Hongloumeng/de/Chapter 26

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Kapitel 26 An der Wespentaillenbrücke werden Worte gewechselt, die Herzensgeheimnisse verraten In der Xiaoxiang-Bambushain[1] weckt Frühlingsmüdigkeit verborgene Gefühle

Wie erzählt wird, war Schatzjade[2] nach dreiunddreißig Tagen des Krankenlagers nicht nur vollständig genesen und wieder bei Kräften, auch die Narben in seinem Gesicht waren verheilt, und so konnte er in den Garten der Großen Aussicht zurückkehren. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Sprechen wir zunächst von Efeu Kaufmann[3]. Während Schatzjades Krankheit hatte er mit den Dienern des Hauses Nachtwache gehalten, Tag und Nacht im Anwesen. Auch Rotjädchen[4] hatte zusammen mit den übrigen Mädchen bei Schatzjade Dienst getan, und so hatten sich die beiden tagelang sehen können und waren allmählich miteinander vertraut geworden. Dabei hatte Rotjädchen bemerkt, dass Efeu Kaufmann ein Taschentuch in Händen hielt, das ganz so aussah wie jenes, das sie einst verloren hatte. Sie hätte ihn gerne danach gefragt, doch das ging schlecht an.

Nachdem dann der buddhistische und der daoistische Mönch erschienen waren und kein männliches Personal mehr bei Schatzjade gebraucht wurde, kehrte Efeu Kaufmann zu seiner Arbeit beim Bäumepflanzen zurück. Nun hätte Rotjädchen die Sache mit dem Taschentuch auf sich beruhen lassen können, doch ihr Herz ließ es nicht zu. Andererseits traute sie sich nicht zu fragen, aus Angst, bei anderen Verdacht zu erregen. So schwankte sie hin und her, während sich ihre Seele in Unruhe verzehrte, als sie plötzlich von draußen vor dem Fenster eine Stimme vernahm: „Schwester, bist du im Zimmer?"

Rotjädchen spähte durch die Fensterlöcher hinaus und erkannte ein kleines Mädchen aus ihrem eigenen Gehöft namens Schönorchidee [佳蕙]. Also antwortete sie: „Ja, ich bin hier. Komm nur herein!"

Schönorchidee kam flink hereingelaufen, setzte sich aufs Bett und strahlte: „Was für ein Glück ich habe! Eben war ich gerade im Hof beim Waschen, da hat Schatzjade befohlen, Tee zu Fräulein Lin[5] zu bringen, und Schwester Hua hat mich damit losgeschickt. Als ich dort ankam, hatte die Herzoginmutter[6] gerade Fräulein Lin Geld geschickt, und sie verteilte es eben an ihre Mädchen. Als sie mich sah, griff sie gleich zwei Handvoll heraus und gab sie mir – ich weiß gar nicht, wie viel es ist. Heb du es bitte für mich auf!" Damit knüpfte sie ihr Taschentuch auf und schüttete die Münzen heraus. Rotjädchen zählte sie sorgfältig durch, eine nach der anderen, und legte sie dann beiseite.

Schönorchidee fragte nun: „Wie fühlst du dich eigentlich in letzter Zeit? Ich finde, du solltest für ein paar Tage nach Hause gehen, einen Arzt kommen lassen und ein wenig Medizin nehmen, dann wird es dir bald besser gehen."

Rotjädchen erwiderte: „Was redest du da? Mir geht es doch gut. Wozu sollte ich nach Hause gehen?"

Schönorchidee meinte: „Da fällt mir ein – Fräulein Lin ist doch auch von schwächlicher Konstitution und nimmt ständig Medizin. Du könntest dir ebenso gut etwas von ihr geben lassen, das käme aufs Gleiche hinaus."

Rotjädchen schüttelte den Kopf: „Unsinn! Kann man denn einfach so irgendwelche Medizin einnehmen?"

Schönorchidee beharrte: „Aber so kann es auf Dauer mit dir doch nicht weitergehen! Du isst kaum noch, trinkst kaum noch – wohin soll das führen?"

Rotjädchen seufzte: „Was kümmert es mich? Es wäre besser, früh zu sterben, dann wäre wenigstens Ruhe."

Schönorchidee rief: „Wie kannst du nur so reden! Einfach so, ohne Grund!"

Rotjädchen entgegnete leise: „Du weißt ja nicht, was in meinem Herzen vorgeht."

Schönorchidee nickte und dachte ein Weilchen nach. Dann sagte sie: „Man kann es dir wirklich nicht verübeln, wenn du denkst, du hättest hier einen schweren Stand. Nimm nur gestern, als die Herzoginmutter – da Schatzjade ja so viele Tage krank gewesen war – meinte, alle, die ihm während seiner Krankheit treu zur Seite gestanden hatten, sollten jetzt, da er wieder genesen und alle Gelübde erfüllt seien, ihrem Rang entsprechend belohnt werden. Dass wir nicht bedacht wurden, kann ich verstehen – wir gelten ja noch als zu jung, um mitzuzählen, und ich beschwere mich auch nicht. Aber dass auch du übergangen wurdest, das finde ich ungerecht!

Dufthauch[7] mag meinetwegen die höchste Belohnung erhalten – dagegen sage ich kein Wort, das gehört sich so. Wenn man ehrlich ist, kann sich keine andere mit ihr messen. Ganz abgesehen von ihrer täglichen Gewissenhaftigkeit und Aufmerksamkeit – selbst wenn sie nicht so eifrig wäre, man könnte auf sie nicht verzichten. Was mich ärgert, ist, dass Heitermuster[8] und Qixia [绮霰] und ihresgleichen allesamt der höchsten Stufe zugerechnet werden, nur weil ihre Eltern Ansehen genießen und sie deshalb von allen hofiert werden. Sag selbst, ob das ärgerlich ist oder nicht!"

Rotjädchen erwiderte: „Lohnt es sich, sich über sie aufzuregen? Sagt nicht das Sprichwort: 'Mag auch das Festzelt tausend Li lang sein – es gibt kein Gelage, das nicht zu Ende geht.' Wer von uns bleibt denn schon ein ganzes Leben lang hier? In drei oder fünf Jahren geht jede ihres Weges, und dann kümmert sich keine mehr um die andere."

Diese beiden Sätze berührten Schönorchidees Herz so sehr, dass ihr unwillkürlich die Augen feucht wurden. Da es ihr aber peinlich war, einfach so loszuweinen, zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte: „Du hast ganz recht. Gestern erst hat Schatzjade davon geredet, wie er demnächst die Zimmer neu einrichten und welche Kleider er anfertigen lassen will – als hätten wir noch ein paar hundert Jahre hier auszuhalten."

Rotjädchen hörte es und lachte kalt, zwei kurze, spöttische Lacher. Gerade wollte sie etwas sagen, als ein kleines Mädchen hereingelaufen kam, das sein Haar noch nicht aufgesteckt trug. In der Hand hielt es einige Stickmuster und zwei Bogen Papier. „Hier sind zwei Muster, die sollst du abzeichnen", sagte das Mädchen, warf Rotjädchen die Sachen hin, drehte sich um und rannte davon.

Rotjädchen rief ihr nach: „Von wem sind die denn? Man kann doch nicht einfach davonlaufen, ohne ordentlich Bescheid zu sagen! Wartet jemand mit frischen Dampfbrötchen auf dich, die kalt werden könnten?"

Das kleine Mädchen rief von draußen durchs Fenster nur noch: „Von Schwester Qi!" Und schon trappelte es mit schnellen Schritten davon.

Verärgert warf Rotjädchen die Stickmuster beiseite und suchte in der Schublade nach einem Pinsel. Doch wie lange sie auch suchte, sie fand nur abgenutzte. „Wo habe ich neulich den neuen Pinsel hingelegt?" murmelte sie. „Warum fällt mir das nicht mehr ein?" Dabei versank sie in Nachdenken. Nach einer Weile lachte sie plötzlich auf: „Ach ja, richtig! Neulich abends hat sich Yinger [莺儿] ihn geholt." Dann wandte sie sich an Schönorchidee: „Geh du ihn mir holen!"

Schönorchidee wehrte ab: „Schwester Hua wartet doch auf mich, ich soll ihr einen Kasten tragen. Geh ihn dir lieber selbst holen!"

Rotjädchen hielt dagegen: „Wenn sie auf dich wartet, wieso sitzt du dann hier und schwatzt? Hätte ich dich nicht zum Pinselholen schicken wollen, würde sie auch nicht auf dich warten. Du verdorbenes kleines Spitzbein!" Damit stand sie auf, verließ das Zimmer, trat aus dem Hof der Roten Freude [怡红院] und schlug den Weg zu Schatzspanges[9] Gehöft ein.

Gerade war sie am Pavillon am Duftgetränkten Quell [沁芳亭] angelangt, als ihr Schatzjades alte Amme Li von der anderen Seite entgegenkam. Rotjädchen blieb stehen und fragte lächelnd: „Amme Li, wohin des Weges? Was verschlägt Euch hierher?"

Amme Li blieb stehen, klatschte die Hände zusammen und sagte: „Stell dir vor! Jetzt hat er sich in den da verschaut, der die Bäume pflanzt, diesen Wolken- oder Regenjungen, und hat mir zugesetzt, ich solle ihn herbeordern. Wenn das morgen die Herrschaften oben erfahren, gibt es wieder Ärger!"

Rotjädchen lächelte: „Habt Ihr wirklich zugestimmt und ihn holen lassen?"

Amme Li seufzte: „Was blieb mir denn anderes übrig?"

Rotjädchen meinte: „Wenn der Betreffende wüsste, was sich gehört, würde er erst gar nicht herkommen."

Amme Li entgegnete: „Er ist doch nicht dumm. Warum sollte er nicht kommen?"

Rotjädchen gab zu bedenken: „Dann hättet Ihr ihn wenigstens begleiten sollen. Wenn er allein hier herumläuft, ist das doch nicht schicklich."

Amme Li winkte ab: „Hab ich etwa die Muße, mit ihm herumzulaufen? Ich habe es ihm ausrichten lassen, und dann kann ihn ja eines der kleinen Mädchen oder eine der älteren Frauen hereinführen – das reicht!" Sprach's, stützte sich auf ihren Stock und ging davon.

Rotjädchen blieb stehen und hing ihren Gedanken nach, ohne daran zu denken, den Pinsel zu holen.

Nach kurzer Zeit kam ein kleines Mädchen angelaufen. Als es Rotjädchen dort stehen sah, fragte es: „Schwester Lin, was machst du hier?"

Rotjädchen blickte auf und erkannte das kleine Mädchen Anhänger [坠儿]. „Wohin willst du?" fragte sie.

Anhänger antwortete: „Ich soll den zweiten jungen Herrn Duft hereinführen." Und schon lief sie in großen Schritten davon.

Rotjädchen war eben an das Tor vor der Wespentaillenbrücke [蜂腰桥] gelangt, als ihr auf der anderen Seite Anhänger mit Efeu Kaufmann entgegenkam. Efeu Kaufmann ließ im Gehen seinen Blick über Rotjädchen gleiten, und auch Rotjädchen, unter dem Vorwand, mit Anhänger zu sprechen, warf einen verstohlenen Blick auf Efeu Kaufmann. Als sich ihre vier Augen trafen, wurde Rotjädchen unwillkürlich rot im Gesicht, wandte sich ab und ging zum Haselwurzpark [蘅芜苑]. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Efeu Kaufmann folgte Anhänger auf verschlungenen Pfaden zum Hof der Roten Freude. Anhänger ging zunächst allein hinein, um ihn anzumelden, und führte ihn dann erst herein. Als Efeu Kaufmann sich im Hof umschaute, erblickte er einige kunstvoll gesetzte Felsen und Bananenstauden. Dort drüben putzten zwei Mandschurenkraniche unter Kieferbäumen ihr Gefieder, und entlang des Wandelgangs hingen die verschiedensten Käfige mit allerlei seltenen und wundersamen Vögeln. Vor ihm erhob sich ein zierlicher Bau von fünf Säulenzwischenräumen, dessen geschnitzte Gitter neuartige Blumenmuster zeigten. Darüber hing eine Tafel mit vier großen Schriftzeichen: „Freude am Roten, Vergnügen am Grünen" [怡红快绿].

Efeu Kaufmann dachte: „Daher also der Name 'Hof der Roten Freude' – nach diesen Schriftzeichen auf der Tafel!" Während er noch sann, hörte er von drinnen durch das Gazefenster eine lachende Stimme: „Komm schnell herein! Wie konnte ich dich nur zwei, drei Monate lang vergessen!"

Da er Schatzjades Stimme erkannte, trat Efeu Kaufmann eilig ins Haus. Er blickte empor und sah nur Gold und Grün funkeln, glänzende Zierrate allenthalben, doch von Schatzjade keine Spur. Als er sich umwandte, erblickte er linker Hand einen großen Ganzkörperspiegel, hinter dem nun zwei gleich große Mädchen von fünfzehn, sechzehn Jahren hervortraten und sprachen: „Bitte, nehmt drinnen im Zimmer des zweiten jungen Herrn Platz!"

Efeu Kaufmann wagte kaum, sie unverhohlen anzusehen, und antwortete rasch. Er trat durch eine weitere, mit grüner Gaze bespannte Trennwand und erblickte ein niedliches kleines Bett mit lackiertem Rahmen, über dem ein großer, dunkelroter, mit Goldbrokat und Streublumen verzierter Vorhang hing.

Schatzjade saß in Hauskleidung, die Schuhe nur halb angezogen, an das Bett gelehnt und hielt ein Buch in der Hand. Als er Efeu Kaufmann hereinkommen sah, warf er das Buch beiseite, und schon stand er mit strahlendem Lächeln auf. Efeu Kaufmann trat rasch vor und verneigte sich zur Begrüßung. Schatzjade bat ihn, sich zu setzen, und so nahm er auf einem Stuhl unterhalb Platz.

Schatzjade sprach lächelnd: „Seit ich dich damals traf und dir sagte, du solltest mich in der Bibliothek besuchen, hat sich so vieles ereignet, eines nach dem anderen, dass ich dich völlig vergessen habe."

Efeu Kaufmann erwiderte lächelnd: „Es ist eben mein mangelndes Glück. Gerade erst hatte ich Euch getroffen, und schon musstet Ihr erkranken. Seid Ihr denn jetzt vollständig genesen, Onkel?"

Schatzjade versicherte: „Vollkommen. Man hat mir erzählt, dass du meinetwegen viele Tage lang Mühe hattest."

Efeu Kaufmann sagte: „Das war doch nur meine Pflicht. Dass Ihr wieder gesund seid, Onkel, ist ein Glück für unsere ganze Familie."

Während er sprach, kam ein Mädchen mit Tee herein und reichte ihm eine Schale. Efeu Kaufmann unterhielt sich mit Schatzjade, ließ seinen Blick dabei aber verstohlen über das Mädchen gleiten: eine schlanke Gestalt, ein längliches Gesicht, gekleidet in eine silberrosa Jacke mit einer Weste aus schwarzem Satin darüber und einen weißen Seidenrock mit feinen Falten. Es war niemand anders als Dufthauch.

Seit er während Schatzjades Krankheit ein paar Tage im Anwesen zugebracht hatte, kannte Efeu Kaufmann die wichtigsten Personen dort zur Hälfte. Er wusste auch, dass Dufthauch in Schatzjades Gemächern eine andere Stellung einnahm als die übrigen Mädchen. Als sie nun den Tee brachte und Schatzjade danebensaß, stand Efeu Kaufmann rasch auf und sagte lächelnd: „Wie könnt Ihr mir Tee eingießen, Schwester! Wenn ich zu meinem Onkel komme, bin ich doch kein Gast – erlaubt mir, ihn mir selbst einzuschenken!"

Schatzjade sagte: „Bleib nur sitzen. Vor den Mädchen brauchst du dich nicht so zu zieren."

Efeu Kaufmann erwiderte lächelnd: „Auch wenn Ihr das sagt, Onkel – wie könnte ich es wagen, mich vor den Schwestern in Euren Gemächern unhöflich zu benehmen!" Dann erst setzte er sich wieder und trank seinen Tee.

Schatzjade plauderte mit ihm über allerlei Belanglosigkeiten – welche Familie die besten Schauspieler habe, welche den schönsten Garten, und erzählte ihm, wessen Mädchen am hübschesten seien, wessen Festessen am üppigsten, wer die ausgefallensten Raritäten und wer die seltensten Kostbarkeiten besitze. Efeu Kaufmann pflichtete ihm in allem bei, doch nach einer Weile bemerkte er, dass Schatzjade allmählich träge wurde. So stand er auf und verabschiedete sich. Schatzjade hielt ihn nicht weiter zurück und sagte nur: „Komm ein andermal wieder, wenn du Muße hast." Dann befahl er dem kleinen Mädchen Anhänger, ihn hinauszubegleiten.

Als sie den Hof der Roten Freude verlassen hatten und Efeu Kaufmann sich umblickte, war ringsum kein Mensch zu sehen. So verlangsamte er seine Schritte immer mehr und begann, sich des Langen und Breiten mit Anhänger zu unterhalten. Zunächst fragte er: „Wie alt bist du? Wie heißt du? Was machen deine Eltern? Wie lange dienst du schon in Onkel Schatzjades Gemächern? Wie viel Geld bekommst du im Monat? Wie viele Mädchen gibt es insgesamt bei Onkel Schatzjade?"

Anhänger beantwortete ihm bereitwillig alles, Punkt für Punkt. Dann fragte Efeu Kaufmann weiter: „Die da vorhin mit dir gesprochen hat – heißt sie etwa Kleine Rote [小红]?"

Anhänger lachte: „Ja, sie heißt Kleine Rote. Warum fragt Ihr nach ihr?"

Efeu Kaufmann sagte: „Vorhin hat sie dich nach einem Taschentuch gefragt. Ich habe tatsächlich eines aufgelesen."

Anhänger hörte es und lachte: „Sie hat mich schon so viele Male gefragt, ob ich ihr Taschentuch gesehen hätte. Als ob ich die Muße hätte, mich um solche Dinge zu kümmern! Heute fragte sie wieder und sagte, wenn ich es für sie fände, wolle sie sich bei mir bedanken. Gerade eben, vor dem Tor zum Haselwurzpark, hat sie es gesagt – Ihr habt es doch selbst gehört, junger Herr, ich lüge nicht. Lieber junger Herr, wenn Ihr es gefunden habt, dann gebt es mir! Ich bin neugierig, womit sie sich bei mir bedanken wird."

Nun hatte Efeu Kaufmann im vergangenen Monat, als er hereingekommen war, um Bäume zu pflanzen, tatsächlich ein Seidentuch aufgelesen. Er vermutete, dass es jemandem gehören musste, der im Garten wohnte, wusste aber nicht, wem, und hatte daher nichts überstürzt. Als er heute gehört hatte, wie Rotjädchen Anhänger danach fragte, und dadurch erfuhr, dass es Rotjädchens Tuch war, hüpfte sein Herz vor Freude. Und als nun Anhänger ihn darum bat, stand sein Entschluss bereits fest. Er zog aus seinem Ärmel sein eigenes Taschentuch hervor und sprach lächelnd zu Anhänger: „Ich gebe es dir. Aber wenn du ihre Belohnung erhältst, darfst du sie mir nicht vorenthalten!"

Anhänger versprach es bereitwillig und nahm das Taschentuch entgegen. Sie begleitete Efeu Kaufmann hinaus und kehrte dann zurück, um Rotjädchen zu suchen. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Sprechen wir nun davon, wie Schatzjade, nachdem er Efeu Kaufmann verabschiedet hatte, sich träge und lustlos auf das Bett fallen ließ und in einen halbwachen Schlummer zu gleiten drohte. Da trat Dufthauch heran, setzte sich auf die Bettkante und schob ihn an: „Was, du willst schon wieder schlafen? Dir ist langweilig – warum gehst du nicht hinaus und machst einen Spaziergang?"

Schatzjade ergriff ihre Hand und sagte lächelnd: „Ich würde schon gehen, aber ich kann mich nicht von dir trennen."

Dufthauch lachte: „Steh endlich auf!" Und schon zog sie ihn hoch.

Schatzjade klagte: „Aber wohin soll ich denn gehen? Es ist alles so öde und langweilig."

Dufthauch sagte: „Wenn du erst draußen bist, wird es schon besser. Je länger du hier so dahindämmerst, desto bedrückter wird dein Gemüt."

Lustlos gehorchte Schatzjade und schlurfte zur Tür hinaus. Im Wandelgang neckte er eine Weile die Vögel, dann verließ er den Hof und schlenderte am Duftgetränkten Bach entlang, wo er eine Weile die Goldfische betrachtete. Plötzlich sah er, wie zwei kleine Hirsche pfeilschnell den Berghang herabgerannt kamen. Er konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte, und wunderte sich noch, da sah er schon Orchidee Kaufmann[10] mit einem kleinen Bogen in der Hand hinter ihnen herjagen. Kaum erblickte er Schatzjade, blieb er stehen und rief lächelnd: „Seid Ihr zu Hause, zweiter Onkel? Ich dachte, Ihr wäret ausgegangen!"

Schatzjade schalt: „Bist du schon wieder unartig? Was schießt du auf die armen Hirsche?"

Orchidee Kaufmann lachte: „Ich habe gerade keinen Unterricht. Was soll ich sonst tun, wenn ich nichts zu lernen habe? Da übe ich eben Reiten und Bogenschießen."

Schatzjade meinte: „Pass auf, dass du dir nicht die Zähne ausschlägst! Dann wirst du schon aufhören zu üben."

Schatzjade ging weiter, wohin ihn seine Schritte trugen, und gelangte vor ein Gehöft, wo dichter Bambus wie Phönixschwänze emporragte und der Wind leise wie ein Drachensummen durch die schlanken Halme strich. Er blickte empor zum Tor und las die Inschrift auf der Tafel: „Xiaoxiang-Bambushain[11]" [潇湘馆]. Er schlenderte hinein und sah, wie der Bambusvorhang bis zum Boden herabhing. Lautlose Stille herrschte, kein Menschenlaut war zu vernehmen. Als er ans Fenster trat, nahm er einen zarten, verborgenen Duft wahr, der durch die grüne Gaze heraussickerte. Er presste sein Gesicht an das Gazefenster und spähte hinein, da vernahm sein Ohr einen feinen, langen Seufzer, gefolgt von den leise gesprochenen Worten:

„Tag für Tag von Liebessehnsucht müd und schlaftrunken ..." [Anm.: Zitat aus dem Stück „Die Päonienlauben" (牡丹亭) von Tang Xianzu, Szene „Traumsuche" (寻梦). Die Zeile drückt Frühlingsschwermut und Liebessehnsucht aus.]

Schatzjade hörte es, und sein Herz begann zu kribbeln. Als er genauer hinsah, erkannte er Kajaljade, die sich auf dem Bett räkelte und streckte. Lachend rief er durchs Fenster: „Warum bist auch du 'Tag für Tag von Liebessehnsucht müd und schlaftrunken'?" Und damit schob er den Vorhang beiseite und trat ein.

Kajaljade erschrak über ihre eigene Unbesonnenheit, wurde unwillkürlich rot, bedeckte ihr Gesicht mit dem Ärmel, drehte sich zur Wand und tat, als schliefe sie. Schatzjade trat zu ihr und wollte sie gerade sanft zu sich drehen, da kamen Kajaljades alte Amme und zwei ältere Frauen hinterher herein und sagten: „Das Fräulein schläft. Kommt wieder, wenn sie aufgewacht ist!"

Kaum hatten sie das gesagt, setzte sich Kajaljade auf und lachte: „Wer schläft denn hier?"

Die zwei, drei Frauen sahen, dass Kajaljade aufgestanden war, und sagten lächelnd: „Wir dachten, Ihr schlaft, Fräulein." Dann riefen sie nach Purpurkuckuck[12]: „Das Fräulein ist wach, komm herein und warte ihr auf!" Damit gingen sie hinaus.

Kajaljade saß auf dem Bett, ordnete mit einer Hand ihr Schläfenhaar und fragte Schatzjade lächelnd: „Wozu kommst du herein, während andere schlafen?"

Als Schatzjade ihre Sternenaugen halb verschleiert und ihre duftenden Wangen zart gerötet sah, gab es seinem Herzen einen Stoß. Er ließ sich schräg auf einen Stuhl sinken und fragte lächelnd: „Was hast du gerade eben gesagt?"

Kajaljade erwiderte: „Ich habe nichts gesagt."

Schatzjade lachte: „Warte nur, du bekommst eine Kopfnuss von mir! Ich habe alles gehört."

Während die beiden noch redeten, trat Purpurkuckuck herein. Schatzjade bat lächelnd: „Purpurkuckuck, gieß mir doch eine Schale von eurem guten Tee ein!"

Purpurkuckuck erwiderte: „Was sollen wir schon für guten Tee haben? Wenn Ihr guten Tee wollt, müsst Ihr warten, bis Dufthauch kommt."

Kajaljade mischte sich ein: „Kümmere dich nicht um ihn! Geh mir erst einmal Wasser schöpfen!"

Purpurkuckuck lachte: „Er ist doch ein Gast. Natürlich gieße ich ihm erst Tee ein, ehe ich Wasser schöpfen gehe." Damit ging sie, um Tee zu holen.

Schatzjade rezitierte lächelnd:

„Du liebes Mädchen, du! Wenn ich mit deinem schönen Fräulein unter dem Liebesvorhang läge, wie könntest du es über dich bringen, die Betten zu richten?" [Anm.: Zitat aus dem Drama „Das Westzimmer" (西厢记), in dem der junge Gelehrte Zhang Sheng zur Dienerin Hongniang spricht.]

Kajaljade ließ sofort die Miene erstarren und sagte: „Zweiter Bruder, was hast du da gesagt?"

Schatzjade beteuerte lächelnd: „Ich habe doch gar nichts gesagt!"

Da brach Kajaljade in Tränen aus: „Ist das jetzt die neueste Mode, dass du draußen ordinäre Reden aufschnappst und sie mir ins Gesicht sagst? Dass du verdorbene Bücher liest und dich dann über mich lustig machst? Dazu bin ich den Herren wohl gerade gut genug – um ihre Langeweile an mir auszulassen!" Weinend stieg sie vom Bett und wollte hinausgehen.

Schatzjade wusste nicht, was er tun sollte, Panik ergriff sein Herz, und er eilte ihr nach: „Liebste Schwester, ich habe es verdient, auf der Stelle zu sterben! Bitte, sag es niemandem! Wenn ich so etwas je wieder wage, soll mir ein Furunkel am Mund wachsen und die Zunge verfaulen!"

Gerade als er noch sprach, kam Dufthauch herein und sagte: „Schnell, komm zurück und zieh dich um! Der gnädige Herr[13] ruft nach dir!"

Als Schatzjade das hörte, traf es ihn wie ein Donnerschlag. Ohne an etwas anderes zu denken, rannte er zurück, zog sich hastig um und eilte aus dem Garten. Am Innentor wartete bereits Beiming [焙茗] auf ihn. Schatzjade fragte: „Was ist los?"

Beiming drängte: „Beeilt Euch nur, junger Herr! Hingehen müsst Ihr so oder so. Dort erfahrt Ihr alles." Und er trieb Schatzjade zur Eile an.

Als Schatzjade um die große Halle bog, das Herz noch immer voller Bangen, ertönte plötzlich aus dem Mauerwinkel schallendes Gelächter. Er drehte sich um und sah Becken Schnee[14], der klatschend und springend hervorkam und lachte: „Hätte ich nicht gesagt, der Onkel ruft nach dir, wärst du niemals so schnell herausgekommen!" Auch Beiming kniete lachend nieder.

Schatzjade starrte lange verblüfft, bis er endlich begriff, dass Becken Schnee ihn nur aus dem Garten hatte locken wollen. Eilig verbeugte sich Becken Schnee mit zusammengelegten Händen, um sich zu entschuldigen, und bat: „Macht dem Jungen keine Schwierigkeiten, ich war es, der ihn dazu gezwungen hat."

Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als zu lächeln, und sagte: „Dass du mich zum Narren hältst, sei noch dahingestellt. Aber wie konntest du dich als meinen Vater ausgeben? Das werde ich der Tante erzählen und sie urteilen lassen, ob man das tun darf!"

Becken Schnee rief: „Liebster Bruder, ich wollte doch nur, dass du dich ein wenig beeilst, und habe dabei ganz vergessen, dass so etwas tabu ist. Ein andermal darfst du mich genauso anführen, dann sind wir quitt!"

Schatzjade stöhnte: „O weh! Das wird ja immer schlimmer." Dann wandte er sich an Beiming: „Was kniest du Verräter noch da unten? Steh auf!"

Beiming machte eilig einen Kotau und stand auf.

Becken Schnee erklärte nun: „Ich hätte dich ja nicht gestört, aber am dritten Tag des fünften Monats ist mein Geburtstag, und der Antiquitätenhändler Cheng Rixing [程日兴] hat, wer weiß woher, so dicke und so lange, knackig-frische Lotosknollen aufgetrieben, dazu so riesige Wassermelonen, einen so langen, frischen Stör und ein so gewaltiges, mit feinstem Zypressenholzweihrauch geräuchertes Schwein, das als Tributgabe aus Siam [暹罗] gekommen war. Sag selbst, sind das nicht seltene Gaben? Der Fisch und das Schwein sind einfach teuer und schwer zu bekommen, aber bei den Lotosknollen und den Melonen fragt man sich, wie er sie nur herangezogen hat! Ich habe meiner Mutter sogleich etwas davon verehrt und auch eurer Herzoginmutter, dem Onkel und der Tante eilends etwas geschickt. Vom Rest, den ich aufhob, wollte ich selbst essen, doch fürchtete ich, mein Glück zu verspielen. Ich habe hin und her überlegt: Außer mir bist nur du allein würdig, davon zu kosten. Darum habe ich dich eigens eingeladen. Und zufällig ist eben auch noch ein Sängerknabe gekommen. Also wollen wir uns zusammen einen vergnügten Tag machen, was meinst du?"

Bei diesen Worten gelangten sie in Becken Schnees Bibliothek. Dort saßen bereits Zhan Guang [詹光], Cheng Rixing, Hu Silai [胡斯来], Shan Pingren [单聘仁] und der Sängerknabe. Als sie Schatzjade eintreten sahen, begrüßten sie ihn mit Verneigungen und Höflichkeitsbezeugungen. Man tauschte Grüße, trank Tee, und dann befahl Becken Schnee, den Wein aufzutragen. Kaum hatte er es ausgesprochen, begannen die Diener eifrig, den Tisch herzurichten, und nach einer Weile war alles bereit, und man nahm Platz. Schatzjade überzeugte sich, dass die Melonen und Lotosknollen tatsächlich von seltener Güte waren, und sprach lächelnd: „Meine Geburtstagsgeschenke habe ich dir noch nicht geschickt, und du bewirtest mich schon!"

Becken Schnee erwiderte: „Ja wirklich! Was gedenkst du mir denn morgen zu schenken?"

Schatzjade sagte: „Was kann ich dir schon schenken? Silber und Gold, Essen und Kleider – das alles gehört ja gar nicht mir. Nur was ich selbst mit dem Pinsel schreibe oder male, das allein ist wirklich von mir."

Becken Schnee lachte: „Da du gerade vom Malen sprichst, fällt mir etwas ein. Gestern habe ich bei jemandem ein Frühlingsbild gesehen [Anm.: ein erotisches Bild], das wirklich vorzüglich gemalt war. Es standen auch viele Schriftzeichen darauf, die ich mir nicht näher angesehen habe, aber die Signatur lautete 'Geng Huang' [庚黄]. Ein wahrhaft großartiges Bild!"

Schatzjade überlegte verwundert: „Ich habe doch schon allerhand alte und neue Kalligraphien und Gemälde gesehen – einen 'Geng Huang' gibt es nicht!" Er sann eine Weile nach, lachte dann plötzlich auf, ließ sich einen Pinsel bringen und schrieb zwei Schriftzeichen auf seinen Handteller. Dann fragte er Becken Schnee: „Bist du dir sicher, dass dort 'Geng Huang' stand?"

Becken Schnee sagte: „Natürlich! Wie sollte ich mich da irren?"

Schatzjade öffnete die Hand und zeigte ihm die Zeichen: „Waren es nicht vielleicht diese hier? Die Ähnlichkeit mit 'Geng Huang' ist in der Tat groß."

Alle schauten hin und lasen: „Tang Yin" [唐寅]. Lachend sagten sie: „Das werden sie wohl gewesen sein – der hohe Herr hat sich wohl einen Augenblick lang versehen."

Becken Schnee fühlte sich beschämt und sagte unwillig: „Wer kennt sich schon aus, ob das 'Bonbonsilber' oder 'Obstsilber' heißt!" [Anm.: Wortspiel – 唐 tang klingt wie 糖 „Zucker", 寅 yin wie 银 „Silber"]

Gerade als man noch darüber sprach, meldete ein Diener: „Der junge Herr Feng ist da!" Schatzjade wusste sofort, dass es Feng Ziying[15] sein musste, der Sohn des Generals Feng Tang von der Shenwu-Garnison.

„Schnell hereinbitten!" riefen Becken Schnee und die übrigen wie aus einem Munde. Und noch ehe sie zu Ende gesprochen hatten, kam Feng Ziying auch schon lachend und plaudernd herein. Alle standen auf und baten ihn, Platz zu nehmen.

Feng Ziying lachte: „Nicht übel! Statt auszugehen, macht ihr es euch fein zu Hause bequem!"

Schatzjade und Becken Schnee erwiderten lächelnd: „Wir haben uns lange nicht gesehen. Ist der Herr Vater wohlauf?"

Feng Ziying antwortete: „Meinem Vater geht es, Gott sei Dank, gut. Nur meine Mutter hat sich vor ein paar Tagen erkältet und war zwei Tage lang unwohl."

Becken Schnee hatte einige blaue Flecke in Feng Ziyings Gesicht entdeckt und erkundigte sich lächelnd: „Mit wem hast du dich denn wieder geprügelt? Du hast ja ein richtiges Aushängeschild im Gesicht!"

Feng Ziying lachte: „Seit ich damals bei der Schlägerei den Sohn von Oberst Qiu verletzt habe, habe ich mir geschworen, mich nicht mehr aufzubrausen. Warum also sollte ich mich geprügelt haben? Nein, das war neulich auf der Jagd. In den Eisennetzbergen [铁网山] hat mir ein Jagdfalke einen Hieb mit dem Flügel versetzt."

Schatzjade fragte: „Wann war das denn?"

Feng Ziying sagte: „Am achtundzwanzigsten des dritten Monats bin ich aufgebrochen, und vorgestern war ich zurück."

Schatzjade meinte: „Dann ist es kein Wunder, dass ich dich am dritten oder vierten vorigen Monats nicht gesehen habe, als ich bei Shen zu Gast war. Ich wollte noch nach dir fragen, habe es dann aber irgendwie vergessen. Warst du allein, oder war dein Herr Vater auch mit?"

Feng Ziying erwiderte: „Weil mein Vater auf die Jagd wollte, blieb mir ja nichts anderes übrig, als mitzugehen! Meinst du, ich wäre verrückt geworden? Lieber trinke ich hier mit euch und höre Lieder, statt mir diese Strapazen aufzuladen. Doch diesmal hatte ich großes Glück im Unglück."

Da Becken Schnee und die Übrigen sahen, dass Feng Ziying seinen Tee ausgetrunken hatte, drängten sie: „Setz dich erst einmal zu uns an den Tisch und erzähle in aller Ruhe!"

Doch Feng Ziying stand auf und sagte: „Eigentlich müsste ich wirklich ein paar Becher mit euch trinken, aber heute habe ich eine äußerst dringende Angelegenheit und muss meinem Vater noch persönlich Bericht erstatten, wenn ich zurückkomme. Ich wage es wirklich nicht, eure Einladung anzunehmen."

Becken Schnee, Schatzjade und die anderen ließen sich das natürlich nicht bieten und hielten ihn mit aller Kraft fest. Feng Ziying lachte: „Das ist doch seltsam! Wir kennen uns nun schon so viele Jahre – wann hat es das zwischen uns jemals gegeben? Es ist mir wirklich nicht möglich. Aber wenn ihr darauf besteht, dann holt einen großen Becher, den ich zweimal leeren will – und dann muss ich gehen."

Die anderen gaben sich widerwillig zufrieden. Becken Schnee führte die Kanne, Schatzjade hielt den Becher, und zweimal wurde der große Humpen randvoll gefüllt. Feng Ziying leerte ihn beide Male im Stehen in einem Zug.

Schatzjade bat: „Aber erzähl uns wenigstens, was es mit dem 'Glück im Unglück' auf sich hat, bevor du gehst!"

Feng Ziying lachte: „Wenn ich es jetzt erzähle, wird es nicht spannend genug. Ich werde euch eigens dazu einladen und alles in Ruhe berichten. Außerdem gibt es dann noch eine Bitte, die ich an euch habe." Damit ergriff er ihre Hände zum Abschied und ging.

Becken Schnee rief ihm nach: „Jetzt hast du uns erst recht neugierig gemacht! Wann wirst du uns einladen? Sag es uns wenigstens, damit wir nicht im Ungewissen bleiben!"

Feng Ziying antwortete: „Höchstens zehn Tage, mindestens acht." Damit ging er hinaus, stieg aufs Pferd und ritt davon.

Die Zurückgebliebenen kehrten an den Tisch zurück und tranken noch eine Weile, ehe sie auseinandergingen.

Als Schatzjade in den Garten zurückkam, hatte Dufthauch die ganze Zeit bangen Herzens auf ihn gewartet und sich gefragt, ob es Glück oder Unglück bedeute, dass Aufrecht Kaufmann ihn zu sich gerufen hatte. Als sie ihn nun angeheitert zurückkommen sah, fragte sie nach dem Hergang, und Schatzjade erzählte ihr alles der Reihe nach.

Dufthauch warf ihm vor: „Hier sitzt man vor Angst wie auf glühenden Kohlen, und du amüsierst dich nach Herzenslust! Hättest du wenigstens jemanden mit einer Nachricht hergeschickt!"

Schatzjade versicherte: „Das wollte ich ja. Aber als der junge Feng kam, habe ich es in dem Durcheinander ganz vergessen."

Gerade als er noch sprach, trat Schatzspange lächelnd herein und sagte: „Die schönen Sachen habt ihr uns alle weggegessen!"

Schatzjade erwiderte lächelnd: „Die kamen doch aus dem Hause der Schwester – da wurden natürlich zuerst wir bedacht!"

Schatzspange schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: „Gestern hat mein Bruder mich eigens eingeladen, davon zu kosten, aber ich habe nichts gegessen und ihm gesagt, er solle es aufheben und Gäste einladen oder es verschenken. Ich weiß ja, dass mir ein kümmerliches Geschick bestimmt ist und es mir nicht gebührt, solche guten Dinge zu essen."

Ein Mädchen brachte Tee, und sie plauderten beim Teetrinken. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Wenden wir uns nun Kajaljade zu. Als sie gehört hatte, dass Aufrecht Kaufmann nach Schatzjade geschickt habe und dieser den ganzen Tag nicht zurückgekehrt war, hatte auch sie sich Sorgen um ihn gemacht. Nach dem Abendessen vernahm sie, Schatzjade sei zurück, und so trieb es sie, ihn aufzusuchen und zu erfahren, was vorgefallen war. Langsamen Schrittes ging sie hinüber. Da sah sie, wie Schatzspange eben in Schatzjades Hof verschwand. Also folgte sie ihr.

Gerade an der Brücke am Duftgetränkten Quell [沁芳桥] angelangt, erblickte sie allerlei Wasservögel, die im Teich badeten. Sie konnte die einzelnen Arten nicht unterscheiden, sah nur, dass ein jeder bunt schillernde Federn trug und wunderbar anzusehen war. So blieb sie stehen und betrachtete sie eine Weile. Als sie dann zum Hof der Roten Freude weiterging, fand sie das Hoftor verschlossen. Sie klopfte mit der Hand dagegen.

Nun hatten sich Heitermuster und Bihen [碧痕] gerade gestritten, und Heitermuster war übelster Laune. Als dann Schatzspange erschienen war, hatte Heitermuster ihren Ärger auf sie übertragen und im Hof geschimpft: „Ob was ist oder nicht, sie kommt einfach anmarschiert und sitzt herum, und wir kommen dann bis tief in die Nacht nicht zum Schlafen!"

Als nun plötzlich wieder jemand ans Tor klopfte, steigerte das Heitermusters Zorn nur noch mehr. Ohne zu fragen, wer es sei, rief sie: „Es sind schon alle schlafen gegangen! Kommt morgen wieder!"

Kajaljade kannte die Art der Mädchen und wusste, wie gern sie einander zum Narren hielten. Sie glaubte, das Mädchen im Hof habe ihre Stimme nicht erkannt und sie für eine andere Dienstmagd gehalten, die keinen Einlass brauchte. Darum rief sie mit erhobener Stimme: „Ich bin es! Willst du nicht endlich aufmachen?"

Doch Heitermuster hatte immer noch nicht erkannt, wer da rief, und fauchte eigensinnig: „Ganz gleich, wer Ihr seid – der junge Herr hat befohlen, dass ausnahmslos niemand mehr eingelassen wird!"

Als Kajaljade das hörte, erstarrte sie vor Zorn, dort draußen vor dem verschlossenen Tor. Schon wollte sie laut aufbegehren und ihrem Ärger Luft machen, doch dann besann sie sich: „Es heißt zwar, bei der Tante sei es wie zu Hause – doch am Ende bin ich hier nur zu Gast. Vater und Mutter sind beide gestorben, ich habe weder Rückhalt noch Zuflucht, und lebe auf die Gastfreundschaft dieser Familie angewiesen. Wenn ich jetzt einen Streit anfange, ist das auch nicht gerade würdevoll." Bei diesen Gedanken rollten ihr schon die Tränen über die Wangen.

Es war ihr gleichermaßen unmöglich umzukehren wie dort stehen zu bleiben. Noch während sie unschlüssig dastand, drangen Gesprächsfetzen und Gelächter aus dem Inneren an ihr Ohr, und als sie genauer hinhörte, erkannte sie die Stimmen von Schatzjade und Schatzspange. Da wallte der Zorn in Kajaljades Brust noch heftiger auf. Sie dachte hin und her, und plötzlich fiel ihr der Vorfall vom Morgen wieder ein: „Gewiss ist Schatzjade böse auf mich, weil ich gedroht habe, mich über ihn zu beschweren. Doch habe ich mich je wirklich beschwert? Du hättest dich wenigstens erkundigen können, ehe du mich so behandelst! Heute lässt du mich nicht herein – aber morgen werden wir uns doch sehen müssen!"

Je länger sie darüber nachsann, desto mehr grämte sie sich. Ohne auf das kalte, betaute Moos unter ihren Füßen oder den kühlen Wind auf dem Blumenpfad zu achten, stand sie einsam in einem Mauerwinkel unter blühenden Bäumen und schluchzte bitterlich.

Nun war Kajaljade von einzigartiger Schönheit und unvergleichlicher Anmut. Als sie jetzt zu weinen begann, flogen die Vögel, die sich auf den Zweigen und Blüten ringsum zur Nacht niedergelassen hatten, bei ihrem Klagelaut allesamt mit rauschenden Flügeln auf und in die Ferne davon, weil sie es nicht ertragen konnten, dies länger mit anzuhören. Wahrlich:

Stumm stehen die Blumengeister, ohne Regung, erschreckt flattern die traumverlorenen Vögel auf — wohin?

Ein Gedicht sagt:

An Schönheit und Begabung sucht Kajaljade auf Erden ihresgleichen, einsam tritt sie, den keuschen Duft im Arm, aus ihrem Boudoir hervor. Noch ehe ihr klägliches Schluchzen verhallt, fallen die Blüten zu Boden, die Vögel flattern erschreckt davon.

Während Kajaljade noch weinte und klagte, ging mit einem Knarren das Hoftor auf – doch wer dort heraustrat, das erfahre, wer es wissen will, im nächsten Kapitel.

  1. Chin. 潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn. Kajaljades Wohnstätte im Garten der Großen Anschauung, benannt nach dem Xiang-Fluss und seinen Bambustränen-Legenden.
  2. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann".
  3. Chin. 贾芸 Jiǎ Yún, wörtl. „Efeu Kaufmann" — ein entfernter Neffe der Familie.
  4. Chin. 红玉 Hóngyù, wörtl. „Rotjädchen". Wegen des Tabuzeichens 玉 yù (Jade) im Namen Schatzjades wird sie meist 红儿 Hóng’ér, „Kleine Rote", genannt.
  5. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade Wald". Kajal (黛 dài) bezeichnet das schwarze Augenbrauenpuder.
  6. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Herzoginmutter, Oberhaupt der Familie Kaufmann.
  7. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — „den Menschen einhüllend (wie Duft)".
  8. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heitermuster" — „klares Wolkenmuster bei heiterem Himmel".
  9. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatzspange Schnee". Eine 钗 chāi ist eine kostbare Haarnadel.
  10. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann", der junge Sohn der Witwe Seidenweiß Pflaume.
  11. Chin. 潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn. Kajaljades Wohnstätte im Garten der Großen Anschauung, benannt nach dem Xiang-Fluss und seinen Bambustränen-Legenden.
  12. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck".
  13. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann".
  14. Chin. 薛蟠 Xuē Pán, Schatzspanges älterer Bruder.
  15. Chin. 冯紫英 Féng Zǐyīng, Sohn des Generals Feng Tang.