Hao Qiu Zhuan/de-murr/Chapter 16
Kapitel 16: Die Schönheitsfalle: Ein krummes Komplott, schwer zu ertragen
Aus: Haoh Kjoeh Tschwen, die angenehme Geschichte. Leipzig, 1766
Hinweis: OCR-Digitalisierung. Seitenzahlen als [S. N]. Vergleich mit chinesischem Original und moderner Ubersetzung empfohlen.
Viertes Kapitel. a) Jich-tschong - u liebte Schuey-ping-sin auf das zärtlichste. Er wurde so von ihrem ans genehmen Umgange bezaubert, daß er immer zu Hause blieb. Ihre beyderseitige Aeltern faben dieses mit dem größten Vergnügen. Wir wollen jeht dieses vollkommene Paar ein wenig verlassen, und uns wiederum zu dem´ Man- darin Tah-quay und zum Verschnittenen Tschoh- tha-kien wenden. Diese zwo Personen, so auf Antrieb Ku-scho- fsu die oben gemeldeten Heurathsvorschläge tha- ten, wollten nunmehr davon abstehen, da sie vers nahmen, daß die Heurath des jungen Paares vor sich gegangen war. Sie ließen dem Mandarin ihre Gesinnungen zu wissen thun. Ku-scho-ssu erschrack über diese Neuigkeit nicht wenig. fandte einige feiner Leute nach dem Hause des jungen Frauenzimmers, daß sie alles, was da- felbst vorgieng, auskundschaften sollten. Eben dieses geschah auch bey der Wohnung des Manda-
- ) Im Chinesischen ist es das sechszehnte.
Er ring rins Tich-ying. Man hinterbrachte ihr, daß Tieh- tschong-u nicht die Braut in das Haus feines Vaters gebracht habe, sondern daß er bey dem Madarin Schuey-ku-yeh mit ihr wohne, und daß beyde sich in besondern Zimmern aufhiel ten. Cerfuhr auch, daß der Neuvermählte sei ne Geliebte so hoch schäße, daß er schon etliche Tage nicht aus dem Hause gekommen sey. Kus schossu wußte nicht, was er aus diesen Nach- richten machen sollte. Ihr Betragen schien ihm so geheimnißvoll zu seyn, daß er vermuthete, es mögte etwas sonderbares dabey zum Grunde lies gen. Er muthmassete, daß die Heurath nur zum Schein geschehen, um die Vorschläge des Tah- quay und ´des Verschnittenen Tschoh zu vermei- den. Wenn sie einander noch nicht beygewohnet haben, sprach er bey sich selbst, so kann man die se Heurath noch trennen." Ich muß dieses dem Tah- quay wissen lassen, damit er sein Ansuchen erneuere. Weil man aber diese Heurath verge ben, und es auch unmöglich seyn wird, Schueys ping - sin zu entführen, so muß man sich an Tschoh-tha-kien wenden, und ich will diesen Verschnittenen dahin bringen, daß er den jungen Tieh-tschong-u in sein Haus locke, und ihn sos dann zwinge, seine Nichte zu heurathen. " In dieser Absicht eilte er dem Hause Tschoh- thå-kien zu, und erzählte ihm alles, was er in Erfahrung gebracht hatte; zugleich machte er ihm auch die Mittel bekannt, die er bey dieser Sache ergreifen müßte. Der Verschnittene billigte die- felben, DD5 selben, und versprach ihm, Nachricht zu geben, sobald Tieh- tschong zu bey ihm seyn würde, da er sich dann auch sogleich einfinden sollte. Ru schossu erfreuete sich nicht wenig über die Ge- nehmhaltung seiner Anschläge; er versprach dem Verschnittenen, auf den ersten Wink bey ihm zu seyn, und erwartete mit Ungeduld die Zeit, da man ibn rufen würde. Tieh-tschong-u hatte wegen feiner vorgege> benen Heurath vom Kaiser Erlaubniß, sich zehn Tage lang vom Hofe zu entfernen. Sie waren jest verflossen, und er mußte sich wiederum nach Hofe verfügen. Als ihn die scharfsinnige Schuey- ping-fin im Begriff fab, fortzugehen, sprach sie zu ihm: „Ku-scho- ssu ist von uns aufs neue beleidiget worden, weil er bisher weder mich mit Tah-quay, noch Sie mit der Nichte des Ver- schnittenen Tschoh vermählet sehen konnte. Es ist gar nicht zu vermuthen, daß er uns so leicht mit Frieden laffen werde: er wird uns noch im- mer zu beunruhigen suchen. Da Tah - quay sich nicht dem Palaske nåhern darf, so habe ich nichts von ihm zu befürchten. Allein dieser Ber- schnittene, der ein Hausbedienter des Kaisers ist, feine Gesinnungen weis, und sich auf deffen Gnas de verlässet, suchet seine Neigungen zu befriedigen. Wenn Sie jetzt nach Hofe gehen, so sehen Sie sich ja wohl vor. „Sie schließen ganz richtig, ant- wortete Tieh- tschong-u, und Sie sprechen nach Ihrer gewöhnlichen Scharfsinnigkeit und Beschei- denheit. Aber was habe ich denn wohl von einem nieder- niederträchtigen Verschnittenen zu befürchten?« „Es ist wahr, verfehte sie, folche Leute sind vers ächtlich und nicht zu fürchten; allein, bey diesen Umstånden, da er bey Seiner Majeståt dem Kai- fer so viel zu sagen hat, so wird es gut für Sie seyn, wenn Sie auf Ihrer Hut seyn werden.“ Der junge Mandarin verlicß sie hierauf unter dent Versprechen, sich wohl vorzusehen, und ritte nach dem kaiserlichen Pallaste. + Er wollte eben wiederum nach Hause zurücke kehren, als ihm der Verschnittene aufstieß, und ihn mit großer Vertraulichkeit grüßte. Er hielt fein Pferd beym Zügel. Eben wollte ich Sie zu mir bitten lassen," sprach er. „Was muß dies Fes antreffen? verfeßte Tich-tschong-u. - Ihre und meine Angelegenheiten können nimmermehr eine Verbindung mit einander haben. Mein Amt ist außerhalb des Palastes b) und das Ihrige in dem b) Der kaiserliche Palast liegt mitten in der Tartaren- Stadt, Sin-tsching, (Oben S. 385. Anmerk.) und hat die Vorderseite gegen Mittag, welche Lage gemeiniglich alle öffentliche Gebäude haben. Er bestehet aus einer gang- erstaunlichen Menge von Gebäuden, Gärten, Wiesen, Teichen, die insgesammt mit einer sehr karken aus ges brannten Steinen aufgeführten Mauer in länglich viera eckigter Gestalt eingefasset sind, die über funfzehn chi- nesische Lys im Umfange hat. Der innere Palast des Kaisers, so mit einer dicken Mauer eingefasset ist, die wohl zwo Meilen im Umfange hat, bestehet aus neun Höfen. Und dieser wird allhier von unserm Verfasser Haoh Bjöh verstanden. In diesem befinden sich auch Die dem Innersten desselben.",,Wenn es blos mich beträfe, gab ihm der Verschnittene zur Antwort, so würde ich mir nicht die Freyheit genommen ha- ben, Sie aufzuhalten. Ich habe Ihnen im Na- men des Kaisers etwas zu sagen, welches keinen Verzug leidet. Sie werden sich gefallen laffen, mit nach Hause zu kommen, damit wir daselbst bequemer mit einander sprechen können.“ „Ehe ich die Paldste der Prinzen vom Geblüt, der Kaiserinn, der kaiserlichen Beyschläferinnen. In dem innern Raume wohnen die vornehmßten Hausbedienten des Kaisers, und die Verschnittenen. Die Zahl dieser lehtern belief sich zur Zeit der ehinesischen Kaiser auf 9 bis 10000, 'und sie waren mit der Zeit so mächtig und so dußerst verderbt worden, daß vornämlich eben dadurch ihe Untergang beschleiniget wurde. Die klügern tartari- schen Prinzen haben ihre Anzahl nach und nach vermin- dert, so daß jest nicht viel mehr da sind, und auch diese werden für unnüße und gefährliche Kreaturen ge= halten. Zu Ende des neunten, oder innerßten Hofes, er- blicket man ein prächtiges länglich viereckigtes (Hebdu de, mit einem doppelten Dache, so mit gelben gefirni- ften Ziegeln bedecket ist. In diesem Pallaste sind des Kaisers Wohnzimmer. Dieser Hof ist unter allen nicht nur der prächtigste, sondern auch der Lage nach der höchste, `indem die andern immer stufenweise höher lie- gen, je ndher sie diesem kommen. Der Auftritt dazu geschiehet vermittelft einer von allen Seiten angelegten Treppe von sechs Stufen, die mit einem vortrefflichen Geländer geschmücket ist. Du Halde, 2 Th. S. 23 feq. Allgem. Welthistorie neuerer Zeiten, 6 Th. S. 351. Uebers. ! " ich dieses thue, erwiederte der junge Mandarin, so müssen Sie mir sagen, was es anbetrifft.“ „Glauben Sié, ich werde Sie hintergehen, oder des Kaisers Namen misbrauchen? fragte ihn Tscho-tha-kien. Ich will Ihnen die Wahr- heit sagen. Seine kaiserliche Majestät haben ver- nommen, daß Sie ein guter Dichter sind, und mögten gerne einige Verfe von Ihnen auf zwoen Malereyen haben, die sie sehr hoch schäßen.“ Tieh tschong-u fragte, wo diese Gemälde c) wåren. Der Verschnittene gab zur Antwort, daß er sie zu Hause habe. Tieh-tschong-u erinner te fich sogleich dessen, was ihm seine Geliebte fag- te. Jedoch gieng er mit dem Tschoh - thå - kien nach Hause, weil dieser vorgab, daß die Sache den Kaiser selbst beträfe. Sobald Mit der Malerey der Chineser hat es nicht viel zu bes deuten, wenn man sie nach den Regeln der Kunst be trachtet. Der P. Bruglio gab dem Kaiser Kang:ht drey Gemälde. Die Copien davon stellte er in den Gar- ten der Jesuiten zu Pe-king. Die Mandarinen konns ten nicht begreifen, als sie diese Gemälde sahen, wie auf einer glatten Tafel Säle, Gallerien, verdeckte Gdne ge, Wege, Alleen u. f. f. so natürlich abgebildet werden können, daß man gleich durch den ersten Anblick gereizet wird. Vor 300 Jahren waren die berühmtesten Maler in China Tong-peh- ho, Rjob: sche: Tschoh, Tschabe fsenang, Sin: sche-hien, Tay-tsin, und wons tschin ming. Du halde, 3 Th. S. 352. Uebers. Da Sobald sie in der Wohnung des Verschnitte» nen waren, ließ diefer sogleich Thee bringen, und eine Tafel decken. Der junge Mandarin ent fchuldigte sich. „Zeigen Sie mir vor allen Din- gen die Gemälde, sprach er: ich getraue mir nicht, etwas anders vorzunehmen, che ich den Befehl Seiner Majestät vollzogen habe. “ „Mein Herr, antwortete Tschoh-tha-kien, Sie wissen, daß wir Verschnittene gemeiniglich einfältige ungelehrs te Leute sind; allein ich schäße es für ein großes Glück, eine Person von solcher Tugend und Ges lehrsamkeit bey mir zu sehen, und ich hoffe, Sie werden etwas bey mir genießen, und mir erlau ben, Ihnen die große Hochachtung zu bezeugen, die ich für Sie båge. Ich vermuthe nicht, daß Sie auf mein Ansuchen gekommen wären. nun aber eine Sache, welche Seine Majestät den Kaiser selbst anbetrifft, Sie hieher geführet, so müssen Sie uns ein wenig mit Ihrer Gesell- schaft beehren. Sehen Sie mich nicht mit eben der Verachtung an, welche andere Verschnittene verdienen, da ich dieser hohen Ehre nun theilhaf tig bin, und ich hoffe, daß Sie mir meine Frey- heit zu gute halten, wenn ich mich uuterstehe, Sie zu bewirthen." ,,Sprechen Sie nicht so, fiel ihm Tieh tschong u in die Rede: sind wir nicht beyde des Kaisers Diener? Wir wollen dessen Befehl vor allen zuerst nachleben, und als, dann mit einander sprechen." „Vielleicht werden Sie sich nicht långer bey mir verweilen, wenn Sie die Verse gemacht þaben. ~~ Sie sollen auf " eines eines der Gemälde so gleich schreiben, ehe Sie aber das andere zur Hand nehmen, so bitte ich, ein wenig Wein mit mir zu trinken." Der june ge Mandarin ließ sich dieses gefallen. Tschoh-tha- kien führte ihn hierauf in ei», nen Saal, und befahl einem Bedienten eine Ma leren, so daselbst hieng, herabzunehmen, und auf einen Tisch zu legen. Tieh-tschong-u sah, daß es ein schönes Blumenstück wåre, so einen ges füllten Jesmin vorstellte. Er nahm einen Schrei- bepinsel, und schrieb aus dem Stegreife einige Zeilen auf daffelbe. "" Kaum war er damit fertig, als man die Ans kunft des Mandarin Ku-scho-ssu meldete. Der Verschnittene bath ihn hereinzutreten, und sagte ihm, daß er eben erwünscht komme, weil er den berühmten Tsin-tsee Tieh-schong-u antreffe, der auf des Kaisers Befehl einige Verse auf ein paar Malereyen schreiben sollte. Sehen Eure Excellenz nur, sprach er zu Ku-scho-ssu, auf Die eine hat er schon Verse gemacht, und das in so kurzer Zeit, daß wir kaum indessen eine Tasse Thee trinken könnten." Der Mandarin versette hierauf, daß diejenigen, so Meister in ihrer Kunst find, gemeiniglich auch geschwind darinn wåren. „Haben Sie die Gütigkeit, Mylord d), und les fen Sie doch diese Aufschrift, damit ich dem Kai- fer a) Ich bediene mich zuweilen dieses Worts, weil es dem Chinesischen am nåhesten kommt. Man sehe oben S. 294. b) und S. 389, c) "" ser desto bessere Nachricht davon geben kann,“ sag, te Tschoh-tha- kien zu Ku- scho-ssu. Die- ser that es, wobey ihn Tieh-tschong-u ersuch- te, ihm die Fehler, so er etwan finden würde, zu gute zu halten. Als sie Ku-scho-ssu gele- fen hatte, rief er: Sie sind mit vielem Wige abgefaffet, und zeigen einen feinen Geist an. Der Verschnittene schien über dieses Lob sehr er- freuet zu seyn. Er befahl sogleich, Erfrischungen zu bringen. Tieh - tschong - u wollte vorher noch die Verse auf beyde Målereyen endigen; als lein Tschoh - thå - kien bath ihn, sich Zeit zu nehmen, und etwas beŋ ihm zu genießen. Fünftes Kapitel. o gleich brachte man zwo Tafeln herbey, an deren einer sich zuerst Ku-scho-ssu, und an der andern der Verschnittene nebst Tiehe tschong-u niederließ. Nach einigen gleichgülti- gen Gesprächen wandte sich Tschoh - tha - kien zu dem letztern, und sagte: „Seine kaiserliche Majestät haben diese zwey Gemälde hieher brine gen lassen, weil sie von Dero ausnehmenden Ge- lehrsamkeit gehöret haben, damit Sie einige Auf- schriften verfertigen mögten. · Es geschah dieses auf mein Anstiften, damit ich Sie bey mir sehen könnte, weil ich Ihnen etwas sehr wichtiges zu fagen habe. Es ist mir sehr lieb, daß eben dies. fer Mandarin zugegen ist, und daß ich dieses in seinem Beyseyn thun kann." „Wie? gab ihm Tieh- " Tieh-tschong-u zur Antwort, haben Sie in meiner Gegenwart diesen Mandarin etwas zu hinterbringen?“ Der Verschnittene erwiederte : „Eine Trommel giebt keinen Laut, wenn sie nicht geschlagen wird, und eine Glocke höret man nicht, wenn man nicht daran. klopfet. a) Ich will da- her, mit Ihrer Erlaubniß, ohne fernern Umschweif mit Ihnen sprechen. Ich habe eine Nichte, welche eben nicht gar zu schön, aber angenehm im Umgange ist. Sie hat ein gutes Herz, und ist ohngefähr achtzehn Jahre alt. Ich habe bisher noch keine schickliche Heurath für sie finden können. Sie allein sind derjenige, den ich dazu ausersehen habe. Sie ist noch mit niemand bekannt oder verlobet, und ich habe von dem Mandarin, Jh, rem Vater, feine Einwilligung zu dieser Heurath erhalten. Gestern bath ich den Kaiser, daß Seine Majestät dieselbe genehm halten, und bald vor sich gehen lassen mögten. Ich erhielt deswes gen diese zwey Gemälde, die Hochzeit® desto besser zu beschleunigen." So sehr auch Tich-tschong-u in Verwuns derung und Aergerniß er diesen verrätherischen Kunstgriff gerieth, so suchte er doch, es sich nicht merken zu laffen. Er nahm sogar eine vergnügte Mine an sich, und gab dem Verschnittenen die Versicherung, daß er ihm sehr für dieses Anbiethen verbun a) Diese Sprichwörter sind schon bereits im zweyten Buche dieser Geschichte vorgekommen, und E. 217, 218 erkläret worden. verbunden sey, und daß er sich gerne dasselbe zu Nugen machen würde, wenn er nicht schon allbe- reit mit Schuey ping sin, der Tochter des Kriegspräsidenten, vermählet wäre, weil er un- möglich zwey Weiber zugleich haben könnte b). c) Tschoh tha kien lächelte. - thå - " Mein Herr, sprach er, Sie müssen nicht glauben, mich hintergehen zu können. Ich weis alles aus dem Grunde. Ihre Heurath ist nur zum Scheine ge- scheben, wegen meiner Nichte, und damit das. junge Frauenzimmer Schuey-ping- fin dem An- suchen des Mandarins Tah-quay nicht långer ausgesehet fen. Ich wundere mich, daß Sie die Sache so anfiengen, da man doch so leicht die ganze - Beschaffenheit derselben errathen kann.“ ,,Sie fchen mich in Verwunderung, antwortete ihut Tieh-tschoug-u. Wie kann etwas solches bey einer Heurath statt finden?" Benn Sie wirk lich verheurathet find, erwiederte der Verschnitte- ne, so sehe ich nicht ein, warum Sie die Braut nicht nach Ihrem eigenen Hause brachten, sondern in b) Da die chinesischen Gefehe nur Eine Frau im eigentlis chen Verstande zulassen, so würde es eine Beleidigung gewesen seyn, die Nichte eines so mächtigen Verschnit- tenen zu einer zweyten Frau, oder Kebsweibe, zu neh- men. Man lese S. 25. Anm. c) c) Allhier endiget sich die englische Ueberschung, und statt derselben gehet die portugiesische an, wie bereits in der Vorrede des englischen Herausgebers crinnert wors den ist. E in dem Hause ihres Vaters wohnen? (6 Warum haben Sie Ihre besondere Zimmer, und schlafen alleine? „Weil ihr Vater keinen Sohn hat, sprach Tieh, so vertrete ich dessen Stelle, und stehe ihm in seinem Alter bey. Uebrigens gehet es niemand an, ob wir in einem oder in zweyen besondern Zimmern wohnen: es ist genug, daß das Hochzeitfest öffentlich begangen würde. Da Sie immerzu bey dem Kaiser sind, so können Sie nicht wissen, was sich in anderer Leute Häusern zuträgt, und Sie haben nicht Ursache, dergleichen Erdichtungen den geringsten Glauben beyzumessen.“ „Ich will mich in keine weitere Untersuchung des wegen einlassen, versezte Tschoh-tha-kien; es ist schon genug, daß ich mit Seiner Majestät we- gen Ihrer Verheurathung mit meiner Nichte ge- sprochen habe. Und da nun der Kaiser diese Heuz rath gebilliget, so können Sie sich nicht länger weigern, sie zu vollziehen.' ,,Wie? nicht länger weigern! fagte Tieh-tschong-u. Man wird niemals von den åltesten Zeiten an bis hieher ein Beyspiel haben, daß ein vernünftiger Mann zwey' rechtmäßige Weiber zu gleicher Zeit geheuräthet habe. Ich habe mich schon bereits mit einem jungen Frauenzimmer auf die feyerlichste Art vers” måhlet; und eben deswegen muß ich nach den Ge- setzen alle andere ausschlagen. Würden Sie mir aber zuvor Ihre Richte angebothen haben, so håt, te ich diese Ehre mit Dank angenommen.“ „Bis- her haben Sie aber noch nicht gezeiget, daß Sie wirklich verheurathet sind, sprach der Verschnit- Ee 2 (6 tene. tene. Wenn die Braut einmal in dem Hause ihs res Geliebten ist, sodann ist die Ehe wirklich voll- zogen, sie mag nun die erste und rechte Frau, oder ein Kebsweib seyn, und dieses erfordern die Ge- feße der alten Gebräuche d).“ Ich gebe es ger- ne zu, antwortete der junge Mandarin, daß es überhaupt nothwendig zu Vollziehung einer Heu- rath sey, daß die Braut in das Haus ihres Bräu- tigams geführet werde; allein Leute von Ehre und Ansehen, können dessen überhoben seyn, zu- mal wenn es die Aeltern ausdrücklich also haben wollen." „Sie sprechen vom Gehorsam gegen Jbre Aeltern, fiel ihm der Verschnittene in die Rede, und setzen die Befehle des Kaisers hintan? Müssen denn diese den Befehlen Ihrer Aeltern nach- stehen?“ „O nein, sprach Tieh-tschong-u, der sich årgerte, ihn so unbillig sprechen zu hören: Ich sage nur, daß eine Heurath eine wichtige Sache sey, und daß diefes nicht Sie und mich al- lein, sondern die allgemeinen Gesche betreffe. Wenn Seine kaiserliche Majestät alle Gelehrten des Reiches deswegen befragen wird, so werden Sie finden, daß ich recht habe." „Dieses ist unnöthig, erwiederte Tschoh tha kien, alle große Gelehrte zu befragen, da der Mandarin Ku-scho-ssu zugegen ist, der diese Frage am besten entscheiden kann.",,Gut, versezte Tieh- tschong- d) Diese werden vom Oberhofgerichte Li-pu untersu chet. Oben, S. 56. Anmerk. d) ད Th tschong-u, wollen Sie ihn um sein Gutdünken fragen, so lasse ich es mir gerne gefallen." „Ich ersuche Eure Excellenz, sprach Tschoh- thå-kien zu Ku - schossu, Dero Meynung über unsern Streit zu eröffnen." „Wenn Sie allein, und nicht auch zugleich der Mandarin Tieh- tschong-u, dieses verlangen würden, sol würde ich mich niemals dazu verstehen; weil es aber auch dieser so haben will, so werde ich nach meinem Gewiffen, ohne Parteylichkeit reden. Was die Heurathsceremonien anbetrifft, so halte ich die Gründe, die man gegen einander anführen kann, für so zweifelhaft, daß auch alle Gelehrte des Reichs sich hierüber nicht gewiß erklären könn- ten. Allein, wenn von der Gewalt des Kaisers die Rede ist, so bin ich der Meynung, daß die Heurathen derselben unterworfen sind, und daß der Kaiser hierinn nach Belieben handeln und ge- biethen kann. Denn wenn wir auf alle vorigen Zeit- alter zurücksehen, so finden wir, daß der Monarch die Macht habe, die Reichsgefeße zu åndern, ja fo gar auch alle Mandarinen aufzuheben, welche diese Gefeße ausüben müssen.“ Der Verschnit tene Tschoh hörte dieses mit Vergnügen. „Eure Excellenz, sprach er, haben vollkommen recht: der Mandarin Tieh kann nicht ein Wort dagegen einwenden." Er ließ sich hierauf einen Becher mit Wein bringen, reichte ihn ehrerbietig dem Mandarin Ku-schossu dar, und bath ihn, die Mittels- person bey dieser Heurath seiner Nichte zu seyn. Ee 3 Die- Dieser nahm denselben, und sprach zu Tschoh- tha-kien: „Da Sie des Kaisers Einwilligung erhalten haben, so kann die Sache nicht länger verschoben werden: ich will also Seiner Majeståt Gehorsam leisten, und dieselbe zu ftande bringen helfen." Sodann trank er den Wein aus e), und redete Tieh- tschong-u also an: Weil der Kaiser selbst diese Heurath billiget, so können Sie sich nicht länger entschuldigen, ob Sie schon vor- her mit Schuey - ping - sin vermählèt find. Fol- gen Sie meinem Rathe, und vollziehen Sie deffen Willen." Tieh- tschong-u hatte alle Mühe von der Welt, an sich zu halten, da er ein solches Ge- schwätz anhören mußte. Allein er hielt aus ver- schiedenen Ursachen für nothwendig, gedultig zu Feyn: erstlich, weil sie alles auf des Kaisers Ge- walt schoben, und dann, weil Tschoh immer bey dem Kaiser war, und die Beschaffenheit der Sa- che demselben nach eigenem Gutdünken vortragen fonnte. Er wollte weder gegen den Verschnitte nen, in dessen Hause er war, noch gegen Ku- schossut, seine Empfindlichkeit bezeigen, sondern gab diesem leßtern ganz gelassen zur Antwort: „Ich habe nichts wider das Gutachten Eurer Ex- cellenz einzuwenden, und will den Befehlen Sei- ner Majeståt des Kaisers gerne Folge leisten : nur wird e) Es scheinet dieses eine gewöhnliche feyerliche Erklärung zu seyn, daß man die Mittelsperson bey, einer Heurath seyu will. << "" wird es noch nothwendig seyn, es meinen Aeltern zu hinterbringen, damit sie einen glücklichen Tag zur Hochzeit bestimmen, wegen der Heurathsan- stalten Verfügungen treffen, und das Heurathsgut bestimmen. Denn ich kann dieses nicht ohne ihr Wissen thun. Mein Herr, sprach Tschoh- tha-kien, Sie suchen diese Sache blos aufzu- schieben und zu verzögern; allein es wird Ihnen zu nichts helfen. Wenn Sie nicht einwilligen, so zeigen Sie eine Verachtung gegen den kaiserlichen Befehl. Sie müssen gehorchen, und nicht solche Ausflüchte machen. Heute ist ein glücklicher Tag. Alles Ceremonienmåsige ist bereits gesche- hen; die Musik ist bestellt, und die Gastung ver- anstaltet. Zu besonderm Glücke ist auch der Mun- darin Ku-scho- ssu zugegen, der die Mittelsper- fon vorstellen will. Das Brautzimmer ist für den Bräutigam zubereitet. Wir wollen anjeßt diese Heurath mit meiner Nichte schließen, damit ich die wichtigste Pflicht dieses Lebens erfüllen kann. Wenn Sie glauben, daß Ihre Aeltern sich über die Hintansehung ihrer Einwilligung beschweren werden, so müffen Sie dieses dem kaiserlichen Be feble zuschreiben. Sie werden nichts dagegen einwenden können. Was das Heurathsgut an- langet, so überlasse ich es Ihnen völlig mithin kann deswegen kein Zwist statt finden. “ „Se- hen Sie, mein Herr, sagte Ku-scho-ssu zu dem jungen Mandarin Tieh, wie viele Liebe Tschoh- thå-kien gegen Sie blicken låsset. Wenn Sie jezt noch ferner Einwendungen machen, so werden Ee 4 Sie << Sie für undankbar gehalten werden." Tieh- tschong-u erwiederte hierauf: „Ehe man Ur- fache hat, jemand verbunden zu seyn, muß man zuvor gewiß wiffen, ob die erzeigte Gefälligkeit rechtmäßig ist. Ich kam heute auf des Kaisers Befehl hieber, einige Verse über zwo Malereyen zu verfertigen. Eine Aufschrift ist vollendet, die andere noch nicht: wie kann ich also etwas anders vornehmen, ehe ich dieses gethan habe; erlauben Sie mir, es sogleich ins Werk zu richten. So- dann können wir von andern Sachen sprechen.“ „Mein Herr, antwortete der Verschnittene, Sie haben ganz recht; allein das andere Gemålde ist sehr groß, und liegt in einem der innern Zimmer. Es wird also besser seyn, wenn Sie sich gefallen lassen, binein zu kommen, weil es viele Mühe verursachen würde, diese Malerey hieher zu brin, gen, "Tieh-tschong-1 merkte wohl, daß eis was unter dieser Ausflucht verborgen stecke, hielt aber für das dienlichste, dem Verschnittenen Fol- ge zu leisten. „Wir wollen zuvor noch einmal trinken, sagte Tschoh-thå-kien, und fodann hineingehen. Tieh-tschong-u hoffte Mittel zu finden, aus diesem Hause gehen zu können, sø bald er mit den Versen auf das andere Gemålde fertig seyn würde. Der Mandarin Ku- scho- ssu wollte ihnen folgen; da ihm aber der Ver. schnittene einen Wink gab, blieb er stehen, und sprach: Es ist nicht nothwendig, bey Verfer- tigung dieser Verse zugegen zu seyn: ich werde Sie allhier erwarten, und alsdann die Heurath zu stande bringen." " Tschoh Tschoh-the-kien führte also den jungen Mandarin Tieh in die innern Zimmer, der nun in die Schlinge fiel, die man ihm bereitet hatte. Denn sobald er sich daselbst befand, ließ ihn der Verschnittene allein, und zwo Dienerinnen seiner Nichte verschloffen die Thüren. Tich Sechstes Kapitel.
- ich-tschong-u sah sich nunmehr eingesperret.
Er betrachtete die verschiedenen Zimmer nach einander, und fand sie auf das prächtigste aus, gezieret. In einem der schönsten saß ein Frauen- zimmer, die mit Edelgesteinen das herrlichste bekleidet war. blickte, machte er in seinen Verse: bedecket und auf So bald er sie er- Gedanken folgende Ich sehe ihre Gestalt; sie ist sehr gezieret; Aber ihr Mund ist so groß und weit, als das Meer, ihr Haupt ist so hoch, als ein Berg: Mögten sie doch die Geister sehen, und zu Schanden machen! a) Ce 5 ។ So v) Die portugiesische Uebersehung ist oft sehr fehlerhaft, wie man aus dieser lehten Zeile sehen kann, welche ´seht unverständlich ist. Das Portugiesische heißt also: Vio fua figura, efta bem ornada; Mas a boca he grande e larga como o mar, cuio tefta he alta como monte; Os demonios vendo, farem vergonhar. Hash Kidh Tschwen. >> So bald dieses Frauenzimmer, so die Richte des Verschnittenen war, den jungen Mandarin- fah, stund sie von ihrem Sessel auf, und gab ih- `ren Dienerinnen ein Zeichen, ihm ihre Verbeus gungen zu machen. Diese bathen ihn, nåber ju kommen, und mit ihrer Gebieterinn zu sprechen. Er wollte sich entfernen, da er aber fand, daß alle Thüren verschlossen waren, trat er nåher zum Frauenzimmer, und machte ihr eine tiefe Verbeugung. Sie sprach nicht ein Wort zu ihm; sondern die älteste ihrer Aufwärterinnen redete ihn also an: ,,Eure Excellenz kamen in diese Zim mer, meine Gebieterinn zu beurathen: So bald Mann und Frau verbeurathet sind, so sind beyde Ein Leib und Ein Fleisch. b) Sie haben also nicht Ursache schüchtern oder schambaft zu seyn; sondern Sie können sich hier bey Ihrer Gemah- linn niederlassen.“ „Ich kam auf des Kaisers Befehl hieher, gab ihr Tieh-tschong-u zur Ant- wort, Verse auf zwey Gemälde zu schreiben, die Seiner Majestät zugehören: wie könnet ihr denn sagen, daß ich hieher gekommen sey, zu beurathen?" Diese Malereyen sind außerhalb unserer Zimmer, sprach die Dienerinn, warum giengen Eure Ex- cellenz hieher? In diese Zimmer kommt niemand, als meine Gebieterinn und wir: Ihre Gegenwart " muß b) So heißt es von Wort zu Wort nach dem Portugies fischen, so der englische Herausgeber zuweilen beygefüget hat: Marido e mulher fendo cazado, dous fam de hun corpo, de huma carne. muß also eine Heurath zum Grunde haben." „Der Oheim eurer Gebieterinn, Tschoh - thắ- kien, versezte Tieh- tschong-u, lockte mich mit Lift hieher, und betrog mich. Dieß ist ein sehr niederträchtiges Bezeigen gegen eine Person mei nes Standes, und es ist eine Beleidigung des Kaisers, dessen Gnade mich zur Würde eines der vordersten Gelehrten des Reichs (Han-lin) er- hoben hat.“ „Da sich Eure Excellenz nun einz mal hier befinden, so ist es am besten, sich zu bes ruhigen," antwortete die Aufwårterinn. „Ihr nehmet alle an dieser Verråthercy Antheil, schrie Tieh - tschong-u zornig; aber ihr betrüget euch, wenn ihr mich zu fangen glaubet. Ich heiffe Tieh, d. i. Eisen, und eben so hart und unbieg- fam foll mein Herz seyn. Ich bin unbeweglicher und unerschrockener, als die zween Helden des Al- terthums Liu - hiau - hoey, und Quan - in- tschang, c) die wegen ihrer Standhaftigkeit in der Geschich ፡ -- c) Liu hiau hoey ist schon oben, S. 192, benennet. Im du halde sagt ein chinesischer Schriftsteller also ven ihm: „Ihr habt von dem berühmten Liu-hiaus „boey gehöret. Weder die fürchterlichste Armuth, „mit der man ihm bedrohte, noch der vornehmste Rang »im Reiche, den man ihin anboth, konnten ihn zum »faster bewegen, oder von der Tugend abziehen.“ Quan: in: tschang war ein großer General, der wegen seiner tapfern Thaten noch anjeħt bey den Chi- nesern verehret wird. Sie sehen sein Bildniß in ihre Gößentempel, wie in einer Anmerkung, a. d. 371 Seite erinnert Geschichte so berühmt find. Und was werden solche elende Kunstgriffe bewirken können? Dieses Mädchen ist eben so häßlich, als sie unverschämt ist. Ich verachte sie mit allem ihrem Schmucke: fie ist eine niederträchtige und verächtliche Kreatur, und verdienet nicht, daß man sie ansieht.“ Das junge Frauenzimmer war anfangs über die ange nehme Gestalt des jungen Mandarins Tieh er- freuet, und fühlte bey dessen schönen Gesichtszüs gen zarte Regangen: als sie sich aber so mishan- deln hörte, brach sie das Stillschweigen, und re- dete ihn also an: „Mein Herr, Sie begegnen mir, der Nichte eines großen Bedienten des Kai- fers, und der immer um ihn ist, so verächtlich! Mein Oheim wird durch die Gnade des Kaisers einem Mandarin gleich, und ich muß billig wie eine Siau-ssee, d) oder Mandarinstochter, ge- ehret werden. Seine Majestät haben befohlen, daß ich mit Ihnen vermählet werden soll: alles dieses ist nichts ungerechtes oder unschickliches. Warum beklagen Sie sich denn über Fallstricke, die man Ihnen geleget habe? Sie unterstehen sich, mich niedrig und verächtlich zu nennen, und ent ehren also meine Familie. Weil Sie mich auch noch über dieses unverschämt heissen, so will ich Ihnen zeigen, ob ich geehret werden müsse, oder nicht." Sie rufte ihren Aufwärterinnen zu: Brin erinnert worden ist. Isbrandt Ides's Travels, p. 126. Du Halde, 2 Th. S. 55, 56. d) S. oben, a. der 87 Seite, Anm. m). en Bringet diesen Menschen vor mich hieher." Dies se sagten zu Tieh tschong-u: „Wenn Sie un serer Gebieterinn nicht die schuldige Ehrerbietung leisten, so müssen wir Sie dazu zwingen." konnte vor Zorn nicht sprechen, sondern antworte te ihnen mit einem verächtlichen Lächeln. Et Sie fielen hierauf alle über ihn her, und fuch, ten ihn mit Gewalt vor ihre Gebieterinn zu schlep pen. Tieh- tschong-u hielt es für zu geringe, mit Weibsleuten zu fechten; er tröstete sich mit dem alten Sprüchworte: „Wer fragt etwas nach den kleinen Waldteufeln?“ e) Er nahm einen Sessel, und ließ sich nieder. Mitten unter dem Lärmen und Geschwäße dieser Weibsleute blieb er ruhig und gelassen. ie Beilen: Er erinnerte sich dieser Sarte Sachen werden erweichet, Weiche können hart gemacht werden; Beydes e) Das gemeine Volk in China glaubet, daß alle Theile der Welt dem Einflüsse guter oder böser Geister unters worfen sind, welche ihre eigenen Gegenden beherrschen. Mithin kann man leicht die Anwendung dieses Sprüch worts machen. Nichts kann die schwachen Bemühun- gen dieser Weibsleute verächtlicher darstellen, als wenn man sie mit den kleinen Plagegeisterchen vergleichet, die sich nur in Eindden aufhalten, und ohngeachtet aller ihrer natürlichen Bosheit doch wenig Schaden stiften. können. Die portugiesischen Worte lauten also: Quem faça cafo dos diabolhinos do mato,? Beydes ist stark. Wer kann der Gewalt des weichen Wassers widerstehen? f) "" " Indem dieses vorgieng, trat Tschoh-thå- kien durch eine andere Thüre hinein. Was soll dieses bedeuten?" fchrie er. Entfernet euch. Wie dörfet ihr euch unterstehen, Standespersonen so grob zu begegnen?" Er wandte sich sodann zu Tieh-tschong-u. ,,Woblan dann, mein Herr, sprach er zu ihm, Sie müssen nun keine fernern Umschweife machen.“ „Ich verlange dieses nicht zu thun, erwiederte der junge Mandarin; nur muß man den Gefeßen Folge leisten, welche nicht erlauben, daß Mandarinen des innern Palastes mit den andern Mandarinen außerhalb desselben Umgang oder Geschäfte haben dörfen." „Dieses Gesetz ist veraltet, sprach der Verschnittene. Sie müssen jetzt den Befehlen des Kaisers gemäßleben: dieses muß Ihre vornehmste Sorge seyn. Um veraltete Gefeße haben Sie sich nicht zu beküm mern." „Wenn Sie haben wollen, daß ich Fol. ge leisten soll, so müssen Sie mir Ihre Vollmacht aufweisen, damit ich Seiner Majestät für die gnå- dige Vorsorge für mich danken kann. g) Ja, f) Coufa dura chegou de eftar mole, Coufa mole vem fe fazer dura; Dura e mole eftaon forte; mein A agaò mole quem pode refiftir fua força? So bald der Kaiser nur im geringsten einem Manda» rin eine Gnade wiederfahren lässet, so muß derselbe so gleich mein Herr, diese muß ich sehen! Denn wie kann ich so eilfertig diese Heurath vollziehen, ehe ich dem Kaiser den schuldigen Dank abgestattet habe?" Da sie noch so sprachen, kamen zween gerin gere Verschnittene in aller Eile zu Tschoh - thås kien, und ließen ihn hinausrufen. Sie hinter brachten ihm, daß Hu-hiao, der General an den tartarischen Gränzen, h) aus dem Kriege zus rücke gekommen sey, und sehr viele Gefangene mit fich gebracht habe; daß auch verschiedene Abge- fandte (Tsin-cong) mit ihm eingetroffen wären, fo dem Kaiser großen Tribut überlieferten, i) der befoh- gleich neunmal vor dem kaiserlichen Thron seine Ehrer, bietung bezeigen, und niederfallen. Lettres édifiantes, recueil 19, p. 279. B. h) Im chinesischen Originale heißt er Tsong ping, Kriegsbefehlshaber. Du Halde übersehet diese Benen= nung durch Commandant General de Milice. Seine Stelle kommt viel mit einem Generallieutenant überein. Du Halde, 1 Th. S. 469. i) Die Chineser halten einen Gesandten und einen Tribut für gleichbedeutende Wörter, wie schon oben, S. 206, erinnert worden. Sie sehen eine Gesandtschaft an ihren Monarchen, der freylich weit mächtiger ist, als alle eu- ropdische mit einander, für eine Unterwerfung an, und fenden niemals dergleichen an andere Höfe. Nur eins mal sandten sie eine prächtige Gesandtschaft nach Rußs land, an die Kaiserinn Anns. S. Bayeri Museum fi- nicum, Praefat. T.I. Eine der neucßien, und merkwür- digsten Gesandtschaften nach China war die Portugiefi« sche, im Jahre 1727. Seine Allergetreueßte Majestät trugen dieses wichtige Geschäfte dem Don Ulèxandro Merelle Weil ม befohlen håtte, sie prächtig zu bewirthen. der Mandarin Tieh-tschong-u der Beschüßer dieses + Metello Souza y Menezes auf. Er kam im Novem- ber 1726 in Macao an, und hatte den P. Magalhaens bey sich, den der Kaiser Rang - hi kurz vor seinem Ende nach Europa gesandt hatte. Sein Sohn Nong - tsching, so damals auf dem chinesischen Thron saß, furchte sehr, es mögte etwan der Abgesandte einen Vortrag zum Vor- theile der chriftlichen Religion thun, die er auf keine Weise schützen wollte. Endlich ließ er den P. Magal haens, nebst den Jesuiten Fridelk, Pereyra, und Pa- rennin vor sich kommen, und sagte diesem lehtern, er sollte Tscham-ngan-to (so hieß P. Magalhaens auf Chinesisch) seiner Gnade versichern, worauf er ihm eine seiner eigenen Zobelmügen aufsehen ließ. Magalhaens hatte schon zuvor erkläret, daß die Absicht dieser Ge sandtschaft bloß dahin gienge, dem Kaiser wegen des Todesfalles seines Vaters, und wegen seiner Thronbe- steigung zu complimentiren, und zugleich alle Portugie- sen in China seinem Schuße anzuempfehlen. Man er- zeigte dem Gesandten große Vorrechte vor allen andern, 3. E. dem Moscowitischen, dem aus Korea, u. d. g. Man fragte so gar den P. Parennin, ob er kein anderes Wort, oder Zeichen wisse, das man anstatt Tsin- cong gebrauchen könnte, so im Chinesischen von zinsbaren Abgesandten gebrauchet wird. Er mußte auch das Schreiben des Königes von Portugall in das Chinesische übersehen. Endlich am 29ßten May hatte der Gefandte Audienz, und der Kaiser nahm das Schreiben mit eig
- ner Hand an. Nach den gewöhnlichen Ceremonien hielt
er kniend folgende sehr merkwürdige Anrede an diesem Monarchen, die ich auch Deutsch mittheilen will. Sou dieses Generals war, seßten sie hinzu, so befehlen Seine Majestät, daß er sich dabey auch einfinden foll. Sou mandado por el Rey de Portugal Dom Joa- no V, para dar à Voffa Mageftade os parabens da fua affumpcaon ao Trono. El Rey meu amo fas tano grande estimacaon da amizade de Voffa Mageftade, que fi nano fatisfes con menos, que mandar hum Am- baxador, que dos ultimos confins do Occidente viesse reverenciar à Voffa Mageftade. et congratularle por fe achar digno focceffor do Imperio do feu Pay, e fi- gnificarle com as mais vivas expreffiones o muyto que dezeja fe conferve interrupta huna boa corresponden- cia entrambar Coroas. E porque a grande propen- faon, que o Emperador, Pay de Voffa Mageftade, mo- ftrava para favorecer os Vaffallos do Rey meu amo, aflim moradores em Macao como affiftentes nefte Im- perio, e o acto de attencaon, que o ditto Emperador fes em mandar ao meu Monarcha hum grandiofo mi- mo, pos a el Rey meu amo en hum reconhecimento, foy Sua Mageftade ordenarme, que da fua parte viesse fegurar a Voffa Mageftade o muyto que fentio a morte do ditto Emperador, e que fo podia fuavizar o feu fentimento à noticia que juntamente teve de que Voffa Mageftade Che foccedia no Trono, e como a tal man- da agradecer à Voffa Mageftade con mayor encarici- mento eftes favores que os de Macao e mais Portu- guezes tem recebido nefte Imperio. Eu que indigno da tano alta commiffaon ignoro os termos mais gra- tos à Voffa Mageftade com que devo exaltarla, peço à Voffa Mageftade, tenha por certo que fe ouver al- guna falta nefta accaon, fera nafcida da minha igno- rantia e pouca pratica do paiz, é nano da volontade of do E Hash Kidh Tschwen. foll. Alles ist bereit. Wir suchten diesen Mans darin schon in seinem Hause auf; allein man 'fagte do meu Monarcha, que eftare muyto grande do que eu faca à Voffa Mageftade todos os obfequios poffi- bles; mas bem comprehende o grande talento de Vof- fa Mageftade que nunca os Vafallos podem acertar com tudo na execucaon dos altos dezejos dos feus Sobera- nos. Os do meu amo fe manifeftarano à Voffa Ma- geftade por efta carta. D. i.
„Ich bin von dem Könige von Portugall, Johann „dem fünften, abgesandt worden, Eurer Majestät seine „Glückwünsche zu Dero Thronbesteigung abzustatten. „Der König, mein Herr, schäger die Freundschaft Eurer Majestät so hoch, daß er für nothwendig erachtet hat, „einen Abgesandten von den dußersten Gränzen des Oc- cidentes abreisen zu lassen, daß er Eurer Majestät als „dem würdigen Thronfolger im Reiche Sr. Maj. Dero „Vaters, Glück wünschen, und zugleich in den lebhafte „sten Ausdrücken zu erkennen geben sollte, wie sehr man „ein gutes Verständniß zwischen beyden Kronen zu un- „terhalten suche. Die große Neigung, so der Vater „Eurer Majestät für die Unterthanen des Königs meines „Herrn, und für die Portugiesen in Macao und im „Reiche überhaupt blicken ließen, nebst einem großen „Geschenke, so besagter Kaiser meinem Monarchen über- "schickte; alles dieses durchdringet den König, meinen Herrn, mit den dankbarsten Gesinnungen. Dieses ist „die Ursache, daß ich Eurer Majefkät melden soll, wie viel Antheil der König an den Todesfall des vorigen „Kaisers genommen habe, und daß er sich nicht cher „beruhigen können, als bis er die Nachricht von der "Thronfolge Eurer Majestät erhalten hatte. Ich habe Befehl,
fagte uns, daß er bey Eurer Excellenz wäre. Der Abgeordnete des Kaisers wartet auf ihn im Ff2 äußern „Befehl, Eurer Majeftdt den vollkommensten Dank für ,,die den Portugiesen in Macao und im Reiche erwie- senen Gnadenbezeugungen abzustatten. Da ich eines vso hohen Auftrages unwürdig bin, und die dankbaren »Gesinnungen meines Herrn Eurer Majefidt nicht ge= „nugsam ausdrücken kann, so bitte ich Eure Majefidt, „es meiner Unwissenheit in den Gebräuchen dieses Lan- des, und nicht meinem Monarchen zuzuschreiben, wenn „ich hierinn einen Fehler begehen sollte. Denn dessen Gesinnungen übertreffen alles, was ich Eurer Majestät „mit den verpflichtesten Ausdrücken sagen kann. Eure Majestät wissen nach Dero großen Einsichten gar wohl, „daß ein Unterthan niemaks in allen Stücken die hohen „Absichten seines Herrn zu erfüllen im Stande ist. Die- ferwegen hat der König, mein Herr, die feinigen Eu- „rer Majestät durch dieses Schreiben an den Tag legen wollen." " " Der Kaiser ließ dem Gesandten zu erkennen geben, daß er ihn als einen Abgeordneten eines freyen Monars chen ansehe. Er ließ ihm, nebst dem Antwortschreiben, 35 Kisten mit Geschenken für seinen Herrn, und 7 für ihn, nebst 10000 Taels (Leang, S. 16. o) zustellen, so 72 Pfund Silber ausmachen. Dom Metello bath ihn bey der Abschiedsaudienz, daß er die Europder eben so, wie sein Vater, schüßen mögte. Der Kaiser war so wohl mit diesem Gesandten zufrieden, daß er zu einigen seiner Mandarinen sagte: „Dieser Mann ist artig und „höflich.“ Zween Große des Reichs mußten ihn bis an seine Barke, sieben Meilen von Pe-king, begleiten. Lettres édifiantes, recueil 19, p. 207. feq. Uebers. hieber gebracht. äußern Hofe, und feine Bediente haben fein Pferb Sagen Sie ihm, daß er sich sogleich einfinden foll." Der Verschnittene lief nebst dem Mandarin Ku - scho - ssu selbst nach dem Thore des Palastes, und fand, daß alles wahr sey. Sie sahen einander beyde sehr verwir ret an, und wußten nicht, was sie sagen sollten; zumal da sie auch den Mandarin kommen fahen, der das Gastmahl besorgen mußte. Sie mußten sich also bequemen, die Thüren zu öffnen, und Tieh-tschong-u weggehen zu lassen. Dieser verwunderte sich darüber, bis ihm der eben gemels dete Mandarin nebst dem Abgeordneten des Kai- fers hinterbrachten, daß er sich sogleich bey der Tafel einfinden sollte. Tscho tha - kien war voll Verdruß über diesen Zufall. „Es ist das andere Gemälde noch ohne Verse, sprach er zu Tich tschong u: „was foll ich morgen dem Kaiser sagen, wenn er mich fraget, warum es nicht geschehen sey? Sie müssen es zuvor vollen- den, was Ihnen der Kaiser auftragen ließ." Er suchte hierdurch den jungen Mandarin aufzu- halten. „Bringet das Gemälde her, fagte Tich tschong-u. Er war bald mit der Auf- schrift fertig, nahm seinen Abschied, und gieng fort. << Tschoh-tha-kien begleitete ihn bis an das große Thor seiner Wohnung. Was für erstaun- liche Fähigkeiten besißt nicht dieser junge Mensch! sprach er zu Ku-scho-ssu. Wer hätte glauben follen, daß er uns entwischen könne? Diese un- ermar- "" ,,Wir erwartete Einladung des Kaisers hat alle unfere Maasregeln vereitelt. Beyde håtten mögen rafend werden, daß ihre List so schlechten Erfolg hatte. Endlich fieng Ku- scho- ssu an: müssen ein anderes Mittel ergreifen. Die Heu- rath mit Schuey-ping-sin ist noch nicht vollzo- gen. Man weiß wohl, daß sie nicht in einem Zimmer schlafen. Ich will noch einmal einen Versuch thun, sie von einander zu trennen. Ich will den Berdacht wiederum rege machen, den sie. sich zuzog, da sie ihn in ihrem Hause in seiner Krankheit beherbergte. Ich will dieses nur für einen blofen Vorwand ausgeben, und sie beyde wegen gefegloser Absichten bey ihrer Verheura- thung anklagen. Ich will es dem Ko-tao, oder öffentlichen Censor,´ anzeigen, der sodann ver- pflichtet ist, dem Kaiser Nachricht davon zu erthei- len. Ich werde ihm sagen, daß sie beyde durch diese übereilte Heurath den Gefeßen zuwider hans deln, und daß sie Anlaß zu einem schlimmen Bey- spiele geben können, zumal da sie Personen von Stande sind. Sie, mein Herr, müssen mir in diefer Anklage beystehen. Seine Majestät wer- den alsdann diese Sache durch das Li-pu, oder Oberhofgericht der Gebräuche und Ceremonien k), untersuchen laffen. Zu gleicher Zeit will ich mich auch an den Tschi-hien zu Tsi-nan, wo sich dieses zutrug, wenden, und ihn bitten, die Schrif ten feines Gerichts durchzusehen, damit ich meine Ff 3 An k) Oben, S. 56, 57. Anklage beweisen kann. Auf solche Weise werden sie ganz gewiß auf ewig getrennet werden." Wenn fie nur eininal von einander geschieden sind, ver- setzte Tschoh-tha-kien, so wird es mir leicht seyn, mit dem Kaifer wegen der Verheurathung meiner Nichte zu sprechen.' Und in diesen Ab- fichten verließen sie einander, mit den größten Ver- ficherungen, in einer so wichtigen Sache alle Ver- schwiegenheit und Vorsicht zu beobachten. ··