Hongloumeng/de/Chapter 47
Kapitel 47 Der törichte Becken Schnee [薛蟠][1] erleidet außerhalb der Stadtmauern eine tüchtige Tracht Prügel. Der kühne Xianglotus Weide[2] straft einen Wüstling und macht sich aus dem Staub.
Es wird erzählt, dass Dame König[3], als sie hörte, Dame Strafe[4] sei gekommen, ihr eilig entgegenging. Dame Strafe wusste noch nicht, dass die Herzoginmutter [贾母][5] bereits von der Sache mit Mandarinenente [鸳鸯][6] erfahren hatte, und kam eigentlich, um Neuigkeiten einzuholen. Doch als sie durch das Hoftor trat, hatten ihr schon einige Mütterchen zugeflüstert, was geschehen war. Sie wollte wieder umkehren, aber man hatte drinnen bereits bemerkt, dass sie da war, und Dame König kam ihr auch schon entgegen. So blieb ihr nichts anderes übrig, als einzutreten und zunächst der Herzoginmutter ihre Aufwartung zu machen. Die Herzoginmutter sagte kein einziges Wort, und Dame Strafe selbst war von Scham und Reue erfüllt.
Phönixglanz [王熙凤][7] hatte sich unter einem Vorwand rechtzeitig davongemacht. Mandarinenente war in ihre eigene Kammer zurückgekehrt, um sich dort zu grämen. Tante Schnee [薛姨妈][8], Dame König und die anderen hatten sich nach und nach zurückgezogen, um Dame Strafe das Gesicht zu wahren. Dame Strafe traute sich nicht zu gehen.
Als die Herzoginmutter sah, dass niemand mehr da war, sprach sie: „Ich höre, du bist gekommen, um für deinen Mann um ein Mädchen zu werben. Das nenne ich brav – ganz nach den drei Gehorsamkeiten und den vier Tugenden! Nur übertreibst du es ein wenig mit der Tugendhaftigkeit. Ihr habt inzwischen Söhne und Enkel genug. Und du fürchtest ihn immer noch so, dass du ihm nicht einmal ein Wort der Ermahnung sagen kannst, sondern ihn nach Belieben sein Unwesen treiben lässt!“
Dame Strafe lief feuerrot an und erwiderte: „Ich habe es mehrmals versucht, aber er wollte nicht hören. Die Ahnherrin weiß ja, wie es ist – mir blieb nichts anderes übrig.“
Die Herzoginmutter sagte: „Wenn er dich zwingen würde, jemanden umzubringen, würdest du das dann auch tun? Denk doch einmal nach! Deine Schwägerin ist von Natur aus gewissenhaft, aber von schwacher Gesundheit und ständig krank. Von oben bis unten – um wen kümmert sie sich nicht? Und obwohl du als Schwiegertochter ihr zur Hand gehst, hast auch du den ganzen Tag zu tun – kaum legst du den Rechen hin, greifst du zum Besen. Ich selbst habe mich von den meisten Angelegenheiten zurückgezogen. Wenn die beiden einmal etwas übersehen, ist da noch Mandarinenente – das Kind ist aufmerksam und denkt noch an meine Angelegenheiten. Was ich brauche, besorgt sie; was fehlt, lässt sie ergänzen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Ohne Mandarinenente würden diese Mutter und Schwiegertochter, drinnen und draußen, bei großen und kleinen Dingen, hier und da einmal etwas übersehen. Soll ich etwa in meinem Alter wieder selbst jede Kleinigkeit regeln? Oder soll ich Tag für Tag rechnen und bei euch Sachen einfordern?
Mein ganzer Haushalt ist so gut wie leer, sie ist die Einzige, die mir geblieben ist – und sie ist auch schon etwas älter. Erstens kennt sie meine Launen und Gewohnheiten. Zweitens kommt sie mit den Herrschaften gut aus und bettelt nicht bei dieser Dame um Kleider oder bei jener Herrin um Geld. Deshalb vertraut man ihr seit Jahren – von deiner Schwägerin und deiner Schwiegertochter angefangen bis hinunter zu den Geringsten. Nicht nur ich kann mich auf sie stützen, auch deine Schwägerin und Schwiegertochter haben es leichter mit ihr. Solange ich sie habe, komme ich selbst dann nicht zu kurz, wenn meine Schwiegertöchter oder Enkelschwiegertöchter einmal etwas übersehen, und brauche mich nicht zu ärgern.
Wenn sie nun aber fort ist – wen wollt ihr mir dann stattdessen geben? Selbst wenn ihr mir ein Mädchen bringt, das aus Perlen gemacht ist – wenn es nicht reden kann, nützt es nichts! Ich war gerade im Begriff, jemandem zu deinem Mann zu schicken: Was für ein Mädchen er auch möchte, ich habe das Geld – er soll sich ruhig für achttausend oder achtzehntausend eins kaufen, nur dieses eine Mädchen kann er nicht haben. Lasst sie mir noch ein paar Jahre dienen, das rechne ich ihm ebenso hoch an, wie wenn er mir Tag und Nacht selbst aufwarten und seine Kindespflicht erfüllen würde. Dass du gerade hereinkommst, trifft sich gut – geh du hin und sag es ihm, das ist noch besser.“
Kaum hatte sie das gesagt, befahl sie den Dienerinnen: „Bittet Tante Schnee und die jungen Damen zu mir, damit wir plaudern können. Eben waren wir noch so fröhlich – warum sind plötzlich alle davon?“
Die Mädchen eilten los, und die Eingeladenen kamen rasch zurück – nur Tante Schnee sagte zu dem Mädchen: „Ich bin doch gerade erst wieder hier gewesen! Was soll ich denn noch dort? Sag einfach, ich schlafe schon.“
Das Mädchen bettelte: „Ach, liebe gute Frau Tante, allerliebste Tante-Ahnherrin! Unsere Ahnherrin ist noch böse, und wenn Ihr nicht kommt, nimmt das kein Ende. Tut es wenigstens für uns! Wenn Ihr nicht laufen mögt, trage ich Euch auf dem Rücken hin!“
Tante Schnee lachte: „Du kleines Geistchen, wovor hast du denn Angst? Es gibt ein paar Schimpfwörter, und dann ist es vorbei.“ Dennoch ging sie mit dem Mädchen hinüber.
Die Herzoginmutter bat sie sogleich, Platz zu nehmen, und sagte dann lächelnd: „Lasst uns Karten spielen! Tante Schnees Karten sind nicht sehr gut – wir setzen uns zusammen, und Phönixglanz soll uns nicht übers Ohr hauen.“
Tante Schnee lachte: „Ganz recht! Ahnherrin, passt ein wenig auf meine Karten auf! Spielen wir zu viert, oder nehmen wir noch jemanden dazu?“
Dame König lachte: „Natürlich nur zu viert.“
Phönixglanz sagte: „Wenn noch eine dazukommt, wird es lustiger.“
Die Herzoginmutter sagte: „Ruft Mandarinenente her! Sie soll neben mir an meiner linken Seite sitzen. Tante Schnee hat schlechte Augen – Mandarinenente kann unsere beiden Hände im Auge behalten.“
Phönixglanz seufzte und sagte zu Erkundefrühling [探春][9]: „Ihr mit eurer Gelehrsamkeit solltet lieber Wahrsagen lernen!“
Erkundefrühling sagte: „Was soll denn das? Statt dich jetzt zusammenzureißen und der Ahnherrin ein paar Kupfermünzen abzugewinnen, willst du dir die Zukunft weissagen lassen?“
Phönixglanz erwiderte: „Ich möchte mir wahrsagen lassen, wie viel ich heute verlieren soll! Dass ich gewinnen könnte – daran ist gar nicht zu denken! Seht nur: Die Partie hat noch nicht einmal begonnen, und schon sind links und rechts die Hinterhalte gelegt.“
Die Herzoginmutter und Tante Schnee lachten beide.
Bald kam Mandarinenente und setzte sich neben die Herzoginmutter auf deren linke Seite; neben Mandarinenente saß Phönixglanz. Man legte den roten Filz aus, mischte die Karten und begann das Spiel. Nach einer Weile sah Mandarinenente, dass das Blatt der Herzoginmutter fast vollständig war – es fehlte nur noch eine Zwei-Scheiben-Karte. Sie gab Phönixglanz ein heimliches Zeichen. Phönixglanz war gerade am Zug und zögerte absichtlich eine ganze Weile, bevor sie lachend sagte: „Diese Karte steckt bestimmt bei der Tante. Wenn ich sie nicht ausspielen will, geht gar nichts mehr.“
Tante Schnee sagte: „Ich habe deine Karte gar nicht.“
Phönixglanz erwiderte: „Ich werde nachher nachschauen!“
Tante Schnee sagte: „Schau ruhig nach. Spiel jetzt erst einmal aus, damit ich sehe, was es ist.“
Phönixglanz legte die Karte vor Tante Schnee hin. Als Tante Schnee sah, dass es die Zwei-Scheiben war, lachte sie: „Die brauche ich nicht besonders – aber ich fürchte, die Ahnherrin hat damit gewonnen!“
Phönixglanz rief lachend: „Oh, ich habe mich verspielt!“
Die Herzoginmutter lachte so sehr, dass sie ihre Karten auf den Tisch warf, und sagte: „Wage ja nicht, sie zurückzunehmen! Wer hat dir denn gesagt, du sollst falsch spielen?“
Phönixglanz sagte: „Deshalb hätte ich mir die Zukunft weissagen lassen sollen! Ich habe sie selbst ausgespielt – wem soll ich da die Schuld geben!“
Die Herzoginmutter lachte: „Stimmt! Du solltest dir eine Ohrfeige geben und dich bei dir selbst beklagen!“
Dann wandte sie sich lächelnd an Tante Schnee: „Ich bin nicht kleinlich und gierig nach Geld – es geht nur um das glückverheißende Omen!“
Tante Schnee lachte: „Natürlich! Wer käme auf den dummen Gedanken, die Ahnherrin sei geldgierig?“
Phönixglanz zählte gerade ihr Geld und sagte, als sie das hörte, während sie die Münzen wieder auf die Schnur fädelte, zu allen lachend: „Das reicht mir! Es geht ihr angeblich gar nicht ums Gewinnen, sondern nur um das glückverheißende Omen. Aber ich Kleinliche zähle natürlich sofort nach dem Verlieren mein Geld – also lasst mich das mal schnell wegpacken.“
Die Herzoginmutter ließ gewöhnlich Mandarinenente für sie die Karten mischen. Da sie gerade mit Tante Schnee plauderte und scherzte und Mandarinenente keine Anstalten machte, sagte die Herzoginmutter: „Bist du etwa beleidigt, dass du nicht einmal die Karten für mich mischst?“
Mandarinenente nahm die Karten und sagte lachend: „Die zweite Herrin gibt kein Geld her.“
Die Herzoginmutter sagte: „Wenn sie kein Geld hergibt, hat sie eben Glück.“ Dann befahl sie einem kleinen Dienstmädchen: „Hol ihre ganze Schnur Münzen her!“
Das Mädchen brachte sie tatsächlich und legte sie neben die Herzoginmutter. Phönixglanz lachte: „Schenkt sie mir doch! Ich erstatte den genauen Betrag zurück.“
Tante Schnee lachte: „Da sieht man, wie kleinlich die Phönixglanz ist – dabei ist es doch nur ein Spiel!“
Phönixglanz stand auf, fasste Tante Schnee am Arm und zeigte lachend mit dem Finger auf die Holzschatulle, in der die Herzoginmutter gewöhnlich ihr Geld aufbewahrte: „Tante, schaut mal – in der Schatulle da weiß man gar nicht, wie viel sie mir schon abgenommen hat! Diese eine Schnur Münzen reicht noch nicht einmal für eine halbe Stunde, dann ruft das Geld da drinnen schon nach ihr. Sobald auch diese Schnur dort hineingewandert ist, brauchen wir nicht mehr zu spielen, die Laune der Ahnherrin ist wieder gut, und sie findet etwas Wichtiges, mit dem sie mich beauftragt.“
Bevor sie fertig war, hatte sie die Herzoginmutter und alle anderen zum Lachen gebracht. Gerade kam Friedchen [平儿][10], die fürchtete, das Geld reiche nicht, und brachte noch eine Schnur Münzen.
Phönixglanz sagte: „Leg sie nicht vor mich hin – leg sie gleich dort zu den anderen bei der Ahnherrin! Dann geht alles auf einmal rein, und man spart sich die doppelte Mühe – die Münzen in der Schatulle brauchen nicht zweimal die Hand auszustrecken.“
Die Herzoginmutter lachte so sehr, dass ihr die Karten über den ganzen Tisch fielen, schubste Mandarinenente und rief: „Reiß ihr schnell den Mund ab!“
Friedchen legte das Geld ab, lachte ein Weilchen mit, und kehrte dann zurück. Vor dem Hoftor traf sie auf Kette Kaufmann [贾琏][11], der fragte: „Wo ist die gnädige Frau? Der gnädige Herr schickt mich, sie zu holen.“
Friedchen antwortete lächelnd: „Sie ist bei der Ahnherrin und steht dort seit einer halben Ewigkeit, ohne sich vom Fleck zu rühren. Lass es lieber bleiben! Die Ahnherrin war den halben Tag lang böse, und erst jetzt, dank der Unterhaltungskünste der zweiten Herrin, hat sich ihre Laune ein wenig gebessert.“
Kette Kaufmann sagte: „Ich gehe hinüber und sage, ich wolle die Ahnherrin fragen, ob sie am Vierzehnten zur Familie Lai fährt, damit ich die Sänfte vorbereiten kann. Gleichzeitig bitte ich die gnädige Frau herüber und bringe die Ahnherrin zum Lachen – ist das nicht gut?“
Friedchen lachte: „Ich würde dir raten, nicht hinzugehen. Die ganze Familie, einschließlich der gnädigen Frau und Schatzjade [贾宝玉][12], hat es abbekommen – und jetzt willst du dich auch noch ins Netz stürzen?“
Kette Kaufmann sagte: „Es ist doch schon vorbei – da wird sie nicht nochmals darauf zurückkommen! Außerdem hat es mit mir gar nichts zu tun. Und dann: Der gnädige Herr hat mir persönlich befohlen, die gnädige Frau zu holen. Wenn ich jemand anders schicke und er es erfährt – er ist ohnehin schon schlecht gelaunt, das wäre ein gefundener Vorwand, seinen Ärger an mir auszulassen.“ Damit ging er los. Friedchen sah ein, dass er recht hatte, und folgte ihm.
Als Kette Kaufmann die Haupthalle betrat, machte er leise Schritte und spähte vorsichtig in den Innenraum. Er sah Dame Strafe immer noch dastehen. Phönixglanz mit ihren scharfen Augen bemerkte ihn zuerst und gab ihm mit einem Blick zu verstehen, nicht hereinzukommen. Dann gab sie auch Dame Strafe ein Zeichen. Da Dame Strafe aber nicht einfach verschwinden konnte, goss sie eine Schale Tee ein und stellte sie vor der Herzoginmutter ab.
Als sich die Herzoginmutter umdrehte, hatte Kette Kaufmann nicht schnell genug den Kopf eingezogen. Die Herzoginmutter fragte: „Wer ist da draußen? Es sah aus, als ob ein Junge den Kopf hereingestreckt hätte.“
Phönixglanz stand rasch auf: „Mir war auch so, als hätte ich einen Schatten gesehen – lasst mich nachschauen.“ Während sie das sagte, ging sie zur Tür.
Kette Kaufmann eilte hinein, verbeugte sich lächelnd und sagte: „Ich wollte nur fragen, ob die Ahnherrin am Vierzehnten ausfahrt, damit ich die Sänfte vorbereiten kann.“
Die Herzoginmutter sagte: „Wenn es das ist, warum bist du dann nicht hereingekommen, sondern treibst dich draußen wie ein Gespenst herum?“
Kette Kaufmann erwiderte lächelnd: „Als ich sah, dass die Ahnherrin Karten spielt, wagte ich nicht, Euch zu stören, und wollte nur meine Frau herausbitten, um sie zu fragen.“
Die Herzoginmutter sagte: „Ist es denn so dringend? Warte, bis sie nach Hause kommt, dann kannst du sie fragen, so viel du willst! Seit wann bist du so rücksichtsvoll? Ich weiß nicht, ob du als Zuträger oder als Spion gekommen bist – dieses Herumschleichen hat mir einen ordentlichen Schrecken eingejagt, du niederträchtiger Kerl! Deine Frau spielt mit mir Karten, da hast du noch einen halben Tag Zeit – geh nach Hause und überleg dir mit der Frau von Bao Er wieder was gegen deine Frau!“
Alle lachten. Mandarinenente sagte lachend: „Das war die Frau von Bao Er [鲍二], Ahnherrin – woher kommt denn jetzt eine Frau von Zhao Er?“
Die Herzoginmutter lachte ebenfalls: „Stimmt! Wie soll ich mir merken, wer auf dem Arm getragen wird und wer auf dem Rücken! Wenn ich an diese Dinge denke, kocht die Galle hoch. Als ich als junge Frau eines Urenkels in diese Familie kam, ist das zusammen mit heute vierundfünfzig Jahre her. Alles, was an erschreckenden, seltsamen und abenteuerlichen Dingen vorkommen kann, habe ich erlebt – aber so etwas ist mir zum ersten Mal begegnet! Willst du nicht endlich verschwinden?“
Kette Kaufmann wagte kein Wort zu erwidern und zog sich eilig zurück. Friedchen stand draußen am Fenster und flüsterte lachend: „Hab ich‚s nicht gesagt? Du wolltest nicht hören – und jetzt bist du ins Netz gegangen.“
Gerade als sie das sagte, kam auch Dame Strafe heraus. Kette Kaufmann sagte: „Alles hat der gnädige Herr angerichtet, und jetzt müssen die gnädige Frau und ich es ausbaden!“
Dame Strafe fuhr ihn an: „Du undankbarer, pflichtloser, schändlicher Kerl! Dass dich der Blitz treffe! Andere Leute würden für ihren Vater sterben, und du beschwerst dich schon über ein paar Worte! Benimm dich gefälligst! Er ist seit Tagen wütend – pass auf, dass er dich nicht verprügelt!“
Kette Kaufmann sagte: „Kommt schnell hinüber, gnädige Frau! Es ist schon eine ganze Weile her, dass er mich geschickt hat, Euch zu holen.“ Er begleitete seine Mutter hinüber.
Dame Strafe berichtete Begnadigung Kaufmann [贾赦][13] in knappen Worten, was sich zugetragen hatte. Dieser wusste sich keinen Rat mehr, und vor Beschämung ließ er sich als krank entschuldigen und wagte nicht mehr, der Herzoginmutter unter die Augen zu treten. Er schickte nur noch Dame Strafe und Kette Kaufmann jeden Tag hinüber, um der Herzoginmutter seine Grüße zu entbieten. Zugleich ließ er überall nach einem Mädchen suchen und kaufte sich schließlich für achthundert Liang Silber eine Siebzehnjährige namens Yanhong, die er als Nebenfrau aufnahm. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Bei der Herzoginmutter spielte man noch bis zum Abendessen Karten. Die nächsten ein, zwei Tage vergingen ohne besondere Vorkommnisse.
Im Nu war der Vierzehnte herangekommen. In aller Frühe erschien Lai Das Frau, um die Einladung zu erneuern. Die Herzoginmutter war bester Laune und fuhr mit Dame König, Tante Schnee, Schatzjade und den jungen Damen zu Lai Das Garten, wo sie einen halben Tag verbrachten. Der Garten konnte zwar mit dem Garten der Großen Anschauung nicht mithalten, war aber sauber und geräumig. Mit seinen Quellen und Felsen, Wäldchen und Bäumen, Turmgebäuden und Pavillons hatte er durchaus einige sehenswerte Partien.
In der äußeren Halle saßen Becken Schnee, Herrlichkeit Kaufmann [贾珍][14], Kette Kaufmann, Hibiskus Kaufmann [贾蓉][15] sowie einige nahe Verwandte; die entfernteren waren nicht gekommen, ebenso wenig Begnadigung Kaufmann. Lai Das Familie hatte auch einige amtierende Beamte und Söhne angesehener Häuser als Begleitung eingeladen.
Unter ihnen war auch Xianglotus Weide [柳湘莲]. Becken Schnee hatte ihn schon einmal gesehen und seither nicht mehr vergessen können. Er hatte in Erfahrung gebracht, dass Xianglotus Weide mit großer Leidenschaft Theater spielte und stets die Rollen junger Männer und Frauen in Liebesdramen übernahm. Da verwechselte er ihn irrtümlich mit einem leichtfertigen Burschen und brannte darauf, seine Bekanntschaft zu machen, hatte aber bisher keine Gelegenheit gehabt. Als er ihn heute wiedertraf, war er außer sich vor Freude.
Auch Herrlichkeit Kaufmann und die anderen bewunderten Xianglotus Weides Namen. Nachdem der Wein ihnen Mut gemacht hatte, baten sie ihn, zwei Szenen zu spielen. Als er von der Bühne herunterkam, setzten sie sich mit ihm zusammen, fragten ihn nach diesem und jenem und plauderten über alles Mögliche.
Xianglotus Weide stammte aus gutem Hause, hatte es aber beim Studieren zu nichts gebracht. Seine Eltern waren früh verstorben. Sein Charakter war offen und edelmütig, er kümmerte sich nicht um Kleinigkeiten und war ein großer Freund von Lanzen- und Schwertübungen, Glücksspiel und Wein, verkehrte in Freudenhäusern und machte gern Musik – er ließ nichts aus. Da er jung und gut aussehend war, hielten ihn alle, die seinen Stand nicht kannten, für einen Schauspieler.
Lai Das Sohn, Lai Shangrong, war seit langem mit ihm befreundet und hatte ihn deshalb heute zur Gesellschaft eingeladen. Als nun nach dem Wein die meisten sich noch beherrschen konnten, verfiel einzig Becken Schnee wieder in seinen alten Fehler. Xianglotus Weide ärgerte sich innerlich schon längst und wollte bei der ersten Gelegenheit verschwinden. Aber Lai Shangrong hielt ihn um keinen Preis fest und sagte: „Eben hat mir der zweite junge Herr Schatzjade aufgetragen, dir zu sagen: Als du vorhin hereinkamst, hat er dich zwar gesehen, aber vor all den Leuten konnte er nicht gut mit dir sprechen. Du sollst nach dem Fest noch nicht gehen, er möchte noch mit dir reden. Wenn du unbedingt fort willst, warte wenigstens, bis ich ihn geholt habe. Wenn ihr euch gesehen habt, kannst du gehen, und ich habe meine Pflicht getan.“
Damit schickte er einen Burschen hinein, um unauffällig eine Dienerin zu beauftragen, den zweiten jungen Herrn Schatzjade herauszubitten. Der Bursche war noch nicht einmal so lange fort, wie man für eine Schale Tee braucht, da kam Schatzjade tatsächlich heraus.
Lai Shangrong sagte lächelnd zu Schatzjade: „Da habt Ihr ihn, lieber Onkel! Ich muss mich um die Gäste kümmern.“ Damit ging er.
Schatzjade zog Xianglotus Weide in ein kleines Bibliothekszimmer neben der Halle und fragte ihn: „Warst du in letzter Zeit an Qin Zhongs [秦钟] Grab?“
Xianglotus Weide erwiderte: „Natürlich! Neulich waren wir ein paar Leute auf der Falkenjagd, nur zwei Li von seinem Grab entfernt. Da dachte ich, bei den vielen Regenfällen dieses Sommers wird das Grab wohl gelitten haben. Also machte ich mich von den anderen los und ritt hin, um nachzusehen. Tatsächlich war es an einer Stelle eingesunken. Zu Hause besorgte ich mir ein paar hundert Kupfermünzen, und am dritten Tag ritt ich in aller Frühe wieder hinaus, heuerte zwei Leute an und ließ das Grab herrichten.“
Schatzjade sagte: „Ach, daher! Letzten Monat, als in unserem Teich im Garten der Großen Anschauung die Lotoskapseln reif waren, habe ich zehn Stück gepflückt und Mingren [茗烟] hinausgeschickt, um sie am Grab als Opfer darzubringen. Als er zurückkam, fragte ich, ob der Regen das Grab beschädigt habe. Er sagte, es sei nicht nur nicht beschädigt, sondern sogar besser in Stand als zuvor. Da dachte ich mir, einer unserer Freunde müsse es hergerichtet haben.
Ich ärgere mich nur, dass ich Tag für Tag zu Hause eingesperrt bin und in nichts mein eigener Herr sein darf. Sobald jemand von meinen Plänen erfährt, hält mich der eine zurück und rät mir der andere ab – ich kann nur reden, aber nichts tun. Und obwohl ich Geld habe, darf ich es nicht so ausgeben, wie ich möchte.“
Xianglotus Weide tröstete ihn: „Um diese Sache brauchst du dich nicht zu kümmern. Draußen bin ich da – Hauptsache, du denkst in deinem Herzen an ihn. Am ersten des zehnten Monats habe ich bereits alles vorbereitet für den Grabbesuch. Du weißt, ich bin arm wie eine Kirchenmaus, zu Hause habe ich keinen Heller auf der hohen Kante. Wenn mir doch einmal ein paar Münzen in die Hände fallen, gebe ich sie sofort wieder aus. Deshalb habe ich rechtzeitig diesen Betrag beiseitegelegt, damit ich nicht mit leeren Händen dastehe.“
Schatzjade sagte: „Gerade deswegen wollte ich Mingren zu dir schicken. Aber du bist so selten zu Hause – unsteter als Entengrütze auf dem Wasser, nie an einem festen Ort.“
Xianglotus Weide sagte: „Dafür brauchst du mich nicht zu suchen. Jeder tut, was er kann. Bald will ich sowieso verreisen und erst in drei bis fünf Jahren zurückkommen.“
Schatzjade fragte erschrocken: „Warum das?“
Xianglotus Weide lachte kühl: „Du kennst mein Herz nicht. Wenn die Zeit kommt, wirst du es von selbst verstehen. Für heute will ich mich verabschieden.“
Schatzjade wandte ein: „Mit Mühe und Not haben wir uns einmal getroffen. Bleib doch bis zum Abend – wäre das nicht schöner?“
Xianglotus Weide erwiderte: „Dein Vetter mütterlicherseits hat sich immer noch nicht geändert. Wenn ich länger bleibe, gibt es unvermeidlich Ärger. Es ist besser, ich gehe ihm aus dem Weg.“
Schatzjade überlegte einen Moment und sagte dann: „Da hast du wohl recht. Aber wenn du wirklich eine weite Reise antreten willst, musst du mir vorher unbedingt Bescheid sagen. Auf keinen Fall darfst du dich einfach davonstehlen!“ Bei diesen Worten liefen ihm Tränen über die Wangen.
Xianglotus Weide sagte: „Natürlich verabschiede ich mich. Nur erzähle niemandem davon!“ Er stand auf und fügte hinzu: „Geh du wieder hinein, du brauchst mich nicht hinauszubegleiten.“
Damit verließ er das Bibliothekszimmer. Als er gerade am Tor anlangte, hörte er Becken Schnee dort herumbrüllen: „Wer hat den kleinen Liu weggehen lassen?“
Als Xianglotus Weide das hörte, sprühten vor Wut Funken vor seinen Augen, und er hätte Becken Schnee am liebsten mit einem Faustschlag niedergestreckt. Doch dann besann er sich: Eine Schlägerei nach dem Weintrinken würde Lai Shangrongs Ansehen schaden. Also bezwang er sich.
Als Becken Schnee ihn plötzlich erblickte, freute er sich, als hätte er einen kostbaren Schatz gefunden. Torkelnd kam er näher, packte ihn am Arm und sagte lächelnd: „Brüderchen, wohin willst du denn?“
Xianglotus Weide erwiderte: „Nur kurz raus, ich bin gleich wieder da.“
Becken Schnee bettelte: „Guter Bruder, wenn du weg bist, ist hier kein Spaß mehr! Bleib doch ein Weilchen, dann sehe ich, dass du mich gern hast. Was auch immer du Dringendes zu erledigen hast – überlass es deinem großen Bruder. Keine Sorge! Mit einem Bruder wie mir kannst du Beamter werden und reich – das ist alles kein Problem!“
Xianglotus Weide sah dieses widerliche Benehmen und war gleichermaßen wütend wie angewidert. Doch er hatte bereits einen Plan geschmiedet. Er zog Becken Schnee an einen abgelegenen Ort und fragte lächelnd: „Meinst du es wirklich ernst mit mir, oder tust du nur so?“
Als Becken Schnee das hörte, hüpfte ihm das Herz vor Freude. Mit schrägem Blick und dummem Grinsen sagte er: „Wie kannst du so etwas fragen, Brüderchen? Wenn ich nicht aufrichtig bin, will ich auf der Stelle vor deinen Augen tot umfallen!“
Xianglotus Weide erwiderte: „Wenn das so ist – hier ist es nicht bequem. Wir bleiben noch ein Weilchen, dann gehe ich vor, und du folgst mir zu meiner Wohnung. Dort können wir die ganze Nacht durchzechen. Ich habe auch zwei ganz vorzügliche junge Burschen da, die noch nie vor die Tür gekommen sind. Du brauchst keinen einzigen Diener mitzubringen – bei mir ist für alles gesorgt.“
Becken Schnee war vor Freude halb nüchtern geworden: „Ist das auch wirklich wahr?“
Xianglotus Weide sagte: „Was denn! Man öffnet dir sein Herz, und du glaubst es nicht?“
Becken Schnee beeilte sich lachend: „Natürlich glaube ich dir! Ich bin ja nicht blöd! Nur – ich kenne den Weg nicht. Wenn du vorausreitest, wo soll ich dich finden?“
Xianglotus Weide erklärte: „Meine Wohnung liegt außerhalb des Nordtores. Traust du dich, eine Nacht außerhalb der Stadt zu verbringen, fern von zu Hause?“
Becken Schnee strahlte: „Wenn ich dich habe, wozu brauche ich dann noch ein Zuhause?“
Xianglotus Weide sagte: „Gut, ich warte an der Brücke außerhalb des Nordtores auf dich. Jetzt gehen wir zurück an den Tisch und trinken Wein. Wenn du siehst, dass ich gegangen bin, kommst du nach – dann fällt es keinem auf.“
Becken Schnee willigte hastig ein. So kehrten beide zur Gesellschaft zurück und tranken weiter. Becken Schnee konnte es kaum erwarten und ließ kein Auge von Xianglotus Weide. In Gedanken wurde ihm immer wohler, und er leerte eine Kanne nach der anderen, ohne dass ihn jemand nötigen musste. Ehe er sich‘s versah, war er zu acht oder neun Zehnteln betrunken.
Xianglotus Weide stand auf und schlüpfte unbemerkt hinaus. Vor dem Tor befahl er seinem Burschen Xingnu: „Geh du schon nach Hause! Ich habe noch etwas vor der Stadt zu erledigen und komme nach.“
Damit schwang er sich aufs Pferd und ritt geradewegs zum Nordtor hinaus, wo er auf der Brücke auf Becken Schnee wartete. Es dauerte nicht einmal so lange, wie man für eine Schale Reis braucht, da kam Becken Schnee auf einem großen Pferd angaloppiert. Sein Mund stand offen, seine Augen quollen hervor, und sein Kopf pendelte wie eine Rattertrommel hin und her, während er nach allen Seiten starrte.
Als er an Xianglotus Weide vorbeiritt, sah er nur in die Ferne und achtete nicht auf das, was vor seiner Nase war, so dass er glatt an ihm vorübertrabte. Xianglotus Weide musste lachen und ärgerte sich zugleich. Er ließ sein Pferd laufen und folgte ihm. Als Becken Schnee merkte, dass die Häuser immer spärlicher wurden, hielt er an und wendete sein Pferd, um noch einmal zu suchen. Kaum hatte er sich umgedreht, erblickte er Xianglotus Weide vor sich und strahlte, als hätte er einen Schatz gefunden: „Ich wusste doch, dass auf dich Verlass ist!“
Xianglotus Weide sagte lächelnd: „Schnell, reit weiter! Pass auf, dass uns niemand folgt – das wäre unangenehm.“ Damit trieb er sein Pferd an. Becken Schnee folgte ihm dicht auf den Fersen.
Als Xianglotus Weide sah, dass die Gegend menschenleer war und vor ihnen ein mit Schilf bewachsener Tümpel lag, stieg er ab, band sein Pferd an einen Baum und sagte lächelnd zu Becken Schnee: „Steig ab! Zuerst legen wir einen Schwur ab – wer sein Herz ändert oder etwas ausplaudert, an dem soll sich der Schwur erfüllen.“
Becken Schnee grinste: „Das ist vernünftig.“ Er stieg eilig vom Pferd, band es ebenfalls an einen Baum, kniete nieder und sprach: „Wenn ich jemals mein Herz ändere oder es jemandem erzähle, soll der Himmel mich strafen und die Erde mich...“
Noch bevor er den Satz beenden konnte, hörte er es „Wumm!“ machen – ein Schlag wie ein Eisenhammer sauste auf seinen Nacken nieder. Ihm wurde schwarz vor Augen, goldene Sterne tanzten, und ehe er sich‚s versah, lag er am Boden.
Xianglotus Weide trat vor ihn hin und sah ihn sich an. Da er erkannte, dass Becken Schnee ein schwerfälliger Kerl war, der Prügel nicht gewohnt war, schlug er ihm nur mit drei Zehnteln seiner Kraft ein paarmal ins Gesicht. Sogleich war das Gesicht so bunt wie die Auslage eines Obstladens.
Becken Schnee versuchte, sich aufzurappeln, aber Xianglotus Weide versetzte ihm zwei Tritte mit der Stiefelspitze, und er lag wieder am Boden. „Wir waren uns doch einig!“, jammerte er. „Wenn du nicht wolltest, hättest du es doch einfach sagen können! Warum hast du mich hierher gelockt und schlägst mich?“ Dabei schimpfte er wüst.
Xianglotus Weide rief: „Dir werde ich zeigen, du blinder Tropf, wer Herr Liu ist! Statt mich um Verzeihung zu bitten, beleidigst du mich noch! Dich totzuschlagen wäre sinnlos – aber eine ordentliche Lektion will ich dir erteilen!“ Er holte seine Reitpeitsche und zog sie Becken Schnee dreißig-, vierzigmal über Rücken und Schienbeine.
Becken Schnee, inzwischen schon halb nüchtern, konnte den Schmerz nicht mehr unterdrücken und stöhnte laut.
Xianglotus Weide höhnte: „Ist das alles? Ich dachte, du verträgst Prügel!“ Dann packte er Becken Schnees linkes Bein und zerrte ihn ein paar Schritte durch die Pfütze im Schilf, bis er über und über mit Schlamm bedeckt war. „Weißt du jetzt, wer ich bin?“, fragte er.
Becken Schnee antwortete nicht und stöhnte nur, das Gesicht im Dreck. Xianglotus Weide warf die Peitsche hin und bearbeitete ihn mit Faustschlägen. Becken Schnee wälzte sich schreiend und brüllte: „Du brichst mir die Rippen! Ich weiß, dass du ein anständiger Mensch bist – ich habe fälschlich auf das Gerede anderer gehört!“
Xianglotus Weide sagte: „Lass die anderen aus dem Spiel! Red von dem, was jetzt ist!“
Becken Schnee sagte: „Jetzt gibt es nichts zu sagen. Du bist ein anständiger Mensch, und ich war im Unrecht.“
Xianglotus Weide sagte: „Noch ein bisschen demütiger, dann vergebe ich dir!“
Becken Schnee stöhnte: „Guter Bruder...“
Xianglotus Weide versetzte ihm einen Faustschlag.
„Au!“, schrie Becken Schnee. „Guter großer Bruder...“
Xianglotus Weide schlug gleich noch zweimal.
„Au! Au!“, schrie Becken Schnee. „Guter gnädiger Herr, vergebt mir blindem Narren! Von nun an werde ich Euch ehren und fürchten!“
Xianglotus Weide befahl: „Trink zwei Schluck von dem Wasser!“
Becken Schnee hörte es und verzog das Gesicht: „Aber das Wasser ist so dreckig! Wie soll ich das hinunterbringen?“
Xianglotus Weide hob die Faust.
„Ich trinke, ich trinke!“, rief Becken Schnee hastig, beugte den Kopf hinunter und schlürfte einen Mundvoll zwischen den Schilfwurzeln. Noch bevor er es hinunterschlucken konnte, machte es „Würg!“ – und alles, was er vorhin gegessen und getrunken hatte, kam wieder heraus.
Xianglotus Weide sagte: „Du widerliches Ding, friss alles auf, dann vergebe ich dir!“
Becken Schnee warf sich verzweifelt auf die Knie und stieß unaufhörlich mit der Stirn auf den Boden: „Habt doch Erbarmen! Das bringe ich nicht herunter, und wenn ich sterben müsste!“
Xianglotus Weide sagte: „Du stinkst ja so, dass einem übel wird!“ Damit ließ er Becken Schnee liegen, band sein Pferd los, stieg auf und ritt davon.
Als Becken Schnee sah, dass Xianglotus Weide fort war, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Er bereute, den Mann so falsch eingeschätzt zu haben. Er wollte aufstehen, aber der ganze Körper tat ihm höllisch weh.
Nun war es bei Tisch aufgefallen, dass die beiden plötzlich verschwunden waren. Man suchte überall, fand sie aber nicht. Jemand meinte, sie seien „wohl zum Nordtor hinausgeritten“. Becken Schnees Burschen fürchteten sich zu sehr vor ihm, um ihm gegen seinen Befehl nachzugehen. Schließlich schickte Herrlichkeit Kaufmann, der sich Sorgen machte, Hibiskus Kaufmann mit einigen Burschen auf die Suche.
Als sie zum Nordtor hinausgeritten waren, die Brücke hinter sich ließen und noch gute zwei Li weiterkamen, sahen sie plötzlich Becken Schnees Pferd an einem Baum am Schilfrand angebunden. „Gott sei Dank!“, riefen alle. „Wo ein Pferd ist, da ist auch ein Reiter.“
Als sie näher kamen, hörten sie jemanden im Schilf stöhnen. Sie eilten hin und erblickten Becken Schnee mit zerrissenen Kleidern, zerschlagenem, geschwollenem Gesicht, von oben bis unten wie ein Schlammchwein, das sich im Dreck gewälzt hat.
Hibiskus Kaufmann konnte sich den Hergang zu neunzig Prozent zusammenreimen. Rasch stieg er ab, ließ Becken Schnee aufrichten und sagte lachend: „Onkel Xue! Immer auf der Jagd nach Liebesabenteuern – und heute hat es Euch bis in den Schilfgraben verschlagen! Bestimmt hat der Drachenkönig Gefallen an Eurer Eleganz gefunden und wollte Euch zum Schwiegersohn nehmen – nur seid Ihr leider gegen seine Drachenhörner gestoßen!“
Becken Schnee hätte vor Scham am liebsten im Boden versinken mögen. An Reiten war natürlich nicht zu denken, so ließ Hibiskus Kaufmann eine kleine Sänfte vom Stadttor holen, in die Becken Schnee hineingesetzt wurde. Zusammen fuhren sie in die Stadt zurück.
Hibiskus Kaufmann wollte Becken Schnee noch zurück zu Lai Das Fest bringen, aber Becken Schnee bat und bettelte inständig und beschwor ihn, niemandem davon zu erzählen. Hibiskus Kaufmann gab schließlich nach und ließ ihn nach Hause bringen, während er selbst zu Lai Da zurückkehrte, um Herrlichkeit Kaufmann Bericht zu erstatten und ihm die ganze Geschichte zu erzählen.
Herrlichkeit Kaufmann konnte sich denken, dass Xianglotus Weide Becken Schnee verprügelt hatte, und sagte schmunzelnd: „Das ist ihm gegönnt – er musste mal eine Lektion bekommen.“
Am Abend, als das Fest vorüber war, kam Herrlichkeit Kaufmann, um Becken Schnee einen Besuch abzustatten. Becken Schnee aber lag im Schlafzimmer und ließ sich unter dem Vorwand einer Krankheit entschuldigen.
Als die Herzoginmutter und die anderen zurückkamen und jeder sich in seine Räume begab, entdeckten Tante Schnee und Schatzspange [薛宝钗][16], dass Duftkastanie [香菱][17] so geweint hatte, dass ihre Augen ganz geschwollen waren. Nachdem sie den Grund erfahren hatten, eilten sie zu Becken Schnee. Er hatte zwar Wunden im Gesicht und am Körper, aber Knochen und Sehnen waren unversehrt.
Tante Schnee war gleichermaßen von Mitleid und Zorn ergriffen. Sie schimpfte abwechselnd auf Becken Schnee und auf Xianglotus Weide und wollte Dame König benachrichtigen, damit man Leute aussandte, um Xianglotus Weide zu fassen.
Doch Schatzspange riet ihr sofort davon ab: „Das ist doch keine ernste Angelegenheit! Sie haben zusammen getrunken und sind sich dann nach dem Wein in die Haare geraten – das kommt doch vor. Wenn einer betrunken ist und ein paar Schläge einstecken muss, ist das nichts Besonderes. Außerdem weiß jedermann, wie wild und rücksichtslos unser Pan sich benimmt. Aus Euch spricht nur das Mitleid, Mutter. Es ist ja auch leicht, die Sache zu regeln: In ein paar Tagen, wenn Pan wieder auf den Beinen ist, werden Herr Juwel und Herr Kette von drüben das bestimmt nicht auf sich beruhen lassen. Sie werden ein Essen geben, den Mann einladen und ihn vor allen Leuten dazu bringen, sich bei Pan zu entschuldigen – und damit ist der Fall erledigt.
Wenn Ihr aber jetzt großes Aufheben davon macht und es jedermann erzählt, sieht es so aus, als wärt Ihr voreingenommen und blind in Eurer Mutterliebe, als hättet Ihr ihn immer gewähren lassen, Streit zu suchen und die Leute herauszufordern. Jetzt, wo er zum ersten Mal eine Niederlage einstecken muss, mobilisiert Ihr Himmel und Erde und nutzt die Macht der Verwandtschaft, um einfache Leute zu unterdrücken.“
Tante Schnee sagte: „Du hast recht, mein Kind. Vor lauter Wut war ich ganz von Sinnen.“
Schatzspange lächelte: „So ist es sogar ganz gut. Er hat weder Respekt vor Euch, noch hört er auf Ratschläge. Er wird von Tag zu Tag schlimmer. Wenn er noch zwei-, dreimal so eine Lektion bekommt, hört er vielleicht damit auf.“
Becken Schnee lag auf dem Ofenbett und schimpfte lautstark auf Xianglotus Weide. Er befahl den Burschen, sie sollten dessen Haus niederreißen, ihn totschlagen und ihn vor Gericht zerren. Tante Schnee hielt die Burschen zurück und erklärte, Xianglotus Weide habe sich im Rausch daneben benommen, alles bereut, als er wieder nüchtern geworden sei, und sei aus Furcht vor Strafe geflohen.
Als Becken Schnee das hörte, legte sich sein Ärger allmählich. Was dann weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Anmerkungen
- ↑ Chin. 薛蟠 Xuē Pán, älterer Bruder von Schatzspange, bekannt für seinen zügellosen Lebenswandel.
- ↑ Chin. 柳湘莲 Liǔ Xiānglián. 柳 liǔ „Weide“; 湘莲 xiānglián „Lotus am Xiang-Fluss“. Chin. 柳湘莲 Liǔ Xiānglián, ein junger Mann aus gutem Hause, begabt in Kampfkünsten und Theaterkunst.
- ↑ Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
- ↑ Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente“. Erste Kammerzofe der Herzoginmutter. Mandarinenenten gelten in China als Symbol ehelicher Treue.
- ↑ Chin. 凤姐 Fèngjie (vollst. 王熙凤 Wáng Xīfèng), wörtl. „Phönix-Glanz“. Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee“. Mutter von Schatzspange und Becken Schnee, Schwester von Dame König.
- ↑ Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin“. Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.
- ↑ Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen“. Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.
- ↑ Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann“. Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.
- ↑ Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade“. Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
- ↑ Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, wörtl. „Begnadigung Kaufmann“. Der ältere Sohn der Herzoginmutter.
- ↑ Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann“. Oberhaupt des östlichen Stillfriede-Zweigs der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, wörtl. „Hibiskus Kaufmann“. Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.
- ↑ Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange“. Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
- ↑ Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftkastanie“. Konkubine von Becken Schnee, ehemals Zhen Heldenlotus.