Hongloumeng/de/Chapter 117

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Kapitel 117

阻超凡佳人双护玉 / 欣聚党恶子独承家

ng versagte wieder, und Hsi-jën brach ungeachtet von der Anwesenheit der Dame Wang in Schluchzen aus und rief: „Ich will mit Fräulein Hsi-tschun gehen!“ Bau-yü lächelte: „Du strebst auch nach etwas Gutem. Aber ein Leben in Abgeschiedenheit hat das Schicksal für dich nicht bestimmt.“ „Dann möchte ich lieber sterben!“, schluchzte Hsi-jën. Entgegen seiner neu gefundenen Distanziertheit, war Bau-yü von ihren Worten sehr bewegt. Doch er sagte nichts. Es war bereits vier Uhr morgens, und er schlug seiner Mutter vor, sich zur Nachtruhe zu begeben. Li Wan und die anderen gingen zurück in ihre Gemächer und Tsai-ping geleitete Hsi-tschun in ihr Zimmer, wo sie darauf wartete, daß bald Ehemänner für Hsi-tschuns Mägde gefunden würden und Dsï-djüan verbrachte den Rest des Tages damit, ihr demütig zu dienen. Doch das wollen wir nicht weiter ausführen. Djia Dschëng hatte den Sarg der Herzoginmutter immer weiter gen Süden übergeführt. Weil ihnen Marineschiffe nach der siegreichen Beendigung eines Feldzuges begegneten, war der Kanal hoffnungslos überfüllt mit militärischen Transportschiffen, und die Verzögerung stimmte Djia Dschëng sehr verdrießlich. Sein einziger Trost war das Treffen mit einem Beamten des Yamens der Küstenverteidigung, der ihm berichtete, daß der Kommandant, Tan-tschuns Schwiegervater, nach Peking zurückberufen wurde. Tan-tschun konnte nun nach Hause zurückkehren, obwohl es unklar war, wann sie reisen konnten. Eine weitere Folge der Verzögerung war, daß Djia Dschëng kaum mehr Geld hatte. Er mußte einen Brief schreiben und ihn zum Yamen des Sohns von Verwalter Lai Da, Lai Shang-jung, schicken, der in dieser Gegend zufällig Magistratsbeamter war. Er bat ihn, ihm fünfhundert Silbertael zu leihen. Der Diener, der mit dieser Mission beauftragt wurde, sollte das Geld bringen und Djia Dschëng weiter über den Kanal führen. Nachdem einige Tage vergangen waren, erschien der Diener wieder und kam mit Lai Shang-jungs Antwort an Bord. Der Brief war voller Kummergeschichten verschiedenster Art und schloß mit fünfzig Silbertael. Djia Dschëng war rasend und, ohne zu zögern, befahl er dem Diener, sofort zurückzukehren: „Gib ihm sein Geld zurück, und seinen Brief kann er auch wieder haben! Er soll sich schämen!“ Der arme Diener tat, was ihm befohlen wurde und kehrte zu Lais Yamen zurück. Lai, verstört darüber, seinen Brief und das Geld wiederzubekommen, und wissend, daß er sich gemein verhalten hatte, bereitete ein weiteres Paket vor, füllte es mit weiteren hundert Tael und bat den Diener, es zurück zu Djia Dschëng zu bringen. Doch gegen Lais Bitten und Flehen blieb der Mann hart und kehrte mit leeren Händen zum Boot zurück. Lai Shang-jung war sich nur zu gut der Folgen seines Handelns bewußt und schrieb sofort seinem Vater im Jung-guo-Anwesen. Er riet ihm, sich zu verabschieden und wenn möglich, ihn aus der Situation freizukaufen. Als Verwalter Lai den Brief seines Sohnes erhielt, fragte er Djia Tchiang, Djia Yün und die anderen, bei der Dame Wang um seine Entlassung zu bitten. Djia Tchiang wußte zu gut, daß allein der Versuch sinnlos war. Er ließ einen Tag vergehen und gab dann den falschen Bericht, die Dame Wang habe ihm seine Bitte verwehrt. Also nahm sich Lai Da ein paar Tage frei und schickte einen Botschafter zum Yamen seines Sohnes, um ihn anzuweisen, sich krank zu melden und seine Stellung zu verlassen. Die Dame Wang wußte überhaupt nicht, was alles vor sich ging. Djia Yün war äußerst enttäuscht zu hören, daß Djia Tchiang Lais Bitte abgewiesen hatte. Diese Tatsache, oder besser die Provision, die dies gebracht haben könnte, erschien ihm als letzte Chance, die enormen Spielschulden, die er in den letzten Tagen zu verzeichnen hatte, auszugleichen. Seine einzige andere Hoffnung war, Djia Huan um ein Darlehen zu bitten. Doch Djia Huan war nicht in der Lage, als Geldgeber zu dienen, da er selbst keine Münze besaß und bereits alles Ersparte seiner Mutter verpraßt hatte. Auch wenn Yün kein Darlehen bekam, gelang es ihm trotzdem, Djia Huan in seinen Rachegefühlen zu bestärken. Erinnerungen an Hsi-fëngs Grausamkeit schwirrten Djia Huan immer noch im Kopf. Und da Djia Liän fort war, war er mehr als bereit, seine Laune an Tchiau-djie auszulassen. Djia Yün, der ein Darlehen brauchte, schien der geeignete Komplize. „Du bist nicht länger ein Junge, Yün!“, grummelte er herausfordernd. „Warum einen Armen wie mich um Geld bitten, wenn es die Möglichkeit gibt, einen kleinen Vorteil zu erzielen?“ – „Erzähl’ etwas anderes!“, antwortete Yün. „Wir haben doch immer nur unseren Spaß gehabt. Ich habe für uns niemals die Möglichkeit gesehen, irgendwo Profit rauszuschlagen.“ – „Was war denn letztens mit diesem Mongolischen Prinzen, der nach einer Konkubine sucht? Warum besprechen wir das nicht mit Onkel Hsing und bieten dem Prinzen Tchiau-djie an?“ – „Das könnte dich vielleicht verärgern, wenn ich das sage, Onkel Huan“, antwortete Djia Yün. „Doch ich würde es so sagen: Angenommen, der Prinz kauft eine Konkubine aus unserer Familie, möchte er mit uns danach wahrscheinlich nichts mehr zu tun haben.“ Als Antwort darauf flüsterte Djia Huan etwas in Djia Yüns Ohr und Yün nickte nebenbei, beurteilte den Vorschlag als eine Laune von Huan, der keiner ernsthaften Überlegung wert sei. Genau in diesem Moment kam Wang Jën vorbei. „Was plant ihr beiden denn?“, fragte er. „Wollt ihr mich wieder zum Narren halten?“ Djia Yün erzählte ihm leise den Inhalt von Djia Huans Vorschlag, und Wang Jën klatschte enthusiastisch in die Hände. „Bravo! So ein einträglicher Einfall! Doch könnt ihr das wirklich durchziehen? Wenn du den Mut dazu hast, dann versichere dich. Vergiß nicht, daß ich ihr Onkel bin. Es ist immer noch meine Entscheidung. Du übermittelst den Plan nur der Dame Hsing und Djia Huan, dem alten Burschen, während ich mit Onkel Hsing spreche. Wenn die Tanten unnötige Fragen stellen, müssen wir sicher sein, daß alle dieselbe Geschichte erzählen.“ Als diese Besprechung vorüber war, suchte Wang Jën nach Onkel Hsing, während Djia Yün den Damen Hsing und Wang die gute Nachricht übermittelte, dabei fügte er noch ein paar Ausschmückungen hinzu. Die Dame Wang nahm den Vorschlag zur Kenntnis, blieb jedoch skeptisch. Als die Dame Hsing davon hörte, schien sie im Gegensatz dazu, äußerst begeistert von der Idee zu sein und schickte nach ihrem Bruder, um weitere Einzelheiten zu erfahren. Onkel Hsing wurde bereits von Wang Jën über alles in Kenntnis gesetzt und über seinen möglichen Gewinn informiert, was eigentlich nicht erwähnt werden muß, und wußte daher, als er in die Gemächer seiner Schwester gerufen wurde, was er zu sagen hatte: „Der Prinz ist ein sehr angesehener Mann. Natürlich bitte ich dich nicht um die Zustimmung dazu, daß sie seine richtige Frau wird. Doch sobald sie zu ihm geht, kann ich dafür garantieren, daß mein Schwiegerbruder seine Stelle zurückbekommt und die Familie ihre alte Bedrängnis los wird.“ Die Dame Hsing hatte keine wirkliche eigene Meinung. Sie war auf die Geschichte von ihrem Bruder hereingefallen und lud Wang Jën ein, um das Thema mit ihm zu besprechen. Wang Jëns begeisterte Unterstützung für dieses Projekt gab zuletzt den Ausschlag. Sie gab Djia Yün ihre Zustimmung, während Wang Jën umgehend losging und eine Nachricht an den Palast des Prinzen schickte. Der Prinz war sich dieser ganzen Hintergründe gar nicht bewußt. Er plante lediglich, einige seiner Damen zu schicken, um die körperlichen Eigeschaften und die Tauglichkeit des Mädchens für den Harem zu untersuchen. Djia Yün gelang es, mit den Damen privat ein paar Worte zu wechseln: „Keiner aus der Familie des Mädchens kennt die ganze Wahrheit. Soweit sie betroffen sind, möchte der Prinz das Mädchen als eine seiner Frauen nehmen. Wenn sie erst angenommen ist, wird alles gut, habt keine Angst. Ihre Großmutter hat ihre Zustimmung gegeben, und ihr Onkel Wang Jën fungiert als Vermittler.“ Die Damen bestätigten ihre Zusammenarbeit. Djia Yün übermittelte der Dame Hsing die Neuigkeiten und berichtete der Dame Wang von der ‚Heirat‘. Li Wan und Bau-tschai kannten aber die Wahrheit nicht im geringsten und hörten die Neuigkeiten über die ‚Hochzeit‘ des Prinzen voller Freude. Am vereinbarten Tag kamen mehrere prächtig gekleidete Damen an, wurden empfangen und eine Weile von der Dame Hsing unterhalten. Ihnen wurde bald bewußt, daß die Dame, mit der sie sprachen, einen beachtlichen Rang innehatte, und waren ihr gegenüber sehr respektvoll. Als den Bedingungen des Geschäftes noch nicht zugestimmt worden war, hatte die Dame Hsing Tchiau-djie noch nichts gesagt, sondern ihr nur erzählt, daß einige Verwandte zu Besuch seien und sie nach ihnen sehen solle. Tchiau-djie, die kaum mehr als ein Kind war und zu jung, um irgend einen Verdacht zu schöpfen, ging mit ihrer Amme und Ping-örl dorthin. Letztere traute dem Ganzen nicht recht und bestand darauf, sie zu begleiten. In dem Moment, als Tchiau-djie den Raum betrat, begutachteten sie das Mädchen genauestens und starrten ihre ganze Person von oben bis unten an. Sie erhoben sich dann, nahmen sie an die Hand und betrachteten sie noch einmal, worauf sie sich wieder für ein paar Minuten setzten und dann gingen. Tchiau-djie wunderte sich über ihr Anstarren, und als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, durchdachte sie das Ganze noch einmal für sich. Sie konnte sich nicht daran erinnern, diese ‚Verwandten‘ zuvor gesehen zu haben, und sagte das Ping-örl, die für ihren Teil, sobald sie gesehen hatte, wie die Damen sich benahmen, die Wahrheit bereits vermutete. ‚Offensichtlich haben sie sie im Hinblick auf eine Hochzeit untersucht‘, dachte sie bei sich. ‚Doch da Herr Liän nicht zu Hause ist, liegt die Verantwortung bei der Dame Hsing, und ich habe keine Ahnung, welche Familie damit verbunden ist. Eine Familie von unserem Rang würde niemals derart starren. Trotzdem sahen diese Frauen nicht so aus, als entstammten sie einem der königlichen Gemächer. Sie hatten etwas Ausländisches an sich. Ich sage Tchiau-djie zunächst besser nichts davon, sondern warte, bis ich selbst mehr weiß.‘ Ping-örl machte sich daran, die Wahrheit herauszufinden, und, da die betroffenen Mägde und Dienstmädchen alle einmal für sie gearbeitet hatten, fühlten sie sich noch verpflichtet und gaben ihr sofort alle Informationen, die sie verlangte. Sie war entsetzt und suchte nach einem Einfall, wie man diese Katastrophe abwenden konnte. Sie hielt es immer noch für weiser, Tchiau-djie nichts zu sagen; daher eilte sie hinüber, um Li Wan und Bau-tschai zu informieren, und bat sie, der Dame Wang das Problem darzulegen. Die Dame Wang hatte selbst gespürt, daß etwas nicht stimmte, und hatte dies der Dame Hsing gesagt. Doch die Dame Hsing war auf ihren Bruder und Wang Jën hereingefallen und anstatt die Dame Wang vernünftig anzuhören, vermutete sie ein anderweitiges Motiv, daß ihrem Entschluß entgegen stehen könnte. „Das Mädchen hat sein Alter erreicht“, antwortete sie. „Da Liän von zuhause fort ist, liegt die Entscheidung bei mir. Und außerdem haben mein Bruder und der eigene Onkel des Mädchens die Angelegenheit gründlich durchdacht. Sie werden schon wissen, was daran ist. Ich bin von dieser Idee äußerst angetan. Und du, mach’ dir keine Sorgen, wenn irgend etwas schiefläuft, werden Liän und ich dich bestimmt nicht dafür beschuldigen.“ Die Dame Wang antwortete oberflächlich, aber insgeheim war sie wütend auf die Dame Hsing. Sie verabschiedete sich und ging zurück, um Bau-tschai zu berichten, was entschieden worden war. Während sie sprach, weinte sie, und Bau-yü versuchte, sie zu trösten. „Mutter, sei nicht bekümmert. Aus dieser Intrige wird nichts. Was immer geschieht, Tchiau-djies Schicksal steht bereits fest, also versuch’ bitte nicht einzugreifen.“ „Sei nicht so töricht!“, rief die Dame Wang, „wenn sie erst dieser Heirat zugestimmt haben, können sie jeden Tag hier sein, um sie mitzunehmen! Ping-örl hat recht, euer Vetter Liän wird mir die Schuld dafür geben, wenn er zurückkommt! Ich will doch nur das Beste für jedes Mitglied der Familie und besonders für Tchiau-djie, um ihrer Eltern willen. Denkt an die anderen Mädchen! Wir haben Hsiu-yäns Hochzeit mit eurem Vetter Ke veranlaßt und schaut, wie glücklich sie zusammen sind! Und die Familie Mei, in welche Bau-tjin geheiratet hat, ist äußerst angenehm, daher muß man sich um sie keine Sorgen machen. Ich weiß, Hsiang-yün hatte nicht so viel Glück. Diese Hochzeit war zuerst die Idee ihres Onkels, und es wäre gut ausgegangen, wenn ihr Mann nicht an der Schwindsucht gestorben wäre. Jetzt wird das arme Mädchen den Rest ihres Lebens als Witwe verbringen. Wenn Tchiau-djie in schlechte Hände gerät, werde ich mir das niemals vergeben!“ Während sie sprach, trat Ping-örl ein, um sich mit Bau-tschai zu beraten und auch um zu erfahren, was das Gespräch der Dame Wang mit der Dame Hsing ergeben hatte. Die Dame Wang erzählte ihr, was die Dame Hsing gesagt hatte. Nach einem Moment nachdenklicher Stille fiel Ping-örl auf die Knie. „Tchiau-djies ganze Zukunft hängt von euch ab, Herrin!“, flehte sie. „Wenn wir sie den Händen dieser Leute überlassen, bedeutet das für sie lebenslanges Leid. Und was glauben sie, wird Liän sagen, wenn er nach Hause kommt?“ „Du bist ein kluges Mädchen“, sagte die Dame Wang, „steh auf und hör’ zu, was ich sage! Letzten Endes ist Tchiau-djie die Enkelin meiner Schwiegerschwester, nicht meine. Wenn die Dame Hsing diese Entscheidung treffen möchte, wie kann ich ihr dann im Wege stehen?“ „Es gibt wirklich keinen Grund zur Betroffenheit“, beharrte Bau-yü, „es ist wichtig, eine klare Wahrnehmung seines Schicksals zu haben.“ Ping-örl fürchtete, daß Bau-yü wieder abzuheben beginnen oder eine Unüberlegtheit begehen würde und blieb ruhig. Alles, was sie sagen wollte, hatte sie der Dame Wang gesagt, so kehrte sie jetzt in ihre Gemächer zurück. Der Kummer der Dame Wang ließ sie wieder Schmerzen in der Brust verspüren. Sie rief eine Magd, um sie zu stützen, quälte sich, auf ihren Arm gelehnt, zurück in ihr Zimmer und legte sich hin. Sie bat Bau-yü und Bau-tschai nicht, sie zu begleiten, sondern sagte nur, es würde ihr nach etwas Schlaf besser gehen. Doch es war ihr unmöglich, den Kummer abzulegen und als sie später hörte, daß die alte Frau Li sich gemeldet hatte, konnte sie sich nicht aus ihrem Bett erheben und sie unterhalten. Dann trat Djia Lan ein, um ihr eine Botschaft zu übermitteln: „Es ist ein Brief von Großvater angekommen. Die Jungen am Tor haben ihn hergebracht. Mutter wollte ihn dir geben, doch da meine Großmutter gerade gekommen ist, bat sie mich stattdessen, ihn dir zu geben. Mutter wird bald herüberkommen, um mit dir zu reden und um meine Großmutter Li vorbeizubringen.“ Er übergab der Dame Wang den Brief. Die Dame Wang fragte ihn, als sie den Brief nahm: „Warum ist deine Großmutter hier?“ „Ich weiß es selbst nicht“, antwortete Lan, „ich habe nur gehört, daß ein Brief von der Schwiegerfamilie Vetter Qis, den Dschëns, gekommen ist.“ Frau Wang wußte, daß Li-Qi Dschën-Bau-yü versprochen war und daß die Verlobung bereits mit dem üblichen goldenen Tee beschlossen worden war. Es konnte sein, daß die Dschëns mit der Hochzeit fortschreiten wollten und die alte Frau Li gekommen war, um die letzten Angelegenheiten zu besprechen. Sie nickte und öffnete den Brief von Djia Dschëng: „Der Kanal ist mit Booten überfüllt, die die Armee von ihrem erfolgreichen Feldzug an der Küste zurückbringen, und mein Fortkommen hat sich deutlich verzögert. Ich habe gehört, daß Tan-tschuns Ehemann mit seinem Vater in die Hauptstadt reist, und ich frage mich, ob du etwas von ihnen gehört hast? Vor ein paar Tagen habe ich einen Brief von Liän erhalten, der mir von Bruder Schës Krankheit berichtete. Gibt es dazu noch etwas Neues? Die Zeit rückt näher, daß Bau-yü und Lan ihre Prüfungen zu bestehen haben. Sie müssen fleißig lernen und dürfen auf keinen Fall ihre Zeit vertrödeln. Es wird noch einige Tage dauern, bis ich Nanking mit Mutters Sarg erreiche. Ich bin bei guter Gesundheit, sorge dich nicht um mich. Bitte übergib Bau-yü und Lan meine Anweisungen. Dschëng. Datiert am Tage X des Monats Y P.S.: Jung wird sich getrenntermaßen melden.“ Nachdem sie den Brief gelesen hatte, gab die Dame Wang ihn Djia Lan zurück und sagte: „Gib ihn Bau-yü und sage ihm, er solle ihn lesen! Und dann gib ihn deiner Mutter zurück!“ Während sie sprach, traten Li Wan und die alte Frau Li ein und begrüßten sie. Sie setzten sich und die alte Frau Li sprach über die Dschëns und LiQis Hochzeit. Sie sprachen eine Weile darüber, und dann fragte Li Wan die Dame Wang: „Hast du Vaters Brief gelesen?“ „Das habe ich.“ Djia Lan reichte den Brief seiner Mutter, die ihn selbst las, und sagte: „Tan-tschun war über ein Jahr fort und ist nicht einmal nach Hause gekommen. Es wird so eine Erleichterung für euch sein, daß sie nun in die Hauptstadt ziehen.“ „Ja“, antwortete die Dame Wang. „Bis vorhin war ich noch bekümmert, doch nach diesen Neuigkeiten fühle ich mich wesentlich besser. Doch wir wissen immer noch nicht, wann sie ankommen werden.“ Die alte Frau Li fragte, wie Djia Dschëngs Reise gewesen war, während Li Wan sich an Djia Lan wandte und sagte: „Ich hoffe, du hast bemerkt, was dein Großvater in diesem Brief sagt? Die Prüfungen rücken näher, und er ist sehr besorgt um euch beide. Du beeilst dich besser und gibst den Brief Bau-yü zu lesen.“ – „Bitte sagt mir,“ erkundigte sich die alte Frau Li, „wie es möglich ist, daß sie beide an der zweiten Prüfung teilnehmen können, ohne einen Grad zu besitzen?“ Frau Wang führte aus: „Bevor er seinen Posten als Agrarintendant erhielt, hat mein Mann den Lizenziatengrad für beide erworben.“ Die alte Frau Li nickte, und Djia Lan ging mit dem Brief zu Bau-yü. Da er die Gemächer von Frau Wang früher verlassen hatte, war Bau-yü in seine Gemächer zurückgekehrt, wo er seine Kopie der ‚Herbstfluten‘ aus dem Kapitel des Buches Dschuang-Dsï nahm und begann, es fasziniert zu lesen. Als Bau-tschai aus dem inneren Raum kam und ihn so versunken in seine Lektüre sah, trat sie herbei und warf einen Blick auf den Titel des Buches. Es enttäuschte sie sehr, daß es sich um einen dauistischen Klassiker handelte. ‚Das einzige, was er noch ernst nimmt, ist dieser Unfug über „mit der Welt abschließen und sich über die Sterblichkeit erheben“ ‘, dachte sie bei sich. ‚Ein absolut hoffnungsloser Fall.’ Es schien unsinnig, mit ihm darüber zu diskutieren, deshalb setzte sie sich neben ihn und starrte ihn vorwurfsvoll an. Wie er ihren Ausdruck wahrnahm, fragte Bau-yü: „Was ist denn los?“ „Da wir nun Mann und Frau sind“, antwortete sie, „sollte ich dich ein Leben lang um Unterstützung bitten können. Unser gemeinsames Leben sollte auf mehr gegründet sein als auf einen Moment der Leidenschaft. Ruhm und Wohlstand sind substanzlos wie eine Wolke, – das kann ich verstehen. Doch selbst vor langer Zeit priesen die Weisen die charakterlichen Eigenschaften und Tugenden.“ Bevor er ihr ganz zugehört hatte, legte Bau-yü sein Buch nieder, lächelte und sagte: „Du sprichst von Tugend und den Weisen vergangener Zeiten. Doch weißt du, daß die Weisen auch als ein ideales ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ hochgehalten werden‘? Welche Tugenden hat ein neugeborenes Kind? Keine, nur die völlige Abwesenheit von Wissen, von Bewußtsein, von Gier und von Neid. In all unseren Leben versinken wir tiefer und tiefer im Sumpf der Gier, des Hasses, der Dummheit und der Begierde. Die große Frage lautet, wie man sich über all dies erheben kann, wie man diesem Netz des sterblichen Lebens entrinnen kann? ‚Dieses fließende Leben, mit seinen Begegnungen und Abschieden‘, – jetzt kann ich verstehen, weshalb die Bedeutung dieses Ausdrucks, seitdem er das erste Mal ausgesprochen wurde, in keinem Zeitalter völlig erfaßt wurde. Und was deine ‚Tugend‘ angeht, wer hat jemals einen reinen Zustand der Tugend erreicht?“ – „Was die Alten mit ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ meinten“, erwiderte Bau-tschai, „war ein Herz voller Treue und brüderlicher Ergebenheit, nicht diese mystische, wirklichkeitsferne Deutung von dir. Die Kaiser Yau, Shun, Yü, Tang, der Fürst von Dschou, Konfuzius – sie alle verbrachten ihr Leben damit, die Menschheit zu verbessern. Ihr ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ war einfach der Geist des Mitleides und der Betroffenheit für andere. Wohingegen deines dich einfach so unbetroffen läßt, daß du deine eigene Familie im Stich lassen würdest. Für mich ergibt das keinen Sinn.“ Bau-yü nickte und lächelte: „Yau und Shun waren nicht in der Lage, Tschou-fu oder Xü-you davor zu bewahren, ihren Rückzugsort in den Bergen zu verlassen. Weder konnte König Wu noch der Fürst von Dschou Bo Yi seinen Bruder Shu Tchi dazu bringen, sich in der Welt einzubringen.“ – „Du wirst immer unsinniger!“, unterbrach ihn Bau-tschai, „wären alle Männer, die du erwähnst, Einsiedler gewesen, hätte es niemals Weise wie Yau, Shun, den Fürsten von Dschou und Konfuzius gegeben. Und außerdem ist es lächerlich, dich mit Bo Yi und Shu Tchi zu vergleichen. Sie lebten während der auslaufenden Shang-Dynastie, und ihre Leben waren von Schwierigkeiten verschiedenster Art erfüllt. Also hatten sie einen guten Vorwand, sich ihren Verpflichtungen zu entziehen. Doch in deinem Fall ist das völlig anders. Wir leben in einem Goldenen Zeitalter, und wir erhalten unsagbare Gunst vom Thron, während unsere Vorfahren dem Luxus frönten. Und du wurdest dein ganzes Leben lang behütet, von unserer verstorbenen Großmutter und von deinen Eltern. Jetzt überleg’ doch mal, was du gesagt hast! Glaubst du nicht, daß ich recht habe?“ Bau-yü hörte still zu. Seine einzige Antwort darauf waren ein Blick in den Himmel und ein Lächeln. „Da du keine Antwort zu finden weißt“, fuhr Bau-tschai fort, „solltest du meinen Rat hören. Reiß dich von jetzt an zusammen und arbeite so hart, wie du kannst! Schließ deine Prüfung erfolgreich ab und, selbst wenn du nichts in deinem ganzen Leben erreichst, wäre das zumindest eine Erwiderung der Himmlischen Gunst und der ‚Tugend‘ deiner Vorfahren.“ Bau-yü nickte und seufzte tief: „Die Prüfung gut zu bestehen ist nicht schwierig. Und was du über ‚niemals irgend etwas erreichen‘, ,eine Erwide-

Aus: Jinyuyuan 1889b. Erwiderung der Himmlischen Gunst‘ und der ‚Tugend meiner Vorfah­ren‘ sagst, ist nicht genau der Punkt.“ Bevor Bau-tschai antworten konnte, mischte sich Hsi-jën ein: „Ich habe nicht wirklich verstanden, was Frau Bau-tschai über die alten Weisen gesagt hat. Ich weiß nur, daß wir von Kindheit an durch dick und dünn mit dir gegangen sind, dich mit mehr Hingabe behandelt haben, als ich in Worte fassen kann. Natürlich weiß ich, daß es so sein sollte, doch solltest du im Gegenzug nicht auch etwas an uns denken? Und sieh, welche Hingabe Frau Bau-tschai an deiner Statt dem Herrn Djia Dschëng und der Dame Wang erwiesen hat! Auch wenn du keinen großen Wert auf deine Ehe legst, sicher schuldest du ihr zumindest ein wenig Dankbarkeit für das, was sie für dich getan hat? Und all das mit der Unsterblichkeit, ist doch alles heiße Luft! Wer hat schon jemals gesehen, wie ein Unsterblicher einen Fuß auf die Erde setzte? Manche Mönche tauchen von Gott weiß wo auf, erzählen viel Unsinn und du nimmst sie auch noch ernst! Du bist ein gebildeter Mann, bestimmt gibst du ihren Worten nicht mehr Gewicht als denen deiner Eltern?“ Bau-yü senkte still seinen Kopf. Hsi-jën hatte noch mehr Munition bereit, doch dann hörten sie von draußen Schritte, und eine Stimme drang durch das Fenster: „Ist Onkel Bau-yü zu Hause?“ Bau-yü erkannte Djia Lans Stimme, stand auf und sagte erheitert: „Komm herein!“ Djia Lan trat ein, sein Gesicht strahlte vor Lachen. Er bezeugte Bau-yü und Bau-tschai seinen Respekt und begrüßte Hsi-jën, bevor er Bau-yü Djia Dschëngs Brief zeigte, welchen Bau-yü an sich nahm und las. „Also kommt meine Schwester jetzt zurück nach Hause, oder?“ „Nach dem Inhalt des Briefes zu urteilen, ja,“ war Djia Lans Antwort. Bau-yü senkte seinen Kopf in bedächtiger Stille, und Djia Lan fuhr fort: „Am Ende des Briefes, Onkel Bau-yü, siehst du, daß er dazu drängt, daß du bald einer ernsthaften Tätigkeit nachgehst. Ich glaube nicht, daß du in letzter Zeit viele Aufsätze verfaßt hast, oder etwa doch?“ Bau-yü lachte: „Meinetwegen werde ich welche schreiben, nur um in Übung zu bleiben. Warum nicht? Ich könnte sie genau so gut hinters Licht führen!“ „In diesem Fall“, schlug Djia Lan vor, „warum schlägst du nicht ein paar Themen vor, und wir schreiben sie zusammen. Das wird helfen, uns auf das Examen vorzubereiten. Ich möchte bestimmt kein leeres Blatt abgeben und uns damit lächerlich machen.“ – „Ich weiß, daß du nichts dergleichen tun wirst“, sagte Bau-yü. Bau-tschai bat Djia Lan, sich zu setzen. Bau-yü setzte sich auch wieder in seinen eigenen Stuhl, während sich Djia Lan höflich daneben setzte, und wie sie gemeinsam über Aufsätze sprachen, wurde ihre Unterhaltung immer belebter. Als Bau-tschai sah, wie sehr sich ihr Gespräch belebte, zog sie sich zurück und dachte bei sich: ‚Es scheint beinahe so, als hätte Bau-yü das Licht erblickt. Doch ich frage mich, warum er meine Worte ‚niemals irgend etwas erreichen‘ aufgriff und sie so betont wiederholte?’ Sie war immer noch sehr verwirrt. Hsi-jën war jedoch begeistert, ihn über Aufsätze und Examina reden zu hören. „Amitabha!“ sprach sie leise zu sich. „Doch was für eine Predigt war nötig, um ihn zur Vernunft zu bringen!“ Die Jungen setzten ihr Gespräch fort, und Ying-örl bereitete ihnen etwas Tee. Djia Lan erhob sich, um seine Tasse entgegenzunehmen und sprach noch etwas länger über die Regeln, die das Examen bestimmten und fügte dabei hinzu, daß er gern Dschën Bau-yü für einen Tag einladen würde. Bau-yü schien willig, dem zuzustimmen. Nach einer Weile kehrte Djia Lan in seine Gemächer zurück, ließ Djia Dschëngs Brief allerdings bei Bau-yü. Dieser las ihn noch einmal durch und mit einem Lächeln auf den Lippen ging er zu Schë-yüä und übergab ihn ihr, um ihn wegzulegen. Dann kam er zurück und räumte sein Buch Dschuang-Dsï vom Tisch, dabei nahm er weitere esoterische Bücher mit sich, eine Sammlung mit Die Hermetische Clavicula (Tsantungtchi), Das Geheimnis der ursprünglichen Blume (Yüänmingbau) und Das Kompendium der Fünf Lampen (Wudeng huiyüän). Er gab Schë-yüä Anweisungen, Tjiu-wën und Ying-örl fernzuhalten. Bau-tschai war erstaunt zu sehen, daß er dies tat und wünschte, seine wahren Absichten zu erfahren. „Ich finde es sehr lobenswert, daß du solche Bücher liest“, sagte sie mit einem spöttischen Lächeln. Doch warum mußt du sie alle außer Sicht legen?“ – „Weil ich jetzt verstehe“, antwortete Bau-yü. „daß diese Bücher nichts wert sind. Es wäre das Beste, sie zu verbrennen und für immer los zu sein!“ Bau-tschai war erleichtert, daß er dies sagte. Doch im nächsten Moment hörte sie ihn wie zu sich selbst zitieren: „Wahrer innerer Buddha-Geist wird nicht in Sutren gefunden; Jenseits der Feuerprobe, Führt ein Weg zu einer höheren Ebene.“ Bau-tschai verstand nicht jedes Wort, doch „innerer Buddha-Geist“ und „höhere Ebene“ reichten aus, um sie mit düsteren Vorahnungen zu erfüllen. Sie betrachtete ihn ängstlich. Er trug den Mägden auf, einen geweihten Raum für ihn vorzubereiten, suchte all seine Kopien der Bücher Dschu Hsis Neu-Konfuzianisches Elementarbuch sowie Sammlungen von Examensessays und ‑versen und brachte sie in sein neues Zimmer. Dann setzte er sich ernsthaft hin und begann in Ruhe zu arbeiten. Bau-tschai glaubte, sie könne nun beruhigt sein. Hsi-jën konnte ihren Augen und Ohren kaum trauen. Sie lächelte verschwörerisch zu Bau-tschai: „Ihr wißt genau, wie man mit ihm reden muß, Herrin! Nur dieser eine Vortrag von euch, und er ist ein neuer Mann! Ich hoffe nur, er bleibt so strebsam. Das Examen steht kurz vor der Tür.“ Bau-tschai nickte und lächelte: „Das liegt alles in der Hand des Schicksals. Sein Erfolg hängt nicht davon ab, wie früh oder spät er anfängt zu lernen. Ich hoffe nur, daß er von jetzt an erwachsener wird und seine alten Possen aufgibt.“ Erst schaute sie, ob sie mit Hsi-jën allein im Zimmer war, dann fügte sie mit einem Unterton hinzu: „Sicherlich gefällt mir dieser Gesinnungswandel. Doch eines bedrückt mich noch. Seine alte Schwäche für das schwache Geschlecht. Wir sollten ihn von Frauen isolieren.“ – „Da habt ihr recht, Herrin“, sagte Hsi-jën. „So lange er unter dem Einfluß des Mönches stand, interessierte er sich wenig für die Mädchen um ihn herum. Doch jetzt hat er seinen Kurs wieder geändert, für müssen umso mehr auf die Wiederkehr seiner alten Allüren achten. Ich denke nicht, daß er uns gegenüber viel Interesse zeigen wird, Herrin. Da Dsï-djüan gegangen ist, bleiben nur noch vier weitere Mägde. Wu-örl ist sozusagen die Füchsin unter ihnen, doch ich habe gehört, daß ihre Mutter um die Erlaubnis gebeten hat, sie aus dem Dienst nehmen zu dürfen, daß sie verheiratet werden kann, deshalb wird sie in ein paar Tagen fort sein. Schë-yüä und Tjiu-wën haben Herrn Bau-yü nie besonders nahegestanden, doch wir sollten nicht vergessen, daß er mit ihnen als Kind noch herumgeschäkert hat. Dann bleibt noch Ying-örl. Er scheint sich gar nicht für sie zu interessieren, und sie ist ein sehr zuverlässiges Mädchen. Ich schlage vor, daß die täglichen Pflichten wie Tee zubereiten und Wasser bringen, Ying-örl übernehmen sollte, einige jüngere Mägde helfen ihr dann dabei. Was meint ihr, Herrin?“ – „Ich habe selbst lange darüber nachgedacht“, antwortete Bau-tschai, „dein Vorschlag erscheint mir sehr überlegt.“ So wurde von nun an Ying-örl eingesetzt. Bau-yü verließ sein Zimmer gar nicht mehr. Jeden Tag schickte er jemand anderen, um für ihn bei seiner Mutter die Aufwartung zu machen. Frau Wangs Begeisterung über diesen Wandel muß an dieser Stelle nicht näher beschrieben werden. Als der Dritte des Achten Mondmonats vorüber war, der Geburtstag der Herzoginmutter, verbeugte sich Bau-yü früh am Morgen vor ihrem Schrein und kehrte dann in seinen „geweihten Raum“ zurück. Nach dem Frühstück hatten sich Bau-tschai, Hsi-jën und einige der Mägde in den vorderen Raum ge­setzt, unterhielten sich mit den Damen Hsing und Wang, und er saß allein in seinem Zimmer, in tiefer Konzentration, als Ying-örl mit einem Tablett Obst eintrat. „Ihre Herrin bat mich, Ihnen dies zu bringen“, sagte sie, „das war noch vom Opfer für die Herzoginmutter übrig.“ Bau-yü erhob sich, um sich zu be­dan­ken, und setzte sich dann wieder. „Stell’ es dort hin“, sagte er. Als sie das Tablett auf die Seite gestellt hatte, sagte Ying-örl mit einem Un­terton zu ihm: „Ihre Herrin hat soeben sehr anerkennend von Ihnen ge­spro­chen.“ Bau-yü lächelte. Ying-örl fuhr fort: „Sie sagte, da Sie nun sehr hart ar­bei­ten, würdet Sie mit Sicherheit das Examen bestehen, und dann, wenn Sie Pa­last-Magister und Beamter seien, seien die Hoffnungen Ihrer Eltern in Sie nicht umsonst gewesen.“ Ying-örl erinnerte sich plötzlich daran, was Bau-yü einmal zu ihr ge­sagt hatte, – sie hatte an diesem Tag Troddeln für ihn geknüpft. „Ich hoffe, ihr werdet bestehen!“, fuhr sie aufgeregt fort. Das wäre ein sol­cher Segen für unsere Herrin. Bedenken Sie, was Sie einst im Garten ge­sagt hatten, als Sie mich gebeten hatte, Pflaumenblüten-Troddeln zu knüpfen? Sie überlegten, in was für einen glücklichen Haushalt meine Herrin mich nach ihrer Hochzeit nehmen würde. Nun, trotz allem sind Sie der Glück­li­che!“ In dem, was Sie sagte, lag etwas Besonderes, und die Art, wie sie es sag­te, ließ in Bau-yü eine alte und allzu menschliche Gefühlswallung auf­kom­men. Doch die Nostalgie verging schnell. Er nahm sich schnell wieder zu­sammen und sagte mit einem höflichen Lächeln: „Nun, nach dir zu urteilen bin ich glücklich und auch deine Herrin. Doch wie fühlst du dich dabei?“ Ying-örl errötete auf der Stelle und zwang sich zu einem Lächeln: „Wir sind nur Mägde. Glücklich sein oder nicht zählt für uns nicht.“ Bau-yü lächelte wieder: „Es ist eine Tatsache, daß du wahrscheinlich glück­licher als jeder von uns bist, obwohl du dein gesamtes Leben als Magd ver­bracht hast.“ Das klang für Ying-örl nach mehr als nur Unsinn. Sie fürchete, seine Krank­heit wieder aufbrechen zu lassen, und gab vor, dringend gehen zu müs­sen, doch bevor sie das tun konnte, lachte Bau-yü: „Dummes Mädchen! Laß mich dir etwas sagen!“ Wer wissen möchte, was es war, muß das nächste Kapitel lesen. 119. Bau-yü besteht die Staatsprüfung auf Provinzebene und entsagt dann der Welt Das Haus der Familie Djia steht wieder in kaiserlicher Gunst und setzt den Ruhm seiner Ahnen fort.

Wie wir im letzten Kapitel berichtet haben, war Ying-örl, verwirrt von Bau-yüs Worten, beinahe dabei zu gehen, als sie ihn wieder sprechen hörte: „Dummes Mädchen! Laß mich dir etwas sagen. Wenn deine Herrin glücklich ist, dann bist du es auch, weil du ihre Magd bist. Auf Hsi-jën kann man sich nicht verlassen. In Zukunft - merke dir meine Worte - mußt du dich um deine Herrin mit Sorge und Hingabe kümmern, und am Ende wirst du eine angemessene Belohnung für deine Dienstjahre erhalten.“ Bau-yüs Worte ergaben für Ying-örl keinen Sinn, auch wenn sie schein­bar sinnvoll begannen. „Gut“, sagte sie, „dann gehe ich besser. Die Herrin wartet auf mich. Wenn Sie mehr Obst möchten, Herr Bau-yü, senden Sie nur eine der jüngeren Dienstmägde nach mir.“ Bau-yü nickte, und Ying-örl ging. Kurz darauf kehrten Bau-tschai und Hsi-jën aus den eigenen Räumen zurück. Die Prüfung rückte näher. Die ganze Familie war voller Erwartung und hoffte, daß die beiden Jungen achtbare Aufsätze schreiben und der Familie Ehre machen würden. Alle außer Bau-tschai. Obwohl Bau-yü sich wirklich gut vorbereitet hatte, hatte sie gelegentlich auch eine seltsame Abge­stumpft­heit in seinem Verhalten bemerkt. Ihre erste Sorge war, daß die beiden Jun­gen, für die es beide eine Premiere war, im Gewühl von Menschen und Fahr­zeu­gen vor den Prüfungshallen verletzt würden oder einen Unfall hätten. Sie sorg­te sich besonders um Bau-yü, der das Anwesen seit seinem Zu­sam­men­tref­fen mit dem Mönch nicht mehr verlassen hatte. Seine Freude am Studium schien ihr das Ergebnis eines zu hastigen und insgesamt nicht überzeugenden Ge­sinnungswandels, und sie hatte eine Vorahnung, daß etwas Ungehöriges pas­sieren würde. An dem Tag vor dem großen Ereignis trug sie Hsi-jën und ei­nigen der jüngeren Dienerinnen auf, mit Su-yün und ihren Helfern zu gehen und sicherzustellen, daß beide Kandidaten gut vorbereitet waren. Sie selbst über­prüfte ihre Sachen, legte sie bereit und ging dann mit Li Wan hinüber in die Gemächer der Dame Wang, wo sie einige treue Gefolgsmänner der Fa­mi­lie auswählte, um sie am nächsten Tag zu begleiten, aus Angst, sie könnte in der Menge gestoßen oder gar niedergetrampelt werden. Der große Tag brach letztendlich an, und Bau-yü und Djia Lan wechselten in elegante, aber schlichte Gewänder. Sie kamen frohen Mutes herüber, um sich von der Dame Wang zu verabschieden, die ihnen zum Abschied noch ein paar ratsame Worte mitgab: „Dies ist das erste Examen für euch beide und obwohl ihr jetzt schon große Jungen seid, ist es immer noch das erste Mal für euch, einen ganzen Tag von Zuhause fort zu sein. Ihr mögt in der Vergangenheit zwar fort gewesen sein, doch Ihr wart immer in Begleitung eurer Dienerinnen. Ihr habt niemals eine Nacht außer Haus auf diese Art verbracht. Heute, wenn ihr beide euch dem Examen unterzieht, werdet ihr euch sehr einsam fühlen, so ganz ohne Familie. Ihr müßt besonders vorsichtig sein. Beendet eure Aufsätze und kommt so früh wie möglich heraus und sucht einen der Familiendiener, dann kommt so schnell wie möglich nach Hause. Dann werden wir uns um euch keine Sorgen mehr machen.“ Während sie sprach, war die Dame Wang von dieser Angelegenheit sehr bewegt. Djia Lan gab alle passenden Antworten, doch Bau-yü blieb still, bis seine Mutter zu Ende gesprochen hatte. Dann begab er sich zu ihr, kniete vor ihren Füßen, mit Tränen auf den Wangen verbeugte er sich dreimal vor ihr und sagte: „Ich werde dich niemals für das entschädigen können, was du in meinem Leben für mich getan hast, Mutter. Doch wenn ich dies Eine erfolgreich meistere, wenn ich mein Bestes gebe und die Prüfung bestehe, dann kann ich dir vielleicht eine kleine Freude machen. Dann ist meine weltliche Pflicht erfüllt, und ich werde zumindest etwas von dem zurückgeben, was ich dir an Ärger verursacht habe.“ Die Dame Wang war jetzt noch tiefer bewegt: „Es ist eine sehr feine Sache, die du da vorhast. Es ist eine Schande, daß deine Großmutter das nicht mehr erleben kann.“ Während sie sprach, weinte sie und legte ihre Arme um ihn, um ihn an sich zu drücken. Bau-yü blieb auf dem Boden knieen und wollte sich nicht erheben. „Auch wenn Großmutter nicht hier ist“, sagte er, „bin ich sicher, sie weiß davon und ist glücklich. Es ist beinahe so, als sei sie wirklich da. Uns trennt nur etwas. Zusammen sind wir in einem Geist.“ Li Wan fürchtete, diese Szene könnte Bau-yü einen seiner Anfälle auslösen. Sie spürte etwas Unheilvolles. Sie fuhr eilig fort: „Mutter, heute sollten wir mit Freude erfüllt sein. Du darfst nicht so traurig sein. Denke daran, wie einfühlsam und pflichterfüllt Bau-yü zuletzt war! Alles, was er nun tun muß, ist mit Lan im Examen zu sitzen, seine Zettel vollzuschreiben und früh nach Hause zu kommen. Dann kann er einigen Schülern und uns Abschriften von dem zeigen, was er geschrieben hat, und wir warten einfach auf gute Neuigkeiten.“ Sie trug einer der Mägde auf, Bau-yü wieder auf die Beine zu helfen. Bau-yü drehte sich um und sagte: „Schwiegerschwester, mach’ dir keine Sorgen. Lan und ich werden sicher bestehen. Weiterhin hat Lan eine ausgezeichnete Zukunft vor sich, während du selbst eines Tages eine Dame hohen Ranges sein und nur noch edle Kleider tragen wirst.“ Li Wan lächelte: „Wenn all dies wirklich wahr wird, wäre das zumindest ein Ausgleich.“ Sie hielt inne, da sie der Dame Wang keinen weiteren Kummer bereiten wollte. Bau-yü fühlte keine Hemmung dieser Art: „Wenn Lan sich gut schlägt und die Familientradition aufrecht erhält, kann mein älterer Bruder, sein Vater, es zwar nicht mehr bezeugen, doch sein größter Wunsch ist zumindest erfüllt.“ Es wurde allmählich spät, und da Li Wan diese Runde nicht weiter in die Länge ziehen wollte, nickte sie nur kurz zum Abschluß. Bau-tschai war die Seltsamkeit dieser Reden nicht entgangen. Nicht nur Bau-yüs Bemerkungen an sich waren rätselhaft, auch jedes Wort der Dame Wang und Li Wan schien eine unheilvolle Bedeutung zu haben. Sie wagte nicht, ihre Vorahnungen offen zu formulieren, deshalb hielt Bau-tschai ihre Tränen zurück und blieb still. Bau-yü kam zu ihr und verbeugte sich tief. Es erschien ihnen allen als ein sehr exzentrisches Verhalten, und es konnte sich weder jemand vorstellen, was das zu bedeuten hatte, noch wagte jemand zu lachen. Das allgemeine Staunen wurde größer, als Bau-tschai in eine Flut von Tränen ausbrach und Bau-yü sich von ihr verabschiedete: „Kusinchen! Ich gehe jetzt. Bleib hier bei meiner Mutter und warte auf gute Neuigkeiten!“ – „Es ist Zeit für dich zu gehen“, antwortete Bau-tschai, „es gibt keinen Grund, wieder eine dieser langen Reden zu halten.“ – „Du mußt mich nicht drängen zu gehen“, sagte Bau-yü, „ich weiß, daß es Zeit ist.“ Er blickte um sich und sah, daß Hsi-tschun und Dsï-djüan nicht da waren. „Sagt bitte Hsi-tschun und Dsï-djüan auf Wiedersehen von mir“, sagte er, „ich werde sie bestimmt wiedersehen.“ Alle wunderten sich sehr über das Gemisch von Sinn und Unsinn in Bau-yüs Worten. Sie glaubten, er sei im Moment verwirrt, zum Teil wegen der derzeitigen Situation, zum Teil auch wegen der Anweisungen der Dame Wang. Es erschien allen als die beste Lösung, daß er sich endlich auf den Weg machte. „Sie warten draußen auf dich. Kein Geplauder mehr, sonst bist du zu spät.“ Bau-yü erhob seinen Kopf und lachte. „Ich gehe! Genug mit der Narretei! Es ist vorüber!“ – „Nun – dann gehen Sie!“, riefen alle nervös lachend. Nur die Dame Wang und Bau-tschai schluchzten unentwegt, als ob sie ihn niemals wiedersähen. Endlich ging Bau-yü durch die Tür und kicherte auf seinem Weg wie ein Schwachsinniger. „Das Register weltlichen Ruhmes betretend, Durchbricht er die erste Schranke seines weltlichen Käfigs.“ Wir müssen nun Bau-yü und Djia Lan auf ihrem Weg zum Examen verlassen und zu Djia Huan zurückkehren. Die Aufregung über die Abreise der ‚Kandidaten‘ hatte in ihm ein noch ärgerlicheres Gefühl als zuvor hinterlassen, und mit ihrer Abwesenheit hatte er nun die Freiheit, seinen Plan auszuführen: „Rache an meiner eigenen Mutter! Jetzt ist niemand mehr im Haus und die Dame Hsing wird tun, was ich sage. Ich muß niemanden fürchten.“ Mit entschlossenem Schritt eilte er zur Dame Hsing, um seinen Respekt zu erweisen, und unterhielt sich mit ihr in einem äußerst unterwürfigen Ton. Sie fühlte sich natürlich geschmeichelt und sagte zu ihm: „Jetzt sprichst du wie ein intelligentes Kind! Natürlich bin ich der Mensch, der die Entscheidung bei einer Gelegenheit wie der von Tchiau-djie zu treffen hat.