes — und dabei sind es nur wieder diese Ringe! Du bist wirklich eine Närrin!"
Xiangfluss-Wolke erwiderte lächelnd: „Du bist die Närrin! Ich will es euch erklären, und dann entscheidet, wer die Närrin ist! Wenn ich euch Geschenke schicke, braucht der Bote nichts zu sagen — er bringt sie herein, und sofort weiß man, dass sie für die Fräulein bestimmt sind. Wenn ich ihm aber auch die Sachen für die Dienstmädchen mitgebe, muss ich ihm erst einzeln erklären: ‚Dies ist für jenes Mädchen, und das ist für dieses.' Ist der Bote aufgeweckt, mag das gehen, aber ein etwas dümmlicher merkt sich die Namen der Mädchen nicht einmal und bringt alles durcheinander — am Ende sogar eure eigenen Geschenke! Wenn ich eine Frau schicken könnte, die sich auskennt, ginge es vielleicht noch an, aber neulich musste ich einen Burschen schicken — wie hätte der die Namen der Mädchen aussprechen sollen? Da war es doch am saubersten, sie selbst mitzubringen!"
Damit legte sie die vier Ringe hin und erklärte: „Einer für Schwester Dufthauch, einer für Schwester Mandarinenente [鸳鸯], einer für Schwester Goldarmreif [金钏儿] und einer für Schwester Friedchen [平儿]. Ob wohl ein Bursche sich diese vier Namen richtig hätte merken können?"
Alle sagten lachend: „Das ist wirklich klug durchdacht!"
Schatzjade sagte lächelnd: „Redegewandt wie immer — niemandem gibt sie etwas nach!"
Kajaljade hörte das und bemerkte kühl: „Selbst wenn sie nicht reden könnte — ihr goldenes Einhorn [Anm.: 金麒麟, ein goldenes Fabeltier-Amulett, das hier andeutet, dass Xiangfluss-Wolke über ein Gegenstück zu Schatzjades eigenem goldenen Einhorn verfügt — ein Hinweis auf eine schicksalhafte Verbindung] spricht schon genug!" Mit diesen Worten stand sie auf und ging hinaus.
Zum Glück hatte es niemand sonst gehört, nur Schatzspange verzog lächelnd den Mund. Schatzjade, dem nach Kajaljades Bemerkung klar wurde, dass er schon wieder etwas Falsches gesagt hatte, bemerkte Schatzspanges Lächeln und musste unwillkürlich selbst lächeln. Als Schatzspange sah, dass er lächelte, stand sie eilig auf und ging ebenfalls nach draußen, um Kajaljade zu suchen und mit ihr zu plaudern.
Die Herzoginmutter sagte zu Xiangfluss-Wolke: „Trink erst deinen Tee und ruh dich ein wenig aus, dann geh deine Schwägerinnen besuchen! Im Garten ist es kühler — du kannst mit deinen Kusinen spazieren gehen."
Xiangfluss-Wolke sagte ja, wickelte drei der Ringe wieder ein, ruhte sich eine Weile aus und stand dann auf, um Phönixglanz und die anderen zu besuchen. Alle ihre Ammen und Dienstmädchen begleiteten sie.
Bei Phönixglanz schwatzte und lachte sie eine Zeitlang, dann ging sie in den Garten der Großen Anschauung hinüber, suchte Seidenweiß Pflaume [李纨] auf, saß ein Weilchen bei ihr und wandte sich dann zum Hof der Roten Freude, um Dufthauch zu besuchen. Unterwegs rief sie ihrem Gefolge zu: „Ihr braucht nicht alle mitzukommen! Geht nur zu euren Freundinnen und Verwandten. Smaragdgrün [翠缕] bleibt bei mir, das genügt."
Die Dienerinnen gingen daraufhin ihrer Wege, um Bekannte und Angehörige aufzusuchen, und bald waren nur noch Xiangfluss-Wolke und Smaragdgrün übrig.
Smaragdgrün fragte: „Warum blühen die Lotosblumen noch nicht?"
Xiangfluss-Wolke antwortete: „Die Zeit ist noch nicht reif."
Smaragdgrün fragte weiter: „Haben sie auch gefüllte Blüten wie die in unserem Teich?"
Xiangfluss-Wolke sagte: „Die hier können sich mit unseren nicht messen."
Smaragdgrün meinte: „Aber dort drüben steht ein Granatapfelbaum, bei dem vier oder fünf Zweige nebeneinander doppelt und dreifach übereinander blühen — so üppig, dass man es dem Baum gar nicht zutrauen würde!"
Xiangfluss-Wolke sagte: „Bei Pflanzen ist es wie bei den Menschen: Wenn die Lebenskraft kräftig und die Adern voll sind, wachsen sie eben gut."
Smaragdgrün wandte das Gesicht ab und sagte: „Das glaube ich nicht. Wenn es bei Pflanzen so sein soll wie bei Menschen — warum habe ich dann noch nie einen Menschen gesehen, dem ein zweiter Kopf aus dem Kopf wächst?"
Xiangfluss-Wolke musste unwillkürlich lachen und sagte: „Sage ich nicht immer, du solltest lieber den Mund halten? Aber du musst ja ständig reden. Wie soll ich darauf antworten? Alle Dinge zwischen Himmel und Erde entstehen durch die beiden Urkräfte Yin und Yang [Anm.: 阴阳, das dualistische Grundprinzip der chinesischen Naturphilosophie]. Ob etwas normal oder abnorm, gewöhnlich oder seltsam, und wie es sich in tausendfacher Vielfalt formt und wandelt — all das kommt durch das Zusammenspiel von Yin und Yang zustande. Was selten vorkommt und man nicht oft zu sehen bekommt, das ist eben ungewöhnlich — aber das zugrunde liegende Prinzip bleibt dasselbe."
Smaragdgrün fragte: „Dann war also von der Erschaffung der Welt bis heute, seit Himmel und Erde getrennt wurden, alles Yin und Yang?"
Xiangfluss-Wolke sagte lächelnd: „Du dummes Ding! Je mehr du redest, desto größerer Unsinn kommt heraus. Was soll das heißen, ‚alles Yin und Yang'? Als gäbe es etwa irgendwo ein Yin und irgendwo ein Yang als getrennte Dinge! ‚Yin' und ‚Yang' sind im Grunde nur ein einziges Prinzip: Wenn sich das Yang erschöpft, wird es zum Yin, und wenn sich das Yin erschöpft, wird es zum Yang. Es ist nicht so, dass aus dem erschöpften Yang ein neues Yin geboren würde oder aus dem erschöpften Yin ein neues Yang."
Smaragdgrün klagte: „Da werde ich ja noch ganz wirr im Kopf! Was ist denn dieses Yin und Yang, das weder Gestalt noch Form hat? Ich will nur wissen, Fräulein: Wie sieht es denn aus, dieses Yin und Yang?"
Xiangfluss-Wolke erklärte: „Wie soll es schon aussehen? Es ist nichts als ein Hauch von Urkraft — erst wenn es einem Ding innewohnt, nimmt es Gestalt an. Der Himmel zum Beispiel ist Yang, die Erde ist Yin. Das Wasser ist Yin, das Feuer ist Yang. Die Sonne ist Yang, der Mond ist Yin."
Smaragdgrün sagte erfreut: „Jetzt verstehe ich es! Kein Wunder, dass man die Sonne ‚das Große Yang' [Anm.: 太阳, tàiyáng] nennt und die Wahrsager den Mond ‚Großer-Yin-Stern' [Anm.: 太阴星, tàiyīn xīng] — daher kommt das also!"
Xiangfluss-Wolke sagte lächelnd: „Amitabha-Buddha! Endlich hast du es begriffen!"
Smaragdgrün fragte weiter: „Wenn diese großen Dinge Yin und Yang haben, haben dann etwa auch Mücken und Flöhe und kleine Mücklein, Blumen und Gräser, Dachziegel und Backsteine Yin und Yang?"
Xiangfluss-Wolke antwortete: „Wie sollte es etwas ohne Yin und Yang geben? Selbst die Blätter an einem Baum haben ihr Yin und Yang: Die Oberseite, die dem Licht zugewandt ist, ist Yang, und die Unterseite, die im Schatten liegt, ist Yin."
Smaragdgrün nickte lächelnd: „So ist das also! Jetzt begreife ich es! Aber der Fächer, den wir in der Hand halten — was daran ist Yang, und was ist Yin?"
Xiangfluss-Wolke sagte: „Die Vorderseite ist Yang, und die Rückseite ist Yin."
Smaragdgrün nickte wieder lächelnd. Sie wollte noch nach anderen Dingen fragen, aber es fiel ihr nichts ein. Plötzlich senkte sie den Blick und erblickte das goldene Einhorn [麒麟], das Xiangfluss-Wolke an ihrem Palastgürtel [Anm.: 宫绦, ein geflochtenes Seidenband als Gürtel] trug. Sie nahm es in die Hand und fragte: „Fräulein, hat dies hier etwa auch Yin und Yang?"
Xiangfluss-Wolke antwortete: „Bei allen Vierfüßlern und Vögeln ist das Männchen Yang und das Weibchen Yin. Bei Tieren unterscheidet man Weibchen als Yin und Männchen als Yang. Wie sollte es das nicht haben?"
Smaragdgrün fragte: „Ist dieses hier ein Männchen oder ein Weibchen?"
Xiangfluss-Wolke gab zu: „Das weiß ich selbst nicht."
Smaragdgrün meinte: „Das wäre ja noch hinzunehmen — aber wenn alles Yin und Yang hat, warum haben wir Menschen dann nicht auch Yin und Yang?"
Xiangfluss-Wolke spuckte ihr entrüstet ins Gesicht und schalt: „Du verdorbenes Ding! Geh jetzt endlich weiter! Je mehr du fragst, desto unverschämter werden deine Fragen!"
Smaragdgrün lachte: „Was ist dabei, dass Ihr es mir nicht sagen wollt? Ich weiß es sowieso! Ihr braucht mich gar nicht auf die Probe zu stellen!"
Xiangfluss-Wolke fragte lächelnd: „Was weißt du denn?"
Smaragdgrün antwortete: „Das Fräulein ist Yang, und ich bin Yin."
Darüber hielt sich Xiangfluss-Wolke das Taschentuch vor den Mund und lachte prustend los.
Smaragdgrün sagte: „Kaum sage ich die Wahrheit, lacht Ihr Euch kaputt!"
Xiangfluss-Wolke bestätigte: „Ganz recht, ganz recht!"
Smaragdgrün erklärte: „Nach den Regeln des menschlichen Zusammenlebens sind die Herrschaften Yang und die Diener Yin. Meint Ihr, ich hätte nicht einmal diesen Grundsatz verstanden?"
Xiangfluss-Wolke sagte lächelnd: „Da hast du wirklich etwas verstanden."
Während sie so plauderten und weitergingen, gelangten sie gerade zum Rosenspalier. Xiangfluss-Wolke sagte: „Sieh nur! Wer hat dort seinen Kopfschmuck verloren? Da blitzt etwas Goldenes!"
Smaragdgrün eilte hin, hob den Gegenstand auf und schloss ihn in die Hand. Lächelnd sagte sie: „Jetzt können wir Yin und Yang unterscheiden!" Dann griff sie nach Xiangfluss-Wolkes Einhorn und betrachtete es.
Xiangfluss-Wolke verlangte, den Fund zu sehen, doch Smaragdgrün gab ihn nicht heraus und sagte lächelnd: „Es ist eine Kostbarkeit, die Ihr nicht sehen dürft, Fräulein! Woher mag sie wohl stammen? Höchst sonderbar! Ich habe hier noch nie bemerkt, dass jemand so etwas besitzt."
Xiangfluss-Wolke sagte lächelnd: „Gib her, ich will es sehen!"
Smaragdgrün öffnete die Hand und sagte lächelnd: „Bitte sehr!"
Xiangfluss-Wolke blickte hin und erblickte ein prächtig verziertes, schimmerndes goldenes Einhorn — größer und kunstvoller als ihr eigenes. Sie nahm es in die Hand und verharrte schweigend. In Gedanken versunken stand sie da, als plötzlich Schatzjade von drüben auf sie zukam und lächelnd fragte: „Was macht ihr denn hier in der prallen Sonne? Wolltest du nicht Dufthauch besuchen?"
Rasch verbarg Xiangfluss-Wolke das Einhorn und sagte: „Gerade wollte ich hingehen — lass uns zusammen gehen!"
Gemeinsam betraten sie den Hof der Roten Freude. Dufthauch lehnte gerade auf der Treppe am Geländer und genoss den Luftzug, als sie Xiangfluss-Wolke erblickte. Sofort kam sie ihr entgegen, ergriff ihre Hände und erkundigte sich lächelnd, wie es ihr seit der letzten Begegnung ergangen sei.
Als sie dann im Zimmer Platz genommen hatten, sagte Schatzjade lächelnd: „Du hättest schon längst kommen sollen! Ich habe auf dich gewartet, weil ich etwas Schönes für dich habe." Dabei tastete er sich am ganzen Körper ab und suchte lange, bis er schließlich ausrief: „O weh!" Dann fragte er Dufthauch: „Hast du das Ding vielleicht aufbewahrt?"
Dufthauch fragte: „Was für ein Ding?"
Schatzjade sagte: „Das Einhorn, das ich neulich bekommen habe!"
Dufthauch erwiderte: „Du trägst es doch Tag für Tag bei dir — warum fragst du mich?"
Schatzjade schlug sich die Hand gegen die Stirn und rief: „Dann habe ich es verloren! Wo soll ich es nur suchen?" Und schon wollte er aufspringen, um es selbst zu suchen.
Xiangfluss-Wolke, die nun wusste, dass es ihm gehörte und er es verloren hatte, fragte lächelnd: „Seit wann hast du denn ein Einhorn?"
Schatzjade klagte: „Erst neulich habe ich es mühsam aufgetrieben, und nun habe ich es wer weiß wann verloren! Ich bin wirklich ein Trottel!"
Xiangfluss-Wolke sagte lächelnd: „Es ist doch nur ein Spielzeug, und du regst dich schon so auf." Dann öffnete sie die Hand: „Sieh her — ist es vielleicht dieses?"
Als Schatzjade das Einhorn erblickte, war er vor Freude ganz außer sich und sagte ...
Was er sagte, erzählt das nächste Kapitel.