Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 40
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Kapitel 40: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)
| DE3 (Schwarz) | DE4 (Woesler, 2026) |
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| 40.Edelfrau Schï gibt zwei Festessen im Garten,Yüan-yang leitet ein Trinkspiel mit Dominosteinen. | Kapitel 40 |
| Als Bau-yü diese Meldung hörte, ging er sofort hinein und fand dort Hu-po, die vor dem Türschirm stand und zu ihm sagte: „Komm schnell herüber, man wartet auf dich, um etwas mit dir zu besprechen!“ | Die Herzoginmutter gibt zwei Feste im Garten des Großen Anblicks |
| Als Bau-yü in den Hauptraum trat, beriet die Herzoginmutter eben mit Dame Wang und den Mädchen des Hauses über die Gegeneinladung an Hsiang-yün, und Bau-yü sagte: „Ich habe da eine Idee! Wenn keine fremden Gäste dabei sind, sollten wir nicht eine bestimmte Anzahl von Gängen festlegen. Wir suchen nur ein paar Gerichte aus, wie sie jeder von uns gern ißt, die lassen wir zubereiten. Wir wollen uns auch nicht zusammen an große Tische setzen, sondern jeder bekommt ein hohes Tischchen für sich, mit ein oder zwei seiner Lieblingsgerichte darauf, dazu so eine Speiseschachtel mit vielen kleinen Fächern voll Näschereien und außerdem ein Weinkännchen. Wäre das nicht einmal etwas anderes?“ | Die goldene Mandarinenente verkündet dreimal das Dominospiel |
| Kaum hatte die Herzoginmutter das gehört, sagte sie: „Du hast ganz recht!“ Und gleich befahl sie, der Küche folgenden Bescheid zu geben: „Morgen werden von unseren üblichen Lieblingsgerichten so viele gemacht, wie wir Personen sind, und in Speiseschachteln getan. Auch die Morgenmahlzeit wird im Garten serviert!“ | Es wird erzählt, dass Schatzjade[1] die Meldung hörte, sofort hineinging und dort Bernstein[2] vor dem Türschirm stehen sah, die ihm zurief: „Komm schnell! Man wartet auf dich, um etwas zu besprechen!" |
| Über der Beratung war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Von der Nacht ist nichts zu berichten. | Schatzjade begab sich in den Hauptraum, wo die Herzoginmutter[3] gerade mit Dame Wang[4] und den Mädchen des Hauses beratschlagte, wie man Wolkenkind[5] die Einladung erwidern solle. Schatzjade sagte: „Ich habe da eine Idee! Da keine fremden Gäste dabei sind, sollten wir die Anzahl der Gänge nicht festlegen. Jeder suche sich nur ein paar Gerichte aus, die er besonders gern isst, und die lassen wir zubereiten. Wir setzen uns auch nicht an große Tafeln, sondern jeder bekommt ein eigenes hohes Tischchen vor sich, mit ein oder zwei seiner Lieblingsspeisen darauf, dazu eine Speiseschachtel mit vielen kleinen Fächern voller Leckereien und ein Selbsteingieß-Kännchen. Wäre das nicht einmal etwas anderes?" |
| Als es am nächsten Morgen Zeit war aufzustehen, herrschte zum Glück klares Wetter. Schon im Morgengrauen war Li Wan auf den Beinen und beaufsichtigte die Sklavenfrauen und -mädchen, die das abgefallene Laub wegfegten, Tische und Stühle abwischten und Tee- wie Weingeschirr zurechtstellten. Da sah sie auf einmal, wie unter Fëng-örls Führung Oma Liu und Ban-örl in den Garten kamen. „So fleißig, junge gnädige Frau?“ sagte Oma Liu. |
Kaum hatte die Herzoginmutter das gehört, sagte sie: „Sehr gut!" und befahl sogleich, der Küche Bescheid zu geben: „Morgen werden unsere Lieblingsspeisen zubereitet, nach der Zahl der Personen, und in Speiseschachteln gepackt. Auch die Morgenmahlzeit wird im Garten serviert!" |
| „Ich dachte, weil du gestern nicht mehr wegkonntest, würdest du es heute eilig haben zu gehen“, gab Li Wan lächelnd zurück. | Über der Beratung war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Von der Nacht ist nichts weiter zu berichten. |
| Ebenfalls lächelnd, erwiderte Oma Liu: „Die alte gnädige Frau hat mich dabehalten, damit ich den heutigen Trubel miterleben kann.“ | Am nächsten Morgen herrschte zum Glück klares, schönes Wetter. Schon im Morgengrauen war Li Schleierfrau[6] auf den Beinen und beaufsichtigte die alten Bediensteten und Dienstmädchen, die das abgefallene Laub zusammenfegten, Tische und Stühle abwischten und Tee- sowie Weingeschirr bereitstellten. Da sah sie plötzlich Fenger[7] mit Großmutter Liu[8] und dem kleinen Banchen[9] hereinkommen. |
| Jetzt holte Fëng-örl ein paar größere und kleinere Schlüssel hervor und sagte: „Unsere junge gnädige Frau meint, die hohen Tischchen, die im Garten vorhanden sind, würden wohl nicht ausreichen, darum sei es das beste, hier ins Obergeschoß zu gehen und die Tischchen herunterzuholen, die dort abgestellt sind, um sie heute einmal zu benutzen. Sie sagte noch, eigentlich müßte sie es selber machen, aber weil sie mit der gnädigen Frau zu sprechen habe, bitte sie Euch, die Türen zu öffnen und Leute mitzunehmen, die die Tischchen tragen.“ | „Die gnädige Frau ist ja eifrig bei der Arbeit!" sagte Fenger. |
| Li Wan befahl Su-yün, die Schlüssel an sich zu nehmen, und schickte eine Sklavenfrau ans Innentor, um von dort ein paar Sklavenjungen herzubeordern. Dann stellte sie sich vor dem Turm des Großen Anblicks auf und schaute zu, wie die Leute in den Brokatbestückten Turm hinaufstiegen und ein Tischchen nach dem anderen herunterholten. Sklavenjungen, -frauen und -mädchen, alle faßten mit zu, und im Nu waren zwanzig Tischchen heruntergebracht. | Li Schleierfrau erwiderte lächelnd: „Ich habe doch gesagt, dass du gestern nicht mehr fortgehen kannst — und du wolltest unbedingt aufbrechen!" |
| „Nur nicht so hastig, als ob euch Teufel auf den Fersen wären!“ mahnte Li Wan. „Paßt auf, daß ihr nirgends mit den geschnitzten Kanten anstoßt!“ Dann wandte sie sich zu Oma Liu und forderte sie auf: „Geh hinauf und schau dich um!“ | Großmutter Liu lachte: „Die alte gnädige Frau hat mich hierbehalten. Sie will, dass ich einen fröhlichen Tag mit ihr verbringe!" |
| Darauf schien Oma Liu nur gewartet zu haben. Ohne ein Wort der Erwiderung zog sie Ban-örl hinter sich her und stieg die Treppen hinauf. Als sie dort in den Raum trat, sah sie, daß er mit Wandschirmen, Tischen, Stühlen und bemalten Laternen in allen Größen vollgestellt war. Oma Liu kannte sich mit solchen Dingen kaum aus. Sie sah nur bunten Glanz und wunderliche Formen, und nachdem sie ein paarmal den Namen Buddhas angerufen hatte, ging sie wieder hinunter. | Fenger überreichte mehrere große und kleine Schlüssel und sagte: „Unsere junge gnädige Frau lässt bestellen, die hohen Tischchen draußen reichen vielleicht nicht. Man solle lieber die Galerie aufschließen und die dort eingelagerten herunterholen. Die junge gnädige Frau wäre selbst gekommen, aber sie spricht gerade mit der gnädigen Frau. Sie bittet die ältere gnädige Frau, die Galerie zu öffnen und Leute zum Tragen anzuweisen." |
| Als alle Leute unten und die Türen wieder verschlossen waren, sagte Li Wan: „Vielleicht steht der alten gnädigen Frau der Sinn danach und wir tun gut daran, herunterzuholen, was man zum Bootfahren braucht – kleine Beiboote, Stangen zum Staken, Ruder und Sonnensegel!“ | Li Schleierfrau ließ Suyun[10] die Schlüssel entgegennehmen und befahl den alten Bediensteten, ein paar Burschen vom Innentor herbeizurufen. Dann stellte sie sich unter die Große Anblick-Galerie[11], blickte hinauf und ließ die Zierbrokatgalerie[12] öffnen. Tisch für Tisch wurde heruntergetragen — Burschen, alte Frauen und Dienstmädchen griffen alle mit an, und mehr als zwanzig Tischchen wurden heruntergebracht. |
| Die Leute vom Gesinde sagten jawohl, schlossen die Türen noch einmal auf und brachten alles herunter. Dann beauftragte Li Wan einen Sklavenjungen, den Ruderfrauen zu bestellen, sie sollten ins Bootshaus gehen und zwei von den Booten herausstaken. | Li Schleierfrau mahnte: „Vorsichtig! Nicht so hastig, als ob euch der Teufel jagte! Gebt acht auf die Zierleisten!" Dann wandte sie sich lächelnd an Großmutter Liu: „Großmutter, geh doch auch einmal hinauf und schau dir das an!" |
| Während Li Wan eben noch aufgeregt die verschiedensten Anstalten traf, sah sie, wie die Herzoginmutter, von einem Menschenschwarm begleitet, bereits den Garten betrat. Rasch ging Li Wan ihr entgegen und sagte lächelnd: „Seid Ihr so begeistert, alte gnädige Frau, daß Ihr jetzt schon hier seid? Ich nahm an, Ihr wärt noch nicht frisiert, und habe eben erst Chrysanthemen gebrochen, um sie Euch bringen zu lassen.“ | Großmutter Liu ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie nahm Banchen bei der Hand, stieg die Treppe hinauf und trat ins Innere. Dort lagen dichtgedrängt und dunkel allerlei Stellwände, Tische, Stühle und Laternen in verschiedenen Größen. Obwohl sie die meisten Gegenstände nicht benennen konnte, leuchteten sie in allen fünf Farben und waren jedes für sich ein Wunderwerk. Großmutter Liu murmelte ein paar Mal „Amitabha Buddha!" und stieg wieder hinunter. Die Tür wurde verriegelt, und alle kamen herunter. |
| Während sie das sagte, brachte Bi-yüä schon eine große Schale aus grünem Hartjade in Lotosblattform, die mit Chrysanthemenblüten in den verschiedensten Farben gefüllt war. | Li Schleierfrau sagte: „Falls die alte gnädige Frau guter Laune ist, sollten wir vorsorglich auch die Boote bereitstellen — Ruder, Stangen, Sonnensegel und alles Zubehör." Die Leute gehorchten, öffneten die Galerie noch einmal und holten alles herunter. Dann schickten sie die Burschen in den Bootsschuppen, um den Bootsführerinnen Bescheid zu geben, sie sollten zwei Barken herausfahren. |
| Die Herzoginmutter wählte eine dunkelrote Blüte aus und steckte sie sich ins Schläfenhaar. Als sie sich dann umwandte und dabei Oma Liu erblickte, sagte sie rasch mit einem Lächeln: „Komm her und steck dir auch eine Blume ins Haar!“ | Während man noch mit den Vorbereitungen beschäftigt war, kam die Herzoginmutter bereits mit einer ganzen Schar Leute herein. Li Schleierfrau eilte ihr lächelnd entgegen: „Die alte gnädige Frau ist ja vergnügt und schon hier! Ich dachte, Ihr wärt noch beim Frisieren, und wollte Euch gerade frisch gepflückte Chrysanthemen hinüberschicken." Noch während sie sprach, brachte Biyue[13] bereits eine große Jadeschale in Form eines Lotosblattes herbei, gefüllt mit Chrysanthemen in verschiedenen Farben. |
| Das hatte sie kaum ausgesprochen, als Hsi-fëng Oma Liu schon bei der Hand faßte und herüberführte, wobei sie erklärte: „Ich werde dich schmücken!“ Mit diesen Worten steckte sie Oma Liu alle Blüten, die in der Schale lagen, kreuz und quer in die Haare, und die Herzoginmutter wie auch alle anderen kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus. | Die Herzoginmutter suchte sich eine dunkelrote aus und steckte sie an ihre Schläfe. Dann blickte sie sich um, erblickte Großmutter Liu und rief lächelnd: „Komm her und lass dir auch eine Blume anstecken!" |
| „Ich weiß gar nicht, durch welche tugendhaften Taten sich mein Kopf das Glück verdient hat, heute in solchem Glanz erstrahlen zu dürfen“, sagte Oma Liu. Die anderen aber rieten ihr: „Herunterreißen solltest du die Blumen und sie ihr ins Gesicht werfen! Wie einen alten Dämon hat sie dich ausstaffiert.“ |
Kaum hatte sie das ausgesprochen, zerrte Phönixglanz[14] Großmutter Liu schon heran und rief lachend: „Lass mich dich herausputzen!" Und damit steckte sie der Alten kreuz und quer einen ganzen Teller voll Blumen ins Haar. |
| „Jetzt bin ich alt, aber als ich jung war, bin ich auch eitel gewesen und habe Blumen und Puder geliebt“, bekannte Oma Liu, „darum geschieht es mir gerade recht, wenn ich heute als Putzteufel herumlaufen muß!“ | Die Herzoginmutter und alle anderen bogen sich vor Lachen. Großmutter Liu sagte lächelnd: „Was mein alter Kopf wohl für Verdienste angesammelt hat, dass er heute so vornehm geschmückt wird!" |
| Unter diesem Gespräch waren sie am Duftgetränkten Pavillon angelangt. Die Sklavenmädchen brachten ein großes brokatbezogenes Polster und legten es auf das hölzerne Ruhebett am Geländer. Sich an einer Säule stützend, setzte die Herzoginmutter sich nieder und befahl Oma Liu, sie solle neben ihr Platz nehmen. Dann fragte sie: „Gefällt dir der Garten?“ | Die anderen riefen lachend: „Du solltest ihr die Blumen aus dem Haar reißen und sie ihr ins Gesicht werfen! Sie hat dich herausgeputzt wie ein altes Ungeheuer!" |
| Oma Liu rief den Namen Buddhas an, dann erzählte sie: „Wir vom Lande kommen stets vor dem Neujahrsfest in die Stadt und kaufen Bilder, die wir uns an die Wand kleben. Und immer, wenn wir dann Muße haben, sagen wir: ‚Wie können wir es bloß anstellen, einmal in das Bild hineinzukommen, um dort spazierenzugehen?‘ Wir denken, das sei nur ausgedacht, was auf den Bildern zu sehen ist, so etwas könne es in Wirklichkeit nicht geben. Wer konnte ahnen, daß ich heute in einen Garten kommen würde, wo es schon auf den ersten Blick zehnmal schöner ist als auf den Bildern! | Großmutter Liu erwiderte lächelnd: „Alt bin ich wohl, aber in jungen Jahren war auch ich eine Schönheit und liebte Blumen und Puder! Jetzt bin ich eben eine alte Schönheit — umso besser!" |
| Schade, daß nicht jemand da ist, der mir den Garten aufmalen kann! Dann könnte ich das Bild mit nach Hause nehmen und den andern zeigen. Ich gäbe mein Leben darum!“ | Unter Lachen und Scherzen waren sie zum Pavillon der Schimmernden Düfte[15] gelangt. Ein Dienstmädchen brachte eine große Brokat-Matte und breitete sie auf der Liegebank am Geländer aus. Die Herzoginmutter lehnte sich an eine Säule und setzte sich, dann bat sie Großmutter Liu, neben ihr Platz zu nehmen, und fragte: „Wie gefällt dir dieser Garten?" |
| Als die Herzoginmutter das hörte, wies sie auf Hsi-tschun und sagte: „Schau, das ist unsere jüngste Enkelin. Sie kann malen. Soll ich ihr sagen, daß sie ein Bild für dich malt?“ | Großmutter Liu rief „Amitabha Buddha!" und sagte: „Bei uns auf dem Land gehen die Leute zur Neujahrszeit in die Stadt und kaufen sich Bilderbogen zum Aufhängen. In der freien Zeit sagen dann alle: 'Ach, wenn man doch einmal in so ein Bild hineingehen und dort spazieren könnte!' Dabei denkt man sich, dass die Bilder ja nur gemalt und nicht echt sind — wo gibt es schon einen solchen Ort in Wirklichkeit? Und nun komme ich heute in diesen Garten und sehe, dass er zehnmal schöner ist als jedes Bild! Wenn doch jemand diesen Garten abmalen könnte! Ich würde das Bild mit nach Hause nehmen und es den Leuten zeigen — da hätte ich noch im Tod etwas davon!" |
| Kaum hatte Oma Liu dies vernommen, lief sie freudestrahlend zu Hsi-tschun hinüber, faßte sie bei der Hand und sagte: „Mein Mädelchen! So jung und so hübsch seid Ihr, und dann habt Ihr noch solche Fähigkeiten! Ihr seid doch nicht etwa eine Göttin in Menschengestalt?“ | Die Herzoginmutter hörte das und wies lächelnd auf Bewahrfrühling[16]: „Sieh dir meine kleine Enkelin an — sie kann malen! Morgen lassen wir sie ein Bild davon anfertigen, einverstanden?" |
| Nachdem die Herzoginmutter sich ein Weilchen ausgeruht hatte, übernahm sie persönlich die Führung, um Oma Liu alles zu zeigen. Zuerst gingen sie zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Als sie durchs Tor traten, sahen sie, daß beiderseits des Weges grüner Bambus stand, auf dem Boden aber wuchs überall dunkles Moos. Der mit Steinen gepflasterte Pfad schlängelte sich dazwischen hindurch. Oma Liu überließ den Weg der Herzoginmutter mit ihrem Gefolge und ging selbst auf dem ungepflasterten Boden. | Großmutter Liu war hocherfreut, lief sofort zu Bewahrfrühling und fasste sie bei den Händen: „Mein liebes Fräulein! In deinem Alter, mit diesem hübschen Gesicht und dann auch noch so ein Talent — bist du nicht eine wiedergeborene Unsterbliche?" |
| „Komm zurück!“ sagte Hu-po und griff nach Oma Lius Hand. „Paß auf, daß du auf dem Moos nicht ausgleitest!“ | Nachdem die Herzoginmutter ein Weilchen geruht hatte, machte sie sich auf, Großmutter Liu alles zu zeigen. Zuerst gingen sie zum Haus am Fluss Xiao und Xiang[17]. Kaum durch das Tor getreten, sah man zu beiden Seiten des Weges Bambus, den Boden bedeckte grünes Moos, und in der Mitte schlängelte sich ein schmaler, mit kleinen Steinen gepflasterter Pfad. |
| „Keine Bange!“ erwiderte Oma Liu. „Wir sind so etwas gewöhnt. Geht Ihr nur auf dem Weg, es wäre schade, wenn Ihr Euch die gestickten Schuhe schmutzig machtet!“ Völlig in das Gespräch vertieft, achtete sie indes nicht auf den Weg, rutschte wirklich aus und lag im nächsten Augenblick, plumps! auf der Erde. | Großmutter Liu trat zur Seite und überließ der Herzoginmutter und den anderen den Weg; sie selbst ging neben dem Pfad auf dem bloßen Erdboden. Bernstein zog sie am Ärmel und sagte: „Großmutter, komm auf den Weg herauf! Pass auf, das Moos ist glitschig!" |
| Alles klatschte in die Hände und lachte schallend heraus, die Herzoginmutter aber schalt lächelnd: „Ihr kleinen Spitzbeine! Wollt ihr ihr nicht endlich aufhelfen, anstatt nur dazustehen und zu gackern?“ Während sie das sagte, hatte Oma Liu sich schon aufgerappelt, lachte mit und sagte: „Geschieht mir recht! Wenn man den Mund zu weit aufreißt, bekommt man eins drauf.“ „Hast du dir auch nichts getan?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. „Ich werde den Mägden befehlen, sie sollen dir die Hüfte klopfen!“ |
Großmutter Liu erwiderte: „Das macht nichts! Wir sind solche Wege gewöhnt. Geht ihr Fräulein nur voran! Schade wäre es um eure hübschen bestickten Schuhe, wenn sie schmutzig würden." Dabei achtete sie nach oben auf die Leute, mit denen sie sprach, und nicht auf den Boden unter ihren Füßen — und tatsächlich glitt sie aus und fiel mit einem Plumps hin. Alle klatschten in die Hände und brachen in lautes Gelächter aus. |
| „Haltet Ihr mich für so zart?“ fragte Oma Liu. „Es vergeht doch kein Tag, ohne daß ich ein paarmal falle. Wo käme ich hin, wenn ich mich da jedesmal durchklopfen lassen wollte!“ | Die Herzoginmutter schimpfte lachend: „Ihr kleinen Spitzbuben! Helft ihr doch auf, anstatt dazustehen und zu lachen!" |
| Inzwischen hielt Dsï-djüan schon den Türvorhang aus Bambus hoch, und die Herzoginmutter trat mit den anderen ins Haus, wo sie Platz nahm. Dai-yü selbst brachte auf einem Tablett ein Deckelschälchen voll Tee und reichte es der Herzoginmutter. | Doch Großmutter Liu hatte sich bereits selbst aufgerappelt und lachte ebenfalls: „Kaum prahlt man, schon bekommt man eine auf den Mund!" |
| „Wir anderen wollen keinen Tee!“ sagte Dame Wang. „Die Mägde brauchen nichts einzugießen!“ | Die Herzoginmutter fragte sie: „Hast du dir die Hüfte verdreht? Lass die Mädchen sie dir ausklopfen!" |
| Da ließ Dai-yü von einem Sklavenmädchen den Stuhl vor dem Fenster, auf dem sie selbst häufig zu sitzen pflegte, auf den zweiten Platz neben den der Herzoginmutter stellen und lud Dame Wang ein, sich darauf zu setzen. | Großmutter Liu winkte ab: „So verwöhnt bin ich nicht! Jeden Tag falle ich zwei-, dreimal hin — wenn ich mir dabei jedes Mal die Knochen klopfen ließe, wäre ich ja nie fertig!" |
| Als Oma Liu auf dem Tisch vor dem Fenster Schreibpinsel und Tuschereibsteine entdeckte und die Bücher sah, die sich auf dem Büchergestell häuften, sagte sie: „Dies ist bestimmt die Studierstube des jungen Herrn!“ Die Herzoginmutter aber wies lächelnd auf Dai-yü und sagte: „Ihre Räume sind das, sie ist mein Tochterkind.“ | Purpurkuckuck[18] hatte bereits den Perlenvorhang hochgerafft. Die Herzoginmutter und die anderen traten ein und setzten sich. Kajaljade[19] brachte persönlich auf einem kleinen Teetablett eine Tasse Tee mit Deckel und reichte sie der Herzoginmutter. |
| Nun musterte Oma Liu aufmerksam Dai-yü, ehe sie bemerkte: „Das sieht aber gar nicht aus wie ein Zimmer, in dem ein Fräulein stickt, sondern mehr wie die schönste Studierstube.“ | Dame Wang sagte: „Wir trinken keinen Tee. Du brauchst nicht einzugießen, mein Kind." |
| „Warum ist Bau-yü nicht zu sehen?“ verlangte inzwischen die Herzoginmutter zu wissen. | Kajaljade hörte das und befahl einem Dienstmädchen, den Stuhl, auf dem sie gewöhnlich am Fenster saß, an die untere Seite zu rücken, und bat Dame Wang, darauf Platz zu nehmen. |
| „Er ist im Boot auf dem Teich“, gaben die Sklavenmädchen ihr Auskunft. | Großmutter Liu sah die Schreibpinsel und das Tuschreibstein-Set auf dem Tisch am Fenster und die Bücherregale, die bis oben hin mit Büchern gefüllt waren. „Das muss wohl das Arbeitszimmer eines der jungen Herren sein", sagte sie. |
| „Wer ist denn auf den Einfall gekommen, daß wir auch noch Boot fahren wollen?“ fragte die Herzoginmutter. | Die Herzoginmutter lachte und wies auf Kajaljade: „Das hier ist das Zimmer meiner Enkeltochter mütterlicherseits!" |
| Sofort berichtete Li Wan: „Als ich vorhin die Tischchen aus dem Turm geholt habe, dachte ich, es würde Euch vielleicht Spaß machen, Boot zu fahren, alte gnädige Frau. Darum habe ich alles dafür vorbereiten lassen.“ | Großmutter Liu betrachtete Kajaljade aufmerksam, dann sagte sie lächelnd: „Das sieht doch gar nicht aus wie das Nähzimmer eines Fräuleins — es ist ja schöner als das allerfeinste Gelehrtenzimmer!" |
| Eben wollte die Herzoginmutter etwas darauf erwidern, als gemeldet wurde: „Die gnädige Frau Tante kommt.“ | Die Herzoginmutter fragte: „Wo ist denn Schatzjade?" |
| Kaum hatte sich die Herzoginmutter mit den anderen zusammen erhoben, als Tante Hsüä schon hereintrat. Sie forderte alle auf, wieder Platz zu nehmen, dann sagte sie: „Habt Ihr so viel Vergnügen daran, daß Ihr schon so früh hier seid, alte gnädige Frau?“ | Die Dienstmädchen antworteten: „Er ist unten auf dem Teich im Boot." |
| Lächelnd erwiderte die Herzoginmutter: „Vorhin sagte ich noch, wer zu spät kommt, wird bestraft. Wie konnte ich ahnen, daß es Euch treffen würde!“ | Die Herzoginmutter wunderte sich: „Wer hat denn Boote vorbereiten lassen?" |
| Nachdem sie ein Weilchen geplaudert hatten, entdeckte die Herzoginmutter, daß die Fenstergaze ausgeblichen war, und sagte zu Dame Wang: „Frisch aufgeklebt sieht diese Gaze wohl gut aus, aber nach eniger Zeit ist sie dann nicht mehr grün. Außerdem wächst hier im Hof auch kein Pfirsich- und kein Aprikosenbaum, nur grüner Bambus, dazu paßt grüne Fenstergaze ohnehin nicht. Ich kann mich erinnern, daß wir Fenstergaze in vier oder fünf Farben hatten. Wir sollten die Fenster hier morgen frisch bekleben lassen!“ | Li Schleierfrau beeilte sich zu antworten: „Als wir vorhin die Galerie öffneten, um die Tischchen zu holen, habe ich vorsorglich auch die Boote bereitstellen lassen, für den Fall, dass die alte gnädige Frau Lust auf eine Bootsfahrt hätte." |
| Rasch schaltete Hsi-fëng sich ein und sagte: „Gestern war ich im Speicher und habe gesehen, daß in der großen Truhe noch einige Stücken rosafarbener ‚Zikadenflügelgaze‘ mit unterschiedlichen Mustern lagen – Blütenzweige, Hakenkreuze und Glückszeichen zwischen treibenden Wolken, Schmetterlinge inmitten von Blumen, alles war da. Die Farbe war frisch, der Stoff dünn und weich, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich habe zwei Stücken davon genommen, um Steppdecken für zwei Betten damit zu beziehen. Das wäre gut geeignet, glaube ich.“ | Die Herzoginmutter wollte gerade etwas sagen, als gemeldet wurde: „Die gnädige Frau Tante ist da!" Kaum hatten sich die Herzoginmutter und die anderen erhoben, trat Tante Schnee[20] schon ein. Sie nahm lächelnd Platz und sagte: „Die alte gnädige Frau ist ja vergnügt und schon so früh hier!" |
| „Puh!“ machte die Herzoginmutter und lächelte dabei, „alle sagen, es gebe nichts, womit du nicht vertraut wärst, nichts, was du nicht gesehen hättest, und da kanntest du nicht einmal diesen Stoff? Ich bin gespannt, ob du wohl in Zukunft den Mund weiter so voll nehmen wirst!“ | Die Herzoginmutter lachte: „Ich habe doch gesagt, wer zu spät kommt, wird bestraft — und nun kommt ausgerechnet die Frau Tante zu spät!" |
| Tante Hsüä lachte mit den anderen zusammen darüber, dann sagte sie: „Egal, was sie alles kennt und was sie alles gesehen hat, mit Euch kann sie sich trotzdem nicht messen, alte gnädige Frau! Wollt Ihr sie nicht belehren? Wir andern würden es auch gern hören!“ | Nach ein wenig Geplauder fiel der Herzoginmutter auf, dass der Gaze-Stoff an den Fenstern seine Farbe verloren hatte. Sie sagte zu Dame Wang: „Wenn man diesen Stoff frisch aufzieht, sieht er hübsch aus, aber mit der Zeit verliert er seinen Glanz. In diesem Hof gibt es ja auch keine Pfirsich- oder Aprikosenbäume — der Bambus ist ohnehin grün, und wenn man dazu noch grüne Gaze nimmt, passt es nicht zusammen. Ich erinnere mich, dass wir früher vier oder fünf verschiedenfarbige Fenstergazen hatten. Morgen soll man ihr die Fenster damit neu bespannen." |
| Hsi-fëng bat ebenfalls lächelnd: „Belehrt mich doch, liebe alte Ahne!“ | Phönixglanz sagte eilig: „Gestern habe ich im Magazin nachgesehen. In einer großen Kiste lagen noch einige Ballen silberrosafarbener Zikadenfügelgaze — mit verschiedenen Mustern: Blütenzweige, Wolken-und-Glück-Muster, hundert Schmetterlinge zwischen Blüten. Die Farben waren noch leuchtend, und der Stoff war ganz leicht und weich — so etwas habe ich noch nie gesehen! Ich habe zwei Ballen herausgenommen, um daraus Steppdecken mit Gazeüberzug zu machen. Die müssten sehr schön werden." |
| „Diese Seidengaze ist älter als ihr“, sagte die Herzoginmutter und lächelte Tante Hsüä und den anderen zu. „Es ist auch kein Wunder, daß Hsi-fëng sie für Zikadenflügelgaze hält, denn sie ähnelt ihr tatsächlich, und jeder, der sie nicht kennt, hält sie dafür. Ihr richtiger Name lautet jedoch ‚Weihrauchgaze‘.“ | Die Herzoginmutter hörte das und lachte: „Pfui! Alle Welt sagt, du hättest schon alles gesehen und alles erlebt — und du erkennst nicht einmal diese Gaze? Und morgen wirst du wieder große Reden schwingen!" |
| „Das hört sich ebenfalls gut an“, unterbrach sie Hsi-fëng, „aber diesen Namen habe ich nie gehört, obwohl ich doch alt genug bin und schon Hunderte von Gazearten gesehen habe!“ | Tante Schnee und die anderen sagten lachend: „Was sie auch alles gesehen und erlebt haben mag — wie könnte sie sich mit der alten gnädigen Frau messen? Warum klärt Ihr sie nicht auf? Dann können auch wir etwas lernen." |
| „Wie alt kannst du schon sein, und was für Krempel kannst du schon gesehen haben, daß du dich derart aufspielst“, spottete die Herzoginmutter wieder. „Diese Weihrauchgaze gibt es nur in vier Farbtönen – ‚Klarer Himmel nach dem Regen‘, ‚Herbstduft‘, ‚Kieferngrün‘ und ‚Silberrot‘. Wenn man Vorhänge daraus macht oder die Fensterrahmen damit bespannt, sieht der Stoff von weitem wie Rauch oder Nebel aus, darum heißt er auch Weihrauchgaze. Die rosafarbene Sorte wird auch ‚Abendrotschattengaze‘ genannt. Selbst die Seidengaze, die man heutzutage am Kaiserhof verwendet, ist nicht so weich, stark, dicht und leicht wie diese.“ | Phönixglanz sagte ebenfalls lachend: „Liebste Ahnin, bitte belehrt mich!" |
| „Nicht nur, daß Hsi-fëng so etwas noch nicht gesehen hatte, selbst ich habe nie davon gehört“, sagte Tante Hsüä jetzt lächelnd. | Die Herzoginmutter wandte sich lächelnd an Tante Schnee und die Gesellschaft: „Diese Gaze ist älter als ihr alle zusammen! Kein Wunder, dass sie sie für Zikadenfügelgaze hält — sie sieht auch ein wenig so aus, und wer sich nicht auskennt, verwechselt sie. Ihr richtiger Name ist 'Zarter Rauch-Stoff'[21]." |
| Inzwischen hatte Hsi-fëng, ohne das Gespräch zu unterbrechen, längst ein Stück Gaze holen lassen. | Phönixglanz sagte: „Ein schöner Name! Aber so groß, wie ich schon bin, und so viele hundert Sorten Seide und Gaze ich gesehen habe — von diesem Namen habe ich noch nie gehört." |
| „Die ist es!“ sagte die Herzoginmutter. „Anfangs war sie nur benutzt worden, um die Fensterrahmen damit zu bespannen, später aber probierten wir sie auch für Bettdecken und Vorhänge, und das ging sehr gut. Morgen suchst du ein paar Stücken heraus und läßt hier die Fenster rosa bekleben.“ | Die Herzoginmutter lachte: „Wie alt bist du denn schon, und wie viele Dinge hast du gesehen, von denen du nicht weißt, wohin damit — und tust so, als wüsstest du alles! Von diesem 'Zarten Rauch-Stoff' gibt es nur vier Farben: die eine ist himmelblau wie nach dem Regen, die zweite herbst-ocker, die dritte kieferngrün, und die vierte eben silberrosa. Wenn man Bettvorhänge oder Fensterschirme daraus macht und sie von fern betrachtet, sehen sie aus wie feiner Rauch — daher der Name 'Zarter Rauch-Stoff'. Die silberrosafarbene heißt auch 'Schleier des Abendrots'[22]. Heutzutage gibt es selbst bei der Gaze für den kaiserlichen Gebrauch nichts mehr, das so weich, dicht und leicht zugleich wäre." |
| Hsi-fëng versprach es, und nun sahen sich alle das Gazestück an, und ihr Lob nahm kein Ende. | Tante Schnee sagte lachend: „Nicht nur Phönixglanz hat das noch nie gesehen — auch ich habe nie davon gehört!" |
| Auch Oma Liu konnte ihren Blick nicht davon wenden. Sie rief den Namen Buddhas an und sagte: „Unsereins kann nicht einmal davon träumen, sich aus so etwas Kleider machen zu lassen. Ist das nicht zu schade, um die Fenster damit zu bekleben?“ | Phönixglanz hatte, während sie sprach, längst jemanden losgeschickt, einen Ballen zu holen. Die Herzoginmutter sagte: „Ist es nicht genau dieser! Ursprünglich nahm man ihn nur zum Bespannen von Fenstern; später haben wir probeweise Bettdecken und Vorhänge daraus gemacht, und es war auch gut. Morgen sucht ein paar Ballen heraus und bespannt ihr die Fenster mit dem silberrosafarbenen." |
| „Kleider daraus würden gar nicht gut aussehen“, erklärte ihr die Herzoginmutter, Hsi-fëng aber ließ rasch den Rand einer dunkelroten seidenen Unterjacke sehen, die sie trug, und sagte, an die Herzoginmutter und Tante Hsüä gewandt: „Seht Euch mal meine Jacke hier an!“ | Phönixglanz versprach es. Alle betrachteten den Stoff und lobten ihn über alle Maßen. Auch Großmutter Liu beäugte ihn mit zusammengekniffenen Augen und sagte bewundernd: „Amitabha Buddha! Bei uns auf dem Land könnte man sich nicht einmal Kleider daraus leisten — und bei euch nimmt man ihn zum Fensterbespannen! Ist das nicht schade?" |
| „Auch das ist beste Gaze“, sagten die beiden. „Die wird heute in den Palastwerkstätten für den Gebrauch bei Hofe gewebt, doch mit jener ist sie nicht zu vergleichen.“ | Die Herzoginmutter sagte: „Für Kleider sieht er gar nicht gut aus." Phönixglanz zog sogleich den Saum ihres eigenen dunkelroten wattierten Seidenjäckchens hervor und zeigte es der Herzoginmutter und Tante Schnee: „Seht nur meinen Stoff!" |
| „Das dünne Zeug, sagt Ihr, wird in den Palastwerkstätten für den Gebrauch bei Hofe gewebt?“ wunderte sich Hsi-fëng. „Das kann ja nicht einmal mit der Sorte mithalten, die für den Bedarf der Beamten bestimmt ist!“ | Die Herzoginmutter und Tante Schnee sagten: „Das ist auch schon vom Feinsten — das ist die aktuelle kaiserliche Hofmanufaktur-Ware. Und trotzdem kommt sie nicht an jene heran." |
| „Such einmal nach!“ sagte die Herzoginmutter. „Ich glaube, davon muß auch noch dunkelblauer da sein. Wenn du ihn findest, soll Oma Liu ihn für einen Bettvorhang haben. Was übrigbleibt, wird mit passendem Futterstoff komplettiert, und die Mägde bekommen gefütterte Westen daraus. Was soll der Stoff unnütz herumliegen und stockfleckig werden!“ | Phönixglanz sagte: „Dieses dünne Ding hier wird schon kaiserliche Hofware genannt, dabei kann es sich nicht einmal mit der gewöhnlichen Beamtenqualität messen!" |
| Hsi-fëng versprach es sogleich und ließ das Stoffmuster wieder wegtragen. Jetzt erhob sich die Herzoginmutter und schlug vor: „Wir wollen woandershin gehen, hier ist es zu eng!“ |
Die Herzoginmutter sagte: „Sucht noch einmal nach — vielleicht gibt es auch noch blaue. Wenn ja, holt alles heraus: Gebt dieser lieben Verwandten Liu zwei Ballen, hängt mir einen als Vorhang auf, und aus dem Rest macht mit Futter unterlegt Westen für die Mädchen. Sonst liegt er nur herum und wird von Motten zerfressen." |
| Ein weiteres Mal rief Oma Liu den Namen Buddhas an, ehe sie sagte: „Es heißt, große Leute wohnen in großen Räumen, und gestern habe ich gesehen, mit welch großen Truhen, Schränken, Tischen und Betten die Haupträume der alten gnädigen Frau ausgestattet sind. Das ist wirklich überwältigend. So ein Schrank ist ja größer und breiter als bei uns ein Zimmer. Kein Wunder, daß im Hof eine Leiter stand. Erst habe ich überlegt: ‚Was soll die Leiter? Hier steigt doch niemand aufs Dach, um etwas darauf zu trocknen!‘ Aber dann bin darauf gekommen, daß sie bestimmt gebraucht wird, wenn man etwas in die Schrankaufsätze tun will. Denn ohne Leiter kommt man dort nicht heran. | Phönixglanz versprach es sofort und ließ alles fortbringen. Die Herzoginmutter erhob sich lächelnd: „Hier ist es eng. Gehen wir weiter und schauen uns noch anderes an!" |
| Jetzt sehe ich, daß es in diesem Zimmerchen hier noch besser aussieht als dort in den großen Räumen. Über all die Dinge, die es hier gibt, kann ich nur staunen und weiß nicht einmal, wie man dazu sagt. Je länger ich mich hier umsehe, desto weniger möchte ich von hier fortgehen.“ | Großmutter Liu rief „Amitabha Buddha!" und sagte: „Alle sagen ja, die großen Häuser haben große Zimmer. Gestern habe ich den Hauptraum der alten gnädigen Frau gesehen, mit den riesigen Schränken, Tischen und Betten — das war wirklich imposant! Der Schrank allein ist größer und höher als unser ganzes Haus! Kein Wunder, dass im Hinterhof eine Leiter steht — ich hatte mich schon gewundert, wozu die wohl dient; auf dem Dach trocknet man ja nichts. Dann fiel mir ein: Die braucht man bestimmt, um den hohen Schrank ganz oben zu öffnen und Sachen herein- und herauszunehmen! Und nun sehe ich dieses kleine Zimmer hier, das ist noch hübscher und ordentlicher als das große. Alles darin ist ein Augenschmaus — ich weiß nicht einmal die Namen dafür! Je länger ich schaue, desto weniger kann ich mich losreißen." |
| „Es gibt aber noch Besseres als das hier“, versprach ihr Hsi-fëng. „Ich werde dir alles zeigen!“ | Phönixglanz sagte: „Es gibt noch Schöneres! Ich führe dich überall hin." Damit verließen sie das Haus am Fluss Xiao und Xiang. |
| Bei diesen Worten hatten sie die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß bereits verlassen, und weit in der Ferne sahen sie auf dem Teich einen Trupp Frauen die Boote staken. | In der Ferne sahen sie eine Gruppe Leute, die auf dem Teich ein Boot steuerten. Die Herzoginmutter sagte: „Wenn schon Boote bereitstehen, dann wollen wir fahren!" Und sie wandte sich in Richtung der Purpurkastanien-Insel und des Knöterich-Ufers[23]. Noch ehe sie den Teich erreicht hatten, kamen ihnen mehrere alte Bedienstete mit identischen, in gedrehter Seide gefassten und mit Gold plattierter Fünffarben-Speisetruhen entgegen. |
| „Wenn nun einmal alles vorbereitet ist, wollen wir auch Boot fahren!“ entschied die Herzoginmutter und setzte sich in Richtung auf die Insel der Violetten Wassernüsse und den Knöterichstrand in Bewegung. Doch bevor sie an den Teich gelangt waren, näherte sich ihnen eine Gruppe von Sklavenfrauen, von denen jede eine große buntlackierte und mit Gold eingelegte Speiseschachtel trug. „Wo soll die Morgenmahlzeit aufgetragen werden?“ erkundigte sich Hsi-fëng sogleich bei Dame Wang. |
Phönixglanz fragte Dame Wang eilig, wo die Morgenmahlzeit serviert werden solle. Dame Wang erwiderte: „Fragt die alte gnädige Frau — wo sie will, dort servieren wir." |
| „Das wollen wir die alte gnädige Frau entscheiden lassen!“ lautete die Antwort. | Die Herzoginmutter hörte das und sagte über die Schulter: „Bei deiner dritten Schwester ist es schön. Nimm die Leute mit und decke dort auf — wir fahren von hier aus mit dem Boot hinüber." |
| Die Herzoginmutter, die ihre Worte gehört hatte, wandte den Kopf und sagte: „Bei Tan-tschun wäre es schön, geh also mit den Leuten vor und laß das Essen richten! Wir aber fahren von hier mit den Booten hinüber.“ | Phönixglanz kehrte sofort um und ging zusammen mit Spürfrühling[24], Li Schleierfrau, Mandarinenente[25] und Bernstein den kurzen Weg zum Atelier des Herbstgeistes[26] und ließ in der Halle des Morgentauschimmers[27] die Tische aufstellen. |
| Hsi-fëng machte kehrt und ging mit Tan-tschun, Li Wan, Yüan-yang, Hu-po und den Essenträgerinnen auf kürzestem Wege zur Studierstube Herbstfrische, wo sie in der Halle des Grüns am Morgen Tische und Stühle zurechtstellen ließ. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Yüan-yang lächelnd: „Wir reden immer davon, daß die Herren, wenn sie auswärts essen und trinken, jemand haben, der den Spaßmacher für sie abgibt. Heute haben wir eine Spaßmacherin!“ | Mandarinenente sagte lachend: „Jeden Tag reden wir darüber, wie die Herren draußen beim Essen und Trinken immer einen Schmarotzer dabeihaben, über den sie sich lustig machen. Heute haben wir auch einen bekommen — und zwar eine Schmarotzerin!" |
| Li Wan war zu harmlos, um das zu begreifen, Hsi-fëng aber verstand, daß Oma Liu gemeint war. Lachend sagte sie: „Ja, wir wollen sie tüchtig zum besten haben!“ Und schon berieten die beiden: „So und so...“ Lächelnd mahnte Li Wan: „Nichts als Unfug habt ihr im Sinn! Ihr seid doch keine kleinen Kinder mehr, daß ihr so ungezogen sein müßt. Paßt nur auf, daß die alte gnädige Frau euch nicht schilt!“ |
Li Schleierfrau war eine gutmütige Person und verstand nicht, was Mandarinenente meinte. Phönixglanz aber wusste sofort, dass von Großmutter Liu die Rede war, und sagte lachend: „Dann wollen wir uns heute auf ihre Kosten amüsieren!" Die beiden steckten die Köpfe zusammen und schmiedeten einen Plan. |
| „Euch betrifft es ja nicht, laßt mich nur machen!“ erwiderte Yüan-yang lächelnd. | Li Schleierfrau mahnte lächelnd: „Ihr tut auch nie etwas Gutes! Ihr seid doch keine kleinen Kinder mehr, und trotzdem treibt ihr solchen Unfug! Passt auf, die alte gnädige Frau wird euch schelten!" |
| Als sie das eben sagte, kam auch die Herzoginmutter mit ihrer Begleitung herein, und alle nahmen zwanglos Platz. Zuerst mußten die Sklavenmädchen zwei Tabletts mit Tee auftragen, und als alle getrunken hatten, brachte Hsi-fëng in einem europäischen Leinentuch einen Packen Eßstäbchen, die aus Ebenholz gefertigt und mit Silber beschlagen waren, und legte in der Reihenfolge der Rangordnung jedem sein Paar auf den Tisch. | Mandarinenente lachte: „Das geht dich überhaupt nichts an. Lass mich nur machen!" |
| „Stellt das Tischchen aus Nan-mu-Holz hier herüber, damit Oma Liu in meiner Nähe sitzen kann!“ befahl die Herzoginmutter. Und kaum hatte das Gesinde ihre Worte gehört, wurde der Tisch gebracht. | Während sie noch sprachen, kam die Herzoginmutter mit ihrer Gesellschaft an, und alle setzten sich, wie es ihnen behagte. Zuerst brachten die Dienstmädchen zwei Tabletts mit Tee, und alle tranken. Dann legte Phönixglanz die Plätze fest: Sie hatte ein Tuch aus westlichem Stoff in der Hand, darin eingewickelt ein Paar Essstäbchen aus Ebenholz mit dreifacher Silbereinlage, und verteilte alles auf den Tischen. |
| Hsi-fëng gab jetzt Yüan-yang rasch ein Zeichen mit den Augen, daraufhin nahm Yüan-yang Oma Liu bei der Hand und führte sie hinaus, wo sie ihr mit leiser Stimme ein paar Anweisungen erteilte. Dann fügte sie hinzu: „So ist es bei uns hier die Regel. Wenn du etwas falsch machst, wirst du ausgelacht.“ Anschließend ließ sie Oma Liu wieder hineingehen. | Die Herzoginmutter befahl: „Rückt den kleinen Tisch aus Nanmu-Holz [28] herüber, damit unsere liebe Verwandte Liu dicht neben mir sitzen kann." Man brachte sofort den Tisch herbei. |
| Die Herzoginmutter hatte Bau-yü, Hsiang-yün, Dai-yü und Bau-tschai mit an ihrem Tisch, bei Dame Wang am Tisch saßen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun. Oma Lius Tischchen stand dicht bei der Herzoginmutter. | Phönixglanz warf Mandarinenente verstohlene Blicke zu. Mandarinenente zog Großmutter Liu hinaus und flüsterte ihr eine ganze Reihe Anweisungen zu, dann sagte sie: „So sind bei uns die Regeln — wenn du etwas falsch machst, lachen wir dich aus!" Als alles abgesprochen war, kehrten sie an ihre Plätze zurück. |
| Für gewöhnlich standen, wenn die Herzoginmutter aß, kleinere Sklavenmädchen an ihrer Seite und hielten Mundspülschale, Fliegenwedel und Mundtücher bereit, Yüan-yang aber versah dergleichen Dienste nicht mehr. Heute jedoch griff sie nach dem Fliegenwedel und begann ihn zu schwenken. Die anderen Sklavenmädchen, die wußten, daß es darum ging, Oma Liu zum Narren zu halten, räumten ihr willig das Feld. Yüan-yang stand auf ihrem Posten, zugleich erinnerte sie Oma Liu mit gesenkter Stimme: „Vergiß es nicht!“ | Tante Schnee hatte bereits gegessen und nahm keinen Platz ein; sie saß nur abseits und trank Tee. Die Herzoginmutter saß mit Schatzjade, Wolkenkind, Kajaljade und Schatzspange[29] an einem Tisch. Dame Wang saß mit den drei Schwestern Willkommensfrühling[30], Spürfrühling und Bewahrfrühling an einem anderen. Großmutter Liu saß neben der Herzoginmutter. |
| „Seid unbesorgt, Fräulein!“ erwiderte Oma Liu. Als sie dann Platz genommen hatte und nach ihren Eßstäbchen griff, fand sie diese so schwer, daß sie ihren Fingern nicht gehorchten. Hsi-fëng hatte nämlich mit Yüan-yang verabredet, extra für Oma Liu ein Paar klobige alte Elfenbeinstäbchen mit Goldauflage auf den Tisch zu bringen. „Oh, diese Klötze sind ja noch schwerer als die eisernen Schaufeln, mit denen wir zu Hause den Boden umgraben. Wie soll ich denn damit fertig werden?“ wunderte sich Oma Liu. |
Gewöhnlich standen beim Essen der Herzoginmutter kleine Dienstmädchen bereit, die Spucknapf, Fliegenwedel und Servietten hielten. Mandarinenente versah diesen Dienst normalerweise nicht mehr, doch heute nahm sie eigens den Fliegenwedel in die Hand. Die Dienstmädchen wussten, dass sie Großmutter Liu einen Streich spielen wollte, und traten beiseite, um ihr freie Bahn zu lassen. Mandarinenente stand dienend bereit und flüsterte Großmutter Liu zu: „Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe!" |
| Alles lachte über diese Worte, und im selben Augenblick trat eine Sklavin mit einer Speiseschachtel ein und blieb an der Tür damit stehen. Eines der Sklavenmädchen trat auf sie zu und nahm den Deckel von der Schachtel. Li Wan nahm eine der beiden Schüsseln, die in der Schachtel standen, heraus und setzte sie auf den Tisch der Herzoginmutter, Hsi-fëng aber setzte absichtlich eine Schüssel mit Taubeneiern vor Oma Liu auf den Tisch. | Großmutter Liu flüsterte zurück: „Seid unbesorgt, Fräulein." |
| Jetzt sagte die Herzoginmutter: „Ich bitte!“ Da stand Oma Liu auf und verkündete mit lauter Stimme: | Großmutter Liu nahm Platz und griff nach den Essstäbchen — sie waren ungewöhnlich schwer und lagen unbequem in der Hand. Das hatte nämlich seinen Grund: Phönixglanz und Mandarinenente hatten sich abgesprochen und Großmutter Liu eigens ein Paar alte, vierkant geschliffene, elfenbeinerne, goldverzierte Essstäbchen gegeben. |
| „Ich bin die alte Mutter Liu | Großmutter Liu betrachtete sie und sagte: „Diese Dinger hier sind ja schwerer als unsere Eisenschaufeln zu Hause! Wie soll man damit umgehen?" Alle lachten laut. |
| und freß so viel wie eine Kuh. Ein ganzes fettes Mutterschwein schling ich mit einem Mal hinein.“ Anschließend klopfte sie sich auf die Wange und war wieder still. |
Dann kam eine Frau mit einer Speisetruhe herein und stellte sich in die Mitte, ein Dienstmädchen hob den Deckel — darin standen zwei Schüsseln mit Speisen. Li Schleierfrau nahm die eine und stellte sie auf den Tisch der Herzoginmutter. Phönixglanz aber wählte absichtlich die Schüssel mit Taubeneier-Bällchen und stellte sie auf Großmutter Lius Tisch. |
| Zuerst waren alle wie versteinert, doch nachdem sie die Worte gehört hatten, brach hoch und niedrig in schallendes Gelächter aus. Hsiang-yün konnte nicht an sich halten und prustete den ganzen Mund voll Reis heraus. Dai-yü verschluckte sich, lag auf dem Tisch und japste. Bau-yü preßte seinen Kopf an die Brust der Herzoginmutter, diese aber legte den Arm um ihn und rief: „Mein Herz, meine Leber!“ | Die Herzoginmutter sagte: „Bitte, greift zu!" — und Großmutter Liu stand auf, räusperte sich laut und rief: „Die alte Liu, die alte Liu — die frisst so viel wie eine Kuh! Wenn sie eine alte Muttersau vorgesetzt bekommt, hebt sie den Kopf nicht mehr!" Dann blies sie die Backen auf und sagte kein Wort mehr. |
| Dame Wang richtete ihren Finger gegen Hsi-fëng, bekam aber vor Lachen kein Wort heraus. Auch Tante Hsüä konnte sich nicht beherrschen und prustete ihren Tee über Tan-tschuns Rock, die ihrerseits ihr Eßschälchen in Ying-tschuns Schoß entleerte. Hsi-tschun lief hinaus, zog ihre Amme mit sich und verlangte, sie solle ihr den Bauch massieren. Auch unter den Sklavinnen war keine, die sich nicht vor Lachen gebogen hätte. Während die einen hinausstürzten und sich dort auf die Erde hockten, um sich auszulachen, versuchten andere, sich zusammenzunehmen, und halfen den Mädchen des Hauses, die Kleider zu wechseln. Einzig Hsi-fëng und Yüan-yang verbissen sich das Lachen und bedienten Oma Liu unbeirrt weiter. Oma Liu hob ihre Eßstäbchen, merkte wieder, daß sie nicht damit zu Rande kam, und sagte: „Das müssen ja niedliche Hühner sein, die solche zierlichen Eier legen. Davon muß ich mir eins einficken!“ Eben erst waren alle wieder zur Ruhe gekommen, jetzt platzten sie über diese Worte wieder laut heraus. Die Herzoginmutter lachte Tränen, und Hu-po mußte ihr den Rücken klopfen. Dann sagte die Herzoginmutter: „Bestimmt steckt Hsi-fëng, dieses verschlagene kleine Biest, dahinter. Du darfst ihr nichts mehr glauben!“ |
Einen Augenblick lang waren alle verdutzt, doch dann brach — oben wie unten — schallendes Gelächter aus. Wolkenkind konnte sich nicht mehr halten und prustete ihren ganzen Bissen Reis heraus. Kajaljade verschluckte sich vor Lachen und sank über den Tisch zusammen, „Au, au!" stöhnend. Schatzjade war längst in den Schoß der Herzoginmutter gerollt, und die Herzoginmutter lachte so heftig, dass sie Schatzjade umklammerte und „mein Herzblatt!" rief. Dame Wang lachte so sehr, dass sie nur noch mit dem Finger auf Phönixglanz zeigen konnte, aber kein Wort herausbrachte. Tante Schnee konnte sich ebenfalls nicht beherrschen — sie spuckte ihren Tee über Spürfrühlings Kleid. Spürfrühling ließ vor Lachen ihre Reisschale fahren, die sich über Willkommensfrühlings Kleid ergoss. Bewahrfrühling sprang von ihrem Stuhl auf, zerrte an ihrer Amme und rief: „Knete mir den Bauch, mir tun die Eingeweide weh!" Am Boden gab es keine Einzige, die sich nicht vor Lachen krümmte — die einen schlichen sich hinaus und hockten sich lachend in eine Ecke, die anderen kamen mit unterdrücktem Lachen herbei, um den Fräulein beim Kleiderwechseln zu helfen. Nur Phönixglanz und Mandarinenente hielten die Fassung und nötigten Großmutter Liu weiter zum Essen. |
| Hsi-fëng aber ging darauf ein, daß Oma Liu die Eier so niedlich fand und sich eins davon ‚einficken‘ wollte, und erklärte ihr lächelnd: „Die kosten ein Liang Silber das Stück. Probier nur schnell eins! Wenn sie kalt sind, schmecken sie nicht mehr.“ | Großmutter Liu nahm die Essstäbchen — und spürte, dass sie ihr nicht gehorchten. Sie sagte: „Die Hühner hier sind aber auch hübsch! Und sie legen so niedliche kleine Eierchen! Ich will mal versuchen, mir eins aufzugabeln." [31] |
| Also hob Oma Liu wieder die Stäbchen, um ein Ei damit zu fassen, aber wie sollte das wohl gelingen! Die ganze Schüssel wühlte sie durch, ehe sie endlich eins erwischt hatte. Schon streckte sie den Hals, um sich das Ei in den Mund zu schieben, aber da entglitt es ihren Eßstäbchen und rollte über den Boden. Rasch legte Oma Liu die Eßstäbchen nieder und wollte sich selbst danach bücken, doch schon hatte es eins der Sklavenmädchen gegriffen und trug es hinaus. | Alle, die gerade aufgehört hatten zu lachen, brachen erneut in Gelächter aus. Die Herzoginmutter lachte, bis ihr die Tränen kamen; Bernstein klopfte ihr von hinten den Rücken. Die Herzoginmutter sagte lachend: „Das hat bestimmt wieder dieses Phönixglanz-Schandmaul angerichtet! Glaubt ihren Worten nicht!" |
| „Ein Liang Silber ist futsch, ohne daß es auch nur piep! gemacht hätte“, seufzte Oma Liu. | Großmutter Liu lobte eben noch die niedlichen kleinen Eier und wollte eines aufgabeln. Phönixglanz sagte lachend: „Ein Liang Silber das Stück! Probier schnell — wenn sie kalt werden, schmecken sie nicht mehr." |
| Keiner der Anwesenden hatte mehr Lust zu essen. Jeder schaute nur nach Oma Liu und lachte. „Wer hat denn diese Eßstäbchen hervorgekramt?“ fragte jetzt die Herzoginmutter. „Ist denn das noch ein Gastmahl oder ein Festessen? Das hat doch alles nur Hsi-fëng ausgeheckt. Wollt ihr nicht endlich andere Eßstäbchen bringen?“ |
Großmutter Liu streckte die Stäbchen aus und versuchte, ein Taubenei zu fassen, doch es gelang ihr nicht. Sie stocherte in der Schüssel herum und herum, bis sie es endlich zu fassen bekam. Kaum streckte sie den Hals, um es in den Mund zu stecken, glitt es herunter und rollte über den Boden. Eilig legte sie die Stäbchen hin und wollte es selbst aufheben, aber die Bedienung hatte es schon aufgelesen und hinausgetragen. |
| Nun waren es ja nicht die Sklavenmädchen gewesen, die diese Eßstäbchen aufgelegt hatten, sondern Hsi-fëng und Yüan-yang, dennoch trugen sie die elfenbeinernen Ungetüme nach dieser Mahnung der Herzoginmutter rasch hinaus und brachten statt dessen ein anderes Paar aus Ebenholz mit Silberbeschlägen, wie es auch alle anderen bekommen hatten. | Großmutter Liu seufzte: „Ein Liang Silber — und ehe man sich's versieht, ist es weg, ohne dass man einen Ton gehört hätte!" [32] |
| „Die mit Gold bin ich los, dafür bekomme ich welche mit Silber“, sagte Oma Liu. „Aber die sind auch nicht so bequem wie die, die wir bei uns im Dorf nehmen.“ „Dafür sieht man es dem Silber sofort an, wenn Gift im Essen ist“, erläuterte Hsi-fëng. |
Niemand konnte mehr essen; alle schauten nur noch auf Großmutter Liu und lachten. Die Herzoginmutter sagte: „Was habt ihr ihr da für Essstäbchen gegeben! Es ist doch keine Festtafel für Ehrengäste! Das war wieder Phönixglanz' Einfall — tauscht sie sofort aus!" |
| „Wenn dieses Essen hier giftig sein soll, ist das, was wir bei uns zu Hause essen, das reine Arsenik“, sagte Oma Liu. „Wenn ich mich auch daran vergifte, werde ich doch alles aufessen!“ | Die Bediensteten hatten gar keine solchen Elfenbeinstäbchen bereit — Phönixglanz und Mandarinenente hatten sie eigens mitgebracht. Auf den Befehl hin nahmen sie die Stäbchen weg und gaben Großmutter Liu stattdessen ein Paar aus Ebenholz mit Silbereinlage. |
| Als die Herzoginmutter sah, wie sich Oma Liu über alles freute und wie gut es ihr schmeckte, ließ sie ihr ihre eigenen Speisen hinüberreichen und gab extra einer alten Sklavin den Auftrag, auch Ban-örl von allen Gerichten etwas aufzutun. | Großmutter Liu sagte: „Die goldenen sind weg, jetzt kommen die silbernen — aber auch die liegen mir nicht so gut in der Hand wie unsere daheim!" |
| Bald darauf war das Essen beendet, und die Herzoginmutter ging mit den anderen in Tan-tschuns Wohngemächer hinüber, um dort zu plaudern. Hier aber wurden die Tische abgeräumt, und anschließend wurde einer davon frisch eingedeckt. Als Oma Liu sah, daß Li Wan und Hsi-fëng sich an diesem Tisch einander gegenübersetzten, um zu essen, sagte sie mit einem Seufzer: „Von allem anderen einmal abgesehen, gefällt es mir, wie es hier zugeht. Nicht umsonst sagt man ‚Die Riten nehmen ihren Ausgang in den großen Familien.‘“ | Phönixglanz sagte: „Wenn Gift im Essen wäre, würde sich das Silber verfärben — daran erkennt man es." |
| Lächelnd bat Hsi-fëng: „Du mußt dir nichts dabei denken, daß alle so gelacht haben!“ | Großmutter Liu erwiderte: „Wenn in eurem Essen Gift wäre, dann wäre unser Essen reines Arsenik! Aber selbst vergiftet würde ich noch alles aufessen!" |
| Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als auch Yüan-yang wieder hereinkam und lächelnd sagte: „Sei mir nicht böse, Oma! Ich bitte um Vergebung!“ | Die Herzoginmutter fand die Alte so amüsant und sah sie so herzhaft essen, dass sie ihr auch ihre eigenen Speisen hinüberreichte. Außerdem befahl sie einer alten Bediensteten, dem kleinen Banchen von allem etwas in seine Schale zu legen. |
| „Was sagt Ihr da, Fräulein!“ protestierte Oma Liu. „Wir haben doch nur die alte gnädige Frau ein bißchen zum Lachen gebracht, warum sollte ich da böse sein! Es war mir gleich klar, als Ihr mir Eure Anweisungen gegeben habt, daß es Euch nur darum zu tun war, daß alle etwas zum Lachen haben. Wenn ich das übelgenommen hätte, hätte ich den Mund gehalten.“ | Als das Essen beendet war, begab sich die Herzoginmutter mit den anderen in Spürfrühlings Schlafgemach zum Plaudern. Hier wurde der Tisch abgeräumt und ein neuer gedeckt. Großmutter Liu sah zu, wie Li Schleierfrau und Phönixglanz einander gegenübersaßen und aßen, und seufzte: „Alles andere beiseite — was ich an eurem Haus am meisten bewundere, sind eure feinen Sitten! Da sagt man wirklich zu Recht: 'Höflichkeit kommt aus den großen Häusern'." |
| „Warum gießt ihr der Oma keinen Tee ein?“ schalt Yüan-yang die Sklavenfrauen. | Phönixglanz sagte eilig und lächelnd: „Nimm es uns nicht übel! Vorhin war das doch nur ein Spaß unter uns." |
| „Eben hatte mir die junge Herrin schon Tee eingegossen, und ich habe getrunken“, bedankte sich Oma Liu. „Aber Ihr müßt auch etwas essen, Fräulein!“ | Kaum hatte sie das gesagt, kam auch Mandarinenente herein und sagte lachend: „Großmutter, seid nicht böse! Ich bitte Euch um Verzeihung!" |
| Da griff Hsi-fëng nach Yüan-yangs Hand und forderte sie auf: „Setz dich zu uns und iß mit! Dann sparst du zu Hause die Umstände.“ | Großmutter Liu erwiderte lächelnd: „Was sagt Ihr da, Fräulein! Wir haben doch zusammen die alte gnädige Frau aufgeheitert — was gibt es da böse zu sein? Als Ihr mir vorhin die Anweisungen gabt, habe ich sofort verstanden, worum es ging. Es war doch nur ein Spaß! Wenn ich es mir wirklich zu Herzen genommen hätte, dann hätte ich gar nichts gesagt." |
| Also nahm Yüan-yang Platz, und die Sklavenfrauen brachten ein drittes Gedeck. Als die drei aufgegessen hatten, bemerkte Oma Liu mit lächelnder Miene: „Ihr eßt ja hier alle nur ein paar Häppchen, und schon ist Schluß. Daß Ihr dabei nicht hungrig seid! Kein Wunder, wenn Euch jeder Wind umpustet!“ | Mandarinenente schalt die Bediensteten: „Warum schenkt ihr der Großmutter keinen Tee ein?" |
| „Was ist mit dem vielen Essen geworden, das heute übriggeblieben ist?“ erkundigte sich unterdessen Yüan-yang. | Großmutter Liu wehrte ab: „Die Schwägerin vorhin hat mir schon Tee gebracht, ich habe bereits getrunken. Das Fräulein sollte nun auch selbst essen." |
| „Es ist noch alles da“, erwiderten die Sklavenfrauen. „Die andern warten, daß es verteilt wird.“ | Phönixglanz zog Mandarinenente heran: „Setz dich zu uns und iss mit, dann gibt es nachher keinen Ärger." Mandarinenente setzte sich, die alten Frauen brachten Schale und Stäbchen, und die drei aßen zusammen. |
| „Sie schaffen es nicht, das alles aufzuessen!“ meinte Yüan-yang und befahl: „Sucht zwei Schüsseln davon aus und bringt sie für Ping-örl in die Räume der Frau des zweiten jungen Herrn!“ | Großmutter Liu sagte lächelnd: „Ich sehe, ihr alle esst nur so ein winziges Bisschen und seid dann fertig. Kein Wunder, dass euch der Wind umweht!" |
| „Ping-örl hat schon lange gegessen und braucht nichts davon“, wandte Hsi-fëng ein. | Mandarinenente fragte: „Was ist heute vom Essen übrig geblieben?" Die alten Frauen antworteten: „Es ist noch einiges da — die Leute warten alle und essen zusammen, wenn es verteilt wird." |
| „Wenn sie es nicht ißt, füttert sie eben Eure Katzen damit!“ entschied Yüan-yang. Als die Sklavenfrauen das hörten, wählten sie rasch zwei Gerichte aus und trugen sie in einer Speiseschachtel fort. |
Mandarinenente sagte: „Das ist zu viel für sie. Sucht zwei Schüsseln aus und schickt sie Friedchen[33] in die Gemächer der jungen gnädigen Frau." |
| „Wo ist Su-yün?“ erkundigte sich nun Yüan-yang. | Phönixglanz sagte: „Sie hat schon gegessen, schickt ihr nichts." |
| „Was willst du von ihr?“ fragte Li Wan. „Sie essen alle gemeinsam hier.“ „Na, dann nicht“, sagte Yüan-yang. „Aber Hsi-jën ist nicht mit hier“, erinnerte Hsi-fëng. „Ihr solltest du zwei Gerichte bringen lassen!“ |
Mandarinenente erwiderte: „Wenn sie es nicht isst, füttert damit eure Katze." Die alten Frauen wählten eilig zwei Gerichte aus und ließen sie in einer Truhe hinüberbringen. |
| Also befahl Yüan-yang, auch ihr zwei Schüsseln hinzutragen. Dann fragte sie die Sklavenfrauen noch: „Die Schachteln mit dem Naschwerk zum Wein sind doch gefüllt?“ | Mandarinenente fragte: „Wo ist Suyun?" Li Schleierfrau antwortete: „Sie essen hier alle zusammen — wozu suchst du sie?" |
| „Das dauert wohl noch ein bißchen“, sagten die Sklavenfrauen. „Dann bringt sie etwas auf Trab!“ befahl Yüan-yang, und die Sklavenfrauen versprachen es. |
Mandarinenente sagte: „Dann ist es gut." Phönixglanz ergänzte: „Dufthauch[34] ist nicht hier. Lass doch jemanden auch ihr zwei Gerichte schicken." Mandarinenente nickte und befahl, auch dorthin etwas zu bringen. |
| Jetzt ging auch Hsi-fëng mit ihrem Gefolge in Tan-tschuns Wohnräume hinüber, wo jung und alt eben miteinander scherzte. | Dann fragte Mandarinenente die alten Frauen: „Sind die Leckerei-Schachteln für den Weinumtrunk später schon fertig gepackt?" |
| Tan-tschun, die Wert auf Geräumigkeit legte, hatte ihre drei Zimmer nicht durch Trennwände voneinander abteilen lassen. In der Mitte stand ein großer Tisch aus Palisander und Marmor, auf dem sich Alben mit Steinabreibungen von Kalligraphien berühmter Meister häuften. Dutzende wertvoller Tuschereibsteine lagen dort, aus den verschiedenartigsten Pinselbechern ragte ein Wald von Schreibpinseln auf, und an der Seite stand ein scheffelgroßer Blumenbehälter aus Ju-dschou-Keramik, der voller ‚Kristallkugel‘-Chrysanthemen steckte. An der Westwand hing ein Bild ‚Nebel und Regen‘ von Mi Fu, links und rechts davon ein Parallelsatzpaar von der Hand des Yän Dschën-tjing, das lautete: | Die Frauen antworteten: „Es dauert wohl noch ein Weilchen." |
| „Müßige Knochen in Nebel und Dunst, | Mandarinenente sagte: „Dann treibt sie an!" Die Frauen versprachen es. |
| freies Leben an Felsen und Quellen.“ | Phönixglanz und die anderen kamen zu Spürfrühlings Zimmer. Die Herzoginmutter und ihre Gesellschaft plauderten gerade fröhlich miteinander. Spürfrühling liebte die Weite und hatte die drei Räume ihres Zimmers nicht durch Trennwände unterteilt. In der Mitte stand ein großer Tisch aus Huali-Rosenholz mit einer Marmorplatte; darauf lagen berühmte Kalligraphie-Vorlagen und Dutzende kostbarer Tuschsteine; Pinselhalter und Pinseltöpfe aller Art waren so dicht mit Pinseln gespickt, dass sie aussahen wie ein kleiner Wald. |
| Auf einem zweiten Tisch stand hier ein großer bronzener Dreifußkessel, links davon lagen auf einem großen Teller aus Da-guan-Porzellan, der einen Untersetzer aus Padoukholz hatte, Dutzende lieblich zartgelber Buddhahand-Zitronen, und rechts davon hingen an einem lackierten Gestell ein Klangstein aus weißem Jade in Gestalt eines Doppelfisches sowie ein Schlegel dafür. | Auf der einen Seite stand eine scheffelgroße Ru-Ware-Blumenvase [35], bis obenhin gefüllt mit weißen Chrysanthemen, deren Blütenköpfe wie Kristallkugeln leuchteten. An der Westwand hing in der Mitte ein großes Gemälde von Mi Xiangyang [36] — „Regen und Nebel" —, links und rechts davon ein Spruchpaar in der Handschrift des Yan Lugong [37]: |
| Ban-örl, der sich inzwischen schon heimischer fühlte, griff nach dem Schlegel, um den Klangstein damit anzuschlagen. Als die Sklavenmädchen gerade noch rechtzeitig dazwischentraten, verlangte er, er wolle eine Buddhahand-Zitrone essen. | Rauch und Wolken formen das Gebein des Müßiggängers, |
| Tan-tschun wählte eine der Früchte für ihn aus und gab sie ihm mit den Worten: „Hier, nimm! Aber nur damit spielen, das ist nichts zum Essen!“ | Quellen und Steine nähren ein Leben in der Wildnis. |
| An der Ostwand des Raumes stand ein großes Himmelbett mit hohen Beinen und einem hölzernen Tritt. Die Bettvorhänge aus gelbgrüner Seide waren von beiden Seiten mit Blumen- und Insektenmustern bestickt. Im Nu stand Ban-örl davor und staunte die Vorhänge an. „Hier ist ein Heimchen“, rief er, „und hier ist ein Heuhüpfer!“ | Auf dem Tisch stand ein großes Dreifußgefäß. Auf einem Regal aus Rotem Sandelholz links thronte eine große Schale aus Guan-Ware [38], darin lagen Dutzende leuchtend gelber, durchbrochener Buddhahand-Zitronen [39]. Auf einem lackierten Regal rechts hing ein weißes Jade-Klangspiel in Fischform, daneben ein kleiner Schlägel. |
| Rasch gab ihm Oma Liu eine Ohrfeige und schimpfte: „Mißratener Bengel, du! Schmutzig, wie du bist, tobst du hier herum! Du durftest mit herein, um dir alles anzugucken, jetzt aber wirst du frech!“ Sofort fing Ban-örl an zu weinen und beruhigte sich erst, als alle begütigend auf ihn einsprachen. | Der kleine Banchen hatte sich etwas eingewöhnt und wollte den Schlägel nehmen, um auf das Klangspiel zu schlagen — die Dienstmädchen hielten ihn eilig zurück. Dann wollte er eine Buddhahand-Zitrone haben und hineinbeißen. Spürfrühling suchte ihm eine aus und sagte: „Damit kannst du spielen, aber essen kann man sie nicht." |
| Die Herzoginmutter schaute ein Weilchen durchs Gazefenster in den Innenhof, dann sagte sie: „Schön sind die Wu-tung-Bäume unter dem Dachvorsprung, nur ein wenig zu spärlich!“ | An der Ostseite stand ein breites Tagesbett. Über dem Alkoven-Bett [40] hing ein lauchgrüner, doppelt bestickter Gaze-Vorhang mit Blumen- und Insektenmotiven. |
| Während sie das eben sagte, war mit einem plötzlichen Windstoß verschwommener Trommelklang zu hören, und so fragte sie: „In wessen Familie ist da eine Hochzeit? Wir müssen ja hier dicht an der Straße sein!“ „Wie könnte man wohl bis hierher die Geräusche von der Straße hören!“ erklärte Dame Wang lächelnd. „Das sind unsere kleinen Schauspielerinnen, die ihre Proben mit Musik begleiten.“ |
Der kleine Banchen lief hinüber und schaute sich die Stickerei an: „Das ist eine Heuschrecke! Und das eine Grille!" Großmutter Liu gab ihm sofort eine Ohrfeige und schimpfte: „Du ungezogener Bengel! Fasst alles an mit deinen schmutzigen Fingern! Man lässt dich herein, damit du etwas siehst, und schon wirst du frech!" Banchen fing an zu weinen, und die anderen mussten ihn erst beruhigen. |
| „Warum wollen wir sie nicht hierher rufen, um zu proben, wenn sie einmal beim Proben sind?“ regte die Herzoginmutter an. „Sie könnten einen Spaziergang machen, und wir hätten ein Vergnügen!“ | Die Herzoginmutter schaute durch das Gazefenster in den Hinterhof und bemerkte: „Die Paulownien unter dem hinteren Dachvorsprung wachsen auch schön — nur ein wenig dünn noch." |
| Sofort erteilte Hsi-fëng jemandem den Befehl, loszugehen und die Schauspielerinnen zu rufen. Zugleich ordnete sie an, schmale Tische zusammenzustellen und roten Filz darüber zu breiten. | Während sie sprach, wehte plötzlich eine Brise herein, und man vernahm in der Ferne leise den Klang von Trommeln und Musik. Die Herzoginmutter fragte: „Wer feiert denn da Hochzeit? Die Straße scheint ganz in der Nähe zu sein." |
| „Laß besser in dem Wasserpavillon vom Kiosk des Lotoswurzelduftes alles dafür herrichten!“ schlug die Herzoginmutter weiter vor. „Mit dem Geräusch von Wasser im Hintergrund hört es sich noch besser an. Und wir trinken unseren Wein unten im Brokatbestückten Turm. Dort ist Platz genug, und gut hören können wir auch!“ „Ja“, sagten alle, „dort ist es schön!“ |
Dame Wang und die anderen antworteten lächelnd: „Die Straße ist viel zu weit weg, um sie von hier zu hören. Das sind unsere zehn, fünfzehn Mädchen, die ihre Blasmusik üben." |
| „Gehen wir also!“ wandte sich die Herzoginmutter an Tante Hsüä. „Die Mädchen haben es sowieso nicht gern, wenn sie Besuch bekommen, weil sie fürchten, dass man ihnen die Zimmer schmutzig macht. Also wollen wir uns nicht so stellen, als ob wir nichts davon wüßten! Wir fahren jetzt ein Stück mit dem Boot, und dann trinken wir Wein!“ | Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Wenn sie schon üben, warum lasst ihr sie nicht hereinkommen? Dann können auch sie sich ein wenig umschauen, und wir haben unseren Spaß!" |
| Alle erhoben sich und gingen hinaus, Tan-tschun aber bemerkte lächelnd: „Wie könnt Ihr so etwas sagen, alte gnädige Frau! Ihr wart es, die nicht konntet, wenn ich Euch und die Tante einmal gebeten habe, mich zu besuchen.“ | Phönixglanz schickte sofort jemanden hinaus und ließ die Musikerinnen holen. Gleichzeitig befahl sie, Tische aufzustellen und rote Filzmatten auszubreiten. |
| „Meine Tan-tschun ist schon ein gutes Mädchen“, erklärte die Herzoginmutter lächelnd, „nur unsere beiden ‚Jadesteine‘ sind gräßlich. Wenn wir nachher betrunken sind, gehen wir zu ihnen und randalieren!“ | Die Herzoginmutter sagte: „Stellt alles im Wasserpavillon des Lotoswurzelduftes auf — mit dem Rauschen des Wassers klingt die Musik noch schöner! Wir werden unten in der Zierbrokatgalerie Wein trinken — da ist es geräumig, und man hört die Musik aus der Nähe." |
| Alle lachten darüber, während sie gemeinsam hinausgingen. Nach kurzem Fußweg waren sie am Inselchen der Seekannenblätter, wo schon die Ruderfrauen, die man einst aus Gu-su geholt hatte, mit zwei Booten aus Birnenholz warteten. Alle waren der Herzoginmutter beim Einsteigen behilflich. Dame Wang, Tante Hsüä, Oma Liu, Yüan-yang und Yü-tschuan stiegen mit in dasselbe Boot. Zum Schluß stieg auch noch Li Wan dazu. Hsi-fëng folgte ihr, stellte sich vorn ins Boot und wollte staken. | Alle stimmten zu. Die Herzoginmutter wandte sich lächelnd an Tante Schnee: „Gehen wir! Die Mädchen hier sehen es nicht gern, wenn man bei ihnen herumhockt — sie fürchten, ihre Zimmer werden schmutzig. Wir wollen kein schlechtes Benehmen zeigen; setzen wir uns lieber brav ins Boot und trinken Wein!" |
| „Das ist kein Kinderspiel!“ warnte die Herzoginmutter aus der Kabine, „zwar sind wir hier nicht auf dem Fluß, aber doch ist es recht tief. Also komm schnell herein!“ | Alle erhoben sich zum Aufbruch. Spürfrühling lachte: „Was redet Ihr da, alte gnädige Frau! Wir würden Euch und die gnädige Frau Tante auf Knien bitten, bei uns zu verweilen, und Ihr würdet nicht kommen!" |
| Lächelnd erwiderte Hsi-fëng: „Nur keine Bange! Seid ganz unbesorgt, alte Ahne!“ Damit stakte sie unbeirrt auf die Mitte des Teiches zu. Aber das Boot war klein und überladen, und Hsi-fëng merkte, wie es zu schwanken begann. Darum gab sie die Stange rasch einer Ruderfrau und hockte sich nieder. | Die Herzoginmutter lachte: „Meine dritte Enkeltochter hier ist brav — nur die zwei 'Jade'-Kinder sind unmöglich. Wenn wir nachher betrunken sind, gehen wir ihnen absichtlich in die Zimmer und machen Krawall!" |
| Tan-tschun war mit den übrigen Mädchen und mit Bau-yü in das zweite Boot gestiegen, das dem ersten folgte. Die Sklavenfrauen und -mädchen gingen am Ufer nebenher. | Alle lachten und verließen zusammen das Haus. Bald waren sie am Knöterich-Ufer[41] angelangt. Die aus Suzhou angeworbenen Bootsführerinnen hatten bereits zwei Begonien-Barken herangesteuert. Man half der Herzoginmutter, Dame Wang, Tante Schnee, Großmutter Liu, Mandarinenente und Jadeglöckchen[42] in das eine Boot; auch Li Schleierfrau stieg noch hinzu. Phönixglanz sprang ebenfalls auf und stellte sich am Bug auf — sie wollte das Boot selber staken. |
| „Die zerfetzten Lotosblätter sehen aber häßlich aus“, sagte Bau-yü. „Warum hat man sie noch nicht ausreißen lassen?“ | Die Herzoginmutter rief aus der Kajüte: „Das ist kein Spielzeug! Es ist zwar kein Fluss, aber das Wasser ist tief genug! Komm sofort herein!" |
| „Es war doch jetzt niemals Ruhe im Garten“, erwiderte Bau-tschai. „Tag für Tag sind wie hier spazierengegangen. Wann also hätte man Leute zum Saubermachen herschicken sollen?“ | Phönixglanz lachte: „Keine Angst! Alte Ahnin, seid ganz unbesorgt!" Und mit einem Stoß der Stange schob sie das Boot ab. Doch als sie die Mitte des Teiches erreichten, schwankte das Boot bei so vielen Passagieren bedenklich, und Phönixglanz reichte eilig die Stange einer Bootsfrau und hockte sich hin. |
| Dai-yü aber sagte: „Ich mag eigentlich Li Schang-yins Gedichte überhaupt nicht, eine Zeile jedoch gefällt mir – ‚Ich laß den zerschlissenen Lotos stehn |
Dann stiegen Willkommensfrühling und ihre Schwestern sowie Schatzjade in das zweite Boot und folgten. Die übrigen alten Bediensteten und Dienstmädchen gingen am Ufer entlang mit. |
| und lausche dem Trommeln des Regens.‘ Ihr dagegen wollt die Blätter ausreißen.“ |
Schatzjade sagte: „Diese verdorrten Lotosblätter sind abscheulich! Warum lässt man sie nicht endlich entfernen?" |
| „Die Zeile ist wirklich schön“, gab Bau-yü zu. „Wir werden die Blätter nicht ausreißen lassen!“ | Schatzspange erwiderte lächelnd: „In den letzten Tagen ist der Garten keinen Tag zur Ruhe gekommen — jeden Tag wird er besichtigt. Wann soll man da noch Leute zum Aufräumen schicken?" |
| Als er das eben sagte, hatten sie schon die Hexenzwirnbucht am Blumengestade erreicht. Hier war es eisig kühl. Die vertrockneten Grasbüschel auf beiden Seiten und die verwelkten Wassernußpflanzen unterstrichen das herbstliche Bild. Beim Anblick der sauberen, geräumigen Bauten am Ufer fragte die Herzoginmutter: „Hier wohnt wohl Bau-tschai?“ „Ja“, lautete einstimmig die Antwort. |
Kajaljade sagte: „Im Allgemeinen mag ich Li Yishans [43] Gedichte nicht besonders, aber diesen einen Vers liebe ich: 'Lasst das welke Laub, des Regens Klang zu hören'[44]. Und ausgerechnet ihr wollt das welke Laub nicht stehen lassen!" |
| Daraufhin befahl die Herzoginmutter anzulegen, und alle stiegen über die steilen steinernen Stufen hinauf. Als sie den Haselwurzpark betraten, stieg ihnen ein fremdartiger Geruch in die Nase. Durch die zunehmende Kälte prangten die seltenen Stauden und die bizarren Schlingpflanzen in noch tieferem Grün, überall hingen liebliche Früchte daran, die aussahen wie Korallenkügelchen. | Schatzjade sagte: „Wahrhaftig ein schöner Vers! Von nun an lassen wir es stehen." Während sie noch sprachen, waren sie am Blütenkanal unter dem Efeuhafen[45] angelangt. Die Kühle drang einem bis auf die Knochen; an beiden Ufern standen welkes Gras und verfallene Wasserkastanien — alles atmete die Melancholie des Herbstes. |
| Dann traten sie ins Haus und fühlten sich in eine Schneehöhle versetzt, so kahl war der Raum, der nicht den geringsten Schmuck aufwies. Nur auf dem Tisch stand eine Vase aus grobem Ding-dschou-Porzellan mit ein paar Chrysanthemen darin, außerdem standen dort ein Teekästchen und Teetassen, daneben lagen zwei Bücher, sonst nichts. Am Bett hing nur ein Vorhang aus dunkelblauer Seidengaze, Decken und Polster waren genauso schlicht. | Die Herzoginmutter erblickte am Ufer ein helles, weites Gebäude und fragte: „Ist das nicht das Haus deiner Kusine Schnee?" Alle bestätigten es. Die Herzoginmutter befahl sofort, ans Ufer zu steuern, und stieg die Wolkenstufen-Steintreppe hinauf. Gemeinsam betraten sie den Garten der Haselwurzranken[46]. Ein seltsamer Duft schlug ihnen entgegen. Die wundersamen Kräuter und märchenhaften Ranken wurden mit zunehmender Kälte nur noch grüner und kräftiger; an allen hatten sich Beeren gebildet, die wie Korallenkügelchen in Trauben herabhingen. |
| „Das Mädel ist zu bescheiden“, sagte die Herzoginmutter seufzend. Dann fragte sie: „Warum hast du dir nicht von deiner Tante etwas geben lassen, um dir das Zimmer einzurichten, wenn ihr selbst nichts habt? Ich hatte mir keine Gedanken darüber gemacht und nicht bedacht, daß ihr natürlich alles zu Hause gelassen und nichts mitgebracht habt.“ Und schon befahl sie Yüan-yang, ein paar Antiquitäten holen zu gehen. Anschließend schalt sie Hsi-fëng: „Warum bist du so kleinlich und hast deiner Kusine nicht ein paar Sachen zur Ausstattung gegeben?“ | Doch als sie das Innere des Hauses betraten, sah es aus wie eine Schneehöhle — kahl und leer, keinerlei Ziergegenstände. Auf dem Tisch stand nur eine schlichte Ding-Ware-Vase mit ein paar Chrysanthemenzweigen, daneben lagen zwei Bücher, ein Tee-Kästchen und eine Teetasse — das war alles. Über dem Bett hing nur ein schlichter blaugrüner Gaze-Vorhang, und Decken und Kissen waren von größter Einfachheit. |
| Aber lächelnd erklärten ihr Dame Wang und Hsi-fëng: „Sie selbst hat uns alles zurückbringen lassen, was wir ihr schickten.“ Und Tante Hsüä ergänzte ebenfalls lächelnd: „Sie hat sich schon zu Hause nicht viel aus solchen Dingen gemacht.“ | Die Herzoginmutter seufzte: „Das Mädchen ist zu bescheiden! Wenn du keine Ziergegenstände hast, hättest du deine Tante darum bitten sollen. Und ich — ich habe auch nicht daran gedacht. Eure Sachen sind natürlich zu Hause geblieben und nicht mitgekommen." Dann befahl sie Mandarinenente, einige Antiquitäten zu holen, und schalt Phönixglanz: „Warum hast du deiner kleinen Schwester keine Zierstücke geschickt? So geizig!" |
| „So geht das aber nicht“, sagte die Herzoginmutter kopfschüttelnd, „auch wenn sie es einfacher haben möchte – was macht das auf die Verwandten für einen Eindruck, wenn sie zu Besuch kommen! Zum anderen ist es einfach tabu für junge Mädchen, ihre Zimmer so ohne jeden Luxus einzurichten. Dann müßten ja wir alten Weiber nachgerade in den Pferdestall ziehen! | Dame Wang und Phönixglanz antworteten beide lächelnd: „Sie will nichts davon! Wir haben ihr welche geschickt, aber sie hat alles zurückgegeben." |
| Ihr wißt doch, wie elegant die Räume der jungen Fräulein in den Romanen und Theaterstücken geschildert werden. Auch wenn unsere Mädchen sich mit solchen Fräulein nicht zu messen wagen, dürfen sie doch auch nicht zu sehr aus dem Rahmen fallen. Es liegen schließlich genug solcher Sachen fix und fertig herum, die man nur aufzustellen braucht. Und wenn sie es unbedingt einfach haben möchte, muß sie sich ja nicht so viel davon hinstellen. | Tante Schnee sagte ebenfalls lächelnd: „Zu Hause hat sie sich auch nie für solche Dinge interessiert." |
| Ich habe mich seinerzeit bestens darauf verstanden, mir die Zimmer schön einzurichten, aber jetzt bin ich alt und habe nicht mehr den müßigen Sinn dafür. Auch unsere Mädchen müssen es lernen, wie man einen Raum schön herrichtet. Das einzige, was man dabei fürchten muß, ist Gewöhnlichkeit. Durch eine schlechte Anordnung werden schöne Dinge ihrer Schönheit beraubt. Aber wie mir scheint, haben unsere Mädchen keinen vulgären Geschmack. Dein Zimmer werde ich dir schmücken, und ich verbürge mich dafür, daß es zugleich großzügig und schlicht aussehen wird. Ich habe ein paar Sachen aus meinem persönlichen Besitz, die ich bis heute aufbewahrt habe, ohne sie Bau-yü zu zeigen. Wenn er sie zu sehen bekommen hätte, wäre ich sie längst losgeworden.“ |
Die Herzoginmutter schüttelte den Kopf: „Das geht nicht. Erstens: Auch wenn sie anspruchslos ist — wenn Verwandte zu Besuch kommen und so etwas sehen, macht es keinen guten Eindruck. Zweitens: Ein junges Mädchen mit einem so kahlen Zimmer — das ist kein gutes Zeichen! Da können wir alten Frauen gleich im Pferdestall schlafen gehen. In den Büchern und Theaterstücken sind die Gemächer junger Damen doch stets aufs Feinste geschmückt! Unsere Mädchen brauchen es zwar nicht mit den Romanheldinnen aufzunehmen, aber ganz so weit sollten sie sich nicht davon entfernen. Wenn schöne Dinge vorhanden sind — warum stellt man sie nicht auf? Wer es schlicht liebt, kann ja ein paar Stücke weglassen. Ich verstehe mich aufs Einrichten — aber jetzt bin ich alt und habe keine Lust mehr dazu. Die Mädchen sind auch recht geschickt im Herrichten, nur fürchte ich, sie könnten es zu gewöhnlich machen und schöne Dinge falsch aufstellen. Ich sehe aber, dass sie keinen schlechten Geschmack haben. Also werde ich dir dein Zimmer selbst einrichten — ich garantiere, es wird stilvoll und doch schlicht. Ich habe noch zwei Lieblingsstücke, die ich bis heute aufbewahrt habe. Schatzjade hat sie noch nicht zu Gesicht bekommen — hätte er sie einmal gesehen, wären sie weg gewesen!" |
| Damit rief sie Yüan-yang zu sich und trug ihr auf: „Du holst die Miniaturlandschaft aus Steinen und den kleinen Setzschirm aus Seidengaze, dazu den Dreifußkessel aus schwarzem Speckstein. Wenn diese drei Sachen auf den Tisch kommen, ist es genug. Dann bringst du noch Kalligraphien und einfarbige Tuschmalereien mit und außerdem einen Bettvorhang aus weißer Seide, den du gegen diesen hier austauschst!“ | Dann rief sie Mandarinenente herbei und erteilte ihr persönlich Anweisungen: „Du holst die Miniatur-Landschaft mit den Steinen, den Gaze-Tischparavent und das Dreifußgefäß aus geräuchertem Speckstein[47] — diese drei Stücke stellst du auf dem Tisch hier auf, das genügt. Dann hol noch den weißen Seiden-Bettvorhang mit der Tusche-Malerei und den Kalligraphien und tausch den jetzigen Vorhang aus." |
| Yüan-yang versprach es zu tun, wandte aber ein: „Die Sachen liegen alle im Obergeschoß des Ostbaus, und wer weiß in welcher Truhe! Ich muß in Ruhe danach suchen. Es reicht doch, wenn ich sie morgen hole!“ | Mandarinenente sagte: „Diese Dinge sind alle oben in der Ostgalerie verstaut, ich weiß nicht, in welcher Kiste. Es wird eine Weile dauern, sie zu suchen — kann ich sie morgen bringen?" |
| „Morgen oder übermorgen reicht es vollkommen“, stimmte die Herzoginmutter zu, „hauptsache, daß du es nicht vergißt!“ | Die Herzoginmutter sagte: „Morgen oder übermorgen — wie du willst. Nur vergiss es nicht!" |
| Nach diesen Worten blieben sie noch ein Weilchen sitzen, dann gingen sie geradewegs zum Brokatbestückten Turm. Hier traten Wën-guan und die anderen Schauspielerinnen heran, um ihren Gruß zu entbieten. Dann erkundigte sich Wën-guan: „Welches Stück sollen wir zur Probe aufführen?“ | Damit saßen sie noch ein Weilchen, dann erhoben sie sich und gingen geradewegs zur Zierbrokatgalerie[48]. Die Musikschülerinnen unter Wenguan[49] kamen herauf, grüßten und fragten, welche Stücke sie spielen sollten. Die Herzoginmutter sagte: „Spielt einfach ein paar Stücke, in denen ihr euch sicher fühlt." |
| „Wählt nur selbst ein paar Szenen aus, die ihr noch proben müßt, und führt uns die vor!“ sagte die Herzoginmutter. Daraufhin traten Wën-guan und die übrigen Schauspielerinnen ab und begaben sich zum Kiosk des Lotoswurzelduftes. Mehr soll von ihnen hier nicht die Rede sein. | Die Musikerinnen gingen hinunter zum Lotoswurzelduftkiosk[50], und dort spielten sie fortan. |
| Inzwischen hatte das Gesinde unter Hsi-fëngs Leitung im Brokatbestückten Turm alles sorgfältig hergerichtet. An den Ehrenplätzen stand links und rechts je ein Polsterbett, darauf lagen seidene Hüllen und wollene Decken. Vor jedem Bett standen zwei lackgeschnitzte Tischchen, eins mit Zierapfelblütenmuster, eins mit Aprikosenblütenmuster, eins mit Lotosblattmuster und eins mit Sonnenblumenmuster, die einen eckig, die anderen rund, so daß jedes eine andere Form hatte. Jeweils auf einem dieser Tischchen standen ein Satz Räuchergeräte und eine Speiseschachtel mit Leckereien, das andere Tischchen aber war leer und sollte die Speisen aufnehmen, die jeder gern essen wollte. | Phönixglanz hatte bereits alles herrichten lassen. Oben standen links und rechts zwei Ruhebetten mit bestickten Brokat-Matten. Vor jedem Bett standen zwei geschnitzte Lacktischchen — manche in Begonienform, manche in Pflaumenblütenform, manche wie Lotosblätter, manche wie Sonnenblumen, manche eckig, manche rund, jedes in anderer Gestalt. Auf dem einen stand ein Räuchergefäß mit Blumenvase, dazu ein Naschwerk-Kästchen; das andere war frei gelassen, damit jeder seine Lieblingsspeisen darauf stellen konnte. |
| Die beiden Polsterbetten mit den Tischchen davor waren für die Herzoginmutter und Tante Hsüä bestimmt. Dame Wang bekam einen Stuhl und zwei Tischchen, die übrigen je einen Stuhl und ein Tischchen. Östlich von den Polsterbetten saß Oma Liu, links von ihr Dame Wang. Westlich von den Polsterbetten saß Hsiang-yün, an zweiter Stelle Bau-tschai, an dritter Stelle Dai-yü, und rechts von ihr saßen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun. Bau-yü aber saß ganz am Rand. Die Tischchen für Li Wan und Hsi-fëng waren zwischen dem Geländer und den Gazevorhängen aufgestellt. | Die zwei Ruhebetten mit je zwei Tischchen oben waren für die Herzoginmutter und Tante Schnee bestimmt. Darunter stand ein Stuhl mit zwei Tischchen für Dame Wang. Alle anderen hatten je einen Stuhl und ein Tischchen. An der Ostseite saß Großmutter Liu, darunter Dame Wang. An der Westseite saßen der Reihe nach Wolkenkind, Schatzspange, Kajaljade, dann Willkommensfrühling, Spürfrühling und Bewahrfrühling, und ganz am Ende Schatzjade. Li Schleierfrau und Phönixglanz hatten ihre Tischchen innerhalb der dritten Geländerreihe aufstellen lassen, außerhalb des Gaze-Paravents der zweiten Reihe. Auch die Naschwerk-Kästchen waren jeweils in der Form des dazugehörigen Tischchens gehalten. Jeder hatte ein Selbsteingieß-Kännchen aus geschwärztem Silber mit westlicher Gravur und einen Becher aus Zehnerfarben-Emaille. |
| Die Speiseschachteln mit dem Naschwerk wiesen dieselben Muster auf wie die Tischchen. Jeder hatte noch ein Weinkännchen aus Schwarzsilber mit fremdländischer Ziselierung und einen Cloisonnébecher. | Als alle saßen, sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Trinken wir erst ein paar Becher! Heute wollen wir auch ein Trinkspiel machen — dann wird es erst interessant." |
| Nachdem alle Platz genommen hatten, sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Wir wollen erst einmal etwas trinken! Aber richtigen Spaß macht es nur, wenn wir ein Trinkspiel spielen.“ | Tante Schnee und die anderen sagten lachend: „Die alte gnädige Frau hat bestimmt ein feines Trinkspiel auf Lager, nur wir können so etwas nicht! Ihr wollt uns absichtlich betrunken machen. Wir trinken lieber gleich ein paar Becher mehr." |
| „Ihr kennt Euch natürlich mit schönen Trinkspielen aus, alte gnädige Frau, aber woher sollten wir uns darauf verstehen!“ protestierte Tante Hsüä. „Wenn Ihr Euch vorgenommen habt, uns betrunken zu machen, trinken wir ein paar Becher mehr, und schon ist erreicht, was Ihr wollt.“ | Die Herzoginmutter lachte: „Heute sind Sie aber auch übermäßig bescheiden, Frau Tante! Haben Sie genug von mir altem Menschen?" |
| „Seid Ihr auf einmal so schüchtern?“ fragte die Herzoginmutter lächelnd. „Ihr meint wohl, ich sei zu alt für so etwas?“ | Tante Schnee lachte: „Nicht bescheiden — ich fürchte nur, ich bringe nichts Gescheites zustande, und alle lachen mich aus." |
| „Ich bin nicht schüchtern, ich habe einfach Angst, daß ich keine richtige Antwort weiß und ausgelacht werde“, erklärte Tante Hsüä lächelnd. | Dame Wang sagte eilig und lächelnd: „Wenn Ihr nichts Passendes wisst, trinkt Ihr eben einen Becher mehr. Dann geht Ihr betrunken schlafen. Wer sollte uns auslachen?" |
| „Wer nicht richtig antworten kann, braucht bloß einen Becher Wein zu trinken“, schaltete Dame Wang sich rasch ein. „Und wer betrunken ist, der geht und legt sich schlafen. Wer wird uns auslachen!“ | Tante Schnee nickte lachend: „In Ordnung. Aber zuerst muss die alte gnädige Frau einen Becher auf das Spielen trinken." |
| Nun nickte Tante Hsüä lächelnd und sagte: „Na gut, spielen wir also! Aber dann muß zuerst die alte gnädige Frau einen Becher trinken, wie es dem Spielleiter zukommt!“ | Die Herzoginmutter lachte: „Selbstverständlich!" und trank einen Becher. |
| „Das versteht sich von selbst“, sagte die Herzoginmutter lächelnd und leerte ihren Becher. | Phönixglanz trat rasch in die Mitte und sagte lächelnd: „Da wir ein Trinkspiel machen, sollten wir Mandarinenente-Schwester die Spielleiterin sein lassen — das ist am besten!" Alle wussten, dass die Herzoginmutter bei Trinkspielen stets Mandarinenente als Souffleuse brauchte, und sagten daher: „Genau richtig." |
| Schnell trat jetzt Hsi-fëng in die Mitte und schlug vor: „Wenn wir schon ein Trinkspiel machen, soll Schwester Yüan-yang es leiten! Dann wird es noch besser!“ | Phönixglanz zog Mandarinenente herbei. Dame Wang sagte lächelnd: „Wenn sie mitspielt, kann sie ja nicht stehenbleiben." Sie befahl einem kleinen Dienstmädchen: „Stellt einen Stuhl an den Tisch der beiden gnädigen Frauen!" |
| Weil alle wußten, daß ein Trinkspiel, das von der Herzoginmutter geleitet wurde, bestimmt von Yüan-yang empfohlen war, sagten sie jetzt: „Völlig richtig!“ | Mandarinenente ließ sich halb widerstrebend nieder, bedankte sich für den Platz, setzte sich und trank ebenfalls einen Becher Wein. Dann sagte sie lächelnd: „Beim Trinkspiel gilt das Gebot wie beim Heer — kein Unterschied von hoch und niedrig, ich allein bin die Herrin! Wer meinen Worten zuwiderhandelt, wird bestraft!" |
| Also griff Hsi-fëng rasch nach Yüan-yangs Hand und zog das Mädchen nach vorn. | Dame Wang und die anderen sagten lachend: „Selbstverständlich! Sag an!" |
| „Wenn sie mitspielt, gibt es keinen Grund, warum sie stehen sollte!“ sagte Dame Wang lächelnd. Sie wandte den Kopf und befahl einem der kleineren Sklavenmädchen: „Stell noch einen Stuhl an den Tisch der jungen Herrin!“ | Mandarinenente hatte noch nicht den Mund aufgetan, als Großmutter Liu schon vom Stuhl sprang, die Hände abwehrend hob und rief: „Treibt keinen Schabernack mit mir! Ich gehe nach Hause!" |
| Halb sich sträubend, halb sich fügend, nahm Yüan-yang Platz, trank ihren Becher aus und verkündete: „Trinkregeln sind nicht weniger streng als Kriegsregeln. Über hoch und niedrig bin jetzt ich der alleinige Herrscher, und wer gegen meine Worte verstößt, der wird bestraft!“ | Alle lachten: „Das geht nicht!" |
| Dame Wang und alle anderen versprachen lächelnd: „So soll es sein! Fang nur schnell an!“ | Mandarinenente herrschte die kleinen Dienstmädchen an: „Zieht sie auf ihren Platz zurück!" Die Mädchen lachten und zerrten Großmutter Liu tatsächlich wieder auf ihren Stuhl. |
| Doch ehe Yüan-yang wieder den Mund aufmachen konnte, verließ Oma Liu ihren Platz, winkte mit der Hand ab und sagte: „So lasse ich mich nicht zum besten halten, ich gehe nach Hause!“ | Großmutter Liu rief nur: „Verschont mich!" Mandarinenente drohte: „Wer noch einen Mucks sagt, bekommt einen ganzen Krug als Strafe!" Großmutter Liu verstummte. |
| „Kommt nicht in Frage!“ erklärten alle einhellig, und Yüan-yang erteilte den kleineren Sklavenmädchen den Befehl: „Bringt sie zurück!“ Wirklich zerrten die Mädchen Oma Liu lachend auf ihren Sitz zurück. „Verschont mich doch!“ rief Oma Liu, aber Yüan-yang drohte: „Noch ein Wort, und du trinkst zur Strafe eine ganze Kanne Wein!“ |
Mandarinenente erklärte: „Ich nenne jetzt Dominostein-Kombinationen. Wir beginnen bei der alten gnädigen Frau und gehen der Reihe nach bis Großmutter Liu. Ich nenne eine Kombination aus drei Steinen: erst den ersten, dann den zweiten, dann den dritten, und am Schluss den Namen der ganzen Kombination. Ob Vers, Lied, Sprichwort oder Redensart — alles muss sich reimen. Wer sich irrt, bekommt einen Strafbecher!" [51] |
| Jetzt erst gab Oma Liu Ruhe, und Yüan-yang konnte erklärren: „Ich nenne die Namen von Dominosteinen, und zwar fange ich bei der alten gnädigen Frau an und gehe dann weiter, bis zum Schluß Oma Liu an der Reihe ist. Von jedem Satz aus drei Steinen nenne ich zuerst die Bezeichnung für jeden einzelnen Stein und dann die für den ganzen Satz, und jedesmal muß eine Zeile aus einem Gedicht oder aus einem Lied, ein geflügeltes Wort oder ein Sprichwort dazu gefunden werden. Wer es falsch macht, muß einen Strafbecher trinken.“ | Alle sagten lachend: „Ein schönes Spiel! Dann los!" |
| „Das Spiel ist gut“, sagten alle. „Fang an!“ | Mandarinenente begann: „Ich habe eine Kombination. Links liegt ein 'Himmel'." [52] |
| „Hier habe ich einen Satz“, begann Yüan-yang. „Der linke Stein ist ein ‚Himmel‘. | Die Herzoginmutter sagte: „Über meinem Haupt der blaue Himmel." |
| „Über uns der Himmel wacht“, sagte die Herzoginmutter. | Alle riefen: „Gut!" |
| „Gut!“ lobten alle. | Mandarinenente: „In der Mitte liegt ein 'Fünf und Sechs'." |
| „Der mittlere Stein ist eine Fünf und eine Sechs“, fuhr Yüan-yang fort. | Die Herzoginmutter: „Die Pflaumenblüten an der Sechsten Brücke duften bis auf die Knochen." [53] |
| „Die Sechs Brücken, von Aprikosenblüten verhüllt“, sagte die Herzoginmutter. | Mandarinenente: „Es bleibt ein 'Sechs und Eins'." |
| „Der letzte Stein ist eine Sechs und eine Eins“, verkündete Yüan-yang. | Die Herzoginmutter: „Die rote Sonne steigt empor über die Wolken." |
| „Der Sonnenball steigt zwischen dunklen Wolken auf“, sagte die Herzoginmutter. | Mandarinenente: „Zusammen ergibt sich der 'Zottelhaar-Geist'." [54] |
| „Zusammen ergibt es einen ‚strubbeligen Teufel‘“, erklärte Yüan-yang. | Die Herzoginmutter: „Dieser Geist klammert sich an Zhong Kuis Bein." [55] |
| „Dieser Teufel packt Dschung Kuee am Bein“, sagte die Herzoginmutter. | Alle lobten: „Vortrefflich!" Die Herzoginmutter trank einen Becher. |
| „Das war bestens!“ lobten alle lachend, und die Herzoginmutter trank einen Becher Wein. | Mandarinenente fuhr fort: „Neue Kombination. Links liegt ein 'Langer Fünfer'." |
| „Hier ist wieder ein Satz“, begann Yüan-yang die nächste Partie. „Der linke Stein ist eine doppelte Fünf.“ | Tante Schnee: „Pflaumenblüten tanzen im Wind, Blatt um Blatt." |
| „Aprikosenblüten tanzen im Wind“, sagte Tante Hsüä. | Mandarinenente: „Rechts wieder ein 'Langer Fünfer'." |
| „Und der rechte Stein ist wieder eine doppelte Fünf“, fuhr Yüan-yang fort. | Tante Schnee: „Im zehnten Mond duftet die Pflaume auf dem Berggrat." |
| „Im zehnten Monat zieht Aprikosenduft über die Hänge“, sagte Tante Hsüä. | Mandarinenente: „In der Mitte 'Zwei und Fünf' — das macht die Misch-Sieben." |
| „In der Mitte eine Zwei und eine Fünf, das macht zusammen sieben“, ging Yüan-yang weiter. | Tante Schnee: „Die Weberin und der Kuhhirte treffen sich am Siebenten Abend." [56] |
| „Am siebenten siebenten trifft Hirte sich mit Weberin“, sagte Tante Hsüä. | Mandarinenente: „Zusammen ergibt das 'Erlang wandert über die fünf Berge'." |
| „Zusammen ergibt es ‚Der Gott Örl-lang besucht die Fünf Berge‘“, schloß Yüan-yang. | Tante Schnee: „Kein Mensch auf Erden erreicht der Götter Glück." |
| „Des Menschen Freude kommt nicht der von Göttern gleich“, sagte Tante Hsüä. | Alle lobten und tranken. |
| Alle spendeten ihr Lob und tranken gemeinsam Wein, dann nahm wieder Yüan-yang das Wort. „Hier habe ich den nächsten Satz“, begann sie. „Der linke Stein ist eine doppelte Eins.“ | Mandarinenente: „Neue Kombination. Links ein 'Langes Eins' — zwei Punkte leuchten hell." |
| „Sonne und Mond bescheinen Himmel und Erde“, sagte Hsiang-yün. | Wolkenkind: „Zwei Gestirne — Sonne und Mond — erleuchten Himmel und Erde." |
| „Der rechte Stein ist noch eine doppelte Eins“, fuhr Yüan-yang fort. | Mandarinenente: „Rechts wieder ein 'Langes Eins' — zwei Punkte hell." |
| „Stumm fallen die welken Blüten zu Boden“, sagte Hsiang-yün. | Wolkenkind: „Müßig fallen die Blüten — lautlos berühren sie den Boden." |
| „Zum Schluß kommen eine Eins und eine Vier“, verkündete Yüan-yang. | Mandarinenente: „In der Mitte noch ein 'Eins und Vier'." |
| „Die feurige Sonne schwebt über rosigen Blüten“, sagte Hsiang-yün. | Wolkenkind: „Am Sonnenrand ragt der rote Aprikosenbaum in die Wolken." |
| „Zusammen ergibt es ‚Neun reife Kirschen‘“, beendete Yüan-yang diese Partie. | Mandarinenente: „Zusammen sind es 'Neun reife Kirschen'." |
| „Die Vögel stehlen sie aus Kaisers Garten“, sagte Hsiang-yün und trank ihren Wein. | Wolkenkind: „Aus dem Kaiserpark trug sie ein Vogel davon." |
| „Nun der nächste Satz!“ sprach Yüan-yang weiter. „Der linke Stein ist eine doppelte Drei.“ | Sie trank ihren Becher. Mandarinenente: „Neue Kombination. Links ein 'Langes Drei'." |
| „Schwalben zwitschern im Dachgebälk“, sagte Bau-tschai. | Schatzspange: „Paarweise schwatzen die Schwalben zwischen den Dachbalken." |
| „Der rechte Stein ist wieder eine doppelte Drei“, erklärte Yüan-yang. | Mandarinenente: „Rechts ein 'Langes Drei'." |
| „Den Seekannengürtel schaukelt die Flut“, sagte Bau-tschai. | Schatzspange: „Die Wasserranken schwanken im Wind — grüne Bänder, endlos lang." |
| „Der mittlere Stein ist eine Drei und eine Sechs“, fuhr Yüan-yang fort. | Mandarinenente: „In der Mitte 'Drei und Sechs' — neun Punkte." |
| „Drei Berge versinken am Himmelsrand“, sagte Bau-tschai. | Schatzspange: „Drei Gipfel ragen halb hinaus in den blauen Himmel." [57] |
| „Zusammen ist es ‚Ein einsames Boot an eisernen Ketten‘ “, brachte Yüan-yang diese Partie zum Abschluß. | Mandarinenente: „Zusammen ergibt das 'Die Eisenkette fesselt das einsame Boot'." |
| „Überall Wogen, überall Wind, überall Kummer und Sorgen“, sagte Bau-tschai darauf. | Schatzspange: „Wohin man blickt — Wind und Wellen, überall Kummer." |
| Nachdem Bau-tschai getrunken hatte, eröffnete Yüan-yang die nächste Partie mit den Worten: „Links ist ein ‚Himmel‘.“ | Sie trank. |
| „Prächtiger Himmel, herrliches Bild, doch ich weiß mich nicht zu lassen“, sagte Dai-yü. | Mandarinenente: „Links ein 'Himmel'." |
| Als Bau-tschai das hörte, wandte sie den Kopf und warf Dai-yü einen Blick zu, diese aber ging aus Furcht vor einer Trinkstrafe nicht darauf ein. | Kajaljade: „Welch schöner Tag — und doch, wie schade um die Zeit!" [58] |
| „In der Mitte ein ‚Schöner Wandschirm‘“, fuhr Yüan-yang fort. | Schatzspange hörte das, drehte sich um und sah Kajaljade an. [59] Kajaljade aber war nur darauf bedacht, keine Strafe zu kassieren, und kümmerte sich nicht darum. |
| „Steht da nicht Hung-niang vorm Gazefenster?“ zitierte Dai-yü. | Mandarinenente: „In der Mitte ein 'Brokatarabien' — die Farben sind hübsch." |
| „Als letztes eine Zwei und eine Sechs“ verkündete Yüan-yang, „das sind acht Punkte, wohlsortiert.“ | Kajaljade: „Nicht einmal ein Dienstmädchen kommt, um hinter dem Gazefenster zu melden." [60] |
| „Zwei Reih‘n Beamte treten vor den Jadethron“, sagte Dai-yü. | Mandarinenente: „Es bleibt 'Zwei und Sechs' — acht Punkte nebeneinander." |
| „Zusammen ergibt es einen ‚Blumenkorb‘“, schloß Yüan-yang die Partie ab. | Kajaljade: „Zwei Reihen blicken zum Jadethron empor und leiten die Morgenaudenz." [61] |
| „Päonienblüten trägt die Fee im Korbe“, sagte Dai-yü. | Mandarinenente: „Zusammen ergibt das den 'Korb'." |
| Nachdem Dai-yü einen Schluck getrunken hatte, fuhr Yüan-yang mit der Beschreibung fort: „Der linke Stein ist eine Vier mit einer Fünf, neun bunte Punkte.“ | Kajaljade: „Der Wanderstab der Unsterblichen trägt Pfingstrosen." [62] |
| „Pfirsichblüten, die im Regen stehn“, sagte Ying-tschun. | Sie trank einen Schluck. |
| „Falsch!“ riefen alle. „Sie muß bestraft werden, das paßt nicht!“ | Mandarinenente: „Links 'Vier und Fünf' — Blüten-Neun." |
| Lächelnd trank Ying-tschun ihren Becher leer. | Willkommensfrühling: „Pfirsichblüten, vom Regen schwer ..." |
| Hsi-fëng und Yüan-yang waren gespannt, was Oma Liu Lächerliches zum besten geben würde, darum stifteten sie die übrigen Mitspieler an, falsche Antworten zu geben und sich bestrafen zu lassen. Als das Spiel bei Dame Wang angelangt war, antwortete Yüan-yang an ihrer Statt, und dann war Oma Liu an der Reihe. | Alle riefen: „Strafe! Der Reim stimmt nicht, und es passt auch nicht!" Willkommensfrühling lachte und trank einen Becher. |
| „Wenn wir bei uns einmal Muße haben, setzen wir uns auch zusammen und spielen dies Spiel“, erklärte Oma Liu. „Bloß hört es sich bei uns nicht so gut an. Aber ich will es trotzdem versuchen!“ | In Wahrheit hatten Phönixglanz und Mandarinenente beide nur darauf gewartet, Großmutter Lius Antworten zu hören, und deshalb absichtlich die anderen straucheln lassen. Alle kassierten Strafen. Als Dame Wang an der Reihe war, sprach Mandarinenente stellvertretend für sie. Dann war Großmutter Liu dran. |
| „Es ist ganz leicht!“ versicherten alle lächelnd. „Und es macht ja auch nichts, also versuch es nur!“ | Großmutter Liu sagte: „Wir Bauersleute spielen dieses Spiel auch manchmal, wenn wir nichts zu tun haben, nur sagen wir nicht so hübsche Sachen dabei. Ich will es aber trotzdem versuchen." |
| Ebenfalls lächelnd, verkündete Yüan-yang als Erstes: „Der linke Stein ist eine doppelte Vier, ein ‚Mensch‘.“ | Alle sagten lachend: „Es ist ganz einfach! Sag nur drauflos, es macht gar nichts!" |
| Oma Liu dachte lange nach, ehe sie endlich sagte: „Es wird ein Bauer sein!“ | Mandarinenente sagte lächelnd: „Links 'Vier und Vier' — das ist ein Mensch." |
| Alle lachten laut heraus, die Herzoginmutter aber sagte lächelnd: „Das hast du gut gesagt. Es ist richtig so.“ | Großmutter Liu überlegte lange, dann sagte sie: „Ein Bauer ist es eben!" Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Die Herzoginmutter rief lachend: „Gut gesagt! Genau so muss man es machen!" |
| „Wir Bauern sind nun mal, wie wir sind“, sagte Oma Liu lächelnd. „Darüber braucht Ihr nicht zu lachen!“ | Großmutter Liu sagte ebenfalls lachend: „Wir Bauersleute reden eben von dem, was wir kennen — lacht nur nicht!" |
| „Der mittlere Stein ist eine Drei und eine Vier“, fuhr Yüan-yang fort. „Grün mit Rot gepaart.“ | Mandarinenente: „In der Mitte 'Drei und Vier' — grün neben rot." |
| „Eine dicke grüne Raupe wird im Feuer verbrannt“, sagte Oma Liu. | Großmutter Liu: „Ein großes Feuer hat die Raupen verbrannt." |
| „Das geht!“ bestätigten alle lächelnd. „Du brauchtest dich gar nicht so zu zieren.“ | Alle lachten: „Das gibt es wirklich! Nur zu — sag deine Sachen!" |
| „Der rechte Stein ist eine Eins und eine Vier, ein hübsches Bild“, beschrieb Yüan-yang als Nächstes. | Mandarinenente: „Rechts 'Eins und Vier' — die sehen hübsch aus." |
| „Ein Radieschen, eine Knoblauchzwiebel“, sagte Oma Liu, und wieder lachte alles darüber. | Großmutter Liu: „Ein Rettich und eine Knolle Knoblauch." |
| „Zusammen ergibt es eine ‚Blütenrispe‘“, schloß Yüan-yang. | Wieder lachten alle. Mandarinenente sagte lachend: „Zusammen ergibt das 'Ein Blumenzweig'." |
| „Fällt die Blüte ab, wächst so ein Kürbis daran“, sagte Oma Liu und deutete mit den Händen die Größe an. | Großmutter Liu machte mit beiden Händen eine große Geste und sagte: „Die Blüte ist verwelkt — aber daraus wächst ein dicker Moschuskürbis!" |
| Ein weiteres Mal brachen alle in Gelächter aus, als ihnen plötzlich Geschrei in die Ohren drang. | Schallendes Gelächter brach aus. Gerade in diesem Augenblick hörte man draußen Lärm — |
| Was dort geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. |
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- ↑ 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.
- ↑ 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein" — ein Dienstmädchen der Herzoginmutter.
- ↑ 贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.
- ↑ 王夫人 Wáng Fūrén — Schatzjades Mutter, zweite Frau des Aufrecht Kaufmann.
- ↑ 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.
- ↑ 李纨 Lǐ Wán — die tugendhafte junge Witwe des verstorbenen Perle Kaufmann, Schatzjades älteste Schwägerin.
- ↑ Chin. 丰儿
- ↑ 刘姥姥 Liú Lǎolao — eine einfache Bäuerin, die die Kaufmann-Familie besucht und für komische Szenen sorgt.
- ↑ Chin. 板儿
- ↑ Chin. 素云
- ↑ Chin. 大观楼
- ↑ Chin. 缀锦阁
- ↑ Chin. 碧月
- ↑ 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Heiterer König-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.
- ↑ Chin. 沁芳亭
- ↑ 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrfrühling" — Schatzjades jüngste Schwester (eigentlich Nichte).
- ↑ Chin. 潇湘馆
- ↑ 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck" — Kajaljade's treue Kammerzofe.
- ↑ 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal Wald-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.
- ↑ 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee" — Schatzspanges Mutter, Schwester von Dame Wang.
- ↑ Chin. 软烟罗
- ↑ Chin. 霞影纱
- ↑ Chin. 紫菱洲蓼溆
- ↑ 探春 Tànchūn, wörtl. „Spürfrühling" — Schatzjades dritte Halbschwester (Tochter der Nebenfrau Zhao), klug und tatkräftig.
- ↑ 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente" — die treue Leibdienerin der Herzoginmutter.
- ↑ Chin. 秋爽斋
- ↑ Chin. 晓翠堂
- ↑ Nanmu (楠木), ein kostbares, aromatisches Holz aus Südchina
- ↑ 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Schnee-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.
- ↑ 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Willkommensfrühling" — Schatzjades zweite Schwester.
- ↑ Großmutter Liu hält die Taubeneier für besonders kleine Hühnereier.
- ↑ Im Chinesischen ein Wortspiel — „keinen Ton gehört" bezieht sich sowohl auf das lautlos davonrollende Ei als auch auf das verschwundene Silber.
- ↑ 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.
- ↑ 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.
- ↑ Ru-Ware (汝窑) ist die seltenste und kostbarste Keramik der Song-Dynastie
- ↑ Mi Fu (米芾, 1051–1107), auch Mi Xiangyang genannt, einer der größten Kalligraphen und Maler der Song-Dynastie
- ↑ Yan Zhenqing (颜真卿, 709–785), einer der berühmtesten Kalligraphen Chinas
- ↑ Guan-Ware (官窑) ist eine der fünf berühmten Keramikarten der Song-Dynastie
- ↑ Die Buddhahand (佛手) ist eine fingerförmige Zitrusfrucht, die als Ziergegenstand und Glückssymbol dient
- ↑ Ein Babu-Bett (拔步床) ist ein großes Bett mit eigenem, vorhangumschlossenen Vorraum
- ↑ Chin. 蓼漵
- ↑ Chin. 玉钏儿
- ↑ Li Shangyin (李商隐, ca. 813–858), Tang-Dichter, auch Li Yishan genannt
- ↑ Chin. 留得残荷听雨声
- ↑ Chin. 花漵萝港
- ↑ Chin. 蘅芜苑
- ↑ Chin. 墨烟冻石
- ↑ Chin. 缀锦阁
- ↑ Chin. 文官
- ↑ Chin. 藕香榭
- ↑ Das Dominospiel (牙牌令) mit den typischen chinesischen Domino-Steinen erforderte umfangreiche Bildung, da zu jedem Stein ein passender poetischer Vers gesagt werden musste.
- ↑ Der 'Himmel' (天) ist der höchste Dominostein mit zwölf Augen (6+6).
- ↑ Die Sechs Brücken (六桥) sind eine berühmte Sehenswürdigkeit am Westsee in Hangzhou.
- ↑ Name einer Dominostein-Kombination.
- ↑ Zhong Kui (钟馗) ist der berühmte Dämonenjäger der chinesischen Mythologie.
- ↑ Das Qixi-Fest (七夕), am siebten Tag des siebten Mondmonats, an dem sich die Weberin (Wega) und der Kuhhirte (Altair) auf der Milchstraße treffen dürfen.
- ↑ Vers aus Li Bais berühmtem Gedicht über das Yangzi-Panorama bei Nanjing.
- ↑ Vers aus der berühmten Oper 'Der Pfingstrosenpavillon' (牡丹亭) von Tang Xianzu.
- ↑ Kajaljade zitiert aus einer als anstößig geltenden Oper — Schatzspange bemerkt dies mit einem vielsagenden Blick.
- ↑ Ebenfalls ein Zitat aus dem 'Pfingstrosenpavillon' — die Szene, in der die junge Protagonistin vergeblich auf eine Nachricht ihres Geliebten wartet.
- ↑ Vers aus einem Tang-Gedicht über die kaiserliche Audienz.
- ↑ Ein feinsinniger Vers — der 'Korb' zum Blumenpflücken wird zur eleganten Metapher.