Hongloumeng/de/Chapter 14
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Kapitel 14
林如海灵返苏州郡
贾宝玉路谒北静王
Als der Hauptverwalter des Ning-guo-Anwesens Lai Schëng erfuhr, Hsi-fëng habe die Leitung des Haushalts übertragen bekommen, rief er alle seine Leute zusammen und sagte: „Man hat die Frau des jungen gnädigen Herrn Liän aus dem Westanwesen gebeten, hier die Haushaltsführung zu übernehmen. Wenn sie sich jetzt etwas von uns geben läßt oder etwas zu uns sagt, müssen wir achtsamer sein als sonst. Jeder von uns sollte von nun an morgens früher kommen und abends später gehen! Lieber wollen wir diesen einen Monat lang hart arbeiten und uns nachher davon erholen, als unser Ansehen zu verlieren! Diese junge gnädige Frau ist für ihr heftiges Wesen, für ihre saure Miene und für ihr hartes Herz bekannt. Wenn sie einmal in Wut gerät, ist keine Nachsicht von ihr zu erwarten.“ Alle sagten, er habe recht, und einer bemerkte lächelnd: „Eigentlich hat es der Haushalt bitter nötig, daß sie kommt und hier Ordnung schafft, denn wie es jetzt ist, ist es doch wahrhaftig kein Zustand!“ Als er das eben sagte, kam Lai Wangs Frau mit der Hausmarke in der Hand, um sich Papier geben zu lassen, wie es für Anschläge und für Eingaben benutzt wird. Auf der Empfangsbestätigung, die sie mitbrachte, waren die benötigten Mengen angegeben. Rasch wurde sie gebeten, Platz zu nehmen. Man goß ihr Tee ein und beauftragte jemanden, das Papier in voller Menge zu holen. Dann trug man es ihr noch hinaus bis ans Zeremonialtor und ließ sie es erst von dort aus selbst hineintragen. Hsi-fëng befahl dann Tsai-ming, Hefte anzufertigen, und ließ Lai Schëngs Frau holen, die ihr die Gesindeliste zur Einsicht vorlegen mußte. Anschließend setzte sie fest, daß am frühen Morgen des nächsten Tages alle zum Befehlsempfang erscheinen sollten, und nachdem sie auch noch die Bestandslisten durchgesehen und Lai Schëngs Frau ein paar Fragen gestellt hatte, stieg sie in den Wagen und fuhr nach Hause. Über die Nacht ist nichts zu berichten. Am nächsten Morgen um halb sieben kam sie wieder herüber, und alle Sklavenfrauen aus dem Ning-guo-Anwesen versammelten sich, als sie es erfuhren. Als sie sahen, daß Hsi-fëng gerade mit Lai Schëngs Frau die Arbeit einteilte, wagten sie es nicht, unaufgefordert einzutreten. Sie lauschten, guckten nur verstohlen durchs Fenster und hörten, wie Hsi-fëng eben zu Lai Schëngs Frau sagte: „Indem ich diesen Auftrag übernommen habe, werde ich mich wohl bei euch unbeliebt machen. Ich bin nun einmal nicht so gutmütig wie eure junge Herrin, die euch tun ließ, was ihr wolltet. Und sagt mir nicht, das und das wurde hier bisher soundso gehandhabt, sondern macht es von jetzt an so, wie ich es euch sage. Wenn sich eine von euch auch nur das Geringste zuschulden kommen läßt, werde ich mich nicht darum kümmern, ob sie angesehen ist oder nicht, sondern die Sache aufklären und die Schuldige bestrafen.“ Dann mußte Tsai-ming die Gesindeliste vorlesen, die Sklavenfrauen wurden einzeln hereingerufen, und Hsi-fëng sah sich jede von ihnen an. Nachdem sie alle gesehen hatte, befahl sie: „Diese zwanzig hier werden in zwei Gruppen zu je zehn eingeteilt und sind nur dafür verantwortlich, jeden Tag in den inneren Gemächern aufzupassen, wenn Gäste kommen oder gehen, und ihnen Tee einzuschenken, alles andere geht sie nichts an. Diese zwanzig werden ebenfalls in zwei Gruppen zu je zehn eingeteilt und sind nur dafür verantwortlich, jeden Tag für die Familienangehörigen den Tee und das Essen aufzutragen, und alles andere geht sie nichts an. Diese vierzig werden in zwei Gruppen nur am Sarg Weihrauch anzünden, Lampenöl nachfüllen, Vorhänge aufhängen, die Totenwache halten, den Opferreis und den Opfertee wechseln und mit den Trauernden zusammen Wehklage erheben, mit anderen Dingen haben sie nichts zu tun. Diese vier werden in der Teeküche Schalen, Teller und Teezeug verwalten. Wenn auch nur ein Stück davon fehlt, werden sie es ersetzen. Diese vier werden das Wein- und das Eßgeschirr verwalten und ebenfalls jedes fehlende Stück ersetzen. Diese acht sind ausschließlich für die Entgegennahme von Trauergeschenken verantwortlich. Diese acht werden Lampenöl, Wachskerzen und Opferpapier für alle Räume in ihrer Obhut haben. Ich selbst gehe diese Dinge im ganzen holen und übergebe sie ihnen, dann werden sie in den von mir festgelegten Mengen auf die einzelnen Gebäude verteilt. Diese dreißig haben reihum in den einzelnen Gebäuden Nachtdienst. Sie kontrollieren die Türen, sehen nach Feuern und Lichtern und fegen den Boden aus. Alle übrigen werden auf die einzelnen Räume verteilt, um dort Aufsicht zu führen. Von Möbeln und Antiquitäten bis zu Spucknäpfen, Flederwischen und Besen wird auch die letzte Kleinigkeit, die davon verschwindet oder beschädigt wird, der Aufseherin für den jeweiligen Raum in Rechnung gestellt und von ihr ersetzt. Lai Schëngs Frau wird jeden Tag eine Gesamtkontrolle vornehmen, und wenn etwa eine von euch faulenzen sollte oder sich an Glücksspielen beteiligt, Wein trinkt, sich prügelt oder zankt, wird sie mir sofort gemeldet. Wenn ich feststelle, daß sich eine einen persönlichen Vorteil verschafft, wird
Aus: Jinyuyuan 1889a.
keine verschont, auch wenn sie schon in dritter oder vierter Generation im Hause ist. Jetzt gibt es für alles feststehende Regeln, und wenn irgendwo Unordnung herrscht, werde ich mich an die betreffende Gruppe halten, die dafür verantwortlich ist. In meinem ständigen Gefolge trägt jede eine Uhr bei sich, und für jegliche Sache, ob groß oder klein, gibt es bei mir eine feste Zeit. Schließlich gibt es auch bei euch in allen Haupträumen Uhren. Morgens um halb sieben komme ich und halte Appell, um zehn wird gefrühstückt. Wer sich die Hausmarke geben lassen muß oder Rapport erstatten will, kommt zwischen elf und zwölf zu mir. Abends um sieben, nachdem das Opfergeld für die Nacht abgebrannt ist, gehe ich selbst durch alle Räume und kontrolliere. Wenn ich damit fertig bin, liefert mir der Nachtdienst die Schlüssel ab. Am nächsten Morgen um halb sieben bin ich dann wieder hier. Daß diese Tage schwer für uns werden, versteht sich von selbst, aber wenn sie zu Ende sind, wird euer Herr euch natürlich belohnen.“ Anschließend befahl sie, Tee, Lampenöl, Kerzen, Flederwische, Besen und so weiter in den von ihr festgelegten Mengen auszugeben und solchen Hausrat wie Tischverkleidungen, Stuhltücher, Sitzpolster, Teppiche, Spucknäpfe und Fußbänke zu holen. Beim Ausgeben wurde klar und übersichtlich notiert, wer für welches Gebäude zuständig war und wer welche Materialien empfangen hatte. Von nun an wußte jede Sklavin, wohin sie zu gehen hatte, und es war nicht mehr so wie zuvor, als sich jede nur angenehme Arbeiten aussuchte, und alles, was unbequem war, liegen blieb, weil niemand es übernehmen wollte. Aus den einzelnen Räumen konnte auch nichts mehr im allgemeinen Durcheinander verlorengehen. Obwohl ein ständiges Kommen und Gehen war, blieb es doch überall ruhig, und es konnte auch nicht mehr geschehen, daß eine Sklavin, die eben den Tee servierte, plötzlich das Essen auftragen mußte oder mitten aus dem Wehklagen mit Trauernden weggeholt wurde, um beim Empfang von Gästen dabei zu sein. Solche Übel wie heillose Unordnung und faule Ausflüchte, Drückebergerei und Diebstähle gab es vom nächsten Tag an nicht mehr. Als Hsi-fëng merkte, daß man ihre Macht respektierte und ihre Befehle ausgeführt wurden, war sie innerlich sehr zufrieden. Und weil sie sah, daß Frau You durch ihre Krankheit und Djia Dschën durch seinen übergroßen Schmerz kaum etwas zu sich nahmen, brachte sie jeden Tag nüchterne Reissuppe und ein paar leckere Kleinigkeiten aus dem Jung-guo-Anwesen mit herüber und ließ sie ihnen auftragen, wobei sie den Sklavenfrauen befahl, sie sollten ihnen zureden zu essen. Djia Dschën seinerseits hatte angeordnet, täglich die besten Speisen allein für Hsi-fëng in den Anbau zu schicken. Ohne die Anstrengung zu scheuen, kam Hsi-fëng jeden Morgen um halb sieben ins Ning-guo-Anwesen herüber, hielt Appell und erledigte die Geschäfte. Sie hielt sich nur in dem Anbau auf und gesellte sich nicht zu den jungen Frauen des Hauses. Auch die Besucherinnen begrüßte sie nicht. Am fünften Tag der fünften siebentägigen Trauerperiode war es für die buddhistischen Mönche Zeit, die Erde zu öffnen, die Hölle aufzubrechen, der Seele zu leuchten, dem Höllenkönig aufzuwarten, die Höllenteufel zu binden, den Bodhisattwa Ksitigarbha um Freigabe der Goldenen Brücke zu bitten und mit Fahnen voranzugehen. Die Dauisten hatten gesenkten Hauptes ihre Lobgebete vorzutragen, den Drei Reinen ihren Respekt zu erweisen und dem Jadekaiser ihre fußfällige Verehrung zu bezeugen. Die Mönche der Tschan-Sekte mußten die Weihrauchprozession anführen, die Hungergeister erlösen und das Wassersutra beten, während dreizehn Nonnen in gestickten Gewändern und roten Schuhen vor dem Sarg stumm die Geleitformeln beteten. So würde ein lebhaftes Treiben herrschen. Hsi-fëng wußte, daß an diesem Tag zahlreiche Gäste zu erwarten waren, darum ruhte sie die Nacht über und ließ sich schon früh um vier von Ping-örl wecken. Als sie frisiert war und ihr Gesicht gewaschen hatte, zog sie sich um, wusch sich die Hände, trank ein paar Schlucke Milch und gesüßte Reissuppe, und als sie sich dann noch den Mund gespült hatte, war es bereits halb sieben, und Lai Wangs Frau wartete schon längst mit dem übrigen Gefolge. Hsi-fëng trat vor die Halle und stieg in den Wagen. Vorneweg wurden zwei klare Hornlaternen getragen, auf denen in großen Schriftzeichen ‚Jung-guo-Residenz‘ stand. So fuhr sie langsam zum Ning-guo-Anwesen hinüber. Hier hingen starke Lampen über dem Tor, und zwei Reihen Kandelaber von reiner Farbe erleuchteten alles taghell. Ein Spalier von Dienern in weißer Trauerkleidung stand bis zum Haupteingang, wo sich Hsi-fëngs Sklavenjungen entfernten, während Sklavenfrauen herantraten, um den Vorhang des Wagens zurückzuschlagen. Hsi-fëng stieg aus und stützte sich mit einer Hand auf Fëng-örl. Zwei Sklavenfrauen mit Handlaternen geleiteten sie hinein. Hier kamen ihr die Sklavinnen des Ning-guo-Anwesens entgegen und begrüßten sie. Bedächtig schritt Hsi-fëng bis vor den Sarg in der Halle des Aufstiegs zu den Unsterblichen im Garten der Gesammelten Düfte. Kaum daß sie den Sarg erblickte, liefen ihr die Tränen herab wie Perlen von einer zerrissenen Schnur. Im Hof standen zahlreiche Sklavenjungen mit dienstfertig herabhängenden Armen und warteten darauf, das Opfergeld zu verbrennen. Als Hsi-fëng mit knappen Worten befahl, den Opfertee zu bringen und das Papiergeld anzuzünden, ertönte ein Gongschlag, dann begann die Musik zu spielen. Schon längst war ein großer Lehnstuhl vor den Sarg gestellt worden, jetzt nahm Hsi-fëng darauf Platz und brach in lautes Weinen aus. Alle Anwesenden, Männer und Frauen, hoch und niedrig, fielen eifrig ein und heulten mit. Erst als Djia Dschën und Frau You ein Weilchen später Botinnen schickten, um begütigend auf Hsi-fëng einzureden, hielt sie inne. Lai Wangs Frau reichte ihr Tee, und als sie sich damit den Mund gespült hatte, stand sie auf, verabschiedete sich von den Sippenangehörigen und ging in den Anbau hinüber, wo sie die einzelnen Gruppen der Sklavenfrauen namentlich aufrief. Alle waren da bis auf eine Sklavin aus der Gruppe, die sich um die eintreffenden und aufbrechenden Gäste zu kümmern hatte. Als Hsi-fëng eben befohlen hatte, sie zu holen, kam sie schon ängstlich und verstört herbeigeeilt. „Du bist es also, die zu spät kommen muß!“ sagte Hsi-fëng und lächelte eisig. „Du bist wohl etwas Besseres als die andern, daß du meinen Worten nicht Folge zu leisten brauchst?“ „Ich Unwürdige bin jeden Tag rechtzeitig hier gewesen“, verteidigte sich die Frau. „Aber heute schien es mir noch so früh, als ich aufgewacht war, da bin ich noch einmal eingeschlafen und jetzt einen Augenblick zu spät gekommen. Ich bitte Euch, mein Vergehen dieses eine Mal zu entschuldigen, junge gnädige Frau!“ Während sie das eben sagte, steckte Wang Hsings Frau aus dem Jung-guo-Anwesen den Kopf zur Tür herein. Ohne jene Sklavin zu entlassen, erkundigte sich Hsi-fëng bei Wang Hsings Frau, was sie wolle. In dem Wunsch, recht schnell abgefertigt zu werden, trat Wang Hsings Frau ein und sagte, sie brauche die Hausmarke, um sich Seide geben zu lassen, aus der Ziernetze für Wagen und Sänften geknüpft werden sollten. Bei diesen Worten reichte sie ihr einen Bestellschein. Auf Hsi-fëngs Befehl las Tsai-ming vor, daß zu soundsoviel größeren und kleineren Netzen für zwei große und vier kleine Sänften sowie vier Wagen soundsoviel Djin Perlseide gebraucht würden. Hsi-fëng fand die Mengenangabe angemessen, befahl Tsai-ming, sie einzutragen, und warf Wang Hsings Frau die Hausmarke des Jung-guo-Anwesens hin. Als Wang Hsings Frau gegangen war und Hsi-fëng sich eben wieder jener Sklavin zuwenden wollte, kamen noch vier Beauftragte aus dem Jung-guo-Anwesen herein, die ebenfalls etwas holen sollten und die Marke dafür brauchten. Hsi-fëng ließ sie ihre Bestellscheine abgeben, und nachdem sie ihr vorgelesen worden waren, wies sie auf zwei der vier Posten darin und sagte: „Diese beiden Posten sind falsch berechnet, rechnet sie noch einmal richtig aus und kommt dann wieder!“ Damit warf sie ihnen die Scheine hin, und die beiden gingen betreten hinaus. Hsi-fëng sah, daß jetzt Dschang Tsais Frau an der Reihe war und fragte sie: „Was hast du für einen Auftrag?“ Rasch holte Dschang Tsais Frau ihren Bestellschein hervor und berichtete, für jene Wagen und Sänften, von denen eben schon die Rede gewesen war, seien die Vorhänge angefertigt worden, und sie solle soundsoviel Liang Silber als Lohn für den Schneider holen.g Hsings Frau die Hausmarke des Jung-guo-Anwesens hin. Als Wang Hsings Frau gegangen war und Hsi-fëng sich eben wieder jener Sklavin zuwenden wollte, kamen noch vier Beauftragte aus dem Jung-guo-Anwesen herein, die ebenfalls etwas holen sollten und die Marke dafür brauchten. Hsi-fëng ließ sie ihre Bestellscheine abgeben, und nachdem sie ihr vorgelesen worden waren, wies sie auf zwei der vier Posten darin und sagte: „Diese beiden Posten sind falsch berechnet, rechnet sie noch einmal richtig aus und kommt dann wieder!“ Damit warf sie ihnen die Scheine hin, und die beiden gingen betreten hinaus. Hsi-fëng sah, daß jetzt Dschang Tsais Frau an der Reihe war und fragte sie: „Was hast du für einen Auftrag?“ Rasch holte Dschang Tsais Frau ihren Bestellschein hervor und berichtete, für jene Wagen und Sänften, von denen eben schon die Rede gewesen war, seien die Vorhänge angefertigt worden, und sie solle soundsoviel Liang Silber als Lohn für den Schneider holen. Nachdem Hsi-fëng sie angehört hatte, nahm sie ihr den Schein ab und befahl Tsai-ming, die Summe einzutragen und zu warten, bis Wang Hsings Frau die Hausmarke mit der entsprechenden Empfangsbestätigung des Einkäufers zurückbrachte, um die Marke dann Dschang Tsais Frau zu geben, damit sie das Silber holen konnte. Dann befahl sie, auch den anderen Bestellschein vorzulesen, und darin wurde Papier verlangt, um in der Studierstube, die für Bau-yü hergerichtet wurde, die Wände zu bekleben. Hsi-fëng befahl, den Bestellschein einzubehalten, die Summe einzutragen und zu warten, bis Dschang Tsais Frau abgerechnet hatte, um dann die Hausmarke an die nächste weiterzugeben. Anschließend aber sagte Hsi-fëng: „Morgen wird diese verschlafen, übermorgen jene, und zum Schluß ist gar niemand mehr da. Eigentlich wollte ich dir verzeihen, aber wenn ich beim ersten Mal großzügig bin, läßt sich beim nächsten Mal kein Mensch etwas sagen, darum ist es das beste, es wird jetzt eine ordentliche Lektion erteilt!“ Und schon rief sie mit drohender Miene den Befehl: „Führt sie hinaus und gebt ihr zwanzig Schläge mit dem Prügel!“ Dann warf sie die Hausmarke des Ning-guo-Anwesens hin und ordnete an, Lai Schëng mitzuteilen, er solle der Sklavin für einen Monat ihre Silber- und Reiszuteilung entziehen. Als die Leute das hörten und sahen, daß Hsi-fëng die Brauen steil zusammengezogen hatte, erkannten sie, daß sie wütend war, und darum wagten sie nicht zu zögern. Die einen zerrten die Frau hinaus, die anderen gingen mit der Hausmarke den Befehl übermitteln. Und ehe die Sklavin es sich versah, war sie draußen und bekam zwanzig Hiebe mit dem großen Prügel. Dann mußte sie wieder hereinkommen, um sich bei Hsi-fëng auch noch fußfällig zu bedanken. „Wer sich morgen etwas zuschulden kommen läßt, bekommt vierzig Schläge, und übermorgen gibt es sechzig“, verkündete Hsi-fëng. „Wer Appetit darauf hat, braucht also nur etwas falsch zu machen.“ Dann befahl sie: „Geht jetzt!“ Und als die Frauen vor den Fenstern das hörten, ging jede ihrem Auftrag gemäß davon. Der Strom der Beauftragten aus dem Ning-guo- und dem Jung-guo-Anwesen, die die Hausmarken holen und bringen kamen, riß um diese Stunde nicht ab. Die Sklavin, die so schmachvoll geschlagen worden war, ging beschämt davon. Nachdem die Leute gesehen hatten, daß mit Hsi-fëng nicht zu spaßen war, wagten sie nicht mehr, nachlässig zu sein, und führten ehrfurchtsvoll ihre Aufträge aus, um vor Strafe sicher zu sein. Aber davon soll jetzt nicht weiter berichtet werden. Als Bau-yü sah, was für Menschenmassen an diesem Tage da waren, befürchtete er, jemand könnte Tjin Dschung eine Kränkung zufügen, und so beriet er insgeheim mit ihm darüber, zu Hsi-fëng zu gehen und sich dort hinzusetzen. „Sie hat viel zu tun und mag es nicht, wenn jemand dorthin kommt, bestimmt wird es ihr lästig sein, wenn wir kommen“, wandte Tjin Dschung ein. „Warum sollten wir ihr lästig sein?“ fragte Bau-yü. „Es macht gar nichts, komm nur mit!“ Damit zog er Tjin Dschung hinter sich her und ging geradewegs zum Anbau. Hsi-fëng war eben beim Essen, und als sie die beiden hereinkommen sah, forderte sie sie lächelnd auf: „Kommt schnell her, ihr Flinkbeinigen!“ „Danke, wir haben schon gegessen!“ sagte Bau-yü. „Hier draußen oder bei uns drüben?“ erkundigte sich Hsi-fëng. „Warum sollten wir hier mit den Dummköpfen essen? Wir haben beide drüben bei der alten gnädigen Frau gegessen“, sagte Bau-yü und setzte sich hin. Als Hsi-fëng mit Essen fertig war, kam eine Sklavin aus dem Ning-guo-Anwesen und verlangte die Hausmarke, um sich das Silber zum Einkauf von Weihrauch und Kerzen holen zu können. Lächelnd sagte Hsi-fëng: „Ich hatte es so berechnet, daß ihr danach heute kommen mußtet, und als niemand kam, dachte ich schon, ihr hättet es vergessen. Nun aber bist du doch gekommen. Hättet ihr es vergessen, hättet ihr natürlich selbst dafür aufkommen müssen, und ich wäre billig davongekommen.“ „Wir hatten es tatsächlich vergessen“, sagte die Sklavin lächelnd. „Aber eben ist es mir noch eigefallen. Wäre ich auch nur einen Augenblick später hier gewesen, hätte ich die Hausmarke nicht mehr bekommen.“ Damit griff sie nach der Marke und ging hinaus. Bald darauf kam sie zurück, ließ die Summe eintragen und gab die Marke wieder ab. Lächelnd sagte jetzt Tjin Dschung: „Ihr habt hier in beiden Anwesen diese Hausmarken. Was ist, wenn sich jemand heimlich eine davon verschafft und dann Silber holt und damit wegläuft?“ „Wenn man dich so hört, könnte man meinen, es gäbe nicht Recht noch Gesetz“, erwiderte ihm Hsi-fëng. „Warum holt sich keiner von unsern Leuten die Marke, um etwas zu besorgen?“ fragte Bau-yü. „Als unsere Leute hier waren, hast du noch geträumt“, erwiderte ihm Hsi-fëng. „Aber sag einmal, wann fangt ihr endlich an, auch am Abend zu lernen?“ „Am liebsten schon heute“, erklärte Bau-yü. „Aber solange mein Studierzimmer noch nicht fertig ist, ist das unmöglich.“ „Wenn du mich einmal bewirten würdest, könnte ich dafür sorgen, daß es schneller geht“, sagte Hsi-fëng und lächelte dazu. „Du kannst da auch nichts beschleunigen. Denn was sie tun müssen, tun sie ohnehin“, wandte Bau-yü ein. „Um etwas zu tun, brauchen sie Material. Und niemand kann mich hindern, ihnen die Hausmarke dafür zu verweigern. Das ist die Schwierigkeit!“ hielt Hsi-fëng ihm entgegen. Als Bau-yü das hörte, umklammerte er sie wie ein Affe und wollte ihr die Hausmarke wegnehmen. „Liebste Kusine“, bat er zugleich, „gib die Hausmarke heraus und sag ihnen, sie sollen das Material holen!“ „Mir tut vor Erschöpfung schon alles weh, wie soll ich da noch deine Quälereien aushalten!“ protestierte Hsi-fëng. „Aber sei unbesorgt, heute erst haben sie Papier geholt, um in deinem Studierzimmer die Wände damit zu bekleben. Meinst du, sie warten, bis man sie darauf aufmerksam macht, wenn etwas gebraucht wird? Das wäre ja schön dumm!“ Als Bau-yü ihr nicht glauben wollte, befahl Hsi-fëng, Tsai-ming solle in ihrem Heft nachschlagen und Bau-yü die Eintragung zeigen. Noch ehe ihr Streit beendet war, wurde gemeldet: „Dschau-örl ist aus Su-dschou zurück!“ Sofort befahl Hsi-fëng, ihn hereinzurufen. Dschau-örl beugte ein Knie zum Gruß, und Hsi-fëng fragte: „Warum bist du zurückgekommen?“ „Der junge Herr hat mich geschickt, um zu melden, daß der Vater von Fräulein Lin am dritten Tag des neunten Monats in der sechsten Doppelstunde verstorben ist. Der junge Herr hat mit Fräulein Lin zusammen den Sarg nach Su-dschou begleitet und wird wahrscheinlich zum Jahresende wieder zu Hause sein“, berichtete Dschau-örl. „Der junge Herr hat mich Unwürdigen geschickt, um diese Nachrichten zu überbringen, um Grüße zu bestellen und um Befehle der alten gnädigen Frau einzuholen. Außerdem sollte ich nachschauen, ob bei Euch alles wohlauf ist, und dann hat er noch befohlen, ein paar von seinen pelzgefütterten Sachen mitzubringen.“ „Warst du auch bei den anderen?“ fragte Hsi-fëng. „Ich bin bei allen gewesen“, bestätigte Dschau-örl und zog sich rasch wieder zurück. Lächelnd sagte nun Hsi-fëng zu Bau-yü: „Jetzt wird dein Kusinchen noch lange bei uns bleiben.“ „Nicht auszudenken, wie sie in diesen Tagen geweint haben muß!“ sagte Bau-yü, runzelte seine Brauen und stieß einen langen Seufzer aus. Hsi-fëng, die Dschau-örl in Gegenwart der anderen nicht genauer über Djia Liän hatte ausfragen können, verging fast vor Ungeduld und wäre am liebsten nach Hause geeilt. Doch angesichts der Fülle von Aufgaben hatte sie Angst, in ihrer Abwesenheit könnte etwas falsch gemacht werden und die Leute hätten dann etwas zu lachen. Also mußte sie sich bis zum Abend gedulden und ließ dann Dschau-örl zu Hause noch einmal zu sich kommen, fragte ihn gründlich aus, ob unterwegs alles in Ordnung gewesen sei und ob er noch weitere Nachrichten habe. In derselben Nacht suchte sie die pelzgefütterten Sachen heraus, sah sie selbst mit Ping-örl zusammen durch und schnürte ein Bündel daraus. Dann dachte sie gründlich nach, was Djia Liän sonst noch fehlen könnte, packte alles mit ein und übergab es Dschau-örl. Dazu erteilte sie ihm eingehende Verhaltensmaßregeln. „Sei schön folgsam in der Fremde und ärgere deinen Herrn nicht!“ trug sie ihm auf. „Halte ihn stets davon ab, zuviel Wein zu trinken, und verleite ihn nicht zum Umgang mit liederlichen Weibern, sonst breche ich dir die Beine, wenn du wieder zu Hause bist!“ Als alles in größter Eile erledigt war, ging die vierte Nachtwache schon zu Ende. Aber nachdem Hsi-fëng sich endlich hingelegt hatte, konnte sie nicht einschlafen, und ehe sie sich‘s versah, wurde es hell, und die Hähne krähten. Also kämmte und wusch sie sich rasch und begab sich ins Ning-guo-Anwesen hinüber. Der Tag, an dem der Sarg übergeführt werden sollte, war schon nah, darum stieg Djia Dschën selbst in einen Wagen und fuhr mit einem Beamten vom Sterndeuterbüro zum Kloster Eiserne Schwelle, besichtigte dort den Platz, an dem der Sarg aufgestellt werden sollte, und wies den Vorsteher Së-kung an, die Ausstattung zu erneuern und noch einige angesehene Mönche zu bitten, beim Empfang des Sarges Dienst zu tun. Së-kung ließ rasch ein klösterlich-vegetarisches Abendessen richten, aber Djia Dschën stand der Sinn nicht nach Tee und Reis. Weil es schon spät war und er vor Toresschluß nicht mehr zur Stadt zurückgelangen konnte, verbrachte er die Nacht, so gut es ging, in einem der Klosterräume. Am nächsten Morgen fuhr er in die Stadt zurück und traf die Vorbereitungen für den Leichenzug. Außerdem schickte er Leute ins Kloster voraus, die dort über Nacht den Platz für den Sarg herrichten mußten, sich zugleich um Küche und Tee bekümmern sollten und um all jene, die den Sarg empfangen würden. Auch Hsi-fëng hatte, als der Zeitpunkt näher kam, im Haushalt rechtzeitig alles vorbereitet und festgelegt. Im Jung-guo-Anwesen hatte sie eingeteilt, mit welchen Wagen und Sänften sowie mit welchem Gefolge Dame Wang den Sarg begleiten sollte. Auch hatte sie ein Quartier ausgewählt, wo sie absteigen konnte, wenn sie selbst den Sarg begleitete. Da eben die Gemahlin des Herzogs Schan-guo verstorben war, mußten Dame Wang und Dame Hsing an ihrem Sarg ein Opfer bringen und an ihrem Leichenbegängnis teilnehmen. Zum Geburtstag der Gemahlin des Prinzen Hsi-an mußten Geschenke geschickt werden, ebenso anläßlich der Geburt des ersten Sohnes durch die Gemahlin des Herzogs Dschën-guo. Dann zog Hsi-fëngs älterer Bruder Wang Jën mit seiner ganzen Familie in den Süden zurück, und Hsi-fëng mußte ihm einen Brief mit fußfälligen Grüßen an die Eltern sowie Geschenke mitgeben. Schließlich erkrankte auch noch Ying-tschun, und so mußten jeden Tag Ärzte geholt und Arzneien zubereitet, Diagnosen studiert und Rezepte geprüft werden – das kann hier nicht gut in allen Einzelheiten wiedergegeben werden. Überdies kam der Tag der Sargüberführung immer näher, und so hatte Hsi-fëng keine Zeit mehr für Essen und Trinken, und weder im Sitzen noch im Liegen gab es Ruhe für sie. War sie eben ins Ning-guo-Anwesen gekommen, folgten ihr auch schon die Leute aus dem Jung-guo-Anwesen dorthin, und kaum war sie ins Jung-guo-Anwesen zurückgekehrt, so kamen ihr die Leute aus dem Ning-guo-Anwesen hierher nachgelaufen. Aber Hsi-fëng fand gerade daran großen Gefallen. Sie dachte auch nicht daran, sich einmal heimlich zu verschnaufen oder die Leute abzuweisen, denn sie fürchtete, man könnte schlecht über sie reden. So gönnte sie sich keine Pause bei Tag und bei Nacht, und alles wurde von ihr bestens geregelt. Da war niemand in der ganzen Sippe, der sie nicht anerkennend gelobt und mitfühlend über sie geseufzt hätte. Am Vorabend der Überführung des Sarges unterhielten zwei Schauspielertruppen sowie Gaukler die Verwandten und Freunde, die gekommen waren, um diese letzte Nacht am Sarg durchzuwachen. Da Frau You immer noch krank in ihrem Gemach lag, mußte Hsi-fëng die gesamte Bewirtung und Betreuung allein übernehmen, denn es gab zwar genug junge Frauen im Haus, aber die einen genierten sich, den Mund aufzumachen, die anderen hatten eine Scheu, sich zu zeigen, die nächsten waren den Umgang mit Fremden überhaupt nicht gewöhnt, und der Rest hatte Angst vor Vornehmen und Beamten. Keine von ihnen hatte das ungezwungene Auftreten und die sichere Ausdrucksweise, die Eleganz und die Großzügigkeit von Hsi-fëng. Darum sah sie auch über alle hinweg und schaltete und waltete nach Belieben, als ob sie ganz allein gewesen wäre. Die ganze Nacht hindurch leuchteten die Laternen und loderten die Feuer, Gäste kamen und gingen. Aber dieses abwechslungsreiche Getümmel braucht hier nicht beschrieben zu werden. Als es hell wurde und die glückverheißende Stunde anbrach, nahm eine Gruppe von vierundsechzig Trägern den Sarg auf, und vorneweg wurde eine Trauerfahne getragen, auf der in großen Schriftzeichen stand: ‚Dies ist der Sarg der jung verstorbenen Frau Tjin, Gattin eines Offiziers der kaiserlichen Palastwache und Hüters der Wege in der Verbotenen Stadt im fünften Beamtenrang aus der Sippe der Djias, des ältesten Enkels des von der im Auftrage des Himmels fest gegründeten und in Jahrmillionen unwandelbaren Dynastie belehnten Herzogs Ning-guo.‘ Alle Ranginsignien und Opfergaben waren neu angefertigt worden und blendeten die Augen mit strahlendem Glanz. Bau-dschu, die schon die Trauerriten vollzogen hatte, wie sie für eine unverheiratete Tochter vorgeschrieben sind, zerschmetterte jetzt den Tontopf und ging dem Zug voran, wobei sie schmerzlichste Trauer zeigte. Unter den Gästen, die dem Sarg das Geleit gaben, waren der Graf Niu Dji-dsung, ein Enkel von Niu Tjing, Herzog Dschën-guo; der Baron Liu Fang, ein Enkel von Liu Biau, Herzog Li-guo; Tschën Juee-wën, Marschall dritter Klasse mit dem Ehrentitel Wee-dschën, ein Enkel von Tschën I, Herzog Tji-guo; Ma Schang, Marschall dritter Klasse mit dem Ehrentitel Wee-yüan, ein Enkel von Ma Kuee, Herzog Dschï-guo; und Baron Hou Hsiau-kang, ein Enkel von Hou Hsiau-ming, Herzog Hsiu-guo. Da die Gemahlin des Herzogs Schan-guo verstorben war, befand sich sein Enkel Schï Guang-dschu in Trauer und konnte nicht kommen. Diese sechs Herzöge waren es, die einstmals mit den Herzögen Ning-guo und Jung-guo zusammen die Acht Herzöge genannt worden waren. Unter den übrigen Trauergästen befanden sich ein Enkel des Prinzen Nan-an; ein Enkel des Prinzen Hsi-ning; Schï Ding, Fürst Dschung-djing; Freiherr Djiang Dsï-ning, ein Enkel des Fürsten Ping-yüan; Freiherr Hsiä Djing, Oberst der hauptstädtischen Garnison, ein Enkel des Fürsten Ding-tschëng; Freiherr Tji Djiän-huee, ein Enkel des Fürsten Hsiang-yang; Tjiu Liang, Polizeichef der fünf Bezirke der Hauptstadt, ein Enkel des Fürsten Djing-tiän; dann Han Tji, ein Sohn des Grafen Djin-hsiang; Fëng Dsï-ying, ein Sohn des Marschalls Schën-wu; sowie Tschën Yä-djün und Wee Juo-lan. Es können hier nicht sämtliche Söhne und Enkel der Adelsgeschlechter aufgezählt werden. Weibliche Trauergäste waren in mehr als zehn großen und dreißig oder vierzig kleinen Sänften anwesend, zusammen mit den Sänften und Wagen der Familie waren das weit über hundert Gefährte. Mit den verschiedenen Insignien und Opfergaben, die vornweg getragen wurden, zog sich der Trauerzug drei bis vier Li weit hin. Er war noch nicht lange unterwegs, als er große bunte Stände erreichte, die mit Matten verkleidet und überdacht waren und in denen die Musik spielte. All das waren Wegeopfer, die von den einzelnen befreundeten Familien am Straßenrand dargebracht wurden. Der erste Opferstand gehörte dem Hause des Prinzen Dung-ping, der zweite dem des Prinzen Nan-an, der dritte dem des Prinzen Hsi-ning und der vierte dem des Prinzen Bee-djing. Von den ersten vier Trägern dieser Titel hatte sich nur der Prinz Bee-djing hohe Verdienste erworden, deretwegen seine Söhne und Enkel weiter im Besitz der Prinzenwürde geblieben waren. Schuee Jung, der jetzige Prinz Bee-djing, war noch keine zwanzig Jahre alt. Er war von schönem Wuchs und freundlich-schlichtem Charakter. Als er unlängst erfuhr, daß die Gemahlin des ältesten Enkels des Herzogs Ning-guo gestorben war, hatte er eingedenk der vormaligen Freundschaft der beiderseitigen Ahnen, die in Zeiten der Not und des Glanzes zusammenhielten, als ob sie zur selben Familie gehörten, ungeachtet seines prinzlichen Ranges einen Trauerbesuch gemacht und ein Opfer dargebracht. Heute nun hatte er einen Opferstand am Straßenrand aufstellen lassen und den ihm unterstellten Beamten befohlen, dort zu warten, während er selbst in der fünften Nachtwache zur Frühaudienz des Kaisers ging. Als seine Amtsgeschäfte erledigt waren, hatte er weiße Trauerkleidung angelegt und hatte sich in einer großen Sänfte, von Gongschlägern und Ehrenschirmträgern begleitet, zu seinem Opferstand tragen lassen. Seine Untergebenen nahmen zu beiden Seiten Aufstellung, und weder Militär- noch Zivilpersonen durften die Straße passieren. Bald näherte sich von Norden her der große Trauerzug des Ning-guo-Anwesens, an seiner Spitze, gewichtig wie ein silberweißer Berg, der Sarg. Schon hatten die Wegbereiter und Melder aus dem Ning-guo-Anwesen den Prinzen erblickt und eilten zurück, um Djia Dschën davon zu unterrichten. Djia Dschën befahl sogleich, den Trauerzug halten zu lassen, und eilte mit Djia Schë und Djia Dschëng zur Sänfte des Prinzen, den er nach dem Staatszeremoniell begrüßte. Schuee Jung erwiderte den Gruß, indem er sich lächelnd im Sitzen verbeugte. Er begrüßte und behandelte Djia Dschën als Angehörigen einer seit Generationen befreundeten Familie und zeigte nicht die geringste Spur von Hochmut. „Hoheit beehren die Trauerfeierlichkeiten für die Frau meines Köters von Sohn noch einmal mit Ihrer Anwesenheit“, sagte Djia Dschën. „Wie kann ich Hoheit das vergelten?“ Lächelnd entgegnete Schuee Jung: „Was sollen unter Freunden seit Generationen solche Worte?“ Dann wandte er den Kopf und befahl seinem Kämmerer, an seiner Statt das Opfer zu leiten. Nachdem Djia Schë mit den übrigen das Ritual erwidert hatte, kehrte er zurück, um sich für die erwiesene Gnade zu bedanken. Leutselig erkundigte sich Schuee Jung bei Djia Dschëng: „Wer ist es denn, der mit dem Jadestein im Mund zur Welt gekommen ist? Schon mehrmals hatte ich den Wunsch, ihn zu sehen, aber immer ist etwas dazwischen gekommen. Ich denke, er wird heute mit dabei sein. Kann man ihn nicht herbitten, damit ich ihn kennenlerne?“ Als Djia Dschëng das hörte, ging er sofort nach hinten, befahl Bau-yü, das Trauergewand abzulegen, und führte ihn nach vorn. Bau-yü hatte Vater, Onkel und Vettern, Verwandte und Freunde schon immer gesprächsweise sagen hören, Schuee Jung sei ein würdiger Prinz, noch dazu von erlesenem Talent und vollendeter Schönheit, er sei elegant und erhaben in seinem Betragen und lasse sich nicht durch das übliche Gehabe der Würdenträger und die Staatsetikette einschränken. Stets hatte er gehofft, den Prinzen kennenzulernen, aber von seinem Vater streng gehalten, hatte er nie eine Gelegenheit gehabt, ihm zu begegnen. Als nun heute der Prinz ihn rufen ließ, freute er sich natürlich, und schon von weitem nahm er die edle Erscheinung des Prinzen in der Sänfte wahr.
Aus: Jinyuyuan 1889b. Wer wissen will, was geschah, als er ihn aus der Nähe sah, muß das nächste Kapitel lesen.