Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 23

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Kapitel 23: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
23.Worte aus dem ‚Westzimmer‘ werden im Scherz gewechselt,Verse aus dem ‚Päonienpavillon‘ erschrecken ein zartes Herz. Kapitel 23
Als Yüan-tschun nach ihrem Besuch im Garten des Großen Anblicks in den Palast zurückgekehrt war, hatte sie befohlen, Tan-tschun solle alle Namen, Mottos und Gedichte jenes Tages der Reihe nach sauber niederschreiben, sie selbst aber wollte sie ordnen und ihre Stärken und Schwächen kommentieren. Gleichzeitig hatte sie befohlen, alle diese Widmungen sollten im Garten in Stein gehauen werden, um das große Ereignis zu verewigen. Kaiserliche Gemahlin Urfrühling befiehlt, im Großen Garten der Pracht zu wohnen — Durch die „Romanze der Westkammer" lernen Schatzjade[1] und Kajaljade[2] verbotene Gefühle kennen
Also hatte Djia Dschëng angeordnet, von überall geschickte Arbeiter und namhafte Handwerker kommen zu lassen, um im Garten des Großen Anblicks Steine zu glätten und Schriftzeichen darin einzugraben. Die Aufsicht sollten unter Djia Dschëns Leitung Djia Jung, Djia Ping und andere führen. Weil Djia Tjiang durch die Beaufsichtigung der zwölf kleinen Schauspielerinnen mit Wën-guan an der Spitze und durch die Verwaltung ihrer Garderobe nicht viel Zeit für weitere Dinge finden konnte, zog Djia Dschën zur Aufsicht über die Steinmetzen Djia Tschang und Djia Ling mit heran, und so wurde eines Tages damit begonnen, Steine mit Wachs zu polieren und die rot vorgezeichneten Inschriften auszuhauen. Aber nicht davon soll hier die Rede sein. Es wird erzählt, dass die Kaiserliche Gemahlin Urfrühling [贾元春] nach ihrem Besuch im Großen Garten der Pracht [Anm.: 大观园, Daguanyuan] in den Palast zurückkehrte und die an jenem Tag verfassten Gedichte von Spürfrühling der Reihe nach abschreiben ließ, sie selbst ordnete und nach Qualität bewertete. Ferner ordnete sie an, die Gedichte im Großen Garten der Pracht in Stein meißeln zu lassen, als ein kulturelles Denkmal für alle Zeiten. Daraufhin ließ Aufrecht Kaufmann an verschiedenen Orten die besten Steinmetze auswählen, die im Garten die Steine schliffen und die Schriftzeichen einmeißelten. Juwel Kaufmann[3] beaufsichtigte zusammen mit Herrlichkeit Kaufmann[4] und Jia Ping die Arbeiten. Da Jia Qiang mit der Verwaltung der zwölf Schauspielerinnen und ihrer Kostüme beschäftigt und nicht leicht abkömmlich war, rief Juwel Kaufmann auch Jia Chang und Jia Ling herbei, um die Aufsicht zu führen. Eines Tages wurde mit der Arbeit begonnen: Wachs wurde aufgetragen, Lack aufgebracht und Zinnober eingerieben. Doch davon muss hier nicht weiter die Rede sein.
Die zwölf kleinen buddhistischen Nonnen im Bodhidarma-Kloster und die zwölf kleinen dauistischen Nonnen im Tempel des Jadekaisers sollten jetzt den Garten des Großen Anblicks verlassen, und Djia Dschëng wollte sie auf verschiedene Klöster verteilen. Dann aber hörte zufällig Djia Tjins Mutter, Frau Dschou, davon, die in der hinteren Straße wohnte und die eben bei Djia Dschëng einen Auftrag für ihren Sohn zu erlangen hoffte, der ihnen ein bißchen Geld und Silber einbringen würde. Also stieg sie in eine Sänfte und kam zu Hsi-fëng, um ihre Bitte vorzutragen. Hsi-fëng, die sah, daß Frau Dschou sich nicht aufzuspielen versuchte, versprach, ihr zu helfen.

Sie legte sich dann ein paar passende Sätze zurecht und sagte zu Dame Wang: „Die kleinen buddhistischen und dauistischen Nonnen sollten auf keinen Fall auseinandergebracht werden. Wenn die kaiserliche Nebenfrau das nächste Mal kommt und wir die Nonnen brauchen, um ihr aufzuwarten, würde das viele Umstände machen, wenn wir sie jetzt auseinanderreißen würden.

Meiner Meinung nach wäre es das beste, sie in unseren Familientempel, das Kloster Eiserne Schwelle, zu stecken. Dann brauchen wir nur jeden Monat jemanden hinzuschicken, der ihnen ein paar Liang Silber für Reis und Feuerholz bringt, und das ist alles. Sobald sie aber gebraucht werden, macht es nicht die geringsten Umstände, sie holen zu lassen.“

Dame Wang besprach es mit Djia Dschëng, und dieser sagte lächelnd: „Gut, daß du mich darauf aufmerksam gemacht hast! So werden wir verfahren!“ Und sofort ließ er Djia Liän rufen.
Was nun die zwölf kleinen Mönche und zwölf kleinen Daoisten betrifft, die im Jadekaisertempel und im Bodhidharma-Kloster untergebracht gewesen waren — da sie nun aus dem Großen Garten hinausgebracht worden waren, wollte Aufrecht Kaufmann sie auf verschiedene Tempel verteilen. Doch da kam Zhou-shi, die Mutter von Jia Qin, die in der Hintergasse wohnte, auf die Idee, bei Aufrecht Kaufmann um eine kleine Aufgabe für ihren Sohn zu bitten, damit er etwas Geld verdienen konnte. Als sie von dieser Angelegenheit hörte, kam sie in einer Sänfte, um Phönixglanz[5] um Hilfe zu bitten. Phönixglanz, die sah, dass sie sich gewöhnlich nicht wichtigtat, sagte zu, überlegte ein paar Sätze und ging zu Frau Wang: „Diese kleinen Mönche und Daoisten dürfen auf keinen Fall anderswohin geschickt werden. Wenn die Kaiserliche Gemahlin eines Tages herauskommt, werden sie gebraucht. Sollten sie sich zerstreut haben, wäre es aufwendig, sie wieder zusammenzubringen. Meiner Meinung nach sollten wir sie einfach in unseren Familientempel, den Eisernen Schwellen-Tempel [Anm.: 铁槛寺], schicken. Wir brauchen nur monatlich jemanden mit etwas Silber für Brennholz und Reis hinzuschicken. Wenn wir sie brauchen, können wir sie jederzeit rufen — das macht überhaupt keine Mühe." Frau Wang besprach es mit Aufrecht Kaufmann. Aufrecht Kaufmann lachte: „Das hat mich daran erinnert, ja, machen wir es so." Sogleich ließ er Jadeschale Kaufmann rufen.
Djia Liän saß eben mit Hsi-fëng beim Essen, und als er diese Aufforderung vernahm, wußte er nicht, worum es ging. Er stellte seine Reisschale hin und wollte gehen, aber rasch hielt Hsi-fëng ihn fest und sagte lächelnd: „Warte noch und hör mich an! Wenn es um etwas anderes geht, soll es mich nicht kümmern, aber wenn es wegen der kleinen Nonnen ist, mußt du unbedingt machen, was ich dir sage!“ Und schon erteilte sie ihm ihre Unterweisung.

„Ich weiß davon nichts“, erwiderte Djia Liän lächelnd. „Wenn du so tüchtig bist, geh nur selber hin und sprich mit ihm!“

Hsi-fëng warf den Kopf zurück, legte die Eßstäbchen aus der Hand, sah Djia Liän mit einem unergründlichen Lächeln an und fragte: „Ist das dein Ernst, oder machst du Spaß?“

„Yün, der Sohn der fünften Schwägerin aus dem Westanbau, hat mich schon ein paarmal um einen Auftrag gebeten“, erklärte Djia Liän lächelnd. „Ich habe ihm meine Zusage gegeben, bat ihn aber, sich zu gedulden. Und jetzt, wo endlich etwas kommt, schnappst du es mir weg!“

„Sei nur unbesorgt!“ sagte Hsi-fëng. „Die kaiserliche Nebenfrau hat gesagt, im Nordostteil des Gartens müßten noch viele Kiefern und Lebensbäume gesetzt werden, und vor dem Hauptgebäude seien Blumen zu pflanzen. Wenn es soweit ist, werde ich dafür sorgen, daß Yün die Aufsicht darüber erhält!“

„Wenn das so ist, soll es mir recht sein“, sagte Djia Liän, „aber warum hast du dich gestern Abend mit Händen und Füßen gesträubt, als ich mal etwas Neues probieren wollte?“

Als Hsi-fëng das hörte, lachte sie nur verächtlich und spuckte nach Djia Liän. Dann beugte sie sich über den Tisch und aß weiter.
Jadeschale Kaufmann saß gerade mit Phönixglanz beim Essen, als er den Ruf hörte. Ohne zu wissen, worum es ging, legte er die Stäbchen hin und wollte aufspringen. Phönixglanz hielt ihn fest und lachte: „Bleib stehen und hör mir zu! Wenn es wegen etwas anderem ist, kümmere ich mich nicht darum, aber wenn es um die kleinen Mönche geht, dann mach es auf jeden Fall so, wie ich es sage." Sie instruierte ihn Punkt für Punkt. Jadeschale Kaufmann lachte: „Ich weiß von nichts — wenn du so tüchtig bist, geh du hin!" Phönixglanz hörte das, reckte den Hals, legte die Stäbchen nieder und sah Jadeschale Kaufmann halb lächelnd, halb schmollend an: „Meinst du das ernst oder ist es ein Scherz?" Jadeschale Kaufmann lachte: „Der Neffe der fünften Schwägerin auf der Westgalerie, der junge Yun, hat mich zwei-, dreimal gebeten, ihm eine Aufgabe zu geben. Ich habe zugesagt und ihn warten lassen. Endlich kommt diese Sache heraus, und du nimmst sie mir weg." Phönixglanz lachte: „Sei beruhigt. An der nordöstlichen Ecke des Gartens sagte die Kaiserliche Gemahlin, man solle noch mehr Kiefern und Zypressen pflanzen, und am Fuße des Gebäudes noch Blumen und Gräser. Wenn dieser Auftrag herauskommt, garantiere ich, dass Yun ihn bekommt." Jadeschale Kaufmann sagte: „Na gut, wenn das so ist." Dann: „Nur gestern Nacht wollte ich ein wenig Abwechslung, und du hast dich gleich gesträubt..." Phönixglanz hörte das und lachte prustend, spuckte einmal in Jia Liens Richtung und senkte den Kopf, um weiterzuessen.
Djia Liän aber ging lachend hinaus und begab sich in den Hauptraum zu Djia Dschëng. Tatsächlich wollte dieser ihn wegen der kleinen Nonnen sprechen, und so, wie es Hsi-fëng ihn geheißen hatte, sagte Djia Liän: „Wie es aussieht, hat sich Tjin in der letzten Zeit sehr herausgemacht, darum sollte man ihm diese Sache übertragen. Er braucht ja nur jeden Monat den Hausregeln entsprechend das Geld in Empfang zu nehmen.“

Djia Dschëng, der sich um diese Dinge nicht besonders kümmerte, stimmte dem zu, was Djia Liän ihm vorschlug. Als Djia Liän in seine Wohnung zurückgekehrt war und Hsi-fëng Bescheid gab, schickte sie sogleich jemanden zu Frau Dschou. Daraufhin suchte Djia Tjin Djia Liän und seine Frau auf und bedankte sich ohne Ende.

Hsi-fëng machte sich noch einmal zu Djia Tjins Fürsprecherin und bat Djia Liän, er solle ihm das Geld für drei Monate im Voraus auszahlen lassen. Also mußte Djia Tjin eine Empfangsbestätigung schreiben, Djia Liän aber fügte die Summe ein und setzte seine Unterschrift darunter. Sofort bekam Djia Tjin die Hausmarke, und in der Silberkammer zahlte man ihm die volle Unterhaltssumme für drei Monate aus, mehr als zweihundert Liang blitzblankes Silber.
Jadeschale Kaufmann war schon lachend davongeeilt. Vor Aufrecht Kaufmann bestätigte sich: Es ging um die kleinen Mönche. Jadeschale Kaufmann folgte Phönixglanzs Plan und sagte: „Wie es aussieht, ist der junge Qin inzwischen tüchtig geworden. Man könnte ihm diese Angelegenheit übertragen. Er soll einfach monatlich gemäß den üblichen Vorschriften die Gelder abheben." Aufrecht Kaufmann kümmerte sich nicht weiter um solche Dinge und stimmte zu. Jadeschale Kaufmann kehrte in sein Zimmer zurück und berichtete Phönixglanz. Phönixglanz ließ sogleich Frau Zhou Bescheid geben. Jia Qin kam, um Jadeschale Kaufmann und Phönixglanz seinen Dank auszusprechen. Phönixglanz bat Jadeschale Kaufmann dann noch, drei Monatsgehälter im Voraus auszuzahlen. Jia Qin schrieb eine Quittung, Jadeschale Kaufmann visierte sie und gab die Marke heraus. Sogleich wurden aus der Silberkammer drei Monatsrationen ausgezahlt — zwei- bis dreihundert Liang blitzenden Silbers. Jia Qin nahm beiläufig ein Stück heraus, warf es dem Kassenwart zu und sagte: „Trinkt Tee davon." Dann ließ er einen Diener das Silber nach Hause tragen und besprach sich mit seiner Mutter. Sofort mietete er einige Esel und Wagen, ritt selbst voraus und holte die vierundzwanzig Mönche und Daoisten aus dem Seitentor des Rong-Herrenhauses ab, um sie zum Eisernen Schwellen-Tempel vor der Stadt zu bringen.
Ein Stück davon legte Djia Tjin den Waagemeistern ‚für Tee‘ hin, den Rest ließ er von einem Sklavenjungen nach Hause tragen, wo er sich mit seiner Mutter beratschlagte. Dann mietete er einen kräftigen Esel, den er selber reiten wollte, und etliche Wagen, mit denen er sich an das Nebentor des Jung-guo-Anwesens begab, wo er die vierundzwanzig kleinen Nonnen herausrufen und in die Wagen steigen ließ, die dann geradewegs vor die Stadt zum Kloster Eiserne Schwelle fuhren. Mehr ist jetzt nicht davon zu berichten.

Während Yüan-tschun im Kaiserpalast die Widmungen für den Garten des Großen Anblicks ordnete, kam ihr plötzlich der Gedanke, daß Djia Dschëng den schönen Garten nach ihrem Besuch bestimmt vor lauter Ehrfurcht zugesperrt hielt und niemanden hineinließ, damit dort nichts in Unordnung gebracht wurde. So mußte es dort sehr öde sein. Andererseits waren jetzt einige Mädchen im Haus, die sich aufs Dichten verstanden. Warum sollten sie nicht dort wohnen? So würden sich weder die Schönen beengt fühlen müssen, noch würde man den Blumen und Weiden eine Schmach antun.

Dann dachte sie daran, daß Bau-yü von klein auf inmitten von Schwestern und Kusinen aufgewachsen war und nicht mit den anderen Jungen gleichgesetzt werden konnte. Wenn er nicht mit im Garten wohnen dürfte, würde er sich sehr einsam fühlen, und wenn er unglücklich wäre, würden sich die Herzoginmutter und Dame Wang unvermeidlich Sorgen machen. Darum würde es das beste sein, wenn auch er mit in den Garten zöge.
Was nun die Kaiserliche Gemahlin Urfrühling betrifft: Nachdem sie im Palast die Gedichte aus dem Großen Garten geordnet hatte, dachte sie plötzlich an die Schönheit des Gartens. Sie wusste, dass Aufrecht Kaufmann ihn nach ihrem Besuch gewissenhaft versiegelt und verschlossen halten würde, ohne dass jemand ihn betreten dürfe — wie öde und trostlos! Da es in der Familie doch einige dichtende und schreibende Schwestern gebe, warum sie nicht dort wohnen lassen, damit weder die Schönen verkümmerten noch die Blumen und Weiden ihr Antlitz verlören. Dann dachte sie an Schatzjade, der von klein auf unter seinen Schwestern aufgewachsen war — anders als die anderen Brüder. Wenn man ihn nicht ebenfalls in den Garten einziehen ließe, würde er sich einsam fühlen, und Herzoginmutter[6] und Frau Wang müssten sich Sorgen machen. Also sollte auch er einziehen und dort seinen Studien nachgehen. So beschlossen, sandte sie den Eunuchen Xia Shouzhong zum Rong-Herrenhaus mit einer Anordnung: Schatzspange[7] und die anderen Mädchen sollten frei im Garten wohnen, und auch Schatzjade solle dorthin ziehen, um zu lesen.
Nachdem Yüan-tschun diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, beauftragte sie den Eunuchen Hsia Schou-dschung, den Befehl ins Jung-guo-Anwesen zu bringen, Bau-tschai und die anderen Mädchen sollten im Garten wohnen, und dieser solle nicht verriegelt und verrammelt werden. Bau-yü aber solle mit in den Garten ziehen und dort weiterlernen.

Als Djia Dschëng und Dame Wang den Befehl empfangen hatten, warteten sie, bis Hsia Schou-dschung sich verabschiedet hatte, dann kamen sie, um die Herzoginmutter davon in Kenntnis zu setzen, und schickten Leute in den Garten, um überall aufzuräumen und auszufegen und um die Tür- und Bettvorhänge wieder anzubringen.

Alle anderen nahmen den Befehl mit Fassung auf, Bau-yü aber wußte vor Freude weder ein noch aus. Eben besprach er sich mit der Herzoginmutter und bat sie um dieses und jenes, da kam ein Sklavenmädchen und meldete: „Der gnädige Herr läßt Bau-yü rufen!“ Bau-yü stand wie vom Donner gerührt, und seine Freude war wie weggeblasen. Mit bleichem Gesicht klammerte er sich verzweifelt an die Herzoginmutter und hätte sich lieber umbringen lassen, als zu seinem Vater zu gehen.
Aufrecht Kaufmann und Frau Wang empfingen die Anordnung. Nachdem der Eunuch gegangen war, berichteten sie Herzoginmutter und ließen überall reinigen, aufräumen, Vorhänge aufhängen und Betten herrichten. Alle hörten die Nachricht mit gemischten Gefühlen; nur Schatzjade war außer sich vor Freude. Er besprach schon mit der Herzoginmutter, was er mitnehmen und was er einrichten wolle, als plötzlich eine Dienerin meldete: „Der Herr Vater ruft nach Schatzjade." Schatzjade erschrak wie vom Blitz getroffen, verlor augenblicklich alle Begeisterung, wurde bleich im Gesicht und klammerte sich an Herzoginmutter wie an ein Malzbonbon — lieber hätte er sich totschlagen lassen, als zu gehen. Herzoginmutter tröstete ihn: „Mein Schatz, geh nur. Ich bin ja da, er wird dir nichts tun. Außerdem hast du doch diesen guten Aufsatz geschrieben. Wahrscheinlich will die Kaiserliche Gemahlin, dass du im Garten wohnst, und dein Vater wird dir nur ein paar Anweisungen geben — nicht herumzutollen und dergleichen. Was er auch sagt, antworte einfach brav." Dann rief sie zwei alte Ammen und wies sie an: „Bringt Schatzjade sicher hin, und lasst seinen Vater ihn nicht erschrecken." Die Ammen gehorchten.
So blieb der Herzoginmutter nichts weiter übrig, als ihn zu beruhigen. „Geh nur, mein Schatz!“ sagte sie. „Ich bin ja auch noch da. Er wird es nicht wagen, dich zu kränken, zumal du so etwas Gutes geschrieben hast. Wahrscheinlich will er dir ein paar Verhaltensmaßregeln erteilen, weil die kaiserliche Nebenfrau befohlen hat, daß du mit in den Garten ziehst. Sicher will er dir bloß sagen, du sollst dort nicht ungezogen sein. Sag nur zu allem, was er anordnet, schön ja, dann wird dir nichts passieren.“

Auf diese Weise redete sie ihm zu und rief dann zwei alte Ammen, denen sie befahl: „Ihr begleitet Bau-yü und sorgt dafür, daß sein Vater ihn nicht erschreckt!“

Die Ammen sagten: „Jawohl!“ Und nun mußte Bau-yü notgedrungen gehen, aber er schlich so langsam, daß ihn jeder Schritt kaum drei Tsun vorwärtsbrachte.

Drüben befand sich Djia Dschëng eben in den Räumen von Dame Wang, mit der er etwas zu besprechen hatte, und die Sklavenmädchen Djin-tschuan, Tsai-yün, Tsai-hsia, Hsiu-luan und Hsiu-fëng standen draußen unter dem Dachvorsprung. Als sie Bau-yü kommen sahen, lächelten sie ihm zu, Djin-tschuan aber hielt ihn fest und sagte leise zu ihm: „Eben habe ich mir die Lippen mit duftender Schminke eingerieben. Willst du nicht davon kosten?“
Schatzjade musste nach vorne gehen, wobei er kaum vorankam. Zum Glück war Aufrecht Kaufmann gerade im Zimmer von Frau Wang und besprach etwas mit ihr. Goldarmreif [金钏]'er, Caiyun, Caixia, Xiuluan und Xiufeng standen alle auf der Veranda. Als sie Schatzjade kommen sahen, kicherten alle hinter vorgehaltener Hand. Goldarmreif'er packte Schatzjade, flüsterte lachend: „Ich habe gerade frische Lippen-Rouge aufgetragen — willst du kosten oder nicht?" Caiyun schob Goldarmreif'er beiseite und lachte: „Er fühlt sich gerade nicht wohl — hör auf, ihn aufzuziehen! Nutz die gute Stimmung und geh schnell hinein." Schatzjade musste sich durchs Tor schieben. Aufrecht Kaufmann und Frau Wang saßen drinnen auf dem Kang und redeten miteinander; auf einer Reihe Stühle saßen Willkommensfrühling, Spürfrühling, Bewahrfrühling und Unheil Kaufmann. Als er eintrat, standen nur Spürfrühling, Bewahrfrühling und Unheil Kaufmann auf.
Sofort schob Tsai-yün sie beiseite und sagte lächelnd: „Mußt du dich über ihn lustig machen, wo ihm ohnehin nicht wohl zumute ist? – Geh schnell hinein, Bau-yü, solange der gnädige Herr guter Laune ist!“

Also trat Bau-yü ins Haus. Djia Dschëng und Dame Wang waren im Innenraum. Nebenfrau Dschau schlug den Türvorhang zurück, und Bau-yü trat mit einer Verbeugung ein. Djia Dschëng und Dame Wang saßen sich auf dem Ofenbett gegenüber und sprachen miteinander. Auf einer Stuhlreihe davor saßen Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun und Djia Huan. Nur Tan-tschun, Hsi-tschun und Djia Huan standen auf, als sie sahen, daß Bau-yü hereinkam.

Djia Dschëng hob die Augen und erblickte Bau-yü, der mit wachem Geist und gewinnendem Äußeren vor ihm stand. Er verglich ihn mit Djia Huan, dessen Haltung schlaff und dessen Benehmen ungeschliffen war, und plötzlich fiel ihm Djia Dschu ein. Dann blickte er auf Dame Wang, der nur dieser eine leibliche Sohn geblieben war, den sie nun liebte wie eine Perle. Und er selbst bekam schon einen grauen Bart!
Aufrecht Kaufmann blickte auf und sah Schatzjade vor sich stehen — geistvoll und anmutig, von bestechender Schönheit. Dann sah er Unheil Kaufmann — unbeholfen im Auftreten, linkisch in den Manieren. Plötzlich dachte er an den verstorbenen Jia Zhu. Er bedachte, dass Frau Wang nur diesen einen leiblichen Sohn hatte und ihn über alles liebte, und dass sein eigener Bart bereits ergraute. Aus all diesen Gründen schwand sein gewohnter Widerwille gegen Schatzjade um acht oder neun Zehntel. Nach einer langen Pause sagte er: „Die Kaiserliche Gemahlin hat angeordnet: Du verbringst deine Tage draußen beim Spielen und wirst immer nachlässiger. Nun sollst du mit deinen Schwestern im Garten lesen und schreiben. Lerne fleißig! Wenn du dich nicht an die Regeln hältst, pass nur auf!" Schatzjade antwortete eilig mehrmals mit „Ja". Frau Wang zog ihn neben sich auf den Kang. Die drei Geschwister setzten sich wieder.
Angesichts all dieser Umstände verlor sich das Gefühl der Verachtung, mit dem er Bau-yü für gewöhnlich behandelte, zu acht oder neun Zehnteln, und er sagte nach einiger Zeit: „Die kaiserliche Nebenfrau meint, du gehst draußen Tag für Tag nur deinen Vergnügungen nach und wirst allmählich übermütig. Darum hat sie jetzt angeordnet, du sollst unter Kontrolle gehalten werden und mit deiner Schwester und deinen Kusinen zusammen im Garten deine Lese- und Schreibübungen machen. Also lerne nur fleißig und nimm dich in acht, wenn du nicht vernünftig bist und dich nicht in dein Los fügst!“

Bau-yü antwortete gleich mehrmals hintereinander: „Jawohl!“ Dann zog ihn Dame Wang zu sich heran und ließ ihn sich setzen. Auch Djia Huan und die beiden Mädchen nahmen jetzt wieder Platz. Dame Wang strich Bau-yü über den Nacken und fragte: „Ist die Medizin von neulich schon alle?“

„Eine Kugel ist noch übrig“, erwiderte Bau-yü.

„Dann laß dir morgen noch zehn Stück holen, und jedesmal vor dem Schlafengehen soll Hsi-jën dir eine davon geben!“ befahl Dame Wang.

„Seitdem Ihr es angeordnet habt, hat Hsi-jën jeden Abend daran gedacht und hat mich immer eine Kugel nehmen lassen“, gab Bau-yü Auskunft.

„Wer ist Hsi-jën?“ erkundigte sich Djia Dschëng.

„Ein Sklavenmädchen“, gab ihm Dame Wang zur Antwort.

„Für ein Sklavenmädchen ist jeder Name recht“, sagte Djia Dschëng. „Aber wer war so einfallsreich, gerade diesen Namen zu wählen?“

Dame Wang merkte, daß Djia Dschëng unzufrieden war, und um Bau-yü zu decken, behauptete sie: „Die alte gnädige Frau hat den Namen gewählt.“

„Wie sollte die alte gnädige Frau auf so einen Ausdruck kommen?“ fragte Djia Dschëng. „Bestimmt war das Bau-yü!“

Bau-yü erkannte, daß er um die Wahrheit nicht herumkam, also stand er auf und erklärte: „Mir hatte sich beim Gedichtelesen die Zeile eingeprägt ‚Hüllt Blumenduft den Menschen ein, sind die Tage wieder warm.‘ Und weil das Mädchen mit Familiennamen Hua – ‚Blume‘ – heißt, habe ich sie, ohne viel nachzudenken, so genannt.“
Frau Wang strich Schatzjade über den Nacken und fragte: „Hast du die Pillen von neulich alle aufgebraucht?" Schatzjade sagte: „Es ist noch eine übrig." Frau Wang sagte: „Morgen lass dir zehn neue geben. Jeden Abend vor dem Schlafengehen soll Dufthauch[8] dir eine geben." Schatzjade sagte: „Seit die gnädige Mutter es angeordnet hat, denkt Dufthauch jeden Abend daran und gibt sie mir." Aufrecht Kaufmann fragte: „Wer ist Dufthauch?" Frau Wang sagte: „Eine Dienerin." Aufrecht Kaufmann sagte: „Eine Dienerin kann heißen, wie sie will — wer ist so frech und gibt ihr einen solchen Namen?" Frau Wang sah, dass Aufrecht Kaufmann ungehalten wurde, und versuchte, Schatzjade zu decken: „Den Namen hat die alte Herrin gegeben." Aufrecht Kaufmann sagte: „Woher sollte die alte Herrin so etwas kennen? Das muss Schatzjade gewesen sein." Schatzjade sah, dass die Tarnung aufgeflogen war, stand auf und antwortete: „Beim Lesen stieß ich auf einen alten Vers: ‚Der Blütenduft überwältigt und kündet warme Tage' [Anm.: 花气袭人知昼暖, Vers von Lu You (1125-1210)]. Da diese Dienerin den Nachnamen Hua [Blume] trägt, nannte ich sie so." Frau Wang sagte eilig: „Schatzjade, geh zurück und ändere den Namen. Der Herr Vater muss sich wegen solcher Kleinigkeiten nicht aufregen." Aufrecht Kaufmann sagte: „Im Grunde ist es belanglos, es muss nicht geändert werden. Nur zeigt es, dass Schatzjade sich nicht dem Wesentlichen widmet, sondern sich nur mit üppiger Lyrik und Liebesgedichten beschäftigt." Dann donnerte er: „Verschwinde, du Taugenichts!" Frau Wang sagte eilig: „Geh! Die Großmutter wartet mit dem Essen auf dich." Schatzjade verneigte sich und zog sich langsam zurück. Er streckte Goldarmreif'er die Zunge heraus, und mit den beiden Ammen raste er davon.
„Gib ihr einen anderen Namen, sobald du wieder in deinem Zimmer bist, Bau-yü!“ befahl Dame Wang. Dann fuhr sie, an Djia Dschëng gewandt, fort: „Ihr solltet wegen so einer Kleinigkeit nicht ärgerlich sein!“

„Warum sollte das Mädchen schließlich nicht so heißen dürfen?“ sagte Djia Dschëng. „Der Name braucht gar nicht geändert zu werden. Nur sieht man daran, daß Bau-yü seine Zeit mit schwülstigen Liebesgedichten vertut, anstatt sich mit etwas Ordentlichem zu beschäftigen.“ Und er fuhr Bau-yü an: „Raus mit dir, du unheilverheißendes Viech!“

Auch Dame Wang sagte rasch: „Geh nur! Sicher wartet die alte gnädige Frau mit dem Essen auf dich!“

„Jawohl!“ sagte Bau-yü und ging langsam hinaus. Im Vorbeigehen streckte er Djin-tschuan lächelnd die Zunge heraus, dann verschwand er mit den beiden alten Ammen wie ein flüchtiger Rauch.

Als sie an die Durchgangshalle kamen, stand dort Hsi-jën an die Tür gelehnt, und kaum daß sie Bau-yü wohlbehalten zurückkommen sah, strahlte sie vor Freude und fragte: „Was war denn?“
Kaum war er an der Galerie angekommen, sah er Dufthauch an die Tür gelehnt stehen. Als sie Schatzjade heil zurückkommen sah, lächelte sie erleichtert: „Was wollte er von dir?" Schatzjade erzählte: „Nichts Besonderes, nur Ermahnungen wegen des Gartens — dass ich dort nicht herumtollen soll." Während er sprach, ging er zu Herzoginmutter und berichtete alles. Da sah er Kajaljade dort sitzen. Schatzjade fragte: „Wo möchtest du am liebsten wohnen?" Kajaljade hatte gerade darüber nachgedacht und sagte lächelnd: „Ich finde das Xiaoxiang-Haus [Anm.: 潇湘馆, benannt nach den Flüssen Xiao und Xiang] am schönsten — ich liebe diese Bambusse hinter dem geschwungenen Geländer, dort ist es stiller als anderswo." Schatzjade hörte das, klatschte lachend in die Hände: „Genau wie ich es mir gedacht habe! Ich wollte dich auch dort einquartieren! Ich wohne im Hof der Roten Freude [Anm.: 怡红院, Yihong Yuan] — wir wären ganz nah beieinander, und beide in schöner Ruhe."
„Ach, nichts Besonderes“, erwiderte Bau-yü, „nur ein paar Ermahnungen, nicht ungezogen zu sein, wenn ich im Garten wohne.“

Damit kehrte er zur Herzoginmutter zurück und berichtete ihr, wie es ihm ergangen war. Da sich auch Dai-yü mit im Zimmer befand, fragte er sie: „Wo möchtest du gern wohnen?“

Dai-yü, die gerade selbst über diese Frage nachdachte, antwortete ihm lächelnd: „Am liebsten wäre mir die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, wo der Bambushain den gewundenen Wandelgang verdeckt. Dort ist es abgeschiedener und ruhiger als anderswo."

„Genau, wie ich es mir gedacht habe!“ sagte Bau-yü und klatschte vor Freude in die Hände. „Ich wollte auch, daß du dort wohnst. Ich ziehe in den Hof der Freude am Roten. So wohnen wir dicht beieinander und leben beide still und zurückgezogen.“
Während die beiden noch berieten, kam jemand von Aufrecht Kaufmann mit der Nachricht: Der zweiundzwanzigste des zweiten Monats sei ein günstiger Tag für den Einzug der jungen Herren und Damen; man solle in den nächsten Tagen alles vorbereiten. Schatzspange bezog das Hengwu-Haus [Anm.: 蘅芜苑, „Hof der wohlriechenden Kräuter"], Kajaljade das Xiaoxiang-Haus, Willkommensfrühling die Zhuijin-Galerie, Spürfrühling das Qiushuang-Atelier, Bewahrfrühling den Liaofeng-Pavillon, Li Schleierfrau das Dorf des Reisdufts [Anm.: 稻香村], und Schatzjade den Hof der Roten Freude. Jeder Wohnstätte wurden zwei alte Ammen und vier Dienerinnen zugeteilt, zusätzlich zu den eigenen Ammen und persönlichen Mädchen; außerdem waren eigene Reinigungskräfte abgestellt. Am zweiundzwanzigsten zogen alle ein, und sogleich schmückten sich Blumen mit Bändern und Weiden wiegten sich im Wind — ganz anders als die frühere Einsamkeit.
Während sie noch miteinander beratschlagten, kam eine Botin von Djia Dschëng, um der Herzoginmutter zu melden: „Der zweiundzwanzigste ist ein Glückstag, da können die Kinder ihren Einzug halten. Bis dahin sollen Leute in den Garten geschickt werden, um alles vorzubereiten.“ Ohne weitere Umschweife: Seit Schatzjade in den Garten eingezogen war, fühlte er sich zutiefst zufrieden und hatte kein weiteres Verlangen. Täglich verbrachte er die Zeit mit seinen Schwestern und Dienerinnen — las, schrieb, spielte Qin, spielte Schach, malte, dichtete, stickte Phönixe, schmückte sich mit Blumen, sang leise, löste Rätsel und spielte Fingerspiele. Er war rundum glücklich. Er verfasste einige Gelegenheitsgedichte, die zwar nicht herausragend, doch von wahren Empfindungen und echten Szenen zeugten. Hier seien einige zitiert:
Bau-tschai zog dann in den Haselwurzpark, Dai-yü in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, Ying-tschun in den Brokatbestückten Turm, Tan-tschun in die Studierstube Herbstfrische, Hsi-tschun in die Laube des Knöterichwindes, Li Wan ins Reisduftdorf und Bau-yü in den Hof der Freude am Roten. Jeder bekam außer den eigenen Ammen und Sklavinnen zur persönlichen Bedienung noch zwei alte Ammen und vier Sklavenmädchen zugeteilt, und zusätzlich waren noch Sklavinnen da, die nur aufräumen und saubermachen mußten. Nächtliche Szene im Frühling
Am zweiundzwanzigsten zogen alle ein, und sofort flatterten gestickte Bänder zwischen den Blumen und zogen Weihrauchschwaden durch den Weidenhain, so daß es jetzt nicht mehr öde im Garten war. Rosige Gaze und Wolkenbaldachin, üppig drapiert,
Aber genug der müßigen Worte, besser soll davon die Rede sein, wie froh und glücklich Bau-yü war, nachdem er im Garten wohnte! Er hatte kein anderes Verlangen mehr, als tagtäglich mit Schwestern, Kusinen und Sklavenmädchen zusammen zu sein, um zu lesen und zu schreiben, die Zither zu schlagen und Schach zu spielen, Bilder zu malen und Gedichte zu deklamieren oder gar Muster zu zeichnen und auszusticken, das Pflanzenspiel zu spielen und sich mit Blumen zu schmücken, mit leiser Stimme zu rezitieren und zu singen, mit Schriftzeichen zu orakeln und Faustraten zu spielen und schließlich überallhin zu gehen. So war er vollkommen zufrieden. In der Nachbargasse — das Froschquaken der Nachtwache, halb gehört.
Seine Gedichte über die vier Jahreszeiten sind zwar nichts Besonderes, aber da sie in Stimmung und Bildern doch echt sind, sollen sie hier aufgezeichnet werden. Auf dem Kissen leichter Frost, am Fenster der Regen rinnt,
Frühlingsnacht Im Frühlingslicht vor den Augen — die Träume des Herzens.
Locker von Wolken aus Seide umhüllt, Die Kerze weint glänzende Tränen — für wen?
hör ich von fernher den Stundenschlag. Die Blüten grollen mit Sorgenfalten — meinetwegen.
Kühl ist das Kissen, der Regen tropft, Nur weil das Dienstmädchen verwöhnt und träge ist,
die Frühlingsnacht ist ein flüchtiger Traum. Hüllt sie sich in die Decke, lachend und schwatzend unaufhörlich.
Wem weint die Kerze die Tränen nach? Nächtliche Szene im Sommer
Sind mir die fallenden Blüten gram? Die müde Stickerin träumt lang ihren stillen Traum,
Immer noch schwatzen die Mägde draußen, Im goldnen Käfig ruft der Papagei nach Tee.
hilflos vergrab ich im Kissen den Kopf. Das Fenster hell — Moschusmonds Spiegel öffnet sich,
Sommernacht Im Zimmerduft — Tanyuns Räucherwerk schwebt sacht.
Müde vom Sticken liegt die Schöne im Traum. Aus Bernsteinkelch fließt glatt der Lotustau,
„Bringt Tee!“ schreit im Käfig der Papagei. Die gläserne Balustrade fängt des Weidenbachs Kühle ein.
Hell wie ein Spiegel strahlt draußen der Mond, Am Wasserhaus allenthalben wehen Fächer aus Seide,
durchs Zimmer ziehn Schwaden von Kampferrauch. Der Vorhang rollt sich auf — am Turmgemach endet die Abendtoilette.
Taufrischer Trank füllt die Bernsteinbecher, Nächtliche Szene im Herbst
nachtkühler Wind streicht durchs Glasgebälk. In Schatzjades Gemach herrscht Stille, kein Geräusch,
Am Wasser bauschen sich Seidenkleider, Des Mondes Glanz durchdringt den roten Gaze-Stoff.
und im Haus rüstet man sich zum Schlaf. Moos versiegelt Steinmuster, wo der Kranich schläft,
Herbstnacht Vom Brunnen rieselt Tautropfen auf die Krähe im Baum.
Endlich verstummt ist das Stimmengewirr, Mit Decken kommt die Dienerin — der goldne Phönix faltet sich,
und Mondlicht durchtränkt den Gazebehang. Am Geländer kehrt man heim — die smaragdne Blume fällt.
Die Kraniche schlafen im moosigen Hof, In stiller Nacht, schlaflos vom Durst nach Wein,
die Krähen am Brunnen benetzt der Tau. Schürt man den Weihrauch und verlangt nach Tee.
Schon ist die Phönixdecke entfaltet, Nächtliche Szene im Winter
und die Schöne kehrt sich vom Fenster ab. Pflaumenduft und Bambusträume — schon dritte Nachtwache,
Durstig vom Wein, kann ich nicht schlafen, Im Brokatgewand, in Gänsedaunendecken — und doch kein Schlaf.
entzünde Weihrauch und rufe nach Tee. Des Kiefernschattens ganzer Hof — nur ein Kranich,
Winternacht Birnenblüten bedecken den Boden — keine Drossel singt.
Pflaume und Bambus, sie träumen schon lang, Des Mädchens smaragdner Ärmel ist kalt im Dichtersinnen,
mich aber flieht trotz der Decken der Schlaf. Des jungen Herrn goldner Zobel — des Weines Wärme schwindet.
Draußen im Schatten die Kraniche stehn, Doch freut es, dass die Dienerin den Tee zu prüfen weiß
im Neuschnee verstummt ist der Vogelruf. Und frischen Schnee zusammenfegt, um ihn rechtzeitig aufzubrühen.
Fröstelnd murmelt das Mädchen Gedichte,

den Jüngling im Pelz wärmt der Wein nicht auf.

Wie gut, daß die Magd auf Tee sich versteht,

sie brüht ihn aus frisch gefallenem Schnee.
Wegen dieser Gedichte gab es nun gewisse Menschen, die, weil sie erfuhren, ein zwölf- oder dreizehnjähriger Knabe aus dem Rong-Herrenhaus habe sie geschrieben, sie abschrieben und überall lobten. Andere, leichtsinnige junge Herren, die die eleganten und leidenschaftlichen Verse liebten, schrieben sie auf Fächer und Wände und rezitierten sie unentwegt. So kamen Leute, die um Gedichte, Kalligraphie, Gemälde und Inschriften baten. Schatzjade war begeistert und beschäftigte sich täglich mit solchen Äußerlichkeiten.
Als gewisse Schmeichler sahen, daß im Jung-guo-Anwesen ein Herrensohn von zwölf, dreizehn Jahren solche Gedichte verfaßte, schrieben sie sie ab und rühmten sie überall. Es fanden sich dann auch genug leichtfertige junge Leute, die Gefallen an solcherart losen Versen hatten, sie auf Fächer und Wände schrieben und ständig im Munde führten. Schließlich gingen sie Bau-yü um Gedichte und Kalligraphien, Bilder und Widmungen an, und das war so recht nach Bau-yüs Geschmack. Ganze Tage saß er zu Hause und war mit diesen Nebensächlichkeiten beschäftigt. Doch wer hätte gedacht, dass aus der Ruhe Unruhe erwächst? Eines Tages wurde er grundlos missmutig. Dies war nicht recht und jenes nicht recht, er lief ein und aus und war nur betrübt. Die meisten Bewohner des Gartens waren junge Mädchen, die in ihrer unschuldigen Welt lebten — sie saßen und lagen, ohne sich zu scheuen, lachten und scherzten arglos und wussten nichts von Schatzjades Herzenssorgen. Schatzjade fühlte sich innerlich unwohl und mochte nicht mehr im Garten bleiben; draußen trieb er sich herum, doch blieb er auch dort versunken und abwesend.
Dann aber hatte er es auf einmal satt. Plötzlich war ihm nicht mehr wohl dabei, an nichts fand er mehr Freude, und er fühlte sich bedrückt, wo er ging und stand. Im Garten wohnte er fast nur mit Mädchen zusammen, die noch einfältig und naiv waren und sich in ihrem Benehmen keinen Zwang antaten. Was verstanden sie davon, wie Bau-yü jetzt zumute war! Unfroh, wie er war, hielt es ihn nicht mehr im Garten. Nun lungerte er ziellos draußen herum und wurde dabei dumpf und stumpf.

Als Ming-yän sah, wie es mit Bau-yü bestellt war, wollte er ihn gern aufmuntern und überlegte hin und her, aber aller Dinge, die ihm einfallen wollten, war Bau-yü längst überdrüssig, und sie konnten nichts helfen. Dann aber kam er doch auf etwas, was Bau-yü noch nicht kannte, und so ging er in die Buchläden und kaufte eine Menge alter und neuer Erzählungen, die inoffiziellen Lebensbeschreibungen der Fee-yän und der Hë-dë, der Wu Dsë-tiän und der Yang Guee-fee sowie Operntexte, und das gab er Bau-yü zu lesen. Woher hätte Bau-yü solche Bücher kennen sollen! Kaum daß er sie ansah, glaubte er, ihm sei ein unermeßlicher Schatz zuteil geworden.

„Ihr dürft aber solche Bücher nicht in den Garten mitnehmen!“ warnte ihn Ming-yän. „Wenn jemand davon erfährt, geht es mir schlecht.“
Der Diener Mingyan sah seinen Herrn so und überlegte, wie er ihn aufheitern könnte. Er dachte hin und her — alles, womit Schatzjade sonst spielte, war ihm längst über, nichts konnte ihn erfreuen. Nur eines hatte Schatzjade noch nie gesehen. Entschlossen ging er in eine Buchhandlung und kaufte eine große Menge alter und neuer Romane sowie Geschichten über Zhao Feiyan und Zhao Hede, Wu Zetian und Yang Guifei [Anm.: berühmte Schönheiten und Herrscherinnen der chinesischen Geschichte] und allerlei Theaterstücke. Er brachte sie Schatzjade. Schatzjade, der solche Bücher noch nie gesehen hatte, behandelte sie wie kostbare Schätze. Mingyan ermahnte ihn: „Nimm sie nicht mit in den Garten! Wenn jemand es erfährt, werden sie mich bei lebendigem Leib häuten!" Doch Schatzjade konnte sich unmöglich davon trennen, überlegte hin und her und wählte schließlich einige mit feinem und dichtem Text aus, nahm sie mit in den Garten und versteckte sie unterm Bettdach, um sie heimlich zu lesen, wenn niemand da war. Die gröberen verbarg er im äußeren Arbeitszimmer.
Doch wie sollte Bau-yü es fertigbringen, nichts davon im Garten zu haben! Nach einigem Zögern wählte er ein paar Bücher aus, die in feinerem Stil geschrieben waren, nahm sie mit und verbarg sie am Kopfende seines Bettes, um heimlich darin zu lesen, wenn niemand es sah. Was aber zu offensichtlich grob und vulgär war, versteckte er in seiner Studierstube außerhalb des Gartens.

Eines Tages in der Mitte des dritten Monats nahm Bau-yü nach der Morgenmahlzeit das „Westzimmer“ und ging damit zu der Brücke am Duftgetränkten Wehr, wo er sich unter blühenden Pfirsichbäumen auf einen Stein setzte und das Buch aufschlug, um es noch einmal von Anfang an zu genießen. Eben kam er zu der Stelle „ein Schauer von roten Blüten fiel“, da fuhr unversehens ein Windstoß in die Pfirsichbäume und überschüttete ihn, das Buch und den Erdboden über und über mit Blütenblättern.
An einem Tag Mitte des dritten Monats ging Schatzjade nach dem Frühstück mit einem Exemplar der „Romanze der Westkammer" [Anm.: 会真记/西厢记, das berühmte Liebesstück von Wang Shifu] zum Brückenrand des Qinfang-Wehrs und setzte sich unter einem Pfirsichbaum auf einen Stein. Er schlug das Buch auf und las von Anfang an. Gerade war er bei der Stelle „Herabfallende Blütenblätter wie ein Heer" angelangt, da wehte ein Windstoß und blies die Hälfte der Pfirsichblüten herab — sie bedeckten seinen ganzen Körper, das Buch und den Boden. Schatzjade wollte sie abschütteln, fürchtete aber, mit den Füßen darauf zu treten. So sammelte er die Blütenblätter in seine Kleider und schüttete sie am Teichrand ins Wasser. Die Blüten trieben auf der Oberfläche, schaukelten hin und her und flossen hinaus durch das Qinfang-Wehr.
Schon wollte Bau-yü die Blütenblätter abschütteln, aber aus Sorge, daß er sie dann zertreten könnte, trug er sie vorsichtig zum Rand des Teiches und schüttelte sie ins Wasser, wo sie auf der Oberfläche hin und her schwammen und dann über das Duftgetränkte Wehr nach draußen trieben. Immer noch lagen viele Blütenblätter auf der Erde, und Bau-yü war sich unschlüssig, wie er damit verfahren sollte, da sprach ihn jemand von hinten an: „Was machst du denn hier?“

Als Bau-yü sich umwandte, erblickte er Dai-yü, die eine Blumenhacke über der Schulter trug und einen Beutel daran, während sie in der Hand einen Blumenbesen hielt.

Lächelnd sagte Bau-yü: „Das ist schön! Komm, wir wollen die Blütenblätter zusammenfegen und dort ins Wasser werfen! Eben habe ich schon eine Menge hineingetan.“

„Sie ins Wasser zu werfen ist nicht gut“, sagte Dai-yü. „Hier ist das Wasser sauber, aber wo es weiterfließt, wohnen Leute am Ufer, und es kommen Schmutz und Unrat hinein, so daß die Blüten doch verdorben werden. Ich habe drüben in der Ecke ein Blumengrab. Ich fege die Blütenblätter zusammen, tue sie in diesen Seidenbeutel hier, dann schütte ich dort Erde darüber, und mit der Zeit zergehen sie darin. Ist das nicht reinlicher?“

Bau-yü freute sich ungemein und sagte lächelnd: „Ich lege nur das Buch weg, dann helfe ich dir beim Einsammeln!“

„Was ist das für ein Buch?“ erkundigte sich Dai-yü.

Verwirrt steckte Bau-yü das Buch weg und sagte: „Nur Das Rechte Maß und Das Große Lernen.“

Aber lächelnd sagte Dai-yü: „Du willst mich wohl wieder einmal anführen? Zeig lieber schnell her, was du da hast!“

„Liebstes Kusinchen“, sagte Bau-yü, „vor dir habe ich keine Angst, aber sag es bloß niemand anders! Es ist wirklich ein gutes Buch, und man vergißt das Essen darüber, wenn man es liest.“ Damit reichte er ihr das Buch, und Dai-yü legte ihre Gerätschaften beiseite, um es entgegenzunehmen.
Als er zurückkam, lagen noch viele auf dem Boden. Während er noch unschlüssig dastand, hörte er hinter sich jemanden sagen: „Was machst du hier?" Schatzjade drehte sich um — es war Kajaljade, die eine Blumenhacke auf der Schulter trug, an der ein Blumenbeutel hing, und einen Blumenbesen in der Hand hielt. Schatzjade lachte: „Wunderbar! Komm, feg diese Blüten zusammen und wirf sie ins Wasser! Ich habe eben schon viele hineingeworfen." Kajaljade sagte: „Ins Wasser werfen ist nicht gut. Hier ist das Wasser sauber, aber sobald es hinausfließt, in bewohnte Gebiete, wird es schmutzig und stinkend — die Blüten würden entweiht. Dort drüben an der Ecke habe ich ein Blumengrab [Anm.: 花冢, ein Grab für gefallene Blüten — eine der berühmtesten Szenen des Romans]. Ich werde sie zusammenfegen, in diesen Seidenbeutel tun und mit Erde begraben. Mit der Zeit werden sie mit der Erde vergehen — ist das nicht sauberer?" Schatzjade hörte das und war überglücklich: „Warte, ich lege mein Buch hin und helfe dir!" Kajaljade fragte: „Was für ein Buch?" Schatzjade erschrak und versuchte hastig, es zu verstecken: „Nur der ‚Zhongyong' und der ‚Daxue' [Anm.: zwei konfuzianische Klassiker]." Kajaljade lachte: „Machst du mir wieder etwas vor! Zeig schnell her!" Schatzjade sagte: „Liebe Schwester, vor dir habe ich keine Angst. Wenn du es liest, verspreche mir nur, es niemandem zu verraten. Es ist wirklich ein gutes Buch! Wenn du es liest, vergisst du sogar das Essen." Damit reichte er es ihr. Kajaljade legte ihre Blumengeräte ab, nahm das Buch und las es von Anfang an — je mehr sie las, desto mehr war sie gefesselt. In weniger als einer Mahlzeit hatte sie alle sechzehn Akte durchgelesen und fühlte, wie die Worte sie berauschten und wie ein süßer Nachgeschmack auf ihren Lippen lag. Obwohl sie fertig war, saß sie nur still da und rezitierte die Worte im Stillen.
Sie las es von Anfang an, und je länger sie las, desto besser gefiel es ihr. Es dauerte nicht einmal so lange, wie man braucht, um eine Schale Reis zu

essen, da hatte sie alle sechzehn Akte gelesen. Die Sprache des Stücks erschien ihr erschütternd schön, und sie hatte einen angenehmen Nachgeschmack davon im Mund. Obwohl sie das Buch schon ausgelesen hatte, saß sie gedankenverloren da und wiederholte still für sich einzelne Stellen.

„Nun, ist das nicht gut?“ fragte Bau-yü.

„Es ist wirklich fesselnd“, sagte Dai-yü.

„Ich bin ‚der Mann, von Sorge und Krankheit geplagt,‘ und du bist ‚die Schönheit, die Länder und Städte zu Fall bringt‘“, sagte Bau-yü.

Kaum hatte Dai-yü das gehört, wurde sie rot bis über die Ohren. Ihre Brauen, die ohnehin stets aussahen wie gerunzelt, gingen steil in die Höhe. Ihre Augen, die auch sonst schon wirkten wie schmerzlich geweitet, starrten ihn an. Die zarten Wangen verrieten Zorn, das kränkliche Gesicht zeigte Empörung. Sie wies mit dem Finger auf Bau-yü und sagte: „Red nicht solchen fluchwürdigen Unsinn! Schleppst hier verdorbene Liebesstücke an und beleidigst mich mit ungezogenen Ausdrücken daraus. Das gehe ich dem Onkel und der Tante sagen!“ Schon hatten sich ihre Augenränder gerötet, und nun machte sie kehrt, um zu gehen.

Erregt trat Bau-yü zu ihr heran, um sie aufzuhalten, und sagte: „Liebstes Kusinchen, verzeih mir dies eine Mal! Ich habe etwas Falsches gesagt, aber wenn ich das in der Absicht tat, dich zu beleidigen, will ich in den Teich fallen, und eine grindköpfige Schildkröte soll mich verschlucken, auf daß ich mich selbst in eine Schildkröte verwandle! Und wenn du dann als Gattin eines Beamten der ersten Rangstufe alt und krank geworden bist und eines Tages ins Paradies eingehst, werde ich ein Leben lang an deinem Grab die Grabstele tragen!“

Dai-yü lachte auf, rieb sich die Augen und sagte lächelnd: „Warum redest du erst solchen Unsinn, wenn du dann doch Angst bekommst? ‚Oh, das Pflänzchen, das nicht gedeiht,‘ ‚die Speerspitze von Lot, die sich den Anschein gibt, sie sei aus Silber...‘“
Schatzjade lachte: „Schwester, wie findest du es?" Kajaljade lachte: „Es ist wirklich wunderbar!" Schatzjade lachte: „Ich bin der ‚Vielkranke mit viel Kummer', und du bist die ‚Schönheit, die Reiche stürzt'." [Anm.: Zitate aus der „Westkammer", mit denen Zhang Sheng und Cui Yingying beschrieben werden] Kajaljade hörte das und wurde augenblicklich bis über beide Ohren rot, richtete ihre Augenbrauen auf — halb gerunzelt, halb nicht — riss die Augen weit auf — halb offen, halb nicht — die Wangen vor Zorn leicht gerötet, die schmalen Lippen voller Groll, deutete auf Schatzjade und sagte: „Dieser verdammte Kerl! Was redest du für verbotenes Zeug? Erst schleppst du diese unzüchtigen Stücke an und lernst daraus solche frevelhaften Worte, um mich zu beleidigen! Das sage ich dem Onkel und der Tante!" Bei den Worten „beleidigen" röteten sich bereits ihre Augenringe, und sie drehte sich um und wollte gehen. Schatzjade geriet in Panik, eilte vor und versperrte ihr den Weg: „Liebe Schwester, tausendmal Verzeihung! Es war falsch von mir. Wenn ich dich absichtlich beleidigt habe, dann soll ich morgen in den Teich fallen und von einer räudigen Schildkröte verschlungen werden und mich in eine riesige Schildkröte verwandeln — und wenn du dereinst als ‚hohe Dame ersten Ranges' alt und krank zum Grabe gehst, trage ich deinen Grabstein mein Leben lang auf dem Rücken!" Kajaljade musste prusten, rieb sich die Augen und sagte halb lachend: „Du erschreckst einen zu Tode mit deinen Schwüren! Und dann schwatzt du weiter Unsinn! Im Grunde bist du ein ‚Hübscher ohne Substanz — wie eine Lanze aus Zinn, die nur silbern glänzt'." [Anm.: ebenfalls ein Zitat aus der „Westkammer"] Schatzjade hörte das und lachte: „Und was ist mit dir? Das sage ich auch weiter!" Kajaljade lachte: „Du rühmst dich, alles nach einmaligem Lesen zu behalten — meinst du, ich könne nicht zehn Zeilen auf einen Blick lesen?"
„Schau an!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Das gehe ich dann aber auch petzen!“

„Du brüstest dich, nach einem Mal Lesen könntest du einen Text auswendig“, sagte Dai-yü. „Meinst du, ich lese nicht zehn Zeilen auf einen Blick?“ Bau-yü legte das Buch beiseite und sagte lächelnd: „Wir täten besser daran, rasch die Blüten zu begraben und nicht mehr an diese Sache zu rühren!“
Schatzjade sammelte sein Buch ein und sagte lachend: „Komm, lass uns die Blüten begraben, statt davon zu reden." Die beiden sammelten die gefallenen Blüten ein und begruben sie ordentlich. Da kam Dufthauch und sagte: „Ich habe dich überall gesucht! Dort drüben ist der ältere Herr [Anm.: Begnadigung Kaufmann] unwohl, und die Fräulein sind alle hingegangen, um nach ihm zu sehen. Die alte Herrin hat nach dir geschickt. Geh schnell zurück und zieh dich um!" Schatzjade hörte das, nahm eilig sein Buch, verabschiedete sich von Kajaljade und ging mit Dufthauch zurück, um sich umzuziehen.
Kaum hatten sie dann die abgefallenen Blüten zusammengefegt und ordentlich begraben, als Hsi-jën kam und sagte: „Da konnte ich dich ja nicht finden, wenn du hier steckst! Drüben ist der alte gnädige Herr krank geworden, und die Fräulein haben sich alle zu ihm begeben, um ihren Gruß zu entbieten. Die alte gnädige Frau hat befohlen, daß auch du es tust. Also komm, zieh dich schnell um und reite hinüber!“

Rasch nahm Bau-yü sein Buch, verabschiedete sich von Dai-yü und ging mit Hsi-jën ins Haus, um sich umzukleiden. Aber davon soll jetzt nicht weiter die Rede sein.
Nachdem Schatzjade gegangen war, fand sich Kajaljade allein. Gerade wollte sie in ihr Zimmer zurückkehren und ging eben an der Mauer des Lixiang-Hofes [Anm.: 梨香院, der Hof, in dem die Schauspielerinnen probten] vorbei, als sie von drinnen den Klang einer Flöte vernahm, lang und melodisch, und Gesang, sanft und innig. Kajaljade, die normalerweise nicht viel für Theater übrig hatte, ging unachtsam weiter. Da drangen zwei Zeilen an ihr Ohr, klar und deutlich, jede Silbe vernehmbar:
Als Bau-yü fortgegangen war und sie gehört hatte, auch die Mädchen seien nicht zu Hause, blieb Dai-yü bedrückt allein zurück. Eben ging sie auf ihre Wohnräume zu, da hörte sie, als sie an der Umfassungsmauer des Birnendufthofes vorüberkam, Musik und Gesang. Sie sagte sich, das müßten die zwölf kleinen Schauspielerinnen sein, die dort ihre Texte übten, aber da sie sich aus Theaterstücken nicht viel machte, ging sie weiter, ohne darauf zu achten. „So öffnen sich die scharlachroten und karmesinroten Blüten überall,
Plötzlich aber drang klar und deutlich der Satz in ihr Ohr: Und all die Pracht — verfällt der bröckelnden Mauer und dem trockenen Schacht."
„Wie herrlich leuchtet der Blumenflor [Anm.: aus der „Päonienlaube" (牡丹亭) von Tang Xianzu (1550-1616)]
zwischen verfall‘nen Mauern und Brunnen...“ Kajaljade hörte das und war tief gerührt. Sie blieb stehen und horchte. Wieder erklang:
Betroffen blieb sie stehen, um zu lauschen, und hörte weiter: „Welch schöner Tag, welch prächtige Szene —
„Ein schöner Tag und ein prächtiger Blick, Doch ach, die Freude — in wessen Garten blüht sie?"
doch wer kann sich daran erfreuen?“

Unwillkürlich nickte Dai-yü mit einem Seufzer und sagte sich: „Auch unter den Theaterstücken ist gute Literatur zu finden. Schade, daß es den Leuten, die ins Theater gehen, nur um das äußerliche Schauspiel zu tun ist und daß sie den inneren Sinn nicht erfassen!“
Als sie das hörte, konnte sie nicht anders als nickend seufzen und dachte: „In der Oper gibt es also auch gute Literatur. Schade, dass die Menschen nur Opern anschauen, ohne den tieferen Sinn darin zu begreifen." Als ihr dies bewusst wurde, bedauerte sie, dass sie in Gedanken versunken das Zuhören versäumt hatte. Sie lauschte wieder und hörte:
Dann bereute sie, daß sie sich durch ihre dummen Gedanken hatte ablenken lassen, anstatt weiter zuzuhören, und spitzte wieder die Ohren: „Denn du, mein zärtlich-blühendes Geschöpf,
„Du bist schön wie die Blumen, Und ich — die Jahre fließen wie das Wasser hin..."
doch die Jahre gehen dahin...“ Diese Worte erschütterten Kajaljade bis ins Innerste. Dann hörte sie:
hörte sie jetzt, und diese Worte erschütterten ihr Herz und Gemüt. Dann ging es weiter: „In deinem stillen Gemach bemitleidest du dich selbst..."
„Einsam sitzt du in stiller Kammer...“,

und Dai-yü setzte sich wie betäubt auf einen Brocken Felsgestein, weil ihre Kniee sie nicht mehr tragen wollten. Dort grübelte sie über die Worte nach „Du bist schön wie die Blumen, doch die Jahre gehen dahin“, und plötzlich fiel ihr ein altes Gedicht wieder ein, in dem es hieß:

„Das Wasser fließt, und die Blumen welken,

doch kennen sie kein Gefühl“,

und ein anderes mit den Worten:

„Wasser fließet, Blüten fallen, Frühling geht vorbei,

und wir sind getrennt wie Himmel und Erde...“

Dazu paßte auch die Zeile, die sie vorhin im ‚Westzimmer‘ gelesen hatte:

„Das Wasser fließt, von Blüten rot,

zehntausendfach ist mein Kummer...“
und Ähnliches — da war sie wie berauscht und betäubt, konnte nicht mehr stehen und sank auf einen Felsen nieder. Sie schmeckte und wog die acht Worte „zärtlich-blühendes Geschöpf, Jahre fließen wie Wasser" [Anm.: 如花美眷,似水流年] in ihrem Herzen. Plötzlich fielen ihr alte Verse ein: „Wasser fließt und Blumen welken — beiden fehlt das Herz", und dann ein Liedvers: „Der Blüten Fall und des Wassers Lauf — der Frühling geht dahin, Himmel und Erde!", und dann die Zeile aus der „Westkammer", die sie eben gelesen hatte: „Blüten fallen, rot treibt das Wasser, tausend Sorten müßiger Gram" — alles kam auf einmal zusammen in ihr. Sie sann und sann, und ohne es zu merken, schmerzte ihr das Herz und trübten sich ihre Gedanken, und Tränen rannen. Gerade war sie in diesem Zustand gefangen, als plötzlich jemand ihr von hinten auf den Rücken klopfte — und als sie sich umdrehte, sah sie, dass es war... Doch das erzählt das nächste Kapitel. So heißt es:
Alle diese Sätze kamen ihr plötzlich in den Sinn und flossen in eins zusammen, und als sie genauer darüber nachdachte, wurde ihr weh ums Herz, ihre Sinne waren benommen, und Tränen strömten aus ihren Augen. Ehe sie sich wieder gefaßt hatte, stieß sie plötzlich jemand von hinten an, und wenn ihr wissen wollt, wer das war, müßt ihr das nächste Kapitel lesen.

Wahrlich:

Vergessen die Morgentoilette,
Morgens beim Schminken, nachts beim Sticken — das Herz ist weit fort,
vergessen das Sticken am Abend,

dem Mond und dem Winde zugewandt,
Im Mondschein und Wind weht der Gram herüber von dort.
verzehrt sich ihr Herz vor Kummer.
  1. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".
  2. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal-Jade".
  3. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ning-Hauses.
  4. Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Juwel Kaufmann.
  5. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".
  6. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.
  7. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".
  8. Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".

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