Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 82

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Kapitel 82: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
82.Der Schulmeister ermahnt ein unbändiges Herz durch Auszüge aus den KlassikernDie Kranke in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erschrickt wegen eines Geisteralptraums. Zweiundachtzigstes Kapitel
Im Folgenden gibt es zu berichten, daß Bau-yü, als er aus der Schule heimkam, die Herzoginmutter traf. Sie sagte lachend zu ihm: „Gut! Nun ist das wilde Pferd gezähmt und hat ein Zaumzeug verpaßt bekommen. Geh, berichte deinem Vater, danach kannst du wiederkommen und spielen!“ Bau-yü war einverstanden und ging, Djia Dschëng zu sehen. Djia Dschëng fragte: „Ist die Schule jetzt schon aus? Hat dir der Lehrer Schularbeiten aufgegeben?“ Der alte Gelehrte warnt mit seinen Erläuterungen ein eigensinniges Herz,
Bau-yü antwortete: „Stimmt. Morgens muß ich früh aufstehen und Bücher repetieren, nach dem Essen Schreiben üben und nachmittags Bücher zusammenfassen und erläutern sowie Aufsätze lesen.“ Als Djia Dschëng das gehört hatte, nickte er und sagte: „Geh, setz’ dich noch zur alten Dame [deiner Großmutter]. Du solltest auch ein bißchen gesellschaftliche Umgangsformen lernen, nicht nur störrisch herumtollen. Geh abends ein bißchen früher schlafen und steh morgens ein bißchen früher für die Schule auf! Hast du das gehört?“ Bau-yü bejahte dies prompt mit ein paar „Jawohls“, ging hinaus, schaute eilig bei [seiner Mutter] Dame Wang vorbei und stattete dann der Herzoginmutter einen Besuch ab. Die kranke Xiaoxiang erschrickt in verworrenem Traum aus bösem Schlaf
Er ging eilig hinaus und wollte zur Herberge am Hsiau-Hsiang-Fluß gehen. Kaum war er zur Tür hereingekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!“ Sein plötzliches Eintreffen erschreckte Dai-yü. Dsï Djüan zog den Vorhang auf, Bau-yü kam herein und setzte sich. Dai-yü sagte: „Ich dachte, ich hätte gehört, daß du zum Studieren gegangen seist. So schnell schon wieder da?“ Bau-yü antwortete: „Tja, unglaublich! Als mich mein Vater heute zum Studieren schickte, kam es mir vor, als würde ich euch nie wieder sehen. Ich habe den ganzen Tag kaum ertragen; als ich euch gerade sah, kam ich mir wie gestorben und wiedergeboren vor. Die Redewendung der Vorfahren, ein Tag Trennung komme einem wie drei Jahre vor, trifft wirklich zu.“ Wie berichtet, kam Schatzjade[1] [宝玉] aus der Schule zurück und suchte die Alte Ahnin auf. Die Alte Ahnin lachte und sagte: „Gut so, nun ist das wilde Pferd gezäumt! Geh, besuche deinen Vater, und dann kannst du dich ein wenig zerstreuen." Schatzjade gehorchte und ging zu Aufrecht Kaufmann[2] [贾政]. Aufrecht Kaufmann fragte: „Schon so früh aus der Schule? Hat der Lehrer dir einen Stundenplan festgelegt?" Schatzjade antwortete: „Ja: Am Morgen die Bücher ordnen, nach dem Essen Schönschrift üben, am Mittag Texte erläutern und Musteraufsätze lesen." Aufrecht Kaufmann nickte und sprach: „Geh nun, setz dich noch eine Weile zur Alten Ahnin. Du solltest auch etwas über die Pflichten des Lebens lernen und nicht nur dem Vergnügen nachjagen. Schlaf abends früh, steh jeden Morgen zeitig auf für die Schule. Hast du verstanden?"
Dai-yü fragte: „Und hast du deine Aufwartungen gemacht?“, Bau-yü antwortete: „Alle“. Dai-yü fragte weiter: „Und warst du auch woanders?“ – „Nein.“ – „Du solltest auch bei deinen Kusinen vorbeischauen.“ Bau-yü entgegnete: „Mir ist gerade nicht danach, ich will nur ein Weilchen mit meiner kleinen Schwester hier sitzen und plaudern. Und dann heißt mich mein Vater noch früh schlafen gehen und früh aufstehen, ich muß morgen früh wieder bei ihnen vorbeischauen.“ Dai-yü sagte: „Setz’ dich ein bißchen, aber dann mußt du dich ausruhen gehen.“ Bau-yü sagte: „Müde soll ich sein? Ach, woher denn! Ich bin einfach niedergeschlagen. Da setzen wir uns gerade für einen Moment, die Niedergeschlagenheit verfliegt, und schon drängst du mich wieder.“ Schatzjade beeilte sich, mehrmals „Ja" zu sagen, zog sich zurück, eilte noch schnell zu Wang Furen hinüber und schaute auch bei der Alten Ahnin vorbei. Dann drängte es ihn hinaus; am liebsten wäre er mit einem einzigen Schritt im Xiaoxiang-Pavillon[3] gewesen. Kaum an der Tür angekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!" Was Kajaljade[4] [黛玉] so erschreckte, dass sie zusammenfuhr. Purpurkuckuck[5] [紫鹃] hob den Vorhang, und Schatzjade trat ein und setzte sich.
Dai-yü lächelte und wies Dsï-djüan an: „Gieß für den Herr eine Tasse meines Drachenbrunnentees auf! Jetzt, wo der Herr studiert, müssen wir ja respektvoll zurückbleiben.“ Dsï-djüan stimmte lachend zu, holte Teeblätter, und ließ ein junges Dienstmädchen Tee aufgießen. Bau-yü schloß sich mit den Worten an: „Was erwähnst du noch das Studieren, ich kann dieses akademische Gerede nicht ausstehen. Noch lächerlicher ist der Achtgliedrige Aufsatz, man braucht ihn nur, um zu Amt und Würden zu kommen und sein Auskommen zu haben; wie kann man behaupten, mit ihm die Sicht der Weisen wiederzugeben? Dann gibt es da Aufsätze, bei denen man ein paar Klassiker genommen und zusammengestückelt hat. Noch lächerlicher sind jene, die keine Substanz haben, von Ost nach West gezogen, zu Kuhgeistern und Schlangendämonen gemacht und für ein universelles Geheimnis gehalten werden, damit werden dann die Weisen erläutert. Nun ermahnt mich mein Vater immer und immer wieder, das zu lernen, und ich wage keine Widerworte, und da kommst du in diesem Moment wieder mit dem Studieren.“ Kajaljade sagte: „Ich hörte undeutlich, dass du zum Unterricht gegangen bist — und bist schon wieder zurück?" Schatzjade rief: „Ach du meine Güte! Wurde ich nicht von Vater zum Lernen gerufen? Mir war, als würde ich euch nie wiedersehen. Mühsam habe ich einen ganzen Tag durchgestanden, und nun, da ich euch wiedersehe, ist es, als wäre ich von den Toten auferstanden. Wie wahr ist doch das alte Wort: ‚Ein Tag gleicht drei Herbsten' — das stimmt vollkommen." Kajaljade fragte: „Warst du schon oben?" Schatzjade antwortete: „Überall war ich schon." Kajaljade fragte: „Und anderswo?" Schatzjade: „Nein." Kajaljade sagte: „Du solltest auch die anderen besuchen." Schatzjade entgegnete: „Ich bin zu träge, mich jetzt noch zu bewegen. Ich möchte nur hier bei Schwester sitzen und ein Weilchen plaudern. Vater verlangt, dass ich früh schlafe und früh aufstehe — die anderen besuche ich morgen." Kajaljade sagte: „Sitz noch ein wenig, dann solltest du dich aber ausruhen." Schatzjade erwiderte: „Ich bin doch gar nicht müde, nur gelangweilt bis zum Ersticken. Gerade jetzt, wo wir zusammensitzen und die Langeweile sich zerstreut hat, treibst du mich schon fort." Kajaljade lächelte leicht und rief Purpurkuckuck zu: „Brüh dem Zweiten Herrn eine Schale meines Longjing-Tees auf. Der Zweite Herr studiert jetzt, das ist nicht mehr wie früher." Purpurkuckuck antwortete lachend, holte die Teeblätter und wies eine kleine Magd an, den Tee aufzubrühen.
Dai-yü sagte: „Wir Mädchen mögen das zwar nicht, aber ich habe ja in der Kindheit mit deinem Lehrer Yü-tsun auch schon einmal die Bücher gelesen. In ihnen gibt es auch Einfühlsames und Vernünftiges, Prägnantes wie Subtiles, aber Tiefgründiges. Obwohl ich es damals nicht ganz verstanden habe, habe ich doch die Qualität gespürt, man kann sie nicht kategorisch ablehnen. Darüberhinaus mußt du zu Amt und Würden kommen, das ist klarer und wertvoller.“ Bau-yü, der bis hierhin zugehört hatte, empfand die Worte als nicht sehr überzeugend, weil er Dai-yü nie für einen solchen Menschen gehalten hatte – wie konnte sie sich dafür nur so begeistern? Da er ihr auch nicht ins Gesicht widersprechen wollte, räusperte er sich nur einmal kurz zustimmend. Schatzjade fuhr fort: „Sprich mir bloß nicht vom Lernen! Mir sind diese moralischen Reden am verhasstesten. Am lächerlichsten sind die Achtgliedrigen Aufsätze: Wenn man sie benutzt, um sich Amt und Brot zu erschwindeln, meinetwegen — aber dann noch zu behaupten, man spräche im Namen der Heiligen und Weisen! Die Besseren flicken wenigstens noch ein paar Klassiker-Stellen zusammen; aber dann gibt es noch eine Sorte, die wirklich zum Lachen ist: im Kopf haben sie nichts, ziehen alles von hier und dort herbei, bis es vor Ochsendämonen und Schlangengöttern wimmelt, und halten sich auch noch für tiefsinnig. Was hat das mit der Darlegung der Lehre der Heiligen zu tun? Und jetzt besteht Vater unablässig darauf, dass ich das lerne — ich wage nicht zu widersprechen. Und du fängst jetzt auch noch vom Lernen an!" Kajaljade erwiderte: „Wir Mädchen brauchen das zwar nicht, aber als ich klein war und bei eurem Lehrer Yucun unterrichtet wurde, habe ich auch hineingeschaut. Manches darin ist dem Gefühl und der Vernunft nahe, manches ist von klarer Feinheit und stiller Tiefe. Damals verstand ich nicht viel davon, fand es aber schön; man sollte nicht alles über einen Kamm scheren. Zudem ist es für den Erwerb der Beamtenlaufbahn immerhin eine ehrbare Sache." Als Schatzjade das hörte, klang es ihm unangenehm in den Ohren. Er dachte: „Kajaljade war nie so ein Mensch — wieso ist auch sie nun von Ehrgeiz und Eigennutz berauscht?" Aber er wagte nicht, ihr zu widersprechen, und lachte nur leise durch die Nase.
Während sie noch sprachen, hörten sie, wie sich draußen zwei Leute unterhielten, und zwar Tjiu-wën und Dsï-djüan. Sie hörten gerade Tjiu-wën sagen: „Schwester Hsi-jën befahl mir, Bau-yü von der Herzoginmutter abzuholen, wer hätte gedacht, daß er hier ist.“ Dsï-djüan sagte: „Wir gießen erst hier Tee auf, es könnte auch sein, daß wir beide erst trinken lassen sollten und wir dann erst zur Herzoginmutter gehen.“ Die beiden kamen herein. Bau-yü sagte lachend zu Tjiu-wën: „Ich gehe gleich rüber, entschuldige, daß du soviel Mühe hattest, mich zu finden.“ Tjiu-wën kam gar nicht zu einer Erwiderung, da hatte Dsï-djüan schon gesagt: „Geh schnell rüber, wenn du den Tee getrunken hast, hier hat schon jemand den ganzen Tag nach dir gesucht.“ Tjiu-wën spuckte aus und sagte: „Pfui! Welch eine Bastard-Dienstmagd!“, so daß alle in Lachen ausbrachen. Bau-yü stand endlich auf und verabschiedete sich. Dai-yü brachte ihn bis zur Tür. Dsï-djüan stand am Fuß der Treppe, bis er gegangen war, erst dann kehrte sie wieder zurück ins Zimmer.

Als Bau-yü in seinem Roten Hof der Freude ankam, sah er, wie Hsi-jën gerade herauskam, um ihn zu begrüßen.

„Bist du zurück?“, fragte sie.

Tjiu-wën antwortete für ihn: „Oh, der Herr ist schon lange zurück, er war bei Fräulein Lin.“

„Ist irgendetwas geschehen, als ich fort war?“, fragte Bau-yü.
Während sie noch sprachen, hörten sie draußen zwei Personen reden — es waren Qiuwen und Purpurkuckuck. Qiuwen sagte: „Schwester Dufthauch[6] [袭人] hat mich geschickt, ihn bei der Alten Ahnin abzuholen, und nun ist er hier." Purpurkuckuck entgegnete: „Wir haben gerade erst Tee aufgebrüht, lass ihn doch austrinken, bevor er geht." Beide kamen zusammen herein. Schatzjade sagte lachend zu Qiuwen: „Ich komme gleich, warum musstest du dich bemühen, mich zu suchen?" Ehe Qiuwen antworten konnte, sagte Purpurkuckuck: „Trink schnell deinen Tee und geh — die Leute haben den ganzen Tag an dich gedacht." Qiuwen spuckte aus: „Pfui! Was für ein freches Ding!" Alle lachten. Schatzjade erhob sich und verabschiedete sich. Kajaljade begleitete ihn bis zur Zimmertür, Purpurkuckuck stand unten an der Treppe, und erst als Schatzjade gegangen war, kehrten sie ins Zimmer zurück.
„Ach, nicht viel“, antwortete Hsi-jën spitz. „Nur ein Vortrag von Schwester Yüan-yang. Die Dame [Wang] schickte sie, um uns wissen zu lassen, daß dein gändiger Herr es dieses Mal ernst meinte mit deinem Studium und, falls irgendjemand von uns Dienstmädchen es wage, noch einmal mit dir zu spielen, es uns ergehen werde wie Tjing-wën und Sï-tji.“ Sie seufzte: „Ich denke, man hat immer sein Bestes getan, um dir zu dienen, und das ist der Dank dafür. Das macht doch keinen Spaß.“

Während sie sprach, wurde sie traurig. Bau-yü eilte sich, sie zu trösten: „Liebe Schwester! Sei unbesorgt. So lange ich ein guter Schüler bin, wird keiner von euch noch irgendein Wort der [alten] Dame hören müssen. Ich habe vor, an diesem Abend noch einige Texte zu lesen. Der Lehrer hat mir sogar aufgegeben, für morgen eine schriftliche Darstellung vorzubereiten. Sollte es irgendetwas geben, daß ich brauche, so werden es Schë-yüä und Tjiu-wën für mich besorgen, du kannst dich derweil erholen.“

„Wenn du ernsthaft studieren willst“, sagte Hsi-jën, „dann macht es uns Spaß, dir zu dienen.“

Von ihren Worten angeregt, nahm Bau-yü eilig sein Abendessen ein und ließ die Leselampen anzünden. Er setzte sich weiter abseits, um das, was er bereits früher gelesen hatte, noch einmal durchzuarbeiten, die Vier Bücher [des konfuzianischen Kanons]. Nun, wie las er seine Texte? Er blätterte durch das erste Buch, las die Texte, schien sie auch im Wesentlichen zu verstehen. Doch in dem Moment, als er ins Detail vordrang, schienen sich die Texte seinem Zugriff zu verweigern. Er wandte sich hilfesuchend an die Anmerkungen, las die dazugehörenden Textstellen, strengte sich dabei so an, daß es sich anfühlte, als wäre er von einer Keule getroffen worden.

,In Gedichten finde ich mich leicht zurecht‘, dachte er bei sich selbst, ,doch aus diesem Stoff werde ich einfach nicht schlau.‘
Nun kam Schatzjade im Yihong-Hof an, betrat sein Zimmer und sah Dufthauch aus dem hinteren Raum entgegenkommen. Sie fragte: „Bist du zurück?" Qiuwen antwortete: „Der Zweite Herr war schon lange da, er war drüben bei Fräulein Lin." Schatzjade fragte: „Ist heute etwas vorgefallen?" Dufthauch erwiderte: „Eigentlich nichts. Vorhin hat die Gnädige Frau die Schwester Mandarinenente[7] [鸳鸯] geschickt mit einer Botschaft an uns: Da der Herr Vater nun streng darauf besteht, dass du lernst, werden alle Mägde, die es wagen, mit dir zu scherzen, nach dem Beispiel von Heitermuster[8] [晴雯] und Schachspielerin bestraft. Wenn ich bedenke, wie ich dich die ganze Zeit bedient habe, nur um mir solche Worte einzuhandeln — da ist wenig Trost dabei." Dabei wurde sie traurig. Schatzjade beeilte sich zu sagen: „Liebe Schwester, sei unbesorgt, ich werde nur brav lernen, und dann wird die Gnädige Frau euch nicht mehr schelten. Heute Abend muss ich noch lesen, morgen verlangt der Lehrer, dass ich einen Text erläutere. Wenn ich etwas brauche, sind Moschusmond[9] [麝月] und Qiuwen ja da — ruh dich aus." Dufthauch sagte: „Wenn du wirklich bereit bist zu lernen, bedienen wir dich gern."
Er lehnte sich zurück, sprach nur wirres Zeug vor sich hin. Schë-yüä und Hsi-jën halfen ihm, bis er ins Bett ging. Erst danach legten sich die beiden selbst schlafen.

Kurz darauf erwachten sie und hörten, wie er sich unruhig auf dem Ofenbett hin und her wälzte.

„Bist du immer noch wach? Denkst du immer noch nach?“, fragte Hsi-jën, „du sollst deine Geisteskräfte schonen, damit du morgen gut lernen kannst.“

„Ich weiß“, sagte Bau-yü, „aber ich kann einfach nicht schlafen. Komm und nimm eine von meinen Decken herunter!“ –

„Es ist nicht warm genug heute Nacht. Behalte sie lieber bei dir!“ sagte Hsi-jën.
Schatzjade hörte es, aß hastig sein Abendessen und ließ die Lampe anzünden. Er holte die „Vier Bücher" hervor, die er durchgenommen hatte. Nur — wo sollte er anfangen? Er blätterte ein Buch durch: Kapitel für Kapitel schien es ihm verständlich; doch wenn er genauer nachprüfte, war es gar nicht so klar. Er las die Anmerkungen und die Erläuterungen. So trieb er es, bis die erste Nachtwache geschlagen hatte, und dachte bei sich: „Bei Gedichten und Versen fällt mir alles leicht, aber hierbei bin ich völlig ratlos." Er saß da und starrte vor sich hin. Dufthauch sagte: „Ruh dich aus, die Arbeit läuft nicht weg." Schatzjade murmelte nur wirre Antworten.
„Ich bin so aufgekratzt!“ Bau-yü warf die obere Decke nun selbst hinunter. Hsi-jën kletterte sofort hinüber, um die Decke zurückzulegen, und berührte mit der Hand seine Stirn. Sie fühlte sich leicht fiebrig an.

„Bleib liegen!“, sagte sie, „du hast leicht Fieber.“ –

„Nein, ich bin nicht krank.“ –

„Aber was ist denn los?“ –

„Es ist nichts. Ich bin nur nervös, das ist alles. Mach’ doch bitte keinen Staatsakt daraus! Wenn Vater das herausfindet, wird er mir sicherlich vorwerfen, ich suchte nach einer Ausrede, um nicht zum Unterricht gehen zu müssen. Es scheint mir eher ein Zufall zu sein. Morgen früh fühle ich mich bereits wieder besser, und bin ich erst einmal in der Schule, dann läuft es wie immer.“

Hsi-jën gab nach.

„Ich werde hier an deiner Seite schlafen“, sagte sie. Sie bearbeitete eine Weile seinen Rücken mit Klopfmassage, und beide waren unmerklich eingeschlafen. Als sie aufwachten, stand die Sonne bereits hoch am Himmel.

„Hilfe!“, jammerte Bau-yü, „ich bin zu spät!“ Schnell wusch und kämmte er sich, absolvierte die Runde seiner Morgenaufwartungen und machte sich dann sofort auf den Weg zur Schule. Als er das Klassenzimmer betrat, verhieß der ernste Gesichtsausdruck Dai-jus nichts gutes.

„Kein Wunder, daß dein Vater so sauer ist und du ihn dazu gebracht hast, dich einen Taugenichts zu nennen! Schon am zweiten Tag faulenzt du und kommst erst jetzt.“

Bau-yü berichtete ihm von seinem Fieber in der Nacht zuvor, ging dann an seinen Tisch und setzte sich, um zu arbeiten.

Es war spät nachmittags, als Dai-ju ihn nach vorne rief:

„Bau-yü, komm nach vorne! Interpretiere diesen Text!“
Moschusmond und Dufthauch brachten ihn zu Bett, und erst dann legten auch sie sich schlafen. Doch als Dufthauch einmal aufwachte, hörte sie, wie Schatzjade sich auf dem Kang noch immer hin und her wälzte. Sie sagte: „Du bist noch wach? Zergrüble dir nicht den Kopf, schone deine Kräfte, damit du morgen gut lernen kannst." Schatzjade sagte: „Das denke ich auch, nur kann ich nicht einschlafen. Komm, nimm mir eine Decke ab." Dufthauch entgegnete: „Es ist nicht heiß, lass das lieber." Schatzjade sagte: „Mir ist so unruhig ums Herz." Er strampelte die Decke von sich. Dufthauch kroch eilig auf, hielt ihn fest und legte die Hand auf seine Stirn — sie fühlte sich leicht fiebrig an. Sie sagte: „Bleib still liegen, du hast etwas Fieber." Schatzjade bestätigte: „Ja wohl." Dufthauch fragte: „Was soll das nur?" Schatzjade sagte: „Keine Angst, das kommt von meiner inneren Unruhe. Mach keinen Lärm, sonst erfährt Vater es und sagt bestimmt, ich stellte mich krank, um die Schule zu schwänzen — wie käme es sonst, dass die Krankheit so günstig fällt? Morgen bin ich besser, dann gehe ich wie gewohnt zur Schule, und die Sache ist erledigt." Dufthauch empfand Mitleid und sagte: „Ich lege mich neben dich." Sie klopfte ihm eine Weile den Rücken, und ohne es zu bemerken, schliefen beide ein.
Bau-yü ging nach vorne. Nach In-Augenscheinnahme bemerkte er zu seiner Erleichterung, daß dieser Text zu denen gehörte, die er kannte: Gespräche, Kapitel 9, Vers 22: Die Jugend muß voller Ehrfurcht sein. ,Was für ein Glücksfall!‘, dachte er bei sich, ,Buddha sei Dank, es ist nicht aus der Großen Lehre oder der Doktrin der Mitte!‘ –

„Wie soll ich das interpretieren, Herr Lehrer?“ –

„Fasse diese Sätze zusammen!“ antwortete Dai-ju.

Bau-yü rezitierte zunächst das ursprüngliche Kapitel laut und begann dann:
Erst als die rote Sonne hoch am Himmel stand, wachten sie auf. Schatzjade rief: „Das ist schlimm, es ist spät!" Eilig wusch und kämmte er sich, fragte nach dem Befinden der Eltern und eilte zur Schule. Dairu hatte schon ein finsteres Gesicht aufgesetzt und sagte: „Kein Wunder, dass dein Vater sich ärgert und sagt, du taugst nichts! Am zweiten Tag bist du schon faul — was ist das für eine Zeit, um zu kommen?" Schatzjade erklärte das Fieber vom Vorabend, und damit war die Sache überstanden; er lernte wie gewohnt weiter.
„In diesem Vers haben wir die weisen Vorfahren, die ihre Nachkommen ermutigten, fleißig zu sein, sonst würden sie enden wie...“

An dieser Stelle schaute Bau-yü zu Dai-ju auf. Dai-ju spürte, was kommen würde, und versuchte, seine Verlegenheit mit einem kurzen Auflachen zu verbergen: „Komm Junge, komm schon, sprich ruhig weiter! Was hält dich zurück? Denke daran: Die Auslegung der Klassiker ist von den normalen Regeln mündlicher Verbote befreit. In den Riten, Buch I heißt es: ‚Beim Arbeiten mit den Klassikern gibt es keine Verbote für die Nomenklatur.‘ Also: Sonst würden sie enden wie ...?“

„... wie jemand, der auch als Erwachsener nichts gelernt hat“, sagte Bau-yü. „Man nehme zuerst die beiden Wörter ‚voller Ehrfurcht‘. Diese beiden Wörter ermutigen die nachfolgende Generation. Wenn man dagegen nicht genügend Ehrfurcht hat, ist dies eine Warnung vor der Zukunft.“

Er schaute wieder zu Dai-ju hoch.

Dai-ju sagte: „Das könnte gehen. Zusammengefaßt heißt das?“

Bau-yü begann wieder:

„Unsere Eltern sagen: Wenn man jung ist, benutzt man seine geistige Kraft. Man ist intelligent und voller Kraft, das macht einem fast Angst. In dieser Phase scheint es so, daß man selbst eine rosigere Zukunft hat als die Eltern. Aber ist man schon vierzig oder fünfzig und immer noch nicht erfolgreich und berühmt, hat man kein Geschimpfe mehr zu befürchten und scheint nützlich zu sein. Dann hat man auch nichts mehr zu fürchten.“

„Deine Interpretation war leidlich klar“, kommentierte Dai-ju mit einem trockenen Lächeln. „Aber ich fürchte, deine Ausdrucksweise ist noch recht kindisch. Der Ausdruck ‚nicht berühmt werden“ bezieht sich nicht auf den Erfolg im Weltlichen, also in der Beamtenkarriere, sondern mehr auf die persönlichen Errungenschaften in moralischer und intellektueller Hinsicht. In diesem Sinne beinhaltet das keinesfalls Amtsränge. Im Gegenteil, viele der großen Weisen des Altertums waren unbedeutende nicht verbeamtete Personen, die sich aus der Welt zurückzogen; und doch halten wir sie in höchsten Ehren, oder nicht?“

„Du hast den letzten Satz nicht richtig ausgelegt“, fuhr er fort. „Der Ausdruck ‚nicht genügend Ehrfurcht haben’ bedeutet, daß jemand dich leicht durchschauen kann. Der Ausdruck ‚nichts wissend’ heißt nicht, daß man vor etwas Angst hat. Wenn man von innen nach außen sieht, erfährt man erst die Details. Verstehst du das?“ –

Bau-yü: „Ich verstehe.“ –

„Gut. Hier ist ein anderer Text, bitte interpretiere ihn ebenfalls!“, sagte Dai-ju.

Dai-ju blätterte einen Artikel zurück und zeigte Bau-yü folgende Textstelle. Es waren wieder die Gespräche, dieses Mal Kapitel 9, Vers 18: „Die Seltenheit einer ernsthaften Liebe zur Tugend.“ Bau-yü witterte Gefahr und sagte mit seinem offensten Lächeln: „Ich befürchte, ich befürchte, ich weiß hierzu nichts zu sagen, Dai-ju.“ – „Unsinn, mein Junge! Würdest du das schreiben, wenn diese Textstelle als Thema in deinem Prüfungsaufsatz drankäme?“
Am späten Nachmittag sagte Dairu: „Schatzjade, da ist ein Kapitel — komm und erläutere es mir." Schatzjade kam herbei und sah, dass es das Kapitel „Die junge Generation ist zu fürchten" war. Schatzjade dachte bei sich: „Das geht noch an, zum Glück ist es nicht aus dem ‚Großen Lernen' oder der ‚Lehre von der Mitte'." Er fragte: „Wie soll ich es erläutern?" Dairu antwortete: „Erkläre mir den Kerngedanken und die einzelnen Sätze ausführlich." Schatzjade las das Kapitel erst einmal laut vor und sagte dann: „In diesem Kapitel ermutigt der Heilige die junge Generation, sich rechtzeitig anzustrengen, damit sie nicht am Ende …" An dieser Stelle hielt er inne und blickte zu Dairu auf. Dairu bemerkte es, lächelte und sprach: „Sprich nur weiter. Beim Erläutern von Texten gibt es keine Tabus. Im ‚Buch der Riten' heißt es: ‚Beim Lesen von Texten gelten keine Namenstabus.' Sprich frei. ‚Damit sie nicht am Ende' — was?" Schatzjade fuhr fort: „Damit sie nicht am Ende alt werden, ohne etwas erreicht zu haben. Zunächst spornt der Heilige mit den Worten ‚zu fürchten' den Ehrgeiz der jungen Generation an; dann warnt er mit ‚nicht mehr zu fürchten' vor einer verschwendeten Zukunft." Damit blickte er Dairu an. Dairu sagte: „Das mag angehen. Und die fortlaufende Erläuterung?" Schatzjade sagte: „Der Heilige sprach: Wenn ein Mensch jung ist, sind sein Verstand und seine Fähigkeiten überaus klug und tüchtig — das ist wahrhaft furchteinflößend. Wie kann man da im Voraus wissen, ob seine Zukunft nicht so sein wird wie meine Gegenwart? Wenn er aber sorglos und nachlässig mit vierzig oder fünfzig Jahren immer noch nichts erreicht hat, dann wird er, obgleich er in seiner Jugend vielversprechend wirkte, sein ganzes Leben lang von niemandem mehr gefürchtet werden." Dairu lachte und sagte: „Den Kerngedanken hast du eben klar dargelegt, nur in den einzelnen Sätzen ist noch etwas Kindisches. Die Worte ‚ohne Ruf' bedeuten nicht, dass man es nicht zu Amt und Karriere bringt. ‚Ruf' bedeutet, dass man wahrhaft die Vernunft durchdrungen und den rechten Weg erkannt hat; dann hat man auch ohne Amt einen ‚Ruf'. Andernfalls — gab es unter den alten Heiligen und Weisen nicht auch solche, die sich von der Welt zurückzogen und unbekannt blieben? Waren das etwa keine Menschen ohne Amt? Kann man ihnen etwa ‚keinen Ruf' zuschreiben? ‚Nicht mehr zu fürchten' bedeutet, dass man ihn einschätzen kann — dies steht dem ‚Wie kann man wissen' des ‚Wissens' gegenüber und hat nicht die Bedeutung von ‚fürchten'. Erst wenn man es von dieser Seite betrachtet, dringt man ins Detail vor. Verstehst du?" Schatzjade antwortete: „Ja, ich verstehe."
Bau-yü hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen und begann widerstrebend: „Die Vorfahren erkannten, daß die Menschen die Tugend nicht liebten, stattdessen fielen sie beim ersten Anblick von Schönheit auf die Knie und beteten sie an. Sie hielten die Tugend für die natürliche Grundlage der Dinge. Die Menschen streben überhaupt nicht nach der Tugend. Auch Schönheit ist ein Geschenk des Himmels, wer möchte sie nicht besitzen. Schönheit gehört zu den menschlichen Verlockungen, wohingegen Tugend ein natürliches Prinzip ist. Wie kann ein Prinzip hoffen, mit der Begierde um die Zuneigung der Menschen zu wetteifern? Konfuzius beklagt sich über den Zustand der Welt und hofft auf eine Wandlung der Herzen. Das, was angestrebt wird, ist meist oberflächlich und kurzlebig. Wie schön wäre es, wenn die Menschen so nach Tugend streben würden wie nach Schönheit ...“ –

„Danke, das ist genug“, sagte Dai-ju. „Ich habe nur noch eine Frage an dich. Wenn du die Worte der Vorfahren so gut verstanden hast, warum machst du immer wieder dieselben zwei Fehler? Ich bin nur ein Außenstehender, aber auch ohne Erläuterung von deinem Vater kann ich deine moralischen Schwächen erkennen. Wie könntest du dich nicht anstrengen, weiterzukommen? Du bist derzeit ein vielversprechender Jugendlicher, oder wie es in unseren Texten heißt: ‚berühmt zu werden“ und ‚nicht genügend Ehrfurcht haben“ – das liegt alles in deiner Macht. Ob du diese Chancen ergreifst oder nicht, das hängt ganz von deinen eigenen An-

strengungen ab. Wirst du ‚berühmt‘ oder wirst Du ‚nicht genügend Ehrfurcht haben‘?“ –
Dairu fuhr fort: „Noch ein Kapitel sollst du erläutern." Er blätterte eine Seite vor und zeigte es Schatzjade. Schatzjade sah, dass es sich um „Ich habe noch keinen gesehen, der die Tugend so liebte wie die Schönheit" handelte. Schatzjade spürte, dass dieses Kapitel sein Innerstes traf, und sagte mit verlegenem Lächeln: „Über diesen Satz gibt es nicht viel zu sagen." Dairu rief: „Unsinn! Wenn bei einer Prüfung dieses Thema gestellt würde, würdest du auch sagen, darüber lasse sich nichts schreiben?" Schatzjade musste sich fügen und erläuterte: „Der Heilige sah, dass die Menschen die Tugend nicht pflegen wollten. Sobald sie Schönheit erblickten, waren sie ganz und gar hingerissen. Sie bedachten nicht, dass die Tugend etwas ist, das der menschlichen Natur von Anbeginn innewohnt, und doch will niemand sie pflegen. Was aber die Schönheit betrifft — sie ist zwar auch etwas, das man von Geburt an mitbringt, und niemand liebt sie nicht. Doch die Tugend ist himmlische Vernunft, die Schönheit hingegen menschliche Begierde. Wie könnte der Mensch bereit sein, die himmlische Vernunft ebenso zu lieben wie die menschliche Begierde? Obwohl der Heilige damit sein Bedauern ausdrückt, hofft er zugleich, dass die Menschen umkehren. Zudem zeigt er, dass es zwar Menschen gibt, die die Tugend lieben, doch ihre Liebe bleibt stets oberflächlich. Erst wenn man sie so liebte wie die Schönheit, wäre es wahre Tugendliebe."
„Ich gebe dir einen Monat Zeit, in der du deine alten Texte erneut gründlich durcharbeitest, und einen weiteren Monat, in dem du neue Texte studierst. Danach gebe ich dir Themen für Aufsätze. Wenn ich auch nur ein Zeichen von Nachlässigkeit bei dir entdecke, hast du keine Nachsicht von mir zu erwarten. Wie das Sprichwort sagt: ‚Das Erwachsenendasein bedeutet nicht zu faulenzen. Faulenzen führt zu Mißerfolg.‘ Wenn du ein guter Schüler sein willst, dann behältst du alles, was ich gesagt habe.“ – „Ja, Herr Lehrer.“ Dairu sagte: „Das ist auch noch annehmbar. Aber ich habe eine Frage an dich: Du verstehst die Worte des Heiligen — warum leidest du selbst gerade an diesen beiden Gebrechen? Obgleich ich nicht in eurem Haus wohne und dein Vater mir nichts davon erzählt hat, kenne ich doch alle deine Schwächen genau. Als Mensch — wie kann man nicht nach Fortschritt streben? Du bist jetzt gerade im Alter, da ‚die junge Generation zu fürchten' ist: Ob du ‚einen Ruf erlangst' oder ‚nicht mehr zu fürchten bist', liegt ganz in deiner eigenen Hand. Ich gebe dir jetzt einen Monat, um alle alten Texte vollständig aufzuarbeiten; dann noch einen Monat für die Aufsätze. Danach werde ich dir Themen stellen und Aufsätze von dir verlangen. Wehe, du wirst nachlässig — das werde ich keinesfalls dulden! Wie das alte Sprichwort sagt: ‚Wer etwas werden will, hat keine Ruhe; wer Ruhe will, wird nichts.' Merke dir meine Worte gut." Schatzjade sagte ja und musste sich fügen, Tag für Tag seinen Aufgaben nachzugehen. Davon sei nicht weiter berichtet.
Und so müssen wir Bau-yü für den Moment verlassen, ihn zu seinen täglichen Studien schicken, die er widerstrebend absolviert. Während seiner Abwesenheit an der Schule, wurde der Hof der Freude am Roten so ruhig, daß er nicht mehr wiederzuerkennen war, und die Tage vergingen langsam und ereignislos. Hsi-jën fand sogar Zeit, etwas zu nähen. Eines Tages saß sie dabei, einen Betelnuß-Beutel zu besticken, und dachte darüber nach, daß Bau-yü jetzt beschäftigt war und daß die Mädchen doch nicht hungern müßten. Wäre dies bereits früher so gewesen, hätte Tjing-wën niemals ein solch elendes Ende ereilt. Arme Tjing-wën! Hsi-jën seufzte: „Wenn der Hase stirbt, weint der Fuchs.“ Sie weinte unbemerkt. Plötzlich dachte sie, sie könne nie Bau-yüs Frau werden, nur seine Konkubine. So wie Bau-yü mit seinen Mitmenschen umging, war er sehr vertrauenswürdig. Doch was wäre, wenn er vorhätte, eine fürchterliche Frau zu heiraten? War es ihr Schicksal, die zweite Schwester You oder Hsiang-ling zu werden? Urteilte man danach, wie sich die Herzoginmutter und die Dame Wang schon immer verhalten hatten und was Hsi-fëng stets sagte, würde seine Braut unzweifelhaft Dai-yü werden. Aber Dai-yü ist jemand, der immer zweifelt.

Bei diesen Gedanken wurde Hsi-jën heiß und ihr Herz raste. Ihre Stickerei wurde ungenau. Schnell ließ sie diese liegen und begab sich seufzend zu Dai-yü.

Dai-yü las ein Buch. Als sie Hsi-jën eintreten sah, rückte sie beiseite und forderte sie nickend auf, sich zu setzen.

„Ich hoffe, Sie fühlen sich ein wenig besser, Fräulein“, begann Hsi-jën, ängstlich darauf bedacht, den richtigen Ton zu treffen.

„Mir geht es etwas besser“, antwortete Dai-yü. „Was hast du daheim gemacht?“

„Jetzt, wo mein Herr in der Schule ist“, antwortete Hsi-jën, „ist es zu Haus sehr ruhig, deshalb dachte ich, ich komme kurz auf ein Schwätzchen vorbei.“

Während sie sprach, brachte Dsï-djüan Tee herein, und Hsi-jën erhob sich schnell.
Nun war es so, dass nach Schatzjades Eintritt in die Schule der Yihong-Hof sich überaus ruhig und still anfühlte. Dufthauch konnte endlich einige Handarbeiten erledigen. Sie nahm Nadel und Faden zur Hand, um eine Betelnussbeutel-Stickerei anzufertigen, und dachte: „Jetzt, da Schatzjade seinen Lehrplan hat, haben die Mägde auch Ruhe. Hätte es so von Anfang an sein sollen, wäre Heitermuster nicht zu einem so kläglichen Ende gekommen." Wie der Hase stirbt und der Fuchs trauert, seufzte sie unwillkürlich. Dann dachte sie plötzlich an ihr eigenes Schicksal: „Ich bin ja nicht Schatzjades Hauptfrau, sondern nur eine Nebenfrau. Schatzjades Charakter kann man zwar vertrauen, aber wenn er einmal eine strenge Gattin bekommt, werde ich vielleicht ein zweites Schicksal wie You Erjie oder Xiangling erleiden. Nach allem, was die Alte Ahnin und Wang Furen durchblicken lassen und was Feng Jie immer wieder andeutet, wird es zweifellos Kajaljade sein. Und Kajaljade ist nun einmal ein überaus empfindlicher Mensch." Bei diesem Gedanken wurde ihr Gesicht heiß und ihr Herz klopfte; die Nadel stach irgendwohin. Sie legte die Handarbeit beiseite und ging zu Kajaljade hinüber, um ihre Stimmung auszuloten.
„Schwester, bleib’ doch sitzen.“ Sie lachte, als sie fortfuhr: „Ich hörte, daß Tjiu-wën sagte, daß du dich über uns lustig gemacht hast.“

„Ihr glaubt doch nicht, was sie da erzählt, oder?“, sagte Dsï-djüan mit einem Lächeln. „Alles, was ich meinte, war, daß, wenn mein Herr den ganzen Tag in der Schule ist, Fräulein Bau verhindert war und nicht einmal Hsiang-ling vorbeikam, um uns zu besuchen. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie langweilig das ist?“
Kajaljade saß gerade da und las. Als sie Dufthauch sah, erhob sie sich leicht und bat sie, Platz zu nehmen. Dufthauch kam ebenfalls eilig entgegen und fragte: „Geht es dem Fräulein in den letzten Tagen viel besser?" Kajaljade erwiderte: „Wie könnte das sein? Nur ein wenig kräftiger bin ich. Was machst du zu Hause?" Dufthauch sagte: „Seit der Zweite Herr in der Schule ist, gibt es im Hause nicht das Geringste zu tun, und so bin ich gekommen, um nach dem Fräulein zu sehen und ein wenig zu plaudern."
Hsi-jën nutzte die Gelegenheit: „Hsiang-ling sagst du? Ach, das arme Mädchen! Sie tut mir so leid! Sie ist mit der Furie [Ehefrau von Herrn Pan] aneinandergeraten, sie hat es ja schwer! Sie ist sogar noch ärmer dran als eine gewisse Person ...“ An dieser Stelle hielt Hsi-jën zwei Finger hoch[, um auf die zweite junge Frau des Hauses zu verweisen – Hsi-fëng]. „Sie kann sich nicht einmal darum kümmern, was die Leute von ihr denken.“

Dai-yü fuhr fort: „Sie hat aber auch genügend ertragen. Weißt du noch, wie die zweite Schwester You gestorben ist!“.

„Ich weiß“, sagte Hsi-jën, „im Grunde sind doch beide Menschen. Nur ihre Einstellungen waren sehr verschieden. Wie kann man so giftig werden? Das ist nicht gut für den Namen der Familie.“

Dies war das erste Mal, daß Dai-yü Hsi-jën derart tratschen hörte, und sie begann, Verdacht zu schöpfen, was wirklich dahinter steckte.

„Das ist schwer zu beurteilen“, sagte sie, „in jeder familiären Angelegenheit muß entweder die eine oder die andere Seite gewinnen. Wenn es nicht der Ostwind ist, so ist es der Westwind.“ –

„Eine Konkubine kennt in ihrem Herzen ihren rechten Platz und wagt es nicht, jemand anderen zu ärgern“, sagte Hsi-jën.

An diesem Punkt der Unterhaltung hörte man die Stimme einer alten Amme auf dem äußeren Hof.

„Wohnt hier Fräulein Lin? Ist sie hier?“ Hsüä-yän ging hinaus, um zu sehen, wer dort war und erkannte die Frau vage als eine von Frau Hsüäs Bediensteten.

„Was möchten Sie?“, fragte sie.

„Ich bin auf einem Botengang im Auftrag von unserem Fräulein [Bau-tschai]“, antwortete die alte Amme, „etwas für Fräulein Lin Dai-yü.“

„Warten Sie einen Moment.“ Hsüä-yän ging hinein, um Dai-yü um Rat zu fragen. Diese beauftragte sie, die alte Amme herein zu lassen. Im Zimmer angelangt, machte sie einen Knicks vor Dai-yü, dann verdrehte sie die Augen und starrte sie neugierig an, sagte aber nicht, was sie hergebracht hatte. Dai-yü fühlte sich allmählich verwirrt und fragte danach, was Fräulein Bau[-tschai] ihr geschickt habe.
Während sie sprachen, brachte Purpurkuckuck den Tee. Dufthauch sprang eilig auf und sagte: „Bleib sitzen, Schwester." Dann lachte sie und fuhr fort: „Neulich hörte ich von Qiuwen, dass du hinter meinem Rücken etwas über uns gesagt hast." Purpurkuckuck lachte ebenfalls: „Glaub ihr doch nicht, Schwester. Ich sagte nur, dass der Zweite Herr jetzt in der Schule ist, das Fräulein Schatzspange[10] [宝钗] nicht mehr herüberkommt und selbst Xiangling nicht mehr vorbeischaut — da langweilt man sich natürlich." Dufthauch sagte: „Du erwähnst Xiangling — die hat es wirklich schwer! Mit dieser Unheilsgöttin von Schwägerin — wie soll sie das nur aushalten?" Sie streckte zwei Finger aus und sagte: „Die ist, wenn ich so sagen darf, noch schlimmer als jene andere, die nicht einmal mehr den Anstand nach außen wahrt." Kajaljade schloss sich an: „Ja, die hat genug gelitten. Wie ist die Zweite Schwester You ums Leben gekommen?" Dufthauch sagte: „Nicht wahr? Bedenkt man es recht, sind doch alle Menschen gleich — nur weil der Status ein wenig anders ist, warum solche Grausamkeit? Auch der Ruf nach draußen ist nicht gut." Kajaljade hatte noch nie gehört, dass Dufthauch hinter anderer Leute Rücken so sprach. Da diese Worte einen Grund zu haben schienen, rührte es etwas in ihrem Herzen, und sie sagte: „Das ist schwer zu sagen. In Familienangelegenheiten ist es eben so: Entweder beugt der Ostwind den Westwind nieder, oder der Westwind beugt den Ostwind nieder." Dufthauch erwiderte: „Wer nur die Nebenfrau ist, hat von vornherein schon Angst im Herzen — wie sollte sie da wagen, andere zu schikanieren?"
„Mir wurde von Fräulein Bau-tschai aufgetragen, Ihnen einen Topf in Honig eingelegter Lychees zu bringen, Fräulein Lin“, antwortete die alte Amme, ihre Gesichtszüge entspannten sich zu einem Lächeln. Dann schaute sie zu Hsi-jën hinüber. „Ist dieses Mädchen nicht das hübsche Dienstmädchen aus den Gemächern des zweiten jungen Herrn Bau[-yü]?“ Während sie noch sprachen, fragte eine alte Dienerin draußen im Hof: „Ist dies das Gemach des Fräuleins Lin? Ist die Schwester hier?" Xueyan kam heraus und erkannte sie undeutlich als jemanden aus Tante Schnee[11]s Haushalt. Sie fragte: „Was gibt es?" Die Alte antwortete: „Unser Fräulein schickt mich, dem Fräulein Lin hier etwas zu bringen." Xueyan sagte: „Warte einen Augenblick." Xueyan ging hinein und meldete es Kajaljade. Kajaljade ließ sie hereinführen.
„Woher kennen Sie mich, Mammchen?“, fragte Hsi-jën. Die alte Amme lachte: „Nun, während wir stets die Gemächer der Herrin [Hsüä] beaufsichtigen, schaffen wir es kaum, mit der Herrin und dem Fräulein für Besuche auszugehen, deshalb kennen sich die Mädchen untereinander nicht. Wir behalten allerdings all die jungen Mädchen, die uns über den Weg laufen, vage im Gedächtnis.“

Sie reichte Hsüä-yän den Topf, schaute noch einmal hinüber zu Dai-yü, wandte sich dann zurück zu Hsi-jën und sagte mit einem vertrauten Lächeln:

„Kein Wunder, daß unsere Herrin sagt, Fräulein Lin und der zweite junge Herr Bau[-yü] seien füreinander geschaffen! In ihrem Aussehen gleicht sie wahrlich einer Fee!“

Hsi-jën machte einen gewagten Versuch, weitere Fehler abzuwenden.

„Kommen Sie, Mammchen, Sie sind sicher müde! Warum setzen Sie sich nicht und trinken eine Tasse Tee?“

„Ach nein – wir haben daheim zu viel zu tun“, die alte Amme schnatterte unbedacht weiter. „Wir sind drüben alle beschäftigt für Frau Dschang Luo-tjin. Und ich muß noch die zwei Töpfe mit Lychees hier von Fräulein Bau-tschai an den zweiten jungen Herrn Bau-yü abliefern.“

Sie verabschiedete sich und watschelte geschäftig aus dem Zimmer. Dai-yü, die Bau-tschai zuliebe versucht hatte, ihren Ärger über die Art und Weise, wie die alte Amme hereingeplatzt war, zu verbergen, wartete, bis sie hinausgegangen war und rief ihr nach:
Die Alte trat ein, grüßte und musterte, statt zu sagen, was sie brächte, zunächst Kajaljade mit zusammengekniffenen Augen. Kajaljade wurde es unangenehm und sie fragte: „Was lässt das Fräulein Bao mir bringen?" Erst jetzt lachte die Alte und antwortete: „Unser Fräulein lässt dem Fräulein ein Glas eingelegte Litschis schicken." Dann erblickte sie Dufthauch und fragte: „Ist diese junge Dame nicht die Blumen-Schwester aus dem Gemach des Zweiten Herrn Bao?" Dufthauch lachte: „Woher kennt Ihr mich, Mütterchen?" Die Alte lachte: „Wir hüten nur die Zimmer bei der Gnädigen Frau und begleiten Gnädige Frau und die Fräulein selten nach draußen, daher kennen wir die Fräulein nicht alle. Wenn die Fräulein aber gelegentlich zu uns herüberkommen, erinnern wir uns vage." Damit reichte sie Xueyan ein Glas, wandte sich wieder um, betrachtete Kajaljade und sagte lachend zu Dufthauch: „Kein Wunder, dass unsere Gnädige Frau sagt, dieses Fräulein Lin und Euer Zweiter Herr Bao seien füreinander bestimmt — wahrhaftig, wie ein Wesen aus dem Himmel."
„Bitte danke Fräulein [Bau-tschai] für die Mühe.“

Die alte Amme führte bla-bla-bla noch weiter Selbstgespräche: „Außer Bau-yü hätte sich niemand eine so feine junge Dame aussuchen können.“

Dai-yü tat so, als hätte sie nichts gehört.

„Wirklich“, sagte Hsi-jën und versuchte, die ganze Sache mit einem Lachen abzutun, „wenn man erst so ein Alter erreicht hat, redet man meist nur noch Unsinn. Da weiß man nicht, ob man zanken oder einfach nur lachen soll.“

Hsüä-yän gab Dai-yü die Lychees.

Dai-yü sagte: „Mir ist nicht danach, räumst du sie weg?“

Sie unterhielten sich noch ein wenig und dann brach Hsi-jën auf.

Als Dai-yü an diesem Abend ihre Gemächer betrat, um sich für die Nacht umzukleiden, erblickte sie wieder die Lychees. Diese erinnerten sie an den Besuch der alten Amme und ließen den stechenden Schmerz wieder aufleben, den sie durch ihr taktloses Geschnatter erdulden mußte. Die Dämmerung brach an, und in der Stille schienen sie tausend düstere Gedanken einzuholen und ihre Seele zu erdrücken.
Dufthauch merkte, dass die Alte unbedacht sprach, und lenkte schnell ab: „Mütterchen, Ihr seid gewiss müde, setzt Euch und trinkt eine Tasse Tee." Die Alte lachte vergnügt: „Wir sind gerade beschäftigt — alle sind mit den Angelegenheiten des Fräuleins Qin beschäftigt. Das Fräulein hat noch zwei Gläser Litschis, die dem Zweiten Herrn Bao gebracht werden sollen." Damit verabschiedete sie sich zitternd und schlurfend. Kajaljade ärgerte sich zwar über die Unverschämtheit der Alten, aber da Schatzspange sie geschickt hatte, konnte sie ihr nichts antun. Erst als die Alte zur Tür hinaus war, rief sie ihr nach: „Richtet Eurem Fräulein meinen Dank für die Mühe aus." Die alte Dienerin murmelte noch vor sich hin: „Bei solcher Schönheit — wer außer Schatzjade wäre ihrer würdig?" Kajaljade tat, als hätte sie nichts gehört. Dufthauch lachte: „Wie kommt es, dass alte Leute so wirres Zeug reden? Man ärgert sich und muss gleichzeitig lachen." Bald brachte Xueyan das Glas herüber und zeigte es Kajaljade. Kajaljade sagte: „Ich habe keine Lust zu essen, stell es fort." Sie plauderten noch eine Weile, dann ging Dufthauch.
„Mit meiner Gesundheit geht es bergab..., und ich werde immer älter. Ich weiß, Bau-yü liebt mich mehr als jeden anderen. Aber Großmutter und Tante Wang haben es immer noch nicht bemerkt! Wenn doch nur meine Eltern dies schon arrangiert hätten, als sie noch am Leben waren... Doch angenommen, sie hätten es? Was wäre, wenn sie mich mit jemand anders verheiratet hätten? Wer wäre nur mit Bau-yü vergleichbar? Vielleicht bin ich letzten Endes so doch am besten bedient! Wenigstens gibt es noch etwas Hoffnung.“

Wie eine Spindel zwischen den Fäden bewegten sich ihre geheimen Hoffnungen und Ängste auf und ab und zogen sich immer fester und fester um ihr Herz. Endlich, mit einem Seufzen und einigen Tränen, fiel sie ermattet und niedergeschlagen in ihrem Kleid aufs Bett.

Nach einer Weile wurde sie eines jüngeren Dienstmädchens gewahr, welches eintrat und sagte:

„Herr Djia Yü-tsun ist draußen und möchte das Fräulein [Lin] sehen.“ –

,Was er wohl möchte?‘, dachte Dai-yü bei sich selbst, ,ich habe zwar an seinem Schulunterricht teilgenommen, konnte es aber nicht mit den männlichen Mitschülern aufnehmen, weshalb will er mich sehen? Schließlich hat er all die Male, als er Onkel [Dschëng] besuchte, nie nach mir gefragt, warum sollte ich ihn jetzt sehen müssen?‘
Als das Abendlicht bereits verblasste, betrat Kajaljade das innere Gemach. Ihr Blick fiel zufällig auf das Litschi-Glas, und unwillkürlich erinnerte sie sich an das wirre Gerede der alten Dienerin vom Tage — es stach ihr ins Herz. In dieser stillen Abendstunde überkamen sie tausend Sorgen und Kümmernisse. Sie dachte: „Mein Körper ist schwach, und ich werde älter. Schatzjades Herz gehört zwar keinem anderen, doch die Alte Ahnin und die Tante zeigen nicht die geringste Absicht. Warum haben meine Eltern, als sie noch lebten, diese Verlobung nicht früh festgelegt?" Dann dachte sie wieder: „Hätten meine Eltern mich damals anderswo verlobt, wo fände ich einen Mann von Schatzjades Aussehen und Charakter? So wie die Dinge jetzt stehen, gibt es vielleicht noch Hoffnung." Ihr Herz schwankte hin und her, die Gedanken verschlangen sich wie eine Seilwinde. Sie seufzte eine Weile, vergoss einige Tränen, und ohne Stimmung und Regung legte sie sich angekleidet nieder.
Sie trug der Magd auf: „Übermittle meinen größten Respekt, danke Herrn Djia Yü-tsun für das Aufwarten, doch sage ihm, meine schlechte Gesundheit verlangt von mir, im Bett zu bleiben.“

„Aber Herrin“, sagte die Magd, „ich denke, er ist gekommen, um Ihnen zu gratulieren, es sind auch einige Leute aus Nanking gekommen.“

Während sie sprach, kam eine Gruppe, darunter Hsi-fëng, die Dame Hsing, die Dame Wang und Bau-tschai, ins Zimmer und verkündete jubelnd:

„Gratulation, meine Liebe! Und gute Reise!“ –

„Was meint ihr?“, fragte Dai-yü mit größter Verwunderung.
Ohne es zu merken, sah sie ein kleines Mädchen kommen, das sagte: „Draußen ist der alte Herr Jia, Yucun — er bittet das Fräulein um eine Audienz." Kajaljade sagte: „Obwohl ich bei ihm Unterricht hatte, bin ich doch nicht wie ein männlicher Schüler — warum sollte er mich sehen wollen? Zudem hat er bei seinen Besuchen beim Onkel mich nie erwähnt, ich muss ihn also nicht empfangen." Sie wies das Mädchen an: „Sage ihm, ich sei krank und könne nicht herauskommen. Er möge mir seinen Gruß bestellen." Das Mädchen sagte: „Aber er will dem Fräulein gratulieren — aus Nanjing sind Leute gekommen, um Euch abzuholen."
„Nun komm schon!“ Es war Hsi-fëng, die antwortete. „Tu doch nicht so, als hättest du die Neuigkeiten noch nicht gehört! Schwiegersohn Lin [dein Vater] wurde zum Getreideinspekteur der Provinz Hubei ernannt und ist eine zweite, sehr glückliche Ehe eingegangen. Er halte es nicht für gut für deine Gesundheit, dich hier ganz allein zu lassen, und fragte deshalb Djia Yü-tsun, ob er als Vermittler agieren könnte. Du bist verpflichtet einen Mann zu ehelichen, der dich in Verbindung mit deiner neuen Stiefmutter bringt, ich glaube, es handelt sich dabei auch um einen Witwer. Sie schickt Leute, um dich mit nach Hause zu nehmen. Es ist gut möglich, daß du dann direkt heiraten wirst. All dies war die Idee deiner Stiefmutter. Aus Sorge, daß du unterwegs nicht genügend behütet wirst, haben wir deinen Vetter Liän beauftragt, dich zu begleiten.“

Hsi-fëngs Worte ließen Dai-yü in Schweiß ausbrechen. Sie glaubte ihren Vater als Beamten dort stehen zu sehen. Sie begann, in Panik zu geraten und erwiderte trotzig:

„Das ist nicht wahr! Das ist alles ein Trick von Hsi-fëng!“

Sie sah, wie die Herrin Hsing der Herrin Wang einen bedeutungsvollen Blick zuwarf:

„Sie glaubt uns nicht. Komm, wir verschwenden unsere Zeit!“

„Tante Wang! Tante Hsing! Bitte geht nicht!“ Ihre Tränen zurückhaltend, flehte Dai-yü sie an. Doch sie erhielt keine Antwort. Alle schauten sie mit einem merkwürdigen Lächeln an und gingen dann gemeinsam fort.
Da kamen auch noch Feng Jie zusammen mit Xing Furen, Wang Furen und Schatzspange und sagten lachend: „Wir kommen zum einen, um zu gratulieren, zum anderen, um Abschied zu nehmen." Kajaljade erschrak: „Was redet ihr?" Feng Jie sagte: „Tu nicht so ahnungslos! Weißt du denn nicht, dass der Herr Lin zum Getreide-Intendanten von Hubei befördert wurde und eine Stiefmutter geheiratet hat, die ihm sehr nach dem Herzen ist? Nun meint man, dass es nicht angehe, dich hier sitzen zu lassen. Man hat Regenort Kaufmann als Heiratsvermittler gebeten, der dich irgendeinem Verwandten deiner Stiefmutter versprochen hat — es heißt, es sei eine Zweitehe. Deshalb schickt man Leute, um dich nach Hause zu holen. Sobald du ankommst, wird die Hochzeit stattfinden. Alles bestimmt deine Stiefmutter. Weil man befürchtet, dass du auf dem Weg nicht versorgt bist, soll dein Cousin Lian dich begleiten." Kajaljade brach der kalte Schweiß aus. Gleichzeitig schien es ihr undeutlich, als sei ihr Vater wirklich dort im Amt. Ihr Herz drängte; sie beharrte: „Das stimmt nicht, Schwester Feng treibt ihren Scherz!" Da zwinkerte Xing Furen Wang Furen zu: „Sie glaubt es noch nicht! Kommt, gehen wir." Kajaljade sagte mit Tränen: „Bitte bleibt doch einen Moment." Niemand antwortete; alle gingen mit kaltem Lächeln fort.
Als sie nun da stand und die Frauen gehen sah, wurde sie von Panik ergriffen. Sie versuchte zu sprechen, doch das einzige Geräusch, das ertönte, war ein ersticktes Schluchzen tief aus ihrer Kehle. Dann blickte sie um sich und sah, daß man sie bereits zu den Gemächern der Herzoginmutter gebracht hatte. Im selben Moment dachte sie bei sich: „Großmutter ist die einzige, die mich noch retten kann!“ Sie kniete vor der alten Dame und umfaßte sie.

„Rette mich Großmutter, bitte! Ich sterbe lieber als mit ihnen nach Süden zu gehen! Diese Stiefmutter ist überhaupt nicht meine wirkliche Mutter. Ich möchte einfach nur hier bei dir bleiben!“

Das Gesicht der Herzoginmutter ließ nur ein kaltes Lächeln erkennen. „Das hat nichts mit mir zu tun.“ –

„Doch was wird jetzt aus mir, Großmutter?“, schluchzte sie.
Kajaljades Herz brannte vor Angst, doch sie konnte kein Wort hervorbringen. Schluchzend und würgend schien sie plötzlich wieder bei der Alten Ahnin zu sein. Sie dachte: „Wenn es überhaupt Rettung gibt, dann nur durch die Alte Ahnin." Sie kniete nieder, umklammerte die Beine der Alten Ahnin und flehte: „Alte Ahnin, rette mich! In den Süden gehe ich um keinen Preis — und mit einer Stiefmutter, die nicht meine leibliche Mutter ist! Ich will bei der Alten Ahnin bleiben." Doch die Alte Ahnin blickte sie starr an und sagte lächelnd: „Das geht mich nichts an." Kajaljade weinte: „Alte Ahnin, was soll das nur?" Die Alte Ahnin sagte: „Eine Zweitehe ist doch auch nicht schlecht — da bekommst du noch eine Mitgift dazu." Kajaljade schluchzte: „Ich werde der Alten Ahnin keinen unnötigen Groschen kosten, ich bitte nur, dass die Alte Ahnin mich rettet!" Die Alte Ahnin schwieg beharrlich. Kajaljade umklammerte sie weinend: „Alte Ahnin, Ihr wart immer die Gütigste und habt mich am meisten geliebt — warum kümmert Ihr Euch in der Not gar nicht? Sagt nicht, ich sei nur Eure Enkelin mütterlicherseits und stünde Euch ferner — meine Mutter war Eure leibliche Tochter! Um meiner Mutter willen solltet Ihr mich doch beschützen." Sie warf sich weinend in deren Arme. Doch die Alte Ahnin sagte: „Mandarinenente, bring das Fräulein hinaus, damit sie sich ausruht — sie hat mich ganz erschöpft."
„Die zweite Ehefrau eines Mannes zu sein, hat seine Vorteile“, antwortete die Herzoginmutter. „Denke nur an die doppelte Mitgift.“ – „Wenn ich bleibe, werde ich dir keinen zusätzlichen Aufwand bereiten, ich verspreche es. Oh bitte rette mich!“ – „Das hilft dir nicht“, sagte die Herzoginmutter. „Alle Mädchen heiraten und verlassen das Haus. Du bist ein Kind und verstehst von solchen Dingen nichts. Du kannst hier nicht für immer leben, das weißt du doch.“ – „Ich würde alles tun, um zu bleiben – Ich werde für meine Bleibe arbeiten und Essen zubereiten, eine Sklavin sein, alles! Bitte hilf mir!“ Die Herzoginmutter antwortete nicht. Dai-yü umarmte sie wieder und schluchzte: „Oh, Großmutter! Du warst immer so gut zu mir, hast dich so um mich gekümmert – wie kannst du dich gar nicht mehr um mich kümmern, wo ich dich wirklich brauche? Sorgst du dich denn gar nicht mehr um mich? Ich bin zwar keines von deinen wirklichen Enkelkindern, eine echte Djia wie die anderen, aber meine Mutter war deine eigene Tochter, dein eigen Fleisch und Blut! Ihr zuliebe hab Erbarmen mit mir! Bitte beschütze mich!“

Mit diesen letzten Worten warf sie sich wie verrückt an die alte Dame, begrub den Kopf in ihren Schoß und schluchzte gewaltig.

„Yüan-yang“, befahl die alte Dame, „bring Frau Dai-yü in ihr Zimmer, um sich auszuruhen. Sie erschöpft mich.“
Kajaljade erkannte, dass alles verloren war und weiteres Flehen nutzlos. Lieber wollte sie in den Tod gehen. Sie stand auf und stürzte hinaus, in tiefem Schmerz darüber, keine leibliche Mutter mehr zu haben. Die Großmutter, die Tanten, die Schwestern — wie gut sie sie immer behandelt hatten! Nun zeigte sich, dass alles nur Schein gewesen war. Dann dachte sie: „Wo ist heute Schatzjade? Wenn ich ihn noch einmal sehen könnte — hat er vielleicht ein Mittel?" Da stand Schatzjade vor ihr und sagte grinsend: „Herzlichen Glückwunsch, Schwesterchen!"
Die Entschlossenheit in der Stimme der Herzoginmutter war nicht zu verkennen. Für Dai-yü erschien Selbstmord als letzter Ausweg. Sie erhob sich, und als sie aus dem Zimmer ging, schmerzte es sie, daß sie keine Mutter mehr hatte. All die Zuneigung von ihrer Großmutter, ihren Tanten und Kusinen stellte sich nun als das heraus, was es wirklich war und immer war – eine Schau. Plötzlich dachte sie: „Ausgerechnet Bau-yü habe ich heute noch nicht gesehen. Er könnte noch einen Ausweg wissen!“ Und als dieser Gedanke ih-ren Geist durchdrang, blickte sie auf, und auf einmal stand Bay-yü höchstpersönlich vor ihr.

Dieser sagte lachend: „Dann mal meine besten Glückwünsche, Schwesterherz!“
Als Kajaljade das hörte, wurde ihre Verzweiflung grenzenlos. Alle Rücksicht vergessend, packte sie Schatzjade fest und rief: „Gut, Schatzjade! Heute erst erkenne ich, was für ein herzloser, treulos er Mensch du bist!" Schatzjade erwiderte: „Wieso herzlos und treulos? Da du nun einem anderen versprochen bist, geht jeder seinen eigenen Weg." Kajaljade wurde mit jedem Wort wütender und ratloser, klammerte sich weinend an Schatzjade und rief: „Guter Bruder, wohin soll ich gehen?" Schatzjade sagte: „Wenn du nicht gehen willst, bleib hier. Du warst doch mir versprochen, deshalb bist du in unser Haus gekommen. Wie ich dich behandelt habe — denk doch daran."
Das war zu viel für Dai-yü. Der letzte Rest ihrer damenhaften Zurückhaltung löste sich in Luft auf. Sie nahm ihn fest in die Arme und rief: „Jetzt weiß ich, wie herzlos und grausam du wirklich bist, Bau-yü!“ –

„Nein, das stimmt nicht“, antwortete er. „Du hast jetzt deine eigene Familie, so müssen wir getrennte Wege gehen.“

Dai-yü hörte immer verzweifelter zu und wußte nicht mehr, wie sie aus dieser Situation herauskommen soll. Hilflos klammerte sie sich an ihn und weinte:

„Oh, Bau-yü! Wieso läßt du mich mit jemand anderem fortgehen?!“

„Wenn du nicht gehen willst, dann bleib’ hier“, antwortete er gelassen. „Ursprünglich warst du mir versprochen. Deshalb kamst du zu uns. Wie habe ich dich immer behandelt, hast du nichts bemerkt?“

Plötzlich schien alles klar. Sie war also doch Bau-yü versprochen. Natürlich war sie es! In einem Zug wandelte sich ihre Traurigkeit in Freude.

„Ich habe mich festgelegt bis zum Tode. Aber du mußt mir sagen: Soll ich gehen oder bleiben?“

„Ich habe dir gesagt, du sollst hier bei mir bleiben. Wenn du mir immer noch nicht vertraust, sieh in mein Herz!“

Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und stach sich in die Brust. Das Blut schoß hervor. Voller Entsetzen versuchte Dai-yü, den Blutstrom mit der Hand zu stillen, und schrie:
Kajaljade war es undeutlich zumute, als hätte sie Schatzjade tatsächlich einst ihr Jawort gegeben. Plötzlich wandelte sich ihre Trauer in Freude, und sie fragte: „Ich bin nun fest entschlossen, auf Leben und Tod — sagst du mir nun endgültig, soll ich gehen oder nicht?" Schatzjade antwortete: „Ich sage dir, du sollst hierbleiben. Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh dir mein Herz an." Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und ritzte sich quer über die Brust. Frisches Blut strömte hervor. Kajaljade erschrak zu Tode, presste die Hand auf Schatzjades Herz und schluchzte: „Was hast du getan? Töte lieber erst mich!" Schatzjade sagte: „Hab keine Angst, ich zeige dir mein Herz." Dabei griff er mit der Hand in die aufgeritzte Stelle. Kajaljade zitterte, weinte und fürchtete, man könnte sie überraschen. Sie umklammerte Schatzjade und schluchzte bitterlich. Schatzjade rief: „Es ist zu spät! Mein Herz ist fort — ich kann nicht leben!" Seine Augen verdrehten sich nach oben, und mit einem dumpfen Laut fiel er um.
„Wie konntest du nur? Du hättest mich zuerst töten sollen!“ – „Beruhige dich!“, sagte Bau-yü, „ich zeige dir jetzt mein Herz.“

Er tastete in dem offenen Fleisch herum, um das Herz zu finden, während Dai-yü zitterte, weinte und fürchtete, daß es noch schlimmer würde, sie hielt ihn fest und weinte bitterlich.

„Oh nein!“, sagte Bau-yü, „es ist nicht mehr da! Meine Zeit ist gekommen!“

Seine Augen flackerten, und er fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Dai-yü gab einen durchdringenden Schrei von sich. Sie hörte Dsï-djüan nach ihr rufen:

„Fräulein! Fräulein! Sie haben einen Alptraum! Wachen Sie auf! Nun kommen Sie schon, Sie müssen sich ausziehen und richtig schlafen!“
Kajaljade schrie aus Leibeskräften, da hörte sie Purpurkuckuck rufen: „Fräulein, Fräulein! Ein Albtraum hat Euch gepackt — wacht auf, zieht Euch um und legt Euch schlafen." Kajaljade wälzte sich um — es war nur ein böser Traum gewesen. In der Kehle würgte es sie noch, das Herz hämmerte wild. Das Kopfkissen war durchnässt, Schultern und Rücken fühlten sich eiskalt an. Sie überlegte: „Meine Eltern sind längst tot, und zwischen Schatzjade und mir ist noch nichts vereinbart — wie kam ich auf solche Gedanken?" Dann dachte sie an den Traum: So hilflos und verlassen! Und wenn Schatzjade wirklich stürbe — was sollte sie dann tun? Aus dem Schmerz erwuchs neuer Schmerz, und ihre Seele geriet in Aufruhr.
Dai-yü drehte sich um. Es war alles nur ein Alptraum. Doch sie konnte immer noch ihre beinahe zugeschnürte Kehle spüren, ihr Herz raste immer noch, die Oberseite ihres Kissens war schweißgetränkt, und ein kribbelnder, eisiger Schauer lief über ihren Rücken, der sogar ihr Herz erkalten ließ.

,Mutter und Vater starben vor langer Zeit. Bau-yü und ich waren niemals verlobt‘, dachte sie bei sich, ,wie konnte ich nur so etwas träumen?‘
Sie weinte noch eine Weile, und am ganzen Körper trat leichter Schweiß hervor. Mühsam richtete sie sich auf, zog den äußeren Mantel aus, ließ sich von Purpurkuckuck die Decke richten und legte sich wieder hin. Doch sie wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Draußen hörte sie ein Rauschen und Rascheln, das wie Wind, aber auch wie Regen klang. Dann war es wieder still, und von fern hörte sie Rufe — doch es war nur Purpurkuckuck, die bereits schlief und deren Atem hörbar ein und aus ging. Mühsam richtete sie sich auf, wickelte sich in die Decke und saß eine Weile da. Aus den Fensterfugen drang ein kühler Luftzug, der ihr eine Gänsehaut über den Körper jagte. Sie legte sich wieder hin. Gerade wollte sie in einen Halbschlummer sinken, da hörte sie auf dem Bambus unzählige Spatzen zwitschern und piepsen, ohne aufzuhören. Das Fensterpapier wurde durch den Rahmen hindurch allmählich von klarem Licht durchschienen.
Die Szenen ihres Traumes kamen ihr wieder vor Augen. Sie überlegte, daß sie in dieser Welt auf sich allein gestellt war. Angenommen Bau-yü stürbe wirklich – was dann? Der Gedanke allein reichte aus, all den Schmerz und die Verwirrung wiederzubringen. Sie begann zu weinen, und feine Reihen von Schweißperlen bedeckten ihren gesamten Körper. Letztlich rappelte sie sich auf, zog ihr Gewand aus und trug Dsï-djüan auf, ihr Bett herzurichten. Sie legte sich wieder hin und begann sich hin und her zu wälzen, unfähig zu schlafen. Sie konnte das zarte Säuseln des Windes außerhalb des Fensters hö-ren – oder war es der Nieselregen, der sanft auf das Dach fiel? Auf einmal ließ der Klang nach, und sie glaubte, jemanden in der Ferne nach ihr rufen zu hören. Doch es war nur Dsï-djüan, die bereits eingeschlafen war und in einer Ecke des Raumes schnarchte. Mit großer Mühe kämpfte sich Dai-yü aus dem Bett, wickelte die Bettdecke um sich und stand auf. Ein eisiger Durchzug aus einem Riß im Fensterrahmen brachte sie selbst unter der Decke zum Frösteln. Sie begann gerade einzuschlummern, als die Spatzen ihren Dämmerungschor aus ihren Nestern im Bambus einleiteten. Das erste Licht des Tages drang eben durch die Fensterläden.

Dai-yü war nun wieder hellwach und begann zu husten. Dsï-djüan erwachte sofort.

„Immer noch wach, Fräulein Lin? Auch noch husten – es klingt als hätten Sie sich erkältet. Es ist beinahe hell, bald wird es Morgen! Bitte versuchen Sie nicht zu viel nachzudenken und ruhen Sie sich aus. Sie müssen schlafen.“
Kajaljade war nun hellwach, die Augen weit offen. Bald begann sie zu husten, und auch Purpurkuckuck wurde davon geweckt. Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, seid Ihr immer noch nicht eingeschlafen? Wieder hustet Ihr — vermutlich habt Ihr Euch erkältet. Das Fensterpapier wird schon hell, es wird bald Morgen. Ruht Euch aus, schont Eure Kräfte und grübelt nicht endlos hin und her." Kajaljade sagte: „Ich möchte ja schlafen, aber ich kann nicht. Schlaf du weiter." Dann hustete sie erneut. Purpurkuckuck sah Kajaljades Zustand, und auch ihr Herz zog sich zusammen; sie konnte nicht mehr schlafen. Als sie Kajaljade wieder husten hörte, stand sie eilig auf und hielt ihr die Spuckschale hin. Inzwischen war es hell geworden. Kajaljade fragte: „Willst du nicht mehr schlafen?" Purpurkuckuck lachte: „Es ist schon Tag — was soll ich noch schlafen?" Kajaljade sagte: „Dann wechsle die Spuckschale."
„Ich will nicht schlafen“, antwortete Dai-yü. „Was soll gut daran sein? Ich kann einfach nicht.“ – „Du wirst aber trotzdem schlafen.“ Diese Worte wurden von einem weiteren Hustenanfall unterbrochen.

Dsï-djüan betrachtete die Gestalt von Dai-yü, wurde traurig und wollte nicht wieder schlafen gehen. Als sie wieder ihr Husten hörte, eilte sie hinüber, um einen Spucknapf zu besorgen. Inzwischen dämmerte es draußen.

„Willst du nicht mehr schlafen?“, fragte Dai-yü.

„Schlafen?“, antwortete Dsï-djüan heiter. „Es ist schon Tag.“

„Wenn das so ist, könntest du den Spucknapf wechseln?“

„Gewiß, Fräulein Lin.“

Dsï-djüan legte den vollen Spucknapf auf einen Tisch außerhalb des Zimmers und besorgte zügig einen neuen, den sie am Fuße des Ofenbetts plazierte. Als sie dann die Tür des Zimmers sorgfältig hinter sich geschlossen und die blumenbestickte Gardine heruntergelassen hatte, ging sie hinaus, um Hsüä-yän zu wecken, und nahm den vollen Spucknapf mit sich. Als sie den Napf gerade auskippen wollte, betrachtete sie ihn genauer und entdeckte zu ihrem Entsetzen etwas Blut im Schleim.

„Meine Güte!“ stieß sie aus. „Wie schrecklich!“
Purpurkuckuck antwortete bejahend, eilte hinaus, wechselte die Spuckschale und stellte die benutzte auf den Tisch. Sie öffnete die Tür des inneren Gemachs, zog sie wieder zu, ließ den bestickten Vorhang herab, weckte Xueyan und öffnete die äußere Tür. Als sie die Schale ausleeren wollte, sah sie, dass sie randvoll mit Schleim war — und im Schleim waren Blutflecken. Purpurkuckuck erschrak, und unwillkürlich entfuhr ihr: „O weh! Das darf doch nicht wahr sein!" Kajaljade rief von drinnen: „Was ist denn?" Purpurkuckuck bemerkte ihren Versprecher und korrigierte sich schnell: „Mir ist die Schale beinahe aus der Hand gerutscht." Kajaljade fragte: „Ist etwa etwas mit dem Auswurf in der Schale?" Purpurkuckuck sagte: „Nein, nichts." Während sie diese Worte sprach, wurde ihr das Herz schwer, die Tränen liefen ihr herab, und ihre Stimme klang schon ganz verändert.
„Was ist denn los?“, rief Dai-yü plötzlich von innen.

„Ach, nichts, Herrin!“

Dsï-djüan versuchte ihr bestes, ihren Fehler zu vertuschen. „Der Spucknapf verrutschte in meiner Hand und ist beinahe heruntergefallen.“ – „Hast du nichts Merkwürdiges im Schleim gefunden?“

„Oh nein, Herrin.“ Dsï-djüan hatte einen Kloß in der Kehle und konnte nichts mehr sagen. Tränen strömten ihr über die Wangen.

Dai-yü hatte bereits einen süßlichen Geschmack im Mund bemerkt und schon Verdacht geschöpft, ihre Vermutungen wurden noch durch Dsï-djüans Schreck verstärkt und nun auch noch von dem unverkennbaren Ausdruck von Traurigkeit in der Stimme.

Dai-yü fühlte sich in ihrem Herzen zu acht bis neun Zehntel darin bestätigt und rief darauf hin Dsï-djüan: „Komm herein, draußen könntest du dich erkälten.“

„Ich komme, Herrin“, sagte sie, ihre Stimme klang noch jämmerlicher als zuvor. Ihr traurig schniefender Klang ließ Dai-yü erzittern. Die Tür öffnete sich, und sie trat ein, tupfte dabei immer noch ihre Augen mit einem Taschentuch trocken.

„Nun komm her“, sagte Dai-yü, „so früh morgens am weinen?“

„Wer weint?“, sagte Dsï-djüan und versuchte zu lächeln. „Ich fühle mich nur ein wenig unwohl so früh am Morgen, und meine Augen jucken ein wenig, das ist alles. Sie waren diese Nacht länger auf als je zuvor, nicht wahr, Herrin? Ich konnte sie die ganze Nacht husten hören.“

„Ich weiß. Je mehr ich nach Schlaf verlangte, desto wacher wurde ich.“

„Es geht Ihnen nicht gut, Herrin. Ich denke, all die Sorgen ruinieren Ihre Gesundheit. Und eine gute Gesundheit ist wie der Berg in dem Sprichwort: Bewahre den Berg grün, bewahre den Berg grün, und du wirst in keinem Winter mehr Holz zum Heizen entbehren. Nebenbei, jeder hier sorgt sich sehr um Sie. Ihre Großmutter, die Herrinnen, einfach jeder!“
Kajaljade hatte selbst schon einen süßlich-blutigen Geschmack in der Kehle gespürt und war misstrauisch geworden. Als sie vorhin Purpurkuckucks erschrockenen Ausruf gehört hatte und nun auch Purpurkuckucks traurige Stimme vernahm, wusste sie fast sicher, woran sie war. Sie rief: „Komm herein, du erkältest dich draußen." Purpurkuckuck antwortete — und dieser Ton war noch trauriger als zuvor, ein Klang unterdrückter Tränen. Als Kajaljade das hörte, wurde ihr eiskalt. Sie sah Purpurkuckuck hereinkommen und sich mit dem Tuch die Augen wischen. Kajaljade fragte: „So früh am Morgen, warum weinst du?" Purpurkuckuck zwang sich zu einem Lächeln: „Wer weint denn? Heute Morgen sind meine Augen etwas gereizt. Fräulein, Ihr wart heute Nacht wohl noch länger wach als gewöhnlich? Ich hörte Euch die halbe Nacht husten." Kajaljade sagte: „Allerdings. Je mehr ich schlafen wollte, desto wacher wurde ich." Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, Ihr müsst Euch selbst Erleichterung verschaffen, wenn Ihr nicht gesund seid. Der Körper ist das Wichtigste. Wie das Sprichwort sagt: ‚Solange die grünen Berge stehen, braucht man kein Brennholz zu fürchten.' Zudem gibt es hier, von der Alten Ahnin und der Gnädigen Frau angefangen, niemanden, der das Fräulein nicht liebte!" Bei diesen Worten wurde Kajaljade an ihren Traum erinnert, und sie fühlte einen Stich im Herzen, ihre Augen verdunkelten sich, ihre Farbe veränderte sich. Purpurkuckuck hielt schnell die Spuckschale hin, Xueyan klopfte ihr den Rücken, und nach langer Zeit spuckte Kajaljade einen Klumpen Schleim aus — darin ein Streifen purpurnen Blutes, der zitternd aufspritzte. Purpurkuckuck und Xueyan wurden leichenblass vor Schreck. Sie wachten zu beiden Seiten, und Kajaljade sank benommen zurück. Purpurkuckuck sah, dass es schlimm stand, und deutete mit einer Geste Xueyan an, jemanden zu rufen.
Wie konnte Dsï-djüan auch wissen, daß das bloße Aufzählen dieser heimischen Namen, die dazu gedacht waren, sie zu beruhigen und zu trösten, die Schrecken ihres Alptraumes wieder erweckten? Dai-yü fühlte ihr Herz trommeln, ihr wurde schwarz vor Augen, und sie war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Dsï-djüan holte schnell den Spucknapf herbei, während Hsüä-yän sanft den Rücken klopfmassierte. Nach einer Weile spie sie einen weiteren Mund voll Schleim aus. Darin waren dicke sich windende Fäden dunkelroten Blutes. Die beiden Dienstmädchen waren blaß vor Angst. An beiden Seiten wurde sie von ihnen gestützt, bis sie schließlich, kaum bei Bewußtsein, niedersank. Dsï-djüan, welcher ihr schwerer Zustand durchaus bewußt war, schaute zu Hsüä-yän, und sie ließ sie eilig jemanden rufen.

Hsüä-yän war kaum aus der Tür, da kamen bereits Tsuee-lü und Tsuee-mo lachend in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß gelaufen.
Xueyan trat gerade vor die Tür, da kamen Cuilü und Cuimo lachend herbei. Cuilü fragte: „Warum ist das Fräulein Lin zu so später Stunde noch nicht herausgekommen? Unser Fräulein und das Dritte Fräulein sind drüben beim Vierten Fräulein und besprechen das Gemälde, das sie von der Gartenlandschaft gemalt hat." Xueyan winkte hastig mit den Händen. Cuilü und Cuimo erschraken und fragten: „Was ist geschehen?" Xueyan erzählte ihnen alles. Beide streckten erschrocken die Zunge heraus und sagten: „Das ist kein Spaß! Warum habt ihr es nicht der Alten Ahnin gemeldet? So geht das doch nicht! Wie könnt ihr nur so begriffsstutzig sein!" Xueyan sagte: „Ich wollte gerade gehen, da kamt ihr schon."
„Wann kommt Frau Dai-yü aus dem Haus?“ erkundigte sich Tsuee-lü erheitert. „Meine Herrin und die dritte Herrin [Fräulein Tan-tschun] sind beide bei der vierten Herrin [Frau Hsi-tschun], um das Gemälde der vierten Herrin bewundern.“

Hsüä-yän winkte mit der Hand ab.

Beide erschraken und fragten: „Was ist denn los?“ Hsüä-yän schilderte ihnen, was passiert war, worauf sie vor Entsetzen erstarrten.

„Das Ganze ist todernst! Warum hast du der Herzoginmutter noch nichts erzählt? Wie schrecklich! Wie konntest du so dumm sein!“

„Ich war gerade auf dem Weg als ihr ankamt“, antwortete Hsüä-yän.

„Wer redet da draußen?“, rief Dsï-djüan aus dem Schlafzimmer. „Frau Dai-yü möchte es wissen.“

Die drei gingen gemeinsam hinein, um Dai-yü eingehüllt im Bett liegend zu finden.

„Worüber all die Aufregung?“, fragte sie. „Wer erzählt solche Geschichten?“

Es war Tsuee-mo, die antwortete:

„Meine Herrin [Tan-tschun] und Fräulein [Hsiang-]yün sind eben hinüber zur vierten Herrin [Fräulein Hsi-tschun], um das Gemälde des vierten Fräuleins zu bewundern, und sie schickten uns, Sie zu fragen, ob Sie daran teilnehmen möchten, Fräulein Lin. Es tut uns leid zu hören, daß es Ihnen nicht gut geht.“
Gerade in diesem Moment rief Purpurkuckuck von drinnen: „Wer spricht dort draußen? Das Fräulein fragt." Alle drei gingen eilig zusammen hinein. Cuilü und Cuimo sahen, dass Kajaljade unter der Decke lag. Als sie die beiden erblickte, sagte sie: „Wer hat es euch erzählt, dass ihr so ein Aufheben macht?" Cuimo antwortete: „Unser Fräulein und die Wolken-Schwester sind gerade beim Vierten Fräulein drüben und besprechen das Gemälde. Wir sind geschickt worden, das Fräulein einzuladen, und wussten nicht, dass Ihr wieder unwohl seid." Kajaljade sagte: „Es ist nichts Schlimmes, ich fühle mich nur etwas schwach. Wenn ich mich ein wenig hinlege, stehe ich wieder auf. Sagt dem Dritten Fräulein und der Wolken-Schwester, sie mögen nach dem Essen, falls sie nichts zu tun haben, hierher kommen und bei mir sitzen. Ist der Zweite Herr Bao bei euch gewesen?" Beide verneinten. Cuimo fügte hinzu: „Der Zweite Herr Bao geht in letzter Zeit in die Schule; der Herr Vater kontrolliert jeden Tag die Aufgaben — da kann er nicht mehr wie früher überall herumrennen." Kajaljade hörte es und schwieg. Die beiden standen noch einen Augenblick, dann zogen sie sich leise zurück.
„Es ist nichts Ernstes“, sagte Dai-yü. „Ich fühle mich nur ein wenig schwach, das ist alles. Es wird besser, wenn ich mich ausgeruht habe. Gebt ihr der dritten Herrin Tan-tschun und Fräulein [Hsiang-]yün Bescheid, daß sie nach dem Mittagessen doch zu mir kommen mögen, wenn sie nicht zu beschäftigt sind? Ich nehme an, der zweite junge Herr Bau[-yü] war noch nicht dort, oder doch?“ –

„Nein, Herrin“, antworteten sie. Tsuee-mo sagte: „Der zweite junge Herr Bau[-yü] war die letzten paar Tage täglich in der Schule, und der Herr kontrolliert jeden Tag die Hausaufgaben, so kann er hier nicht mehr so herumspringen, wie er es sonst tut.“

Dai-yü war still und in Gedanken versunken. Die zwei Dienstmädchen standen dort noch eine Weile und zogen sich dann diskret zurück.

Am Lotus-Pavillon wurde Hsi-tschuns Gemälde, eine Übersicht über den Garten, von Tan-tschun und Hsiang-yün nach seinem ästhetischen Wert begutachtet. Zu viel hier, nicht genug dort, etwas zu dünn aufgetragen. Ein Platz, zu dicht ineinander gedrängt. Sie dachten an eine lyrische Inschrift und wünschten dafür Dai-yüs Rat. Sie diskutierten miteinander, als Tsuee-lü und Tsuee-mo zurückkamen und sehr nervös wirkten. Hsiang-yün war die erste, die fragte:

„Warum ist Fräulein Dai-yü nicht mit euch gekommen?“ –

„Sie hatte letzte Nacht einen schweren Rückfall, Herrin“, antwortete Tsuee-lü, „und hustete die ganze Nacht über. Laut Hsüä-yän war der Schleim in ihrem Spucknapf mit Blut durchsetzt.“ –

„Bist du sicher?“, fragte Tan-tschun bestürzt.

„Ziemlich sicher“, antwortete Tsuee-lü.

„Wir waren eben dort, um nach ihr zu sehen, Herrin“, sagte Tsuee-mo. „Sie sieht fürchterlich aus und hat kaum Kraft zu sprechen.“

„Wenn sie so krank ist, wird sie kaum in der Lage sein zu sprechen“, sagte Hsiang-yün unverblümt.

Tan-tschun sagte: „Was für ein Unsinn, [Hsiang-]yün! Daß sie nicht sprechen kann, bedeutet doch nicht schon...“

Tan-tschun brach mitten im Satz ab.

„Schwester Lin [Dai-yü] hat einen wachen Geist“, sagte Hsi-tschun. Doch sie hat immer die Angewohnheit, alles zu ernst zu nehmen. Wenn sie doch nur über allem stehen könnte.“

„Wir müssen ohnehin losgehen und schauen, wie es ihr geht“, sagte Tan-tschun. „Wenn es wirklich ernst ist, rufen wir besser Tante Wang und lassen es Großmutter wissen, so daß sie einen Arzt holen können und herausfinden, was zu tun ist.“
Indessen besprachen Spürfrühling[12] [探春] und Wolke vom Xiang-Fluss[13] [湘云] bei Bewahrfrühling[14] [惜春] das von Bewahrfrühling gemalte Bild des „Großen Gartens der Betrachtung": hier fehlte ein Strich, dort war es zu viel; dies war zu weitläufig, jenes zu dicht. Man diskutierte auch über passende Inschriften und schickte nach Kajaljade, um sie um Rat zu bitten. Gerade da kehrten Cuilü und Cuimo mit verstörten Mienen zurück. Wolke vom Xiang-Fluss fragte als Erste: „Warum kommt das Fräulein Lin nicht?" Cuilü antwortete: „Das Fräulein Lin hatte gestern Nacht wieder einen Anfall und hat die ganze Nacht gehustet. Wie wir von Xueyan hörten, hat sie eine ganze Schale Blutsputum ausgespuckt." Spürfrühling fragte erschrocken: „Ist das wahr?" Cuilü sagte: „Wie sollte es nicht wahr sein?" Cuimo ergänzte: „Wir sind gerade hinein und haben nachgesehen — ihre Gesichtsfarbe ist gar keine Farbe mehr, und die Kraft zum Sprechen ist ganz schwach geworden." Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Wenn es so schlimm ist, wie kann sie dann noch sprechen?" Spürfrühling erwiderte: „Wie kannst du so begriffsstutzig sein? Wenn sie nicht mehr sprechen kann, dann ist sie ja bereits …" Bei diesen Worten brach sie ab. Bewahrfrühling sagte: „Schwester Lin ist doch so ein kluger Mensch, aber mir scheint, sie kann gewisse Dinge einfach nicht loslassen; jede Kleinigkeit nimmt sie sich zu Herzen. Aber wo gibt es in der Welt so viel Wahres?" Spürfrühling sagte: „Wenn es so steht, dann lasst uns alle zu ihr gehen. Wenn die Krankheit ernst ist, sollten wir es der Schwägerin melden, damit sie der Alten Ahnin Bescheid sagt und einen Arzt holt — man muss doch zu einem Entschluss kommen." Wolke vom Xiang-Fluss stimmte zu: „Ganz recht." Bewahrfrühling sagte: „Geht schon vor, ich komme nach."
Hsiang-yün stimmte zu und sie und Tan-tschun machten sich mit einigen der jüngeren Dienstmädchen auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Hsi-tschun sagte, sie werde später nachkommen.

Zu sehen, wie die Mädchen in ihr Zimmer kamen, verursachte Dai-yü ein merkwürdiges Gefühl und ließ sie noch mehr über ihren Traum nachdenken. Wenn die Herzoginmutter in ihrem Traum so kalt wirkte, würden Tan und Yün nicht auch so sein? Würden sie sich wirklich die Mühe machen, nach ihr zu sehen? Sie überlegte, ob sie sie darum gebeten haben könnte? All diese Zweifel verbergend, gab sie sich große Mühe und bat Dsï-djüan, ihr aufzuhelfen, den anderen raunte sie zu, sich zu setzen. Tan-tschun und Hsiang-yün saßen am Rande des Bettes und waren sehr traurig, Dai-Yü in einem solchen Zustand zu sehen.

„Was glaubst du, könnte die Ursache sein, Schwester [Dai-yü]?“, fragte Tan-tschun.
So gingen Spürfrühling und Wolke vom Xiang-Fluss, gestützt von kleinen Mägden, zum Xiaoxiang-Pavillon. Als sie eintraten, konnte Kajaljade sich des Kummers nicht erwehren. Dann dachte sie an den Traum: „Selbst die Alte Ahnin war so — was soll ich von den anderen erwarten? Zudem habe ich sie nicht gerufen; sie wären von allein nicht gekommen!" In ihrem Herzen dachte sie so, doch dem Anstand halber ließ sie sich von Purpurkuckuck aufrichten und bat sie herein. Spürfrühling und Wolke vom Xiang-Fluss setzten sich je an ein Ende des Bettrandes. Als sie Kajaljade in diesem Zustand sahen, waren auch sie bewegt. Spürfrühling fragte: „Schwester, was fehlt dir schon wieder?" Kajaljade antwortete: „Nichts Ernstes, ich fühle mich nur sehr kraftlos."
„Ach, es ist nichts Ernstes. Ich fühle mich nur sehr schwach.“

Dsï-djüan, die auf der anderen Seite von Dai-yü stand, verwies heimlich auf den Spucknapf, und Hsiang-yün (die jüngere und von Natur aus weniger umsichtige der beiden Mädchen) nahm ihn und schaute ihn an. Es war zu spät:

„Ist das deins, Schwester [Dai-yü]?“, fragte sie mit schriller Stimme, „wie schrecklich!“

Vorher war Dai-yü zu müde, den Inhalt ihres Spucknapfes zu untersuchen. Doch Hsiang-yüns Frage erweckte nun ihren Verdacht. Ihr Herz stockte, als sie sich umblickte, um hineinzuschauen. Tan-tschun versuchte, es für Hsiang-yün zu verdecken:

„Das heißt doch nur, daß du etwas zuviel Yang in der Lunge hast, eine Lungenentzündung mit etwas Auswurf hast. Das ist ganz normal. Yün ist so rührend, wie sie von Kleinigkeiten bewegt ist!“
Hinter Kajaljades Rücken deutete Purpurkuckuck verstohlen auf die Spuckschale. Wolke vom Xiang-Fluss, noch jung an Jahren und von aufrichtigem Temperament, griff sogleich nach der Schale. Als sie hineinblickte, erschrak sie zutiefst und rief: „Das hat Schwester ausgespuckt? So geht das doch nicht!" Anfangs hatte Kajaljade im Halbschlummer es nicht genau angesehen. Als Wolke vom Xiang-Fluss nun so sprach und Kajaljade hinblickte, sank ihr Herz sofort. Spürfrühling sah Wolke vom Xiang-Flusss Unbesonnenheit und beeilte sich zu erklären: „Das ist nur ein wenig Lungenfeuer — ein paar Blutspuren, das kommt häufig vor. Die Wolken-Schwester muss sich immer gleich so aufregen!" Wolke vom Xiang-Fluss errötete und bereute ihren Ausrutscher.
Hsiang-yün errötete und wünschte, sie hätte ihren Mund gehalten. Tan-tschun konnte sehen, wie schwach Dai-yüs Lebensgeister waren und daß sie sehr müde war. Sie erhob sich, um zu gehen:

„Du mußt ruhen und dich im Bett erholen. Wir werden dich nun verlassen und später nochmal vorbeischauen.“

„Dank euch beiden, daß ihr an mich gedacht habt.“

„Kümmer’ dich gut um Fräulein Lin, Dsï-djüan.“ –

„Jawohl, junge Herrin Tan-tschun.“
Spürfrühling sah, dass Kajaljades Kräfte nachließen und sie erschöpft wirkte, und erhob sich schnell: „Schwester, ruh dich still aus. Wir kommen später wieder nach dir sehen." Kajaljade sagte: „Ich danke euch beiden für eure Sorge." Spürfrühling ermahnte Purpurkuckuck noch: „Pass gut auf das Fräulein auf." Purpurkuckuck bejahte. Spürfrühling wollte gerade gehen, da hörte man draußen jemanden losschimpfen.
Sie waren gerade dabei zu gehen, als die schweigsame Atmosphäre prompt von einem lauten Schrei draußen gestört wurde. Wenn du erfahren möchtest, wessen Stimme es war, lies das nächste Kapitel. Wer es war, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
  1. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  2. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
  3. Xiaoxiang-Pavillon (潇湘馆): Kajaljades Wohnsitz im Garten des Großartigen Anblicks, benannt nach dem Xiang-Fluss in Hunan.
  4. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  5. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
  6. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
  7. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".
  8. Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".
  9. Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".
  10. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  11. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
  12. Spürfrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
  13. Wolke vom Xiang-Fluss: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".
  14. Bewahrfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

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