Chinese Essay/de/Chapter 1
1. Grundlagen der Untersuchung
(1. 研究基础)
Chinesische Uebersetzung: 1. 研究基础
1. Grundlagen der Untersuchung
Der sanwen 散文i (Essay) erlebt seit den 1980er Jahren in China eine neue Blüte, findet jedoch im Westen bisher kaum literaturwissenschaftliche Berücksichtigung. Neben seiner allgemeinen kommunikativen Funktion trägt er auch zur Meinungsbildung bei und ist wie schon zu Beginn der Republikzeit, als die gesellschaftspolitische Zustand als Krise begriffen wurde, auch wieder ein wichtiges Medium zum Austragen der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion durch die Intellektuellen.ii Wie zu Beginn der Moderne in den 1920er Jahren findet der Essay besonders über spezielle Rubriken in Zeitungen und Zeitschriften wieder eine breite Leserschaft.
Der Essay hat als Gattung in der chinesischen Literatur der Gegenwart sicher einen zentraleren Stellenwert als in der westlichen Literatur. Es entstanden seit 1980 Zeitschriften, die ausschließlich Essays abdrucken.iii Seit Mitte der 1980er Jahre erschienen eine große Zahl von Essay-Anthologien und auch -Sammlungen von einzelnen Autoren.
Die Wurzeln des Essays liegen in der literarischen Tradition (insbesondere philosophische Abhandlung, Brief, Gelegenheitsnotiz und Reiseberichtiv). Der chinesische Essay in seiner heutigen informellen, umgangssprachlichen Form existiert jedoch erst seit dem 20. Jahrhundert, er hat auch westliche Elemente aufgenommen.
Vor der Klärung der methodischen Grundlagen sei kurz die Vorgehensweise skizziert. Die vorliegende Studie ist in sieben Schritte unterteilt. Im ersten werden die Grundlagen erläutert, im zweiten die Entwicklung des Essays in der Moderne im Überblick gezeigt, im dritten werden die zu untersuchenden Essayisten aus einer statistischen Auswertung gewonnen, im vierten die vier ausgewählten Vertreter des modernen Essays (1917 - 1949) vorgestellt, im fünften die Entwicklung des Essays in der Gegenwart (1949 - 1995) im Überblick gezeigt, im sechsten die ausgewählten fünf Vertreter des chinesischen Essays der Gegenwart vorgestellt und im siebten die Ergebnisse zusammengefaßt. Es folgen eine Bibliographie und ein Index. 34 Übersetzungen von Essays liegen als eigenständige Publikation unter dem Titel 1998 Ausgewählte chinesische Essays des 20. Jahrhunderts in Übersetzung vor.
Der erste Abschnitt erläutert zunächst die Grundlagen anhand der Quellen, Fragestellung, Methodik und Zielsetzung. Im einzelnen werden erörtert: a) die grüßtenteils chinesischsprachigen Quellen, b) die zentrale Frage nach der Stellung der Autoren in Bezug zum politisch engagierten 'mainstream' von Autoren, c) die eklektische bzw. synthetische Methodik aus der westlichen und chinesischen Literaturwissenschaft und d) die Zielsetzung dieser Studie.
1.1 Quellen, Fragestellung, Methodik, Zielsetzung
1.1.1 Quellen
Zunächst wurden sämtliche für diese Studie eingesehenen Essaybände bibliographisch erfaßt. Eine statistische Auswertung von 31v Sammlungen aus dem Zeitraum 1994 - 1996 von den über 130 Sammlungen aus der Volksrepublik, Taiwan, Hongkong und den Vereinigten Staaten, die dem Autor im besuchten deutsch-, chinesisch- und englischsprachigen Raum zugänglichvi waren, lieferte die Grundlage für die Auswahl der neun Essayisten,vii auf die hier eingegangen und anhand derer stellvertretend die Entwicklung des Essays aufgezeigt wird.
Insgesamt wurden 5650 Essaysviii von 1462 Essayisten in 31 Essaysammlungen ausgewertet, darunter 24 aus der Volksrepublik,ix vier aus Hongkong und Taiwan, drei aus den Vereinigten Staaten. Die statistische Auswertung der über 5000 Essays nach Titeln und Wiederabdrucken ist außerdem der Ausgangspunkt für die über 1000 Texte, die hier genannt werden. Es wurde darauf geachtet, daß darunter auch die laut Statistik am häufigsten abgedruckten Essays enthalten waren. Diese über 1000 Essays wurden im Hinblick auf weitere Auswahl gesichtet, über 200 davon werden hier beispielhaft inhaltlich und teilweise in Analyse vorgestellt (siehe die Abschnitte zu den neun Essayisten). Von dieser Auswahl wurden 34 Essays übersetzt.x
Die zugrundeliegenden Auswahlkriterien werden offengelegt (Rezeptionsstatistik: Häufigkeit des Erscheinens, Anzahl der Preise etc.) oder beruhen - dann jeweils explizit angegeben - auf Forschungsergebnissen von Spezialisten auf dem Gebiet der Essayforschung, die auch kritisch hinterfragt und - soweit im Rahmen dieser Studie möglich - nachgeprüft wurden.xi Die Darstellung der Auswahl der chinesischen Spezialisten bedeutet keine Übernahme ihrer verschiedenen Auswahlkriterien, vielmehr wird in Einzelfällen kritisch zur Auswahl Stellung bezogen. Es werden Lösungsansätze angeboten, um die Unterschiede im Auswahlcharakter bei Essaysammlungen unterschiedlicher regionaler Herkunft zu erklären (siehe im Anschluß an die statistische Auswertung S. 151 ff.).
Bei den jeweils zwischen zehn und 50 näher vorgestellten Essays einzelner Autoren werden die laut statistischer Auswertung häufigsten Essays berücksichtigt. Weitere werden teils in ihrer Auswahl begründet, teils sind sie auch ein Querschnitt durch die genannten über 1000 gesichteten Essays. Vergleicht man in der Gegenwart die Praxis der Literatur-Rezensionen im Westen, so zeigt sich, daß heute "Originalität" bzw. "Innovation" eines Werkes entscheidende Urteilskriterien sind,xii daher werden einzelne Essays, die für eine Gruppe von Essays repräsentativ stehen können, beispielhaft vorgestellt, auch um Wiederholungen zu vermeiden.
Im folgenden soll nun aufgezeigt werden, wie der Essay in China Objekt der Literaturwissenschaft wurde.
1.1.2 Der Essay als Objekt der Literaturwissenschaft
Als Objekt der chinesischen Literaturwissenschaft wurde der Essay in der Republikzeit von Zhou Zuoren 周作人xiii eingeführt. In den 1930er Jahren verebbte die theoretische Auseinandersetzung mit dem Essay. Auch bei der Essayproduktion setzte mit Bürgerkrieg, Krieg und später maoistischen Kampagnenxiv eine Zeit des Stillstands ein. Erst 1985 markieren die Essay-Analysen von Li Fengmao 李丰茂xv die Wiederentdeckung dieser Gattung als Forschungsobjekt. Seit 1986 hat vor allem Zheng Mingli 郑明娳xvi aus Taiwan die neue Essaydiskussion mit ihren Büchern zur Theorie des Gegenwartsessays (seit 1949) mitgestaltet. Seit 1985 gibt es aus der Volksrepublik China spezielle Fachlexika zum Essay.xvii Konferenzen mit Teilnehmern aus der Volksrepublik, Taiwan und Hongkong über den Essay fanden 1994 in Suzhou 苏州 und 1995 in Kanton 广州 statt.xviii Obwohl in den Vereinigten Staaten bisher noch keine Monographien zum chinesischen Essay vorliegen, scheint im Chinesischen die kritische Masse an Primär- und Sekundärliteratur erreicht zu sein, die eine Monographie zum chinesischen Essay auch in den Chinawissenschaften im Westen notwendig erscheinen läßt.
Zu Beginn der Studie lagen ausschließlich zu dieser Gattung zehn chinesische Literaturgeschichten seit 1980 vor, darunter sieben aus der VR Ch und drei aus Taiwan.xix Sie leisten jedoch häufig nicht mehr, als chronologisch Texte zusammenzustellen – westlichen Ansprüchen, u.a. auf Definition der Gattung und Nachzeichnen der Entwicklungen, genügen sie zumeist nicht.
Die zahlreichen Essaysammlungen der Gegenwartxx spiegeln in ihrer Auswahl oft auch unterschiedliche ideologische Standpunkte aus ihren Herkunftsgebieten (VR China, Hongkong, Taiwan) wider, die im Einzelnen kenntlich gemacht sind und in einer Übersicht statistisch nachgewiesen werden.xxi
In der amerikanischen und europäischen Literaturwissenschaft, die sich mit chinesischer Literatur beschäftigt, gibt es noch keine zusammenhängende literarhistorische Darstellung des chinesischen Essays. Auch Werke, die in ihrem Titel den Anspruch erheben, einen Überblick über die gesamte Literatur zu geben, enthalten bisweilen keine oder nur unvollständige Angaben über diese Gattung.xxii
1995 und 1996 erschienen in den Vereinigten Staaten zwei Anthologien, in denen chinesische Essays in englischer Übersetzung aufgenommen sind. The Columbia Anthology of Modern Chinese Literaturexxiii versammelt Literatur verschiedener Gattungen, darunter zahlreiche Essays, die teilweise nach Repräsentativität und teilweise im Hinblick auf das Interesse des westlichen Lesers ausgewählt wurden. Modern Chinese Literary Thought. Writings on Literatur 1893 - 1945xxiv stellte 1996 Essays aus begrenzter Zeit und mit begrenzter Thematik vor, hier über Literaturtheorie. Der Herausgeber Denton sieht den westlichen Einfluß auf die chinesische Literaturtheorie überbewertet, westliche Theorie habe in China nicht gegriffen, da ihr dort der genuine Entstehungshintergrund gefehlt habe. Die Anmerkungen zeigen eine starke Oberflächlichkeit (die Fehlerrate bei den Jahresangaben ist außergewöhnlich hoch),xxv es fehlt die Begründung, warum Lu Xun 鲁迅xxvi (1881 - 1936) durch die Partei kanonisiert wurde und auch die Übersetzung von Lu Xuns zawen 杂文 (vermischten Essays) mit "satirical essays" (siehe S. 505) erweist sich für eine tiefergehende Analyse von Lu Xuns Essayverständnis als unpraktisch.
1995 erschienen auch deutschsprachige Untersuchungen zum essayistischen Werk einzelner chinesischer Autoren (zu Gaylord Leung [Liang Xihua] 梁锡华xxvii, Wang Meng 王蒙xxviii, unveröffentlicht: Liu Zaifu 刘再复xxix) bzw. Autorengruppen, z.B. zur 'Xinyue pai 新月派'xxx (Neumondschule).xxxi Diese Einzelstudien haben die Notwendigkeit einer zusammenfassenden Übersicht – insbesondere mit Schwerpunkt auf Essayautoren des 20. Jahrhunderts – gezeigt.
Schon William H. Nienhauser Jr.xxxii und unabhängig davon Tao Tao Sanders hatten Pläne zu einer umfassenden Studie des Essays (Arbeitstitel History of sanwen) erwogen, aber aufgrund der Materialfülle und anderer Vorhaben nicht durchgeführt.xxxiii Die vorliegende Arbeit über den Essay war nur möglich, weil sie im Rahmen des umfassenden Forschungsvorhabens von Martin zur chinesischen Gegenwartsprosa entstanden ist.
Diese Studie, für die auch intensiv vor Ort recherchiert wurde, bereitet das Material trotz der Fülle und der Weite des betretenenen Neulands soweit wie möglich auf und präsentiert es mit Bewertung und Analyse. Das wissenschaftliche Ziel liegt darin, eine begründete Auswahl von Essays und Essayisten zu treffen, die Primärliteratur teils durch Übersetzungen, teils durch Inhaltsangaben oder bibliographische Angaben zu erschließen, durch die Beschreibung biographischer Hintergründe verständlicher zu machen, in das Gesamtwerk der Autoren einzuordnen, bisherige Beurteilungen kritisch darzustellen und zu hinterfragen. Diese Studie soll dazu dienen, zukünftigen literaturwissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet der Essayistik den Weg zu ebnen. Bewußt werden dabei neben dem Rückgriff auf und der Bewertung von vorhandener Studien aus dem Westen und dem chinesischsprachigen Raum einzelne der zugrundeliegenden Texte vorgestellt und in ausgewählten Einzelfällen analysiert.
1.1.3 Zielsetzung
Am Anfang der Untersuchung standen vier Ziele: 1. Definition des modernen chinesischen Essays, 2. Neubetrachtung der Literaturgeschichte aus der engen essayistischen Perspektive, 3. Vorstellung von Repräsentanten des chinesischen Essays, 4. Herausarbeiten regionaler Unterschiede in der Essayrezeption. Sie werden wie folgt realisiert:
1. Zu Beginn der Arbeit werden eine literaturtheoretische Reflexion und der Versuch einer Definition geleistet, die die sicher unterschiedlichen literaturwissenschaftlichen Gattungsschwerpunkte in China und im Westen aufzeigen und damit auch voneinander abgrenzen. Es wird auf verschiedene Definitionen hingewiesen und ein Minimalkonsens als Arbeitsgrundlage herausgelöst. 2. Die in den allgemeinen Literaturgeschichten bisher verstreuten und zum Teil oberflächlichen Aussagen zum Essay werden geprüft, gebündelt und vertieft. Mit dieser neuen, auf die Gattung des Essay konzentrierten Betrachtungsweise dieses Teils der chinesischen Literatur wird der veränderten Gewichtung des Essays in der gesamten chinesischen Literatur (und Kultur) Rechnung getragen. 3. Erstmals wird die chinesische Essayistik im Westen anhand repräsentativ ausgewählter Autoren des 20. Jahrhunderts (Autorenportraits, Themen der Autoren und ihr Einfluß, Textbeispiele in Übersetzung) und mit einer umfassenden, kritisch annotierten Bibliographie (Primär- und Sekundärliteratur) vorgestellt. Gleichzeitig wird die vorliegende chinesische Sekundärliteratur für den deutschen Sprachgebrauch so erschlossen, daß auch die ihr zugrundeliegenden unterschiedlichen Standpunkte kenntlich werden.
Ohne Termini Bourdieux'xxxiv zu übernehmen, soll hier doch in begrenztem Umfang aufgezeigt werden, daß unterschiedliche Gruppen (z.B. regionale) Mitte der 1990er Jahre chinesischsprachige Essayisten unterschiedlich stark in Essaysammlungen aufnehmen. Ihr nicht selten erhobener Repräsentativitätsanspruch teilt (nach Bourdieux) kulturelle Macht zu, etwa, wenn Lu Xun in Taiwan lange Zeit verboten war oder wenn Zhou Zuoren nach einer Phase der gesellschaftlichen Ächtung in den 50er Jahren nach der Kulturrevolution wieder häufiger rezipiert wird. Ohne die Kohärenz von Bourdieux' System zu behaupten, flossen einige seiner Überlegungen doch anregend in diese Arbeit ein.
4. Auf Paradigmenxxxv und Interessenxxxvi beruhende Auswahlkriterien für chinesische Essayanthologien der Gegenwart werden rekonstruiert. Die Ergebnisse besitzen weniger für die Rezeption Bedeutung – sie ermöglichen vielmehr eine Kritik der Essaysammlungen und eine Auswahl von Textbeispielen in bewußter Abgrenzung zur politischen Wertung anhand leichter, objektivierbarer Kriterien (z.B. Repräsentativität, Originalität). Die Auswahlkriterien der chinesischen Herausgeber von Anthologien bleiben oft ungenannt; selbst wenn gelegentlich "Qualität" als Kriterium angegeben wird, ist die Auswahl doch überwiegend aus ideologischem Blickwinkel getroffen.
1.1.4 Zentrale Fragestellung und These
Zu dieser Studie war es notwendig, hunderte von Essays zu untersuchen. Als erstes fiel auf, daß sich die Essays ein und desselben Autors besonders stark gleichen. Der Grund dafür liegt sicherlich in der besonderen Möglichgkeit des Essays, die Individualität des Autors zum Ausdruck zu bringen, zum anderen in der Übereinstimmung von erzählendem und schreibendem Ich: Ein Essay kann nicht aus wechselnden Perspektiven geschrieben werden, er ist immer eine Momentaufnahme des gedanklichen Entwicklungsprozesses des Essayisten. Die Beschäftigung mit dem Essay hat also zur Beschäftigung mit den Essayisten geführt, weshalb diese Studie einzelne Essayisten in ihrer Gesamtheit behandelt, bzw. Gegenwartsautoren mit ihrem Leben und Werk bis in die 1990er Jahre.
Die Beschäftigung mit den Essayisten konzentriert sich immer wieder unmittelbar auf nur eine zentrale Frage: Literatur ist in China spätestens seit Beginn der Moderne 1917 bzw. der Politisierung Ende der 1920er Jahre 'engagierte Literatur', negativ formuliert 'Tendenzliteratur'. Literatur hat in China in diesen acht Jahrzehnten Stellung zur Gesellschaft und ihrer Politik bezogen. Da die Literatur nicht nur Anstifter von Reformen war, sondern wie kaum in einem anderen Land direkt und existentiell von der Politik beherrscht wurde, da ein als systemkritisch ausgelegter Text den Tod bedeuten konnte, drängte sich bei jedem Essayisten und jedem seiner Essays bei der Lektüre die Frage nach dem Standort zwischen autonomer und engagierter Literatur auf. Bei engagierter Literatur war jeweils zwischen systemkritischer oder -konformer Literatur zu differenzieren. Diese Frage wird in dieser Untersuchung im Hinblick auf jeden Essayisten aufgeworfen.
Bei der Standortbestimmung der Essays und ihrer Autoren läßt sich generell feststellen, daß es zwei Hauptrichtungen gibt: Die erste ist der 'mainstream' der engagierten Literaten, die sich – welchem Flügel sie zu welchem Zeitpunkt auch immer angehörten – politisch äußerten. Die zweite Richtung ist die Gruppe derer, die gegen den Strom schwammen, die ihre Literatur bewußt nicht politisieren ließen und stattdessen die Freiheit der Kunst und des Individuums hochhielten.
Während Müller-Funk sich u.a. mit der zentralen These über den westlichen Essay habilitierte, daß der Essay seinem Wesen nach oppositionell sei, wo er engagiert sei,xxxvii wird hier für den Essay im modernen China die These aufgestellt, daß der Essay dort aufgrund der Umstände überwiegend affirmativ zum 'mainstream' war. Oppositioneller Charakter zeigte sich im modernen China weniger deutlich in den seltenen wirklichen Dissidenten - diese konnten ihrer Tätigkeit nicht unbehelligt nachgehen, wurden zum Schweigen gebracht, 'umerzogen', vertrieben oder ausgeschaltet -, sondern eher in der kleinen Gruppe derer, deren Distanz zur politischen Aussage an sich schon als Aussage verstanden werden wollte bzw. die ihre Kritik zwischen die Zeilen verbannte. Gerade diese kleine Gruppe wird aber in den 1990er Jahren stärker rezipiert als der 'mainstream' der Moderne und Gegenwart, wie diese Studie zeigt: Nicht affirmative Essayisten wie Mao Dun und Guo Moruo sondern solche, die politisches Engagement von Literatur explizit opponierten, wie Zhou Zuoren, Zhu Ziqing und Ba Jin sind auf den oberen Plätzen der Rangliste der Essayisten zu finden.
Engagierte Literatur ist in der internationalen Literaturwissenschaft im Hinblick auf ihren ästhetisch-literarischen Wert umstritten, zumindest ist die Verpflichtung zur ideologischen oder politischen Aussage eine Selbstbeschneidung. Selbst anerkannte Autoren wie Lu Xun hielten dem Druck der sich überstürzenden politischen Ereignisse nicht stand und verschrieben sich letztlich einer Ideologie und der Tagespolitik, wodurch manche die Überzeitlichkeit ganzer Teile ihres Werkes in Frage gestellt sehen. Zumindest kann ihre Literatur weniger als die unabhängiger Schriftsteller werkimmanent erschlossen werden: es sind mehr Erklärungen zum zeithistorischen Kontext nötig. Entsprechend wird in dieser Studie verfahren: Die Texte werden zwar zunächst werkimmanent betrachtet und analysiert; falls es aber dem Verständnis dient, werden sie auch vor ihrem zeithistorischen Hintergrund dargestellt.
Die zweite Gruppe von Autoren, diejenigen, die sich nicht zur Tendenzliteratur hinreißen ließen, brachte unterschiedliche Typen hervor: Da ist Zhou Zuoren, der aus Überzeugung unpolitisch, aber durchaus patriotisch war und dem seine erzwungene Kollaboration mit den Japanern das Stigma des "Verräters" von Seiten der Guomindang 国民党xxxviii (Nationalistische Partei) und Mao Zedongs 毛泽东 einbrachte. Mao Zedong hatte 1942 in Yan'an verkündet: "Es gibt ferner eine Literatur und Kunst, die den Imperialisten dienen; hier betätigen sich Menschen vom Schlage Dschou Dsoschöns und Dshang Ds'-pings. Das ist die Literatur und die Kunst des nationalen Verrats."xxxix Die beiden genannten Autoren liefen nach der Besetzung Pekings und Shanghais durch die Japaner 1937 auf die Seite der Eindringlinge über, Zhou Zuoren zumindest nominell. Damit wurde Zhous gesamtes Schaffen abgewertet, er mußte seinen Lebensabend als Übersetzer verbringen.
Da ist Shen Congwen 沈从文xl (1903 - 1988), der den Stift beiseite legte, als die Volksrepublik ausgerufen wurde. Dann wäre da noch Zhu Ziqing 朱自清xli (1898 - 1948), der aufgrund seiner politischen Unabhängigkeit in Taiwan die Rolle eines 'Ersatzdichters' für den kategorisch abgelehnten Staatsdichter der VR China, Lu Xun übernahm. Schließlich ist da Bing Xin 冰心xlii (geb. 1900), die aus einem Harmonisierungsbedürfnis alles guthieß und sich möglichst auf unverfängliche Themen (Kinder, Mutterliebe) beschränkte.
Für die Autoren, deren essayistischer Schaffensschwerpunkt nach 1949 liegt, stellte sich bis Ende der 1970er Jahre nicht mehr die Frage, ob sie engagierte Literatur schreiben wollten - wer unpolitisch schrieb, war qua Definition kein Schriftsteller -, sondern die Frage, wie sie ihr Leben in der absurden Situation meistern sollten, daß heute das schon nicht mehr galt, was gestern noch Gültigkeit hatte. Zur Erläuterung seien zwei Schriftsteller genannt: Ba Jin 巴金xliii (1904 - 2005) zensierte Anfang der 1950er Jahre seine eigenen Werke aus der Republikzeit, wurde jedoch dann solange wieder mutiger, bis er und auch Wang Meng für kritische Äußerungen in der '"fanyou" yundong “反右”运动' (Kampagne 'gegen Rechtsabweichler') 'zurückgepfiffen' wurden. Auch in der Bewertung der 'Kulturrevolution',xliv in der Ba Jin einen Kollegen in einer Zeitung aus politischen Gründen angriff, zeigen sich bei den Schriftstellern Unterschiede: Ba Jins Werk seit Ende der 1970er Jahre durchzieht die schonungslose Aufarbeitung, Wang Meng verarbeitet die Verbannung während der 'Kulturrevolution' humorvoll und Bing Xin negiert sie völlig, indem sie Fortsetzungen ihrer Werke vor der 'Kulturrevolution' schreibt, als wäre nichts gewesen.
Ein weiterer Aspekt bei der Bestimmung der Position der Gegenwartsschriftsteller ist, wieviele Zugeständnisse sie an die Politik machten, um ihre eigenen Werke schreiben zu können. Wang Meng vollführte als liberaler Schriftsteller eine besonders schwierige Gratwanderung, da er auf der einen Seite in seinen Werken unterschwellige Kritik übte und gleichzeitig Lippenbekenntnisse der Parteitreue ablegte, um Kulturminister zu werden, ein Amt, das er von 1986 bis zu den Juniereignissen 1989 bekleidete. Doch auch danach verteidigte er sich mutig gegen orthodoxe Angriffe und legte ein kritisches politisches Manifest in seine Essays zum Traum der Roten Kammer.
Wang Zengqi (1920 - 1997) galt durch seine Unterstützung von Jiang Qings Modell-Pekingoper als regimetreu, verlegte sich jedoch auf konfliktfreie Stoffe der Vergangenheit (Kaiserliche Erziehung, Die Räuber vom Liangshan-Moor) oder Naturbeschreibungen und äußerte sich 1996 im Interview zuversichtlich, daß die Opfer der Juniereignisse 1989 bald rehabilitiert würden.
Mit dem Regime der Guomindang eingelassen hatte sich Yu Guangzhong, der vergeblich auf die Berufung auf den Posten für das noch zu schaffende Amt eines Kulturministers der Regierung in Taipeh hoffte: Er spielte sich mit besonders linientreuen Parolen in zahlreichen Debatten in den Vordergrund und schreckte selbst davor nicht zurück, seine eigenen Kollegen der Heimat-Literatur als Kommunisten zu 'diffamieren'.
Jia Pingwa, der mit seinem erotischen Romanwerk bekannt wurde, zeigt sich in seinen Essays ebenfalls frei von politischer Beeinflussung und sucht sich seine Themen auf dem Land. Als Angehöriger der Generation, die nach 1950 geboren wurde, mag er hier für die junge Generation von Autoren stehen, die ohne Auseinandersetzung mit den Ideologien als freie Schriftsteller leben können. Die Grenze zeigt Wang Shuo auf, dessen modischer Zynismus 1997 gerügt wurde.
Die obengenannten neun Autoren Lu Xun, Zhou Zuoren, Zhu Ziqing, Bing Xin, Ba Jin, Wang Meng, Wang Zengqi, Yu Guangzhong und Jia Pingwa wurden für diese Studie als repräsentative Vertreter der Moderne und Gegenwart ausgesucht. Die Repräsentativität der Auswahl der Essays oder Essayisten wird aus ihrer Bedeutung in den Augen der Rezipienten hergeleitet. Aus der statistischen Auswertung ist abzulesen, daß sie in ihren jeweiligen Kategorien (Moderne, Gegenwart, Taiwan-Gegenwart, nach 1949 geborene) die oberen Plätze belegen. Die Essayisten bis Platz 25 werden in dieser Studie näher behandelt, bei weiteren wird eine Begründung für die Aufnahme gegeben.
Bei der Standortbestimmung der einzelnen Autoren bleibt außerdem zu berücksichtigen, daß sie eine Entwicklung durchgemacht haben. Die Position ist also in Abhängigkeit der Zeitumstände mehrfach neu zu definieren. Für diese komplexe Aufgabe erweist sich eine biographische Herangehensweise am geeignetsten: Das Essayschaffen der neun, statistisch als repräsentativ erkannten und in dieser Studie ausführlicher behandelten Autoren wird in den jeweiligen biographischen und gesellschaftspolitischen Zusammenhang eingeordnet.
Auch kann die Position der Autoren nur relativ, in Bezug auf die anderen Autoren, Gruppierungen und Strömungen der Literatur bestimmt werden, es wird deshalb gern mit Querverweisen gearbeitet. Zudem wird auf Verlagerungen in der politischen Ausrichtung auch des 'mainstreams' hingewiesen, wie etwa den Linksruck nach dem Zerbrechen der Allianz zwischen Guomindang und Kommunisten, dies trieb 1930 viele Autoren in die 'Zhongguo zuoyi zuojia lianmeng 中国左翼作家联盟'xlv (Liga linksgerichteter Schriftsteller).
Je nach Bedeutung von Form oder Inhalt der einzelnen Essays für die Gesamtentwicklung des Essays wird bei der Analyse der Schwerpunkt auf eine dieser beiden Komponenten gelegt. Beide, Form und Inhalt der Essays, werden in der vorliegenden Arbeit im Wechselspiel berücksichtigt: Anhand begründeter formaler Kriterien wird der Forschungegenstand eingegrenzt, die Entwicklung der Essays aufgrund formaler und inhaltlicher Veränderungen nachgezeichnet, das Werk einzelner Essayisten anhand ihrer inhaltlichen und formalen Charakteristika vorgestellt und an Einzelbeispielen belegt. Anschließend werden einzelne Essays aufgrund ihrer Rezeptionshäufigkeit und Bedeutung behandelt und analysiert.
Diese Studie verwendet eklektisch bzw. synthetisch die dem Verf. am geeignetsten für das jeweilige Forschungsobjekt erscheinenden Methoden, die zumeist interdisziplinär beeinflußt sind. Diese Vorgehensweise hat sich im Bereich der Literaturwissenschaften etabliert. In den 1990er Jahren werden insbesondere soziologische Ansätze berücksichtigt und die Chinawissenschaften als Teil von "cultural studies" begriffen.
Nachdem nunmehr die Zielsetzungen dieser Studie erläutert wurden, soll im folgenden im Rahmen der Erläuterung der Grundlagen genauer auf die hier verwendete eklektische bzw. synthetische Methodik aus der westlichen und chinesischen Literaturwissenschaft und den jeweiligen Stand der Forschung hingewiesen werden.
1.1.5 Methodik, Stand der Forschung
Daß als Auswahlkriterium der Texte eine gemeinsame Definition (siehe S. 28) zugrundegelegt wird, ist natürlich die zufällige Willkür aber auch die Freiheit der Literaturwissenschaft. Diese Voraussetzung ermöglicht den Vergleich und damit die bessere Beurteilung ähnlicher Texte. Weiter lassen sich die Texte im Rahmen des gesamten Schaffens eines Autors und mit den biographischen Hintergrundinformationen zum Autor besser beurteilen.
Freilich werden Definitionen des Essays von chinesischen Literaturwissenschaftlern teilweise weiter gefaßt als die westliche Definition, und es stellt sich die Frage, ob das Instrumentarium der westlichen, hermeneutisch orientierten Literaturwissenschaftxlvi voll auf den chinesischen Essay anwendbar ist. Festzuhalten ist, daß die empirischexlvii und biographisch-historische, aber auch die hermeneutisch orientierte Literaturwissenschaft zumindest im Spannungsfeld zwischen östlicher und westlicher Philologie eine breitere Akzeptanz erfährt, als ideologisch ausgerichtete nationale Literaturwissenschaften. Deshalb wurde für diese Studie der empirische und biographisch-historische Ansatz gewählt. Um auch den hermeneutisch orientierten Ansatz aufzuzeigen, wurden exemplarisch folgende Essays interpretiert: "Der kleine Hund Baodi"xlviii von Ba Jin (siehe S. 428 ff.), "Die Krise des freien Essays"xlix (siehe S. 238) und "Der Drachen"l (siehe S. 213) von Lu Xun sowie "Die Rückenansicht"li (siehe S. 307) von Zhu Ziqing.
Die Forschungsleistungen von Literaturwissenschaftlern vor allem aus der Volksrepublik werden zu den Autoren jeweils kritisch gesichtet. Dabei wird aufgezeigt, mit welcher Naivität die Kritik sowohl in der Volksrepublik wie auch in Taiwan eine Wertung des gesamten Essayschaffens eines Autors aufgrund der Einstellung der Person des Autors zur politischen Ansicht des 'mainstreams' der Literaten bzw. zur herrschenden Ideologie vornimmt. Als manchmal wenig ergiebig erweisen sich die ideologisch ausgerichteten Literaturwissenschaften der Volksrepublik und Taiwans (bis 1987) im Hinblick auf einen systemlabilisierendenlii kritischen innenpolitischen Nebensinn der Texte.liii Aus diesem Grund werden in dieser Arbeit auch von den dortigen Literaturwissenschaften unbeachtete Texteliv berücksichtigt.
Die Wissenschaft hatte in sozialistischen Ländern der Ideologie zu dienen, Ergebnisse wurden mit dem Ansatz des "sozialistischen Realismus"lv erzielt. Während in der Mao-Zeit eine Gleichschaltung der Wissenschaft postuliert wurde, ist bis in die 1980er Jahre vereinzelt eine Bewertung von Autoren nach ihrer ideologischen Ausrichtung zu verzeichnen, dieser Vorwurf wird noch von Zheng Mingli 郑明娳 gegenüber dem VR Ch-Essayforscher She Shusen 佘树森 erhoben.lvi In den 1990er Jahren ist aber im Zuge der zunehmenden ökonomischen Eigenverantwortlichkeit in Wissenschaft und Publikationswesen eine Tendenz zur Individualität der Wissenschaftler zu verzeichnen.
Nachgedacht wird über Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen des Verstehens des chinesischen Essays, es werden die Schwierigkeiten des westlichen Rezipienten mit seinem begrenzten kulturellen Hintergrundwissen bei der Lektüre chinesischer Essays aufgezeigt, etwa des anspielungsreichen Qian Zhongshu 钱钟书lvii (1910 - 1998) oder des zitatreichen Wang Zengqi 汪曾祺 (1920 - 1997). Aspekte des Essayschaffens werden nachvollzogen.lviii
Da viele der aufgenommenen Essayisten hier erstmals als solche untersucht werdenlix und bisher eher als Romanciers oder Dichter bekannt sind, ist für die Neubewertung dieser Autoren als Essayisten das Bild, das der Leser zuvor von ihnen hatte, weiterhin mitbestimmend.lx Im folgenden werden - soweit möglich - Rezeptionsästhetik,lxi Rezeptionsgeschichte,lxii Überbrückung der historischen/geographischen Distanzlxiii und die unterschiedlichen Erwartungshorizontelxiv mitberücksichtigt.lxv
Die annotierte Bibliographie folgt den Musterbibliographien, die Allischewski aus Sicht der Bibliographenkunde und Seifert in der Fachzeitschrift der Editionswissenschaften vorgestellt haben.lxvi Dieses Verfahren wurde mit demjenigen, das die chinesischen Literaturwissenschaftler für die Bibliographie von Wang Meng verwendeten, kombiniert und weiterentwickelt.
Bei der Definition des Essays als Gattung der Weltliteratur (siehe S. ff.) wurden neben den zahlreichen chinesischen Quellenlxvii von Seiten der westlichen Literaturwissenschaft vor allem folgende beiden Quellen konsultiert: Bolz zeichnete in einem ausführlichen Lexikonartikel die Entwicklung des westlichen Essays nach, Butrym entwickelte in der Einführung zu seiner Essay-Anthologie eine Theorie des Essays.lxviii
Für den Bereich der literaturwissenschaftlichen Wertung hat Schulte-Sasse nachgewiesen, daß "Wertkriterien" stets "historisch gewachsene Denkzwänge" sind, Kermode hat diese Beziehung zwischen Geschichte und Werten weiter ausgearbeitet. Kienecker hat die literaturwissenschaftlicher Wertung zugrundeliegenden Kriterien, z.B. Originalität und Innovation, herausgearbeitet.lxix
Für die Definition des Essays und die literaturwissenschaftliche Wertung flossen ferner Forschungserkenntnisse ein, die die "Internationale Konferenz über den chinesischen Gegenwartsessay"lxx 1994 in Suzhou hervorbrachte. Die Durchsicht der Mehrzahl der dort vorgetragenen Manuskripte ergab, daß die Vorträge nicht auf dem Niveau der internationalen Forschung in Nordamerika oder auch Deutschland stehen: lxxi Vielmehr sind sie ein Beleg dafür, daß die chinesische Literaturwissenschaft noch nicht über ihre Nationalliteratur hinausschautlxxii – eine Ausnahme bilden die Vorträge von Zheng Minglilxxiii und Wong Wai-leung [Huang Weiliang] 黄维梁.lxxiv
Hilfreich für das Auffinden der Aufsätze zum chinesischen Essay war der Nationale Index der chinesischen Zeitungen und Periodikalxxv in der Bibliothek der Peking 北京-Universität. Es handelt sich dabei um ein monatlich erscheinendes Nachschlagewerk für das Auffinden aktuellster wissenschaftlicher Publikationen. Es liefert exakte Quellenangaben, aber keine Hinweise auf den Inhalt. Die Texte sind nach Gattungen sortiert, die Suche kann über Gattungsregister (vorne) oder Autorenregister (hinten) erfolgen.
Ein ebenfalls nützliches Nachschlagewerk ist die 1994 erschienene, u.a. in der Humboldt-Universität einsehbare Sammlung von Inhaltsangaben von Monographien zur chinesischen Literaturforschung im 20. Jahrhundert.lxxvi
Die ideologische Ausrichtung der Literaturwissenschaften in der VR Ch und in Taiwan machte sich in der Autorenauswahl der dortigen Essaysammlungen bemerkbar, so sind der ehemalige Kulturminister Wang Meng in der VR Ch sicherlich häufiger und Lu Xun in Taiwan sicherlich seltener vertreten, als es ihre literarische Qualität rechtfertigt. Zu selten vertreten ist auch Ba Jin, dessen Primärtexte, die zuletzt grüßtenteils aus Hongkong veröffentlicht wurden, noch nicht einmal vollständig eingesehen werden konnten. Am stärksten von Mißachtung aus ideologischen Gründen betroffen war lange Zeit Zhou Zuoren, der in Taiwan wie in der Volksrepublik aufgrund nicht-literarischer Gründe lange Zeit als Unperson galt: Der mit einer japanischen Frau verheiratete Schriftsteller hatte gezwungenermaßen nominell mit der japanischen Besatzungsmacht zusammengearbeitet, wofür er von der Guomindang-Regierung zunächst verurteilt wurde und ins Gefängnis kam, später erhielt er aber eine Amnestie. Wie oben beschrieben, brandmarkte Mao in seinen "Reden auf der Beratung über Literatur und Kunst in Jänan"lxxvii Zhous Essays als "Verräterliteratur".
In derselben Rede lobt Mao Lu Xuns Essayschaffen als vorbildlich.lxxviii 1957 urteilte er:
Die Essays, die Lû Xùn in seiner späteren Periode verfaßt hat, sind am tiefschürfendsten, am überzeugendsten und zudem frei von Einseitigkeit.lxxix
Die Einschätzung Lu Xuns 鲁迅 tagespolitischer Essays im Zeitraum zwischen 1930 und 1934 ist in der Volksrepublik aus ideologischen Gründen höher ("Gipfel des Schaffens") als im Westen ("unkreativ", "von keinem bleibenden literarischen Wert"). Von ideologischen Einflüssen bei der literaturwissenschaftlichen Wertung weitgehend verschont blieb das politisch indifferentere Werk von Bing Xin 冰心 und der scheinbar unpolitische Zhu Ziqing 朱自清. Die Essays von Jia Pingwa 贾平凹 sind aufgrund seiner Aktualität, die von Wang Zengqi aufgrund der grüßeren Bekanntheit seiner Pekingopern von der Forschung noch nicht berücksichtigt worden.
Die Interpretation der Essays mit den drei untrennbar verbundenen Teilaspekten Sprache, Inhalt und Form wird vom möglichst unvoreingenommenen werkimmanenten Ansatz angegangen. Wo es angemessen erscheint und Ergebnisse verspricht, werden der Wortsinn festgestellt, die benutzte Gattung/Form reflektiert, Motive und Bildwelt interpretiert, der mögliche symbolische Gehalt ausgedeutet oder eine Struktur- und Formanalyse in wechselseitiger Bezogenheit durchgeführt. Insbesondere werden biographische und rezeptionsgeschichtliche Informationen berücksichtigt, falls sie zur Verfügung stehen, das Verständnis des Textes über die werkimmanente Interpretation hinaus erleichtern.
Bei der Interpretation wird sowohl der Weg der Induktion beschritten – d.h. aus übersetzten Essaybeispielen und der Leseerfahrung werden Aussagen über den Autor bzw. seinen Essaystil gewonnen –, wie der Deduktion – d.h. aus bekannten Forschungsergebnissen zur Literatur eines Autors werden Rückschlüsse auf seine Essayistik gezogen, die jedoch in Einzelfällen überprüft werden.
In der vorliegenden Studie werden die Essayisten anhand ihrer Biographien vorwiegend chronologisch fortschreitendlxxx vorgestellt, wobei die zum jeweiligen Zeitpunkt entstandenen Werke in Form von Inhaltsangaben, teilweise mit analytischen und interpretierenden Angaben chronologisch eingebunden sind: Die biographischen Informationen ergänzen die bibliographischen. In Einzelfällen ermöglicht erst diese Kombination eine Beurteilung. Etwa werden zunächst die unruhigen Zeiten geschildert, in denen Zhou Zuoren schrieb, und danach die scheinbar banalen Inhalte seiner Essays angeführt. Zhou Zuoren drückte damit seinen Protest gegen die Funktionalisierung der Literatur aus. Bezüge werden im biographischen Kontext geklärt.
Nachdem die Methodik nunmehr vorgestellt wurde, soll im Rahmen der Erläuterung der Grundlagen der Studie noch kurz auf die Problematik der Repräsentativität des Essays eingegangen werden.
1.1.6 Repräsentativitätsanspruch
Kriterium für die Auswahl der hier aufgenommenen Vertreter und Essays ist die Repräsentativität. Da sich diese nicht positivistisch messen läßt, wurde das anhand von Veröffentlichungen in Essaysammlungen und Sekundärwerken über den Essay mit repräsentativem Anspruch statistisch nachweisbare Rezeptionsangebot zugrundegelegt. Ausgenommen wurden dabei Essaysammlungen, die speziell einzelnen Themen verschrieben waren.lxxxi
Auf die Relativität der durch diese statistische Auswertung erzielten Ergebnisse wird hingewiesen. Einige der 31 untersuchten Sammlungen beziehen sich nur auf Moderne und Gegenwart, einige nur auf Taiwan und die Volksrepublik. Das Verhältnis wurde aber so gewählt, daß die Zusammensetzung in etwa dem erfaßten Gesamtverhältnis entspricht.lxxxii Die Anzahl der Sammlungen garantiert durch ihre relative Nähe zur Gesamtzahl der zum untersuchten Zeitraum verfügbaren Essaysammlungen und Überblickswerke zum Essay auch eine geringe Fehlerwahrscheinlichkeit.lxxxiii Ein Überblick über die statistische Auswertung findet sich auf S. 151 ff.
Regionale Besonderheiten in der Häufigkeit des Abdrucks einzelner Autoren konnten durch nationale Autoren- und Essayranglisten nachgewiesen werden. Auf einige sicherlich auch nicht zuletzt ideologisch bedingte regionale Besonderheiten wird im Einzelnen hingewiesen. Da hier aber nicht die Repräsentativität der Auswahl, sondern die Repräsentativität des aktuellen Rezeptionsangebotes, also der 1994 bis 1996 tatsächlich im Leseangebot befindlichen Essayisten und Essays zugrunde gelegt wird, spielt die Subjektivität der Auswahl durch die Herausgeber der Essaysammlungen wiederum eine geringe Rolle.
Zusätzlich berücksichtigen können hätte man die thematisch festgelegten Essaysammlungenlxxxiv, hier wurde davon abgesehen, da sie keinen repräsentativen Anspruch erheben. Ebenfalls hätte die Auflagenhöhelxxxv der Essaysammlungen in die statistische Auswertung einfließen können. Die Auflagen sind, soweit bekannt, bei den bibliographischen Angaben genannt. Weiter hätte man die tatsächliche Zahl der verkauften Exemplare, weiter die tatsächliche Zahl der in den Wohnstuben vorhandenen Exemplare einschließlich der aus Bibliotheken entliehenen und schließlich noch die tatsächlich gelesenen Essays berücksichtigen können. Dieser Aufwand war jedoch im Rahmen der vorliegenden Studie weder zu leisten, noch erscheint ein solcher Ansatz dem vorliegenden Thema angemessen.lxxxvi Zudem stellte sich schon nach ein paar Essaysammlungen eine deutliche Rangliste heraus, die sich im Laufe der fortschreitenden Auswertung so deutlich herauskristallisierte, daß selbst eine Untersuchung der Hälfte der vorliegenden Essaysammlungen ein vergleichbares Ergebnis geliefert hätte.
Nachdem nunmehr die wesentlichen Grundlagen mit den Quellen, der Methodik und dem Stand der Forschung erläutert wurden, soll im folgenden der chinesische sanwen / suibi 随笔 (lockerer Essay) / xiaopin 小品 (freier Essay) als Bestandteil der internationalen Gattung des Essays definiert werden.
1.2 Definition: Der chinesische sanwen 散文 zählt zur Gattung des Essays in der Weltliteratur
Im folgenden werden die Definitionen aus dem allgemeinen chinesischen Lexikon Wörtermeer,lxxxvii aus dem Literaturband der Vollständigen chinesischen Anthologie der Wissenschaften,lxxxviii aus dem Lexikon des chinesischen Essayslxxxix kurz wiedergegeben und kritisch betrachtet sowie auf die Definitionen aus dem umfangreichen japanischen Lexikon Großes chinesisches Wörterbuchxc von Morohashi Tetsuji und den chinesischen Großlexika The Encyclopaedic Dictionary of The Chinese Languagexci und Großes chinesisches Lexikonxcii hingewiesen:
Im Großen Chinesischen Lexikonxciii wird auf klassische Nebenbedeutungen hingewiesen wie "Wencai huanfa 文采焕发" (glänzendes literarisches Talent). In der Hauptbedeutung wird der Essay von reimenden Texten und Parallelprosa unterschieden. Tatsächlich erklärt wird jedoch nur sanwen im weiteren Sinne als "nicht-fiktionale Prosa". Zu gewissen Zeiten seien sogar fiktionale Texte unter diesem Begriff verstanden worden. Sanwen sei die Literatur, die weder fiktionale Prosa, noch Poesie oder Drama sei. Es werden drei Essayformen (zawen 杂文 (vermischter Essay), xiaopin, suibi) aufgezählt.
The Encyclopaedic Dictionary of The Chinese Languagexciv und das Große chinesische Wörterbuch von Morohashi Tetsujixcv erläutern die Bedeutung dieses wenti 文体 (Schreibstils) anhand der Abgrenzung zu reimenden Texten und Parallelprosa sowie anhand der Aufzählung einiger Essayformen. Schließlich werden noch zwei Belegstellen aus der späten Ming 明- bzw. Qing 清-Zeit angeführt, die die damalige Bedeutung verdeutlichen.
An diesen drei Definitionen ist zu kritisieren, daß sie weder auf den Unterschied zwischen der weiteren und engeren Bedeutung von sanwen hinweisen, noch auf das Wesen des Essays eingehen. Sie liefern lediglich eine Definition ex negativo.
Wang Bin unterscheidet deutlicher als andere zwischen der guangyi 广义 (breiten), xiayi 狭义 (engen) und dingyi 定义 (bestimmten Bedeutung) des Begriffes sanwen.xcvi
Im Wörtermeer heißt es: sanwen sei eine Literaturgattung, die sich seit der Zeit der Liuchao 六朝 (Sechs Dynastien, 222 - 589) durch Unterscheidung von reimenden Texten und Parallelprosa entwickelt habe. Später sei der Begriff auf alle Texte außer Gedichten ausgeweitet worden. Heute gebe es eine weitere und eine engere Bedeutung. Die weitere Bedeutung umfasse zawen, xiaopin, suibi, baogao wenxue 报告文学 (Reportagen). Die engere Bedeutung umfasse Essays, in denen das Leben aus der Perspektive des Autors beschrieben werde und in denen er seine eigenen Gefühle ausdrücke. Der sanwen könne die folgenden xing 性 (Eigenschaften) besitzen: shuqing 抒情 (gefühlsbetont), jishu 记述 (beschreibend), lilun 理论 (theoretisch) und zawen 杂文 (vermischt).xcvii
Diese Definition ist kurz und hat die wesentlichen Punkte wie die engere und weitere Bedeutung von sanwen erfaßt. Aufgrund der Kürze nicht enthalten sind die Rolle des Autors (Ich-Erzähler), die Entwicklung des Essays und weitere Essayformen. Für eine intensivere Beschäftigung mit dem Essay sind diese aber notwendig.
The Indiana Companion of Traditional Chinese Literaturexcviii hat keinen Eintrag unter sanwen, allerdings einen Artikel über "Prose", der in dieser Studie Berücksichtigung gefunden hat. Das Lexikon Ostasiatische Literaturenxcix nimmt eine etwas unkonventionelle Zuordnung von "sanwen" für nicht-fiktionale Prosa (eigentlich sanwen im weiteren Sinne) sowie "zawen" für den Essay vor. Demgemäß wird Lu Xun als Begründer der modernen chinesischen Essayistik begriffen. Es werden auch nur wenige Essayformen aufgezählt: Essay, Feuilleton, Skizze und literarische Reportage. Das China Handbuchc geht ausführlich auf Definition und Entwicklung der Prosa in China ein, ohne jedoch eine Definition für den Essay zu liefern, der Essay gehöre dem "hohen Stil" an, sei aber "schwer eindeutig [zu] definieren".ci
Der Literaturband 2 der Vollständigen chinesischen Anthologie der Wissenschaften - Bd Chinesische Literaturcii liefert folgende Definition: sanwen habe in Klassik und Gegenwart unterschiedliche Bedeutung. In der Klassik habe es Texte bezeichnet, die sich von reimenden Texten und Parallelprosa durch die Ungebundenheit unterschieden, wie jing 经 (Klassikerkommentare), zhuan 传 (Biographien), shi 史 (Historiographie) und shu 书 (Briefe). Der Essay habe sich aus Gebrauchstextenciii und wissenschaftlichen Abhandlungen entwickelt und bis heute Bezug zu diesen beiden Bereichen behalten. In der Zhou 周-Zeit seien bereits historiographische sanwen und solche von bekannten Persönlichkeiten entstanden. Nach der östlichen Han 汉-Dynastie seien shu 书, ji 记 (Notizen), bei 碑 (Denkmalinschriften), ming 铭 (Inschriften), lun 论 (Erörterungen) und xu 序 (Vorworte) entstanden. In den Dynastien Wei 魏, Jin 晋, Nanbei 南北 habe sich der Essay dank des Niedergangs der anderen Gattungen stark entwickelt. In den Dynastien Tang 唐, Song 宋, Ming und Qing seien weitere Essayformen hinzugekommen, unter anderem shanshui ji 山水记 (Reiseberichte), yuyan 寓言 (Gleichnisse), zhuanji 专集 (Biographien) und zawen 杂文 (Vermischte Essays). Yao Nai 姚鼐 (1732 - 1815) habe in seinem bedeutenden Werk Gu wen ci leizuanciv 古文辞类纂 (Klassifizierendes Kompendium von Prosa und Gedichten im Alten Stil, 1820) den klassischen sanwen in 13 Kategorien eingeteilt und damit recht umfassend die Untergattungen erfaßt. In der modernen Literatur bilde sanwen eine vierte Art neben Poesie, der fiktionalen Prosaliteratur und dem Drama. Der Essay sei in xushi 叙事 (beschreibend), shuqing 抒情 (gefühlsbetont) und yilun 议论 (erörternd) zu unterteilen. Aus den beschreibenden Essays hätten sich die Reportagen zu einer eigenständigen Gattung entwickelt, aus den theoretischen die zawen 杂文 (vermischten Essays). Aus den beschreibenden und den theoretischen sanwen habe sich der sanwen xiaopin (Essay) im engeren Sinne ergeben.
Der Lexikoneintrag fährt fort, indem er im folgenden Abgrenzungen vornimmt, weitere Essayformen aufzählt und Lu Xuns breites Essayverständnis übernimmt.cv
Diese schon ausführlichere Definition stellt die These auf, der Essay sei aus Gebrauchstexten und wissenschaftlichen Abhandlungen entstanden, tatsächlich ist die älteste Essayform der [zur Publikation überarbeitete] Brief. Die Entwicklung des Essays durch die Dynastien ist zu oberflächlich, der Kausalzusammenhang mit dem "Niedergang der anderen Gattungen" ist fraglich und auch die Bezeichnung der Texte in der Sammlung von Yao Nai als "sanwen" widerspricht der Ausgangsdefinition von "nicht reimend". Die Unterscheidung zwischen der engeren und weiteren Definition mit dem gefühlsbetonten Essay als Trennstein steht im Widerspruch mit den Tatsachen: Der gefühlsbetonte Essay gehört auch zum Essay im engeren Sinne. Trotz der ausführlichen Abgrenzung, der Aufzählung der Essayformen und der Erfassung des freien Wesens des Essays wirkt die Argumentation wenig fundiert. Die Fakten des Artikels hätten auch in einem Artikel der halben Länge Platz gefunden. Für einen Artikel in einem Fachlexikon ist der Artikel von zu geringem Niveau.
Im Lexikon des chinesischen Essayscvi heißt es:
Essay. Große literarische Gattung. Besitzt in Klassik und Gegenwart unterschiedlichen Bedeutungsgehalt. In der chinesischen Klassik unterschied man anfangs nach der Betonung der Phonologie, der symmetrischen Versdichtung und allen anderen im einfachen Prosastil geschriebenen Aufsätzen. In der Folge der eigenen Entwicklung der Literatur hat sich auch der Bedeutungsgehalt von Essay ständig geändert, später wurden außer Gedichten, ci 辞 und fu 赋 alle Werke dem Essay zugeordnet. Der moderne Essay ist eine Literaturart wie nicht-fiktionale Prosa, Poesie, Drama. Seine Eigenschaften sind: Die Themen sind vielfältig, der Aufbau ist frei und flexibel, die Ausdrucksmethoden sind vielfältig, der Umfang ist beschränkt, man verlangt keine komplette Handlung und die Sprache ist nicht gebunden, man kann erzählen, beschreiben, diskutieren, seinen Gefühlen Ausdruck geben. Man muß sowohl als Grundlage reelle Menschen und Tatsachen beschreiben, wie diese auch passend künstlerisch bearbeiten. Weil der Essay hautnah und schnell die Erlebnisse und Probleme des reellen Lebens widerspiegelt und direkte Kenntnis und Gefühle des Autors ausdrückt, heißt er auch "Die leichte Kavallerie der Literatur". Seine drei Unterarten sind yilunxing sanwen 议论性散文 (erörternder Essay), shuqingxing sanwen 抒情性散文 (gefühlsbetonter Essay) und xushixing sanwen 叙事性散文 (erzählender Essay). Seine Formen sind reich und vielfältig, z.B. zagan 杂感 (vermischte Eindrücke), duanpin 短评 (kurze Kritik), xiaopin 小品 (freie Essays), suibi 随笔 (lockerer Essay), suxie 速写 (literarische Skizze), youji 游记 (Reisebericht), shuxin 书信 (Brief), riji 日记 (Tagebuch), baogao 报告 (Reportage), tongxun 通讯 (Bericht), texie 特写 (Feature), huiyilu 回忆录 (Memoiren) etc.cvii
Diese Essaydefinition liefert weitere Essayformen, eine präzise Beschreibung des Wesens des Essays und eine Schreibanleitung. Überflüssig ist die bildliche Assoziation mit der "leichten Kavallerie". Auch in dieser ausführlichen Definition fehlen noch folgende Punkte: Die Unterscheidung zwischen sanwen im engeren und weiteren Sinne, die klare Abgrenzung zur fiktionalen Literatur, der geschlossene Charakter, die starke Betonung der Individualität, der assoziative Charakter des Gedankengangs, die gewisse Distanz des Autors zu dem beschriebenen Objekt und die Souveränität, mit der der Stoff zu beherrschen ist.
Alle Essaydefinitionen haben die Notwendigkeit einer eigenen literaturwissenschaftlichen Essaydefinition gezeigt,cviii die hier aus der Kritik an den obigen Essaydefinitionen und mit dem Hintergrundwissen zahlreicher Essaytexte aus Vergangenheit und Gegenwart (siehe z.B. die Publikation Ausgewählte chinesische Essays des 20. Jahrhunderts in Übersetzung 1998) deduziert wird:
Auf den Ursprung des Essaybegriffs und die Nennung der Essayformen kann an dieser Stelle noch verzichtet werden, da sie weiter unten ausführlich erläutert werden.
"Essay" (chinesisch sanwen 散文cix) ist eine Gattungsbezeichnung für kürzere, in sich geschlossene nicht-fiktionalecx Prosatexte, in denen der Autor versucht, individuelle Erkenntnisse über einen Gegenstand oder eine Frage aus subjektivercxi Ich-Perspektive, assoziativ und von verschiedenen Seiten, nicht als Gebrauchstext, sondern in zugänglicher, aber künstlerischer oder bildungsmäßig anspruchsvoller Form zu vermitteln, wobei der Stoff souverän beherrscht und das Thema in großen Zusammenhängen gesehen wird und sogar humorvoll dargestellt werden kann. Freiheit in Form und Inhalt sind wesensbestimmend.
Diese Definition deckt sich in den wesentlichen Punkten mit der Definition des "Essays", wie sie in westlichen literaturtheoretischen Lexika zu finden ist.cxii Somit wird der Essay als Bestandteil der Gattung "Essay" der Weltliteratur betrachtet.
Ausgeschlossen ist nach diesem Verständniscxiii also etwa die Gattung der Reportagecxiv, da sie häufig reale Vorlagen mit künstlerischer Freiheit realistisch, aber fiktional aufbereitet. Ebenfalls keine Essays können hiernach Gedichte (etwa Essaygedichte) sein, da sie keine Prosatexte sind, subsummiert werden jedoch lyrische Essays. Nicht der Gattung zuzuordnen sind Tagebuchauszüge und Briefecxv, die Gebrauchstexte bleiben, solange sie nicht zu Essays umgeschrieben wurden (literarische Briefe, literarische Tagebücher). Aufgrund der inhaltlichen Freiheit des Essays und der weltweit ähnlich gelagerten Themen (Alltagsthemen, Philosophie etc.) ist eine Beschränkung auf eine formale Definition ausreichend. Nicht-fiktionale Prosa (die weiter gefaßte Bedeutung des Begriffes sanwen) umfaßt Essays (sanwen im engeren Sinne) und Gebrauchstexte (Zeitungsartikel, Bedienungsanleitungen, Briefe, Vorworte etc.).
Das Muster vorhandener Essays, insbesondere seit der Bewußtwerdung, daß es sich um eine Gattung handelt, hat sicherlich auch induktiv auf das weitere Essayschaffen eingewirkt. Dennoch ist gerade das Element der Freiheit in Form und Inhalt ein Garant dafür, daß nicht jeder Essay in allen Punkten der Definition entspricht.
Ein Grund für die Definition einer Gattung und die nun folgende Anwendung auf die Literaturgeschichte ist, daß diese veränderte, eingeschränkte Perspektive neue Ergebnisse liefert und Dinge klarer zeichnet, die bei traditionellen Betrachtungen etwa inmitten von Lyrik und fiktionaler Prosa nicht so eingehend erläutert wurden.
Die Beschränkung auf die Definition des sanwen als Essay und somit als einer Gattung der Weltliteratur mit verschiedenen Realisationsformen in Nationalliteraturen muß begründet werden:
Begriffsbezeichnungen werden als Ausdrucksmittel der Sprache 1. synchron subjektspezifisch anders verstanden und unterliegen 2. diachron einem Bedeutungswandel. Die wissenschaftliche Exaktheit erfordert eine Bedeutungseinschränkung, eine Definition der ursprünglich ihrer Natur nach ungenauen Begriffe. Jeder beliebige Begriff kann so durch eine arbiträre, aber klare Definition zum Werkzeug der Literaturwissenschaft werden. Auch wenn anderen Wissenschaften wie der Etymologie oder ähnlichen damit nicht immer Rechnung getragen werden kann, rechtfertigt hier jedoch das Ziel (Exaktheit in der Literaturwissenschaft) die Mittel (Bedeutungseinschränkung eines ursprünglich ungenaueren Begriffs). Viele der in dieser Arbeit erreichten Ergebnisse ließen sich in dieser Form nur durch die Anwendung dieses Mittels erreichen. Weitaus weniger Ähnlichkeiten weisen die in der Literaturwissenschaft häufig nicht hinterfragt gleichgesetzten Begriffe changpian xiaoshuo 长篇小说 und Roman, zhongpian xiaoshuo 中篇小说 und Novelle sowie duanpian xiaoshuo 短篇小说 und Kurzgeschichte auf.
Die Aufnahme des chinesischen Essays in die Gattung "Essay" der Weltliteratur erlaubt, den chinesischen Essay der Gegenwart mit internationaler literaturwissenschaftlicher Methodik zu untersuchen und ihn entsprechend nach internationalen literaturwissenschaftlichen Wertungskriterien zu beurteilen.
Zunächst haben sich die beiden Essaytraditionen im Westen und in China unabhängig entwickelt. 1907 kam es zur ersten Begegnung der beiden Essayformen durch Übersetzungen von westlichen Essays in China: Washington Irving hatte unter dem Titel The Sketch Book kurze Essays nach dem Vorbild englischer Essayisten des 18. Jahrhunderts versammelt. Lin Shu 林纾cxvi publizierte seine Übersetzung unter dem Titel Fuzhang lu 拊掌录 (Applaus. Aufzeichnungen).cxvii Eine Auswahl von Addisons und Steeles Essays mit chinesischen Erläuterungen wurde 1911 veröffentlicht.cxviii Erst nach der '4.-Mai-Bewegung'cxix wurden über 50 Bände englischer Essays in China kommentiert, übersetzt und annotiert.cxx
Später wurden auch chinesische Essays im Westen bekannt, insbesondere die der Essayisten Lin Yutang 林语堂cxxi (1895 - 1976) und Lu Xun. Aufgrund unten weiter ausgeführter Gründe vollzog der chinesische Essay dabei eine Wandlung, die ihn in Form, Inhalt und Zielgruppe dem westlichen Essay weitgehend anglich. Durch die Zugänglichkeit und weltweite Rezeption von Literatur und die Öffnung der Buchmärkte kann seitdem von einer einheitlichen Gattung des Essays gesprochen werden. Regionale Unterschiede, etwa in Form und Inhalt, verschwinden seitdem zunehmend.
Der moderne Essay zeichnet sich nach heutigem Verständnis durch die beiden wesentlichen Elemente "Erfahrung" und "Experiment" aus.cxxii Ein Markenzeichen des Essays wie auch der modernen chinesischen Literatur ist die "dialektische Kombination des Objektiven und Subjektiven, des 'Epischen' und des 'Lyrischen'".cxxiii Abzugrenzen ist der Essay vom journalistischen Feuilletonbeitrag durch sein geistiges und literarisches Niveau und Streben nach zeitlosen Erkenntnissen und von der nach Objektivität strebenden wissenschaftlichen Abhandlung durch seine Subjektivität.
Das essayistische Ich ist ein rein erzählendes Ich und besitzt keinen Spiegel wie das erzählte Ich in der Fiktion, Ausnahmen sind Zeitunterschiede zwischen erzählendem und erzähltem Ich wie bei Tagebüchern, Memoiren etc.cxxiv Die indirekte Sprache in der Lyrik vermag das lyrische Ichcxxv sowohl durch seine Interpretierbarkeit zu verschleiern wie auch durch seine besonderen Mittel wie Bilder, Motive und Metaphern weitaus deutlicher zu zeichnen, als dies mit den einfachen Mitteln der Essaysprache möglich ist. Das Ich ist in jeder Gattung Garant für Authentizität, wenngleich der Essay zur Kunstprosa gehört, und somit etwa authentische Briefe durch die literarische Überarbeitung für die Essayform "Brief" an Authentizität einbüßen. Daß der Essayist sein Bild des Ich bewußt vermittelt, schränkt die erzählte Wahrheit auf eine subjektive ein und birgt auch die Gefahr einer bewußten Verfälschung der Wahrheit.
Der Essay unterscheidet sich von den nicht-fiktionalen Prosatexten aus der Er-Perspektive vor allem durch die Direktheit, mit der der Verfasser seine eigenen Erfahrungen dem Leser mitteilt, und damit auch durch die höhere (subjektive) Authentizität. Von Gebrauchsprosa wie Bedienungsanleitungen und Zeitungsartikeln unterscheidet sich der Essay insbesondere durch sein literarisches Niveau, die gehobene Erzähler-Position und die indirekte Annäherung an ein Thema mit Hilfe des "Versuchs". Von der wissenschaftlichen Abhandlung ist der Essay vor allem aufgrund seiner fehlenden Exaktheit und Nachweisbarkeit abzugrenzen: Wenn ein Wissenschaftler über dasselbe Thema eine Abhandlung und einen Essay schreibt, so zeichnet sich der zweite schon formal durch das Fehlen von Quellenangaben und weiteren Anmerkungen aus. Wie aus der Rhetorik bekannt, werden im Essay bisweilen Autoritäten als Belege angeführt.
Die Literaturarten, Gattungen und Untergattungen in der Literatur nach westlichem und chinesischem Verständnis lassen sich in folgender Übersichtcxxvi zusammenfassen:
Gebiet Literatur drei westliche Arten Epik
Lyrik
Dramatik
vier westliche (Unter)Arten = vier chinesische Arten
nicht-fiktionale Prosa
Fiktion
Gattung
Texte mit literarischem Niveau (z.B. Essay, Glosse)
Gebrauchstexte (Zeitungsartikel, Sachtext, Wissenschaftliche Abhandlung etc.)
Roman, Novelle, Kurzgeschichte, Legende, Sage, Mythe, Märchen etc.
Gedicht, Ballade
Tragödie, Komödie, Tragik-Komödie etc.
Untergattung
Essayformen: Philosophischer Essay, Literarischer Brief, essayistisches Vorwort etc.
Diese Übersicht entspricht auch dem Geist der Differenzierung von Wang Bin,cxxvii wobei Wang Bin den Essay noch einmal in xiaopin 小品 (freier Essay), zagan 杂感 (vermischte Gefühle), suibi 随笔 (lockerer Essay) und tongxun 通讯 (Bericht) aufteilt.cxxviii
Die heutige Einteilung der Arten in der chinesischen Literatur in vier Arten weicht nicht wesentlich von der u.a. auf Goethe zurückgehendencxxix westlichen in drei Arten ab: sanwen 散文 (nicht-fiktionale Prosacxxx, Nebenbedeutung: Essay), xiju 戏剧 (Drama), xiaoshuo 小说cxxxi (fiktionale Prosa, Nebenbedeutung: Kurzgeschichte), shige 诗歌 (Lyrik, Nebenbedeutung: Gedicht).cxxxii In dieser Arbeit ist sanwen nur in seiner engeren Gattungsbezeichnung (Essay) gemeint, nicht in seiner weiteren, der Literaturartenbezeichnung (nicht-fiktionale Prosa).
Innerhalb der westlichen Literaturwissenschaften ist der Begriff "Essay" nicht ganz einheitlich: Eine wissenschaftliche Abhandlung kann im Deutschen nicht als "Essay" bezeichnet werden, wohl jedoch im Englischen.cxxxiii In dieser Studie wird unter "Essay" nur der engere Begriff verstanden.
In der Gedankenführung zeichnet den Essay das Einkreisen des erörterten Gegenstands oder Begriffs aus: Das Objekt wird nicht direkt beschrieben, sondern durch Beispiele und Metaphern so umschrieben, daß es ebenso treffend dargestellt wird. Davon gibt es Ausnahmen, wie die bewußt eingesetzte Digression ("Von Hölzchen auf Stöckchen zu sprechen kommen") etwa im feuilletonistischen Essay oder als Stilmittel in den späten Essays von Lu Xun. Die essayistische Erörterung ist häufig dialektisch, durch den auktorialen Ich-Erzähler jedoch ohne Austausch und Dynamik. Die Fähigkeit des Essays, sich dem Thema nicht rein wissenschaftlich zu nähern, verschafft ihm seine übergreifende Wirksamkeit: "Der Essay ist die lingua franca der Überspezialisierten."cxxxiv Darin liegt jedoch gleichzeitig eine Gefahr: Viele Wissenschaftler glaubten, der Essay erlaube, die subjektive Darstellung eines objektiven Gegenstandes darin zu verstecken und die Dokumentation vernachlässigen zu können.cxxxv
Essayschreiben braucht einen Anlaß: "Jeder Essay schreibt mit unsichtbaren Buchstaben neben seinen Titel die Worte: Bei Gelegenheit von…"cxxxvi Daraus ergibt sich eine Problematik der Begrenzung der essayistischen Aussage durch das ihn Veranlassende: Der Essay ist heteronom veranlaßt, aber autonom durchgebildet.cxxxvii
Der Essay hat den ihm angemessenen Platz in der Literaturtheorie und wertung ebensowenig gefunden wie die Trivialliteratur: Essays werden vergleichbar oft, wenn nicht öfter als Dramen, Gedichte und Kurzgeschichten gelesen. In westlichen Schulbüchern für den Literaturunterricht ist der Essay stärker als in chinesischen gegenüber den anderen genannten Gattungen unterrepräsentiert, wenn er nicht ganz fehlt.cxxxviii
Dies gilt ebenso für literaturtheoretische Abhandlungen. Die in Bezug auf die taiwanesische Literatur geäußerte Kritik, die komplette Gattung des Essays sei noch nicht ins literaturwissenschaftliche Blickfeld gerückt,cxxxixläßtsich auf die gesamte chinesischsprachige Literatur erweitern. Obgleich in China heute ähnlich viele Essays geschrieben werden wie Kurzgeschichten, Gedichte und Reportagen, erhält der Essay international die geringste Aufmerksamkeit unter diesen vier Gattungen.cxl Nienhauser geht sogar so weit zu unterstellen, die gesamte Untergattung Prosa sei aufgrund negativer Konnotationen (wie "prosaisch") in der westlichen Forschung vernachlässigt worden.cxli
Nachdem der chinesische Essay nun im Rahmen der Erläuterung der Grundlagen für die Untersuchung als Bestandteil der internationalen Gattung des Essays definiert wurde, sollen noch zur Verdeutlichung die Besonderheiten zwischen dem häufig gefühlsbetonten chinesischen und dem stark formal ausgerichteten westlichen Essay herausgearbeitet werden.
1.3 Abgrenzung des chinesischen gegen den westlichen Essay
Vergleicht man das Essayverständnis im chinesisch- und deutschsprachigen Raum, so erscheint im Deutschen die Form wichtiges Unterscheidungskriterium zu sein, im Chinesischen kann auch inhaltlich Verwandtes darunter verstanden werden, selbst wenn es den formalen Rahmen sprengt. Das zeigen Beispiele wie Zheng Minglis Untergattungen des "unbearbeiteten Tagebuchs" oder "unbearbeiteten Briefs", die im Deutschen als Texte des persönlichen Gebrauchs zur (nicht-fiktionalen) Prosa gerechnet werden und erst in der zum Essay umgearbeiteten Form (Zheng Mingli: "Essay in Tagebuchform" und "Essay in Briefform") zur Gattung Essay. Dieses tendenziell weitere Verständnis von sanwen geht direkt auf die Nebenbedeutung zurück, die sanwen im Chinesischen besitzt: "nonfiktionale Prosa". In dieser weiteren Bedeutung sind auch Gebrauchstexte eingeschlossen - diese Studie beschäftigt sich aber ausschließlich mit sanwen in der engeren Bedeutung des "Essays".
Selbstverständlich bleiben Unterschiede aufgrund der unabhängigen Tradition der Kulturstandards durch den geringen Austausch zwischen fernöstlichem und okzidentalem Kulturkreis. Das (unbewußt) west-zentristische Verständnis von Weltliteratur würde chinesische Essays der Gegenwart nie zur Spitzenliteratur rechnen, allein aufgrund ihres häufig ideologischen Gehalts und stilistischer Eigenheiten wie Wiederholungen, Sprichwörter und aufgrund der Angewohnheit, denselben Sachverhalt mit ähnlichen Bezeichnungen noch einmal auszudrücken. Die ideologisch unabhängigen und stärker westlich beeinflußten Essays des frühen Lu Xun 鲁迅 entsprechen diesem Verständnis wesentlich mehr. Als ein weiteres Spezifikum des chinesischen Essays beobachtete die Shanghaier Literaturkritikerin Li Ziyun 李子云 seit Ende der 1970er Jahre ein Wiederaufleben des Kondolenzessays in der Tradition der Klassiker Han Yu 韩愈 (768 - 824)cxlii und Yuan Mei 袁枚 (1716-1798)cxliii.cxliv
Die Neigung chinesischer Literaturwissenschaftler, gelegentlich mehr unter sanwen zu verstehen als den Essay, nämlich Reportagen oder unbearbeitete Gebrauchstexte, ist darauf zurückzuführen, daß nicht genau zwischen der engen und der weiten Bedeutung des Begriffes unterschieden wird.
Die Artikel zum Essay im Reallexikon der deutschen Gegenwartsliteraturcxlv und im Sachwörterbuch der Literatur erfassen im Adorno'schen Sinne lediglich den interpretativen Essay,cxlvi nicht jedoch etwa den Lehressay, der in China aufgrund der stärkeren Tendenz der dortigen Literatur zum gesellschaftspolitischen Engagementcxlvii stärker verbreitet ist.
Der Vergleich der Essayformen im Westen und in China zeigt, daß dennoch aufgrund der formalen und inhaltlichen Gemeinsamkeiten des chinesischen und westlichen Essays von einer internationalen Gattung auszugehen ist. Die regionalen Abweichungen sind geringer als bei etablierten Gattungen wie Gedichten, Kurzgeschichten, Romanen etc., die als eine internationale Gattung betrachtet werden.
Vergleicht man nach formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten die Essayformencxlviii von Literaturwissenschaftlern in der VR Ch (hier Liu Xiqing 刘锡庆cxlix 1989cl und 1994cli), in Taiwan (hier Zheng Mingliclii 1987cliii), mit denen von Essayisten (hier Wang Meng mit den Werkausgaben 1981.2cliv und 1993clv), Essayzeitschriften (hier Sanwen yuekan 散文月刊 (Monatsschrift Essays)) und Nachschlagewerken (hier Lexikon des chinesischen Essaysclvi) stellt sich heraus, daß in der chinesischen Literaturwissenschaft zwar allgemein der Gattungsbegriff sanwen 散文 (Essay) verwendet wird, die Definition seiner Untergattungen aber noch nicht geklärt ist.
Die chinesische Bezeichnung für die Gattung "Essay" wird seit den 1930er Jahren im chinesischsprachigen Gebiet mit dem beinahe deckungsgleichen sanwen 散文 wiedergegeben.clvii Der zunächst verwendete Begriff xiaopin 小品 (hier im Sinne von "Essay", bei Zhou Zuoren als Abgrenzung zum teils tendenzhaften zawen als "freier Essay") ist heute nur noch selten als Äquivalent für den chinesischen Essay der Gegenwart gebräuchlich, er erscheint ein wenig häufiger auf Buchtiteln aus Taiwan als auf solchen aus der Volksrepublik China.clviii
Zahlreiche Kategorisierungen haben zu einer weiteren Auffächerung des Bedeutungsfeldes von sanwen 散文 geführt. Diesläßtsich am deutlichsten mit einer Darstellung des Begriffsfeldes für den Essay der Gegenwart (im Vergleich zum westlichen Essay) veranschaulichen:
Internationale Literatur Kategorisierungsebene Westliche Literatur Chinesische Literatur
Literaturart
Epik
xushi wenxue 叙事文学
Unterart
Prosa
wu yunwen 无韵文 / sanwen 散文
Gattung
Essay
sanwen 散文 (seltener xiaopin 小品)
Aus folgender Übersicht werden die Unterschiede in den Konzeptionen der Autoren bzw. Wissenschaftler vom Essay und von seiner Einteilung in verschiedene Untergattungen deutlich:
Chinesische Untergattungen Chinesische Extras Chinesische Mischformen Untergattungen nach Liu Xiqing 刘锡庆 1989clix (formale Unterscheidung) meiwen 美文 (schöngeistiger Essay), chun wenxue sanwen 纯文学散文 (rein literarischer Essay) und shuqing sanwen 抒情散文 (gefühlsbetonter Essay). Untergattungen: Skizze, Reisebericht, Feuilletonartikel, Memoiren, Biographisches, Brief, Vorwort, Nachwort etc. Untergattungen: Pressebericht, Reportage, Prosatext, Tagebuchclx
Untergattungen nach Liu Xiqing 刘锡庆 1994clxi (formale Unterscheidung) yilun sanwen 议论散文 (erörternder Essay, reicht bis zu zawen 杂文 (vermischter Essay) und suibi 随笔 (lockerer Essay)) shuqing sanwen 抒情散文 (gefühlsbetonte Essays, (reicht bis zu 散文诗 sanwen shi (Essaygedicht))
xushi sanwen 叙事散文 (reelle Prosa, reicht bis zu baogao wenxue 报告文学 (Reportage)) 散文诗 sanwen shi (Essaygedicht)
Untergattungen nach Wang Meng 王蒙 1981.2clxii (inhaltlich-formale Unterscheidung) chuangzuo tan 创作谈 (zum Schaffen), lilun 理论 (Theorie), wenyi zatan 文艺杂谈 (Vermischtes über Literatur und Kunst), duanpian xiaoshuo tan 短篇小说谈 (zu Kurzgeschichten), zuopin tan 作品谈 (zum Werk)
Untergattungen nach Wang Meng 王蒙 1993clxiii
(formale Unterscheidung)
zawen 杂文 (vermischter Essay), daiyan 代言 (statt eines Vorwortes), xu 序 (Vorwort), zonglun 综论 (Resümée), shuping 书评 (Rezension)
Interviews werden eingeordnet als zonglun 综论 (Resümée), wenyi zatan 文艺杂谈 (Vermischtes über Literatur und Kunst) oder zishu 自述 (Autobiographisches)
baogao wenxue 报告文学 (Reportagen, werden in Essayanthologien aufgenommen)
sanwen shi 散文诗 (Essaygedicht)
Untergattungen nach Wang Meng 王蒙 1993clxiv (inhaltlich-formale Unterscheidung) wenyi zatan 文艺杂谈 (Vermischtes über Literatur und Kunst), zuojia zuopin tan 作家作品谈 (über Autoren und Werke), chuangzuo tan 创作谈 (zum Schaffen), heci 贺词 (Gratulation), zishu 自述 (Autobiographisches), yu dushu jie 欲读书结 (Früchte der Leselust)clxv
Untergattungen nach der Sanwen yuekan 散文月刊 (Monatsschrift Essays)
(formale Unterscheidung)
Plauderei, interpretativer Essay, theoretischer Essay (Essays über den Essay), freier Essay
Lehressays, Essaygedichte
Untergattungen nach der Sanwen yuekan 散文月刊 (Monatsschrift Essays) (inhaltlich-formale bzw. originäre Unterscheidung) Naturempfinden, Essays aus Taiwan, Hongkong und Macao, ausländische Essays, Liebesessays, Welt und Sehnsucht, Erinnerungen, Spur der Hausschuhe, Essays unbekannter Autoren
Untergattungen nach dem Lexikon des chinesischen Essaysclxvi (formale Unterscheidung)
yilunxing sanwen 议论性散文 (erörternder Essay), shuqingxing sanwen 抒情性 散文 (gefühlsbetonte Essays) und xushixing sanwen 叙事性散文 erzählender Essay)
Untergattungen nach dem Lexikon des chinesischen Essaysclxvii (inhaltlich-formale Unterscheidung)
zagan 杂感 (vermischte Eindrücke), duanping 短评 (kurze Kritik), xiaopin 小品 (freier Essay), suibi 随笔 (lockerer Essay), suxie 速写 (literarische Skizze), youji 游记 (Reisebericht), shuxin 书信 (Brief), huiyilu 回忆录 (Memoiren)
baogao 报告 (Reportage), tongxun 通讯 (Bericht), texie 特写 (Feature), riji 日记 (Tagebuch)clxviii
Untergattungen nach Zheng Mingli 郑明娳 (inhaltlich-formale Unterscheidung, teils formal gegliedert) qingqu xiaopin 情趣小品 (erfreuender Essay): renqing xiaopin 人情小品 (Essay über menschliche Regungen), wuqu xiaopin 物趣 (Essay über Sachen) zheli xiaopin 哲理小品 (philosophisch-ethischer Essay): zhijie shishuoli 直接式说 理 (direkte Darstellung / Propaganda), shuqingshi shuoli 抒情式说理 (gefühlsbetonte Darstellung), xushishi shuoli 叙事式说理 (erzählende Darstellung) zawen 杂文 (vermischter Essay): Shehui piping 社会批评 (Sozialkritik), rensheng zatan 人生杂谈 (Vermischtes über das menschliche Leben) teshu jiegou de leixing 特殊结构的类型 (Untergattungen mit besonderer Struktur): riji 日记- (Tagebuch): riji ti sanwen 日记体 散文 (Essay in Tagebuchform), shuxin 书信 (Briefe): shuxin ti sanwen 书信体散文 (Essay in Briefform), xuba 序跋 (Vor- und Nachwort): zixuba 自序 跋 (Vor- oder Nachwort des Autors), taxuba 他序跋 (Vor- oder Nachwort von jemand anderem), daixuba 代序跋 (anstelle eines Vor- oder Nachworts), youji 游记 (Reisebericht): jingguan shi youji 景观 式游记 (landeskundlicher Reisebericht), renwenshi youji 人文 式游记 (Reiseberichte über Menschen und Kultur) chuanzhi sanwen 传知散文 (kenntnisberichtender Essays): renwen zhishi 人文知 识 (Wissen über Menschen und Kultur), shehui kexue 社会科学 (sozialwissenschaftlich), ziran kexue 自然科学 (naturwissenschaftlich) zhuanji wenxue 传记文学 (biographische Literatur): zizhuan 自转 (autobiographisch), tazhuan 他转 (biographisch) (Untergattungen mit besonderer Struktur): riji 日记 (Tagebuch): yuanshixing riji 原始 性日记 (unbearbeitetes Tagebuch), shuxin 书信 (Briefe): yuanshixing shuxin 原始性 书信 (unbearbeiteter Brief), baodao wenxue 报道文学 (Reportageliteratur): jiangyan shi baodao wenxue 经验式报 道文学 (Erfahrungs-Reportageliteratur), kaozheng shi baodao wenxue 考征式报道文 学 (untersuchende Reportageliteratur)
Durch die immer häufiger festgestellte Vergleichbarkeit von literarischen Textarten werden auch komparatistische Arbeiten möglich, wie die von Sun Junhua, der zwei Vertreter der modernen Kurzgeschichte, Böll und Wang Meng, untersuchte und daraus "Gegenwärtigkeit" als literarisch-kommunikative Eigenschaft der internationalen Gattung Kurzgeschichte bestimmt hat.clxix
Quellen, Methodik und Fragestellung der Studie sind vorgestellt, der chinesische Essay ist definiert und abgegrenzt. Im Rahmen der Erläuterung der Grundlagen der Untersuchung ist der nächste Schritt, die Entwicklung des Essays im Westen vom griechischen Ursprung über die Gattungsprägung durch Montaigneclxx bis zum Entwicklungsstand im 20. Jh. nachzuzeichnen.
1.3.1 'Angehaltene' Dialektikclxxi in der "tumultös in Fluß geratenen Welt" - Der Essay im Westen
Als erster Essayist gilt der griechische Philosoph Plutarchclxxii (ca. 45 - 125), der die ersten später als solche bezeichneten westlichen Essays schrieb. In den meisten Fällen verfaßte er sie in Form von Briefen, z.B.: "Ich habe mich entschlossen, mich dem Schreiben hinzugeben und Dir [Marcus Sedatus, M.W.] einige Gedanken über Poesie zu senden, die ich jüngst niederschrieb, als sie mir einfielen."clxxiii Er verfaßte allgemeinverständliche philosophische Betrachtungen unter dem Titel Moralia, die teils in Dialog-, teils in Briefform den rechten Glauben und Lebensstil vermitteln möchten, aber auch allgemeine Probleme in Ehe und Familie behandeln.
Plutarch beschreibt, daß die Essays aus Gelegenheitsnotizen entstanden seien:
[…] Von meinen Notizbüchern sammelte ich jene Beobachtungen zusammen, die ich zur eigenen Verwendung bei entspannter Stimmung gemacht hatte, im Glauben, daß Du von Dir aus diesen Diskurs verlangt hattest, nicht um ein Werk zu hören, das auf Eleganz und Stil abzielt, sondern für den praktischen Nutzen, den es für das Leben leisten kann.clxxiv
Dabei zeigen Plutarchs Essays stellenweise Humor, etwa wenn er das Plappern als Krankheit beschreibt:
Es ist eine lästige und schwierige Aufgabe, die die Philosophie vor sich hat, wenn sie es unternimmt, Geschwätzigkeit zu kurieren. Das Heilmittel nämlich, begründete Worte, verlangt einen Zuhörer; aber Schwätzer hören niemandem zu, da sie ständig reden. Und dies ist das erste Symptom ihrer Krankheit: Die Lockerheit der Zunge wird zu einer Schwäche der Ohren.clxxv
Plutarch erklärt dem Leser seine argumentative Vorgehensweise, etwa mit "lassen Sie uns diesen Punkt für den richtigen Zeitpunkt in unserer Diskussion aufbewahren",clxxvi und belegt seine Argumente mit zahlreichen Zitaten, die er um seine eigene Erfahrung ergänzt oder denen er sie gegenüberstellt: "Ich weiß aus persönlicher Erfahrung […]"clxxvii.
Seine bevorzugten Themen sind philosophischer Art (Ist Tugend erlernbar?), es geht ihm um Streben nach Vervollkommnung, zwischenmenschliche Beziehungen, Gefühle, Schicksal und Erfahrungen wie Exil etc. In der Gliederung sind seine Essays sehr unterschiedlich: teils sind sie stark durchgegliedert, teils plätschert der Gedankenfluß dahin.clxxviii
Den nahtlosen Übergang und die Fortführung der griechischen Essaytradition in der römischen markieren die 46 Parallelbiographien je eines Griechen und eines Römers, die Plutarch dramatisch gegenüberstellte. Senecas Epistulae morales schließen nicht nur dem Titel nach, sondern auch in Form und Inhalt an die Moralia an.
Der antike römische Autor und Jurist Aulus Gelliusclxxix (ca. 113 - 165 n. Chr.) verfaßte etwa 130 n. Chr. Die attischen Nächte.clxxx Er beschrieb wie Plutarch, seine Essays seien aus Gelegenheitsnotizen entstanden.
1. [….] Andere anziehendere Schriften wird man finden können; allein der Zweck, den ich bei Abfassung dieses Werkes verfolgte, war kein anderer, als dass meine Kinder in den Freistunden, wenn sie von ihren Arbeiten geistig ausruhen und ihrem eigenen Vergnügen nachhängen können, auch sofort eine angemessene Erholungslektüre vorfinden sollten. 2. Wie ich nun die Gegenstände beim Ausziehen mir angemerkt, in derselben zufälligen Reihenfolge habe ich sie auch gleich stehen lassen. Wenn ich nun also gerade einen griechischen oder lateinischen Schriftsteller las, oder irgend etwas Wissenswerthes hörte, so zeichnete ich mir nach (eignem) Gutdünken Alles nur Mögliche (d.h. Gelesenes und Gehörtes) ohne Ordnung und Unterschied auf und speicherte mir zur Unterstützung des Gedächtnisses eine Art Wissensvorrath in der Absicht auf, damit, wenn ich irgend einmal einen Gegenstand oder ein Wort brauchen sollte, was meinem Gedächtnisse nicht gleich gegenwärtig und die Bücher, aus denen ich schöpfte, nicht gleich zur Hand sein sollten, ich doch das Nöthige sofort auf finden und hervorholen könnte. 3. Da ich nun die ursprünglichen Bemerkungen, welche den verschiedenartigen Bildungs- und Unterrichtsmitteln ihr Entstehen verdanken, kurz und ohne ordentlichen Zusammenhang verfasst hatte, so musste natürlich auch bei vorliegenden Aufsätzen eine Buntscheckigkeit der Notizen entstehen. 4. Weil ich diese Abhandlungen bereits während der langen Winternächte auf dem attischen Landgute, wie schon erwähnt, zu meinem Zeitvertreib zu schreiben begonnen hatte, gab ich ihnen den Namen "attische Nächte" […]clxxxi
In insgesamt 20 Büchern versammelte Gellius Lehressays zu alltäglichen Themen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Philosophie, Geschichte, Jura, Grammatik, Dialektik, Geometrie, Arithmetik, Astrologie, Medizin, Musik. Seine Essays sind eklektisch, sie sind gespickt mit Zitaten und klassischen, teils humorvollen Anekdoten. Ihr plaudernder, unverbindlicher Charakter wird durch Formulierungen des Hörensagens wie "soll" erreicht. Gellius verwendet rhetorische, gesellschaftskritische und satirische Fragen wie etwa: "Was will jenes abscheuliche Geschrei der römischen Soldaten, welches nach Berichten der Geschichtsschreiber jedesmal beim Anfange des Kampfes erhoben zu werden pflegte?"clxxxii
Beginnend mit Lehressays wie Plutarchs Moralia, Senecas Epistulae morales und Gellius' Noctes Atticae entwickelte sich in der Wiege der westlichen Kultur eine Schreibtradition, im Mittelalter durch den Schulstil fortgeführt und erst durch Montaigne, der den Begriff mit seinen Essaisclxxxiii (1580, von französisch essai = Versuchclxxxiv) schuf, zu einem eigenen induktiven Gattungsbewußtsein innerhalb der sich neu bildenden Kunstprosa geführt: clxxxv Plutarch und Seneca "schufen das günstige Geistesklima, frei über Moral und persönliche Probleme zu spekulieren, welches die essais von Montaigne und die Essays von Bacon erst ermöglichte".clxxxvi
Im späten 16. Jahrhundert wurde das mittelalterliche Weltbild durch kopernikanische Modernität überwunden und das Wissen reorganisiert.
Montaigne schrieb geistreich und mit moralischem Anspruch, relativ vorurteils- und wertfrei, aber subjektiv über seine Erfahrungen, Ansichten, Gedankenfolgen und Ankedoten über unterschiedlichste Themen von antiker Dichtkunst bis zu Kindererziehung.
Er verstand sich als unvorbereiteter Gelegenheitsphilosoph,clxxxvii der sein Ich betrachtete, das einer tumultös in Fluß geratenen Welt ausgesetzt sei. Er sah den Essayisten als Fragenden, der nicht lehrte, sondern sein ganzes Sein zum Medium der Kommunikation mit der Welt machte.
Montaigne bezeichnete das Essayschreiben als "ein Voranschreiten ohne Definition, Unterteilung und Schlußfolgerung",clxxxviii als Niederschrift bewußt okkasioneller, chaotischer Denkversuche. Dies alles deutete bereits eine immamente Systemkritik an der etablierten Gattung der wissenschaftlichen Abhandlung an.clxxxix Dieses junge Gattungsverständnis wirkte auf alle späteren Nachahmer bis heute, beginnend mit Bacon mit seinen religiösen Betrachtungen Essays (1597 ff.).
Betrachtet man die Essais Montaignes genauer, wird deutlich, daß er auf Grundlage dialektischer Überlegungen zu Einsichten gelangte, die er nicht im dialektischen Prozeß, sondern gewissermaßen im 'dialektischen Stillstand' im Essay vermittelte. Der Essayist gibt also nicht Argument und Gegenargument wieder, sondern 'friert' den dialektischen Prozeß ein, um dann spielerisch zwischen verschiedenen Aspekten hin- und herzuspringen, wobei das Ergebnis zwar im Mittelpunkt steht, aber noch nicht einmal explizit genannt werden muß.
In Abgrenzung zur geschlossenen Schulform wurden philosophische Themen in fragmentarischer Essayform präsentiert (Descartes, Locke, Leibnitz), vom belehrenden Charakter der Aufklärung her wieder den frühen Lehressays verwandt.
Das Postulat eines induktiv von Montaigne und Bacon geschaffenen Essayverständnisses dehnte sich unter anderem bis auf China aus, in dem im Zuge der '4.-Mai-Bewegung' der Essay bewußt aus dem Westen abgeleitet wurde (etwa von Zhou Zuoren 1921). Erst anschließend suchte die chinesische Literaturwissenschaft den Essay deduktiv in der chinesischen Tradition zu begründen.
Die Entstehung von Tageszeitungen und Zeitschriften förderte seit Anfang des 17. Jahrhunderts in Europacxc genauso den Essay wie an der Schwelle zum 20. Jahrhundert in China.cxci Der Essay schien besonders zum Austragen gesellschaftlicher Diskussionen in der entstehenden Öffentlichkeit geeignet, da er sich aufgrund seiner Regellosigkeit im Formalen (nach Adorno verfährt der Essay "methodisch unmethodisch"), seiner Kürze und seines häufig skizzenhaften Charakters schnell schreiben ließ und seine Medien (Zeitungen und Zeitschriften) schnelle Publikationsmöglichkeit boten. Ausländische Shanghaier Zeitungen engagierten später Schriftsteller für durch Lu Xun begründete und allgemein beliebte Kolumnen mit zawen 杂文 (vermischten Essays), die häufig patriotischen und kritischen Inhalts waren.
In Deutschland orientierten sich Aufsätze (Lessing, Herder, Möser, W.v. Humboldt, Schiller und Goethe: "Von deutscher Baukunst" etc.) seit dem 18. Jahrhundert am Essay.cxcii Im 19. Jahrhundert erblühte der Essay mit dem Steigen der literarischen Anforderungen, der Begriff "Versuch" (Schlegel, Heine, Schleiermacher) wich dem "Essay" (seit H. Grimm 1859). Später schrieben auch folgende Schriftstellercxciii Essays: der Herausgeber des Phöbus und der Berliner Abendblätter Heinrich von Kleistcxciv (1777-1811) mit machtvoller, gezügelter Sprache, Arthur Schopenhauercxcv (1788 - 1860) in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit mit bestechender Argumentation und elegantem Stil, Friedrich Nietzschecxcvi (1844 - 1900) mit pointiertem Aphorismus in seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen 1873 - 1876, und Theodor Fontane (1819 - 1898) mit seinen literaturkritischen, christlich-sozialen bis skeptisch-humanistischen Essays in der Vossischen Zeitung und seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
Zur Jahrhundertwende entwickelte sich der Essay zum "Spiel der Geistigkeit", in England ragten folgende drei Autoren heraus: Oscar Fingal O'Flahertie Wills Wildecxcvii (1854 - 1900), der in seinen Essays mit sarkastisch-frivolem Stil freie Moral und Schönheitskult predigte, Aldous Leonard Huxleycxcviii (1894 - 1963), der in seinen satirisch pessimistischen Essays blinden Fortschrittsglauben kritisierte und gegen Krieg mobil machte, der Herausgeber von The Criterion Thomas Stearns Eliotcxcix (1888 - 1965) schrieb humanistische Essays und vertrat die Rechte der Kirche gegenüber dem Staat.
In Frankreich ist um die Jahrhundertwende der Begründer der Zeitschrift Nouvelle Revue Française André Gidecc (1869 - 1951) mit seinen Reiseberichten aus Europa und Afrika, seinen liberalistischen, autobiographischen Essays mit homoerotischem Bekenntnis, Literaturkritiken und Biographien zu nennen.
In Rußland waren die bedeutendsten Essayisten Leo Nikolajevitsch Tolstojcci (1828 - 1910) mit seinen autobiographischen Essays, mit denen er sich für Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit einsetzte, und der Mitherausgeber von Zeit und Epoche Fjodor Michailovitsch Dostojevskijccii (1821 - 1881), der von seinen Reisen das Tagebuch eines Schriftstellers mitbrachte und als kirchenloser Christ Essays mit didaktischem Impetus schrieb.
Im deutschsprachigem Raum sind folgende bedeutende Essayisten zu nennen: Sigmund Freudcciii (1856 - 1939), der in seinen Essays seine Theorie vom Primat des Sexualtriebs und der Unterteilung der Psyche in Ich, Es und Überich vertrat. Heinrich Manncciv (1871 - 1950) schrieb politische Essaybände und geißelte das selbstgefällige Bürgertum aus einer radikal-demokratischen, vernunftbetonten, gesamteuropäischen Sicht. Sein jüngerer Bruder Thomas Mannccv (1875 - 1955) schrieb kommentierend-analytische Essays. Oswald Spenglerccvi (1880 - 1936) prophezeite in seinen fortschrittspessimistischen Essays im Zeichen seines unversalistischen, deterministischen Kulturphasenmodells den baldigen Untergang des Abendlandes.
Der österreichische Dichter Hugo von Hoffmannsthal (1874 - 1929) war Herausgeber mehrerer Literaturzeitschriften und mit seinen kulturpolitischen Essays bemüht, das europäische geistige Erbe wiederzubeleben. Daneben verfaßte er Reiseberichte. Arnold Zweig (1887 - 1968) schrieb humanistische Essays, solche über die Implikationen der Erfahrung, jüdischer Herkunft zu sein und, nachdem er Brecht in die damalige Deutsche Demokratische Republik gefolgt war, linientreue marxistisch-sozialistische Essays. Walter Benjaminccvii (1892 - 1940) schrieb scharfsinnige, gesellschaftskritische und philosophisch ausgerichtete literaturkritische Essays und die marxistische aphorismenartige Essaysammlung Einbahnstraße. Ernst Jünger (geb. 1895) schrieb mit kühler Präzision und Neigung zum Symbolistischen, befürwortete den Krieg. Karl Jaspersccviii (1883 - 1969) widersetzte sich vor dem Hintergrund, daß jedem sein individuelles Weltbild zugestanden werden müsse, dem Nationalsozialismus und schrieb Essays, in denen er sich mit philosophischem Hintergrund auch mit anderen aktuellen politischen Fragen auseinandersetzte. Walter Muschg (1898 - 1965) zeichnete mit seinen Essays Leiden, Mißerfolge und Tragödien von Dichtern nach und wandte sich gegen Heidegger. Gottfried Bennccix (1886 - 1956) begrüßte in seinen Essays zunächst den Nationalsozialismus, sah aber seinen Irrtum ein und veröffentlichte zwischen 1936 und 46 nichts mehr, anschließend überwand er den in der Autobiographie Doppelleben spürbaren Nihilismus durch Sinngebung in der Form der Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst. Robert Musilccx (1880 - 1942) spiegelte durch vielschichtige Erzähltechniken in autobiographischen Essays die Auflösung der Donaumonarchie wider. Ernst Robert Curtius (1886 - 1956) weckte in seinen Essays Interesse für romanische Kunst und Literatur und führte Elemente der Nationalliteraturen auf gemeinsame europäische Wurzeln, etwa im Lateinischen, zurück. Theodor W. Adornoccxi (1903 - 1969) wandte sich in seinen ideologiekritischen Essays Minima Moralia vor allem gegen die dogmatisierte Entmythologisierung durch die Aufklärung und die Existenzphilosophie.
Weiter sind für die Gegenwart folgende Essayisten zu nennen: Max Bense,ccxii der in seinen Essays seine semiotische Erkenntnistheorie ausbreitete, und Walter Jens (geb. 1923), der vor allem zwischen 1957 und 64 literaturkritische Essays veröffentlichte, sowie Hilde Domin (geb. 1912), deren Essays autobiographische Züge der Rückkehrerin aus dem Exil tragen.
Die Fähigkeit des Essays, sich dem Rätselhaften versuchsweise zu nähern, wurde von westlichen Autoren auch für Chinoiserienccxiii verwendet, so etwa bei Victor Segalenccxiv in seinem fragmentarisch gebliebenem Essai sur l'Exotisme, une Esthétique du Divers.ccxv
Aus der Fülle der Essays der Gegenwart seien nur zufällige Lesenotizen des Verfassers genannt: Raddatzccxvi versucht eine Neuinterpretation von Marx aus ideologisch linker Sicht. Er fälscht Zitate,läßtsie wirken und deckt erst nachher die Fälschung auf. Er übersetzt Essays mit "Versuche", und meint, daß Essays inhaltlich immer Dichtung, Ästhetik und Moral ansprächen. Updike schreibt ausgefeilt, teils provozierend.ccxvii Isaiah Berlins Essays sind zwischen dem philosophisch-historischen Essay und der wissenschaftlichen Abhandlung angesiedelt.ccxviii
Nach diesem kurzen Abriß der Entwicklung des westlichen Essays anhand ausgewählter Essayisten soll nun ausführlicher der Ursprung des chinesischen Essays in der Form des Briefes und in der Ablösung von der Dialogform bei den ersten philosophischen Texten beschrieben und seine Entwicklung bis zur Moderne nachgezeichnet werden, womit die Erläuterung der Grundlagen abgeschlossen wird.
1.3.2 Westliches Edelreis zur Veredelung eines 2.500jährigen Stammes - Der Essay in Chinaccxix
Einen allgemeinen Überblick über die Entwicklung von Prosa- und Essayliteratur in China gibt Nienhauser in einem Aufsatz.ccxx
1.3.2.1 Die Fehler der Quellensuche mit ideologischen Vorgaben
In chinesischen Schulbüchernccxxi wird eine scheinbar ungebrochene chinesische Tradition des wenyan sanwen 文言散文 (Essay in vormoderner Schriftsprache) vermittelt. Heutigen Kategorisierungskriterien des Begriffs "Essay" (Definition siehe S. 28) entsprechen sie zwar nicht, inwieweit sie aber als Wurzel des chinesischen Essays angesehen werden können, soll im folgenden untersucht werden.
Während in der Literaturreform seit 1917 der westliche Essay durch Übersetzungen in China eingeführt wurde und sich zunächst eine chinesische Essaytradition in bewußter Anlehnungccxxii am westlichen Vorbild in Sprache, Form und Begrifflichkeit ausbildete,ccxxiii erlagen ihre eigenen Verfechter bald der Versuchung, eine Tradition des chinesischen Essays aus der chinesischen Geschichte abzuleiten.ccxxiv
Neues wurde in der chinesischen Geschichte häufig nur akzeptiert, wenn es als "immer schon dagewesen" etikettiert und möglichst sogar in den kanonischen Klassikern "belegt" werden konnte. Daß diese Methode zu Übereifer führen kann, zeigen folgende Behauptungen aus der Volksrepublik:
Die erste sanwen ji 散文集 (Essaysammlung), so ist in Quellen aus der Volksrepublik zu lesen, war das in früher Form im 6. Jahrhundert v. Chr. vorliegende, bis zum 3./4. Jahrhundert n. Chr. in seine heutige Form gebrachte Shujing 书经ccxxv (Buch der Urkunden), auch Shangshu 尚书, eines der "Fünf Klassiker". Die darin enthaltenen "sanwen 散文" (Essays) werden als "jixu 记叙" (erzählend) und "yilun 议论" (erörternd) bezeichnet, damit also dem sanwen im engeren Sinne zugesprochen.ccxxvi
Tatsächlich ist das Buch der Urkunden die älteste chinesische Sammlung von Prosatexten, Texten also, die sich nicht reimen - wie das Buch der Lieder die älteste Lyriksammlung ist. Die gesammelten Prosatexte, die teilweise Parallelismus aufweisen, bleiben bei allem rhetorischen Aufwand und literarischer Qualität jedoch Gebrauchstexte für das Regieren, zur Dokumentation von Geschichte und zur Legitimation von Herrschaft: dian 典 (Statuten) und shi 誓 (Schwüre) geben historische Fakten, Reden und Erlasse vorzugsweise über Herrscher wieder. Gao 告 (Proklamationen) und mo 谟 (Erklärungen) dokumentieren öffentliche Edikte zu speziellen Problemen. Auch xun 训 (Anweisungen) erörtern allgemeine Prinzipien des Regierens auf einer höheren philosophischen Ebene, z.B. Text 13: "Yi xun 伊训" (Anweisung des Yi). Vergeblich sucht man hier individuelle Essays, die über die reine Funktion im obengenannten Sinne hinausgehen.ccxxvii Eine Ausnahme bilden shu 书 (Briefe), siehe dazu S. 68.
Der erste "gudai sanwen jia 古代散文家" (klassische Essayist) war nach einigen chinesischen Quellen Konfuzius 孔子ccxxviii (551 - 479), dessen Aussprüche in der Zeit der Streitenden Reiche 481-222 v. Chr. von seinen Schülern in den Lunyu 论语ccxxix (Analekten) aufgezeichnet wurden. In einer chinesischen Quellen werden sie als "yuluti sanwen 语录体散文" (Aufzeichnungsprosa) bezeichnet.ccxxx Tatsächlich lassen sich Einflüsse dieser Gattung, die in ihrem strengen Formcharakter sicherlich dem Kunstdialog und damit der Dramatik näher ist als dem Essay, bis in die modernen chinesischen Essays nachweisen (etwa beim 'Mao-Büchlein',ccxxxi das eine Spruchsammlung darstellt), hier allerdings ausschließlich als an sich selbst gerichtete rhetorische Fragen des Ich-Erzählers.ccxxxii Kongzi war nicht der erste klassische Essayist, da die Texte keine Essays waren, allenfalls Prosa, und er war auch nicht der erste Prosa-Schriftsteller, da von ihm keine eigenhändigen schriftlichen Aufzeichnungen erhalten sind. Auch seine Schüler waren nicht die ersten Prosa-Schriftsteller, da es schon lange zuvor Aufzeichnungen in Prosa gab.
Nach Auffassung des Literaturwissenschaftlers Tao Yingqiu 陶英秋 aus der VR Ch waren die zugrundeliegenden Texte, die in Buch XI der Lunyu 论语ccxxxiii (Analekte) aufgezeichneten Diskussionen zwischen Konfuzius und seinen Schülern, auf welche Art man bei freier Entscheidungsmöglichkeit leben könne, die ersten xiaopinwen 小品文 (freie Essays, hier im Sinne von "Aphorismen").ccxxxiv
Daß es sich hierbei nicht um Essays handelt, zeigt sich schon bei Betrachtung der folgenden Passage:
[Die Schüler] Zi-lu, Zeng Xi, Ran Qiu und Gong-xi Hua [Zi-hua] saßen in einer Runde mit dem Meister. Da sprach Konfuzius: "Vergeßt einmal, daß ich älter bin als ihr. Ihr sagt immer, ich würde verkannt. Nehmen wir an, ihr würdet anerkannt und bekämt ein öffentliches Amt, was würdet ihr dann tun?" Zi-lu antwortete, ohne zu zögern: "Nehmen wir an: Ein kleiner Staat von tausend Kriegswagen ist von großen, mächtigen Staaten umgeben. Von außen wird er durch fremde Heere bedroht; im Innern herrscht Hunger. Hätte ich diesen Staat zu regieren, so würde es drei Jahre dauern, und die Menschen könnten wieder Mut haben und wüßten, wie es weitergeht." Konfuzius lächelte. [...]ccxxxv
Bei den Analekten handelt es sich u. a. aus folgenden Gründen um keine Essaysammlung: 1. Es handelt sich nicht um monologische Äußerungen eines Subjekts in der ersten Person, sondern um sicherlich teils fiktive Aufzeichnungen von Monologen bzw. Dialogen oder Gesprächen jeweils in der dritten Person. 2. Die Texte sind nicht Mitteilung eines Individuums, sondern einer Schülergruppe, der es 3. darum geht, dem Geist von Kongzi nachzueifern, statt völlig frei individuelle Gedanken zu formulieren. 4. Die Texte orientieren sich an einem vorgegebenen Muster ("Konfuzius sprach", "Der Meister sprach"), weisen Wiederholungen auf. Während sie also durchaus dem Kriterium der ungebundenen Sprache genügen und somit als Prosa gelten dürfen, sind sie formal nicht unabhängig genug, um Essays zu sein. 5. Inhaltlich geht es den Texten um Spruchweisheiten, um die aphoristische Vermittlung einer Lehre, nicht um individuelle Einsichten der Verfasser.
Gelehrte machten an den Rand von Ausgaben wie den Analekten eigene siren zhushu 私人著述 (kursorische Notizen), die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren und deshalb einen hohen subjektiven Wahrheitsgehalt haben. Hätten sie die Öffentlichkeit zum Ziel, so könnten einzelne als eigenständige Essays betrachtet werden, wenngleich sie auch in der Kommentartradition gesehen werden müssen.
Festzuhalten ist: Bei der Suche nach eigenen chinesischen Quellen des Essays wurden folgende Fehler gemacht: Kongzi wurde als ältester Essayist, seine Analekte als die ältesten Essays und das Buch der Urkunden als die älteste Essaysammlung bezeichnet.
Gründe für diese Fehler mögen sein: 1. Es gibt in China eine Tradition, nur das anzuerkennen, was es früher schon gegeben hat. 2. Kongzi mag deshalb als "erster Essayist" bezeichnet worden sein, und seine Analekte als "erste Essays" da ein Großteil der klassischen chinesischen Literatur (Klassiker) und modernen Literaturtheorie sich durch Rückbezug auf Kongzi legitimiert.
1.3.2.2 Reflexionen
Bei der Suche nach einer eigenen Essaytradition wurde man tatsächlich fündig und die weitere Essaytradition wurde nicht unwesentlich vom Bewußtsein geprägt, als Nachfahre eines Han Yu oder Ouyang Xiu 欧阳修ccxxxvi (1007-1072) zu schreiben. Somit wird auch hier ein geschichtlicher Abriß des chinesischen Essays wiedergegeben. Ebenso stand Montaigneccxxxvii ja in der Tradition von Plutarch und anderen, wenngleich das Gattungsbewußtsein sich erst mit ihm herausbildete. Von einer Fortführung der Tradition der philosophischen Essays eines Xunzi 荀子ccxxxviii (Meister Xun, lebte 313 - 238 v. Chr.) sowie der interpretierenden achtgliedrigen Essays der Beamtenprüfungenccxxxix in den heutigen Essays kann jedoch nicht gesprochen werden, allenfalls im Rahmen eines allgemeinen kulturellen Hintergrundwissens unabhängig von der tradierenden Gattung.
Niemand käme auf die Idee, eine Geschichte der xiaoshuo 小说 erst mit Einführung der Umgangssprache in der Literatur zu beginnen, da sich xiaoshuo 小说 in der heutigen Form erst seit diesem Zeitpunkt finden lassen. Tatsächlich ist die Betrachtung der mündlichen Vorläufer und die der ersten xiaoshuo 小说-Sammlungen der Song-Dynastie sehr ergiebig.
Zahlreiche chinesische Essaygeschichtenccxl zeigen das Bewußtsein einer eigenständigen chinesischen Essaytradition und vernachlässigen dabei den nachweislichen Einfluß des westlichen Essays, vielleicht auch beeinflußt durch den andauernden Emanzipationsdrang gegenüber der angeblich bevormundenden westlichen Kultur und durch Nationalismus.ccxli Wang Zengqi sieht innerhalb der chinesischen Geschichte des Essays neben dem oben beschriebenen Bruch zwischen klassischem und modernem Essay ebenfalls einen zwischen modernem und Gegenwartsessay: Er bedauert, daß die nationale chinesische Tradition des Essays aus der Zeit der '4.-Mai-Bewegung' in den Gegenwartsessays nicht aufgenommen und fortgeführt werde.ccxlii Die hohe Auflagenzahl, die Essays aus der Zeit 1917 bis 1949 in den 1990er Jahren noch in der VR China erreichen, zeigt, daß die modernen Essays weiter im Bewußtsein bleiben.
1.3.2.3 Historische Entwicklung des Essays im Überblick
Im folgenden sind Werke und Gattungen angeführt, die in der Literaturwissenschaft als Essays angesehen werden. Abweichende Meinungen sind, soweit bekannt, annotiert. Zudem hat der Verfasser beim Großteil der genannten Werke aufgrund eigener Lektüre entschieden, ob die formalen Kriterien der vorangestellten Essaydefintion erfüllt sind. Vor allem wegen der fehlenden Umgangssprache wird der Beginn des modernen Essays erst mit Einführung der baihua 白话 (Umgangssprache) in die Literatur gesehen.ccxliii
Einen geschichtlichen Überblick zum chinesischen Essay gibt es noch nicht in westlicher Sprache, in den vorhandenen allgemeinen Literaturgeschichtenccxliv wird der Essay weniger erwähnt, als es seiner Stellung innerhalb der chinesischen Literatur entsprechen würde.
Der Brief, eine frühe Untergattung des Essays
Auch shu 书 (Briefe) gehören zur Gattung der Essays, wenngleich ihr Gebrauchscharakter noch keine Essaytradition begründen konnte. Im Buch der Dokumente findet sich ein Text, der eine Rede oder ein Brief sein kann. In letzterem Fall wäre es der älteste überlieferte Brief. Verfasser ist der Herzog von Zhou (11. Jh. v.), Adressat sein jüngerer Bruder, der Herzog von Shao, den er darin dazu auffordert, seine offizielle Stellung beizubehalten:
Nun ist es an mir, dem kleinen Kind Tan. Mir kommt es vor, als triebe ich auf einem grossen Fluß. Ich sollte mich aufmachen und ihn mit Dir, Shi, überqueren. [Ich], das kleine Kind, bin noch immer so, wie ich war, als ich noch nicht in dieser hohen Position [sc. Herrscher] war. Ersuche mich nicht […] abzudanken; ohne Ermutigung werde ich keinen […] Erfolg haben. Wenn sich alte [Menschen], die von perfekter Tugend sind, nicht herablassen, uns [sc. Zhou] zu helfen, dann wird sich kein singender Vogel [sc. eines guten Omens] hören lassen; wie viel weniger könnten wir dann […] erfolgreich sein.ccxlv
Besonders während der Auseinandersetzungen um den Buddhismusccxlvi im 4./5. Jh. n. Chr. entstand eine Brieftradition, durch die einzelne Briefe so bekannt wurden, daß sich später Briefe mit dem Titel "Brief im Stil des …" fanden. Während der Chunqiu 春秋-Zeit und der Zeit der Streitenden Reiche gab es Briefe mit offiziösem Charakter und shangshu 上疏 (Throneingaben). In der Han 汉-Dynastie setzten sich Briefe als eigene Gattung durch. Zunächst waren sie Medium für politische Inhalte, dann wurden offene Briefe auch zunehmend privater: Im Wenxuan 文选ccxlvii (Chinesische Anthologie) finden sich Briefe, die über die Trennung von der Familie berichten, über Freundschaft, Empfehlungen, Mäzenentum, Liebe. Wang Hong 王弘 (379 - 432) schrieb erstmals ein Handbuch mit shuyi 书议 (Briefvorschriften), das jedoch nicht überliefert ist. Die bekanntesten Briefvorschriften stammen aus der Tang- und Song-Dynastie. Briefe als Elemente in anderen Literaturgattungen tauchen in den Tang chuanqi 唐传奇 (Novellen der Tang-Dynastie) und seit dem 20. Jahrhundert auch in der Form des Briefromans auf.
Entstehung der Essays
Die chinesische Prosa erlebte ihre erste Blütezeit im Wettstreit der "Hundert Schulen" im 5. - 3. Jh. v. Chr, sie war durch Bildhaftigkeit, Einprägsamkeit, Vielfalt der Stile und Handschriften, höchste Präzision und Ökonomie der Sprache geprägt.ccxlviii Philosophien der hundert Schulen wurden in Prosaschriften festgehalten, die alle ihren eigenen Stil hatten: Mozi 墨子ccxlix (468 - 376 v. Chr.) schrieb detailliert mit Wiederholungen, aber gerade und überlegt,ccl kurz und einfach mit Einflüssen aus der Umgangssprache,ccli seine zahlreichen rhetorischen Fragen erinnern an den Einfluß der dialogischen Form. Mengzi 孟子cclii (372 - 289) war prägnant und bildhaft, abrupt und schnell, nahm seine Parabeln aus dem Alltagsleben, zitierte Anekdoten aus der Geschichte oder aus dem Reich der Legenden, Zhuangzi 庄子ccliii (350? - 275) dagegen setzte große Imaginationskraft in seinen Texten um und zeigte auch in der Wahl der Parabeln Phantasie, er wählte Allegorien.ccliv
Die chinesische Tradition des sanwen 散文 (Essay, von san 散 entspannter, irregulärer, unabhängiger Stil, freie Prosa) wird jedoch erst mit der Loslösung von der Dialog- oder Spruchform – wie noch in den philosophischen Lunyu 论语 (Analekte) – begründet: Xunzicclv lieferte mit seinen philosophischen Abhandlungen den Prototyp des späteren Essays.cclvi Seine Texte sind erstmals an ein breites Publikum gerichtet und hatten großen Einfluß auf die folgende Essayistik.cclvii
Einmal verbrachte ich einen ganzen Tag mit Nachdenken, aber dieser war nicht so wertvoll wie ein Augenblick des Studiums. Einmal stand ich auf meinen Zehenspitzen und sah in die Ferne, aber es war nicht so effektiv wie für einen weiteren Blick auf einen erhöhten Ort zu klettern. Auf eine Anhöhe zu klettern und mit den Armen zu winken, verlängert nicht ihre Länge, aber das Winken kann von einem ferneren Ort wahrgenommen werden. Mit dem Wind zu rufen, macht die Stimme nicht lauter, aber sie wird klarer wahrgenommen. Ein Mann, der ein Pferd und einen Wagen kauft, verbessert nicht seine Füße, kann aber seine Reisen bis auf 1000 Li ausdehnen. Ein Mann, der ein Ruderboot und Paddel kauft, erhält keine neuen Fähigkeiten im Wasser, aber er kann über Flüsse und Meere ziehen. Der feine Herr unterscheidet sich bei Geburt nicht von anderen; er kann sich nur besonders gut den Nutzen externer Dinge "leihen".cclviii
Es handelt sich um philosophische Lehressays, in denen allgemeine Lehrsätze nicht nur aus klassischen Belegen abgeleitet werden, sondern erstmals auch aus eigener individueller Erfahrung. In diesem Textbeispiel zeigt Xunzi mit seiner Schilderung des Armwedelns Humor, aber auch seine Verfangenheit in traditionellen Stilformen wie dem Parallelismus. In vielen Essays schildert Xunzi auch keine persönlichen Erfahrungen, sondern zitiert nur Belege aus der Vergangenheit. Bei der Lektüre mehrerer Essays hintereinander ist aber durchgängig die starke Persönlichkeit des Ich-Erzählers zu spüren, häufig endet ein Essay mit der bekräftigenden Formel "Dies ist mein Standpunkt." oder "Das meine ich.".
Eine wesentliche Rolle in der Bewußtwerdung des Essay als eigenständige Gattung spielten die Klassifizierungen der Literatur.
Klassifizierungen der Literatur
Beginnt man, Literatur zu kategorisieren, so gibt es in Vergangenheit wie Gegenwart schon zur Zweiteilung unterschiedliche Auffassungen: Nach einigen war die Unterscheidung zwischen wen 文 (delektierenden Texten) und bi 笔cclix (Gebrauchstexten) bis zum 9. Jahrhundert n. Chr. stärker als die später einsetzende zwischen yunwen 韵文 (Poesie) und wu yunwen 无韵文 (Prosa).cclx Nach einer anderen habe man zunächst einen stärkeren Unterschied zwischen Fiktion und Realität empfunden,cclxi weswegen hier die modernen Begriffe xiaoshuo 小说cclxii (Fiktionales) und sanwen 散文cclxiii (hier: Reeles) zur Bezeichnung der klassischen und vormodernen Texte einander gegenübergestellt werden. Tatsächlich scheint die Auffassung der angemessenen Unterteilung der Literatur im Laufe der Zeit sehr stark differiert zu haben. Unermüdlich und komplementär wechselten sich Phasen ornamentreicher und nüchterner sowie nachahmender und erneuernder Literatur ab, wobei Rezeption und Literaturkritik Steuerungsfunktion übernahmen.
Beschränkt man sich jedoch auf kleinere Einheiten (hier: Gattungen), die funktional und weniger temporär bestimmt sind, lassen sie sich zunächst synchron voneinander abgrenzen und diachron in ihrer Entwicklung verfolgen. Dies wird im folgenden mit den Texten, die heute der Gattung "Essay" zugerechnet werden, im Spiegel der Literaturkritik und -theorie unternommen.
In der Han-Zeit erreichte die Literatur einen großen Umfang, Gattungen bildeten sich heraus, erste Literaturkritiken entstanden. Nach verschiedenen Anfängen mit inhaltlicher Klassifizierungcclxiv wurden Ende der Han-Zeit im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. erstmals verschiedene Gattungsvorstellungen entworfen: Von Cao Pi 曹丕 (187 - 226)cclxv sind zur Gattungstheorie ein Brief an Wu Zhi 吴质 und das "Dianlun - lunwen 典论.论文" (Regeln für die Diskussion über Literatur) erhalten, in dem er die Literatur der Jian'an-Zeit kritisch betrachtet und Merkmale einzelner Gattungen erarbeitet. Cao Pi sprach Literatur erstmals einen eigenen Wert zu, nachdem es zuvor an seinem didaktischen oder politischen Wert gemessen worden war. Er unterschied vier Stile, denen er jeweils zwei Gattungen zuordnete. Den Essay finden wir teilweise in folgenden Gattungen wieder: im shu 书 (Brief), teilweise in der lun 论 (Erörterung), die beide dem li 理 (durchdachten) Stil zugeordnet werden, von Fall zu Fall können auch lei 诔 (Totenklagen) im shi 实 (wahrheitsgetreuen) Stil inhaltlich dem Essay zugeordnet werden, wenn man sie als Vorläufer der Kondolenzessays betrachtet.
Lu Ji 陆机cclxvi (261 - 301) entwarf in seiner knappen Wenfu 文赋cclxvii (Rhapsodie über die Literatur) bereits zehn Gattungen. Darin finden sich die lei 诔 (Totenklagen) als Vorläufer des Kondolenzessays wieder, die zhen 箴 (Ermahnungen) als Vorläufer des Lehressays, lun 论 (Erörterungen) als Vorläufer des yilun sanwen 议论散 文 (erörternder Essay) sowie shuo 说 (Diskurs) als Vorläufer des miaoxie de sanwen 描写的散文 (beschreibender Essay). In den den Gattungen zugeordneten stilistischen Anforderungenläßtsich jedoch der eigentliche Essay mit individuellem und enstpanntem Stil nicht erfassen. In diesem Werk werden die Beziehungen zwischen Form und Inhalt betont, die Schritte während des Schaffensprozesses nachvollzogen und Phantasie statt Nachahmung gefordert.
Das Shipin 诗品cclxviii (Klassifizierung der Dichtung) des Zhong Hongcclxix 锺嵘 (469 - 518) ist zur Gattungsbeurteilung nicht ergiebig. Es entdeckte vielmehr Natur und Gesellschaft als Quellen von Kunst und Literatur. Liu Xie 刘勰cclxx (ca. 462 - 522) führt im ersten Teil des Wenxin diaolong 文心雕龙cclxxi (Literarisches Schaffen ist wie das Schnitzen eines Drachens) zahlreiche Gattungen aus der Gesamtheit der Literaturcclxxii an, die er auf ihre Ursprünge zurückführte. Als essayistische Vorläufer mögen hier - ähnlich wie in der Rhapsodie über die Literatur - folgende Gattungen betrachtet werden: zhuzi 诸子 (philosophische Schrift), lun 论 (Erörterung), shuo 说 (Diskurs) sowie Memorandum, Disput und Brief. Damals entstanden erste Literatursammlungen,cclxxiii die auch Prosatexte aufnahmen.
Um 526 wurden im Wenxuan 文选cclxxiv (Chinesische Anthologie) die vorhandenen Gattungsbegriffe systematisiert und auf 37 verringert.cclxxv Darunter sind 35 Gattungen keine reine Lyrik, jedoch so stark gebunden, daß allenfalls folgende inhaltlich als Vorläufer bestimmter Untergattungen des späteren Essays in Frage kommen: zhen 箴 (Mahnungen), lun 论 (Erörterungen), lei 诔cclxxvi (Totenklagen), ein Vorläufer der späteren yinwen 引文 (Kondolenzen), ai 哀 (Nachrufe), duiwen 对问 (Antworten auf Fragen), she lun 设论 (Hypothetischer Diskurs), zan 赞 (Laudatio) - etwa bei Portraitmalerei. Den Anforderungen an Subjektivität bzw. Individualität kommen eigentlich nur die beiden Gattungen shu 书cclxxvii (Brief) und xu 序cclxxviii (Vorwort) nach. Daraus sei jeweils ein Textauszug zitiert, zunächst der Schluß eines Empfehlungsschreibens von Kong Rong 孔融 an Cao Cao 曹操 über Sheng Xian 盛宪:
Alles, was ich hier vorgebracht habe, ist Dir, o Ts'ao Ts'ao [Cao Cao, M.W.], schon bekannt, und wenn ich es von neuem erwähne, geschieht es nur, weil ich gerne sähe, daß Du die jenen Erzählungen zugrundeliegenden Ideen beherzigen würdest; daher habe ich in diesem Schreiben weitere Ausführungen unterlassen.cclxxix
Sehr viel Individualität kommt in einem in der Chinesischen Anthologie enthaltenen "Vorwort zum 'Lied vom Heimweh'" von Shi Chong 石崇 zum Ausdruck:
Ich hatte in meiner Jugend großen Ehrgeiz und wollte über die große Menge emporragen. […] als ich 50 Jahre alt war, mußte ich wegen einer [unglücklichen] Angelegenheit meine Stellung aufgeben. Je älter ich nun wurde, desto mehr freute ich mich der [erlangten] Freiheit; und da ich Wälder und Marschen aufrichtig liebte, zog ich mich auf meine Villa in Ho-yang(-hsien; Honan) zurück. […] Wenn ich nach Hause zurückkehrte, erfreute ich mich am Lautenspiel oder an Lektüre; [44a] auch liebte ich es, Lebenselixier zu verspeisen und Luft hinunterzuschlucken, weil ich nicht sterben, sondern einmal mich stolz in die Wolken erheben wollte, wie ein unsterblicher Genius.cclxxx
Die zahlreichen weiteren nicht der Lyrik, sondern einer lyrischen, formstrengen Prosa zuzuordnenden Gattungen in der Chinesischen Anthologie kommen nach der eingangs getroffenen Essaydefinition nicht in Betracht, da sie sich nur an den Herrscher wenden, offiziös oder Gebrauchstexte sind. Bei den verbleibenden ist ebenfalls zu berücksichtigen, daß viele sich nur an die durch ihre Schriftkunde privilegierte zahlenmäßig kleine Beamtenschicht wandten und häufig in ihrer Form noch starken normativen Kräften unterworfen waren.
Die herausragende Bedeutung der Chinesischen Anthologie zur Herausbildung von Gattungsbezeichnungen und zur Aufwertung der Prosaliteratur haben drei Forscher nachgewiesen: Edwards, Hightower und Knechtges.cclxxxi 1984 liegt auch von einem chinesischen Literaturwissenschaftler eine Monographie über Gattungen vor: Chu Binjie 褚斌杰 verfolgt die Entwicklung der Gattungen seit der Klassik durch die Vormoderne.
Eine gattungsunabhängige Literaturkritik findet sich in Sikong Tu 司空图cclxxxii (837 - 908): Ershisi shipin 二十四诗品cclxxxiii (24 Eigenschaften der Dichtung). Darin werden Kriterien wie quangong 全工 (vollkommene Kunstfertigkeit) und quanmei 全美 (vollkommene Schönheit) genannt und Autoren gelobt, die mehrere Gattungen beherrschen.
Yao Nai, einer der Vertreter der tongcheng pai 桐城派cclxxxiv (tongcheng-Schule) prägte mit der ersten überwiegend Prosa enthaltenden Sammlung Gu wen ci leizuancclxxxv 古文辞类纂 (Klassifizierendes Kompendium von Prosa und Gedichten im Alten Stil, 1820) mit 13 pragmatischen Gattungsbegriffen das Literaturverständnis neu. Bei ihm bildeten shu 书 (Briefe) und shui 说 (Überzeugungsreden) eine Gattung. Das heutige Verständnis von Essays ist entscheidend mitgeprägt durch diese Aufwertung der Prosaliteratur.
Bewußtwerdung der Gattung
Die Gattungsbezeichnung biji 笔记 (Pinselnotizen) verwendete als erster Song Qi 宋祁 (998 - 1061): Song Jingwen gong biji 宋景文公笔记 (Pinselnotizen des Herrn Song Jingwen), in der private historische Notizen, Anekdoten, Mitteilungen und Betrachtungen enthalten sind.
Zur Entstehung des Begriffes sanwen bezieht sich das Große chinesische Lexikoncclxxxvi auf die "Liuchao-Zeit", das Wörtermeercclxxxvii allgemein auf das klassische bzw. vormoderne China, sie bleiben aber einen Beleg schuldig. The Encyclopaedic Dictionary of The Chinese Languagecclxxxviii und das Große chinesische Wörterbuch von Morohashi Tetsujicclxxxix führen zwei überzeugende Belegstellen aus der späten Ming- bzw. Qing-Zeit an.
Eine noch frühere, vermutlich die früheste Verwendung des Begriffs sanwen 散文 (hier im Sinne von: formal ungebundener Essay) findet sich in den Pinselnotizen Helin yulu 鹤林玉露ccxc (Kranichwald und Jadetau) von Luo Dajing 罗大经 (? - nach 1248). Er unterscheidet den sanwen formal vom Parallelstil: "san hang pailie 散行排列" (in unregelmäßigen Zeilen angeordnet).ccxci
Die erste Nennung des Begriffs "sanwen 散文" dort spürte der Verf. auf (siehe vorstehende verkleinerte Abbildung),ccxcii in diesem Zusammenhang verwendet Luo den Begriff in einem gegensätzlichen Sinne zur Gattung "shi 诗" (Lyrik). Luo Dajing scheint den Begriff nicht selbst erfunden zu haben, die selbstverständliche Verwendungläßtdarauf schließen, daß der Begriff zu seinen Lebzeiten bereits ein fester literaturwissenschaftlicher Begriff war.***AB HIER INDEX WEITER ÜBERPRÜFEN
Als Gattungsbezeichnung war zunächst xiaopin 小品 üblich, heute wird dieser Ausdruck jedoch seltener als sanwen 散文 und regional verstärkt in Taiwan verwendet.
Das Bewußtsein einer Gattung des Essays entstand in China in der Qing 清-Dynastie mit zahlreichen Anthologien (z.B. die Sammlung von Essays im alten Stil Wu Chucai 吴楚材: Guwen guanzhi 古文观止 (Gipfel der Vollendung der Texte im alten Stil), erschienen 1695), die ausschließlich Essays enthielten, und im 20. Jahrhundert mit historischen Monographien über den Essay. Mit dieser Studie liegt nun die erste Monographie über den chinesischen Essay in westlicher Sprache vor.
Entwicklung des Essays
Einen später allgemein verwendeten Essaystil zu schaffen, halfen neben dem Xunzi und weiteren einzelnen Texten folgende Bücher:
Das Zuozhuan 左传ccxciii (Exegetische Tradition des Zuo) schmückt die nüchtern chronologisch aufgereihten historischen Fakten des Chunqiu 春秋 (Frühlings- und Herbstannalen), zhengzhan 争战 (Kämpfe) und jisi 祭祀 (Opferungen), episch aus, sein Stil stellte einen Fortschritt in der Literatur dar.ccxciv
Im Hanfeizi 韩非子ccxcv verwendete der gleichnamige Autor (280 - 233 v. Chr.) zur Erläuterung seiner philosophischen Lehre bekannte Legenden und Volksgut. Sein Stil war scharf und insistierend.ccxcvi
Zu erwähnen ist weiter Sima Qian 司马迁ccxcvii (145 - 86) mit seiner Sammlung von historiographischen Essays Shiji 史记ccxcviii (Aufzeichnungen des Großhistorikers), die grüßtenteils in Biographie-Form verfaßt ist. Diese Essays unterscheiden sich von der nüchternen Auflistung etwa im Chunqiu 春秋 durch ihr literarisches Niveau. Ein markantes Beispiel für einen frühen autobiographischen Essayccxcix ist Kapitel 130, in dem Sima Qian das Leben seines Vaters und sich zunächst in der dritten Person beschreibt:
Qian wurde in Longmen geboren. Auf der sonnigen Seite der Hügel entlang des Flusses pflügte er und ließ er seine Tiere weiden.ccc
Anschließend wechselt er in die erste Person und offenbart seine Gefühle:
Ah, ich erinnere mich, daß meine Vorfahren einst mit diesen Aufgaben betraut waren, sich in der Zeit von Tang und Yu Ruhm erwarben und in der Zeit von Zhou wieder diese Aufgaben wahrnahmen. So war die Familie Sima Generation auf Generation Meister für astronomische Angelegenheiten. Nun liegt diese Aufgabe bei mir. Dem gedenke ich mit Ehrfurcht.ccci
In einem Brief an Ren An (zi 子: Ren Shaoqing), den Ban Gu 班固 dem Nachwort angefügt hat, rechtfertigt Sima Qian, daß er die Kastration statt des Selbstmordes gewählt habe, um die Shiji 史记 (Aufzeichnungen des Großhistorikers) abschließen zu können. Um seine späteren Handlungsweise plausibel zu machen, zeichnet Sima Qian sein Leben nach, frühes Zeugnis eines typisch essayistischen Stils:
Als ich jung war, hatte ich einen unbezähmbaren Willen, und als ich älter wurde, erwarb ich mir in Dorf und Berzirk kein schönes Lob. Wegen meines Vaters jedoch erlaubte mir unser Herrscher großzügig, meine geringen Talente anzubieten und im inneren Teil des Palastes ein- und auszugehen. Deshalb brach ich meine Beziehung zu Freunden und Gästen ab und vernachlässigte die Angelegenheiten unserer Familie. […] Ich ging mit dem einzigen Gedanken an die Pflichten meines Amtes, die Gunst und Liebe meines Herrschers zu erlangen.cccii
Während die Han-Dynastie formstreng war, konnten erst mit ihrem Ende Individualismus und Ästhetik aufblühen, wie sie in den Jian'an qizi 建安七子ccciii (sieben Meister der Jian'an-Periode, 196 - 219) und in der Literaturtheorie des Cao Piccciv (187 - 226) zu sehen ist. Obwohl Cao Pi unpolitische Literatur bevorzugte, rezensierte er in seiner Abhandlung "Dianlun - lunwen 典论.论文"cccv (Regeln für die Diskussion über Literatur) Texte unabhängig von ihrem Standpunkt. Er beschränkte sich darauf, zu beurteilen, ob die Intention erreicht werde, um welche Gattung und welchen Stil es sich handle. Weiter erläuterte er die individuellen Eigenschaften und Stärken der Autoren und den zeithistorischen Hintergrund der Werke. Er forderte mehr Toleranz und Einfühlungsvermögen bei der Literaturkritik. In dieser Zeit entstand auch eine Gattung, die später als shuqing sanwen 抒情散文 (gefühlsbetonter Essay) bekannt wurde.
Jin 晋-Dynastie (265 - 420)
Lu Xun sieht die ersten Essays in den "qing yan 清言" (Reines Gespräch) der Jin 晋-Dynastie (265 - 420), doch "sie sind schon längst vergangen […], zusammen mit der Dynastie".cccvi Mit "qing yan" meint Lu Xun die qing tan 清谈 (Reines Gespräch), mit denen seit Ende der Han-Zeit bis zum Ende des 4. Jahrhunderts Personen schlagfertig und treffend charakterisiert wurden.
Liuchao 六朝 (Sechs Dynastien, 222 - 589)
In der Zeit der Liuchao entwickelten sich eine Fülle von Essays in verschiedenen Formen.cccvii Einige Wissenschaftler sehen hier den eigentlichen Beginn der Essayistik: Als "relativ kurze Stücke nicht-fiktionaler Prosa, in denen der Autor seine persönliche Erfahrung oder Meinung zum Ausdruck bringt", seien Ansätze erst hier zu finden gewesen.cccviii
Für die einzelnen Untergattungen des Essays galten unterschiedliche Stilvorschriften: Ein shu 书 (Brief) mußte in ornamentreichem und ausführlichem Stil geschrieben sein. In das eigene oder fremde xu 序 (Vorwort) wurden eigene Erfahrungen mit eingebunden, etwa: Wang Xizhi 王羲之 (321 - 379): "Lanting shi xu 兰亭诗 序" (Vorwort zu den Gedichten vom [Dichtertreffen am] Orchideenpavillon) und Tao Yuanming 陶渊明 / Tao Qian 陶潜cccix (365 - 427): "Taohuayuan ji 桃花源记"cccx (Aufzeichnungen vom Pfirsichblütenquell).
Daneben wurden ba 跋 (Nachworte) gepflegt, weiter gab es zhuan 传 (Biographien)cccxi und shuo 说cccxii (Diskurse), die aus philosophischer Diskussion hervorgegangen waren, später wurden sie häufig als Mittel zur politischen Überzeugung eingesetzt (auch shui 说 (Überzeugungsreden)).
Die Gattung zhi 志 (Aufzeichnung) war anfänglich nur unpersönliche Historiographie, bildete dann aber in der Periode der Liuchao die folgenden beiden typischen Essayformen aus: rilu 日录 (Tagebücher) und die sehr persönlichen biji 笔记 (Pinselnotizen).cccxiii Während sich die Form der bi 笔 (handschriftliche Kommentare) bis zum 9. Jahrhundert erhalten hat, erlebten die biji in der Tang- und Song-Dynastie eine erneute Blüte, dann auch biji sanwen 笔记散文cccxiv (Essays nach Art der Pinselnotizen) genannt – kursorische Notizen und Kommentare, häufig private Geschichtsschreibung als informelles Gegenstück zur offiziellen Geschichtsschreibung.cccxv Da sie - in ihrer ursprünglichen Form - nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren, drückte sich der Autor in ihnen idealerweise unverfälscht aus.cccxvi
Tang 唐 (618 - 907)
In der Tang-Dynastie waren Ämter häufig mit Militärpersonal besetzt, die Grundlage für längere schriftstellerische Arbeiten war nicht mehr gegeben. Es entstanden kurze Essays. Diese waren wieder im klassischen Stil nach dem Vorbild der guwen 古文cccxvii (Prosa im alten Stil) gehalten, aber seit 750 n. Chr. erwachte die Gattung mit kritischem Geist zu neuem Leben.
Han Yu 韩愈 (768 - 824) betrachtete diese Essays als Vorläufer; seit der Song-Zeit wurden sie auch in der Literaturkritik beachtet. Das Paar Han Yu 韩愈 und Liu Zongyuan 柳宗元cccxviii (773 - 819) "produzierte die Schriften, die sanwen bis zum heutigen Tage formte."cccxix Sie forderten mehr Natürlichkeit, Schlichtheit und Individualität in der Literatur und lösten damit eine Bewegung aus, die den guwen-Stil der Essays auch für andere Gattungen zum Inhalt hatte. Sie richtete sich gegen die Künstlichkeit in der Literatur der Zeit, insbesondere den Parallelstil, und nahm sich Inhalt und schlichte Form der Prosa der Han-Zeit und auch der Zeit davor, insbesondere der kanonischen konfuzianischen Werke, zum Vorbild.
Han Yu philosophiert in seinen Essays über Dinge der Alltagswelt, etwa die Qualität von Pferden.cccxx In seinem Essay "Über den Lehrer"cccxxi parliert Han Yu über die Institution des Lehrers. Er vermittelt die Einsicht der Universalität des Lehrer-Schüler-Verhältnisses unabhängig von Alter, Position, Wissensschatz etc. Das Kriterium für die Auswahl des Lehrers sei lediglich, ob er dem Dao 道 näher als der Schüler sei oder ob er stärker spezialisiert sei. Selbst Konfuzius habe drei Lehrer gehabt, die bestimmt nicht weiser gewesen seien als er selbst.
Der 17jährige Li Pan 李蟠cccxxii beherrscht die klassische Literatur, ist in den sechs Künsten, den Klassikern und den Chroniken sehr bewandert. Er ist entgegen der Mode mein Schüler geworden. Aus Freude, daß er den klassischen Weg praktizieren kann, habe ich diesen Essay über den Lehrer für ihn geschrieben.cccxxiii
Im Essay "Biographie von Wang Chengfu, dem Steinmetz",cccxxiv berichtet Han Yu über die Grundeinstellung eines Steinmetzes, der versucht, seine körperliche handwerkliche Betätigung zu perfektionieren. Er arbeitet nur für sich selbst, ist sich aber bewußt, daß er mit seiner Arbeit anderen dient und eine Funktion in der Gesellschaft innehat. Han Yu kritisiert, dies sei zu egoistisch, aber er akzeptiert, daß diese Einstellung für diesen Menschen Gültigkeit besitze.
Ein wichtiges Anliegen war es Han Yu in seinen Essays, den Einfluß des Buddhismus am Tang-Hof zurückzudrängen. Han Yu erinnert in seinem Streben nach dem Alten und in seinem Literaturverständnis an T.S. Eliot. Beide haben eine Mittelposition zwischen "l'art pour l'art" und der Funktionalisierung der Literatur eingenommen.cccxxv Stilistisch hatten Han Yu und Liu Zongyan durch Aufnahme von Elementen der gesprochenen Sprache eine neue, streitbarere Form des Essays gefunden.
Lu Xun hob die kritischen und gesellschaftsorientierten Essays der Tang-Dynastie hervor: cccxxvi
Im Chanshu 谗书 (Buch der Verleumdungen) von Luo Yin 罗隐cccxxvii ist fast immer von Widerstand und Entrüstung die Rede; Pi Rixiu 皮日休cccxxviii und Lu Guimeng 陆龟蒙cccxxix sahen sich als Einsiedler, und andere nannten sie auch so. In den freien Essays ihrer Ausgaben Artikel von Pizi und Buchkollektion Lizecccxxx haben sie die Welt keineswegs vergessen. Ihre freien Essays sind Glanz und Höhepunkt in einem chaotischen Morast.cccxxxi
Auch der als Dichter bekanntere Li Bai 李白cccxxxii (701 - 762) schrieb Essays.
Unter wen 文 hatte man während der Zeit der Liuchao noch Prosa im Gegensatz zu den Gebrauchstexten des Beamtentums verstanden. In der Tang-Dynastie bezeichnete er zunächst Prosa allgemein und später Poesie und Prosa gleichermaßen. Diese Gleichsetzung spiegelt sich im Satz Zhou Dunyis 周敦颐 (1017 - 1073) wider: "wen yi zai dao 文以载道" (Literatur (wen) dient der Beförderung der Lehre (dao)). Während wen auch die praxisbezogene Literatur der Verwaltung bezeichnete, wurde die Poesie, die dem Prinzip der Selbstverpflichtung "shi yan zhi 诗言志" (Gefühle und Absichten auszudrücken) gehorchte, geringer gewertet bzw. wurde das zhi 志 moralisch umgedeutet.
Lu Xun schreibt: "Mit dem Ende der Tang 唐-Dynastie verfiel die Lyrik, während der freie Essay aufblühte."cccxxxiii Vom Ende der Tang-Zeit bis 1917 wurde der Essay nicht mehr weiterentwickelt, lediglich seine Spielarten erfreuten sich unterschiedlicher Beliebtheit. So gewannen guwen-Essays vom 9. Jahrhundert bis zur Qing-Dynastie an Popularität. Die wohl poulärste guwen-Anthologie war Guwen guanzhi 古文观止 (Gipfel der Vollendung der Texte im alten Stil). Die Essays blieben auch in der Song-Zeit auf dem hohen literarischen Niveau der Tang-Zeit.cccxxxiv
Song (960 - 1279)
Die Song-Dynastie brachte mit der Urbanisierung eine Blüte des Buchdrucks, der Literaturveranstaltungen und -gesellschaften mit sich.
Den Essaystil von Han Yu und Liu Zongyuan vertieften in der Song-Zeit Wang Anshi, Su Dongpo 苏东坡cccxxxv und Ouyang Xiu 欧阳修cccxxxvi. Letzteter ist vor allem wegen dieser Essays bekannt, daneben verfaßte er auch Gedichte. Er war führender Literat seiner Zeit und beeinflußte auch die anderen fünf Song-Autoren, die zu den Acht großen Dichtern der Tang- und Song-Zeit gezählt werden. Alle beherrschten Untergattungen, die nach Form und Inhalt als Essays gelten können, wie Briefe, Nachworte, Reiseberichte, Tagebücher etc.
In der Song-Dynastie entwickelte sich auch die shihua 诗话 (Gedichtrezension), da durch die Rezeption der Tang-Dichtung ein Aufschwung in der Rezensionskultur entstand.cccxxxvii Die shihua waren bis um 1900 eine beliebte Gattung. Sie beschränkten sich nicht nur auf Kritik, sie berichteten über gesellige Dichtertreffen und -gespräche, waren mit Anekdoten angereichert und unterhaltsam.
Qin Shaozhang [d.i. Qin Gou, 11. Jh.] erzählte einst: Als Guo Gongfu durch Hangzhou kam, verfaßte er ein Gedicht auf einer Rolle, das er Dongpu zeigte. Zuerst rezitierte er es selbst, und die Töne bewegten alle Umstehenden. - Als er geendet hatte, fragte er Dongpo: "Wieviel Punkte gibst Du diesem Gedicht von mir?" - Su Dongpo sagte: "Zehn Punkte!" - Qin Gou freute sich darüber und bat um eine Erklärung. - Dongpo sagte: "Sieben Punkte für den Vortrag, drei Punkte für das Gedicht, das sind doch zehn Punkte."cccxxxviii
Ende der Song-Zeit wurde erstmals der Gattungsbegriff "sanwen" verwendet (siehe S. ).
In der Song- und Yuan-Zeit (1279 - 1368) wurden in Fortsetzungsromane essayistische Passagen eingefügt, in denen die Autoren ihre persönlichen Gedanken schilderten oder über Alltägliches plauderten, auch dies hatte Einfluß auf die Entwicklung des Essays. Wesentlich spätere Beispiele für die Perfektion dieser Technik sind Shen Fu (1763-?): Fu sheng liuji 浮生六记cccxxxix (Sechs Aufzeichnungen über ein unstetes Leben) und Liu E 刘鹗 (1857 - 1909): Laocan youji 老残游记cccxl (Die Reisen des Lao Can), so gibt der Erzähler zusätzliche essayistische Erklärungen ab, die allerdings in Zusammenhang mit der Handlung stehen:
"Alle reden davon, wie herrlich der Sonnenaufgang über dem Meer sei. Was haltet ihr davon, daß wir heute nacht wach bleiben und uns das Schauspiel ansehen?" - "Wenn du so geneigt bist", war die Antwort, "leisten wir dir gern Gesellschaft." Tag und Nacht sind im Herbst ungefähr gleich lang, doch scheint die Nacht kürzer, weil der morgendliche und abendliche Dunst die Lichtstrahlen reflektiert, auch wenn die Sonne nicht über dem Horizont steht.cccxli Ming (1368 - 1644)
Im 15. und 16. Jahrhundert dominierte die fugu 复古cccxlii (klassizistische) Schule um die Qian qi zi, hou qi zi 前七子、后七子cccxliii (Früheren und späteren sieben Meister). Unter den früheren war Li Mengyang 李梦阳, der in der Prosa keine späteren Werke als die der Han 汉- und Qin 秦-Zeit gelten ließ, was von den späteren Meistern wie Wang Shizhen 王世贞 (1526 - 1590) und Li Panlong 李攀龙 (1514 - 1570) übernommen wurde. Neue Werke hatten die alten nachzuahmen: wen 文 (Prosa) solle der der Qin 秦- und Han 汉-Zeit, shi 诗 (Dichtung) der der Tang 唐-Zeit gleichen.
Was die Untergattungen angeht, so waren die Ming 明- und Qing 清-Zeit vom baguwen 八股文cccxliv (achtgliedriger Essay) dominiert.
Zum achtgliedrigen Essay seien zwei Aufsätze genannt: Ching-yi Tu untersuchte den Prüfungsessay nach literarischem Implikationen,cccxlv Peter K. Boll ging der Bedeutung von Essays im Prüfungswesen nach, insbesondere in Tang- und Song-Dynastie.cccxlvi
Der erste baguwen 八股文 (achtgliedriger Essay) wurde 1386 geschrieben.cccxlvii Seit 1487 war er standardisierter Essay der Beamtenprüfungen.cccxlviii Er orientierte sich am Vorbild der Qin 秦- und Han 汉-Zeit und steht in der Nachfolge der Praxis der jingyi 经义 (Klassikerauslegung) als Prüfungsaufgabe der Song 宋-Zeit. Es handelte sich um eine interpretierende literaturwissenschaftliche Abhandlung in vorgeschriebener Form und Längecccxlix über einen kanonischen Text. Der Prüfling erhielt einen wenige Zeichen umfassenden Auszug aus den Klassikern,cccl den er in acht rhetorischen Einheiten in parallelistischem Stilcccli interpretieren mußte. Diese Form beeinflußte jahrhundertelang die chinesische Essayistik.ccclii Auch Zhou Zuoren weist auf den Einfluß des baguwen bis in die Republikzeit hin.cccliii
Die acht rhetorischen Einheiten waren folgende: Zunächst wurde die Bedeutung des Themas in ein, zwei Einleitungssätzen erläutert, ohne daß Zeichen des Zitats Verwendung finden durften. Im zweiten Teil war in drei bis sieben Sätzen die Intention des klassischen Autors darzulegen. Während die ersten beiden Teile möglichst im Sprachstil des klassischen Autors gehalten waren, legte der Prüfling im dritten Teil mit eigenen Worten das Thema dar, optional beschlossen mit dem Wiederaufgreifen des Zitates. Im vierten Teil führte der Prüfling auf seine eigene Argumentation hin, im fünften Teil faßte er diese Argumentation noch einmal in etwas entspannterem Stil zusammen. Im sechsten Teil lieferte er seine Haupt-Argumentation, im siebten die Zusammenführung der verschiedenen Argumentationsstränge, gefolgt von einem streng formalen Schlußteil. Inhaltlich wurde erwartet, daß der Prüfling das Zitat in den ursprünglichen Kontext einordnete und die Kommentarlage erörterte, schließlich war das im Zitat enthaltene Problem allgemein zu diskutieren.cccliv
Für einen Einblick in den Stil dieser achtgliedrigen Essays seien die ersten drei rhetorischen Einheiten eines Meisters des achtgliedrigen Essays zitiert: Wang Ao 王 鏊 (1450-1524) schrieb zum Thema "Wie kann der Herrscher an Mangel leiden, wenn das Volk im Überfluß lebt?": ccclv
Wenn das niedere Volk wohlhabend ist, ist auch der Herrscher an der Spitze reich. Das ist so, weil der Wohlstand des Herrschers etwas ist, das vom Volk bewahrt wird. Wenn das Volk bereits reich ist, wie könnte es ertragen, daß allein der Herrscher arm ist? You Ruo sprach in seinem Rat an Fürst Ai weise von der Einzigartigkeit des Herrschers. Der Vorschlag des Fürsten, die Steuern zu erhöhen, lag am Mangel seiner Einnahmen für die Staatsausgaben. Was könnte besser sein, um die Staatseinnahmen zu sichern, als dem Volk Wohlstand zu garantieren?ccclvi
Bei diesem Stil wurde das Alte oft künstlich und etwas gezwungen nachgeahmt,ccclvii aber es war zu beobachten, daß "[…] die Vorschrift, der baguwen-Autor habe mit der Stimme der Heiligen des Altertums zu sprechen, nicht - wie man meinen möchte - zu einer sklavischen Befolgung der alten Vorbilder führte; vielmehr verfügte man über die klassischen Texte in einer Weise, die in ihrer Virtuosität stets die Grenzen hin zur Ironie und zur Mimikry zu überschreiten tendierte".ccclviii*Bsp.
Der klassizistische gegliederte Essaystil guwen 古文, zur Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert bereits als "klassizistischer Prosastil" für Essays beliebt, löste zu Beginn des 16. Jahrhunderts den taigeti 台阁体ccclix (Sekretariatsstil) des 15. Jahrhunderts ab. Wieder eingeführt wurde er von den "früheren sieben Meistern". Wichtige Essayisten dieses Stils waren Liu Ji 刘基 (1311 - 1375) und Wang Yi 王易 (1323-1374).ccclx. Auch dieser Stil beeinflußte die Essays bis ins 20. Jahrhundert.ccclxi
In Abgrenzung zur höfischen pianwen 骈文ccclxii (Parallelprosa) entstand als Medium der Reformer ein neuer Typus des Essays, der erstmals auch als sanwenccclxiii bezeichnet wurde, wobei sich auch der Ausdruck xiaopin 小品 (freie Essays, ursprünglich: kleine Prosastücke) etablierte. Der Ausdruck "sanwen" ist schon vorher belegt, allerdings nur in der dem "Essay" übergeordneten literarischen Klassifikation "nicht-fiktionale Prosa", also ungebundene Artikel (ohne Reim und syntaktischen Parallelismus).ccclxiv
Im 16. Jahrhundert entstand der neue Typus der xiaopin 小品 (freie Essays), die formal die Regeln des baguwen 八股文 (achtgliedriger Essay) beachteten, inhaltlich aber informell und bewußte Gelegenheitstexte waren. Aus subjektiver Autorenperspektive behandelten sie "oft kuriose Dinge unter Verwendung von Wortspielen und ungewohnte Sprachfiguren."ccclxv Der Begriff xiaopin wurde seit der Ming-Zeit auch auf die biji der Tang- und Song-Zeit angewendet.ccclxvi Der achtgliedrige Essay als Prüfstein der Beamten trug nicht unwesentlich dazu bei, im Westenccclxvii insbesondere zu Zeiten der Chinoiserie,ccclxviii das Bild eines gelehrten Chinas entstehen zu lassen. Bis heute ist in China das Bewußtsein lebendig, ein "großes Land der Essays"ccclxix zu sein.
Die Gegenbewegung zu den "früheren sieben Meistern" nahm sich den guwen-Prosastil der "Acht Prosa-Meister" der späten Tang 唐 und der Song 宋-Zeit zum Vorbild, und Wang Shizhen 王世真ccclxx (1526 - 1590) forderte, daß es für Prosa keine äußerlichen Gesetze geben könne, sondern daß diese ebenso wie Lyrik aus dem Inneren des Dichters kommen müsse.ccclxxi
Zur Jahrhundertwende vom 16. zum 17. Jahrhundert (wiederaufgegriffen im 20. Jahrhundert) setzte die 'gonganpai 公安派'ccclxxii (gongan-Schule) den Ausdruck des eigenen Charakters und die "innere Beseeltheit" gegen den Formalismus der Archaiker.ccclxxiii Dabei handelte es sich um eine romantische bis expressionistische Gegenbewegung zu den mittelmäßigen Anhängern einer orthodoxen Literatur fugu 复古(Klassizismus) der dekadenten und chaotischen Wan-Li-Periode und dem baguwen 八股文 (achtgliedriger Essay). Die 'gongan'- und 'jingling'-Schulen der Yuan-Brüderccclxxiv stellten Individualismus, spontane Inspiration und expressive Darstellung in den Vordergrund. Sie wandten sich gegen die unkritische Nachahmung der klassischen Literatur durch einige der Archaiker-Schüler. Damit war bereits die Keimzelle für den Essay des 20. Jahrhunderts gelegt. Besonders Zhou Zuoren sah die Essays dieser Schulen mit ihrer Wendung gegen orthodoxe Standards und Werte als den Ursprung des modernen Essays an.ccclxxv
Dem Essay verwandt, aber doch formal unterschieden ist die Vorstellung der 'gongan-Schule', Poesie und Prosa zu vermischen.ccclxxvi
Zur Einschätzung der Lage des Essays zum Ende der Ming-Dynastie sei Lu Xun zitiert:
Obwohl die freien Essays Ende der Ming-Dynastie zur Dekadenz tendierten, haben sie doch nicht alle den Wind besungen und den Mond angebetet. Einige von ihnen enthielten sehr wohl Groll, Ironie, Angriff und Zerstörung. Ein solcher Stil beunruhigte den Kaiser und die Beamten der Mandschuren. Sie setzten viele Messerspitzen tyrannischer Offiziere und viele Pinselspitzen von Literatenbeamten, die Handlangerdienste leisteten, gegen die freien Essays ein. Unterdrückt wurden sie erst in der Qianlong 乾隆-Periode (1736 - 1795).ccclxxvii Qing (1644 - 1911)
In der Qing-Dynastie forderte die vom baguwenccclxxviii beeinflußte tongchengccclxxix-Schule, die vor allem die Prosaliteratur im 18. Jh. beeinflußte, eine Rückkehr zum Stil der Vor-Han-Zeit und zu dem der Dynastien Han, Tang und Song, wichtiges Ergebnis war die Kompilation von Essaysammlungen, qualitativ reichten diese nicht an die der Tang- und Song-Zeit heran.ccclxxx
Li Yu 李渔 (1611 - 1680) verschrieb sich mit 30 Jahren dem Schaffen von Dramen, Gedichten und Essays. Er reiste viel zu Mäzenen, um seinen 40köpfigen Haushalt mit seiner Schreiberei finanzieren zu können. Neben seinen Theaterstücken, die er mit einer eigenen Truppe von Sängerinnen aufführte, schrieb er Essays über folgende Themen: Dramatische Komposition, Schauspielerei, weiblicher Charme, Architektur, Reisen, Erholung, Diäten, Hygiene.ccclxxxi Seine philosophischen Essays über seine Theorie der Lebensfreude und andere liegen in deutscher Übersetzung vor.ccclxxxii Folgende Passage zeigt, daß Li Yus Essays in vormoderner Schriftsprache, obwohl sie keine solche Gattungsbezeichnung tragen, aus heutiger Sicht eindeutig Essays sind:
Die eigene Meinung vor anderen zu verbergen, das ist das große Geheimnis, wie man sich selbst schützen kann. Dies alles ist eigentlich meine persönliche Angelegenheit, die ich für mich behalten wollte, aber nun habe ich einmal zu schreiben begonnen und kann nichts mehr verheimlichen. Habe ich da nicht sozusagen freiwillig ein Geständnis abgelegt?ccclxxxiii
Der Redefluß ist assoziativ, Li Yu verwendet (außer in den Vorwortenccclxxxiv) umgangssprachliche Wendungen, der Stil ist locker, humorvollccclxxxv, es geht um Dinge des alltäglichen Lebens. Ein Charakteristikum von Li Yus Essays ist der häufig ähnliche Aufbau: Einleitung, Exposition, Erläuterung, historische oder autobiographische Beispiele als Belege, Folgerungen und Ratschläge. Das Ende bildet häufig eine - teils durch eine überraschende Wendeccclxxxvi gewonnene - allgemeingültige Erkenntnis. Li Yu betrachtet die Natürlichkeit des Ausdrucks als wichtigen ästhetischen Wert.ccclxxxvii
Li Yu steht mit seiner Essayform und seiner Literaturtheorie in der Tradition der 'gongan-Schule', wenngleich es ihm weniger um den Ausdruck seiner Gefühle als seiner Kreativität ging.
Yuan Mei 远枚 (1716 - 1798) zog sich mit 33 von einem Beamtenposten zurück und lebte als Dichter, Literaturkritiker, Essayist und Mäzen anderer Dichter, die sich bei ihm zu einem regen Austausch einfanden. Er betonte die Wichtigkeit freien Ausdrucks der natürlichen Gefühle, auch sexueller. Er setzte sich für die Bildung von Frauen ein und förderte Frauenliteratur.ccclxxxviii Er forderte, auf xingling 性灵 (angeborene Sinsibilität) zu achten, der Dichter solle sich von persönlichen Gefühlen leiten und inspirieren lassen. Nachahmung war für ihn inakzeptabel.
Nach der Qianlong-Periode (1736 - 1795) entstanden, wie Lu Xun darlegte, durch die restriktive Politik ausschmückende, klassisch orientierte Essays.ccclxxxix
Die Wurzeln der Moderne werden bereits im ausgehenden 19. Jahrhunderts gesehen.cccxc Ein Wegbereiter des modernen Essays war Liang Qichao 梁启超cccxci (1873 - 1929), er war Herausgeber mehrerer politischer Zeitschriften, produktiver Journalist. Mit seinen Essays legte er wie mit einem "Skalpell" die Mißstände der Gesellschaft offen.cccxcii Sein Stil war wie später der Sun Yixians 孙逸仙cccxciii (1866 - 1925) eine Mischung aus vormoderner Literatursprache und Umgangssprache.cccxciv Er schrieb zu den Themen westliche Kultur, Nationalismus, konstitutionelle Monarchie, Demokratie, Fiktion. Er förderte Vorlesungen ausländischer Intellektueller, insbesondere Bertrand Russells.
In die Sammlung Modern Chinese Literary Thoughtcccxcv sind zwei seiner Essays zu den Themen "politische Romane in Übersetzung" und "Beziehung zwischen Erzählliteratur und Volksregierung" in englischer Übersetzung aufgenommen.
Liang Qichao und Wang Guowei 王国维cccxcvi (1877 - 1927) bemühten sich um Übernahme westlicher Literatur und ihrer Formen. Nach dem Scheitern der 100-Tage-Reform und aufgrund von Japan-Eindrücken forderte Liang Qichao Literatur für politische Reformen: "Wer eine neue Nation schaffen will, muß der Nation zuerst einen neuen Roman geben". Über die Identifikation mit Romanhelden versuchte er Bildung und politische Läuterung zu vermitteln. Aus dieser Überzeugung heraus übersetzte er z.B. Jules Verne: Deux ans de vacances (Zwei Jahre Ferien).cccxcvii Es entwickelte sich ein gesellschaftskritischer, politisch-satirirscher, entlarvender Roman.cccxcviii
Liang Qichao forderte als einer der Führer der Reformpartei mit anderen zunächst eine "Reform der Poesie" mit der Aufnahme eines modernen Wortschatzes, mit der Möglichkeit der Verbindung von Politik und Literatur und vor allem mit einer Loslösung von den starren traditionellen Regeln der Klassik und Vormoderne. Damit wurde der Weg für die bedeutende Entwicklung in der chinesischen Lyrik im 20. Jahrhundert geebnet. Bald nach der Forderung nach einer "Reform der Poesie" wurde auch die Einführung der Umgangssprache baihua in die Literatur gefordert.
1911 war die neue Nation Wirklichkeit geworden, zunächst in der Form einer schwachen Republik.
Damit ist die Erläuterung der Grundlagen der Untersuchung abgeschlossen. Es wurden die Quellen vorgestellt, die zentrale Frage nach der Stellung der Autoren in einer Literatur mit politisch engagiertem 'mainstream' geschildert, die eklektische Methodik aus der westlichen und chinesischen Literaturwissenschaft begründet, die Zielsetzungen dieser Studie erörtert, der chinesische sanwen als Bestandteil der internationalen Gattung des Essays definiert und die Besonderheiten zwischen dem häufig gefühlsbetonten chinesischen und dem stark formal ausgerichteten westlichen Essay herausgearbeitet. Weiter wurden der griechische Ursprung, die Gattungsprägung durch Montaigne und die folgende Entwicklung des Essays im Westen, der Ursprung des chinesischen Essays in der Form des Briefes und in der Ablösung von der Dialogform im Xunzi beschrieben sowie die Entwicklung des Essays bis zur Moderne nachgezeichnet.
Im folgenden kann nun die chinesische Essayistik der Moderne seit 1917, die direkt auf westlichen Einfluß zurückgeht, erörtert werden. Dabei wird zunächst ein Überblick über die Entwicklung des Essays und seiner Theorie geliefert, bei der sich das Augenmerk des Lesers auf das sich bereits abzeichnende unterschiedliche Essayverständnis von Lu Xun und Zhou Zuoren richten sollte.