Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 48

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Kapitel 48: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
48.Ein überschwenglicher Liebhaber geht enttäuscht auf Reisen,eine kunstbeflissene Schöne schreibt verbissen Gedichte. Kapitel 48
Erst als Hsüä Pan das hörte, begann sich also sein Ärger allmählich zu legen. Nach einigen Tagen ließen die Schmerzen nach, aber die Wunden waren noch nicht verheilt, darum schützte Hsüä Pan eine Krankheit vor und blieb zu Hause, weil er sich schämte, Verwandten und Freunden in diesem Zustand gegenüberzutreten. Die eifersüchtige Duftlinse [香菱][1] studiert bei Kajaljade [林黛玉][2] die Dichtkunst. Der geschlagene Xue Pan [薛蟠][3] zieht auf Geschäftsreise in die Ferne.
Ehe man sich‘s versah, hatte der zehnte Monat begonnen, und da einige der Angestellten aus seinen Geschäften die Jahresendabrechnungen vornahmen, um dann nach Hause zu reisen, kam Hsüä Pan nicht umhin, Abschiedsessen für sie zu geben. Es wird erzählt, dass sich Xue Pans Zorn allmählich legte, als er hörte, Liu Xianglian[4] sei aus Furcht vor Strafe geflohen. Drei bis fünf Tage später waren die Schmerzen zwar abgeklungen, doch die Spuren der Prügel waren noch nicht verheilt, und so stellte er sich weiterhin krank und blieb zu Hause, zu beschämt, um Verwandten und Freunden unter die Augen zu treten.
Unter diesen Angestellten war auch ein gewisser Dschang Dë-huee, der schon über sechzig Jahre alt war und von jung auf als Geschäftsführer in der Pfandleihe der Hsüäs arbeitete. Sein Besitz belief sich auf zwei- oder dreitausend Liang Silber. Jetzt hatte er vor, nach Hause zu fahren und erst im Frühjahr wiederzukommen. Darum sagte er: „In diesem Jahr waren Opferpapier und Duftholzartikel knapp, darum werden sie im nächsten Jahr bestimmt teuer werden. Nach Neujahr schicke ich zunächst meinen ältesten Sohn her, damit er in der Pfandleihe die Aufsicht führt, ich aber komme erst zum Drachenbootfest und kaufe unterwegs Opferpapier und Duftholzfächer ein. Nach Abzug der Abgaben und Unkosten wird das einen mehrfachen Gewinn ergeben.“ Im Nu war es Oktober geworden. Einige Gehilfen aus den verschiedenen Geschäften wollten zum Jahresende ihre Konten abschließen und nach Hause reisen; man musste ihnen ein Abschiedsessen geben. Unter ihnen war ein gewisser Zhang Dehui, über sechzig Jahre alt, der seit seiner Jugend als Oberbuchhalter in Xue Pans Pfandleihe arbeitete und zu Hause ein Vermögen von zwei- bis dreitausend Liang angesammelt hatte. Auch er wollte dieses Jahr heimfahren und erst im nächsten Frühling zurückkehren.
Als Hsüä Pan das hörte, sagte er sich, „seit ich die Prügel bezogen habe, kann ich mich nicht mehr sehen lassen. Darum würde ich mich gern für ein Jahr oder ein halbes verborgen halten, bloß weiß ich nicht wo. Wenn ich mich Tag für Tag krank stelle, ist das auch keine Art. Außerdem habe ich es bisher weder zu einem zivilen noch zu einem militärischen Amt gebracht, obwohl ich alt genug dazu bin. Ich nenne mich zwar Händler, habe aber noch nie eine Balkenwaage oder ein Rechenbrett in der Hand gehabt. Die Gegenden und ihre Sitten, die Wege nah und fern kenne ich auch nicht. Darum ist es das beste, ich nehme ebenfalls etwas Kapital und gehe für ein Jahr mit Dschang Dë-huee zusammen auf Reisen! Egal, ob ich dabei etwas verdiene oder nicht, kann ich doch der Schande entgehen, und ein paar Landschaften kennenzulernen ist auch nicht schlecht.“ Beim Essen kam er auf das Geschäft zu sprechen: „Dieses Jahr war Räucherpapier und Weihrauch knapp. Im nächsten Jahr werden die Preise bestimmt steigen. Im Frühling schicke ich zuerst meinen Ältesten voraus, um in der Pfandleihe nach dem Rechten zu sehen. Ich selbst nehme dann auf dem Rückweg Papier, Räucherstäbchen und Fächer zum Verkauf mit. Nach Abzug von Zöllen und Unkosten lässt sich ein Vielfaches an Gewinn erzielen.“
Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, machte er nach dem Festmahl Dschang Dë-huee damit bekannt und befahl ihm, noch ein paar Tage zu warten, damit sie gemeinsam aufbrechen könnten. Als Xue Pan das hörte, überlegte er bei sich: „Jetzt, wo ich verprügelt worden bin, kann ich mich nirgends sehen lassen. Ich wollte mich sowieso für ein, zwei Jahre verstecken, wusste aber nicht, wohin. Tag für Tag krank zu spielen ist auch keine Lösung. Außerdem bin ich erwachsen geworden, kann weder lesen noch kämpfen, und obwohl ich angeblich Kaufmann bin, habe ich noch nie eine Goldwaage oder einen Abakus in der Hand gehabt, kenne weder Sitten und Bräuche noch Entfernungen und Wege. Am besten packe ich etwas Kapital zusammen und reise ein Jahr mit Zhang Dehui herum. Ob ich Geld verdiene oder nicht – Hauptsache, ich komme erst einmal weg von hier und muss mich nicht mehr schämen. Und zweitens kann ich unterwegs Berge und Flüsse sehen.“
Am Abend teilte Hsüä Pan den Plan seiner Mutter mit. Obwohl sie sich darüber freute, hatte sie doch auch Angst, er könnte in der Fremde irgend etwas anstellen, wobei es noch das wenigste war, wenn er nur das Geld ausgab. Deshalb wollte sie ihn nicht ziehen lassen und sagte: „Solange du bei mir bist, bin ich ruhiger. Und wozu mußt du Handel treiben? Auf ein paar hundert Liang Silber sind wir nicht angewiesen. Wenn du stillvergnügt zu Hause bleibst, ist das mehr wert als dieses Silber.“ Sein Entschluss stand fest. Als das Essen beendet war, teilte er Zhang Dehui seinen Plan mit und bat ihn, ein, zwei Tage zu warten, damit sie gemeinsam aufbrechen könnten.
Aber wie konnte Hsüä Pan noch nachgeben, nachdem sein Entschluß einmal gefaßt war! Darum sagte er: „Tag für Tag heißt es, ich kennte mich nicht aus in der Welt, wisse dieses nicht und hätte jenes nicht gelernt. Jetzt habe ich mich entschlossen, mit allem Unnötigen zu brechen und das Handelsgeschäft zu erlernen, um ein ordentlicher Mensch zu werden, der es zu etwas bringt, und da erlaubst du es nicht. Was soll ich denn machen? Ich bin doch kein Mädchen, daß du mich zu Hause einsperrst, wer weiß wie lange. Am Abend erzählte Xue Pan seiner Mutter davon. Tante Schnee [薛姨妈][5] freute sich zwar, fürchtete aber, er könne unterwegs Schwierigkeiten verursachen. Das Kapital zu verlieren wäre das Geringste. Deshalb wollte sie ihn nicht gehen lassen und sagte: „Bleib lieber bei mir, dann bin ich wenigstens beruhigt. Wir brauchen dieses Geschäft gar nicht zu machen und sind auch nicht auf die paar hundert Liang angewiesen. Wenn du zu Hause brav und anständig bleibst, ist das mehr wert als ein paar hundert Liang Silber.“
Außerdem ist Dschang Dë-huee alt und tugendhaft, seine Familie ist mit der unseren schon seit Generationen bekannt. Wie könnte ich also Fehler machen, wenn ich mit ihm zusammen reise? In dem Augenblick, wo ich etwas nicht richtig mache, wird er es mir sagen und mir Ratschläge geben. Über alle Warenpreise und Marktverhältnisse weiß er Bescheid. Doch Xue Pans Entschluss stand fest, und er war nicht umzustimmen. Er sagte: „Jeden Tag beklagt ihr euch, ich würde nichts von der Welt verstehen, dies nicht wissen und jenes nicht lernen. Jetzt habe ich mir fest vorgenommen, alle überflüssigen Dinge sein zu lassen und ein ernster Mensch zu werden, der die Kaufmannschaft erlernt – und nun erlaubt ihr es mir nicht! Was soll ich denn tun? Ich bin doch kein Mädchen, das man zu Hause einsperren kann – wie soll das enden? Außerdem ist Zhang Dehui ein bejahrter, ehrenwerter Mann, wir kennen seine Familie seit Generationen. Mit ihm zusammen kann mir nichts passieren. Sollte ich mich einmal nicht richtig benehmen, wird er mich schon zurechtweisen. Er kennt alle Marktpreise und weiß, was billig und was teuer ist – ich brauche ihn nur zu fragen. Wie bequem! Und ihr wollt mich nicht gehen lassen! In zwei Tagen sage ich zu Hause gar nichts, packe heimlich meine Sachen und verschwinde. Wenn ich nächstes Jahr reich zurückkomme, werdet ihr mich kennenlernen!“ Damit ging er wütend schlafen.
Ich werde ihn natürlich nach allem fragen, und so wird auch alles glatt gehen. Tante Schnee beriet sich mit Schatzspange [薛宝钗][6]. Schatzspange lachte: „Wenn der Bruder wirklich etwas Vernünftiges anfangen will, ist das nur gut. Bloß – zu Hause redet er schön, aber draußen verfällt er womöglich wieder in seine alten Gewohnheiten, und dann ist er noch schwerer zu bändigen. Aber man kann sich nicht endlos sorgen. Wenn er sich wirklich bessert, ist das sein Glück fürs ganze Leben. Wenn nicht, kann die Mutter auch nichts daran ändern. Halb Menschenmüh, halb Himmelsfügung. So erwachsen, wie er ist – wenn wir immer nur fürchten, er kenne die Welt nicht, und ihn nicht vor die Tür lassen, wird er nächstes Jahr noch genauso sein wie heute. Da er einen plausiblen Grund angibt, solltet Ihr, Mutter, acht- oder tausend Liang abschreiben und es mit ihm versuchen. Die Gehilfen werden ihn schon nicht betrügen. Und draußen hat er zweitens niemanden, der ihn zu Dummheiten anstiftet, und niemanden, hinter dem er sich verstecken kann. Dort draußen fürchtet sich keiner vor ihm, und wenn er Geld hat, kann er essen, wenn nicht, muss er hungern. Wenn er das begreift, wird er vielleicht weniger Ärger machen als zu Hause.“
Wenn du mich nicht fortläßt, werde ich in ein paar Tagen heimlich meine Sachen packen und verschwinden, ohne etwas zu sagen. Wenn ich dann nächstes Jahr als reicher Mann zurückkomme, wirst du wissen, wer ich bin.“ Tante Schnee dachte eine Weile nach und sagte: „Du hast recht. Ein paar Liang zu verlieren ist es wert, wenn er dadurch ein bisschen Vernunft lernt.“ Der Beschluss war gefasst, und die Nacht verging ohne weitere Worte.
Mit diesen Worten ging er wütend schlafen. Tante Hsüä aber beriet sich mit Bau-tschai, und diese sagte ihr lächelnd: „Wenn er sich wirklich mit etwas Ordentlichem beschäftigen will, ist es doch gut. Nur, wenn er jetzt zu Hause schöne Reden führt und dann in der Fremde wieder in seine alten Fehler verfällt, ist es noch schwerer, ihn zu zügeln. Aber darüber dürft Ihr Euch keine allzu großen Sorgen machen. Am nächsten Tag ließ Tante Schnee Zhang Dehui einladen. Im Arbeitszimmer bewirtete Xue Pan ihn mit Wein und Speisen, während Tante Schnee vom hinteren Gang aus durch das Fenster Zhang Dehui tausend und eine Ermahnung ans Herz legte, gut auf Xue Pan aufzupassen. Zhang Dehui versprach alles.
Wenn er sich wirklich ändert, ist es das größte Glück seines Lebens, und wenn er sich nicht ändert, könnt Ihr auch nichts machen. Zur Hälfte liegt es in menschlicher Kraft und zur Hälfte im Schicksal, wie es der Himmel bestimmt. Wenn Ihr ihn, groß wie er ist, nicht gehen lassen wollt, weil Ihr Angst habt, er kenne sich nicht aus in der Welt, könne deshalb nicht unter die Leute und verstehe nicht zu handeln, könnt Ihr ihn wohl jetzt zu Hause einsperren, aber im nächsten Jahr ist es wieder dasselbe. Nach dem Essen verabschiedete er sich und meldete noch: „Der vierzehnte ist ein sehr günstiger Reisetag. Der junge Herr sollte sofort sein Gepäck richten und Maultiere mieten. Am vierzehnten in aller Frühe können wir aufbrechen.“
Wenn er heute so verständige Reden führt, solltet Ihr achthundert oder eintausend Liang Silber riskieren, die Ihr ihm gebt, damit er sein Glück probieren kann. Schließlich hat er ja die Angestellten, die ihm helfen können und die sich bestimmt schämen würden, ihn zu betrügen. Unterwegs hat er auch niemand um sich, der ihn zu etwas aufstacheln könnte oder auf den er sich bei so etwas stützen könnte. Wer wird also Angst haben vor ihm? Hat er etwas, dann kann er essen, hat er nichts, muß er hungern. Wenn er sieht, daß er ganz auf sich gestellt ist, wird er vielleicht weniger anrichten als zu Hause.“ Xue Pan war überglücklich und teilte Tante Schnee die Neuigkeit mit. Tante Schnee, Schatzspange, Duftlinse und zwei ältere Mütterchen packten tagelang das Reisegepäck. Man teilte Xue Pan seinen Ammemanns als alten Diener zu, zwei erfahrene Altknechte und zwei Leibburschen – zusammen sechs Personen. Man mietete drei große Wagen eigens für Gepäck und Waren sowie vier Reit-Maultiere für die Langstrecke. Xue Pan selbst ritt ein zu Hause aufgezogenes eisengraues Maultier; als Reserve hatte er noch ein Reitpferd dabei. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Was Tante Schnee und Schatzspange ihm noch die ganze Nacht über an Ermahnungen mit auf den Weg gaben, braucht hier nicht im Einzelnen wiedergegeben zu werden.
Tante Hsüä dachte ein Weilchen darüber nach, dann sagte sie: „Du hast recht! Es lohnt sich schon, eine Kleinigkeit auszugeben, damit er ein wenig zu Verstand kommt.“ Am dreizehnten verabschiedete sich Xue Pan zuerst bei seinem Onkel, dann bei den Herrschaften des Hauses Kaufmann. Juwel Kaufmann [贾珍][7] und die anderen gaben natürlich noch ein Abschiedsessen, doch auch davon braucht nicht im Detail berichtet zu werden.
So war die Sache entschieden, und über den Rest der Nacht ist nichts zu berichten. Am vierzehnten in aller Frühe begleiteten Tante Schnee und Schatzspange Xue Pan bis zum Zeremonientor. Mutter und Tochter sahen ihm mit vier verweinten Augen nach, bis er außer Sicht war, dann kehrten sie zurück.
Am nächsten Tag schickte Tante Hsüä einen Boten, um Dschang Dë-huee einzuladen, und befahl Hsüä Pan, ihn im Bibliothekszimmer mit Wein und Speisen zu bewirten. Sie selbst nahm im hinteren Wandelgang Platz und belehrte Dschang Dë-huee wortreich durchs Fenster, wie er auf Hsüä Pan achtgeben sollte. Tante Schnee hatte bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt nur vier oder fünf Familien an Bediensteten mitgebracht sowie ein paar ältere Mütterchen und kleine Dienstmädchen. Nachdem nun ein Teil mit Xue Pan fortgezogen war, blieben draußen nur noch ein oder zwei Männer übrig. Daher ging Tante Schnee sofort ins Arbeitszimmer und ließ sämtliche Dekorationsgegenstände, Spielsachen und Vorhänge einpacken und ins Innere bringen. Die Frauen der zwei mitgereisten Männer ließ sie ebenfalls ins Haus kommen, um dort zu schlafen. Duftlinse wies sie an, auch ihre eigene Kammer aufzuräumen und gut abzuschließen: „Abends kommst du zu mir zum Schlafen.“
Dschang Dë-huee versprach alles, und als er sich nach dem Essen verabschiedete, sagte er noch: „Der vierzehnte ist ein außerordentlich glückverheißender Tag für den Antritt einer Reise. Bereitet also das Gepäck vor und mietet Maultiere, damit wir uns am vierzehnten in aller Frühe auf den Weg machen können!“ Schatzspange sagte: „Wenn die Mutter genug Gesellschaft hat, wäre es nicht besser, wenn Schwester Duftlinse zu mir käme? In unserem Garten ist es so leer, und in den langen Nächten, wenn ich handarbeite, wäre eine Person mehr doch umso angenehmer.“
Hsüä Pans Freude kannte keine Grenze, und er teilte die Nachricht Tante Hsüä mit, die sich sofort mit Bau-tschai, Hsiang-ling und zwei alten Sklavenfrauen daranmachte, sein Reisegepäck vorzubereiten. Zur Begleitung gab sie ihm den Mann seiner alten Amme, zwei erfahrene Diener und zwei Sklavenjungen aus seinem ständigen Gefolge mit, so daß sie insgesamt zu sechst waren. Gemietet wurden drei große Wagen für das Gepäck und vier Reisemaultiere. Hsüä Pan selbst ritt ein kräftiges eisenfarbenes Maultier aus dem eigenen Stall, und zur Reserve nahm er noch ein Reitpferd mit. Tante Schnee lachte: „Richtig, das habe ich ganz vergessen! Sie hätte schon längst bei dir sein sollen. Erst neulich sagte ich noch zu deinem Bruder: Wen-xing ist noch zu klein und zu ungeschickt, und Pirol allein schafft es nicht. Wir müssten dir noch ein Mädchen kaufen.“
Welche Ratschläge und Ermahnungen Hsüä Pan von Tante Hsüä und Bau-tschai bekam, nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, braucht hier nicht erzählt zu werden. Schatzspange erwiderte: „Wenn man welche kauft, kennt man ihren Hintergrund nicht. Sollte man sich vergreifen, ist das ausgegebene Geld das Geringste, aber der Ärger ist groß. Besser, wir hören uns in Ruhe um und kaufen eine, von der man die Herkunft kennt.“
Am dreizehnten verabschiedete sich Hsüä Pan zuerst von seinem Onkel, dann ging er hinüber und verabschiedete sich auch von allen Angehörigen der Familie Djia. Natürlich luden ihn Djia Dschën und die anderen noch zu einem Abschiedsessen ein, aber auch davon soll hier nicht näher erzählt werden. Währenddessen ließ sie Duftlinse ihr Bettzeug und ihre Toilettensachen packen und von einer alten Mutter zusammen mit der kleinen Zhen in den Haselwurz-Park [蘅芜苑] bringen. Danach gingen Schatzspange und Duftlinse gemeinsam in den Garten zurück.
Am Morgen des vierzehnten wurde Hsüä Pan von Tante Hsüä und Bau-tschai bis vor das Innentor begleitet, wo sie ihm noch aus vier weinenden Augen nachsahen, ehe sie wieder hineingingen. Duftlinse sagte: „Eigentlich wollte ich die Herrin selbst bitten, dass ich mit dem Fräulein im Garten wohnen darf, nachdem der große Herr fort ist. Aber ich fürchtete, die Herrin könnte denken, ich wollte nur zum Vergnügen in den Garten. Wie gut, dass Ihr es selbst vorgeschlagen habt!“
Als Tante Hsüä seinerzeit in die Hauptstadt gekommen war, hatte sie nur vier oder fünf Dienerfamilien mitgebracht, dazu zwei, drei alte Ammen und ein paar Sklavenmädchen. Nach Hsüä Pans Abreise waren in den äußeren Gemächern nur noch ein oder zwei Diener übrig, darum begab sich Tante Hsüä noch am selben Tag in die Bibliothek und ließ alle Ausstattungsstücke und Antiquitäten, Vorhänge und Bezüge nach drinnen schaffen und dort verwahren. Die Frauen der beiden erwachsenen Diener, die Hsüä Pan begleiteten, mußten nach drinnen umziehen und hier schlafen. Auch Hsiang-ling erhielt den Befehl, ihre Zimmer sorgfältig aufzuräumen und abzuschließen. Nachts sollte sie bei Tante Hsüä schlafen. Schatzspange lächelte: „Ich weiß doch, dass du dir schon seit Langem nichts sehnlicher wünschst, als im Garten zu wohnen, aber nie die Gelegenheit hattest. Selbst wenn du jeden Tag einmal herkamst, war es immer nur hastig und kurz – kein Vergnügen. Darum nutze ich die Gelegenheit: Bleib gleich ein ganzes Jahr. Mir ist es eine Gesellschafterin mehr, und du hast deinen Herzenswunsch erfüllt.“
Da sagte Bau-tschai: „Ihr habt schon mehrere Frauen zur Gesellschaft, Mutter. Darum ist es das beste, wenn Schwester Hsiang-ling mir Gesellschaft leistet. Bei uns im Garten ist es menschenleer, die Nächte werden länger, und ich mache jeden Abend Handarbeiten. Ist es da nicht besser, wenn ich noch jemand bei mir habe?“ Duftlinse strahlte: „Liebes Fräulein, nutzt doch jetzt die Gelegenheit und bringt mir das Dichten bei – das wäre mein größtes Glück!“
„Richtig!“ sagte Tante Hsüä lächelnd. „Daran hatte ich nicht gedacht, sie muß zu dir ziehen. Neulich sprach ich noch mit deinem Bruder darüber, daß Wën-hsing klein und unverständig ist undYing-örl allein zu deiner Bedienung nicht ausreicht. Darum wollte ich noch eine Magd für dich kaufen.“ Schatzspange lachte: „Du hast gerade ‚Longxi erobert und willst schon Shu haben‘ [Anm.: Sprichwort für unersättliche Wünsche]. Heute ist dein erster Tag hier. Geh erst einmal durch das östliche Gartentor hinaus und mach bei allen deine Aufwartung – bei der Ahnherrin angefangen, von oben nach unten. Du brauchst nicht eigens zu erwähnen, dass du in den Garten gezogen bist. Sollte jemand danach fragen, sag einfach, ich hätte dich hergeholt als Gesellschaft. Wenn du zurückkommst, besuchst du noch die jungen Damen in ihren Quartieren.“
„Wenn man eine kauft, weiß man nie, was man sich da einhandelt“, erwiderte Bau-tschai. „Gesetzt den Fall, daß man sich in ihr täuscht, ist das aufgewendete Geld noch das wenigste. Vor dem Ärger muß man sich hüten. Darum wollen wir uns in aller Ruhe erkundigen und eine Magd erst kaufen, wenn wir über sie Bescheid wissen!“ Duftlinse willigte ein und wollte gerade losgehen, als Friedchen [平儿][8] eilig herankam. Duftlinse begrüßte sie, und Friedchen erwiderte lächelnd den Gruß.
Dann befahl sie Hsiang-ling, sie solle ihr Bettzeug und ihre Toilettenartikel zusammenpacken, und gab einer der alten Ammen den Auftrag, die Sachen mit Dschën-örl zusammen in den Haselwurzpark zu tragen. Anschließend ging sie mit Hsiang-ling in den Garten hinüber. Schatzspange sagte zu Friedchen: „Ich habe sie heute als Gesellschafterin mitgebracht. Eigentlich wollte ich es noch deiner Herrin melden.“
„Ich wollte schon mit der jungen gnädigen Frau sprechen, ob ich Euch Gesellschaft leisten darf, wenn der junge Herr fort ist“, sagte Hsiang-ling. „Aber ich hatte Angst, die junge gnädige Frau könnte mißtrauisch sein und sagen, ich sei nur begierig darauf, mich im Garten zu vergnügen. Jetzt aber habt Ihr es vorgeschlagen.“ Friedchen lachte: „Was redet Ihr denn, Fräulein! Da weiß ich wirklich nicht, was ich darauf antworten soll.“
„Ich wußte, daß dir der Garten nicht erst seit gestern oder heute gefällt“, erwiderte Bau-tschai lächelnd, „aber es hatte sich nie ein Anlaß ergeben. Und immer nur in aller Eile einmal herüberzukommen ist auch nicht das Richtige. Nutze also die Gelegenheit und bleib einfach das ganze Jahr! So habe ich Gesellschaft, und du kannst dir deinen Wunsch erfüllen.“ Schatzspange sagte: „So ist es aber recht und billig. Auch ein Gasthof hat einen Wirt, und auch ein Tempel hat einen Abt. Es ist zwar keine große Sache, aber man sollte wenigstens Bescheid sagen. Außerdem sollen die Nachtwächter im Garten wissen, dass zwei Personen dazugekommen sind, damit sie beim Abschließen Bescheid wissen. Sag es ihr bei Gelegenheit – ich schicke nicht eigens jemanden.“
„Liebes Fräulein, dann bringt mir bitte in dieser Zeit auch das Dichten bei!“ bat Hsiang-ling lächelnd. Friedchen stimmte zu und sagte dann lachend zu Duftlinse: „Wenn du schon hier bist, solltest du doch wenigstens deine Nachbarn begrüßen?“
„Ich muß schon sagen!“ entgegnete Bau-tschai, „kaum hast du Lung erobert, schaust du nach Schu. Ich rate dir, heute am ersten Tag durch das östliche Innentor zur alten gnädigen Frau und allen andern hinüberzugehen und überall deinen Gruß zu entbieten. Du mußt nicht extra erzählen, daß du in den Garten gezogen bist. Nur wenn dich jemand nach dem Grund fragen sollte, sagst du beiläufig, ich hätte dich zu meiner Gesellschaft mitgebracht, weiter nichts. Und wenn du dann wieder im Garten bist, mußt du auch die anderen Fräulein begrüßen gehen.“ Schatzspange lachte: „Das hab ich ihr gerade aufgetragen.“
Hsiang-ling sagte: „Jawohl!“, und sie wollten eben weitergehen, als sie plötzlich Ping-örl erblickten, die ihnen eiligen Schrittes entgegenkam. Hsiang-ling begrüßte sie rasch, und so mußte Ping-örl den Gruß lächelnd erwidern. Friedchen sagte: „Nur zu uns brauchst du vorerst nicht zu kommen – der zweite Herr ist krank und liegt zu Hause.“
„Ich habe sie eben mit in den Garten gebracht, damit sie mir Gesellschaft leistet“, erklärte Bau-tschai. „Gerade wollte ich deiner jungen Herrin Bescheid sagen gehen.“ Duftlinse ging los und begann bei der Herzoginmutter[9]. Doch davon braucht hier nicht weiter berichtet zu werden.
„Was sagt Ihr da, Fräulein?“ erwiderte Ping-örl lächelnd. „Ich weiß gar nicht, was ich Euch antworten soll.“ Nachdem Duftlinse gegangen war, zog Friedchen Schatzspange beiseite und sagte hastig: „Habt Ihr schon unsere Neuigkeit gehört, Fräulein?“
“Aber wieso?“ sagte Bau-tschai. „So muß es doch sein. Jeder Gasthof hat seinen Wirt und jeder Tempel seinen Vorsteher. Wenn es auch weiter keine schwerwiegende Angelegenheit ist, muß man doch darüber Mitteilung machen, damit die Nachtwachen Bescheid wissen und darauf achten, wenn sie die Tore schließen. Übermittle du es bitte, wenn du zurückgehst, dann brauche ich deshalb niemand zu schicken.“ Schatzspange erwiderte: „Ich habe nichts gehört. Wir waren die letzten Tage nur damit beschäftigt, meinen Bruder auf die Reise zu schicken. Von dem, was bei euch vorgeht, weiß ich gar nichts. Auch meine Kusinen habe ich in den letzten Tagen nicht gesehen.“
Ping-örl versprach es ihr, dann fragte sie Hsiang-ling lächelnd: „Willst du nicht auch deinen neuen Nachbarn die Aufwartung machen?“ Friedchen sagte: „Der gnädige Herr hat den zweiten Herrn so geschlagen, dass er sich nicht mehr rühren kann! Davon habt Ihr nichts gehört?“
„Das hatte ich ihr eben schon gesagt“, erklärte Bau-tschai lächelnd. Schatzspange sagte: „Heute früh habe ich so etwas aufgeschnappt, konnte es aber nicht glauben. Ich wollte gerade zu deiner Herrin gehen, da kamst du. Warum hat er ihn denn geschlagen?“
„Aber zu uns solltest du nicht kommen!“ sagte Ping-örl. „Unser junger Herr liegt krank.“ Friedchen biss die Zähne zusammen und schimpfte: „An allem ist nur dieser Jia Yucun [贾雨村] schuld, oder wie auch immer er heißt – dieser hergelaufene Bastard, der aus dem Nichts aufgetaucht ist! Noch keine zehn Jahre kennt man ihn, und wie viel Ärger hat er schon verursacht!
Hsiang-ling versprach, darauf zu achten, und ging als Erstes zur Herzoginmutter. Aber davon braucht hier nicht erzählt zu werden. Dieses Frühjahr hat der gnädige Herr irgendwo ein paar alte Fächer gesehen, und als er nach Hause kam und sich seine eigene Sammlung ansah, taugte plötzlich keiner seiner schönen Fächer mehr etwas. Sofort schickte er seine Leute überall auf die Suche. Und da gab es tatsächlich einen lebensmüden Unglücksraben, den alle nur ‚Shi den Narren‘ nennen. Der Mann ist so arm, dass er nichts zu essen hat, aber er besitzt zwanzig alte Fächer, von denen er sich um nichts in der Welt trennen will.
Als Ping-örl sah, daß Hsiang-ling fort war, faßte sie nach Bau-tschais Hand und fragte: „Habt Ihr schon gehört, was es bei uns gegeben hat?“ Es hat den zweiten Herrn unendliche Mühe gekostet, an diesen Mann heranzukommen. Schließlich stimmte er nach langem Bitten zu, den zweiten Herrn zu sich nach Hause einzuladen und ihm die Fächer zu zeigen. Wie der zweite Herr sagte, gibt es solche Fächer kein zweites Mal auf der Welt – alle aus Xiangfei-Bambus, Palmbambus, Hirschbambus oder Jadebambus, jeder einzelne mit echten Kalligraphien und Malereien alter Meister.
„Nein“, sagte Bau-tschai, „wir waren dieser Tage damit beschäftigt, die Reisevorbereitungen für meinen Bruder zu treffen, darum weiß ich nicht, was es hier Neues gibt. Auch meine Kusinen habe ich in den letzten Tagen nicht gesehen.“ Als er dem gnädigen Herrn davon berichtete, befahl dieser, die Fächer um jeden Preis zu kaufen. Aber Shi der Narr sagte: ‚Selbst wenn ich verhungere oder erfriere – tausend Liang pro Stück, und ich verkaufe sie trotzdem nicht!‘ Der gnädige Herr war machtlos und schimpfte Tag für Tag auf den zweiten Herrn, er sei unfähig. Er hatte ihm schon fünfhundert Liang bewilligt – Silber voraus, Fächer danach. Aber der Narr wollte nicht verkaufen und sagte nur: ‚Wenn ihr die Fächer wollt, nehmt mir erst das Leben!‘
„Dann wißt Ihr noch gar nicht, daß der gnädige Herr unsern jungen Herrn so geschlagen hat, daß er sich nicht mehr rühren kann?“ fragte Ping-örl lächelnd. Überlegt doch, Fräulein – was konnte man da tun? Und dann erfuhr dieser gewissenlose Yucun davon und ersann einen Plan. Er beschuldigte den Narren fälschlich, dem Staat Silber zu schulden, ließ ihn aufs Amt schleppen und ordnete an, sein Besitz solle versteigert werden, um die ‚Schuld‘ zu begleichen. So wurden die Fächer beschlagnahmt und zum amtlichen Preis hierher geschickt. Ob Shi der Narr jetzt noch lebt oder tot ist, weiß niemand.
„Heute früh habe ich wohl so etwas gehört“, sagte Bau-tschai, „aber ich glaubte es nicht. Eben wollte ich zu deiner jungen Herrin gehen, und da kamst du gerade. Warum hat er ihn denn wieder geschlagen?“ Der gnädige Herr nahm die Fächer und fragte den zweiten Herrn: ‚Wie hat der das geschafft?‘ Der zweite Herr antwortete nur: ‚Wegen so einer Nichtigkeit jemanden ins Verderben zu stürzen – das würde ich nicht gerade fähig nennen.‘ Als der gnädige Herr das hörte, wurde er wütend und sagte, der zweite Herr versuche, ihm den Mund zu stopfen. Das war der Hauptgrund. In den letzten Tagen kamen noch ein paar Kleinigkeiten dazu, an die ich mich gar nicht mehr erinnere. Alles zusammen führte dazu, dass er auf ihn losging. Aber nicht mit Stock oder Prügel im Liegen, sondern im Stehen – ich weiß gar nicht, womit, aber er schlug wild auf ihn ein, und im Gesicht hat er zwei offene Wunden. Wir haben gehört, die Frau Tante habe eine Sorte Arzneipillen gegen Schlagverletzungen. Gebt mir doch schnell eine, Fräulein!“
Zähneknirschend schimpfte Ping-örl: „An allen ist nur dieser Djia Yü-tsun schuld oder wie er heißt, dieser Bastard und Hungerleider, von dem keiner weiß, woher er eigentlich stammt. Noch keine zehn Jahre ist er mit der Herrschaft bekannt, aber wieviel ist seinetwegen schon passiert! Schatzspange ließ sofort Pirol eine Pille holen und gab sie Friedchen. Dann sagte sie: „Wenn es so steht, lass ihn von mir grüßen – ich komme dann nicht selbst.“
Dieses Jahr im Frühling hat der gnädige Herr irgendwo ein paar alte Fächer gesehen, und als er nach Hause kam und sich hier seine Fächersammlung ansah, taugten all die schönen Fächer nichts mehr. Er hat sofort seine Leute überall auf die Suche geschickt, und tatsächlich haben sie einen hirnverbrannten Unglücksraben gefunden, der von allen nur ‚Schï der Tor‘ genannt wird. Er ist so arm, daß er nichts zu beißen hat, aber er hat zwanzig alte Fächer in seinem Besitz, von denen er sich jedoch um nichts in der Welt trennen will. Friedchen versprach es und ging. Doch davon braucht hier nicht weiter berichtet zu werden.
Es hat unsern jungen Herrn wer weiß wieviel Mühe gekostet, bis er mit diesem Mann zusammenkam und dieser ihn nach langem Hin und Her zu sich nach Hause einlud, wo er seine Fächer hervorgeholt und ihm kurz gezeigt hat. Wie unser junger Herr sagte, gibt es solche Fächer kein zweites Mal. Sie sind alle aus geflecktem Bambus, aus Palm-, Hirsch- oder Jadebambus und mit echten Kalligraphien und Bildern alter Meister geschmückt. Nachdem Duftlinse ihre Besuche beendet und zu Abend gegessen hatte – Schatzspange und die anderen waren inzwischen bei der Herzoginmutter –, machte sie sich auf zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss [潇湘馆].
Als er das dem gnädigen Herrn berichtete, hat der ihm befohlen, sie um jeden Preis für ihn zu erwerben. Schï der Tor aber hat gesagt: ‚Selbst wenn ich verhungern oder erfrieren muß, verkaufe ich die Fächer nicht, auch nicht für tausend Liang das Stück.‘ Da konnte der gnädige Herr nichts machen und hat nur Tag für Tag unsern jungen Herrn beschimpft, er sei unfähig. Er war schon so weit, daß er fünfhundert Liang Silber im voraus zahlen wollte, ohne die Fächer bekommen zu haben, aber Schï der Tor wollte sie nicht verkaufen. Kajaljade ging es inzwischen viel besser. Als sie hörte, dass auch Duftlinse in den Garten gezogen war, freute sie sich natürlich. Duftlinse sagte lächelnd: „Jetzt, wo ich endlich hier bin und Zeit habe – bringt mir doch bitte das Dichten bei! Das wäre mein größtes Glück!“
Er sagte: ‚Wenn ihr mir die Fächer nehmen wollt, müßt ihr mir zuerst das Leben nehmen.‘ Überlegt nur, konnte man da wohl etwas machen? Kajaljade lachte: „Wenn du dichten lernen willst, dann muss ich wohl deine Lehrerin werden. Ich verstehe zwar selbst nicht viel, aber zum Unterrichten reicht es.“
Aber dann erfuhr dieser ehrvergessene Djia Yü-tsun davon und dachte sich folgendes aus. Er behauptete einfach, Schï der Tor sei den Behörden Geld schuldig, ließ ihn in sein Amtsgebäude bringen und ordnete an,sein Besitz solle verkauft werden, um die Schuld zu begleichen. Dann hat er die Fächer beschlagnahmt, einen amtlichen Preis dafür festgesetzt und sie hierher geschickt. Ob Schï der Tor jetzt noch am Leben ist, weiß ich nicht. Duftlinse strahlte: „Wunderbar! Dann seid Ihr meine Lehrerin. Aber werdet nicht ungeduldig mit mir!“
Als der gnädige Herr die Fächer hatte, fragte er unsern jungen Herrn: ‚Warum hat denn er sie bekommen?‘ Und unser junger Herr gab ihm zur Antwort: ‚Heißt das etwa fähig sein, wenn man so einer Nichtigkeit wegen einen Menschen ins Unglück stürzt?‘ Als der gnädige Herr das hörte, wurde er wütend und sagte, der junge Herr versuche, ihn ins Unrecht zu setzen. Das war der Hauptgrund. Außerdem gab es in den letzten Tagen noch ein paar kleinere Vorfälle, an die ich mich schon nicht mehr erinnern kann. So kam eins zum andern, und schließlich hat er ihn geschlagen, aber nicht im Liegen mit Stock oder Prügel, sondern im Stehen, und ich weiß gar nicht womit. Wie wild hat er auf ihn eingeschlagen, so daß er selbst im Gesicht zwei Wunden hat. Nun haben wir gehört, die Frau Tante habe eine Sorte Arzneikugeln, mit der man Schlagverletzungen behandeln kann. Holt uns doch schnell so eine Kugel, Fräulein!“ Kajaljade sagte: „Was ist schon Schwieriges daran? Es geht nur um Auftakt, Anknüpfung, Wendung und Beschluss. Bei Anknüpfung und Wendung stehen zwei Parallelsatzpaare. Ebenen Tönen stehen schiefe gegenüber, Inhaltswörtern Funktionswörter und umgekehrt. Hat man aber einmal eine außergewöhnliche Zeile gefunden, darf man auch gegen die Regeln von Ton und Parallelismus verstoßen.“
Kaum daß Bau-tschai dies vernommen hatte, erteilte sie Ying-örl den Befehl, eine von den Arzneikugeln zu holen und sie Ping-örl zu geben. Dann sagte sie: „Bestell einen Gruß von mir, ich komme dann nicht!“ Duftlinse nickte lächelnd: „Kein Wunder! In dem alten Gedichtband, den ich bei mir hatte und in dem ich gelegentlich las, gab es sowohl Gedichte mit strenger Parallelstruktur als auch solche, die darauf verzichteten. Und ich hatte gehört, bei der ersten, dritten und fünften Silbe könne man die Tonhöhe vernachlässigen, bei der zweiten, vierten und sechsten müsse man sie einhalten. Aber bei den Alten fand ich Abweichungen auch bei der zweiten, vierten und sechsten Silbe. Das hat mich immer verwundert. Jetzt, nach Eurer Erklärung, verstehe ich: Die Formen und Regeln sind zweitrangig – worauf es ankommt, sind neuartige, außergewöhnliche Verse.“
Ping-örl versprach es, und mehr soll davon hier nicht die Rede sein. Kajaljade sagte: „Genau so ist es. Doch auch die Verse selbst sind noch nicht das Wichtigste – das Allerwichtigste ist die Grundidee. Wenn die Idee aufrichtig und wahr ist, braucht man an den Formulierungen gar nicht zu feilen, und es wird von selbst ein gutes Gedicht. Das nennt man: ‚Der Ausdruck darf dem Sinn nicht schaden.‘“
Als Hsiang-ling alle begrüßt und dann zu Abend gegessen hatte, war Bau-tschai inzwischen mit den anderen zur Herzoginmutter gegangen, darum begab sich Hsiang-ling in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Duftlinse sagte: „Ich mag besonders zwei Zeilen von Lu Fangweng [Anm.: Lu You, 1125–1210]:
Dai-yü ging es inzwischen viel besser, und als sie erfuhr, auch Hsiang-ling sei in den Garten gezogen, freute sie sich natürlich. Da sagte Hsiang-ling lächelnd: „Jetzt habe ich auch Zeit. Wenn Ihr mir jetzt das Dichten beibringt, wäre ich glücklich.“ ‚Den Doppelvorhang nicht eingerollt,
„Dann mußt du mich zunächst förmlich als deine Lehrerin anerkennen“, verlangte Dai-yü. „Ich bin zwar auch nicht perfekt, aber um dich zu lehren, langt es wohl hin.“ hält sich der Weihrauch lange;
„Ich respektiere Euch als Lehrerin“, sagte Hsiang-ling lächelnd, „aber Ihr dürft nicht ungeduldig werden mit mir.“ im alten Reibstein, leicht vertieft,
„Was ist schon Schwieriges daran, was man erlernen müßte“, sagte Dai-yü. „Es ist doch nur Auftakt, Anknüpfung, Wendung und Beschluß, wobei Anknüpfung und Wendung durch zwei Parallelsätze gebildet werden. Den flachen Tönen stehen schräge gegenüber, den bedeutungstragenden Wörtern Füllwörter und umgekehrt. Ist man aber auf eine außergewöhnliche Zeile gekommen, spielt es nicht einmal eine Rolle, wenn diese Gegenüberstellungen fehlen.“ sammelt sich Tusche genug.‘
Lächelnd erwiderte Hsiang-ling: „Da ist es kein Wunder, daß es in dem alten Gedichtband, den ich immer bei mir hatte, um in freien Momenten ein, zwei Gedichte zu lesen, sowohl solche gab, in denen die Gegenüberstellung sehr streng gehandhabt war, als auch solche, in denen sie fehlte. Das ist wirklich entzückend gesagt!“
Ich habe auch gehört, bei der ersten, dritten und fünften Silbe einer Zeile könne man die Tonhöhe vernachlässigen, bei der zweiten, vierten und sechsten aber müsse man sie beachten. Doch in den Gedichten der Alten habe ich bemerkt, daß sich die einen daran halten, während es bei den andern auch bei der zweiten, vierten und sechsten Silbe Abweichungen gibt. Darüber habe ich mich immer gewundert. Nachdem ich jetzt Eure Erklärung gehört habe, weiß ich, daß die Formen und Regeln nicht so wichtig sind, Hauptsache, daß die Verszeilen neuartig und außergewöhnlich sind.“ Kajaljade warnte: „An solchen Gedichten darfst du dir auf keinen Fall ein Beispiel nehmen! Weil du noch wenig gelesen hast, gefallen dir solche seichten Dinge. Hast du dir diesen Stil erst einmal angewöhnt, kommst du nie wieder davon los.
„So ist es“, bestätigte Dai-yü, „und nicht einmal darauf kommt es an, das Wichtigste ist die Grundidee. Wenn die richtig ist, müssen auch die Sätze nicht wohlgeordnet sein, und trotzdem ist es ein gutes Gedicht. Dazu sagt man, der Sinn darf durch den Satzbau nicht Schaden leiden.“ Hör mir gut zu! Wenn du es wirklich ernst meinst, habe ich hier die ‚Gesammelten Werke von Wang Mojie‘ [Anm.: Wang Wei, 701–761]. Lies davon hundert fünfsilbige Regelgedichte und verinnerliche sie gründlich. Dann lies ein- bis zweihundert siebensilbige Regelgedichte von dem alten Du [Anm.: Du Fu, 712–770], danach ebenso viele siebensilbige Vierzeiler von Li Qi[10]nglian [Anm.: Li Bai, 701–762]. Wenn du diese drei als Grundlage verinnerlicht hast, lies noch Tao Yuanming, Ying Yang, Xie, Ruan, Yu und Bao. Klug und flink, wie du bist, brauchst du dir keine Sorgen zu machen – in weniger als einem Jahr bist du eine Dichterin!“
Darauf bekannte Hsiang-ling: „Ich mag die Zeilen von Lu You Duftlinse sagte freudig: „Liebes Fräulein, dann gebt mir doch gleich das Buch! Ich nehme es mit und lese abends noch ein paar Gedichte.“
‚Den Doppelvorhang nicht eingerollt, Kajaljade befahl Purpurkuckuck [紫鹃][11], die fünfsilbigen Regelgedichte von Wang Wei zu holen und reichte sie Duftlinse. „Du liest nur die Gedichte mit rotem Kringel – das ist meine Auswahl. Lies ein Gedicht nach dem anderen. Was du nicht verstehst, fragst du dein Fräulein, oder du fragst mich, wenn du mich triffst.“
hält sich der Weihrauch lange, Duftlinse nahm den Gedichtband, kehrte in den Haselwurz-Park zurück und kümmerte sich um nichts anderes mehr. Beim Lampenschein las sie ein Gedicht nach dem anderen. Schatzspange ermahnte sie mehrmals, schlafen zu gehen, doch sie hörte nicht darauf. Angesichts so hartnäckigen Eifers ließ Schatzspange sie schließlich gewähren.
im alten Reibstein, leicht vertieft, Eines Morgens, als Kajaljade eben erst mit dem Waschen und Kämmen fertig war, brachte Duftlinse freudestrahlend das Buch zurück und wollte dafür die Gedichte von Du Fu haben.
sammelt sich Tusche genug.‘ Kajaljade fragte lächelnd: „Wie viele hast du behalten?“
Das ist wirklich gut gesagt.“ Duftlinse erwiderte: „Alle, die mit rotem Kringel markiert waren, habe ich gelesen.“
„An solchen Gedichten darfst du dir kein Beispiel nehmen“, warnte Dai-yü. „Weil du keine Ahnung hast, gefallen dir solche seichten Dinge, und wenn du dir diese Form einmal angewöhnt hast, kommst du nicht mehr davon los. Hör zu, was ich dir sage! Wenn du es wirklich lernen willst, gebe ich dir hier ‚Wang Mo-djiäs gesammelte Werke‘, darin liest du einhundert fünfsilbige Regelgedichte und läßt sie dir sorgsam durch den Kopf gehen, bis du völlig vertraut damit bist. Kajaljade fragte: „Hast du auch etwas von ihrem Geschmack erfasst?“
Dann liest du ein- bis zweihundert siebensilbige Regelgedichte von Du dem Älteren und anschließend genausoviel siebensilbige Vierzeiler von Li Tjing-liän. Wenn du diese drei als Basis intus hast, kannst du noch Tau Yüan-ming, Ying Yang, Hsiä, Juan, Yü und Bau lesen. Flink und klug, wie du bist, brauchst du keine Sorge zu haben, daß du nicht in weniger als einem Jahr eine Dichterin bist.“ Duftlinse sagte: „Ich glaube schon, weiß aber nicht, ob ich richtig liege. Lasst mich erzählen.“
Dai-yü befahl Dsï-djüan, ihr die fünfsilbigen Regelgedichte von Wang Mo-djiä zu bringen, reichte sie Hsiang-ling und erklärte dazu: „Du liest nur die Gedichte, die mit einem roten Kringel gekennzeichnet sind. Die Auswahl ist von mir. Lies sie eins nach dem andern, und wenn du etwas nicht verstehst, fragst du dein Fräulein danach, oder ich erkläre es dir, wenn du mich triffst.“ Kajaljade nickte: „Nur durch Vertiefung und Austausch macht man Fortschritte. Erzähl, ich höre zu.“
Hsiang-ling kehrte mit dem Gedichtband in den Haselwurzpark zurück und las im Lampenschein Gedicht auf Gedicht. Für alles andere hatte sie keinen Sinn mehr. Und obwohl Bau-tschai ihr schon ein paarmal gesagt hatte, sie solle schlafen gehen, legte sie sich nicht hin. Angesichts so ernster Entschlossenheit ließ Bau-tschai sie gewähren. Duftlinse sagte: „Nach meinem Empfinden liegt der Vorzug dieser Gedichte darin, dass sie etwas ausdrücken, was man mit Worten nicht fassen kann, was aber, wenn man darüber nachsinnt, überaus wahr ist. Manches scheint zunächst sinnlos, erweist sich aber bei genauerem Nachdenken als sinnvoll und gefühlvoll.“
Eines Morgens, als Dai-yü sich eben erst frisiert und gewaschen hatte, brachte ihr Hsiang-ling freudestrahlend das Buch zurück und wollte dafür die Gedichte von Du Fu haben. Kajaljade lächelte: „Darin steckt schon etwas. Aber woran machst du das fest?“
„Wie viele hast du davon behalten?“ erkundigte sich Dai-yü lächelnd. Duftlinse sagte: „Zum Beispiel das Parallelsatzpaar in ‚An der Grenze‘:
„Ich habe alle gelesen, die rot angekringelt sind“, versicherte Hsiang-ling und lächelte ebenfalls. ‚Steil steigt einsamer Rauch in der Wüste,
„Und hast du auch ein wenig verstanden, worin dabei das Besondere liegt?“ fragte Dai-yü weiter. rund sinkt die Sonne zum Strom.‘
„Verstanden habe ich schon etwas“, sagte Hsiang-ling, „ich weiß aber nicht, ob es das Richtige ist. Ich will es Euch vortragen.“ Wie kann Rauch steil sein? Und natürlich ist die Sonne rund. Das Wort ‚steil‘ erscheint sinnlos, ‚rund‘ erscheint banal. Aber wenn man das Buch zuschlägt und sich das Bild vorstellt, ist es, als hätte man die Landschaft leibhaftig vor Augen. Und man könnte keine zwei besseren Worte finden.
„Ja, gut“, stimmte Dai-yü zu, „nur wenn man sich in die Dinge vertieft und sich darüber ausspricht, kann man Fortschritte machen. Also sprich, und ich höre zu.“ Oder:
„Meiner Meinung nach“, sagte Hsiang-ling, „ist es der Vorzug dieser Gedichte, daß sie etwas ausdrücken, was man nicht in Worte fassen kann, was jedoch sehr wahr ist, wenn man darüber nachdenkt. Sie erscheinen sinnlos, aber wenn man es sich überlegt, enthalten sie Sinn und Gefühl.“ ‚Die Sonne sinkt – Fluss und See erbleichen,
„Du hast gar nicht so unrecht“, bestätigte Dai-yü lächelnd. „Doch ich weiß nicht, woran du das siehst.“ die Flut steigt – Himmel und Erde verdunkeln sich.‘
„Zum Beispiel an dem Parallelsatzpaar in dem Gedicht ‚An der Grenze‘“, sagte Hsiang-ling, „wo es heißt: Die Worte ‚erbleichen‘ und ‚verdunkeln‘ scheinen zunächst keinen Sinn zu ergeben. Aber genau diese beiden Worte sind es, die die Stimmung vollkommen einfangen. Wenn man sie laut liest, ist es, als hätte man eine tausend Jin schwere Olive im Mund.
‚Steil der einsame Rauch in der Wüste, Und dann noch:
rund die sinkende Sonne am Fluß.‘ ‚Über der Furt schwebt die sinkende Sonne,
Da sagt man sich, wie kann der Rauch steil sein, und natürlich ist die Sonne rund. Das Wort ‚steil‘ erscheint einem sinnlos, und das Wort ‚rund‘ erscheint profan. Wenn man aber das Buch zuklappt und sich die Sache bildlich vorstellt, kommt es einem so vor, als ob man es selbst gesehen hätte, und die beiden Wörter lassen sich nicht durch andere ersetzen. aus dem Dorf steigt einsamer Rauch.‘
Oder das: Wie ist er nur auf die Worte ‚schwebt‘ und ‚steigt‘ gekommen! Damals, als wir auf dem Weg in die Hauptstadt waren, legten wir eines Abends mit dem Boot an. Am Ufer war kein Mensch zu sehen, nur ein paar Bäume. In der Ferne kochten ein paar Häuser das Abendessen, und der Rauch war ganz blaugrün und stieg kerzengrade bis in die Wolken. Als ich gestern Abend diese zwei Zeilen las, war es, als wäre ich wieder an jenem Ort.“
‚Die Sonne sinkt, es bleichen Strom und See, Gerade als sie das erzählte, kamen Schatzjade [贾宝玉][12] und Tanchun [探春][13] herein, setzten sich dazu und hörten ihr zu.
die Fluten steigen, es dunkeln Himmel und Erde.‘ Schatzjade sagte lachend: „Wenn es so steht, brauchst du keine weiteren Gedichte zu lesen. ‚Das Wesentliche liegt nicht in der Menge.‘ Aus dem, was du über diese Zeilen gesagt hast, ist zu erkennen, dass du den Kern der Sache erfasst hast.“
Die beiden Wörter ‚bleichen‘ und ‚dunkeln‘ scheinen keinen Sinn zu geben, aber wenn man es sich überlegt, müssen es diese beiden Wörter sein, damit die Stimmung zum Ausdruck kommt, und wenn man das liest, glaubt man, eine tausend Djin schwere Kanariennuß im Mund zu spüren. Kajaljade sagte lächelnd: „Du findest die Zeile ‚aus dem Dorf steigt einsamer Rauch‘ so gut – aber du weißt noch gar nicht, dass sie einem Vorbild nachempfunden ist. Lass mich dir die Stelle zeigen – sie ist noch schlichter und reifer.“ Sie blätterte in den Gedichten von Tao Yuanming [陶渊明] und fand die Zeilen:
Oder auch das: ‚Verschwommen in der Ferne die Hütten,
‚Über der Furt schwebt die sinkende Sonne, darüber sanft der Rauch.‘
aus dem Dorf steigt ein einsamer Rauch.‘ Sie zeigte sie Duftlinse. Duftlinse las sie, nickte bewundernd und sagte lachend: „Also ist das Wort ‚steigt‘ aus dem ‚sanft‘ der zwei Zeichen ‚yiyi‘ abgeleitet!“
Wie er hier wohl auf die Wörter ‚schwebt‘ und ‚steigt‘ gekommen ist? Als wir damals auf dem Weg in die Hauptstadt waren, haben wir eines Abends mit dem Boot in einer Bucht angelegt. Am Ufer war kein Mensch zu sehen, nur ein paar Bäume standen dort, und weit in der Ferne wurde in einigen Häusern das Abendessen gekocht. Der Rauch war blau und stieg in gerader Linie bis zu den Wolken auf. Als ich gestern Abend die beiden Zeilen las, war es mir, als ob ich wieder dort an dem Ufer wäre.“ Schatzjade lachte laut: „Du hast alles begriffen! Lass uns nicht noch mehr darüber reden, sonst wird es nur verwirrend. Fang jetzt an, selbst zu dichten – es wird bestimmt gut!“
Während sie das sagte, waren Bau-yü und Tan-tschun hereingekommen und hatten sich hingesetzt und ihre Erklärung mit angehört. Lächelnd sagte Bau-yü jetzt: „Du brauchst weiter keine Gedichte zu lesen. ‚Nicht die Menge macht das Verständnis.‘ Daraus, wie du diese beiden Zeilen erklärt hast, ist zu sehen, daß du den Kern der Sache erfaßt hast.“ Tanchun sagte lachend: „Morgen stelle ich dir eine förmliche Einladung aus und nehme dich in unseren Dichterbund auf!“
„Du hast gesagt, der Satz ‚Aus dem Dorf steigt ein einsamer Rauch‘ sei gut“, schaltete Dai-yü sich ein. „Dabei weißt du nicht, daß es ein Vorbild dafür gibt, dem er nachgeformt ist. Ich will dir die Stelle zeigen, sie ist noch nüchterner und ausgereifter.“ Mit diesen Worten blätterte sie in den Gedichten von Tau Yüan-ming, bis sie die Stelle gefunden hatte Duftlinse wehrte lächelnd ab: „Fräulein, macht Euch nicht über mich lustig! Ich bewundere das Dichten nur und versuche es aus Spaß.“
‚In der Ferne unklar die Hütten, Tanchun und Kajaljade lachten: „Wer macht es denn nicht nur aus Spaß? Sind wir etwa richtige Dichterinnen? Wenn wir behaupteten, unsere Verse seien echte Poesie, und sie kämen außerhalb des Gartens an die Öffentlichkeit – die Leute würden sich totlachen!“
darüber verschwommen der Rauch.‘ Schatzjade widersprach: „Damit tut ihr euch selbst unrecht. Neulich, als ich draußen mit den jungen Herren über ein Bild sprach, erfuhren sie von unserem Dichterbund und baten mich, ihnen die Manuskripte zu zeigen. Ich habe ein paar Gedichte abgeschrieben und sie ihnen gegeben. Alle waren aufrichtig voll Bewunderung. Sie haben sie sogar abgeschrieben, um sie drucken zu lassen!“
Sie zeigte sie Hsiang-ling, und als sie diese gelesen hatte, nickte sie und sagte lächelnd und mit einem Seufzer der Bewunderung: „Da steht also das Wort ‚steigt‘ anstelle von ‚verschwommen‘!“ „Ist das wahr?“, fragten Tanchun und Kajaljade erschrocken.
Lachend lobte Bau-yü: „Du hast alles begriffen! Wenn wir noch weiter darüber sprechen, bringen wir nur Verwirrung hinein. Also fang an, selber Gedichte zu schreiben, bestimmt werden sie gut.“ Schatzjade lachte: „Wenn hier jemand lügt, dann der Papagei dort auf der Stange!“
Und Tan-tschun setzte hinzu: „Morgen schreibe ich einen Brief und fordere dich auf, unserm Bund beizutreten.“ Kajaljade und Tanchun schimpften: „Du weißt wirklich nicht, was du tust! Ganz abgesehen davon, dass unsere Gedichte nichts taugen – selbst wenn sie etwas taugten, dürfen Schriften aus den Mädchengemächern nicht nach draußen gelangen!“
„Warum müßt Ihr Euch über mich lustig machen, Fräulein?“ fragte Hsiang-ling. „Es ist doch nur, daß ich Gefallen daran habe und zum Spaß versuche, es zu lernen.“ Schatzjade erwiderte: „Wovor habt ihr Angst? Wenn die Schriften der Frauen früherer Zeiten nicht hinausgelangt wären, würde sie heute kein Mensch mehr kennen.“
„Und wer macht es nicht nur zum Spaß?“ hielten ihr Tan-tschun und Dai-yü lächelnd entgegen. „Sind wir vielleicht richtige Dichter? Wenn wir das behaupten wollten, und unsere Gedichte würden außerhalb des Gartens bekannt, würden sich die Leute die Zähne aus dem Mund lachen.“ Gerade als er das sagte, schickte Xichun [惜春][14] ihre Dienerin Ruhua, um Schatzjade zu holen, und er ging.
„Jetzt seid ihr aber zu kleinmütig“, protestierte Bau-yü. „Als ich neulich mit den jungen Freunden des gnädigen Herrn wegen des Bildes sprach und sie hörten, wir hätten einen Dichterbund gegründet, baten sie mich, ihnen unsere Manuskripte zu zeigen. Also habe ich ein paar von unsern Gedichten abgeschrieben und sie ihnen zu lesen gegeben. Und sie waren einer wie der andere ehrlich voll Lob und Begeisterung. Sie haben sich die Gedichte kopiert, um sie drucken zu lassen.“ Duftlinse drängte Kajaljade, ihr nun die Gedichte von Du Fu zu geben, und bat Kajaljade und Tanchun: „Gebt mir ein Thema, damit ich etwas zusammenreime! Wenn es fertig ist, korrigiert es mir.“
„Ist das wahr?“ fragten Tan-tschun und Dai-yü sofort. Kajaljade sagte: „Der Mond war gestern Nacht besonders schön. Ich wollte selbst darüber schreiben, habe es aber nicht geschafft. Schreib du ein Gedicht darüber! Nimm die Reimgruppe ‚vierzehn – han‘. Welche Reimwörter du verwendest, bleibt dir überlassen.“
„Wenn hier jemand lügt, dann nur der Papagei dort auf der Stange“, erwiderte Bau-yü lächelnd. Freudig nahm Duftlinse den Gedichtband und kehrte zurück. Sie dachte angestrengt nach, schrieb zwei Zeilen, konnte aber Du Fus Gedichte nicht loslassen und las noch ein paar. Sie hatte keinen Appetit, fand weder im Sitzen noch im Liegen Ruhe.
„Du weißt wirklich nicht, was du tust“, warfen ihm Dai-yü und Tan-tschun vor. „Abgesehen davon, daß das keine Gedichte sind, selbst wenn es welche wären, darf etwas, was wir verfaßt haben, nicht nach draußen weitergegeben werden.“ Schatzspange sagte: „Warum quälst du dich selbst? Das ist alles Kajaljades Schuld – ich werde es mit ihr klären! Du warst schon immer etwas verträumt, und jetzt wirst du vollends närrisch.“
„Wovor habt ihr Angst?“ fragte Bau-yü. „Wenn nicht auch früher Schriften aus den Mädchengemächern weiterverbreitet worden wären, würde sie heute kein Mensch kennen.“ Duftlinse lachte nur: „Bringt mich nicht durcheinander, liebes Fräulein!“ Während sie das sagte, hatte sie ihr Gedicht beendet und zeigte es zuerst Schatzspange.
Als er das eben sagte, erschien Ju-hua im Auftrag von Hsi-tschun, um Bau-yü zu holen, und er ging fort. Schatzspange las es und sagte lachend: „Das ist nicht gut, so macht man das nicht. Aber scheue dich nicht – zeig es ruhig ihr, und hör, was sie sagt.“
Noch einmal drängte jetzt Hsiang-ling, Dai-yü solle ihr die Gedichte von Du Fu geben. Dann bat sie Dai-yü und Tan-tschun: „Stellt mir ein Thema, zu dem ich mir etwas ausdenken kann, und wenn ich es fertig habe, korrigiert Ihr es mir!“ Duftlinse nahm das Gedicht und suchte Kajaljade auf. Kajaljade las:
„Gestern nacht schien der Mond sehr schön“, sagte Dai-yü. „Ich wollte selber darüber schreiben, habe es aber noch nicht getan. Also schreib du ein Gedicht, und zwar mit der Reimgruppe vierzehn – han. Welche Silben du nimmst, bleibt dir überlassen.“ „Eiskalt hängt der Mond am Himmelszelt,
Frohen Herzens nahm Hsiang-ling den Gedichtband entgegen und kehrte in den Haselwurzpark zurück, wo sie, angestrengt nachdenkend, mal zwei Verszeilen ersann und sich dann wieder in Du Fus Gedichte vertiefte, um einige davon zu lesen. Sie mochte weder essen noch trinken und fand weder im Liegen noch im Sitzen Ruhe. sein klarer Schein strahlt hell und rund.
„Warum mußt du dir solche Mühen aufbürden?“ fragte Bau-tschai. „Dazu hat nur Dai-yü dich verführt, und ich werde deswegen mit ihr abrechnen! Du warst schon immer etwas schwach im Kopf, aber dadurch bist du jetzt vollends närrisch geworden.“ Dem Dichter weckt er neue Lust,
Doch Hsiang-ling erwiderte nur lächelnd: „Bringt mich nicht durcheinander, bestes Fräulein!“ Und während sie das sagte, brachte sie ihr Gedicht zu Ende und zeigte es zuerst Bau-tschai. dem Wanderer mehrt er seinen Gram.
Bau-tschai las es durch, dann sagte sie: „Das ist nicht gut, so wird das nicht gemacht. Aber genier dich nicht! Zeig es ihr nur, um zu hören, was sie dazu sagt.“ Ein Jadespiegel überm Smaragdhaus,
Also nahm Hsiang-ling ihr Gedicht und ging Dai-yü suchen. Und Dai-yü las, was da stand: ein Eisteller hoch am Perlenbaldachin.
„Eiskalt hängt mitten am Himmel der Mond – Was braucht es noch Silberkerzen diese Nacht?
runde Kontur und gleißender Schein. Sein Glanz erhellt den Wandelgang.“
Dichter beschwingt sein Anblick stets neu, Kajaljade sagte lächelnd: „Die Idee ist da, nur die Wortwahl ist nicht elegant. Das liegt daran, dass du noch zu wenig gelesen hast und dadurch eingeengt bist. Wirf es weg und schreib ein neues! Nur mutig drauflos!“
der Wandrer wendet bekümmert sich ab. Duftlinse ging schweigend zurück und trat nicht einmal ins Haus. Am Teichufer, unter den Bäumen, saß sie bald auf einem Felsbrocken und starrte in die Ferne, bald hockte sie sich auf die Erde und kratzte im Sand. Alle Vorübergehenden wunderten sich.
Ein Spiegel aus Jade über dem Haus, Frau Li[15], Schatzspange, Tanchun und Schatzjade erfuhren davon und stellten sich fern auf dem Berghang auf, um ihr zuzuschauen. Man sah, wie sie die Stirn runzelte, dann wieder vor sich hin lächelte.
Ein Teller von Eis hoch in der Luft. Schatzspange sagte lachend: „Sie wird noch wahnsinnig! Gestern Nacht hat sie bis zur fünften Nachtwache vor sich hingemurmelt, ehe sie einschlief. Kaum war sie eingeschlafen, wurde es schon wieder hell, und ich hörte, wie sie aufstand, sich hastig kämmte und zu Kajaljade lief. Dann saß sie den ganzen Tag wie erstarrt da, schrieb ein Gedicht, das nichts taugte – und jetzt macht sie natürlich ein neues.“
Was braucht es noch Kerzen in dieser Nacht? Schatzjade sagte lachend: „Das beweist: ‚An schönen Orten leben begabte Menschen.‘ Der Himmel hat ihr ihren Charakter nicht umsonst gegeben. Wie oft haben wir geseufzt, ein Mädchen wie sie müsse so ein gewöhnliches Schicksal haben – und jetzt das! Da sieht man, Himmel und Erde sind höchst gerecht.“
Mein Wandelgang liegt in taghellem Licht.“ Schatzspange hielt ihm lachend vor: „Wenn du so fleißig wärst wie sie, gäbe es nichts, was du nicht lernen könntest!“
Lächelnd erklärte Dai-yü: „Einen Sinn hat es schon, nur die Wortwahl ist nicht elegant. Das liegt daran, daß du noch zu wenig Gedichte gelesen hast und dadurch eingeengt bist. Wirf es weg und schreib ein neues. Nur immer mutig drauflos!“ Schatzjade erwiderte nichts.
Als Hsiang-ling das hörte, ging sie schweigend wieder fort. Sie trat nicht einmal ins Haus, sondern blieb am Teich unter den Bäumen, wo sie sich mal auf einen Felsbrocken setzte und in Gedanken versank und sich mal auf die Erde hockte und im Sand stocherte. Jeder, der vorüberkam, wunderte sich. Dann sahen sie Duftlinse freudestrahlend wieder zu Kajaljades Quartier laufen. Tanchun sagte lachend: „Gehen wir ihr nach und schauen, ob diesmal etwas Gescheites herausgekommen ist!“
Als Li Wan, Bau-tschai, Tan-tschun und Bau-yü davon erfuhren, stiegen sie auf den Berghang und schauten von weitem zu, wie Hsiang-ling erst die Brauen runzelte und dann wieder vor sich hin lachte. „Sie wird noch den Verstand darüber verlieren“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Gestern hat sie die ganze Nacht über vor sich hingemurmelt, ehe sie endlich eingeschlafen ist, und dann dauerte es nicht einmal so lange, wie man braucht, um eine Schale Reis zu essen, da wurde es schon wieder hell, und ich habe hörte, wie sie aufstand, sich hastig kämmte und zu Dai-yü hinüberlief. Als sie zurückkam, war sie den ganzen Tag wie von Sinnen, bis sie ein Gedicht fertig hatte. Aber dann taugte es nichts, und jetzt macht sie natürlich ein neues.“ Alle begaben sich zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss. Kajaljade hielt gerade das Gedicht in der Hand und besprach es mit Duftlinse. Die anderen fragten, wie es geworden sei.
„Also wirklich, ‚An schönen Orten leben begabte Menschen‘“, sagte Bau-yü lächelnd. „Nicht umsonst hat ihr der Himmel diesen Charakter gegeben. Wie oft haben wir darüber geseufzt, daß ein Mädchen wie sie so ein gewöhnliches Schicksal haben muß, und jetzt auf einmal das! Da sieht man, Himmel und Erde sind höchst gerecht.“ Kajaljade sagte: „Sie hat sich große Mühe gegeben, aber gut ist es noch nicht. Diesmal ist es zu gesucht. Sie muss noch einmal ein neues schreiben.“
„Wie schön könnte es sein, wenn du auch so fleißig wärst wie sie“, hielt ihm Bau-tschai lächelnd vor. „Alles würdest du dann lernen.“ Alle wollten das Gedicht sehen und lasen:
Bau-yü erwiderte nichts darauf, und jetzt sahen sie, wie Hsiang-ling freudestrahlend zu Dai-yü lief. „Nicht Silber, nicht Wasser – das Fenster erkaltet,
„Gehen wir ihr nach!“ forderte Tan-tschun die anderen lächelnd auf. „Wir wollen sehen, ob sie einigen Sinn hineingebracht hat oder nicht!“ ein Teller aus Jade bewacht die Nacht.
Bei diesen Worten setzten sich alle zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß in Bewegung, und als sie dort ankamen, sahen sie, daß Dai-yü das Gedicht eben in der Hand hielt und mit Hsiang-ling besprach. Also fragten sie Dai-yü: „Hat sie etwas zustande gebracht?“ Zart scheint der Pflaumenduft sich zu färben,
„Sie hat sich natürlich große Mühe gegeben, aber gut ist es noch nicht“, antwortete Dai-yü. „Diesmal ist es zu gesucht. Sie muß noch einmal ein neues schreiben.“ am Weidenfaden trocknet der Tau.
Nun ließen sie sich das Gedicht geben und lasen: Gleich zartem Puder auf goldener Stufe,
„Nicht Wasser noch Silber leuchten so klar, wie leichter Reif auf dem Jadegeländer.
ein Teller aus Jade erhellt die Nacht. Im Westturm erwacht man – menschenleerer Pfad,
Die Pflaumenblüten in Dufthauch gehüllt, doch letzte Schönheit schimmert noch durch den Vorhang.“
das Weidengezweig wie mit Tau benetzt, Schatzspange sagte lachend: „Das klingt nicht nach einem Gedicht über den Mond! Wenn du unter ‚Mond‘ noch das Wort ‚Schein‘ einfügtest, ginge es, denn jede Zeile handelt eigentlich vom Mondlicht, nicht vom Mond selbst. Aber egal – Gedichte fangen nun einmal mit Unsinn an. In ein paar Tagen wird es besser.“
die Stufen gepudert mit zartem Gold, Duftlinse hatte ihr Gedicht diesmal für unübertrefflich gehalten und war niedergeschlagen, als sie das hörte. Aber aufgeben wollte sie nicht und suchte nach einer Gelegenheit, weiterzugrübeln. Als sie sah, dass die anderen plauderten und lachten, ging sie allein zwischen den Bambusstauden am Fuß der Terrasse auf und ab, zermarterte sich das Hirn, hatte Ohren und Augen für nichts anderes.
das Geländer mit Reif überzogen. Als ihr kurze Zeit später Tanchun lachend durchs Fenster zurief: „Schwester Duftlinse, ruh dich doch mal aus!“, antwortete Duftlinse wie im Traum: „‚Xian‘ [閑 = Muße/Ruhe] gehört zur Reimgruppe fünfzehn – shan. Da habt Ihr den falschen Reim gewählt!“
Längst sind die letzten Schritte verklungen, Unwillkürlich brachen alle in schallendes Gelächter aus. Schatzspange sagte: „Sie ist wirklich vom Dichterwahn besessen! Schuld daran ist einzig Kajaljade!“
der Mond lugt noch immer zu mir herein.“ Kajaljade verteidigte sich lächelnd: „Der Heilige hat gesagt: ‚Unermüdlich die Menschen belehren.‘ Sie kam zu mir und fragte – wie hätte ich da nicht antworten sollen?“
„Das hört sich nicht an wie ein Gedicht über den Mond“, wandte Bau-tschai ein. „Man müßte das Wort ‚Farbe‘ hinzufügen, dann ginge es, denn in jeder Zeile geht es nur um die Farbe des Mondlichts. Aber genug damit! Gedichte beginnen nun einmal mit Unsinn. In ein paar Tagen wird es schon besser gehen.“ Frau Li sagte lachend: „Nehmen wir sie mit zu Xichun und zeigen ihr das Bild – vielleicht kommt sie dann wieder zu sich!“
Hsiang-ling hatte ihr Gedicht diesmal für unübertrefflich gehalten, darum war sie enttäuscht, als sie diese Worte hören mußte, aber sie wollte nicht lockerlassen und suchte eine Gelegenheit, um weiter darüber zu grübeln. Als sie sah, daß sich die anderen in ein Gespräch vertieften, ging sie zwischen den Bambusstauden unterhalb der Plattform einher und zermarterte sich Herz und Galle. Für nichts anderes hatte sie mehr Auge und Ohr als für ihr Gedicht. Als ihr kurze Zeit später Tan-tschun lächelnd durchs Fenster zurief, sie solle sich eine Pause gönnen, antwortete sie hastig: „Ihr irrt Euch, Fräulein, ‚Pause‘ (hsiän) gehört nicht unter den Reim han, sondern unter shan, das ist Reimgruppe fünfzehn.“ Damit ging sie wirklich hinaus, fasste Duftlinse bei der Hand und zog sie am Lotoskiosk vorbei zum Gehege der Warmen Düfte. Xichun hielt dort, von Müdigkeit übermannt, ihren Mittagsschlaf auf dem Bett. Das Bild lehnte an der Wand, mit Seidengaze verhüllt.
Unwillkürlich brachen alle in Gelächter aus, und Bau-tschai sagte: „Sie ist wirklich süchtig geworden, aber dahin hat nur Dai-yü sie gebracht.“ Die Mädchen weckten Xichun, nahmen die Gaze ab und sahen, dass von zehn Teilen erst drei gemalt waren. Duftlinse entdeckte ein paar schöne Mädchen auf dem Bild, zeigte darauf und sagte lachend: „Das ist unser Fräulein, und das ist Fräulein Kajaljade!“
„Der Heilige hat gesagt ‚Unermüdlich die Menschen belehren‘“, verteidigte sich Dai-yü. „Schließlich ist sie zu mir gekommen und hat mich gefragt, wie hätte ich es ihr da nicht erklären sollen!“ Tanchun sagte lachend: „Jede, die dichten kann, kommt aufs Bild – also lern schnell!“
„Wir wollen sie zu Hsi-tschun bringen und ihr das Bild zeigen, damit sie wieder zu sich kommt!“ schlug Li Wan lächelnd vor. Bei diesen Worten ging sie wirklich hinaus, faßte Hsiang-ling bei der Hand und zog sie mit sich am Kiosk des Lotoswurzelduftes vorbei zum Gehege der Warmen Düfte. Man scherzte und plauderte noch eine Weile, dann ging jede ihres Weges.
Hier hielt Hsi-tschun eben erschöpft ihren Mittagsschlaf. Das Bild lehnte an der Wand und war mit einem Stück Seidengaze bedeckt. Als die Mädchen Hsi-tschun aufweckten und die Gaze vom Bild nahmen, sahen sie, daß von den zehn Gartenhäusern erst drei gemalt waren. Duftlinse aber hatte noch immer nichts als ihre Verse im Sinn. Den ganzen Abend starrte sie geistesabwesend in die Lampe. Erst nach der dritten Nachtwache legte sie sich ins Bett, doch ihre Augen blieben weit offen, und erst in der fünften Nachtwache fiel sie endlich in einen leichten Schlaf.
Hsiang-ling entdeckte ein paar schöne Mädchen auf dem Bild, zeigte mit dem Finger darauf und sagte: „Das ist unser gnädige Fräulein, und das ist Fräulein Lin.“ Als es hell wurde und Schatzspange erwachte, lauschte sie auf Duftlinse und dachte: „Die ganze Nacht hat sie sich herumgewälzt. Ob ihr etwas gelungen ist? Jetzt muss sie erschöpft sein – ich will sie nicht wecken.“ Gerade als sie das dachte, hörte sie Duftlinse im Traum auflachen und sagen: „Jetzt hab ich's! Oder ist auch dieses wieder nicht gut genug?“
Lächelnd behauptete Tan-tschun: „Jede, die dichten kann, kommt mit auf das Bild, also lern es nur schnell!“ Schatzspange musste lachen und seufzen zugleich. Schnell weckte sie Duftlinse und fragte: „Was hast du denn? Mit deinem Eifer könntest du die Unsterblichen rühren! Statt dichten zu lernen, wirst du noch krank.“
So scherzten und plauderten sie noch eine Weile, dann gingen sie wieder auseinander. Während sie redete, machte sie ihre Morgentoilette und ging mit den Kusinen hinüber zur Herzoginmutter [贾母].
Hsiang-ling hatte noch immer nichts anderes als ihre Verse im Sinn. Den ganzen Abend starrte sie geistesabwesend auf die Lampe, und erst nach der dritten Nachtwache legte sie sich ins Bett. Aber immer noch blickte sie aus großen Augen kummervoll vor sich hin, und erst in der fünften Nachtwache fiel sie endlich in Schlaf. Was geschehen war: Duftlinse hatte sich mit aller Kraft auf das Dichten konzentriert und ihren ganzen Geist darauf gerichtet. Was ihr am Tage nicht gelungen war, war ihr plötzlich im Traum eingefallen – acht vollständige Zeilen. Nachdem sie sich gewaschen und gekämmt hatte, schrieb sie das Gedicht hastig auf. Ohne selbst beurteilen zu können, ob es gut oder schlecht war, machte sie sich damit auf die Suche nach Kajaljade.
Als es wieder hell wurde und Bau-tschai erwachte, lauschte sie nach Hsiang-ling und sagte sich: „Die ganze Nacht hat sie sich herumgewälzt. Wer weiß, ob ihr dabei endlich etwas eingefallen ist. Jetzt muß sie müde sein, ich will sie nicht wecken!“ Und gerade als sie sich das überlegte, hörte sie, wie Hsiang-ling im Traum auflachte und dann sagte: „Jetzt hab ich‘s aber! Oder wird es wieder nichts taugen?“ Als sie gerade den Duftgetränkten Pavillon [沁芳亭] erreichte, kamen ihr Frau Li und die Kusinen entgegen, die eben von Dame Wang[16] zurückkehrten. Schatzspange erzählte gerade, wie Duftlinse im Traum gedichtet und dabei im Schlaf gesprochen hatte. Alle lachten, und als sie aufblickten, stand Duftlinse vor ihnen. Sofort verlangten alle, das Gedicht zu sehen.
Bau-tschai war zum Lachen und Seufzen zugleich zumute. Rasch weckte sie Hsiang-ling und fragte: „Was hast du? Mit deinem Eifer kannst du die Götter rühren. Aber anstatt dichten zu lernen, wirst du noch krank werden.“ Bei diesen Worten hatte sie ihre Toilette beendet und ging hinaus, um mit den Kusinen zusammen der Herzoginmutter ihren Gruß zu entbieten. Was dann geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
So beharrlich hatte sich Hsiang-ling aufs Dichten versteift und ihren ganzen Geist darauf konzentriert, daß ihr die acht Zeilen, die sie am Tage nicht hatte finden können, im Traum plötzlich eingefallen waren. Nachdem sie sich gekämmt und gewaschen hatte, schrieb sie sie schnell auf, und ohne selber einschätzen zu können, ob sie gut oder schlecht waren, machte sie sich damit auf die Suche nach Dai-yü. Als sie am Duftgetränkten Pavillon angelangt war, kam ihr dort Li Wan mit den Mädchen entgegen, die eben aus den Räumen von Dame Wang zurückkamen. Gerade erzählte Bau-tschai, daß Hsiang-ling sogar im Traum noch gedichtet und gesprochen hatte, und als sie lachend aufblickten, entdeckten sie, daß Hsiang-ling vor ihnen stand. Sofort verlangten sie, das Gedicht zu sehen. == Anmerkungen ==
Im nächsten Kapitel wird mehr davon erzählt.
  1. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse“. Konkubine von Xue Pan, ehemals Zhen Yinglian.
  2. Chin. 黛玉 Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade“. Lin Daiyu, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.
  3. Chin. 薛蟠 Xuē Pán, älterer Bruder von Schatzspange, bekannt für seinen zügellosen Lebenswandel.
  4. Chin. 柳湘莲 Liǔ Xiānglián, ein junger Mann aus gutem Hause, begabt in Kampfkünsten und Theaterkunst.
  5. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee“. Mutter von Schatzspange und Xue Pan, Schwester von Dame Wang.
  6. Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange“. Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
  7. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Juwel Kaufmann“. Oberhaupt des östlichen Ninguo-Zweigs der Kaufmann-Familie.
  8. Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen“. Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.
  9. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.
  10. Chin. 李綺 Lǐ Qǐ, Nichte von Frau Li.
  11. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck“. Kajaljades Kammerzofe.
  12. Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade“. Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
  13. Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin“. Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.
  14. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Frühlings-Bewahrerin“. Jüngste Tochter von Juwel Kaufmann.
  15. Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Jia Zhu, Vorsteherin des Gartens.
  16. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.

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