Chinese Essay/de/Chapter 2
2. Chinesische Essayistik in der Moderne (1917-1949)
(2. 现代中国散文(1917—1949))
Chinesische Uebersetzung: 2. 现代中国散文(1917—1949)
2. Chinesische Essayistik in der Moderne (1917 - 1949)
Ansätze zur Theorie des modernen Essays wurden zwischen 1917 und 1921 entwickelt, bis 1928 weiter ausgeführt. Sie reichen aber zur Erklärung der verschiedenartigen Erscheinungen und Entwicklungen des Essays nicht aus. Die Essayisten tragen vielmehr stärker individuelle Züge, dementsprechend wird in dieser Studie mit kleinen Werkausschnitten oder Inhaltsangaben versucht, einen Eindruck von ihrem jeweiligen Essayverständnis und schaffen zu vermitteln. Der überwiegende Teil der Untersuchungen zum chinesischen Essay der Moderne stammt aus der Volksrepublik China: Bereits 1928 erschien ein Aufsatzcccxcix, 1932 eine Monographie zur Essayforschung.cd 1957, als Mao das Ruder in der Kulturpolitik der VR China nach der '100-Blumen-Bewegung'cdi wieder zuungunsten der Intellektuellen herumriß und die Kampagne 'gegen Rechtsabweichler' startete, war in Hongkong die Muße vorhanden, um sich in zwei Monographien mit dem Essay zu beschäftigen.cdii
Erst in den 1980er Jahren erschienen dann wieder Publikationen zum Essay. Den Ursprung des Essays sieht Wang Bin 王彬 in der Moderne durch Übernahme aus dem Westen.cdiii In Taiwan gibt es erst seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre Untersuchungen über moderne chinesische Essayisten, dazu zählt zunächst einmal die Aufsatzsammlung Theorie des modernen chinesischen Essayscdiv und dann die übersichtlich gegliederte Debatte der chinesischen Essayistik,cdv in der Essays aus Klassik und Moderne besprochen und nach verschiedenen ästhetischen Gesichtspunkten bewertet werden.
Ein informativer Aufsatz über die Definition und Abgrenzung des Begriffes in der modernen Zeit ist das "Vorwort" im Auswahllexikon moderner Essayscdvi von 1988. Wang Bin zitiert darin aus den Essays berühmter chinesischer Autoren wie Lu Xun, Zhou Zuoren, Zhu Ziqing, Liang Shiqiu 梁实秋cdvii (1903 - 1987) etc., in denen diese um die Bedeutung des Begriffes sanwen rangen.
Erst in den 1990er Jahren ist dann wieder eine verstärkte Beschäftigung mit dem Essay zu verzeichnen. Neben Aufsatzsammlungen zum Gegenwartsessay erschien auch eine Sammlung von Texten über den Essay, die in ihrem zeitlichen Rahmen und den berücksichtigten Texten Überblickscharakter besitzt: Lu Weiluan 卢玮銮, Jahrgang 1939, präsentiert eine Hongkonger Sammlung von Aufsätzen zum modernen und gegenwärtigen chinesischen Essay mit Beispielen aus Taiwan, Hongkong und der Volksrepublik China.cdviii Liu Xiqing hat zahlreiche Essaysammlungen sowie eine Literaturgeschichtecdix mit Berücksichtigung des Essays herausgegeben sowie seine Auffassung von den ästhetischen Anforderungen an den Essay in einem Aufsatz festgehalten.cdx Yan Yuchang 阎豫昌 stellt 22 Autoren der älteren Generation mit ihren Essays vor,cdxi Wu Zhouwen 吴周文 zwölf.cdxii Weiter sind zahlreiche Lexikoneinträge zum Essay vorhanden, die im Rahmen der Definiton auf S. ff. schon erläutert wurden.
Zur Entstehung des modernen Essays stütze ich mich auf Studien von She Shusen, Li Fengmao und Zheng Mingli,cdxiii zu denen auch eine detaillierte Inhaltsangabe auf Deutsch vorliegt.cdxiv Die Studie Bildnisse des Selbstcdxv schlug eine erste Schneise in den Dschungel der Begriffsdefinitionen und deutete Zheng Minglis xiandai sanwen 现代散文 als "Essay der Moderne". Aufgrund der nun vorliegenden Erkenntnisse kann diese Deutung dahingehend differenziert werden, daß xiandai sanwen in Taiwan auch den Gegenwartsessay einschließt. Als Arbeitsübersetzung sehr nützlich war die dortige Übersetzung von zawen 杂文 (vermischte Essays) als "kritisch", denn Lu Xuns Essays heißen "zawen" und sind häufig kritischen Inhalts. Die vorliegende Studie konnte darüberhinaus Lu Xuns eigenes Verständnis von zawen verdeutlichen, er bezeichnete auch seine Dialoge, Fabeln und Essaygedichte als "zawen". Aufgrund der Entwicklungsgeschichte des Begriffes "za" können hier neue Übersetzungsvorschläge gemacht werden: für zawen "vermischte Essays", für zagan "vermischte Eindrücke"cdxvi. Aufgrund der Kürze der genannten Studie konnte der Essay "Meiwen" Zhou Zuorens dort nur in einer Fußnote berücksichtigt werden,cdxvii hier kann näher darauf eingegangen werden.cdxviii Auch der aufgrund der Kürze zwangsläufig dort fehlende Bezug zwischen dem "Essay-Königreich" und der Zeitschrift Yu si 语丝cdxix (Wortfäden) kann hier geklärt werden.cdxx Die dort aus der Beschäftigung mit Zheng Mingli entwickelte Arbeitshypothese zur Entwicklung des youji 游记 (Reiseberichts)cdxxi kann dahingehend weiterentwickelt werden, daß der Reiseessay bereits eine jahrtausendealte Tradition hat und in den 1930er Jahren im Zuge der Blüte des Essays neuen Schwung erhielt. Der dort geäußerten Überraschung, daß der zawen 杂文 (vermischte Essay) von Zheng Mingli als Untergattung des "xiaopinwen 小品文" (freien Essays) bezeichnet wird,cdxxii kann hier als Erklärungsversuch angeboten werden, daß die Gattung sanwen sowohl in der VR China wie in Taiwan gelegentlich mit dem Begriff "xiaopinwen 小品文" (freier Essay) umschrieben wird. Eine Auswertung von 191 Buchtiteln nach 1949 aus der Bibliographie ergab, daß die Bezeichnung xiaopinwen in Taiwan mit 7% häufiger als in der VR China (4 %) verwendet wird.cdxxiii
2.1 Überblick über die Entwicklung von Essay und -theorie seit 1917cdxxiv
Ende der Qing-Dynastie hatte sich die Verschriftlichung der Umgangssprache bereits angedeutet, seit 1895, nach der Niederlage gegen Japan, entstand bereits literarischer Journalismus (wenyan mit umgangssprachlichen Elementen), der reformfreudige Texte förderte und von Beginn an von den Intellektuellen bestimmt wurde. Schließlich wurden auch Zeitschriften populärer: die Literaturbeilagen behandelten anspruchsvollere Themen in Umgangssprache, später wurden ebenso Kurzgeschichten in Umgangssprache verfaßt. Hu Shi 胡适cdxxv verlieh dieser Bewegung ein Sprachrohr.
Edgar Snow, der in den dreißiger Jahren in lebendigem Kontakt mit Chinas jungen Schriftstellern stand, urteilte, vom literarischen Standpunkt aus lohne sich die Beschäftigung mit der jungen, in Umgangssprache geschriebenen Literatur nur selten, vermittle sie doch höchstens einen Anschauungsunterricht intellektueller Unzufriedenheit, so darf, ja, muß man die hier gemeinte Unreife und Unausgegorenheit der nur Chinas Großstädte erfassenden neuen Literatur auch heute noch als ein ernsthaftes Problem sehen.cdxxvi
Formal setzt der moderne Essay mit der Umgangssprache ein. Der von Hu Shi zitierten landläufigen Meinung der Kritiker, daß Literatur nur in wenyan geschrieben werden könne,cdxxvii setzte neben anderen Zhou Zuoren einen ausgefeilten baihua-Stil entgegen. In seinen Lesungen an der Peking-Universität über den "Zhongguo xin wenxue de yuanliu 中国新文学的源流" (Ursprung der Neuen chinesischen Literatur) betrachtete Zhou Liang Qichaos "Neuen Stil" wie allgemein seit 1917 durch die Vertreter der '4.-Mai-Bewegung', z.B. Hu Shi und Qian Xuantong 钱玄同cdxxviii (1887 - 1939) anerkannt, als Vorläufer der 'Literarischen Revolution', indem er ihn als "Brücke zwischen guwen und baihua" bezeichnete.cdxxix
Der Übersetzer Lin Shu, der selbst in wenyan übersetzte, berichtete in dem humorvollen Essay "Alptraum"cdxxx 1919 von einem Traum, in dem ihm ein Geist zeigt, daß im Himmel baihua gesprochen und hoch geschätzt werde. Eine spirituelle Halle dort trägt den Namen "Bringt Konfuzius um", Cai Yuanpei 蔡元培cdxxxi (1868 - 1940), Chen Duxiu und Hu Shi, die Führer der 'Neuen Literaturbewegung' tauchen im Traum unter anderen Namen als hohe Würdenträger auf.
Neben shige 诗歌 (Gedichte) und xiaoshuo 小说 (Erzählungen) wurden insbesondere auch sanwen 散文 (Essays) seit 1917 Vehikel zur Mitteilung der veränderten Wahrnehmung von Gesellschaft und Individuum.cdxxxii Subjektivität und Individualitätcdxxxiii bis zum Bekenntniscdxxxiv sind die entscheidenden Neuerungen in der Literatur zwischen 1919 und dem Japan-Krieg. Nachdem das Selbst zuvor schon im Gedicht entdeckt worden war (Guo Moruo 郭沫若: cdxxxv Nüshen 女神 (Göttinnen)), findet es jetzt auch im Essay eine Ausdrucksform.cdxxxvi Nach Lu Xun hatte sich in der Qing-Dynastie ein ausschmückender, klassisch orientierter Essaystil gebildet, entfaltet hatte sich "diese Art von Essay" aber "erst während der '4.-Mai-Bewegung'". Weiter schreibt Lu Xun: "Sanwen 散文 (Essays) und xiaopin 小品 (freie Essays) sind wahrscheinlich erfolgreicher als Romane, traditionelle Opern und Gedichte."cdxxxvii
Die neuen Texte unterschieden sich in den drei Kriterien Form (Umgangssprache baihua, assoziativ, weniger stark gegliedert, Betonung der Subjektivität), Inhalt (häufig direkte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erscheinungen der Gegenwart) und Zielgruppe (zunehmendes Lesepublikum der Zeitungen, breite Masse des Volkes) vom traditionellen chinesischen Essay. Obwohl große chinesische Essayisten der Vormoderne wie Han Yu 韩愈cdxxxviii weiterhin rezipiert werden und Einfluß haben,cdxxxix hat sich der Essay im China der 1990er Jahre weitgehend aus der klassischen Tradition gelöst und erweist sich nach den genannten drei Kriterien als Pendantcdxl zum westlichen Essay.cdxli Die Westorientierung der chinesischen Schriftsteller bis in die 1920er Jahreläßtsich durch den Bruch mit der eigenen Tradition erklären, erst später wurde die eigene Tradition wiederentdeckt und wieder bewußt mit einbezogen.
Die durch die literarische Revolution 1917 ausgelöste literarische Neuorientierung entdeckte die jungecdxlii westliche Essaytraditioncdxliii und machte sie seit 1907,cdxliv verstärkt seit Mitte der 1920er Jahre in Übersetzungen in China bekannt: cdxlv 1923-24 übersetzte Zhou Zuoren zwei Essays von Swift ins Chinesische: "A Modest Proposal"cdxlvi und "Directions of Servants".cdxlvii Lu Xun 鲁迅cdxlviii etwa publizierte 1925 Übersetzungen gesellschaftskritischer und essaytheoretischer japanischer Essays von Hakuson, Kuriyagawa 厨川白村,cdxlix 1928 Übersetzungen englischer Essays von W.H. Hudson und L.P. Smith.cdl Das Kapital hat Lu Xun nie gelesen, seine Kenntnis marxistischer Theorie beschränkte sich auf das, was er durch die Lektüre von russischen literaturtheoretischen Essays von Lunarchskij * und Plechanov,cdli die er um 1930 übersetzte,cdlii aufgenommen hatte. Das übersetzerische Wirken der Zhou-Brüder übte einen großen Einfluß auf Intellektuelle im ganzen Land aus, die in den 1920er und 1930er Jahren zahlreiche englische Essays in chinesischer Fassung herausbrachten.
Ebenso wie der Begriff "Essay", der von Montaigne stammt und vom Ursprung her europäisch ist, ist der Begriff sanwen 散文 nur von seinem chinesischen Ursprung her zu verstehen. In China wurde der englische "Essay" jedoch seit 1917 ausdrücklich und durchgängig von allen bedeutenden Vertretern der Essaytheorie für die verschiedenen chinesischen Bezeichnungen übernommen.cdliii Erst im Zuge der '4.-Mai-Bewegung' erhielt der neu eingeführte, moderne Essay die Bezeichnung sanwen, die vorher in der Bedeutung "nicht-fiktionale Prosa" verwendet wurde und heute noch wird. Zuvor hatte sanwen in Abgrenzung zur yunwen und rhythmischen pianwen 骈文 (Parallelprosa) seit der Liuchao alle ungebundene Literatur bezeichnet, also auch xiaoshuo 小说.cdliv
In den 1920er und 1930er Jahren entstanden zahlreiche neue Zeitschriften, die den Essay favorisierten: Yu si [zhoukan] 语丝[周刊] ([Wochenzeitschrift] Wortfäden, 1924), Benliu 奔流 (Strömung, 1928, monatlich), Luotuo cao 骆驼草 (Kamelgrass), Lunyu 论语 (Analekte, 1932, 14tägig), Renjian shi 人间世 (Menschenwelt) und Yuzhou feng 宇宙风 (Kosmischer Wind, 1935).
Das heutige Verständnis von der Untergattung zawen wurde von Lu Xun entscheidend mitgeprägt, sie ist kritisch bis polemisch und funktional orientiert. Die Form suibi 随笔 (lockerer Essay) etwa von Feng Jicai ist ungezwungener. Xiaopin 小品 ist ein früherer Ausdruck für die chun sanwen 纯散文 (literarischer Essay), geschrieben unter anderem von Zhou Zuoren,cdlv der inhaltlich gegen die Funktionalisierung des Essays die Unabhängigkeit des Autors in den Vordergrund stellte.
Im Rahmen der Erörterung der Essayentwicklung in der Moderne wurden zunächst allgemeine Entwicklungen dargestellt und die Differenzen zwischen Lu Xun und Zhou Zuoren angedeutet. Die bei der Überleitung zu diesem Abschnitt bereits angedeuteten beiden grundlegend verschiedenen Essayschulen, die sich bald herauszubilden begannen, sollen im folgenden genauer erläutert werden: Lu Xun und seine Anhänger vertraten den engagierten Essay, sein Bruder mit einer kleinen Gruppe befreundeter Schriftsteller den unabhängigen Essay.
Im folgenden sollen die Entwicklungsphasen des Essays mit ihren Charakteristika nachgezeichnet werden: 1917-27 war das "goldene Zeitalter" des Essays, 1927-37 der Höhepunkt des Essayschaffens, 1937-49 setzte sich der patriotisch oder ideologisch beeinflußte engagierte Essay gegenüber dem "freien" durch.
2.2 Entwicklungsphasen des modernen Essays und seiner Theoriecdlvi
Die Entwicklung des modernen Essays in Chinaläßtsich folgendermaßen darstellen: cdlvii
1917 - 1927 war das "goldene Zeitalter" des Essays, das Zeitalter der Befreiung des Denkens. Die bewußte Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit der westlichen Kultur brachte eine Menge berühmter Denker und Schriftsteller hervor, wie Lu Xun 鲁迅, Zhou Zuoren 周作人, Lin Yutang 林语堂, Yu Dafu 郁达夫cdlviii (1896 - 1945) und Xu Dishan 许地山. 1927 - 1937 erreichte die Essayistik ihren Höhepunkt. Neben dem Essay erhielt auch die Reportage einen höheren Stellenwert in der Literatur. 1937 - 1949 setzte sich der engagierte Essay (Antikriegsliteratur) gegenüber dem freien durch. Die Reportage löste den Essay als wichtigste Gattung ab und erlebte eine Blütezeit.cdlix
Einige Studien haben nachgewiesen, daß die chinesische Essaytheorie der Republikzeit im ersten Stadium durch die Adaption westlicher Literaturtheorien bestimmt war und im zweiten durch die Rückbesinnung auf die eigene Tradition an Literaturkritik und -theorien.cdlx Auch die moderne chinesische Literaturkritik ist in den ersten beiden Phasen entstanden.cdlxi Im folgenden werden einige bestimmende westliche Einflüsse genannt und die bedeutendsten Theorien der Republikzeit angesprochen.
Die Sekundärliteratur zu diesem Bereich ist ausführlich: Für die literarischen Debatten der ersten beiden Phasen 1917 bis 1937 liegen eine umfangreiche Studie von Amitendranath Tagore und ein Aufsatz von Jaroslav Pršek vor.cdlxii Einen Überblick über die Forschungsergebnisse zur Republikliteratur der 1920er und 1930er Jahre mit einer Darstellung des sozialen Kontextes gibt Marián Gálik in zwei Studien.cdlxiii Einen Überblick über die politische Entwicklung der 2. und 3. Phase gibt Leo Ou-fan Lee.cdlxiv Die Biographien der Protagonisten der Republikzeit stehen in einem vierbändigen biographischen Lexikon zur Verfügung.cdlxv
2.2.1 1. Phase 1917 - 1926
Auf der Suche nach einer Gesellschaftsform, die China seine Stärke zurückgeben könnte, lieferte T.H. Huxley's Evolution and Ethics in der Übersetzung von Yan Fu 严复cdlxvi die nötige Munition an Ideen und Terminologie, um weite Teile der Gesellschaft in eine Diskussion um eine grundlegende Reform zu involvieren. Dabei wurden Schlagwörter wie yousheng liebai 优胜劣败 (Die Starken siegen und die Schwachen weichen), taotai 陶汰 (Evolution), tianze 天择 (natürliche Auswahl) und shizhe shengcun 适者胜存 (Überleben des Besten) verwendet, ja sogar in die eigenen Namen aufgenommen. Der junge Student Hu Simi 胡嗣糜 verwendete das shi 适 aus dem letzten Slogan, um unter diesem Pseudonym seit 1913 Essays über die internationale Studentenbewegung, die Schmach des Halbkolonialismus und die Demokratie zu veröffentlichen.cdlxvii
Derselbe Hu Shi 胡适cdlxviii (1891 - 1962) war es, der schließlich 1917 mit seinem Artikel "Wenxue gailiang chuyi 文学改良刍议" (Vorschläge zu einer Literaturreform)cdlxix eine Bewegung auslöste, die den entscheidenden Anstoß zur Erneuerung der Literatur gab. Darin stellte er acht Forderungen auf, um die Literatur natürlicher erscheinen zu lassen, unter anderem die nach dem bewußten Bruch mit der Literaturtradition. Er selbst setzte seine Forderungen z.B. im Gedichtband Changshi ji 尝试集cdlxx (Experimente, 1920) um. Bis heute werden Hu Shis Essays rezipiert, wie ein Nachdruck des Bandes Vierzig persönliche Kommentarecdlxxi 1993 zeigt. Am 1. Februar rief Chen Duxiu 陈独秀cdlxxii in derselben Zeitschrift als Antwort auf Hu Shis Artikel die 'literarische Revolution' aus. Er nahm eine Neubewertung der Literatur vor und wertete Autoren wie Han Yu, Ma Zhiyuan, Shi Nai'an und Cao Xueqin auf. Die einsetzende Diskussion wurde in den seit der Jahrhundertwende zahlreicher und nun geradezu massenhaft entstehenden Zeitungen ausgetragen und in mehr als 100cdlxxiii zumeist kurzlebigen Literatur-Gesellschaften diskutiert, deren Mitglieder häufig ähnliche Auslandserfahrungen verbanden. Im Zuge der tagespolitischen Entwicklung politisierte sich die Literaturszene.
Die bedeutendsten Gesellschaften waren folgende: cdlxxiv Professoren der Peking-Universität fanden sich seit 1918 in einem losen Verbund um die Zeitschriften Xin qingnian 新青年cdlxxv (Neue Jugend) und Meizhou pinglun 每周评论 (Rezensions-Wochenzeitschrift) zusammen, einige von ihnen gründeten die Gesellschaft Xinchao 新朝 (Neue Strömung), Japan-Studenten schlossen sich am 4. Januar 1921 in der 'Wenxue yanjiuhui 文学研究会'cdlxxvi (Literarische Studiengesellschaft) zusammen, weitere Studenten aus Japan wie Guo Moruo und Yu Dafu, die sich der Romantik verpflichtet fühlten und deren Texte ekstatische, optimistische Züge trugen, im Juli 1921 in der 'Chuangzao she 创造社'cdlxxvii (Schöpfungsgesellschaft). 1925 entdeckten die Mitglieder die marxistische Ideologie für sich und förderten Literaturtheorien, die auf dieser Ideologie basierten. Die Gesellschaft wurde 1929 von der Guomindang verboten und mit Billigung der Kommunistischen Partei aufgelöst. Individualistische Studenten mit Auslandsstudium in angelsächsichen Ländern fanden sich 1924 in der Xinyue pai 新月派 (Neumondschule) mit einer eigenen Zeitschrift, einem Buchladen und der Gallionsfigur Hu Shi zusammen. Sie wurde aufgrund des Gentry-Hintergrundes der Mitglieder und ihres Einsatzes gegen die Funktionalisierung der Kunst in den Lexika aus der VR Ch unterbewertet. Nur formale Errungenschaften von Xu Zhimo 徐志摩cdlxxviii (1897 - 1931) und Wen Yiduo 闻一多cdlxxix (1899 - 1946) bei der Lyrik, und die Liang Shiqiuscdlxxx bei der Literaturkritik wurden anerkannt.cdlxxxi Die Gesellschaft war stark von westlichen Ästhetik- und Humanismus-Theorien beeinflußt. In ihrer Zeitschrift Xinyue yuekan 新月月刊 (Monatsschrift Neumond) forderte sie für die Literatur die Freiheit, "gesunde Ideen in würdiger Form" zu verbreiten. Die Zeitschrift Xiandai pinglun 现代评论 (Moderne Kritik, 1924 - 1928) stand der Gesellschaft nahe. 1924 entstand die literarische Gesellschaft Yu si 语丝cdlxxxii (Wortfäden, bis 1931) mit Lu Xun, Zhou Zuoren, Lin Yutang, Sun Fuyuan und anderen, die Gedankenfreiheit und Kritik propagierten. Nach anfänglichem Gründungschaos und persönlichen Auseinandersetzungen scharte sich die Literaturszene um die beiden Lager der 'Literarischen Studiengesellschaft' und der 'Schöpfungsgesellschaft'.cdlxxxiii
Hu Shi veröffentlichte zahlreiche Aufsätze auf Chinesischcdlxxxiv und später auf Englisch,cdlxxxv die sich vor allem mit Reformen in den Bereichen Literatur, Schrift, Bildung beschäftigten, induktives Denken, Liberalismus, Individualismus, Menschenrechte etc. forderten. Zu Hu Shi wurden vor allem seine liberalen Ideen, seine Rolle zwischen 1917 und 1937, als Vorbereiter und Führungspersönlichkeit in der '4.-Mai-Bewegung', untersucht.cdlxxxvi
Das Bild von Hu Shi wandelte sich stärker als das jedes anderen Autors in der VR China: Hu Shi wurde 1919 trotz erster Spannungen zu Chen Duxiu und anderen als einer der Führer der 'Neuen Literaturbewegung' betrachtet, 1921 bereits als dem rechten Flügel zugehörig angesehen und einige Jahrzehnte später von der revolutionären Bewegung als "reaktionär" zurückgewiesen: Im Winter 1951/52 und noch einmal 1954/55 wurde er in der VR China Gegenstand von Kampagnen. Aufgrund dieser ideologischen Vorbehalte wurde auch seine historische Bedeutung in der 'Neuen Literaturbewegung' in der VR China heruntergespielt, ähnlich wie später Zhou Zuorens Stellung in der Republikliteratur. Hu Shi vertrat von 1938 bis 1942 die Republik China als Botschafter in den Vereinigten Staaten.
Die umfassende Studie von Griedercdlxxxvii zeichnet den Lebensweg eines philosophisch interessierten Gelehrten, eines in Amerika ausgebildeten Kosmopoliten nach, der als Reaktion auf die Mißstände in China mit patriotischer Leidenschaft für eine Reform kämpfte, der seiner individuellen Linie treu blieb, sich nicht von einer Partei vereinnahmen ließ, schließlich von den Kommunisten attackiert wurde (Grieder fügt Originaldokumente an)cdlxxxviii und letztendlich ein enttäuschtes Dasein in Taiwan fristete.
Auch Chen Duxiu bestimmte mit seinem Appell an die Jugend die Diskussionsthemen für mehrere Jahre: Progressivität, Utilitarismus und Kosmopolitismus.
Die Reisebeschreibungen Ouyu xinying lu, die der Neo-Traditionalist Liang Qichao von seiner Europareise 1919 mitbrachte, wurden weniger aufgrund der Beschreibung der damaligen Krise in Europa wahrgenommen, sondern mehr aufgrund der Schlüsse, die er aus diesem Zustand zog: Das Verhältnis zwischen China und Europa solle auf völlig neue Füße gestellt werden.cdlxxxix
Zwischen 1917 und 1926 wurde in ersten Essays der Stellenwert des Individuums entdeckt und die Forderung aufgestellt, Mensch, Gesellschaft und Natur zu harmonisieren.cdxc Bereits die frühen Essays enthielten die Keimzellen für die Richtungen "taobi 逃避" (eskapistisch) oder "pipan 批判" (gesellschaftskritisch). Tatsächlich sollte die Literatur im Wesentlichen durch die Auseinandersetzung zwischen zwei Konzepten geprägt werden: Auf der einen Seite wurde Literatur als Ausdruck des Autors verstanden: "shi yan zhi 诗言志" (Gefühle und Absichten ausdrücken), auf der anderen als funktional: "wen yi zai dao 文以载道" (Literatur (wen) dient der Beförderung der Lehre (dao)).cdxci In literaturwissenschaftlichen Begriffen handelte es sich um die konkurrierenden Vorstellungen von unabhängiger und engagierter Literatur.
Am 4. Mai 1919 fand eine Demonstration von Pekinger Studenten wegen der Befürchtung statt, daß auf der Friedenskonferenz von Versailles die deutschen Kolonien an Japan übergeben würden. Zunächst wurden über 1150 Studenten in Peking verhaftet, im Zuge der nationalen Solidarisierung mußten sie jedoch wieder freigelassen werden.cdxcii Dieser patriotische Aufschrei entfesselte die später nach diesem Datum benannte '4.-Mai-Bewegung',cdxciii in deren Zuge sich Gattungsverständniscdxciv und ideologische Ausrichtung des Essays wandelten.
Lu Xun erklärt die Übernahme des modernen westlichen Essays in China vor und während der '4.-Mai-Bewegung' damit, daß die sich entfaltende moderne Wissenschaft und das demokratische Gedankengut im "Essay" ein Ausdrucksmittel für Individualität und Rationalität fand. Seine eigenen Essays nach westlichem Vorbild gehören m.E. zu den scharfsinnigsten und literarisch ausgefeiltesten im China der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts.cdxcv
Die sechsbändige Ausgabe Main Currents in Nineteenth Century Literature (1871 - 1890)cdxcvi "war vielleicht die einflußreichste Einführung in westliche Literatur und die Autoren und Intellektuellen der '4.-Mai'-Literatur", sie kolportierte eine romantische Konzeption von Realismus und Naturalismus.cdxcvii
Großen Einfluß hatte neben der Übersetzung von Lambs Essays of Eliacdxcviii Zhou Zuorens theoretischer Essay "Meiwen 美文"cdxcix (Der schöngeistige Essay) aus dem Jahre 1921, der chinesischen Autoren empfahl, vom englischen suibi 随笔 (lockerer Essay) zu lernen. Als Vorbilder nannte Zhou Zuoren dort Addison, Charles Lamb, Robert Owen, Nathaniel Hawthorne, John Gabsworthy, George Robert Gissing und Gilbert Keith Chesterton. Zhou Zuoren sah die Literatur unter dem Aspekt der Einheit von Inhalt und Form, der Essay sei eine Form für neue Inhalte, die sich mit Erzählung und Gedicht nicht mehr ausdrücken haben lassen.d Der von ihm als Bezeichnung für diesen neuen Essay eingeführte Begriff meiwen 美文 (schöngeistiger Essay)di setzte sich aber nicht durch.
Die Literaturwissenschaftler sind sich darüber einig, daß der moderne chinesische Essay in China durch Übernahme aus dem Westen entstanden ist,dii insbesondere durch Übersetzungen aus dem Englischen.diii Die ersten Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen wurden in der Tradition der Ming 明- und Qing 清-Dynastie mit dem Begriff xiaopin belegt.div Als nach der '4.-Mai-Bewegung' der Begriff xiaopin 小品dv (freie Essays, ursprünglich: kleines Prosastück) auf dem Festland zunehmend durch sanwen ersetzt wurde, da er auf die neue Essayform nicht mehr zu passen schien, verringerte sich die ursprüngliche Hauptbedeutung "nicht-fiktionale Prosa" des Begriffes sanwen auf eine Nebenbedeutung, in dieser Form ist uns der Begriff bis heute erhalten.dvi Die Ersetzung des Begriffs vollzog sich zunächst durch eine inhaltliche Spezialisierung der beiden Begriffe: Sanwen 散文 stand nunmehr für den philosophischen, theoretischen Essay, auch bereits für den "geren shuqing yanzhi de 各人抒情研制的" (gefühlsbetonter Ausdruck des Innenlebens eines Individuums).dvii Xiaopin 小品 hielt sich noch eine Weile für den gefälligen Essay im hohen literarischen Stil,dviii der jedoch aufgrund der geringen Bildung der Schriftstellerdix der VR Ch quantitativ abnahm. Schon im China der 1930er Jahre zeigte sich jedoch, daß nicht der hohe literarische, sondern ein lyrischer Stil der chinesischen Schreib- und Lesegewohnheit am meisten entsprach. Bis heute dominieren bei den Essays in China die shuqing sanwen 抒情散文 (gefühlsbetonte Essays).
Die "zhenshi 真实" (Wirklichkeit) des Essays bezog sich 1917 zunächst auf die Gesellschaft, in der Mißstände aufgedeckt werden sollten, zu deren Behebung zum Kampf aufgerufen wurde. Als die literarische Revolution selbst zum Teil dieser Realität wurde, fand das Element der Individualitätdx nach 1919 Eingang in die Essays, indem der Essay die "ziwo de zhenshi 自我的真实" (subjektive Wirklichkeit) widerspiegelte,dxi die für Zhou Zuoren in den kleinen Dingen des Alltags und für Lu Xun im Kampf bestand.
Wenn ein Literaturwissenschaftler in der Volksrepublik feststellt, das Prinzip der "mingbai 明白" (Klarheit) sei zur "hanxu de mingbai 含蓄的明白" (implizite Klarheit) fortentwickelt worden,dxii so steht dahinter nicht viel mehr als die zunehmende Schreiberfahrung der chinesischen Essayisten, selbst eines Lu Xun,dxiii die im Essayschreiben sicherer geworden waren und statt direkter Sprache nun auch Ironie und Satire verwendeten. Und wenn es in diesem Zusammenhang heißt, diese "anshi 暗示" (Andeutungen) ließen nunmehr auch untergründig das "menglong 朦胧" (Obskure) zu,dxiv so ist daraus mit Sicherheit die verschlechterte Lage seit Ende der 1920er Jahre zu ersehen, in der selbst Lu Xun die Zensur umgehen mußte.dxv
Die Notwendigkeit, das stark von einzelnen Essayisten individuell oder zumindest von Dichterschulen abhängige Literaturverständnis zwischen Funktionalität, "l'art pour l'art", subjektiver Wirklichkeit etc. darzustellen, zeigen Vereinfachungen wie die Feststellung, die "ziran 自然" (Natürlichkeit) sei in den 1920er Jahren mit einem "wenbi 文笔" (künstlerischer Schreibstil) verbunden worden und habe so eine "tiaohe de 'ziran' 调合的“自然”" (harmonisierte 'Natürlichkeit') hergestellt, die somit also auch künstlich habe erreicht werden können.dxvi Dagegen sprechen Zhou Zuoren, der seinem natürlichen Stil in seinen Essays treu blieb, Bing Xin, die ihre eigene Wirklichkeit in natürlichen, kindlichen Worten beschrieb, selbst wenn das Land um sie herum gerade eine zehnjährige Katastrophe überstanden hatte. Das Ideal eines "ziran, qinqie de tanhua feng 自然、亲切的谈话风" (Stil im Ton einer natürlichen, vertrauten Unterhaltung) wird korrekt beschrieben,dxvii allerdings gilt es nicht nur für den chinesischen Essay jener Zeit, sondern für die Gattung an sich. Die hier verallgemeinerte Forderung, wenyan- und "ouhuayu 欧化语" (europäisierte Fremdwörter) harmonisch einzubinden,dxviii war allerdings sehr umstritten und gibt nur die Sicht eines Lagers wieder.
Daß es auch konservative Positionen gab, zeigt das Beispiel von Liang Shuming 梁漱溟 (1893 - 1988), der 1916 von Cai Yuanpeidxix an die Peking-Universität geholt wurde, um indische Philosophie zu unterrichten. 1917 veröffentlichte er den Essay "Religion durch Ästhetikunterricht ersetzen".dxx Als sein Vater 1919 aus Loyalität zum letzten Kaiser Selbstmord beging, wurde er zu einem konservativen Verfechter konfuzianischer Traditionen: 1921 erschien seine Monographie Dongxi wenhua ji qi zhexue 东西文化及其哲学 (Westliche und östliche Kulturen und ihre Philosophien), in der er einige Aspekte der chinesischen Weltsicht mit der der westlichen und indischen verglich.
In der Diskussion über Ursprung und Entwicklung des modernen chinesischen Essays gab es vier Standpunkte, die im ersten "Jahr des Essays 1934" ihre prägnanteste Zuspitzung erreichten.dxxi Zwischen 1935 und 1949 drängte der antijapanische Krieg zwar die Diskussion in den Hintergrund, aber die Grundlagen für die Essayforschung waren geschaffen.
Die ersten drei Standpunkte erläutert She Shusen aus der VR Ch, den vierten, der das literarische Feld in Autoren mit Nähe entweder zur Kommunistischen Partei oder zur Guomindang unterteilt und Parteiunabhängigkeit fordert, nennt er nicht und offenbart dadurch, daß diese Forderung auch in der Wissenschaft der VR Ch noch Aktualität besitzt.
Vertreter des ersten Standpunktes war Zhou Zuoren mit der Fortführung der englischen und der Ming-Tradition mit "neixing 内省" (Selbstbeobachtung) und "zishen 自身" (Selbstbeschreibung)dxxii in Kombination mit dem traditionellen chinesischen Prinzip des Funktionalen "wen yi zai dao 文以载道" (Literatur (wen) dient der Beförderung der Lehre (dao)).
Ein wichtiger Bestandteil seiner Position war die "Gonganpai yu Yingguo xiaopin 'hecheng' lun 公安派与英国小品“合成”论" (Theorie der Synthese der gongan-Schule und des englischen Essays), bei der Individualität und Spontaneität im Vordergrund standen.dxxiii Auch zu dieser Darstellung muß man ergänzen, daß sich diese Theorie erst allmählich entwickelt hatte. Nachdem Zhou Zuoren 1. zunächst den englischen Essay als Vorbild sah, war er dann 2. auf der Suche nach einer Legitimation des eigenen praktizierten Essayverständnisses bei der 'gongan-Schule'dxxiv fündig geworden und sah 3. fünf Jahre später in einem Brief an Yu Pingbo 俞平伯dxxv die Vorläufer des chinesischen Essays in der Ming-Dynastie und eine Neubelebung durch den westlichen Essay. 4. führte er 1928 die Tradition auf die Vorläufer in der Tang- und Song-Zeit zurück.dxxvi Zhu Ziqing, ebenfalls ein Vertreter der Essaykonzeption Zhou Zuorens, spricht sich in seinem Vorwort zu seiner Sammlung Beiying 背影 (Die Rückenansicht) 1928 gegen eine solche Suche nach chinesischen Wurzeln aus, tatsächlich sei der ausländische Einfluß sehr stark gewesen.
Eine Reduzierung von Zhou Zuorens Essaytheorie auf den komplementären Einfluß von englischem Essay und chinesischer Tradition übersieht das von Zhou Zuoren entwickelte Konzept des "aquarellistisch Zeichnens" und der "Herbheit".dxxvii
Zu Zhou Zuorens Essaytheorie gehört auch seine Sicht der Literaturgeschichte, die seiner Meinung nach dem komplementären Wechselspiel der Prinzipien des Funktionalen "wen yi zai dao 文以载道" (Literatur (wen) dient der Beförderung der Lehre (dao)) und der Selbstverpflichtung "shi yan zhi 诗言志" (Gefühle und Absichten ausdrücken) unterworfen war. Zeiten der nationalen Zerstückelung hätten zum Prinzip "Gefühle und Absichten ausdrücken" tendiert, Zeiten der politischen Konsolidierung hätten Literatur funktionalisiert, so etwa in der Tang- und Song-Dynastie, in denen Gelehrte Literatur zur Erneuerung der ethischen Werte der Lehre des Konfuzianismus eingesetzt hätten.dxxviii Diese simplifizierende Strukturierung der chinesischen Literaturtheorie wurde von Qian Zhongshu und Zhu Ziqing kritisiert. Zhu stellte klar, daß die beiden Prinzipien in der Vergangenheit nicht einander gegenüber, sondern nebeneinander gestanden hätten.dxxix Qian Zhongshu kritisiert ebenfalls die Polarisierung und sieht die beiden Richtungen auch gattungsbedingt: Gedichte neigten eher zum Ausdruck des Selbst, Prosa sei für politisch-moralische Zwecke dienstbarer.dxxx
Zhou sah Literatur in einem frühen Essay idealistisch als ein Reich, in dem die geistigen Veränderungen der chinesischen Gesellschaft Fuß faßten.dxxxi
Zhous Ansicht, daß die Essays der Ming- und Song-Zeit Vorbild des xiaopinwen seien und daß xiaopinwen die literarisch gehobene Form der Prosa seien, teilte Ye Shaojun 叶绍钧 (Ye Shengtao 叶圣陶dxxxii) in seinem Essay "Guanyu xiaopinwen 关于小品文" (Über den freien Essay).
Vertreter des zweiten Standpunktes war Lu Xun mit der "'Zhankai' shuo yu 'mengya' lun “展开”说与“萌芽”论" (Theorie des "Beginnens" und "Aufblühens"), mit der er zur Unterstützung seiner eigenen kritischen Art des Essays zawen 杂文 (vermischter Essay)dxxxiii den kämpferischen und kritischen Charakter der Essays seit der Jin-Dynastie (265 - 420) nachwies. Lediglich zum Ende der Qing-Dynastie sei der Essay zur Spielerei verkommen, in der '4.-Mai-Bewegung' sei er wieder aufgeblüht.dxxxiv Andere Vertreter dieses Standpunktes hofften so auf eine Wandlung vom xiaoqian de sanwen 消遣的散文 (kurzweiliger Essay) zum shenghuo de sanwen 生活的散文 (realitätsorientierter Essay).dxxxv
Der wesentliche Unterschied zwischen Zhou Zuorens und Lu Xuns Essayverständnis war die Funktionalisierung: Zhou Zuoren verstand die Literatur als Selbstzweck, Lu Xun gab nur vor, an seinen Lesern nicht interessiert zu sein, tatsächlich stellte er seine Essays in den Dienst der Reform der Gesellschaft.
In der westlichen Literaturwissenschaft wird der Konflikt zwischen Zhou Zuoren und Lu Xun zunächst nicht rezipiert,dxxxvi erst Qian Liqun verglich 1984 die literaturtheoretischen Konzepte der Brüder.dxxxvii
Vertreter eines dritten, kaum wahrgenommenen, ideologisch gefärbten Standpunktes war Fang Fei mit seiner 1933 aufgestellten "Lishi shiming lun 历史使命论" (Untersuchung der Aufgabe des Essays im Wandel der Zeit), in der er soziologisch die Ursachen der Blüte des Essays in der grüßeren Freizeit und der durch die "Zibenzhuyi shehui zhi lanshu shiqi 资本主义社会之烂熟时期" (Degenerationsphase kapitalistischer Gesellschaften) geschaffenen Langeweile sucht.dxxxviii
Der vierte Standpunkt wurde 1932 von Su Wen 苏汶dxxxix vertreten, er wurde zuvor von Hu Qiuyuan 胡秋原dxl (geb. 1910) mit seinem Konzept des freien Menschen vorbereitet. Beide Autoren beanspruchten für den Schriftsteller eine Position, die nicht zwischen den beiden Polen des bürgerlich-konservativen Guomindang-nahen Standpunktes und des proletarisch-revolutionären, der Kommunistischen Partei nahestehenden liegen müsse. Für ihre Forderung nach apolitischer Literatur wurden sie von der 'Liga linksgerichteter Schriftsteller' heftig kritisiert. Mangels Organisation und Mitglieder wurde diese Gruppe von den sich überstürzenden Ereignissen überrollt. Dieser vierte Standpunkt ist dem von Zhou Zuoren nah, reduziert aber alles auf die Unabhängigkeit von Parteien.
Von verschiedenen Seiten wurde die klassische Forderung aufgenommen, ein Essay müsse wahr, klar und natürlich sein.
Die verschiedenen Theorien dienten vorwiegend der zeitgenössischen Literaturkritik in der VR Ch.
Seit Jahrhundertende lag westliche Literatur in Übersetzungen vor,dxli bei der Auswahl hatten die Übersetzer den Schwerpunkt auf die europäische Romantik und den Realismus gelegt.dxlii Die auf Orientierungssuche befindlichen chinesischen Schriftsteller eiferten jedoch häufig zusammen mit Gesinnungsgenossen in Literaturgesellschaften nur den Inhalten der westlichen Literatur und den westlichen Autoren selbst nach, die dahinterstehende Literaturtheorie war für sie eher unwichtig.dxliii
Lu Xun 鲁迅 war es, der gesellschaftskritische Essays westlicher Prägung am Beispiel des japanischen Essayisten Hakuson, Kuriyagawa 厨川白村dxliv in China durch Übersetzungendxlv bekannt machte (siehe S. 111) und mit seinem "Nachwort"dxlvi zur Sammlung Aus dem Elfenbeinturm herausgekommen einen einflußreichen gesellschaftskritischen Essay verfaßte: In diesem Nachwort weist er darauf hin, daß er die gesamte Themenvielfalt des Schriftstellers übersetzt habe, bis auf einen Aufsatz über die Beziehung zwischen Autoren und Politikern, da bei dieser Frage jeder das Recht auf seine eigene Meinung habe. Als Leserzielgruppe sieht er das junge Publikum, da es noch nicht so festgefahren wie die ältere Generation sei und die Zukunft Chinas verkörpere. Lu Xun weist auf die Bedeutung dieses japanischen Essayisten hin, der Selbstkritik übte und auch negative Seiten seines Vaterlandes kritisierte. Leute seines Schlages gebe es in China zu wenig, kritisiert Lu Xun. Hakuson, Kuriyagawa kritisiert, daß das zeitgenössische Japan keine eigene Zivilisation und eigene Persönlichkeiten vorzuweisen habe. Die Kultur sei eine aus China und Europa importierte Mixtur. Lu Xun nimmt dazu Stellung, indem er die Vorteile aufzeigt, die eine solche Traditionslosigkeit habe: Man brauche keine Rücksicht auf Altes nehmen und könne sich schnell entwickeln. Dieses sei eine der Schwächen des zeitgenössischen China, da es dort zuviel Altes gebe. Trotz der Kritik an der '4.-Mai-Bewegung' habe diese eine Erneuerung gebracht, weshalb er die Reformer ermutigen wolle, ihre Umgestaltung gründlich durchzuführen. Viele geistige Probleme, die der japanische Autor für Japan anspreche, bestünden auch in China.
Zunächst war der Essay in Japan nach dem französischen "essayer" (probieren) mit zuihitsu 随笔 übersetzt worden.dxlvii Der japanische Literaturwissenschaftler empfand diese Bezeichnung als unzutreffend. Besser seien "schwätzen", "belanglos", "müßig in Form und Inhalt" oder eine Formulierung, die die Entfaltungsmöglichkeit der Persönlichkeit des Autors, die individuelle Note zum Ausdruck bringe. Vor dem Hintergrund der Renaissance sei diese Bezeichnung revolutionär gewesen. Mit dem Essay seien Menschlichkeit und Selbstbewußtsein wiederentdeckt worden. Während der Essay bereits im 19. Jahrhundert in England sehr populär gewesen sei, sei er erst mit 100 Jahren Verspätung im 20. Jahrhundert nach Japan gekommen. Der japanische Literaturwissenschaftler begründete die Tatsache, daß zu seiner Zeit keine japanische Übersetzung für das Wort "Essay" existiert habe, wenig überzeugend damit, daß der Begriff "unübersetzbar" sei.dxlviii Tatsächlich wurde der Begriff wenig später ins Japanische übersetzt: Bis heute heißt Prosa auf Japanisch sanbun 散文dxlix und Essay zuihitsu 随笔.dl
In der ersten Hälfte der 1920er Jahre entstand mit Schwerpunkt in Peking eine neue moderne Literaturszene, die sich in der zweiten Hälfte nach Shanghai verlagerte.
Am 30. Mai 1925 wurden Arbeiter bei einer Demonstration gegen die Erschießung eines Kollegen von der englischen Polizei erschossen. Dieser Zwischenfall war für viele Schriftsteller der Auslöser, sich zum Marxismus zu bekennen. Die 1921 gegründete Kommunistische Partei bot Identifikationsmöglichkeiten. Damit war die Umorientierung von der Subjektivität zur Politisierung und gesellschaftlichen Funktionalisierung der Literatur vollzogen.
Im folgenden sollen noch zwei Essayisten, die in der ersten Phase des modernen Essays besonderen Einfluß besaßen, erwähnt werden:
Wen Yiduo 闻一多dli (1899 - 1946) erhielt durch sein Elternhaus eine gründliche Ausbildung in klassischer chinesischer Literatur, bevor er als Student an der Qinghua-Universität mit westlicher Literatur in Berührung kam. Zwischen 1922 und 1925 studierte er in den Vereinigten Staaten Malerei. Dort erlebte er rassistische Vorurteile. Er kehrte nach China mit dem Vorsatz zurück, die sozialen und politischen Reformen voranzutreiben. Er gehörte der 'Xin gelü shipai 新格律诗派' (Neue formalistische Lyrikschule) an, die Metrik und Struktur in umgangssprachlichen Gedichten betonte. Wen war Mitglied der 'Neumondgesellschaft'. Seine offene Meinungsäußerung bezahlte er mit dem Leben: Im Juli 1946 wurde er von Agenten der Guomindang ermordet.
Exkurs: Liang Shiqiu 梁实秋 (1903 - 1987)
Liang Shiqiu 梁实秋 (Liang Zhihua 梁治华)dlii hatte acht Jahre an der Qinghua 清华-Universität in Peking studiert, er ging 1923 zum Auslandsstudium an das Anglistic Colorado College in den Vereinigten Staaten, dann nach Harvard, Columbia. Er sah sich selbst als "Humanisten". 1926 kehrte er nach China zurück. Dort vertrat er Bedenken gegenüber der neuen Lyrik der 1930er Jahre aus Sicht der vormodernen Lyrik. Er wurde von Lu Xun häufig angegriffen. Bis 1949 unterrichtete er an verschiedenen Universitäten, zunächst als Professor für englische Literatur in Nanking, daneben war er Literaturkritiker und Übersetzer. In der in dieser Studie erstellten Listedliii der Essayisten der Moderne steht er mit Xu Zhimo auf Platz 7, in der Gesamtliste auf Platz 9. Er übersetzte aus dem Lateinischen und Englischen, unter anderem innerhalb von 37 Jahren die kompletten Werke Shakespeares. 1927, als sich die romantisierende xinyue pai 新月派 (Neumondschule) wegen der chaotischen Zustände infolge des Nordfeldzuges in Peking nach Shanghai zurückzog, stieß er zu dieser Gruppe.dliv Für einige Zeit war er Herausgeber der Xinyue yuekan 新月月刊 (Monatsschrift Neumond).
Er schrieb zwar gesellschaftskritische Essays wie den satirisch-ironischen Text "Ma ren de yishu 骂人的艺术" (Die Kunst des Beschimpfens), ließ sich jedoch ideologisch nicht vereinnahmen. Dies zeigen Alltagsthemen wie die der beiden Essays, die in The Columbia Anthology of Modern Chinese Literaturedlv für den Zeitraum bis 1949 aufgenommen sind: "Krankheit"dlvi und "Haarschnitte".dlvii Besonders deutlich wurde seine Ideologiefeindlichkeit in seinen suibi 随笔 (lockere Essays), die er zur Zeit des antijapanischen Widerstandskrieges schrieb.dlviii Er argumentierte wie Hu Shi von einem humanistischen Standpunkt aus.dlix
Bekannt wurde vor allem sein Beitrag zur Literaturkritik,dlx z.B. seine Rezension von Xu Zhimos Essays.dlxi Auch mit dem Essay setzte er sich theoretisch auseinander.dlxii Er war Mitherausgeber der Zeitschrift Xinyue 新月 (Neumond).
1949 ging er an die Taiwan Normal University, lehrte, übersetzte und war Direktor des Forschungsinstituts für Anglistik und Vorsitzender der Literaturakademie bis zur Pensionierung 1966. Auch in Taiwan blieb Liang Shiqiu bei seinen Alltagsthemen: "Über die Zeit"dlxiii und "Schnee"dlxiv.
Seine Essays werden bis heute rezipiert, wie folgende Bücher zeigen: 1. eine vierbändige Neuauflage,dlxv 2. ein Nachdruck 1993 seiner Sammlung von 1936 Der Gänsestall. Freie Essays,dlxvi 3. eine Kompilation von Yi Shi 伊莳dlxvii aus dem Jahr 1994, die 1995 eine zweite Auflage mit insgesamt 20.000 Exemplaren erlebte und in der 51 Essays zu folgenden Themen enthalten sind: Heimweh im Ausland, zum Leben allgemein, Gefühlswelt, Bewertung von Erscheinungen der Gegenwart, Interessantes aus dem Alltag, Literatur und Kunst, westliche und östliche Kultur, sowie 4. eine Kompilation von Xu Feng 余风 1996,dlxviii die eine Auflage von 10.000 Exemplaren erreichte und kleine Prosastücke mit Alltagsthemen, Memoiren, Liebesbriefen, Philosophie, Erinnerungen an alte Freunde und Verwandte und seine verstorbene Frau versammelt. 1996 wurden in der Sammlung Modern Chinese Literary Thoughtdlxix von ihm zwei Essays, darunter einer zum Thema "Literatur und Revolution" in englischer Übersetzung aufgenommen.
2.2.2 2. Phase 1927 - 1937dlxx
Bereits 1925 zeichnete sich eine Politisierung ab: Unter Federführung der 'Schöpfungsgesellschaft'dlxxi vollzog sich eine Umorientierung von der wenxue de geming 文学的革命 (Literaturrevolution) zur geming de wenxue 革命的文学 (revolutionäre Literatur). Li Chuli 李初黎 (geb. 1900) war einer der frühen Experten für marxistische Literaturtheorie. Als Mitglied der 'Schöpfungsgesellschaft' schrieb er zahlreiche Artikel, die proletarische Literatur propagierten. Guo Moruo bezeichnete ihn als den ersten Advokaten "revolutionärer Literatur".
Tatsächlich war Jiang Guangci 蒋光慈 (1901 - 1931) einer der frühesten Verfasser "proletarischer Literatur" in China. Seine erste Gedichtsammlung Xin meng 新梦 (Neue Träume, 1925) hatte einen großen Einfluß auf junge Dichter. Er war einer der Gründer der 'Taiyang she 太阳社'dlxxii (Sonnengesellschaft) und Mitglied der Kommunistischen Partei der VR Ch sowie der 'Liga linksgerichteter Schriftsteller'. Enthusiastisch griff er Lu Xun und Mao Dundlxxiii wegen ihrer fehlenden Linientreue an. 1930 verließ er die Partei abrupt, wurde heftig kritisiert und starb kurz darauf an einer Krankheit.
Die Truppen der Guomindang 国民党 nahmen am 8. Juli 1928 Peking ein. Dieses wurde daraufhin in Beiping umbenannt, da die Hauptstadt nach Nanking verlegt wurde. Die Partei verfolgte linke Schriftstellerdlxxiv und schuf damit ein Klima der Opposition und Solidarität der linken Schriftsteller untereinander.
Die Literaturwelt spaltete sich in zwei Lager: Auf der einen Seite entstand das grüßere linke des 'mainstreams' mit dem Ideal einer "pulou wenxue 朴陋文学" (proletarische Literatur), mit Lu Xuns zawen und dessen Nachahmern, die sich 1930 in der 'Liga linksgerichteter Schriftsteller' zusammenschlossen. Eine kleine Anzahl von Essayisten versuchten dagegen ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Die bekanntesten darunter waren Zhou Zuoren und Lin Yutang. Yu Dafu trat kurz nach der Gründung der Liga wieder aus.dlxxv Zhou und Lin verfaßten Stellungnahmen gegen die Liga: Lin Yutang forderte gegen sie den "youmo de xiaopinwen 幽默的小品文" (humoristischer Essay).dlxxvi
1934 galt in literarischen Kreisen als das xiaopin nian 小品年 (Jahr des Essays). Dies verlieh dem Essayschaffen weiteren Schub. In dieser Zeit wurden auch verstärkt youji 游记 (Reiseberichte) und bereits Reportagen geschrieben.dlxxvii
Inzwischen meldete sich eine jüngere Schriftstellergeneration zu Wort, die ohne Schriftsprache aufgewachsen war und auch in der vorausgegangenen Debatte keine Position bezogen hatte: 1. Chen Mengjia 陈梦家 (1911 - 1966), der in Alltagssprache von seinen Auslandserfahrungen in Amerika und Frankreich berichtete, 2. der Lyriker und spätere Rezensent He Qifang 何其芳dlxxviii (1912 - 1977), der unter dem Einfluß der englischen Romantik zu dichten begonnen hatte,dlxxix He Qifang steht mit Shen Congwen auf Platz 16 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 24 der hier erstellten Gesamtliste der Essayisten (Rangliste siehe S. ). Im September 1947 erschien sein Essayband Bildertraum-Aufzeichnungendlxxx mit 17 Essays, darunter ein Vorwort. Er wurde 1993 nachgedruckt. 3. gehört dazu auch Li Guangtian 李广田 (1906 - 1968), der auf Platz 13 der Liste der Essayisten der Moderne und auf Platz 19 der Gesamtliste steht (Rangliste siehe S. ). 1993 wurde seine 24 Essays umfassende Sammlung Hualangdlxxxi nachgedruckt. Ein weiteres bekanntes Mitglied dieser Generation ist der Journalist Xiao Qian 萧乾 (geb. 1910).dlxxxii
Angesichts der Ausdehnung der japanischen Okkupation schlossen sich die Schriftsteller im Oktober in der antijapanischen Einheitsfront zusammen, die Liga wurde aufgelöst.
2.2.3 3. Phase 1937 - 1945
Im März 1938 wurde der 'Kangdi xiehui 抗敌协会' (Gesamtchinesischer Verband der Kunst- und Literaturschaffenden zum Widerstand gegen Japan) gegründet. Zu dieser Zeit wurde beinahe ausschließlich patriotische Literatur verfaßt. Wie eine Untersuchungdlxxxiii zeigt, hatte rein ästhetisch orientierte Literatur einen schweren Stand. In der 'kangzhan shiqi 抗战时期' (Zeit des Widerstandskriegs) wurde zum Kampf gegen Japan aufgerufen, der vermischte Essay im Stil Lu Xuns erlebte eine Blütezeit, neue Zeitschriften wählten vermischte Essays zum Schwerpunkt, etwa Ye cao 野草 (Wilde Gräser, Monatsschrift seit 1940) und Lu Xun feng 鲁迅风 (Der Geist Lu Xuns, 1939.1-9). Die ideologisch funktionalisierte Literatur fand in der Reportageliteratur eine Form.dlxxxiv Shuqing xushi de 抒情叙事的 (gefühlsbetont-erzählende) Essays wurden nicht mehr geschrieben.dlxxxv Englische Essays wurden in diesem Zeitraum weiter rezipiert, wie die Aufnahme von Essays der englischen Autoren Addison, Bacon, Beerbohm, Goldsmith, Lamb, Lynd und Stevenson in die Schulbücher des Englischunterrichts zeigt.dlxxxvi In dieser Phase wurden auch Bacons Essaysdlxxxvii und George Gissings The Private Papers of Henry Ryecroftdlxxxviii übersetzt.
Nicht politisieren ließen weiter folgende Autoren ihre Essays: Der Essayist und Dramatiker Li Jianwu 李健吾dlxxxix (1906 - 1982) und der Lyriker und Germanist Feng Zhi 冯至dxc (1905 - 1993). Feng Zhi begann als Student Mitte der 1920er Jahre zu dichten und gründete verschiedene Dichterzirkel. Beim Auslandsstudium der Literatur und Philosophie in Heidelberg hatte deutsche Dichtung eine prägende Wirkung auf ihn.dxci Er dichtete bewußt, insbesondere in Sonettform, und übersetzte ins Chinesische.dxcii Feng Zhi setzte sich nach seiner Rückkehr nach China für den Kulturaustausch ein und wurde 1964 Direktor des Instituts für fremdsprachige Literatur an der Akademie der Sozialwissenschaften.
Ebenfalls keine ideologische Vereinnahmung ließen die Autoren und Rezensenten Shen Congwen 沈从文 (1903 - 1988), Qian Zhongshu (1910 - 1998), Liang Shiqiu und der Essayist und Maler Feng Zikai 丰子恺 (1900 - 1975),dxciii zu dem im folgenden kurze Anmerkungen erfolgen, zu:
Feng Zikai steht mit Ba Jin auf Platz 6 der Gesamtliste der Essayisten (Rangliste siehe S. ). Er fuhr 1921 zum Auslandsstudium der westlichen Malerei und Musik nach Japan, unterrichtete anschließend, zwischen 1939 und 1943, in China und widmete den Großteil der 1950er Jahre dem Schreiben und Übersetzen. Von Feng Zikai ist der Essay "Bomben in Yishan" in The Columbia Anthology of Modern Chinese Literature aufgenommen.dxciv Er verwendet in einigen der 30 Essays der Sammlung Die Gesellschaft im Zugabteil,dxcv die mit Zeichnungen ausgestattet ist, die Bezeichnung "yang guizi 洋鬼子" (ausländischer Teufel).
Es gibt eine schier unüberschaubare Anzahl von Anthologien zum modernen chinesischen Essay (siehe die Auswahl im Literaturverzeichnis).
Nachdem im Rahmen der Erörterung der Essayentwicklung in der Moderne Entwicklungsphasen und verschiedene Essaykonzepte vorgestellt worden sind, werden nun die vorhandenen chinesischen historiographischen Essaybetrachtungen kurz vorgestellt.
2.3 Historiographische Essaybetrachtungen
In westlichen Sprachen sind zur Geschichte des chinesischen Essays bislang nur Aufsätze erschienen.dxcvi Weiterführende Literatur findet sich in der Bibliographie (hier siehe S. 681 ff.) und im Apparat von Nienhauser.dxcvii Chinesische Literaturgeschichten,dxcviii die eine Geschichte des chinesischen Essays enthalten, sind zahlreich. In allgemeinen Literaturgeschichten finden sich Verweise auf Prosaliteratur und Essay.dxcix Vier historiographische Monographien zum Essay liegen seit 1990 aus der VR Ch vor, eine aus Taiwan. Bis auf eine können sie jedoch aufgrund ihrer Kürze mit je unter 300 Seiten die Entwicklung nur lückenhaft nachzeichnen:
Die erste Literaturgeschichte des chinesischen Essaysdc geschrieben zu haben (1991.12), beanspruchen Chen Shuliang 陈书良 und Zheng Xianchun 郑宪春.dci Sie berufen sich auf das englische Wort "Essay", das sie mit xiaopinwen 小品文 (freier Essay)dcii übersetzen. Die Essaygeschichte teilen sie in folgende Phasen ein: 1. Xian Qin 先秦, 2. Qin 秦-Han 汉, 3. Wei Jin Nanbeichao 魏晋南北朝, 4. Sui Tang Wudai 隋唐五代, 5. Song 宋-, Yuan 元-, Ming 明- und Qingdai 清代. Durch diese Phasen führen sie mit vielen Zitaten und kurzen Erläuterungen zu den angeführten Autoren. Eine etwas jüngere Führung durch die Geschichte des chinesischen Essays von der Chunqiu 春秋-Zeit bis zur Qing 清-Dynastie liefert Xie Fanfas 谢范发 Kurze Geschichte des chinesischen Essaysdciii mit dem Stand der Forschung von Ende 1992. In noch gebündelterer Form hatte Lan Shaocheng 蓝少成 1990.9 in seiner Geschichte der essayistischen Schreibens in Chinadciv den chinesischen Essay unter besonderer Berücksichtigung des Individualitäts- und Gemeinschafts-Aspektes sowie der politischen Intention analysiert. Schon hier findet sich eine Beschreibung der Essay-Entwicklung im Verlauf der Dynastien, auch wenn einzelne Aspekte unverhältnismäßig stark gewichtet werden und dadurch keine ausgewogene Gesamtdarstellung erfolgt. Dennoch kann diese Literaturgeschichte Chen Shuliang 陈书良 und Zheng Xianchun 郑宪春 den Anspruch, die erste zusammenhängende Literaturgeschichte des Essays geschrieben zu haben, durchaus streitig machen. Brauchbar für den Unterrichtseinsatz ist die ausführlichere, bereits 1985 in zwei Bänden erschienene Geschichte der Entwicklung des chinesischen Essaysdcv von Ni Zhixian 倪志宪: Band 1 behandelt die Essays von der Xia- 夏 bis zur Tang 唐-Dynastie, Band 2 von der Song 宋-Dynastie bis zu Republik.
Die Essayforschung hat sich auf der Insel Taiwan seit Aufhebung des Kriegsrechts 1987 stark weiterentwickelt.dcvi Als Beispiel mag hier die von Chen Zhu 陈柱 herausgegebene Geschichte des chinesischen Essaysdcvii angeführt werden, die bereits 1987 erschien und auf 215 Seiten die Entwicklung von der Xia 夏- bis zur Qing 清-Dynastie abhandelt.
Die Geschichte des modernen Essays ist anhand zweier in den 1990er Jahren erschienen Bände nachzuvollziehen: Ein etwa 600 S. umfassender Dokumentationsband von Fan Peisong 范培松dcviii und ein Diskussionsband von Wang Wending 汪文顶dcix. Wang Wending geht darin der Frage nach, wie die Essays vor 1949 geschichtlich einzuordnen sind. Eine der früheren Betrachtungen des modernen Essays in Taiwan ist die Entwicklung des modernen chinesischen Essaysdcx aus dem Jahre 1980 von Zhou Lili 周丽丽, der auch eine Bibiliographie von modernen Essaysammlungen herausgebracht hat.dcxi
Neben den Literaturgeschichten liegt eine Sammlung von chinesischen Essays in vormoderner Literatursprache in einer zweisprachigen annotierten Übersetzung ins Hochchinesische vor, und zwar mit der auch von chinesischen Literaturwissenschaftlern vielbeachtetendcxii vierbändigen Schulbuchausgabe Essayübersetzungen aus der klassischen und vormodernen Literatursprache ins Hochchinesische (1978.7 - 1982.8) des kompetenten Klassik-Übersetzers Yu Zaichun 于在春. Auch für den interessierten Literaturwissenschaftler ist diese Materialsammlung nützlich, da die Texte aufgrund der übersichtlichen Anordnung und der parallel gelieferten Übersetzung leicht zugänglich sind.
Nach der Vorstellung der historiographischen Essaybetrachtungen sei im folgenden in diesem Abschnitt, der die Essayentwicklung in der Moderne nachzeichnet, Ansätze in der Essaytheorie und Nachschlagewerke zum modernen Essay vorgestellt.
2.4 Essayforschung
Zur aktuellen Essayforschung verweise ich auf die Monographien zu einzelnen chinesischen Essayisten (siehe oben), die Lexikonartikel zum chinesischen Essay (siehe S. ff.) und auf mündliche Äußerungen folgender chinesischer Wissenschaftler, die vom Verf. befragt wurden:
Cai Yujia 蔡渝嘉dcxiii beobachtet in den 1990er Jahren, daß sich insbesondere chinesische Essayistinnen hervortun. Huang Weiliang 黄维梁dcxiv hat ein positivistisches Bewertungskonzept für Essays entworfen. Li Ruiteng 李瑞腾dcxv sieht durch die jungen Essayisten das Essayschreiben in Taiwan aufblühen. Liu Xiqing 刘锡庆dcxvi bevorzugt in seiner neuen Auswahl gefühlsbetonte Essays. Zhong Shuhe 钟叔河 hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, Reiseberichte von Landsleuten zu sammeln, um über fremde Gegenden und Kulturen zu berichten. Zheng Minglis 郑明娳dcxvii Motivation, Essayforschung zu betreiben, war ihre Beobachtung, daß einzelne Essayisten bisher kaum nach ihrem literarischen Werk, sondern durchgängig nach ideologischen Gesichtspunkten bewertet worden waren. Alle diese Wissenschaftler gelten jeweils in ihrem Land als Spezialisten auf dem Gebiet der Essayforschung. Zu diesem Kreis ist noch She Shusendcxviii zu rechnen, der in seinen zahlreichen essaytheoretischen Schriften gefühlsbetonte Essays bevorzugt und insbesondere in den 1980er Jahren den Menschen als solchen thematisch im Mittelpunkt der Essays sieht, er verstarb 1993. wurden einige Interviews auf Tonband aufgezeichnet. Der Autor Wang Mengdcxix ist sich der Besonderheiten der Gattung nicht nur in der Theorie bewußt, sondern setzt sie auch gezielt ein. Auch die Interviews mit Zheng Minglidcxx und Zhong Shuhe 钟叔河dcxxi liegen auf Tonband, die Befragungen von Cai Yujiadcxxii, Huang Weiliangdcxxiii, Li Ruitengdcxxiv und Liu Xiqingdcxxv in skizzierten Mitschriften.dcxxvi
Nachschlagewerke zum chinesischen Essay seit Beginn der Moderne
Die chinesische Literaturwissenschaft gibt verschiedene Lexika an die Hand:
Das erste stammt von Qin Kangzong 秦亢宗 (geb. 1931 in Ningbo, Zhejiang), der einen Lehrstuhl für chinesische Literatur an der Universität Hangzhou innehatte und 1997 bereits im Ruhestand lebte. Er gab das 1988 verfaßte, 1993 erschienene Standardwerk Lexikon des chinesischen Essaysdcxxvii heraus. Auf beinahe 600 Seiten liefert er 77 Definitionen von Begriffen der essayistischen Forschung (hier einschließlich der Reportagen). Qin teilt die Essays in die vier Perioden 1. Klassik, 2. 1840 - 1911, 3. Moderne und 4. Gegenwart auf. Es folgen, jeweils gestaffelt nach den vier Perioden, Kurzvorstellungen von Essayisten (darunter 98 aus Moderne und Gegenwart), von Essaysammlungen (84 aus Moderne und Gegenwart) und Essays (278 aus der Moderne, 130 aus der Gegenwart). In der Rubrik "Gegenwart" ist der Bestand bis 1984 erfaßt. Es sind Autoren aus der VR Ch und Taiwan aufgenommen. Dieses Lexikon hebt sich von anderen vor allem dadurch ab, daß hier neben den Essays auch -sammlungen, nach Titeln geordnet, zu finden sind.
Für Taiwan ist das in der Volksrepublik herausgegebene Fachlexikon des taiwanesischen Essaysdcxxviii zu nennen. Yang Kuanghan 杨匡汉 will die Auswahl zwar in seinem Vorwortdcxxix als "Ausdruck der Verstärkung des Kulturaustausches zwischen der VR Ch und Taiwan" verstanden wissen. Unerwähnt bleibt der vom politischen Selbstverständnis der Volksrepublik abgeleitete Anspruch, auch die Kultur der 'abtrünnigen Provinz' mit eigenen Publikationen abzudecken. Die umfangreiche Auswahl der Herausgeber Lu Jin 卢今 und Wang Yuhong 王宇鸿 scheint sich aber um Objektivität zu bemühen: 200 Essays von 75 Autoren, die eine Zeit ihres Lebens in Taiwan verbracht haben (darunter Lin Yutang 林语堂, Bo Yang 柏杨, Yu Guangzhong 余光中dcxxx und andere), sind auf 1.378 Seiten abgedruckt. Die Autoren werden, wie auch in taiwanesischen Essayanthologien üblich, jeweils kurz vorgestellt und sind mit je einem bis acht Textbeispielen vertreten.
Über 4000 Essays sind mit Quelle und kurzer Inhaltsangabe in Yu Daxiangs 喻大翔 Auswahllexikon chinesischer Essays mit Inhaltsangaben und Analysendcxxxi erfaßt.dcxxxii
Einen Überblick über den Zeitraum nach der '4.-Mai-Bewegung' liefert Zhu Jinshun 朱金顺 mit den von ihm herausgegebenen Unterhaltungen über das Essayschreiben.dcxxxiii Darin finden sich literaturwissenschaftliche Beiträge und 12 essayistische Beispiele aus den Jahren 1928 - 1977. Die Beiträge enthalten eine Essay-Definition und befassen sich mit den Themen Gedankenkonstruktion, lyrisches Ich, Lyrizität, künstlerischer Gehalt, Skizze und schlichter, ungezierter Stil, Vielfalt der Essaykonstruktionen, Eleganz und Kürze der essayistischen Sprache sowie essayistischer Stil im allgemeinen.
Ein nützliches Nachschlagewerk für den modernen Essay, in dem sich die aus offizieller Sicht der Literaturwissenschaft in der VR Ch bekannteren Essays der Jahre 1915 bis 1949 aufspüren lassen, ist das von Zhang Fen 张芬 herausgegebene Lexikon der modernen chinesischen Literaturdcxxxiv. Es ist übersichtlich nach Autoren, Zeitschriften und Werken geordnet, der Teil über die Essays findet sich auf den Seiten 514 bis 578.
Weitere Nachschlagewerke, die allerdings nur Informationen zum Essay der Gegenwart enthalten, finden sich auf S. ff.
Es liegt eine Bibliographie in chinesischer Sprache zu autobiographischen Essays chuangzuo tan 创作谈dcxxxv (Schriftsteller über ihr Schaffen) vor sowie eine Sammlung ausgewählter Texte in Übersetzung.dcxxxvi
Die Literaturwissenschaft in China hat den "Essay" noch nicht vollständig als Gattung akzeptiert. Wegen seiner schlichten Form sind chinesische Literaturwissenschaftler sogar in Versuchung geraten, dem Essay seinen Literaturcharakter abzusprechen.dcxxxvii