Hongloumeng/de/Chapter 15

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: [1-10] · 11 · 12 · 13 · 14 · 15 · 16 · 17 · 18 · 19 · 20 · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 15

王凤姐弄权铁槛寺

秦鲸卿得趣馒头庵

Als Bau-yü aufblickte, sah er, daß Schuee Jung, Prinz Bee-djing, eine Prinzenkappe mit einem reinweißen Pompon und silbernen Flügeln aufhatte. Gekleidet war er in eine weiße, mit fünfklauigen Drachen über Bergen und Meereswellen bestickte Robe, und um den Leib trug er einen roten Lederriemen, der mit Jaspisen verziert war. Sein Gesicht glich einem edlen Jadestein, seine Augen ähnelten leuchtenden Sternen. Er war wirklich eine vollendete Schönheit. Rasch stürzte Bau-yü vor, um den Prinzen respektvoll zu begrüßen, und schon streckte Schuee Jung seinen Arm aus der Sänfte, um ihm aufzuhelfen. Dabei sah er, daß Bau-yü einen silbernen Kopfschmuck und eine Stirnbinde trug, die mit zwei Drachen verziert war, welche aus den Mereswogen auftauchten. Gekleidet war er in eine weiße Robe mit hufförmigen Manschetten, die mit vierklauigen Drachen bestickt war, und um den Leib hatte er einen silbernen Gürtel, der mit Perlen geschmückt war. Sein Gesicht glich einer Frühlingsblume, seine Augen ähnelten Tupfern aus Lack. Lächelnd sagte Schuee Jung: „Er trägt seinen Namen zu Recht, er gleicht wahrhaftig einem wertvollen Jade!“ Dann fragte er „Und wo ist der Stein, den er im Mund gehabt hat?“ Als Bau-yü die Frage vernahm, holte er seinen Jadestein sogleich unter der Kleidung hervor und reichte ihn dem Prinzen hin. Schuee Jung sah den Stein aufmerksam an, las die Schriftzeichen darauf und fragte: „Ist er tatsächlich beseelt?“ Rasch erwiderte Djia Dschëng: „Es heißt zwar so, aber erprobt ist es nicht.“ Während sich Schuee Jung in Ausdrücken der Verwunderung erging, ordnete er die bunte Schnur an dem Stein und hängte ihn Bau-yü eigenhändig wieder um. Dann faßte er seine Hand und fragte ihn, wie alt er sei und welche Bücher er lese. Bau-yü gab Antwort auf die eine wie die andere Frage, und als Schuee Jung hörte, daß Bau-yüs Rede klar und exakt war, wandte er sich wieder zu Djia Dschëng und sagte lächelnd: „Euer Sohn ist wahrhaftig ein Drachenjunges oder ein Phönixküken. Ich kleiner Prinz will ja einem alten Freund unseres Hauses gegenüber nicht vorlaut sein, aber wer weiß, ob man nicht eines Tages sagen kann: ‚Des jungen Phönix Stimme klingt reiner als des alten Lied.‘“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Djia Dschëng: „Wie wäre mein Köter von Sohn es wert, so goldene Worte zu empfangen! Wenn es im Schatten des Glücks von Euer Hoheit wirklich so käme, wäre es ein Segen für uns.“ „Eines nur ist bedenklich“, nahm der Prinz wieder das Wort. „Bei seinen Gaben erfreut er sich bestimmt der zärtlichsten Liebe von seiten Eurer verehrten Frau Mutter und Eurer werten Gattin. Aber für junge Leute ist es gar nicht gut, so verzärtelt zu werden. Wer nämlich verzärtelt wird, vernachlässigt mit Sicherheit seine Studien. Das habe ich seinerzeit am eigenen Leibe erfahren, und ich denke, mit Eurem Sohn ist es bestimmt nicht anders. Wenn es mit dem Lernen zu Hause nichts werden will, sollte er sich nicht genieren, öfter einmal in mein bescheidenes Haus zu kommen. Zwar bin ich selbst nicht begabt, aber ich werde oft von den bekanntesten Gelehrten des Landes beehrt. Immer, wenn sie in die Hauptstadt kommen, darf auch ich mich ihres Wohlwollens erfreuen. Dadurch kommen viele tüchtige Männer in mein Haus. Wenn Euer Sohn recht oft kommt, um ihr Gespräch zu suchen, werden seine Kenntnisse mit jedem Tag wachsen.“ Djia Dschëng bedankte sich rasch mit einer Verbeugung. Jetzt streifte Schuee Jung eine Gebetsschnur von seinem Handgelenk und reichte sie Bau-yü mit den Worten: „Wir sehen uns heute zum ersten Mal, und in der Eile habe ich kein Geschenk vorbereitet. Diese Gebetsschnur, deren Perlen aus Bachstelzen-Duftholz verfertigt sind, hat mir neulich seine Majestät persönlich verehrt, mag sie einstweilen meine Wertschätzung bekunden!“ Bau-yü nahm die Gabe rasch entgegen, wandte sich um und reichte sie Djia Dschëng. Nachdem sich Djia Dschëng zusammen mit Bau-yü bedankt hatte, traten Djia Schë und Djia Dschën heran und schlugen dem Prinzen vor, sich jetzt nach Hause tragen zu lassen. Aber Schuee Jung sagte: „Die Verstorbene ist bereits in die Gefilde der Unsterblichen aufgestiegen und befindet sich nicht mehr in der Welt des Staubes wie Ihr und wir. Mir ist zwar die Gnade des Himmlischen zuteil geworden, der mir unverdient die Prinzenwürde verliehen hat, aber wie könnte ich es wagen, dem Gefährt einer Unsterblichen in den Weg zu treten!“ Als Djia Schë und die anderen sahen, daß er hartnäckig auf seiner Meinung bestand, blieb ihnen nichts weiter zu tun, als sich zu verabschieden und dem Prinzen für seine Huld zu danken. Sie gingen zurück und befahlen ihrem Gefolge, den Musikanten Ruhe zu gebieten. Erst als der Sarg schwerfällig vorbeigezogen war, forderten sie den Prinzen noch einmal auf, sich zurücktragen zu lassen. Aber davon soll nicht weiter die Rede sein, wir wollen lieber darüber berichten, wie der Trauerzug unter Lärm und Getöse seines Weges zog. Als er das Stadttor erreichte, standen dort die Opferstände der einzelnen Familien von Djia Schës, Djia Dschëngs und Djia Dschëns Amtsgefährten und Untergebenen. Nachdem alle Opfer vollzogen und die Dankesriten dafür ausgeführt waren, passierte der Trauerzug das Stadttor und bewegte sich dann die Straße entlang, die zum Kloster Eiserne Schwelle führte. Jetzt begab sich Djia Dschën mit Djia Jung zusammen zu den Älteren der Familie und bat sie, in den Sänften Platz zu nehmen oder aufs Pferd zu steigen. So setzten sich die Männer von Djia Schës Generation in Wagen und Sänften, Djia Dschëns Altersgefährten aber bestiegen ihre Pferde. Hsi-fëng machte sich Gedanken um Bau-yü und hegte die Befürchtung, er könnte hier außerhalb der Stadt mutwillig seine Kräfte unter Beweis stellen wollen und würde auf die Ermahnungen des Gesindes nicht hören, während sich Djia Dschëng um solche Kleinigkeiten nicht kümmern konnte. Wenn aber Bau-yü etwas zustoßen sollte, würde sie der Herzoginmutter schlecht unter die Augen treten können. Also befahl sie einem Sklavenjungen, ihn zu rufen. Bau-yü blieb nichts weiter übrig, als zu Hsi-fëngs Wagen zu reiten, wo sie ihn lächelnd mit den Worten empfing: „Liebster Vetter, du bist edel und zart wie ein Mädchen, warum mußt du es den andern nachmachen und wie ein Affe auf dem Pferd hocken? Willst du nicht lieber absteigen und mit mir zusammen im Wagen fahren?“ Rasch stieg Bau-yü vom Pferd und schlüpfte zu Hsi-fëng in den Wagen. Lachend und schwatzend fuhren sie weiter, bis bald darauf zwei Reiter in vollem Galopp herangeritten kamen, um unweit von Hsi-fëngs Wagen abzusitzen und dann, mit der Hand an der Deichsel, zu berichten: „Hier ist eine Absteigemöglichkeit. Dort könnt Ihr Rast machen und die Kleider wechseln, junge gnädige Frau.“ Sofort befahl Hsi-fëng, bei Dame Hsing und Dame Wang Weisungen einzuholen. Als ihr Bote zurückkam, meldete er: „Die gnädigen Frauen lassen Euch sagen, sie brauchten nicht zu rasten, Ihr aber solltet ganz nach eigenem Ermessen verfahren.“ Als Hsi-fëng das vernahm, befahl sie, eine Pause einzulegen. Also lenkten die Sklavenjungen den Wagen aus der Menge heraus und dann schnell in nördlicher Richtung davon. Bau-yü befahl noch rasch aus dem Wagen heraus, man solle den jungen Herrn Tjin zu ihm bitten. Tjin Dschung ritt hinter der Sänfte seines Vaters einher, da kam plötzlich Bau-yüs Sklavenjunge gelaufen und lud ihn zu einer Rast ein. Als Tjin Dschung sich umblickte und sah, daß Hsi-fëngs Wagen nach Norden abgebogen war und Bau-yüs Pferd, das hinten am Wagen angebunden war, nur Sattel und Zaumzeug trug, wußte er, daß Bau-yü bei Hsi-fëng im Wagen sitzen mußte. Also ritt er ihnen hinterher und holte sie ein, als der Wagen eben in einen Bauernhof einfuhr. Die Männer der Bauernfamilie hatte das Gefolge längst fortgejagt, aber da es hier nicht so viele Räume gab, daß sich die Frauen hätten verbergen können, mußten sie bei den Besuchern bleiben. Für die Bauernfrauen und Dorfmädchen waren Hsi-fëng, Bau-yü und Tjin Dschung durch ihr Aussehen, ihre Kleidung und ihr gelassenes Betragen natürlich ein fesselnder Anblick. Nachdem sie dann in das strohgedeckte Haus getreten waren, befahl Hsi-fëng, Bau-yü solle mit den anderen erst einmal ein wenig an die frische Luft gehen. Bau-yü verstand, was sie wollte, und ging mit Tjin Dschung hinaus, wo sie sich in Begleitung der Sklavenjungen überall umsahen. All die Geräte, wie Bauern sie brauchen, hatte Bau-yü nie gesehen. Als er jetzt Spaten, Haue, Hacke und Pflug erblickte, waren das fremdartige Dinge für ihn, von denen er weder wußte, wozu sie dienten, noch wie sie genannt wurden. Die Sklavenjungen an seiner Seite erklärten ihm von jedem Stück, wie es hieß und was es damit auf sich hatte. Da nickte Bau-yü und sagte mit einem Seufzer: „Kein Wunder, daß es bei einem alten Dichter heißt: ‚Wer ahnt schon, wieviel Mühe es kostet, ein jedes Korn Reis in der Schüssel!‘ Das hat er damit gemeint!“ Bei diesen Worten gelangte er zu einem anderen Gebäude, wo er auf dem Ofenbett ein Spinnrad erblickte. „Was ist das nun wieder?“ fragte er die Sklavenjungen. Sie erklärten es ihm, und Bau-yü trat ein und drehte zum Spaß an dem Spinnrad, was ihm sehr lustig erschien. Da kam plötzlich ein Bauenmädchen von siebzehn, achtzehn Jahren gelaufen und rief aufgeregt: „Mach mir das nicht entzwei, ...“ Sofort schrien die Sklavenjungen sie an und hinderten sie am Weiterreden. Bau-yü aber zog rasch die Hand zurück und sagte lächelnd: „Ich hatte so etwas noch nie gesehen, da wollte ich es einmal ausprobieren.“ „Was versteht schon Euresgleichen davon!“ sagte das Mädchen. „Geh beiseite, dann zeige ich dir, wie man spinnt!“ Verstohlen zupfte Tjin Dschung an Bau-yüs Gewand und sagte lächelnd: „Die Maid hier deucht mir lustverheißend!“ „Verfluchter Kerl!“ sagte Bau-yü lächelnd und schob ihn weg. „Wenn du weiter Unsinn redest, bekommst du Schläge von mir!“ Damit blickte er wieder zu dem Mädchen, das begonnen hatte, einen Faden zu spinnen. Als Bau-yü eben etwas zu ihr sagen wollte, rief irgendwo eine alte Frau: „Wirst du wohl herkommen, Zweites Mädchen! Aber schnell!“ Da stellte sie das Spinnrad weg und ging fort. Bau-yü aber war die Laune verdorben. Jetzt kam ein Bote, den Hsi-fëng geschickt hatte, um Bau-yü und Tjin Dschung ins Haus zu rufen. Hsi-fëng hatte sich schon die Hände gewaschen und die Kleider gewechselt, um den Staub ausschütteln zu lassen. Jetzt fragte sie Bau-yü und Tjin Dschung, ob sie sich ebenfalls umziehen wollten, aber Bau-yü mochte nicht, und so mußte es unterbleiben. Nun brachten die begleitenden Sklaven und Sklavinnen die mitgeführten Teekannen und Schalen sowie Speiseschachteln mit verschiedenen Kleinigkeiten für einen Imbiß auf den Tisch. Nach dem Teetrinken wartete Hsi-fëng, bis alles eingepackt war, dann stand sie auf, um wieder in den Wagen zu steigen. Draußen hielt Lai Wang ein Päckchen Silber bereit, das er als Geschenk für den Gastgeber überreichte, und die Bauernfrauen bedankten sich fußfällig dafür. Hsi-fëng schenkte dem keine Beachtung, Bau-yü aber sah genau hin, doch das Zweite Mädchen war nicht dabei. Er stieg in den Wagen, und als sie abfuhren, kam sie ihnen nach einer kurzen Wegstrecke entgegen. Sie trug ein kleines Brüderchen auf dem Arm und unterhielt sich lachend mit ein paar jüngeren Mädchen. Bau-yü wäre am liebsten vom Wagen gestiegen und mit ihr gegangen. Weil man ihm das aber kaum gestattet hätte, folgte er ihr wenigstens mit den Augen und bedauerte nur, daß der Wagen so leicht und das Pferd so schnell war. Bald darauf war sie seinen Blicken entschwunden. Es dauerte nicht lange, da hatten sie den Sarg wieder eingeholt, und schon kamen ihnen die Mönche vom Kloster Eiserne Schwelle mit Trommeln und Becken, Bannern und Schirmen entgegen, um den Sarg zu empfangen. Bald darauf waren sie im Kloster, wo noch einmal Sutras verlesen und Weihrauchopfer gebracht wurden, während man den Sarg in einem Seitenraum der inneren Halle aufstellte. Bau-dschu richtete sich dort eine Lagerstatt her, um am Sarg die Nachtwache zu halten. In der äußeren Halle bat Djia Dschën die zahlreichen Verwandten und Freunde zum Essen. Die einen nahmen die Einladung an, die anderen verabschiedeten sich, ohne zu essen. Nachdem sich Djia Dschën bei allen bedankt hatte, brachen die Herzöge, Fürsten, Grafen, Barone und Freiherren der Rangfolge nach Trupp für Trupp auf, und erst am Ende der achten Doppelstunde waren sie alle fort. Drinnen bewirtete Hsi-fëng die weiblichen Gäste, und auch hier brachen die Ranghöchsten zuerst auf. Erst als die Mittagsstunde schon lange vorbei war, waren sie alle abgefahren. Jetzt waren nur noch die engsten Verwandten da, die erst nach Abschluß der dreitägigen Gebete anläßlich der Sargaufstellung zurückkehren würden. Auch Dame Hsing und Dame Wang wollten jetzt in die Stadt zurückfahren, wenn sie auch wußten, daß Hsi-fëng noch nicht mitkommen konnte. Dame Wang wollte Bau-yü mitnehmen, aber Bau-yü, der zum ersten Mal aus der Stadt herausgekommen war, wollte nicht zurück und wünschte nur, zusammen mit Hsi-fëng noch zu bleiben. Da hatte Dame Wang keine andere Wahl, als ihn in Hsi-fëngs Obhut zu geben und nach Hause zu fahren. Das Kloster Eiserne Schwelle hatten seinerzeit die beiden Herzöge Ning-guo und Jung-guo errichten lassen, und es gab noch immer einigen Landbesitz, der die notwendigen Mittel für den Unterhalt des Tempels und der Mönche erbrachte. So konnte man Sippenangehörige, die in der Hauptstadt von ihrem Geschick ereilt wurden, hier unterbringen. Und weil der Tempel mit Räumen für die Toten und die Lebenden wohl versehen war, konnten auch die Angehörigen, die den Sarg begleiteten, hier unterkommen. Da aber die Sippenangehörigen jetzt sehr zahlreich waren und der Reichtum ungleichmäßig unter ihnen verteilt war (vielleicht vertrugen sich auch die Charaktere nicht recht miteinander), blieben nur diejenigen hier im Kloster, die in dürftigen Verhältnissen lebten und sich in ihr Los zu fügen wußten, während die anspruchsvollen Reichen erklärten, hier sei es ihnen zu unbequem, und sich in einem Dorf beziehungsweise in einem Nonnenkloster ein Quartier suchten, wohin sie sich zurückziehen konnten, wenn die jeweiligen Trauerhandlungen zu Ende waren. Diesmal nun, bei der Überführung des Sarges von Frau Tjin, übernachteten im Kloster Eiserne Schwelle alle Sippenangehörigen bis auf Hsi-fëng, der es hier nicht komfortabel genug war. Sie hatte deswegen schon längst jemanden zum Dampfbrötchenkloster geschickt, um die Äbtissin Djing-hsü zu bitten, sie solle ihr zwei Räume als Unterkunft abtreten. Das Dampfbrötchenkloster hieß eigentlich Wassermondkloster, aber weil man dort gute Dampfbrötchen machte, war dieser Scherzname aufgekommen. Es befand sich unweit des Klosters Eiserne Schwelle. Als die Mönche ihr Tagewerk getan hatten und der abendliche Opfertee bereitgestellt war, wurde Djia Jung von Djia Dschën zu Hsi-fëng geschickt, um sie zu bitten, sich zur Ruhe zu begeben. Da noch mehrere junge Frauen des Hauses da waren, die den anderen weiblichen Angehörigen Gesellschaft leisteten, verabschiedete sich Hsi-fëng von allen und begab sich mit Bau-yü und Tjin Dschung zum Wassermondkloster. Tjin Yä hatte, weil er alt und krank war, nicht dableiben können und hatte nur Tjin Dschung befohlen, bis zum Ende der Sargaufstellung zu verweilen. Dieser hielt sich jetzt an Hsi-fëng und Bau-yü. Als sie nach kurzer Zeit zum Wassermondkloster gelangten, kam ihnen Djing-hsü mit den beiden Novizinnen Dschï-schan und Dschï-nëng entgegen, und alle begrüßten einander. Nachdem sich Hsi-fëng umgezogen und ihre Notdurft verrichtet hatte, stellte sie fest, daß Dschï-nëng schon wieder ein Stück gewachsen und noch hübscher geworden war. Und so fragte sie: „Warum seid ihr in der letzten Zeit nicht bei uns gewesen?“ „Wir konnten einfach nicht abkommen“, erwiderte Djing-hsü. „Im Hause Hu ist ein Sohn geboren worden, und die gnädige Frau hat uns zehn Liang Silber geschickt, damit wir dort drei Tage lang Sutras für eine glückliche Niederkunft lesen. So hatten wir keinen freien Augenblick, um Euch unseren Gruß zu entbieten, junge Herrin!“ Aber nicht davon wollen wir jetzt erzählen, wie die alte Nonne Hsi-fëng Gesellschaft leistete. Als Tjin Dschung und Bau-yü eben in der Haupthalle des Klosters waren, kam Dschï-nëng durch den Raum, und Bau-yü sagte lächelnd zu Tjin Dschung: „Da ist Dschï-nëng!“ „Was kümmert uns das dumme Ding?“ fragte Tjin Dschung. Aber lächelnd hielt ihm Bau-yü entgegen: „Tu doch bloß nicht so! Warum hast du sie denn da neulich bei der alten gnädigen Frau im Zimmer umarmt, als niemand dabei war? Meinst du, ich lasse mir hier etwas vormachen?“ „Aber das stimmt ja gar nicht!“ protestierte Tjin Dschung lächelnd. „Mir soll es egal sein, ob es stimmt oder nicht“, erwiderte Bau-yü. „Ruf sie her, damit sie mir eine Schale Tee eingießt, dann lasse ich dich in Ruhe!“ „Na, du bist ja gut!“ sagte Tjin Dschung darauf. „Meinst du, wenn du es ihr sagst, macht sie es nicht, und darum muß ich es ihr sagen?“ „Bei mir wäre es ohne Gefühl, aber bei dir ist es mit Gefühl!“ erklärte ihm Bau-yü. So blieb Tjin Dschung nichts weiter übrig, als zu rufen: „Dschï-nëng, bring uns eine Schale Tee!“ Diese Dschï-nëng ging von klein auf im Jung-guo-Anwesen ein und aus und war dort mit jedermann bekannt, so hatte sie auch oft mit Bau-yü und Tjin Dschung zusammen gescherzt und gelacht. Jetzt, da sie erwachsen wurde und allmählich um die Liebe zu wissen begann, hatte sie sich in Tjin Dschung

Am Wegesrand wird Bao-yü dem Prinzen Bee-djing vorgestellt. Aus: Chengjiaben 1791.

verguckt, weil er so eine elegante Erscheinung war. Tjin Dschung seinerseits liebte sie um ihrer Schönheit willen. Und wenn auch noch nichts zwischen den beiden vorgefallen war, waren sie sich doch einig.

Als Dschï-nëng jetzt Tjin Dschungs Aufforderung hörte, schlug ihr Herz höher, und ihre Augen strahlten. Sie ging Tee eingießen und brachte ihn. „Gib ihn mir!“ bat Tjin Dschung lächelnd. „Nein, mir!“ rief Bau-yü. Da verzog Dschï-nëng den Mund zu einem Lächeln und fragte: „Müßt ihr euch um eine Schale Tee streiten? Habe ich vielleicht Honig an den Fingern?“ Rasch nahm Bau-yü ihr die Teeschale ab und trank. Als er sie eben etwas fragen wollte, kam Dschï-schan und rief Dschï-nëng weg, um den Teetisch zu decken. Bald darauf kam sie und lud Bau-yü und Tjin Dschung zu Tee mit Obst und Gebäck ein. Aber die beiden machten sich nichts daraus, und nachdem sie ein Weilchen am Tisch gesessen hatten, gingen sie wieder hinaus, um sich draußen die Zeit zu vertreiben. Auch Hsi-fëng saß ein Weilchen am Teetisch, dann ging sie in ihr Zimmer, um zu ruhen. Die Äbtissin begleitete sie, und als Hsi-fëngs Sklavenfrauen sahen, daß weiter nichts zu tun war, gingen sie nacheinander hinaus, um sich schlafen zu legen. Jetzt waren nur noch ein paar ergebene Sklavenmädchen mit im Raum, die zu Hsi-fëngs ständiger Bedienung gehörten, darum nahm die Äbtissin die Gelegenheit wahr und sagte: „Ich habe eine Bitte und hatte in Euer Anwesen kommen wollen, um sie der gnädigen Frau vorzutragen. Aber jetzt möchte ich zuerst Euch nach Eurer Meinung fragen.“ „Was ist es?“ fragte Hsi-fëng. „Buddha Amitabha!“ sagte die Äbtissin, „als ich seinerzeit im Kloster der Guten Begabung in Tschang-an lebte, gehörte zu unserern Gönnern ein reicher Mann namens Dschang. Dieser Dschang hat eine Tochter, die mit Kindheitsnamen Djin-gë heißt und die damals immer in unser Kloster kam, um Weihrauch zu opfern. Sie mußte nun einem Herrn Li begegnen, dem jüngeren Bruder der Frau des Präfekten von Tschang-an, der sich bis über beide Ohren in sie verliebt hat und sie heiraten will. Als er aber jemanden schickte, der für ihn um Djin-gës Hand bitten mußte, stellte sich heraus, daß sie bereits mit dem Sohn des ehemaligen Stadtkommandanten von Tschang-an verlobt ist. Aus Furcht vor diesem wagt die Familie Dschang nicht, die Absprache rückgängig zu machen, und sagte nur, ihre Tochter sei bereits verlobt. Das hat aber den jungen Herrn Li von seinem Vorhaben nicht abzubringen vermocht, und er ist fest entschlossen, Djin-gë zu seiner Frau zu machen. Als nun die Familie Dschang keinen Ausweg wußte und beide Seiten in Verlegenheit waren, hat der ehemalige Stadtkommandant von der Sache erfahren, und ohne viel Federlesens ist er gekommen und hat die Dschangs geschmäht und beschimpft, indem er fragte: ‚Mit wieviel Männern kann denn ein Mädchen verlobt sein?‘ Er hat es ganz entschieden abgelehnt, die Verlobungsgeschenke zurückzunehmen, und hat Anzeige erstattet.de Ohren in sie verliebt hat und sie heiraten will. Als er aber jemanden schickte, der für ihn um Djin-gës Hand bitten mußte, stellte sich heraus, daß sie bereits mit dem Sohn des ehemaligen Stadtkommandanten von Tschang-an verlobt ist. Aus Furcht vor diesem wagt die Familie Dschang nicht, die Absprache rückgängig zu machen, und sagte nur, ihre Tochter sei bereits verlobt. Das hat aber den jungen Herrn Li von seinem Vorhaben nicht abzubringen vermocht, und er ist fest entschlossen, Djin-gë zu seiner Frau zu machen. Als nun die Familie Dschang keinen Ausweg wußte und beide Seiten in Verlegenheit waren, hat der ehemalige Stadtkommandant von der Sache erfahren, und ohne viel Federlesens ist er gekommen und hat die Dschangs geschmäht und beschimpft, indem er fragte: ‚Mit wieviel Männern kann denn ein Mädchen verlobt sein?‘ Er hat es ganz entschieden abgelehnt, die Verlobungsgeschenke zurückzunehmen, und hat Anzeige erstattet. Da ist die Familie Dschang unruhig geworden und hat jetzt Boten in die Hauptstadt geschickt, um hier Protektion zu suchen. Die Verlobung wollen sie auf jeden Fall lösen. Nun habe ich mir gedacht, wo doch Herr Yün, der Garnisons­komman­dant der Präfektur Tschang-an, so eng mit Eurer Familie befreundet ist, könnte man die gnädige Frau bitten, mit dem gnädigen Herrn zu sprechen, damit er einen Brief an Herrn Yün schreibt, er solle einmal mit diesem ehemaligen Stadtkommandanten reden, denn dann würde dieser ganz bestimmt nachgeben. Wenn sich das machen ließe, wäre die Familie Dschang gern bereit, aus Dankbarkeit ihr gesamtes Vermögen zu opfern.“ „An sich wäre das keine Schwierigkeit“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Aber die gnädige Frau befaßt sich mit solchen Dingen nicht mehr.“ „Wenn die gnädige Frau sich nicht damit befaßt, könnt ja Ihr es regeln“, sagte die Äbtissin. „Ich bin auf Silber nicht erpicht“, entgegnete Hsi-fëng lächelnd. „Ich mache so etwas nicht.“ Als die Äbtissin Djing-hsü das hörte, ließ sie von der Sache ab, aber eine Weile später sagte sie seufzend: „Ihr sagt das so, aber den Dschangs ist bekannt, daß ich Euch darum bitten wollte. Und da sie nicht wissen, daß Ihr keine Zeit habt, Euch um die Sache zu kümmern, und daß Ihr auf ihren Dank keinen Wert legt, wird es für sie so aussehen, als ob Eure Familie nicht imstande wäre, so eine Kleinigkeit zu regeln.“ Diese Worte verfehlten nicht ihre Wirkung auf Hsi-fëng, und sie sagte: „Du kennst mich ja lange genug und weißt, daß ich an eine Vergeltung in Jenseits und Hölle nicht glaube. Wenn ich von etwas sage, es geht, dann geht es auch. Also bestell den Leuten, sie sollen mir dreitausend Liang Silber bringen, dann will ich für sie den Ärger aus der Welt schaffen!“

Dschï-nëng. Aus: Gai Qi 1879. Jetzt kannte die Freude der Äbtissin keine Grenze, und rasch sagte sie: „Das ist kein Problem, das Silber haben sie!“ „Aber so eine bin ich nicht, die um des Silbers willen Ränke schmiedet“, sagte Hsi-fëng. „Diese dreitausend Liang sind nur die Auslagen für die Diener, die ich dieser Sache wegen losschicken werde. Schließlich muß ja ihre Mühe belohnt werden. Ich selbst will keine einzige Bronzemünze von den Leuten. Wenn es not tut, kann ich dreißigtausend Liang auf den Tisch legen!“ Hastig stimmte ihr die Äbtissin zu und bat: „Würdet Ihr dann morgen so gütig sein, junge gnädige Frau? Dann wäre die Sache geregelt.“ „Du siehst doch, wie beschäftigt ich bin“, sagte Hsi-fëng. „Nirgends kann man auf mich verzichten. Aber wenn ich es dir versprochen habe, werde ich es auch schnell erledigen.“ „Andere Leute würde so eine Kleinigkeit wer weiß was für Mühe kosten“, fuhr die Äbtissin fort, „für Euch aber könnte noch einiges dazukommen, und es wäre noch immer nicht so viel, daß Ihr Euch anstrengen müßtet. Nur sagt das Sprichwort: ‚Wer viel kann, muß viel tun.‘ Die gnädige Frau sieht, daß Ihr großen und kleinen Aufträgen gewachsen seid, also überträgt sie alles Euch, aber Ihr solltet auch auf Eure werte Gesundheit achten!“ Diese Schmeichelei berührte Hsi-fëng so wohltuend, daß sie ihre Müdigkeit vergaß und sich noch weiter ins Gespräch einließ. Inzwischen aber machte sich Tjin Dschung die Dunkelheit und die Stille zunutze und begab sich auf die Suche nach Dschï-nëng. Er fand sie allein in einem der rückwärtigen Räume, wo sie eben das Teegeschirr abwusch. Tjin Dschung eilte auf sie zu, schloß sie in seine Arme und küßte sie auf den Mund. In ihrer Aufregung stampfte Dschï-nëng mit dem Fuß auf und sagte: „Was soll das? Wenn du das noch einmal machst, schreie ich!“ „Liebste, ich sterbe vor Ungeduld!“ flehte Tjin Dschung. „Wenn du mich heute wieder nicht erhörst, komme ich auf der Stelle um!“ „Wie denkst du dir das?“ sagte Dschï-nëng. „Erst muß ich aus diesem Kerker heraus und von diesen Leuten weg sein, ehe ich dir nachgeben kann.“ „Das ist schön und gut“, wandte Tjin Dschung ein, „aber Wasser in der Ferne kann den Durst in der Nähe nicht löschen!“ Damit blies er die Lampe aus, so daß es stockfinster im Raum wurde, und trug Dschï-nëng auf das Ofenbett, wo er das Wolken-und-Regen-Spiel mit ihr zu spielen begann. Trotz aller Anstrengungen gelang es Dschï-nëng nicht, wieder aufzustehen, und da es schlecht anging zu rufen, konnte sie nichts anderes tun, als ihn gewähren zu lassen. Als sie eben ihre Lust hatten, kam plötzlich jemand zur Tür herein und preßte sie beide auf das Ofenbett nieder, ohne ein Wort dabei zu sagen. Da sie nicht wußten, wer es war, wagten sie sich vor Schreck nicht zu rühren. Aber dann lachte der Eindringling prustend los, und an der Stimme erkannten sie Bau-yü. Rasch erhob sich Tjin Dschung und sagte vorwurfsvoll: „Was soll das?“ Aber lachend sagte Bau-yü: „Wenn du nicht gehorchst, rufe ich!“ Die beschämte Dschï-nëng lief im Schutze der Dunkelheit davon, Bau-yü aber zog Tjin Dschung aus dem Raum und fragte: „Willst du es immer noch abstreiten?“ Lächelnd antwortete Tjin Dschung: „Ich mache alles, was du willst, mein Bester, wenn du nur still bist und niemand davon erfährt.“ „Schon gut!“ sagte Bau-yü. „Nach dem Schlafengehen rechnen wir miteinander ab!“ Bald darauf war es Zeit, sich auszukleiden und ins Bett zu gehen. Hsi-fëng schlief im Innenraum, Tjin Dschung und Bau-yü im Vorzimmer. Überall auf dem Fußboden hatten sich die alten Sklavinnen der Familie Lagerstätten bereitet, um Nachtwache zu halten. Hsi-fëng, die befürchtete, Bau-yüs beseelter Jadestein könnte verlorengehen, schickte jemanden den Stein holen, als Bau-yü sich schlafen gelegt hatte, und schob ihn unter ihr eigenes Kissen. Wie Bau-yü mit Tjin Dschung abgerechnet hat, wissen wir nicht. Niemand hat es gesehen, niemand hat es vermerkt. Es ist ein Fall, der wegen Mangels an Beweisen nicht zu klären ist, und etwas erdichten wollen wir nicht. Weiter ist über diese Nacht nichts zu sagen. Am nächsten Tag kamen früh am Morgen Boten von der Herzoginmutter und Dame Wang, um nach Bau-yü zu sehen und ihm zu bestellen, er solle sich warm anziehen und lieber nach Hause kommen, wenn hier nichts weiter zu tun sei. Aber wie hätte wohl Bau-yü dazu bereit sein sollen! Außerdem drängte ihn auch der verliebte Tjin Dschung, er solle Hsi-fëng bitten, noch einen Tag zu bleiben. „Alle wichtigen Trauerriten sind schon vollzogen, aber einige Kleinigkeiten sind doch noch offen“, überlegte Hsi-fëng. „Die könnte man schon zum Anlaß nehmen, um noch einen Tag zu bleiben. Dann hätte ich Djia Dschëns Wunsch bis ins letzte erfüllt. Zum anderen ließe sich die Sache regeln, um die mich Djing-hsü gebeten hat. Und außerdem kann ich noch Bau-yü einen Gefallen damit tun, und wenn die Herzoginmutter das erfährt, freut sie sich.“ Diese drei Vorteile bewogen Hsi-fëng, zu Bau-yü zu sagen: „Ich habe hier nichts weiter zu tun, aber wenn du noch einen Tag länger bleiben möchtest, muß ich die Mühen wohl auf mich nehmen. Morgen aber müssen wir auf jeden Fall abfahren!“ Als Bau-yü das hörte, nannte er sie tausend und

Tjin Dschung findet im Dampfbrötchenkloster seine Lust. Aus: Jinyu­yuan, 1889a. abertausend Mal ‚liebste Kusine‘ und beteuerte, er wolle ja nur noch diesen einen Tag bleiben, am nächsten Morgen könnten sie in die Stadt zurückkehren. Also verbrachten sie noch eine weitere Nacht im Kloster. Hsi-fëng befahl dann, die Sache, die ihr am Tag zuvor die Äbtissin vorgetragen hatte, in aller Heimlichkeit Lai Wang mitzuteilen. Lai Wang verstand auch, worum es ging, und eilte sofort in die Stadt, wo er dem jungen Mann, der den Schriftwechsel führte, befahl, in Djia Liäns Namen einen Brief aufzusetzen. Dann brach er noch am Abend desselben Tages nach Tschang-an auf, und da die Entfernung nicht mehr als einhundert Li betrug, war schon in zwei Tagen alles erledigt. Yün Guang, der Garnisonskommandant der dortigen Präfektur, der sich schon lange der Freundschaft der Djias erfreute, sah keinen Grund, ihnen die Bitte abzuschlagen. Er schrieb einen Antwortbrief, und Lai Wang machte sich auf den Heimweg. Aber davon soll jetzt nicht weiter die Rede sein. Nachdem Hsi-fëng noch einen Tag im Kloster verbracht hatte, verabschiedete sie sich von der Äbtissin und trug ihr auf, in drei Tagen zu ihr ins Anwesen zu kommen, um sich einen Bescheid zu holen. Tjin Dschung und Dschï-nëng vermochten sich kaum voneinander zu trennen. Heimlich trafen sie mancherlei verstohlene Abrede, die hier nicht wiederholt werden muß, aber dann hieß es, der Not gehorchend, voneinander Abschied nehmen. Hsi-fëng fuhr noch einmal ins Kloster Eiserne Schwelle, um einen letzten Blick auf alles zu werfen. Dort hatte es sich Bau-dschu inzwischen in den Kopf gesetzt, nicht wieder nach Hause zurückzukehren, und so war Djia Dschën gezwungen, ihr Sklavinnen zur Gesellschaft zu schicken. Im weiteren mehr davon!