Hongloumeng/de/Chapter 113

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Kapitel 113

忏宿冤凤姐托村妪 / 释旧憾情婢感痴郎

du noch wach?“ Dsï-djüan war verblüfft und saß erstaunt für ein paar Moment da, bevor sie fragte: „Wer ist da?“ „Ich!“, antwortete Bau-yü. Dsï-djüan dachte, sie erkenne Bau-yüs Stimme. „Sind sie es, Herr Bau?“ „Ja!“ flüsterte Bau-yü. Dsï-djüan antwortete: „Was machen Sie hier?“ „Ich will mit dir über etwas Privates reden. Laß mich rein, und wir können uns unterhalten.“

Aus: Jinyuyuan 1889a. Nach einer Pause antwortete Dsï-djüan: „Worüber wollen Sie mit mir reden? Es wird spät. Bitte gehen Sie jetzt zurück in Ihr Zimmer. Sie können mir morgen davon erzählen.“ Bau-yü war entmutigt. Wenn sie seinen Anstrengungen so widerstand, fürchtete er, daß sie die Tür vor ihm verriegeln würde. Auf der anderen Seite, wenn er zurückging, wie könnten die Gefühle, die in ihm kochten, einen Ausgang finden, Gefühle, die durch den kurzen Austausch mit Dsï-djüan nur noch schlimmer wurden? Er machte einen letzten Versuch, sie zu überreden: „Ich habe nicht viel zu sagen. Nur eine Frage zu stellen.“ „Nun, wenn es nur eine Frage ist, fragen Sie.“ Bau-yü jedoch, fand sich plötzlich seiner Sprache beraubt, und es enstand eine lange Pause. Dsï-djüan nun machte sich ob der Stille auf seiner Seite des Fensters Sorgen. Sie wußte, daß er dazu tendierte, seine Anfälle zu haben, und fürchtete, daß ihre brüske Art ihn vielleicht zu einem Anfall gebracht hatte. Sie stand auf, und nachdem sie einen Moment vorsichtig horchte, fragte Sie: „Sind Sie noch da, stehen Sie da noch und gaffen? Warum sagen Sie nicht, was Sie wollen, statt Ihre Zeit damit zu vergeuden, die Leute abzulenken? Sie haben bereits eine Person in den Tod getrieben. Wollen sie noch eine töten? Das ist alles so sinnlos!“ Sie sah zurück auf Bau-yü durch das Guckloch. Da war er, hörte ihr mit einem trance-artigem Ausdruck auf seinem Gesicht zu. Sie dachte, es wäre ratsam, nichts mehr zu sagen, und ging zurück und begann ihre Lampe zu dimmen. Plötzlich hörte sie Bau-yü seufzen: „Oh Schwester Dsï-djüan! Du warst noch nie so kalt wie jetzt! Warum hattest du nicht ein einziges gutes Wort für mich in dieser Zeit? Ich weiß, daß ich ein bemitleidenswertes Exemplar der Menscheit bin, zu unkeusch, um einen echten Respekt zu verdienen. Aber ich wünsche trotzdem, daß du mir sagst, was ich falsch gemacht habe. Dann könnte ich es aushalten, daß du mich für den Rest meines Lebens meidest. Wenigstens könnte ich dann sterben und meine Fehler kennen.“ Dsï-djüan schnaufte verächtlich: „Ist das alles, was du zu sagen hast? Gibt es da nichts Neues? Ich kenne all das auswendig. Ich hörte genug davon, als Fräulein Dai-yü lebte. Aber wenn ich etwas falsch gemacht habe, sollten sie Ihre Beschwerden der Dame vortragen. Sie ist diejenige, die mir sagte, ich solle auf sie aufpassen. Wir sind sowieso nur Mägde, was zählen wir?“ Sie fing an zu schluchzen und zu schniefen. Bau-yü wußte, daß auch sie litt und stampfte frustriert auf den Boden. „Wir kannst du nur so reden? Nachdem ich hier all die Monate war, mußt du doch sicher wissen, was mir im Kopf herumschwirrt? Und wenn keine der anderen für mich sprechen will, willst du nicht, daß ich es dir selbst erkläre? Willst du, daß ich es für immer in mir einschließe und daran zu Tode ersticke?“ Auch er begann, aus Leibeskräften zu schluchzen, als er hinter sich eine Stimme hörte, die sagte: „Wer, sagen Sie, sollte für Sie sprechen? Warum ziehen Sie andere da herein? Sie haben sie verletzt, also machen Sie es auch wieder gut. Es ist Ihre Entscheidung, ob sie Ihnen vergeben wird. Warum geben sie Nichtswürdigen wie uns die Schuld?“ Beide, Bau-yü auf der Fensterseite und Dsï-djüan drinnen, waren sehr überrascht von diesem Eingreifer, der sich als Schë-yüä herausstellte. Bau-yü war peinlich berührt, als Schë-yüä fort fuhr: „Was geht hier vor? Einer kriecht um Vergebung, und die andere weigert sich, es zur Kenntnis zu nehmen. Kommen Sie schon, beeilen Sie sich und bitten Sie um Entschuldigung. Und du, Dsï-djüan, du bist einfach zu gemein! Es ist schrecklich kalt hier draußen, und er bittet dich schon seit geraumer Zeit und hatte nicht einmal den Ansatz einer Antwort!“ Sie wendete sich an Bau-yü: „Es ist spät, und Frau Bau-tschai fragt sich, wo sie sind. Zu denken, daß sie die ganze Zeit bereits hier waren, draußen alleine unter der Dachrinne stehend! Was wollen sie hier?“ – „Ehrlich“, protestierte Dsï-djüan von drinnen, „was soll das alles! Ich habe ihn nur gebeten wegzugehen. Ich sagte ihm, daß, was immer er mir sagen muß, auch bis zum Morgen warten könne. Er braucht hier überhaupt nicht zu stehen.“ Bau-yü wollte immer noch mit Dsï-djüan sprechen, aber nun, da sie nicht mehr alleine waren, war er zu peinlich berührt, um weiterzumachen. Er gab selbst auf und kehrte mit Schë-yüä zurück; als er ging, sagte er: „Dann lassen wir es! Ich werde in dieser Lebenszeit nie fähig sein, meine wahren Gefühle zu beweisen! Der Himmel alleine wird die Wahrheit kennen!“ Plötzlich kullerten Tränen in Strömen an seinen Wangen hinunter. „Herr Bau-yü!“, sagte Schë-yüä, „nehmen Sie meinen Rat an und schla­gen Sie sich die ganze Sache aus dem Kopf. Sie verschwenden ihre Tränen.“ Bau-yü folgte ihr ruhig in seinen Raum. Bau-tschai schlief, oder eher, wie er annahm, gab sie vor zu schlafen, aber Hsi-jën begrüßte ihn tadelnd: „Hätte es nicht bis morgen warten können? Müssen Sie unbedingt hinausstürmen und sich selbst in einen neuen…“ Was immer sie sagen wollte, sie besann sich eines Besseren, und nach einer kurzen Pause fragte sie: „Sind sie sicher, daß Sie sich nicht schlecht fühlen?“ Bau-yü sagte nichts, aber schüttelte den Kopf. Hsi-jën brachte ihn ins Bett, und es muß nicht gesagt werden, daß er eine schlaflose Nacht verbrachte. Dsï-djüan war sehr unglücklich nach Bau-yüs Besuch, und auch sie lag die ganze Nacht wach, weinend und tief in sich gekehrt: ‚Es schien deutlich, daß die Familie sich verschworen und ihn mit dieser Hochzeit betrogen hatte, zu einer Zeit, in der er zu krank war, um zu verstehen. Als er danach erkannte, was er getan hatte, erlitt er einen seiner Anfälle und konnte deswegen seitdem nicht aufhören, zu weinen und Trübsal zu blasen. Er ist offensichtlich nicht die herzlose, gemeine Person, für die ich ihn hielt. Nun, heute war seine Unterwürfigkeit so berührend, ich hatte wirklich Mitleid mit ihm. Was für eine schlimme Schande es ist, daß Fräulein Dai-yü nie das Glück hatte, seine Frau zu sein! Solche Verbindungen sind deutlich vom Schicksal vorgegeben. Bis das Schicksal sich selbst zeigt, machen Männer weiter, sich in blinde Leidenschaft und wilden Gedanken zu ergehen. Dann, wenn die Würfel gefallen sind und die Wahrheit bekannt ist, mögen die Dummen unbewegt bleiben, aber diejenigen, die sich wirklich kümmern, die Männer der wahren Gefühle, können nur bitter weinen, ob ihrer unnützen romantischen Gefühle, der Tragödie ihre weltlichen Leids. Sie ist tot und weiß von nichts. Er aber lebt noch, und es gibt für sein Leiden und sein Elend kein Ende. Besser ist das Schicksal von der Pflanze und dem Stein, des Wissens und Bewußtseins beraubt zu sein, aber wenigstens gesegnet mit reinen und friedlichen Gedanken!“ Diese philosophischen Gedanken kühlten das fiebrige Durcheinander in Dsï-djüans Kopf, und sie räumte auf und ging zu Bett, als sie einen großen Lärm aus Richtung von Hsi-fëngs Gemächern im Osten ausbrechen hörte. Aber um herauszufinden, was diesen auslöste, muß man das nächste Kapitel lesen. 114. Wang Hsi-fëng beendet ihre Lebensillusion und wird nach Nanking übergeführt Dschën Ying-djia erhält eine Ehrung des Kaisers und wird zum Palast berufen.

Bau-yü und Bau-tschai wurden geweckt und ihnen mitgeteilt, daß Hsi-fëng sterben würde. Sie erhoben sich sofort vom Bett, eine Magd entzündete eine Kerze, und sie waren auf ihrem Weg hinaus auf den Hof, als ein anderer Bote von der Dame Wang kam: „Fräulein Liäns Zustand ist kritisch, aber sie lebt noch, und Herr und Frau Bau-yü sollten eine Weile warten. Da gibt es etwas Merkwürdiges an Fräulein Lians Zustand. Von Mitternacht bis zwei Uhr morgens hörte sie nicht auf, zu reden, und wir konnten keinen Sinn in dem finden, was sie sagte. Einmal wollte sie ein Boot, dann eine Sänfte. Dann war sie in Jinling, um in das Register aufgenommen zu werden. Niemand konnte ein Wort verstehen, und sie weinte und jammerte weiter. Herrn Liän blieb nichts anderes übrig, als ein Papierboot zu bestellen und eine Sänfte für sie machen zu lassen. Er kam noch nicht wieder, und Frau Liän wartet auf ihn, nach Atem ringend. Die Dame will, daß Sie beide warten und wiederkommen nachdem Frau Liän endlich verstorben ist.“ „Wie außergewöhnlich!“, rief Bau-yü. „Was will sie in Jinling?“ – „Hast du nicht einmal in deinem Traum ein paar Register gesehen?“ flüsterte Hsi-jën. „Vielleicht will Frau Liän dorthin gehen.“ Bau-yü nickte: „Ja! Wenn ich nur nicht vergessen hätte, was darin geschrieben stand. Unsere Leben sind wirklich ein vorgegebenes Schicksal. Ich frage mich, wohin das Schicksal Kusine Dai-yü gebracht hat? Was du gerade sagtest, Hsi-jën, über die Register, hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn ich jemals wieder so einen Traum habe, muß ich mehr beobachten. Ich mag Dinge sehen und vielleicht die Zukunft vorhersagen können.“ „Hör’ dich an!“, sagte Hsi-jën scharf. „Es ist unmöglich, eine mehrbödige Unterhaltung mit dir zu führen. Du bestehst darauf, eine einfache Bemerkung von mir tödlich ernst zu nehmen. Selbst wenn wir annehmen würden, daß du in die Zukunft sehen könntest, wozu wäre das gut?“ „Es würde wahrscheinlich nie etwas nützen“, antwortete Bau-yü, „aber wenn ich jemals die Zukunft kennen könnte, dann würde es wenigstens ein Ende für die Sorgen bedeuten, die mich deinetwegen plagen.“ Bau-tschai kam zu ihnen: „Worüber redet ihr zwei?“ Bau-yü befürchtete, das Subjekt einer ihrer Inquisitionen zu werden, und antwortete bloß: „Wir diskutieren über Schwester Hsi-fëng.“ „Sie wird bald sterben“, rief Bau-tschai, „und ihr diskutiert über sie! Du hast mich letztes Jahr beschuldigt, übertrieben unglücklich zu sein und ihr Pech zu bringen. Aber war nicht meine Deutung des Orakels am Ende richtig?“ Bau-yü dachte einen Moment nach und klatschte dann in die Hände: „Natürlich! Natürlich, du hattest recht! Du bist offensichtlich der Prophet in der Familie! Nun, laß mich dich selbst um Rat fragen. Was ist für mich drin?“ – „Du driftest wieder weg, zu einer deiner Freizeitbeschäftigungen!“, tadelte ihn Bau-tschai mit einem Lächeln. „Ich habe einfach eine Erklärung aus dem Stegreif für die wörtliche Bedeutung des Orakels. Es gibt keinen Grund, dies ernstzunehmen. Du bist so schlimm wie Hsiu-yän. Als du deinen Jadestein verloren hattest, bat sie Miau-yü eine Seherin zu konsultieren, und die Antwort war allen ganz unverständlich. Aber das hinderte Hsiu-yän nicht daran, privat mit mir über die erstaunliche Gabe der Vorhersage Miau-yüs zu sprechen. Hsiu-yän sagte mir, wie aufgeklärt und fortgeschritten sie in ihrem Dsën-Glauben bereits war. Und doch, sieh dir das Unglück an, welches über Miau-yü gekommen ist, nun, warum konnte sie das nicht vorhersehen? Welche Art der Vorhersehung soll das sein? Nur, weil ich einmal etwas über Hsi-fëng sagte, heißt das nicht, daß ich jemals behauptete, ich könne in ihre Zukunft sehen, oder in meine eigene, wenn wir schon dabei sind. Ansprüche wie diese sind fantastisch und verdienen es nicht, ernst genommen zu werden.“ „Na gut“, sagte Bau-yü, „laß uns das Thema wechseln. Erzähl’ stattdessen etwas über Hsiu-yän. Wir waren so beschäftigt, daß ihre Hochzeit ganz an uns vorbeigegangen zu sein scheint. Das war ein wichtiges Erlebnis für deine Familie, und doch wurde es mit so einer kleinen Zeremonie gefeiert. Habt ihr nicht einmal Freunde oder Verwandte eingeladen?“ „Du hast wieder nichts begriffen“, antwortete Bau-tschai. „Meine eigenen engsten Verwandten sind die Djias und die Wangs. Nun gibt es keinen Respektablen mehr in der Wang-Familie, und die Djias wurden nicht eingeladen, weil meine Mutter wußte, daß wir mit der Beerdigung der Großmutter zu beschäftigt waren. Liän half ein wenig, und ein oder zwei andere Verwandte kamen, aber du wußtest das nicht, weil du nicht da warst. Wenn du darüber nachdenkst, waren die Dinge fast dieselben für Hsiu-yän wie für mich. Sie war formal mit Vetter Ke verlobt, und Mama wollte eine modische Hochzeit. Aber zuerst kam, daß Pan noch im Gefängnis war, also wollte Vetter Ke es schlicht halten. Dann war da Großmutters Beerdigung, und Hsiu-yän hatte so eine harte Zeit bei Tante Hsing, besonders nach der Beschlagnahme, als Tante Hsing geiziger denn je wurde. Arme Hsiu-yän, sie konnte es kaum ertragen. Ich redete mit Mama, und am Ende entschied sie sich für die einfache Zeremonie. Hsiu-yän scheint nun viel glücklicher zu sein, und sie ist so gut zu Mama, zehnmal besser, als ihre eigene Schwiegertochter jemals war. Sie ist eine wunderbare Ehefrau für Ke und geht gut mit Hsiang-ling um. Wenn Ke aus gewissen Gründen weg muß, kommen die zwei noch fröhlich miteinander aus. Sie haben etwas wenig Geld, aber Mama ist viel entspannter, als sie früher war. Sie wird immer noch wütend wegen Pan, und er schreibt ihr immer aus dem Gefängnis und bittet sie um mehr Geld. Aber glücklicherweise war Vetter Ke fähig, ein paar Schulden einzutreiben, und hat Pan das Geld geschickt. Manche unserer eigenen Stadtgrundstücke wurden auch verpfändet. Wir haben noch ein Haus übrig, und dahin plant Mama nun umzuziehen.“ „Wieso?“ protestierte Bau-yü. „Es ist so viel angenehmer für dich, sie nahe bei dir wohnen zu haben. Wenn sie so weit weg ziehen, wird es ein Tagesausflug werden, um sie zu besuchen.“ „Selbst wenn Familien so eng verwandt sind wie unsere“, sagte Bau-tschai, „ist es wirklich viel besser, in Zukunft unabhängig zu sein. Mama kann nicht für immer in Wohltätigkeit leben.“ Bau-yü war dabei, weitere Gründe zu suchen, weshalb sie nicht umziehen sollten, als eine letzte Nachricht von der Dame Wang kam, um zu sagen, daß Hsi-fëng nun gestorben war und die ganze Familie in ihren Gemächern angekommen war. Ob Bau-yü und Bau-tschai bitte dort zu ihnen stoßen würden? Bau-yü stampfte mit dem Fuß auf und kämpfte mit den Tränen. Bau-tschai war auch sehr bewegt, aber kontrollierte sich, aus Angst, sie könnte Bau-yü noch mehr aufregen. „Wir sollten uns unsere Tränen für später aufheben,“ riet sie. Sie gingen beide direkt zu Hsi-fëngs Gemach, wo sie einen weinenden Pulk versammelt fanden. Bau-tschai ging vor an die Bettseite, wo Hsi-fëngs Körper bereits ausgelegt war, und stieß einen lauten Schrei vor Trauer aus. Bau-yü hielt Djia Liäns Hand und schluchzte laut, was Djia Liän wieder zum Weinen brachte. Ping-örl, die sah, daß niemand anderes fähig war, Trost zu spenden, ging vor, versuchte, ihre eigene Trauer zu verstecken, und erzwang Mäßigung. Der Klang untröstlichen Weinens füllten trotzdem weiter den Raum. Djia Liän schwankte hilflos her und her. Er schickte nach Lai Da, und sagte ihm, was er für die Vorbereitungen der Beerdigung tun solle. Er selbst berichtete Hsi-fëngs Tod Djia Dschëng und sah dann, welche anderen Anstalten er machen konnte. Aber es gab einfach kein Geld. Es war ein unmöglicher Auftrag. Liebe Erinnerungen an Hsi-fëng brachten ständig Tränen in seine Augen. Seine Trauer wurde noch schlimmer beim elenden Anblick von Tchiau-djies, die sich um ihre Mutter die Seele aus dem Leib weinte. Das Weinen war die ganze Nacht zu hören. Am Morgen schickte Djia Liän einen Boten zu Hsi-fëngs älterem Bruder, Wang Jën. Der Tod seines älteren Onkels Wang Dsï-teng hatte Wang Jën so frei hinterlassen, daß er machen konnte, was er wollte. Dsï-scheng, der überlebende jüngere Onkel, war ein zu unberechenbarer Charakter, um ihn zu kontrollieren; Wang Jëns Benehmen hatte schon zu ordentlichen Unstimmigkeiten in der Familie geführt. Nun, als er vom Tod seiner jüngeren Schwester erfuhr, eilte er mit leichtem Unbehagen hinüber, um seine Pflicht als Bruder zu erfüllen und um sie zu trauern. Bei seiner Ankunft entdeckte er sofort, wie behelfsmäßig die Beerdigungsanstrengungen waren, er war sehr ärgerlich und sagte: „Jahrelang hat meine Schwester für euch geschuftet, und sie hat das auch gut gemacht. Das Wenigste, was Sie ihr schulden, ist eine anständige Beerdigung. Wieso ist das alles nicht gut vorbereitet?“ Djia Liän war niemals gut auf seinen Schwager zu sprechen gewesen, und hatte, als er ihn so poltern hörte, nur ein taubes Ohr für ihn übrig. Wang Jën rief als nächstes seine Nichte Tchiau-djie an seine Seite. Er sagte zu ihr: „Während deine Mutter noch lebte, hatte sie eine Schwäche: Sie war zu beschäftigt damit, der Herzoginmutter zu gefallen und als Ergebnis hat sie ihre eigene Familie vernachlässigt. Nichte, du bist nun schon groß genug, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen! Sieh mich an, habe ich jemals versucht, von euch zu profitieren? Nun, da deine Mutter tot ist, mußt du zu mir aufsehen und tun, was ich dir sage. Dein Onkel und ich sind die Familie deiner Mutter. Ich habe schon immer deinen Vater gekannt. Er würde eher seinen Weg verlassen, um sich anderen gegenüber unterwürfig zu verhalten, als uns auch nur zu bemerken. Als Frau You-schï starb, war ich nicht in der Stadt, aber ich hörte, daß viel Geld für sie ausgegeben wurde. Und nun geizt er bei der Beerdigung deiner eigenen Mutter. Denkst du nicht, du solltest darüber mit ihm reden und ihn zur Vernunft bringen?“ „Vater hätte nichts lieber als eine schöne Beerdigung“, sagte Tchiau-djie, „aber die Dinge haben sich geändert. Wir haben nicht genug Geld, also müssen wir natürlich etwas sparsam sein.“ „Was ist mit deinen eigenen Dingen?“, fragte Wang Jën unerbittlich weiter. „Sicher hast du selbst etwas übrig?“ „Es ging alles bei der Razzia letztes Jahr verloren, und ich bekomme es nicht mehr wieder“, sagte Tchiau-djie.

Aus: Jinyuyuan 1889b. „Lügst du mich auch an?“, fragte sie Wang Jën. „Ich weiß, daß die Dame Djia alle möglichen Dinge an Familiengehörige weggegeben hat. Du solltest deinen Teil nun hervorholen.“ Tchiau-djie konnte sich nicht dazu durchringen, zuzugeben, daß ihr Vater bereits ihre Sachen genommen und verkauft hatte, und so tat sie so, als würde sie nicht verstehen, worauf er anspielte.

„Ich weiß!“, rief Wang Jën, „du behältst es für deine Aussteuer!“

Tchiau-djie verweigerte jedes weitere Wort. Wang Jën hatte sie bereits mit seinen Bemerkungen beleidigt, und sie begann zu weinen, bis sie fast an ihren Gefühlen erstickte. „Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, Herr“, protestierte Ping-örl erhitzt, „warten Sie bitte, bis Herr Liän zurück kommt. Fräulein Tchiau-djie ist viel zu jung, um zu verstehen.“ – „Und ihr, ihr habt nur darauf gewartet, daß mein Schwester stirbt, oder nicht!“ höhnte Wang Jën. „Ihr Pack! Damit du in ihre Spuren treten kannst. Ich bitte nicht um viel, nur um eine anständige Beerdigung. Sicher wollt ihr eure eigene Familie nicht schänden?“ Er setzte sich auf eine selbstsichere Art hin. Tchiau-djie fühlte sich sehr schlecht. ,Ich weiß, daß Vater sich darum sorgt‘, dachte sie bei sich, ‚und außerdem, als Mutter lebte, schlich sich Onkel Jen selbst mit allen möglichen Dingen von ihr davon, also hat er nicht das Recht, sich zu beschweren.‘ In ihren Augen war Wang Jën eine eher verabscheuungswürdige Person. Er für seinen Teil rechnete heimlich damit, daß Hsi-fëng ihren eigenen privaten Anteil gehabt haben mußte und daß trotz der Razzia da etwas Silber irgendwo in ihren Gemächern sein mußte – und sogar ein großer Teil. „Sie denken bestimmt, daß ich zum Schnorren gekommen bin, und das Mädchen versucht, sie zu schützen. Sie wird mir nicht nützen, die kleine Göre!“ Er begann, eine starke Abneigung gegenüber seiner Nichte zu spüren. Djia Liän war zu beschäftigt, um Geld für die Beerdigung zu organisieren oder um all diese Verwicklungen mitzubekommen. Er hatte die ‚äußeren‘ Formalitäten an Lai Da deligiert, aber brauchte noch immer viel Geld für die ‚innere‘ Feier und sah keinen Weg, wie er dies organisieren sollte. Ping-örl war sich seiner mißlichen Lage bewußt. „Sie dürfen die Dinge nicht zu ernst nehmen, Herr,“ drängte sie ihn. „Sie machen sich nur krank.“ „Krank!“, rief Djia Liän, etwas hysterisch. „Das ist das letzte meiner Probleme! Wir können nicht einmal Geld auftreiben, um Tag für Tag auszukommen, und dann erst für eine Beerdigung. Und um alles noch schlimmer zu machen, habe ich diesen Idioten am Hals!“ „Es gibt wirklich keinen Grund, sich in so einen Zustand zu bringen, Herr“, sagte Ping-örl. „Wenn Sie kein Geld haben, habe ich ein paar Sachen, die nicht in der Razzia mitgenommen wurden. Benutzen Sie die, wenn Sie das wünschen.“ ‚Das ist doch sehr gut!‘, dachte Djia Liän bei sich. Er lächelte Ping-örl an: „Das würde mich davor bewahren, herumzurennen und Geld aufzutreiben. Ich werde es dir sobald wie möglich zurückzahlen.“ „Was immer ich habe, wurde mir zuerst von Frau Liän gegeben“, sagte Ping-örl, „also gibt es da wirklich keinen Grund, es mir zurückzuzahlen. Ich will nur, daß die Beerdigung vernünftig wird, das ist alles.“ Djia Liän akzepierte Ping-örls Angebot mit ehrlicher Dankbarkeit und verpfändete ihren Besitz für die Beerdigungskosten. Von da an fand er es wichtig, über alles mit ihr zu diskutieren. Tchiu-tung war sehr aufgebracht und nahm jede Gelegenheit wahr, um sich zu beschweren: „Nun, da Frau Liän weg ist, denkt Ping-örl, sie könne alles übernehmen. Der Herr gab mich zu Herrn Liän. Wie kann Ping-örl denken, eine höhere Position als meine zu erlangen?“ Ping-örl bemerkte Tchiu-tungs verärgerte Art, aber schenkte ihr keine Beachtung. Djia Liän, für seinen Teil, fand Tchiu-tungs Ablehnung, welche er sehr bald bemerkte, sehr unangenehm, und wann immer etwas geschah, das ihn verärgerte, ließ er seine schlechte Laune an ihr aus. Die Dame Hsing kritisierte ihn dafür, und sie fühlte sich wiederum berufen, ihn dafür zu tadeln. Aber nun nichts mehr davon. Nach gegebener Zeit, nachdem Hsi-fëngs Körper im Sarg für über zehn Tage ausgestellt worden war, wurde er zum Tempel gebracht. Djia Dschëng war noch am Trauern für die Herzoginmutter und blieb in seinem Studierzimmer während Hsi-fëngs Beerdigung. Sein Gefolge der literarischen Herren hatten ihn nach und nach verlassen. Nur Tscheng Ji-hsing besuchte ihn regelmäßig: Bei einer Gelegenheit sprach Djia Dschëng zu ihm über das allgemeine Thema des Untergangs seiner Familie: „Sieh, wie einer nach dem anderen stirbt! Mein älterer Bruder und der junge Dschën sind beide in der Verbannung. Unsere Finanzen verschlechtern sich täglich. Und wer weiß, was aus unserem Landbesitz in den östlichen Provinzen wird. Alles zusammen ist es ein katastrophaler Zustand!“ „Ich war viele Jahre hier, Herr“, sagte Tscheng, „und ich habe selbst gesehen, wie beschäftigt Ihr Personal damit ist, sich selbst auf Eure Kosten zu bereichern. Jedes Jahr zeigt, wie das Geld aus Euren Taschen in deren Taschen regnet. Das ruiniert Sie. Dann brauchen Sie das Geld für die Familien von Herrn Schë und Herrn Dschën, und außerdem haben Sie sich beachtliche Schulden zugezogen. Und dann der Verlust, der durch den letzten Überfall entstand, wovon ich nicht glaube, daß das Diebesgut wiedergefunden wird. Wenn sie wünschen, daß Ihr Haus wieder in Ordnung gebracht wird, Herr, wäre die einzige Abhilfe, die ich mir vorstellen kann, das gesamte Personal zu versammeln, und Ihren vertrauenswürdigsten Verwalter mit einer umfangreichen Untersuchung Ihrer Konten zu beauftragen. Auf diese Art können sie beurteilen, in welchem Bereich Einsparungen möglich sind. Defizite sollten vom verantwortlichen Verwalter übernommen werden. Auf diese Art wissen Sie wenigstens, wo Sie stehen. Dann ist da der Garten. Er ist zu groß, um von jemandem gekauft zu werden. Aber es ist eine Schande, daß ein Ort mit soviel Potential für Gewinn so vernachlässigt wird. Während der Jahre, die Sie weg waren, Herr, hat das Personal dort alle Sorten von erschreckenden Geschichten fabriziert, welche den Effekt hatten, jeden davon abzuhalten, den Ort zu betreten. All ihr Ärger kommt, zusammengefaßt, von den Taten Ihrer Angestellten. Sie sollten eine gute Untersuchung führen und unzufriedenstellende Elemente unter ihnen entlassen. Es wäre eine Abhilfe, die Sinn ergäbe.“ „Mein lieber Tscheng“, antwortete Djia Dschëng, mit dem Kopf schwer nickend, „du scheinst nicht mitzubekommen: Ich kann nicht mal meinem eigenen Neffen trauen, ganz zu schweigen von den Angestellten! Und wenn ich selbst so eine Untersuchung, wie du sie vorschlägst, machen würde, würde ich es nicht zu hoffen wagen, die Wurzel der Probleme zu finden. Nicht daß ich mich nicht in so eine Sache einarbeiten könnte, während ich noch trauere. Selbst wenn ich dies täte, habe ich in der Vergangenheit den Haushaltsdetails nie viel Aufmerksamkeit geschenkt, daher habe ich wirklich keine Ahnung, was wir haben sollten und was nicht. Ich weiß nicht einmal, wo ich nachsehen soll.“ „Sie sind ein großzügiger und rechtschaffener Mann“, erwiderte Tscheng. „In jeder anderen Familie von vergleichbarer Position könnten die Herren, selbst wenn die Dinge diesen kritischen Zustand erreicht haben, darauf zählen, die Katastrophe für fünf oder zehn Jahre aufzuschieben, indem sie ihre Verwalter um Geld bitten. Ich weiß, daß einer ihrer Männer sogar zu einem Magistrat des Bezirks berufen wurde.“ „Nein!“, unterbrach ihn Djia Dschëng streng, „wenn ein Mann sich erniedrigt und Geld von seinen eigenen Angestellten borgt, ist das der Anfang vom Ende. Wir müssen einfach unsere Gürtel enger schnallen. Wenn wir noch den Grund besitzen, der in unseren Büchern steht, gut und schön. Aber ich persönlich neige dazu zu glauben, daß wenig Realität in diesen Einträgen steckt.“ „Genau, Herr“, antwortete Tscheng, „das war genau mein Grund, eine Untersuchung der Konten vorzuschlagen.“ „Warum, hast du was gehört?“, fragte Djia Dschëng. „Ich habe von manchen Freveln, die von ihren Angestellten begangen wurden, gehört“, antwortete Tscheng, „aber ich hätte sie kaum in Ihrer Anwesenheit melden können, Herr.“ Djia Dschëng erriet aus dem Ton in Tschengs Stimme, daß er die Wahrheit sagte. „Ach!“ seufzte er, „seit den Tagen meines Großvaters, haben wir dasHerkommen in meiner Familie, daß wir unserem Personal gegenüber freundlich und großzügig sind. Wir haben sie nie schlecht behandelt oder ihnen einen Grund zur Beschwerde gegeben. Was ist aus der jetztigen Generation geworden! Es wird täglich schlimmer. Und wenn ich jetzt plötzlich wie ein strenger Herr handle, glaube ich nicht, daß ich ernst genommen würde.“ Als sie sprachen, kam einer der Hausmeister herein und kündigte seine Exzellenz Dschën von der Familie aus Djiangnan an, der zu Besuch gekommen war. „Was treibt ihn in die Hauptstadt?“, fragte Djia Dschëng. „Wie ich verstehe, Herr“, antwortete der Diener, „wurde er durch die Gunst des Kaisers befördert.“ – „Bring ihn sofort herein“, sagte Djia Dschëng. Der Diener ging hinaus, um den Besucher hereinzuführen. Seine Exzellenz Dschën war der Vater von Dschën Bau-yü. Sein voller Name war Dschën Ying-djia, sein Hofname You-dschung, was ‚Freund der Loyalen‘ bedeutete. Die Dschëns waren, wie erinnert werden soll, wie die Djias, eine angesehene Familie von Nanking, und die beiden Familien hatten eine lange Familienbeziehung und sich oft besucht. Dschën Ying-djia hatte seinen Posten vor ein oder zwei Jahren verloren aufgrund eines Vergehens, und der Familienbesitz wurde daraufhin beschlagnahmt. Nun hatte sein Majestät der Kaiser an ihm einen besonderen Gefallen als Nachfahre eines treuen und verdienten Menschen, hatte ihn wieder in seine ererbte Position eingesetzt und ihn in die Hauptstadt zu einer Audienz berufen. Er wußte, daß die Herzoginmutter kürzlich verstorben war, also hatte Dschën eine Gabe vorbereitet und einen günstigen Tag aus dem Kalender gewählt, an welchem man die Gabe im Tempel, wo ihre sterblichen Überreste lagen, überreichen solle. Bevor er das tun wollte, besuchte er das Jung-guo-Anwesen, um seinen Respekt zu zeigen. Die Traueretikette hinderte Djia Dschëng daran, hinauszugehen und seinen Gast zu begrüßen, aber er hieß ihn von der Schwelle seines äußeren Studierzimmers willkommen. Als Dschën Ying-djia ihn sah, mischten sich Trauer und Freude in seiner Brust. Beide Herren unterließen jede umständliche Form der Zeremonie, gaben sich stattdessen einfach die Hand und tauschten Grüße aus. Sie setzten sich an einen Tisch, Djia Dschëng bot seinem Gast etwas Tee, und sie redeten eine Weile. „Wann wurdest du von seiner Majestät empfangen?“, fragte Djia Dschëng. „Vorgestern“, antwortete Dschën Ying-jia. „Seine Majestät muß dich in seiner großen Freundlichkeit sicherlich mit ein paar Einweisungen befördert haben.“ „Ja, in der Tat. Seine Majestät, dessen Freundlichkeit den Himmel überschreitet, haben mich mit einem Erlaß befördert.“ – „Darf ich nach seinem Inhalt fragen?“ – „Mit Blick auf die letzten Ausbrüche der Piraterie an der Südküste und die beunruhigenden Zustände, denen die Leute dort ausgesetzt sind, haben seine Majestät den Fürst von An-guo auf eine Friedensmission gegen die Rebellen geschickt. Weil ich mit der Gegend so vertraut bin, hat er mich beauftragt, an der Aktion teilzunehmen, ich muß fast sofort abreisen. Als ich gestern hörte, daß die Herzoginmutter verstorben ist, habe ich eine bescheidene Gabe von Blüten-Räucherstäbchen vorbereitet, um es vor ihrem Sarg verbrennen zu lassen, als kleiner Ausdruck meiner Andacht.“ Djia Dschëng verneigte sich dankend und antwortete: „Ich bin sicher, dieses Unternehmen wird eine Gelegenheit für dich sein, die Gedanken seiner Majestät zu beruhigen und der Nation Frieden zu bringen. Ich zweifle auch nicht daran, daß es dir großen persönlichen Ruhm einbringen wird! Ich bedaure nur, daß ich nicht fähig bin, dies mit meinen eigenen Augen zu sehen, sondern mich damit zufrieden geben muß, die Neuigkeiten deiner Siege von weit weg zu hören. Der gegenwärtige Kommandant der Dschënhai-Küstenregion ist ein Verwandter von mir, und ich hoffe, daß du ihn freundlich empfangen wirst, wenn du ihn triffst.“ – „Wie bist du mit dem Kommandanten verwandt?“, fragte Dschën Ying-djia. „Während meiner Zeit im Amt als Getreide-Intendant in Djianghsi“, antwortete Djia Dschëng, „habe ich meine Tochter mit seinem Sohn verlobt, und sie sind nun seit drei Jahren verheiratet. Eine ausgedehnte Störung an der Küste und die weitere Konzentration auf die Piraten in der Region haben für eine Weile verhindert, daß uns Neuigkeiten von da erreichten. Ich bin sehr um das Wohlergehen meiner Tochter besorgt und flehe dich ernsthaft an, sie zu besuchen, wenn deine Pflichten erfüllt sind und sich eine gute Gelegenheit bietet. In der Zwischenzeit werde ich ihr einen kurzen Brief schreiben, und, wenn du so nett wärst, es für mich von einem deiner Männer dorthin bringen zu lassen, wäre ich dir ewig dankbar.“ „Kinder sind die Wurzel der Sorge für alle von uns“, antwortete Dschën. „Ich selbst war dabei, dich um einen ähnlichen Gefallen zu bitten. Als ich meine Anweisungen von seiner Majestät erhielt, zur Hauptstadt zu kommen, entschied ich mich, meine Familie mit mir zu nehmen. Mein Sohn ist in einem zarten Alter, und wir haben nur wenig Personal zu Hause. Ich mußte vorauseilen, während meine Familie mir auf einem bequemeren Weg folgt und jeden Tag hier ankommen sollte. Mir wurden bereits meine Marschpläne gegeben, und ich darf mich nicht noch mehr verspäten. Wenn meine Familie ankommt, können sie sich sicher bei dir melden, und ich habe meinem Sohn Anweisung gegeben, dir seinen Respekt zu erweisen, in der Hoffnung, daß er von deinem Rat profitieren kann. Sollte ein passendes Angebot für eine Hochzeit für dich zu erkennen sein, wäre ich sehr dankbar, wenn du uns dieses präsentieren würdest.“ „Das mache ich,“ versicherte ihm Djia Dschëng. Nach ein wenig mehr Geplauder erhob sich Dschën Ying-djia, um zu gehen, und sagte: „Ich hoffe dich morgen außerhalb der Stadt zu sehen.“ Djia Dschëng wußte, daß Dschën viele andere Verabredungen haben mußte und wollte ihn nicht bedrängen zu bleiben. Er brachte ihn zur Tür des Studierzimmers, wo Djia Liän und Bau-yü darauf warteten, ihn hinauszubegleiten. Weil Djia Dschëng sie nicht hereingebeten hatte, hatten sie draußen gewartet. Die beiden jüngeren Männer gingen vor, um Herrn Dschën Ying-djia ihn zu begrüßen. Dieser schien sehr erstaunt über den Anblick von Bau-yü. ‚Denk’ die weiße Trauerkleidung weg‘, dachte er bei sich. ‚und dieser junge Mann ist das genaue Abbild unseres eigenen Bau-yü!‘ – „Es ist so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, sagte er höflich, „daß ich fast eure Namen vergessen habe.“ Djia Dschëng zeigt auf Djia Liän: „Der Sohn meines älteren Bruders Schë.“ Dann zeigte er auf Bau-yü: „Mein eigener zweiter Sohn, Bau-yü.“ Dschën klatschte in die Hände: „Wie außergewöhnlich! Ich hörte die Geschichte zu Hause, daß du einen sehr geliebten Sohn hast, der mit einem Jadestein geboren wurde, und daß sein Name Bau-yü sei. Ich war erst sehr überrascht, daß unsere Söhne denselben Namen teilen, aber später dachte ich, daß solche Zufälle sehr häufig sind. Nun habe ich ihn in Fleisch und Blut gesehen und bin wieder völlig erstaunt! Er ist das lebende Abbild meines eigenen Sohnes! Nicht nur seine Züge, die ganze Art und die Bewegungen sind diesselben!“ Als ihm Bau-yüs Alter genannt wurde, kommentierte er: „Mein Sohn ist ein Jahr jünger.“ Djia Dschëng fuhr fort, daß er bereits einige Informationen über Dschën Bau-yü von Bau Yung gesammelt hatte, den Dschën Ying-djia selbst empfohlen hatte. Als er Bau-yung erwähnt hatte, wiederholte Dschën Ying-djia, daß die beiden Söhne denselben Namen hatten. Weil er Bau-yü sehr liebte, mochte er auch nicht nach dem Betragen von Bau Yung forschen, sondern rief weiter: „Sehr außergewöhnlich! Sehr außergewöhnlich!“ Er nahm Bau-yü an der Hand und war ihm gegenüber sehr freundlich. Ihre Unterhaltung hätte länger gedauert, wenn der Fürst von An-guo es mit dem Aufbruch nicht eilig gehabt hätte. Dschën wollte nicht, daß sich sein Vorgesetzter verspätete und mußte selbst noch eilige Vorbereitungen für die bevorstehende lange Reise treffen. Er zwang sich daher, auf Wiedersehen zu sagen, und verabschiedete sich würdig, begleitet von Djia Liän und Bau-yü. Auf dem ganzen Weg bedrängte er Bau-yü förmlich mit Fragen. Endlich stieg er in seine Kutsche und fuhr fort; Djia Liän und Bau-yü kehrten zurück, um sich bei Djia Dschëng zu melden. Sie erzählten ihm noch einmal, was Dschëng Ying-djia gesagt hatte. Als sie entlassen wurden, ging Djia Liän noch einmal, um sich zu bemühen, seine Konten für Hsi-fëngs Beerdigung zu regeln. Bau-yü kehrte zu seinen eigenen Gemächern zurück und erzählte Bau-tschai von seinem Treffen mit Dschën Ying-djia. „Ich hätte nie gedacht, daß ich eine Chance hätte, diesen Dschën Bau-yü zu sehen, von dem wir ständig hören, aber nun habe ich seinen Vater gesehen, und anscheinend wird er in den nächsten Tagen herkommen, um meinen Vater zu besuchen. Alle sagen immer, er sei mein ‚lebendes Abbild‘, was ich schwer glauben kann. Wenn dieser andere Bau-yü kommt, müßt ihr alle einen Blick auf ihn werfen, und entscheiden, ob es da wirklich eine Ähnlichkeit gibt.“ „Schande über dich!“, rief Bau-tschai aus, „ehrlich, du redest täglich mehr und mehr sonderliches Zeug! Erst erzählst du uns irgendeine Geschichte über einen jungen Mann, der wie du aussehen soll, dann willst du, daß wir einen ‚Blick‘ auf ihn werfen!“ Bau-yü erkannte, daß er da etwas Falsches gesagt hatte, und errötete. Er versuchte einen Weg zu finden, seinen Fauxpas zu beheben. Aber um mehr zu erfahren, muß man zum nächsten Kapitel gehen. 115. Eine Besessenheit bestätigt Hsi-tschun in einem alten Schwur, den Staub der Welt hinter sich zu lassen Eine physische Ähnlichkeit beraubt Bau-yü eines erdichteten Freundes

Als Bau-yü seine Worte gegenüber Bau-tschai korrigieren wollte, kam Tjiu-wën herein und sagte: „Der Herr wünscht Bau-yü zu sehen.“ Bau-yü kam dies gerade gelegen, und er ging sofort los. „Ich will mit dir reden“, sagte Djia Dschëng, als er ankam, „was deine Studien angeht. Du bist noch in Trauer, und es wäre daher unüblich für dich, zur Schule zu gehen. Aber du kannst und mußt deine Aufsätze wiederholen. Über die nächsten paar Tage werde ich etwas Freizeit haben, und ich will, daß du mir zuhause ein paar Aufsätze schreibst. Ich werde dann fähig sein, selbst zu beurteilen, ob du in all der Zeit einen erkennbaren Fortschritt gemacht hast.“ – „Ja, Vater“, sagte Bau-yü eher erbärmlich. „Ich habe deinen Bruder Huan und deinen Neffen Lan beauftragt, dasselbe zu tun. Ich hoffe ernstlich, daß deine Arbeit besser als ihre ist.“ – „Ja, Vater.“ Bau-yü traute sich nicht mehr zu sagen, sondern stand wie angewurzelt auf der Stelle. „Nun, dann geh!“ Als er aus dem Studierzimmer ging, ging Bau-yü an Lai Da und den anderen Verwaltern vorüber, die mit ihrem Registern kamen. Er war bald wie ein Blitz zurück in seinem Raum, und erzählte das Wichtigste der Unterhaltung Bau-tschai, die eher erfreut schien, dies zu hören. Bau-yü selbst stöhnte innerlich, aber wußte, daß es nicht ratsam wäre, faul zu erscheinen, und bereitete sich vor, sich zu setzen und zu konzentrieren, als zwei Nonnen vom Kloster Di-dsang eintrafen, um Bau-tschai zu begrüßen. Bau-tschai war ihnen gegenüber etwas kalt und befahl ihrer Magd, ihnen Tee zu bringen, während Bau-yü, der gerne mit den Nonnen geredet hätte, wußte, daß Bau-tschai ihre Gesellschaft nicht mochte, und sich daher zurückhielt. Die Nonnen für ihren Teil wußten nur zu gut, daß Bau-tschai ihnen gegenüber keine Sympathie empfand; deshalb entschuldigten sie sich, nachdem sie eine kurze Weile dort gesessen hatten. „Wollen sie nicht etwas länger bleiben?“, fragte Bau-tschai etwas heuchlerisch. „Wir müssen noch so viele Besuche bei den Damen machen“, antwortete eine von ihnen, „mit den Feierlichkeiten, die wir im Kloster Eiserne Schwelle halten mußten, waren wir sehr beschäftigt und haben die Damen und die jungen Damen seit langem nicht mehr besucht. Außer Ihnen haben wir bereits die Damen gesehen, aber wir wollen noch zu Fräulein Hsi-tschun.“ Bau-tschai nickte, und die Nonnen gingen weiter zu Hsi-tschuns Gemächern. Sie fragten Tsai-ping, die sie empfing, wo ihre Herrin zu finden sei. „Fragen Sie mich nicht, meine Herrin hat seit Tagen nichts gegessen“, rief Tsai-ping, „und nun will sie nicht einmal von ihrem Bett aufstehen.“ „Warum? Was geht hier vor?“ – „Oh, das ist eine lange Geschichte. Ich bin sicher, daß sie Euch alles erzählen wird, wenn Ihr sie seht.“ Hsi-tschun hatte sie reden hören, als sie hereinkamen, und setzte sich sofort auf. „Wie geht es Ihnen beiden?“, fragte sie. „Ich dachte, sie würden aufhören, uns zu besuchen, weil unser Haushaltsangelegenheiten sich so schlimm entwickelt haben...“ – „Amitabha!“ kam der fromme Ausruf. „Wohltäter sind Wohltäter, ob sie arm oder reich sind. Unser Kloster wurde von ihrer Familie gegründet, und wir waren immer sehr gut von der Herzoginmutter ausgestattet worden. Wir sahen die Damen und die jungen Damen bei der Beerdigung der Herzoginmutter, aber wir haben Sie dort nicht gesehen, Fräulein, und wir waren um Sie besorgt. Deswegen sind wir hierhergekommen, besonders um Sie heute zu besuchen.“ Hsi-tschun fragte nach den Nonnen im Wassermond-Tempel. „Seit dem Skandal“, war die Antwort, „lassen die Pförtner sie keinen Fuß mehr in das Jung-guo-Anwesen setzen.“ „Da wir von Skandal reden“, fuhr dieselbe Nonne fort, „ist es wahr, was wir den anderen Tag hörten, daß Schwester Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün mit einem Mann durchgebrannt ist?“ – „Was für ein Unsinn!“, antwortete Hsi-tschun. „Die Leute, die solche Geschichten erzählen, sollten aufpassen, daß ihre Zungen nicht in der Hölle herausgeschnitten werden! Das arme Mädchen wurde von einer Bande von Dieben entführt! Wie kann jemand das Herz haben, solche schlimmen Gerüchte in die Welt zu setzen!“ – „Schwester Miau-yü war trotzdem eine merkwürdige Person“, sagte die Nonne. „Wir dachten immer, sie hätte es ein wenig übertrieben. Natürlich möchten wir sie nicht vor Ihnen kritisieren, Fräulein. Wer sind wir, wenn wir uns mit ihr nach allem vergleichen? Nur gewöhnliche, grobe Leute. Wir singen unsere Liturgien, sprechen unsere Gebete, machen die Fürbitten für die Sünden anderer und hoffen uns einen kleinen Verdienst für uns zu verdienen, ein kleines gutes Karma.“ – „Was bedeutet ein wirklich gutes Karma?“, fragte Hsi-tschun ernst. „Nun, Fräulein, die wirklich tugendhaften Familien wie deine ausgenommen, die nichts zu befürchten haben. Natürlich können adelige Mädchen und junge Damen niemals ganz sicher sein, wie lang ihr Wohlstand andauern wird. Wenn das Schicksal zuschlägt, kann sie nichts retten. Nichts, mit Ausnahme unsere Göttin Guan-yin: wenn unsere Göttin einen Sterblichen leiden sieht, wird ihr unsagbares Mitleid sie dazu bewegen, den Sterblichen zu retten.