Hongloumeng/de/Chapter 16
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Kapitel 16
贾元春才选凤藻宫
秦鲸卿夭逝黄泉路
Als Bau-yü sah, daß sein Studierzimmer fertig war, wollte er sich mit Tjin Dschung verabreden, an den Abenden hier zu lernen. Aber Tjin Dschung besaß eine schwächliche Konstitution und hatte sich außerhalb der Stadt ein wenig verkühlt. Und weil er dann noch, anstatt sich zu schonen, immerzu heimlich mit Dschï-nëng zusammen gewesen war, kam er mit Husten und Erkältung zurück, mochte weder essen noch trinken und fühlte sich sehr schwach. Deshalb wagte er sich jetzt nicht aus dem Hause und blieb im Zimmer, um sich zu erholen. Da mußte sich Bau-yü enttäuscht ins Unvermeidliche fügen und warten, bis Tjin Dschung wieder gesund war, um sich dann erst mit ihm zu verabreden. Hsi-fëng hatte mittlerweile den Antwortbrief von Yün Guang bekommen, der besagte, es sei alles geregelt. Die alte Äbtissin teilte es der Familie Dschang mit, und tatsächlich nahm der ehemalige Stadtkommandant die Verlobungsgeschenke mit verhaltenem Zorn zurück. Aber ganz wider Erwarten zeigte es sich, daß die Dschangs, die nur nach Macht und Reichtum strebten, eine pflichtbewußte, gefühlvolle Tochter hatten. Nachdem sie erfahren mußte, ihre Eltern hätten die ursprünglich getroffene Verlobung gelöst, nahm sie einen Strick und erhängte sich damit in aller Stille. Als der Sohn des ehemaligen Stadtkommandanten hörte, Djin-gë habe sich umgebracht, erwies er sich als nicht weniger gefühlvoll und ertränkte sich im Fluß, um hinter der Rechtschaffenheit seiner Verlobten nicht zurückzustehen. Nun waren die Familien Dschang und Li enttäuscht, denn das Mädchen und das Geld waren gleichermaßen verloren. Hsi-fëng aber war, ohne einen Handschlag zu tun, in den Genuß von dreitausend Liang Silber gekommen. Davon erfuhren Dame Wang und die anderen aber kein Sterbenswörtchen, und so wurde Hsi-fëng noch dreister. Wenn in Zukunft etwas Ähnliches auf sie zukam, handelte sie ohne jeden Skrupel. Davon soll aber hier nicht weiter die Rede zu sein. Eines Tages, als Djia Dschëng Geburtstag hatte und alle Angehörigen aus dem Ning-guo- und dem Jung-guo-Anwesen versammelt waren, um mit ihm zu feiern, wobei ein großes Getümmel herrschte, kam plötzlich einer der Torhüter herein, trat an die Tafel und meldete, Herr Hsia, der Obereunuch der Sechs Paläste, sei gekommen, um einen kaiserlichen Befehl zu überbringen. Erschrocken ließ Djia Dschëng, der nicht wußte, was die Nachricht besagen würde, die Theatervorführung abbrechen und die Festtafel wegräumen. Dann wurde der Weihrauchtisch aufgestellt, und die Mitteltür wurde geöffnet. Als sie zum Empfang niedergekniet waren, ritt der Obereunuch Hsia Schou-dschung bereits in den Hof. Vor und hinter ihm, zu seiner Linken und zu seiner Rechten begleitete ihn ein zahlreiches Gefolge aus Eunuchen. Hsia Schou-dschung trug jedoch keinen schriftlichen Erlaß bei sich. Am Dachvorsprung angekommen, saß er ab und stieg zur Halle empor. Dabei strahlte er über das ganze Gesicht. Dann nahm er mit dem Blick nach Süden Aufstellung und sprach: „Auf speziellen Befehl verkünde ich, Djia Dschëng möge sofort zur Audienz erscheinen. Er wird in der Halle der Huldvollen Anerkennung empfangen werden.“ Nach diesen Worten stieg er, ohne auch nur einen Schluck Tee zu trinken, wieder aufs Pferd und ritt davon. Keiner vermochte zu deuten, was das verhieß, und so blieb Djia Dschëng keine andere Wahl, als sich eiligst umzukleiden und sich in den Kaiserpalast zu begeben. Die Herzoginmutter blieb mit der Familie in Furcht und Verwirrung zurück. Immer wieder schickte sie Berittene los, die hin- und herjagten, um die neuesten Nachrichten zu übermitteln. Aber erst nach zwei Doppelstunden stürzte Lai Da mit drei, vier anderen Verwaltern keuchend zum Zeremonialtor herein und meldete: „Frohe Botschaft! Der gnädige Herr hat befohlen, wir sollten rasch die alte gnädige Frau bitten, mit den gnädigen Frauen zusammen zur Audienz zu kommen, um für die kaiserliche Gnade zu danken!“ Die Herzoginmutter hatte bangen Herzens unbeweglich vor der Halle auf der Plattform gestanden. Dame Hsing, Dame Wang, Frau You, Li Wan, Hsi-fëng, Ying-tschun und ihre Kusinen sowie Tante Hsüä waren alle beisammen. Als die Herzoginmutter Lai Das Meldung hörte, befahl sie ihm hereinzukommen und wollte genau von ihm wissen, worum es ging. „Wir mußten draußen vor dem Tor der Huldvollen Anerkennung warten und konnten nicht das Mindeste darüber in Erfahrung bringen, was drinnen geschah“, berichtete Lai Da. „Schließlich kam der Obereunuch Hsia heraus, gratulierte uns und sagte, unser ältestes Fräulein habe den Titel Kanz-
Tjin Dschung. Aus: Gai Qi 1879. lerin des Phönixmusterpalastes bekommen und sei zur kaiserlichen Nebenfrau mit dem Namen Hsiän-dë erhoben worden. Später ist der gnädige Herr herausgekommen und hat uns dasselbe gesagt. Jetzt ist der gnädige Herr noch in den Östlichen Palast gegangen. Er läßt Euch dringend bitten, Euch mit allen anderen zusammen bedanken zu gehen.“ Als die Herzoginmutter und die anderen dies vernahmen, waren sie beruhigt, und die Freude färbte ihre Wangen. Jede von ihnen kleidete und schmückte sich, wie es ihrem Rang entsprach, und dann begab sich die Herzoginmutter mit Dame Hsing, Dame Wang und Frau You zusammen in vier großen Sänften zum Kaiserpalast. Auch Djia Schë und Djia Dschën zogen ihre Audienzgewänder an und begleiteten mit Djia Jung und Djia Tjiang zusammen die Sänfte der Herzoginmutter. Im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen hüpfte hoch und niedrig vor Freude, und jedem leuchtete die Genugtuung aus den Augen. Vor lauter Lachen und Schwatzen brodelte es wie ein siedender Kessel. Inzwischen hatte sich vor ein paar Tagen die Novizin Dschï-nëng aus dem Wassermondkloster weggestohlen und war in die Stadt gekommen, wo sie sich zu Tjin Dschungs Wohnung durchfragte, um ihn zu besuchen. Wider Erwarten war sie dabei von Tjin Yä ertappt worden, der sie fortjagte und Tjin Dschung verprügelte. Die Sache hatte Tjin Yä so sehr in Wut gebracht, daß eine alte Krankheit wieder zum Ausbruch kam, an der er schon wenige Tage später starb. Tjin Dschung, der bei seiner ohnehin schwächlichen Konstitution und trotz seiner Krankheit auch noch eine Tracht Prügel bekommen hatte und dann sehen mußte, wie sein alter Vater vor Zorn über ihn starb, fand jetzt in seiner Reue und seinem Schmerz keine Grenzen, was seinen Zustand beträchtlich verschlimmerte. Darüber war Bau-yü so verstört, als sei ihm etwas anhanden gekommen. Auch die Nachricht von Yüan-tschuns Ernennung konnte seinen Kummer nicht lindern. Mochte die Herzoginmutter sich mit den anderen Frauen bedanken gehen, mochten sie zurückkommen, mochten die Verwandten und Freunde gratulieren kommen, mochten im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen Jubel und Trubel herrschen, und mochten alle glücklich und zufrieden sein, für Bau-yü schien es das alles nicht zu geben, er schenkte alledem nicht die geringste Beachtung. So sagte man von ihm spöttisch, er werde nur immer stumpfsinniger. Glücklicherweise kamen Djia Liän und Dai-yü zurück und schickten jemanden mit der Meldung voraus, sie würden am nächsten Tag zu Hause sein. Diese Nachricht heiterte Bau-yü ein wenig auf. Als er sich näher erkundigte, erfuhr er, auch Djia Yü-tsun komme in die Hauptstadt, der Kaiser wolle ihm eine Audienz gewähren. Das habe Wang Dsï-tëng durch mehrere Throneingaben bewirkt, in denen er sich für Djia Yü-tsun verwendete, und dieser reise jetzt an, um zu warten, daß in der Hauptstadt ein Posten für ihn frei werde. Als entfernter Vetter von Djia Liän und ehemaliger Lehrer von Dai-yü reise er mit ihnen zusammen. Lin Ju-hai aber sei bereits im Grab seiner Ahnen beigesetzt worden. Und nur weil jetzt alles wohl bestellt sei, kehre Djia Liän in die Hauptstadt zurück. Eigentlich habe er erst im folgenden Monat zurück sein wollen, aber seitdem er die Freudenmeldung von Yüan-tschuns Ernennung erhalten habe, sei er Tag und Nacht ohne Aufenthalt unterwegs, und alle seien wohlauf. Bau-yü interessierte davon nur, daß Dai-yü wohlauf war, für den Rest hatte er keinen Sinn. Nur mit Mühe geduldete er sich bis zum nächsten Tag, als nach der Mittagsstunde tatsächlich gemeldet wurde: „Der junge Herr Liän und Fräulein Lin sind im Anwesen eingetroffen.“ Als Bau-yü und Dai-yü sich wiedersahen, mischte sich Kummer mit Freude, und so war es kein Wunder, daß manche Träne floß. Dann aber sprach Dai-yü ihre Glückwünsche aus. Bau-yü musterte Dai-yü still für sich und fand sie gereift und noch erhabener als zuvor. Dai-yü hatte viele Bücher mitgebracht. Jetzt ließ sie eilig ihr Schlafgemach fegen und brachte ihre Sachen dort unter. Dann beschenkte sie Bau-tschai, Ying-tschun und Bau-yü mit Schreibpinseln, Papier und ähnlichen Mitbringseln. Daraufhin holte Bau-yü feierlich die Gebetsschnur aus Bachstelzenholzperlen, die ihm der Prinz Bee-djing geschenkt hatte, und schenkte sie seinerseits Dai-yü. Dai-yü aber sagte: „Was ein stinkiger Mann in der Hand gehabt hat, mag ich nicht!“ Damit warf sie die Gebetsschnur hin, und Bau-yü blieb nichts weiter übrig, als sie wieder zurückzunehmen. Weiter soll davon einstweilen nicht die Rede sein. Nachdem Djia Liän nach seiner Ankunft sämtliche Angehörigen begrüßt hatte, kehrte er in seine eigenen Räume zurück. Hier mußte sich Hsi-fëng, die in den letzten Tagen so viel zu tun hatte, daß sie kaum einen freien Augenblick fand, die Zeit nehmen, ihn zu begrüßen. Da sonst niemand im Zimmer war, sagte sie lächelnd: „Meinen Glückwunsch, Herr kaiserlicher Schwager! Der Herr kaiserliche Schwager haben eine anstrengende Reise hinter sich! Als ich Unwürdige gestern durch die Meldereiter erfuhr, Euer erhabener Wagen werde heute zurück sein, habe ich eine Schale wäßrigen Wein bereitgestellt, mit dem Ihr den Staub des Weges herunterspülen könnt. Wollt Ihr mir die Ehre erweisen, ihn anzunehmen?“ „Wie dürfte ich es wagen! Vielen Dank, vielen Dank!“ sagte Djia Liän, der lächelnd auf den Scherz einging. Jetzt begrüßte ihn Ping-örl zusammen mit den anderen Sklavenmädchen, dann wurde der Tee serviert. Als Djia Liän fragte, was sich seit seiner Abreise zu Hause getan habe, und sich bei Hsi-fëng für die Mühe bedankte, die sie auf die Haushaltsführung verwandt hatte, sagte Hsi-fëng: „Als ob ich diesen Dingen gewachsen wäre! Meine Kenntnisse sind gering, meine Ausdrucksweise ist plump, und mein Sinn ist gerade und offen. Naiv, wie ich bin, lasse ich mir weismachen, ein Knüppel sei eine Nadel. Außerdem bin ich zu weichherzig. Sagt mir jemand auch nur zwei nette Sätze, dann kann ich nicht widerstehen und bekomme Mitleid. Außerdem hatte ich noch nie ein großes Ereignis erlebt und bin auch zaghaft. Wenn der gnädigen Frau etwas nicht recht ist, bekomme ich gleich so einen Schreck, daß ich nachts nicht schlafen kann. Ein paarmal bat ich sie flehentlich, mir diese Pflichten abzunehmen, aber die gnädige Frau hat es nicht zugegeben. Im Gegenteil, sie hat noch gesagt, ich wolle es mir bequem machen, anstatt etwas zu lernen. Sie ahnt ja nicht, daß ich Blut und Wasser schwitze, um nur nicht ein Wort zuviel zu sagen oder einen falschen Schritt zu tun. Du weißt ja selbst, wie schwer mit unsern verantwortlichen Sklavenfrauen auszukommen ist. Beim kleinsten Fehler, den man macht, lachen sie einen aus. Bei der geringsten Bevorzugung, die man zeigt, beklagen sie sich, indem sie über den Schnurbaum schimpfen und dabei auf den Maulbeerbaum weisen. Vom Berg aus den kämpfenden Tigern zuzusehen, jemanden mit fremder Hand zu töten, den Wind ins lodernde Feuer zu leiten, stets am trockenen Ufer zu bleiben, den stürzenden Ölkrug nicht festzuhalten – das sind die Kriegslisten, die sie beherrschen. Überdies bin ich zu jung und stehe nicht richtig über ihnen. Kein Wunder also, daß sie mich nicht ernst nehmen. Noch lächerlicher wurde es, als drüben im Ning-guo-Anwesen plötzlich Jungs Frau starb und dein Vetter Dschën die gnädige Frau gleich ein paarmal auf Knien bat, sie möge mich dort für ein paar Tage aushelfen lassen. Ich habe das immer wieder abgelehnt, aber davon wollte die gnädige Frau nichts wissen, also mußte ich gehorchen. So habe ich dort in meiner üblichen Art alles auf den Kopf gestellt und ein heilloses Durcheinander angerichtet. Dein Vetter Dschën grollt noch immer deswegen und bereut es, mich darum gebeten zu haben. Jetzt, da du wieder da bist, mußt du unbedingt alles erklären und wiedergutmachen, wenn du ihn morgen siehst. Sag ihm, ich sei jung und unerfahren, und du verstündest nicht, was ihn auf den Gedanken gebracht hat, so eine falsche Wahl zu treffen...“ Als sie das eben sagte, waren im Vorzimmer Stimmen zu hören, und Hsi-fëng fragte, wer da sei. Ping-örl kam herein und berichtete: „Die gnädige Frau Tante hat Schwester Hsiang-ling hergeschickt, um mich etwas zu fragen. Ich habe es ihr gesagt und sie zurückgeschickt.“ „Ach ja“, sagte Djia Liän lächelnd, „als ich vorhin bei der Tante war, stieß ich versehentlich auf eine blutjunge Frau, die sehr hübsch aussah, und sagte mir, sie könne nicht zur Familie gehören. Im Laufe des Gesprächs fragte ich die Tante nach ihr, und es stellte sich heraus, daß es jenes Sklavenmädchen mit Namen Hsiang-ling war, das sie gekauft hatten, ehe sie in die Hauptstadt kamen. Der Hsüä, dieser Trottel, hat sie endlich zu seiner Beischläferin gemacht, und seitdem sie sich das Gesicht zupft und bemalt, ist sie richtig aufgeblüht. Aber durch den Trottel Hsüä wird sie einfach besudelt.“ „Schau an“, sagte Hsi-fëng, „da kommst du gerade aus Su-dschou und Hang-dschou zurück und hast etwas gesehen von der Welt, aber deine Gier ist immer noch nicht gestillt. Wenn du sie magst, ist doch das nicht weiter schwer. Ich tausche sie einfach gegen Ping-örl ein. Wie wäre das? Der junge Hsüä ist doch auch so ein Gierschlund, der schon nach den Töpfen schielt, während er noch aus der Schale ißt. Wie oft hat er im letzten Jahr der Tante in den Ohren gelegen, um endlich mit Hsiang-ling freie Hand zu bekommen! Daß die Tante sah, wie schön Hsiang-ling ist, war noch das Wenigste. Viel wichtiger war, daß sie sich nach Art und Verhalten von den anderen Mädchen unterscheidet. Sie ist so sanft und friedfertig, daß ihr die meisten Mädchen aus herrschaftlichen Familien kaum gleichkommen. Deshalb hat sich die Tante auch die Mühe gemacht, Gäste zum Wein einzuladen, damit er das Mädchen in aller Form zu seiner Nebenfrau macht, aber kaum daß ein halber Monat vergangen war, dünkte sie ihm nicht mehr besser als Stallgeruch. Das Mitleid kann einen packen, wenn man nur davon spricht!“ Während sie das eben sagte, kam ein Sklavenjunge vom Innentor mit der Meldung: „Der alte gnädige Herr erwartet den jungen Herrn in der großen Bibliothek!“ Als Djia Liän das hörte, ordnete er schnell seine Kleider und ging hinaus. Hier aber erkundigte sich Hsi-fëng bei Ping-örl: „Was war es denn, was die Tante eben wollte, daß sie extra Hsiang-ling hierher geschickt hat?“ „Es war gar nicht Hsiang-ling“, gab Ping-örl lächelnd zur Antwort: „Ihr Name mußte nur für eine Notlüge herhalten. Lai Wangs Frau hat wohl auch immer weniger Verstand im Kopf.“ Damit trat sie näher an Hsi-fëng heran und fuhr leise fort: „Erst konnte und konnte sie Euch die Zinsen nicht bezahlen, und ausgerechnet jetzt, wo der junge Herr zu Hause ist, mußte sie nun das Silber bringen. Ein Glück noch, daß ich sie draußen in der Halle getroffen habe, sonst wäre sie hereingekommen und hätte es Euch gebracht. Wenn Euch der junge Herr gefragt hätte, was das für Zinsen sind, hättet Ihr ihn natürlich nicht anschwindeln wollen, und so hättet Ihr ihm wohl oder übel die Wahrheit sagen müssen. Aber wenn einer wie er, der fähig ist, in einen Kessel mit siedendem Öl zu greifen, um eine Münze herauszufischen, die er ausgeben kann, gehört hätte, daß Ihr eigenes Geld besitzt, würde er es doch seelenruhig verbrauchen, oder nicht? Darum habe ich sie rasch hinübergeführt und habe ihr ein paar passende Worte gesagt. Ich ahnte ja nicht, daß Ihr das hören mußtet. Als Ihr mich dann fragtet, habe ich geflunkert, es sei Hsiang-ling gewesen.“ „Und ich habe mich gewundert, wie die Tante plötzlich ‚eine aus den inneren Gemächern‘ schicken kann, da sie doch weiß, dass der junge Herr zu Hause ist“, erwiderte Hsi-fëng, „dabei war das nur ein Trick von dir kleinem Spitzbein!“ Bei diesen Worten trat Djia Liän wieder ins Zimmer, und Hsi-fëng befahl, den Wein und die Speisen aufzutragen. Dann nahmen die Gatten einander gegenüber Platz. Obwohl Hsi-fëng durchaus einen Schluck vertragen konnte, wagte sie doch nicht, diesem Drang freien Lauf zu lassen, und trank nur zu Djia Liäns Gesellschaft mit. Bald darauf kam Djia Liäns Amme Dschau herein. Djia Liän und Hsi-fëng luden sie sofort zum Mittrinken ein und baten sie, sich zu ihnen aufs Ofenbett zu setzen. Amme Dschau aber weigerte sich beharrlich, und schon stellten Ping-örl und die anderen einen Hocker und eine kleine Fußbank vor das Ofenbett. Amme Dschau nahm auf der Fußbank Platz, und Djia Liän suchte von dem Tischchen auf dem Ofenbett zwei Teller mit Zuspeisen aus, die er für Amme Dschau auf den Hocker stellte. Aber Hsi-fëng sagte: „Das kann ja Mutter nicht kauen! Willst du ihr denn die Zähne kaputt machen?“ Dann fuhr sie, zu Ping-örl gewandt, fort: „Das gedünstete Eisbein mit Schinken, von dem wir heute morgen gesprochen haben, ist doch ganz zart. Das ist gerade das Richtige! Warum hast du es noch nicht warm machen lassen?“ Und schließlich forderte sie Amme Dschau auf: „Koste mal von dem Huee-Quellen-Wein , den dein Junge mitgebracht hat!“ „Das werde ich!“ antwortete Amme Dschau. „Ihr müßt aber auch eine Schale trinken, junge Frau! Wovor habt Ihr Angst? Man darf nur nicht zu viel trinken. Aber nicht zum Weintrinken bin ich gekommen, sondern wegen einer wichtigen Sache, die ich Euch ans Herz legen möchte, damit Ihr Euch meiner erbarmt. Denn der junge Herr kann immer nur schöne Worte machen, und wenn es drauf ankommt, vergißt er uns. – Mit meiner Milch habe ich dich großgezogen. Jetzt bin ich alt und habe nichts als meine beiden Söhne. Niemand würde dir einen Vorwurf machen, wenn du sie ein wenig bevorzugen würdest. Wie oft habe ich dich darum gebeten, und du hast mir die schönsten Versprechungen gemacht, aber versprechen kann man viel. – Wenn jetzt dieses große Ereignis vom Himmel fällt, werden doch sicher Leute gebraucht. Und deshalb wollte ich mit Euch sprechen, junge Frau. Denn wenn ich mich auf den jungen Herrn verlasse, werde ich noch verhungern.“ „Sei unbesorgt, Mutter, und überlaß seine beiden Milchbrüder nur mir!“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Weißt du immer noch nicht, wie dein Junge ist, den du mit deiner Milch großgezogen hast? Er wirft sich an Fremde weg, die ihn nichts angehen. – Sind denn die eigenen Milchbrüder nicht besser als alle andern Leute? Wer würde etwas dagegen haben, wenn du dich ihrer erbarmst und dich um sie kümmerst? Räum doch nicht Fremden für nichts und wieder nichts Vorteile ein! – Ach nein, das stimmt ja nicht! Dir sind ja die Fremden die Liebsten!“ Alle brachen darüber in Gelächter aus, und Amme Dschau konnte kaum wieder aufhören damit. Dann rief sie den Namen Buddhas an und sagte: „So kommt die Wahrheit ans Tageslicht! Aber den dummen Unterschied zwischen Eigenen und Fremden macht unser junger Herr nicht. Es ist nur, daß er so ein gütiges Herz hat und nicht widerstehen kann, wenn man ihn bittet.“ „Ja, aber gütig ist er nur, wenn es um eine Liebste geht“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Zu dir und zu mir ist er hart.“ „Ihr habt so recht von Herzensgrund Eure Meinung gesagt, und ich bin so fröhlich, daß ich noch einen Becher von dem guten Wein trinke“, sagte Amme Dschau und lächelte ebenfalls dabei. „Nachdem jetzt Ihr die Sache in die Hand genommen habt, brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen.“ Djia Liän, dem das alles sehr peinlich war, lächelte nur verlegen und trank seinen Wein. Er wußte nicht mehr dazu zu sagen als „Unsinn!“ Dann aber fiel ihm ein: „Bringt schnell den Reis! Ich will eine Schale davon essen und dann zu Herrn Dschën gehen, um etwas mit ihm zu besprechen.“ „Ach ja“, sagte Hsi-fëng, „daß du nicht die Hauptsache vergißt! Was hat denn der alte gnädige Herr vorhin von dir gewollt?“ „Um den Besuch ging es natürlich“, antwortete Djia Liän. „Also ist er wohl genehmigt?“ fragte Hsi-fëng begierig. „Zwar noch nicht ganz, aber doch zu acht Zehnteln“, erwiderte Djia Liän und lächelte. „Da sieht man, wie groß die Gnade unseres Kaisers ist“, sagte Hsi-fëng strahlend. „Nach dem, was ich aus Geschichten und Theaterstücken weiß, hat es so etwas in der alten Zeit nie gegeben.“ „Ja, richtig!“ schaltete Amme Dschau sich ein, „ich werde schon wirklich dumm. In den letzten Tagen habe ich hoch und niedrig davon sprechen hören, ob es den Besuch geben wird oder nicht, aber ich habe niemand danach gefragt. Jetzt ist wieder die Rede von diesem Besuch. Was hat es eigentlich damit auf sich?“ „Unser regierender Kaiser teilt die Gefühle der Menschen“, erklärte Djia Liän, „und nichts Höheres gibt es auf der Welt als kindliche Ehrerbietung, die Gefühle aber zwischen Eltern und Kindern unterscheiden sich wohl nicht bei Vornehmen und Geringen. Der Herrscher selbst ist Tag und Nacht um das Wohl seiner kaiserlichen Eltern besorgt, aber damit ist sein Gefühl kindlicher Ehrerbietung noch nicht erschöpft. Er hat bedacht, daß seine Nebenfrauen und Beischläferinnen, die schon jahrelang im Palast leben und seitdem ihre Eltern weder sehen noch hören konnten, Sehnsucht nach ihnen empfinden müssen, was ja nur natürlich ist, und daß andererseits auch die Eltern sich nach ihren Kindern sehnen, ohne sie jemals sehen zu dürfen, und daß sie schließlich auch, weil sie auf Grund der kaiserlichen Einschränkungen nicht den Wünschen nachgehen können, die den natürlichen Grundbeziehungen entspringen, krank werden oder gar sterben könnten, was eine schwere Verletzung der natürlichen Harmonie bedeuten würde. Deshalb hat er eine Eingabe an seine kaiserlichen Eltern gerichtet, in der er sie bat, den Angehörigen seiner Frauen zu gestatten, am zwölften jedes Monats in den Palast kommen dürfen, um ihren Gruß zu entrichten und einen Besuch zu machen. Darüber waren die kaiserlichen Eltern sehr erfreut, und sie haben den Kaiser wärmstens gelobt, weil er von höchster kindlicher Ehrerbietung und reinster Menschenliebe sei und den Willen des Himmels sowie die Natur der Dinge erfasse. Dann ließen die kaiserlichen Eltern einen Befehl ergehen, in dem es heißt, daß – kämen die Angehörigen der Frauen des Kaisers in den Palast – auf Staatsetikette und Zeremonialsystem nicht verzichtet werden könnte, was nicht geeignet sei, die Sehnsucht von Müttern und Töchtern zu stillen. Deshalb werde ihnen eine besondere Gnade gewährt und verfügt, daß sie sich nicht nur der Gunst erfreuen dürften, am zwölften jedes Monats in den Palast zu kommen, sondern daß diejenigen unter ihnen, die über gesonderte Gebäude und Höfe verfügten, wo eine kaiserliche Frau absteigen könne und geschützt sei, sogar die Bitte äußern dürften, den Besuch in ihrem Privatanwesen erfolgen zu lassen. So könnten dann wohl auch die vertrauten Gefühle zwischen Eltern und Kindern zu ihrem Recht kommen, jene höchste Form der natürlichen Grundbeziehungen. Kaum war diese Anordnung ergangen, gab es niemanden, der nicht froh und bewegt gewesen wäre. Der Vater der kaiserlichen Nebenfrau Dschou hat auf seinem Anwesen bereits begonnen, einen gesonderten Hof für einen Besuch bauen zu lassen. Und Wu Tiän-you, der Vater der kaiserlichen Nebenfrau Wu, ist vor der Stadt gewesen, um dort einen Baugrund zu besichtigen. Heißt das nicht, daß die Sache schon zu neun Zehnteln feststeht?“ „Buddha Amitabha!“ sagte Amme Dschau, „so ist das also! Dann werden wir wohl auch Vorbereitungen treffen, um unser ältestes Fräulein zu empfangen?“ „Das versteht sich!“ erwiderte Djia Liän. „Wozu sonst die ganze Aufregung?“ „Wenn es wirklich wahr wird, bekomme ich doch auch ein Stück von der großen Welt zu sehen“, sagte Hsi-fëng. „Es ist zu dumm, daß ich so jung bin. Wäre ich nur zwanzig, dreißig Jahre früher auf die Welt gekommen, dann könnten die alten Leute nicht geringschätzig auf mich herabsehen, weil ich nichts erlebt habe. Wenn davon die Rede ist, wie damals der Begründer der Dynastie nach dem Vorbild des Kaisers Schun seine Inspektionsreisen machte, ist das spannender als ein Buch. Leider war es mir nicht vergönnt, dies mitzuerleben!“ „Ach ja!“ sagte Amme Dschau. „So etwas gibt es nur einmal in tausend Jahren. Damals war ich gerade in dem Alter, wo einem die Dinge im Gedächtnis zu haften beginnen. Die Djias lebten seinerzeit in der Gegend von Gu-su und Yang-dschou und hatten die Aufsicht über den Bau von Seeschiffen und die Instandhaltung der Meeresdeiche. Um nur ein einziges Mal den Kaiser zu empfangen, wurde das Silber so achtlos verbraucht, als ob es nur Meerwasser gewesen wäre, das man verschüttet, und...“ „Auch unser Anwesen wurde einmal dafür hergerichtet“, unterbrach Hsi-fëng sie ungeduldig. „Damals hatte mein Großvater den Empfang von Tributgaben und Hofgeschenken aus allen Ländern unter sich. Immer, wenn Ausländer kamen, wohnten sie bei uns, und wir besaßen alle Waren, die auf den Seeschiffen nach Yüä, Min, Diän und Dschë gebracht wurden.“ „Das weiß doch ein jeder“, sagte Amme Dschau. „Noch heute kennt man den Spruch ‚Fehlt im Ostmeer aus weißem Jade ein Bett, fragt der Drachenkönig in Djiang-nan die Wangs danach.‘ Damit ist Eure Familie gemeint, junge Frau! Dann gibt es auch noch die Dschëns, die bis heute in Djiang-nan wohnen. Du meine Güte, wie mächtig die sind! Sie allein haben den Kaiser vier Mal bei sich empfangen. Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde es einem keiner glauben. Ganz zu schweigen davon, daß ihnen Silber nicht mehr galt als Schlamm, gibt es nichts auf der Welt, was sich dort nicht zu Bergen häufte oder zu Meeren staute! Die Ausdrücke ‚Tut mir leid!‘ und ‚Bedaure!‘ gab es dort nicht.“ „Die alten gnädigen Herren haben oft dasselbe erzählt“, sagte Hsi-fëng. „Warum also sollte man es nicht glauben? Ich möchte bloß wissen, wie die Familie so reich sein kann.“ „Das will ich Euch sagen, junge Frau!“ erwiderte Amme Dschau. „Sie haben doch nur für den Kaiser ausgegeben, was dem Kaiser gehört. Wer sonst hätte das Geld, um so einen nichtigen Trubel zu bezahlen?“ Während sie sich noch angeregt unterhielten, kam eine Botin von Dame Wang, um nachzusehen, ob Hsi-fëng mit dem Essen fertig war oder nicht. Daraus schloß Hsi-fëng, daß es etwas für sie zu tun gab, deshalb aß sie schnell eine halbe Schale Reis, spülte sich den Mund und wollte eben gehen, als wieder ein Sklavenjunge vom Innentor kam, um zu melden: „Die beiden jungen Herren Jung und Tjiang aus dem Ostanwesen sind da.“ Auch Djia Liän hatte sich gerade den Mund gespült und wusch sich nun die Hände in einer Schüssel, die Ping-örl ihm hinhielt, als er die beiden hereinkommen sah. „Was gibt‘s?“ fragte er. „Sagt es nur rasch!“ Und Hsi-fëng blieb stehen, um zu hören, was die beiden zu berichten hatten. Djia Jung nahm als erster das Wort. „Mein Vater schickt mich, um dem Onkel zu melden, die alten gnädigen Herren hätten bereits beschlossen, das Gelände im Osten unter Einschluß des Gartens des Ostanwesens zu nehmen und von dort nach Norden zu gehen“, sagte er. „Es seien insgesamt dreieinhalb Li, und das reiche aus, um einen gesonderten Hof für den Besuch zu erbauen. Sie hätten bereits jemanden beauftragt, eine Zeichnung zu machen, die morgen fertig werde. Der Onkel sei gerade erst von der Reise zurück und deshalb müde, darum brauche er nicht herüberzukommen. Wenn es etwas zu sagen gebe, möge er morgen früh kommen, um es von Angesicht zu Angesicht zu besprechen.“ „Ich lasse dem gnädigen Herrn für seine Rücksichtnahme vielmals danken“, erwiderte Djia Liän rasch mit einem Lächeln. „Ich komme dann heute nicht mehr hinüber. Der Plan aber ist wirklich günstig, und der Bau so leicht auszuführen. Wollte man ein anderes Gelände suchen, würde alles viel umständlicher werden, ohne daß etwas Ordentliches dabei herauskäme. Sag dem gnädigen Herrn, es sei sehr gut so, und wenn die alten gnädigen Herren es noch einmal ändern wollten, verließe ich mich ganz darauf, daß er sie davon abbringen werde. Es dürfe auf keinen Fall ein anderes Gelände dafür ausgesucht werden. Morgen käme ich in aller Frühe, um ihm meinen Gruß zu entbieten, und dann könnten wir alles genau besprechen.“ Hastig anwortete Djia Jung mehrere Male hintereinander: „Jawohl!“ Nun trat Djia Tjiang vor und sagte: „Mich schickt der gnädige Herr nach Gu-su, um Theaterlehrer zu engagieren, Mädchen zu kaufen sowie Musikinstrumente, Kostüme und Requisiten anzuschaffen. Ich soll die beiden Söhne des Verwalters Lai Schëng mitnehmen, und zwei Schützlinge des alten gnädigen Herrn, die jungen Herren Schan Pin-jën und Bu Gu-hsiu, fahren auch mit. Das sollte ich Euch sagen.“ Als Djia Liän das gehört hatte, musterte er Djia Tjiang kritisch, dann fragte er: „Verstehst du dich denn darauf? So großartig ist die Sache zwar nicht, aber es sind doch eine Menge Kniffe dabei.“ „Die muß ich dann dabei lernen!“ gab Djia Tjiang lächelnd zur Antwort. Im Schatten zupfte Djia Jung heimlich am Saum von Hsi-fëngs Gewand, und Hsi-fëng, die verstand, was er wollte, sagte lächelnd: „Du machst dir zu viele Gedanken! Versteht sich dein Vetter nicht besser als wir darauf, die Leute einzusetzen? Du fürchtest natürlich, Tjiang verstünde nichts von der Sache, aber versteht sich nicht schließlich jeder darauf? So groß, wie die Kinder sind, werden sie doch, wie man so sagt, wissen, wie ein Schwein aussieht, auch wenn sie noch kein Schweinefleisch gegessen haben. Dein Vetter schickt ihn doch nur mit, damit er den Oberbefehl hat, und nicht, damit er über die Preise verhandelt und etwas vom Geschäft versteht. Ich finde, er ist bestens geeignet.“ „Natürlich!“ stimmte Djia Liän zu. „Das will ich ja gar nicht bestreiten, aber trotzdem kann ich mir doch Gedanken darum machen. – Woher soll denn das Silber genommen werden, das dafür gebraucht wird?“ „Darüber ist auch gesprochen worden“, gab Djia Tjiang Auskunft. „Opa Lai meinte, wir brauchten es nicht aus der Hauptstadt mitzunehmen. Die Dschëns in Djiang-nan haben noch fünfzigtausend Liang Silber von uns, da werden morgen ein Brief und eine Zahlungsanweisung geschrieben, die wir mitnehmen, und darauf lassen wir uns zunächst dreißigtausend Liang geben. Die restlichen zwanzigtausend bleiben noch da und werden dann zum Kauf von Zierkerzen, bunten Laternen sowie von Matten und Vorhängen aller Art verwendet.“ „Ein guter Gedanke“, sagte Djia Liän und nickte mit dem Kopf. „Wenn das so ist“, sagte Hsi-fëng, „habe ich zwei passende Leute zur Hand, die sich darauf verstehen. Nimm sie mit, damit sie das erledigen, und du hast es bequemer dadurch!“ „Eben wollte ich Euch um zwei Leute bitten, Tante“, sagte Djia Liän rasch und lächelte dazu.. – Woher soll denn das Silber genommen werden, das dafür gebraucht wird?“ „Darüber ist auch gesprochen worden“, gab Djia Tjiang Auskunft. „Opa Lai meinte, wir brauchten es nicht aus der Hauptstadt mitzunehmen. Die Dschëns in Djiang-nan haben noch fünfzigtausend Liang Silber von uns, da werden morgen ein Brief und eine Zahlungsanweisung geschrieben, die wir mitnehmen, und darauf lassen wir uns zunächst dreißigtausend Liang geben. Die restlichen zwanzigtausend bleiben noch da und werden dann zum Kauf von Zierkerzen, bunten Laternen sowie von Matten und Vorhängen aller Art verwendet.“ „Ein guter Gedanke“, sagte Djia Liän und nickte mit dem Kopf. „Wenn das so ist“, sagte Hsi-fëng, „habe ich zwei passende Leute zur Hand, die sich darauf verstehen. Nimm sie mit, damit sie das erledigen, und du hast es bequemer dadurch!“ „Eben wollte ich Euch um zwei Leute bitten, Tante“, sagte Djia Liän rasch und lächelte dazu. „Wie gut sich das trifft!“ Dann fragte er nach den Namen der beiden. Hsi-fëng fragte ihrerseits Amme Dschau danach, aber die war vom Zuhören so benommen, daß Ping-örl sie erst lachend anstoßen mußte, ehe sie wieder zu sich kam und rasch sagte: „Der eine heißt Dschau Tiän-liang, der andere Dschau Tiän-dung.“ „Denk daran!“ mahnte Hsi-fëng. Dann sagte sie: „Ich habe noch zu tun“, und ging hinaus. Djia Jung folgte ihr rasch nach und sagte draußen leise zu ihr: „Wenn Ihr etwas haben wollt, Tante, schreibt eine Liste, und ich gebe sie Vetter Tjiang, damit er alles mitbringt!“ „Red keinen Unsinn!“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Ich habe so viel Zeug, daß ich nicht weiß, wohin damit. Da werde ich mir gerade aus dem etwas machen, was ihr mir heimlich anschleppt!“ Und damit ließ sie ihn stehen. Drinnen aber erkundigte sich auch Djia Tjiang leise bei Djia Liän, was er ihm mitbringen dürfe, um seine Verehrung zu bekunden. „Nicht so stürmisch!“ erwiderte Djia Liän lächelnd darauf. „Du sollst gerade erst lernen, selbständig etwas zu erledigen, und das erste, was du lernst, ist dieser faule Zauber. Wenn ich etwas brauchen sollte, werde ich dir einen Brief schreiben. Vorläufig ist es noch nicht soweit.“ Als er ausgesprochen hatte, schickte er die beiden nach Hause. Anschließend kamen Leute, um ihm Bericht zu erstatten, und es waren nicht nur drei oder vier. Djia Liän war schließlich so erschöpft, daß er am Innentor Bescheid sagen ließ, man möge ihm niemanden mehr melden, alles habe Zeit bis morgen. Hsi-fëng aber kam erst während der dritten Nachtwache zurück und legte sich schlafen. Weiter ist von dieser Nacht nichts zu berichten. Als Djia Liän am nächsten Morgen aufgestanden war und Djia Schë und Djia Dschëng seinen Gruß entboten hatte, begab er sich ins Ning-guo-Anwesen. Zusammen mit den alten Verwaltern und einigen Schützlingen aus befreundeten Familien und anderen jungen Männern nahm er das Gelände beider Anwesen sorgfältig in Augenschein. Dann entwarfen sie Zeichnungen von den zu errichtenden Gebäuden und prüften, wie viele Leute für die Arbeiten gebraucht wurden. Bald darauf rückten die verschiedensten Handwerker an. Gold und Silber, Kupfer und Zinn, Holz und Erde, Mauersteine und Dachziegel wurden geschäftig hierher und dorthin getragen. Zuerst erhielten die Handwerker den Auftrag, die Mauern und Bauten des Gartens der Gesammelten Düfte im Ning-guo-Anwesen abzureißen und eine direkte Verbindung mit dem großen Hof im Ostteil des Jung-guo-Anwesens herzustellen. Alle Gesindehäuser östlich vom Jung-guo-Anwesen wurden abgerissen. Ursprünglich waren die beiden Anwesen durch eine kleine Gasse voneinander geschieden, auf die kein Tor hinausführte. Aber da auch diese Gasse Privatbesitz war und kein öffentlicher Weg, konnte sie ebenfalls mit einbezogen werden. Ein Wasserlauf, der an der Nordseite des Gartens der Gesammelten Düfte unter der Mauer hindurch auf das Gelände führte, konnte jetzt ohne Mühe verlängert werden. Die vorhandenen Felsen und Bäume reichten zwar nicht aus, aber der Hof, den Djia Schë bewohnte, war ja ehemals der Garten des Jung-guo-Anwesens gewesen, und so konnte man Bambus und Bäume, Pavillons und Geländer von dorther umsetzen. Da beide Stellen dicht beieinander lagen, wurde durch ihre Vereinigung viel Geld gespart, und selbst dann, wenn etwas Fehlendes zu ergänzen war, hielt sich das doch immer in Grenzen. Mit dem Ganzen konnte man sich auf einen erfahrenen Meister stützen, der sich ‚Grober Kerl der künstlichen Berge‘ nannte und alles entwarf und gestaltete. Djia Dschëng, der die Beschäftigung mit profanen Dingen nicht gewöhnt war, verließ sich ganz darauf, daß Djia Schë, Djia Dschën, Djia Liän, Lai Da, Lai Schëng, Lin Dschï-hsiau, Wu Hsin-dëng, Dschan Guang, Tschëng Jï-hsing und noch ein paar andere sich darum kümmerten. Wo ein Berg aufgehäuft werden sollte und wo ein Teich ausgehoben werden mußte, wo Häuser und Hallen zu errichten waren, wohin Bambus und wohin Blumen gehörten, wie jede Szenerie zu gestalten war, das bestimmte ohnehin der Grobe Kerl der künstlichen Berge. Wenn Djia Dschëng von der Hofaudienz zurückkam und Muße hatte, ging er sich wohl einzelne Stellen einmal ansehen und besprach das Allernotwendigste mit Djia Schë und den anderen, aber das war auch alles. Djia Schë verbrachte seine Tage müßig zu Hause. Über jede Kleinigkeit wurde ihm von Djia Dschën oder jemand anders mündlich berichtet, wenn er nicht eine schriftliche Notiz darüber erhielt. Hatte er seinerseits etwas mizuteilen, ließ er Djia Liän oder Lai Da zum Befehlsempfang holen. Djia Jung überwachte allein die Anfertigung der Gold- und Silbergefäße. Djia Tjiang war bereits nach Gu-su abgereist. Djia Dschën und Lai Da schließlich waren für die Aufsicht über die Leute, für die Buchführung, für die Kontrolle der Bauarbeiten und anderes mehr verantwortlich. Alles kann man nicht gut beschreiben. Ein außerordentlich lebhaftes Treiben war es auf jeden Fall. Mehr soll jedoch davon einstweilen nicht die Rede sein, vielmehr wollen wir von Bau-yü erzählen. Ihm war es sehr angenehm, daß all die großartigen Dinge, die sich jetzt bei ihnen abspielten, Djia Dschëng daran hinderten, ihn nach seinen Büchern zu fragen. Daß aber Tjin Dschungs Krankheit von Tag zu Tag schlimmer wurde, bereitete ihm viel Kummer, und so konnte er sich nicht richtig freuen. Eines Morgens, als er sich nach dem Aufstehen fertig frisiert und gewaschen hatte und eben zur Herzoginmutter gehen wollte, um ihr zu sagen, er wolle Tjin Dschung besuchen fahren, sah er plötzlich, wie Ming-yän um die Blendmauer des Innentors bog und sich suchend umschaute. Als Bau-yü rasch hinausging und ihn fragte, was er habe, antwortete er: „Mit dem jungen Herrn Tjin geht es zu Ende.“ Bau-yü fuhr erschrocken zurück und sagte dann: „Ich war doch erst gestern bei ihm, da war er noch bei klarem Verstand. Wie kann es mit ihm zu Ende gehen?“ „Ich weiß auch nicht“, sagte Ming-yän. „Eben war so ein Alter aus seinem Haus da, extra um es mir zu sagen.“ Als Bau-yü das hörte, machte er sofort kehrt und ging der Herzoginmutter davon berichten. Sie befahl ihm, passende Leute zu seiner Begleitung mitzunehmen und zurückzukommen, sobald er seinem Mitgefühl als Schulkamerad Ausdruck gegeben habe, und er dürfe nicht zu lange bleiben. Daraufhin zog Bau-yü sich hastig um und trat hinaus, aber der Wagen war noch nicht bereit. Da brachte er vor Ungeduld das ganze Haus in Aufruhr. Als der Wagen nach mehrfacher Mahnung endlich vorfuhr, stieg Bau-yü rasch ein. Li Guee und Ming-yän aber folgten ihm nach. Als sie an den Eingang von Tjin Dschungs Haus gelangten, war es dort still und menschenleer. Wie ein Bienenschwarm stürzten sie ins Innengemach und erschreckten damit zwei entfernte Tanten und ein paar Vettern von Tjin Dschung so sehr, daß sie schleunigst Reißaus nahmen. Tjin Dschung hatte schon ein paarmal das Bewußtsein verloren, darum war er längst auf ein anderes Bett und eine frische Matte gelegt worden. Als Bau-yü das sah, fing er unwillkürlich laut zu schluchzen an. Aber rasch redete Li Guee auf ihn ein: „Nicht doch, nicht doch! Krank und schwach, wie der junge Herr Tjin ist, war das Ofenbett natürlich zu hart für ihn, darum hat man ihn einstweilen etwas weicher gebettet. Mit Eurem Benehmen macht Ihr ihn nur noch kränker.“ Als Bau-yü das hörte, beherrschte er sich und trat näher. Tjin Dschungs Gesicht sah aus wie aus weißem Wachs. Er hatte die Augen geschlossen und lag schwer atmend auf dem Kissen. „Bruder!“ rief Bau-yü ihn an. „Ich bin es!“ So rief er mehrmals hintereinander, aber Tjin Dschung nahm es nicht wahr. Da sagte er noch einmal: „Bau-yü ist hier!“ Tjin Dschungs Seele hatte den Körper schon längst verlassen, nur ein letzter schwacher Hauch war noch in seiner Brust. Eben sah die Seele, wie ein Höllenrichter mit großem Gefolge kam, um sie zu holen. Einer der Teufel hielt ein Amtsemblem in der Hand, andere trugen Stricke. Tjin Dschung aber wollte nicht mitgehen. Er dachte daran, daß niemand weiter da war, sich um die Familienangelegenheiten zu kümmern, dann dachte er an die drei- oder viertausend Liang Silber, die sein Vater zusammengespart hatte, und schließlich an Dschï-nëng, für die noch keine Bleibe gefunden war. Deshalb bat er die Höllenboten auf hunderterlei Weise um Gnade, aber sie waren nicht zu bestechen und herrschten ihn vielmehr an: „Du als Studierter solltest das Sprichwort kennen ‚Hat der Höllenkönig befohlen, du sollst in der dritten Nachtwache sterben, wagt niemand, dich bis zur fünften zu schonen.‘ Bei uns in der Unterwelt sind hoch und niedrig hart und gerecht, nicht so rücksichtsvoll wie bei euch in der Oberwelt, wo es dadurch tausenderlei Behinderungen gibt.“ Mitten durch diesen Lärm hörte Tjin Dschungs Seele plötzlich die Worte „Bau-yü ist hier!“, und rasch bat sie noch einmal: „Habt doch ein wenig Mitleid, meine Herren Geisterboten, und laßt mich einen einzigen Satz mit einem guten Freund reden, dann komme ich.“
Die kaiserliche Nebenfrau Yüan-tschun. Aus: Gai Qi 1879. „Was denn nun wieder für ein Freund?“ fragten die Teufel. „Ich will Euch nichts verheimlichen, meine Herren“, erklärte Tjin Dschungs Seele. „Es ist der Enkel des Herzogs Jung-guo. Sein Kindheitsname lautet Bau-yü – ‚wertvoller Jade‘.“ Kaum hatte der Höllenrichter das gehört, erschrak er und schnauzte sein Gefolge an: „Habe ich nicht gesagt, ihr solltet ihn noch einmal loslassen? Aber ihr wolltet ja nicht auf mich hören. Wartet nur, wenn er diesen Günstling des Glücks um Hilfe bittet!“ Als die Teufel ihren Vorgesetzten so reden hörten, waren sie ebenfalls verwirrt. Aber sie hielten ihm vor: „Eben wart Ihr noch ganz Donner, Blitz und Hagelschlag, alter Herr, und jetzt könnt Ihr den Namen Bau-yü nicht ertragen! Unserer unmaßgeblichen Meinung nach gehört er zur Oberwelt, wir aber gehören zur Unterwelt. Welchen Nutzen bringt es uns also, wenn wir Furcht vor ihm zeigen?“ „Unsinn!“ sagte der Höllenrichter, „das Sprichwort hat recht, wenn es sagt: ‚Alles im Reich kontrollieren die Beamten des Reichs.‘ Und seit Urbeginn gelten dieselben Prinzipien für Menschen und Geister. Es gibt nicht zweierlei Maß in Unter- und Oberwelt. Egal also, wer hier zu welcher Welt gehört, laßt ihn noch einmal zurück!“ Nach diesen Worten blieb den Teufeln keine andere Wahl, als Tjin Dschungs Seele wieder loszulassen. Stöhnend öffnete Tjin Dschung einen Spalt weit die Augen, und als er Bau-yü neben sich sah, seufzte er angestrengt: „Warum bist du nicht eher gekommen? Nur einen Moment später, und ich hätte dich nicht mehr gesehen!“ Bau-yü faßte schnell Tjin Dschungs Hände und fragte ihn unter Tränen: „Was ist es, das du mir noch sagen wolltest?“ „Nur das eine“, erwiderte Tjin Dschung. „Wir glaubten immer, wir stünden weit über den Menschen. Heute aber weiß ich, wir haben uns geirrt. Du mußt deinen Willen darauf richten, dir durch die Prüfungen einen Namen zu machen und als Beamter Ruhm zu erwerben. Das ist das einzig Richtige.“ Nach diesen Worten stieß er einen langen Seufzer aus, und dann war er tot.