Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 49

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Kapitel 49: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
49.Weißer Schnee und rote Blüten in einer Welt aus Glasur,duftige Mädchen essen riechendes Fleisch. Kapitel 49
Als Hsiang-ling die plaudernden Mädchen erblickte, ging sie auf sie zu und sagte lächelnd: „Schaut Euch an, was ich geschrieben habe. Wenn es so geht, lerne ich weiter, wenn nicht, hat es mit meiner Dichtkunst ein Ende.“ Glaswelt mit weißem Schnee und roten Pflaumenblüten
Damit reichte sie ihre Verse Dai-yü, und alle lasen: Die geschminkten Mädchen schneiden rohes Fleisch und essen Geröstetes
„Alles durchdringt mit gleißendem Schein

herbstlicher Vollmond in eiskalter Pracht.

Weit schallt ein Waschstein durchs taghelle Land,

bis früh am Morgen der Hahnenschrei tönt.

Leise vom Fluß eine Flöte erklingt,
Es wird erzählt, dass Duftlinse [香菱][1], als sie die anderen fröhlich plaudern und lachen sah, auf sie zuging und lächelnd sagte: „Schaut euch doch dieses Gedicht an. Wenn es taugt, lerne ich weiter; wenn es immer noch nicht gut ist, gebe ich das Dichten für immer auf.“ Damit reichte sie das Gedicht an Kajaljade [林黛玉][2] und die anderen. Sie lasen:
einsam ein Mädchen am Gitterwerk lehnt. Des Mondes Glanz, wie schwer ihn zu verbergen,
Vor Sehnsucht wohl selbst die Mondgöttin fragt: sein Schattenbild so zart, sein Wesen kalt.
,Warum kann nicht immer nur Vollmond sein?‘ “ Der Waschstein hallt durch tausend Meilen Weiß,
Nachdem sie es gelesen hatten, erklärten sie lächelnd: „Das ist nicht nur gut, das ist originell und sinnreich. Da sieht man, warum das Sprichwort sagt ‚Nichts ist schwierig auf der Welt, wenn sich beherzte Menschen finden.‘ Auf jeden Fall wirst du in unseren Bund aufgenommen.“ der Hahn kräht, wenn die fünfte Wache bricht.
Hsiang-ling konnte es gar nicht glauben und meinte, die anderen wollten sich über sie lustig machen, darum erkundigte sie sich wieder und wieder bei Dai-yü und Bau-tschai. Im grünen Regenmantel hört man Flöten,
Mitten in diesem Gespräch erblickten sie mehrere kleine Sklavenmädchen und alte Sklavenfrauen, die eilig näher kamen und dann meldeten: „Es sind eine Menge Fräulein und junge Frauen aus der Verwandtschaft zu Besuch gekommen, die wir nicht kennen. Ihr müßt sie schnell begrüßen gehen!“ am Turm lehnt sich ein roter Ärmel an.
„Was soll das heißen?“ fragte Li Wan lächelnd. „Ihr müßt schon erklären, wessen Verwandte das sind.“ Selbst Chang’e sollte fragend sich erkundigen:
Lächelnd erwiderten die Sklavinnen: „Es sind zwei Kusinen von Euch, junge Herrin, und ein Fräulein, das eine Kusine von Fräulein Hsüä sein soll, außerdem ein junger Herr, von dem es hieß, er sei ihr Vetter. Wir wollen eben die gnädige Frau Tante holen. Geht Ihr mit den jungen Fräulein schon immer hinüber!“ Warum denn kann der Mond nicht immer rund sein?
Damit gingen sie ihres Weges, Bau-tschai aber fragte sich lächelnd: „Ist das etwa unser Hsüä Kë mit seiner Schwester?“ Und Li Wan sagte: „Da ist wohl unsere Tante wieder in die Hauptstadt gekommen? Aber warum kommen sie zusammen? Das ist seltsam!“ Nachdem die anderen es gelesen hatten, sagten sie lächelnd: „Dieses Gedicht ist nicht nur gut, es ist auch neuartig, geschickt und geistvoll. So bewahrheitet sich das Sprichwort: ‚Nichts auf der Welt ist schwer, wenn man nur den festen Willen hat.‘ In unserer Dichtgesellschaft bist du auf jeden Fall willkommen.“ Duftlinse konnte das in ihrem Herzen nicht glauben und meinte, die anderen wollten sie nur zum Narren halten. So fragte sie immer wieder bei Kajaljade und Schatzspange [薛宝钗][3] nach.
Hsüä Kë. Aus: Gai Qi 1791.

Verwundert begaben sich alle zu Dame Wang hinüber und fanden dort den Hauptraum gedrängt voll.
Mitten in diesem Gespräch kamen ein paar kleine Dienstmädchen und alte Frauen eilig herbei und sagten lachend: „Es sind eine ganze Menge junge Damen und Herrinnen gekommen, die wir gar nicht kennen. Die gnädigen Herrinnen und Fräulein sollten schnell hingehen und die Verwandten begrüßen.“ Frau Li [李纨][4] fragte lächelnd: „Was soll denn das heißen? Sagt erst einmal klar, wessen Verwandte es sind!“ Die alten Frauen und Mädchen sagten lachend: „Die beiden jüngeren Schwestern der gnädigen Frau sind da. Und ein Fräulein, das die jüngere Schwester des großen Fräulein Schnee sein soll, und ein junger Herr, der der Bruder des großen jungen Herrn Schnee sein soll. Wir gehen jetzt die Frau Tante holen. Die gnädige Frau und die Fräulein können schon vorausgehen.“ Damit eilten sie davon. Schatzspange sagte lächelnd: „Sollten etwa unser Xue Ke [薛蝌][5] und seine Schwester gekommen sein?“ Auch Frau Li sagte lächelnd: „Ist etwa unsere Tante wieder nach Peking gekommen? Wie konnten sie alle gleichzeitig eintreffen? Das ist wirklich seltsam.“ Alle waren verwundert und begaben sich zu den oberen Gemächern von Dame Wang [王夫人][6], wo sie ein dichtes Gedränge von Menschen vorfanden.
Es hatte sich so ergeben, daß der ältere Bruder von Dame Hsing mit seiner Frau und einer Tochter namens Hsiu-yän in die Hauptstadt reiste, wo er bei Dame Hsing zu wohnen gedachte. Da zufällig auch Hsi-fëngs älterer Bruder Wang Jën eben in die Hauptstadt wollte, machten sie die Reise gemeinsam. Und als ihre Boote auf halbem Wege einmal ankerten, trafen sie mit Li Wans verwitweter Tante zusammen, die mit ihren beiden Töchtern Li Wën und Li Tji ebenfalls in die Hauptstadt unterwegs war. Sie kamen miteinander ins Gespräch, und als sie feststellten, daß sie miteinander verschwägert waren, reisten sie zusammen weiter.

Außerdem mußte auch Hsüä Pans Vetter Hsüä Kë den Weg in die Hauptstadt antreten, um dort seine Schwester Hsüä Bau-tjin zu verheiraten, die von ihrem Vater während seines dortigen Aufenthalts mit dem Sohn eines Mitglieds der Kaiserlichen Akademie namens Mee verlobt worden war. Als Hsüä Kë erfahren hatte, Wang Jën sei in die Hauptstadt unterwegs, war er ihm rasch mit der Schwester zusammen nachgeeilt und hatte die Reisegesellschaft noch unterwegs eingeholt. So waren sie heute alle zusammen bei ihren Verwandten eingetroffen.

Eben begrüßten alle einander und hielten einen ersten Schwatz, die Herzoginmutter und Dame Wang waren in strahlender Laune. „Kein Wunder, daß gestern Abend der Lampendocht immerzu geknistert und Schnuppen gebildet hat“, sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Das war ein Vorzeichen für die heutige Überraschung.“
Es hatte sich folgendermaßen zugetragen: Der Bruder von Dame Xing [邢夫人][7] war mit seiner Frau und ihrer Tochter Xiuyan [岫烟][8] nach Peking gereist, um bei Dame Xing Unterschlupf zu suchen. Zufällig war auch Phönixglanz[9]' [王熙凤] Bruder Wang Ren [王仁] auf dem Weg in die Hauptstadt, und die beiden verschwägerten Familien hatten sich zu einer gemeinsamen Reise zusammengeschlossen. Als sie auf halbem Wege ihre Boote vor Anker legten, trafen sie auf Frau Lis verwitwete Tante, die mit ihren beiden Töchtern – die ältere hieß Li Wen [李紋][10], die jüngere Li Qi [李綺][11] – ebenfalls in die Hauptstadt reiste. Beim Gespräch stellte sich heraus, dass sie miteinander verwandt waren, und so setzten die drei Familien die Reise gemeinsam fort. Dann war da noch Xue Ke [薛蝌], ein Vetter von Xue Pan [薛蟠][12], dessen Vater noch zu Lebzeiten in Peking seine Schwester Xue Baoqin [薛宝琴][13] mit dem Sohn des Akademikers Mei [梅翰林] verlobt hatte. Nun wollte er sie zur Hochzeit in die Hauptstadt bringen. Als er hörte, dass Wang Ren nach Peking aufbrach, schloss er sich mit seiner Schwester an und holte die Reisegesellschaft ein. So trafen sie heute alle bei ihren jeweiligen Verwandten ein.
Während jetzt Familienneuigkeiten ausgetauscht, die mitgebrachten Geschenke in Augenschein genommen und die Gäste zu Essen und Wein eingeladen wurden, hatte Hsi-fëng, wie sich versteht, alle Hände voll zu tun. Li Wan und Bau-tschai unterhielten sich natürlich mit ihren Verwandten über alles, was sie seit der letzten Begegnung erlebt hatten. Dai-yü, die sich anfangs noch mit den anderen zusammen gefreut hatte, mußte dann wieder daran denken, daß jedermann Verwandte besaß, während sie ganz allein dastand, und brach darüber in Tränen aus. Bau-yü, der ihr das von ganzem Herzen nachfühlen konnte, tröstete sie, so gut er es vermochte, bis sie darüber hinwegkam. Als die gegenseitigen Begrüßungen und die ersten Gespräche vorüber waren, zeigten sich die Herzoginmutter [贾母][14] und Dame Wang überaus erfreut. Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Kein Wunder, dass gestern Abend der Lampendocht immerzu geknistert und Flocken geworfen hat – das war ein Vorzeichen für den heutigen Besuch.“ Man tauschte Familienneuigkeiten aus, besah die mitgebrachten Geschenke und lud die Gäste zu Wein und Speisen ein. Phönixglanz hatte selbstredend alle Hände voll zu tun und war beschäftigter denn je. Frau Li und Schatzspange unterhielten sich natürlich mit ihrer Tante und den Schwestern über die Zeit der Trennung.
Anschließend lief Bau-yü rasch in den Hof der Freude am Roten hinüber, wo er Hsi-jën, Schë-yüä und Tjing-wën strahlend aufforderte: „Macht nur schnell, daß ihr hinüberkommt und euch die Neuankömmlinge anseht! Es ist zu merkwürdig, daß Bau-tschais Vetter in Aussehen und Benehmen so ganz anders ist als ihr Bruder, gerade so als ob er ihr leiblicher Bruder wäre. Noch merkwürdiger ist es, daß ihr immer sagt, Bau-tschai sei eine einmalige Schönheit, aber seht euch jetzt ihre Kusine an und erst einmal die beiden Kusinen von Schwägerin Li, die ich gar nicht mit Worten beschreiben kann! Als Kajaljade all dies sah, war sie zunächst erfreut, doch dann fiel ihr ein, dass alle anderen Verwandte hatten, nur sie allein stand da ohne eine einzige Angehörige, und unwillkürlich kamen ihr die Tränen. Schatzjade [贾宝玉][15], der ihren Schmerz zutiefst verstand, tröstete sie ausgiebig, bis sie sich wieder fasste.
Himmel, über wieviel Feinheit und Eleganz mußt du verfügen, um Menschen hervorzubringen, die so hoch über allen andern stehen! Wie der Frosch im Brunnen hatte ich stets geglaubt, unsere Mädchen seien einzigartig und unübertrefflich, dabei brauche ich gar nicht in weiter Ferne zu suchen, um Mädchen zu erblicken, von denen eines immer schöner ist als das andere. Wieder einmal habe ich etwas dazugelernt. Gibt es außer diesen vielleicht noch mehr?“

Diese Worte hatte er mit Lachen und Seufzen begleitet, so daß Hsi-jën fürchtete, er sei wieder einmal einem Wahn verfallen, und ihn deshalb nicht allein lassen wollte. Tjing-wën und die anderen aber waren sofort gegangen. Als sie lächelnd wiederkamen, forderten sie Hsi-jën auf: „Geh schnell und sieh sie dir an! Die Nichte der älteren gnädigen Frau, die Kusine von Fräulein Bau-tschai und die beiden Kusinen der älteren jungen gnädigen Frau sehen aus wie vier Stengel Simsen von einem Wuchs.“

Sie hatten noch nicht ausgesprochen, da kam Tan-tschun herein, die zu Bau-yü wollte, und sagte lächelnd: „Jetzt wird unser Dichterbund aufleben!“

„Aber ja!“ erwiderte Bau-yü, ebenfalls lächelnd, „nur weil du mit so viel Begeisterung den Bund begründet hast, sind jetzt wie auf Befehl von Göttern und Geistern diese Mädchen zu uns ins Haus gekommen. Aber ob sie wohl dichten gelernt haben?“

„Ich habe sie eben schon alle gefragt“, gab Tan-tschun Auskunft. „Sie sind zwar zu bescheiden, um es zuzugeben, aber wie es aussieht, können sie es alle. Und wenn es jemand wirklich nicht kann, ist es auch kein Problem. Das siehst du an Hsiang-ling.“
Danach eilte Schatzjade in den Hof der Freude am Roten und sagte zu Dufthauch [袭人][16], Moschusmond [麝月][17], Heitermuster [晴雯][18] und den anderen lachend: „Warum geht ihr nicht schnell hinüber und seht euch die Neuankömmlinge an? Wer hätte gedacht – Schatzspanges leiblicher Bruder sieht so aus, wie er aussieht, aber dieser Vetter von ihr hat in Gestalt und Auftreten etwas ganz anderes; er sieht eher wie ihr leiblicher Bruder aus. Noch erstaunlicher ist Folgendes: Ihr habt tagein, tagaus gesagt, Schatzspange sei eine unübertreffliche Schönheit. Aber seht euch jetzt einmal ihre Schwester an, und erst die beiden Schwestern unserer Schwägerin – mir fehlen ganz die Worte! Oh Himmel, oh Himmel, wie viel Feinheit und Geist hast du aufgewandt, um solche Menschen über alle anderen zu erheben! Wie ein Frosch im Brunnen habe ich immer nur gedacht, die paar Mädchen hier bei uns seien ohnegleichen. Aber man braucht gar nicht in der Ferne zu suchen – schon die eigene Umgebung bietet Schönheiten, von denen eine die andere übertrifft. Heute habe ich wieder dazugelernt! Und wer weiß, ob es außer diesen nicht noch weitere gibt?“
„Sie sagen, die Kusine von Fräulein Bau-tschai sei besonders hübsch“, wandte sich Hsi-jën lächelnd an Tan-tschun. „Was meint Ihr dazu?“

„Das stimmt tatsächlich“, bestätigte Tan-tschun, „ich finde, weder Bau-tschai noch eine von den andern reicht an sie heran.“

Mit verwundertem Lächeln erklärte Hsi-jën: „Das ist seltsam! Wie kann es eine Schönere geben als sie? Ich will sie mir doch ansehen!“
Während er so redete, lachte und seufzte er vor sich hin. Dufthauch befürchtete, er sei wieder in einen seiner Wahnzustände geraten, und wollte deshalb nicht hinübergehen. Heitermuster und die anderen aber waren längst hingelaufen, hatten sich alles angeschaut und kamen kichernd zurück. Sie sagten zu Dufthauch: „Geh schnell und sieh sie dir an! Die Nichte der älteren Herrin, die Schwester vom Fräulein Schnee, die beiden Schwestern der älteren jungen Herrin – die vier sehen aus wie ein Bündel von vier Wasserlauchstängeln!“
„Die alte gnädige Frau war auf den ersten Blick begeistert von ihr und hat die gnädige Frau gedrängt, sie als Ehrentochter zu adoptieren“, berichtete Tan-tschun. „Die alte gnädige Frau will für ihren Unterhalt aufkommen. Das ist eben schon festgelegt worden.“

„Ist das wahr?“ fragte Bau-yü fröhlich.

„Wann hätte ich je gelogen!“ erwiderte Tan-tschun. Dann setzte sie lächelnd hinzu: „Über so einer guten Enkeltochter wird sie den Enkelsohn wohl vergessen.“

„Das macht nichts“, sagte Bau-yü lächelnd. „Mädchen muß man schon ein bißchen lieber haben, das ist nur gerecht. Aber morgen ist der sechzehnte, unser Bund muß zusammentreten.“

„Aber Dai-yü kann gerade erst wieder aufstehen, und nun ist Ying-tschun krank“, wandte Tan-tschun ein, „wir wären nicht vollzählig.“
Kaum war dieses Wort gefallen, da kam auch schon Tanchun [探春][19] lachend herein, um Schatzjade aufzusuchen, und sagte: „Unsere Dichtgesellschaft wird richtig aufblühen!“ Schatzjade erwiderte lachend: „Genau! Nur weil du so begeistert die Dichtgesellschaft gegründet hast, hat es wie durch Geister und Götter all diese Leute zu uns gebracht. Nur eines weiß ich nicht: Haben sie denn das Dichten gelernt?“ Tanchun antwortete: „Ich habe sie eben alle gefragt. Sie geben sich zwar bescheiden, aber dem Anschein nach können sie es alle. Und selbst wenn jemand es wirklich nicht kann, ist das auch keine Schwierigkeit – du brauchst dir nur Duftlinse anzuschauen.“
„Das sollte uns nicht stören“, sagte Bau-yü. „Ying-tschun ist sowieso nicht sehr eifrig beim Dichten. Ihr Fehlen ist kein Hinderungsgrund.“ Dufthauch fragte lächelnd: „Man sagt, die Schwester des großen Fräulein Schnee sei noch hübscher. Was meint Ihr, drittes Fräulein?“ Tanchun erwiderte: „Das stimmt tatsächlich. Meiner Meinung nach reicht weder ihre ältere Schwester noch sonst jemand an sie heran.“ Dufthauch war erstaunt und sagte lachend: „Das ist ja seltsam! Wie kann jemand noch schöner sein? Ich muss unbedingt hinübergehen und sie mir ansehen.“
„Warten wir lieber ein paar Tage, bis die Neuen sich eingelebt haben, und laden sie dann mit ein!“ schlug Tan-tschun vor. „Schwägerin Li und Kusine Bau-tschai wird jetzt der Sinn bestimmt nicht nach Dichten stehen, außerdem ist Hsiang-yün nicht hier und Dai-yü eben erst wieder genesen. Es käme also niemandem recht gelegen. Darum ist es besser, wir warten ein bißchen. Dann ist Hsiang-yün hier, die Neuen haben sich eingewöhnt, Dai-yü ist wieder ganz gesund, Schwägerin Li und Kusine Bau-tschai haben wieder Muße, und Hsiang-ling hat weitere Fortschritte gemacht. Dann kann unser Bund eine ganz große Zusammenkunft halten. Wäre das nicht besser? Tanchun berichtete: „Die Herzoginmutter war auf den ersten Blick so begeistert, dass sie die Herrin sogleich gedrängt hat, Baoqin als Ehrentochter anzunehmen. Die Herzoginmutter will für ihren Unterhalt aufkommen, das ist eben gerade beschlossen worden.“ Schatzjade fragte voller Freude: „Ist das wirklich wahr?“ Tanchun erwiderte: „Habe ich jemals gelogen?“ Dann fügte sie lächelnd hinzu: „Jetzt, wo sie so eine gute Enkeltochter hat, vergisst sie wohl den Enkelsohn darüber.“
Und wir beide sollten uns jetzt bei der alten gnädigen Frau erkundigen gehen, wo die Neuen wohnen werden. Bau-tschais Kusine wird ja ganz bestimmt bei uns bleiben, aber wenn die drei andern nicht hier wohnen sollen, wollen wir die alte gnädige Frau bitten, sie mit im Garten unterzubringen. Dann sind wir ein paar mehr, und es wird lustiger hier!“ Schatzjade sagte lachend: „Das macht nichts. Es ist nur recht und billig, dass man die Mädchen ein wenig mehr liebt. Morgen ist der Sechzehnte, da müsste unsere Gesellschaft zusammentreten.“ Tanchun wandte ein: „Kajaljade kann gerade erst wieder aufstehen, und die zweite Schwester ist krank geworden – es geht alles drunter und drüber.“ Schatzjade sagte: „Die zweite Schwester dichtet ja ohnehin nicht gern, auch ohne sie geht es.“
Als Bau-yü das hörte, strahlte er über das ganze Gesicht und sagte eilig: „Du bist wirklich verständig, ich aber bin und bleibe ein dummer Tropf. Vor lauter Freude habe ich daran gar nicht gedacht.“

Mit diesen Worten gingen Bruder und Schwester gemeinsam zur Herzoginmutter hinüber, wo Bau-tjin wirklich von Dame Wang als Ehrentochter angenommen worden war. Die Herzoginmutter war von dem Mädchen so begeistert, daß sie es nicht im Garten, sondern in ihren eigenen Räumen schlafen ließ. Hsüä Kë bezog natürlich das Bibliothekszimmer von Hsüä Pan. Und zu Dame Hsing sagte die Herzoginmutter: „Deine Nichte soll noch nicht zu ihrer Familie ziehen, sondern erst einmal ein paar Tage hier bei uns im Garten wohnen und vergnügt sein!“
Tanchun schlug vor: „Warten wir lieber ein paar Tage, bis die Neuen sich eingelebt haben, und laden sie dann ein – wäre das nicht besser? Im Augenblick haben weder die Schwägerin noch Schatzspange den Kopf für Gedichte, außerdem ist Xiangji [史湘云][20] nicht da und Kajaljade gerade erst genesen – es passt niemandem. Warten wir lieber, bis Xiangji hier ist, die Neuen sich eingewöhnt haben, Kajaljade ganz gesund ist, die Schwägerin und Schatzspange wieder freier im Kopf sind und Duftlinse weitere Fortschritte gemacht hat. Dann halten wir eine große Vollversammlung der Gesellschaft – wäre das nicht herrlich? Und wir beide sollten jetzt zur Herzoginmutter gehen und uns erkundigen. Schatzspanges Schwester wird bestimmt bei uns wohnen bleiben. Falls die drei anderen aber nicht hier bleiben sollen, bitten wir die Herzoginmutter, sie im Garten unterzubringen. Dann haben wir noch mehr Leute, und es wird umso unterhaltsamer.“
Der Bruder von Dame Hsing lebte mit seiner Familie in kümmerlichen Verhältnissen und hatte damit gerechnet, daß Dame Hsing ihnen in der Hauptstadt eine Bleibe verschaffen und zu ihrem Unterhalt beitragen werde. Darum nahm er den Vorschlag nur zu gern an, und Dame Hsing übergab Hsiu-yän an Hsi-fëng. Hsi-fëng sagte sich, jede der zahlreichen Kusinen, die im Garten wohnten, habe ihren eigenen Charakter, andererseits wäre es unbequem, noch ein weiteres Gartenhaus bewohnen zu lassen, weshalb es das beste sein würde, Hsiu-yän mit bei Ying-tschun unterzubringen. Auf diese Weise würde es mit ihr, Hsi-fëng, nichts zu tun haben, wenn Hsiu-yän etwa später unzufrieden wäre und Dame Hsing davon erführe. Als Schatzjade das hörte, strahlte er übers ganze Gesicht und sagte eilig: „Du bist wirklich die Kluge von uns beiden. Ich bin doch ein Wirrkopf – habe mich nur sinnlos gefreut, ohne an so etwas zu denken.“
Und abgesehen von den Zeiten, da Hsiu-yän bei ihrer Familie wohnte, zahlte ihr Hsi-fëng jedesmal, wenn sie einen Monat oder länger im Garten des Großen Anblicks wohnte, das gleiche Monatsgeld aus, wie Ying-tschun es bekam. Hsi-fëng erkannte auch mit nüchternem Blick, daß Hsiu-yän nach Charakter und Betragen nicht so war wie Dame Hsing oder ihre Eltern, sondern sanftmütig und liebenswert, deshalb zog sie sie aus Mitgefühl für ihre Armut und ihr Unglück den anderen Mädchen vor. Dame Hsing aber kümmerte sich nicht groß darum. So gingen Bruder und Schwester gemeinsam zur Herzoginmutter. Tatsächlich hatte Dame Wang Baoqin bereits als Ehrentochter angenommen, und die Herzoginmutter war überglücklich. Sie ließ das Mädchen nicht einmal im Garten wohnen, sondern bei sich übernachten. Xue Ke bezog das Bibliothekszimmer bei Xue Pan. Zu Dame Xing sagte die Herzoginmutter: „Deine Nichte braucht nicht gleich nach Hause zu gehen. Sie soll ein paar Tage hier im Garten wohnen und sich vergnügen.“
Die Herzoginmutter und Dame Wang hatten Li Wan ihrer Tüchtigkeit und Güte wegen stets gern gemocht und hatten sie bewundert, weil sie trotz ihrer Jugend der Witwenschaft treu blieb. Als jetzt ihre verwitwete Tante gekommen war, ließen sie es nicht zu, daß sie sich auswärts eine Unterkunft suchte, und wenn sich Tante Li auch dagegen sträubte, bestand doch die Herzoginmutter darauf, daß sie mit Li Wën und Li Tji in das Reisduftdorf zog. Dame Xings Bruder lebte mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen. Er war nach Peking gekommen in der Hoffnung, dass Dame Xing ihm eine Unterkunft besorgen und ihm finanziell unter die Arme greifen würde. Natürlich war er mit dem Vorschlag einverstanden. Dame Xing übergab Xiuyan der Obhut von Phönixglanz. Phönixglanz überlegte, dass die Mädchen im Garten zahlreich und von verschiedenem Temperament seien und es unbequem wäre, noch eine gesonderte Unterkunft einzurichten. Am besten brächte man Xiuyan bei Yingchun [迎春][21] unter – sollte sich Xiuyan später einmal unwohl fühlen und Dame Xing davon erfahren, hätte das nichts mit Phönixglanz zu tun.
Kaum waren alle untergebracht, da wurde Schï Nai, Fürst Bau-ling, auf einen hohen Posten in die Provinz versetzt und mußte binnen kurzem mit seiner Familie abreisen, um das neue Amt anzutreten. Hsiang-yün, auf die die Herzoginmutter nicht verzichten wollte, blieb da und zog zu den Djias. Eigentlich wollte ihr Hsi-fëng eine eigene Wohnstätte zuweisen, aber Hsiang-yün bestand darauf, mit Bau-tschai zusammen zu wohnen, also beließ man es dabei. Abgesehen von den Zeiten, die Xiuyan bei ihrer Familie verbrachte, zahlte Phönixglanz ihr bei einem Aufenthalt von einem Monat und länger im Garten des Großen Anblicks die gleiche Zulage wie Yingchun. Phönixglanz beobachtete Xiuyan mit kühlem Blick und stellte fest, dass sie in Charakter und Wesen ganz anders war als Dame Xing und ihre Eltern – sie war sanft, warmherzig und liebenswert. Deshalb hatte Phönixglanz Mitleid mit ihr wegen ihrer Armut und ihres schweren Schicksals und behandelte sie mit mehr Zuneigung als die anderen Mädchen. Dame Xing dagegen kümmerte sich kaum um sie.
Im Garten des Großen Anblicks war es lebendig geworden. Mit Li Wan an der Spitze, gefolgt von Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun, Bau-tschai, Dai-yü, Hsiang-yün, Li Wën, Li Tji, Bau-tjin und Hsiu-yän, war man jetzt mit Hsi-fëng und Bau-yü zu dreizehnt. Vom Alter her war bis auf Li Wan niemand älter als fünfzehn, sechzehn oder siebzehn, wobei einige im selben Jahr, andere am selben Tag oder zur selben Stunde geboren waren, in den meisten Fällen bestand die Differenz nur im Monat oder in der Stunde. So konnten sie die Altersreihenfolge selbst kaum auseinanderhalten und redeten einander wahllos als älterer oder jüngerer Bruder, ältere oder jüngere Schwester an. Die Herzoginmutter und Dame Wang hatten Frau Li stets wegen ihrer Tüchtigkeit geschätzt und bewundert, dass sie in so jungen Jahren der Witwenschaft die Treue hielt. Als nun ihre verwitwete Tante kam, wollten sie diese auf keinen Fall auswärts wohnen lassen. Obwohl Tante Li sich heftig sträubte, bestand die Herzoginmutter auf ihrem Willen, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als mit Li Wen und Li Qi im Reisduftdorf einzuziehen.
Hsiang-ling war mit Haut und Haaren dem Dichten verfallen, aber sie konnte nicht gut ständig Bau-tschai deswegen belästigen. So war es ein Glück für sie, daß jetzt auch die redselige Hsiang-yün da war, die sich natürlich nicht weigern konnte, als Hsiang-ling darum bat, sie in der Dichtkunst zu unterweisen. So sehr ereiferte sie sich damit, daß sie sich zu jeder Tages- und Nachtzeit des langen und breiten darüber auslassen konnte. Kaum waren alle untergebracht, da wurde der Marquis von Baoling, Shi Nai [史鼐], in eine hohe Provinzstelle versetzt und musste in Kürze mit seiner Familie abreisen, um den neuen Posten anzutreten. Da die Herzoginmutter sich nicht von Xiangji trennen mochte, behielt sie das Mädchen bei sich und nahm es im Kaufmann-Anwesen auf. Eigentlich wollte sie Phönixglanz beauftragen, ihr ein eigenes Quartier zuzuweisen, doch Xiangji bestand darauf, bei Schatzspange zu wohnen, und so ließ man es dabei bewenden.
Schließlich sagte Bau-tschai lächelnd zu ihr: „Also, ich halte diesen Lärm nicht aus. Und wenn gebildete Leute hören würden, wie ein Mädchen sich allen Ernstes über Gedichte ausbreitet, würden sie nur lachen und sagen, sie habe vergessen, wohin sie gehört. Nicht genug mit einer Hsiang-ling, mußtest jetzt auch noch du Plaudertasche dazukommen. Und wovon redest du in einem fort? Von der Schwermut eines Du Fu, der Schlichtheit eines Wee Su-dschou, der Eleganz eines Wën Ting-yün und der Rätselhaftigkeit eines Li I-schan. Aber warum sprichst du nur von den Toten und schweigst von zwei heutigen Dichtern?“ Der Garten des Großen Anblicks war nun weit lebhafter als zuvor. Unter Frau Lis Führung waren es jetzt: Yingchun, Tanchun, Xichun [惜春][22], Schatzspange, Kajaljade, Xiangji, Li Wen, Li Qi, Baoqin, Xing Xiuyan – und dazu Phönixglanz und Schatzjade, zusammen dreizehn Personen. Was das Alter betraf, so war nur Frau Li die Älteste; die übrigen zwölf waren alle nicht älter als fünfzehn, sechzehn oder siebzehn Jahre. Einige waren im selben Jahr, andere im selben Monat und am selben Tag, wieder andere zur selben Stunde geboren. In den meisten Fällen betrug der Unterschied nur wenige Monate oder Stunden. Sie selbst konnten die genaue Rangfolge kaum noch auseinanderhalten und riefen sich einfach nach Belieben „Bruder“, „Schwester“, „ältere Schwester“ oder „jüngere Schwester“.
„Welche beiden meinst du?“ fragte Hsiang-yün sofort. „Sag es mir, liebste Kusine!“

„Die törichte Hsiang-ling mit ihrem Eifer und die verrückte Hsiang-yün mit ihrem Geschwätz“, erwiderte Bau-tschai.

Hsiang-yün und Hsiang-ling brachen darüber in Gelächter aus, als eben Bau-tjin hereinkam. Sie trug einen gold-grün glänzenden Umhang, von dem nicht zu erkennen war, woraus er gemacht war. Sofort fragte Bau-tschai: „Woher hast du das?“

Lächelnd verriet ihr Bau-tjin: „Das hat die alte gnädige Frau heraussuchen lassen, weil es draußen grieselt. Sie hat es mir geschenkt.“

Hsiang-ling trat an sie heran und betrachtete den Umhang, dann sagte sie: „Kein Wunder, daß es so gut aussieht. Das ist aus Pfauenfedern gewebt.“
Duftlinse hatte nun nichts anderes im Sinn, als Gedichte zu schreiben, wagte aber nicht, Schatzspange allzu sehr damit zu belästigen. Zum Glück war jetzt Xiangji da. Xiangji aber liebte es über alles zu reden, und als Duftlinse sie nun um Unterweisung in der Dichtkunst bat, war sie ganz begeistert und schwadronierte Tag und Nacht. Schließlich sagte Schatzspange lachend: „Ich halte diesen Lärm wirklich nicht mehr aus. Wenn ein Mädchen allen Ernstes die Dichtkunst zum Hauptthema macht, werden gebildete Leute nur darüber lachen und sagen, es vergesse seinen Platz. Eine Duftlinse, die noch nicht aufgeklärt ist, und nun kommst du auch noch als Plaudertasche dazu! Was redet ihr denn den ganzen Tag? Von der Schwermut Du Fus [杜工部], der Schlichtheit Wei Yingwus [韦苏州], der Eleganz Wen Tingyuns [温八叉] und der Rätselhaftigkeit Li Shangyins [李义山]. Dabei habt ihr zwei leibhaftige Dichterinnen vor der Nase und erwähnt sie mit keinem Wort, sondern redet nur von Toten!“ Xiangji fragte sofort: „Welche beiden denn? Sag es mir, liebe Schwester!“ Schatzspange erwiderte lachend: „Die törichte Duftlinse mit ihrem bitteren Eifer und die verrückte Xiangji mit ihrem endlosen Gerede.“ Xiangji und Duftlinse brachen darüber in Gelächter aus.
„Ach woher!“ widersprach Hsiang-yün. „Das ist aus den Kopffedern von Wildenten gemacht. Da sieht man, wie lieb dich die alte gnädige Frau hat. So gern sie Bau-yü auch mag, ihm hat sie den Umhang nicht gegeben.“

„Nicht umsonst sagt man ‚Jedermanns Schicksal ist vorbestimmt‘“ sagte Bau-tschai. „Sie konnte es nicht ahnen – weder daß sie hierher kommen noch daß die alte gnädige Frau sie hier so liebgewinnen würde.“

„Außer bei der alten gnädigen Frau kannst du noch hier im Garten lachen und scherzen, essen und trinken, wie du magst“, versicherte Hsiang-yün. „In den Räumen der gnädigen Frau kannst du unbesorgt bleiben und plaudern, wenn die gnädige Frau zu Hause ist, aber wenn sie nicht da ist, geh nicht hinein. Die meisten ihrer Leute haben ein böses Herz und wollen uns schaden.“
Während sie noch sprachen, kam Baoqin herein. Sie trug einen Umhang, der in Gold und Grün schimmerte und von dem man nicht erkennen konnte, woraus er bestand. Schatzspange fragte sofort: „Woher hast du den?“ Baoqin erwiderte lachend: „Weil es draußen Graupel schneit, hat die Herzoginmutter dieses Stück heraussuchen lassen und mir geschenkt.“ Duftlinse trat heran und betrachtete ihn: „Kein Wunder, dass er so prächtig aussieht – er ist aus Pfauenfedern gewebt.“ Xiangji widersprach: „Wo denkst du hin! Das sind Kopffedern von Wildenten. Da siehst du, wie sehr die Herzoginmutter dich liebhat. So gern sie Schatzjade auch hat, ihm hat sie so etwas nicht gegeben.“
Bau-tschai, Bau-tjin, Hsiang-ling und Ying-örl lachten darüber, dann sagte Bau-tschai: „Du bist unbedacht und doch wieder bedacht und mit deinen Worten zu geradeheraus. Unsere Bau-tjin ähnelt dir ein wenig. Du hast immer gesagt, ich müßte deine ältere Schwester sein, aber mir scheint es jetzt besser, wenn du Bau-tjin zu deiner jüngeren Schwester machst.“

Hsiang-yün musterte Bau-tjin mit einem langen Blick, dann sagte sie lächelnd: „Dieser Umhang ist wirklich nur für sie das Richtige und für niemand anders.“

Während sie das sagte, war Hu-po hereingekommen und meldete lächelnd: „Die alte gnädige Frau läßt bestellen, Fräulein Bau-tschai solle nicht zu streng gegen Fräulein Bau-tjin sein, denn sie sei noch klein. Sie solle ihren Willen haben und bekommen, was sie möchte.“
Schatzspange bemerkte: „Da heißt es wirklich mit Recht: ‚Jeder hat sein eigenes Schicksal.‘ Sie hätte sich nie träumen lassen, dass Baoqin jetzt hierher käme, und nun, da sie hier ist, hat die Herzoginmutter sie auch noch so ins Herz geschlossen.“ Xiangji sagte: „Außer bei der Herzoginmutter kannst du auch noch hier im Garten nach Herzenslust lachen und scherzen, essen und trinken. Wenn du zu den Gemächern der Herrin gehst und die Herrin da ist, kannst du ruhig mit ihr plaudern und etwas länger bleiben – das macht nichts. Aber wenn die Herrin nicht da ist, geh nicht hinein, dort sind viele Menschen mit bösem Herzen, die uns alle schaden wollen.“ Schatzspange, Baoqin, Duftlinse und Yinger [莺儿] lachten darüber. Schatzspange sagte lächelnd: „Man meint, du hättest kein Gespür, und dann zeigst du doch wieder, dass du eins hast. Aber auch wenn du Gespür hast, bist du im Reden doch zu geradeheraus. Unsere Baoqin hat ein wenig Ähnlichkeit mit dir. Du sagst immer, ich solle deine ältere Schwester sein – ich schlage vor, du erkennst sie heute als deine jüngere Schwester an.“
Bau-tschai erhob sich rasch und sagte: „Jawohl!“, dann stieß sie Bau-tjin an und sagte lächelnd: „Woher du nur dieses Glück hast! Am besten gehst du hier weg, damit wir dich nicht kränken. Ich verstehe einfach nicht, worin ich schlechter sein soll als du.“

Bei diesen Worten waren Bau-yü und Dai-yü ins Zimmer getreten, und da Bau-tschai weiter spöttelte, sagte Hsiang-yün: „Du scherzt nur, Kusine Bau-tschai, aber es gibt jemand, der wirklich so denkt.“

Lächelnd meinte Hu-po darauf: „Wenn sich wirklich jemand ärgert, dann niemand anders als er.“ Während sie das sagte, wies sie mit der Hand auf Bau-yü.
Xiangji musterte Baoqin eine Weile und sagte dann lächelnd: „Dieser Umhang passt wirklich nur ihr. Jede andere sähe darin nicht halb so gut aus.“ Gerade als sie das sagte, kam Hupo [琥珀][23] herein und meldete lächelnd: „Die Herzoginmutter lässt ausrichten, Fräulein Schnee solle Fräulein Baoqin nicht zu streng halten. Sie ist noch klein und soll haben, was sie will, und sich nehmen, was sie möchte, ohne sich Gedanken zu machen.“
Aber Bau-tschai und Hsiang-yün erklärten beide: „So einer ist er nicht.“

Wieder lächelte Hu-po und mutmaßte: „Wenn er es nicht ist, ist sie es.“ Dabei wies sie auf Dai-yü.
Schatzspange erhob sich sofort und antwortete höflich. Dann stieß sie Baoqin an und sagte lachend: „Was für ein Glückskind du doch bist! Geh lieber weg von hier, damit wir dir nicht unrecht tun. Ich möchte wirklich wissen, worin ich dir denn nachstehe.“
Diesmal sagte Hsiang-yün kein Wort, Bau-tschai aber bemerkte sofort lächelnd: „Sie ist es erst recht nicht. Für sie ist meine Kusine wie eine kleine Schwester, sie hat sie noch lieber als ich. Warum sollte sie sich also ärgern?! Du redest einfach etwas daher, dabei gibt es keinerlei Beweise dafür.“ Während sie noch so sprach, waren Schatzjade und Kajaljade hereingekommen, und Schatzspange spöttelte weiter. Xiangji sagte lächelnd: „Schatzspange, das sind zwar nur Scherze von dir, aber es gibt tatsächlich jemanden, der wirklich so denkt.“ Hupo sagte lächelnd: „Wenn sich wirklich jemand ärgert, dann ist es kein anderer als er.“ Dabei zeigte sie mit dem Finger auf Schatzjade. Schatzspange und Xiangji sagten beide: „Er ist nicht so einer.“ Hupo lachte wieder: „Wenn er es nicht ist, dann sie.“ Dabei zeigte sie auf Kajaljade.
Bau-yü, der genau wußte, wie schnell Dai-yü etwas übelnahm, und der noch keine Ahnung davon hatte, wie sie neuerdings zu Bau-tschai stand, hatte die Befürchtung, Dai-yü könnte sich wirklich darüber ärgern, daß die Herzoginmutter Bau-tjin so gern hatte. Als er dann hörte, was Hsiang-yün sagte und was Bau-tschai darauf erwiderte, und außerdem noch beobachtete, daß Dai-yüs Stimme und Miene anders waren als sonst und wirklich zu bestätigen schienen, was Bau-tschai gesagt hatte, war ihm unfroh und beklommen zumute. „Die beiden haben sich nie gut verstanden, aber jetzt sieht es aus, als ob sie zehnmal herzlicher zueinander sind als zu den übrigen Mädchen“, überlegte er. Kurz danach wurde Bau-tjin von Dai-yü einfach mit „Schwesterchen“ anstatt mit ihrem Namen angeredet, so als ob sie wirklich ihre Schwester wäre. Xiangji sagte daraufhin kein Wort. Schatzspange aber beeilte sich zu sagen: „Erst recht nicht! Für sie ist meine Schwester genauso wie ihre eigene Schwester. Sie hat sie sogar noch lieber als ich – wie könnte sie sich da ärgern? Du redest einfach ins Blaue hinein, das hat doch keinerlei Grundlage.“
Bau-tjin war jung und begeisterungsfähig, dabei von Natur aus gescheit. Schon als kleines Kind hatte sie lesen und schreiben gelernt. Nachdem sie in den paar Tage, die sie jetzt bei den Djias wohnte, mit allen schon mehr oder weniger bekannt geworden war und gesehen hatte, daß die hiesigen Mädchen keine seichten Puderlarven waren und sich alle gut mit ihrer Kusine verstanden, wollte auch sie nicht unhöflich sein. Und weil sie in Dai-yü etwas ganz Besonderes erkannte, benahm sie sich ihr gegenüber erst recht herzlich und achtungsvoll. Das alles beobachtete Bau-yü mit heimlicher Verwunderung. Schatzjade, der Kajaljade seit jeher als etwas empfindlich kannte, aber von der jüngsten Entwicklung zwischen Kajaljade und Schatzspange noch nichts wusste, hatte befürchtet, Kajaljade könnte es übel nehmen, dass die Herzoginmutter Baoqin so bevorzugte. Als er nun hörte, was Xiangji sagte und wie Schatzspange darauf antwortete, und als er bei genauerer Betrachtung feststellte, dass Kajaljades Miene und Ton tatsächlich anders waren als sonst und Schatzspanges Worten entsprachen, war er ganz verwirrt und konnte es sich nicht erklären. [Anm.: Nach der Jiqi-Ausgabe, der mongolischen Prinzenpalast-Ausgabe und der Leningrader Handschrift lautet die Stelle: „war er ganz verwirrt und konnte es sich nicht erklären.“ Die Jiachen-Ausgabe und die Yang-Handschrift haben: „war er höchst verwundert.“ Die Gengchen-Ausgabe hat: „war er ganz verwirrt und unfroh.“] Er überlegte: „Die beiden haben sich doch früher nie gut verstanden, aber jetzt sieht es so aus, als seien sie zehnmal herzlicher zueinander als zu allen anderen.“
Als dann kurz darauf Bau-tschai und Bau-tjin zu Tante Hsüä gingen, während sich Hsiang-yün zur Herzoginmutter begab und Dai-yü in ihre Räume ging, um sich auszuruhen, folgte Bau-yü ihr dorthin und sagte lächelnd: „Ich habe zwar das ‚Westzimmer‘ gelesen und auch verstanden, habe ein paarmal zum Spaß daraus zitiert, und du warst noch böse darüber, aber heute ist mir aufgegangen, daß ich einen Satz darin nicht verstehe. Ich will ihn dir sagen, und du erklärst ihn mir!“

Dai-yü erkannte, daß etwas dahinterstecken mußte, und forderte ihn lächelnd auf: „Sag nur, ich höre zu!“
Gleich darauf redete Kajaljade Baoqin einfach mit „Schwesterchen“ an, ohne ihren Namen zu nennen, ganz als wären sie leibliche Schwestern. Baoqin, jung und warmherzig, dabei von Natur aus klug, hatte von klein auf lesen und schreiben gelernt. In den paar Tagen, die sie nun bei der Kaufmann-Familie wohnte, hatte sie sich bereits einen Überblick über die Personen verschafft. Als sie sah, dass die Mädchen hier keine seichten Putzpuppen waren und sich alle gut mit ihrer älteren Schwester verstanden, wollte auch sie nicht unhöflich sein. Da sie Kajaljade als besonders herausragend erkannte, verhielt sie sich ihr gegenüber noch herzlicher und ehrerbietiger als den anderen. Schatzjade beobachtete das alles und wunderte sich im Stillen.
„Es ist ein Satz aus der Szene ‚Aufregung um den Brief‘“ sagte Bau-yü. „Und er ist gut formuliert, nämlich ‚Seit wann sind Mëng Guang und Liang Hung miteinander so vertraut?‘ Der Satz ist einfach herrlich. Daß Mëng Guang und Liang Hung miteinander vertraut sind, ist eine literarische Anspielung, aber dieses ‚seit wann‘ macht die Sache interessant. Also erkläre mir, seit wann!“

Unwillkürlich mußte Dai-yü lachen, dann sagte sie lächelnd: „Die Frage ist gut. Dort ist sie gut gestellt, und auch du hast sie gut gestellt.“

„Früher hattest du immer Zweifel an mir, jetzt aber hast du an ihr nichts mehr auszusetzen, und ich stehe alleine da“, beklagte sich Bau-yü.
Als kurz darauf die Schatzspange-Schwestern zu Tante Schnee [薛姨妈][24] gingen, Xiangji sich zur Herzoginmutter begab und Kajaljade in ihre Räume zurückkehrte, um sich auszuruhen, folgte Schatzjade ihr und sagte lächelnd: „Ich habe zwar das ‚Westzimmer‘ [Anm.: Das Xixiangji (西厢记), berühmtes Theaterstück von Wang Shifu aus der Yuan-Dynastie] gelesen und einige Stellen auch verstanden, und als ich ein paarmal scherzhaft daraus zitierte, warst du böse auf mich. Aber heute ist mir aufgefallen, dass ich einen Satz darin doch nicht verstehe. Ich sage ihn dir, und du erklärst ihn mir.“
„Ich wußte ja nicht, daß sie wirklich ein guter Mensch ist, und dachte immer, sie wolle einem nicht helfen“, verteidigte sich Dai-yü. Dann erzählte sie Bau-yü in allen Einzelheiten, wie sie sich beim Trinkspiel verplappert hatte, wie Bau-tschai ihr die Schwalbennester geschickt hatte und was sie miteinander besprochen hatten.

Nachdem Bau-yü so den Grund erfahren hatte, sagte er lächelnd: „Da habe ich mich gefragt, seit wann Mëng Guang und Liang Hung so vertraut miteinander sind, und was stellt sich heraus? Sie sind es, seitdem ‚die Kleine den Mund nicht gehalten hat.‘“

Nun kam Dai-yü auch auf Bau-tjin zu sprechen, aber dadurch wurde sie wieder daran erinnert, daß sie keine leibliche Schwester hatte, und unwillkürlich begann sie zu weinen.
Kajaljade merkte, dass dahinter etwas steckte, und sagte lächelnd: „Sag ihn, ich höre zu.“ Schatzjade erwiderte lächelnd: „In der Szene ‚Die Aufregung um den Brief‘ gibt es einen wunderbaren Satz: ‚Seit wann hat Meng Guang das Tablett des Liang Hong angenommen?‘ [Anm.: Anspielung auf die Geschichte von Liang Hong und seiner Frau Meng Guang aus der Han-Zeit, die als Muster ehelicher Harmonie galt. Meng Guang reichte ihrem Mann das Essenstablett stets auf Augenhöhe empor – ein Zeichen tiefen Respekts.] Dieser Satz ist einfach herrlich. ‚Meng Guang nahm das Tablett des Liang Hong an‘ – das sind nur fünf Zeichen, eine geläufige Anspielung. Aber das Geniale sind die drei Wörtchen ‚seit wann‘, die so geistreich die Frage stellen. Seit wann hat sie es angenommen? Sag mir, seit wann?“
Rasch redete Bau-yü auf sie ein: „Wieder einmal schaffst du dir selber Verdruß. Schau dich doch an, du bist noch dünner geworden als voriges Jahr, aber anstatt dich zu schonen, mußt du dir jeden Tag Verdruß schaffen und ein Weilchen heulen, sonst hast du dein Tagewerk nicht vollbracht.“

Dai-yü wischte sich das Gesicht ab und entgegnete: „In der letzten Zeit merke ich, daß mir zwar weh ums Herz ist, daß ich aber weniger weine als früher. Das Herz tut mir weh, aber ich habe nicht mehr so viele Tränen.“
Kajaljade konnte nicht anders und lachte auch, dann sagte sie: „Die Frage dort ist gut gestellt. Er fragt gut, und du fragst auch gut.“ Schatzjade erwiderte: „Früher hast du immer nur mich verdächtigt, und jetzt hast auch du nichts mehr gegen sie einzuwenden. Ich stehe allein da.“ Kajaljade sagte lächelnd: „Wer hätte gedacht, dass sie wirklich ein guter Mensch ist? Ich hatte sie immer für hinterhältig gehalten.“ Dann erzählte sie Schatzjade von Anfang an, wie sie sich beim Trinkspiel verplappert hatte, wie Schatzspange ihr Schwalbennester geschickt hatte und was sie während ihrer Krankheit miteinander besprochen hatten – alles in allen Einzelheiten.
„Das scheint dir nur so, weil du es gewöhnt bist zu weinen“, sagte Bau-yü. „Wie kann man denn weniger Tränen haben!“

Als er das eben sagte, erschien ein kleines Sklavenmädchen aus seinen Räumen und brachte seinen scharlachroten Filzumhang. Dann meldete sie: „Die ältere junge Herrin hat eben bestellen lassen, sie wolle mit Euch über die morgige Einladung zum Dichten sprechen, weil es doch schneit.“

Als im nächsten Augenblick auch ein Sklavenmädchen von Li Wan kam, die Dai-yü zu sich bitten ließ, schlug Bau-yü vor, gemeinsam zum Reisduftdorf hinüberzugehen.
Erst jetzt verstand Schatzjade den Zusammenhang und sagte lächelnd: „Das also war es! Ich habe mir die ganze Zeit den Kopf zerbrochen, ‚seit wann Meng Guang das Tablett des Liang Hong angenommen hat‘ – und nun stellt sich heraus, dass es seit dem Tag war, als ‚dem kleinen Mädchen der Mund überlief‘.“ Kajaljade kam dann auch auf Baoqin zu sprechen, doch als sie daran dachte, dass sie selbst keine Schwester hatte, kamen ihr unwillkürlich wieder die Tränen. Schatzjade tröstete sie sofort: „Da suchst du dir wieder selbst Kummer. Sieh dich doch an – dieses Jahr bist du noch dünner als letztes Jahr, und du schonst dich nicht. Jeden Tag, an dem alles gut ist, musst du dir unbedingt Kummer machen und eine Weile weinen, als wäre das Tagewerk sonst nicht vollbracht.“
Dai-yü zog sich lammfellgefütterte rote Stiefelchen mit goldverzierten Nähten und Wolkenmustern an, hüllte sich in einen weiten roten Camelotumhang, der mit weißem Fuchsfell gefüttert war, und band sich einen grün und golden blitzenden, verzierten Gürtel um. Über den Kopf zog sie eine Kapuze. So stapften sie zu zweit durch den Schnee zum Reisduftdorf, wo sie die Kusinen schon versammelt fanden. Fast alle hatten sie dunkelrote Umhänge aus Filz oder Camelot um, Li Wan aber trug eine lange Jacke aus dunkelblauem Wollstoff, die in der Mitte geknöpft war, und Bau-tschai einen dunkellila Umhang mit Pelzfutter, der mit Blumenmustern bestickt war. Einzig Hsiu-yän trug ihre gewöhnlichen abgetragenen Hauskleider, weil sie keinen Winterumhang besaß. Kajaljade wischte sich die Tränen ab und sagte: „In letzter Zeit merke ich nur, dass mir das Herz weh tut, aber die Tränen scheinen weniger geworden zu sein als früher. Das Herz schmerzt und schmerzt, aber die Tränen fließen nicht mehr so reichlich.“ Schatzjade erwiderte: „Das bildest du dir nur ein, weil du so ans Weinen gewöhnt bist. Wie könnten denn die Tränen weniger werden!“
Bald kam auch Hsiang-yün, die ein mit Fehfell gefüttertes Übergewand aus Zobelkopf anhatte, das von der Herzoginmutter stammte. Um die Stirn trug sie eine Binde aus scharlachrotem Filz, die mit blaßgelbem Wolkenmuster verziert und golden abgefüttert war, und die Schultern hatte sie noch in einen großen Umlegekragen aus Zobelpelz gehüllt. Mitten in diesem Gespräch erschien ein kleines Dienstmädchen aus seinen Räumen und brachte einen Umhang aus Scharlachfilz. Es meldete: „Die ältere junge Herrin hat eben jemanden geschickt und lässt ausrichten, dass es schneit und sie für morgen eine Dichtversammlung besprechen möchte.“ Die Worte waren noch nicht zu Ende, da kam auch schon ein Mädchen von Frau Li, um Kajaljade zu sich zu bitten.
„Schaut nur!“ sagte Dai-yü lachend. „Da kommt Sun Wu-kung. Sie hat auch einen Umhang, aber jetzt hat sie sich absichtlich wie ein stinkiger kleiner Kamelführer herausstaffiert.“ Schatzjade lud Kajaljade ein, gemeinsam zum Reisduftdorf zu gehen. Kajaljade zog sich zierliche rote Stiefelchen aus Schafsleder an, die mit Goldornamenten und Wolkenmustern besetzt waren, warf einen weiten scharlachroten Umhang aus Federkrepp mit weißem Fuchsfell über und band sich einen blaugrün und golden schimmernden Gürtel mit doppelten Ringen und Glücksknoten um. Den Kopf bedeckte sie mit einer Schneehaube. Zu zweit stapften sie durch den Schnee dahin. Drüben fanden sie bereits alle Mädchen versammelt. Fast alle trugen einheitlich scharlachrote Umhänge aus Filz oder Federkrepp. Nur Frau Li trug eine doppelreihige Jacke aus blaugrünem Wollstoff, und Schatzspange einen Kranichumhang aus dunkellila gemustertem Brokat mit ausländischem Seidenfutter. Einzig Xing Xiuyan trug nur ihre gewöhnliche, abgetragene Hauskleidung – sie besaß keinen Schutz gegen den Schnee.
„Seht euch an, was ich darunter anhabe!“ rief Hsiang-yün den Mädchen auffordernd zu und legte das Übergewand ab. Da sahen sie, daß sie eine offene halblange Jacke trug, die innen mit Hermelin gefüttert und außen mit Drachenmustern bestickt war, darunter ein mit Fuchsklaue gefüttertes kurzes Untergewand aus rosa Atlas mit großem Kragen. Die Taille hatte sie fest mit einem Palastgürtel aus bunter Seide mit Schmetterlingsknoten und langen Quasten umschlungen, und die Füße steckten in Stiefelchen aus Hirschleder. In dieser Aufmachung wirkte sie erst recht rank und schlank.

„Sie zieht sich gern als Junge an“, sagten die anderen lächelnd. „Und sie sieht damit noch schöner aus als in Mädchenkleidern.“
Dann kam auch Xiangji an. Sie trug ein wattiertes Übergewand mit Zobelkopf-Außenseite und grauem Eichhörnchenfell als Futter, das ihr die Herzoginmutter geschenkt hatte, dazu eine Mütze im Zhaojun-Stil [Anm.: Benannt nach Wang Zhaojun, einer der „Vier großen Schönheiten“ des alten China] aus scharlachrotem Stoff, mit goldgefütterten blassgelben Wolkenmustern, und einen großen Umlegekragen aus Zobelfell.
„Laßt uns schnell über das Dichten sprechen!“ schlug Hsiang-yün vor. „Ich möchte wissen, wer diesmal der Gastgeber ist.“

Li Wan nahm das Wort und sagte: „Den gestrigen Termin haben wir ja verpaßt, und bis zum nächsten ist es noch lange hin. Deshalb dachte ich mir, wir sollten uns, da es gerade schneit, jetzt zusammensetzen, die Neuen begrüßen und dabei Gedichte schreiben. Was meint ihr dazu?“

„Der Gedanke ist gut“, sagte als Erster Bau-yü. „Nur ist es schon zu spät, und wenn morgen wieder die Sonne scheint, macht es keinen Spaß mehr.“

„Es sieht nicht so aus, als ob es aufklaren würde“, sagten die anderen. „Und selbst dann fällt bis dahin genug Schnee, um sich daran zu erfreuen.“
Kajaljade sagte als Erste lachend: „Seht doch nur, da kommt Sun Wukong [Anm.: Der Affenkönig aus dem Roman ‚Die Reise nach Westen‘]! Sie hat auch einen Schneeumhang, aber absichtlich hat sie sich wie ein kleiner Barbaren-Kamelführer herausgeputzt.“ Xiangji lachte: „Seht euch an, was ich drunter trage!“ Damit legte sie das Übergewand ab. Darunter trug sie eine halbneue kurze offene Jacke in herbstgelbem Gold mit Drachenmustern, Hermelin gefüttert, darunter ein kurzes rosa Atlasgewand mit Fuchsklauenfutter, und um die Taille fest geschlungen einen Palastgürtel aus fünffarbiger Seide mit Schmetterlingsknoten und langen Quasten. An den Füßen trug sie Stiefelchen aus Hirschkuhleder. In dieser Aufmachung wirkte sie erst recht schlank und rank wie eine Wespe, zierlich wie ein Kranich.
„Hier bei mir ist es zwar nicht schlecht, aber noch schöner ist es in der Hütte am Verschneiten Schilf“, empfahl Li Wan. „Ich habe schon jemand hingeschickt, um in der Fußbodenheizung Feuer zu machen. Wir setzen uns dann rund um den Ofen und schreiben Gedichte. Die alte gnädige Frau würde sicher keinen Gefallen daran finden, und da es ja nur ein kleines Vergnügen ganz unter uns ist, gebe ich nur Hsi-fëng Bescheid, das ist alles. Jeder von euch gibt ein Liang Silber, das ist genug. Diese fünf sind natürlich ausgenommen“, – sie zeigte auf Hsiang-ling, Bau-tjin, Li Wën, Li Tji und Hsiu-yän – „und von uns sind Ying-tschun krank und Hsi-tschun beurlaubt, aber wenn ihr vier eure Anteile schickt und ich noch fünf, sechs Liang dazugebe, wird es reichen.“ Die anderen sagten lächelnd: „Sie liebt es eben, sich wie ein Junge zu kleiden, und sieht darin sogar noch hübscher aus als in Mädchenkleidern.“
Bau-tschai und die anderen stimmten zu und wollten dann das Thema und den Reim festlegen. Aber Li Wan sagte lächelnd zu ihnen: „Darüber habe ich schon entschieden, morgen werdet ihr es an Ort und Stelle erfahren.“ Xiangji rief: „Lasst uns schnell über das Dichten sprechen! Ich möchte wissen, wer diesmal der Gastgeber ist!“ Frau Li erklärte: „Es war meine Idee. Ich dachte mir, der eigentliche Termin ist zwar vorbei und der nächste noch weit weg, aber da es nun glücklicherweise schneit, könnten wir eine außerordentliche Sitzung einberufen – zugleich als Begrüßung für die Neuen und als Dichtversammlung. Was meint ihr?“ Schatzjade sagte als Erster: „Das ist eine ausgezeichnete Idee. Nur ist es heute schon spät; wenn es bis morgen aufklart, wäre es schade.“ Die anderen meinten: „Es sieht nicht so aus, als würde der Schnee aufhören. Und selbst wenn, über Nacht fällt genug, um sich daran zu erfreuen.“
Anschließend plauderten sie noch ein Weilchen, ehe sie zur Herzoginmutter hinübergingen. Mehr ist über diesen Tag nicht zu berichten.

Als sich Bau-yü, der vor lauter Ungeduld die ganze Nacht nicht richtig geschlafen hatte, am nächsten Morgen, kaum daß es hell war, im Bett aufsetzte und den Bettvorhang hochhob, sah er, obwohl Fenster und Türen noch geschlossen waren, daß es draußen gleißend hell sein mußte. Schon wurde er unruhig, befürchtete er doch, der Himmel hätte sich aufgeklärt und die Sonne würde scheinen. Darum stand er rasch auf, schob das Innenfenster hoch und schaute durch die Glasscheibe nach draußen. Da war es kein Sonnenschein, sondern der Schnee, der über Nacht wohl mehr als ein Tschï hoch gefallen war und immer noch wie Baumwollflocken vom Himmel rieselte.
Frau Li sagte: „Hier bei mir ist es zwar hübsch, aber an der Hütte am Verschneiten Schilf [蘆雪广] ist es noch schöner. [Anm.: Das Zeichen 广 (guǎng) bezeichnet ein an einen Berg gebautes Haus. Nach Han Yus Gedicht „Begleitung des Zensors Du auf einer Wanderung zu den zwei Tempeln westlich des Xiang-Flusses“: „Bambus gespalten, die Quelle entspringt, Galerien gebaut an den Fels.“ In verschiedenen Ausgaben steht stattdessen ‚Klause‘, ‚Halle‘ oder ‚Hütte‘, was alles unzutreffend ist. Hier nach der Gengchen-Handschrift korrigiert.] Ich habe schon jemanden hingeschickt, um die Bodenheizung anzufeuern. Wir werden uns rund um den Ofen setzen und dichten. Die Herzoginmutter hätte wohl kaum Gefallen daran, und da es ja nur ein kleines Vergnügen unter uns ist, brauchen wir nur Phönixglanz Bescheid zu geben. Jeder von euch steuert ein oder zwei Liang Silber bei und schickt es zu mir.“ Sie zeigte auf Duftlinse, Baoqin, Li Wen, Li Qi und Xiuyan: „Diese fünf sind natürlich ausgenommen. Von uns zählen die zweite Schwester, weil sie krank ist, und die vierte Schwester, die sich entschuldigt hat, auch nicht mit. Wenn ihr vier eure Anteile schickt und ich insgesamt fünf oder sechs Liang zusammenbringe, wird es mehr als genug sein.“
Frohgemut weckte Bau-yü die Sklavenmädchen, und nachdem er sich gewaschen hatte, zog er sich eine Robe aus dunkellila Wollstoff an, die mit Fuchsfell gefüttert war, und darüber ein Übergewand aus Seeotterfellen, um das er einen Gürtel band. Um die Schultern legte er seinen Regenumhang, auf den Kopf setzte er den breitkrempigen Wetterhut. Dann zog er noch die Überschuhe aus Birnenholz an und machte sich rasch auf den Weg zur Hütte am Verschneiten Schilf. Schatzspange und alle anderen stimmten zu. Als man dann Thema und Reim festlegen wollte, sagte Frau Li lächelnd: „Darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht. Morgen bei der Veranstaltung werdet ihr es erfahren.“ Danach plauderte man noch eine Weile, bevor alle zur Herzoginmutter gingen. Über diesen Tag gibt es weiter nichts zu berichten.
Als er aus dem Hoftor trat und sich nach allen Seiten umsah, war es ringsum überall weiß, nur in der Ferne standen dunkle Kiefern und grüner Bambus, und so kam er sich vor wie mitten in einer Glasschale. Als er dann an die Berge kam und eben um ihren Fuß gebogen war, stieg ihm ein frischer Duft in die Nase. Er schaute sich um und entdeckte bei Miau-yü im Hof des Klosters Gefangenes Grün mehr als zehn blühende Aprikosenbäume mit Blüten so rot wie Rouge, die inmitten des weißen Schnees besonders zauberhaft wirkten. Er blieb ein Weilchen stehen, um den Anblick so recht zu genießen, dann erst ging er weiter.

Von der Wespentaillenbrücke kam ihm eine Gestalt mit einem Schirm entgegen. Es war eine Sklavin, die auf Geheiß von Li Wan unterwegs war, um Hsi-fëng zu holen. Als er sich dann der Hütte am Verschneiten Schilf näherte, erblickte er dort Sklavenfrauen und mädchen, die Schnee fegten, um den Weg frei zu machen.
Am nächsten Morgen in aller Frühe konnte Schatzjade vor lauter Aufregung kaum schlafen. Sobald es hell wurde, richtete er sich auf und hob den Bettvorhang hoch. Obwohl Türen und Fenster noch geschlossen waren, fiel ihm ein gleißend heller Schein ins Auge. Sogleich wurde er unruhig und befürchtete, der Himmel habe sich aufgeklärt und die Sonne scheine bereits. Hastig stand er auf, schob den Fensterrahmen hoch und spähte durch die Glasscheibe nach draußen. Es war gar kein Sonnenlicht – über Nacht war dicker Schnee gefallen, wohl über einen Fuß hoch, und vom Himmel rieselte es immer noch wie gezupfte Baumwolle und gezogene Watte. Schatzjade war überglücklich, weckte eilig seine Bediensteten und machte sich zurecht. Er zog nur eine auberginefarbene Robe aus Wollstoff mit Fuchspelzfutter an, darüber ein kurzes Übergewand aus Seeotter-Fell, band den Gürtel um, warf den Jadennadelregenmantel über, setzte den goldenen Rattanhut auf und schlüpfte in die Überschuhe aus Birnbaumholz. Dann machte er sich eilig auf den Weg zur Hütte am Verschneiten Schilf.
Die Hütte am Verschneiten Schilf stand am Flußufer vor einem Berg. Es waren nur wenige strohgedeckte Räume mit Wänden aus Lehm, die mit einem Flechtzaun eingefaßt waren und Fenster aus Bambus hatten. Wenn man die Fenster aufschob, konnte man angeln. Ringsum war alles mit Schilf überwuchert. Ein Pfad, der sich durchs Schilf schlängelte, führte zu der Bambusbrücke am Lotoswurzelkiosk.

Als die Sklavinnen Bau-yü in seinem Wetterumhang und mit dem Regenhut ankommen sahen, erklärten sie lächelnd: „Eben hatten wir festgestellt, hier fehle nur noch ein Fischer. Mit Euch ist nun alles komplett. Aber die Fräulein kommen erst nach dem Essen, Ihr seid zu ungeduldig.“
Als er aus dem Tor des Hofes trat und sich nach allen Seiten umsah, war ringsum alles einheitlich weiß. Nur in der Ferne standen grüne Kiefern und smaragdener Bambus. Er kam sich vor wie in einer gläsernen Schatulle eingeschlossen. So ging er zum Fuß des Berghangs und bog gerade um die Ecke, als ihm ein kalter Duft in die Nase stieg. Er blickte zurück und sah, dass im Hof des Klosters Gefangenes Grün [栊翠庵], dem Haus der Nonne Miaoyu [妙玉][25], ein Dutzend roter Pflaumenbäume blühten, deren Blüten rot wie Karmesin vor dem Weiß des Schnees um so lebendiger und herrlicher leuchteten. Schatzjade blieb stehen und erfreute sich eine Weile an dem Anblick, bevor er weiterging. Auf der Wespentaillenbrücke kam ihm eine Gestalt mit Regenschirm entgegen – es war jemand, den Frau Li ausgesandt hatte, um Phönixglanz zu holen.
Da blieb Bau-yü nichts weiter übrig, als wieder umzukehren. Als er am Duftgetränkten Pavillon war, sah er Tan-tschun aus ihrer Studierstube Herbstfrische treten. Sie trug einen scharlachroten Filzumhang und eine enganliegende Mütze, mit einer Hand stützte sie sich auf den Arm eines kleinen Sklavenmädchens, und hinter ihr ging eine Sklavenfrau, die einen Schirm aus ölgetränkter schwarzer Seide trug. Da sich Bau-yü denken konnte, daß Tan-tschun zur Herzoginmutter unterwegs war, blieb er neben dem Pavillon stehen und wartete auf sie. Dann gingen sie zu zweit weiter und verließen den Garten. Als Schatzjade an der Hütte am Verschneiten Schilf ankam, waren dort Dienstmädchen und alte Frauen gerade dabei, den Schnee zu kehren und Wege freizuschaufeln. Diese Hütte lag am Flussufer vor einem Berg, auf einem Schotterstrand. Es waren einige wenige Räume in einer Reihe, strohgedeckt mit Lehmwänden, umgeben von einem Hibiskuszaun und mit Bambusfenstern versehen. Schob man die Fenster auf, konnte man angeln. Ringsum war alles von Schilf überwuchert. Ein schmaler, sich windender Pfad führte durch das Schilf hindurch zur Bambusbrücke am Lotoswurzelkiosk.
Bei der Herzoginmutter war Bau-tjin noch im Innengemach mit ihrer Toilette beschäftigt. Als bald darauf alle Mädchen beisammen waren, klagte Bau-yü über Hunger und drängte in einem fort zur Eile. Kaum konnte er sich beherrschen, bis das Essen aufgetragen wurde. Aber dann bestand der erste Gang aus ungebornem Lamm, gedämpft in Kuhmilch, und die Herzoginmutter sagte: „Dies ist Medizin für uns alte Leute, ein Tier, das noch nicht das Sonnenlicht erblickt hatte. Das ist nun leider nichts für euch Kinder. Aber es ist auch frisches Hirschfleisch da, das könnt ihr essen, sobald es fertig ist.“

Alle stimmten zu, nur Bau-yü wollte nicht länger warten. Er schüttete eine Schale gekochten Reis in heißen Tee und schlang diesen Brei mit etwas Fasanenfleisch und Gemüse hinunter.
Die Dienstmädchen und alten Frauen sahen ihn in Regencape und Strohhut daherkommen und sagten lachend: „Eben noch haben wir gesagt, es fehle nur noch ein Fischer, und nun ist alles komplett. Die Fräulein kommen erst nach dem Frühstück – Ihr seid viel zu ungeduldig.“ Schatzjade musste umkehren. Als er den Duftgetränkten Pavillon erreichte, sah er Tanchun aus der Studierstube Herbstfrische kommen. Sie trug einen großen scharlachroten Filzumhang und eine Guanyin-Haube, stützte sich auf ein kleines Dienstmädchen, und hinter ihr ging eine Frau, die einen Regenschirm aus blauer Ölseide trug. Schatzjade wusste, dass sie zur Herzoginmutter unterwegs war, und wartete am Pavillon, bis sie herankam. Dann gingen sie zu zweit aus dem Garten.
„Ich weiß, daß ihr heute etwas vorhabt“, sagte die Herzoginmutter. „Da hast du natürlich keine Zeit zum Essen.“ Und sie befahl: „Hebt ihm von dem Baoqin war noch im Innengemach mit dem Ankleiden und Frisieren beschäftigt.
Hirschfleisch etwas für heute Abend auf!“ Erst als Hsi-fëng versicherte, es sei noch davon da, ließ sie von dem Thema ab. Als alle Mädchen versammelt waren, klagte Schatzjade über Hunger und drängte immer wieder zur Eile. Endlich, endlich wurde aufgetragen, und das erste Gericht war in Kuhmilch gedämpftes Lamm. Die Herzoginmutter sagte: „Das ist eine Medizinspeise für uns alte Leute – ein Tier, das nie das Sonnenlicht erblickt hat. Schade, dass ihr Jungen das nicht essen dürft. Aber es gibt heute auch frisches Hirschfleisch, das könnt ihr nachher essen.“ Alle nahmen es hin. Nur Schatzjade konnte nicht warten – er übergoss eine Schale Reis mit Tee und schlang alles mit etwas eingelegtem Fasanengemüse hinunter.
Hsiang-yün wandte sich zu Bau-yü und schlug ihm leise vor: „Wenn frisches Hirschfleisch da ist, sollten wir uns ein Stück davon geben lassen und es im Garten selber zubereiten, das wird Spaß machen!“ Bau-yü war sofort Feuer und Flamme und verlangte wirklich ein Stück Hirschfleisch von Hsi-fëng, das ihnen eine Sklavenfrau in den Garten bringen sollte.

Als bald darauf die Tafel aufgehoben war, begaben sich die Mädchen gemeinsam in den Garten zur Hütte am Verschneiten Schilf. Schon wollte Li Wan Thema und Reim für die Gedichte verkünden, da vermißte man Hsiang-yün und Bau-yü.
Die Herzoginmutter sagte: „Ich weiß, dass ihr heute wieder etwas vorhabt. Vor lauter Aufregung habt ihr nicht einmal Zeit zum Essen.“ Sie befahl, man solle das Hirschfleisch für ihn zum Abendessen aufheben. Erst als Phönixglanz versicherte, es sei noch welches übrig, ließ sie davon ab.
„Die beiden darf man nicht zusammen lassen, sonst passieren die unmöglichsten Sachen“, erklärte Dai-yü. „Diesmal haben sie bestimmt etwas mit dem Hirschfleisch vor!“ Xiangji flüsterte Schatzjade zu: „Es gibt frisches Hirschfleisch – warum holen wir uns nicht ein Stück und bereiten es selbst im Garten zu? Das macht Spaß und schmeckt gut zugleich.“ Schatzjade war sofort Feuer und Flamme. Er bat Phönixglanz tatsächlich um ein Stück und ließ es von einer alten Frau in den Garten bringen.
Kaum hatte sie das gesagt, kam Tante Li herein, die sich den Trubel ansehen wollte, und fragte: „Was ist denn mit dem Jungen, der den Jadestein um den Hals trägt, und dem Mädchen mit dem goldenen Einhornfigürchen? Sie sind so sauber und adrett und haben bestimmt genug zu essen, und da ergehen sie sich jetzt allen Ernstes darüber, daß sie rohes Fleisch essen wollen. Ich kann es nicht glauben, daß man Fleisch roh essen kann.“ Als sich nach der Mahlzeit die Gesellschaft auflöste, begaben sich alle in den Garten zur Hütte am Verschneiten Schilf, um Frau Lis Thema und Reim zu erfahren. Nur Xiangji und Schatzjade fehlten. Kajaljade sagte: „Die beiden dürfen nie zusammen sein – wenn sie zusammen sind, passieren die unmöglichsten Dinge. Die hocken bestimmt über dem Hirschfleisch.“
„Das ist nicht zu fassen!“ riefen die Mädchen. „Wir müssen sie schnell holen!“

„Dahinter steckt nur Hsiang-yün“, sagte Dai-yü. „Meine Vorhersage war nicht verkehrt.“

Sofort eilte Li Wan hinaus, suchte die beiden und sagte: „Wenn ihr rohes Fleisch essen wollt, bringe ich euch zur alten gnädigen Frau. Dort könnt ihr meinetwegen einen ganzen Hirsch roh essen und davon krank werden, damit habe ich dann nichts zu tun. Wollt ihr mir bei dem Schnee und der Kälte Ärger machen?“

„Nicht doch“, erwiderte Bau-yü lächelnd, „wir wollen es braten.“
Gerade als sie das sagte, kam auch Tante Li herbei, um sich das bunte Treiben anzuschauen, und fragte Frau Li: „Was ist denn mit dem jungen Herrn mit dem Jadestein und dem Fräulein mit dem goldenen Qilin-Anhänger? Die beiden sind doch so sauber und fein und haben gewiss genug zu essen – und jetzt beraten sie ernsthaft, rohes Fleisch essen zu wollen. Die reden ganz eifrig hin und her. Ich kann einfach nicht glauben, dass man Fleisch roh essen kann!“ Alle lachten und riefen: „Das darf doch nicht wahr sein! Holt die beiden schnell her!“ Kajaljade lachte: „Das kann nur Xiangji eingefallen sein. Mein Orakel täuscht nie.“
„Dann ist es etwas anderes“, sagte Li Wan, und da sah sie auch schon, wie ein paar alte Sklavenfrauen ein eisernes Öfchen, eiserne Gabeln und einen Rost aus Eisendraht brachten. „Aber daß ihr mir nicht heult, wenn ihr euch in die Finger schneidet!“ mahnte sie noch, dann ging sie mit Tan-tschun zusammen wieder hinein. Frau Li und die anderen eilten hinaus, fanden die beiden und sagten: „Wenn ihr rohes Fleisch essen wollt, bringe ich euch zur Herzoginmutter. Meinetwegen esst dort einen ganzen rohen Hirsch und werdet krank davon – das geht mich dann nichts an. Bei diesem Schnee und dieser Kälte wollt ihr mir Scherereien machen!“ Schatzjade erwiderte lachend: „Aber nein, wir braten es doch!“ Frau Li sagte: „Na, dann ist es etwas anderes.“ Und schon kamen alte Frauen mit einem Eisenofen, Eisenspießen und einem Drahtrost angeschleppt. Frau Li warnte noch: „Passt auf, dass ihr euch nicht schneidet, und heult mir nicht vor!“ Damit ging sie mit Tanchun wieder hinein.
Als dann Ping-örl im Auftrag von Hsi-fëng erschien und berichtete, ihre Herrin könne nicht kommen, weil sie mit der Auszahlung der Jahreszuwendungen beschäftigt sei, wollte Hsiang-yün sie nicht wieder fort lassen. Auch Ping-örl, die mit Hsi-fëng viel herumkam, war einem Vergnügen nicht abgeneigt, und da der Anblick viel Spaß verhieß, war sie sogleich mit von der Partie. Sie streifte ihre Armreifen ab, hockte sich mit den beiden anderen vor das Öfchen und machte sich daran, die ersten drei Fleischstücken zu braten. Bau-tschai und Dai-yü, die so etwas gewöhnt waren, wunderten sich nicht im geringsten, Bau-tjin, Tante Li und die anderen Neuen jedoch kamen aus dem Staunen nicht heraus. Phönixglanz hatte Friedchen [平儿][26] geschickt mit der Nachricht, sie könne nicht kommen, weil sie mit der Auszahlung der Jahreszulagen beschäftigt sei. Aber als Xiangji Friedchen sah, wollte sie sie nicht gehen lassen. Friedchen war auch ein lustiges Mädchen, das mit Phönixglanz schon alles miterlebt hatte. Als sie sah, wie vergnüglich es zuging, machte sie gerne mit. Sie streifte ihre Armreife ab, und zu dritt hockten sie sich um das Öfchen und wollten gleich die ersten drei Stücke braten.
Nachdem sich Tan-tschun mit Li Wan über Thema und Reim für die Gedichte geeinigt hatte, sagte sie lächelnd: „Riech mal! Das duftet bis hierher. Ich will auch davon essen!“ Und mit diesen Worten ging sie hinaus.

Li Wan folgte ihr und sagte vorwurfsvoll: „Alle Gäste sind da. Habt ihr nicht bald genug gegessen?“
Drüben beobachteten Schatzspange und Kajaljade, die an solche Szenen gewöhnt waren, das Geschehen ohne Verwunderung. Baoqin, Tante Li und die anderen Neuankömmlinge aber staunten nicht schlecht. Tanchun und Frau Li hatten inzwischen Thema und Reim festgelegt. Tanchun sagte lächelnd: „Riecht ihr das? Der Duft ist bis hierher zu riechen. Ich will auch davon essen!“ Damit ging sie hinaus und gesellte sich zu ihnen.
Kauend erwiderte Hsiang-yün: „Erst nach dem Fleisch schmeckt mir der Wein, und nur wenn ich Wein trinke, kann ich dichten. Darum würde ich ohne dieses Hirschfleisch heute bestimmt kein Gedicht zustande bringen.“ Bei diesen Worten bemerkte sie Bau-tjin, die in ihren Entenfederumhang gehüllt dastand und lachte. Lächelnd forderte sie sie auf: „Du Dummchen, komm her und koste!“

„Es ist so schmutzig“, wehrte sich Bau-tjin.

„Koste nur, es schmeckt gut“, redete ihr Bau-tschai zu. „Kusine Dai-yü ist zu zart und verträgt es nicht, sonst würde sie es auch gern essen.“

Als Bau-tjin das hörte, trat sie näher und kostete ein Stück, und da es wirklich gut schmeckte, begann auch sie mitzuessen.

Bald darauf erschien im Auftrage von Hsi-fëng ein kleines Sklavenmädchen, um Ping-örl zu holen, aber Ping-örl erklärte: „Geh nach Hause, Fräulein Schï läßt mich nicht fort.“
Frau Li kam ebenfalls nach und sagte: „Die Gäste sind vollzählig. Habt ihr immer noch nicht genug gegessen?“ Xiangji kaute und redete gleichzeitig: „Erst wenn ich das hier esse, bekomme ich Lust auf Wein, und erst mit Wein kann ich dichten. Ohne dieses Hirschfleisch würde ich heute gewiss kein Gedicht zustande bringen.“ Dabei bemerkte sie Baoqin, die in ihrem Wildentenfeder-Umhang dastand und lachte. Xiangji rief: „Du Dummchen, komm her und probier!“ Baoqin antwortete lachend: „Das ist ja so schmutzig.“ Schatzspange redete ihr zu: „Probier ruhig, es schmeckt gut. Deine Schwester Kajaljade ist zu zart und würde es nicht vertragen, sonst würde sie es auch gern essen.“ Baoqin trat näher, kostete ein Stück und fand es tatsächlich köstlich. Also aß sie mit.
Das Mädchen ging, bald darauf erschien Hsi-fëng selbst, einen Winterumhang über den Schultern, und fragte lächelnd: „So gute Sachen eßt ihr, ohne mir etwas davon zu sagen?“ Und damit setzte sie sich zu ihnen und aß ebenfalls mit. Kurz darauf schickte Phönixglanz ein kleines Mädchen, um Friedchen zurückzurufen. Friedchen sagte: „Fräulein Shi hält mich fest, geh nur voraus.“ Das Mädchen ging. Bald darauf erschien Phönixglanz selbst, ebenfalls mit einem Umhang über den Schultern, und sagte lachend: „Ihr esst hier solche Köstlichkeiten und sagt mir kein Wort davon!“ Damit setzte sie sich dazu und aß mit.
Lächelnd sagte Dai-yü: „Wo kommt nur diese Bettlerschar her? Schluß jetzt, Schluß! Die Hütte am Verschneiten Schilf wird von Hsiang-yün entweiht und geschändet. Ich könnte weinen darum!“

„Was verstehst du schon davon?“ gab Hsiang-yün mit spöttischem Lächeln zurück. „Ein wahrer Gelehrter hat seinen eigenen Stil! Eure vorgebliche Reinheit und Erhabenheit ist es, die man in Wirklichkeit verachten muß. Wir stopfen uns hier mit riechendem Fleisch voll, aber unsere Gedichte werden nachher prächtig sein wie Brokat und Stickerei.“

Lächelnd drohte Bau-tschai: „Wenn du nachher kein gutes Gedicht machst, werden wir dir das Fleisch aus dem Bauch holen und statt dessen von dem verschneiten Schilf hineinstopfen!“
Kajaljade lachte: „Wo findet man nur so eine Bettlersbande! Schluss, Schluss damit! Heute erleidet die Hütte am Verschneiten Schilf eine Heimsuchung – Xiangji hat sie ruiniert und geschändet. Ich möchte um die Hütte am Verschneiten Schilf weinen!“ Xiangji erwiderte mit kühlem Spott: „Was verstehst du schon davon! ‚Ein wahrer Gelehrter hat seinen eigenen Stil.‘ Ihr mit eurer vorgetäuschten Reinheit und Erhabenheit – das ist es, was wirklich verabscheuungswürdig ist. Wir schlingen hier Fleisch in uns hinein, aber nachher werden unsere Verse kunstvoll sein wie Brokat und Stickerei.“ Schatzspange lachte: „Wenn du nachher keine guten Gedichte machst, reißen wir dir das Fleisch aus dem Magen und stopfen dir stattdessen schneebedecktes Schilf hinein, um die Hütte zu rächen.“
Während sie das sagte, hatten alle zu Ende gegessen und wuschen sich. Als dann Ping-örl ihre Armreifen überstreifte, fehlte einer davon, und obwohl sie überall verzweifelt danach suchten, fand sich keine Spur von ihm. Alle waren verwundert, Hsi-fëng aber sagte: „Ich weiß, wo der Reif ist. Macht nur eure Gedichte, wir brauchen nicht länger danach zu suchen! Wir gehen nach Hause, und spätestens in drei Tagen ist er unter Garantie wieder da.“ Dann erkundigte sie sich: „Was für Gedichte schreibt ihr heute? Die alte gnädige Frau hat daran erinnert, daß es bis Neujahr nicht mehr lange hin ist und daß wir für den ersten Monat Laternenrätsel brauchen, um uns zu vergnügen.“ Damit war das Mahl beendet, und alle wuschen und spülten sich den Mund. Als Friedchen ihre Armreife wieder anlegen wollte, fehlte einer davon. Man suchte vorn und hinten, links und rechts – keine Spur davon. Alle waren verwundert. Phönixglanz aber lachte: „Ich weiß, wo der Armreif ist. Macht nur ruhig eure Gedichte, wir brauchen nicht weiter zu suchen. Geht nur nach Hause – in spätestens drei Tagen garantiere ich, dass er wieder da ist.“ Dann fragte sie: „Was für Gedichte schreibt ihr heute? Die Herzoginmutter hat daran erinnert, dass das Jahresende naht und wir für den ersten Monat Laternenrätsel brauchen.“
„Richtig!“ sagten alle. „Das hatten wir ganz vergessen. Wir wollen uns beeilen und ein paar schöne Rätsel machen, damit wir im neuen Jahr Unterhaltung daran haben!“ Damit gingen sie alle gemeinsam in das geheizte Zimmer hinüber, wo schon Becher und Schalen, Essen und Naschwerk auf dem Tisch bereitstanden. An der Wand waren das Thema, der Reim und das Muster für die Gedichte angeschlagen. Alle sagten: „Stimmt, das hatten wir ganz vergessen. Lasst uns schnell ein paar schöne machen, damit wir im neuen Jahr etwas zum Vergnügen haben.“ Damit begaben sich alle in die beheizte Stube. Becher, Teller, Speisen und Leckereien waren schon aufgetragen. An der Wand hing bereits der Anschlag mit Thema, Reimschema und Form.
Rasch lasen Bau-yü und Hsiang-yün den Anschlag durch und fanden, daß es ein fortlaufendes Gemeinschaftsgedicht aus fünfsilbigen Zeilen über die sie umgebende Schneelandschaft werden sollte. Die Reimgruppe war hsiau. Schatzjade und Xiangji eilten hin und lasen: Es sollte ein Gemeinschaftsgedicht werden, ein fortlaufender fünfsilbiger Regelvers [Anm.: 五言排律, eine erweiterte Form des Regelgedichts mit mindestens zehn Versen] über die unmittelbare Schneelandschaft, im Reim der Gruppe „Zweites Xiao“ [Anm.: 二萧韵, die zweite Reimgruppe des unteren Ebenen-Tons]. Die Reihenfolge der Dichter war noch nicht festgelegt.
„Ich kann nicht gerade gut dichten“, sagte Li Wan. „Ich mache die ersten drei Zeilen, und dann macht immer der weiter, der als Erster etwas parat hat.“ Frau Li sagte: „Ich bin keine besonders gute Dichterin. Ich setze die ersten drei Zeilen, und danach macht immer der weiter, der als Erster etwas parat hat.“ Schatzspange entgegnete: „Wir sollten doch eine feste Reihenfolge haben.“
„Nein“, entgegnete Bau-tschai, „wir wollen doch eine Reihenfolge festlegen!“ Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. == Anmerkungen ==
  1. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse“. Konkubine von Xue Pan, ehemals Zhen Yinglian.
  2. Chin. 黛玉 Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade“. Lin Daiyu, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.
  3. Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange“. Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
  4. Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Jia Zhu, Vorsteherin des Gartens.
  5. Chin. 薛蝌 Xuē Kē, Vetter von Xue Pan und Schatzspange.
  6. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  7. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.
  8. Chin. 岫烟 Xiùyān, vollst. 邢岫烟 Xíng Xiùyān. Nichte von Dame Xing.
  9. Chin. 凤姐 Fèngjie (vollst. 王熙凤 Wáng Xīfèng), wörtl. „Phönix-Glanz“. Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  10. Chin. 李紋 Lǐ Wén, Nichte von Frau Li.
  11. Chin. 李綺 Lǐ Qǐ, Nichte von Frau Li.
  12. Chin. 薛蟠 Xuē Pán, älterer Bruder von Schatzspange, bekannt für seinen zügellosen Lebenswandel.
  13. Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, jüngere Kusine von Schatzspange, berühmt für ihre Schönheit und Dichtkunst.
  14. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.
  15. Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade“. Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
  16. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Die Überraschende“ (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an“). Schatzjades erste Kammerzofe.
  17. Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschus-Mond“. Eine von Schatzjades Kammerzofen.
  18. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster“. Eine von Schatzjades Kammerzofen.
  19. Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin“. Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.
  20. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, eine Nichte der Herzoginmutter, temperamentvoll und fröhlich.
  21. Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Frühlings-Willkommene“. Zweite Tochter von Begnadigung Kaufmann.
  22. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Frühlings-Bewahrerin“. Jüngste Tochter von Juwel Kaufmann.
  23. Chin. 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein“. Eine Kammerzofe der Herzoginmutter.
  24. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee“. Mutter von Schatzspange und Xue Pan, Schwester von Dame Wang.
  25. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersame Jade“. Eine buddhistische Nonne, die im Kloster Gefangenes Grün im Garten lebt.
  26. Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen“. Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.

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