Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 84

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Kapitel 84: DE3 (Schwarz) ↔ DE4 (Woesler)

DE3 (Schwarz) DE4 (Woesler, 2026)
84.Bau-yü hat eine spontane Prüfung, und seine Verlobung wird erstmals diskutiertDjia Huan besucht ein konvulsivisches Kind, und alte Anfeindungen werden neu aufgenommen. Vierundachtzigstes Kapitel
Bau-tschai identifizierte den plötzlichen Schmerz [ihrer Mutter] Frau Hsüäs in der linken Brust als eine Bewegung des schlechten Qis der Leber nach oben in die Brust, hervorgerufen durch die schlimme Szene mit Djin-guee. Weil Bau-tschai die Ursache kannte, wartete sie nicht auf den Arzt, sondern schickte sofort einen Diener aus, um ein Paar Kleinigkeiten zu besorgen, braute eine dicke Brühe für Frau Hsüä und gab es ihr zum Einnehmen. Mit Tjiu-ling massierten sie ihre Beine und Brust, damit sie sich entspanne. Eine Weile beruhigten sich alle; doch Frau Hsüä war weiter traurig und wütend. Sie ärgerte sich über Djin-guees abscheuliches Verhalten und war traurig, daß Bau-tschai so eine Demütigung erleiden mußte. Schriftliche Prüfung — zum ersten Mal wird für Schatzjade[1] [宝玉] eine Heirat vorgeschlagen,
Letztendlich, nach einer weiteren Dosis töchterlicher Beschwichtigung, schlief sie ein und das Qi aus der Leber hatten die Möglichkeit abzusacken. Die Untersuchung eines Schreckkrampfes bringt Unheil Kaufmann[2] [贾环] neuen Groll
„Jetzt mach’ dir bitte keine Sorgen mehr, Mama,“ flehte Bau-tschai, als sie aufwachte. „In ein oder zwei Tagen, wenn du dich ausreichend erholt fühlst, warum gehen wir dann nicht rüber und sehen nach der Herzoginmutter und Tante Wang? Das würde dir sehr gut tun. Tjiu-ling und ich kümmern uns derweil hier um alles, während du fort bist. Und ich bin sicher, es wird von seiner Seite keinen Ärger mehr geben.“

Frau Hsüä nickte: „Vielleicht in ein paar Tagen.“

Endlich kamen die Neuigkeiten an, daß sich die kaiserliche Nebenfrau Yüän[-tschun] erholt hatte und alle in der Familie Djia waren sichtlich erleichtert. Ein oder zwei Tage später kam eine Gesellschaft von Eunuchen aus dem Palast mit Geschenken und Päckchen mit Geld.
Wie berichtet, war Tante Schnee[3] [薛姨妈] von Jinquis Wutanfall so aufgebracht, dass ihr Leberqi[4] aufstieg und sie Schmerzen in der linken Seite bekam. Schatzspange[5] [宝钗] wusste genau, woran es lag, und wartete nicht erst auf den Arzt: Sie ließ ein paar Qian Uncaria-Zweige kaufen, kochte einen starken Sud und gab ihn ihrer Mutter zu trinken. Dann klopften sie und Xiangling Tante Schnees Beine und rieben ihr die Brust. Nach einer Weile beruhigte sie sich ein wenig. Tante Schnee war gleichzeitig traurig und wütend: wütend auf Jinquis Tobsuchtsanfälle und traurig, weil Schatzspanges Geduld sie rührte. Schatzspange redete ihr noch eine Weile gut zu, bis Tante Schnee unversehens einschlief und das Leberqi sich allmählich legte. Schatzspange sagte: „Mama, solchen Ärger darfst du dir nicht zu Herzen nehmen. Wenn du in ein paar Tagen wieder laufen kannst, geh doch einfach hinüber zur Großmutter und zur Tante und plaudere ein wenig, um dich abzulenken. Zu Hause passen Xiangling und ich schon auf — die wird sich schon nicht trauen." Tante Schnee nickte: „Wir werden sehen."
Sie verkündeten, es sei der Wunsch der kaiserlichen Nebenfrau, die Familie für ihren Eifer, den sie bei ihrem Besuch während ihrer Unpäßlichkeit zeigte, zu entschädigen. Die Eunuchen überreichten die sorgfältig verpackten Geschenke. Djia Schë, Djia Dschëng und die anderen Männer traten ein, um der Herzoginmutter davon zu berichten, und kamen alle wieder zurück, um sich für die Großzügigkeit zu bedanken. Als die Eunuchen ihren Tee getrunken hatten und gegangen waren, kehrten alle zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Nach einer Weile, während sie immer noch redeten, kam eine Amme mit einer Nachricht herein:

„Die andere Seite berichtet, daß dort ein Besucher mit einem wichtigen Anliegen für Herrn Djia Schë wartet, meine gnädige Dame.“

Die Herzoginmutter gestattete es, er bedankte sich und ging, um sich um diese Angelegenheit zu kümmern. Als er gegangen war, mußte sie plötzlich an etwas denken und ihr Gesicht wurde von einem Lächeln erhellt.

„Es ist so rührend“, sagte sie und wandte sich zu Djia Dschëng, „wie die kaiserliche Nebenfrau an Bau-yü denkt! An einem Tag fragte sie sogar nach ihm.“

„Bau-yü will nur leider nicht lernen. Ihre Besorgtheit“, antwortete Djia Dschëng mit sarkastischem Lächeln, „ist genauso großzügig wie unverdient.“
Nachdem die Kaiserliche Gemahlin genesen war, herrschte in der Familie allgemeine Freude. Einige Tage später kamen Eunuchen mit Geschenken und Silber und verkündeten den Befehl der Edlen Gemahlin: Da die Familie sich so eifrig um sie gesorgt habe, wolle sie alle belohnen. Gaben und Silber wurden einzeln übergeben. Begnadigung Kaufmann [贾赦] und Aufrecht Kaufmann[6] [贾政] berichteten die Herzoginmutter [贾母], und alle dankten gemeinsam für die kaiserliche Gnade. Nachdem die Eunuchen ihren Tee getrunken hatten, zogen sie sich zurück. Die Familie versammelte sich in die Herzoginmutters Gemächern und plauderte fröhlich eine Weile. Da kam eine Dienerin herein und meldete: „Die Diener lassen ausrichten, dass jemand vom anderen Haus den Ersten Herrn dringend zu sprechen wünscht." die Herzoginmutter wandte sich an Begnadigung Kaufmann: „Geh nur." Begnadigung Kaufmann verließ den Raum.
„Doch ich machte einen glänzenden Bericht über ihn!“ sagte die Herzoginmutter. „Ich sagte, wie gut er mit seinen Aufsätzen vorankäme.“

„Ich wünschte nur, es wäre wahr“, sagte Djia Dschëng mit einem vernichtenden Lächeln.

„Aber ihr verlangt von ihm doch oft, daß er Verse und Dinge für euch verfaßt. Hat er das nicht geschafft, oder wie? Ich bin sicher, er macht Fortschritte. Er ist noch jung, seid geduldig mit ihm. Ein Sprichwort sagt: ‚Ein Kind wird auch nur Löffelchen für Löffelchen zu einem Wonneproppen,‘ wie das Sprichwort sagt.“

Djia Dschëng lächelte pflichtbewußt: „Ja, Mutter.“

„Dies bringt mich,“ fuhr die alte Dame fort, „zu etwas anderem, worüber ich sprechen wollte. Jetzt, wo Bau-yü erwachsen wird, ist es Zeit, daß ihr ernsthaft darüber nachdenkt, ihm eine vernünftige Frau zu suchen. Die Hochzeit ist einer seiner wichtigsten Schritte im Leben. Wir müssen uns nicht zu viele Gedanken darüber machen, wie nah sie mit uns verwandt oder wie wohlsituiert sie ist; doch wir müssen sicher sein, daß sie ein gutes Herz hat und ein hübsches Mädchen ist.“ –
Hier erinnerte sich die Herzoginmutter plötzlich an etwas und sagte lachend zu Aufrecht Kaufmann: „Die Kaiserliche Gemahlin denkt viel an Schatzjade — neulich hat sie eigens nach ihm gefragt." Aufrecht Kaufmann lächelte höflich: „Nur hat Schatzjade nicht recht die Lust zum Lernen und macht der gnädigen Aufmerksamkeit der Gemahlin wenig Ehre." die Herzoginmutter sagte: „Ich habe ihm ein gutes Wort eingelegt und gesagt, er schreibe neuerdings ordentliche Aufsätze." Aufrecht Kaufmann lachte: „Wo käme das dem gleich, was die Alte Ahnin sagt!" die Herzoginmutter erwiderte: „Ihr lasst ihn doch dauernd Gedichte und Aufsätze schreiben — hat er denn gar nichts zuwege gebracht? Ein Kind muss man behutsam anleiten. Wie man so sagt: ‚Auch ein Dicker wurde nicht mit einem Bissen dick.'" Aufrecht Kaufmann beeilte sich, ihr beizupflichten: „Die Alte Ahnin hat völlig recht."
„Danke, daß du mich daran erinnerst, Mutter“, antwortete Djia Dschëng. „Doch so sehr ich die Wichtigkeit, eine Braut zu suchen, anerkenne, liegt der erste Schritt, wie ich finde, bei ihm selbst. Ohne eine bemerkenswerte Verbesserung auf seiner Seite wird er kein echter Mann und keine Karriere machen. Sonst wäre das ein bedauerlicher Fehler für die betroffene junge Dame. Sein derzeitiges faules Betragen kann nur eine eheliche Katastrophe verursachen.“ die Herzoginmutter fuhr fort: „Wo wir schon von Schatzjade sprechen — ich habe noch eine Sache mit dir zu besprechen. Er ist nun alt genug; ihr solltet euch umsehen und ein gutes Mädchen für ihn finden, damit man ihn verloben kann. Das ist eine Angelegenheit für sein ganzes Leben. Es muss nicht unbedingt eine nahe Verwandte sein, und ob arm oder reich, spielt keine Rolle — es kommt nur darauf an, dass man den Charakter des Mädchens gut kennt und sie anständig aussieht." Aufrecht Kaufmann antwortete: „Was die Alte Ahnin anordnet, ist ganz richtig. Nur eines: Das Mädchen mag gut sein, aber er selbst muss sich erst bessern, sonst schadet er dem Ruf eines anständigen Mädchens — wäre das nicht bedauerlich?"
Seine Antwort gefiel seiner Mutter nicht, sie antwortete: „Ich weiß, daß es die Entscheidung der Eltern ist! Das ist nicht meine Sache! Doch Bau-yü ist bei mir groß geworden, und ich kümmere mich sehr um ihn. Es ist kein Wunder, daß ich mich ein bißchen mehr um ihn kümmere. Es kann sein, daß ich mich um die wichtigen Dinge für ihn nicht so gekümmert habe. Er sieht gut aus, und sein Herz ist anständig. Er wird kein Taugenichts werden, wie könntest du meinen, er bedrohe das Glück junger Mädchen. Ich denke nicht, daß ich voreingenommen bin! Auf jeden Fall ist er dem jungen Huan vorzuziehen. Oder wie denkt Ihr darüber?“ die Herzoginmutter war über diese Worte etwas verstimmt und sagte: „Eigentlich seid ihr als Eltern zuständig, und ich müsste mich nicht einmischen. Aber Schatzjade ist von klein auf bei mir aufgewachsen, und ich habe ihn vielleicht ein wenig zu sehr verwöhnt und so seine Erziehung vernachlässigt. Doch wenn ich ihn mir ansehe — sein Aussehen ist ansehnlich, und sein Wesen ist im Grunde aufrichtig; ich glaube nicht, dass er so verdorben ist, dass er einem Mädchen Schaden zufügen würde. Vielleicht bin ich voreingenommen, aber ich halte ihn jedenfalls für etwas besser als Huan. Was meint ihr?"
Djia Dschëng fühlte sich nun sehr unbehaglich und antwortete mit geheuchelter Freundlichkeit: „Du kannst das mit deiner größeren Erfahrung natürlich besser beurteilen, Mutter. Du magst darin richtig liegen, daß das Schicksal ihn begünstigt. Möglicherweise ist es meine eigene – wie soll ich sagen? – Ungeduld. Wahrscheinlich bin ich nicht, wie die Vorfahren sagen, blind für die Fehler der eigenen Kinder, sondern blind für die Vorzüge der eigenen Kinder.“

Das brachte nicht nur die Herzoginmutter zum Lachen, sondern alle Umstehenden auch.

„Ja“, sagte die Herzoginmutter, „und vergiß nicht, wie alt du jetzt bist. Und du bist noch Beamter. Selbstverständlich bist du reich an Erfahrungen.“

Sie wandte sich lächelnd zu den Damen Hsing und Wang und:

„Wenn ihr ihn nur gesehen hättet, als er noch ein Junge war! Er war unmöglich! Doppelt so schlimm wie Bau-yü! Erst die Hochzeit belehrte ihn über ein paar Dinge im Leben. Und jetzt hört er gar nicht mehr auf, sich über den armen Bau-yü zu beschweren. Bau-yü ist in seinem jetztigen Alter bereits viel verständiger, als er es zu der Zeit war.“

Die Damen Hsing und Wang lachten und sagten, daß die Schwiegermutter sehr witzig sei. Dann traten die jüngeren Mägde ein und informierten Yüan-yang, daß das Essen bereit sei, serviert zu werden.

„Sprich lauter!“, rief die Herzoginmutter aus mit wieder hergestelltem heiteren Gemüt. „Weihe mich ein in das Geheimnis!“

Yüan-yang lächelte und gab die Nachricht weiter.

„In diesem Fall“, sagte die Herzoginmutter, „darf sich jeder zum Mittagessen nach Hause zurückziehen, mit Ausnahme von Hsi-Fëng und Vetter Dschëns Frau. Ich hätte gern, daß sie bleiben und mir Gesellschaft leisten.“
Diese wenigen Sätze machten Aufrecht Kaufmann verlegen. Er lachte hastig: „Die Alte Ahnin hat viele Menschen gesehen — wenn sie ihn für gut hält und ihm Glück zuschreibt, wird es gewiss stimmen. Ich bin nur zu ungeduldig gewesen, dass er ein ordentlicher Mensch wird. Vielleicht ist es bei mir ganz im Gegensatz zum alten Sprichwort, und ich sehe gar nicht, wie gut mein eigener Sohn ist." Dieser Satz brachte sogar die Herzoginmutter zum Lachen, und alle lachten mit. die Herzoginmutter sagte: „Du bist inzwischen auch in die Jahre gekommen und bekleidest ein Amt — natürlich wirst du durch Erfahrung immer reifer." Dann blickte sie lächelnd zu Xing Furen und Wang Furen und sprach: „Erinnert euch nur, wie er in seiner Jugend war — mit seinem absonderlichen Temperament, das doppelt so schlimm war wie das von Schatzjade! Erst als er geheiratet hatte, verstand er allmählich, wie man sich unter Menschen benimmt. Und jetzt beschwert er sich nur über Schatzjade! Ich finde, Schatzjade zeigt jetzt sogar ein besseres Gespür für die menschlichen Verhältnisse als er damals." Xing Furen und Wang Furen lachten und sagten: „Die Alte Ahnin erzählt wieder ihre lustigen Geschichten!"
Djia Dschëng, die Damen Wang und Hsing nickten, warteten, bis das Essen aufgetragen war, und dann, nach einigen weiteren Schwänken der Herzoginmutter, brachen sie auf und gingen getrennte Wege.

Nachdem die Dame Hsing gegangen war, kam Djia Dschëng zusammen mit seiner Frau, der Dame Wang, wieder auf das Thema, daß er mit der Herzoginmutter besprochen hatte:

„Meine Mutter kümmert sich so sehr um Bau-yü! Sie hofft, daß er anständig studiert und sich einen guten Namen macht. Hoffentlich enttäuscht er ihre Hoffnung nicht und wird tatsächlich noch eine gute Partie.“

„Was Ihr sagt, ist natürlich richtig!“ stimmte die Dame Wang zu.

Djia Dschëng schickte sofort eine Magd mit folgenden Anweisungen für Li Guee los:
Da kamen kleine Mädchen herein und flüsterten Mandarinenente[7] [鸳鸯] etwas zu. die Herzoginmutter fragte: „Was tuschelt ihr schon wieder?" Mandarinenente erklärte lachend, das Abendessen sei angerichtet. die Herzoginmutter sagte: „Dann geht alle zum Essen. Nur Phönixglanz[8] [熙凤] und die Frau von Zhen sollen bei mir bleiben und mit mir speisen." Aufrecht Kaufmann, Xing Furen und Wang Furen sagten zu, warteten, bis aufgedeckt war, und gingen, als die Herzoginmutter sie noch einmal ermahnte, auseinander.
„Sag’ Bau-yü, ich wünsche, ihn heute Abend zu sehen. Anstatt mich nach der Schule zu besuchen, soll er erst sein Abendbrot einnehmen und danach direkt in mein Arbeitszimmer kommen. Ich habe ihm etwas zu sagen.“ Li Guee nickte.

Li Guee fing an diesem Nachmittag Bau-yü auf seinem Heimweg von der Schule ab: „Besuchen Sie Ihren Vater heute nicht direkt, sondern essen Sie erst zu Abend und besuchen Sie ihn erst danach, weil er Ihnen etwas zu sagen hat.“ Bau-yü schien vom Blitz getroffen; er besuchte seine Großmutter, eilte zurück zum Hof, aß ein kärgliches Mahl, spülte den Mund aus und begab sich zur Wohnung seines Vaters.

Djia Dschëng wartete im inneren Arbeitszimmer auf ihn. Bau-yü trat ein, verbeugte sich und stand dort angespannt.
Xing Furen ging ihres Weges. Aufrecht Kaufmann und Wang Furen traten in ihre Gemächer. Aufrecht Kaufmann kam auf die Herzoginmutters Worte zurück: „Da die Alte Ahnin Schatzjade so liebt, muss er am Ende doch solide Kenntnisse erwerben und sich eines Tages eine Prüfung verdienen, damit die Zuneigung der Alten Ahnin nicht umsonst war und kein Mädchen darunter leidet." Wang Furen stimmte zu: „Was der gnädige Herr sagt, ist natürlich richtig." Aufrecht Kaufmann schickte ein Stubenmädchen hinaus, um Li Gui Bescheid zu geben: „Wenn Schatzjade von der Schule kommt, soll er erst essen und danach zu mir kommen — ich habe ihn noch etwas zu fragen." Li Gui antwortete: „Jawohl."
Djia Dschëng sagte „Ich bin zur Zeit sehr beschäftigt und hatte noch nicht die Gelegenheit, dich nach der Entwicklung deines Studiums zu fragen. Ich erinnere mich, daß der Lehrer dir einen Monat Zeit zur Nachbearbeitung gab, nach welcher er vorhatte, dich Aufsätze schreiben zu lassen. Da inzwischen zwei Monate vergangen sind, solltest du inzwischen schon angefangen haben, denke ich.“ –

„Das habe ich, Herr“, antwortete Bau-yü. „Ich habe drei Aufsätze geschrieben. Der Lehrer sagte, ich solle dir jetzt noch keine Aufsätze zeigen, sondern erst später, wenn sie besser würden. Deswegen habe ich dir die Aufsätze in den letzten Tagen noch nicht gezeigt.“ – „Was waren deine ersten drei Themen?“ –
Als Schatzjade aus der Schule kam und gerade die Begrüßungsrunde machen wollte, trat Li Gui hervor: „Der Zweite Herr braucht noch nicht hinüberzugehen. Der gnädige Herr hat befohlen, dass der Zweite Herr heute erst nach dem Essen kommen soll — es gibt noch Fragen." Bei diesen Worten ging es Schatzjade wie ein Donnerschlag durch den Kopf. Er begrüßte die Großmutter, ging zurück in den Garten, aß hastig zwei, drei Bissen, spülte den Mund und eilte zu Aufrecht Kaufmann.
„Das erste war aus den Gesprächen, Buch zwei“, antwortete Bau-yü. „Der Weise sagt, mit 15 habe er zu studieren begonnen.“ Das zweite Thema war auch aus den Gesprächen, Buch eins: „Hasse den nicht, der dich nicht versteht.“ Und das dritte war Mencius, Buch drei, Teil zwei: „Entweder gehört man der Schule Mo oder Yang an“.

„Und hast du deine Entwürfe aufbewahrt?“, fragte Djia Dschëng.

„Ich habe ausreichend Abschriften von allen dreien, mit den Verbesserungen des Lehrers.“

„Sind sie zu Hause oder im Schulraum?“

„Im Schulraum.“

„Dann laß jemanden gehen und sie besorgen. Ich würde sie gerne sehen.“

Bau-yü schickte eine Eilnachricht an Bee-ming: „Gehe in den Schulraum; in der Schublade unter meinem Pult ist ein dünnes Schreibheft aus Bambuspapier, auf dem Achtgliedrige Aufsätze steht. Bring es schnell her!“

Nach kurzer Zeit kehrte Bee-ming mit dem Heft zurück, welches er Bau-yü gab, der es Djia Dschëng zeigte. Djia Dschëng schlug die erste Seite auf und begann den ersten Achtgliedrigen Aufsatz von Bau-yü mit dem Thema „Mit 15 zu studieren anfangen“ zu lesen.

Der Weise nahm sich vor, zu studieren, obwohl er jung war.

Der Lehrer hatte aber das Zeichen für „jung“ in „fünfzehn Jahre“ korrigiert.

Djia Dschëng fragte Bau-yü:
Aufrecht Kaufmann saß in seinem privaten Arbeitszimmer. Schatzjade trat ein, begrüßte ihn und blieb wartend stehen. Aufrecht Kaufmann fragte: „In den letzten Tagen hatte ich einiges im Kopf und vergaß, dich zu fragen. Du sagtest neulich, dein Lehrer wolle dich einen Monat den Stoff erklären lassen und dir dann das Aufsatzschreiben beibringen. Es sind nun schon fast zwei Monate — hast du überhaupt angefangen zu schreiben?" Schatzjade antwortete: „Ich habe drei Stücke geschrieben. Der Lehrer meinte, es sei noch nicht nötig, dem Vater Bescheid zu geben; wenn sie besser seien, solle ich berichten. Deshalb habe ich in den letzten Tagen nichts gesagt." Aufrecht Kaufmann fragte: „Welche Themen?" Schatzjade sagte: „Das erste war ‚Mit fünfzehn richtete ich meinen Willen aufs Lernen', das zweite ‚Wenn andere einen nicht kennen und man doch nicht grollt', das dritte die drei Zeichen ‚Dann wendet man sich Mo zu'." Aufrecht Kaufmann fragte: „Hast du die Entwürfe?" Schatzjade antwortete: „Ich habe sie ins Reine geschrieben, und der Lehrer hat Korrekturen angebracht." Aufrecht Kaufmann: „Hast du sie mitgebracht oder sind sie noch in der Schule?" Schatzjade: „Sie sind in der Schule." Aufrecht Kaufmann: „Lass sie holen." Schatzjade schickte sogleich einen Boten zu Beiming: „Er soll in der Schule in meiner Schublade ein dünnes Heft auf Bambuszellenpapier suchen, auf dem ‚Schulaufgaben' steht, und es schnell herbringen."
„Du hast ja vorher ‚jung‘ geschrieben, das stimmt ja mit dem Thema nicht ganz überein, weil ‚jung‘ die Phase von klein an bis sechzehn Jahren. Dieser Aufsatz geht darüber, wie der Weise darüber spricht, wie er selbst, als er anfing zu studieren, immer weiter voran kam, deshalb die Altersangaben fünfzehn, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig. So kann man erst seine Entwicklung sehen. Er beschreibt, wie man bis zu jenem Jahrzehnt jenen Meilenstein erreicht hat; deshalb hat der Lehrer ‚jung‘ in ‚mit fünfzehn Jahren‘ korrigiert. So kann man es besser verstehen.“

Im Achtgliedrigen Aufsatz folgte auf zwei Sätze Einleitung eine Interpretation, so las Djia Dschëng die Interpretation.

Bau-yüs Text, bevor der Lehrer diesen korrigiert hatte, lautete:

„Wenn ein Mann nicht zum Studium motiviert ist, ist er ein gewöhnlicher Mensch.“

Djia Dschëng schüttelte den Kopf und sagte: „Du bist ja noch recht kindisch. Man sieht ja, daß in dir keine Motivation zum Gelehrten steckt. Dann ging er weiter im Text: „Der Weise hat mit 15 schon angefangen zu studieren, wie schwer muß das sein.“ – Wie kann man denn so etwas schreiben, das ist doch kein Satz.“ Er sah dann die Korrektur des Lehrers. „Wie sollte der Mann nicht studieren, wenn er nicht vorhat, ein Elite-Gelehrter zu werden? Deshalb glaubt der Weise, mit 15 zu studieren anfangen zu können.“ Er fragte, „Hast du verstanden, was der Lehrer korrigiert hat?“ – „Ich habe es verstanden.“

Djia Dschëng ging zum zweiten Thema über: „Hasse den nicht, der dich nicht versteht.“ Er las die korrigierte Version des Lehrers, übersetzte sie sich selbst und fuhr fort:

„Wenn man sich nicht versteht und man sich nicht haßt, teilt man auch die Freude nicht.“

Er kniff seine Augen zusammen, um verwischtes Original zu entziffern:

„Was hast du denn geschrieben? ‚Wenn man kein wütendes Herz hat, gehört man zu den Gelehrten.‘ Mit diesem Satz hast nur das halbe Thema behandelt. Das muß ja korrigiert werden, damit es mit dem Thema zusammenpaßt. Der Folgesatz muß ja den Anfangstext erklären, so kann der Text ja erst fließen und logisch sein. Du brauchst Sorgfalt und Verständnis, dann erst kann es klappen.“
Bald kam Beiming mit dem Heft, reichte es Schatzjade, und Schatzjade legte es Aufrecht Kaufmann vor. Aufrecht Kaufmann schlug es auf und sah als erstes Thema: „Mit fünfzehn richtete ich meinen Willen aufs Lernen." Schatzjades ursprüngliche Einleitung lautete: „Der Heilige richtete seinen Willen aufs Lernen, und zwar von Kindheit an." Dairu hatte jedoch das Wort „Kindheit" gestrichen und stattdessen ausdrücklich „fünfzehn" geschrieben. Aufrecht Kaufmann sagte: „Dein ursprüngliches ‚Kindheit' trifft das Thema nicht genau. ‚Kindheit' reicht vom Kleinkind bis zum sechzehnten Lebensjahr. In diesem Kapitel beschreibt der Heilige, wie sein Studium mit den Jahren fortschritt; deshalb müssen fünfzehn, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig jeweils ausdrücklich genannt werden, damit man sieht, wie er in jedem Alter einen anderen Stand erreichte. Dass der Lehrer dein ‚Kindheit' durch ‚fünfzehn' ersetzt hat, macht es wesentlich klarer." Bei der Weiterführung las er Schatzjades gestrichenen Originalsatz: „Denn nicht nach Lernen zu streben, ist das Gewöhnliche bei den Menschen." Aufrecht Kaufmann schüttelte den Kopf: „Das ist nicht nur kindisch, sondern zeigt, dass du von Natur aus keinen Ehrgeiz zum Studium hast." Der nächste Satz lautete: „Dass der Heilige mit fünfzehn danach strebte — ist das nicht schwer?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Das ist noch schlimmer." Dann las er Dairus Korrektur: „Wer lernt nicht? Doch jene, die ihren Willen aufs Lernen richten, sind am Ende selten. Darum sprach der Heilige voller Überzeugung bereits im Alter von fünfzehn Jahren sein Bekenntnis aus." Er fragte: „Verstehst du die Korrektur?" Schatzjade antwortete: „Ja."
Bau-yü stimmte zu. Djia Dschëng las weiter und sagte: „Du weißt nicht, daß jeder wütend werden kann? Wie soll denn das gehen? Wie könnte man auf diesem Wege noch erreichen, dann noch über Freude zu sprechen?“ Der Original-Satz war: „Oder gehört man nicht zu den Gelehrten?“ – Djia Dschëng sagte: „Das ist der gleiche Fehler, was geändert wurde, ist richtig. Obwohl ich einigermaßen verstehe, was du damit sagen willst. Man kann es gerade durchgehen lassen.“ –

Das dritte Thema war: „Alle Äußerungen auf der Welt gehören nicht zur Yang-Schule der Orthodoxie, sondern zur Mo-Schule der Häresie.“ Djia Dschëng las das Thema, hob den Kopf, dachte eine Weile nach und fragte dann Bau-yü: „Seit ihr schon so weit im Stoff?“

Bau-yü antwortete: „Der Lehrer hat gesagt, Meng-zi sei leicht verständlich, deshalb haben wir ihn vorgezogen. Bis vorgestern haben wir Meng-zi beendet. Heute lesen wir wieder die Gespräche.“

Djia Dschëng sah, daß Bau-yüs Text nicht viel vom Lehrer korrigiert worden war. In der Einführung stand: „Die Wörter, die außerhalb der Yang-Schule gesprochen werden, können nicht zur Yang-Schule gehören.“ Djia Dschëng sagte, „Der zweite Satz ist ja etwas schwierig für dich.“---„Der Mensch der Mo-Schule ist derjenige, der frei von Gier ist. Die Gedanken der Mo-Schule haben die halbe Welt erreicht, aber alles außerhalb der Yang-Schule. Die Gier gehört nicht zur Mo-Schule, ist das nicht so?“ – Djia Dschëng fragte: „Hast du das geschrieben?“ –

„Jawohl, Herr.“

Er nickte nachdenklich.
Dann sah er sich den zweiten Aufsatz an, zum Thema „Wenn andere einen nicht kennen und man doch nicht grollt". Er las zuerst Dairus Fassung: „Wer nicht grollt, obwohl man ihn nicht kennt, der hat am Ende seine Freude am Lernen nicht verändert." Dann betrachtete er den gestrichenen Originaltext und sagte: „Was hast du da geschrieben? ‚Fähig zu sein, niemandem zu grollen — das ist das Wesen eines reinen Gelehrten.' Der erste Satz behandelt nur die drei Zeichen ‚und doch nicht grollt' und versäumt das Gesamtthema; der zweite Satz greift schon in den folgenden Abschnitt über den ‚Edlen' ein. Erst die Korrektur trifft den richtigen Rahmen; zudem greift der Folgesatz sauber auf den vorherigen Text zurück — erst das entspricht dem Sinn des Buches. Du musst sorgfältig darüber nachdenken." Schatzjade bejahte. Aufrecht Kaufmann las weiter: „Denn wer nicht bekannt ist — da gibt es keinen, der nicht grollt; und doch ist es bei ihm nicht so. Ist das nicht, weil einer, der Freude an der Lehre findet, allein dies zu erreichen vermag?" Der Originalsatz am Ende lautete: „Ist er nicht ein reiner Gelehrter?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Das hat denselben Fehler wie die Einleitung. Die Korrektur ist zwar auch nichts Besonderes — nur klarer, aber immerhin annehmbar."
„Natürlich ist nichts Brilliantes daran, doch für den ersten Versuch ist es nicht schlecht, muß ich sagen. Ah, Mencius! Ich erinnere mich, wie ich während meiner obligatorischen Zeit als Prüfer die Gelegenheit hatte, eines meiner Themen zu bearbeiten. Das Thema war von Menzius: ‚Nur ein Gelehrter kann ohne festes Einkommen und Kapital feste moralische Prinzipien haben und sich rechtschaffen verhalten‘. Damals hat keiner der Kandidaten des ersten Grades, muß ich leider sagen, deren Köpfe voll mit Standard-Kompositionen über dieses Thema waren, etwas Originelles hervorgebracht. Alles Nachahmungen. Bist du mit dem Zitat vertraut?“ –

„Ja, Herr.“, sagte Bau-yü. Djia Dschëng sagte: „Ich will, daß du deine Einstellung wechselst. Greife nicht auf die Tradition zurück, sondern denke dir etwas aus. Auch eine Eröffnung wäre in Ordnung.“

Bau-yü stimmte unwillig zu. Er senkte konzentriert seinen Kopf und begann, sich den Kopf über einen prägnanten Einleitungssatz zu zerbrechen, während Djia Dschëng gedankenvoll im Eingang stand und die Hände hinter dem Rücken hielt. Genau in diesem Moment flitzte ein winziger Page vorbei. Als er den Herrn im Eingang stehen sah, erstarrte er, sein Körper war sichtlich gebeugt, seine Arme hingen schlaff herunter.

„Was ist dein Anliegen, Junge?“, fragte Djia Dschëng.

„Frau Hsüä ist gerade bei der gnädigen Herrin angekommen, und Frau Liän hat mich mit speziellen Anweisungen für die Küche geschickt, Herr.“ Djia Dschëng hörte das, gab keine Antwort, und der Page verschwand.

Seit Bau-tschai aus dem Garten abgereist war, vermißte Bau-yü sie sehr. Als er nun hörte, daß Frau Hsüä zu Besuch sei, vermutete er, daß Bau-tschai auch da wäre. Seine Aufregung über den Gedanken, sie wiederzusehen, spornte ihn an:

„Ich habe den Entwurf einer Eröffnung für Sie, aber ich weiß nicht, ob es geht.“ –

„Dann laß mal hören!“, erwiderte Djia Dschëng.
Der dritte Aufsatz behandelte „Dann wendet man sich Mo zu". Aufrecht Kaufmann las das Thema, legte den Kopf in den Nacken und überlegte, dann fragte er Schatzjade: „Bist du mit dem Stoff schon so weit?" Schatzjade sagte: „Der Lehrer meinte, der Mengzi sei leichter verständlich, deshalb hat er ihn zuerst durchgenommen. Vorgestern hat er ihn beendet. Jetzt lesen wir die Lunyu." Aufrecht Kaufmann sah sich Einleitung und Fortführung an — hier war kaum etwas korrigiert. Die Einleitung lautete: „Außerhalb der Lehre Yangs, so scheint es, gäbe es nichts, wohin man sich wenden könnte." Aufrecht Kaufmann sagte: „Der zweite Satz — das muss man dir lassen." Dann las er: „Die Lehre Mos ist nicht etwas, dem man sich bewusst zuwendet; doch Mos Worte haben bereits die halbe Welt erfüllt. Wer also die Lehre Yangs verlässt und sich nicht der Lehre Mos zuwenden will — wie könnte ihm das gelingen?" Aufrecht Kaufmann fragte: „Hast du das wirklich selbst geschrieben?" Schatzjade bejahte. Aufrecht Kaufmann nickte: „Es ist zwar nichts Herausragendes, aber für einen Erstversuch durchaus annehmbar. Als ich vor zwei Jahren im Amt war, habe ich einmal das Thema ‚Nur der Gelehrte vermag es' gestellt. Die Prüflinge hatten alle die berühmten Musteraufsätze dazu gelesen und konnten nichts Eigenes hervorbringen — sie haben nur abgeschrieben. Hast du das auch gelesen?" Schatzjade sagte: „Ja." Aufrecht Kaufmann sagte: „Ich will, dass du einen völlig neuen Gedanken findest, ohne die Vorgänger zu kopieren — auch nur eine Einleitung genügt."
Bau-yü las vor: „Nicht alle Gelehrten auf dieser Welt können ohne Kapital gut sein.“

Djia Dschëng nickte.

„Das geht. In Zukunft mußt du, wenn du Aufsätze schreibst, die Themenabgrenzung klar erkennen, erst wenn du das verstanden hast, darfst du deinen Pinsel schwingen. Sag’ mir, wußte deine Großmutter, daß ich nach dir schickte?“ –

„Ja, Herr.“ –

„Wenn das so ist, dann geh jetzt dorthin.“ –

„Ja!“
Schatzjade konnte nur zustimmen, senkte den Kopf und grübelte angestrengt. Aufrecht Kaufmann stand mit verschränkten Armen an der Tür und dachte ebenfalls nach. Da sah er einen kleinen Diener hinausrennen, der beim Anblick Aufrecht Kaufmanns stehenblieb und die Hände sinken ließ. Aufrecht Kaufmann fragte: „Was ist?" Der Diener antwortete: „Drüben bei der Alten Ahnin ist Tante Schnee eingetroffen. Die Zweite Herrin lässt das Essen vorbereiten." Aufrecht Kaufmann sagte nichts, und der Diener ging.
Bau-yü begab sich rückwärts aus dem Arbeitszimmer und ging über den gepflasterten Weg, imitierte dabei bis zur Perfektion die gemächliche Gangart eines Gelehrten. Sobald er das Mondhöhlentor am Ende des Ganges erreicht hatte und diese große schützende Abschirmung zwischen sich und dem Arbeitszimmer war, begann er zu rennen und stürmte direkt zu den Gemächern der Herzoginmutter.

„Vorsicht, stolpere nicht! Der gnädige Herr kommt!“, rief Bee-ming ihm nach.

Bau-yü hörte das nicht. Als er sich dem Eingang zu den Gemächern der Herzoginmutter näherte, konnte er den Klang von Gesprächen und Gelächter von innen her hören. Er konnte unter anderem die Stimme seiner Mutter, der Dame Wang, Hsi-fëng und Tan-tschun ausmachen.

Wie die Mägde ihn kommen sahen, zogen sie schnell den Vorhang beiseite und flüsterten ihm im Vorbeigehen zu: „Frau Hsüä ist hier, damit du es weißt.“

Bau-yü eilte, um seine Tante zu begrüßen und machte dann seiner Großmutter die abendliche Aufwartung. Die Herzoginmutter fragte: „Warum kommst du erst so spät von der Schule?“
Schatzjade hatte Schatzspange seit ihrem Umzug nach Hause sehr vermisst. Als er hörte, dass Tante Schnee da war, nahm er an, Schatzspange sei mitgekommen, und sein Herz schlug sofort schneller. Er wagte sich vor und sagte: „Ich habe eine Einleitung verfasst, weiß aber nicht, ob sie taugt." Aufrecht Kaufmann sagte: „Lies vor." Schatzjade sprach: „Nicht alle Menschen auf der Welt sind Gelehrte; jene, die ohne festen Besitz dennoch Bestand haben, sind wahrlich selten." Aufrecht Kaufmann hörte es, nickte und sagte: „Das geht noch. Beim Aufsatzschreiben musst du immer zuerst die Grenzen klar ziehen und den Kerngedanken durchdenken, ehe du zur Feder greifst. Weiß die Großmutter, dass du hier bist?" Schatzjade sagte: „Ja." Aufrecht Kaufmann sagte: „Dann geh zur Großmutter."
Er berichtete ihr ausführlich von seinem Gespräch mit Djia Dschëng, und ihr Gesicht strahlte vor Freude und Begeisterung.

„Wo ist Kusine Bau-tschai?“, fragte er an die gesamte Gesellschaft gewandt.

„Sie konnte heute nicht mit mir kommen“, sagte Frau Hsüä lächelnd, „sie und Hsiang-ling haben zu Hause noch viele Näharbeiten zu verrichten.“

Bau-yü war sehr enttäuscht, wagte es aber nicht, sofort wieder zu gehen. Das Essen wurde aufgetragen und die Herzoginmutter und Frau Hsüä setzten sich an den Tisch, während Tan-tschun und die anderen weiter unten Platz nahmen.

„Wo soll Bau-yü sitzen?“, fragte Frau Hsüä.

„Er kommt hier an meine Seite“, sagte Herzoginmutter mit einem Lächeln.

„Li Guee sagte mir, ich solle erst essen, bevor ich Vater antreffe,“ informierte sie Bau-yü eilig, „deshalb verlangte ich nach einem schnellen Mahl, als ich aus der Schule kam. Ich bekam einen Teller mit Fleisch und Gemüse, eine Schale Reis und Tee. Fahrt doch bitte fort.“
Schatzjade antwortete mit „Ja" und zog sich betont langsam zurück. Kaum war er hinter der Mondtormauer verschwunden, rannte er wie der Blitz zum Eingang von die Herzoginmutters Hof. Der arme Beiming lief hinterher und rief: „Passt auf, dass Ihr nicht stolpert! Der gnädige Herr könnte kommen!" Doch Schatzjade hörte nichts. Kaum durch die Tür, vernahm er die Stimmen von Wang Furen, Phönixglanz, Spürfrühling[9] [探春] und anderen in heiterem Gelächter. Die Mädchen sahen Schatzjade kommen, hoben schnell den Vorhang und flüsterten: „Die Tante ist hier." Schatzjade eilte hinein, begrüßte zuerst Tante Schnee und dann die Großmutter. die Herzoginmutter fragte: „Warum bist du heute so spät aus der Schule?" Schatzjade berichtete ausführlich von der Aufsatzprüfung und der Aufgabe, die Aufrecht Kaufmann ihm gestellt hatte. die Herzoginmutter strahlte vor Freude.
„In diesem Fall“, sagte die Herzoginmutter, kann Hsi-fëng kommen und bei uns sitzen. Deine Mutter sagt, heute sei einer ihrer vegetarischen Tage, deshalb kann sie alleine essen.“

„Das stimmt“, sagte die Dame Wang. „Du speist mit ihnen. Warte nicht auf mich. Ich werde daheim mein Gemüse essen.“

Hsi-fëng nahm höflich Platz, und die Mägde teilten Weinschalen und Stäbchen aus. Dann ging Hsi-fëng mit einer Weinkaraffe herum und ging, als eines jeden Schale voll war, zurück an ihren Platz.

Nachdem alle etwas Wein getrunken hatten, fragte die Herzoginmutter:

„Hörte ich dich nicht gerade Hsiang-ling sagen? Das ist lustig. Eines meiner Dienstmädchen sprach vor kurzem noch über jemanden, der Tjiu-ling genannt wird, und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wer damit gemeint sein könnte. Als ich sie fragte, sagte sie mir, es sei Hsiang-lings neuer Name. Jetzt sag’ mir, wofür ändert sie bloß ihren Namen?“
Schatzjade fragte in die Runde: „Wo sitzt Schwester Schatzspange?" Tante Schnee lächelte: „Deine Schwester Schatzspange ist nicht mitgekommen — sie näht mit Xiangling zu Hause." Enttäuscht wollte Schatzjade lieber gehen, brachte es aber nicht über sich. Inzwischen war aufgedeckt worden. Natürlich saßen die Herzoginmutter und Tante Schnee oben, Spürfrühling und die anderen an den Seiten. Tante Schnee fragte: „Wo ist Schatzjade?" die Herzoginmutter lachte: „Schatzjade setzt sich hierher neben mich." Schatzjade antwortete hastig: „Als ich vorhin aus der Schule kam, hat Li Gui mir die Nachricht des Vaters überbracht: Ich solle erst essen und dann zu ihm kommen. Ich habe mir schnell eine Schüssel Reis mit einem Gericht genommen — die Alte Ahnin, die Tante und die Schwestern mögen ohne mich speisen." die Herzoginmutter sagte: „Gut, dann komm du her, Phönixglanz, und iss mit mir. Deine Tante fastet heute, hat sie mir gesagt — sie sollen für sich essen." Wang Furen bestätigte: „Iss du bei der Großmutter und der Tante — warte nicht auf mich, ich faste." Phönixglanz nahm Platz, ein Mädchen stellte Becher und Stäbchen hin, Phönixglanz schenkte eine Runde ein und setzte sich dann.
Frau Hsüäs Wangen erröteten schnell, und sie seufzte: „Bitte sprich darüber nicht noch einmal, gnädige Frau. Seit dem Tag, als Pan die Frau geheiratet hatte, die gut und böse nicht unterscheiden kann, hatten wir keine friedlichen Momente mehr. Die Zankereien, die Garstigkeiten, es war grauenhaft. Ich habe mehrmals versucht, mit ihr zu reden, doch sie ist unzugänglich für Vernunft. Und ich halte es nicht mehr aus, ständig in Streitereien zu geraten, deswegen lasse ich sie streiten. Ja, sie beschloß, Hsiang-lings Namen zu ändern. Das liegt bestimmt daran, daß sie den Namen des Mädchens nicht mochte.“

„Also“, sagte die Herzoginmutter, „Namen sind Schall und Rauch.“ –

„Ich könnte vor Scham sterben!“ sagte Frau Hsüä. „Ich bin sicher, ihr alle wißt den wahren Grund. Es lag nicht am Namen. Sie hat davon erfahren, daß Bau-tschai den Namen verliehen hatte. Das war es, was sie wirklich zu beanstanden hatte.“

„Was meinst du?“, fragte die Herzoginmutter.

Frau Hsüä mußte die ganze Zeit mit einem Taschentuch ihre Augen betupfen. Sie seufzte noch einmal tief, bevor sie in der Lage war, fortzufahren.

„Weißt du es sicher nicht? Absolut alles, was meine Schwiegertochter macht, geschieht mit der Absicht, Bau-tschai zu provozieren. Vorgestern, als du jemanden schicktest, um nach mir zu sehen, waren wir mitten in einer dieser Szenen!“ –
Beim Trinken fragte die Herzoginmutter: „Vorhin erwähnte die Tante Xiangling — die Mädchen haben neulich ‚Qiuling' gesagt, und ich wusste gar nicht, wer das ist, bis ich nachfragte. Warum hat das Kind einen neuen Namen bekommen?" Tante Schnee errötete und seufzte: „Fragen Sie lieber nicht, Alte Ahnin! Seit mein Pan diese unausstehliche Frau geheiratet hat und es täglich Streit gibt, sieht es bei uns kaum noch wie ein ordentliches Haus aus. Ich habe ihm mehrfach ins Gewissen geredet, aber er ist halsstarrig und hört nicht; mir fehlt die Kraft, mich ständig mit ihnen zu zanken. Also lass ich sie machen. Hat nicht sie den Namen geändert, weil er ihr nicht gefiel!" die Herzoginmutter sagte: „Ein Name ist doch keine große Sache." Tante Schnee fuhr fort: „Wenn ich ehrlich bin — es ist mir peinlich, aber vor der Alten Ahnin gibt es nichts zu verbergen. Es geht ihr gar nicht um den Namen; sie hat gehört, dass Schatzspange ihn ausgesucht hat, und das allein ist der Grund, warum sie ihn ändern wollte." die Herzoginmutter fragte: „Was hat denn Schatzspange damit zu tun?" Tante Schnee tupfte sich unablässig die Tränen mit dem Taschentuch ab und seufzte: „Was die Alte Ahnin noch nicht weiß: Neuerdings legt sich die Schwiegertochter ständig mit Schatzspange an. Neulich, als Sie jemanden schickten, nach mir zu sehen — bei uns war gerade großer Krach."
„Das muß an dem Tag gewesen sein, als du, wie ich hörte, einige Leberbeschwerden hattest“, sagte die Herzoginmutter taktvoll. „Ich schickte jemanden, der nach dir sehen sollte, doch dann hörte ich, daß es dir wieder besser ginge und dachte daher nicht weiter darüber nach. Wenn du mich fragst, rate ich dir, es dir nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Sie sind ein frisch verheiratetes Paar und du mußt ihnen Zeit geben. Und du kannst so froh sein, Bau-tschai zu haben. Sie ist so ein freundliches, unerschütterliches Mädchen. Sie mag zwar jung sein, aber sie ist einige Male stärker als ein Erwachsener! Als meine Magd zurückkam und uns erzählte, was an diesem Tag passiert und wie sie damit umgegangen sei, haben wir sie alle sehr gelobt. So ein wunderbarer Charakter! Sie sticht aus hundert Mädchen hervor. Wenn sie einst heiratet - nimm mir nicht übel, daß ich es erwähne - wird es keine Schwiegereltern geben, die sie nicht mögen. Und auch die ganze Familie wird von ihr überzeugt sein, da bin ich sicher.“

Bau-yü empfand den Inhalt dieses Gespräche als unausstehlich und suchte nur nach einer Ausrede, um gehen zu können. Aber als seine Großmutter mit ihrer Lobrede auf Bau-tschai anfing, hörte er erstarrt weiter zu.

„Was bringt das?“, fragte Frau Hsüä. „Was auch immer ihre Vorzüge sein mögen, sie ist letztlich doch nur eine Tochter. Mit einem so hoffnungslosen Sohn wie Pan werde ich keinen Frieden finden. Immer wieder bin ich in Sorge, wenn er unterwegs zu seinen Lieblingsorten ist, jede Menge trinkt und wieder in eine Rauferei gerät. In der Tat ist die einzige Zeit, in der ich mich beruhigt fühle, wenn er hier beim alten Herrn [Djia Dschën] und beim zweiten Herrn [Djia Liän] ist.“
die Herzoginmutter fragte sogleich: „Neulich hörte ich, dass du Leberschmerzen hattest, und wollte jemanden schicken; dann hieß es, es gehe dir besser, und ich habe es gelassen. Wenn du mich fragst: Nimm dir das alles nicht so zu Herzen! Außerdem sind sie ja noch frisch verheiratet — mit der Zeit wird sich alles geben. Schatzspange hat ein sanftes, gelassenes Wesen; obwohl sie noch jung ist, ist sie reifer als manch ein Erwachsener. Als neulich das kleine Mädchen zurückkam und erzählte, haben wir hier alle noch eine ganze Weile über sie gesprochen. Ein Mädchen wie Schatzspange — eine unter hundert! Ich sage es ohne Umschweife: Wenn die einmal Schwiegertochter wird, wie sollen die Schwiegereltern sie nicht liebhaben, wie sollte das ganze Haus sie nicht respektieren!"
Hier brachte sich Bau-yü ein:

„Es gibt wirklich nichts zu befürchten, Tantchen. Ich kann für Vetter Pans Freunde bürgen. Sie sind alle ernsthafte Geschäftsmänner und viel zu anständig, um sich in Ärger verwickeln zu lassen.“

„In diesem Fall“, sagte Frau Hsüä mit einem Lächeln, „sollte ich mir besser doch keine Sorgen machen.“

Das Abendessen war gerade vorbei, als sich Bau-yü damit entschuldigte, daß er noch etwas für den Abend vorzubereiten habe. Die Mägde servierten den Tee, als Hu-po den Raum betrat und etwas in das Ohr der Herzoginmutter flüsterte. Sie drehte sich zu Hsi-fëng:

„Du solltest besser schnell gehen. Es ist Tjiau-djiä.“ Hsi-fëng hatte keine Ahnung, um was es gehen könnte, und die anderen waren genau so verwundert wie sie.

„Ping schickte eine ihrer jüngeren Mägde mit einer Nachricht für sie, die zweite gnädige Frau,“ führte Hu-po aus und ging dort hin, wo Hsi-fëng saß. „Fräulein Tjiau-djiä scheint es überhaupt nicht gut zu gehen, wenn Sie dann bitte so schnell wie möglich hinübergehen könnten.“ –
Schatzjade hatte schon ungeduldig zugehört und wollte einen Vorwand suchen, um zu gehen; als er aber diese Worte hörte, blieb er sitzen und lauschte mit starrem Blick. Tante Schnee sagte: „Das nützt nichts — sie mag noch so gut sein, am Ende ist sie doch ein Mädchen. Dass ich diesen verwirrten Pan großgezogen habe, beunruhigt mich wirklich: Ständig fürchte ich, er trinkt draußen und richtet Unheil an. Zum Glück sind die jungen Herren von hier oft mit ihm zusammen — da bin ich ein wenig beruhigter." Schatzjade fiel ihr ins Wort: „Tante, da brauchst du dir wirklich keine Sorgen zu machen. Die Freunde des großen Bruders Xue sind allesamt ehrbare Großkaufleute mit Ansehen — da passiert schon nichts." Tante Schnee lachte: „Nach deinen Worten bräuchte ich mich wohl überhaupt nicht mehr zu sorgen." Währenddessen war das Essen vorbei. Schatzjade verabschiedete sich als Erster, da er abends noch lernen musste, und alle gingen auseinander.
„Am besten gehst du jetzt sofort“, sagte die Herzoginmutter. „Du mußt nicht auf der Feier für deine Tante Hsüä bleiben.“ –

„Ja, Großmutter“, sagte Hsi-fëng und verabschiedete sich von Frau Hsüä. Als sie auf dem Weg nach draußen war, hörte sie die Dame Wang sagen:

„Geh du erst hinüber, ich komme gleich. Ermahne die Mägde, ruhig zu sein und nicht zu viel Wirbel zu machen. Die Kleinen werden so schnell unruhig. Und vergewissere dich, daß die Katzen und Hunde gut aus dem Weg gehalten werden. Armes Kind! Aber ich glaube, solche Störungen kann man selbst in einer derart reich gesegneten Familie wie unserer erwarten.“

Hsi-fëng versprach der Dame Wang, ihre Anweisungen auszuführen, und ging mit ihrer Magd fort. Nach ihrem Abgang erkundigte sich Frau Hsüä weiter nach Dai-yüs Gesundheit.

„Fräulein Dai-yü geht es soweit gut“, antwortete die Herzoginmutter, „sie nimmt nur alles so schwer. Wenn du mich fragst, zehrt das an ihrer Gesundheit. Sie mag zwar so klug wie Bau-tschai sein, doch im Umgang mit Menschen kann man sie nicht vergleichen. Bau-tschai ist so anständig, großzügig und rücksichtsvoll.“

Das Gespräch ging noch etwas weiter, und dann sagte Frau Hsüä.
Gerade wurde der Tee aufgetragen, als Hupo herbeikam und die Herzoginmutter etwas ins Ohr flüsterte. die Herzoginmutter wandte sich sogleich an Phönixglanz: „Geh schnell und sieh nach Qiaojie!" Phönixglanz wusste noch gar nicht, was los war. Alle anderen waren ebenfalls verwundert. Hupo trat zu Phönixglanz und sagte: „Eben hat Friedchen[10] [平儿] ein kleines Mädchen geschickt, um der Zweiten Herrin zu melden, dass es Qiaojie nicht gut geht und die Herrin schnell kommen möge." die Herzoginmutter sagte: „Geh sofort — die Tante ist ja kein Gast." Phönixglanz entschuldigte sich hastig bei Tante Schnee. Da sagte Wang Furen: „Geh du voraus, ich komme gleich nach. Kleine Kinder haben noch empfindliche Seelen — lass die Mädchen nicht so einen Aufstand machen! Und achtet auf Katzen und Hunde im Zimmer. Bei einem so kostbaren Kind muss man auf jede Kleinigkeit aufpassen." Phönixglanz sagte „Ja" und eilte mit einem kleinen Mädchen in ihre Gemächer.
„Ruht euch nun aus. Ich sehe besser nach, wie Bau-tschai und Hsiang-ling daheim zurecht kommen. Ich gehe dann mit Tante Wang und schaue auf meinem Weg bei Tjiau-djiä vorbei.“ –

„Was für eine gute Idee“, sagte die Herzoginmutter. „Mit deiner Erfahrung wirst du ihnen einen nützlichen Rat geben können, da bin ich sicher.“

Frau Hsüä brach auf und ging mit der Dame Wang zu Hsi-fëngs Wohnung.

Um zu Djia Dschëng zurückzukommen: er war wirklich angenehm überrascht von Bau-yüs Darbietung an diesem Abend und erwähnte es später im Zuge einer Unterhaltung mit seinen Gästen im äußeren Arbeitszimmer. Ein Neuzugang unter ihnen, ein ausgezeichneter Go-Spieler mit dem Namen Wang Örl-tiau, auch Vermittler Wang genannt, bemerkte: „Ich denke, Herr Bau-yü hat in seinen Studien gute Fortschritte gemacht. Er entwickelt sich so langsam zu einem kultivierten jungen Gesellen.“ –
Tante Schnee erkundigte sich nach Kajaljade[11]s Gesundheit. die Herzoginmutter sagte: „Das Lin-Mädchen hat sonst nichts, nur nimmt sie alles zu schwer — deshalb ist ihr Körper nicht recht kräftig. Was Klugheit betrifft, steht sie Schatzspange kaum nach; aber an Großmut und Güte im Umgang reicht sie nicht an ihre Schwester Bao heran, die so nachsichtig und duldsam ist." Tante Schnee plauderte noch ein wenig und sagte dann: „Die Alte Ahnin möge sich ausruhen — ich muss auch nach Hause, dort sind ja nur Schatzspange und Xiangling geblieben. Auf dem Weg will ich mit der Tante bei Qiaojie vorbeischauen." die Herzoginmutter sagte: „Richtig. Du als ältere, erfahrene Person kannst ihnen sagen, was zu tun ist." Tante Schnee verabschiedete sich und ging mit Wang Furen zu Phönixglanzs Hof.
„Ich denke eher nicht“, antwortete Djia Dschëng, „sein Verständnisvermögen hat sich verbessert, das versichere ich euch. Aber Bildung? Nein, er hat noch einen weiten Weg zu gehen.“ –

„Kommen sie schon, Herr Dschëng!“, sagte Dschan Guang. „Sie sind wirklich zu bescheiden. Wir alle teilen Freund Wangs Meinung. Herr Bau-yü wird es sicher weit bringen.“ –

„Ich fürchte, es ist eure Vorliebe für diesen Jungen, die euch zu dieser Meinung bringt,“ war die Antwort ihres Gastgebers, doch er war sichtlich begeistert.

„Mit ihrer Erlaubnis, Herr,“ fuhr Herr Wang fort, „es gibt in diesem Zusammenhang noch ein anderes Thema, das ich gerne anschneiden möchte, wenn ich darf.“ –

„Auf jeden Fall.“

Wang lächelte.
Aufrecht Kaufmann war nach der Prüfung Schatzjades recht zufrieden und ging hinaus, um mit seinen literarischen Beratern zu plaudern. Er erzählte von der Sache, und ein kürzlich eingetroffener Berater namens Wang Zuomei, Stilname Erdiao, ein großer Schachliebhaber, sagte: „Nach unserer Einschätzung hat der Zweite Herr Bao große Fortschritte in seiner Bildung gemacht." Aufrecht Kaufmann erwiderte: „Wo denn? Er versteht gerade ein wenig mehr — von ‚Bildung' kann noch lange keine Rede sein." Zhan Guang sagte: „Der verehrte Herr ist zu bescheiden. Nicht nur Bruder Wang meint das — auch wir sehen, dass der Zweite Herr Bao es unbedingt weit bringen wird." Aufrecht Kaufmann lächelte: „Das ist nur eure freundliche Übertreibung."
„Nach meiner Kenntnis, hat seine Exzellenz Dschang, welcher zuletzt Präfekt des Kreises Nanshuo war, eine Tochter, Herr, ein sehr ansehnliches, fleißiges und durchaus lobenswertes Kind, so wurde mir erzählt, und noch nicht verlobt. Exzellenz Dschang hat sonst keine eigenen Söhne und ist, sollte ich hinzufügen, ein Mann mit enormem Reichtum. Er ist sehr eigen in seiner Art und verlangt, daß sein Schwiegersohn nicht nur einer bedeutenden und wohlhabenden Familie entstammt und klug, sondern auch ein Mann von ausgewähltem Charakter ist. In den zwei Monaten, in denen ich dort war, Herr, wurde ich des moralischen und intellektuellen Formats des jungen Herrn Bau-yü gewahr, die für die Zukunft Großes versprechen. Käme ein Antrag von einer so erhabenen Familie wie der Eurigen, Herr, bedürfte es nur, da bin ich sicher, eines einzigen Besuches von mir und die Verlobung wäre so gut wie besiegelt.“

„Es stimmt, daß Bau-yü ein heiratsfähiges Alter erreicht hat“, antwortete Djia Dschëng. „Mutter hat mich mehr als einmal daran erinnert. Doch wer ist diese Exzellenz Dschang? Ich habe noch nie von ihm gehört.“

„Erlauben sie mir, dies klarzustellen,“ wagte sich Zhan Guang vor, „ich bin mit der Familie Dschang, die Freund Wang erwähnte, befreundet. Sie stehen tatsächlich in Verbindung mit seiner Exzellenz Shïs Familie, und es dürfte nicht schwer sein, noch mehr Informationen über sie zu bekommen.“

„Wirklich?“, sagte Djia Dschëng gedankenverloren, „ich kann nicht sagen, daß ich meinen Bruder jemals von einer solchen Verwandtschaft habe sprechen hören.“

„Nun, streng genommen, Herr,“ führte Zhan aus, „sind sie über die Ehe mit dem älteren Bruder der Dame Hsing verwandt.“

,Ach, da liegt also die Verbindung‘, dachte Djia Dschëng.
Wang Erdiao sprach weiter: „Ich hätte da noch etwas — verzeihen Sie meine Kühnheit — das ich mit dem verehrten Herrn besprechen möchte." Aufrecht Kaufmann fragte: „Was denn?" Wang Erdiao lächelte verbindlich: „Ein Bekannter von mir, ein gewisser Herr Zhang, der einst Intendant für Nan-Shao war, hat eine Tochter, die, wie man sagt, an Tugend, Aussehen, Fleiß und Schönheit nichts zu wünschen übrig lässt und noch unverlobt ist. Er hat keine Söhne und ein gewaltiges Vermögen. Er sucht jedoch eine Familie, die Reichtum und Rang vereint, und einen herausragenden Schwiegersohn. In den zwei Monaten, die ich hier bin, habe ich gesehen, dass der Zweite Herr Bao an Charakter und Gelehrsamkeit ganz gewiss eine große Zukunft hat. Bei einem Hause wie dem Ihren — was sollte dagegen sprechen? Wenn ich vermitteln darf, wird die Sache auf Anhieb zustande kommen." Aufrecht Kaufmann sagte: „Eine Verlobung für Schatzjade wäre altersmäßig durchaus angebracht, und die Alte Ahnin hat es auch schon erwähnt. Nur kenne ich Herrn Zhang nicht näher." Zhan Guang sagte: „Die Familie Zhang, die Bruder Wang vorschlägt, kenne auch ich; zudem ist sie mit dem Ersten Herrn hier altbekannt — der verehrte Herr braucht nur zu fragen." Aufrecht Kaufmann überlegte: „Vom Ersten Herrn habe ich nie etwas von dieser Verwandtschaft gehört." Zhan Guang erklärte: „Das wusste der verehrte Herr natürlich nicht — die Familie Zhang ist mit dem Onkel der Frau Xing verwandt." Aufrecht Kaufmann verstand nun, dass es sich um eine Verwandte Xing Furens handelte.
Ein wenig später ging er wieder hinein mit der Absicht, diese neue Anregung mit der Dame Wang zu besprechen und sie zu bitten, die Dame Hsing über die Familie Dschang auszuhorchen. Er mußte jedoch feststellen, daß seine Frau fort war, um Tjiau-djiä mit Frau Hsüä zu besuchen. Als dann später Frau Hsüä nach Hause gegangen und die Dame Wang zurückgekehrt war, besprach Djia Dschëng sein Anliegen mit ihr. Er erkundigte sich auch nach Tjiau-djiä.

„Wir denken, es kommt von der Erkältung. Die Kälte ist noch nicht aus ihrem Körper heraus“, sagte Dame Wang.

„Nichts Ernstes, hoffe ich?“ sagte Djia Dschëng

„Es ist zu früh, um das festlegen zu können. Die Anfälle sind noch nicht vorüber.“

Djia Dschëng seufzte, doch sagte er nichts mehr, und sie begaben sich zur Nachtruhe.

Als die Dame Hsing am nächsten Tag kam, um der Herzoginmutter ihre morgendliche Aufwartung zu machen, erwähnte die Dame Wang die Heiratspläne und nahm die Gelegenheit wahr, die Dame Hsing über die Familie Dschang zu befragen.
Er saß noch eine Weile, dann ging er hinein, um Wang Furen zu informieren und bei Xing Furen nachzufragen. Doch Wang Furen war mit Tante Schnee bei Phönixglanz, um nach Qiaojie zu sehen. Es war schon Lampenzündzeit, als Tante Schnee ging und Wang Furen zurückkam. Aufrecht Kaufmann erzählte ihr von Wang Erdiaos und Zhan Guangs Vorschlag und fragte: „Was ist mit Qiaojie?" Wang Furen antwortete: „Es scheint ein Schreckkrampf zu sein." Aufrecht Kaufmann: „Ist es schlimm?" Wang Furen: „Es sieht nach Krämpfen aus, nur sind sie noch nicht ausgebrochen." Aufrecht Kaufmann seufzte und sagte nichts mehr. Man ging zur Ruhe.
„Ja, sie sind Verwandte von uns,“ enthüllte die Dame Hsing, „doch wir haben jetzt schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zueinander, deshalb habe ich keine Vorstellung, wie dieses Fräulein Dschang sein könnte. Wo du es gerade erwähnst, Frau Sun schickte vor ein oder zwei Tagen eine ihrer Frauen zu mir und erwähnte dabei die Dschangs. Sie erzählte, sie hätten eine Tochter und hätten die Suns darum gebeten, sich nach einem passenden Ehemann für sie umzuschauen. Offensichtlich ist sie ein Einzelkind und sehr wählerisch. Sie verfügt über Bildung und klingt nach einem eher schüchternen Mädchen, das gern zu Hause bleibt. Sie hat noch nicht viel von der Welt gesehen. Weil sie ein Einzelkind ist, würde ihr Vater es niemals in Erwägung ziehen, sie von zu Hause fortzulassen. Er fürchtet, die Strenge einer Stiefmutter könnte eine zu große Belastung für sie sein und besteht darauf, daß der Schwiegersohn mit ihnen zusammen lebt und sie sich die familiäre Verantwortung teilen.“ Am nächsten Tag kam Xing Furen zur Begrüßung bei die Herzoginmutter vorbei. Wang Furen brachte die Familie Zhang zur Sprache, berichtete die Herzoginmutter und fragte gleichzeitig Xing Furen. Xing Furen sagte: „Die Zhangs sind zwar alte Bekannte, aber seit Jahren hat man keinen Kontakt mehr. Ich weiß nicht, wie das Mädchen ist. Vor ein paar Tagen schickte allerdings die Verwandte Sun jemanden zum Grüßen, und dabei kam die Rede auf die Zhangs: Die hätten eine Tochter und wollten über die Suns einen Vermittler finden. Es heißt, die Familie habe nur dieses eine Mädchen und verwöhne es sehr; es kenne ein paar Schriftzeichen, sei aber scheu und verlasse kaum das Haus. Der alte Herr Zhang wolle sie auf keinen Fall weggeben, weil er fürchte, strenge Schwiegereltern könnten sie unglücklich machen. Der Schwiegersohn müsse einziehen und bei ihnen den Haushalt führen."
„Das kommt nicht in Frage!“, rief die Herzoginmutter, „Bau-yü ist ja eigentlich derjenige, der auf andere angewiesen ist. Kannst du dir vorstellen, ihn fortzuschicken, um das Oberhaupt einer fremden Familie zu werden?“ –

„Du hast vollkommen Recht“, sagte die Dame Hsing.

Die Herzoginmutter wandte sich an die Dame Wang.

„Wenn du nach Hause gehst, sag’ Dschëng, daß sich die Angelegenheit endgültig erledigt hat.“ –

„Ja, Mutter.“ –
die Herzoginmutter unterbrach, ohne das Ende abzuwarten: „Das kommt auf gar keinen Fall in Frage! Unser Schatzjade — es reicht kaum, wenn andere ihn bedienen, und dann soll er in einem fremden Haus den Haushalt führen!" Xing Furen bestätigte: „Genau so sagt es die Alte Ahnin." die Herzoginmutter wandte sich an Wang Furen: „Sag deinem Mann, von mir: Die Heirat mit den Zhangs kommt nicht in Betracht." Wang Furen sagte zu.
„Erzähl’ mir,“ fuhr die alte Dame fort, „wie ging es Tjiau-djiä, als du sie gestern besuchtest? Als Ping herkam, schien es ja nicht gut auszusehen. Ich möchte gern dorthin und selber nach ihr sehen.“

Die beiden Damen dankten der Herzoginmutter für den guten Einfall und baten sie, sich wegen Tjiau-djiä nicht zu sehr zu sorgen.

„Es ist nicht nur ihretwegen. Es ist die Bewegung. Ich möchte meine Beine gern etwas stärken“, sagte die alte Dame, „ihr beide nehmt euer Mittagessen ein, dann gehen wir gemeinsam los.“
die Herzoginmutter fragte: „Wie geht es Qiaojie? Vorhin kam Friedchen zu mir und sagte, es stehe nicht gut. Ich wollte selbst hinübergehen und nach ihr schauen." Xing und Wang Furen sagten: „Die Alte Ahnin liebt sie zwar, aber das Kind verträgt so einen Besuch kaum." die Herzoginmutter erwiderte: „Es geht mir nicht nur um sie — ich möchte auch ein bisschen spazieren und meine Knochen bewegen." Damit ordnete sie an: „Geht essen, und dann kommt, um mich hinüberzubegleiten." Die beiden stimmten zu und gingen.
Die Damen Wang und Hsing gingen zum Mittagessen nach Hause. Anschließend holten sie die Herzoginmutter ab und begleiteten sie zu Hsi-fëngs Wohnung. Hsi-fëng grüßte sie an der Tür und führte sie herein.

„Wie geht es ihr?“, fragte die Herzoginmutter.

„Es scheint sich um einen Krampfanfall zu handeln,“ informierte sie Hsi-fëng.

„Hättest du nicht besser sofort den Arzt rufen sollen?“ – „Das haben wir bereits,“

Die Herzoginmutter ging mit den Damen Wang und Hsing hinein und fand Tjiau-djiä in den Armen ihrer Krankenschwester, eingehüllt in eine rosafarbene Decke aus Damast-Seide, ihr Gesicht war grün, ihre Augenbrauen und Nasenflügel zitterten etwas. Nach diesem kurzen Nachschauen zogen sie sich in das äußere Zimmer zurück und setzten sich, um zu reden. In diesem Moment kam eine junge Magd aus der Wohnung von Dame Wang mit einer Nachricht für Hsi-fëng:

„Der Herr schickte mich, um zu fragen, wie es Tjiau-djiä geht.“
Nach dem Essen begleiteten sie die Herzoginmutter zu Phönixglanzs Gemächern. Phönixglanz eilte heraus und führte sie hinein. die Herzoginmutter fragte: „Was fehlt Qiaojie eigentlich?" Phönixglanz sagte: „Es scheint ein Schreckkrampf zu werden." die Herzoginmutter: „Warum lasst ihr nicht sofort den Arzt kommen?" Phönixglanz: „Es ist bereits jemand geschickt worden." die Herzoginmutter trat mit den beiden Schwiegertöchtern ins Schlafzimmer. Die Amme hielt das Kind, eingewickelt in eine pfirsichfarbene kleine Seidendecke; das Gesichtchen war bläulich-grün, und an den Augenbrauen und Nasenflügeln waren leichte Zuckungen zu erkennen. die Herzoginmutter, Xing Furen und Wang Furen schauten sich das Kind an und setzten sich dann im Vorzimmer nieder.
„Sag’ ihr, wir haben den Arzt verständigt“, antwortete Hsi-fëng, „davon werde ich berichten, sobald er ein Rezept ausgestellt hat.“

Die Ankunft der Magd erinnerte die Herzoginmutter an die gegenwärtigen Heiratspläne. Sie wandte sich an die Dame Wang:
Da kam ein kleines Mädchen und meldete Phönixglanz: „Der gnädige Herr lässt fragen, wie es dem Fräulein geht." Phönixglanz sagte: „Bestelle dem gnädigen Herrn, der Arzt ist bestellt. Sobald das Rezept geschrieben ist, berichte ich dem gnädigen Herrn."
„Du solltest Dschëng schnellstens von dieser Heiratssache berichten. Wenn wir dem jetzt ein Ende setzen, bevor es jemand an die Familie Dschang weitergibt, sparen wir uns jetzt den Ärger, es später absagen zu müssen.“

Sie wandte sich an die Dame Hsing: „Warum besucht ihr in letzter Zeit die Familie Dschang nicht mehr so oft?“

„Sie sind schwierige Verwandte“, antwortete die Dame Hsing. „Sie sind sehr geizig und wären für Bau-yü eine Erniedrigung gewesen.“

„Ist es Bau-yüs Verlobung, über die ihr sprecht, Mutter?“, fragte Hsi-fëng.

„Nun ja, eigentlich schon“, sagte die Dame Hsing. Die Herzoginmutter erzählte Hsi-fëng von dem Vorschlag mit den Dschangs. Hsi-fëng lachte:

„Ich hoffe, ihr entschuldigt, Großmutter, Mutter, Tante Wang, daß ich unaufgefordert davon spreche, doch warum sollte man sich jetzt nach einer Braut für Bau-yü umsehen, wenn wir eine ,vorbestimmte Zuneigung‘ direkt vor unseren Augen haben?“

„Was meinst du?“, fragte die Herzoginmutter interessiert.

„Aber, Mutter, du kannst doch nicht Jade-Kostbarkeit und kostbare Haarspange vergessen haben?“

Die Herzoginmutter lachte.

„Aber natürlich! Doch warum hast du das gestern nicht erwähnt, als Tante Hsüä hier war?“ –

„Es wäre kaum angemessen für mich gewesen, in Anwesenheit von Älteren davon zu sprechen“, antwortete Hsi-fëng. „Nebenbei, Tante Hsüä kam für einen Höflichkeitsbesuch, und es wäre wirklich unpassend gewesen. Wenn wir die Sache vernünftig angehen wollen, müssen Mutter und Tante Wang hinübergehen und bei Tante Hsüä ordentlich um Bau-tschais Hand anhalten.“

Sie lachten alle zusammen.

„Sei gesegnet, Hsi-fëng“, sagte die Herzoginmutter, „ich war ja blind.“
die Herzoginmutter erinnerte sich plötzlich an die Familie Zhang und wandte sich an Wang Furen: „Du solltest es deinem Mann gleich sagen, damit die anderen nicht erst hinschicken und es dann eine Absage gibt." Dann fragte sie Xing Furen: „Warum habt ihr den Kontakt zu den Zhangs verloren?" Xing Furen sagte: „Wenn man bedenkt, wie die Zhangs wirtschaften — da passt keine Heirat zu uns: viel zu geizig, das wäre unter Schatzjades Würde." Phönixglanz hatte genug gehört und fragte: „Geht es um die Heirat des Bruders Bao?" Xing Furen bestätigte: „Genau." die Herzoginmutter erzählte Phönixglanz die ganze Geschichte. Phönixglanz lachte: „Mir fällt — verzeihen Sie, dass ich in Gegenwart der Alten Ahnin und der Tanten so kühn bin — eine vom Himmel bestimmte Verbindung ein, da muss man nicht anderswo suchen!" die Herzoginmutter fragte lachend: „Wo denn?" Phönixglanz sagte: „Ein ‚Schatzjade' und ein ‚Goldenes Schloss' — hat die Alte Ahnin das vergessen?" die Herzoginmutter lächelte. „Gestern war deine Tante hier — warum hast du es nicht angesprochen?" Phönixglanz erwiderte: „In Gegenwart der Alten Ahnin und der Tanten ist es nicht an uns jungen Leuten, das Wort zu führen. Und die Tante kam auf Besuch zur Großmutter — da bringt man so etwas nicht auf. Das müssten die Tanten persönlich vortragen." die Herzoginmutter lachte, und auch Xing und Wang Furen lachten. die Herzoginmutter sagte: „Wie konnte ich nur so vergesslich sein!"
Währenddessen wurde der Arzt angekündigt, und die Herzoginmutter setzte sich im äußeren Zimmer nieder, während sich die beiden Damen diskret zurückzogen. Der Arzt trat mit Djia Liän ein und grüßte die Herzoginmutter herzlich, bevor er Tjiau-djiäs Zimmer betrat. Als er zurückkam, beugte er sich zur Herzoginmutter und formulierte seine Diagnose.

„Das kleine Mädchen leidet unter Krampfanfällen, die zur Hälfte von Fieber, zur anderen von einer Erkältung erschwert werden. Zuerst muß sie eine einzige Dosis der Mischung eines krampf- und schleimlösenden Mittels einnehmen, und dann möchte ich ihr etwas von meinen vier Wunderpulvern verabreichen. Es ist ein sehr ernster Infekt. Ihr werdet in meinem Rezept Rinder-Bezoarsteine notiert sehen. Ich sollte erwähnen, daß viele der Bezoars, die von den Apthekern heutzutage verkauft werden, nicht echt sind. Es ist wichtig, daß Ihr echte besorgt.“

Die Herzoginmutter dankte ihm für sein Kommen, und der Arzt ging mit Djia Liän hinaus, schrieb das Rezept und brach auf.

„Es gibt immer Ginseng im Haus“, sagte Hsi-fëng, „doch ich glaube, wir haben keine Bezoarsteine. Wir müssen welche kaufen und darauf achten, daß sie echt sind.“ –

„Warte, bis ich jemanden zu meiner Schwester geschickt habe“, sagte die Dame Wang, „ich weiß, daß Pan oft Geschäfte mit Händlern von Übersee führte. Sie könnten vielleicht echten Bezoar haben.“

Während sie sprach, kamen mehrere Mädchen an, um Tjiau-djiä zu sehen. Sie blieben eine Weile und brachen dann mit der Herzoginmutter und den anderen auf.
In diesem Moment wurde gemeldet: „Der Arzt ist da." die Herzoginmutter blieb im Vorzimmer sitzen; Xing und Wang Furen zogen sich ein wenig zurück. Der Arzt kam mit Jadeschale Kaufmann[12] [贾琏] herein, begrüßte die Herzoginmutter und ging dann ins Schlafzimmer. Nach der Untersuchung kam er heraus, blieb stehen und berichtete ehrerbietig: „Das Fräulein leidet zur Hälfte an innerer Hitze und zur Hälfte an einem Schreckkrampf. Zuerst muss eine Arznei zur Zerstreuung von Wind und Schleim gegeben werden, dann das ‚Pulver der Vier Götter', denn die Krankheit ist nicht leicht. Die heutzutage erhältlichen Gallensteine vom Rind sind fast alle gefälscht — es muss ein echter sein, sonst wirkt die Medizin nicht." die Herzoginmutter dankte dem Arzt. Der Arzt ging mit Jadeschale Kaufmann hinaus, schrieb das Rezept und fuhr davon. Phönixglanz sagte: „Ginseng haben wir zu Hause immer vorrätig, aber ob wir echte Rinder-Gallensteine haben, bezweifle ich. Draußen kaufen kann man — nur muss es echt sein." Wang Furen sagte: „Ich schicke jemanden zu Tante Schnee; ihr Pan handelt immer mit ausländischen Kaufleuten — vielleicht hat er echte. Ich lasse nachfragen."
Tjiau-djiäs Schleimlöser war nun zubereitet und floß in ihre Kehle. Es gab ein würgendes Geräusch und alles kam hoch, Medizin, Schleim und an- Während sie noch sprachen, kamen die Schwestern herein, setzten sich eine Weile und gingen dann mit die Herzoginmutter und den anderen.
deres, ganz zu Hsi-fëngs Erleichterung. Eine der jüngeren Mägde der Dame Wang erschien mit einem kleinen roten Päckchen.

„Wir haben etwas Bezoar gefunden, zweite gnädige Frau. Die gnädige Herrin sagt, ihr sollt die Menge in zwei Rationen aufteilen und verwenden.“

Hsi-fëng bat die Magd, der Herzoginmutter ihren Dank auszusprechen. Hsi-fëng nahm das Päckchen und trug Ping auf, die pulverisierten Perlen, Sumatrakampfer und Zinnober zusammen mit dem Bezoar in den vorgeschriebenen Mengen zusammenzukochen. Sie selbst wog die korrekte Menge des pulverisierten Bezoars aus und fügte es der Mixtur hinzu. Sie wartete, bis Tjiau-djiä wieder aufwachte, um ihr dann den Trunk zu verabreichen.

Wer außer Djia Huan könnte genau in diesem Moment in den Raum platzen?

„Wie geht es Tjiau-djiä, Kusine Hsi-fëng? Mutter schickte mich, um nach ihr zu fragen.“

Hsi-fëngs Nackenhaare sträubten sich immer vollständig, wenn sie ihn oder seine Mutter, Tante Dschau, sah.

„Es geht ihr etwas besser“, antwortete sie mit einem beißenden Ton. „Wenn du zurückgehst, sag’ deiner Mutter bitte, daß es mir leid tut, ihr so viel Ärger bereitet zu haben.“
Im Zimmer wurde inzwischen die Medizin gekocht und Qiaojie eingeflößt. Mit einem Würgen spuckte das Kind Arznei und Schleim in einem Schwall aus, und Phönixglanz atmete ein wenig auf. Da kam ein kleines Mädchen von Wang Furen mit einem winzigen roten Papierpaketchen und sagte: „Zweite Herrin, der Gallenstein ist da. Die Gnädige Frau lässt ausrichten, dass die Zweite Herrin die Dosis persönlich genau abwiegen soll." Phönixglanz nahm das Päckchen, ließ Friedchen Perlen, Borneolkampfer und Zinnober dazumischen und schnell ansetzen. Sie selbst wog mit der Feinwaage nach der Vorschrift ab, mischte alles zusammen und wartete, bis Qiaojie aufwachte, um ihr die Medizin zu geben. Da schob Unheil Kaufmann den Vorhang beiseite und trat ein: „Zweite Schwester, was fehlt eurem Qiaojie? Mama schickt mich, nach ihr zu sehen." Phönixglanz verabscheute Mutter und Sohn und sagte: „Es geht ihr besser. Geh zurück und danke deiner Mutter für die Anteilnahme."
Djia Huan murmelte etwas von Abschied, begann aber , im Zimmer herumzuschnüffeln.

„Sag’ mal“, sagte er nach einer Weile, „ich habe gehört, ihr habt etwas von diesem Bezoarzeug hier. Ich habe noch nie zuvor welches gesehen. Laß es mich doch mal ansehen.“

„Tjiau-djiä erholt sich langsam“, sagte Hsi-fëng, „was winselst du dann noch hier rum? Die Bezoarsteine wurden bereits vollständig für ihren Trunk aufgebraucht.“

Dies vernehmend, faßte Djia Huan ungeschickt an die Bettvorhangsquaste und warf dabei den heißen kochenden Medizintopf um. Es gab ein großes Zischen, als der Topf auslief und die kostbare Medizin sich in die Kohle ergoß und beinahe das Feuer löschte. Djia Huan sah, daß er in Schwierigkeiten war und zog sich schnell zurück. Hsi-fëng war so wütend, daß sie Funken vor Wut versprühte.

„Du Balg einer verkommenen Widersacherin!“ schrie Hsi-fëng ihm nach. „Fluch meines Lebens! Was habe ich in meinem vergangenen Leben nur angerichtet, um so eine Schmach zu verdienen? Deine Mutter versuchte, es mir einzuflößen, jetzt hat es Tjiau-djiä erwischt! Wofür muß sich diese Fehde über so viele Generationen fortsetzen?“
Unheil Kaufmann murmelte zwar ein „Ja", sah sich aber neugierig überall um. Nach einer Weile fragte er Phönixglanz: „Ich habe gehört, ihr habt hier Rinder-Gallensteine — wie sieht so etwas aus? Lass mich mal sehen." Phönixglanz sagte: „Hör auf, hier herumzustöbern — dem Mädchen geht es gerade etwas besser. Die Gallensteine sind schon in der Arznei." Unheil Kaufmann ging trotzdem hin und streckte die Hand nach dem Medizintöpfchen aus — doch er war ungeschickt; mit einem Zischen kippte es um, und die Hälfte des Feuers war gelöscht. Unheil Kaufmann sah, dass es schlimm stand, und rannte beschämt davon. Phönixglanz war so wütend, dass ihr Funken sprühten. Sie schimpfte: „Dieser ewige Feind aus einem früheren Leben! Was treibt dich her, um Schaden anzurichten? Schon damals wollte deine Mutter mich umbringen, und jetzt kommst du, um meiner Kleinen zu schaden. Seit wie vielen Generationen hegen wir denn einen Groll gegeneinander?" Dann schalt sie auch Friedchen, weil sie nicht aufgepasst habe.
Sie beschimpfte auch Ping, daß diese nicht vorsichtig genug gewesen sei. Während Hsi-fëng vollkommen in Rage war, kam eine Magd, um Djia Huan zu suchen.

„Geh und sag’ Frau Dschau,“ befahl Hsi-fëng, „daß sie sich keine Umstände machen muß. Tjiau-djiä ist so gut wie tot, sie muß nicht mehr lange ausharren!“

Die Magd, verblüfft von Hsi-fëngs Bemerkungen, ging hinüber zu Ping, die eben einen neuen Trunk zubereitete und fragte flüsternd:

„Was hat die zweite gnädige Frau denn so wütend gemacht?“

Ping erzählte ihr Djia Huans Debakel.

„Kein Wunder, daß er wegrannte und sich nicht traute, nach Hause zu kommen!“ erläuterte die Magd. „Er hat sich irgendwo versteckt. Ich weiß noch nicht, wie das morgen mit diesem Huan weitergehen wird! Kann ich beim Aufräumen helfen, Ping?“

„Mach’ dir keine Umstände. Glücklicherweise hatten wir noch einige Bezoarsteine übrig und alles ist fertig gemacht, du kannst nun ruhig gehen.“

„Ich werde gewiß Frau Dschau davon berichten, wenn ich zurück bin. Vielleicht hört sie dann auf, ständig von ihm zu prahlen.“
Während sie noch schimpfte, kam ein Dienstmädchen, das Unheil Kaufmann suchte. Phönixglanz sagte: „Geh und sag Zhao Yiniang: Sie hat sich wahrlich zu viel Mühe gemacht! Qiaojie ist so gut wie tot — sie braucht sich nicht mehr zu sorgen." Friedchen bereitete hastig die Arznei von Neuem zu. Das Mädchen wusste nicht, wie ihm geschah, und fragte Friedchen leise, was los sei. Friedchen erzählte, wie Huan das Arzneigefäß umgeworfen hatte. Das Mädchen sagte: „Kein Wunder, dass er sich nicht zurücktraut und sich versteckt hat. Was wird morgen erst mit ihm los sein! Schwester Ping, soll ich dir beim Aufräumen helfen?" Friedchen sagte: „Das ist nicht nötig. Zum Glück ist noch ein Rest Gallenstein da — ich habe alles frisch angesetzt. Geh nur." Das Mädchen sagte: „Ich werde es der Frau Zhao auf jeden Fall erzählen — dann muss sie auch mal aufhören, so große Töne zu spucken."
Die Magd ging wieder zurück, hielt ihr Wort und gab Tante Dschau einen ausführlichen Bericht von Djia Huans Debakel.

„Bring ihn zu mir!“, rief Tante Dschau mit erregter Stimme.

Nach kurzer Suche entdeckte ihn die Magd, wie er im angrenzenden Raum herumschlich, und Tante Dschau begann unverzüglich, einen Hagel von Beschimpfungen auf ihn niederprasseln zu lassen:
Das Mädchen ging zurück und erzählte Zhao Yiniang alles. Zhao Yiniang war außer sich vor Wut und rief: „Sucht mir sofort den Huan!" Huan hatte sich im Vorzimmer versteckt und wurde hereingeholt. Zhao Yiniang schimpfte: „Du nichtswürdiges Balg! Warum hast du die Medizin verschüttet und dafür gesorgt, dass man auf uns schimpft? Ich hatte dir nur aufgetragen, dich zu erkundigen, du brauchtest gar nicht hineinzugehen. Aber nein, du gehst hinein und bleibst auch noch — und dann musst du auf dem Tigerkopf Läuse suchen! Warte nur, bis ich es dem Herrn sage — dann gibt es Prügel!"
„Du verkommener kleiner Wicht! Was mußtest du unbedingt losgehen und Unruhe stiften, indem du die ganze Medizin auf dem Boden verteiltest? Ich sagte, du solltest gehen und fragen, wie es ihr geht und nicht dort hineinstürmen! Doch du mußtest unbedingt, oder? Und als du drinnen warst, mußtest du unbedingt bleiben und Flöhe auf dem Tigerkopf suchen. Warte nur, bis dein Vater davon hört! Er wird dir die Prügel geben, die du verdienst!“ Während Zhao Yiniang noch schimpfte, war im Nebenzimmer von Unheil Kaufmann etwas zu hören, das einem das Herz stocken ließ.
Während sie Djia Huan beschimpfte, hörte sie noch schlimmere Beschimpfungen im äußeren Zimmer. Doch um es selbst zu hören, lese man im nächsten Kapitel weiter. Was er sagte, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
  1. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  2. Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".
  3. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
  4. Leberqi (肝气): In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) die Lebensenergie der Leber, deren Stauung zu Schmerzen, Reizbarkeit und Krämpfen führt.
  5. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  6. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
  7. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".
  8. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  9. Spürfrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
  10. Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".
  11. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  12. Jadeschale Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

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