Hongloumeng/de/Chapter 20

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Kapitel 20

王熙凤正言弹妒意

林黛玉俏语谑娇音

Bau-yü erzählte also bei Dai-yü im Zimmer von den Rattengeistern, als Bau-tschai dazukam und ihn verspottete, weil ihm zum Laternenfest das Zitat vom grünen Wachs nicht eingefallen war. So stichelten sie zu dritt gegeneinander und machten sich übereinander lustig. Bau-yü hatte gefürchtet, Dai-yü werde, wenn sie sich nach dem Essen gehen ließe und schliefe, Verdauungsstörungen bekommen und in der Nacht nicht schlafen können, was nicht der richtige Weg war, die Gesundheit zu pflegen. Als jetzt Bau-tschai kam und Dai-yü über dem Plaudern und Scherzen die Müdigkeit verging, atmete er erleichtert auf. Da war plötzlich aus seinem Zimmer Geschrei zu hören. Alle drei spitzten die Ohren und lauschten. Schließlich war es Dai-yü, die als erste lächelnd erklärte: „Das sind deine Amme und Hsi-jën, die da so schreien. An Hsi-jën ist nichts auszusetzen, und wenn deine Amme ihr allen Ernstes Vorhaltungen macht, heißt das wohl, daß sie vor Alter den Verstand verloren hat!“ Schon wollte Bau-yü hinüberstürzen, aber Bau-tschai hielt ihn rasch fest und sagte: „Du darfst nicht mit ihr streiten! Das Alter hat ihr wirklich den Kopf verwirrt, und man muß nachsichtig mit ihr sein.“ „Schon gut!“ sagte Bau-yü. „Ich habe verstanden.“ Und damit ging er in sein Zimmer, wo er Amme Li vorfand, die auf ihren Stock gestützt dastand und Hsi-jën beschimpfte. „Du undankbare kleine Hure!“ zeterte sie. „Ich habe überhaupt erst etwas gemacht aus dir, und jetzt liegst du hochnäsig auf dem Ofenbett, wenn ich komme, und beachtest mich nicht. Das einzige, woran du denkst, ist, mit Bau-yü schönzutun, um ihn zu bezirzen. So weit hast du‘s schon damit gebracht, daß Bau-yü nichts mehr von mir wissen will und nur noch auf euch hört. Ein dummes Ding bist du, für ein paar Liang schnödes Silber gekauft, und willst dich hier aufspielen! Wie wär‘s, wenn wir dich fortschaffen und mit irgendeinem Kerl verheiraten? Mal sehen, ob du Bau-yü dann immer noch mit deinen Hexenkünsten bezirzen wirst!“ Zu Anfang hatte Hsi-jën geglaubt, Amme Li schimpfe nur deshalb mit ihr, weil sie auf dem Ofenbett lag. Darum hatte sie ihr zu erklären versucht, daß sie krank sei und schwitzen müsse, sich deshalb die Decke über den Kopf gezogen habe und sie so nicht habe sehen können. Als sie sich dann anhören mußte, sie wolle Bau-yü bezirzen und solle verheiratet werden, fühlte sie sich beschämt und beleidigt und brach in Tränen aus. Das alles hatte Bau-yü mit angehört, aber er wußte nicht recht, was er sagen sollte. Darum beschränkte er sich darauf zu erklären, Hsi-jën sei krank und habe Medizin einnehmen müssen. „Wenn du es nicht glaubst, frag die anderen Mädchen!“ Aber darüber geriet Amme Li erst recht in Wut. „Du mußt natürlich diese Füchsinnen in Schutz nehmen und kennst mich nicht mehr!“ sagte sie. „Wen soll ich denn fragen? Hier machen doch alle gemeinsame Sache mit dir und werden von Hsi-jën unter Druck gesetzt. Ich weiß alles! Diese Dinge werde ich mit dir nur vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau ausmachen. Mit meiner Milch habe ich dich großgezogen, und jetzt, wo du mich nicht mehr brauchst, läßt du mich links liegen und gestattest den Mädchen, sich vor mir aufzuspielen.“ Noch ehe sie ihren Wortschwall beendet hatte, brach auch sie in Tränen aus. Inzwischen waren auch Dai-yü und Bau-tschai herübergekommen und redeten begütigend auf sie ein. „Habt doch ein wenig Nachsicht mit ihnen, dann ist der Fall erledigt!“ sagten sie. Amme Li aber hatte die beiden kaum erblickt, als sie sie schon bei den Händen faßte und ihnen ihr Leid zu klagen begann, wobei sie den Tee, den sie damals trank, was dann Tjiän-hsüä die Stellung gekostet hatte, mit der Cremespeise von gestern und weiteren Vorfällen hoffnungslos durcheinanderbrachte. Der Zufall wollte es, daß sich Hsi-fëng eben im Hauptraum aufhielt, wo sie gerade dabei war, Gewinn und Verlust einer Spielrunde zu berechnen. Als sie jetzt aus einem der hinteren Zimmer Lärm hörte, wußte sie, daß Amme Li wieder einmal in ihren alten Fehler verfallen war und Bau-yüs Sklavenmädchen herunterputzte, um ihre Wut über ihre Spielverluste an ihnen auszulassen. Darum eilte sie nach hinten, faßte Amme Li beim Ärmel und sagte: „Reg dich doch hier nicht auf, wo die alte gnädige Frau eben erst an dem großen Feiertag ein bißchen Freude gehabt hat! Alt, wie du bist, solltest du für Ruhe sorgen, wenn andere laut sind. Du aber scheinst kein Gefühl für Anstand zu haben, wenn du hier schreist und die alte gnädige Frau damit in Aufregung versetzt! Sag mir nur, wer dir etwas getan hat, und ich werde sie an deiner Statt dafür schlagen. Komm, ich habe geschmorten Fasan zu Hause, der ist noch ganz heiß. Also komm schnell mit, wir woll‘n ihn uns schmecken lassen und Wein dazu trinken!“ Bei diesen Worten zog sie Amme Li mit sich fort und befahl Fëng-örl: „Du bringst ihren Stock und ein Taschentuch, um ihr die Tränen abzuwischen!“ Stolpernd ließ Amme Li sich wegführen und sagte dabei: „Was soll mir dieses Leben noch, nachdem ich so alt geworden bin! Schön, ich habe kein Gefühl mehr für Anstand und habe hier so spektakelt, daß ich mich unmöglich gemacht habe. Aber immer noch besser, als mich von dieser kleinen Hure beleidigen zu lassen!“ Bau-tschai und Dai-yü klatschten vor Vergnügen in die Hände, als sie sahen, wie resolut Hsi-fëng handelte. „Ein Glück, daß dieser Wirbelwind gekommen ist und die Alte weggetragen hat!“ sagten sie. Bau-yü aber nickte mit dem Kopf und sagte seufzend: „Wer weiß, auf wessen Konto es geht, daß sie wieder die Schwächste zum Sündenbock gemacht hat! Sicher war noch eine Rechnung offen, weil eines der Mädchen sie gestern gekränkt hat.“ Das hatte er kaum gesagt, als Tjing-wën lachend bemerkte: „Keine von uns ist so verrückt, sie zu kränken. Und wer es dennoch täte, würde es eingestehen und nicht andere mit hineinziehen.“ Hsi-jën faßte weinend nach Bau-yüs Hand und sagte: „Meinetwegen ist deine alte Amme beleidigt worden, und jetzt beleidigst du noch meinetwegen die andern. War es denn nicht genug, daß ich zu leiden hatte, müssen auch sie etwas abbekommen?“ Als Bau-yü sah, wie sich Hsi-jën erregte, die doch ohnehin schon krank war, schluckte er rasch seinen Ärger hinunter und versuchte, sie zu beruhigen. „Schlaf nur und schwitze weiter!“ sagte er. Dann bemerkte er, daß sie vor Fieber zu glühen schien, und so legte er sich selbst neben sie, um nach ihr sehen zu können. Dabei redete er ihr zu, sie solle sich auskurieren und sich nicht über jede Kleinigkeit aufregen. „Wenn man sich darüber aufregen wollte, könnte man es keine Viertelstunde hier bei dir aushalten“, erwiderte sie ihm mit bitterem Lächeln darauf. „Aber ich weiß wirklich nicht, wie ich das auf die Dauer ertragen soll. Immer wieder habe ich dir gesagt, du sollst unseretwegen niemanden beleidigen. Du siehst nur, daß du uns im Augenblick beistehst, die Leute aber merken sich alles, und sobald sich eine Gelegenheit bietet, kramen sie es hervor, und wie stehen wir dann da!“ Bei diesen Worten begann sie wieder zu weinen, aber um Bau-yü nicht unnötig aufzuregen, verbiß sie sich tapfer die Tränen. Bald darauf brachte eine Alte, die allerlei Handreichungen verrichtete, den zweiten Aufguß der Medizin herein, und weil Bau-yü sah, daß Hsi-jën eben wieder anfing zu schwitzen, ließ er nicht zu, daß sie aufstand. Vielmehr griff er selbst nach der Medizin und flößte sie ihr im Sitzen ein. Dann befahl er den kleineren Sklavenmädchen, sie sollten das Ofenbett richten. „Egal, ob du etwas essen willst oder nicht, geh jetzt ein Weilchen zur alten gnädigen Frau und zur gnädigen Frau! Unterhalte dich auch ein wenig mit den Fräulein, und dann komm wieder zurück!“ riet ihm Hsi-jën. „Mir wird es gut tun, solange still hier liegen zu bleiben.“ Bau-yü nahm ihr noch die Haarpfeile und die Ohrringe ab und überzeugte sich, daß sie sich ordentlich hinlegte, dann ging er in den Hauptraum hinüber und aß mit der Herzoginmutter. Nach dem Essen wollte sich die Herzoginmutter beim Kartenspielen mit ein paar alten Verwalterinnen die Zeit vertreiben, Bau-yü aber machte sich Gedanken um Hsi-jën und ging in seine Räume zurück. Hier fand er Hsi-jën schlafend vor, aber um selbst schlafen zu gehen, schien es ihm noch zu früh. Tjing-wën, Tji-hsiän, Tjiu-wën und Bi-hën waren auf der Suche nach Zerstreuung zu Yüan-yang und Hu-po gegangen, um sich mit ihnen beim Spiel zu vergnügen. Im Vorraum saß Schë-yüä einsam im Lampenschein und spielte mit Dominosteinen. „Warum bist du nicht auch mit den anderen spielen gegangen?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Weil ich kein Geld habe“, antwortete Schë-yüä. „Aber es liegt doch genug unter dem Bett“, sagte Bau-yü. „Reicht dir das nicht zum Verspielen?“ „Und wer soll hier aufpassen, wenn alle spielen gehen?“ fuhr Schë-yüä fort. „Sie liegt dort drinnen krank, und hier brennen überall Lichter und Feuer. Die alten Frauen haben es den Tag über schwer genug gehabt mit ihren müden Knochen, da muß man ihnen schon Ruhe gönnen. Die Mädchen haben auch den ganzen Tag über aufgewartet, warum sollen sie da jetzt nicht spielen dürfen? Darum habe ich sie alle gehen lassen und passe hier auf.“ Als Bau-yü das hörte, sagte er sich, sie sei geradezu eine zweite Hsi-jën, und lächelnd bot er ihr an: „Ich bleibe hier sitzen, du kannst ruhig gehen.“ „Wenn du hier bist, brauche ich erst recht nicht zu gehen. Wir wollen uns miteinander unterhalten und lustig sein, ja?“ erwiderte Schë-yüä darauf. „Was können wir zu zweit schon anfangen?“ fragte Bau-yü. „Das hat doch keinen Sinn! Aber sei‘s drum! Hast du nicht heute früh gesagt, dir juckt der Kopf? Jetzt haben wir weiter nichts zu tun, da werde ich dir das Haar durchkämmen!“ „Schön!“ sagte Schë-yüä und holte ihr Frisierzeug und ihr Spiegelkästchen. Dann legte sie Haarpfeile und Armreifen ab und öffnete ihr Haar. Bau-yü nahm einen Staubkamm und begann, ihr Haar Strähne für Strähne zu kämmen. Da kam, als er das eben drei- oder viermal getan hatte, plötz­lich Tjing-wën herein, um sich Geld zu holen. Kaum hatte sie die beiden

Zu traulicher Nachtstunde spricht Hsi-jën ein ernstes Wort. Aus: Jin­yu­­yuan, 1889a. erblickt, bemerkte sie mit spöttischem Lächeln: „Ach, die Hochzeitsbecher habt ihr noch nicht miteinander geleert, aber du richtest ihr schon die Frisur der Jungvermählten!“ „Komm her!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Dann kämme ich dich auch!“ „Wie käme ich zu diesem Glück!“ sagte Tjing-wën, nahm das Geld, schleuderte den Türvorhang beiseite und ging hinaus. Bau-yü saß hinter Schë-yüä, Schë-yüä aber saß vor dem Spiegel, und so konnten sie einander im Spiegel sehen. Jetzt lächelte Bau-yü ihr im Spiegel zu und sagte: „Von allen, die hier im Zimmer sind, hat nur sie so eine spitze Zunge.“ Als Schë-yüä das hörte, machte sie ihm im Spiegel rasch mit der Hand ein Zeichen, aber schon klappte wieder der Türvorhang, und Tjing-wën stürzte herein und sagte: „Was ist mit meiner Zunge? Darüber wollen wir einmal reden!“ „Ach, geh!“ sagte Schë-yüä lächelnd. „Was soll denn das?“ „Du mußt ihm natürlich beistehen“, sagte Tjing-wën. „Ich bin schon längst hinter eure Schliche gekommen. Wenn ich mein Geld zurückgewonnen habe, sprechen wir uns wieder!“ Und damit ging sie hinaus. Hier aber kämmte Bau-yü Schë-yüäs Haar zu Ende und befahl dann, sie solle ihm leise beim Zubettgehen behilflich sein, weil er Hsi-jën nicht stören wollte. Über die Nacht ist weiter nichts zu sagen. Am nächsten Morgen fühlte sich Hsi-jën etwas leichter, nachdem sie in der Nacht geschwitzt hatte, und aß ein wenig nüchterne Reissuppe. Dann wollte sie weiter ruhen. So ging Bau-yü nach dem Essen unbesorgt zu Tante Hsüä hinüber. Nach dem Neujahrsfest waren in der Schule jetzt Ferien, und für die Mädchen ruhte die Nadelarbeit. So hatte jedermann frei, und auch Djia Huan war gekommen, um am Vergnügen teilzuhaben. Er hatte Bau-tschai, Hsiang-ling und Ying-örl zu dritt beim Würfelspiel gefunden und verlangte, mitspielen zu dürfen. Bau-tschai sah Djia Huan seit jeher mit denselben Augen an wie Bau-yü und hatte keinerlei Nebengedanken.sie hinaus. Hier aber kämmte Bau-yü Schë-yüäs Haar zu Ende und befahl dann, sie solle ihm leise beim Zubettgehen behilflich sein, weil er Hsi-jën nicht stören wollte. Über die Nacht ist weiter nichts zu sagen. Am nächsten Morgen fühlte sich Hsi-jën etwas leichter, nachdem sie in der Nacht geschwitzt hatte, und aß ein wenig nüchterne Reissuppe. Dann wollte sie weiter ruhen. So ging Bau-yü nach dem Essen unbesorgt zu Tante Hsüä hinüber. Nach dem Neujahrsfest waren in der Schule jetzt Ferien, und für die Mädchen ruhte die Nadelarbeit. So hatte jedermann frei, und auch Djia Huan war gekommen, um am Vergnügen teilzuhaben. Er hatte Bau-tschai, Hsiang-ling und Ying-örl zu dritt beim Würfelspiel gefunden und verlangte, mitspielen zu dürfen. Bau-tschai sah Djia Huan seit jeher mit denselben Augen an wie Bau-yü und hatte keinerlei Nebengedanken. Als sie hörte, er wolle mitspielen, bat sie ihn, Platz zu nehmen. Sie spielten um einen Einsatz von zehn Bronzemünzen, und als Djia Huan die erste Runde gewann, frohlockte er innerlich. Dann aber verlor er mehrere Male hintereinander und wurde unruhig. Jetzt war er mit Würfeln an der Reihe und brauchte sieben Augen, um zu gewinnen. Würde er nur sechs werfen, dann konnte ihn Ying-örl, die als nächste kam, mit drei Augen besiegen. Also nahm er die Würfel und schleuderte sie mit aller Kraft auf den Tisch. Der eine blieb liegen und zeigte eine Fünf, der andere aber drehte sich immer weiter. Ying-örl klatschte in die Hände und rief: „Eine Eins, eine Eins!“, Djia Huan jedoch starrte auf den Würfel und rief ohne Sinn und Verstand: „Sechs, sieben, acht...“ Doch als der Würfel liegenblieb, zeigte er ausgerechnet eine Eins. Da streckte Djia Huan rasch die Hand aus und nahm den Würfel fort. Dann sammelte er das Geld ein und sagte: „Es war eine Sechs!“ Ying-örl aber widersprach: „Es war ganz klar eine Eins!“ Bau-tschai hatte gesehen, wie Djia Huan sich erregte, darum warf sie Ying-örl einen Blick zu und sagte: „Je älter du wirst, desto mehr verlierst du den Anstand. Wird ein junger Herr dich betrügen? Sofort legst du das Geld wieder hin!“ Ying-örl war zwar zutiefst gekränkt, wagte Bau-tschai jedoch nicht zu widersprechen. Also legte sie das Geld wieder hin, murmelte aber dabei: „Das ist mir schon ein Herr, der uns um ein paar Münzen betrügt! Neulich habe ich mit dem jungen Herrn Bau-yü gespielt, und es hat ihn überhaupt nicht gekümmert, daß er verloren hat. Sogar als sich die kleineren Mädchen einfach die restlichen Münzen nahmen, hat er nur darüber gelacht und...“ Noch ehe sie ausgesprochen hatte, wurde sie von Bau-tschai scharf unterbrochen. Djia Huan aber sagte: „Worin könnte ich mich schon mit Bau-yü messen! Ihr stellt euch alle nur gut mit ihm, weil ihr Angst vor ihm habt. Mich aber beleidigt ihr, weil nicht die gnädige Frau mich geboren hat.“ Und schon begann er zu weinen. „Liebster Vetter“, redete Bau-tschai ihm zu, „hör auf damit, sonst wird man dich noch auslachen!“ Dann begann sie mit Ying-örl zu schimpfen. In diesem Augenblick kam Bau-yü ins Zimmer und erkundigte sich, was vorgefallen sei. Djia Huan wagte kein Wort zu sagen, Bau-tschai aber wußte, daß es in anderen Familien die Regel war, daß die jüngeren Brüder vor den älteren Angst hatten. Was sie jedoch nicht wußte, war, daß Bau-yü nicht wollte, daß jemand Angst vor ihm hatte. Er sagte sich: „Wir haben doch alle unsere Eltern, die uns erziehen, warum also soll ich mir die Mühe machen, mich jemandem zu entfremden? Noch dazu, wo ich der Sohn der Hauptfrau bin, er aber ist der Sohn einer Nebenfrau, und es gibt ohnehin schon Leute, die heimlich darüber reden. Was würden sie erst sagen, wenn ich versuchte, ihm Vorschriften zu machen!“ Er hatte sogar noch eine andere törichte Vorstellung, und wißt ihr auch, welche? Von klein auf inmitten von Schwestern und Kusinen aufgewachsen (da waren seine Schwestern Yüan-tschun und Tan-tschun, dann die nahen Kusinen Ying-tschun und Hsi-tschun sowie die entfernteren Schï Hsiang-yün, Lin Dai-yü und Hsüä Bau-tschai), meinte er, der Himmel habe den Menschen als Seele aller Dinge hervorgebracht, aber die Quintessenz von Bergen und Strömen, Sonne und Mond sei nur den Mädchen eingegeben, während die bärtigen Männer nichts weiter seien als Abschaum und Bodensatz. Mit dieser törichten Vorstellung im Herzen sah er alle Männer als dumme, schmutzige Wesen an, deren Existenz ihm gleichgültig war. Und nur weil Kung-dsï der größte Mensch aller Zeiten war, dessen Lehren man nicht zuwiderhandeln konnte, hörte er notgedrungen auf das, was Vater, Onkel und ältere Vettern ihm sagten. Den Jüngeren gegenüber ließ er es jedoch einfach bei dem bewenden, was die Vernunft gebot, und dachte gar nicht daran, daß er ihnen ein Vorbild sein müßte. Deshalb fürchteten ihn weder Djia Huan noch die anderen und gaben ihm nur deswegen ein wenig nach, weil sie Angst vor der Herzoginmutter hatten. Bau-tschai aber glaubte, Bau-yü werde Djia Huan Belehrungen erteilen, und das werde die Sache nicht besser machen, deshalb nahm sie ihn rasch mit einer Ausrede in Schutz. „Wie kann man denn im Neujahrsmonat heulen!“ sagte Bau-yü. „Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh woandershin spielen! Tag für Tag studierst du die Schriften, da hast du dich wohl dummstudiert? Wenn dir etwas nicht gefällt, etwas anderes aber gefällt dir, dann laß doch jenes und nimm dieses. Oder meinst du, wenn du es festhältst und heulst eine Weile, wird es besser? Du bist doch hergekommen, um dich zu vergnügen, und wenn du dich hier nicht vergnügen kannst, dann geh doch weg und such dir ein anderes Vergnügen. Oder hältst du es für ein Vergnügen, hier herumzuheulen? Du bereitest dir nur selber Ärger. Das beste ist wirklich, du verschwindest recht schnell von hier!“ Nach diesen Worten blieb Djia Huan keine andere Wahl, als in seine Wohnräume zurückzukehren. Als seine Mutter, Nebenfrau Dschau, sah, was er für ein Gesicht machte, fragte sie: „Wer hat denn nun wieder seine Wut an dir ausgelassen?“ Da sie keine Antwort bekam, wiederholte sie die Frage, und erst jetzt sagte Djia Huan: „Ich habe mit Kusine Bau-tschai gespielt, und ihre Ying-örl hat mich beleidigt und um mein Geld betrogen. Dann hat Bau-yü mich weggejagt.“ Nebenfrau Dschau spuckte aus und hielt ihm dann vor: „Mußtest du dich dort aufdrängen, du gemeiner, schamloser Bengel? Das ist kein Platz für dich zum Spielen. Wer hat dich geheißen, ausgerechnet dorthin zu laufen und dir Scherereien einzuhandeln?“

1. Schë-yüä. Aus: Gai Qi 1879.

Gerade als sie das sagte, kam draußen Hsi-fëng am Fenster vorbei und hörte Wort für Wort. Und so sagte sie durchs Fenster: „Was soll denn das im Neujahrsmonat? Schwager Huan ist doch noch ein Kind, und wenn er eine Kleinigkeit falsch macht, muß er belehrt werden und nicht solche Sachen gesagt bekommen. Was er macht, darum kümmern sich die gnädige Frau und der gnädige Herr. Einfach vor ihm auszuspucken! Er gehört doch mit zu den Herrschaften, und wenn er einen Fehler macht, sind schließlich Leute da, um ihn zu belehren. Was geht dich das an! – Komm heraus, Schwager, und geh mit mir spielen!“ Djia Huan hatte seit jeher vor Hsi-fëng mehr Respekt als vor Dame Wang. Darum ging er jetzt folgsam zu ihr hinaus, und auch Nebenfrau Dschau wagte keinen Ton mehr zu sagen. „Hast du denn gar keinen Charakter?“ Mit diesen Worten wurde Djia Huan von Hsi-fëng empfangen. „Habe ich dir nicht oft genug gesagt, du sollst essen und trinken, sollst spielen und lachen, und du kannst mit allen Vettern und Kusinen zusammen spielen, wenn du nur willst? Aber anstatt auf mich zu hören, läßt du dir von andern beibringen, schlecht und boshaft zu sein, den einen zu schmeicheln und die andern zu bedrängen. Wer sich selbst nicht achtet, sinkt immer tiefer. Und wer Böses im Herzen trägt, sollte nicht andern vorwerfen, sie seien ungerecht. Wieviel hast du denn im Spiel verloren, daß du dich so aufführen mußt?“ „Ein- bis zweihundert Münzen habe ich verloren“, gab Djia Huan bereitwillig Auskunft. „Du willst ein Herr sein und machst so ein Gewese um ein paar hundert Münzen?“ fragte Hsi-fëng. Sie wandte sich um und befahl Fëng-örl: „Hol eine Schnur Münzen! Und dann bring ihn nach hinten, wo die jungen Fräulein spielen, damit er dort mitspielen kann!“ Anschließend fuhr sie, wieder zu Djia Huan gewandt, fort: „Wenn du weiter so gemein und würdelos bist, werde ich dich zuerst selber schlagen und dann jemand in der Schule Bescheid sagen lassen, damit man dir dort die Haut vom Leibe schindet! Dein Vetter Liän knirscht über deinen Mangel an Selbstachtung schon vor Wut mit den Zähnen, und wenn ich ihn nicht daran hindern würde, hätte er dir schon längst einen Tritt versetzt, daß dir die Därme aus dem Bauch quellen. – Verschwinde!“ schrie sie ihn schließlich an, und Djia Huan ging gehorsam hinter Fëng-örl her, nahm das Geld in Empfang und ließ sich dann zu Ying-tschun bringen, um zu spielen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Während Bau-yü mit Bau-tschai spielte und scherzte, wurde plötzlich gemeldet: „Fräulein Schï ist da!“ Sofort stand Bau-yü auf, um zu gehen, Bau-tschai aber sagte lächelnd: „Warte doch, wir gehen gemeinsam! Ich möchte sie auch sehen.“ Damit stieg sie vom Ofenbett und ging mit Bau-yü zusammen zur Herzoginmutter hinüber, wo Schï Hsiang-yün eben mit lauter Stimme lachte und sprach. Als sie die beiden erblickte, fragte sie rasch nach ihrem Befinden, und sie begrüßten einander. Dai-yü, die ebenfalls dort war, fragte Bau-yü, wo er gewesen sei. „Ich war bei Kusine Bau-tschai“, erwiderte er. „Da kann ich nur sagen, welch ein Glück, daß ihre Gesellschaft dich so gefesselt hat“, sagte Dai-yü spöttisch. „Sonst hättest du ja schon längst hier sein können!“ „Darf ich denn nur mit dir spielen und nur dir die Zeit vertreiben?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Kaum daß ich einmal zufällig bei ihr war, mußt du so etwas sagen!“ „Was für einen Unsinn du redest!“ gab Dai-yü zurück. „Was kümmert das mich, ob du sie besuchst oder nicht? Ich habe dich ja schließlich nicht gebeten, mir die Zeit zu vertreiben. In Zukunft brauchst du dich um mich überhaupt nicht mehr zu kümmern!“ Und wütend ging sie in ihre Räume. Rasch ging Bau-yü ihr nach und sagte: „Nun regst du dich wieder auf! Auch wenn ich etwas Falsches gesagt habe, kannst du doch drüben sitzen bleiben und noch ein Weilchen mit den andern plaudern und scherzen, anstatt dich hier einsam zu grämen.“ „Du brauchst mir keine Vorschriften zu machen!“ sagte Dai-yü. „Das würde ich niemals wagen“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Ich kann doch aber nicht einfach zusehen, wie du dich zugrunde richtest.“ „Hat das etwas mit dir zu tun, wenn ich mich zugrunde richte und sterbe?“ fragte Dai-yü. „Warum quälst du dich nur und mußt im Neujahrsmonat vom Sterben sprechen?“ sagte Bau-yü ihr darauf. „Ich will aber gerade vom Sterben sprechen!“ beharrte Dai-yü. „Ich sterbe jetzt, und du kannst hundert Jahre alt werden, wenn du Angst hast zu sterben. Wie wäre das?“ „Meinst du, ich hätte noch Angst davor, wenn du immer nur mit mir zankst?“ fragte Bau-yü. „Da ist es besser zu sterben, und damit Schluß!“ „Eben!“ sagte Dai-yü. „Anstatt sich zanken zu müssen, ist es besser, ich sterbe, und damit Schluß!“ „Ich habe gesagt, ich sterbe, und damit Schluß“, protestierte Bau-yü. „Dreh mir doch nicht die Worte im Munde herum!“ In diesem Moment kam Bau-tschai herein und sagte: „Kusine Hsiang-yün wartet auf dich.“ Und sie stieß Bau-yü an, um ihn zum Mitkommen aufzufordern. Dai-yü aber drehte sich verzweifelt zum Fenster und ließ ihren Tränen freien Lauf. Es verging nicht einmal so viel Zeit, wie man sie braucht, um zwei Tassen Tee zu trinken, da war Bau-yü wieder da, Dai-yü aber schluchzte nur um so heftiger. Bau-yü wußte, daß es schwer sein würde, sie auf andere Gedanken zu bringen, und legte sich hundert zärtliche Worte zurecht, mit denen er sie trösten wollte. Aber unversehens begann Dai-yü selbst zu sprechen, noch ehe er den Mund aufgetan hatte. „Was willst du denn schon wieder hier?“ fragte sie. „Du hast doch eine gefunden, mit der du spielen kannst und die besser liest, besser dichtet, besser schreibt und besser plaudert und lacht als ich. Sie hat dich ja sogar weggeholt, weil sie Angst hatte, du würdest dich aufregen. Was willst du also hier? Geh mir nur weg!“ Bau-yü aber trat näher an sie heran und redete leise auf sie ein: „Du bist doch klug genug, um einen Satz wie diesen zu verstehen: ‚Nahe Verwandte werden nicht durch entfernte getrennt, neue Freunde nehmen nicht die Plätze der alten ein.‘ Ich bin zwar dumm, aber ich verstehe ihn. Zum ersten bist du die Tochter der Schwester meines Vaters, Bau-tschai aber ist die Tochter der Schwester meiner Mutter, folglich bin ich mit ihr entfernter verwandt als mit dir. Zum zweiten warst du früher hier, und wir haben an einem Tisch gegessen und auf einem Bett geschlafen, als wir aufgewachsen sind, sie aber ist erst vor kurzem gekommen. Wie könnte ich dich also ihretwegen hintansetzen?“ Dai-yü spuckte aus und sagte dann: „Geht es mir etwa darum, daß du sie hintansetzen sollst? Für wen hältst du mich denn? Worum es mir geht, ist, wie es im Herzen aussieht!“ „Darum geht es mir ja auch!“ sagte Bau-yü. „Kennst du etwa nur dein eigenes Herz und meines nicht?“ Als Dai-yü das hörte, senkte sie schweigend den Kopf. Erst nach einer langen Pause sagte sie: „Du siehst nur, daß andere durch ihr Benehmen dich ärgern, aber daß auch du die andern ärgerst und betrübst, merkst du nicht. Wie konntest du nur heute bei dieser Kälte deinen Umhang aus Blaufuchsklaue ablegen!“ „Ich habe ihn ja umgehabt“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Aber als du dich aufgeregt hast, ist mir so heiß geworden, daß ich ihn ablegen mußte.“ „Und dann wunderst du dich, wenn du dich erkältet hast!“ seufzte Dai-yü. Bei diesen Worten kam Hsiang-yün herein und sagte lächelnd: „Vetter Bau-yü, Kusine Dai-yü, ihr zwei seid Tag für Tag beieinander, und wenn ich es einmal schaffe, herzukommen, kümmert ihr euch nicht um mich.“ „Also wirklich“, sagte Dai-yü lächelnd, „wer mit der Zunge anstößt, spricht besonders gern. Immer sagst du ai – ‚lieben‘ – statt örl – ‚zwei‘. Demnächst wirst du auch beim Würfelspiel zählen: Eins liebt drei, vier, fünf...“ „Mach sie nur tüchtig nach!“ sagte Bau-yü. „Dann wirst du bald genauso sprechen.“ „Sie kann aber auch kein bißchen nachsichtig sein“, beklagte sich Hsiang-yün. „Immer muß sie andern ihre Schwächen vorhalten! – Auch wenn du besser bist als alle andern, mußt du dich doch nicht über jeden, den du siehst, lustig machen. Aber ich will dir eine nennen, und wenn du es wagst, auch ihr etwas vorzuhalten, habe ich wirklich Respekt vor dir!“ „Und wer soll das sein?“ fragte Dai-yü sofort. „Kusine Bau-tschai“, erwiderte Hsiang-yün. „Wenn du es fertigbringst, auch ihr eine Schwäche vorzuhalten, bist du wirklich die beste. Mag auch ich nicht an sie heranreichen, aber worin käme sie dir nicht gleich?“ „Ich dachte, wunder wen du meinst, und da ist sie es“, sagte Dai-yü mit kühlem Lächeln. „Wie könnte ich es wagen, ihr etwas vorzuhalten, ich...“ Ohne Dai-yü ausreden zu lassen, brachte Bau-yü die beiden von ihrem Thema ab. Dann sagte Hsiang-yün lächelnd: „Ich werde natürlich nie an dich nicht heranreichen, solange ich lebe. Ich wünsche mir nur, daß du einen Mann bekommst, der auch mit der Zunge anstößt, damit du immerzu von ‚Liebe‘ hörst. Buddha Amitabha, das möchte ich erleben!“ Alle brachen in Gelächter aus, Hsiang-yün aber machte kehrt und lief hinaus. Wer wissen will, wie es weiterging – im nächsten Kapitel wird alles genau erklärt.