Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 41

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Kapitel 41: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
41.Im Kloster Gefangenes Grün wird Tee aus Schneeflocken auf Aprikosenblüten gekostet,der Hof der Freude am Roten wird von einer alten Heuschrecke heimgesucht. Kapitel 41
Oma Liu hatte also gesagt: „Fällt die Blüte ab, wächst so ein Kürbis daran.“ Und mit beiden Händen hatte sie gezeigt, wie groß der Kürbis sein sollte. Die Herzoginmutter [贾母][1] veranstaltet ein Trinkgelage im Garten der Großen Aussicht — Oma Liu [刘姥姥][2] betrunken verirrt sich im Hof des Fröhlichen Rots
Alle brachen in schallendes Gelächter darüber aus. Oma Liu trank ihren Becher leer, dann sagte sie, um die anderen gleich noch einmal zum Lachen zu bringen: „Offen gestanden, habe ich plumpe Hände und Füße, und nachdem ich jetzt auch noch getrunken habe, muß ich vorsichtig sein, daß mir der Porzellanbecher nicht aus der Hand fällt und zerbricht. Sind keine Holzbecher da, von denen ich einen bekommen kann? Denen geschieht nichts, wenn sie auf die Erde fallen.“

Wirklich lachten alle darüber, Hsi-fëng aber bot Oma Liu sofort lächelnd an: „Wenn du wirklich Holzbecher möchtest, lasse ich welche holen. Aber eins muß ich dir vorher sagen. Mit diesen Holzbechern ist es nicht so wie mit den Porzellanbechern. Sie bilden einen geschlossenen Satz, und benutzen darf sie nur, wer den ganzen Satz austrinkt.“
Es wird erzählt, dass Oma Liu mit beiden Händen gestikulierte und sagte: "Die Blüte ist abgefallen und hat einen großen Kürbis hervorgebracht." Die Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus. Nachdem sie den Willkommensbecher geleert hatte, scherzte sie weiter und sagte: "Ehrlich gesagt, meine Hände und Füße sind grob und plump, und ich habe auch noch Wein getrunken. Ich fürchte, mir rutscht diese Porzellanschale aus der Hand. Holt mir doch einen Holzbecher, dann macht es nichts, wenn er mir entgleitet und zu Boden fällt." Die Leute lachten erneut. Phönixglanz[3] hörte das und sagte eilig lachend: "Wenn Ihr wirklich einen hölzernen wollt, hole ich einen. Nur eines muss ich vorher sagen: Die hölzernen sind nicht wie die porzellanenen — sie kommen als ganzes Set, und Ihr müsst das ganze Set durchtrinken."
Als Oma Liu das hörte, überlegte sie: „Ich hatte das nur im Scherz gesagt, wie konnte ich ahnen, daß sie wirklich so etwas haben! Bei uns im Dorf bin ich oft bei Beamten außer Dienst und in großen Familien zu Tisch und habe dort Gold- und Silberbecher gesehen, aber von Holzbechern habe ich nie gehört. – Ach, richtig! Bestimmt meint sie Holzschalen, wie man sie Kindern gibt, und will mich nur verleiten, ein paar mehr davon auszutrinken. Aber wenn schon! Der Wein schmeckt schließlich wie Honigwasser. Was soll mir passieren, wenn ich ein bißchen mehr davon trinke?“ Und so sagte sie, nachdem sie diese Gedanken zu Ende gebracht hatte: „Laßt sie holen, und dann sehen wir weiter!“

Also erhielt Fëng-örl von Hsi-fëng den Befehl: „Geh hinüber und hol aus dem Innenraum den Zehnersatz Becher aus Bambuswurzeln, der dort auf dem Büchergestell steht!“
Oma Liu überlegte im Stillen: "Ich habe vorhin nur einen Scherz gemacht, und nun haben sie tatsächlich welche! Ich bin oft genug bei den Landadligen zu Gast gewesen und habe Gold- und Silberbecher gesehen, aber von Holzbechern habe ich noch nie gehört. Ach, bestimmt sind es nur Holzschüssel für kleine Kinder, und sie wollen mich dazu bringen, ein paar Schalen mehr zu trinken. Egal, der Wein schmeckt süß wie Honigwasser — ein paar Schlucke mehr können nicht schaden." So sagte sie: "Bringt sie her, dann sehen wir weiter."
Fëng-örl sagte: „Jawohl!“ und wollte eben losgehen, als Yüan-yang mit lächelnder Miene bemerkte: „Die Becher kenne ich, die sind doch zu klein. Außerdem war eben von Holzbechern die Rede, und nun laßt Ihr welche aus Bambus holen. Was macht denn das für einen Eindruck! Wir lassen besser von uns drüben den Zehnersatz große Becher aus einer ganzen Buchsbaumwurzel holen, damit sie sich zehnmal vollaufen lassen kann.“

„Das ist noch besser!“ bestätigte Hsi-fëng, und so ließ Fëng-örl die Becher wirklich holen.
Phönixglanz [熙凤] befahl Feng'er: "Geh ins vordere Innenzimmer und hol die zehn Bambusbecher vom Bücherregal." Feng'er hörte es und wollte gerade gehen, als Mandarinenente [鸳鸯][4] lachend sagte: "Ich weiß, dass deine zehn Becher noch zu klein sind. Außerdem hast du gerade gesagt, es seien hölzerne, und nun bringst du Bambus — das sieht nicht gut aus. Besser, wir holen unsere zehn großen Ineinanderbecher aus Buchsbaum-Wurzelholz und schenken ihr zehn Becher ein." Phönixglanz lachte: "Noch besser!" Mandarinenente ließ sie tatsächlich holen.
Kaum daß Oma Liu dann diese Becher erblickte, war sie erstaunt und entzückt zugleich. Erstaunt war sie darüber, daß in jedem Becher immer noch ein kleinerer steckte, wobei der größte gut und gerne so groß war wie eine kleine Schüssel und der zehnte und kleinste immer noch doppelt so groß wie der Becher, den sie in der Hand hielt. Und was sie entzückte, waren die zauberhaften Schnitzereien auf den Bechern – Landschaften, Pflanzen und Menschen, dazu Inschriften in Grasschrift und Siegelabdrücke.

„Gebt mir nur den kleinsten, dann ist es recht!“ sagte sie rasch. „Wozu denn so viele?“
Als Oma Liu sie sah, war sie gleichermaßen überrascht und erfreut: überrascht, weil die zehn Becher ineinandergesteckt waren, vom grössten, der wie eine kleine Schüssel wirkte, bis zum kleinsten, der immer noch doppelt so groß war wie der Becher in ihrer Hand; erfreut, weil die Schnitzereien von außerordentlicher Kunstfertigkeit waren — alles aus einem Stück, mit Landschaften, Bäumen, Figuren sowie Kursivschrift und Siegeln verziert.
Aber Hsi-fëng erwiderte lächelnd: „Nur aus einem einzelnen Becher darf nicht getrunken werden. Aus unserer Familie verträgt niemand so viel, darum wagt kein Mensch, diese Becher zu nehmen. Nur weil du sie verlangt hast, sind sie extra hierher gebracht worden. Jetzt mußt du auch der Reihe nach daraus trinken. Anders kommt es nicht in Frage!“

Erschrocken bat Oma Liu: „Das traue ich mich nicht! Habt doch Mitleid mit mir, beste junge Frau!“
Eilig sagte sie: "Nehmt doch nur den kleinen — wozu so viele?" Phönixglanz lachte: "Aus diesen Bechern trinkt man nicht nur einen. In unserer Familie hat niemand ein so großes Fassungsvermögen, daher hat sich nie jemand getraut, sie zu benutzen. Da die Laolao sie verlangt hat und wir sie mit Mühe hervorgesucht haben, müsst Ihr der Reihe nach aus jedem trinken."
Die Herzoginmutter, Tante Hsüä und Dame Wang, die sich darüber im klaren waren, daß ein älterer Mensch wie Oma Liu so viel Wein nicht vertragen konnte, legten sich rasch ins Mittel und sagten lächelnd: „Gesagt ist gesagt, und gescherzt ist gescherzt. Wenn du nicht so viel trinken kannst, trinkst du eben nur den größten Becher davon leer!“

„Buddha Amitabha!“ rief Oma Liu, „ich trinke lieber aus dem kleinen! Den großen nehme ich mit nach Hause und trinke ihn nach und nach leer.“

Wieder begannen alle zu lachen, Yüan-yang aber blieb nichts weiter übrig, als jemandem zu befehlen, nur den größten Becher zu füllen. Als Oma Liu ihn dann mit beiden Händen hochhob, um daraus zu trinken, warnten die Herzoginmutter und Tante Hsüä: „Trink langsam, damit du dich nicht verschluckst!“ Und Tante Hsüä befahl Hsi-fëng, sie solle Oma Liu ein paar Zuspeisen in den Mund stecken.

„Was möchtest du haben, Oma?“ fragte Hsi-fëng. „Sag mir nur, wie es heißt, und ich werde dich mit den Eßstäbchen füttern!“
Oma Liu erschrak und rief eilig: "Das wage ich nicht! Liebe junge Herrin, verschont mich!" die Herzoginmutter, Tante Schnee [薛姨妈][5] und Dame Wang[6] wussten, dass sie schon betagt war und es nicht aushielt, und sagten schnell lachend: "Reden ist reden und lachen ist lachen, aber trinkt nicht zu viel — nur diesen ersten Becher." Oma Liu sagte: "Amitabha Buddha! Dann trinke ich lieber aus dem kleinen Becher. Den großen verwahrt für mich — ich nehme ihn mit nach Hause und trinke dort in aller Ruhe daraus." Die Anwesenden lachten erneut.
„Was weiß denn ich, wie das heißt!“ sagte Oma Liu. „Gut schmeckt alles.“

„Steck ihr von den Eierfrüchten in den Mund!“ empfahl die Herzoginmutter.

Als Hsi-fëng das hörte, tat sie wie befohlen, griff mit den Eßstäbchen etwas von den Eierfrüchten und schob es Oma Liu in den Mund. Dabei sagte sie lächelnd: „Eierfrüchte gibt es auch bei euch jeden Tag. Nun mußt du einmal kosten, ob sie dir auch so schmecken, wie wir sie zubereiten!“
Mandarinenente konnte nicht anders und ließ einen großen Becher randvoll füllen. Oma Liu hielt ihn mit beiden Händen und trank. Die Herzoginmutter und Tante Schnee sagten: "Langsam, verschluck dich nicht!" Tante Schnee bat Phönixglanz, Speisen aufzutun. Phönixglanz lachte: "Was möchte die Laolao essen? Nennt das Gericht, und ich lege es Euch vor." Oma Liu sagte: "Ich weiß doch keine Namen — alles ist vorzüglich." die Herzoginmutter lachte: "Leg ihr etwas von der eingelegten Aubergine vor."
Lächelnd sagte Oma Liu: „Ihr müßt mir nichts vormachen! Wenn so Eierfrüchte schmecken würden, brauchten wir kein Getreide mehr zu säen und würden nur noch Eierfrüchte anbauen.“

Alle lachten und versicherten ihr: „Es sind wirklich Eierfrüchte, wir belügen dich nicht.“

„Wenn das tatsächlich Eierfrüchte sind, habe ich sie bisher ohne Sinn und Verstand gegessen“, wunderte sich Oma Liu. „Gebt mir noch ein bißchen davon, junge Frau! Diesmal werde ich sorgfältiger kauen.“

Hsi-fëng schob ihr noch eine Portion davon mit den Eßstäbchen in den Mund, Oma Liu kaute sie lange Zeit gewissenhaft durch, dann erklärte sie: „Es schmeckt zwar ein wenig nach Eierfrüchten, trotzdem scheint mir, daß es keine Eierfrüchte sind. Verratet mir, wie sie zubereitet sind, dann werde ich sie mir auch so machen!“
Phönixglanz tat wie geheißen und legte Oma Liu etwas von der eingelegten Aubergine in den Mund. Dabei sagte sie lachend: "Ihr esst jeden Tag Auberginen — probiert einmal unsere und sagt mir, ob sie schmeckt oder nicht." Oma Liu lachte: "Führt mich nicht an der Nase herum! Wenn Auberginen so schmecken könnten, brauchten wir kein Getreide mehr anzubaün und nur noch Auberginen zu pflanzen." Die Leute sagten lachend: "Es ist wirklich Aubergine, wir führen Euch nicht an der Nase herum." Oma Liu war verblüfft: "Wirklich Aubergine? Da habe ich umsonst ein halbes Tagwerk gegessen. Liebe junge Herrin, gebt mir noch etwas davon — ich möchte diesen Bissen sorgfältig kaün."
„Das ist nicht weiter schwierig“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Du nimmst frisch geerntete Eierfrüchte und schälst sie ab. Gebraucht wird nur das reine Fruchtfleisch. Das schneidest du in Stäbchen und bäckst sie in heißem Hühnerschmalz. Dann brauchst du getrocknetes Hühnerfleisch, getrocknete Baumpilze, frische Bambussprossen, frische Champignons, gewürzten trockenen Bohnenkäse und alle Arten von Trockenobst. Das alles wird in feine Streifen geschnitten und mit den gebackenen Eierfruchtstäbchen zusammen in Hühnerbrühe eingekocht. Anschließend wird es mit Sesamöl abgeschmeckt und mit Weinmarinade begossen. Danach wird es gut vermischt und in einem Porzellangefäß fest verschlossen aufbewahrt. Wenn man davon essen möchte, nimmt man es heraus und mischt es mit gebratenen Hühnerfleischhäppchen. Das ist alles.“

Oma Liu schüttelte den Kopf und ließ die Zunge heraushängen, ehe sie sagte: „Ach, du mein Buddha! Dafür braucht man ja an die zehn Hühner! Kein Wunder, daß es so gut schmeckt!“
Phönixglanz legte ihr tatsächlich noch etwas vor. Oma Liu kaute lange daran und sagte lachend: "Es hat zwar ein wenig Auberginenaroma, aber es schmeckt immer noch nicht wie Aubergine. Verratet mir das Rezept, dann mache ich es daheim nach." Phönixglanz lachte: "Das ist nicht schwer. Man nimmt frische Auberginen, schält sie, schneidet nur das reine Fleisch in kleine Würfel und bratet sie in Hühnerfett. Dann nimmt man Hühnerbrust, duftende Pilze, frische Bambussprossen, Champignons, Fünf-Gewürze-Tofu und verschiedene Trockenfrüchte, alles in Würfel geschnitten, und dünstet es in Hühnerbrühe, bis die Flüssigkeit eingekocht ist. Man gibt Sesamöl dazu, mischt Sojasosse darunter, füllt alles in ein Porzellangefäss und versiegelt es. Wenn man es essen möchte, nimmt man etwas heraus und vermengt es mit gebratenen Hühnerkrallen."
Während dieses Gesprächs hatte sie langsam ihren Wein ausgetrunken, hielt aber den Becher immer noch in der Hand und sah ihn unverwandt an.

„Wenn es nicht gereicht hat, trink noch einen Becher!“ bot Hsi-fëng lächelnd an.

„Auf keinen Fall! Das brächte mich um!“ lehnte Oma Liu ab. „Mir gefällt nur das Muster, und ich frage mich, wie das gemacht ist.“

„Nachdem du daraus getrunken hast, sag uns jetzt auch, aus was für Holz der Becher ist!“ verlangte Yüan-yang lächelnd von ihr.
Oma Liu hörte das und schüttelte den Kopf mit herausgestreckter Zunge: "Du mein Buddha! Da braucht man ja zehn Hühner, um dieses eine Gericht zuzubereiten — kein Wunder, dass es so schmeckt!" Während sie redete und lachte, ass sie langsam ihren Wein auf und betrachtete immer noch den Becher. Phönixglanz lachte: "Noch nicht genug? Trinkt noch einen!" Oma Liu rief eilig: "Das geht nicht, da würde ich mich zu Tode trinken! Ich bewundere nur dieses Stück — wie haben sie das nur gemacht?" Mandarinenente lachte: "Nun ist der Wein getrunken — aus welchem Holz ist der Becher denn nun?"
„Kein Wunder, daß Ihr Fräulein das nicht wißt“ sagte Oma Liu und lächelte dabei ebenfalls. „Ihr lebt hinter goldenen Toren und gestickten Vorhängen, woher solltet Ihr Euch da mit Holz auskennen! Für uns aber sind Bäume und Holz die täglichen Nachbarn. Wenn wir müde sind, legen wir den Kopf zum Schlafen auf Holz. Wenn wir erschöpft sind, setzen wir uns darauf. Und in Hungerjahren essen wir sogar Baumrinde. Holz sehen wir Tag für Tag, hören es Tag für Tag und reden davon Tag für Tag. Darum kann ich auch unterscheiden, was gut und was schlecht ist, was echt und was falsch. Also laßt mich einmal sehen!“

Nachdem sie den Becher eine ganze Zeitlang prüfend gemustert hatte, sagte sie: „In einer Familie wie der Euren gibt es gewiß kein billiges Zeug, und Holzsachen, die leicht zu bekommen sind, würdet Ihr nicht aufheben. Der Becher erscheint mir schwer, er ist also sicher nicht aus Pappelholz, bestimmt ist es Fichte.“
Oma Liu lachte: "Kein Wunder, dass die junge Dame es nicht erkennt — ihr lebt hier in goldenen Toren und seidenen Häusern, wie sollt ihr da Holz kennen! Wir leben tagein, tagaus mit dem Wald als Nachbar; wenn wir müde sind, legen wir den Kopf darauf; wenn wir erschöpft sind, lehnen wir uns daran; in Hungerjahren essen wir sogar davon. Wir sehen ihn jeden Tag mit den Augen, hören ihn mit den Ohren und reden über ihn mit dem Mund — also kann ich Gutes von Falschem unterscheiden. Lasst mich einmal prüfen." Sie betrachtete den Becher eine halbe Ewigkeit genau und sagte: "In einem Haushalt wie dem Euren gibt es bestimmt kein billiges Zeug, und leicht zu bekommendes Holz würdet ihr auch nicht aufheben. Er ist schwer genug — sicher kein Pappelholz. Es muss Gelbkiefernholz sein." Alle brachen in schallendes Gelächter aus.
Ein weiteres Mal brachen alle in schallendes Gelächter aus, da erschien eine Sklavenfrau mit der Bitte, die Herzoginmutter etwas fragen zu dürfen. „Die Mädchen sind alle im Kiosk des Lotoswurzelduftes und bitten um eine Weisung, ob sie jetzt spielen sollen oder besser noch ein Weile warten“, meldete sie.

„Ach ja!“ sagte die Herzoginmutter sofort lächelnd, „ich hatte sie ganz vergessen. Sag ihnen, sie sollen jetzt spielen!“

Die Sklavin sagte: „Jawohl!“ und ging wieder fort. Bald darauf erklangen Pfeifen und Rohrblattinstrumente, und dann fielen auch die Flöten mit ein. Das Wetter war klar und frisch, und so wurden durch die Musik, die zwischen den Bäumen hindurch und über das Wasser hinweg herüberdrang, die Sinne beschwingt und die Herzen geweitet.
Da kam eine Magd und fragte die Herzoginmutter, ob die jungen Damen im Ouixiang-Pavillon alle eingetroffen seien und ob die Aufführung beginnen solle oder man noch warten solle. Die Herzoginmutter sagte lachend: "Ach, die hätte ich fast vergessen! Lasst sie anfangen!" Die Magd ging davon. Bald darauf hörte man die klagenden Töne der Flöten und Mundorgeln. Es war ein klarer, erfrischender Herbsttag, und die Musik drang durch den Wald und übers Wasser — sie erquickte ganz von selbst das Gemüt.
Bau-yü konnte nicht an sich halten, er griff zur Weinkanne, füllte seinen Becher und trank ihn in einem Zug aus. Als er ihn dann zum zweiten Mal füllte und sich eben anschickte, ihn von neuem zu leeren, bemerkte er, daß auch Dame Wang etwas trinken wollte und jemandem befahl, frisch gewärmten Wein zu holen. Da nahm er seinen Becher, ging damit zu ihr und setzte ihn ihr an den Mund. Dame Wang trank zwei Schluck daraus, dann wurde der frische Wein gebracht, und Bau-yü kehrte wieder auf seinen Platz zurück.

Dame Wang aber nahm die Weinkanne und stand vom Tisch auf. Daraufhin erhoben sich auch alle anderen, selbst Tante Hsüä nicht ausgenommen. Sofort befahl die Herzoginmutter, Li Wan und Hsi-fëng sollten die Weinkanne nehmen. „Bitte deine Tante, sich wieder zu setzen“, forderte sie Hsi-fëng auf, „nur so haben es alle bequem.“ Erst nach diesen Worten überließ Dame Wang die Kanne Hsi-fëng und kehrte selbst auf ihren Platz zurück.
Schatzjade [宝玉][7] hielt es als Erster nicht mehr aus, nahm die Karaffe und schenkte sich ein Glas ein, das er auf einen Zug leerte. Als er sich nachschenken wollte, sah er, dass Dame Wang ebenfalls trinken wollte und nach gewürztem Wein verlangte. Schatzjade reichte ihr schnell seinen eigenen Becher, den sie aus seiner Hand zwei Schlucke trank. Als der warme Wein kam, kehrte Schatzjade an seinen Platz zurück. Dame Wang nahm die Warmhaltekanne und verließ ihren Sitz, worauf alle aufstanden. Tante Schnee erhob sich ebenfalls. Die Herzoginmutter befahl Li Schleierfrau [李纨][8] und Phönixglanz eilig, die Kanne zu übernehmen: "Lasst eure Tante sich setzen, dann können sich alle wohl fühlen." Dame Wang reichte die Kanne an Phönixglanz und setzte sich wieder.
Lächelnd sagte die Herzoginmutter: „Alle müssen noch ein paar Becher trinken, denn heute macht es wirklich Spaß!“ Dann hob sie einen Becher empor und kredenzte ihn Tante Hsüä. Anschließend wandte sie sich an Hsiang-yün und Bau-tschai mit den Worten: „Ihr beide müßt ebenfalls einen Becher trinken! Auch für eure Kusine Dai-yü gibt es keinen Pardon, obwohl sie nicht viel verträgt.“ Und schon hatte sie ihren eigenen Becher geleert. Also tranken auch Hsiang-yün, Bau-tschai und Dai-yü ihre Becher leer.

Inzwischen war Oma Liu durch die Klänge der Musik und vom Wein so fröhlich geworden, daß ihre Hände zuckten und ihre Füße sich regten. Da stand Bau-yü von seinem Platz auf, ging zu Dai-yü hinüber und sagte lächelnd: „Schau mal, wie Oma Liu sich aufführt!“ Und Dai-yü erwiderte lächelnd: „Als seinerzeit die heilige Musik erklang, tanzten sämtliche Tiere, heute aber tanzt bloß eine Kuh.“ Alle Mädchen lachten darüber.
Die Herzoginmutter lachte: "Trinkt alle ein paar Gläser, heute ist wirklich vergnüglich." Sie hob ihren Becher und prostete Tante Schnee zu, dann wandte sie sich an Wolke vom Xiang-Fluss [湘云][9] und Schatzspange [宝钗][10]: "Trinkt auch einen Becher, ihr zwei. Auch wenn eure Schwester nicht viel trinkt, verschont sie nicht." Damit leerte sie ihren eigenen Becher. Wolke vom Xiang-Fluss, Schatzspange und Kajaljade [黛玉][11] taten es ihr gleich.
Als bald darauf die Musik verstummte, stand Tante Hsüä auf und sagte: „Seinen Wein hat wohl jeder gehabt. Jetzt wollen wir draußen spazierengehen, ehe wir uns von neuem zusammensetzen!“ Oma Liu hörte die Musik und hatte auch noch den Wein intus — sie war so begeistert, dass sie zu tanzen und zu klatschen begann. Schatzjade verließ seinen Platz und sagte lachend zu Kajaljade: "Schau dir Oma Liu an!" Kajaljade lachte: "Als einst die heilige Musik ertönte, tanzten hundert Tiere im Takt — dies hier ist gerade mal ein Ochsenohr davon." Die Schwestern lachten alle.
Da auch die Herzoginmutter den Wunsch hatte, sich ein wenig die Beine zu vertreten, standen alle vom Tisch auf und schlenderten mit ihr herum. In dem Wunsch, sich mit Oma Liu die Zeit zu vertreiben, faßte die Herzoginmutter sie bei der Hand und ging mit ihr unter die Bäume am Fuße der Berge. Hier verharrte sie ein Weilchen und erläuterte ihr, dieser Baum, dieser Stein, diese Blume heiße soundso. Oma Liu ließ sich alles erklären, dann sagte sie: „Wer hätte gedacht, daß in der Stadt nicht nur die Menschen vornehm sind, sondern auch die Vögel! Sogar eine Krähe wird bei Euch so klug, daß sie sprechen kann!“

Niemand verstand, was sie meinte, darum wurde sie gefragt: „Was für eine Krähe ist klug geworden und kann sprechen?“
Bald verstummte die Musik, und Tante Schnee erhob sich lachend: "Alle haben wohl genug Wein getrunken — lasst uns hinausgehen, um frische Luft zu schnappen, ehe wir weitermachen." die Herzoginmutter wollte sich ebenfalls die Beine vertreten, und so gingen alle hinaus und folgten die Herzoginmutter durch den Garten.
„Der grüne Vogel mit dem roten Schnabel, der auf der goldenen Stange unter dem Dachvorsprung sitzt, ist ein Papagei, das weiß ich“, antwortete Oma Liu, „aber warum hat die schwarze Krähe in dem Käfig einen Phönixkopf bekommen und kann ebenfalls sprechen?“

Alle mußten lachen, als sie das hörten.

Bald darauf erschienen Sklavenmädchen und luden zu einem Imbiß ein. „Nach dem Weintrinken haben wir keinen Hunger“, sagte die Herzoginmutter, „Aber sei‘s drum! Bringt es her, und wer mag, bedient sich davon.“

Die Sklavenmädchen verschwanden und kamen mit zwei Tischchen wieder, auf die sie zwei Speiseschachteln setzten. Als die Schachteln geöffnet wurden, sah die Herzoginmutter, daß in jeder zwei Gerichte standen. In der einen war Konfekt aus Lotoswurzelmehl und Duftblüten sowie Gänseschmalzröllchen mit Zirbelnüssen, in der anderen bestand das eine Gericht aus nur ein Tsun großen gefüllten Klößchen.
Die Herzoginmutter wollte Oma Liu zerstreuen und führte sie vor die Berge und unter die Bäume, wo sie eine Weile verweilten. Sie zeigte ihr dies und jenes — "das ist dieser Baum, das ist jener Stein, das ist diese Blume." Oma Liu nahm alles in sich auf und sagte zu die Herzoginmutter: "Wer hätte gedacht, dass in der Stadt nicht nur die Menschen vornehm sind, sondern sogar die Vögel! Hier bei euch werden sie hübsch und können sprechen." Die Leute verstanden nicht und fragten, welche Vögel denn hübsch geworden seien und sprechen könnten. Oma Liu sagte: "Das grüne, rotschnäblige Tier auf dem goldenen Ständer unter der Galerie ist ein Papagei — den erkenne ich. Aber wie kommt die schwarze Krähe im Käfig auf einmal zu einem Phönixkamm und kann auch noch reden?" Alle brachen in Gelächter aus.
„Was für eine Füllung ist darin?“ erkundigte sich die Herzoginmutter.

„Es ist Krabbenfleisch“, berichteten die Sklavinnen sogleich.

„Das ist ja so fett, wer soll das essen?“ bemängelte die Herzoginmutter mit gerunzelten Brauen.

Das zweite Gericht in dieser Schachtel war in Butter gesottenes Weizenmehlgebäck in den verschiedensten Formen. Auch dieses mochte die Herzoginmutter nicht. Sie forderte Tante Hsüä auf, von den Speisen zu essen, aber Tante Hsüä nahm nur ein Stück Konfekt. Die Herzoginmutter wählte ein Gänseschmalzröllchen, kostete jedoch lediglich davon und überließ den Rest den Sklavenmädchen.

Als Oma Liu sah, wie fein und zierlich das Mehlgebäck war, suchte sie sich ein Stück in Päonienblütenform aus und sagte lächelnd: „Solche Blumen können bei uns die geschicktesten Mädchen nicht einmal aus Papier schneiden. Ich würde das gern essen, aber dafür ist es mir zu schade. Das beste wird sein, wenn ich es einwickle und nach Hause mitnehme, um es ihnen als Muster zu zeigen.“
Bald kamen Dienerinnen, um zum Imbiss einzuladen. Die Herzoginmutter sagte: "Nach den paar Gläsern Wein bin ich gar nicht hungrig. Na gut, bringt es hierher, jeder nimmt sich nach Belieben." Die Dienerinnen trugen zwei kleine Tische herein und stellten zwei kleine Trägerschachteln darauf. Als man sie öffnete, enthielt jede zwei Sorten: die eine Schachtel Lotossamenmehl-Kassia-Kuchen und Pinienkern-Gänseschmalz-Röllchen; die andere Schachtel winzige Teigtaschen, kaum einen Zoll groß. Die Herzoginmutter fragte nach der Füllung, und die Dienerinnen antworteten, es sei Krebs. Die Herzoginmutter runzelte die Stirn: "Wie fettig! Wer will das essen?" Auch die andere Sorte — in Butterschmalz frittierte Gebäckfigürchen — fand nicht ihre Gunst. Sie reichte sie Tante Schnee, die sich ein Stück Kuchen nahm. Die Herzoginmutter nahm ein Röllchen, kostete ein wenig und reichte die Hälfte der Dienerin.
Alle lachten, die Herzoginmutter aber sagte: „Wenn du gehst, lasse ich dir einen ganzen Tontopf voll davon einpacken, aber jetzt iß davon, solange sie noch heiß sind!“

Die anderen nahmen jeder nur ein, zwei Häppchen, Oma Liu aber hatte so etwas Niedliches noch nicht gesehen. Mit Ban-örl zusammen probierte sie ein paar von jeder Form, und schon war der Teller halb leer. Die Reste ließ Hsi-fëng auf zwei kleinen Tellern in eine Speiseschachtel tun, die zu Wën-guan und den anderen Schauspielerinnen gebracht wurde.

Jetzt erschien auf dem Arm ihrer Amme Da-djiä, und alle schäkerten ein Weilchen mit ihr. Da-djiä hielt eine große Pampelmuse in den Armen, mit der sie spielte, aber als sie plötzlich die Buddhahand-Zitrone sah, die Ban-örl im Arm hatte, verlangte sie auch eine solche Zitrone. Die Sklavenmädchen versprachen ihr, eine zu holen, aber Da-djiä mochte nicht warten und fing an zu greinen. Rasch gab man Ban-örl die Pampelmuse und nahm ihm die Buddhahand-Zitrone ab, um sie Da-djiä zu geben, die daraufhin Ruhe gab.
Oma Liu fand die kleinen Gebäckstücke so zierlich und fein gearbeitet, dass sie eine pfingstrosenförmige auswählte und lachend sagte: "Die geschicktesten Mädchen bei uns daheim könnten nicht einmal so etwas aus Papier schneiden. Ich möchte sie essen und kann mich doch nicht überwinden — lieber nehme ich einige mit nach Hause, damit sie als Vorlagen dienen." Alle lachten. Die Herzoginmutter sagte: "Wenn du heimfährst, schenke ich dir einen ganzen Krug. Iss erst einmal die warmen hier." Während die anderen sich nur eine oder zwei Sorten nach Geschmack nahmen, hatte Oma Liu, die solche Dinge noch nie gegessen hatte und die alle so fein und zierlich waren, zusammen mit Ban'er von jedem etwas probiert und damit schon einen halben Teller geleert. Den Rest ließ Phönixglanz auf zwei Teller verteilen und mit einer Trägerschachtel an die Schauspielerinnen Wenguan und Genossen schicken.
Als Ban-örl, der schon lange genug mit der Buddhahand-Zitrone gespielt hatte und beide Hände voll Gebäck hielt, plötzlich die duftende runde Pampelmuse bekam, gefiel sie ihm besser als die Buddhahand-Zitrone, auf die er gern verzichtete. Statt dessen stieß er nun die Pampelmuse wie einen Ball mit dem Fuß hin und her.

Nachdem alle zusammen Tee getrunken hatten, führte die Herzoginmutter Oma Liu zum Kloster Gefangenes Grün, wo Miau-yü ihnen rasch entgegenkam und sie hineingeleitete. Als sie in den Hof traten, sahen sie, daß dort Blumen und Sträucher in üppigem Wuchs standen, und die Herzoginmutter bemerkte: „Wer sich der Reinen Lehre widmet, hat nichts weiter zu tun und kann sich ständig um seinen Garten kümmern. Hier ist es schöner als in den anderen Höfen.“
Bald kam die Amme mit der kleinen Da Jie'er herein, und alle spielten mit ihr eine Weile. Da Jie'er spielte mit einer großen Pampelmuse, als sie Ban'er mit einer Buddhahand-Zitrone sah und auch eine haben wollte. Die Dienerinnen versuchten, sie mit etwas anderem abzulenken, aber Da Jie'er konnte nicht warten und weinte. Man gab Ban'er schnell die Pampelmuse und tauschte seine Buddhahand ein. Ban'er, der schon eine Weile mit der Buddhahand gespielt hatte und nun Früchte in beiden Händen hielt, fand die duftende, runde Pampelmuse noch amüsanter, trat sie wie einen Ball und vergaß die Buddhahand.
Während sie das sagte, wandte sie sich nach Osten zur Meditationshalle, und Miau-yü forderte sie lächelnd auf einzutreten.

„Eben haben wir alle Wein getrunken und Fleisch gegessen“, wandte die Herzoginmutter ein. „Dort drinnen aber hast du ein Bodhisattwabild, und so würden wir eine Sünde begehen. Wir setzen uns hier ein Weilchen, trinken eine Schale von deinem guten Tee und gehen dann wieder!“
Nachdem die Herzoginmutter und die anderen ihren Tee getrunken hatten, führte sie Oma Liu zum Longsui-Kloster. Wunderjade [妙玉][12] empfing sie eilig. Im Hof sahen sie die üppigen Blumen und Bäume. Die Herzoginmutter sagte lachend: "Buddhistische Einsiedler haben eben keine anderen Aufgaben und pflegen ständig ihren Garten — er ist schöner als überall sonst."
Rasch ging Miau-yü fort, um den Tee aufzubrühen. Als sie wiederkam, beobachtete Bau-yü genau, was sie tat. Er sah, daß sie eigenhändig auf einem lackgeschnitzten und mit Gold eingelegten Tablett in Zierapfelblütenform, das mit Wolkendrachen verziert war, die das Schriftzeichen schou – ‚Langlebigkeit‘ – in den Klauen hielten, ein Deckelschälchen aus fünffarbigem Tschëng-hua-Porzellan trug, das sie der Herzoginmutter brachte.

„Ich mag aber keinen Liu-an-Tee“, sagte die Herzoginmutter.
Sie betraten den Östlichen Meditationssaal. Wunderjade bat sie lachend herein, doch die Herzoginmutter sagte: "Wir haben gerade Wein und Fleisch zu uns genommen, und hier stehen Buddha-Statün — wir würden Sünde auf uns laden. Setzen wir uns hier ein wenig, bringt uns Euren guten Tee, wir trinken einen Becher und gehen dann."
„Das weiß ich“, antwortete Miau-yü lächelnd. „Dies sind ‚Lau-dsïs Augenbrauen‘.“

„Und was ist es für Wasser?“ fragte die Herzoginmutter, als sie das Schälchen entgegengenommen hatte.

„Abgestandenes Regenwasser vom vorigen Jahr“, gab Miau-yü Auskunft.

Da schlürfte die Herzoginmutter das Schälchen zur Hälfte aus und gab es dann lächelnd an Oma Liu weiter. „Koste mal diesen Tee!“ sagte sie.
Wunderjade hörte das und bereitete eilig Tee. Schatzjade beobachtete aufmerksam, wie sie vorging. Er sah, wie Wunderjade persönlich ein kleines Teebrett im Hortensien-Muster aus geschnitztem Lack mit Goldeinlage und Wolkendrachen-Langlebensmotiv trug, darauf eine kleine Deckeltasse aus Chenghua-Porzellan mit fünffarbigem Dekor, und sie die Herzoginmutter reichte.
Oma Liu trank das Schälchen mit einem Schluck leer und sagte lächelnd: „Gut schmeckt er schon, bloß ein bißchen dünn ist er. Wenn er stärker wäre, würde er besser schmecken.“

Die Herzoginmutter wie auch alle anderen lachten nur. Anschließend bekam jeder der anderen ein Deckelschälchen aus Seladonporzellan mit weiß durchschimmerndem Muster.
Die Herzoginmutter sagte: "Ich trinke keinen Lu'an-Tee." Wunderjade lächelte: "Ich weiß. Dies ist Laojunmei." die Herzoginmutter nahm ihn an und fragte, was für Wasser es sei. Wunderjade antwortete lächelnd: "Es ist im vorigen Jahr aufgefangenes Regenwasser." die Herzoginmutter trank eine halbe Schale, reichte sie dann lachend Oma Liu und sagte: "Probiert diesen Tee." Oma Liu trank alles auf einen Zug und sagte lachend: "Gut ist er, nur etwas dünn — wenn man ihn kräftiger kochte, wäre er noch besser." die Herzoginmutter und die anderen lachten. Danach bekamen alle einheitliche Guanyao-Deckenschalen aus weißem Porzellan.
Indes zupfte Miau-yü sowohl Bau-tschai als auch Dai-yü am Gewand, und die beiden folgten ihr nach draußen. Unauffällig ging Bau-yü hinterher und sah, wie Miau-yü sie in eines der Nebengebäude bat, wo sich Bau-tschai auf das Polsterbett setzte, während sich Dai-yü auf Miau-yüs Schilfmatte niederließ. Miau-yü fachte mit einem Fächer das Feuer im Öfchen an, brachte Wasser zum Sieden und brühte eine weitere Kanne Tee auf. Da trat Bau-yü in den Raum und sagte lächelnd: „Ihr trinkt also euren eigenen Tee!“

„Bist du uns wieder einmal hinterhergekommen, um dir etwas von unserem Tee zu erschleichen?“ fragten die beiden lächelnd. „Für dich gibt es nichts!“
Wunderjade zupfte Schatzspange und Kajaljade unauffällig am Ärmel, und die beiden folgten ihr hinaus. Schatzjade schlich leise hinterher. Wunderjade führte die beiden in ein Seitenzimmer; Schatzspange setzte sich auf die Liege, Kajaljade auf Wunderjades Meditationskissen. Wunderjade fachte den Windofen an und brühte eine eigene Kanne Tee auf.
Miau-yü wollte eben Trinkgefäße hervorholen, als eine Klosterdienerin die Schalen zurückbrachte, aus denen die anderen getrunken hatten. Rasch befahl Miau-yü: „Die Schale aus Tschëng-hua-Porzellan brauchst du nicht wegzustellen, laß sie draußen!“ Schatzjade trat lächelnd herein: "Ihr trinkt also heimlich Tee unter euch!" Die beiden lachten: "Du bist uns wieder nachgelaufen, um Tee zu schnorren. Hier ist keiner für dich." Wunderjade wollte gerade Schalen holen, als eine Nonne die oberen Teeschalen abzuräumen kam. Wunderjade befahl eilig: "Die Chenghua-Schale dort räume nicht mit ein — stell sie nach draußen."
Da war Bau-yü klar, daß Miau-yü die Teeschale nicht mehr haben wollte, weil Oma Liu daraus getrunken hatte und sie ihr nun als verschmutzt galt. Dann sah er, wie Miau-yü zwei andere Gefäße herausnahm. Eines davon hatte einen Henkel und trug die Inschrift ‚Der Kalebassenkrug‘ im altertümlichen Kanzleiduktus. Daneben stand in kleinen Normalschriftzeichen „Geliebt und geschätzt von Wang Kai unter der Herrschaft der Djin.“ Eine weitere Inschrift besagte „Gesehen von Su Schï aus Mee-schan im vierten Monat des fünften Jahres der Ära Yüan-fëng der Sung-Herrschaft in der Schatzkammer.“ Schatzjade verstand: weil Oma Liu daraus getrunken hatte, fand Wunderjade sie unrein und wollte sie nicht mehr. Dann sah er Wunderjade zwei andere Schalen hervorholen. Die eine hatte an der Seite einen Henkel, und auf ihr waren die drei Siegelschriftzeichen "Guabao-Jia" eingraviert, gefolgt von einer Zeile in kleiner Regelschrift: "Kostbares Stück des Jin-Fürsten Wang Kai", und darunter "Im vierten Jahr Yuanfeng der Song, im vierten Monat, sah Su Shi [es] in der Geheimkammer". Wunderjade schenkte eine Schale voll ein und reichte sie Schatzspange.
Miau-yü goß Tee in den Krug und reichte ihn Bau-tschai. Das andere Gefäß hatte die Form einer Patra, war aber kleiner. Die drei Schriftzeichen in Perlsiegelschrift, die darauf eingraviert waren, bedeuteten „Kumme aus gepunktetem Rhinozeroshorn“. Miau-yü füllte auch die Kumme und gab sie Dai-yü. Dann nahm sie den grünen Jadebecher, aus dem sie gewöhnlich selber trank, und füllte ihn für Bau-yü.

Lächelnd sagte Bau-yü: „Es heißt doch aber ‚Vor meinem Gesetz gelten alle gleichviel.‘ Aber die beiden bekommen seltene alte Kostbarkeiten und ich nur so ein gewöhnliches Ding.“
Die andere ähnelte einer kleinen Almosenschale und trug ebenfalls drei tropfenförmige Siegelschriftzeichen: "Xingxi-Qiao". Wunderjade goss Kajaljade eine Schale ein. Für Schatzjade schenkte sie in ihren eigenen alltäglichen Grünjadebecher ein.
„Wenn das ein gewöhnliches Ding ist, möchte ich ohne jede Übertreibung behaupten, daß sich in eurer Familie wohl kaum so ein ‚gewöhnliches Ding‘ findet“, entgegnete Miau-yü.

Lächelnd gab Bau-yü zurück: „‚Jedes Dorf hat seine Bräuche‘, sagt das Sprichwort, und so sinken bei dir natürlich Perlen, Gold und Jade zu gewöhnlichen Dingen herab.“

Höchlich geschmeichelt durch diese Worte, suchte Miau-yü einen Drachenhumpen hervor, der aus einer einzigen knorrig verkrümmten Bambuswurzel geschnitzt war, und sagte lächelnd: „Sonst habe ich nur noch diesen hier. Kannst du den austrinken?“

„Aber ja!“ versicherte Bau-yü fröhlich.
Schatzjade lachte: "Man sagt doch, 'vor dem Dharma sind alle gleich' — die beiden bekommen solche Antiquitäten, und ich ein gewöhniches Gefäss?" Wunderjade erwiderte: "Das soll gewöhnilich sein? Ich sage keine großprahlerischen Worte, aber in Eurem ganzen Haus dürfte sich kaum ein solches 'gewöhnliches Gefäss' finden lassen." Schatzjade lachte: "Wie man so sagt: 'In Rom tü wie die Römer.' Bei Euch werden natürlich Gold, Jade, Perlen und Edelsteine allesamt zu gewöhnlichem Gerät degradiert."
Miau-yü jedoch sagte lächelnd: „Wenn du ihn auch austrinken könntest, habe ich doch nicht so viel Tee zu verschwenden. Hast du nie gehört, daß man sagt ‚Eine Schale ist zum Kosten, mit zweien stillt ein Dummkopf den Durst, mit dreien werden Rindviecher und Maultiere getränkt‘? Was wärst dann du, wenn du so einen Humpen leerst?“

Über diese Worten brachen Bau-tschai, Dai-yü und auch Bau-yü in Gelächter aus. Miau-yü aber nahm die Teekanne und goß nur so viel Tee in den Bambushumpen, wie ein Teeschälchen fassen mochte. Bau-yü trank mit viel Bedacht und fand den Tee wirklich unvergleichlich lieblich und rein. Sein Lob dafür nahm kein Ende.

„Diesen Tee verdankst du nur ihnen beiden“, sagte Miau-yü ernsthaft. „Wenn du allein gekommen wärst, hätte ich dich nicht damit bewirtet.“
Wunderjade hörte das sehr erfreut und suchte noch ein Gefäss hervor — eine große Trinkschale aus einer ganzen Bambuswurzel, neunfach gewunden mit zehn Ringen und hundertundzwanzig Gliedern, in Form eines Drachens geschnitzt. Sie lachte: "Das ist das einzige, was mir noch geblieben ist — könntet Ihr das leeren?" Schatzjade rief freudig: "Das schaffe ich!" Wunderjade lachte: "Ihr könntet es vielleicht, aber so viel Tee zu verschwenden wäre sündhaft. Kennt Ihr nicht den Spruch: 'Die erste Tasse ist Genuss, die zweite schon stümperhaftes Durstlöschen, und bei der dritten trinkt man wie ein Ochse oder Maultier'? Was würdet Ihr erst mit dieser ganzen Schale sein?"
„Das ist mir klar“, versicherte Bau-yü lächelnd. „Darum werde ich auch nicht dir, sondern ihnen meinen Dank abstatten.“

„Das ist verständig gesprochen“, erwiderte Miau-yü.

„Ist das auch vorjähriges Regenwasser?“ erkundigte sich Dai-yü.
Schatzspange, Kajaljade und Schatzjade lachten. Wunderjade hob die Kanne und goss nur etwa eine Tasse voll hinein. Schatzjade trank bedächtig und empfand den Tee als unvergleichlich leicht und duftend; er lobte ihn über alle Maßen. Wunderjade sagte ernst: "Dass Ihr heute diesen Tee trinken dürft, verdankt Ihr dem Glück dieser beiden. Wäret Ihr allein gekommen, hätte ich Euch nichts gegeben." Schatzjade lachte: "Das weiß ich wohl. Ich schulde Euch keinen Dank — ich danke nur den beiden." Wunderjade hörte das und sagte: "Das ist ein verständiges Wort."
„Du mußt wirklich ein ganz gewöhnliches Geschöpf sein, wenn du das nicht herausschmeckst“, sagte Miau-yü mit abschätzigem Lächeln. „Das ist Schnee, den ich vor fünf Jahren, als ich im Kloster des Gekräuselten Weihrauchs am Hsüan-mu-Berg lebte, von Aprikosenblüten gesammelt habe. Ich hatte nur die kleine Kruke mit der schwarzblauen Glasur voll davon und hatte sie in der Erde vergraben, weil mir das Wasser zu schade war. Erst in diesem Sommer habe ich die Kruke aufgemacht und erst einmal davon getrunken. Heute ist das zweite Mal. Und das schmeckst du nicht heraus? Kann denn vorjähriges Regenwasser diesen lieblichen Geschmack haben? Das kann man doch nicht trinken!“

Dai-yü wußte, daß Miau-yü von Natur aus einen verschrobenen Charakter hatte, darum sagte sie nichts weiter und wollte auch nicht länger bleiben als nötig. Als sie ihren Tee ausgetrunken hatte, verständigte sie sich mit Bau-tschai, und beide gingen hinaus.

„Jene Teeschale ist zwar besudelt, aber es wäre doch schade, sie unbenutzt herumstehen zu lassen“, sagte Bau-yü nun lächelnd zu Miau-yü. „Ich finde, es wäre das Beste, sie dieser armen alten Frau zu schenken. Wenn sie sie verkauft, kann sie davon leben. Bist du einverstanden?“
Kajaljade fragte: "Ist das auch vorjähriges Regenwasser?" Wunderjade lachte kühl: "Für eine solche Person seid Ihr doch sehr gewöhnlich — Ihr könnt nicht einmal das Wasser unterscheiden! Dies ist Schnee, den ich vor fünf Jahren im Xuanmu-Panxiang-Kloster von Pflaumenblüten gesammelt habe. Ich bekam nur eine einzige Geisterfratzen-Vase voll und konnte mich nie überwinden, ihn zu trinken — ich vergrub ihn in der Erde, und erst diesen Sommer habe ich ihn geöffnet. Ich selbst habe nur einmal davon getrunken; dies ist das zweite Mal. Wie könnt Ihr das nicht herausschmecken? Vorjähriges gesammeltes Regenwasser ist doch niemals so leicht und klar — wie sollte man das trinken können!" Kajaljade, die Wunderjades eigenwillige Natur kannte, wagte nicht zu widersprechen und verweilte auch nicht länger. Nach dem Tee verließ sie mit Schatzspange das Zimmer.
Miau-yü dachte kurz nach, dann erklärte sie nickend: „Meinetwegen! Glücklicherweise habe ich nie daraus getrunken. Sonst hätte ich sie eher zerschlagen, als sie der Alten zu geben. Wenn du sie ihr geben willst, bitte, es kümmert mich nicht! Ich überlasse sie dir, nur schaff sie schnell fort.“

„So muß es sein, das ist nur natürlich!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Wie könntest du mit ihr sprechen, ihr etwas geben oder etwas von ihr nehmen. Du würdest dich auch noch beschmutzen. Also gib die Schale nur mir!“

Miau-yü ließ sich die Schale bringen und reichte sie Bau-yü. Bau-yü nahm sie entgegen, dann bot er an: „Wenn wir gegangen sind, werde ich den Dienerknaben sagen, sie sollen dir ein paar Eimer Flußwasser bringen, damit du Wasser zum Wischen hast für den Boden. Einverstanden?“

„Das ist lieb“, sagte Miau-yü. „Nur sag ihnen, sie sollen die Eimer vor dem Tor an die Mauer stellen und nicht hereinkommen!“
Schatzjade sagte schmunzelnd zu Wunderjade: "Die Teeschale ist zwar beschmutzt, aber wäre es nicht schade, sie einfach wegzuwerfen? Meiner Meinung nach könntet Ihr sie der armen alten Frau geben — sie könnte sie verkaufen und davon leben. Was haltet Ihr davon?" Wunderjade dachte einen Moment nach, nickte und sagte: "Nun gut. Glücklicherweise habe ich selbst nicht daraus getrunken — hätte ich sie benutzt, würde ich sie lieber zerschlagen, als sie herzugeben. Wenn Ihr sie ihr geben wollt, kümmere ich mich nicht darum — nehmt sie und geht schnell." Schatzjade sagte: "Natürlich. Wie könntet Ihr mit ihr reden und etwas überreichen — das würde ja sogar Euch beschmutzen. Gebt sie einfach mir."
„Das versteht sich von selbst“, versicherte Bau-yü, steckte die Teeschale in seine Ärmeltasche und gab sie dann einem der kleineren Sklavenmädchen aus den Räumen der Herzoginmutter. „Wenn Oma Liu morgen geht, gibst du ihr das Teeschälchen mit!“ trug er ihr auf. Wunderjade ließ sie holen und reichte sie Schatzjade. Er nahm sie und sagte: "Wenn wir draußen sind, schicke ich ein paar Burschen, die einige Eimer Wasser aus dem Bach holen und den Boden waschen — wie wäre das?" Wunderjade lachte: "Das wäre noch besser! Sagt ihnen nur, sie sollen das Wasser am Bergtor vor der Maür abstellen und nicht hereinkommmen." Schatzjade sagte: "Natürlich."
Kaum hatte er diesen Befehl erteilt, trat die Herzoginmutter in den Hof hinaus, um zu gehen. Miau-yü gab sich auch keine besondere Mühe, sie zum Bleiben zu bewegen, und begleitete sie bis vor das Klostertor. Dort machte sie kehrt, ging wieder hinein und schloß hinter sich ab. Mehr ist hier von ihr nicht zu berichten. Er steckte die Schale in den Ärmel und gab sie einer kleinen Dienerin von die Herzoginmutters Haushalt mit den Worten: "Wenn Oma Liu morgen heimfährt, gib sie ihr mit." Kaum hatte er dies aufgetragen, trat die Herzoginmutter bereits heraus, um aufzubrechen. Wunderjade versuchte nicht, sie zurückzuhalten, sondern begleitete sie zum Bergtor und schloss hinter sich die Tür. Doch davon wollen wir nicht weiter berichten.
Die Herzoginmutter fühlte sich müde, darum ordnete sie an, Dame Wang und die Mädchen des Hauses sollten Tante Hsüä beim Weintrinken Gesellschaft leisten, während sie selbst sich im Reisduftdorf der Ruhe hingab. Rasch befahl Hsi-fëng, einen kleinen Tragstuhl aus Bambus zu bringen, die Herzoginmutter setzte sich darauf, und zwei Sklavenfrauen trugen sie, von Li Wan, Hsi-fëng und ihren Sklavenfrauen und -mädchen begleitet, fort. Mehr muß jetzt auch von ihr nicht die Rede sein.

Nun verabschiedete sich auch Tante Hsüä, Dame Wang aber schickte Wën-guan und die anderen Schauspielerinnen weg, ließ die Speiseschachteln an die Sklavenmädchen verteilen und machte sich dann die Ruhepause zunutze, um sich auf dem Polsterbett auszustrecken, auf dem zuvor die Herzoginmutter gesessen hatte. Eines der kleineren Sklavenmädchen mußte den Türvorhang herunterlassen und ihr die Beine klopfen, dann befahl sie noch: „Wenn eine Nachricht von der alten gnädigen Frau kommt, machst du mich wach!“ Anschließend drehte sie sich auf die Seite und schlief ein.
Die Herzoginmutter fühlte sich müde und bat Dame Wang sowie Willkommensfrühling[13] und ihre Schwestern, Tante Schnee weiter beim Weintrunk Gesellschaft zu leisten, während sie selbst im Daoxiang-Dorf rasten wollte. Phönixglanz ließ eilig den kleinen Bambusstuhl bringen. Die Herzoginmutter setzte sich darauf, zwei Dienerinnen trugen ihn, und Phönixglanz, Li Schleierfrau und die übrigen Dienerinnen folgten. Doch davon wollen wir nicht weiter berichten.
Bau-yü, Hsiang-yün und die anderen sahen zu, wie die Sklavenmädchen die Speiseschachteln auf Felsbrocken stellten und sich entweder ebenfalls auf die Felsbrocken oder aber ins Gras setzten, während andere sich an die Bäume lehnten oder ans Wasser stellten, was ein abwechslungsreiches Bild ergab. Tante Schnee verabschiedete sich ebenfalls. Dame Wang schickte die Schauspielerinnen fort, verteilte die Trägerschachteln an die Dienerinnen zum Essen und legte sich selbst auf die Liege, auf der die Herzoginmutter zuvor gesessen hatte, befahl einer kleinen Dienerin, den Vorhang herunterzulassen und ihr die Beine zu klopfen, und sagte: "Wenn es Neuigkeiten von der Alten Herrin gibt, weck mich." Damit nickte sie ein.
Bald darauf kam Yüan-yang zurück, um Oma Liu überall herumzuführen, und die anderen schlossen sich ihnen an, um etwas zum Lachen zu haben. Als sie an das Ehrentor mit der Inschrift ‚Villa des Elternbesuchs‘ kamen, sagte Oma Liu: „Oh, hier ist ja noch ein großer Tempel!“ Sie warf sich nieder und schlug mit der Stirn auf den Boden, und schon krümmte sich alles vor Lachen.

„Was gibt es da zu lachen?“ fragte Oma Liu. „Ich kenne doch diese Schriftzeichen auf dem Schmucktor. Es gibt bei uns viele solcher Tempel, und jeder hat so ein Tor. Die Inschrift darauf ist der Name des Tempels.“
Schatzjade, Wolke vom Xiang-Fluss und die anderen sahen den Dienerinnen zu, wie sie die Trägerschachteln auf den Felssteinen abstellten. Manche sassen auf Steinen, manche im Gras, manche lehnten an Bäumen, manche am Wasser — es war ein fröhliches Treiben. Bald kam Mandarinenente, um Oma Liu überall herumzuführen, und alle schlossen sich spaßeshalber an.
„Und was haben wir hier für einen Tempel?“ fragten alle lächelnd.

Oma Liu blickte auf und zeigte nach der Namenstafel. „Sind das nicht die vier Schriftzeichen ‚Thronsaal des Jadekaisers‘?“ fragte sie.

Alle schlugen vor Vergnügen die Hände zusammen und stampften mit den Füßen auf. Sie hätten sich gern noch länger über Oma Liu lustig gemacht, aber diese spürte ein Rumoren im Bauch, deshalb zupfte sie rasch ein kleines Sklavenmädchen am Ärmel, erbat sich ein paar Blatt Papier von ihr und begann, ihre Kleider zu lösen.

Alles lachte und schrie sie an: „Doch nicht hier!“
Sie kamen zum Tor des "Besuchs in der Heimat"-Ehrenpfortens. Oma Liu rief: "Ach du meine Güte! Hier ist ja noch ein großer Tempel!" Sie fiel auf die Knie und schlug mit der Stirn auf den Boden. Die Leute bogen sich vor Lachen. Oma Liu sagte: "Was lacht ihr? Ich kann die Schriftzeichen auf diesem Tor lesen! Bei uns gibt es viele solcher Tempel, alle mit solchen Toren — die Schrift ist der Name des Tempels." Die Leute fragten lachend: "Welcher Tempel ist das denn?" Oma Liu blickte auf und zeigte auf die Schriftzeichen: "Steht da nicht 'Halle des Jade-Kaisers'?" Alle klatschten vor Lachen in die Hände.
Eine alte Sklavin mußte dann Oma Liu nach Nordosten führen. Dort zeigte sie ihr, wo es war, und dann verschwand sie, froh, die Gelegenheit für eine Mittagsruhe nutzen zu können. Man wollte sie weiter necken, doch da knurrte es in Oma Lius Bauch. Eilig zog sie eine kleine Dienerin heran und verlangte zwei Stück Papier, denn sie musste sich erleichtern. Alle lachten und riefen: "Hier geht das nicht!" Schnell schickten sie eine alte Dienerin mit ihr in nordöstlicher Richtung. Die Dienerin zeigte ihr den Ort und ging vergnügt weg, um sich auszuruhen.
Oma Liu hatte zuviel von dem Reiswein getrunken, der ihr nicht bekam, dazu hatte sie viel Fettes gegessen. Davon hatte sie dann Durst bekommen und deshalb reichlich Tee getrunken. Da war es kein Wunder, daß sie jetzt an Durchfall litt und ihr Geschäft erst nach längerer Zeit beenden konnte. Als sie den Abtritt verließ, wirkte zum einen der Wein, zum anderen stellte sich bei einem älteren Menschen wie ihr, der zu lange gehockt und zu plötzlich wieder aufgestanden war, ein Flimmern vor den Augen ein, so daß ihr der Kopf davon schwindelte und sie den rechten Weg nicht mehr fand.

Als sie sich nach allen Seiten umschaute, waren ringsum Bäume und Felsen, Türme und Häuser zu sehen, aber wohin sie zu gehen hatte, wußte sie nicht. Darum folgte sie langsamen Schrittes einem gepflasterten Weg und kam bald an ein Gebäude, fand aber den Eingang nicht. Nach längerem Suchen stieß sie auf ein Flechtwerk aus Bambus und fragte sich: „Werden denn auch hier Kletterbohnen gezogen?“
Oma Liu hatte einiges an Wein getrunken, der nicht zu ihrer Konstitution passte; dazu hatte sie viele fettige Speisen und aus Durst mehrere Schalen Tee zu sich genommen, was natürlich abführend wirkte. Sie hockte eine lange Weile. Als sie endlich herauskam, schlug ihr der Wind ins Gesicht, und da sie eine betagte Person war, die so lange gehockt hatte, wurde ihr beim plötzlichen Aufstehen schwindlig und trübe vor Augen — sie konnte den Weg nicht mehr erkennen. Sie blickte sich um: ringsum nur Bäume, Felsen, Pavillons und Häuser, doch sie wusste nicht, welcher Weg wohin führte. So folgte sie langsam einem Steinweg.
Mit diesem Gedanken ging sie am Blumenspalier entlang und kam an ein kreisrundes Mondtor. Als sie hindurchtrat, stand sie vor einem Wasserbecken von nur sieben oder acht Tschï Breite, das mit Stein eingefaßt war und von klarem grünen Wasser durchflossen wurde. Über das Wasser führte eine Platte aus weißem Stein. Oma Liu schritt darüber hinweg und erreichte einen mit Steinen ausgelegten Durchgang, der sie zweimal um die Ecke führte und vor einer Tür endete. Sie trat ins Haus und erblickte ein Mädchen, das ihr lächelnd entgegenkam.

Sofort sagte Oma Liu: „Ich bin den Fräulein verlorengegangen, da mußte ich mir selber einen Weg suchen und bin hierher geraten.“
Als sie bei den Gebauden ankam, fand sie keine Tür. Nach langem Suchen entdeckte sie einen Bambuszaun. Oma Liu dachte: "Hier gibt es auch ein Bohnengerüst." Dem Blumenspalier folgend, gelangte sie durch ein mondförmiges Tor. Direkt vor ihr lag ein schmaler Teich, nur sieben bis acht Fuß breit, mit steinernen Ufern und klarem, blaüm Wasser. Darüber lag ein weißer Stein als Brücke. Oma Liu überqürte ihn und folgte dem Steinpfad, bog zweimal ab und sah eine Zimmertür. Sie trat ein, und ein Mädchen kam ihr lächelnd entgegen. Oma Liu rief lachend: "Die jungen Damen haben mich zurückgelassen, und nun habe ich mich hierher verirrt."
Als das Mädchen nicht antwortete, trat Oma Liu näher, um es bei der Hand zu fassen, aber bums!, knallte sie an eine Holzwand, daß ihr der Schädel brummte. Da sah sie genauer hin und entdeckte, daß sie vor einem Bild stand.

„Wie kann ein Bild nur so plastisch hervortreten?“ fragte sie sich. Dabei sah sie das Bild genauer an und befühlte es mit der Hand. Es war glatt und eben.
Doch das Mädchen antwortete nicht. Oma Liu ging auf sie zu und wollte ihre Hand greifen — "bums!" stieß sie gegen eine Wand und schlug sich den Kopf schmerzhaft an. Als sie genaür hinsah, war es ein Gemälde. Oma Liu dachte: "So lebensecht können Bilder also sein!" Sie betrachtete es, befühlte es — alles glatt. Kopfschüttelnd seufzte sie.
Da nickte Oma Liu und seufzte ein paarmal, dann wandte sie sich um und fand sich vor einer kleinen Tür, in der ein weicher lauchgelber Vorhang mit Streublumenmuster hing. Als sie ihn hochhob und durch die Tür ins Zimmer trat, sah sie, daß hier alle vier Wände in zierlichster Weise mit Zithern, Schwertern, Vasen und Räuchergefäßen geschmückt waren, die man in die Wände eingelassen hatte. Überall gab es Atlasbezüge und Seidenhüllen, alles strahlte von Gold und Perlen, selbst die grünglasierten Fußbodenfliesen waren mit Mustern verziert. Von alledem flimmerte es Oma Liu dermaßen vor den Augen, daß sie nach der Tür suchte, um wieder hinauszugehen. Aber wo war die Tür? Links stand ein Büchergestell, rechts ein Wandschirm. Und als sie hinter diesem die Tür fand, trat ihr daraus die Mutter ihres Schwiegersohns entgegen. Als sie sich umdrehte, fand sie ein kleines Türchen, das mit einem grün gestreiften Blumenvorhang verhängt war. Sie hob den Vorhang und trat ein. Die vier Wände waren kunstvoll durchbrochen, Lauten, Schwerter, Vasen und Räucherständer hingen daran, mit Brokat verhüllt und Seidenschleiern geschmückt, golden und juwelenbesetzt. Sogar die Bodenfliesen waren grün mit eingravierten Mustern. Oma Liu war völlig geblendet. Sie suchte nach der Tür, doch wo war sie? Links ein Bücherregal, rechts ein Wandschirm. Hinter dem Wandschirm fand sie eine Tür und ging hindurch — da kam ihr ihre eigene Verwandte von draußen entgegen!
„Du hast dich wohl nach mir auf die Suche gemacht, weil ich so lange nicht nach Hause gekommen bin?“ fragte Oma Liu verwundert. „Welches von den Mädchen hat dich hierher geführt?“

Aber die Schwägerin lächelte nur und erwiderte nichts.

„Du kennst dich wirklich nicht aus in der Welt!“ warf Oma Liu ihr lächelnd vor. „Da hast du gesehen, wie schön hier im Garten die Blumen blühen, und hast dir mir nichts, dir nichts den ganzen Kopf damit vollgesteckt.“
Verwundert fragte Oma Liu: "Du bist wohl hier, weil ich seit ein paar Tagen nicht nach Hause gekommen bin? Wer hat dich hereingebracht?" Ihre Verwandte lächelte nur, ohne zu antworten. Oma Liu lachte: "Du hast ja gar keinen Sinn für Anstand — wenn du die hübschen Blumen im Garten siehst, steckst du dir gleich einen ganzen Kopf voll auf!" Die Verwandte antwortete noch immer nicht.
Als die andere wieder nichts sagte, fuhr Oma Liu plötzlich der Gedanke durch den Kopf: „Ich habe oft gehört, bei den reichen Leuten gebe es große Ankleidespiegel. Ist das etwa mein Spiegelbild?“ Sie streckte tastend die Hand aus und blickte genauer hin, da war es tatsächlich so. Ringsherum war eine durchbrochene Trennwand aus Padoukholz, in die der Spiegel eingefügt war.

„Hier ist also zu“, sagte Oma Liu laut zu sich selbst. „und wo geht es hinaus?“
Da fiel ihr plötzlich ein: "Ich habe gehört, dass reiche Familien eine Art Spiegel haben, durch den man hindurchgehen kann — vielleicht bin ich in einem Spiegel!" Sie streckte die Hand aus und sah genaür hin — tatsächlich: vier durchbrochen geschnitzte Sandelholzrahmen fassten einen Spiegel in der Mitte ein. "Das versperrt den Weg — wie komme ich hinaus?" Während sie herumtastete, betätigte sie zufällig den Mechanismus. Es war ein westlicher Spiegel, der sich öffnen und schließen ließ. Durch ihre unbeabsichtigte Berührung schwang der Spiegel auf und gab den Durchgang frei.
Während sie das sagte, tastete sie weiter mit den Händen herum und berührte dabei einen europäischen Schnapper, der am Spiegel angebracht war, gerade so stark, daß er aufging und der Spiegel eine Türöffnung freigab. Froh und verwundert trat Oma Liu durch die Tür und stand vor dem prächtigsten Bettvorhang, den man sich denken kann. Und weil sie zu sieben, acht Zehnteln betrunken war und sich müde gelaufen hatte, ließ sie sich auf das Bett plumpsen und murmelte: „Nur ein bißchen ausruhen!“

Ehe sie es sich versah, war sie hintenüber gesunken. Die Beine folgten von selber nach, die Augen fielen ihr zu, und während sie ihren Körper in die richtige Lage brachte, schlief sie auch schon.
Überrascht und erfreut trat Oma Liu hindurch und fand sich vor dem prächtigsten Bett wieder, das sie je gesehen hatte. Da sie schon zu sieben, acht Zehnteln betrunken war und müde vom Umherlaufen, setzte sie sich mit einem Plumps auf das Bett, "nur um kurz zu rasten". Aber sie konnte sich nicht mehr halten, schwankte vor und zurück, ihre Augen fielen zu, und im Nu war sie auf dem Bett eingeschlafen.
Im Garten aber warteten alle auf sie, und Ban-örl fing an zu heulen, weil seine Oma nicht wiederkam.

„Sie wird doch nicht in die Abortgrube gefallen sein?“ fragte man sich schmunzelnd. „Wir müssen schnell jemand hinschicken, der nach ihr sieht!“
Die anderen warteten vergeblich auf sie. Ban'er vermisste seine Großmutter und fing an zu weinen. Alle lachten: "Vielleicht ist sie in den Abort gefallen! Schickt schnell jemanden nachsehen." Zwei Dienerinnen gingen, kamen aber zurück und sagten, sie sei nicht dort. Man suchte überall vergebens.
Also erhielten zwei Sklavenfrauen den Befehl, sich nach ihr auf die Suche zu machen, aber als sie wiederkamen, sagten sie: „Sie ist nicht da.“

Jetzt schauten sich alle an den verschiedensten Stellen um, doch Oma Liu blieb verschwunden. Da vergegenwärtigte sich Hsi-jën den Weg: „Wenn sie sich in ihrer Trunkenheit verlaufen hat, ist sie hier entlang von hinten an unser Gehöft gekommen. Durch das Blumenspalier müßte sie an die Hintertür gelangt sein, und wenn sie dort umhergeirrt ist, waren die kleineren Mädchen

da und müssen sie bemerkt haben. Ist sie aber nicht durch das Blumenspalier gegangen, sondern weiter nach Südwesten, dann hat sie im besten Fall aus dem Garten hinausgefunden. Und wenn nicht, kann sie noch ein schönes Stück herumlaufen. Ich gehe nachsehen!“
Dufthauch[14] überlegte, welchen Weg sie genommen haben könnte: "Sie ist betrunken und hat sich verlaufen. Wahrscheinlich ist sie diesem Pfad zu unserer Rückseite gefolgt. Wenn sie durch das Blumenspalier gegangen und zur Hintertür hereingekommen ist, hätte sie zwar angestoßen, aber die kleinen Dienerinnen hätten sie bemerkt. Wenn sie nicht durch das Spalier, sondern weiter nach Südwesten gegangen ist und den Ausweg gefunden hat, wäre es gut — wenn nicht, dürfte sie sich eine Weile im Kreis drehen. Ich gehe lieber nachsehen."
Mit diesem Vorsatz ging sie zum Hof der Freude am Roten und rief dort. Aber die kleineren Sklavenmädchen hatten sich die Ruhe zunutze gemacht und waren verschwunden, um spielen zu gehen. Also trat Hsi-jën ins Haus, und als sie dort um die Stellage mit den Nippsachen bog, hörte sie ein donnerndes Schnarchen. Schnell ging sie weiter hinein und roch ein Gemisch von Weindunst und Fürzen. Sie sah sich um und entdeckte Oma Liu, die – alle viere von sich gestreckt – rücklings auf dem Bett lag. Hsi-jën bekam keinen schlechten Schreck. Rasch trat sie näher und rüttelte Oma Liu unsanft wach. So kehrte Dufthauch zurück und betrat den Yihong-Hof, rief nach den Mädchen — doch die kleinen Dienerinnen waren alle heimlich zum Spielen gegangen.
Erschrocken riß Oma Liu die Augen auf, und als sie Hsi-jën erblickte, rappelte sie sich eilig hoch. „Es war unrecht von mir, Fräulein“, bekannte sie. „Aber ich habe den Bettvorhang nicht schmutzig gemacht.“ Und sie klopfte mit der Hand auf den Vorhang. Dufthauch ging geradewegs durch die Zimmertür, vorbei am verzierten Raumteiler, und hörte schnarchen wie Donner. Eilig trat sie ein — der Geruch von Alkohol und Blähungen erfüllte den Raum. Sie sah Oma Liu auf dem Bett liegen, Arme und Beine von sich gestreckt. Dufthauch erschrak nicht wenig und rüttelte sie wach, ohne Umschweife.
Aus Furcht, Bau-yü würde davon erfahren, wenn Oma Liu noch jemand anders auf sich aufmerksam machte, gab Hsi-jën ihr mit der Hand ein Zeichen zu schweigen. Dann tat sie ein paar Hände voll gemischten Weihrauch in den Dreifußkessel und setzte anschließend den durchbrochenen Aufsatz wieder darauf. Sie schaffte ein wenig Ordnung und war nur froh, daß Oma Liu sich nicht übergeben hatte. „Schon gut“, sagte sie leise und mit lächelnder Miene, „ich bin ja da. Komm mit hinaus!“ Oma Liu fuhr hoch, sah Dufthauch und kletterte eilig vom Bett: "Junge Dame, ein schreckliches Versehen! Ich habe die Bettvorhange nicht beschmutzt!" Während sie das sagte, klopfte sie die Decken ab.
Oma Liu folgte Hsi-jën in die Räume der kleineren Sklavenmädchen, wo sie sich hinsetzen mußte. Dann schärfte Hsi-jën ihr ein: „Du sagst, du seist betrunken gewesen und auf einem Felsbrocken an den Bergen eingeschlafen!“ Dufthauch fürchtete, andere könnten es bemerken und Schatzjade davon erfahren. Sie winkte ihr ab und bedeutete ihr, still zu sein. Eilig legte sie drei, vier Handvoll Lilien-Räucherwerk in den Räucherofen, setzte den Deckel auf und räumte schnell auf. Glücklicherweise hatte Oma Liu sich nicht übergeben. Leise lachend sagte Dufthauch: "Macht Euch keine Sorgen, ich bin ja da. Folgt mir hinaus." Oma Liu folgte Dufthauch in das Zimmer der kleinen Dienerinnen und setzte sich.
„Ich verstehe“, sagte Oma Liu. Als sie dann noch zwei Schalen Tee von Hsi-jën bekommen hatte, war sie wieder nüchtern und fragte: „Welchem von den Fräulein gehören die Räume hier, daß sie so prächtig sind? Ich kam mir vor wie im Himmel!“

Hsi-jën lächelte fein, als sie ihr antwortete: „Das hier? Im Schlafzimmer des jungen Herrn bist du gewesen.“

Vor Schreck bekam Oma Liu keinen Ton mehr heraus.
Dufthauch sagte: "Sagt einfach, Ihr seid betrunken auf einem Felsbrocken eingeschlafen." Oma Liu nickte. Nachdem sie zwei Schalen Tee getrunken hatte, war sie wieder nüchtern und fragte: "Wessen Schlafzimmer war das? So prächtig — ich kam mir vor wie im Himmelspalast." Dufthauch lächelte: "Das war das Schlafzimmer unseres Zweiten Jungen Herrn Schatzjade." Oma Liu erschrak so sehr, dass sie keinen Laut mehr von sich gab.
Hsi-jën ging mit ihr zum Vordertor hianus, und als sie wieder bei den anderen waren, sagte sie einfach, Oma Liu sei im Gras eingeschlafen gewesen, und sie habe sie zurückgebracht. Dufthauch führte sie durch den Vorderausgang hinaus. Gegenüber den anderen sagte sie nur, Oma Liu habe im Gras geschlafen und sie habe sie hergebracht. Niemand kümmerte sich weiter darum.
Niemand kümmerte sich darum, und damit war die Sache abgetan. Ein Weilchen später war auch die Herzoginmutter wach, und im Reisduftdorf wurde das Abendessen gerichtet. Aber die Herzoginmutter hatte keinen Appetit, deshalb aß sie nichts und setzte sich in den Bambustragstuhl, um sich in ihre Räume zurücktragen zu lassen und dort zu ruhen. Sie befahl aber, Hsi-fëng und die anderen sollten essen gehen, und so kehrten die Mädchen in den Garten zurück. Bald erwachte die Herzoginmutter. Das Abendbrot wurde im Daoxiang-Dorf aufgetragen. Da die Herzoginmutter sich müde fühlte, ass sie wenig. Sie ließ sich auf dem Bambus-Tragstuhl in ihr Gemach zurücktragen, um zu ruhen, und befahl Phönixglanz und den anderen, zu essen. Die Schwestern kehrten in den Garten zurück. Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Wer wissen will, was weiter geschah, ...
  1. Chin. 贾母 Jiǎmǔ, wörtl. „Mutter Kaufmann". Oberhaupt der Familie, auch „Alte Herrin" genannt.
  2. Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Großmutter Liu". Eine einfache Bäuerin vom Lande.
  3. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Glänzender Phönix aus dem Hause Wang". Haushälterin der Familie Kaufmann.
  4. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Treue Leibdienerin der Herzoginmutter.
  5. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Xue/Schnee". Mutter von Schatzspange.
  6. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, wörtl. „Dame Wang". Schatzjades Mutter.
  7. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann Jade". Hauptfigur des Romans.
  8. Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Li Seidenschleier". Witwe von Zhu Kaufmann, Schatzjades ältere Schwägerin.
  9. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Shi Wolke vom Xiang-Fluss". Schatzjades lebhafte Cousine.
  10. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Xue Kostbare Haarspange". Schatzjades spätere Ehefrau.
  11. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald-Kajaljade". Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.
  12. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Longsui-Kloster.
  13. Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „den Frühling willkommen heißen". Zweite Tochter des Hauses Kaufmann.
  14. Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die Angreifende/Überraschende" (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an"). Schatzjades erste Kammerzofe.

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