Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 25

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Kapitel 25: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
25.Durch schwarze Magie treffen Bau-yü und Hsi-fëng auf fünf Teufel, während seines Traums in Prachtgemächern begegnet der beseelte Jadestein den beiden Heiligen. Kapitel 25
Hung-yü hatte also mit beklommenem Herzen und wirrem Sinn zwischen Schlafen und Wachen gelegen, als Djia Yün gekommen war und sie packen wollte. Als sie sich umwandte, um wegzulaufen, stolperte sie über die Türschwelle, und vor Schreck wurde sie wach. Da merkte sie erst, daß es nur ein Traum gewesen war. Nun wälzte sie sich hin und her und fand die ganze Nacht hindurch keinen Schlaf. Der Hexenfluch des Teufelspaars — Ein aussätziger Mönch und ein lahmer Daoist heilen mit geheimnisvollen Kräften
Als es am nächsten Morgen hell wurde und sie eben aufgestanden war, wurde sie von ein paar anderen Sklavenmädchen geholt, um mit ihnen zusammen die Räume zu fegen und nach Waschwasser zu gehen. Ohne sich groß zu waschen und zu kämmen, strich sich Hung-yü nur vor dem Spiegel die Haare zurecht, spülte sich die Hände ab, schlang eine Binde um den Leib und ging ausfegen.

Nun hatte Hung-yü am Tag zuvor Bau-yüs Aufmerksamkeit erregt. Bau-yü jedoch fürchtete, wenn er sie ohne weiteres zu sich riefe, damit sie ihn bediente, würde er damit einerseits Hsi-jën und die anderen verärgern, und andererseits wußte man nicht, wie Hung-yü sich aufführen würde. Führte sie sich gut, wäre alles in Ordnung, wenn aber nicht, könnte er sie schlecht wieder wegschicken. Diese Überlegungen machten ihm so zu schaffen, daß er früh aufstand, aber anstatt sich zu kämmen und zu waschen, saß er nur gedankenverloren da.

Ein Weilchen später ging er ans Fenster und spähte durch die Gazebespannung aufmerksam nach draußen. Dort fegte ein ganzer Schwarm von Sklavenmädchen den Hof, die alle geschminkt und gepudert waren und Blumen und Zweige im Haar trugen. Aber das Mädchen vom Vortag war nicht darunter. Also schlüpfte Bau-yü in seine Schuhe und trat zur Tür hinaus, wo er so tat, als wollte er die Blumen betrachten. Er blickte hierhin und dorthin, und schließlich entdeckte er in der Südwestecke des Hofes eine Gestalt, die dort an das Geländer des Wandelganges gelehnt stand. Ärgerlich war nur, daß ihm ein blühender Zierapfelbaum die Sicht nahm. So mußte er neben den Baum treten, und als er dann genau hinsah, erkannte er, daß es wirklich das Mädchen vom Vortag war, das dort stand und träumte.

Schon wollte er zu ihr gehen, aber dann schien ihm das nicht das Richtige. Da kam, während er noch überlegte, plötzlich Bi-hën zu ihm und mahnte, er solle sich endlich waschen. So blieb ihm nichts weiter übrig, als wieder ins Haus zu gehen, und mehr soll einstweilen davon nicht die Rede sein.
Es wird erzählt, dass Hongyu traumverloren und in sehnsüchtigem Sinnieren im Halbschlaf versunken war und Jia Yun begegnete, der sie an der Hand nehmen wollte. Sie drehte sich um und wollte davonlaufen, stolperte aber über die Türschwelle und erwachte erschrocken — da wusste sie, dass es nur ein Traum gewesen war. So wälzte sie sich die ganze Nacht schlaflos hin und her. Am nächsten Morgen in der Frühe stand sie auf, und schon kamen einige Dienstmädchen, um sie zum Putzen und Fegen abzuholen und Waschwasser zu bringen. Hongyu kämmte und wusch sich nicht einmal richtig, raffte nur ihr Haar flüchtig vor dem Spiegel zusammen, wusch die Hände, band ein Schweißtuch um die Taille und machte sich ans Saubermachen. Schatzjade[1] seinerseits hatte Hongyu am Vortag bemerkt und sie im Sinn behalten. Er hätte sie gerne namentlich herbeirufen und einsetzen wollen, scheute sich jedoch: erstens, um Dufthauch[2] und die anderen nicht zu kränken; zweitens wusste er nicht, was für ein Charakter Hongyu war — war sie gut, dann mochte es gehen, war sie aber nicht gut, wäre es schwierig geworden, sie wieder fortzuschicken. So saß er trübsinnig da, stand früh auf, machte sich aber nicht zurecht, sondern saß nur da und grübelte. Schließlich öffnete er das Fenster und spähte durch das Gaze-Gitter nach draußen, wo er etliche Dienstmädchen sah, die den Boden fegten — alle geschminkt und gepudert, mit Blumen und Weidengrün im Haar —, nur die von gestern war nicht dabei. Schatzjade schlüpfte in die Pantoffeln und schlenderte zur Tür hinaus, tat so, als betrachte er Blumen, schaute hier und dort, und als er den Blick hob, sah er am südwestlichen Wandelgang jemanden an der Balustrade lehnen. Leider verdeckte ein Hortensienstrauch davor die Sicht. Er machte noch ein paar Schritte — und tatsächlich, es war das Mädchen von gestern, ganz in Gedanken versunken. Er wollte auf sie zugehen, doch es schickte sich nicht. Gerade als er noch überlegte, kam Bihen und rief ihn zum Waschen. Er musste hineingehen. Davon sei nicht weiter die Rede.
Hung-yü stand noch ganz in Gedanken versunken da, als plötzlich Hsi-jën ihr winkte und nach ihr rief. Also mußte sie zu ihr gehen, und Hsi-jën sagte dann lächelnd zu ihr: „Unsere Gießkanne ist noch nicht wieder in Ordnung. Geh zu Fräulein Lin hinüber und borge die von dort für uns aus!“

Hung-yü sagte: „Jawohl!“, verließ das Gehöft und machte sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Als sie auf die Brücke des Blauen Rauches kam und dort den Blick hob, sah sie, daß die Höhen der Hügel durch Blendvorhänge verdeckt waren, und ihr fiel wieder ein, daß ja heute die Arbeiter kommen sollten, um Bäume zu pflanzen. Suchend blickte sie ringsumher und entdeckte in der Ferne einen Trupp Männer, die dort in der Erde gruben. Djia Yün aber saß auf einem Felsbrocken dabei.
Nun sei erzählt, wie Hongyu noch ganz in Gedanken versunken dastand, als sie plötzlich sah, dass Dufthauch ihr zuwinkte. Sie ging hin. Dufthauch lachte: „Unsere Sprühkanne ist noch nicht hergebracht worden. Geh doch zur Schwester Lin hinüber und leih dir ihre aus." Hongyu bejahte und machte sich auf den Weg zum Xiaoxiang-Pavillon. Gerade als sie die Cuiyan-Brücke betrat und aufblickte, sah sie auf dem Hügel oben überall Vorhänge aufgespannt und erinnerte sich, dass heute Handwerker zum Bäumepflanzen drinnen waren. Sie drehte sich um und blickte — da sah sie in der Ferne eine Gruppe von Leuten, die die Erde umgruben, und Jia Yun saß auf einem Felsstein dort oben. Hongyu wollte hingehen, wagte es aber nicht. Betrübt holte sie die Sprühkanne aus dem Xiaoxiang-Pavillon und ging lustlos in ihr Zimmer zurück. Die anderen dachten, ihr sei unwohl, und kümmerten sich nicht weiter.
Am liebsten wäre Hung-yü hingegangen, aber das wagte sie nicht, und so ging sie statt dessen verdrossen in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und holte die Gießkanne. Dann trat sie lustlos und niedergeschlagen in ihr Zimmer und legte sich hin. Die anderen dachten, sie fühle sich wahrscheinlich nicht wohl, und sagten nichts dazu. Im Nu war der Tag vergangen.

Der nächste Tag war der Geburtstag von Wang Dsï-tëngs Gattin, und die Herzoginmutter war mit Dame Wang zusammen dazu eingeladen. Als aber Dame Wang sah, daß die Herzoginmutter unpäßlich war, blieb sie ebenfalls zu Hause. Tante Hsüä dagegen fuhr mit Hsi-fëng, den Mädchen des Hauses sowie Bau-tschai und Bau-yü zusammen hin, und erst am Abend kamen sie wieder.
Im Nu war ein Tag vergangen. Der nächste Tag war zufällig der Geburtstag von Frau Fliederranke König [王子腾] [Anm.: Frau Wangs Bruder]. Dort hatte man jemanden geschickt, um Herzoginmutter[3] und Frau Wang einzuladen. Da Frau Wang sah, dass Herzoginmutter sich nicht wohlzufühlen schien, ging sie auch nicht. Dafür fuhren Tante Schnee [薛姨妈], Phönixglanz[4], die Schwestern des Hauses, Schatzspange[5] und Schatzjade alle gemeinsam hin und kehrten erst am Abend zurück.
Inzwischen erhielt Djia Huan, als er aus der Schule kam, von Dame Wang den Befehl, er solle das Diamantsutra abschreiben und rezitieren. Also setzte er sich auf ihr Ofenbett, befahl jemandem, eine Kerze anzuzünden, und machte sich mit großem Getue ans Abschreiben. Mal verlangte er von Tsai-yün, sie solle ihm eine Schale Tee bringen, mal forderte er von Yü-tschuan, sie solle die Kerze putzen, dann wieder beklagte er sich, Djin-tschuan stehe ihm im Licht. Die Mädchen aber, denen er allen verhaßt war, beachteten ihn nicht. Nur Tsai-hsia, die sich als einzige noch mit ihm vertrug, goß eine Schale Tee ein und reichte sie ihm. Und weil die Dame Wang eben mit jemandem sprach, sagte Tsai-hsia leise zu Djia Huan: „Gib dich doch zufrieden! Was mußt du an allen herumnörgeln?“

„Ja, ja, ich weiß schon“, sagte Djia Huan, „mich führst du nicht hinters Licht. Mit Bau-yü stellst du dich gut, und ich bin für dich Luft. Meinst du, ich merke das nicht?“

Tsai-hsia biß sich auf die Lippen und bohrte Djia Huan einen Finger in die Stirn. „Undankbarer Kerl!“ sagte sie, „du bist wie der Hund, der Lü Dung-bin beißt. Du weißt nicht, wer es gut mit dir meint!“

Während sie so miteinander sprachen, trat Hsi-fëng in den Raum, und als sie Dame Wang ihren Gruß entboten hatte, erkundigte sich diese des langen und breiten, wen sie alles auf der Geburtstagsfeier getroffen habe, ob ihr die Theatervorführung gefallen habe und wie die Bewirtung gewesen sei.
Es traf sich, dass Frau Wang den kleinen Unheil Kaufmann nach der Schule zu sich rief und ihn das Jinggang-Mantra [Anm.: Diamant-Sutra] abschreiben ließ, damit er es rezitiere. Unheil Kaufmann saß auf Frau Wangs Kang, ließ Licht anzünden und schrieb in wichtigtuerischer Manier. Mal rief er Caiyun, sie solle ihm eine Tasse Tee einschenken, mal wollte er Yuchuan'er den Docht der Kerze putzen lassen, mal behauptete er, Goldarmreif werfe einen Schatten auf die Lampe. Die Dienerinnen mochten ihn alle nicht leiden und ignorierten ihn. Nur Caixia hatte ein wenig Sympathie für ihn und brachte ihm eine Tasse Tee. Da Frau Wang gerade mit jemandem sprach, flüsterte sie Unheil Kaufmann zu: „Benimm dich doch etwas, warum willst du dich überall unbeliebt machen?" Unheil Kaufmann sagte: „Das weiß ich auch schon. Du brauchst mich nicht zu täuschen. Jetzt bist du gut Freund mit Schatzjade und kümmerst dich nicht um mich — das habe ich längst bemerkt." Caixia biss sich auf die Lippen, tippte ihm mit dem Finger auf den Kopf und sagte: „Du Undankbarer! Der Hund beißt Lü Dongbin und erkennt kein gutes Herz!"
Sie hatten erst wenige Sätze gewechselt, da kam auch Bau-yü herein, entbot Dame Wang seinen Gruß und äußerte die üblichen Höflichkeitsfloskeln. Dann aber ließ er sich die Stirnbinde abnehmen, Robe und Stiefel ausziehen und schmiegte sich an Dame Wangs Brust. Zärtlich strich sie ihm mit der Hand über Körper und Gesicht, er aber schlang seine Arme um ihren Nacken und redete in einem fort.

„Junge!“ sagte Dame Wang, „du hast wieder einmal zuviel Wein getrunken, dein Gesicht ist ganz heiß. Wenn du jetzt auch noch herumtollst, steigt dir der Wein zu Kopf, und du schlägst über die Stränge. Leg dich besser ein Weilchen still hin!“ Und sie befahl, ein Kissen zu bringen.

Gehorsam legte sich Bau-yü hinter Dame Wang aufs Ofenbett und rief Tsai-hsia zu sich, damit sie ihm den Körper klopfte. Als er dabei mit ihr zu plaudern und zu scherzen begann, ging sie kaum darauf ein und blickte nur immer wieder zu Djia Huan hinüber. Lächelnd griff Bau-yü nach ihrer Hand und sagte: „Liebste Schwester, sieh doch mich auch einmal an!“

Aber Tsai-hsia entzog ihm ihre Hand und warnte ihn: „Laß das, sonst schreie ich!“

Djia Huan hatte den kleinen Streit mit angehört, und weil er Bau-yü ohnehin haßte, vermochte er jetzt, als Bau-yü auch noch mit Tsai-hsia tändeln mußte, seine Bosheit nicht mehr zu zügeln. Zwar wagte er nicht, offen etwas zu sagen, aber insgeheim hatte er sich schon lange Gedanken gemacht und war bisher bloß noch nicht zum Zuge gekommen. Jetzt nun lag Bau-yü ganz in seiner Nähe, darum wollte er die Gelegenheit nutzen und ihm mit dem heißen Kerzenwachs die Augen verbrennen. Also tat er so, als ob ihm die Hand ausrutschte, und kippte den Leuchter mit der brennenden Kerze in Bau-yüs Gesicht.
Während die beiden noch sprachen, kam Phönixglanz herein und begrüßte Frau Wang. Frau Wang fragte sie nach dem Fest — wer alles dagewesen sei, ob die Theaterstücke gut gewesen seien, wie das Essen war, und dergleichen mehr. Kaum hatten sie ein paar Worte gewechselt, kam auch Schatzjade herein. Nachdem er Frau Wang regelrecht begrüßt und ein paar pflichtschuldige Worte gesagt hatte, ließ er sich den Stirnschmuck abnehmen, zog das Zeremonialgewand aus, streifte die Stiefel ab und rollte sich mit einem Satz in Frau Wangs Arme. Frau Wang streichelte und liebkoste ihn überall. Schatzjade umschlang Frau Wangs Hals und erzählte dies und das. Frau Wang sagte: „Mein Kind, du hast wieder zu viel Wein getrunken, dein Gesicht glüht ja. Hör auf, dich zu reiben und zu drücken, sonst wird dir der Wein zu Kopf steigen. Leg dich lieber dort eine Weile still hin." Damit ließ sie ein Kissen bringen. Schatzjade legte sich hinter Frau Wang nieder und rief Caixia, sie solle ihm den Rücken klopfen. Schatzjade scherzte mit Caixia, doch Caixia reagierte kühl und kaum. Ihre Augen wanderten immer wieder zu Unheil Kaufmann hinüber. Schatzjade nahm ihre Hand und lachte: „Gute Schwester, schenk mir doch auch ein wenig Aufmerksamkeit!" Dabei zog er an ihrer Hand. Caixia entzog sie ihm: „Lass das! Wenn du nicht aufhörst, rufe ich!"
„Au!“ schrie Bau-yü auf, und alles im Zimmer fuhr erschrocken in die Höhe. Rasch wurden alle Kandelaber herbeigetragen und noch drei oder vier aus dem Außen- und Innenraum dazugeholt, dann sah man, daß Bau-yüs Gesicht ganz mit Wachs verkrustet war.

Erregt und zornig zugleich befahl Dame Wang, man solle Bau-yü das Gesicht saubermachen, und schimpfte Djia Huan aus.

Mit schnellen Schritten trat Hsi-fëng an das Ofenbett, um sich Bau-yüs anzunehmen, und sagte lächelnd dabei: „Immer noch bist du so zappelig, Huan! In guter Gesellschaft kannst du dich nicht sehen lassen, das sage ich dir. Tante Dschau müßte sich wirklich mehr um deine Erziehung kümmern!“

Diese Bemerkung bewog die Dame Wang, von Djia Huan abzulassen und nach Nebenfrau Dschau zu rufen. „Wie kannst du so eine gemeine, boshafte und schamlose Brut in die Welt setzen und dich dann nicht darum kümmern!“ fuhr sie sie an. „Immer wieder habe ich dazu geschwiegen, und ihr habt euren Willen bekommen. Aber ihr nehmt euch nur immer noch mehr heraus.“

Auch Nebenfrau Dschau hatte einen neidischen Sinn und konnte Hsi-fëng und Bau-yü nicht leiden, aber das wagte sie nicht offen zu zeigen. Als Djia Huan jetzt etwas angerichtet hatte und sie deswegen einen Zornausbruch von Dame Wang über sich ergehen lassen mußte, schwieg sie still und trat mit heran, um sich um Bau-yü zu kümmern.
Während die beiden noch scherzten, hatte Unheil Kaufmann alles gehört. Da er Schatzjade ohnehin schon hasste und ihn jetzt auch noch mit Caixia tändeln sah, kochte in seinem Herzen ein giftiger Groll hoch. Offen wagte er nichts zu sagen, doch insgeheim sann er auf Rache — nur fand er keine Gelegenheit. Jetzt, da sie so nahe beisammen saßen, beschloss er, heißes Öl zu benutzen, um Schatzjade die Augen auszubrennen. Er tat absichtlich so, als rutsche ihm die Hand aus, und schob die ganze ölgefüllte Kerze auf Schatzjades Gesicht. Schatzjade schrie „Au!" auf, und im ganzen Zimmer erschraken alle. Man schob eilig die Stehlampe heran und holte aus dem Vor- und Hinterzimmer drei oder vier Lampen herbei. Bei Licht sah man, dass Schatzjades ganzes Gesicht voller Öl war. Frau Wang war gleichermaßen besorgt und wütend. Während sie Leute anwies, Schatzjade abzuwischen, schalt sie Unheil Kaufmann. Phönixglanz eilte mit zwei, drei Schritten aufs Kang und half Schatzjade, sich sauber zu machen, und lachte dabei: „Der Dritte ist immer noch so tolpatschig wie ein aufgescheuchtes Huhn — ich hab doch gesagt, er taugt nicht für feine Gesellschaft. Tante Zhao sollte ihn wirklich besser erziehen!" Dieses eine Wort erinnerte Frau Wang. Statt Unheil Kaufmann zu schelten, rief sie Tante Zhao zu sich und schimpfte: „Da hast du so ein schwarzherziges, unerzogenes Ding aufgezogen, und du kümmerst dich nicht darum! Wie oft habe ich schon beide Augen zugedrückt, und ihr werdet immer dreister!"
Auf Bau-yüs linker Gesichtshälfte hatte sich eine Brandblase gebildet, die Augen aber waren glücklicherweise unverletzt geblieben. Dame Wang krampfte sich bei diesem Anblick das Herz zusammen, und gleichzeitig machte sie sich Sorgen, weil sie nicht wußte, was sie am nächsten Tag der Herzoginmutter sagen sollte. In ihrer Erregung schimpfte sie noch einmal Nebenfrau Dschau aus, dann tröstete sie Bau-yü und befahl, man solle ihm die Wunde mit einem lindernden Mittel bestreichen.

„Es tut zwar ein bißchen weh“, sagte Bau-yü, „aber das macht nichts weiter. Wenn morgen die alte gnädige Frau deswegen fragt, sage ich einfach, ich selbst hätte mich verbrannt.“

„Auch wenn du sagst, du selbst seist es gewesen, wird sie uns ausschimpfen, weil wir nicht aufgepaßt haben“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Der Ärger ist also nicht zu vermeiden, egal was du sagst.“

Dann ließ Dame Wang Bau-yü in seine Räume hinüberbringen, und hier gerieten Hsi-jën und die anderen in helle Aufregung, als sie ihn sahen.

Dai-yü hatte sich den ganzen Tag gelangweilt, weil Bau-yü außer Haus war und sie sich mit niemandem unterhalten konnte. Darum hatte sie am Abend schon ein paarmal nachfragen lassen, ob er wieder da sei, und mußte nun erfahren, er sei eben zurück und habe sich das Gesicht verbrannt. Sofort eilte sie zu ihm und fand ihn dabei, wie er sich im Spiegel betrachtete. Seine ganze linke Gesichtshälfte war mit dem Heilmittel bestrichen, und so glaubte Dai-yü nicht anders, als daß es eine schwere Verbrennung sein müsse. Rasch trat sie zu ihm heran, fragte, wie das passiert sei, und verlangte, die Wunde zu sehen.
Tante Zhao hatte zwar im Stillen immer Eifersucht auf Phönixglanz und Schatzjade gehegt, wagte es aber nie zu zeigen. Jetzt, da Unheil Kaufmann Ärger gemacht hatte und sie diese Schelte erdulden musste, schluckte sie nicht nur stumm, sondern musste auch noch hingehen und Schatzjade versorgen helfen. Man sah, dass auf Schatzjades linker Wange eine Reihe von Blasen aufgestiegen war, doch glücklicherweise waren die Augen verschont geblieben. Frau Wang sah es mit Schmerz und bangte zugleich, was sie morgen Herzoginmutter antworten sollte, wenn diese danach fragte. In ihrer Aufregung schalt sie Tante Zhao erneut. Dann tröstete sie Schatzjade und ließ Salbe zum Abschwellen auftragen. Schatzjade sagte: „Es schmerzt ein wenig, aber es ist nicht schlimm. Wenn morgen die alte Großmutter fragt, sagt einfach, ich hätte mich selbst verbrannt." Phönixglanz lachte: „Selbst wenn du sagst, du hättest dich selbst verbrannt, werden die Leute gescholten, warum sie nicht besser aufgepasst haben. Wie auch immer, es gibt ohnehin Ärger — sag morgen, was du willst." Frau Wang ließ Schatzjade sicher in sein Zimmer zurückbringen. Dufthauch und die anderen erschraken gewaltig, als sie ihn so sahen.
Bau-yü aber verdeckte sein Gesicht, winkte mit der Hand ab und sagte, sie solle gehen. Die Wunde wollte er ihr nicht zeigen, denn er kannte ihren Hang zum Reinlichen und wußte, daß sie nichts Schlimmes sehen konnte.

Auch Dai-yü war sich dieser Schwäche bewußt und begriff, daß Bau-yü fürchtete, sie werde sich vor seiner Wunde ekeln. Darum sagte sie lächelnd: „Hab dich nicht so! Ich will ja nur sehen, wo du dich verbrannt hast.“ Und damit trat sie näher, hielt ihn am Nacken fest und sah sich die Wunde an. „Tut es sehr weh?“ fragte sie. „So schlimm ist es gar nicht“, sagte Bau-yü. „In ein, zwei Tagen wird es wieder gut sein.“

Dai-yü blieb noch ein Weilchen bei ihm sitzen, dann ging sie bedrückt wieder fort. Über die Nacht ist nichts zu berichten.

Als Bau-yü am nächsten Tag der Herzoginmutter seine Aufwartung machte, gab er zwar an, er selbst habe sich verbrannt, aber das hinderte die Herzoginmutter nicht, seinem Gefolge eine tüchtige Standpauke zu halten.

Einen Tag später kam Bau-yüs Patin, die Klosterdienerin Ma, ins Jung-guo-Anwesen, um ihren Gruß zu entbieten. Als sie Bau-yü erblickte, fuhr sie vor Schreck zurück, dann fragte sie, wie das passiert sei. Als sie erfuhr, er habe sich verbrannt, nickte sie und seufzte. Anschließend beschrieb sie mit dem Finger Zeichen vor Bau-yüs Gesicht und murmelte etwas dazu. „Ich verbürge mich, daß es bald wieder gut ist. Das ist nichts als ein vorübergehendes Mißgeschick“, sagte sie.
Kajaljade[6] hatte bemerkt, dass Schatzjade den ganzen Tag auswärts war, und langweilte sich ohne Gesprächspartner. Am Abend hatte sie bereits zwei- oder dreimal jemanden herüberschicken lassen, um zu fragen, ob er schon zurück sei. Gerade war er endlich zurück — und da diese Verbrennung! Kajaljade eilte herbei. Als sie Schatzjade sah, der gerade in den Spiegel schaute und seine ganze linke Gesichtshälfte mit Salbe bedeckt hatte, hielt sie es für sehr schlimm und fragte hastig, wie es passiert sei, und wollte nachsehen. Schatzjade bedeckte sein Gesicht, winkte mit der Hand, sie solle hinausgehen, und wollte sie nicht hinsehen lassen — er kannte ihre Empfindlichkeit und wusste, dass sie so etwas nicht ertrug. Kajaljade kannte ihre eigene Eigenart auch und wusste, dass Schatzjade fürchtete, sie würde es ekelhaft finden. Deshalb lachte sie: „Lass mich doch sehen, wo du dich verbrannt hast — was gibt es da zu verbergen?" Damit drängte sie sich heran, nahm seinen Hals in beide Hände und besah sich die Stelle. Sie fragte, ob es sehr schmerze. Schatzjade sagte: „Es schmerzt nicht sehr. In ein, zwei Tagen ist es verheilt." Kajaljade saß eine Weile und ging dann bedrückt in ihr Zimmer zurück. Eine Nacht verging ohne besondere Vorkommnisse. Am nächsten Tag besuchte Schatzjade Herzoginmutter und behauptete, er habe sich selbst verbrannt. Natürlich schimpfte Herzoginmutter die Dienerschaft trotzdem ordentlich aus.
Dann fuhr sie, an die Herzoginmutter gewandt, fort: „Ihr wißt ja nicht, alte Ahne, daß es schon in den Sutras so geschrieben steht! Kaum daß in einer adligen oder beamteten Familie ein Sohn geboren wird, folgen ihm im Verborgenen viele böse Geister, um ihn zu zwicken und zu zwacken, wo sie nur können, um ihm beim Essen die Reisschale aus der Hand zu schlagen oder ihn beim Gehen auf die Erde zu stoßen. Darum werden in den großen Familien die Söhne und Enkel oftmals nicht alt.“

„Verfügt denn die buddhistische Lehre über ein Mittel, um dem abzuhelfen?“ wollte die Herzoginmutter sofort wissen, als sie das gehört hatte.

„Dem abzuhelfen ist nicht schwer“, sagte die Klosterdienerin Ma. „Man braucht nur zugunsten der Kinder möglichst viele gute Taten zu vollbringen, das ist alles. Und wie es in den Sutras noch heißt, gibt es im Westen den alles erhellenden Bodhisattwa des Großen Lichts, der mit seinem Schein die Dämonen der Finsternis vertreibt. Wenn tugendhafte Männer und Frauen ihm ehrlichen Herzens Opfer darbringen, sind Gesundheit und Sicherheit ihrer Söhne und Enkel auf ewig gesichert, und es kann ihnen durch Dämonen kein Unheil mehr widerfahren.“

„Und was für Opfer muß man dem Bodhisattwa bringen?“ erkundigte sich die Herzoginmutter.

„Es kommt einen gar nicht teuer“, erklärte die Klosterdienerin Ma. „Außer Weihrauch und Kerzen braucht man jeden Tag ein paar Djin duftendes Öl für eine Heiligenlampe. Diese Lampe verkörpert den Bodhisattwa und darf Tag und Nacht nicht verlöschen.“

„Wieviel Öl wird für einen Tag und eine Nacht benötigt?“ erkundigte sich die Herzoginmutter weiter. „Sag es mir genau, damit ich das gute Werk vollbringen kann!“

Als die Klosterdienerin Ma diese Frage hörte, gab sie lächelnd die Auskunft: „Das ist nicht festgelegt und richtet sich ganz nach dem Willen des Spenders. Bei uns zum Beispiel brennen Lampen, die von den Gattinnen einiger Prinzen gestiftet wurden. Die verwitwete Mutter des Prinzen Nan-an ist großzügig und gibt achtundvierzig Djin Öl und ein Djin Lampendochte pro Tag. Ihr Lampenkübel ist nicht viel kleiner als ein irdener Wasserbehälter.

Die Gattin des Fürsten Djin-tiän ist nicht ganz so spendabel und gibt nur vierundzwanzig Djin Öl pro Tag. Dann sind da noch etliche Familien mit fünf Djin, drei Djin oder einem Djin pro Tag. Die armen Leute aus kleinen Familien, die sich so etwas nicht leisten können, geben vier Liang oder ein halbes Djin pro Tag, aber auch sie verzichten nicht auf eine Heiligenlampe.“

Die Herzoginmutter nickte und dachte nach, die Klosterdienerin Ma aber fuhr fort: „Da ist noch etwas. Wenn man die Lampe für seine Eltern oder für ältere Verwandte stiftet, kann es gar nicht genug Öl sein. Wenn es aber für einen Jungen wie Bau-yü ist, wäre allzuviel nicht gut, es könnte sogar sein Glück verderben. Das darf auch nicht sein! Wenn Ihr also eine Lampe stiften wollt, sollten es nicht mehr als sieben und nicht weniger als fünf Djin Öl pro Tag sein.“

„Dann dürften fünf Djin pro Tag das Richtige sein“, entschied die Herzoginmutter. „Du kannst das Geld dafür jeweils für einen vollen Monat abholen kommen.“

„Buddha Amitabha, gütiger großer Bodhisattwa!“ rief die Klosterdienerin Ma aus.

Anschließend ließ die Herzoginmutter jemanden vom Gefolge kommen und befahl: „Immer wenn Bau-yü in Zukunft ausreitet, gebt ihr seinen Dienerknaben ein paar Münzschnüre mit, damit sie das Geld unterwegs an buddhistische und dauistische Mönche sowie an die Armen verteilen!“

Die Klosterdienerin Ma blieb noch ein Weilchen bei der Herzoginmutter, dann begab sie sich in die anderen Höfe und Häuser, um überall ihren Gruß zu entbieten und um ein Weilchen müßig umherzuspazieren. Als sie zu Nebenfrau Dschau kam und sie einander begrüßt hatten, befahl Nebenfrau Dschau einem kleinen Sklavenmädchen, sie solle der Besucherin Tee eingießen.

Da erblickte die Klosterdienerin Ma auf dem Ofenbett ein Häufchen Seidenreste, aus denen Nebenfrau Dschau gerade Schuhsohlen klebte, darum sagte sie: „Ach, ich brauche eben die Oberteile für ein Paar Schuhe. Habt Ihr nicht etwas Seide, das Ihr mir dafür geben könnt? Die Farbe spielt keine Rolle.“
Einen Tag später kam Schatzjades Patengroßmutter, die Nonne Ma Daobo, in die Rong-Guo-Residenz, um ihre Aufwartung zu machen. Als sie Schatzjade sah, erschrak sie gewaltig. Nachdem sie erfahren hatte, es sei eine Verbrennung, seufzte sie kopfschüttelnd, malte mit dem Finger ein Zeichen auf Schatzjades Gesicht und murmelte Beschwörungsformeln, dann sagte sie: „Es wird bestimmt besser. Das war nur ein flüchtiges Unglück." Dann wandte sie sich an Herzoginmutter: „Die verehrte Herrin und Bodhisattva weiß es nicht: Die buddhistischen Schriften lehren, dass bei den Söhnen vornehmer Familien, sobald sie geboren werden, viele böse Geister sie heimlich begleiten. Bei der ersten Gelegenheit kneifen sie hier, zwicken dort, werfen bei Tisch die Reisschale um oder geben dem Kind einen Stoß — darum werden viele Kinder großer Häuser nicht erwachsen." Herzoginmutter hörte das und fragte eilig: „Gibt es dafür irgendein Gegenmittel in der buddhistischen Lehre?" Ma Daobo erwiderte: „Das ist gar nicht schwer. Man braucht nur gute Werke für das Kind zu tun. Außerdem lehrt die Schrift, dass es im Westen einen großen Bodhisattva des Strahlenden Lichts gibt, der alle dunklen und bösen Geister erleuchtet. Wer ihm fromm opfert, kann Kinder und Enkel auf ewig in Frieden und Ruhe bewahren, frei von Schrecken und Heimsuchung." Herzoginmutter fragte: „Wie bringt man diesem Bodhisattva seine Verehrung dar?" Ma Daobo sagte: „Es ist nicht viel — außer Räucherwerk und Kerzen braucht man nur jeden Tag etwas mehr Öl für eine große Meereslampe. Diese Meereslampe ist die leibhaftige Erscheinung des Bodhisattva und darf Tag und Nacht nicht verlöschen." Herzoginmutter fragte: „Wieviel Öl braucht man pro Tag und Nacht? Sag es mir klar, dann will ich dieses gute Werk tun." Ma Daobo hörte das und lachte: „Das ist nicht festgelegt — ganz nach dem Herzenswunsch des frommen Spenders. In unserem Tempel stiften mehrere Fürstinnen und Adelige: Die Gemahlin des Nan'an-Fürsten hat das größte Gelübde und gibt achtundvierzig Jin Öl und ein Jin Docht pro Tag — ihre Meereslampe ist kaum kleiner als ein Bottich; die Frau des Jintian-Marquis gibt am Tag vierundzwanzig Jin Öl, was die nächste Stufe ist; und dann gibt es noch einige, die fünf Jin, drei Jin oder auch nur ein Jin geben — alles ist gut. Und arme Leute, die sich das nicht leisten können, auch vier Liang oder ein halbes Jin, selbst das reicht, um für sie zu leuchten." Herzoginmutter hörte das und überlegte. Ma Daobo fuhr fort: „Noch etwas: Wenn man für Eltern oder ältere Verwandte stiftet, darf man ruhig mehr geben. Aber wenn es wie jetzt der Fall ist — die Herrin stiftet für Schatzjade —, darf man nicht zu viel geben, sonst könnte der junge Herr das Glück nicht tragen, und es würde ihm schaden. Nicht das Geld zum Fenster hinauswerfen: Höchstens sieben Jin, mindestens fünf Jin, das ist genau richtig." Herzoginmutter sagte: „Gut, dann mach es mit fünf Jin pro Tag, monatlich pauschal zum Abholen." Ma Daobo sprach einen „Amitabha, barmherziger Bodhisattva". Herzoginmutter befahl auch noch: „Von nun an, wenn Schatzjade ausgeht, gebt seinen Dienern ein paar Schnüre Münzen mit, damit er unterwegs Mönchen, Daoisten und Bedürftigen etwas schenken kann." Damit wurde das erledigt. Ma Daobo saß noch eine Weile, machte dann die Runde durch die verschiedenen Höfe und Zimmer, um überall ihre Aufwartung zu machen.
„Du siehst ja selbst, daß nichts Gescheites mehr dabei ist“, sagte Nebenfrau Dschau und seufzte dazu. „So etwas bekomme ich ja nicht. Das hier ist alles, was ich habe. Wenn dir das nicht zu schlecht dünkt, such dir nur zwei Stücken aus!“

Tatsächlich wählte die Klosterdienerin Ma zwei Stücken aus und schob sie in ihren Ärmel. Dann erkundigte sich Nebenfrau Dschau: „Hast du die fünfhundert Münzen bekommen, die ich neulich schickte, damit du dem Medizingott dafür ein Opfer bringst?“

„Ja, das Opfer ist schon lange gebracht“, erwiderte die Klosterdienerin Ma.

„Buddha Amitabha!“ seufzte Nebenfrau Dschau, „wenn mir nicht die Hände gebunden wären, würde ich viel öfter ein Opfer bringen. Doch so ist das Herz zwar willig, die Kraft aber versagt.“

„Sorgt Euch nicht!“ tröstete die Klosterdienerin Ma sie. „Geduldet Euch, bis Euer Huan groß ist und einen Beamtenposten erhält, dann könnt Ihr so viele gute Werke vollbringen, wie Ihr nur wollt.“
Schließlich kam sie in Tante Zhaos Zimmer. Die beiden begrüßten einander, und Tante Zhao ließ ein kleines Dienstmädchen Tee bringen. Ma Daobo sah einige Stoffreste und Satinstücke auf dem Kang liegen — Tante Zhao war gerade dabei, Schuhe zu bekleben. Ma Daobo sagte: „Mir fehlt gerade Schuhstoff. Zhao-Schwester, wenn du ein paar Stücke Satin übrig hast, ganz gleich welche Farbe, gib mir zwei Stücke für Schuhe." Tante Zhao seufzte: „Sieh dich um — ist da noch ein ordentliches Stück dabei? Die guten Stoffe kommen nie zu mir. Was übrig bleibt, liegt alles hier. Wenn du es nicht verschmähst, such dir zwei Stücke aus." Ma Daobo tat es tatsächlich, wählte zwei Stücke und steckte sie in den Ärmel.
„Hör auf!“ sagte Nebenfrau Dschau und schnaubte unwillig. „Mit wem können wir schon mithalten, so wie es ist! Es geht mir nicht darum, daß Bau-yü behandelt wird wie ein Wundertier. Er ist noch ein Kind und hat ein gewinnendes Wesen, was macht es schon, wenn die Großen ihn vorziehen! Nur dieser Herrin beuge ich mich nicht!“ Und sie streckte zwei Finger aus.

„Meint Ihr die Gattin von Liän, dem zweiten jungen Herrn?“, vergewisserte sich die Klosterdienerin Ma.

Erschrocken winkte Nebenfrau Dschau ab. Dann ging sie zur Tür und hob den Türvorhang an, spähte anschließend auch aus dem Fenster, und erst nachdem sie sich überzeugt hatte, daß dort nirgends jemand war, sagte sie leise zur Klosterdienerin Ma: „Es ist zum Auswachsen mit ihr! Ich will nicht mehr ich sein, wenn diese Herrin nicht den gesamten Familienbesitz in ihr Elternhaus schafft.“

Als die Klosterdienerin Ma diese Worte vernahm, sagte sie, um die andere auszuforschen: „Ihr braucht mir gar nichts zu sagen, das sieht schließlich ein jeder. Aber das Schönste ist ja, daß Ihr Euch nichts daraus macht und sie gewähren laßt.“

„Ach, du meine Güte!“ sagte Nebenfrau Dschau. „Warum nicht gar! An sie traut sich doch keiner heran.“

Die Klosterdienerin Ma lachte spöttisch durch die Nase und erklärte nach einer längeren Pause: „Ich will mich ja nicht versündigen, aber wenn Ihr selbst es nicht fertigbringt, dürft Ihr auch andern keine Vorwürfe machen. Und wenn Ihr es offen nicht wagt, hättet Ihr eben heimlich zu Werke gehen müssen, anstatt es so weit kommen zu lassen.“
Tante Zhao fragte: „Neulich habe ich fünfhundert Münzen geschickt, um vor dem Medizinkönig zu opfern — hast du sie bekommen?" Ma Daobo sagte: „Längst habe ich für dich geopfert." Tante Zhao seufzte: „Amitabha! Wenn ich nur etwas mehr Mittel hätte, würde ich ständig opfern. Nur habe ich den guten Willen, aber nicht die Kraft." Ma Daobo sagte: „Hab nur Geduld. Wenn einmal der kleine Huan groß ist und einen Beamtenposten bekommt — was für gute Werke könntest du dann erst tun!" Tante Zhao schnaubte durch die Nase und sagte: „Ach, lass es sein! Rede nicht mehr davon. So wie es jetzt steht — können wir Mutter und Sohn mit irgendeinem hier mithalten? Da ist Schatzjade, den alle behandeln, als sei ein lebendiger Drache geboren. Er ist ja noch ein Kind, hübsch anzusehen, und die Erwachsenen mögen ihn ein wenig mehr — das ginge noch an. Aber ich kann diese Person dort nicht ausstehen!" Bei diesen Worten streckte sie zwei Finger aus. Ma Daobo verstand und fragte: „Meinst du die Zweite Frau Lian?" Tante Zhao erschrak und wedelte hastig mit der Hand, ging zur Tür und hob den Vorhang, um nach draußen zu spähen — niemand war da. Dann kam sie zurück und flüsterte Ma Daobo zu: „Um Himmels willen! Wenn man von dieser Person spricht — wenn sie nicht das ganze Familienvermögen zu ihrer Elternfamilie verschafft, will ich kein Mensch mehr sein!"
Nebenfrau Dschau sagte sich, daß mehr hinter diesen Worten stecken mußte und frohlockte innerlich bereits. „Wie denn ‚heimlich‘?“ fragte sie. „Die Absicht hatte ich schon, ich wußte bloß niemand, der sich darauf versteht. Wenn du mir sagst, was ich tun muß, werde ich es dir reichlich danken.“

Jetzt wußte die Klosterdienerin Ma, daß sie einander verstanden hatten, zum Schein aber sagte sie: „Buddha Amitabha! Nach solchen Dingen dürft Ihr mich nicht fragen. Was verstehe ich denn davon! Oh, welche Sünde!“

„Kommst du mir so?“ fragte Nebenfrau Dschau. „Du bist doch sonst so gern die Retterin in der Not, willst du jetzt vielleicht ruhig zusehen, wie jemand mir und meinem Sohn nach dem Leben trachtet? Hast du etwa Angst, ich würde es dir nicht lohnen?“

Lächelnd erwiderte die Klosterdienerin Ma darauf: „Wenn Ihr sagt, ich könne es nicht zulassen, daß Euch jemand etwas zuleide tut, lasse ich mir das noch gefallen. Nur wenn Ihr von Lohn sprecht, habt Ihr Euch verrechnet. Womit wolltet Ihr mich wohl verlocken, wenn ich auf Euren Lohn aus wäre?“

Nebenfrau Dschau hörte sehr wohl heraus, daß die andere bereit war einzulenken, darum sagte sie: „Du warst doch immer ein verständiger Mensch, warum bist du jetzt auf einmal so begriffsstutzig? Wenn dein Mittel wirkt und die beiden weg sind, gehört doch der Familienbesitz eines Tages meinem Huan. Dann kannst du haben, was du willst.“

Die Klosterdienerin Ma ließ den Kopf sinken und blieb eine Weile still, ehe sie sagte: „Aber werdet Ihr mich noch kennen, wenn die Sache geklappt hat und ich nichts in der Hand habe?“

„Das ist keine Schwierigkeit“, versicherte Nebenfrau Dschau. „Jetzt gehört mir zwar nichts, aber heimlich habe ich mir einige Liang Silber zusammengespart. Außerdem habe ich Kleider und Schmuck. Also nimm zunächst davon etwas, und für den Rest schreibe ich dir einen Schuldschein. Auch Bürgen bringe ich dir, wenn du willst. Und später zahle ich dann die volle Summe.“

„Aber auch wirklich?“ fragte die Klosterdienerin Ma.

„Ist das vielleicht der rechte Anlaß, um zu lügen?“ fragte Nebenfrau Dschau ihrerseits und rief eine vertraute Alte herein, der sie ein paar Sätze ins Ohr flüsterte. Die Alte ging hinaus und brachte einige Zeit später tatsächlich einen Schuldschein über fünfhundert Liang Silber, den sie geschrieben hatte. Nebenfrau Dschau setzte ihren Daumenabdruck darunter, ging an den Schrank, holte ihr heimlich Erspartes hervor und zeigte es der Klosterdienerin Ma. „Da!“ sagte sie, „du bekommst erst einmal das hier für Weihrauch und Kerzen! Bist du jetzt einverstanden?“

Als die Klosterdienerin Ma das blitzende Häufchen Silber und den Schuldschein sah, war ihr alles andere gleichgültig, und sie stimmte eifrig zu. Zuerst ließ sie das Silber verschwinden, dann steckte sie auch den Schuldschein ein. Anschließend wühlte sie lange in ihrem Hosenbund und holte schließlich zehn papierne Teufelsfiguren mit blauen Gesichtern und weißen Haaren hervor sowie zwei menschliche Figuren, die ebenfalls aus Papier waren.

Das alles reichte sie Nebenfrau Dschau und flüsterte ihr zu: „Ihr müßt die acht Schriftzeichen für Jahr, Monat, Tag und Stunde der Geburt von den beiden je auf eine der Menschenfiguren schreiben und sie dann mit je fünf Teufelsfiguren zusammen den beiden ins Bett stecken, das ist alles. Die Beschwörungen nehme ich zu Hause vor. Es wirkt ganz bestimmt. Ihr müßt auf jeden Fall vorsichtig sein, aber Angst braucht Ihr keine zu haben!“

Als sie das gesagt hatte, kam eines der Sklavenmädchen von Dame Wang herein und blickte sich suchend um.: „Da seid Ihr ja!“ sagte sie zu Nebenfrau Dschau. „Die gnädige Frau erwartet Euch.“

Also gingen die beiden Frauen auseinander, und mehr soll einstweilen hiervon nicht die Rede sein.

Seitdem Bau-yü ein verbranntes Gesicht hatte und nicht aus dem Haus gehen konnte, war Dai-yü häufig bei ihm gewesen, um mit ihm zu plaudern. Heute las sie nach dem Essen zwei Kapitel in einem Buch, aber das machte ihr keinen Spaß. Also beschäftigte sie sich eine Zeitlang mit Dsï-djüan und Hsüä-yän zusammen mit Nadelarbeiten, aber das verdroß sie noch mehr.
Ma Daobo sondierte vorsichtig: „Das brauche ich dir nicht zu erzählen — alle sehen es. Ich wundere mich nur, dass ihr das auf sich beruhen lasst — recht klug eigentlich." Tante Zhao sagte: „Ach, meine Liebe! Wenn wir es nicht auf sich beruhen ließen — wer würde ihr denn etwas tun können?" Ma Daobo schnaubte durch die Nase, schwieg eine halbe Ewigkeit und sagte: „Ich will ja nichts Sündhaftes sagen, aber ihr habt kein Talent! — Natürlich kann man anderen keinen Vorwurf machen. Offen wagt ihr nichts, aber heimlich — da hätte man sie schon längst erledigt, statt bis heute zu warten!" Tante Zhao hörte, dass da Sinn dahinter steckte, und freute sich insgeheim. Sie sagte: „Was meinst du mit heimlich erledigen? Ich hätte durchaus die Absicht dazu, nur fehlt mir eine fähige Person. Wenn du mir ein Mittel verrätst, belohne ich dich reichlich." Ma Daobo hörte, dass die Sache zusammenpasste, stellte sich aber absichtlich zögerlich: „Amitabha! Frag mich nicht, ich verstehe von solchen Dingen nichts. Sünde, Sünde!" Tante Zhao sagte: „Jetzt tust du wieder so! Du bist doch immer die Erste, die Bedürftigen hilft. Willst du tatenlos zusehen, wie man uns Mutter und Sohn zugrunde richtet? Fürchtest du etwa, ich würde mich nicht erkenntlich zeigen?" Ma Daobo sagte: „Wenn du sagst, ich brächte es nicht übers Herz, euch leiden zu sehen — das geht noch an. Aber von Belohnung brauche ich nichts zu hören. Selbst wenn du mich belohnen wolltest — was hättest du schon, das mich bewegen könnte?" Tante Zhao sagte: „Was für ein kluger Mensch du bist — und jetzt tust du dumm! Wenn dein Trick funktioniert und diese zwei beseitigt sind, gehört das ganze Familienvermögen natürlich meinem Huan. Was könntest du dann nicht haben?" Ma Daobo senkte den Kopf, schwieg lange und sagte: „Und wenn die Sache geglückt ist und ich keinen Beweis habe — kümmerst du dich dann noch um mich?" Tante Zhao sagte: „Das ist doch einfach. Zwar habe ich gerade nicht viel in der Hand, aber ich habe ein paar Liang Silber zusammengespart und noch einige Kleidungsstücke und Haarnadeln. Nimm das erst einmal mit. Den Rest schreibe ich dir als Schuldschein — Bürgen wirst du auch finden, und dann zahle ich alles." Ma Daobo sagte: „Wirklich?" Tante Zhao sagte: „Wie könnte ich da lügen?" Damit rief sie eine Vertraute Dienstmagd heran, flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Die Magd ging hinaus und kam nach einer Weile mit einem Schuldschein über fünfhundert Liang zurück. Tante Zhao drückte ihren Fingerabdruck darauf, ging zum Schrank und holte ihr gesamtes Erspartes heraus, zeigte es Ma Daobo und sagte: „Das nimmst du erst einmal mit für Räucherwerk und Opfergaben — ist es recht?" Ma Daobo sah das blinkende weiße Silber, dazu den Schuldschein, und ohne lang zu zögern, griff sie gierig nach dem Silber und steckte es ein, nahm dann den Schuldschein. Aus dem Hosenbund kramte sie lange herum und zog schließlich zehn papiergeschnittene Dämonen mit blauen Gesichtern und weißem Haar hervor sowie zwei Papierfiguren. Sie reichte alles Tante Zhao und wisperte: „Schreib auf die zwei Papierfiguren die Geburtsdaten der beiden, dann steck beide Figuren samt den fünf Dämonen jeweils unter ihr Bett — fertig! Ich werde zu Hause den Zauber wirken, und die Wirkung wird sich zeigen. Nur — hab keine Angst!" Gerade hatte sie das gesagt, da kam ein Mädchen von Frau Wang und suchte: „Ist die Gnädige Frau hier? Die Herrin wartet." Die beiden trennten sich. Davon sei nicht weiter die Rede.
Nun stand sie ein Weilchen an den Türrahmen gelehnt und hing ihren Gedanken nach, dann trat sie hinaus, um unterhalb der Plattform des Hauses die jungen Bambustriebe anzuschauen. Ganz von selbst trugen ihre Füße sie zum Hoftor hinaus in den Garten. Ringsum war alles menschenleer, nur die Blumen leuchteten, und die Bäume warfen ihre Schatten, die Vögel zwitscherten, und der Bach plätscherte. Unwillkürlich ging Dai-yü den gewohnten Weg in den Hof der Freude am Roten. Hier waren mehrere Sklavenmädchen eben dabei, Wasser zu schöpfen und im gewundenen Wandelgang zuzusehen, wie die Häherlinge badeten.

Aus dem Haus war Gelächter zu hören, und als Dai-yü eintrat, stellte sie fest, daß schon Li Wan, Hsi-fëng und Bau-tschai anwesend waren. Kaum daß die anderen sie erblickten, riefen sie lachend: „Hier kommt noch jemand!“

„Wer hat denn da Einladungen verschickt, daß sich alle hier treffen?“ fragte Dai-yü, ebenfalls lachend.

„Neulich habe ich ein Mädchen mit zwei Dosen Tee zu dir geschickt, wo warst du denn da?“ erkundigte sich Hsi-fëng.

„Ach, das hatte ich ganz vergessen. Vielen Dank, vielen Dank!“ sagte Dai-yü.

„Hast du den Tee gekostet? Wie schmeckt er dir?“ wollte Hsi-fëng weiter wissen, und noch ehe sie richtig zu Ende gesprochen hatte, mischte Bau-yü sich ein. „An sich ist er nicht schlecht“, sagte er, „aber ich mag ihn nicht besonders. Ich weiß ja nicht, wie die andern ihn finden.“

„Der Geschmack ist zart, nur die Farbe ist nicht besonders schön“, äußerte Bau-tschai ihre Meinung.

„Das ist Tribut-Tee aus Siam“, erklärte Hsi-fëng. „Aber ich kann ihm nichts abgewinnen. Der Tee, den wir alle Tage trinken, sagt mir mehr zu.“

„Also mir schmeckt er“, sagte Dai-yü. „Ich weiß gar nicht, was ihr für einen Geschmack habt.“

„Wenn du ihn wirklich magst, kannst du meinen auch bekommen“, bot Bau-yü ihr an.

„Ich habe noch mehr davon“, sagte Hsi-fëng lächelnd.

„Wirklich?“ fragte Dai-yü. „Dann schicke ich morgen ein Mädchen, um ihn zu holen.“

„Nicht nötig!“ erwiderte Hsi-fëng. „Ich lasse ihn dir besser bringen. Ich wollte dich morgen sowieso um etwas bitten, da kann das gleich mit erledigt werden.“

„Habt ihr das gehört?“ fragte Dai-yü lachend. „Kaum daß man bei dieser Familie Tee getrunken hat, wird man auch schon herumkommandiert.“

„Bitten wollte ich dich um etwas“, sagte Hsi-fëng, „aber du regst dich gleich auf und bringst noch den Tee mit ins Spiel. Von Rechts wegen müßtest du bei uns einheiraten, wenn du unsern Tee getrunken hast!“

Alle anderen lachten darüber, Dai-yü dagegen wurde rot und wandte sich ab, ohne einen Ton zu sagen.

„Die Schwägerin versteht es wirklich zu scherzen“, bemerkte Li Wan lächelnd zu Bau-tschai.

„Das soll ein Scherz sein?“ fragte Dai-yü. „Widerliches Geschwätz ist das!“ Und sie spuckte aus.
Nun sei erzählt, wie Kajaljade, da Schatzjade in diesen Tagen wegen der Verbrennung nicht ausging, häufig bei ihm vorbeischaute und sie zusammen plauderten. An diesem Tag hatte sie nach dem Essen zwei Seiten in einem Buch gelesen, fühlte sich gelangweilt und stickte dann eine Weile mit Purpurkuckuck und Xueyan, was sie aber auch ermüdete. So lehnte sie sich an den Türrahmen und sah hinaus, betrachtete die neuen Bambussprösslinge am Fuß der Treppe und schlenderte schließlich unwillkürlich aus dem Hoftor. Mit einem Blick in den Garten sah sie niemanden, nur Blumenglanz und Weidenschatten, Vogelgesang und Bachgemurmel. Kajaljade ging ziellos weiter und landete im Yihong-Hof. Dort sah sie einige Dienstmädchen, die Wasser schöpften und auf dem Wandelgang ihre Spottvögel im Bad beobachteten. Drinnen hörte sie Gelächter. Als Kajaljade eintrat, sah sie Li Schleierfrau [李纨], Phönixglanz und Schatzspange, die alle schon hier waren. Als sie sie sahen, lachten alle: „Noch eine dazu!" Kajaljade lachte: „Heute sind alle vollzählig — wer hat die Einladung geschrieben?" Phönixglanz sagte: „Neulich habe ich dir zwei Fläschchen Tee geschickt — wo warst du da?" Kajaljade lachte: „Oh, ganz vergessen, vielen Dank!" Phönixglanz fragte weiter: „Hast du ihn probiert? War er gut?" Schatzjade fiel ihr ins Wort: „Im Prinzip ganz passabel, nur fand ich ihn nicht besonders gut — ich weiß nicht, wie er anderen schmeckt." Schatzspange sagte: „Der Geschmack ist leicht, nur die Farbe ist etwas blass." Phönixglanz sagte: „Das ist siamesischer Tributtee. Mir schmeckt er auch nicht besonders — nicht so gut wie mein täglicher Tee." Kajaljade sagte: „Mir schmeckt er. Was habt ihr nur für einen Gaumen?" Schatzjade sagte: „Wenn er dir wirklich schmeckt, nimm meinen Anteil dazu." Phönixglanz lachte: „Wenn du ihn magst — ich habe noch welchen." Kajaljade sagte: „Wirklich? Dann schicke ich gleich ein Mädchen, um ihn zu holen." Phönixglanz sagte: „Nicht nötig, ich schicke ihn her. Ich habe morgen sowieso noch etwas von dir zu erbitten und schicke beides zusammen." Kajaljade lachte: „Hört nur! Kaum hat man ein Schlückchen von ihrem Tee getrunken, schon will sie einen kommandieren!" Phönixglanz lachte: „Komm, bitte ich dich, und du redest solches Zeug — Tee hier, Wasser da! Da du schon unseren Tee getrunken hast, warum heiratest du nicht in unsere Familie ein?" Alle lachten.
„Träumst du?“ fragte Hsi-fëng. „Was fehlt denn noch, damit du hier einheiratest?“ Sie wies auf Bau-yü und fuhr fort: „Schau ihn dir an! Ist er dir etwa nicht gut genug? Oder vielleicht seine Familie? Paßt dir sein Charakter nicht? Ist er dir zu arm? Was soll daran beleidigend sein?“ Kajaljade wurde rot im Gesicht, sagte kein Wort und drehte den Kopf weg. Li Schleierfrau lachte zu Schatzspange gewandt: „Unsere Zweite Schwägerin hat wirklich einen feinen Humor!" Kajaljade sagte: „Was für ein Humor — nichts als freches, gemeines Geschwätz, das einem auf die Nerven geht." Damit spuckte sie einmal aus.
Dai-yü stand auf und ging weg. Da rief Bau-tschai ihr nach: „Warum regst du dich auf? Komm zurück und setz dich wieder hin! Was hat es für einen Sinn, wenn du fortläufst?“ Sie stand auf, um Dai-yü festzuhalten, und als sie so an der Tür standen, kamen eben die Nebenfrauen Dschau und Dschou, um Bau-yü zu besuchen.

Li Wan, Bau-tschai und Bau-yü forderten sie auf, Platz zu nehmen, Hsi-fëng aber sprach weiter mit Dai-yü und würdigte die beiden keines Blickes. Eben wollte Bau-tschai etwas fragen, da erschien ein Sklavenmädchen von Dame Wang und sagte: „Die gnädige Frau Schwägerin der Herrin ist gekommen, und die junge gnädige Frau und die Fräulein werden nach drüben gebeten.“

Li Wan rief sogleich zum Gehen auf, und rasch verabschiedeten sich auch die Nebenfrauen Dschau und Dschou von Bau-yü und gingen ebenfalls.

„Ich kann ja nicht mit hinübergehen“, sagte Bau-yü. „Laßt die Tante bloß nicht hierher kommen!“ Dann wandte er sich an Dai-yü und bat: „Bleib noch einen Moment, ich will dir etwas sagen!“

Als Hsi-fëng das hörte, drehte sie sich noch einmal um und sagte lächelnd zu Dai-yü: „Du wirst gerufen!“ Damit schob sie Dai-yü ins Zimmer und ging dann mit Li Wan zusammen fort.

Bau-yü faßte Dai-yü am Ärmel und lachte verlegen. Was er gern sagen wollte, bekam er nicht über die Lippen. Dai-yü aber lief unwillkürlich rot an und versuchte, sich loszumachen.

Da klagte Bau-yü auf einmal: „Au, wie mir der Kopf weh tut!“

„Das geschieht dir ganz recht! Oh, Buddha Amitabha!“ sagte Dai-yü noch, als Bau-yü plötzlich aufschrie: „Ich sterbe!“ Er sprang drei, vier Tschï in die Höhe und stieß wilde Schreie aus. Dann begann er, wirre Reden zu führen.
Phönixglanz lachte: „Träum weiter! Wenn du unsere Schwiegertochter wärst — was würde dir fehlen?" Sie zeigte auf Schatzjade: „Sieh ihn dir an — passt die Person nicht? Der Rang nicht? Das Vermögen nicht? In welcher Hinsicht würde er dich beschämen?" Kajaljade stand auf und wollte gehen. Schatzspange rief: „Pin'er, sei nicht beleidigt! Komm zurück und setz dich. Wenn du gehst, ist es erst recht peinlich." Damit stand sie auf und hielt sie fest. Gerade kamen Tante Zhao und die Zhou-Konkubine herein, um nach Schatzjade zu sehen. Li Schleierfrau, Schatzspange und Schatzjade boten beiden einen Platz an. Nur Phönixglanz plauderte weiter mit Kajaljade und würdigte die beiden keines Blickes. Schatzspange wollte gerade etwas sagen, da kam ein Dienstmädchen von Frau Wang und meldete: „Die Tante ist gekommen — die Gnädigen Frauen und Fräulein werden hinausgebeten." Li Schleierfrau hörte das, rief eilig Phönixglanz und die anderen, und sie gingen davon. Auch Tante Zhao und die Zhou-Konkubine verabschiedeten sich von Schatzjade. Schatzjade sagte: „Ich kann nicht mit hinausgehen. Sagt der Tante bitte, sie möge nicht hereinkommen." Dann sagte er: „Schwester Lin, bleib noch einen Moment, ich möchte dir etwas sagen." Phönixglanz hörte das, wandte sich um und lachte zu Kajaljade: „Da will jemand mit dir reden!" Damit gab sie Kajaljade einen kleinen Schubs nach innen und ging mit Li Schleierfrau davon.
Kopflos vor Schreck meldeten Dai-yü und die Sklavenmädchen es rasch Dame Wang und der Herzoginmutter, und als diese zusammen mit Wang Dsï-tëngs Frau, die zu Besuch gekommen war, herbeigeeilt kamen, fuchtelte Bau-yü inzwischen mit einem Messer und einem Stock herum und wütete, daß es eine Art hatte.

Bei diesem Anblick begannen die Herzoginmutter und Dame Wang vor Schreck zu zittern, und mit den Rufen „Mein Junge!“, „Mein Herzblatt!“ brachen sie in Tränen der Verzweiflung aus.

Die ganze Familie geriet in Aufruhr. Von Djia Schë und Dame Hsing sowie Djia Dschën, Djia Dschëng, Djia Liän, Djia Jung, Djia Yün, Djia Ping, Tante Hsüä und Hsüä Pan bis hinunter zu Dschou Juees Frau und sämtlichen Sklavenfrauen und -mädchen kam alles in den Garten gelaufen, um zu sehen, was los war, und im Nu herrschte ein heilloses Durcheinander.

Aber ehe noch jemand wußte, was zu tun war, kam auch Hsi-fëng in den Garten gestürzt. In der Hand hielt sie ein blitzendes Stahlmesser, mit dem sie auf Hühner und Hunde einstach, die ihr in den Weg liefen, und auf Menschen ebenso.

Alles war in heller Aufregung, Dschou Juees Frau aber ging mit ein paar kräftigen, beherzten Sklavinnen auf Hsi-fëng los. Sie umringten sie, nahmen ihr das Messer ab und trugen sie in ihr Zimmer, wo Ping-örl und Fëng-örl so zu heulen begannen, daß es einen Stein erweichen konnte.
Schatzjade hielt Kajaljade am Ärmel und konnte nur grinsen — er hatte tausend Dinge im Herzen, doch kein Wort kam über seine Lippen. Kajaljade war längst knallrot im Gesicht und wollte sich losreißen. Da schrie Schatzjade plötzlich „Au!" und rief: „Mein Kopf! Was für Kopfschmerzen!" Kajaljade sagte: „Geschieht dir recht! Amitabha!" Plötzlich schrie Schatzjade laut: „Ich sterbe!" Er sprang hoch — sein Körper flog drei oder vier Fuß in die Höhe —, und er brüllte und schrie wirres Zeug. Kajaljade und die Dienstmädchen erschraken zu Tode und liefen, um Frau Wang, Herzoginmutter und die anderen zu benachrichtigen. Auch Frau Fliederranke König war gerade zu Besuch. Als sie alle herbeieilten, tobte Schatzjade noch schlimmer — er schwang Messer und Stöcke und drohte sich umzubringen. Das ganze Haus stand kopf. Herzoginmutter und Frau Wang zitterten vor Angst und weinten laut. Da kam auch die Meldung: auch Phönixglanz sei verrückt geworden — mit einem blitzenden Hackmesser stürze sie durch den Garten, schlage auf Hühner, Hunde und Menschen ein. Alle waren außer sich. Die Frau des Zhou Rui eilte mit ein paar kräftigen Mägden herbei, hielt sie fest, entwand ihr das Messer und trug sie zurück in ihr Zimmer. Friedchen[7] und Feng'er weinten bitterlich. Aufrecht Kaufmann und die anderen waren ratlos — kümmerte man sich um die eine Seite, konnte man die andere nicht im Stich lassen.
Djia Dschëng war in größter Sorge und wußte nicht, um wen er sich zuerst kümmern sollte. Wie erregt die anderen waren, läßt sich leicht denken. Von der heftigsten Unruhe war jedoch Hsüä Pan befallen. Er hatte Angst, seine Mutter könnte von der Menge umgerannt werden, dann wieder fürchtete er, Bau-tschai könnte angestarrt werden, und schließlich war er in Sorge, Hsiang-ling könnte belästigt werden, denn er wußte, wie Djia Dschën und einige andere hinter den Frauen her waren. So litt er Höllenqualen, bis sein Blick plötzlich auf Dai-yü in all ihrer Zartheit und Eleganz fiel, und gleich schmolz er dahin.

Inzwischen redete alles wild durcheinander. Die einen sagten, man müsse einen Geisterbeschwörer bitten, den Spuk auszutreiben. Andere meinten, man müsse eine Schamanin holen, um unter Tänzen ein Opfer zu bringen. Und wieder andere empfahlen Dschang den Heiligen aus dem Tempel des Jadekaisers. So ging das Gerede lärmend hin und her. Dann wurden hunderterlei Mittel versucht, Ärzte wurden geholt, und das Orakel wurde befragt, zu Göttern und zu Geistern wurde gebetet, aber nichts wollte helfen.
Alle gerieten in Panik, nur Becken Schnee war noch zehnmal geschäftiger als alle anderen: Er fürchtete, Tante Schnee könnte in der Menge umgestoßen werden; er fürchtete, Schatzspange könnte von fremden Männern angestarrt werden; er fürchtete, Xiangling könnte belästigt werden — da er wusste, dass Juwel Kaufmann[8] und seinesgleichen Liebhaber der Weiblichkeit waren. In all seiner Hektik fiel sein Blick auf Kajaljade, deren anmutige Schönheit ihn auf der Stelle schmelzen ließ.
Als die Sonne unterging, verabschiedete sich Wang Dsï-tëngs Frau und fuhr nach Hause. Am nächsten Tag kamen Wang Dsï-tëng selbst und nach ihm auch die Familie des jungen Fürsten Schï, die Brüder von Dame Hsing sowie alle möglichen anderen Verwandten und Angehörigen. Die einen brachten besprochenes Wasser mit, die anderen empfahlen buddhistische und dauistische Priester. Doch alles erwies sich als wirkungslos. Man rief Priester, Exorzisten und Schamanen herbei, doch nichts half. Tage und Nächte vergingen; Schatzjade und Phönixglanz lagen im Fieberwahn auf dem Bett, am ganzen Körper glühend wie Kohlen, und redeten nichts als Irrsinn. Nachts wagte sich niemand in ihre Nähe. Man brachte beide in Frau Wangs oberes Zimmer; nachts hielten Jia Yun und die Diener abwechselnd Wache. Herzoginmutter, Frau Wang, Frau Xing und Tante Schnee wichen nicht von der Seite und weinten nur.
Bau-yü und Hsi-fëng gerieten immer mehr außer sich und waren schon nicht mehr bei Sinnen. Sie lagen in ihren Betten, glühten am ganzen Leib wie brennende Kohlen und redeten irre. Zur Nacht wagten sich die Sklavinnen nicht mehr in ihre Nähe, darum wurden sie beide zu Dame Wang in den Hauptraum getragen, wo unter Djia Yüns Leitung Sklavenjungen abwechselnd Wache hielten. Die Herzoginmutter, Dame Wang, Dame Hsing und auch Tante Hsüä wichen nicht von ihrer Seite und saßen schluchzend dabei. Aus Furcht, die Herzoginmutter könnte sich deswegen einen Schaden zuziehen, wachten auch Djia Schë und Djia Dschëng die Nacht hindurch, und so kam das ganze Anwesen nicht zur Ruhe. Doch einen Rat wußte niemand.

Djia Schë holte dann immer neue buddhistische und dauistische Priester herbei, aber weil sie nichts ausrichteten, wurde Djia Dschëng ärgerlich und versuchte, Djia Schë davon abzubringen. „Das Schicksal der Menschen wird vom Himmel bestimmt, und menschliche Kraft vermag nichts zu erzwingen“, sagte er. „Die Krankheit der beiden kam ganz unverhofft, und wenn ihnen keine Behandlung helfen kann, wird es der Himmel wohl so wollen. Wir müssen sie wohl oder übel ihrem Schicksal überlassen.“ Djia Schë hörte nicht darauf und bemühte sich eifrig weiter, aber nichts brachte Hilfe.
Begnadigung Kaufmann [贾赦] und Aufrecht Kaufmann fürchteten, Herzoginmutter könnte sich krank weinen. Tag und Nacht brannten die Lichter, und das ganze Haus war in Aufruhr. Begnadigung Kaufmann suchte überall nach Mönchen und Daoisten. Aufrecht Kaufmann, der keine Wirkung sah, war zutiefst bekümmert und wandte sich an Begnadigung Kaufmann: „Die Zahl der Kinder ist vom Himmel bestimmt und nicht durch Menschenhand zu erzwingen. Ihre Krankheit kam unerwartet, und hunderterlei Behandlungen blieben ohne Erfolg. Wenn es der Wille des Himmels ist, müssen wir sie lassen." Begnadigung Kaufmann hörte gar nicht hin und trieb seine Bemühungen weiter. Drei Tage vergingen so. Phönixglanz und Schatzjade lagen auf dem Bett, und selbst der Atem wurde schwächer. Die ganze Familie war in Panik, man hielt sie für verloren und bereitete bereits Totenkleider und Grabbeigaben vor. Herzoginmutter, Frau Wang, Jadeschale Kaufmann, Friedchen und Dufthauch weinten Tag und Nacht und vergaßen Essen und Schlaf. Tante Zhao und Unheil Kaufmann dagegen frohlockten insgeheim.
Nach drei Tagen lagen Hsi-fëng und Bau-yü ohne sichtbares Lebenszeichen auf ihren Betten. Die ganze Familie war in Aufregung. Jeder sagte nur, es sei keine Hoffnung mehr, und so wurden eilig die Totenkleider und schuhe für die beiden hergerichtet. Die Herzoginmutter, Dame Wang, Djia Liän, Ping-örl und Hsi-jën weinten ergriffener als alle anderen. Sie vergaßen Schlaf und Essen über ihrem Kummer und wußten nicht aus noch ein. Nur Nebenfrau Dschau und Djia Huan waren zufrieden.

Am Morgen des vierten Tages, als die Herzoginmutter mit den anderen zusammen an Bau-yüs Bett saß und weinte, schlug Bau-yü plötzlich die Augen auf und sagte: „Ich kann nicht länger bei euch bleiben. Macht rasch alles fertig und schickt mich auf den Weg!“

Der Herzoginmutter war bei diesen Worten zumute, als würden ihr Herz und Leber aus dem Leibe gerissen, Nebenfrau Dschau aber redete auf sie ein: „Ihr dürft es nicht so tragisch nehmen, alte gnädige Frau! Mit ihm ist es aus, und das beste ist, man kleidet ihn rasch um und läßt ihn gehen, damit er weniger zu leiden hat. Wenn Ihr Euch so an ihn klammert, daß er den letzten Atem nicht aushauchen kann, wird er noch im Jenseits zu leiden haben und keine Ruhe finden...“

Ohne sie aussprechen zu lassen, spuckte ihr die Herzoginmutter ins Gesicht und schimpfte: „Verfluchte Vettel! Was schwatzt du da mit deiner verfaulten Zunge? Woher willst du wissen, daß er im Jenseits leidet und keine Ruhe findet? Woher willst du wissen, daß es aus ist mit ihm? Was hast du davon, wenn er stirbt?

Mach dir nur keine falschen Hoffnungen! Wenn er mir stirbt, kostet das euer Leben. Ihr steckt dahinter, daß er immer nur lernen mußte, bis ihm vor Angst die Galle geplatzt ist, und daß er vor seinem Vater gezittert hat wie die Maus vor der Katze. An allem seid nur ihr schuld, ihr Hurenpack! Wenn er jetzt in den Tod getrieben wird, seid ihr zufrieden, aber ich werde das keinem verzeihen!“
Am vierten Morgen, als Herzoginmutter und die anderen gerade weinend um Schatzjade standen, öffnete Schatzjade plötzlich die Augen und sagte: „Von heute an gehöre ich nicht mehr zu eurer Familie! Macht mich fertig und lasst mich gehen!" Herzoginmutter war, als risse man ihr das Herz heraus. Tante Zhao trat an ihre Seite und sagte beschwichtigend: „Die Alte Großmutter braucht sich nicht so zu grämen. Der junge Herr ist nicht mehr zu retten — ziehen wir ihm besser die Totenkleider an, damit er früher hinübergehen kann, das erspart ihm auch das Leiden. Wenn man ihn nicht loslässt und dieser letzte Atem nicht aufhört, leidet er auch drüben." Kaum hatte sie das gesagt, da spuckte Herzoginmutter ihr mitten ins Gesicht und schimpfte: „Was für eine faulzüngige Schandvettel! Wer hat dich gebeten, hier deinen Senf dazuzugeben! Woher willst du wissen, dass er drüben leidet? Woher willst du wissen, dass er nicht mehr zu retten ist? Du wünschst dir seinen Tod — was hättest du davon? Träum weiter! Wenn er stirbt, fordere ich von euch sein Leben! Seid ihr es nicht gewesen, die ihn ständig zum Schreiben und Lernen gehetzt haben, bis ihm der Mut gebrochen war, und er vor seinem Vater wie ein Mäuschen vor der Katze zittert? Seid ihr es nicht, ihr verdorbenen Weiber, die das angestiftet haben? Jetzt, wo ihr ihn in den Tod getrieben habt, seid ihr zufrieden — aber ich verschone keine von euch!" Dabei schimpfte und weinte sie. Aufrecht Kaufmann hörte das nebenan, und es schnitt ihm noch tiefer ins Herz. Er wies Tante Zhao zurecht und versuchte selbst, die Mutter zu trösten. Da kam jemand und meldete: „Die beiden Särge sind fertig, der Herr möge hinauskommen und sie prüfen." Herzoginmutter hörte das, als gieße man Öl ins Feuer, und rief: „Wer hat die Särge bestellt?" In einem fort schrie sie: „Holt den Sargmacher her und schlagt ihn tot!"
So schimpfte sie unter Tränen, und Djia Dschëng wurde es bei diesen Worten erst recht schwer ums Herz. Er schickte Nebenfrau Dschau weg, trat selbst zur Herzoginmutter und versuchte, sie zu beruhigen. Bald darauf erschien jemand mit der Meldung: „Die beiden Särge sind fertig. Kommt sie Euch bitte ansehen, gnädiger Herr!“

Als die Herzoginmutter dies hörte, war das, als werde Öl ins Feuer gegossen. „Wer hat die Särge in Auftrag gegeben?“ fragte sie schimpfend und verlangte ein ums andere Mal, der Schuldige solle gebracht und zu Tode geprügelt werden.

Mitten in dieses unentwirrbare Durcheinander tönten Schläge auf einen Holzgong und eine Stimme, die rief: „Gepriesen sei der Bodhisattwa, der uns von unseren Sünden erlöst! Menschen, die sich nicht wohl fühlen, Familien, die vor dem Zusammenbruch stehen, allen, die in Gefahr sind oder von bösen Geistern befallen, können wir helfen.“
Gerade als alles drunter und drüber ging, hörte man plötzlich aus der Ferne den Klang eines Holzfisches und eine Stimme, die psalmodierte: „Namo, Bodhisattva der Entsühnung! Wo Menschen krank und Häuser in Aufruhr, wo Gefahr droht oder böse Geister hausen — wir können heilen und helfen!" Herzoginmutter und Frau Wang hielten es nicht mehr aus und ließen sie sofort hereinbitten. Aufrecht Kaufmann war zwar nicht begeistert, doch wie konnte er Herzoginmutters Wort widersprechen? Es kam ihm auch seltsam vor, dass man sie in solcher Tiefe des Hauses so deutlich hören konnte. Er ließ sie hereinbitten. Alle sahen sich um — es waren ein Mönch mit einem kahlgeschorenen, aussätzigen Kopf und ein Daoist mit einem lahmen Fuß.
Kaum hatten die Herzoginmutter und Dame Wang dies gehört, konnten sie nicht mehr an sich halten und befahlen, die Mönche hereinzubitten. Djia Dschëng war zwar nicht wohl dabei, aber den Anordnungen der Herzoginmutter konnte er schlecht zuwiderhandeln. Außerdem wunderte es ihn, daß die Stimme hier in der Tiefe des Anwesens so deutlich zu hören gewesen war. Deshalb ließ er die Mönche holen. Alle sahen ihnen entgegen und erblickten dann einen grindköpfigen Buddhisten und einen lahmen Dauisten. Der Mönch sah so aus:
Der Buddhist sah so aus: Nase wie hängende Galle, Brauen überlang,
Die Nase wie eine Schweinsleber, die Brauen lang, Augen wie strahlende Sterne, Schatzesglanz,
die Augen wie Sterne und funkelnd vor Glanz. Flickenkutte, Strohsandalen, ohne Spur,
Die Kutte zerrissen, die Schuhe aus Stroh, Schmutzig und zerlumpt, den Grind am Schädel nur.
der Körper voll Schmutz, der Kopf voller Schorf. Und der Daoist:
Und der Dauist so: Ein Fuß hoch, ein Fuß tief,
Das eine Bein lang, das andre Bein kurz, Am ganzen Leib durchnässt und voller Schmutz.
völlig durchnäßt und mit Schlamm beschmiert. Fragst du ihn, wo sein Zuhause liegt:
Doch wenn man fragt: „Wo bist du zu Haus?“, Im Penglai-Land, am Schwachen Wasser weit.
heißt‘s: „Westlich von Pëng-lai und Schwachwasserfluß.“

„Aus welchen Klöstern kommt ihr?“ erkundigte sich Djia Dschëng.

„Ihr müßt keine überflüssigen Worte machen, hoher Herr“, erwiderte der Buddhist lächelnd. „Wir haben erfahren, daß es Kranke in Eurem Hause gibt, deshalb sind wir gekommen, um sie zu heilen.“

„Hier sind wirklich zwei Menschen von einem Übel befallen“, bestätigte Djia Dschëng. „Habt ihr vielleicht besprochenes Wasser dagegen?“

Lächelnd erwiderte der Dauist: „Es gibt doch eine einmalige Kostbarkeit in Eurem Hause, wozu braucht Ihr da noch besprochenes Wasser?“

Djia Dschëng verstand sofort, was damit gemeint war, und sagte: „Mein Sohn ist in der Tat mit einem Jadestein im Mund geboren worden, auf dem es heißt, er löse bösen Zauber, aber der Stein hilft nicht.“
Aufrecht Kaufmann fragte: „In welchem Tempel praktiziert ihr beide?" Der Mönch lachte: „Der Herr brauche nicht viele Worte. Da wir hörten, dass in Eurem Hause die Menschen krank sind, kamen wir eigens, um zu helfen." Aufrecht Kaufmann fragte: „Tatsächlich sind zwei Personen von bösen Geistern befallen. Habt ihr Zauberwasser oder Talismane?" Der Daoist lachte: „In Eurem Hause befindet sich bereits ein Schatz von weltweiter Seltenheit — warum fragt Ihr da noch nach unseren Zaubermitteln?" Aufrecht Kaufmann wurde hellhörig und sagte: „Mein Sohn kam zwar mit einem Jadestück zur Welt, auf dem steht, es könne böse Geister vertreiben, doch es hat offenbar keine Wirkung." Der Mönch sagte: „Ihr wisst nicht um die wunderbare Kraft dieses Gegenstands. Nur weil er jetzt von Sinnesfreuden und Habgier betäubt ist, wirkt er nicht mehr. Gebt ihn uns heraus, wir werden Gebete über ihn sprechen — dann wird er wohl wirken."
„Ihr kennt nicht die wunderbare Wirkungsweise dieses Steins, hoher Herr“, sagte der Buddhist. „Er wirkt nur deshalb nicht, weil er durch Musik und Frauenschönheit, Besitz und Eigennutz verwirrt ist. Gebt ihn her, damit wir eine Beschwörung darüber sprechen, und dann wird er wieder in Ordnung sein.“ Aufrecht Kaufmann nahm den Jadestein von Schatzjades Hals und reichte ihn den beiden. Der Mönch nahm ihn in die Hand, hielt ihn auf der Handfläche und seufzte tief: „Seit dem Abschied am Gipfel des Grünen Kamms sind dreizehn Jahre vergangen! Wie rasch eilt die irdische Zeit, der Staub des Schicksals füllt die Tage, als seien sie ein Fingerschnipp! Wie beneidenswert waren deine Tugenden einst:
Djia Dschëng nahm Bau-yü den Stein ab und reichte ihn den beiden hin. Der Buddhist nahm ihn entgegen, legte ihn auf seinen Handteller und sagte mit einem langen Seufzer: „Dreizehn Jahre sind wie im Fluge vergangen, seitdem wir uns an der Felswand Grüne Erhebung trennten. So schnell vergeht die Zeit in der Menschenwelt. Aber du hast nur irdische Dinge im Sinn, die nicht länger währen als ein Handumdrehen. Nicht gebunden an den Himmel, nicht an die Erde,
Wie gut hattest du es damals! Im Herzen weder Freud noch Leid und keine Beschwerde;
Von Himmel und Erde nicht gehemmt, nicht gebunden, Doch seit der Läuterung zum geistdurchdrungenen Stein
kannte nicht Freude, nicht Kummer dein Herz. Suchst du im Menschenreich den Streit und den Schein.
Doch durch die Schmelze von Nü-wa beseelt, Wie beklagenswert ist nun dein Los:
verlangt‘s dich nach menschlicher Lust und Qual. Puderflecken, Schminkespuren trüben deinen Schatzesglanz,
Und wie geht es dir heute? In der seidenen Kammer Tag und Nacht gefangen ganz.
Puder und Schminke beschmutzen den Glanz, Aus dem tiefen Rausch erwacht man einst gewiss,
bei Tag und bei Nacht quält dich Liebe.

Einst jedoch endet dein süßer Traum,
Sind die Schulden aufgewogen, folgt die Trennung, kein Vermiss."
ist die Schuld beglichen, die Trennung da.“

Im Anschluß an diese Worte rieb er den Stein in der Hand und redete wirres Zeug dazu. Dann gab er ihn Djia Dschëng zurück und sagte: „Jetzt wirkt er wieder und darf nicht entweiht werden. Er muß im Schlafgemach über die Tür gehängt werden, und die beiden Kranken müssen dort in einem Raum liegen. Außer Eurer Gattin und Eurer Mutter darf kein weibliches Wesen hinein. Wenn dreiunddreißig Tage vergangen sind, werden die Kranken gesund sein wie ehedem.“

Nach diesen Worten machten die Mönche kehrt und gingen davon. Djia Dschëng wollte noch mit ihnen sprechen, sie zum Tee bitten, ihnen Geschenke machen, aber die beiden waren schon hinaus. Rasch schickte die Herzoginmutter jemanden hinter ihnen her, doch es war keine Spur mehr von ihnen zu finden.
Damit rieb er das Jadestück noch einmal, sprach einige rätselhafte Worte und gab es Aufrecht Kaufmann zurück mit den Worten: „Dieses Ding hat seine Kraft wiedererlangt. Man darf es nicht entweihen. Hängt es an den Türsturz des Schlafgemachs, bringt die beiden Kranken in dasselbe Zimmer, und außer leiblicher Mutter und Ehefrau darf keine fremde Person sie berühren. In dreiunddreißig Tagen werden sie genesen und sein wie zuvor." Kaum gesagt, wandte er sich um und ging. Aufrecht Kaufmann wollte sie noch zum Tee bitten und ihnen Geschenke geben, doch die beiden waren bereits verschwunden. Herzoginmutter schickte noch Leute hinterher, doch von ihnen war keine Spur zu finden. Man musste ihren Worten folgen und brachte die beiden Kranken in Frau Wangs Schlafzimmer unter und hängte den Jadestein an die Tür. Frau Wang wachte persönlich und ließ niemand anderen herein.
So blieb nichts weiter zu tun, als den Anordnungen des Mönches zu folgen und die beiden Kranken ins Schlafzimmer von Dame Wang zu bringen und den Jadestein über die Tür zu hängen. Dame Wang hielt selbst bei ihnen Wache und gestattete keinem anderen einzutreten. Am Abend kamen Bau-yü und Hsi-fëng allmählich zu sich und klagten über Hunger. Darüber freuten sich die Herzoginmutter und Dame Wang so sehr, als ob sie einen wertvollen Schatz gefunden hätten, und sofort ließen sie eine nüchterne Reissuppe kochen, die sie den beiden zu essen gaben.

Nach und nach kehrten die Geisteskräfte der beiden zurück, und der Zauber wich. Der ganzen Familie fiel ein Stein vom Herzen. Als Li Wan, die drei Haustöchter, Bau-tschai, Dai-yü, Ping-örl und Hsi-jën, die im Vorzimmer auf eine Nachricht gewartet hatten, erfuhren, die Kranken hätten Reissuppe gegessen und kämen zu sich, rief Dai-yü, noch ehe jemand anders den Mund aufgemacht hatte: „Buddha Amitabha!“

Da drehte sich Bau-tschai zu ihr um, blickte sie lange an und lachte dann laut heraus.

Keiner verstand, was das bedeuten sollte, und Hsi-tschun fragte: „Worüber lachst du?“

Lächelnd erwiderte Bau-tschai: „Ich lache nur, weil der Buddha Tathagata weit mehr zu tun hat als ein einfacher Mensch. Er muß die heiligen Texte sprechen und alle Lebewesen erlösen, nachdem jetzt Bau-yü und Hsi-fëng krank geworden sind, Weihrauch abgebrannt wurde und Gelübde getan wurden, mußte er Glück spenden und das Übel vertreiben, und kaum daß es nun etwas besser wird, muß er sich auch noch um Dai-yüs Hochzeit kümmern. Sag selbst, ob das nicht zum Lachen ist, daß er dermaßen beschäftigt ist!“

Unwillkürlich lief Dai-yü rot an, dann spuckte sie aus und sagte: „Ihr seid keine guten Menschen, und es wird kein gutes Ende nehmen mit euch. Anstatt dem Beispiel guter Menschen zu folgen, ahmt ihr Hsi-fëng mit ihrem widerlichen Geschwätz nach.“ Damit schleuderte sie den Türvorhang beiseite und ging hinaus.
Am Abend begannen die beiden tatsächlich allmählich aufzuwachen und klagten über Hunger. Herzoginmutter und Frau Wang freuten sich wie über einen wiedergefundenen Schatz. Man kochte sogleich Reisbrühe, die beide tranken. Ihre Lebensgeister kehrten langsam zurück, die bösen Geister wichen. Die ganze Familie atmete auf. Li Schleierfrau, die drei Schwestern des Hauses, Schatzspange, Kajaljade, Friedchen, Dufthauch und die anderen warteten im Vorzimmer auf Nachricht. Als sie hörten, dass die Kranken Reisbrühe getrunken hatten und bei Sinnen waren, sprach Kajaljade als Erste ein „Amitabha". Schatzspange wandte den Kopf und sah sie lange an, dann kicherte sie. Niemand verstand warum. Bewahrfrühling fragte: „Schwester Bao, warum lachst du?" Schatzspange lachte: „Ich lache über den Buddha Amitabha — er hat so viel zu tun! Einerseits muss er Sutren lehren und das Dharma verkünden und alle Wesen erlösen; dann, weil Schatzjade und Schwester Phönixglanz krank waren, muss er Räucherwerk empfangen und Gelübde einlösen, Segen spenden und Unheil abwenden; und jetzt, da sie kaum ein wenig besser sind, muss er sich auch noch um Schwester Lins Heirat kümmern! Ist das nicht zum Lachen?" Kajaljade wurde rot, spuckte aus und sagte: „Ihr seid alle verdorben! Ihr wisst nicht, wie ihr sterben werdet! Statt von guten Menschen zu lernen, lernt ihr nur von diesen Klatschmäulern mit ihren giftigen Zungen!" Dabei rauschte sie empört durch den Vorhang hinaus.
Wenn ihr wissen wollt, wie es weiterging, müßt ihr das nächste Kapitel lesen. Was weiter geschieht, erzählt das nächste Kapitel.
  1. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".
  2. Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".
  3. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.
  4. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".
  5. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".
  6. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal-Jade".
  7. Chin. 平儿 Píng'ér, Phönixglanz' Kammerzofe.
  8. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ning-Hauses.

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